Schlagwort: Sinti und Roma

  • Der kleine Soßenkrieg

    Der kleine Soßenkrieg

    Ein Lebensmittelhersteller gibt einer süßlich schmeckenden, roten Tunke, die mikroskopische Spuren von Paprikastücken enthält, einen neuen Namen, teilt dies vorab öffentlich mit, und schon ist in den sozialen Netzwerken der Teufel los.

    Was war geschehen? Das Heilbronner Unternehmen Knorr, zum Unilever-Konzern gehörend, spezialisiert auf Tütensuppen, Brühwürfel und tausenderlei Barbecue-Dips tauft sein Produkt Zigeunersoße in „Paprikasauce Ungarische Art“ um. Als – gemäß Info der Kommunikationsabteilung – Reaktion auf die Sensibilisierung weiter Bevölkerungskreise im Zusammenhang mit dem Tod des US-Amerikaners George Floyd und die im Nachgang entflammte weltweite Rassismusdebatte. Aus eigener Einsicht, eigenem Entschluss, nicht auf Druck der Straße hin. Kann man gut finden, kann man als am eigentlichen Problem vorbei gehandelt finden, oder man kann es als ewig Unbelehrbarer auch Kacke finden. Es bleibt aber als erster wichtiger Punkt festzuhalten, dass das Unternehmen aus eigenem Antrieb heraus handelte. Niemand, weder Aktivisten, noch der Heilbronner Stadtrat oder die böse Merkel-Regierung haben Knorr zu dieser Umfirmierung gezwungen.

    Wortherkunft unklar

    An dieser Stelle stoppen wir kurz und beschäftigen uns im Eildurchgang mit dem Wort Zigeuner: Die Herkunft des Begriffs ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Vollends desavouiert wurden Zigeuner durch die Nürnberger Gesetze von 1935, in denen ihnen als sogenannter „artfremder Rasse“ sowohl die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen als auch Eheschließungen mit Ariern untersagt wurden. Berufsverbote, Inhaftierung und Verschleppung in die Konzentrationslager waren die nächsten Schritte, an deren Ende der Porajmos (= das Verschlingen) stand. Bis 1945 fielen eine halbe Million Mitglieder dieser Volksgruppe der Nazibarbarei zum Opfer. Ein himmelschreiendes Unrecht, das vom deutschen Staat erst spät als solches anerkannt und bisher bloß ansatzweise gesühnt wurde.

    Es ist also ein frommes Märchen, dass unseren Großvätern und Großmüttern, wenn sie in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ungeniert das Wort Zigeuner in den Mund nahmen, nicht bewusst war, dass es sich hierbei um einen kontaminierten Begriff handelte. Sie taten es halt trotzdem und eventuell aus dem Grund heraus, weil ihnen alternative Synonyme nicht geläufig waren. Das macht es aber nur graduell besser. Zigeuner haftete immer stark das Odium des Andersseins, der Ausgrenzung an. Die sind nicht wie wir, gehen keiner geregelten Arbeit nach, betteln, klauen, sind nicht sozialisierbar und integrieren wollen sie sich auch nicht. Der Zigeuner wohnt nicht in Klinkerreihenhaus-Vororten oder Hochhaussiedlungen, sondern am Stadtrand in einem Campingwagen und lebt dort sowieso in ständigem Kuddelmuddel, mit riesiger Kinderschar und in Vielweiberei. Mit Einbruch der Dunkelheit sollte man Gegenden, in denen sich Zigeuner rumtreiben, tunlichst meiden.

    So weit, so schlecht, so eindeutig stigmatisiert.

    Zwei Herzen in der deutschen Brust

    Allerdings schlagen in unserer Brust zwei Herzen. Da ist einmal das Herz der Ordnungsliebe, das des jeden Zweiten-Samstag-wird-der-A6-innen-und-außen-gereinigt-Deutschen, egal welches Wetter draußen herrscht und ob der Kopf noch vom Freitagabendstammtischbesäufnis höllisch brummt. Und dann gibt es noch das Herz des Kitsches und der Rührseligkeit. Mit wehmütigen Sehnsüchten nach Zigeunermusik, Zigeunerwein, Zigeunertänzen, den unendlichen Weiten der ungarischen Puszta und den dort ständig sexuell verfügbaren, glutäugigen und mit prallem & leicht geschnürtem Dekolleté auf den deutschen ü50-A6-Fahrer wartenden Zigeunerweibern. Manifestiert in: Operetten, Liedern, Filmen, die auf so herzerwärmende Titel wie „Der Zigeunerbaron“, „Du schwarzer Zigeuner“, „Lustig ist das Zigeunerleben“, „Komm Zigan, spiel mir ins Ohr“ lauten. Bitte nicht verwechseln mit Brahms Ungarischen Tänzen. Die sind wunderbar anzuhören.
    Ach wie schön sind Debrecen und sein Zigeunergulasch!

    Das zweite Herz pulsiert allerdings immer erst nach Dienstschluss und vorzugsweise am Wochenende. Und spätestens um 5h morgens muss es aufhören zu schlagen, denn dann meldet sich das (verkaterte, evtl noch kotzend über der Kloschüssel hängende) ordnungsliebende Herz wieder gemäß dem urdeutschen Motto: Wer feiert und Zigeunerlieder singt, muss am Tag darauf auch arbeiten können.

    Aus dieser Nach-22-Uhr-Kitsch-Rührseligkeit leiten dann einige Kommentatoren ab, dass dem Begriff Zigeuner doch durchaus eine wohlwollende Komponente innewohne, man ihn also für positiv besetzt einstuft und deshalb jederzeit bar jeglicher Scham über die Verbrechen unserer (Ur-) Großeltern verwenden dürfe. Ob die Sinti und Roma lieber Sinti und Roma genannt werden wollen – wen juckt’s? Gipfelnd in der Frage, ob der Song „Zigeunerjunge“ nunmehr nachträglich umgeschrieben werden müsse, oder das ZDF die 70er-Jahre-Serie „Arpad der Zigeuner“ aus der Mediathek zu entfernen habe. Ich kann Sie beruhigen: Nein, muss beides nicht sein. Wer auf schnulzige Alexandra-Songs abfährt, kann diese weiterhin bei einem Glas Tokajer hören, wer gerne 70er-Jahre-ZDF-Serien anschaut, kann das auch in Zukunft mit einer Tüte Paprikachips neben sich auf dem Sofa tun. Will (bisher) niemand an der deutschen Nach-22-Uhr-Rührseligkeit rütteln.

    Vollends in den argumentativen Wahnsinn driftet die Diskussion allerdings ab, wenn nun plötzlich Ostfriesen und Blondinen bemüht werden, um auf das (angeblich) identische Diskriminierungslevel hinzuweisen. NEIN, Blondinen und Ostfriesen werden bei uns in Deutschland bei Job- und Wohnungssuche nicht benachteiligt. Keine Blondine fand sich, bloß weil sie Blondine war, im Lager Birkenau wieder. Kein Ostfriese muss, weil er aus Emden stammt, Racial profiling befürchten. Das sind ausgemachte Scheißhauswandschmierfinken-Vergleiche.

    Gutunmenschen und gedrehter Antiziganismus

    Ernster zu nehmen sind hingegen diese beiden Einwände:
    (a) Wer Zigeuner aus jeglicher Schusslinie rausnimmt, betreibt gedrehten Antiziganismus.
    (b) Das Austauschen von Wörtern hilft keinen Deut weiter.

    (a) Der gequirlte Antiziganismus
    (gibt’s natürlich auch als gedrehten Antisemitismus, gedrehten Rassismus und alles andere, was sich angeblich drehen lässt)

    Diese Argumentation entstammt der neurechten Soßenküche und will zum Ausdruck bringen, dass die linksliberalen Gutunmenschen (Sie wissen nicht, was ein linksliberaler Gutunmensch ist? Ich kann Sie beruhigen: ich wusste es bis vor einer Woche auch nicht. Erkundigen Sie sich bei Frau Lasselsberger, die erklärt es Ihnen gerne) aus ihrem selbstgerechten moralischen Überlegenheitsgefühl heraus bestimmte Gruppen für sakrosankt erklären. Bspw. Zigeuner, Juden, Flüchtlinge, Schwule & Lesben, Frauen, die sich in der me2-Bewegung engagieren. Diese sakrosankten Gruppen genießen dann verschärften Artenschutz und dürfen nicht mehr kritisiert werden. Man muss sich das so ähnlich wie die Sehnsucht der Romantik nach dem edlen Wilden vorstellen. Diesen Wilden wurde von der damaligen intellektuellen Avantgarde jede Gräueltat verziehen, denn als Wilde befanden sie sich qua Definition im Status immerwährender Unschuld. Oder wie Lisa E. doppelbödig (ein paar böse Zungen behaupten, dies sei bloß ein Euphemismus für Kalauer), den Gutunmenschen den Spiegel vorhaltend, in die Runde fragt: „Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? Der feuchte Albtraum der politischen Korrektheit.“ Eine Unschuldssehnsucht, von der jedoch glücklicherweise nur hypersensitive ADHS-Intellektuelle (in ihrer Mehrzahl politisch natürlich linksgrün orientiert) befallen werden. Das Volk in seiner Manifestation als Facebook-Kommentatoren mit seinem allzeit gesunden kollektiven Menschenverstand ist vor dieser psychischen Krankheit Gottseidank gefeit und noch imstande, die ganz offensichtlich schieflaufenden Dinge beim Namen zu nennen. Auch wenn das Aussprechen der Wahrheit oft gefährlich ist. Wer trotzdem den Mut aufbringt, es wider den linken Mainstream zu tun, wird von den linksliberalen Gutunmenschen umgehend in die böse rechte Ecke gestellt. Denn die Gutunmenschen denken zwar genauso böse und rassistisch wie das dem gesunden Menschenverstand vertrauende Volk, jedoch sprechen die Linksliberalen das nicht offen aus, sondern behaupten sogar wider besseren Wissens ständig das Gegenteil. Was einerseits verlogen und andererseits ein eindeutiger Beweis dafür ist, weshalb die Linken die wahren Antiziganisten sind. Sie sind ob der gequirlten Anti-Dingsbums-Argumentation verwirrt? Trösten Sie sich – ich ebenfalls.

    Gottlob gibt’s ja noch Facebook, wo man sagen darf, was man woanders schon lange nicht mehr sagen darf.

    (b) Wörter inkriminieren bringt überhaupt nichts
    Das reine Austauschen von Begriffen hilft selbstverständlich nicht weiter. Wird niemand über Nacht zum Nicht-Rassisten, nur weil er keine Zigeunersoße mehr im Supermarktregal findet. Das ist eine Binse.

    Allerdings bedeutet das Eliminieren diskriminierender Wörter aus unserem Sprachschatz einen ersten Schritt hin in Richtung Ernstnehmen der Belange von Minderheiten.

    Der Zentralrat der Sinti und Roma erklärt dazu:

    Es ist gut, dass Knorr hier auf die Beschwerden offenbar vieler Menschen reagiert … Uns bereitet allerdings der wachsende Rassismus in Deutschland und Europa größere Sorgen … Für den Zentralrat sind vor diesem Hintergrund Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit. Viel wichtiger ist es, Begriffe wie „Zigeuner“ kontextabhängig zu bewerten, etwa wenn in Fußballstadien „Zigeuner“ oder „Jude“ mit offen beleidigender Absicht skandiert wird.

    Sehen Sie, der Zentralrat hat kein Problem mit der Zigeunersoße, sagen Sie nun?
    Lesen Sie den Text nochmal, antworte ich; der Zentralrat sieht zwar dringendere Probleme als die Umfirmierung einer klebrigen roten Tunke, aber er begrüßt dennoch die Entscheidung von Knorr.

    Diskriminierende Begriffe sind toxisch, weil sie bewusst oder unbewusst unser Denken bestimmen: Keine Frau möchte ständig Schlampe/ Bitch in der Zeitung lesen, wenn da auch Frau stehen könnte. Kein alter, weißer, männlicher Facebook-Kommentator fände es auf Dauer lustig, in der Öffentlichkeit abwechselnd nur noch als Wutbürger oder Frührentner angesprochen zu werden. Kein Politiker will immerfort aufs Brot geschmiert bekommen, dass er einer korrupten Elite angehört.

    Die Vergleiche hinken, sagen Sie?
    Sie hinken vielleicht ein bisschen, aber sie lahmen nicht völlig, erwidere ich.

    Weshalb kann man also nicht die historisch derart belastete Bezeichnung Zigeuner langsam auslaufen lassen und durch Sinti und Roma ersetzen? Weil uns die Befindlichkeiten der Minderheiten, die ja ständig irgendwas zu meckern haben, ganz gepflegt am Arsch vorbeigehen? Wenn’s denen nicht gefällt, wie wir hier reden, dann sollen sie halt wieder in Richtung Indien verschwinden, wo sie ursprünglich mal beheimatet waren. Und überhaupt – was steuern die Zigeuner schon zum Bruttoinlandsprodukt bei? Die sind nicht wie wir, die wir von morgens bis spät in die Nacht schwer schuften; die singen und tanzen die ganze Zeit. Da wird man im Gegenzug doch ein kleines Zigeunerschnitzel ertragen können. Wo bleibt bloß der Humor dieser Leute? Mich nennen die Tommies „Hunne“, die Itaker „Kartoffel“ und der Franzmann sagt sogar „Schwein“ zu mir; und rege ich mich darüber auf? Nein. Ein bisschen mehr Gelassenheit stünde manchen Minderheiten wirklich gut zu Gesicht.

    Wir bleiben also halsstarrig bei Zigeunersoße und Zigeunerschnitzel, weil:
    ♦ Wir das immer schon so gesagt haben
    ♦ Die ganze Political Correctness ein arger Scheißdreck ist, der bloß der Selbstbefriedigung linksliberaler Spinner dient
    ♦ Wir im Moment wirklich wichtigere Probleme haben, als uns mit solchen Kinkerlitzchen zu beschäftigen?

    Mein Opa hat Zigeunerschnitzel geliebt, mein Vater hat über alles Zigeunersoße gekippt, und ich sage Zigeuner, wann immer ICH es für richtig halte. Das wäre ja noch schöner, wenn ich mir von linksliberalen Sprachakrobaten die Wörter vorschreiben ließe. Und ich bin natürlich kein Rassist, denn ich höre jeden Freitagabend „Zigeunerjunge“, und bei einer Zigeunerwahrsagerin war ich auch schon 2x. Haben Sie es nun begriffen, Herr Kolumnist?

    Also, ICH find’s gut, dass Knorr aus eigenem Antrieb heraus den Namen geändert hat. Auch wenn die neue Bezeichnung in meinen Ohren etwas sperrig klingt. Geht die deutsche Sprachwelt nicht von unter, antworte ich Ihnen. Ob einem die süßliche, rote Tunke schmeckt – egal, wie sie nun heißt –, ist ein anderes Thema. In dieser Kolumne ging’s um (toxische) Begriffe und nicht um Kochrezepte.

    Jetzt können die Sprachnostalgiker, die an den schönen alten Wörtern ihrer Großeltern hängen, drei Mal laut „Zigeunerschnitzel!“ vom Balkon runterrufen und dabei mit dem Fuß aufstampfen. Wenn’s hilft.

    Und nun komme ich abrupt zum Ende, weil mir der Tabasco ausgegangen ist, und der Supermarkt gleich zumacht.

    ENDE der Soße

  • Pippi und der Negerkönig

    Pippi und der Negerkönig

    Nachträgliche Revision von kritischen Formulierungen in Kinderbüchern: Zensur oder notwendige Korrektur?

    „Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!“, pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. „Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich Negerprinzessin.“
    Pippi in Taka-Tuka-Land (1948)

    Wer spontan Lust auf eine lange und kontroverse Diskussion verspürt, der braucht in Facebook bloß die Frage zu stellen, ob alte Begriffe wie Neger, Mohr und Zigeuner aus unserem Sprachschatz eliminiert werden sollen. In wenigen Minuten ist der digitale Teufel los. Die Gemüter erhitzen sich schneller als ein Cerankochfeld auf Stufe 12, die Tastaturen laufen heiß. Die Standpunkte reichen von „ich lasse mir doch den Mund nicht verbieten“, „das ist Gehirnwäsche“ über „es hängt vom Kontext ab“ bis hin zu „ihr seid alle Sprachfaschisten“. Da kommen binnen weniger Stunden schon mal vier-, fünfhundert Kommentare zusammen.

    Falls man es bereits als vergebliche Liebesmühe ansieht, seine Zeitgenossen davon überzeugen zu wollen, in der Kantine eine Portion Schweinefleisch mit Paprikasoße statt eines Zigeunerschnitzels zu bestellen, oder Schaumkuss für Mohrenkopf zu sagen, dürfte man sich an das Thema „nachträgliche Textkorrektur“  gar nicht erst heranwagen. Denn hier drohen sofort Keulen wie Zensur, „Kunst darf niemals von Fremden angetastet werden“ und „Orwells Neusprech lässt grüßen“. Trotzdem soll in dieser Kolumne der Versuch unternommen werden, Pro & Contra-Argumente zur Revision kritischer Begriffe in KINDERbüchern gegenüberzustellen und zu einer vernünftigen Vorgehensweise zu gelangen.

    N- und Z-Worte waren nie neutral

    Zuerst muss allerdings mit einem Irrglauben aufgeräumt werden: Neger, Mohr und Zigeuner waren im Deutschen NIE neutral oder gar positiv besetzt gewesen. So leitet sich Neger zwar – über die Zwischenstationen negro und nègre – vom lateinischen Adjektiv niger (schwarz) ab, zielt also bei oberflächlicher Betrachtung einzig auf die Hautfarbe. Erfunden wurde der Ausdruck im 16ten Jahrhundert und diente als Produktbezeichnung für Menschen, die von Westafrika verschleppt und in die neuen amerikanischen Kolonien verkauft wurden. Neger war also ein Synonym für Sklave. Diesen Zusammenhang kannten die Deutschen, als sie den Begriff mit ein paar Jahrzehnten Verspätung von den Franzosen übernahmen und die ältere Vokabel Mohr dafür über Bord warfen. Mohr wiederum geht auf die Wurzeln moros (altgriechisch = töricht, dumm) und maurus (lateinisch = schwarz, dunkel) zurück, was in der Kombination der beiden Eigenschaftsworte einen stark abwertenden Beigeschmack erhält und in der Konsequenz dazu führte, Schwarze vor allem als Diener ihrer weißen Herren zu betrachten. Die genaue Herkunft von Zigeuner ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Die seit Mitte des 19ten Jahrhunderts betriebene – auf völlig irrigen Annahmen beruhende – und achtzig Jahre später von den Nationalsozialisten in barbarische Ausrottungsorgien umgesetzte Rassenlehre bedeutete den endgültigen Todesstoß für die oben genannten, diskriminierenden Kennzeichnungen. Sollte man meinen. Dem war aber nicht so. Es dauerte weitere dreißig Jahre, bis endlich eine flächendeckende Sensibilisierung für diese Problematik eintrat.

    Denn – und das ist wichtig und entscheidend –: schwarze Menschen möchten nicht als Neger und Mohren tituliert und Sinti & Roma keinesfalls als Zigeuner verunglimpft werden. Tun wir es dennoch, obwohl wir um die negative Konnotation der Worte wissen, reden wir in diskriminierender Weise. Die Argumente, „das haben wir immer schon so gesagt“ und „ich sag’s zwar, meine es aber nicht böse“, ziehen nicht bei Ausdrücken, deren herabsetzende  Zielrichtung seit Jahrzehnten klar erkannt und benannt ist.  Da hilft auch nicht, irgendeinen nebulösen Kontext bemühen zu wollen.

    Wenn also unsere Großeltern noch nach Kriegsende die Vokabeln Neger und Zigeuner in den Mund nahmen, war ihnen durchaus bewusst, dass sie sich unkorrekt ausdrückten. Es ist ein frommes Märchen, dass ihnen keine freundlicheren Beschreibungen zur Verfügung gestanden hätten. Afrikaner und Schwarzer waren auch damals schon als Synonyme im Umlauf. Sobald Oma und Opa von Neger sprachen, dann meinten sie es latent abwertend. Es herrschte bis weit in die 70er Jahre die Denkweise vor: „Schau, was aus den ehemaligen Kolonien geworden ist, seitdem die Neger auf sich alleine gestellt sind. Nichts außer Tohuwabohu und Mord und Totschlag“. Insofern jedoch bereits meiner Großmutter halbwegs klar war, dass man das N-Wort besser nicht sagen sollte, um wie viel schwerer wirkt der Gebrauch wider besseren Wissens in Blickrichtung auf Autoren, denen diese Formulierung ja nicht spontan im Verlauf einer Konversation herausrutschte, sondern die alle Zeit der Welt besaßen, sich über die von ihnen fabrizierten Sätze Gedanken zu machen? Der Vorwurf des Rassismus ist bei Lindgren, Preußler, Ende – um nur drei prominente Beispiele aufzuzählen – sicher etliche Nummern zu hoch gegriffen. Kinderbuchschreiber, die Neger, Negerlein, Mohren und Zigeuner in ihre Geschichten integrieren, müssen sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, fahrlässig mit diesen Worten hantiert zu haben. Speziell Negerlein – für das kein Pendant bei anderen Hautfarben existiert – erweckt in mir die Assoziation nach putzigen Haustieren. Sie tanzen, trommeln, pfeifen immer gerne die Negerlein in ihren bunten Baströckchen und sind dabei so erfrischend natürlich, was nichts anderes als naiv bedeutet. Während die weißen Helden der Geschichten stets klug, abenteuerlustig und mutig gezeichnet werden.

    Nachträgliche Anpassung: pro & contra

    So weit, so gut bzw. schlecht. Wie soll nun ein Verlag im Jahre 2017 bei der Neuauflage von Taka-Tuka-Land verfahren? Die mittlerweile indizierten Wendungen unangetastet lassen oder durch politisch korrekte Termini ersetzen? An dieser Stelle muss mit einem weiteren Mythos aufgeräumt werden: Neubearbeitungen von Texten gab es immer schon. Wie oft sind Altes und Neues Testament in verschiedene Sprachen übersetzt und der Wortlaut dem jeweils geltenden Sprachgebrauch angepasst worden? Wer will schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sämtliche ausländischen Romane eins zu eins ins Deutsche übertragen wurden und werden? Wie viel Gestaltungsspielraum genießt eigentlich ein Übersetzer? Wie häufig kommt es vor, dass Filmhelden in der synchronisierten Fassung andere Sätze in den Mund gelegt werden, als sie sie im Original von sich geben? Sehr oft!

    Sören Heim erklärt dazu in seiner Kolumne Politische Korrektheit – in Literatur immer fehl am Platz? (Okt. 2015):

    Schauen wir lieber darauf, was die Bearbeitung mit dem Werk macht, ob sie es verbessert, bereichert, ihm etwas wegnimmt, oder ob sie es kaum berührt.

    Solange frühere Versionen nicht unzugänglich gemacht werden, ist gegen künstlerische Bearbeitungen auch im Sinne politisch korrekter Vorstellungen nichts einzuwenden. Nur wäre die Diskussion darüber, ob das Werk dadurch gewinnt oder verliert, nicht mit einem Tabu zu belegen.

    Preußler zeigte sich kompromissbereit, Lindgren blieb bis zum Tod stur, Ende war zu Lebzeiten nicht mehr gefragt worden. Trotzdem wurde der Negerkönig in Taka-Tuka-Land nachträglich in Südseekönig abgewandelt. Die Beibehaltung des Negers in Jim Knopf hingegen soll gemäß Erklärung des Verlags dazu dienen, den so redenden Fotografen Ärmel als Besserwisser darzustellen.

    Auch wenn ich künstlerische Freiheit als hohes und schützenswertes Gut erachte, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass sämtliche Literatur sakrosankt ist und nicht kritisch hinterfragt und in bestimmten Fällen sogar korrigiert werden darf. Welche Vorgehensweisen bieten sich an?

    (1) Gar nichts tun. Alles so lassen, wie es einst zu Papier gebracht wurde
    (2) Wie (1), jedoch einen Erklärtext voranstellen
    (3) Die Worte austauschen.

    Die Befürworter von (1) stellen sich auf den Standpunkt, dass diskriminierende Formulierungen am besten durch den vorlesenden Elternteil erklärt und mit dem zuhörenden Kind diskutiert werden. Das sei sinnvoller als reines Window dressing. Klingt plausibel, entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als fromme Absichtserklärung.  Die meisten Bücher liest man als Kind und Jugendlicher alleine und erkundigt sich auch im Nachgang nicht bei Vater und Mutter, ob bestimmte Vokabeln vom Autor richtig oder falsch eingesetzt wurden. (2) ist eine Totgeburt. Denn – Hand aufs Herz – wer studiert schon ein Vorwort oder gar eine Gebrauchsanweisung fürs korrekte Verständnis eines Textes? Niemand! Dann also doch (3) Auswechseln der Begriffe?

    Ich bin da zwiegespalten. Zum einen verstehe ich den Wunsch der betroffenen Gruppen, die monierten Bezeichnungen in sämtlichen Werken zu eliminieren, frage mich aber zum anderen: wo anfangen und wo aufhören?  Was ist mit älteren Büchern? Muss der Mohr im Struwwelpeter raus, sind sämtliche Märchen von Grimm, Andersen und Hauff zu entrümpeln, soll untersucht werden, ob sich Dickens, Stevenson, Cooper, Defoe und Karl May durchgängig politisch korrekt ausdrückten? Was passiert, wenn neue kritische Wendungen auftauchen, über die sich beispielsweise Feministinnen empören? Wie soll verfahren werden, falls es sich nicht bloß um einzelne Worte, sondern um längere Textabschnitte handelt, die vom heutigen Blickwinkel aus als diskriminierend einzustufen sind? Pippis Vater als weißer Südseekönig ließ die schwarzen Insulaner für sich arbeiten und begründete so den Reichtum, von dem auch seine Tochter im weit entfernten Schweden prima leben konnte. Liegt hier nicht ein verklärendes Kolonialklischee vor? Fragen über Fragen.

    Phase 1: Konzentration auf Nachkriegsliteratur

    Bevor dem Lektor über diesem Problem graue Haare wachsen, und er aus Verzweiflung zur Flasche greifen muss – hier ein Lösungsvorschlag zur Güte: Kinderliteratur, die nach 1945 entstand, wird ausnahmslos auf den aktuell politisch korrekten Stand gebracht. Denn spätestens mit Beendigung von WK2 war klar, dass die Begriffe Neger, Mohr und Zigeuner in den Mülleimer der Geschichte gehören. Wer sie als Autor trotzdem verwendete, handelte fahrlässig. Bei älteren Werken kann – muss aber nicht – angepasst werden. Diese Forderung gilt einzig für den Austausch einzelner Worte, nicht hingegen fürs nachträgliche Umschreiben ganzer Kapitel. Die Transformation von Neger in Insulaner berührt den Inhalt nur marginal, während das Herausnehmen der Taka-Tuka-Land-Passage die gesamte Pippi-Langstrumpf-Geschichte ad absurdum führen würde. Schulen können wertvolle flankierende Aufklärungsarbeit leisten. Zwar wird ein Kind durch das ungefilterte Lesen von diskriminierenden Bezeichnungen nicht zwangsläufig zum Rassisten; es reicht aber mMn alleine der Wunsch der betroffenen Gruppen nach Anpassung des antiquierten Vokabulars an die aktuelle Sprachregelung aus, um die nachträglichen Korrekturen zu rechtfertigen.  Die künstlerische Freiheit eines Kinderbuches endet dort, wo sich Menschen berechtigterweise (!) durch die Wortwahl diskriminiert fühlen. Stellten wir uns taub, würden wir damit demonstrieren, dass uns die Anliegen von Minderheiten völlig egal sind, und wir lieber aufgrund eines falsch verstandenen Kunstbegriffs an kontaminierten Ausdrücken festhalten, als uns als Mehrheitsgesellschaft auf diese Personenkreise zuzubewegen.

    Und das hat alles nicht das Geringste mit Orwells Neusprech zu tun!!