Schlagwort: Regulierung

  • Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    In Deutschland beklagen wir pro Jahr rund 75.000 Tote (nicht gezählt die durch Alkohol verursachten und begünstigten Krebserkrankungen), die aufgrund der Kombination Schnaps und Zigaretten ein paar Jahre früher als ursprünglich geplant ins Gras beißen (davon 30–50 % durch Alkohol alleine, also ohne zusätzliches Suchtmittel). Hinzu kommen jährlich 120 000 Menschen, die sich wegen chronischen Tabakmissbrauchs vorzeitig die Lunge final aus dem Hals gehustet haben. Dem gegenüber stehen 1500 Opfer illegaler Drogen (darunter zwei Drittel durch Opioide = Heroin u. Ä.). Cannabis-Tote = 0.

    Die schiere Masse der Alkoholkranken übersteigt die der anderen Substanzabhängigen um ein Vielfaches. Den überwiegenden Anteil der Patienten in stationären Einrichtungen bildet die Wodkafraktion, mit großem Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatsüchtigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten. Alkohol stellt also die bei Weitem gefährlichste Droge für unsere Bevölkerung dar. Bedrohlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Kein weiterer psychotroper, also auf die Psyche einwirkender, Stoff fordert mehr Menschenleben. Jedes Jahr aufs Neue gehen so in stupider Regelmäßigkeit die oben genannten 75.000 Abhängigen in Folge von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säufergründe ein.

    Trotzdem kann man – sobald das 18. Lebensjahr erreicht ist – Hochprozentiges bei uns genauso einfach kaufen wie Toastbrot und Kondome. Keine nennenswerten Einschränkungen, keine Warnhinweise auf Flaschen, Flachmännern und Dosen, Alkoholwerbung ist in TV und Radio weiterhin erlaubt. Eine derart wachsweiche Vorgehensweise vom selben Gesetzgeber, der bei Besitz von zwei Krümeln Marihuana sofort mit Staatsanwalt und Knast droht? Weshalb dieses eklatante Ungleichgewicht zwischen Schnaps und den anderen harten Drogen? Weil’s ein Kulturding ist? Weil die Politik einen Volksaufstand befürchtet, falls sie mal ernsthaft über Einschränkungen debattiert?

    Experten-Warnungen verhallen ungehört

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Konsequenzen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake News. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt.

    „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-De-Niro-Filmen speisen: „Zwischen 1919 und 1933 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt, allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um 30–50 %. Zwar nicht gleichverteilt zwischen Stadt (dort wurde in den neu entstandenen sogenannten Flüsterkneipen ordentlich gebechert) und Land (das trocknete aufgrund der Schließung der Saloons ziemlich aus), aber der Verbrauch ging dennoch deutlich zurück und erreichte erst Mitte der 70er-Jahre wieder das Niveau von 1918.

    Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht auf einem anderen Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    7 einfache Maßnahmen

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Top-Position im Ranking der globalen Trinkernationen, und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung.

    Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:

    1. Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei uns definitiv zu billig)
    2. Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    3. Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmels willen hat Jägermeister in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    4. keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    5. konsumfreie Räume (z. B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    6. keine Werbung in TV, Radio, Printmedien, auf Plakatwänden und Trikots von Sportvereinen u. Ä.
    7. Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem dritten Weihnachtsmarkt-Glühwein).

    Das würde – unter der Voraussetzung, alle 7 genannten Instrumente gelangten zur Anwendung – zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. So einfach ginge das, fragen Sie?. Ja, so einfach geht das, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und natürlich ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkoholspots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburger-Trinkern und den „Jeder ist für seine Sucht selbst verantwortlich“-Pseudoliberalen auch niemand.

    Und noch einmal: Es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Das menschliche Grundbedürfnis nach Rausch bliebe selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es würde nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Deutschland ist in Blickrichtung auf den ungehinderten Zugang zur Droge Alkohol eines der freizügigsten Länder der Welt. Die Sinnhaftigkeit selbst kleinster Maßnahmen (z. B. kein Verkauf in Tankstellen) wird angezweifelt, zu einem kompletten Werbeverbot will sich niemand durchringen. Die Politik bleibt, was ein konsequentes Gegensteuern bei der offenkundigen Gesundheitsgefährdung anbelangt, zögerlich bis hin zu verharmlosend. Reine Appelle à la „Kenn dein Limit“ fruchten wenig, solange man Alkopops, Bier und Schnaps weiterhin 24/7 an jeder Ecke zu Discountpreisen erwerben kann.

    MERKE
    Wenn Deutschland in einem Bereich liberal ist, dann beim Verkauf von Alkohol. Das führt in der logischen Konsequenz zu überhöhtem Konsum und konstant aus den Nähten platzenden Suchtkliniken. Regulierende Maßnahmen täten dringend not, werden aber nicht ergriffen. Die jährlich 75 000 Alkoholtoten bedanken sich dafür ganz herzlich bei unserem Laissez-faire-Gesetzgeber.

  • Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Unseren abendlichen Glühwein gib uns heute

    Die Adventszeit ist angebrochen. Wir besuchen Weihnachtsmärkte, am liebsten drei pro Woche, trinken dort, sobald die Dunkelheit anbricht, was in dieser Jahreszeit Gottseidank früh geschieht, zum Aufwärmen einen Glühwein, am nächsten Stand einen Met aus Bio-Produktion, machen weiter mit einem Piccolo, bevor wir am Ende nochmal zum Glühwein zurückkehren. Mit einem wohlig warmen Gefühl in der Magengegend und in beschwingter Stimmung setzen wir uns, wenn wir klug sind, danach in die Straßenbahn oder doch lieber ans Steuer unseres japanischen SUVs; denn was soll uns in einer solchen Monsterkarre schon groß passieren? Und den Weg zurück nach Hause finden wir auch leicht angesäuselt. Soviel war’s ja schließlich gar nicht, und das meiste ist eh schon wieder verflogen. Nächste Woche steht die alljährliche Weihnachtsparty im Betrieb auf dem Kalender, auf der wir uns auf Kosten des Chefs alle mal wieder ordentlich volllaufen lassen können. Sobald wir den Megakater auskuriert haben, was je nach Promillespiegel bis zu 48 Stunden dauern kann, freuen wir uns auf Heiligabend mitsamt den ihn einrahmenden Champagner-, Rotwein- und Irischer-Whiskey-aus-Handmanufaktur-Flaschen. An den Feiertagen geht es munter weiter, Silvester ohne Schampus brauchen wir gar nicht erst zu feiern. Dezember = Stresstest für Leber und Neurotransmitter in Groß- und Kleinhirn.

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1

    Alkohol ist die bei weitem gefährlichste Droge im westlichen Kulturraum. Gefährlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Keine andere psychotrope Substanz fordert mehr Menschenleben. Jährlich gehen zigtausend Abhängige aufgrund von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säuferjagdgründe ein. Und genauso wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Alkoholeinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden. Um von all den, sich in psychologischer Behandlung befindenden, Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps bloß den Trinker selbst schädigen, ist ein frommes Märchen, das wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen, die jedem das Recht auf Selbstschädigung zugestehen, stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, um den exzessiven Konsum zumindest partiell einzudämmen.

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Folgen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht so langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake news. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt. „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-DeNiro-Filmen speisen, „Zwischen 1919 und 33 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt: allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um dreißig bis fünfzig Prozent. Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht wieder auf einem anderem Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    Ein halbes Dutzend Maßnahmen reichen aus

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Topposition im Ranking der globalen Trinkernationen und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung. Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:
    (a) Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei definitiv uns zu billig)
    (b) Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    (c) Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmelswillen hat Wodka in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    (d) keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    (e) konsumfreie Räume (z.B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    (f) Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem zweiten Weihnachtsmarkt-Rumpunsch).

    Würde, unter der Voraussetzung, alle sechs oben genannten Instrumente gelangen zur Anwendung, zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. „So einfach ginge das?“, fragen Sie? „Ja, so einfach geht das“, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkohol-Spots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburgertrinkern und den oben genannten Pseudoliberalen auch niemand.

    Und nochmal: es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Grundbedürfnis nach Rausch bleibt unangetastet

    Das Grundbedürfnis nach Rausch bleibt selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es wird nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Und eine Weihnachtsfeier mit Obstsaft-Cocktails und Softdrinks ist durchaus denkbar. Ich mach’s seit knapp zehn Jahren und bin froh, wenn ich am nächsten Morgen mit klarem Kopf aufwache und mich erinnere, dass ich der hübschen Kollegin aus der Exportabteilung zu vorgerückter Stunde keine sexistischen Witze erzählt und dem Chef nicht mit schwerer Zunge endlich mal die Meinung gegeigt habe. Von anderen Weihnachtsfeierpeinlichkeiten à la mit blankem Arsch auf den Kopierer ganz zu schweigen.

    In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne, möglichst alkoholarme, Adventszeit.