Schlagwort: Sachsen

  • Die halluzinierte Meinungsdiktatur

    Die halluzinierte Meinungsdiktatur

    »Man darf nichts mehr sagen«, sagt Jupp.
    »Du hast sie nicht mehr alle«, sage ich.

    »Schreib bloß nicht wieder so viel«, meint sie.
    »Nur zwei, drei Seiten«, sage ich.
    »Maximal eine«, erwidert sie. »Mehr liest eh keiner.«

    Am vergangenen Sonntag wurde in Brandenburg und Sachsen gewählt. Dank der Prognosen, die seit Wochen bekannt waren, kam das Ergebnis dann zwar leicht schockartig, jedoch nicht überraschend. Ich vergleiche es mit einer Krebserkrankung, von der man schon länger ahnt, dass man sie in sich trägt und die, wenn man sich damit endlich zum Arzt traut, von diesem mit trauriger Miene bestätigt wird. Obwohl man wusste, dass es so kommt, ist man in dem Augenblick, in dem es definitiv feststeht, dann doch leicht frustriert, weil man insgeheim gehofft hatte, dass es anders ausgeht. Et es wie et es, sagen wir in Köln dazu. Gefolgt vom schulterzuckenden: Wat wells de maache?

    Es soll in dieser Kolumne nicht darum gehen, ob der Osten brauner tickt als der Westen. Und falls ja, woran das liegt. Darüber wurden schon tonnenweise kluge und weniger kluge Texte veröffentlicht. Mich beschäftigen in dieser Nachbetrachtung speziell zwei Fragestellungen, die mir im Zusammenhang mit dem ständigen Erstarken der Hellblauen von Relevanz zu sein scheinen.
    (A) Stimmt es, dass man heute nicht mehr offen das sagen darf, was man denkt?
    (B) Wie reagieren Politik und Medien auf das Phänomen?

    Deutschland eine Meinungsdiktatur?

    Keine Erzählung – von der angeblichen Gefahr der messermordenden Migranten abgesehen – wird so häufig und mit solcher Inbrunst von den AfD-Funktionären und ihren Followern auf allen Kanälen verbreitet wie die Behauptung, in Deutschland könne man nicht mehr frei das aussprechen, was einen wirklich beschäftigt; dürfen die wahren Probleme allenfalls flüsternd im engen Freundeskreis diskutiert werden. Ich reibe mir dann immer verdutzt die Augen bzw. säubere meine Ohren mit Q-tips, um auch bloß nichts von dem zu verpassen, was da an bisher streng Geheimgehaltenen gleich kommen wird. Und es kommt entweder nichts oder halt Altbekanntes. Dass nämlich Deutschland aufgrund der Migration kurz vor dem Kollaps steht. Ich blicke von meinem Balkon runter auf die Straße, in der viele Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation leben, und überlege, ob der Kollaps spätestens übermorgen droht oder ich ihn eventuell verschlafen habe. Danach gehe zurück ins Wohnzimmer und denke: Wat soll dä Kwatsch?

    Losgelöst vom nicht stattfindenden Kollaps fällt bei genauem Hinhören auf, dass die behauptete Unsagbarkeit weder die AfD-Funktionäre noch deren Fanbasis daran hindert, eigentlich Unsagbares trotzdem fröhlich jeden Tag zu sagen. Da werden munter Schießbefehle an der Grenze, Internierungen auf einsamen Inseln, Reduzierung der Willkommensleistungen auf Null, schnelle Abschiebungen in Bürgerkriegsregionen, Einstellung der Seenotrettung im Mittelmeer gefordert, wird Libyen als sicheres Herkunftsland gepriesen, der syrische Schlächter Assad als gütiger Landesvater hofiert, werden junge Nordafrikaner in toto zu stets gewaltbereiten Sozialschmarotzern deklariert, und bekommt natürlich täglich die Kanzlerin, die an der ganzen Misere die Schuld trägt, ihr Fett weg. Es wird also im Minuten-Stakkato gesagt, was man früher noch nicht mal denken wollte. Und es wird, so lange man niemanden persönlich beleidigt oder Nazi-Vokabular benutzt, auch völlig straffrei, mithin risikolos, gesagt. D.h. jeder kann beispielsweise einen Hochverratsprozess – selbst wenn er mit 95%iger Wahrscheinlichkeit nicht weiß, was dieser Begriff überhaupt beinhaltet – gegen Frau Merkel verlangen, ohne dass ihm für diesen Wahnsinn auch nur eine Anzeige ins Haus flattert. Das hätte der Chemnitzer AfD-Rentner vor 35 Jahren mal bei Honecker versuchen sollen. Im Gerechtigkeitskombinat Bautzen wäre ihm schnell klar geworden, welche Systeme tolerieren, dass man sagen darf, was man denkt – selbst wenn es hanebüchen ist –, und welche Regime allergisch auf freie Meinungsäußerung reagieren.

    Das Märchen, dass wir in der Bundesrepublik nicht sagen dürfen, wo uns der Schuh wirklich drückt, darf man den Hellblauen nicht durchgehen lassen. Wenn sie es mal wieder mit Leichenbittermiene vortragen – wie bspw. der AfD-Vertreter in der Berliner Runde am vergangenen Sonntagabend –, muss die Reaktion lauten: „WAS dürfen Sie nicht sagen?“ und nicht: „Oh doch, bei uns im ZDF dürfen Sie alles sagen“. Schon ist man in die Falle getappt, denn dies impliziert, dass die Menschen außerhalb des liberalen ZDF eventuell doch nicht alles sagen dürfen. So fasste es der Herr von der reaktionären Alternative ja auch sofort auf. Bei der Frage „WAS?“ wird man hingegen feststellen, dass außer Flüchtling-Nordafrika-Messerstecher-Gebrabbel nichts kommt. Denn zu anderen Themen wie Renten, Bildung, Pflege, Infrastrukturausbau, E-Mobilität hat diese Partei einfach nichts zu sagen, weil sie sich mit diesen Problemfeldern gar nicht ernsthaft beschäftigt. Okay, noch ein bisschen mit der Klimalüge, aber das war’s dann schon mit Inhalten.

    Mehr mit den Menschen reden

    Eine am Abend des ersten September von den interviewten Politikern häufig in den Mund genommene Satzschablone lautete: „Wir müssen in Zukunft mehr mit den Menschen reden“. Und ich dachte: Wtf! Das tut ihr doch hoffentlich schon seit Anbeginn der Republik. Kommunikation ist ein integraler Bestandteil eures Jobs. Warum geht ihr den Hellblauen auf den Leim, die frech behaupten, außer ihnen würde niemand mit den Leuten ins Gespräch kommen? Denn „Wir müssen in Zukunft mehr mit den Menschen reden“ impliziert ja genau das: Bisher wurde anscheinend zu wenig kommuniziert.

    Wenn man sich mit Politikern, die etwas abseits des medialen Rampenlichts stehen, unterhält, ergibt sich folgendes Bild: dreißig bis fünfzig (in den parlamentsfreien Wochen) Prozent ihrer Zeit verbringen sie damit, den Kontakt zu den Bürgern zu pflegen. Denn die sind ihre Wähler. Wer mit denen nicht im ständigen Austausch steht, ist bei der nächsten Wahl ratzfatz wieder weg vom Fenster. Jeder Abgeordnete betreibt ein Wahlkreisbüro, bietet regelmäßige Sprechstunden an, tingelt in seinem Wahlkreis von Oberzentrum A über Mittelzentrum F bis hin ins Mikrozentrum Z. Besucht Weinfeste, Firmeneröffnungen, Gewerkschaftsbüros, Betriebsratssitzungen und Jubilare in Altersheimen. Er tut das, weil es (a) ihn von Berufs wegen interessiert (b) für ihn überlebenswichtig ist. Die Erzählung von der abgehobenen Politikerkaste, die vor lauter Staatsbanketten und Auslandsreisen gar nicht mehr weiß, was an der Basis eigentlich Sache ist, gründet genauso auf einem Hirngespinst wie die Mär von der Meinungsdiktatur. Aber – und das ist in diesem Kontext das wichtige Aber – ein Abgeordneter muss nicht zwangsläufig das für richtig erachten oder gar als Antrag im Parlament einbringen, was ihm ein einzelner Bürger insinuieren möchte. Weshalb sollte bspw. ein grüner MdB die Forderung eines Görlitzer Mauer-Nostalgikers nach Stacheldraht und Tellerminen entlang der Neiße mit zurück nach Berlin nehmen, wenn er selbst die Sache völlig anders sieht? Oder ein Sozialdemokrat sich für den Wunsch einer patriotischen Rente erwärmen? Es geht also gar nicht darum, dass die da oben denen da unten nicht zuhören, sondern darum, dass die oben nicht alle das machen, was einige da unten wollen. Prinzip nennt sich Repräsentative Demokratie, ein Konstrukt, das völkisch Denkenden noch nie gefallen hat, weshalb es völlig egal ist, wie viel mit den Rechten geredet wird. So lange man nicht das tut, was sie (also: die Rechten) für dringend notwendig erachten, werden sie stets über die dekadente, den Volkswillen mit Füßen tretende, Hauptstadtpolitikerbande lamentieren. Daran würde auch ein Hochfahren der Bürgerkommunikation auf hundert Prozent Nullkommanichts ändern.

    Kein falsches Verständnis für Unsagbares zeigen

    Um zum Abschluss der Kolumne zu gelangen, denn es sind doch schon wieder drei Seiten geworden: Es wird höchste Zeit, der AfD auf den Feldern, wo sie Unsinn erzählt oder gar offensichtlich Lügenmärchen auftischt, mit harter Replik zu begegnen. Jemand, der sich in einer Meinungsdiktatur wähnt, soll entweder konkrete Beispiele benennen oder, falls es die nicht gibt, er sich aber weiterhin in einer Tyrannis eingesperrt fühlt, zum Psychiater geschickt werden. Jedoch sollten Politik und Medien nicht immer wieder Verständnis für Menschen äußern, die unfassbare Dinge sagen, die wir früher noch nicht mal denken wollten. Andernfalls besteht irgendwann die Gefahr, dass wir uns aufgrund von Phantomschmerzen eine Kopf-OP aufschwatzen lassen, an deren Ende wir dann hirnlos in einer richtigen Meinungsdiktatur aufwachen.

  • Chemnitz – Fanal oder Menetekel?

    Chemnitz – Fanal oder Menetekel?

    Die Szenen, die sich vergangenen Sonntag und Montag in Chemnitz zutrugen, kann man holzschnittartig so beschreiben: Brauner Mob – überwiegend männlich, zum Teil (stark) alkoholisiert – übernimmt für einige Stunden die Regie auf den zentralen Plätzen und Straßen der drittgrößten Stadt Sachsens. Polizei in zu geringer Mannschaftsstärke angerückt lässt die Rechtsradikalen gewähren, ist mit der Situation sichtlich überfordert. Die Hooligans – anscheinend selbst überrascht von der Passivität der Staatsmacht – begnügen sich mit Skandieren rassistischer Parolen, Pöbeln, Zeigen des Hitlergrußes, machohaften Drohgebärden gegenüber Ausländern und einer kleinen Treibjagd auf Migranten. Am Ende des traurigen Schauspiels sind alle froh, dass außer ein paar vollgekotzten Bürgersteigen, angepinkelten Häuserwänden und zerdöpperten Schaufensterscheiben nichts weiter Dramatisches in diesen 48 Stunden passiert ist. Halt eine der im Jahresturnus irgendwo in der Republik aufpoppenden Neonazi-Demos. Schulterzucken, Verweis auf die statistische Wahrscheinlichkeit, Weitermachen im Tagesgeschäft, Sachsen und die Sachsen dürfen in Ruhe weiterwurschteln und wutbürgern. Alles schon erlebt, Heidenau und Hoyerswerda grüßen. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück. Irgendwas ist anders als sonst. Aber was?

    Geheuchelte Krokodilstränen – Trauer sieht anders aus

    Über den fadenscheinigen Auslöser brauchen wir nicht zu sprechen. Der gewaltsame Tod eines Deutschen, geschehen am Samstagabend – der Tat dringend verdächtig sind ein Syrer und ein Iraker – am Rande des Chemnitzer Stadtfestes. Die beiden jungen Männer wurden binnen weniger Stunden gefasst und von der Justiz einkassiert. Dass die Behörden nicht rasch handeln oder gar auf dem Flüchtlingsauge blind sind, konnte man also definitiv nicht behaupten. Spontan hochkochender Wunsch nach Selbstjustiz entfällt ebenfalls als Begründung, denn die zwei Messerstecher saßen ja bereits hinter Gittern. Trotzdem rotteten sich am Sonntag 1000 – am Montag zwischen 5 und 6000 – Menschen zusammen, die nach Rache gierten. Warum?

    Die Rechten interessierten sich natürlich Nullkommanull für den Ermordeten selbst. Der war Halb-Kubaner, galt politisch als eher linksstehend. Stille Trauer sieht anders aus. Es ging mal wieder um zu viele Ausländer in Sachsen, importierte Kriminalität und „Merkel trägt die Schuld an unserem Elend“. Eigentlich ein stinklangweiliger Dauergähner, von dem man als unpolitischer Normalbürger hofft, dass er sich irgendwann aufgrund Überstrapazierung des Themas von selbst totläuft. Aber dem ist – wie Chemnitz eindrucksvoll bewiesen hat – nicht so.

    Die Politik jenseits der AfD zeigt sich entsetzt, in den sozialen Medien wird darüber diskutiert, ob Volkes Zorn nicht doch berechtigt gewesen sei, die Presse äußert Abscheu. Altbekannte Reflexe und Rituale. Die Nicht-Distanzierung der Hellblauen war vorherzusehen, überrascht hat ein bisschen das Rumlavieren des Innenministers. Vielleicht hat es auch nicht überrascht, weil die CSU seit Monaten versucht, bei den AfD-Anhängern zu punkten. Es ist halt dumm gelaufen, so was passiert eben hin und wieder, kein Grund zur Besorgnis, wir haben die Lage im Griff, rechte Gewalt ist allenfalls ein winziges Randproblem.

    Die Statistik zeigt Richtung Osten

    Ohne nun aber den Chemnitzern und Sachsen zu nahe treten zu wollen, müssen dennoch ein paar Fragen erlaubt sein:

    (A) Kann es sein, dass die Polizei bei rechten Krawallen weniger scharf einschreitet als bei linken Aufmärschen? Vor allem im Osten der Republik scheint das der Fall zu sein
    (B) Warum diese Häufung in den Neuen Bundesländern?
    (C) Welche Maßnahmen sind geplant, damit sich Vorfälle dieser Größenordnung und Intensität nicht wiederholen?
    (D) Wurden wir Zeugen eines Wendepunkts in der Verharmlosung rechter Gewalt, oder markiert Chemnitz den Auftakt zu weiteren Exzessen?

    Die größere Anzahl an politisch motivierten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund in den Neuen Bundesländern ist nun mal nicht zu leugnen. Die Statistik weist (auf jeweils 100.000 Einwohner bemessen) folgende Zahlen auf:

    5,21 MVP – 4,52 Sachsen-Anhalt – 3,29 Thüringen – 2,80 Brandenburg – 2,80 Berlin – 2,33 Sachsen.

    Dem gegenüber stehen:
    1,50 Ba-Wü – 1,15 NRW – 0,59 Hamburg – 0,53 Bayern – 0,26 Hessen.

    Quelle: Verfassungsschutz, Statista (gefunden in: General-Anzeiger, Bonn: 28.08.2018)

    Die Gründe mögen mannigfaltig sein:

    Dennoch kommt man, spätestens seit der Exzesse von Chemnitz, die aber im Grunde nur überdeutlich sichtbar machen, was in Sachsen schon längst virulent ist, nicht umhin, sich der Frage zu stellen, was dort politisch, institutionell und gesellschaftlich in überproportionaler Häufigkeit völlig aus dem Ruder läuft? Eine seit Jahren erschütternd hohe Zahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten, höchster Stimmanteil der AfD bei der letzen Bundestagswahl, ein an Rechtsdrift nicht zu überbietender CDU-Landesverband, eine immer wieder durch rechte Parteinahme unangenehm auffällig Exekutive, mehrfache pogromähnliche Ausschreitungen an diversen Orten (Heidenau, Freital, Jahnsdorf etc.), ungebrochener Zulauf für hetzerische und auf Spaltung abzielende Initiativen wie PEGIDA und deren wohlwollend-relativierende Begleitung örtlicher Medien und Wissenschaftler etc.pp.
    < aus einer Facebook-Diskussion zum Thema „Chemnitz“ >

    Auffallend ist, dass sich diejenigen am fremdenfeindlichsten gerieren, die den wenigsten Kontakt mit Migranten haben. Vergleichbar einem Abt, der seit Jahrzehnten abgeschieden hinter meterhohen Klostermauern lebt und seinen Mönchen sonntags von der Kanzel über die Verderbtheit und Geilheit des Weibes predigt. Sich über eine Sache aufregen, von der man selbst keinen blassen Dunst hat, damit aber Hexenverfolgung und Pogromstimmung lostreten.

    Fanal oder Menetekel?

    Über (A), (B) und (C) wurde schon eine Menge publiziert, weshalb ich mich hier vor allem auf (D) konzentrieren möchte: Wende- oder Ausgangspunkt (?)

    Es existieren – wiederum holzschnittartig vereinfacht – zwei mögliche Entwicklungspfade post Chemnitz:

    Die Politik fängt endlich an, das Thema Rechtsradikalismus nach ganz oben auf die Agenda zu setzen. Und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern garniert mit konkreten Maßnahmen gegen die – zum Teil den Behörden seit langem bekannte – Szene. Parteien, die sich knapp vor der Grenzlinie zur Staatsfeindlichkeit befinden, – wenn man sie schon nicht verbieten kann – zumindest vom Verfassungsschutz beobachten lassen. Und Inlandsgeheimdienst sowie Polizei konsequent von Kollaborateuren bereinigen. Politiker sollten sich – Wahlkampf hin oder her – hüten, Verständnis für rassistisch motivierten Mob und mitmarschierende Wutbürger zu äußern, und damit den Extremen in die Hände zu spielen. Es muss ein allgemeinverbindlicher Grundkonsens für alle Fraktionen – egal ob schwarz, rot, grün oder gelb – existieren, der besagt: Sobald sich Nazis zusammenrotten und Jagd auf Menschen machen, ist Schluss mit lustig.

    Das wäre die Variante Fanal: Handlung als weithin erkennbares Zeichen, das eine Veränderung angestrebt wird.

    Aber während ich diese Zeilen tippe, merke ich selbst, dass ich mich einer gutmenschlichen Illusion hingebe. Kaum ist der Rauch der Bengalos in Chemnitz verflogen, geht es sofort los mit Schuldzuweisungen:

    Wurzeln für Ausschreitungen liegen im ‚Wir-schaffen-das‘ von Merkel“
    Wo er Recht hat, hat er Recht.
    © Nicola Beer in einem Tweet zu einer Aussage von Wolfgang Kubicki

    Zum einen wird der monokausale Unsinn durch ständige Wiederholung nicht wahrer, zum anderen ist der Gedanke zu kurz gesprungen. Denn der Faschismus klopft beharrlich wie ein winterschlafender Alien in unserer deutschen Brust. Zwanzig Prozent der Bevölkerung gelten als anfällig für braunes Gedankengut. In guten Zeiten schlummert die Bestie, wird Nazikram hinter vorgehaltener Hand geflüstert und spätabends an einigen Stammtischen das Horst-Wessel-Lied gegrölt. Periodisch schlüpft das Ungeheuer, ist anfangs klein, aber bereits äußerst aggressiv und gewalttätig, und es hängt nun von Schnelligkeit und Entschlossenheit der Gegner ab, welches Schicksal es erleidet. Wird zu lange mit wirksamen Abwehrmaßnahmen gezögert, spürt die Mörderspinne, dass Gegenwehr unterbleibt, legt sie ihre Eier in der Nachbarschaft, die Krawalle breiten sich auf weitere Städte aus und binnen weniger Wochen entsteht ein kaum noch zu stoppender Flächenbrand. Teile der Konservativen laufen zu den Rechten über, der Rest des Bürgertums, längst in Schockstarre und in Sorge ums eigene Reihenhaus und den BMW vor der Haustür verfallen, wird überrumpelt. Die zweite Demokratie auf deutschem Boden taumelt ihrem Finale entgegen.

    Das wäre dann die Variante Menetekel: Anzeichen eines drohenden Unheils. Gemäß Altem Testament mit Blut an eine Wand im Palast des babylonischen Königs Belsazar geschrieben.

    51-49-Prognose

    Warum so pessimistisch alter Griesgram, fragen Sie? Die Sonne scheint, das Mittagessen steht auf dem Tisch, danach ein kurzes Verdauungsschläfchen, und die Welt sieht im Anschluss wieder heiter aus. Vielleicht haben Sie Recht. Mit zunehmendem Alter wird man eben schwermütiger und erinnert sich an den im Studium zum ersten Mal gelesenen Spruch von Hobbes – den dieser wiederum von Plautus geklaut hatte –: Homo homini lupus. Aber manchmal, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, wacht man am nächsten Morgen auf, schaltet verpennt das Radio an und erfährt erschrocken, dass es doch noch schlimmer geht.

    Ob wir in Chemnitz den Anfang vom Ende des offen zur Schau gestellten Rechtsradikalismus erleben durften? Nachdem, was ich im Nachgang gelesen, in den Nachrichten an Interviews gehört habe, bin ich da skeptisch. Ich sehe weit und breit keinen Verantwortlichen, der bereit ist, die Axt mit vollem Schwung in die Wurzel des Übels zu schlagen. Es wird bei wohlklingenden Reden und dem Ergreifen einiger kleiner Kurskorrekturen bleiben. Wie schon beim NSU-Prozess lässt sich der Staat von den Rechten und ihren beamteten Sympathisanten auf der Nase rumtanzen.

    Und so schätze ich die Wahrscheinlichkeiten für Menetekel auf 51 und Fanal 49 Prozent ein.

    PS. Und es bedeutet KEIN Sachsen-Bashing, wenn man darauf hinweist, dass dort seit Jahren eine zu laxe Politik in Blickrichtung auf die Aktivitäten der rechten Szene betrieben wird. Dasselbe würde man als Kommentator ebenfalls sagen, wenn die Krawalle vermehrt in Hamburg, Baden-Württemberg oder NRW stattfänden. Der Vorwurf der unzulässigen Pauschalisierung ist nichts anderes als der durchsichtige Versuch, die Angelegenheit kleinzureden

  • Sachsen ist eh verloren, oder?

    Sachsen ist eh verloren, oder?

    Sachsen ist eh verloren, oder?

    fragte ich vor zwei Tagen in meinem Facebookprofil. Unterlegt mit dem Hashtag: #pegidawirkt. Auslöser war die Behinderung eines TV-Teams vergangene Woche durch die Dresdner Polizei gewesen. Und ich erntete damit binnen weniger Stunden eine Flut an Kommentaren. Was mir wieder mal vor Augen führte, dass ein kurzer, knackiger Satz deutlich mehr Reaktionen auslöst als eine Kolumne über Bukowski-Gedichte.

    Reaktionen in Facebook

    Die Antworten streuten breit. Reichten von:

    Ja!

    Yep. Wird wohl über kurz oder lang absaufen – und kein Westdeutscher wird Lust haben, die Pegida-Stadt nochmal zu retten. Dresden ist mein erster Gedanke nicht: „Wow, Frauenkirche!“, sondern „Scheiße, Pegida!“

    Ich würde da jedenfalls keinen Urlaub buchen wollen

    über:

    Wegen einer Minderheit?

    Pegida ist ein großes Problem, leider. Rassismus ist immer ein Problem, überall.

    Sachsen ist verloren!? Aus nordrhein-westfälischer Sicht nahezu zynisch.

    bis hin zu:

    NEIN!

    Leipzig ist großartig.

    Ich beobachte fasziniert, wie alternde, westdeutsche Männer sich hier zwischen pauschaler Verurteilung und arroganter Gönnerhaftigkeit ereifern.

    Vorab: niemand bezweifelt ernsthaft, dass im Freistaat nette Menschen leben, mit denen man sich tagsüber auf einen Cappuccino in der Eisdiele und abends zum Bier in der Eckkneipe verabreden kann. Auch soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten dort ihr Kreuz (noch) bei Parteien der Mitte setzt. Allerdings sind seit Jahren besorgniserregende Entwicklungen zwischen Plauen und Görlitz nunmal leider nicht zu leugnen: die AfD stärkste Kraft bei der letzten Bundestagswahl, Pegida marschiert wöchentlich in Dresden, die Kanzlerin benötigt doppelten Personenschutz, wenn sie Frauenkirche und Semperoper besucht, CDU und FDP sind deutlich reaktionärer als im Rest der Republik, Teile von Verwaltung und Polizei gelten als Wutbürger-infiziert.

    Es scheint mir deshalb publizistisch pointiert völlig legitim zu sein, die Frage „Ist Sachsen schon verloren?“ in die mediale Arena zu werfen. Klar, klingt das sehr plakativ, aber ich habe schon weitaus polemischere Sachen in der Presse gelesen.

    Opfersprech ersetzt die Selbstkritik

    Die Antwort kann durchaus „NEIN!“ lauten. „Nein, Sachsen ist keinesfalls verloren, weil …“. Und mit diesem WEIL sollten wir uns nun ein paar Minuten beschäftigen, denn hier wird es spannend. Als mögliche Begründungen fürs Nein erfolgten nämlich nur vereinzelt belastbare Sachargumente.  Argumente, die den „arroganten“ Wessi aufgrund Plausibilität überzeugen. Stattdessen darf man sich folgende Litanei anhören:

    Das Schlimme ist, dass viele Westdeutsche sich arrogant verhalten

    Genau wegen dieser westdeutschen Arroganz sieht es heute im osten so verheerend aus. Das wäre im Westen alles nicht anders, wenn die wirtschaftliche Lage entsprechend schlecht wäre. Weiß nur im fetten Westen niemand- und interessiert keinen

    Aber mancher wird auch zum „Wutbürger“ ob dieser Herrscher Mentalität mit der über den Osten bestimmt und geurteilt wird. Da ist wirklich viel berechtigter Frust im Spiel.

    diese ständige Ost-West-Hetze, denn um was anderes geht es doch gar nicht!

    Du spielst darauf an, dass der Westen den Osten wirtschaftlich bis zum letzten Tropfen gierig ausgesaugt hat und jetzt die leere Hülle verwundert fallen lassen will?

    ja, aber die verbrechen der Treuhand sind nun einmal geschehen

    Das ist – sorry, dass ich das hier so deutlich anmerken muss – typischer Opfersprech. Erinnert mich an die Rechtfertigungen meiner Großeltern, wenn sie mir ihr Denken und Verhalten in den gruseligen zwölf Jahren von 1933 bis 45 nahebringen wollten. Als Jugendlicher, indoktriniert von linksgrün versifften Studienräten, wie es sie in den 70ern zuhauf in den Kölner Gymnasien gab, interessierte ich mich ja schon dafür, wie meine nahen Verwandten das Aufkommen des Nationalsozialismus erklären wollten. Die Antworten lauteten:
    ▪ Das Versailler Friedensdiktat war zu hart
    ▪ Die Reparationen haben uns an den Rand des Ruins gebracht
    ▪ Die bürgerlichen Parteien waren zerstritten, viele Politiker unfähig
    ▪ Es fehlte jegliche Ordnung, wir fürchteten um die innere Sicherheit
    ▪ Unser nationaler Stolz war im Eimer
    ▪ Wir haben während des Kriegs und in den Jahren danach gehungert und gefroren
    ▪ Man hat uns getäuscht.

    Man selbst war nie Täter, allenfalls kleiner Mitläufer, letztlich aber auch nur ein Opfer des Regimes und der unglücklichen Umstände. Kein Wort darüber, ob man persönlich Schuld auf sich geladen hatte. Und sei es nur dadurch passiert, dass man die NSDAP gewählt, die Beseitigung der Demokratie begrüßt und den Eintritt in den Krieg bejubelt hatte. Hatte man zwar alles getan, jedoch aufgrund einer Täuschung. Eigenverantwortung fürs persönliche Tun? Komplette Fehlanzeige.

    Am Ende von Weimar wurde ähnlich argumentiert wie heute in Dresden

    Relativ problemlos ließen sich austauschen: Versailles gegen die Treuhand, zerstrittene Bürgerliche gegen Altparteien sowie gekränkter nationaler Stolz gegen ramponiertes ostdeutsches Selbstbewusstsein.  Die Phobie, 24/7 in einem Vollkasko geschützten Raum leben zu wollen, war damals genauso verbreitet wie heute; hinters Licht geführt wurden wir in den 20ern und werden es weiterhin noch im Sommer 2018. Von wem: Politik, Lügenpresse, dem global agierenden Finanzkapital?

    An den Haaren herbeigezogene Parallelen, meinen Sie? Hoffentlich. Denn mir persönlich bereiten die Ähnlichkeiten schon Sorge. Der Wir-wollen-einfache-Antworten-Wahn ging damals nicht gut aus, ebnete den Weg zu einer Schreckensherrschaft, zog eine Spur der Verwüstung durch den Kontinent, bevor der Spuk zwölf Jahre später von den Alliierten beendet wurde.

    Es steht zu vermuten – auch wenn sich Geschichte nicht eins zu eins wiederholt –. dass wir im Osten der Republik Zeugen der Wiedergeburt einer Entwicklung werden, die wir im Westen seit langem überwunden geglaubt hatten: Rückbesinnung aufs Nationale, Abkapselung, Abwehr von allem, das fremd aussieht, gepaart mit dem Gefühl, ständiger Verlierer zu sein, ausgebeutet und nicht ernst genommen zu werden. Erschwerend kommen aus meiner Beobachtung weitgehende Unfähigkeit zur Selbstkritik und Hyperempfindlichkeit dazu.

    So lange sich Teile der ostdeutschen Bevölkerung in ihrer künstlichen Opferrolle gefallen, jede Frage und jeden Ratschlag als westliche Arroganz brandmarken, von Wahl zu Wahl mehr Kreuze bei der AfD setzen – so lange wird es mit dem emotionalen Zusammenwachsen der beiden Hälften schwierig bleiben.