Schlagwort: Progressiv

  • Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Rechts-konservative und Links-progressive Moral

    Das politische Spektrum wird heute gern zwischen Links und Konservativ aufgespannt, was komisch klingt, weil das Gegenstück zu Links eigentlich Rechts wäre. Komischerweise will aber keiner Rechts sein. Das Gegenteil zu Konservativ wäre, wenn Konservativ etwas mit „Bewahren und Erhalten“ zu tun hat, vielleicht „Progressiv“, jedenfalls irgendwas mit Veränderung.

    Fortschreiten und Festhalten

    Progressiv klingt toll, wer will nicht progressiv sein, fortschrittlich und der Zukunft zugewandt. Seit Jahrhunderten denkt man sich, dass Veränderung und Entwicklung etwas Gutes ist und jeder will dabei sein. Natürlich sind auch die Konservativen oft sehr progressiv, sie befeuern den technischen Fortschritt und die Globalisierung und die weltweite Modernisierung und da ist dann die Frage, ob die Progressiven, die die Linken sein wollen, eigentlich auch diesem Fortschritt so begeistert folgen.

    Also konzentrieren wir uns lieber auf die gesellschaftlichen und die kulturellen Dinge, da ist die Sache auf den ersten Blick einfacher: Die Progressiven, die sich dann meist auch als Linke bezeichneten, wobei viele natürlich auch beanspruchen, eigentlich Mitte sein zu wollen, die meinen, dass die Welt sich ändern muss, dass die Gesellschaft eine andere werden muss, dass sich unser Umgang miteinander und der mit der Natur ändern muss, dass kulturelle und moralische Normen sich ändern müssen.

    Die Konservativen, die aus unerfindlichen Gründen nicht rechts, sondern Mitte sein wollen, die wollen, dass alles bleibt, wie es ist, sie sehen keine Notwendigkeit der Änderung, weil eigentlich alles in Ordung ist, die Gesellschaft, die Moral, die Kultur.

    In einer Gesellschaft, die sich nunmal aber ohnehin immer verändert, wollen die Konservativen allerdings nicht, dass alles bleibt, wie es ist, sondern dass es wieder so wird, wie es mal war. In der Unzufriedenheit mit der Gegenwart sind sich Konservative und Progressive sogar einig, den Progressiven gehen die Veränderungen nicht weit genug, die Konservativen wollen alle Veränderungen rückgängig machen. Die Konservativen haben den Progressiven gegenüber den Vorteil, dass sie meinen, ihr Ideal zu kennen, sie können sich dran erinnern. Die Progressiven hingegen haben nur das Ideal, die Vision, eine Vorstellung von einer besseren Welt. Ob die wirklich besser wäre, ist ungewiss.

    Aber die Konservativen täuschen sich natürlich auch, denn auch ihre Erinnerung ist ja ein Ideal, eine Idealisierung. Sie wollen oft zu etwas zurück, was es nie gab. Vermutlich wollen die Progressiven hingegen etwas schaffen, was es nie geben wird. Eigentlich wollen beide die Welt verändern, beide natürlich zum Besseren und beide in Richtung eines vermutlich unerreichbaren Ideals.

    Der Unterschied ist, dass die Konservativen meinen, dass die Welt schon mal gut war, sie benötigen deshalb keine neuen Normen, keine neue Moral, sie meinen, dass ihre Moral, die sie ja aus der Vergangenheit übernommen haben, schon völlig in Ordnung sei. Die Progressiven hingegen finden, dass die Welt bisher eigentlich immer schlecht war, dass die bisherige Moral dazu geführt hat, dass die Welt noch immer schlecht ist, und dass es deshalb eine neue Moral braucht.

    Wo ist die Heimat der Moralapostel?

    Chris Kaiser war in ihrer Kolumne vor gut einer Woche irritiert davon, dass ich kurz zuvor geschrieben hatte, im linken, progressiven Spektrum würde man erwarten, dass Politiker moralische Vorbilder seien. Sie vertrat die Meinung, die Heimat der Moralapostel sei doch eher der konservative Teil der Gesellschaft. Das mag ja sein, genauer, Moralapostel sind wohl hier wie dort unterwegs, man unterscheidet sich nur darin, was man für moralisch gut hält. Die Konservativen haben eben eine konservative Moral, die progressiven eine progressive. Wobei nicht ausgemacht ist, welche von beiden dem Einzelnen die größere Freiheit gewährt, denn offensichtlich schränkt jede Moral die Freiheit auf irgendeine Weise ein.

    Mein Punkt war aber ein anderer, und der wird aus dem oben Gesagten nun auch verständlich: Die Konservativen sind ja der Meinung, dass sie die richtige Moral schon haben, einschließlich aller Freiheiten, etwa des ungezügelten Fleischkonsums, des zu schnellen Autofahrens. Sie brauchen und wollen keine Politiker, die besser sind als sie selbst. Alles, was sie sich selbst erlauben, gestatten sie natürlich auch den Politikern, dass er so sei wie sie selbst und so, wie auch die früheren schon waren, ist ihnen Garant dafür, dass er auch die Welt, die Kultur und die Moral so lässt, wie sie ist, oder so wieder herstellen will, wie sie mal war.

    Die Progressiven aber brauchen eben Vorbilder, sie brauchen den besseren Menschen an der Spitze, in der Öffentlichkeit – und möglichst nicht nur an der Spitze der eigenen progressiven Bewegung, sondern, so die Idee, sie wollen, dass alle Politiker und jeder, der irgendwie die Öffentlichkeit moralisch beeinflussen könnte, die Moral der Zukunft verkörpert. Das aber ist in einer Demokratie zu viel verlangt. Mögen die Progressiven an ihr eigenes politisches Personal die Anforderung stellen, dass sie Vertreter der angestrebten zukünftigen Moral seien, den Konservativen aber müssen sie es lassen, dass deren Politiker eben auch die Moral der Vergangenheit vertreten – auch wenn sie noch jung sind. Denn auch Junge können konservativ sein.

  • Dumm oder konservativ?

    Dumm oder konservativ?

    Ist die Masse dumm und manipulierbar? Ist ein großer Teil der Bevölkerung für populistische Thesen empfänglich und entscheidet sich deshalb zunehmend bei Wahlen für radikale oder extreme Parteien, die mit demagogischen Parolen auf Stimmenfang gehen? Sind es am Ende gar die ausgefeilten Big-Data-Algorithmen, die den Bürgern manipulativ den Kopf verdrehen? Wer so denkt, wird die Ursachen für die Wahlerfolge von Donald Trump, von AfD und FPÖ nicht verstehen. Wer so argumentiert, hilft am Ende den Populisten.

    Die Erfolge von Parteien wie der AfD und Kandidaten wie Trump basieren nicht auf Manipulation. Sie zeigen, dass ein großer Teil der Bürger sich im bisherigen Spektrum der politischen Parteien nicht wiederfindet. Und wer gegen die Parolen der Populisten Stimmung macht, ohne zuerst einmal zu akzeptieren, dass deren Wahlerfolge auf freien Wahlentscheidungen mündiger Bürger beruhen, darf sich nicht wundern, dass jeder Satz, den er ausspricht, die Stimmung zugunsten eben dieser Populisten verschiebt.

    Das Recht auf Stillstand

    Es gibt ein Recht darauf, zu wollen, dass die Gesellschaft so bleibt, wie sie ist. Es gibt ein Recht darauf, sich eine Landschaft ohne Windräder zu wünschen. Es gibt ein Recht darauf, sich zu wünschen, dass Kinder in „klassischen Familien“ aufwachsen, es gibt ein Recht darauf, zu wünschen, dass die Ehe einer Beziehung zwischen Frau und Mann vorbehalten bleibt, es gibt auch ein Recht darauf, ein Auto besitzen zu wollen, das von einem starken Benzinmotor angetrieben wird.

    Es gibt selbstverständlich ebenso das Recht, all dies falsch zu finden, es gibt auch das Recht darauf, auf Konsequenzen dieser Wünsche hinzuweisen, es gibt eben auch das Recht darauf, sich eine andere Gesellschaft zu wünschen.

    Aber zunächst mal sind die nicht dümmer, die sich wünschen, dass alles so bleibt, wie es war. Es gibt sogar gute Gründe dafür, nicht alles, was schon lange so ist, nicht einfach deshalb falsch zu finden, weil es nicht fortschrittlich ist. Fortschritt und Veränderung sind kein Selbstzweck, es kann sich auch als dumm herausstellen, Althergebrachtes nur deshalb einzureißen, weil man daran gewöhnt ist.

    Jeder hat das Recht, für eine Gesellschaft zu sein, die seinen eigenen Wünschen entspricht, die Konservativen genauso wie die Progressiven. Und wenn die einen meinen, dass die Wünsche der anderen nicht erfüllbar sind, dann müssen sie Argumente bringen, und die anderen nicht als blöd hinstellen.

    Was wir jedoch in den letzten Jahrzehnten erleben ist, dass die Politik in allem den „Progressiven“ hinterherläuft. Nicht nur beim Klima- und Umweltschutz, auch bei der Frage, wie Familien aussehen sollen, wie das Zusammenleben von Menschen zu fördern ist, ob man noch irgendwo rauchen darf, ob man Fleisch essen darf, ob man ohne Helm Fahrrad fahren darf.

    Herrschaft der Progressivisten

    Keine politische Partei, die heute im Bundestag sitzt, hat noch Verständnis für die, die nicht fortschrittlich sein wollen. Was aber, wenn das die Mehrheit ist? Dann müsste die Politik doch auch diesen Menschen eine Stimme geben?

    Man macht sich gern lustig über diese Leute. Wenn die ohnmächtig sagen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ dann lachen die Progressivisten gern sehr fortschrittlich und sagen: „Na, sagt es doch. Verbietet euch doch keiner.“ Aber ein bloßes Sagen ist eben stimmlos, wenn es in der Politik gar nicht und in den Medien kaum zur Sprache kommt. Wenn der Journalist den, der spricht, nur mitleidig anlächelt und sich im anschließenden Kommentar darüber wundert, wie einfältig dieses Volk doch ist.

    Klar kann man fast alles sagen in diesem Land. Aber deshalb hat man in Politik und Medien noch längst keine Stimme, die gehört wird. Und wenn nun Leute kommen, die versprechen, diesen Menschen eine Stimme zu geben, dann werden die gewählt. Das ist keine Manipulation, das ist eine nachvollziehbare freie Entscheidung.

    Die Volksparteien hätten zunächst mal die Aufgabe, denen, die keine Veränderung wollen, eine Stimme zu geben. Sie haben auch die Aufgabe, mit ihnen den Konsens über das, was dennoch verändert werden muss, auszuhandeln. Wenn das gelänge, dann würde es keine Populisten geben. Aber ein Wandel dahin wird schwierig. Denn die Fortschrittler werden das als Rechtsruck diffamieren.

    Im Moment haben wir die Herrschaft einer Minderheit der Fortschrittlichen, die meinen, zu wissen, wie sich die Gesellschaft wandeln muss. Ihnen ist die Demokratie im Herzen suspekt, weil sie all die, die keinen Wandel wollen, für dumm halten. Die Demokratie selbst schickt sich jedoch an, hier korrigierend einzugreifen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Das Erstarken des Populismus, oder die Re-Integration der Konservativen in die Volksparteien. Wie schmerzhaft der Weg wird, hängt davon ab, welche Möglichkeit wir zulassen.