Schlagwort: Moral

  • Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Das politische Spektrum wird heute gern zwischen Links und Konservativ aufgespannt, was komisch klingt, weil das Gegenstück zu Links eigentlich Rechts wäre. Komischerweise will aber keiner Rechts sein. Das Gegenteil zu Konservativ wäre, wenn Konservativ etwas mit „Bewahren und Erhalten“ zu tun hat, vielleicht „Progressiv“, jedenfalls irgendwas mit Veränderung.

    Fortschreiten und Festhalten

    Progressiv klingt toll, wer will nicht progressiv sein, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Seit Jahrhunderten denkt man sich, dass Veränderung und Entwicklung etwas Gutes ist und jeder will dabei sein. Natürlich sind auch die Konservativen oft sehr progressiv, sie befeuern den technischen Fortschritt und die Globalisierung und die weltweite Modernisierung und da ist dann die Frage, ob die Progressiven, die die Linken sein wollen, eigentlich auch diesem Fortschritt so begeistert folgen.

    Also konzentrieren wir uns lieber auf die gesellschaftlichen und die kulturellen Dinge, da ist die Sache auf den ersten Blick einfacher: Die Progressiven, die sich dann meist auch als Linke bezeichneten, wobei viele natürlich auch beanspruchen, eigentlich Mitte sein zu wollen, die meinen, dass die Welt sich ändern muss, dass die Gesellschaft eine andere werden muss, dass sich unser Umgang miteinander und der mit der Natur ändern muss, dass kulturelle und moralische Normen sich ändern müssen.

    Die Konservativen, die aus unerfindlichen Gründen nicht rechts, sondern Mitte sein wollen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist, sie sehen keine Notwendigkeit der Änderung, weil eigentlich alles in Ordung ist, die Gesellschaft, die Moral, die Kultur.

    In einer Gesellschaft, die sich nunmal aber ohnehin immer verändert, wollen die Konservativen allerdings nicht, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dass es wieder so wird, wie es mal war. In der Unzufriedenheit mit der Gegenwart sind sich Konservative und Progressive sogar einig, den Progressiven gehen die Veränderungen nicht weit genug, die Konservativen wollen alle Veränderungen rückgängig machen. Die Konservativen haben den Progressiven gegenüber den Vorteil, dass sie meinen, ihr Ideal zu kennen, sie können sich dran erinnern. Die Progressiven hingegen haben nur das Ideal, die Vision, eine Vorstellung von einer besseren Welt. Ob die wirklich besser wäre, ist ungewiss.

    Aber die Konservativen täuschen sich natürlich auch, denn auch ihre Erinnerung ist ja ein Ideal, eine Idealisierung. Sie wollen oft zu etwas zurück, was es nie gab. Vermutlich wollen die Progressiven hingegen etwas schaffen, was es nie geben wird. Eigentlich wollen beide die Welt verändern, beide natürlich zum Besseren und beide in Richtung eines vermutlich unerreichbaren Ideals.

    Der Unterschied ist, dass die Konservativen meinen, dass die Welt schon mal gut war, sie benötigen deshalb keine neuen Normen, keine neue Moral, sie meinen, dass ihre Moral, die sie ja aus der Vergangenheit übernommen haben, schon völlig in Ordnung sei. Die Progressiven hingegen finden, dass die Welt bisher eigentlich immer schlecht war, dass die bisherige Moral dazu geführt hat, dass die Welt noch immer schlecht ist, und dass es deshalb eine neue Moral braucht.

    Wo ist die Heimat der Moralapostel?

    Chris Kaiser war in ihrer Kolumne vor gut einer Woche irritiert davon, dass ich kurz zuvor geschrieben hatte, im linken, progressiven Spektrum würde man erwarten, dass Politiker moralische Vorbilder seien. Sie vertrat die Meinung, die Heimat der Moralapostel sei doch eher der konservative Teil der Gesellschaft. Das mag ja sein, genauer, Moralapostel sind wohl hier wie dort unterwegs, man unterscheidet sich nur darin, was man für moralisch gut hält. Die Konservativen haben eben eine konservative Moral, die progressiven eine progressive. Wobei nicht ausgemacht ist, welche von beiden dem Einzelnen die größere Freiheit gewährt, denn offensichtlich schränkt jede Moral die Freiheit auf irgendeine Weise ein.

    Mein Punkt war aber ein anderer, und der wird aus dem oben Gesagten nun auch verständlich: Die Konservativen sind ja der Meinung, dass sie die richtige Moral schon haben, einschließlich aller Freiheiten, etwa des ungezügelten Fleischkonsums, des zu schnellen Autofahrens. Sie brauchen und wollen keine Politiker, die besser sind als sie selbst. Alles, was sie sich selbst erlauben, gestatten sie natürlich auch den Politikern, dass er so sei wie sie selbst und so, wie auch die früheren schon waren, ist ihnen Garant dafür, dass er auch die Welt, die Kultur und die Moral so lässt, wie sie ist, oder so wieder herstellen will, wie sie mal war.

    Die Progressiven aber brauchen eben Vorbilder, sie brauchen den besseren Menschen an der Spitze, in der Öffentlichkeit – und möglichst nicht nur an der Spitze der eigenen progressiven Bewegung, sondern, so die Idee, sie wollen, dass alle Politiker und jeder, der irgendwie die Öffentlichkeit moralisch beeinflussen könnte, die Moral der Zukunft verkörpert. Das aber ist in einer Demokratie zu viel verlangt. Mögen die Progressiven an ihr eigenes politisches Personal die Anforderung stellen, dass sie Vertreter der angestrebten zukünftigen Moral seien, den Konservativen aber müssen sie es lassen, dass deren Politiker eben auch die Moral der Vergangenheit vertreten – auch wenn sie noch jung sind. Denn auch Junge können konservativ sein.

  • So klappt‘s mit dem konservativen Wähler

    So klappt‘s mit dem konservativen Wähler

    Gestern wurde in Baden-Württemberg ein neuer Landtag und damit ein neuer Ministerpräsident gewählt. Selten war vorab so klar, dass die Wähler mit ihrer Entscheidung für oder gegen die Grünen und für oder gegen die CDU unmittelbar über den Regierungschef des Landes bestimmen würden, denn schon lange ist klar, dass diese beiden Parteien miteinander in eine Koalition gehen und durch die Wahl nur noch geklärt werden musste, ob Özdemir von den Grünen oder Hagel von der CDU diese Rolle übernimmt.

    Es bleibt Spekulation, ob dem CDU-Mann die Videos, die von grünen Bundestagsabgeordneten und Unterstützern in den letzten paar Wochen lanciert wurden, eher geschadet oder genützt haben. Möglich ist natürlich, dass sie am Ende der CDU tatsächlich die letzten paar Zehntel zum Sieg gekostet haben. Deshalb ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, in welche Richtung die Wählerstimmen verloren gegangen sein könnten.

    Die Empörung über das, was da zu sehen war, dürfte sich auf Leute beschränkt haben, die ihr Kreuz ohnehin nicht bei der CDU gemacht haben. Dass potentielle CDU-Wähler wegen dieser Videos und wegen der folgenden Reaktionen zu den Grünen gewechselt hätten, ist schwer vorstellbar. Ein Schaden kann den Konservativen überhaupt nur entstanden sein, wenn Wähler sich aufgrund der Entschuldigungen, die Hagel vorgebracht hat, der AfD zugewandt hätten. Das ist durchaus möglich, und das dürften die Initiatoren dieser „Enthüllungen“ auch einkalkuliert haben.

    „Rehbraune Augen“ – nachsichtig interpretiert

    Gerade deshalb lohnt es sich, heute, da die Wogen um den konkreten Fall sich wieder geglättet haben und durch nichts, auch nicht durch diese Kolumne, das Wahlergebnis noch beeinflusst werden kann, über die Dynamik solcher Empörungsprozesse nachzudenken und zu analysieren, was über den Wahltag hinaus davon bedenkenswert bleibt.

    Hagel hat vor ein paar Jahren also in einem Gespräch mit einem Regionaljournalisten für eine regionale Sendung, die auch noch „Auf ein Bier mit…“ hieß und in einer Kneipe aufgenommen worden war, seinen Auftritt in einer Realschule als Beispiel für gelungene Kommunikation zwischen Politiker und Bevölkerung genommen. Er hatte das eingeleitet mit dem Hinweis, dass es für einen Politiker schlimmere Termine gibt als einen Morgen in einer Realschulklasse mit 16jährigen, von denen 80% Mädchen sind. Sodann schildert er die erste Wortmeldung, die er damit einleitet, dass er noch weiß, dass das Mädchen Eva hieß, braune Haare und rehbraune Augen gehabt habe.

    Entsprechend den geläufigen Empörungs-Standards war diese Erzählung sexistisch, habe das Mädchen auf Aüßerlichkeiten reduziert (was schon deshalb Unsinn ist, weil Hagel vor allem den Inhalt der Wortmeldung schildert) und sei der Nährboden, auf dem Epstein-artige Netzwerke gedeihen.

    Ich möchte erstmal eine nachsichtige Interpretation der Interviewstelle geben:

    Die Bemerkung, dass es schlimmere Termine gibt als eine Veranstaltung mit vorrangig jungen Frauen, kann ich gut nachvollziehen. Als jemand, der in verschiedenen Situationen über Jahrzehnte Seminare durchgeführt und Vorträge oder Diskussionsveranstaltungen bestritten hat, gestehe ich: ich hätte schlicht etwas Ähnliches gedacht. Dass Hagel das ausspricht, zeigt vor allem, dass er aus solchen selbstverständlichen Regungen kein Geheimnis macht. Und das hat nichts damit zu tun, dass man da irgendwelche erotischen Interessen hat, wie manche behaupten. Man sagt sich einfach: das wird eher freundlich als aggressiv, eher konstruktiv als konfrontativ werden.

    Sodann beschreibt er die erste Schülerin, die sich zu Wort meldet. Er will sagen: Ich erinnere mich genau: Ich weiß noch ihren Namen, ich sehe sie noch genau vor mir, ich weiß noch, wie sie mich angesehen hat. Klar, ich als 60jähriger hätte das wahrscheinlich nicht mit „rehbraunen Augen“ beschrieben, aber ich bin nachsichtig genug, den Charakter der Regionalsendung „Auf ein Bier mit…“ und den Unterschied zwischen mir und einem Mitzwanziger anzurechnen.

    Nachsichtig betrachtet bleibt also von Sexismus nichts übrig. Natürlich werden mir nun viele Wählerinnen der Grünen und der Linken eifrig widersprechen. Aber genauso selbstverständlich werden mir viele konservative und liberale Wählerinnen und Wähler recht geben. Und genau hier beginnt das Problem des Umgangs von Hagel selbst mit dieser lang zurückliegenden Geschichte.

    Dem öffentlichen Zeitgeist hinterhergehetzt

    Denn seine Reaktion auf die Kritik ist typisch für den Umgang konservativer Politiker mit Vorwürfen dieser Art. Sie rennen einem Zeitgeist hinterher, der nicht einmal repräsentativ für die Bevölkerung, schon gar nicht für deren konservative Hälfte, ist, sondern der sich gerade mal in einigen sozialen Netzwerken sowie Rundfunk- und Fernsehredaktionen manifestiert. Sie meinen, sich groß und entschieden entschuldigen zu müssen für Lässlichkeiten, die von ihren eigenen Zielgruppen mit einem Schulterzucken abgetan werden. Das bringt ihnen keine einzige Wählerin zusätzlich, aber es lässt sie die Wähler verlieren, die seine Erzählung in jenem Interview beim Bier für unproblematisch gehalten haben.

    Wie wäre es gewesen, hätte Hagel nach Bekanntwerden seiner Aussagen gesagt: Ja sehen Sie, ich stehe dazu, dass ich schon zu Beginn einer Wahlveranstaltung denke: diese wird eher freundlich sein, jene eher anstrengend. Und ich stehe dazu, dass ich immer noch weiß, wie diese erste Fragerin da vor mir stand, wie sie aussah, wie sie gesprochen hat.

    Aber nein, er zeigt sich reuig, er meint, es sei „Mist gewesen“, wie er da eingestiegen ist, er würde das bereuen – und liefert seinen Gegnern damit nur weitere Munition.

    Wenig überraschend beeindruckt diese späte Reue seine grünen und linken Gegner nicht, es verprellt aber auch die konservativen Wähler, die in der ganzen Sache kein Problem, jedenfalls aber keinen Grund für große Aufregung und Reue sehen.

    Eine Diskussionsrunde in einer zehnten Klasse, in der vor allem Mädchen sitzen, angenehmer zu finden als manch anderen Wahlkampftermin, eines dieser Mädchen, das zudem sehr selbstbewusst aufgetreten ist, als attraktiv wahrzunehmen – das und ähnliches ist nicht strafbar, sondern menschlich verständlich. Wer als konservativer Politiker einem Zeitgeist hinterherläuft, der das bestreitet, verprellt und verliert konservative Wähler.

    Wer will den moralisch perfekten Politiker?

    Ein Zweites ist damit verbunden: Dem so konstruierten Zeitgeist zufolge müssten Politiker moralisch und menschlich überlegene Personen sein, sie sollen Vorbilder sein und durch ihr Vorbild ihre Wähler in eine moralisch bessere Welt führen. Es mag sein, dass Wähler im linken Bereich des politischen Spektrums das sogar bevorzugen. Für das konservative Spektrum dürfte das aber nicht gelten. Sie wollen keine moralisch perfekten Vorbilder und keine Moralapostel, sondern Menschen, die wie sie sind. Sie wollen Politiker, die genauso gern Auto fahren, Fleisch essen und ja – die beim Anblick anderer Menschen auch deren äußere Attraktivität bemerken, so, wie sie selbst es auch gern tun. Nebenbei gesagt würden sie denen Argumente gegen das Autofahren, gegen den Fleischkonsum und gegen die Bevorzugung schöner Menschen auch eher abnehmen, wenn sich zeigt, dass diese aus selbstkritischem Nachdenken und nicht aus Besserwisserei und moralischer Überlegenheit stammen.

    Wir sollten froh sein, dass sich ab und zu zeigt, dass die Leute, die politisch entscheiden, moralisch nicht besser sind als wir. Eine Herrschaft der moralisch Unfehlbaren und Guten über die moralisch Fehlbaren und Bösen dürfte kaum zu einer lebenswerten Gesellschaft führen. Parteien, die sich als konservativ und liberal profilieren wollen, sollten das bei der Auswahl ihres Spitzenpersonals berücksichtigen. Dann klappts auch mit den Wählern. Und auch mit den Wählerinnen.

  • Metoo: Gedanken nach der Causa Dieter Wedel

    Metoo: Gedanken nach der Causa Dieter Wedel

    Ich hasse es, wenn mir eine Frau sagt: „Das kannst du als Mann eben nicht nachvollziehen, weil dir sowas ja nicht passieren kann, weil du das ja nicht am eigenen Leibe erleben musst.“ Die damit verbundene Forderung, ich solle mich doch zum Thema sexuelle Nötigung nicht äußern, schon gar nicht kritisch gegenüber den metoo-Aktivistinnen, weil ich die betreffende Erfahrung nicht kenne, hat mich zuerst provoziert, erst recht etwas zu dem Thema zu sagen. Dann habe ich geschwiegen, weil ich dachte, dass es doch keinen Zweck hat.

    Aber nach dem, was nun in der Causa Dieter Wedel zu Tage kommt, drängt es mich, etwas zu sagen.

    Ich bin nicht #metoo

    Ja, es stimmt, ich kann mich in die Situation der Schauspielerinnen nicht hineinversetzen, die von Wedel bedrängt, gequält und vermutlich vergewaltigt wurden. Punkt. Das muss ich einfach einsehen. Mir würde so etwas nicht passieren, und selbst wenn es auch Fälle gibt, in denen Männer Opfer sexueller Gewalt wurden, ist ja völlig klar: als Mann kann man immer irgendwo anders hingehen, die Wahrscheinlichkeit, woanders auch auf einen Produzenten oder Regisseur zu treffen, der mich sexuell bedrängt, ist gering. Das liegt allein schon daran, dass die meisten Produzenten und Regisseure Männer sind und die meisten Menschen eben heterosexuell.

    Also muss ich als Mann erst einmal akzeptieren, dass ich mit jeder Kritik an Stellungnahmen von Frauen zum Thema sexuelle Gewalt, sexuelle Belästigung und ähnlichem sehr zurückhaltend sein muss. Meine Vorstellungen, wie man damit umgehen könnte oder sollte, wie man was zu interpretieren hat, wie was ankommen müsste, wie man in welcher Situation reagieren sollte  – all diese klugen analytischen Überlegungen gründen sich eben auf meine Erfahrungen. Und das sind eben Erfahrungen eines Mannes. Was für eine konkrete Frau als Handlungsmöglichkeit wirklich denkbar ist in einem Moment, in dem sie durch einen Mann bedrängt und sexuell genötigt wird, kann ich, bei aller analytischen Kompetenz und emotionalen Einfühlung, eben niemals wirklich beurteilen.

    Dies im Sinn möchte ich ein paar Thesen zur aktuellen Diskussion um metoo beitragen.

    Sind „große Männer nun mal irgendwie pervers“?

    Es gibt keine moralischen Sonderrechte für „kreative Geister“. Wir müssen uns grundsätzlich von dem Gedanken lösen, dass große kreative Leistungen in Kunst, Literatur und auch Philosophie womöglich nur von Menschen vollbracht werden können, die irgendwie im Umgang mit anderen Menschen nicht mit den moralischen Maßstäben vereinbar sind, die wir im Alltag für selbstverständlich halten. Die Akzeptanz einer solchen Vorstellung ist selbst nicht akzeptabel. Sicherlich ist es gut, die eigenen Moralvorstellungen kritisch zu prüfen, wenn wir von Menschen lesen, die Großes vollbracht haben, aber unserer Alltagsmoral nicht entsprechen. Das kann ein guter Grund sein, die eigenen Vorurteile über das, was man tun darf und das, was man lassen soll, zu überdenken. Aber die Verletzung der Würde anderer Menschen ist niemals akzeptabel. Ich kann kein Werk bewundern von einem Menschen, der seine Macht ausgenutzt hat, um andere Menschen zu quälen.

    Paradigmatische Extremfälle

    Wir sollten das, was da in der Filmindustrie passiert ist und vermutlich noch immer irgendwo passiert, als paradigmatische Extremfälle sehen. Es gibt sicherlich Besonderheiten, die dazu führen, dass die Lage für Frauen dort besonders prekär ist. Diese Besonderheiten sollten auch benannt werden, damit an ihnen deutlich wird, welche Mechanismen und Machtstrukturen wirklich zerstört werden müssen. Dabei geht es nicht darum, das Problem nur in dieser speziellen Branche zu sehen und so zu tun, als ob es woanders gar nicht existiert. Aber es wäre wichtig, zu verstehen, welche besonderen Bedingungen den Vergewaltiger schützen und begünstigen, und welche anderen Bedingungen, die anderenorts längst etabliert sind, das verhindern. Welche Strukturen unterscheiden die Filmindustrie von anderen Bereichen? Und wo gibt es ähnliche Strukturen, über die aber nicht so intensiv gesprochen wird, weil die Frauen dort keine Medienpräsenz haben?

    Andererseits ist es auch wichtig, über Strukturen zu sprechen, in denen Frauen sich sicher fühlen, ohne dass das Zusammenleben asexuell ist. Die Differenzen zwischen den Mechanismen unseres Zusammenlebens in unterschiedlichen sozialen Sphären müssen erkundet werden – dazu braucht es nicht nur Berichte über die Schattenseiten, sondern auch über die Situationen, in denen Frauen ohne Angst vor Nötigung leben. Die ganze Gesellschaft als Rape-Kultur zu verunglimpfen, wie es von metoo-Aktivistinnen oft getan wird, bringt uns nicht weiter.

    Deshalb scheint es mir auch wichtig, sich in der Diskussion auf Fälle zu konzentrieren, in denen es wirklich um Zwang, um Verletzung der Würde, um Ausnutzen von Macht, um Nötigung und Vergewaltigung geht. Jeden anzüglichen Blick und jede „Anmache“ mit in die Diskussion zu ziehen, verhindert eher die Bekämpfung der wirklichen Probleme. Geschaffen würde dadurch eine aseptische, sterile, asexuelle Oberfläche in der Gesellschaft, unter der sich vermutlich Machtstrukturen, implizite Nötigungen und Zwang weiterhin fast ungehindert ausbreiten können.

    Auch auf Catherine Deneuve hören

    Schließlich: Es sind in den letzten Wochen auch Stimmen von Frauen zu hören gewesen, die sich nicht einschüchtern lassen haben, die sich erfolgreich gewehrt haben gegen Belästigungen und Nötigungen, oder die solche Erfahrungen nicht gemacht haben, auch wenn sie in der Filmbranche erfolgreich waren. Mir scheint es wichtig, dass diese Frauen zu Wort kommen, dass wir auch auf ihre Geschichten hören. Es geht nicht darum, die Opfer gegen die Mutigen auszuspielen. Aber wir müssen auch darüber reden, wie sich Frauen erfolgreich zur Wehr setzen und schon immer erfolgreich gewehrt haben. Das zeigt auch Wege auf, wie Machtstrukturen ausgehebelt werden können.

    Letztlich hätte ein Mann wie Wedel (gesetzt, die Vorwürfe gegen ihn entsprechen der Wahrheit, was ich inzwischen als sicher ansehe) keine Chance, wenn die Frauen, die er nötigt, für sich Auswege sehen und beschreiten können. Dazu ist vieles notwendig. Auch, dass man über die guten Erfahrungen spricht, die andere Frauen in ihrem Leben gemacht haben.

    Andere zum Thema metoo:

    Im Gegenteil

    Katia Kelm

  • Pflicht oder Verantwortung

    Pflicht oder Verantwortung

    Wir leben in einer Welt, in der es immer weniger Pflichten, aber immer mehr Verantwortung gibt. In einer Gesellschaft, die die Freiheit des Einzelnen in den Vordergrund stellt, sind Pflichten geradezu widersinnig. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, die Impfpflicht ist heiß umstritten. Ein paar Pflichten haben wir trotzdem noch: Steuerpflicht, Schulpflicht, Unterhaltspflicht (die immer mehr begrenzt wird), Sargpflicht (auch umstritten), Verkehrssicherungspflicht, Räum- und Streupflicht. Manche Pflichten entstehen sogar erst durch die Freiheit: Die Haftpflicht etwa.

    Wenn man das so zusammenträgt, ist es gar nicht so wenig, und man könnte sich fragen, ob der erste Satz dieses Textes überhaupt stimmt. Aber fest steht: Pflichten sind nicht mehr selbstverständlich, es ist Mode geworden, Pflichten in Frage zu stellen. Sie werden nicht mehr klaglos akzeptiert, der Staat, der sie aufstellt, muss sie begründen und verteidigen, oder eben abschaffen.

    Pflichten verschwinden – Verantwortung wächst

    Anders mit der Verantwortung – die wächst. Zuerst natürlich die Verantwortung für sich selbst. Jeder ist für sich selbst verantwortlich in der freien Gesellschaft. Verantwortung wird aber auch gern übertragen oder übernommen. Wir arbeiten eigenverantwortlich. Wir tragen Verantwortung – mit Freuden oder als Last. Wir handeln verantwortungsvoll.

    Wenn man das so bedenkt, dann wundert man sich, warum die Begriffe Pflicht und Verantwortung oft synonym verwendet werden, etwa in dem Text „Blut ist dicker als Wasser – Wozu verpflichtet Familie?“ von Barbara Bleisch, den ich gerade in meiner Reflexe-Kolumne besprochen habe.

    Man könnte vermuten, dass Pflichten im engeren Sinne diejenigen Aufgaben sind, die uns der Gesetzgeber überträgt, und dass alle anderen Aufgaben, deren Erfüllung uns aufgegeben ist, eben aus der Verantwortung folgen. In einer akkuraten Sprechweise würde das bedeuten, dass es eben familiäre Pflichten nicht gibt, sondern nur familiäre Verantwortung. Familie verpflichtet uns dann nicht in dem Sinne zu etwas, wie uns das Gesetz verpflichtet, wir haben in der Familie streng genommen nur Verantwortung füreinander und die Rede von der Pflicht ist nur eine stilistische, vielleicht eine, die die besondere Bedeutung der Verantwortung betont.

    Aber so einfach ist das nicht, denn es gibt doch gewaltige Unterschiede zwischen Pflicht und Verantwortung, und die wirken sich auch auf das Funktionieren von Beziehungen, z.B. in der Familie, aus.

    Zunächst mal gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Pflicht und Verantwortung. Beide bezeichnen eine Notwendigkeit, aktiv zu werden, die nicht aus dem Subjekt selbst kommt, sondern von außen. Ob ich von mir aus eine Neigung zu der betreffenden Aktivität habe, ist unerheblich. Das gilt auch für die Selbstverpflichtung und die Selbstverantwortung. Immer sind andere im Spiel, die etwas von mir erwarten, eben z.B., dass ich zu meiner Verantwortung für mich selbst stehe. Verantwortung wird übertragen und übernommen – und diese Transaktionen setzen immer eine Wechselwirkung mit anderen Voraus. Das gilt für die Pflichten ganz genauso, wobei die zwar übertragen werden, aber nicht aktiv übernommen werden müssen – wenn eine Pflicht übertragen wird, dann hat man sie auch schon. Pflichten werden aufgegeben, die kann man nicht ablehnen, jedenfalls nicht, wenn sie rechtmäßig sind und nicht, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.

    Zwang oder Freiwilligkeit

    Und damit sind wir schon bei den Unterschieden. Verantwortungsübernahme hat immer den Aspekt der Freiwilligkeit, man kann sich verweigern, man kann ablehnen. Pflichten sind einfach da, sie stehen im Gesetz, oder sie gehören zu den so genannten ungeschriebenen Gesetzen. Auch die sittlichen Zwänge der Gesellschaft können wir zu den Pflichten zählen. Wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der es nur unter Inkaufnahme allgemeiner Verachtung möglich wäre, sich einer Aufgabe zu entziehen, dann können wir sagen, dass die Erfüllung dieser Aufgabe in dieser Gesellschaft eine Pflicht ist. Pflicht hat mit Zwang zu tun.

    Verantwortung hingegen entsteht überhaupt nur aus Freiheit. Die Übernahme einer Verantwortung ist ein Akt der Freiheit – denn ich könnte die Verantwortung auch ablehnen.

    Da Pflichten erzwungen werden können, muss die Erfüllung der Pflicht direkt beobachtet und gemessen werden können. Deshalb sind Pflichten immer an konkrete Handlungen gebunden. Ich habe die Pflicht, dieses und jenes konkret zu tun, und wenn ich das mache, dann habe ich meine Pflicht erfüllt.

    Ich habe etwa die Pflicht, meine Kinder zur Schule zu schicken. Wenn die Kinder da jeden Tag auftauchen und ihre Zeit zu den angegebenen Stunden im Klassenraum absitzen, habe ich diese Pflicht erfüllt.

    Vielleicht fühle ich mich auch dafür verantwortlich, dass meine Kinder etwas lernen. Eine Möglichkeit, dieser Verantwortung für meine Kinder zu erfüllen, ist, sie zur Schule zu schicken, also der Schulpflicht nachzukommen. Es mag aber sein, dass das nicht ausreicht, es kann sogar sein, dass ich meine, dass die Schulpflicht der Absicht meiner Verantwortung abträglich ist. Eine Verantwortung kann mich in Widerspruch zu meinen Pflichten bringen. Pflichten und Verantwortung müssen nicht in Einklang stehen, und dass ich meine Pflichten erfülle, heißt nur manchmal, dass ich meiner Verantwortung gerecht werde.

    Hier klingt bereits an, dass es auch ein Verständnis von Verantwortung gibt, bei der ich die Verantwortung nicht freiwillig übernehme: Dass ich für meine Kinder und deren Gedeihen verantwortlich bin, ist auch eine gesellschaftliche Norm, die ich mir nicht aussuchen kann. Ist das nur eine sprachliche Unsauberkeit, handelt es sich genau genommen um eine Pflicht? Wir kommen gleich darauf zurück.

    Pflichterfüllung können wir messen und beobachten, und es kommt nicht darauf an, ob wir damit auch ein bestimmtes Ergebnis erreichen. Einer Impfpflicht genüge ich, wenn ich mich oder meine Kinder impfen lasse, ob wir auch wirklich gesund bleiben oder trotz Impfung krank werden, ist dafür unbedeutend.

    Pflicht und Verantwortung beobachten

    Das scheint bei der Verantwortung anders zu sein. Sagen wir etwa, dass ich selbst für meine Gesundheit verantwortlich bin, dann kommt es nicht darauf an, ob ich genau dieses oder jenes getan habe, sondern darauf, ob ich eben gesund bleibe. Es scheint also so, als ob ich auch die tatsächliche Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme messen und beobachten kann: Wenn nicht an der konkreten Handlung, die als pflichtgemäß allgemein anerkannt ist, so eben am Ergebnis.

    Aber so einfach ist es nicht. Es kann sein, dass jemand nichts für seine Gesundheit tut, sondern im Gegenteil jedes Risiko eingeht, das allgemein als gesundheitsschädlich gilt, und trotzdem gesund bleibt. Umgekehrt ist es möglich, dass jemand nach allgemein anerkannten Maßstäben gesund lebt, Sport treibt, Obst und Gemüse isst, nicht raucht und nicht säuft, und trotzdem krank wird und stirbt.

    Ob jemand verantwortungsvoll ist, ob er seine Verantwortung für etwas oder jemanden wahrnimmt, können wir also weder an der Beobachtung einer konkreten Handlung festmachen, noch am Ergebnis. Lässt es sich also gar nicht beurteilen?

    Wir haben die Antwort eben gerade schon gegeben, als wir das Beispiel der Verantwortung für die eigene Gesundheit betrachtet haben. Es kommt in der Tat nicht auf die konkrete Handlung an, wenn wir beurteilen, ob jemand Verantwortung übernimmt, aber es kommt schon darauf an, ob er handelt und wie er handelt. Verantwortliches Handeln ist begründetes Handeln zu dem Zweck, der Verantwortung gerecht zu werden. Wenn ich also sage: Ich bin für meine Gesundheit selbst verantwortlich, also lasse ich mich impfen, weil ich überzeugt bin, dass die Impfung meine Abwehrkräfte stärkt, oder ich esse Obst, auch wenn ich es nicht so mag, verzichte auf Schokolade, weil ich gute Gründe habe, anzunehmen, dass das gut ist für meine Gesundheit, dann handle ich verantwortungsvoll.

    Ebenso verhält es sich mit meiner Verantwortung für andere. Es gibt tausend Möglichkeiten, Verantwortung für die eigenen Kinder zu übernehmen, ich kann sie mit guten Gründen in eine Musikschule schicken oder sie auf der Wiese Fußball spielen lassen, ich kann ihnen Mathematik-Nachhilfe geben oder ihnen Geschichten vorlesen. Ich kann nicht alles tun, was vielleicht gut für die Kinder wäre, und schon gar nicht alles, was andere für gut und richtig halten. Aber ich kann mit gutem Gewissen das beste tun, was ich zu leisten in der Lage bin und was ich begründet für gut halte.

    Mit diesem Gedanken können wir uns wieder der Frage zuwenden, ob es auch Verantwortung gibt, die ich nicht freiwillig übernehme, sondern deren Übernahme andere, die soziale Gemeinschaft, von mir erwartet. Die Sorge für die eigenen Kinder, für die Eltern und überhaupt für die, die meine Unterstützung brauchen, gehört dazu.

    Erwartung der Anderen

    In diesen Fällen kann es sein, dass ich zwar nicht die Pflicht zu einer bestimmten Handlung habe, aber eben doch die soziale Norm besteht, dass ich mich kümmere, auf welche Weise auch immer. Wir könnten, um diese Situation von der Pflicht zu einer bestimmten Handlung einerseits und von der Verantwortung, die ich mir selbst auflade andererseits zu unterscheiden, von Verpflichtungen reden. Der Übergang von der Verpflichtung zur Verantwortung ist dabei fließend, denn oft steht hinter der Übernahme einer Verantwortung, die ich freiwillig annehme, eben doch eine gesellschaftliche Erwartung, also eine Verpflichtung.

    Eins sollte aber klar geworden sein: Es ist viel einfacher, pflichtgemäß zu handeln, als Verantwortung zu übernehmen. Bei einer Pflicht wird mir genau vorgeschrieben, was ich zu tun habe, und wenn ich das gemacht habe, was mir aufgetragen wurde, dann habe ich meine Pflicht erfüllt, egal, ob das Ziel, das beabsichtigt wurde, erreicht ist, oder nicht. Wenn ich Verantwortung trage, dann muss ich selbst entscheiden, wie ich dieser Verantwortung gerecht werde, was zu tun und zu lassen ist. Ich muss ständig prüfen, ob mein Handeln verantwortungsvoll ist. Ich kann scheitern, wenn trotz meines Handelns das Ziel nicht erreicht wird. Es ist wirklich nicht einfach, ein gutes, gelungenes Leben in Freiheit zu führen.

  • Der Zoo und die Katzenliebe

    Der Zoo und die Katzenliebe

    Gehen Sie gerne in den Zoo? Bewundern Sie die stolzen Tiger und Leoparden? Freuen Sie sich über die spielenden Tierkinder? Und ist es nicht putzig, wie sie miteinander zanken? Und wie sie dann ängstlich Schutz bei ihren Eltern suchen? Sind sie berührt, wenn Sie sehen, dass Männchen und Weibchen einander ihre Zuneigung zeigen? Haben Sie Mitleid, wenn ein Tier von den Artgenossen geärgert oder geschlagen wird, und dann ängstlich und traurig allein in einer Ecke steht?

    Unsere Verwandten im Zoo

    Wir beobachten Tiere, vor allem höhere Säugetiere wie Affen, Raubtiere, Hunde und Katzen, mit Zuneigung, weil wir in ihrem Verhalten unsere eigenen Emotionen, Freude, Zuneigung, Spaß und Angst wiedererkennen. Niemand, der sich über einen gewissen Zeitraum mit diesen Wesen beschäftigt hat, wird bestreiten können, dass sie eine Seele, einen emotionalen Geist besitzen. Mögen sie auch nicht denken können, wie wir denken, mögen sie auch keine Sprache haben, wie wir sie besitzen, um unsere Gedanken auszudrücken – sie fühlen offenbar ähnlich wie wir, sie empfinden, sie haben Emotionen, sie leiden oder sie sind zufrieden und glücklich.

    Wenn wir das aber zugestehen, dann stellt sich die Frage, ob wir überhaupt ein Recht dazu haben, diese Tiere in Zoos einzusperren, damit wir ihnen bei ihrer Freude und ihrem Leiden zusehen können. Und wenn wir uns dieses Recht schon, mit welchen Begründungen auch immer, herausnehmen, dann müssen wir weiterfragen, wie wir mit diesen Tieren im Zoo umgehen dürfen, und was sich eigentlich aus ethischen Gründen verbietet.

    Die Lokalzeitung berichtet heute, dass den Tigern und Leoparden im Zoo in Münster ein neues Gehege gebaut werden soll, viel größer soll es sein als das alte Gehege. Was erst mal schön klingt, lässt den Leser am Ende doch irritiert zurück. Denn für die Zeit des Baus wird das Tigerpaar Fedor und Nely in „Urlaub“ geschickt. Nicht etwa gemeinsam, sie werden in unterschiedliche Zoos verfrachtet, bis zum Sommer.

    Objekte der Zoo-Logistik

    Die Tiere, deren emotionale Verbundenheit uns gerade noch begeistert hat, werden nun zu reinen Objekten einer Zoo-Logistik. Vermutlich gab es nirgends ausreichenden Platz für die beiden. Also sperrt man Fedor für ein paar Monate zu anderen fremden Tigern, Nely ebenfalls. Oder kommen sie für die Zeit gar in „Einzelhaft“? Kommt man vielleicht auf die Idee, Fedor mal eben mit einem anderen Tigermädchen zusammenzubringen, damit es vielleicht Nachwuchs gibt? Eins ist sicher: Niemand hat die beiden gefragt, ob sie mal getrennt Urlaub machen wollen, oder ob sie unter der Trennung leiden werden.

    Für den Umgang mit diesen Tieren, insbesondere mit den höheren Säugetieren und anderen, bei denen wir annehmen können, dass sie Gefühle, Leid und Freude empfinden, muss gelten: Alles, was wir mit ihnen machen, muss mit unseren moralischen Vorstellungen vereinbar sein. Das kann im extremen Fall schwierig werden. Aber im Falle der Renovierung oder Erweiterung eines Tiergeheges im Zoo muss es Lösungen geben, die die Tiere nicht aus ihrer vertrauten Umgebung reißen, und sie schon gar nicht von ihrem vertrauten Partner trennen.

    Es wird gern mit allen möglichen Argumenten dafür geworben, wie gut und richtig die Arbeit der Zoos ist. Arten, die vom Aussterben bedroht sind, sollen erhalten werden, sagt man, wenn man versucht, Männchen und Weibchen nach wissenschaftlichen Kriterien zum Sex zu bewegen. Wir müssten etwas tun, um unseren Kindern die Tierwelt nahe zu bringen, sagt man auch.

    Wo bleibt die Moral?

    Aber über moralische Aspekte unseres Umgangs mit den konkreten Tieren, die man als Individuum und nicht einfach als Vertreter einer Art, als Subjekte und nicht als Objekte der Wissenschaft oder der Umwelt- und Bildungspolitik anzusehen hätte, denken wir selten nach. Dabei wären wir es diesen Tieren, denen wir sogar Namen geben und die wir so bewundern, schuldig, sie als fühlende Wesen, als individuelle Kreaturen zu begreifen. Auch wenn das am Ende die ganze Idee des Zoos in frage stellt.

  • Schirach ohne Moral

    Schirach ohne Moral

    Es wird wohl das erfolgreichste Theaterstück der kommenden Spielzeit an deutschsprachigen Bühnen werden. Schon jetzt haben 125.000 Menschen das Stück gesehen, und viele Theater haben für die kommende Spielzeit die Premiere im Programm.

    Dabei ist Terror von Ferdinand von Schirach gar kein „richtiges Theaterstück“. Es ist sozusagen die Live- und Echtzeitdarstellung einer Gerichtsverhandlung, mit „Anklageverlesung“, „Zeugenvernehmungen“, „Plädoyers“ und einem „Urteil“ – und die Zuschauer, die sind bei dem ganzen Schauspiel auch nicht einfach das Publikum, sie sind die „Richter“, oder die „Schöffen“, die ein „Urteil“ sprechen, die über „Freispruch“ oder „Schuldig“ zu befinden haben.

    Ja, viele Anführungszeichen stehen in diesem ersten Absatz, viel uneigentliche Rede, das sieht absurd aus. Und irgendwie ist die ganze Sache auch absurd. Auf einer Webseite kann man verfolgen, wieviel Prozent der Zuschauer in welchem Theater auf „Schuldig“ oder „Freispruch“ plädiert haben. Dort kann man auf schwarzem Grund Statistiken in Rot und Grün abrufen, die zeigen, wie sich andere „Schöffen“ an anderen Orten „entschieden“ (ja, auch dieses Wort gehört in Anführungszeichen) haben. Spätestens dort fragt man sich, welcher Show man hier eigentlich beiwohnt.

    Keine Theaterkritik

    Ich habe Terror vor Monaten in Düsseldorf gesehen, und ich werde mir die Premiere am Wolfgang-Borchert-Theater in Münster ansehen. Der Moment, in dem ich diesen Text schreibe, hat den größtmöglichen Abstand zwischen diesen beiden Theaterabenden. Denn hier geht es nicht um konkrete Inszenierungen, hier geht es um das Stück als Text und um diese merkwürdige Einbeziehung der Zuschauer. Dies ist keine Theaterkritik.

    Das Stück macht den fiktiven Abschuss eines Verkehrsflugzeuges durch einen Bundeswehr-Piloten zum Thema. Das Flugzeug ist von Terroristen gekapert worden und diese beabsichtigen, es in einem vollbesetzten Stadion abstürzen zu lassen. Der Pilot hat sich, unabhängig von Vorgaben und Befehlen, dafür entschieden, das Flugzeug abzuschießen, die 100 oder 200 Passagiere zu opfern, um Zehntausende im Stadion zu retten.

    Die Frage ist nun also, ob er schuldig oder unschuldig am Tode der Passagiere ist, ob er deshalb zu verurteilen (und dementsprechend einzusperren) oder freizusprechen ist.

    Ich will mich hier nicht mit den Details der Argumentation von Anklage, Verteidigung, Zeugen und Angeklagtem befassen. Jeder mag da selbst ins Theater gehen und sich die einzelnen Monologe und Dialoge anhören – die sind im Detail durchaus interessant und bewegend. Mir geht es um grundsätzliche Fragen, die sich an dieser Konstellation diskutieren lassen.

    Das moralische „Dilemma“: Eine lange, aber irrige Tradition

    Über den größten Teil von Terror wird die moralische Konfliktsituation, in der sich der Pilot befindet, als Dilemma dargestellt: Das Leben der Menschen an Bord des Flugzeugs gegen das Leben der Menschen im Stadion. Dieses Dilemma wird in verschiedenen Variationen durchgespielt, an leicht abgewandelten Beispielen in einfacher oder komplizierterer Form behandelt. Damit befindet sich von Schirarch in einer bekannten, aber ganz irrigen Tradition. Die Frage, ob man das Leben Weniger für das Vieler opfern sollte oder dürfte, wird immer wieder als eine moralische Grundfrage dargestellt. Man meint, anhand solcher so genannten Dilemma-Situationen darüber reflektieren zu müssen, ob Moral etwas mit Nutzen, sogar mit größerem oder kleinerem Nutzen, mit dem Verrechnen oder Abwägen von Übel und Freude, von Tod und Leben zu tun habe.

    Von Schirach meint offenbar, dass das moralische Denken darin bestehen würde, dass die Menschen aus den bestehenden Optionen die richtige, die beste auswählen. Selbst in dem Moment, als kurz aufscheint, dass die Verantwortlichen mehr als zwei Optionen gehabt hätten, wird von diesem Paradigma nicht abgegangen. Es ist der Moment, als die Staatsanwältin fragt, warum das Stadion nicht geräumt worden ist, auch wenn doch noch fast eine Stunde Zeit gewesen sei. In diesem kurzen Moment, der jedoch auch gleich wieder überspielt wird, wird in der konstruierten Situation aus dem Dilemma ein Trilemma, aber immer noch bleibt es dabei, dass es moralisch sei, aus den bestehenden Optionen eine auswählen zu können, und dass diese Auswahl irgendwie nach mathematischen Kriterien erfolgen könnte.

    Auch bei der Beurteilung des Handelns des Piloten wird man diese „dritte Option“ außen vor lassen können, denn für die mögliche Räumung des Stadions war er ja nicht zuständig. Wenn die Zuschauer dann am Ende gefragt werden, ob er schuldig oder freizusprechen sei, bleibt eben nur die Frage: War es richtig, das Flugzeug abzuschießen, oder war es falsch?

    Vielleicht richtig, aber niemals gut

    Aber mit dieser Frage ist das Feld des Moralischen noch gar nicht betreten. Die Frage nach dem moralischen Handeln, die Frage nach der moralischen Schuld, wird gerade verdrängt durch all diese Erwägungen über das Dilemma und über die Zwänge und die Verfahren, die das politische und militärische Entscheiden beeinflussen. All diese Abschätzungen, Syllogismen, Schlussfolgerungen, Gleichnisse, Argumentationen sind nur dazu da, die Stimme des Gewissens und der Moral zum Schweigen zu bringen.

    Der moralische Mensch weiß, dass er schuldig ist, wenn er Menschen tötet. Es mag richtig sein, das zu tun, aber es ist niemals gut. Immer, wenn ich einem anderen Leid zufüge, belade ich mich mit Schuld. Auch wenn ich meine, keine andere Wahl gehabt zu haben. Ich muss diese Schuld tragen, sie wird mir nicht durch das Urteil, dass es doch aber richtig gewesen sei, abgenommen.

    Das moralische Spektrum erstreckt sich nicht zwischen Richtig und Falsch, sondern zwischen Gut und Böse. Mit dem Versuch, eine moralische Frage im Richtig-Falsch-Spektrum zu beantworten, stellen wir uns schon außerhalb der Moral auf. Wir umgehen die moralische Frage, wenn wir fragen, ob unsere Entscheidung richtig war.

    Wir halten Moral nicht mehr aus

    Denken wir zurück an die griechischen Tragödien. Auch hier werden Menschen in Dilemma-Situationen gestellt. Käme irgendein Zuschauer einer solchen Tragödie auf die Idee, die Charaktere wären unschuldig? Im Gegenteil, die Tatsache, dass sie Schuld auf sich geladen haben, dass ihr Schicksal ihnen keine andere Wahl ließ, als schuldig zu werden, ist der Kern der griechischen Tragödie. Wir Heutigen halten diese einfache Tatsache offenbar nicht mehr aus.

    Ganz unmoralisch wird das Projekt, wenn der Autor versucht, die tatsächlich unlösbare Schicksals-Situation auf eine simple Entweder-Oder-Entscheidung zu reduzieren und den Zuschauer per Abstimmung entscheiden zu lassen, ob der Pilot nun schuldig sei oder freizusprechen ist. Freizusprechen wovon? Schuldig woran? Hier werden rechtliche und moralische Fragen auch noch aufs Übelste miteinander vermischt. Aber das ist nicht das schlimmste: Mit der „Abstimmung“ erfolgt sozusagen die definitive moralische Entlastung der Zuschauer, an die Stelle der Katharsis hat von Schirach die „demokratische Entscheidung“ des Publikums gesetzt. Damit können wir, in der Pause und auf dem Heimweg, ganz intellektuell, gelehrt und sachlich die Für und Wider besprechen, die Vor- und Nachteile wägen und uns von der moralischen Belastung, die uns das ungeheuerliche Ereignis eigentlich aufbürden müsste, befreien – falls wir sie überhaupt empfunden haben. Und am Ende schauen wir ins Internet, stellen fest, dass andere Zuschauer anderswo ganz ähnlich „entschieden“ haben und kommen zu dem Schluss, dass es ja dann wohl richtig so sein wird, und schlafen ruhig ein.

    Der Pilot in Terror geht nicht an seiner moralischen Schuld zugrunde, er kann als „unschuldig“ in sein tägliches Leben zurückkehren. Er hat das „Richtige“ getan, das versichert ihm die Gemeinschaft des Publikums.

    Das ist nicht gut.

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  • Hegel und das Gewissen

    Hegel und das Gewissen

    Das Gewissen ist aus der Mode gekommen. Ethik und Moral sollen sich heute nur noch selten an der subjektiven inneren Stimme orientieren, sondern ihre Kriterien und Maßstäbe von außen und durch rationale Reflexion beziehen.

    Aber wer sich selbst bei moralischen Konflikten beobachtet, merkt schnell, dass das Gewissen nicht zum Schweigen zu bringen ist. Deshalb ist es sinnvoll, sich über die Frage, was das Gewissen ist und wie es wirkt, ein paar philosophische Gedanken zu machen. Dabei lässt sich kritisch an Hegel und Heidegger anknüpfen. In diesem Podcast geht es zunächst um den Begriff des Gewissens bei Hegel.

    (Veranstaltungshinweis: Ein öffentliches Seminar, an dem alle philosophisch interessierten Menschen teilnehmen können, gibt es Anfang November in Münster. Weitere Informationen gibt es hier.)

     

    Update: Ein weiteres Video gibt es jetzt, in dem ich mich an den Begriff „Wirklichkeit“ bei Hegel annähere.

  • Demokratie oder Moral

    In seltener Übereinstimmung hört man in diesen Tagen einen Chor aus europäischen Regierungssprechern, politischen Kommentatoren und Zivilgesellschaft: Nein, ein demokratisch gewählter und mithin legitimierter Präsident darf auf keinen Fall durch einen Putsch aus dem Amt gedrängt werden, schon gar nicht, wenn dieser Präsident eine Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite weiß. Die Regierungszeit eines gewählten Staats- oder Regierungschefs darf immer nur durch eine erneute demokratische Wahl entsprechend der Verfassungsregeln des betreffenden Landes beendet werden, niemals durch den gewaltsamen Druck einer oppositionellen Gruppe.

    Aus einer solchen Perspektive ist natürlich konsequenterweise jedes Attentat etwa auf Adolf Hitler zu verurteilen. Schließlich ist auch er durch ein demokratisches Verfahren entsprechend der Regelungen der Weimarer Republik an die Macht gekommen, schließlich jubelten die Massen ihm zu, und das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 wurde mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit vom demokratisch gewählten Reichstag beschlossen. Auch Hitlers Macht sowie die Abschaffung der Demokratie durch die Nationalsozialisten war also demokratisch legitimiert – ein Aufbegehren dagegen, ein Aufstand oder Putsch gar, müsste also von Demokraten auch heute noch zurückgewiesen werden

    Da kann irgendetwas nicht richtig sein. Wo steckt der Fehler?

    Demokratische Verfahren und Regelungen sind keineswegs ein Garant dafür, dass es zu „richtigen“ oder gar „guten“ Entscheidungen kommt. Die Demokratie kann nicht einmal eine gesellschaftliche Diskussion sichern, in der ermittelt werden könnte, was denn das Richtige oder das Gute überhaupt ist. In der demokratischen Entscheidung steckt keine „Weisheit“, das Volk trifft durch den demokratischen Prozess keine klugen Entscheidungen, die irgendwie gut für die Menschen oder für die Gemeinschaft sind.

    Zwei Dinge kann die Demokratie halbwegs sicherstellen. Das eine ist, zu verhindern, dass sich Einzelne Menschen zu viel Macht aneignen. In der Demokratie wird die Macht immer nur auf Zeit vergeben. Das andere ist, dass durch den demokratischen Prozess – wenn auch auf verwickelte Weise – alle Interessen irgendwie berücksichtigt werden, sodass die meisten Menschen mit dem, was dabei herauskommt, halbwegs ihren Frieden machen können.

    Beides ist aber keineswegs sicher. Vielmehr kann, das zeigen sowohl historische als auch aktuelle Beispiele, per demokratischer Entscheidung auch die Abschaffung der Demokratie, der Menschenrechte, der allgemeinen Freiheit in die Wege geleitet werden.

    Deshalb ist die Einhaltung demokratischer Regeln niemals der höchste Maßstab für richtiges Handeln. Das mag in Zeiten langlebiger, stabiler parlamentarischer politischer Systeme und Traditionen merkwürdig klingen. Aber die Tatsache, dass eine politische Entwicklung demokratisch legitimiert ist, sagt eben noch längst nicht, dass sie im Interesse der Menschen ist, dass sie irgendwelchen moralischen Prinzipien entspricht.

    Es kann auch den moralischen Zwang zum Widerstand in der Demokratie geben, und wenn dieser Widerstand nicht mit demokratischen Mitteln geleistet werden kann, dann kann es moralisch auch geboten sein, zu nicht-demokratischen Mitteln zu greifen. Keine demonstrierenden Menschenmengen, die einem demokratisch legitimierten Führer zujubeln, können darüber hinwegtäuschen, dass die Moral uns zum Widerstand gegen die politischen Herrscher zwingt. Wir können in der glücklichen Lage sein, dass dieser Widerstand sich demokratischer Mittel bedienen kann. Aber es kann auch immer die Situation entstehen, dass die Demokratie ihre eigenen Feinde so stark gemacht hat, dass sie sich selbst nicht mehr helfen kann. Dann ist außerdemokratischer Widerstand geboten.

    Die letzte Instanz um zu prüfen, ob eine Widerstandsform legitim ist, ist nicht die objektive Prüfung der Einhaltung eines Regelwerks – und sei es durch das Signum der Demokratie noch so sehr glorifiziert. Die letzte Instanz ist das Gewissen des Menschen, der sich zum Widerstand gegen die falsche Herrschaft gezwungen sieht, der sieht, was getan werden muss, um die Freiheit gegen Diktatoren zu sichern. Dass die mal bei einer demokratischen Wahl an die Macht gekommen sind, spielt dabei keine Rolle.