Schlagwort: Selbsthilfegruppe

  • Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol

    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol

    Nun wollen wir uns mit dem zweiten essenziellen Baustein fürs Überleben in der rauen Wirklichkeit beschäftigen – der Selbsthilfegruppe Alkohol, kurz SHG.

    Wer dauerhaft trocken bleiben möchte, kommt um den Besuch einer SHG nicht herum. Was soll ich da? Die können mir auch nicht helfen; stinklangweilig, sagen Sie? Dann haben Sie die Sache immer noch nicht verstanden, antworte ich.

    Speziell am Beginn der Abstinenz ist es wichtig, sich beständig mit Gleichgesinnten auszutauschen, sich in der Gruppe mitzuteilen, zu öffnen, zu berichten, weshalb der Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen ist, ehrlich zu sein und sich an Kritik zu gewöhnen. Man kann den anderen Teilnehmern nahezu alles beichten, sie hören geduldig zu, geben Tipps, wie man die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen kann, vertrauen dir ihre Telefonnummern an, damit du sie anrufst und redest, anstatt deprimiert zur Flasche zu greifen. Nur eines darf man nicht tun: Unsinn zum Besten geben oder die Gruppe gar anlügen. In diesem Fall können die Reaktionen heftig ausfallen. Ein Fehler, den Neulinge gerne machen, weil sie die Expertise ihres Publikums unterschätzen. Bei den Treffen kann es deshalb schnell ungemütlich werden, sobald sich ein Teilnehmer entweder als lernresistent erweist oder gar gegen den Kodex der Abstinenz verstößt.

    Die Geschichte von Kalle, dem Lokführer

    Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern die Geschichte von Kalle, dem Lokführer. Den lernte ich vor Jahren beim Kreuzbund kennen. Was Karl-Heinz, wie er mit vollem Namen hieß, zugestoßen war,kann man mit Fug und Recht als unglücklich bezeichnen. An einem noch nicht lange zurückliegenden nasskalten und neblig-trüben Novemberabend stand ein 56-jähriger Prokurist auf dem Geländer einer Brücke, die sich über die Bahnstrecke Köln-Koblenz spannt, und sprang von dort vor den mit Tempo 100 heranbrausenden Regionalzug, und zwar frontal auf die Rundumverglasung des Führerhauses, wo der Schädel des Unglücklichen vor Kalles Augen platzte, und der Körper langsam nach unten glitt, um von den Rädern der Doppelstockwagen völlig zermalmt zu werden. Mit der rechten Hand hielt der Mann noch seine Aktentasche fest umklammert.

    Die doppelte Tragik bestand darin, dass Karl-Heinz die Route an diesem Tag nur deshalb befuhr, weil er für einen kurzfristig erkrankten Kollegen eingesprungen war. Wie oft hatte er uns erklärt, dass er den Moment verfluchen würde, in dem er sich gutmütig dazu hatte überreden lassen, die Rheinseite zu wechseln. Kalle haderte seitdem mit sich und der Welt und trank mehr, als für ihn bekömmlich war.

    Nach einigen Wochen fielen seine krankheitsbedingten Fehlzeiten und die Schnapsfahne, die er trotz kiloweise Pfefferminzpastillen nicht dauerhaft übertünchen konnte, sowohl Kollegen als auch Vorgesetzten auf. Da ein Lokführer mit Alkohol im Blut eine potenzielle Gefahr für Passagiere und Allgemeinheit darstellt, beorderte ihn sein Chef zum außerplanmäßigen Routinecheck beim Betriebsarzt. Leberwerte im Keller, die allgemeine Konstitution glich eher einem 60- denn einem 40-jährigen, einfachste Denksportaufgaben bereiteten Karl-Heinz große Mühe.

    Warum keine Schwarzwälder-Kirschtorte?

    Nach Rücksprache mit einer auf Suchtfragen spezialisierten Psychologin wurde Kalle bis auf Weiteres vom Dienst suspendiert mit der Auflage, sich einer ambulanten Therapie zu unterziehen. Hierzu gehörte ebenfalls der Besuch der Dienstagabend-Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds. Und jetzt saß er seit nunmehr über sechs Monaten in unserer Runde, lamentierte und erzählte in Dauerschleife immer wieder denselben traurigen Hergang. Nachdem wir ihm anfangs mit offenen Mündern gelauscht und mehrmals unser Bedauern über den unseligen Vorfall ausgesprochen hatten, ermüdete uns die Story mittlerweile doch sehr.

    „Passiert ist passiert. Kannst du heute eh nicht mehr ändern“, pflegtenwir ihm zu antworten. Jedoch stellte ihn unsere Reaktion nie länger als zehn Minuten zufrieden; dann meldete er sich erneut zu Wort, um uns eine weitere Einzelheit des Unglücks, die wir angeblich noch nicht kannten, zu schildern. Eine SHG-Nervensäge, wie man sie in vielen Gruppen antrifft und die es stoisch zu ertragen gilt. Mit allerdings der Besonderheit, dass Kalle nicht ganz freiwillig bei uns war, sondern einer Anweisung seines Arbeitgebers folgte.

    Mit zunehmender Dauer des Programms – seine ambulante Therapie war auf eineinhalb Jahre ausgelegt – wurde Karl-Heinz zusehends empfindlicher in Bezug auf Kritik. Und Kritik am Sprecher ist beim Kreuzbund – im Unterschied zu den Anonymen Alkoholikern – erlaubt und wurde von der Gruppe auch bei jeder Sitzung praktiziert. Denn instinktiv spürten wir, dass Kalle keine Fortschritte machte. Weder war er willens, uns die Brückenspringer-Geschichte zu ersparen, obwohl wir sie mittlerweile auswendig mitmurmeln konnten, noch zeigte er Einsicht, dass sein Alkoholproblem älter war als das tragische Unglück und der Novemberabend den finalen Auslöser, aber nicht den Urgrund bildete.

    Darauf angesprochen beharrte er störrisch darauf, bis zu diesem Datum nur hin und wieder ein Gläschen getrunken und erst imNachgang des Unfalls zur Flasche gegriffen zu haben. Ein Märchen, das schon deshalb nicht stimmen konnte, weil seine Leberwerte, die wir kannten, glasklar auf jahrelangen Missbrauch hindeuteten. Sobald wir ihm das auf den Kopf zusagten, sprang er beleidigt auf und wollte das Meeting verlassen. Was er jedoch nicht durfte, weil er sonst gegen seine Reha-Auflage verstoßen hätte. So blieb er dann den Rest des Abends missmutig sitzen und grummelte vor sich hin.

    Als er uns im Sommer die Nachricht übermittelte, er habe sich am Nachmittag zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte schmecken lassen, da sei überhaupt nichts Schlimmes dabei, brach der zu erwartende Kritik-Tsunami über Kalle herein, denn in unserer Gruppe gab es viele strenge Abstinenzler, die von Schwarzwälder-Kirschtorte-Experimenten überhaupt nichts hielten. Er sei leichtsinnig, würde grob-fahrlässig das in ihn gesetzte Vertrauen aufs Spiel setzen, liefe Gefahr, aus dem Programm zu fliegen und damit seinen Job zu verlieren. Karl-Heinz lief rot an, schrie: „Ihr könnt mich alle mal!“, sprang auf und knallte die Tür hinter sich zu.

    „Das war’s“, sagte ich, „Den sehen wir nie wieder.“

    „Wenn er im Programm bleiben will, kommt er zurück“, meinte Regina, die an diesem Tag die Gruppe leitete.

    „Der lässt sich gleich volllaufen. Dem ist das Programm heute völlig egal.“

    „Wenn er einen Rückfall baut, bin ich gespannt, ob er uns darüber offen berichten wird“, sagte Reinhold, der neben mir saß.

    „Falls nein, dann ist hier Ende Gelände. Muss er sich ’ne andere Gruppe suchen, die sich Woche für Woche geduldig seine Lügengeschichten anhört“, sprach Regina das Schlusswort.

    Selbsthilfegruppe Alkohol: Kuschelprogramm?

    Klingt alles sehr streng in Ihren Ohren? Selbsthilfe ist kein Kuschelkurs. Natürlich können Rückfälle passieren und diese werden von der Gruppe auch verziehen. Allerdings muss der Konsum ohne Wenn und Aber zugegeben und aufrichtig bereut werden. Andernfalls droht der Ausschluss.

    Der Grundgedanke lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Mitglieder schildern ihren Alltag, erzählen von ihren Sorgen und Erfolgen. Sie ermuntern sich gegenseitig, in dem Bemühen um Abstinenz nicht nachzulassen. Jeder spricht nur über sich, Zuhören ist wichtig, Vertraulichkeit wird garantiert. In vielen Gruppen gibt es Paten, die sich um die Neuankömmlinge kümmern. Die kann man, wenn man Saufdruck verspürt, auch mitten in der Nacht anrufen und so lange mit ihnen quatschen, bis man sich wieder beruhigt hat. Ohne Scheu und Hemmungen, denn die Paten haben das alles selbst erlebt. Hier unterstützen Praktiker den Praktiker. Was nicht heißen soll, dass man nicht ebenfalls klugscheißende Idioten in den SHGs antrifft. Weshalb sollte es dort anders sein als im realen Leben oder in der Suchtklinik? Die Bereitschaft zuzuhören und im Bedarfsfall zu helfen, ist allerdings groß. Genau das ist schließlich das Erfolgsrezept der Gruppen.

    Selbsthilfe für Suchtkranke wird von mehreren Organisationen angeboten. Die bekanntesten heißen: Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler, Diakonie, Freundeskreise und Anonyme Alkoholiker (AA). Einen Sonderfall stellt die therapeutische Gruppe (TG) dar, die von einem Psychologen geleitet wird. Diese Variante ist allerdings gebührenpflichtig. Die Übernahme der Kosten kann bei der Krankenkasse beantragt werden. Insgesamt gibt es rund 7.000 Gruppen mit geschätzt zwischen 80.000 und 100.000 regelmäßigen Besuchern in Deutschland.

    Die Treffen dauern zumeist 90 bis 120 Minuten, maximal drei Stunden. Während sich Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler etc. einzig in der Zusammensetzung der jeweiligen Teilnehmer unterscheiden und ansonsten vom Ablauf der Sitzungen her identisch sind, hebt sich das Konzept der AA doch etwas ab. Hier sind keine Fragen an den Vortragenden erlaubt. Diese Vorgehensweise soll sicherstellen, dass niemand aufgrund befürchteter Kritik schweigt. Die Teilnehmer berichten deshalb sehr offen; das Prinzip des Nichtunterbrechens führt jedoch mitunter zu langen, ermüdenden Monologen.

    Mir hat das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker vor 15 Jahren sehr dabei geholfen, den ersten Monat der Abstinenz zu meistern. So brachte ich die abendliche Hochrisiko-Rückfallzeit im geschützten Raum gut hinter mich. Das muss nicht jeder so machen, allerdings empfehle ich, anfangs lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Versammlung aufzusuchen.

    Jeder Neuling sollte ein paar SHGs testen, bevor er sich für die für ihn am besten geeignete entscheidet. Die Entschuldigung „Ich habe nichts gefunden, das zu mir passt“ bedeutet bloß, dass Sie keinen Bock haben, unverblümt über Ihr Problem zu sprechen. Zwischen der Weigerung, sich zu öffnen, hin zum nächsten Testlauf mit dem Alkohol steht bei vielen Trinkern nur ein kleines Glas Bier.

    Nicht jeder, der zufrieden drogenfrei lebt, kreuzt zwar regelmäßig in einer Gruppe auf, aber gerade in der Anfangszeit der Umgewöhnung ist es enorm wichtig, den häufigen Kontakt zu anderen Ausstiegswilligen zu suchen und zu begreifen, dass man nicht der Einzige ist, der den harten Kampf gegen seine Dämonen aufgenommen hat. Gemeinsam kämpft es sich doch gleich um einiges leichter. Es schadet nicht, wenn man diese Angewohnheit auch noch in Jahr 10 oder 20 oder 30 der Abstinenz beibehält.

    Wobei der Rhythmus der Besuche individuell ist. Ich kenne einige, denen es reicht, im Ein-Jahre-Turnus bei einem Meeting aufzukreuzen, dort stumm zuzuhören, zu verschwinden und erst zwölf Monate später wieder bei den AA gesehen zu werden. Die es aber trotz dieser stark reduzierten SHG-Präsenz schaffen, abstinent über die Runden zu kommen. Das ist der Typ Einzelkämpfer. Der ist jedoch eher selten vertreten. Dem Ich-brauche-Gleichgesinnte-um-stabil-zubleiben-Kandidaten begegnet man weitaus häufiger. Falls Sie sich unsicher sind, welcher der beiden Ausprägungen Sie angehören: im Zweifelsfall besser die Ich-brauche-Gleichgesinnte-Variante ankreuzen.

    Selbsthilfegruppe Alkohol: ernüchternde Statistik

    Hier eine ernüchternde oder aufmunternde Statistik – kommt auf den Blickwinkel an, aus dem Sie die Zahlen betrachten:

    Statistik: Länge der Abstinenz in Jahren

    Quelle: Anonyme Alkoholiker (mehrjährige Zufallsstichprobe unter AA-Meeting-Teilnehmern)

    Sind ja zum Ende hin nicht gerade viele, die übrig bleiben, geben Sie zu bedenken? Wer sagt denn, dass Sie nach der ganzen Sauferei noch mehr als 25 Jahre vor sich haben?, antworte ich. Ohne SHG sähe Ihre Überlebensprognose deutlich düsterer aus. Vielleicht haben Sie ja Glück und sind bei den 10 %, die es zwei Jahrzehnte schaffen, die Finger vom Fusel wegzulassen. Eine 100-%-Garantie auf den Nicht-Rückfall gibt es eben nicht. Liegt nur an Ihnen, was Sie aus Ihrem trockenen Leben machen und wie lange es Ihnen gelingt, die Abstinenz durchzuziehen.

    Selbsthilfegruppen sind – vor allem zu Beginn der Abstinenz – der Garant dafür, die ersten superschwierigen Monate trocken zu bleiben. Welche Sie besuchen, ist egal. Hauptsache, Sie besuchen eine.

    Was mit Kalle passiert ist, wollen Sie noch wissen? Keine Ahnung. Aufgetaucht ist er bei uns nicht mehr. Auch in anderen Gruppen im regionalen Umkreis wurde er nicht gesichtet. Man munkelte damals, er habe das Programm noch am selben Abend geschmissen, den Job als Lokführer an den Nagel gehängt, die Stadt verlassen und tränke nun mehr als vorher. Ob das alles stimmt, kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe für ihn, dass er die Kurve trotz der Schwarzwälder Kirschtorte doch irgendwie hinbekommen hat.

    Etappenziel 7
    Sie haben erkannt, wie immens wichtig der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe für Sie ist.
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    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550
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    In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Den Schalter im Kopf umlegen.

  • Trocken bleiben … aber wie?

    Trocken bleiben … aber wie?

    Im vergangenen Jahr bat mich die TrokkenPresse um einen Erfahrungsbericht, in dem ich in kurzen Worten schildern möge, wie ich es schaffte, nach 20 Jahren grob fahrlässiger Trinkerei mit dem Wahnsinn aufzuhören und seitdem trocken zu bleiben. Dieser Text wurde nun im Rahmen einer Anthologie publiziert. Da der Beitrag thematisch halbwegs zur aktuellen Fastenzeit passt, veröffentliche ich ihn auch hier bei den Kolumnisten. Wobei 6 Wochen Trinkpause nicht dasselbe sind wie (lebenslange) Abstinenz. Aber 40 Tage ohne Droge sind schon mal ein guter Anfang.

    Überschrieben hatte ich den Bericht mit: „Ich habe meine Portion Demut gelernt“:
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    Nach 30 Entzügen, einem Dutzend Aufenthalten in Intensivstationen und zwei Langzeittherapien gelang mir im Oktober 2011 endlich der Einstieg in die Abstinenz. 5 Sekunden vor 12. Viel länger hätte ich meine (zum Schluss hin: Hardcore-) Sauferei nicht überlebt.

    Weshalb benötigte ich so viel Zeit, um den Irrsinn zu begreifen, den ich seit meiner Jugend betrieb: Raubbau am Körper, Verlust des Arbeitsplatzes, Abhandenkommen sämtlicher sozialer Kontakte, Abgleiten in den finanziellen Ruin? Denn dass ich Alkoholiker bin und dringend eine 180°-Kehrtwende herbeiführen muss, wusste ich ja schon seit Jahren. Warum also dieser gewaltige Anlauf, um mich ans sichere Ufer zu retten?

    Die Antwort ist dreigeteilt – ich:
     war innerlich nicht bereit, mich auf die Abstinenz einzulassen
     gab mich dem Irrglauben hin, die Sache im Griff zu haben
     musste ganz unten ankommen, um die Reißleine zu ziehen.

    5 Jahre von der Einsicht bis zum Betätigen des Stoppschalters

    Zu der Einsicht, dass ich alkoholkrank bin, der Kontrollverlust irreversibel ist, war ich bereits an Tag 1 von Entgiftung Nummer 1 gelangt. Niemand wird in eine Suchtklinik eingeliefert, der nicht abhängig von einer Substanz ist, hatte mir der Aufnahmearzt erklärt, und das leuchtete mir durchaus ein. Ich war also kein Risikotrinker mehr, sondern ab sofort ein richtiger Alkoholiker. Bloß leitete ich aus dieser Erkenntnis nicht die notwendigen Schritte ab, begnügte mich mit kurzen Trinkunterbrechungen, anstatt komplett auf die Bremse zu treten. Sobald eine Pause 14 Tage oder gar drei Wochen andauerte, ploppte sofort der Gedanke auf: Seht her, ich habe alles unter Kontrolle. Und von da bis zum ersten Glas Bier dauerte es nicht länger als die Fahrt zum nächsten Supermarkt. 30x wiederholte ich das Experiment. Wider besseres Wissen. Auf gut Glück. Und 30x ging es erwartungsgemäß schief. Der Jetzt-oder-nie-Moment war vor elf Jahren erreicht: Wenn ich es dieses Mal nicht packte, würde ich es niemals mehr schaffen. Das spürte ich genau. Ich wusste, hier ist nun die ultimativ letzte Weggabelung erreicht. Wenn ich nicht sofort in die richtige Richtung abbiege, werde ich mich binnen kurz oder lang zu Tode saufen.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Augenblick, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Dusel als die anderen bzw. Gott würfelt gerne. Das würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn wie die meisten Ausstiegwilligen – jedoch Noch-nicht-Ausstiegsbereiten – hatte ich lange Zeit auf diesen einen Tag X hingearbeitet: vorangegangen waren zahllose Stunden in Gruppentherapien und Einzelgespräche mit Psychologen. Verstanden, dass ich dringend was unternehmen muss, hatte ich das alles; bloß unternahm ich nichts, sondern trank nach jedem Klinikaufenthalt weiter.

    Die Konsequenzen der Jahrzehnte währenden Sauferei waren hart: Ich verlor meinen Job und den Kontakt zu Freunden und Familie. Ich begann, von der Hand in den Mund zu leben und gab das, was ich an Geld besaß, vornehmlich für Bier und Schnaps aus. Ich flog aus sämtlichen angemieteten Wohnungen raus, übernachtete abwechselnd bei Saufkumpanen und in Obdachlosenheimen. Wenn’s gar nicht mehr anders ging, klopfte ich in der Klinik an und begehrte dort Einlass. Mit der Begleiterscheinung, dass ich mich innerhalb der Krankenhausmauern bald genauso heimisch fühlte wie früher in meinem eigenen Haus (das ich jedoch nicht mehr besaß). Eine stete Abwärtsspirale, der ich erst bei Entgiftung Nummer 30, fixiert ans Bett einer Intensivstation, entfloh. Begreifend, dass dies die allerletzte Chance ist, die Reißleine zu ziehen. Bei mir hatte es fünf Jahre gedauert – gerechnet vom Tag, an dem ich einsah, dass ich Alkoholiker bin –, bis ich den Schalter endlich von Trinken auf Abstinenz umlegte.

    Mehrere Wege führen in die Abstinenz

    Nun ist es eine Sache, den Entschluss zu fassen, abstinent werden zu wollen, und die andere Sache ist es, auch tatsächlich trocken zu bleiben. Wie bewerkstelligt man das? Welchen Weg schlägt man ein?

    Ich entschied mich für einen Mix:
    A. Regelmäßiger Besuch von Selbsthilfegruppen
    B. Rasche Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit
    C. Ein ausfüllendes Hobby entdecken

    Selbsthilfegruppen: ohne geht es kaum
    Selbsthilfegruppen waren für mich vor allem zu Beginn der Abstinenz Gold wert. Ich tauschte mich mit Gleichgesinnten aus, teilte mich in der Gruppe mit, berichtete offen darüber, weshalb mein Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen war, gewöhnte mich an Kritik. Anfangs ging ich sehr häufig (z.T. fünf Mal pro Woche) zu den Treffen, um meine Frequenz später auf 4x/Monat runterzufahren.

    Ich konnte den anderen Teilnehmern alles beichten, sie hörten geduldig zu, gaben Tipps, wie ich die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen konnte, verrieten mir ihre Telefonnummern, damit ich sie im Notfall anrief und mit ihnen redete, anstatt zur Flasche zu greifen.

    Ich testete einige Gruppen und entschied mich schließlich für die Anonymen Alkoholiker. Denen bin ich bis heute treu geblieben.

    Berufliche Tätigkeit: essenzieller Baustein
    Ein Grund, weshalb viele Trinker nicht wieder in die Erfolgsspur finden, besteht darin, dass ihnen der Weg zurück entweder komplett verbaut ist oder als zu mühsam erscheint. Wer sich jahrelang aus dem bürgerlichen Leben ausgeklinkt hatte, den erwarten Familie, Freunde und ehemalige Kollegen nicht mit offenen Armen. Die Rückkehr in Beruf und Normalität muss erarbeitet werden. Das Umfeld will sehen, wie ernst die Abstinenz gemeint ist, und über welches Belastbarkeitslevel der Kandidat verfügt. Auch wenn es schwierig ist – die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit stellt einen essenziellen Stützpfeiler der Abstinenz dar. Da sie zum einen Struktur gibt, das Leben in ein geregeltes Zeitkorsett einbettet. Und weil es zum anderen ein gutes Gefühl ist, sein eigenes Geld zu verdienen und nicht anderen auf der Tasche zu liegen.

    Am Anfang warten oft einfache Tätigkeiten auf den frisch trockenen Alkoholiker. Ich entschied mich für einen Job in einem Call Center, das sich auf Markt- und Meinungsforschung spezialisiert hatte. Viele Stunden, lausig bezahlt, keine Festanstellung, sondern jederzeit kündbar. Wenn man da als ehemaliger Anwalt, Investmentbanker oder Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns Berührungsängste zeigt, wird man die ein, zwei steinigen Jahre, die den Alkoholaussteiger nun erwarten, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überstehen. Kontinuierliches Schuften zu Konditionen auf Hartz 4-Niveau ist nicht jedermanns Sache. Ich schaffte es, weil ich es schaffen wollte und weil mir der Job die Sicherheit gab, von der Flasche wegzubleiben. Nach 24 Monaten fand ich eine besser bezahlte Stelle mit Perspektive und wechselte den Arbeitgeber. In dieser neuen Position bin ich heute noch beschäftigt.

    Ein kreatives Hobby hilft ungemein
    Nachdem mir eine Ärztin anlässlich meiner 30sten Entgiftung erklärt hatte: »Suchen Sie sich DRINGEND eine Aktivität, die Sie vom Trinken ablenkt, sonst erleben Sie das kommende Jahr nicht mehr«, begann ich eines Abends mit dem Schreiben. Anfangs ein paar Kritzeleien, denen kurze Geschichten folgten, bis ich mich nach einigen Wochen entschloss, meine Erlebnisse in Romanform zu Papier zu bringen. Binnen drei Monaten stapelten sich 400 ausgedruckte Seiten neben meinem Laptop. In einem Interview, das ein Jahr später erfolgte, erklärte ich mein Verhalten so:

    »Das Schreiben dieses Buchs war die beste Therapie für mich, weil ich mir viele Sachverhalte, die mir Ärzte und Psychologen zwar erklärt hatten, nun selbst erarbeiten musste und mir dabei über Ursachen und Auslöser – die Zweitgenannten sind am wichtigsten – meines exzessiven Trinkverhaltens langsam klar wurde. Je weiter der Roman voranschritt, desto stärker wurde mein Entschluss, tatsächlich abstinent zu leben. Vorher hatte ich Lippenbekenntnisse abgelegt und kurze Trinkpausen eingelegt. Jetzt wurde mir klar, dass einzig der völlige Verzicht auf jeden Tropfen Alkohol mich vor dem kompletten Absturz bewahren kann. Anfangs war es etwas schwierig für mich, die Geschehnisse in ungeschminkter Wahrheit niederzuschreiben, denn einige Dinge waren ja sehr unangenehm und peinlich. Mit zunehmender Dauer des Projekts wurde es jedoch einfacher, das traurige Schicksal eines Alkoholikers zu schildern. Ich wollte nichts beschönigen, aber auch auf keinen Fall den mahnenden Zeigefinger erheben.«

    Meine Freude am Schreiben habe ich beibehalten. Eventuell als Beispiel geeignet für die Trinker, die den Ausbruch aus dem Teufelskreislauf mittels kreativem Hobby versuchen wollen.

    Zufriedene Abstinenz: Das A & O, um dauerhaft trocken zu bleiben

    Die ganze Abstinenz nützt nichts, wenn sie nicht zufrieden gelebt wird, sondern täglich aufs Neue erkämpft werden muss.

    Um zufrieden zu sein, müssen wir erst mal akzeptieren, dass wir zum einen machtlos gegen den Alkohol sind und wir uns zum anderen während unserer Trinkerei und des Kampfs gegen die Sucht verändert haben. Aus der nassen Phase kommen wir verwandelt hervor, die einen weniger, die anderen mehr. Der Grad der Mutation hängt dabei natürlich stark von der Länge der Konsumperiode ab. Bleibende Spuren hinterlässt der Suff jedoch bei jedem von uns.

    Die Fähigkeiten, die ich im Laufe des Trockenbleibens entwickelt habe, bestehen in: Ich komme mit mir selbst klar, handele selbständiger als früher, habe meine Portion Demut gelernt, besitze nach gefühlt 1000 Therapiestunden eine Menge Menschenkenntnis, bin ein Freund der ehrlichen Ansprache geworden, verfüge jetzt über einen gesunden Egoismus. Das sind Fertigkeiten, die mich dazu zwangen, mit einigen alten Freunden zu brechen, neue Wege einzuschlagen, aus jahrzehntealten Verkrustungen auszubrechen. Wie viele trockene Alkoholiker arbeite ich heute zuverlässig und ausdauernd, weil ich es anders machen möchte als in meiner sehr unzuverlässigen Wodkaphase. Ich bin bescheiden geworden: Im Zweifelsfall rangiert Gesundheit vor Geld. Das habe ich bis zu meinem Eintritt in die Abstinenz nicht immer so gesehen. Die Schwerpunkte haben sich deutlich verschoben.

    Bloß kein allzu reumütiger Blick zurück. Keine nachträglichen Schuldgefühle entwickeln. Sich nicht mehr wie früher in der Opferrolle sehen. Passiert ist passiert. Manchem wie mir wird ein zweites Leben geschenkt. Und manchmal ist das sogar besser als das erste.

    Der Weg zur zufriedenen Abstinenz ist natürlich individuell. Jeder muss den für sich selbst entdecken. Ich habe meinen gefunden.
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    Ich hoffe, das war jetzt nicht zu missionierend für Sie, denn missionieren will ich auf gar keinen Fall. 90 Prozent der Menschheit kommen mit dem Stoff gut zurecht, und für die restlichen 10 gilt der Grundsatz = die Krankheitseinsicht muss aus eigenem Antrieb heraus erfolgen. Erzwungene Hilfe nützt nichts. Erfahrungsberichte wie der obige sind einzig als Denkanstöße gemeint. Vom bloßen Lesen ist allerdings noch niemand dauerhaft nüchtern geworden. Den (anfangs: steinigen) Marsch in die Abstinenz muss jeder für sich alleine antreten.

    Trocken bleiben – aber wie?
    32 Erfahrungsberichte
    TrokkenPresse Verlag, Berlin
    ISBN 978-3-981325393