Schlagwort: Shitstorm

  • Im Land der Selbstgerechten

    Im Land der Selbstgerechten

    Wenn ein Tourist (bspw. ein Han-Chinese aus Schanghai) uns Deutsche für seine daheimgebliebenen Parteigenossen charakterisieren soll, dann dürfen folgende Attribute in seiner Aufzählung nicht fehlen: Bratwurst, solide Mittelklasse- und Oberklasse-PKW, die rund um die Uhr auf Vollepulle-Autobahnen dahinflitzen, Luther, Beethoven (der allerdings seine produktivste Zeit in Österreich verbrachte), Heidegger (unter der Voraussetzung, dass sich unser chinesischer Tourist für Fragen der theoretischen Philosophie interessiert), paradiesisches Refugium der 10.000 Biere und nicht viel weniger Brotsorten, aber auch Land der Freitagabendstammtisch-Komatrinker und der 24/7-Selbstgerechtigkeit. Gibt kaum ein anderes Volk weltweit, das sich derart im Besitz der Wahrheit wähnt und mit diesem Wahn seinen Nachbarn ständig gewaltig auf die Nüsse geht. Wenn wir Deutschen sagen, der Müll gehört 5-fach getrennt, weil nur auf diese Weise die Welt gerettet werden kann, dann ist das Fakt und alternativlos. Kein Urlaubsort, wo keine 5-fach Mülltrennung! Weshalb wenige Deutsche nach China zum Skilaufen oder ans Meer fahren, während die Han-Chinesen keine Berührungsängste mit dem deutschen Freitagabendkomasaufen zeigen und sich nur hin und wieder über unser mittelalterliches Mobilfunknetz wundern. Womit wir uns vom chinesischen Touristen, der bloß als Intro diente, schon wieder ab- und dem Kern dieser Kolumne, der wahnhaften Selbstgerechtigkeit, zuwenden.

    Scheißestürme in der digitalen Jauchegrube

    Die Kehrseite des uns mit der Muttermilch eingeflößten Hangs zur Selbstgerechtigkeit (Herr, ich bin gut, weil ich meinen Müll 5-fach trenne und die Milch beim Biobauer kaufe) lautet Entrüstung: Herr, strafe meinen Nachbarn, der seinen Müll nicht trennt und die Milch beim Aldi holt!

    Besonders augenfällig ist die Empörung der Selbstgerechten in den Sozialen Netzwerken aka digitale Jauchegruben, wo dieses Phänomen als Shitstorm bezeichnet wird, was man mit Scheißesturm übersetzen könnte, jedoch nicht tut, weil sich Scheißesturm irgendwie unfein anhört. Während wir in der guten alten Boomer-Zeit Shitstorms – die damals noch nicht so, sondern irgendwie anders hießen. Der Begriff fällt mir aber gerade nicht ein, und ich bin zu faul zum Recherchieren. Deshalb belassen wir es beim Shitstorm – bloß aus dem Boulevard kannten, man ihnen also entgehen konnte, indem man sich am Kiosk nicht die BILD, sondern den Kicker besorgte, kann ihnen (also: den Shitstorms) heutzutage niemand mehr entfliehen. Es sei denn, er meldet sich aus sämtlichen Online-Foren ab, wirft PC & Smartphone in den Müll und übersiedelt auf eine einsame Insel am Rande der Arktis, die noch nicht an die globale Kakophonie angeschlossen ist.

    Wie das mit allen Sachen, die anfangs Spaß machen (z.B. Schnaps, Koks, Fetischspiele) so ist, mutiert die anfänglich sporadische Nutzung schnell zur Sucht: Herr gib mir meinen täglichen Shitstorm, an dem ich mich mit selbstgerechten Kommentaren beteiligen darf! Denn ohne meine tägliche Dosis Selbstgerechtigkeit fühle ich mich unausgeglichen und antriebslos.

    Gut zu beobachten in den vergangenen 14 Tagen bei den Olympischen Spielen, bei denen wir von den Athleten nicht nur Medaillen – denn wozu sonst geben wir Jahr für Jahr so viel Steuergeld für den Spitzensport aus? Geld, das man alternativ auch für die Erforschung der 6-fachen Mülltrennung einsetzen könnte –, sondern ebenfalls hyperkorrektes Benehmen erwarten. Eine Rugbymannschaft, die sich abends aus Frust über eine Niederlage volllaufen lässt und in die Duschkabine pisst, geht nicht ( = Alkoholexzess), ein Coach, der vom Straßenrand aus seinem Fahrer zuruft, „Hol dir den Kameltreiber!“, geht doppelt nicht ( = steht unter dringendem Rassismusverdacht) und eine 5-Kämpferin, die auf einem lahmen Gaul, der sich weigert, über die Hürden zu springen, in Tränen ausbricht, während ihre Trainerin verzweifelt „Hau drauf!“ schreit, geht dreifach nicht ( = Tierquälerei). Und wenn im Volk der Discount-Bratwurst-aus-Massentierhaltung-Brutzler eins noch schlimmer ist als die Erhöhung der Fleischpreise, dann ist es das Stigma ‚Tierquäler‘. Haben Sie schon mal den Du-elender-Tierquäler-Todesblick einer Nachbarin erlebt, deren Hund in ihrer 2-Zimmer-Wohnung 12 von 24 Stunden kläfft und jault, bis man ihm entnervt vom Balkon aus zuruft, „Hör endlich auf, sonst komm ich rüber und setz dich am Flussufer aus oder bringe dich ins Tierheim zum Einschläfern“? Nein? Ich schon.

    Und so erwischte die deutsche 5-Kämpferin folgerichtig die volle Breitseite eines Shitstorms der Stärke 8: Negativberichterstattung in den Medien, Youtube-Clips, in denen sie heulend auf der bockenden Mähre gezeigt wird, vernichtende Kommentare in den „Sozialen“ Medien zzgl. Hassnachrichten an ihre persönliche Adresse.

    Da muss man als Tierquäler durch, sagen Sie?
    Ja, da muss man heutzutage als weinende 5-Kämpferin halt durch, antworte ich.

    Empörungswellen werden zu 99.9% von Ahnungslosen dominiert

    Unnötig zu erwähnen – ich tue es der guten Ordnung halber trotzdem –, dass 99.9 Prozent der Shitstorm-Teilnehmer von Pferden und vom Pferdesport Nullkommanull Ahnung haben. Ich übrigens ebenfalls nicht. Aber ich beteilige mich an solchen Aktionen auch nicht, sondern schreibe lieber im Nachgang eine Kolumne darüber. Ob also der Sachverhalt, dass ein Reiter seine Gerte einsetzt, um das Pferd zum Sprung zu bewegen, bereits den Tatbestand der Quälerei erfüllt, kann ich nicht beurteilen. Das mögen Experten tun. Was ich jedoch auch als Laie darf – Fragen stellen:
    (a) Weshalb werden Pferde im Modernen 5-Kampf als Sportgeräte angesehen?
    (b) Warum muss bei einem 5-Kampf überhaupt geritten werden?
    (c) Springen Pferde gerne über (hohe) Hindernisse, oder müssen sie vorher (hart) trainiert werden, damit sie es unter Wettbewerbsbedingungen tun?

    (a) ließe sich schnell lösen, (b) hört sich so an, als müssten die Funktionäre dazu 10 Jahre beraten, um am Ende dann alles beim Alten zu belassen und (c) rüttelt an den Grundfesten des Reitsports. Kann mir keiner weismachen, dass Pferde freiwillig dämliche Pirouetten drehen und mit Freude über Mauern und Wassergräben hüpfen. All das setzt HARTES Training voraus. Und zwar mit Methoden, die den Einsatz der Gerte durch die deutsche 5-Kämpferin wie einen zarten Klaps auf den Po erscheinen lassen, während man im Verborgenen, da wo keine Kameras zugelassen sind, auch den Einsatz von Elektroschocks kennt.

    Wir Reiter lieben unsere Pferde, kommt jetzt?
    Das tun Eiskunstlauf-Mütter und Turnerinnen-Väter auch, wenn sie ihre Töchter noch im Kindergartenalter jeden Tag ins Sportzentrum chauffieren, damit sie dort so lange geschunden (pardon: trainiert) werden, bis sie endlich olympiafähig sind und mit 14 Jahren Sachen auf dem Schwebebalken machen, wo’s mir beim Zuschauen mehr gruselt als bei Carpenters Halloween 1 (übrigens ein guter Film. Die nachfolgenden Teile taugen hingegen wenig. Aber das ist bei nachfolgenden Teilen ja oft so).

    Ob das Whataboutismus ist?
    Natürlich ist es das.
    Aber wer sagt denn, dass Whataboutismus immer verkehrt ist?

    Der Shitstorm als würdiger Nachfolger des Lynchmobs

    Was hat das nun alles mit selbstgerechter Empörung zu tun? Stimmt, ich bin ein wenig vom Ausgangsthema abgewichen. Eine Marotte alter Männer, für die ich mich beim eiligen Leser entschuldige. Deshalb jetzt zurück zum Auslöser des Textes:

    Der Shitstorm gegen die deutsche 5-Kämpferin fällt in 2 Kategorien:

    (A) oberflächlich, uninformiert
    Nicht die einzelne Athletin gehört an den Pranger gestellt, sondern der Verband, der Pferde als Ausleih-Sportgeräte ansieht, muss die Breitseite der Kritik abbekommen. Nicht die mediale Gerte ist das Problem, sondern die Trainingsmethoden, die im Hintergrund praktiziert werden, sind grenzwertig bis hin zu unmenschlich (besser: komplett wider die tierische Natur).

    (B) selbstgerecht
    Obwohl ich (in diesem Fall meine ich Sie und nicht mich) jede Woche 5 Kilo Fleisch aus Massentierhaltung auf meinen Webergrill lege und eine Gerte nicht von einer Trense unterscheiden kann, erlaube ich mir eine Meinung „TIERQUÄLEREI!“ und nehme selbstverständlich am Shitstorm teil. Denn die Teilnahme an einem Online-Lynchmob ist Gute-Bürgerpflicht, v.a. für diejenigen, die ihren Müll 5-fach trennen (Lynchmob trifft es ganz gut, denn beim Lynchen war/ist der Grund des Hängens eigentlich nebensächlich. Hauptsache, es wurde jede Woche einer gehängt, und man war nach dem Zuschauen pünktlich zum Abendessen wieder zurück zu Hause und sprach vor Bratwurst und Stielkotelett ein frommes Tischgebet).

    Hauptsache, die Bratwurst liegt pünktlich auf dem Grill

    Während wir in den guten alten Zeiten Hinrichtungen und Shitstorms allenfalls im Wochenrhythmus erlebten, werden wir heute beinahe täglich Zeuge einer Online-Exekution. Ich kann mich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass wir geradezu sehnsüchtig auf den nächsten Fauxpas eines A-, B-, C- oder D-Promis oder werbetreibenden Unternehmens warten, um dem dann Minuten später unsere geballte Laien-Wut um die Ohren zu hauen. Mittlerweile reichen Schlüpfrigkeiten à la, „Oralverzehr – schneller gelangst du nicht zum Samengenuss (True Fruits)“, um die Empörungsmaschine anzuwerfen und zehntausendfach Schmähkommentare zu generieren. Unser Dealer (pardon: Gratisinformationshändler) versorgt uns mehrmals am Tag mit niedrigschwelligen Shitstorm-Angeboten, von denen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit 1 oder 2 auswählen werden, um uns im Anschluss online auskotzen und abreagieren zu können. Die Ziele unserer Hasstiraden sind egal und beliebig austauschbar (wer wird morgen noch wissen, wie der Name der weinenden 5-Kämpferin lautet?). Wichtig ist einzig: Wir haben uns ausgekotzt, teilen dieses Kotzen mit möglichst vielen anderen (denn alleine kotzen kann mitunter peinlich sein. Schon klüger, wenn sich viele gleichzeitig übergeben) und fühlen uns im Anschluss euphorisch: Ich, der Bratwurst-aus-Massentierhaltung-Brutzler, der seit Jahren seinen Müll penibel 5fach trennt, habe dieser unsäglichen Athletin jetzt mal ordentlich Bescheid gegeben. Da schmeckt das abendliche Schweinenackensteak gleich um 10 Keulenschläge besser. Und weil die Euphorie nur von kurzer Dauer ist, der Patient (korrekt: der Social-Media-Abhängigkeitserkrankte) sich bereits am Morgen danach wieder lustlos und schlapp fühlt, muss schnell nachgefeuert werden, weshalb man/frau sich um 6.30 vor den Monitor setzt und mit zittrigen Fingern nach dem nächsten „Skandal“ forscht. Und so weiter und so Kacke in die Tastatur, bis die Wände des Internets am Abend mal wieder komplett mit Scheiße beschmiert sind.
    +++

    Zum Schluss der Kolumne 3 Merksätze:

    (1) Die Teilnahme an einem Shitstorm ist vergnüglich, so lange es einen nicht selbst erwischt.

    (2) Sobald man/frau die Schwelle zur Shitstormabhängigkeit überquert hat, wird kontrolliertes Shitstormen unmöglich. Da hilft dann bloß noch die komplette Abstinenz (Monitor & Smartphone in den Müll = Elektroschrott = Tonne Nr. 6).

    (3) Auch Kolumnisten profitieren von Shitstorms. Wir tippen allerdings keine Hasskommentare, sondern schreiben im Anschluss eine Kolumne darüber. Mit der wir dann, wenn die Reichweite stimmt, höllenmäßig viel Geld verdienen.

  • Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist auch nur ne schlechte Angewohnheit

    Facebook ist doof! überschrieb Heinrich Schmitz seine gestrige Kolumne, in der er der „Klugheit“ der Lösch-Algorithmen nachging. Mein Kolumnisten-Kollege stellte dabei ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen der Indizierung von Nacktheit und Nonchalance bei Hassrede fest. Um am Ende zwei Fragen in den Raum zu werfen:
    (a) Ist die Plattform prüde?
    (b) Wird durch Facebook die Meinungsfreiheit gefährdet?

    Tittenphobie & Hausrecht

    (a) Lässt sich schnell beantworten: JA, Facebook ist superprüde. Jede blanke Titte, völlig egal, in welchem Kontext sie gezeigt wird, führt zu Löschung und zieht eine Sperre nach sich. Geschuldet dem puritanisch-verklemmten Erbe der Gründerväter der USA und vielleicht auch einer Tittenphobie des Facebook-Gründervaters. Darüber kann man sich als aufgeklärter, Tinto-Brass-Filme schon zum Frühstück schauender Europäer lustig machen; aber die Regel ist zumindest klar und eindeutig: KEINE Titten und KEINE Geschlechtsorgane! D.h. wenn ich mir sowas ansehen will, bin ich in Facebook verkehrt und muss in ein anderes Forum wechseln oder mir zu Hause einen alten VHS-Porno in den Videorekorder schieben.

    (b) Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist hingegen komplizierter. Facebook ist ein privates Unternehmen und gibt sich sein eigenes Hausrecht. Damit fängt’s schon mal an. So lange diese sogenannten Community Standards nicht gegen Gesetze verstoßen, gelten sie nun mal, und wir Nutzer müssen uns – ob’s uns passt oder nicht – daran halten. Versuchen Sie mal in einem Veganer-Restaurant eine Original Kölner Currywurst mit Fritten zu bestellen oder beim Wiener Opernball im Jogginganzug den Blaue-Donau-Walzer zu tanzen: In beiden Fällen werden Sie von der Security umgehend vor die Tür gesetzt. Dieses Hausrecht nehmen auch Sie ganz selbstverständlich in Ihrem eigenen Profil für sich in Anspruch, wenn Sie bei Ihren „Freunden“ rote Linien ziehen und Kommentatoren, die beleidigen u/o politisch extrem sind, zuerst ermahnen und im Wiederholungsfall von Ihrer Freundesliste streichen. Falls Sie das tun. Also ich tue es und zwar mehrmals pro Woche. Weil ich die Meinungsfreiheit einschränken will? Eigentlich mehr aus dem Grund heraus, weil ich keine idiotischen Kommentare in meinem Profil lesen möchte, da mir die Menge an idiotischen Beiträgen und Kommentaren in anderen Profilen völlig ausreicht. Aber natürlich schränke ich damit die Meinungsfreiheit des Kommentators ein, was mir jedoch in meinem eigenen Profil egal ist.

    Facebooks Problem besteht allerdings gar nicht in einer Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern es ist genau andersherum: Es kann nahezu JEDE noch so irrwitzige Meinung gepostet werden, solange sie nicht gegen die Tittenverbot-Regel verstößt. Was in der Konsequenz zur Verbreitung absurder Verschwörungstheorien und Aufrufen & Verabredung zu gemeinsamen Straftaten führt. Ich übertreibe maßlos, sagen Sie? Machen Sie sich lieber schlau, wie die Sache mit den Rohingya in Birma begann und auf welcher Plattform der Irre von Christchurch seine Videos vom Massaker in den beiden Moscheen hochlud, antworte ich. Es wäre also durchaus wünschenswert, wenn Facebook mehr als weniger Kontrolle durchführte. Die Begründung, man sei als Plattform für die gezeigten Inhalte nicht verantwortlich, Facebook sei schließlich keine Zeitung oder TV-Sender, ist für mein Alter-weißer-Mann-Boomer-Rechtsverständnis noch irrwitziger als manch irrwitziger Querdenker-Post.

    Hauptsache viel Traffic

    Um einige hundert Millionen – falls diese Zahl überhaupt reicht – täglich neuer Beiträge seriös zu überwachen, braucht es zwingend Menschen. Algorithmen und Bots sind dazu nicht in der Lage. Die erkennen zwar Titten- und Pimmelbilder, können aber nicht unterscheiden, ob es sich dabei um eine Erotik-Session mit Micaela Schäfer oder die Venus von Milo handelt. Also doch lieber Menschen urteilen lassen. Menschen kosten aber. Und nichts scheut der Konzern so sehr wie Personalausgaben, die nichts mit Wachstum zu tun haben. Nicht von ungefähr sind die Content Moderatoren nicht bei Facebook direkt angestellt, sondern erhalten befristete Verträge über Zeitarbeitsfirmen. Die Entlohnung der Inhalt-Admins ist ein Witz im Vergleich zu den Software-Entwicklern. Jeder Vierte Content Manager muss 1x pro Monat auf die Couch des Betriebspsychologen, so heftig sind die Videos, die diese Mitarbeiter sichten müssen. Wer dachte, ihn kann nach Splatter-Movies nichts mehr schocken, hat noch keine Filmchen von exotischen satanischen Ritualen gesehen, die bei Facebook-Regisseuren – im Unterschied zu Hollywood – real und live sind.

    Das Geschäftsmodell „Gratisnutzung & Werbefinanzierung“ kann nur funktionieren, wenn möglichst viele User gleichzeitig möglichst lange in der Plattform verweilen. Damit wir möglichst lange verweilen, müssen wir marktschreierische Inhalte zu sehen bekommen. Je mehr menschliche Moderation und Kontrolle, desto weniger marktschreierische Inhalte, desto weniger User und in der Konsequenz sinkende Werbeeinnahmen. Von daher hat das Unternehmen keinerlei Interesse daran – Ausnahme: es wird durch gesetzlichen und öffentlichen Druck dazu gezwungen –, über das minimal Notwendige hinaus zu moderieren, kontrollieren und Hassbeiträge zu löschen.

    08/15-Narzissmus & der tägliche Adrenalin-Kick

    So wie sich nicht jeder virtuelle Hooligan auf die Meinungsfreiheit berufen kann, wenn sein verbaler Rülpser gelöscht wird, so sollten wir uns selbst hin und wieder hinterfragen, weshalb wir das tun bzw. uns das antun: Also ständig in sozialen Medien abhängen. Es gab ja auch ein Leben vor Facebook & Co. Also ICH hatte durchaus ein Leben zuvor und das war, trotz aller analoger Limitierung, jetzt nicht unbedingt weniger aufregend oder gar schlechter. Was treibt mich seit Oktober 2009 – in diesem Monat begann mein Sündenfall – jeden Tag aufs Neue in diesen ständig um sich selbst kreisenden Jahrmarkt der banalen Eitelkeiten? Mein 08/15-Narzissmus, krankhafter Mitteilungsdrang (bis hin zum Wahnsinn, dass ich anderen Fotos von meinem Abendessen zeige), entziehe ich mich der tristgrauen Realität durch Flucht in eine bunte Bilderwelt, will ich dazugehören (wozu eigentlich?), ist es Voyeurismus, Angst, was zu verpassen, wenn ich nicht alle paar Minuten nachschaue, ob es was Neues gibt? Um dann schulterzuckend festzustellen, dass das angeblich Neue letztlich jeden Tag in wiederkehrender Monotonie dasselbe ist: Katzenbilder (obwohl die weniger geworden sind und immer mehr durch Hunde und Zierfische abgelöst werden), Fotos vom Abendessen (nicht tot zu kriegen), triviale Sinnsprüche, wie man sie früher auf Abreißkalendern las, gephotoshopte Profilbilder älterer Damen, auf denen sie aussehen wollen wie die eigenen Töchter (erhalten übrigens erfahrungsgemäß mit Abstand die meisten Likes), Angebote, an Yoga- und Fitnesskursen sowie an allerlei dümmlichen Challenges teilzunehmen und Statements zu aktuellen und weniger aktuellen politischen Themen. Je reißerischer ein politisches Thema anmoderiert wird (z.B. „Corona ist auch nur ein Schnupfen“ oder „Corona-Leugner gehören alle in den Knast“), desto mehr Aufmerksamkeit, Erregung und Traffic erzeuge ich als Facebook-Autor. Und das ist ganz im Sinne der Konzernzentrale; jedoch habe ich als Facebook-Autor Nullkommanull davon; denn ich werde am aufgrund meines genialen Beitrags explodierenden Werbeumsatz prozentual leider nicht beteiligt. Von 100 Kommentaren und 50 Likes wird allerdings niemand dauerhaft satt. Das Geschäftsmodell funktioniert einzig für die Plattform, nicht jedoch für die Lieferanten der Inhalte.

    Zurück zur Ursachenanalyse meiner Abhängigkeit: Suche ich krampfhaft Anerkennung in Form von erhobenen Daumen, Herzen und Umarmungen? Oder geht’s mir eher um den Adrenalin-Kick? Gemäß der Social-Media-Weisheit: Nur, wer einen digitalen Tsunami überlebt, weiß, wie sich richtiges Leben anfühlt. Im Alter ersetzt der Shitstorm den Köpfer vom 10-Meter-Brett oder die Prügelei im Stadion mit den Fans der anderen Mannschaft. Egal auf welchem Weg: Hauptsache, Adrenalin durchströmt meine Adern.

    Will ich in Facebook der Frau fürs Leben begegnen, wissend, dass die Wahrscheinlichkeit, ihr hier über den Weg zu laufen, geringer ausfällt als die Chance, dass sich Angelina Jolie mit mir auf eine Feierabend-Coke-Zero verabredet?

    Vermutlich ist es von allem was.

    Meine 3 Regeln

    Sie sind definitiv zu viel in Facebook unterwegs. Ich habe meinen Konsum im Griff, weil ich mir im Gegensatz zu Ihnen, Herr Hirsch, feste Regeln gegeben habe, sagen Sie jetzt?
    Auch ich habe 3 feste Regeln, erwidere ich. So klappe ich Facebook (1) zwischen 23 und 7 Uhr zu, kein Facebook (2) im Schlafzimmer (3) und auf dem Klo. Wobei ich ehrlich gesagt schon mal mit einem Bild von mir auf dem Klo à la Der Dude in „The Big Lebowski“ geliebäugelt habe. Meine Kinder rieten mir davon ab und meinten: »Das wäre definitiv too much, Papa. Das will KEINER sehen«. Und bei sowas höre ich auf meine Kinder.

    Aber trotz meiner 3 festen Regeln habe ich keineswegs den Eindruck, dass ich den Konsum zu 100 Prozent im Griff habe. Gibt Tage, da kontrolliere ich Facebook, und es gibt (mehr) Tage, an denen Facebook mich kontrolliert. Die Diagnose für mein offensichtliches Abhängigkeitsverhalten ist schnell gemacht: Suchtverlagerung. Gottseidank vom Wodka bloß zu Facebook und nicht auch noch zu Twitter (zu hektisch), Instagram (zu viele Fotos und Hashtags), Youtube (bin viel zu faul, um jeden Tag ein neues Video zu drehen), Tiktok (ich weiß gar nicht, worum es da geht). Virtuelle Mono-Abhängigkeit nennt man das. Schlimm genug, aber immer noch besser als polytoxes Surfen. Arme Schweine, die 24/7 von Facebook zu Twitter zu Instagram und zurück zappen müssen. Wann schlafen diese Menschen? Pinkeln die in ihre Kaffeetasse, um den Schreibtisch nicht verlassen zu müssen und bloß nichts zu verpassen? Mit denen möchte ich echt nicht tauschen. Meine virtuelle Mono-Abhängigkeit ist zwar eine Krankheit, allerdings aus meinem Blickwinkel heraus weniger dramatisch als Wodka & Koks. Ich kann um 23.01 seelenruhig schlafen, träume (noch) nicht von gephotoshopten Bildern älterer Damen, die aussehen wollen wie ihre Töchter, wache nicht um 3 Uhr schweißgebadet auf und laufe zur Nachttankstelle, um Nachschub zu besorgen, zittere nicht beim Aufstehen, sondern erst eine halbe Stunde später, wenn ich die ersten 3 irrwitzigen Querdenker-Posts überflogen habe.

    Wie wär’s zur Abwechslung mit ElitePartner oder dem Besuch einer Selbsthilfegruppe?

    Während mir persönlich halbwegs klar ist, weshalb ich mir den Irrsinn täglich antue, sollten SIE sich selbst auch mal fragen, warum Sie das machen. Es ist doch für einen erwachsenen Menschen nicht normal, ständig in Sozialen Medien abzuhängen.

     Sie sind einsam und suchen nach einem Partner? -> Investieren Sie nen Fuffi und melden Sie sich bei ElitePartner an.
     Sie wollen sich möglichst breit informieren? -> Investieren Sie einen weiteren Fuffi und abonnieren 3 Tageszeitungen und 2 Politmagazine.
     Sie möchten die Welt an Ihrem Leben teilhaben lassen? -> Niemand interessiert sich für Ihr Leben.
     Sie wollen sich vernetzen? -> Warum, um Himmelswillen, muss man sich mit hunderten wildfremden Menschen vernetzen? 99% von diesen „Freunden“ würden Ihnen noch nicht mal 5 Euro borgen oder Ihnen was vom geposteten Abendessen abgeben.
     Sie möchten einfach Spaß haben? -> Das ist schon besser. Obwohl der Spaßfaktor von Facebook mMn arg begrenzt ist. Auf 1 lustigen Post kommen 46 mittelmäßige und 53 Müll-Beiträge.

    Würde Ihnen was fehlen, wenn Facebook heute Nacht explodiert? Also grundlegend was fehlen? Müssten Sie dann panisch zu Twitter oder Tiktok rennen, um ihre virtuelle Sucht zu befriedigen? Oder kehrte dann endlich analoge Ruhe in Ihren Alltag ein?

    Das mit der Explosion von Facebook ist zwar eine theoretische Frage, aber je nachdem, wie die Antwort ausfällt, sollten Sie überlegen, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen, um sich dort mit anderen Social-Media-Junkies auszutauschen und von denen zu lernen, wie Sie sich von dieser zeitraubenden Abhängigkeit befreien können.

    Letztlich ist es mit Facebook wie mit jeder anderen Sucht: Wenn man davon loskommen will, muss man den Weg der Abstinenz einschlagen. Fangen Sie mit diesen zwei Büchern an:

    Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst (Jaron Lanier)
    &
    Das Internet muss weg (Schlecky Silberstein).

    Sind beide flott geschrieben, und es steht erschreckend viel Wahres drin.

    Ob ICH mich heute in Facebook abmelden werde?
    Nein, werde ich nicht.
    Ich bekenne mich offen zu meiner schlechten Angewohnheit, rede mit meiner Psychologin darüber und habe hin und wieder Spaß damit (also mit Facebook, nicht mit der Psychologin. Obwohl: ab und an auch mit der Psychologin).

  • Die Socken stopfende Oma

    Die Socken stopfende Oma

    Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorad, Motorad, Motorad.
    Das sind tausend Liter Super jeden Monat, meine Oma ist ne alte Umweltsau,

    beginnt ein umgetextetes Liedchen, das vom WDR-Kinderchor in der Weihnachtszeit geträllert wurde und am 27sten Dezember viral ging. Kurz danach brach ein Shit-Tsunami der Orkanstärke 11,7 los, gegen den selbst die Empörung bei der Veröffentlichung des Ibiza-Oligarchentochter-Videos wie ein laues Frühjahrslüftchen wirkte.

    Meine Oma sagt, Motoradfahren ist voll cool, echt voll cool, echt voll cool.
    Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    Unklarheit, welche Generation genau gemeint ist

    Eine ganze Generation (welche eigentlich genau?) würde zu Unrecht verunglimpft, die Klimaaktivisten trieben einen Keil zwischen die Jungen und die Alten, die ökologisch verwahrlosten Redakteure instrumentalisieren unschuldige Kinder für ihre panikschürende Armageddonagenda, der linke Staatsfunk treibt Schindluder mit unseren GEZ-Beiträgen und vieles Empörtes mehr bis hin zu Goebbels-Propaganda-Parallelen bekam man in Twitter, Facebook & Co. zigtausendfach zu lesen. Die besorgten Bürger gingen steil.

    Meine Oma fährt im SUV beim Arzt vor, beim Arzt vor, beim Arzt vor.
    Sie überfährt dabei zwei Opis mit Rollator, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    „ICH bin keine Umweltsau!!“, schreibt eine entrüstete Großmutter, „ich trenne meinen Müll ordentlich und steige innerörtlich in die Straßenbahn“. Eine andere weiß zu berichten, „Ich fahre nur einmal im Jahr in Urlaub und dann am liebsten nach Österreich“, und eine dritte weist darauf hin, dass sie 3x Woche kein Fleisch isst, freiwillig. Dafür brauche es keinen grünen Rigorismus.

    Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett.
    Weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    „Unsere Großmütter stopften die kaputten Socken selber“, ruft einer, „Mein Großvater holte die Milch noch in der Kanne im Tante-Emma-Laden an der Ecke“, ergänzt der Zweite. „Bei uns wurden alle fünf Kinder nacheinander im selben Badewannenwasser gebadet, und das Wasser im Anschluss verwendet, um die Blumen im Vorgarten zu gießen“, fügt ein Dritter hinzu. „Und all diese Menschen haben unser Land aus Ruinen wieder aufgebaut“, tippt zornbebend der Vierte.

    Meine Oma fliegt nicht mehr, sie ist geläutert, geläutert, geläutert. Stattdessen macht sie jetzt zehnmal im Jahr ne Kreuzfahrt, meine Oma ist doch keine Umweltsau.

    „INSTRUMENTALISIERUNG von Kindern durch den Staatsfunk!!“, schreit ein besonders lauter Schreihals. Na ja, denke ich, werden Kinder nicht ständig für Wahlkampfplakate, TV-Werbung und das Singen von Kirchenchorälen instrumentalisiert?

    Nun kann man sich wahrlich darüber unterhalten, ob die von einer Motorradbraut- in eine Umweltsau verwandelte Oma das Zeug zum Witz des Monats hat. Bereits das Original reißt mich nicht vom Hocker. Feinsinniger Humor geht anderes. Auch in der Rubrik Satire habe ich schon tiefschürfendere Beiträge gehört. Aber Umweltsau tatsächlich als Auslöser einer mittelschweren Staatskrise, in deren Verlauf der Intendant des inkriminierten Senders öffentlich Abbitte leisten und das Video aus der Mediathek entfernt werden muss? Wirklich?

    Missbrauch von Kindern?

    „MISSBRAUCH von Kindern!!“, hallt es trotzdem weiter durch die digitalen Furorräume. So schnell, wie sie entstanden ist, die Siebengebirgs-hohe Empörungswelle, will sie jetzt nicht wieder abebben. Da geht noch was. Wäre ja noch schöner, wenn die professionell orchestrierte Wutschnaubsaktion aufgrund der Vernichtung der Beweismittel jetzt sofort wieder abgeblasen wird. „Sie wollen es partout nicht verstehen“, schreibt nun einer in meine Richtung, „der Punkt ist die Instrumentalisierung unpolitischer Kinder durch eine parastaatliche, zur Neutralität verpflichtete Anstalt, die mit Pflichtbeiträgen üppig finanziert wird. Fällt bei Ihnen jetzt endlich der Groschen?“

    Stimmt nicht so ganz. Die verantwortlichen Redakteure und der Chorleiter weisen darauf hin, dass der Text vorab den Eltern zugesandt wurde, und die Teilnahme an der Aufnahme selbstverständlich freiwillig war. Eigentlich müsste deshalb eher mit den Eltern als mit den Redakteuren geschimpft werden. Aber egal, darum geht’s ja eh nicht. Es geht – völlig losgelöst von Kinderchor, Umweltsauen und Omas – darum, den ÖR-Sendern bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen einzuschenken. Das Gerede von der Neutralität, die jederzeit strikt einzuhalten sei, basiert nämlich auf einem Irrtum. Klingt zwar beim ersten Zuhören durchaus plausibel die Sache mit der strikten Neutralität, führt jedoch auf einen gefährlichen Holzweg. Denn – wie soll die in der Realität aussehen, die (strikte) Neutralität? Bekommen wir dann nur noch ein farblich exakt abgestimmtes Testbild zu sehen, sobald wir ARD, ZDF und die Dritten einschalten? Oder muss bei jedem kritischen Beitrag sofort im Anschluss eine Gegenmeinung veröffentlicht werden? Als ob Sender und speziell die Magazine, die sie ausstrahlen, nicht immer irgendeiner politischen Agenda folgen. Wobei sich die politischen Ausrichtungen egalisieren, wenn montags ein linkes, dienstags ein rechtes und am Mittwoch ein liberales Magazin über die Mattscheibe flimmert. Am Donnerstag Fußball und dann ist schon wieder Wochenende und höchste Zeit für Quizformate und Helene Fischer, bevor am Sonntag der Weltspiegel erneut unsere Augen auf die Politik richtet. Nennt sich in der Gesamtheit AUSGEWOGEN. Das ist aber nicht dasselbe wie (strikt) neutral. Wer sich strikt neutral verhält, hat auch kein Problem mit Faschisten und deren verbalen Ergüssen, weil ja knapp 15% der wahlberechtigten Bürger dahinter stehen und deshalb Meinungsfreiheit ebenfalls für Latrinenparolen gelten muss.

    Die Mär von der strikten Neutralität

    Strikte Neutralität ist die öffentlich-rechtliche Cousine der gutbürgerlichen Äquidistanz, die bei einem Synagogenanschlag sagt: „Ja, das ist schlimm. Aber nicht minder schlimm sind die linken Autonomen, die am ersten Mai Farbbeutel auf Juweliergeschäfte schmeißen und Müllcontainer anzünden“. Und ganz besonders schlimm sind linke Sender, die Kinder für Lieder missbrauchen. Und das mit den uns vom Mund abgesparten Zwangsabgaben. 17,50 Euro im Monat = zweieinhalb Packungen Marlboro weniger oder drei Pullen Discount-Cognac beim Aldi. Ein Verzicht, der Monat für Monat schmerzt. Besonders diejenigen, die zwar nicht beim Discounter einkaufen, die aber generell keine Lust auf den kritischen ör-Rundfunk haben. Diejenigen, denen das von RTL u. Pro 7 gebotene Programm völlig ausreicht, und die Dieter Nuhr & Mario Barth für die Krönung der Satire halten.

    Arme Kinder, die von grundbösen (linken) Redakteuren instrumentalisiert wurden, um deren (also die der Redakteure und des WDR) links-grün-versiffte Propaganda zu verbreiten. Da schnüren sich sofort die besorgten Elternherzen zu. „Ich will nicht, dass mein Kind für falsche Klimalehren missbraucht wird“, seufzt Mama Kathrin aus Castrop-Rauxel. „Und ich handelte schon ökologisch korrekt, als die Ökos noch gar nicht erfunden waren“, springt Omi Susanne ihrer den Tränen nahen Tochter bei, zündet sich ne Kippe an, klettert in ihren Skoda und knattert, schwarze Dieselwolken aus dem Auspuff ausstoßend, zum Supermarkt davon, wo es heute argentinisches Rind im Sonderangebot gibt.

    Der Intendant entschuldigt sich mehrmals und von Herzen, der Ministerpräsident fand’s auch völlig daneben, der Sender zieht das Video zurück, empörte Wutbürger protestieren tags darauf am Appellhofplatz. Dort, wo sonst der Spatz seine kindgerechten Botschaften formulierte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Was, um Himmelswillen, geschieht hier gerade? Bestimmen jetzt Twitter & Co. darüber, welches Video aufbewahrt werden darf und welches nicht? Wurde irgendjemand persönlich beleidigt, ist die Sache eventuell justiziabel? Eine amorphe Riesenmenge Umweltsau-Omas – so what? Omas als zufällig gewählter Begriff, der jederzeit durch Opas, Babyboomer, 68er, Kolumnisten, Kölner ausgewechselt werden kann. DAS ist tatsächlich ein Aufreger? Bzw. das soll eine Aktion gewesen sein, die drei Millimeter an einer Straftat vorbei schrammte? War es natürlich alles nicht. Es war ein mäßig witziges Liedchen. Zum Jahresend-Skandälchen hochgetrommelt von denjenigen, die:
    (a) den ör-Rundfunk sowieso abschaffen wollen
    (b) auf Klimawandel und die durch ihn verursachten Einschränkungen unseres Konsumverhaltens NULL Bock haben.

    Mal wieder den Öffentlich-Rechtlichen ordentlich einen einschenken

    Und weil die Rundfunk-Abschaffer selten ehrlich argumentieren – ehrlich wären bspw. die Sätze: „Mehr an Info & Entertainment, als es RTL u SAT 1 bieten, braucht kein Mensch. Alles andere ist Perlen vor die Säue werfen“ oder „Ich möchte keine Sender in Deutschland haben, die links von der FDP stehen“ – sitzen sie jeden Tag auf dem Sofa und warten darauf, dass irgendwo was ausgestrahlt wird, was ihrer konservativen Auffassung von Political Correctness widerspricht. Sobald dann ein kleines Umweltsau-Oma-Liedchen läuft, geraten sie binnen Sekunden in Wallung, der Puls schnellt auf 150 hoch, sie verabreden sich zum digitalen Waidmannsheil , die Jagd ist eröffnet, die Finger flitzen über zehntausende Tastaturen. Ende ist dann, wenn die Beute röchelt und die nächste Skandalsau am Horizont erscheint. Notfalls werden noch ein paar analoge Hooligans vor die Haustüren der Redakteure und die Eingangspforte des WDR ausgesandt, um dem berechtigen Volkszorn Nachdruck zu verleihen. Schuld hat sowieso der Sender, denn sowas bringt man nicht, und augenscheinlich haben sämtliche Kontrollinstanzen versagt. Konservative und neoliberale Brüder und Schwestern: Wir müssen DRINGEND (zum tausendsten Mal) über die Zwangsfinanzierung der linksgrünen Sendeanstalten reden!

    Und was geschieht? Der Intendant kriecht tatsächlich zu Kreuze. Mea culpa, Asche über unser WDR-Haupt, wir werden nie mehr was mit Kindern und Klima bringen, denn es könnte ja sein, dass sich wieder einige empören. Und Empörung ist nicht gut fürs Geschäft. Ab sofort Konzentration auf Fußball, Biathlon, Spielformate, hin und wieder ein Ratequiz und Talk Shows, zu denen sämtliche Parteien streng paritätisch eingeladen werden und der Moderator nur noch Fragen stellt, die den Teilnehmern vorher bekannt waren. Und die Tagesschau bloß aus alter Gewohnheit. Denn auch die ist aus dem Blickwinkel der Klimawandel-Verneiner viel zu ökolastig. Aber diese Bastion bekommt die konservativ-neoliberale Fraktion ebenfalls noch geschleift. Wenn man weiß, wie Empörungswelle funktioniert und auf der anderen Seite Schnell-Einknicker sitzen, kriegt man im Zeitablauf ne Menge kurz und klein gehauen.

    Meine Oma ist doch KEINE Umweltsau,

    endet übrigens das kleine Lied. Aber bis zur letzten Strophe hört sich das von den Dauerempörten sowieso keiner an.

    Kurzfazit zum Oma-Gate: Der WDR hat offensichtlich eher ein Intendanten- als ein Kinderchorproblem. Und die Ich-stopfe-meine-Socken-selbst-Omas sollten kurz nach Silvester wieder rauskommen aus der Schmollecke und ihre Enkel bei der korrekten Mülltrennung der gestern verschossenen Raketen beraten.
    ——————————————————-

    »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen«, sagt Toni, der begnadetste brotlose Dichter unserer Stadt, als ich ihm den Text zeige.
    »Stimmt«, antworte ich.

  • Die Weltbewegerin

    Die Weltbewegerin

    Man muss nicht Meteorologie studiert haben, um zu erkennen, dass das Klima sich wandelt. Die Sommer werden ständig heißer, dauern immer länger, Polkappen und Gletscher schmelzen, Taifune und Hurrikans nehmen zu, Inseln saufen ab, in manchen Regionen herrscht ewige Dürre. Man muss nicht Einstein sein, um zu begreifen, dass die Spezies Homo sapiens den Klimawandel durch ihre Produktions- und Lebensweise stark befeuert. Man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu verstehen, dass dieser sich unablässig beschleunigende Wandel manchen Menschen Sorgen bis hin zu Angst bereitet.

    Klimawandel? – echt langweilig!

    All dies ist nichts Neues. Die Wissenschaft warnt seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts davor. Aber, wie das der Wissenschaft, wenn sie unbequeme, zumal in weiter Zukunft liegende Wahrheiten ausspricht, oft passiert: man nimmt sie nicht Ernst. Wozu auch? Wissenschaftler behaupten heute dies, morgen das, und immer findet sich ein Experte, der eine Gegenmeinung äußert. Es wird wärmer und sonniger? Wunderbar. Wurde nach Jahrzehnten der verregneten Sommer im Rheinland auch höchste Zeit. Die Malediven gehen unter? Auf den Kanaren ist es auch ganz nett. Südlich der Sahara wird das Wasser knapp? Da kümmert sich unser Entwicklungshilfeminister rührend drum. Wir zeigen denen, wie man Brunnen bohrt und mit zwei Litern pro Kopf durch den Tag kommt. Ein Orkan der Stärke 12 hat die Bahamas weggeblasen? Oh weh, das ist natürlich nicht so schön für die Bahamesen. Aber irgendwas passiert ja immer. In Grönland wird Eis zur Mangelware? Na, das ist doch prima. Kann die Insel endlich landwirtschaftlich genutzt werden. Es drohen nicht enden wollende Klima-Migrationsströme von Süd nach Nord? Sollen sich die Menschen in dieser Region bloß nicht so anstellen. Wären deren Regierungen nicht derart korrupt, wär’s da auch nicht so heiß. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland tun jede Menge fürs Klima. Wir fahren Autos mit Kat, haben Heizungen mit Außenthermostat und trennen auch unseren Müll. Sollen uns die anderen erstmal alles nachmachen, bevor wieder neue Verbote ausgeheckt werden.

    Und man traut es sich ja bloß noch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern: Ob wir Menschen überhaupt was mit dem Klimawandel zu tun haben, weiß niemand so genau. Unser Nachbar – der ist Ingenieur und hat Ahnung davon – sagt, dass das Klima sich schon immer gewandelt hat, die Erde in einem neuen Neigungswinkel zur Sonne steht, woran wir Nullkommanichts ändern können und, so lange die Chinesen nicht mitziehen, wir das alles ohnehin vergessen können. Es sei geradezu deutscher Größenwahn, das Thema Klima ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Schauen Sie sich die Briten an: die nehmen das Wetter mit Humor und kaufen Regenschirme. Als ob es nicht wichtigere Probleme gibt als Sonne, Hagel und ein paar Windböen. Und wahrscheinlich wird die ganze Hysterie künstlich geschürt, um unseren Industriestandort und damit unseren sauer erarbeiteten Wohlstand ins Wanken zu bringen. Das ist es ja, wovon die Linken seit 1917 träumen: völlige Nivellierung der Lebensverhältnisse auf Pol-Pot-Kambodscha-Niveau. Das Ganze läuft sich eh irgendwann tot. Ist doch jetzt schon sterbenslangweilig.

    Kann man, wenn man ein Ignorant oder Zyniker ist, natürlich so sehen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es dem sich mittlerweile galoppierend schnell wandelnden Klima egal ist, wie Wissenschaftsskeptiker und Realitätsverweigerer die Sache interpretieren. Erinnert an den Magistrat Pompejis, der, als der Vesuv im Jahr 79 wochenlang Warnzeichen schickte, verlautbaren ließ: »Es wird nichts passieren. Denn bisher ist noch nie was passiert. Möge der Berg weiter qualmen und die Erde ein bisschen beben; sorgt euch deshalb aber nicht unnötig«. Das Resultat dieses naiven Optimismus kann man heute auf dem eine halbe Stunde südlich von Neapel gelegenen Ruinenfeld betrachten.

    EINE Bewegerin, der weltweit Millionen folgen

    Die Jugend, der wir viele Jahre lang vorwarfen, sie sei zu konsumorientiert und unpolitisch, hat die neuen Warnzeichen mittlerweile erkannt, begreift, dass ein dramatischer Umschwung des bis dato Gewohnten demnächst bevorsteht, organisiert sich und geht auf die Straße. Friedlich, jeden Freitag. Ausgelöst durch EINE Person: Greta Thunberg (damals 15, heute 16). Der wir, insofern wir in der Lage sind, Größe zu erfassen, diese Größe unumwunden zugestehen müssen. Sollte die FfF-Bewegung weiterlaufen, von der Teilnehmerzahl her anschwellen und am Ende Erfolg haben, muss man Thunberg in dieselbe Liga wie Gandhi und M. L. King einsortieren. Menschen, die einzig durch Willen und Charisma einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben. Ob man nun jedes Vorhaben der Klimabewegung teilt oder nicht, ist nebensächlich, wenn es darum geht, die Größe eines Weltbewegers zu begreifen. Und eine Bewegerin ist die junge Schwedin ganz augenscheinlich.

    Fadenscheinige Kritik alter Männer

    Und was tun wir alten, weißen, wohlstandssatten Männer (zu denen auch jede Menge alter, weißer, wohlstandsübersättigter Frauen gehören)? Wir arbeiten uns an der Person Thunberg ab, statt uns mit den Inhalten ihrer Botschaft zu beschäftigen. Wir diskutieren über Asperger, unterstellen ihr, dass sie als kleine Göre keine Ahnung hat von dem, worüber sie redet, fragen scheinheilig: Wo sind eigentlich die Eltern, kümmern die sich überhaupt um die Tochter, muss da nicht langsam mal das Jugendamt einschreiten? Sehen in der Atlantiküberquerung per Segelschiff eine reine Marketing- und Spaßaktion (95% der Leser dieser Kolumne hätten sich an Bord die Seele aus dem Leib gekotzt), posten feixend ein Foto, das Thunberg mit einer Plastikflasche zeigt, sehen sie als von dunklen Mächten gesteuerte Zerstörerin der westlichen Zivilisation. Schwafeln leichtfertig von Ökofaschismus, womit wir einzig unsere historische Inkompetenz beweisen, denn Greta Thunberg ist von Faschismus so weit entfernt wie Herr Gauland von geschmackvollen Krawatten. Gründen sinnbefreite Facebook-Gemeinschaften à la Fridays for Hubraum, in denen wir mit unseren SUVs und Bleifuß auf der Autobahn prahlen, bevor die Gruppe von richtigen Faschisten gekapert wird und kleinlaut vom Netz genommen werden muss. So sind wir halt, wir erwachsenen Kritiker und Mahner der Jugend. Uns haben unsere Eltern damals ja auch nicht alle Faxen durchgehen lassen. Und wenn’s ans Autofahren geht, hört in Deutschland eh der Spaß auf.

    Mein absoluter Liebling in der vergangenen Woche lautete:

    Ich bin selbst Mutter von drei Töchtern und arbeite ehrenamtlich mit in ihrer Entwicklung gestörten Kindern zusammen. Und ich frage mich: Wann hat Gretas Mutter ihr krankes Kind das letzte Mal in den Arm genommen? Wäre sie meine Tochter, würde ich sie schleunigst aus New York zurückholen, mich um sie kümmern und vor allem dafür sorgen, dass sie wieder die Schule besucht. Geld kann doch nicht wichtiger sein als Kindeswohl.

    Wow!

    Was war das nun?
    (a) das Statement einer, zwar ahnungslosen, aber tatsächlich besorgten Mutter
    oder
    (b) die Kulmination aller Heuchelei, die ich in Blickrichtung auf Greta Thunberg bisher lesen musste?

    Gab viel Applaus in Form von Daumen hoch und Herzen für diesen Beitrag. Ich persönlich tendiere dennoch zu (b).

    Fazit: Man muss kein Experte sein, um den Klimawandel, inklusive des nicht geringen menschengemachten Anteils daran, zu erkennen. Man muss kein Hysteriker sein, um zu fordern, dass sich was ändern muss. Man muss kein spiritueller Clown sein, der eine neue Heilslehre sucht, um zu begreifen, dass Greta Thunberg über ne Menge Willen und Charisma verfügt und etwas Großes ins Rollen bringt. Man muss kein Anarchist sein, um die Notwendigkeit der Freitags-Demos zu sehen. Man muss auch nicht alles für vernünftig und ausgegoren erachten, was zum Thema Klima von den Schülern gesagt wird, um aber trotzdem die generelle Stoßrichtung richtig zu finden und das Engagement der Jugend zu begrüßen.

    Man muss jedoch ein Arschloch sein, wenn einem zum Thema Klima nichts anderes einfällt, als auf Asperger und Rabeneltern rumzureiten.

  • Darf ein Politiker ne teure Uhr tragen?

    Darf ein Politiker ne teure Uhr tragen?

    Ob wir hier über ein C- oder gar D-Thema reden?
    Klar!
    Gibt meiner Meinung nach kaum was Blöderes, als Politiker danach beurteilen zu wollen, ob ihre privaten Handlungen stets im Einklang mit ihren (ver-) öffentlich(t)en Positionen stehen. Sobald wir diese strenge Messlatte anlegen, werden sich Parlamente und Regierungsbänke schlagartig leeren. Und zwar fraktionsübergreifend. Weshalb sollte ein Grüner keinen SUV fahren, ein Sozi keine teuren Zigarren rauchen, ein Linker nicht in einen Oldtimer-Porsche steigen, der Konservative zu Hause im Schlafzimmer kein Che-Guevara-Poster aufhängen oder ein AfD-Kreisvorsitzender nach Dienstschluss nicht (heimlich) einen Ladyboy-Puff aufsuchen? Wer sein politisches Urteil davon abhängig macht, ob Abgeordneter Meier am Samstagabend zu tief ins Glas schaut oder Staatssekretärin Müller in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, der hat die Spielregeln einer freien demokratischen Gesellschaft nicht verstanden. An dieser Stelle könnte ich deshalb mit der Kolumne stoppen und mich stattdessen mit was Vernünftigem beschäftigen.

    Steile Karriere

    Aber es geht mal wieder um Frau Chebli. Und hier lohnt sich schon ein kleiner Exkurs. Geboren 1978 in (West-) Berlin als zwölftes – von insgesamt 13 – Kind/ern palästinensischer Asylsuchender. Die Familie lebt beengt in Zwei- und Dreizimmerwohnungen. 1993 erhält sie die deutsche Staatsbürgerschaft, 1999 Abitur und Aufnahme des Politikstudiums an der Freien Universität. 2001 Eintritt in die SPD, 2004 Abschluss als Diplom-Politologin. Sie sammelt erste berufliche Erfahrungen als wissenschaftliche Mitarbeiterin von sozialdemokratischen MdBs. Mit einer Zwischenstation in der Senatsverwaltung wechselt sie 2014 ins Auswärtige Amt, wo der damalige Chefdiplomat Steinmeier sie zur stellvertretenden Sprecherin der Behörde ernennt. Nach knapp drei Jahren scheidet Chebli auf eigenen Wunsch im AA aus und kehrt zum Berliner Senat zurück, in dem sie im Range einer Staatssekretärin die Position der Bevollmächtigen des Landes beim Bund bekleidet. Bis hierhin eine zwar steile, aber nicht außergewöhnliche Karriere.

    Was aber macht die Causa Chebli derart außergewöhnlich, dass so viele Kommentatoren sich ständig an ihr reiben? Da wäre zum einen ihr Aufstieg aus ärmsten Einwandererverhältnissen anzuführen. Des Weiteren ist sie eine der an den Fingern einer Hand abzählbaren Muslima, denen der Sprung in ein politisches Spitzenamt gelingt. Sie sieht gut aus – okay, über Geschmäcke (das ist übrigens die korrekte Pluralform) lässt sich streiten –, weiß sich medienwirksam in Szene zu setzen und vertritt offensiv ihr Glaubensbekenntnis. Mit Sätzen wie, „Ja, das Kopftuch ist für mich eine religiöse Pflicht, aber nein, ich trage es nicht, weil es für mich nicht das Wichtigste im Islam ist“ oder: „Ich trage kein Kopftuch, weil ich es nicht möchte. Ich will aber, dass jede Frau das für sich selbst entscheiden kann“, eckt sie schnell bei Konservativen und Besorgtbürgern an. 2016 äußert sie in einem FAZ-Interview: „Die Scharia regelt zum größten Teil das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Es geht um Dinge wie das Gebet, um Fasten, um Almosen. Das stellt mich als Demokratin doch vor kein Problem im Alltag, sondern ist absolut kompatibel, wie es für Christen, Juden und andere auch der Fall ist“ und konkretisiert diese Aussage, nachdem ein Shitstorm über sie hereinbrach, ein paar Tage später dahingehend:

    Scharia beinhaltet rituelle Vorschriften für das Gebet und das Verhalten gläubiger Menschen, darunter die Verpflichtung zu Almosen. Das alles fällt unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen.

    Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist Chebli zu einem Lieblingshasssubjekt der Rechten avanciert.

    (Alltags-) Rassismus & Sexismus als ständige Begleiter

    Als sie es im Herbst 2017 wagt, den zum Fremdschämen peinlichen Satz, „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“, mit dem sie ein älterer Versammlungsleiter bei einer Diskussionsrunde begrüßt, als typisches Beispiel für Alltagssexismus zu bezeichnen, bricht erneut eine Welle an verbalem Unflat über sie herein. Dabei hat sie völlig Recht. Genau das ist Alltagssexismus. Und nun also die Rolex an ihrem Handgelenk. Auf einem vier Jahre alten Foto. „Typisch Soze. Wasser predigen und Wein saufen“, lautet noch einer der harmlosen Kommentare, den sie sich dafür einfängt.

    Gelangen wir nun zur grundlegenden Frage: Warum gerät der gemeine mitteleuropäische Socialmedia-Troll speziell bei dieser Frau so in Wallung? Mir kommen spontan ein paar Antworten in den Sinn, die Sie wahrscheinlich nicht alle erfreuen werden:

    Muslima, bekennt sich zu ihrem Glauben, fordert selbstbestimmtes Recht fürs Kopftuchtragen: Damit hat jeder dritte Deutsche ein Problem, weil Kopftuch pawlowartig mit Zwang und Ablehnung unserer abendländischen Kultur gleichgesetzt wird.

    Fastet an Ramadan: Das ruft die besorgte deutsche Hausfrau auf den Plan. Den ganzen Tag nichts essen und trinken – das ist mega-ungesund. Und die armen Kinder, die das auch tun müssen. Wie kann eine Religion nur so grausam sein, etwas derart Unmenschliches wie stundenweisen Nahrungsverzicht von ihren Anhängern zu fordern? Auf den Schreck schnell ein Stück Käsekuchen und einen Latte macchiato.

    Kritisiert alte weiße Männer für deren alltagssexistisches Vokabular, für das gönnerhafte, „Na du kleines ausländisches Mädchen, was willst du uns denn Neues aus deinem Berufsleben erzählen? Oder sollen wir deinen Vortrag gleich ganz überspringen und direkt zum geselligen Teil der Veranstaltung wechseln? Brauchst jetzt gar nicht so zu schauen. Obwohl dir der entrüstete Ausdruck gut steht.“

    Leicht übertrieben von mir dargestellt?
    Klar! Es ist eine Kolumne.

    Religiöse Toleranz:
    In Deutschland immer noch unterentwickelt

    Machen wir uns nichts vor. 90 Prozent der Kritik, die wir an Politikerinnen wie Sawsan Chebli oder Aydan Özoğuz richten, hat nullkommanichts mit deren Sacharbeit zu tun, sondern speist sich aus (alltags-) rassistischen, islamophoben, multikulti-verteufelnden Denkschablonen, wie wir sie täglich zigtausendfach in den beiden großen Internetkloaken namens Facebook und Twitter niedergeschrieben sehen. Von Toleranz und Gelassenheit anderen Kulturen und Religionen gegenüber ist ein nicht gerade kleiner Teil der Bevölkerung noch Lichtjahre entfernt. Muslime wollen wir im Anatol-Grill und in der Änderungsschneiderei – nicht aber als Politiker oder Anwälte – sehen. Auch auf diesen Feldern nehmen sie uns jetzt schon die Jobs weg? Wo soll das alles noch hinführen?

    Um am Ende des Textes die Ausgangsfrage „Darf eine sozialdemokratische Politikerin ne teure Uhr tragen?“, zu beantworten: Natürlich darf sie das. Genauso wie Sie, der Sie Ihrer Frau und den beiden Kindern ständig Sparsamkeit predigen, den neuen Mercedes C-Klasse auf Pump finanzieren dürfen, ohne dass wir sofort Ihr Credo „Bleibt bescheiden!“ in Abrede stellen. Alles erlaubt.

  • Trolle sind auch nur Idioten

    Trolle sind auch nur Idioten

    »Trolle sind genauso übel wie Katzenbilder«, sagt Jupp, als wir uns zufällig mal wieder beim Einkaufen an der Käsetheke im Supermarkt über den Weg laufen. »Habe deshalb mein Konto in Facebook deaktiviert.«
    »So schlimm?«, frage ich.
    »Ja! Habe jetzt mehr Zeit für andere Dinge, und meine Nerven werden weniger strapaziert«, antwortet mein alter Schulkumpel und entscheidet sich für 250gr Brie.

    Auf der Fahrt zurück nach Hause überlege ich, ob mich die Trolle tatsächlich stören. Also auf die Nüsse können sie einem hin und wieder tatsächlich gehen – aber deshalb gleich den Account löschen?

    Zur Etymologie eines alten Begriffs in neuem Gewand

    Der Troll entstammt der nordischen Sagenwelt und bezeichnet dort ein koboldartiges Wesen. Muss aber nicht unbedingt klein und unsichtbar sein. Gibt ebenfalls ungeschlachte Riesentrolle, die man zu jeder Tageszeit und aus der Ferne gut erkennt. Einige sind richtig hässlich, bei anderen würde eine minimalinvasive Schönheits-OP helfen. Manche verwandeln sich in Steine, der überwiegende Teil dieser Fabelwesen tut es jedoch nicht. Wenn man sie sich als Kreuzung zwischen dem Grinch, Shrek und Frankenstein vorstellt, ist man auf der sicheren Seite. Wissenschaftler würden das als (zu) laienhafte Beschreibung ansehen; aber die Wissenschaft vom Troll steckt eh noch in den Kinderschuhen.

    Eng verwandt mit dem Hauptwort Troll ist das Verb trollen: umhergehen, rollen. Über den angelsächsischen Umweg „trolling with bait“, was „mit einem Schleppnetz fischen“ bedeutet, gelangte der Begriff Anfang der 90er in die digitale Welt. Ein Troll wirft einen (vergifteten) Köder aus und wartet ab, wie die anderen User darauf reagieren bzw. ob sie sich in seinem Netz verheddern. Eine vor dem Auftauchen des Störenfrieds in ruhigem Fahrwasser ablaufende Diskussion wird also mittels Provokation langsam aufgeheizt, bis sich die Teilnehmer in Unsachlichkeit und gegenseitigen Beschimpfungen verlieren. Ist der Thread ein paar Stunden später völlig entgleist, freut sich der Troll.

    Vier Typen

    Ich unterscheide grob vier Typen von digitalen Schwachköpfen:

    (1) Der gemeine mitteleuropäische Vor-/ Kleinstadttroll
    Ihn trifft man häufig, wenn man in sozialen Foren unterwegs ist. Schmückt sich mit Namen wie Horsti, der blonde Korsar, Dortmunder Wachsbirne, Didi, die Wunderbiene oder Arbeitslosundglücklichdabei. In ständiger Alarmbereitschaft, attackiert sofort. Bringt selten Neues, drischt Uraltphrasen, zeigt große Schwierigkeiten bei der Einwandbehandlung. Vergleichbar einem Dämon der vierten Kategorie, wie man sie aus Ghost Busters kennt. Man erschrickt ein bisschen, wenn er plötzlich auftaucht, richtet dann sein verbales Gewehr auf ihn, sieht zu, wie er vor Wut zerplatzt und kann eine Wette drauf abschließen, dass gleich die nächste hässliche Fratze aus dem schier unerschöpflichen Facebook-Idioten-Tümpel hervorquillt. Besonderes Merkmal dieser Gruppe: Sie tun’s gerne gemeinsam oder: Ein Vorstadttroll kommt selten alleine. Durch digitale Präsenz soll eine Mehrheit suggeriert werden, wo im realen Leben gar keine Mehrheit ist. Lästig, aber nicht bedrohlich. Dafür fehlt ihnen schlichtweg die Intelligenz.

    (2) Der Joker
    Achtung: ein Großmeister! Beherrscht die Kunst der gepflegten Provokation aus dem Effeff. Nicks wie Deep Throat oder Dirty Harry weisen darauf hin, dass Sie es gleich mit einem langjährig geübten Profiprovokateur zu tun bekommen. Bespielt die gesamte Klaviatur. Kennt von freundlich, schmeicheln, über witzig, sticheln bis hin zu falsche Fährten legen und desavouieren jeden Kniff. Hat eine feine Nase dafür, wen er aus der normalen Kommentatorenschaft herauslösen und ebenfalls gegen den Autor in Stellung bringen kann; bis sich der Thread irgendwann giftgrün verfärbt, jeder mit jedem streitet, ihn der Inhaber schließlich entnervt auf stumm schaltet. Arbeitet zumeist alleine. Ein Solist, der sich zwar hin und wieder der gemeinen Trolle bedient, sie aber wegen ihrer traurigen Dämlichkeit insgeheim verachtet. Da vom Joker durchaus neue Argumente vorgebracht werden, kann es mitunter lohnen, ihn an der Diskussion teilhaben zu lassen. Ein waches Auge muss man trotzdem IMMER auf ihn haben.

    (3) Der Cybermobber
    Ihm geht es nicht ums Thema – er hasst den Verfasser aus ganzem Herzen. Sobald der Name des Autors irgendwo aufpoppt, sieht er automatisch Rot und zieht sofort verbal blank. Wird schnell beleidigend, was eigentlich vorteilhaft wäre, weil er in diesem Fall die Netiquette verletzt und umgehend aus einer gut moderierten Diskussion rausfliegt. Da aber die meisten Threads in Facebook lausig bis hin zu überhaupt nicht moderiert werden, muss man als 08/15-Kommentator eben auch mit solch schlecht erzogenen Zeitgenossen klarkommen. Bzw. ihnen ein fröhliches „Selbst Caligula zeigte mit seinem Pferd bessere Manieren als Sie hier“ zurufen, bevor man sich aus dem Thread ausklinkt. Cybermobber sind digitale Pitbulls und bilden die unterste Kaste innerhalb der Trollfamilie.

    (4) Der organisierte Fake-News-Verbreiter
    Kann von einem rechten Netzwerk aus agieren oder in einer Desinformationsabteilung des FSB tätig sein. Operieren häufig mit auf den ersten Blick normal anmutenden Namen. Wer kommt schon gleich darauf, dass sich hinter der 43jährigen Emma Schneidbereit, Tierschützerin aus Tübingen, die Germanistikstudentin Larissa Golubew aus St. Petersburg verbirgt, die in den Sommerferien für den russischen Propagandakanal jobbt? Nicht jeder Nazi tut uns den Gefallen und kreuzt mit Pseudonymen wie Thor_der_Zerstörer oder Wotanforever durch die Online-Welt. Normalerweise erkennt man sie nach einigen Minuten jedoch an ihrer kruden Beweisführung oder den Versuchen, die Diskussion vom Ausgangsthema weg auf anderes Terrain zu führen. Sollte man unsicher sein, lohnt ein Blick in die Profile. Spätestens nach dem dritten dort verlinkten AfD-Video weiß man Bescheid, welchem Typ Kommentator man hier gegenübersteht.

    Alle vier Untergruppen kennen den Filibuster und wenden diese – aus dem alten Rom über den US-Senat in die Moderne hinübergerettete – Technik der Ermüdungsrede obsessiv an. So lange posten, bis der Gegner entkräftet über der Tastatur zusammenbricht. Habe Trolle erlebt, die luden ihre Reaktion auf meine Antwort schon hoch, bevor ich meine Antwort zu Ende getippt hatte. Als ob sie meine Gedanken lesen könnten. Oft sind es zwar Paste-& Copy-Phrasen, die sie einstellen – was die Schnelligkeit erklärt – trotzdem mitunter beängstigend, wie hartnäckig sie am Ball bzw. am verbalen Kontrahenten dranbleiben. Hyänen und Kojoten sind im Vergleich nette Lebewesen.

    Trolle hängen gerne Verschwörungstheorien an: BRD GmbH, Chemtrails, Reptiloide, Osama bin Laden lebt und wohnt im Keller des Kanzleramts, Siri bereitet die Apokalypse vor. Beliebt sind ebenfalls: Wir werden alle seit Jahrzehnten durch unsere Regierung (besonders von der Merkel-Administration) und die von ihr gelenkte Presse belogen sowie: Die Flüchtlingsströme sind gesteuert und dienen einzig dem Zweck, die europäische Kultur aufzulösen und eine globale Einheitsrasse zu schaffen … Aber: es gibt auch völlig unpolitische Cyberwichte.

    Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym?

    Während ich lange Zeit annahm, ein Troll sei ein untersetzter, leicht reizbarer, männlicher, ü50-jähriger, schlecht rasierter, bereits zum Frühstück Bier trinkender, im Unterhemd vor dem PC sitzender ALG2-Bezieher, der seine Wut über die Ungerechtigkeit der Welt mit stündlich zunehmender Übellaunigkeit in die Tasten hämmert, geriet dieses Bild vor einigen Jahren ins Wanken, als ich in einer Impfdiskussion einem Cyberkobold namens BorisdieFönwelle begegnete, der im Verlauf der Debatte sämtliche Register der Falschinformation und Ad-Hominem-Argumentation zog, bis wir uns nach zwei Stunden erschöpft auf die Schlussformel „We agree to disagree“ einigten. Bass erstaunt war ich, als er mir einige Tage später via Messenger mitteilte, dass er bzw. sie im realen Leben Maria X. heiße, 40 Jahre alt & glücklich verheiratete Mutter mit zwei Kindern sei, als Teilzeit-Fotomodell arbeite und bereits seit geraumer Zeit mit mir in Facebook befreundet ist.
    „Warum tust du das?“, fragte ich.
    „Weil es mir ab und an Spaß macht, unter falschem Namen rumzutrollen. Das Thema ist dabei völlig egal. Hauptsache, den Thread aufmischen“, schrieb sie zurück.

    Meine Annahme, elektronische Schwachköpfe seien vor allem frustrierte XY-chromosomige Hartz4er, war somit offensichtlich falsch gewesen. Hinter Fantasienamen wie BorisdieFönwelle können sich durchaus attraktive Frauen verbergen. Vielleicht kenne ich einige meiner Lieblingstrolle sogar persönlich aus Schule, Studium, Berufsleben oder wohne mit ihnen in derselben Straße? Wer weiß das schon so genau im Internetzeitalter?

    Vor meinem geistigen Auge entstehen Schulungsmaßnahmen und Seminarangebote: „In zwölf Stunden vom Durchschnittsuser zum Powertroll. Wie Sie es garantiert schaffen, binnen weniger Minuten jede seriöse Unterhaltung zu sprengen.“

    Großraumbüros, in denen 400-Euro-Trolle dicht an dicht gedrängt fertige Textbausteine mit Falschnachrichten in den digitalen Äther versenden. Bezahlte Pöbeleien im Akkord.

    Zu weit hergeholt, meine Fantasie ginge mal wieder mit mir durch, meinen Sie?
    Sie nutzen Facebook nicht, antworte ich.

    Was treibt den Troll an?

    Mit der Psyche des Trolls beschäftigte sich im Jahre 2014 eine kanadische Studie, in der Wissenschaftler der Universität Manitoba 1200 Personen zu ihrem Verhalten im Internet befragten.

    Heraus kam – wenig verwunderlich –, dass der Großteil der Trolle ohne erkennbares Ziel trollt. Also primär das Trollen selbst als befriedigende Aktivität im Vordergrund steht. Was dem einen sein realer Orgasmus, ist dem Zweiten der abendliche Joint und dem Dritten das nächtliche Online-Pöbeln.

    Die Studie fasst das Wesen des gemeinen Vorstadt-Trolls wie folgt zusammen:
    ▪ Wird von Gefühlskälte, Selbstgerechtigkeit und Egoismus getrieben
    ▪ Ist in seiner dunklen Triade gefangen: Machiavellismus – also die Eigenschaft, persönliche Machtinteressen über die des Gemeinwohls zu stellen –, Psychopathie und Narzissmus
    -> Sadisten trollen, weil sie es genießen.

    Ob Trolle beim Pöbeln gleichzeitig onanieren, wurde bedauerlicherweise nicht in Erfahrung gebracht.

    Sinnvolle Gegenmaßnahmen

    »Oh mein Gott, so viele Trolle unterwegs. Wie kann man sich gegen die schützen?«, wollen Sie nun von mir wissen.

    Es gilt nach wie vor die einfache Regel: „Don’t feed him!“ Was nichts anderes bedeutet als: so lange ignorieren, bis es ihm langweilig wird, und er ein Profil weiterzieht. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn sich ALLE Diskussionsteilnehmer daran halten. Schert einer aus und reagiert auf den Provokateur, hat der ein Einfallstor gefunden und versprüht nun munter seine Halbwahrheiten im Thread.

    Man kann ihn blockieren. Was erfahrungsgemäß nur kurzzeitig nützt. Denn der verstoßene Blonde Korsar kehrt ein paar Stunden später als Horsti zurück und wütet schlimmer als zuvor. Merke: Trolle besitzen immer mehrere Accounts. Hin und wieder spielen sie sogar Ping Pong mit ihren Scheinidentitäten und antworten sich selbst.

    Sich kurzfassen: „Danke für Ihren Hinweis. Hat aber nichts mit dem Ausgangsthema zu tun“. Manchmal klappt das. Eine Garantie, dass der Troll den dezenten Wink versteht und sich vom Acker macht, gibt’s allerdings nicht.

    Selber die infizierte Unterhaltung verlassen. Schont zwar die Nerven; man überlässt das Spielfeld in diesem Fall allerdings dem Störenfried.

    Aaron Huertas zieht in seinem Aufsatz Constructively dealing with trolls in science communication folgende Analogie:

    Mit einem Troll zu argumentieren, ist wie ein Ringkampf mit einem Schwein. Beide werden dreckig und dem Schwein macht es Spaß.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Einen Sonderfall stellen Diskussionen in Fußballforen dar, in denen es zum guten Ton gehört, sich gegenseitig zu beschimpfen, sobald man feststellt, dass der Gegenüber Bielefelder und kein Kölner oder Dortmunder und kein Bayer ist. Ich lese mir die Kommis an den Spieltagen gerne durch. Sie sind ein ewiger Quell für kreative Beleidigungen, die ich so noch nie gehört habe. Kann man als Autor ne Menge Inspirationen für die Dialoge seiner Romanfiguren drin aufspüren.

    Fazit oder: Wo ein Kolumnist ist, bleibt der Troll nicht lange fern

    Der Troll ist ein digitales Phänomen und hat sich binnen weniger Jahre sowohl zu einer Massenplage als auch zu einem Geschäftsmodell entwickelt. Je mehr die „seriöse“ Politik auf Fake News setzt, desto ungenierter argumentieren die Cyberkobolde. Manche sind von der Richtigkeit ihres Schwachsinns überzeugt, andere tun es aus der bloßen Lust am Provozieren heraus.

    Von daher bleiben unterm Strich nur zwei Strategien, ihnen zu begegnen. Man:
    (1) wählt – wie mein Kumpel Jupp – die Exit-Option. Verlässt also die digitale Kampfarena
    oder
    (2) akzeptiert, dass Trolle unabänderlich zum Internet dazugehören wie Schmeißfliegen zu einem frischen Haufen Kuhscheiße. Ignoriert sie, hält argumentativ dagegen, trollt mit ihnen ein paar Minuten rum, beschimpft sie oder tut was anderes, wonach einem gerade der Sinn steht, sobald einem mal wieder einer dieser digitalen Psychopathen über den Weg läuft.

    Am wichtigsten von allen ist jedoch diese Eigenschaft: die Provokation nicht allzu Ernst nehmen. Denn: Ein Troll ist letztlich auch nur ein Idiot. Und mit dem würden Sie im realen Leben keine drei Sätze wechseln. Weshalb es also in Facebook tun?