Schlagwort: Soziale Medien

  • Warum X (Twitter) nicht stirbt

    Warum X (Twitter) nicht stirbt

    Inzwischen sind sie wohl alle wieder zurückgekehrt, die X – und Twitter-Kritiker, die nach der Übernahme der Plattform durch Elon Musk scharenweise zu Mastodon gewechselt waren. Dort sollte die Ursprungsidee des guten alten Web 2.0 wiederbelebt werden, ein Netz für alle, dezentral, nicht beherrscht und betrieben von einem mächtigen Konzernbesitzer, der im Hintergrund seine eigene kapitalistische Agenda verfolgt.

    Die älteren hatten das alles schon mehr als einmal erlebt, damals, als Facebook durch Google Plus abgelöst werden sollte, dann bald darauf, als Ello die konzernbefreite Alternative zu Facebook werden sollte, dann natürlich, als Facebook WhatsApp kaufte und irgendwie alle meinten, jetzt würden alle zu Threema oder Telegram oder Signal wechseln.

    Es muss einen Unterschied zu X (Twitter) geben

    Es ist interessant, zu beobachten, was wirklich geschehen ist. Facebook hat tatsächlich an Bedeutung verloren, aber nicht durch die Konkurrenz, die eigentlich nichts anderes angeboten hat als die Zuckerberg-Plattform, sondern durch den Kurznachrichtendienst Twitter, der ein anderes Kommunikationsmodell hat. Und auch die WhatsApp-Alternativen konnten dem Original nur insofern ein paar Kunden abspenstig machen, als sie etwas eigenes auf die Beine stellten, was sich vom Original deutlich unterschied.

    Diese Innovationskraft fehlte Mastodon von Anfang an, seine Attraktivität sollte sich einzig aus der überlegenen Moral der Betreiber herleiten: nicht der eigennützige Kapitalist, sondern die altruistischen Serverbetreiber mit den Instanzen im Wohnzimmer – das klang irgendwie schön, aber es reichte nicht als Magnet, um die Nutzer wirklich in großer Zahl zum Überlaufen zu bewegen.

    Und die große Zahl von Followern oder Freunden, somit die Chance auf Weiterverbreitung der eigenen Botschaft und auf Reaktionen, Zustimmung oder Widerspruch, kurz, die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erregen, das ist es, was die Leute auf die Social-Media-Plattformen treibt. Wenn ich auf mein kluges Statement keine Antworten erhalte, wenn niemand den Like-Button klickt und keiner meine Nachricht an seine eigenen Freunde und Follower weitergibt, dann hat das Posten keinen Sinn, dann macht es keinen Spaß, dann verschafft es keine Befriedigung. Nur, wenn ich selbst ein paar hundert oder tausend Abonnenten habe, hab ich die Chance auf ein paar Dutzend Reaktionen, davon wiederum vielleicht von zwei oder drei Leuten mit ein paar Tausend Lesern, die mir dann hin und wieder die ganz große Reichweite verschaffen, eine Welle von Reaktionen, die erst nach Tagen wieder abflacht. Das aber funktioniert nicht auf einer Plattform, auf der nur wenige unterwegs sind. Die müsste dann irgendetwas ganz anderes, neues bieten, was mich so lange bindet, bis die Zahl der Verbindungen zu anderen Leuten so weit gewachsen ist, dass eine gewisse Lebendigkeit zu spüren ist.

    Dieses Andere aber hat Mastodon nicht – und deshalb ist passiert, was zu erwarten war: allmählich kehren alle, mehr oder weniger bereitwillig oder zähneknirschend, zu Twitter zurück. Die Betreiber der Mastodon-Instanzen können am Ende froh darüber sein. So bleibt ihnen erspart, was früher oder später auf sie zugekommen wäre: das Löschen von Postings, die gegen Gesetze verstoßen oder bei denen das zumindest angenommen werden kann, das Sperren von Benutzern, die sich nicht an Regeln halten wollen. Wir werden nie erfahren, wie die selbstorganisierenden Server-Admins diese Aufgabe nachhaltig und weitgehend akzeptabel hätten lösen wollen.

    Das Labor der Gesellschaft heißt X (Twitter)

    Das ist der richtige Moment, darüber nachzudenken, was X (Twitter) eigentlich für eine Rolle im öffentlichen Diskurs spielt oder spielen darf – genauer gesagt, welche Rolle die Plattform einfach dadurch spielt, dass sie da ist und dass sich dort eine gewisse Kommunikation etabliert hat, die in ihrer Wirkung quasi zwangsläufig über die Webseite und die Apps, die dazu gehören, hinausreicht. Klar ist: Es sind nur wenige auf Twitter aktiv, selbst von den Personengruppen, die immer wieder genannt werden – Politiker und Journalisten – ist es am Ende nur eine Minderheit. Aber darauf kommt es nicht an. X-Twitter ist eine Laborsituation, eine Experimentalanordnung der politischen Gesellschaft, und auch die, die nicht dort aktiv sind, schauen hin.

    Die entscheidenden Mitspieler bei Twitter sind nicht einmal diejenigen, die sowieso in der Öffentlichkeit stehen, die paar Minister und Bundestagsabgeordneten oder die mehr oder weniger bekannten Journalisten, auch nicht die Wissenschaftler und Experten, die je nach Fach zu Corona, zum Krieg in der Ukraine und zum Klimawandel twittern. Entscheidend ist die anonyme Masse der namenlosen Twitterer, die unter den Tweets der Prominenten ihre Meinung hinterlassen, die liken oder teilen, was da an Statements hinterlassen wird, und die damit wiederum die spontanen Reaktionen derer provozieren, die eigentlich gewohnt und darauf bedacht sind, ihre Worte in der Öffentlichkeit ganz genau abzuwägen. Man meint deshalb oft, Twitter sei ein Medium, das dazu verführt, die Kontrolle über die eigene Kommunikation zu verlieren, und das ist wohl auch richtig, aber es ist kein Nachteil.

    X oder Twitter ist der etwas unaufgeräumte Experimentiertisch der Politik, auf dem wie in einem chaotischen Chemielabor die Dinge zusammengewischt werden, die eigentlich streng auseinander gehalten werden sollten, weil es knallt und stinkt, wenn sie gemischt werden. Und es ist gut so, dass das ab und zu passiert, weil man daran auf kleinem Raum sehen kann, wie gefährlich die gesellschaftlichen Säfte sind, die da an verschiedenen Orten entstehen. Und damit ist nicht nur die Stimmung der so genannten einfachen Leute gemeint, sondern auch die Ignoranz der Politik, die Weltfremdheit der Wissenschaft und die Ahnungslosigkeit vieler Medienmacher. In den Weiten der Gesellschaft hält man sich schön auf Distanz, Konventionen und Höflichkeit verhindern den allzu ernsten Zusammenprall und selbst in den Talkshows weiß man sehr genau, wie man die Erregung so  dosiert, dass der Knall und das bunte Schäumen zwar spektakulär aussieht, aber doch immer unter Kontrolle bleibt. Das funktioniert bei Twitter nicht – und das ist gut so. Hier knallt jeder dem andern seine unverstellte Meinung an den virtuellen Kopf, und noch die drastische Reaktion des Blockierens kann per Screenshot als Munition genutzt werden.

    Es ist die Realität

    Man sage nicht, das alles habe ja nichts mit der friedlichen Gesellschaft zu tun. Die, die sich da austoben, dürften durchaus viele Brüder und Schwestern im Geiste auch außerhalb Twitters haben. Alle, die sich das wütende Geschehen bei Twitter angewidert ansehen, sollten deshalb lieber ganz genau hinschauen. Es sind, in kleinen und immer noch überschaubaren Dosen, die Zeichen für die Stimmungen, die es bei den Grillparties in der Nachbarschaft, an die Kneipentischen, in der Frühstückspause im Büro und auf der Baustelle und überhaupt überall da gibt, wo sonst weder Politiker noch Journalisten in der Nähe sind. Es sind weder Bots noch besonders extreme und aggressive Leute, die bei Twitter unterwegs sind. Mag sein, dass die Situation der Anonymität und der direkten und dennoch virtuellen Konfrontation eine besondere Eigendynamik hat, die verborgenes zum Vorschein bringt, aber vorhanden sind die Stimmungen und Meinungen, die sich da zeigen, überall. Deshalb sollte man sie auch als real nehmen und nicht ignorieren. Es ist richtig, wenn die Medien Tweets in die breite Öffentlichkeit tragen, sei es von Ministern oder von anonymen Schreibern. Nirgends sonst agieren die Leute so unverstellt und offen. Wer wissen will, was in den Köpfen vorgeht, schaut auf X oder Twitter.

  • Eis mit dem Löffel?

    Eis mit dem Löffel?

    »Du musst heute eine Kolumne schreiben«, informiert mich Gisela, unsere neue, cloudbasierte Redaktionsassistentin vorgestern um sechs Uhr morgens.
    »Weißt du, wie spät es ist?«, frage ich.
    »Sechs Uhr eins und dreiundzwanzig Sekunden. Du musst ebenfalls den Namen deiner Rubrik ändern.«
    »Warum? Was ist an dem Namen verkehrt?«
    »Er ist zu sehr 2018 und klingt stark nach Pornographie.«
    »Mir gefällt er. Und auf die Schnelle fällt mir auch nichts Gescheites ein.«
    »Abgabetermin 18 Uhr!«, sagt sie und legt auf.

    Nun täte man sowohl dem alten Hank als auch mir Unrecht, wenn man uns beide auf Porno und ähnlich Schlüpfriges reduziert. Er war nebenbei ein begnadeter Pferdetotoexperte und konnte blind Mahler und Bruckner voneinander unterscheiden, während ich in der Tageszeitung sowohl den Politik- als auch den Feuilletonteil überfliege, bevor ich zur Panoramaseite mit den leicht geschürzten Pin-up-Girls weiterblättere. Und der letzte Pornostreifen, den ich mir im Kino angeschaut habe, liegt Lichtjahre zurück. Aber Gisela hat nicht ganz Unrecht – einige meiner Kolumnen lassen sich nur mit äußerster Mühe und Wohlwollen des Lektors unter die Überschrift „Bei Hank im Wohnzimmer“ einsortieren.

    Verschlafen schalte ich Facebook an – was ich entweder vor oder unmittelbar im Anschluss an meine/m/n morgendlichen Stuhlgang tue –, scrolle mit noch unscharfem Blick durch den Nachrichtenticker, bleibe an einem Foto, das einen Eisbecher zeigt, kleben. Ein an und für sich völlig harmloses Bild, aufgenommen vermutlich bei einer Häagen-Dazs-Session, aus dem mir 5000 Kalorien entgegenlächeln. Darunter Dutzende Wutsmileys und eine Flut Kommentare, die, würde ich sie ausdrucken, von meinem Balkon im sechsten Stock bis runter in den Heizungskeller reichten. Was gibt’s an einem dummen Eisbecher groß rumzustänkern, überlege ich, mache mir erstmal einen Kaffee und studiere dann die Kommis:

    Wasser predigen und Wein trinken.

    Fahrrad fordern und nach Kalifornien fliegen?

    Selbst exzessiv fliegen, dies aber Anderen verbieten wollen – eine grüne Lieblingsdisziplin

    Aber eben twitterte sie doch noch: Fight climate change! #actnow. In Kalifornien mit dem Einweg-Eisbecher und Plastiklöffel?

    Wow!, denke ich. Worüber man sich so alles aufregen kann.

    EU und Grüne fordern Plastikverzicht

    Ende Oktober beschloss das EU-Parlament ein Plastikverbot, das u.a. folgende Produktgruppen umfasst: Trinkhalme, Besteck, Teller, To-go-Becher, Rührstäbchen, Plastiktüten. Die Grünen begrüßen die neue Richtlinie ausdrücklich. Zur Jahreswende jettet Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Ökos im Maximilianeum, urlaubsreisend nach Kalifornien und postet von dort in Instagram (oder Twitter … egal, alles dasselbe) ein, beim Verzehr einer amerikanischen Speiseeisgranate aufgenommenes, Bild. Wenige Minuten später bricht der kleine Shitstorm los.

    Die Logik dieser Empörungsmechanik ist simpel gestrickt: Eine grüne Politikerin darf weder in ein Flugzeug klettern, noch zuckerhaltiges Eis essen und schon gar nicht aus einem Wegwerfbecher mit einem Plastiklöffel. Vor meinem geistigen Auge entwickelt sich folgende Szene:

    Verkäufer: »Medium or giant size?«
    Schulze: »Do you have Mehrweg-Cups?«
    Verkäufer: »Sorry? … With or without chocolat crumbles on top?«
    Schulze: »Please wait. I go back to my hotel and ask for a Mehrweg-spoon. I’ll be back in thirty minutes.«

    Sie hätte das Eis aber zumindest aus einer Waffel essen können, schreibt eine weiterhin nicht besänftigte Kommentatorin. Haben Sie schon mal versucht, einen tausend Gramm schweren US-amerikanischen Vanilla-Caramel-Brownie-Klumpen in ein Hörnchen zu zwingen, frage ich zurück. Danach Schweigen im Walde bzw. Thread. Müssen Grüne, deren Partei ja vernünftigerweise periodisch wiederkehrend auf den mittlerweile komplett aus dem Ruder laufenden Verpackungsirrsinn hinweist, also ab sofort im Supermarkt nach Schüttgut anstehen: Käse, Schinken, Joghurt in mitgebrachte Keramikbehälter füllen oder mit der bloßen Hand nach Hause transportieren? Dasselbe abenteuerliche Argumentationsmuster, das SPD-Politikern das Tragen einer Rolex oder eines Brioni-Anzugs ankreidet, sich über Linke echauffiert, die anlässlich des Bundespresseballs ein sexy Abendkleid oder einen Smoking überstreifen, Konservative, die sich wegen ihrer Geliebten scheiden lassen, kritisiert, verlangt von Grünen, dass sie sich vor Besteigen eines Flugzeugs nach Übersee bei der Crew zu erkundigen haben, ob der Tank mit Kerosin befüllt wird; falls ja: müssen sie den Atlantik entweder mit einem Schlauchboot durchqueren oder auf den Trip verzichten.

    Empörungswelle schwappt ungezügelt rüber ins Neue Jahr

    Der Sofasport, an Volksvertreter Verhaltensanforderungen zu stellen, die kein einziger der Kommentarschreiber je erfüllen könnte, nimmt immer beängstigendere Ausmaße an. Eine MdB erzählte mir kürzlich, dass sie generell keine Urlaubsfotos online stellt, weil sie auf Reaktionen à la, „So verprasst ihr unsere Steuergelder auf der Skipiste“, Null Bock hat. War der Empörungsmüll im analogen Zeitalter auf Stammtische, Kaffeekränzchen, Saunaabende und die hinteren Seiten des Boulevards begrenzt, schwappt er einem heute aus jedem dritten Facebookpost entgegen. Der sozialmedienbefeuerte Unrat befleckt bereits morgens um kurz nach sechs meinen Monitor. In Kombination mit völliger Humorlosigkeit der digital Wütenden verursachen solche Beiträge bei mir Kopfschütteln, saures Aufstoßen der chinesischen TK-Nudeln von gestern Abend und den Wunsch, Backpfeifen zu verteilen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge.

    Ich: statt über den Löffel sollte man sich besser Sorgen über den Urlaubs-BMI von Frau Schulze machen

    Sie haben die Bigotterie der grünen Politikerkaste anscheinend immer noch nicht verstanden (Reaktion einer empörten Diskussionsteilnehmerin)

    Was kann man da noch antworten?
    Nichts, raten Sie?
    Stimmt, nichts ist am besten.

    Mal losgelöst davon, dass ich selbst nie auf die Idee käme, Eis aus einem Hörnchen zu essen, weil ich seit Kindheit den Geschmack der trockenen Waffel hasse und das Teil binnen weniger Minuten derart aufweicht, dass die Zitronenkugel nicht in meinem Magen, sondern auf dem T-Shirt landet, stelle ich fest, dass die Entrüstungsflut das Neue Jahr erreicht hat. Ich könnte es nun einem der Instagram-Erfinder gleichtun, der in einem zwischen Weihnachten und Silvester in der SZ abgedruckten Interview erklärte, dass er sämtliche sozialen Medien aus seinem Alltag verbannt hat und seitdem endlich Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens gefunden hätte. Aber ganz so weit wie dieser weise Mann bin ich noch nicht auf meinem langen Weg der Erkenntnis vorangeschritten.

    Jetzt habe ich allerdings endlich die neue Überschrift für meine Rubrik ausgebrütet:

    Aus der digitalen Hölle

  • Die Trivialisierung des Rundfunks

    Die Trivialisierung des Rundfunks

    Im Zusammenhang mit dem Erstarken radikaler politischer Kräfte, die mittlerweile in Parlamenten ernst zu nehmenden politischen Einfluss bekommen, wird gern über die sozialen Medien im Internet, über Anonymität und Hasskommentare geklagt. Spricht man aber mit Freunden und Kollegen in der realen Welt, fällt auf, dass nur die wenigsten ihre politischen Ansichten aus dem Netz beziehen. Zwar reden viele über die Diskussionskultur im Netz, aber die Mehrheit ist gar nicht dabei, sie sind nicht bei Facebook, sie kommentieren nicht in den Kommentarspalten der Online-Medien.

    Da stellt sich natürlich die Frage, ob wir unseren analytischen und argumentativen Eifer nicht auf eine ganz falsche Stelle der Medienwelt konzentrieren. Die politische Meinungsbildung der meisten Menschen findet weiterhin im Freundes- und Kollegenkreis statt, und sie speist sich nicht aus Facebook-Posts oder den Kommentaren im Netz, sondern aus dem, was die Menschen im Radio hören und im Fernsehen sehen.

    In diesen Medien hat in letzter Zeit jedoch ein grundlegender Wandel stattgefunden, der bedenklich ist, der Sorgen macht. Betrachten wir einmal bespielhaft den Radiosender WDR 2, den ich jeden Morgen ca. zwei Stunden lang und im Laufe des Tages hin und wieder beim Autofahren höre. WDR 2 ist einer der reichweitenstärksten Radiosender Deutschlands, täglich schalten dreieinhalb Millionen Menschen diesen Sender ein, pro Stunde hören im Schnitt mehr als eine Million Menschen diesen Sender.

    Nachrichten oder Unterhaltungsshow?

    Aufmerksamen Hörern dürften in den letzten Monaten einige Veränderungen aufgefallen sein. So dauern die Hauptnachrichten zur vollen Stunde, die früher einmal fünf Minuten gedauert haben, inzwischen nur noch vier Minuten. Zweimal wechselt der Sprecher, jeweils mit einer kurzen Anmoderation verbunden, die keine echte Information enthält. Zur halben Stunde, wenn zu den kurzen Regionalnachrichten gewechselt wird, ist die Informationsleere noch mehr zu spüren, wenn die „Station Voice“ mit dramatischer Stimme verkündet: „Und jetzt, immer um Halb, von morgens 6 bis abends 6, Ihre Lokalzeit…“

    Was darunter leidet, ist die Menge sachlicher echter Information, die tatsächlich in den Nachrichten gebracht wird. Statt Details zu nennen, gibt es nur noch Überschriften und Teaser, für mehr reicht die Zeit in diesen verkürzten Nachrichtensendungen nicht mehr.

    Man fragt sich: Was soll das? Traut man den Hörern nicht mehr zu, ein paar sachliche, komprimierte, und trotzdem detaillierte Informationen aufzunehmen? Glaubt man, wir würden nur noch Radio hören, wenn selbst die Nachrichtensendungen zu Entertainment-Shows werden?

    Wahrscheinlich gibt es ja irgendwelche Experten, die meinen, dass die Aufmerksamkeitsfähigkeiten der Zuhörer nachlasse. Aber vielleicht liegt das ja auch – wenn es überhaupt zutrifft – am mangelndem Training. Die Leute werden nicht immer dümmer, man muss sie nur fordern. Und ein Radiosender, zudem ein öffentlich-rechtlicher Informations- und Unterhaltungssender, sollte nicht einer imaginierten Dummheit der Hörer hinterherlaufen, sondern seinen Auftrag als Anspruch verstehen.

    Auch die Wortbeiträge zwischen den Musiktiteln sinken ständig im Niveau. Zur besten Sendezeit hat man den Eindruck, dass fast nur noch platte Comedy nahe am Mario-Barth-Niveau gebracht wird. Die politische Hintergrundinformation, der sachliche Kommentar und der detaillierte Bericht sterben.

    Skandalisierenden Interviews

    Politik kommt überhaupt fast nur noch als skandalisierendes und trivialisierendes Politiker-Interview vor. Sicherlich sollen Journalisten kritisch nachfragen. Aber zur Sache, und nicht, um den Gesprächspartnern Sätze zu entlocken, die als machtkampf-Skandälchen ausgeschlachtet werden können. Das ist einfach, deshalb scheinen sich die Moderatoren gern darauf zu konzentrieren. Man hat den Eindruck, dass sie ihren ganzen Stolz daraus ziehen, einen Politiker im zwei-Minuten-Interview in eine Falle gelockt oder ihm einen unbedachten Satz entlockt zu haben. Verantwortung für sachliche politische Berichterstattung, die vielleicht auch mal das Funktionieren unserer demokratischen Verfahren in schwierigen Zeiten demonstriert? Fehlanzeige.

    Solchen Interviewformen sind nur Demagogen und Populisten gewachsen, die ihre absurden Forderungen in einfache Schlagworte bringen können. Verantwortungsvolle Politiker, die etwas abzuwägen und zu entscheiden haben und die vielleicht sogar wollen, dass die Bürger die schwierigen Entscheidungsprozesse verstehen, haben da keine Chance. Sie haben ja genug damit zu tun, unter dem Druck des unsachlich nachhakenden Moderators die richtige gendergerechte Ansprache nicht zu vergessen.

    Am Ende unterstützt dieses Radioprogramm genau die, über man vordergründig die Nase rümpft: radikale Simplifizierer und Populisten. Man mag sich einreden, dass man so handeln muss, weil man selbst als öffentlich-rechtlicher Sender unter Rechtfertigungsdruck steht und dem Sparzwang ausgesetzt sei. Man mag anführen, dass man darum kämpft, die Hörer nicht an private Konkurrenten zu verlieren, denen die sachliche Information noch viel mehr egal ist.

    Das ist aber alles Unsinn. Zuerst muss man den Anspruch hoch halten und den Auftrag, den man als öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat, auch erfüllen. Dann werden die klugen und besonnenen Bürger auch dafür sorgen, dass dieser Rundfunk, den wir mehr brauchen als je zuvor, auch erhalten bleibt. Wenn man aber der Trivialität und Dummheit hinterherrennt, macht man sich wirklich sehr bald überflüssig. Dann will auch niemand mehr Gebühren für etwas bezahlen, was man einen Frequenzschritt weiter auch umsonst bekommen kann.

  • 25 Jahre World Wide Web

    25 Jahre World Wide Web

    Wir haben hier noch gar nicht gebührend gewürdigt, dass dieses faszinierende Weltweite Gewebe aus Texten, gespeichert in einem ebenso weltweiten Netzwerk aus Computern, gerade ein viertel Jahrhundert alt geworden ist. Dabei verdankt auch unsere Kolumnistenplattform ihre Existenz und ihre Verbreitung diesem WWW – dem World Wide Web, und allem, was darin möglich geworden ist, die Blogs, die Portale, die Redaktions-Software-Systeme, und natürlich die sozialen Medien mit ihren Links und Likes, mit den Trollen und den Kommentaren, den Diskussionen und den Shitstorms, kurz all dem, was moderne Publizisten wie wir so brauchen, wie der Fisch das Wasser zum Schwimmen.

    Erinnern Sie sich?

    In der ersten Hälfte seiner Existenz herrschte Euphorie. Die Schwarm-Intelligenz würde zu einer Demokratisierung des Wissens führen, Informationen wären immer überall und sofort verfügbar, Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen wäre keine Utopie mehr. Alle machen mit bei der globalen Wissensproduktion und Informationsverbreitung und am Ende steht als leuchtende Zukunft die globale Informationsgesellschaft.

    Aber allmählich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich Lügen in diesem Gewebe genauso gut verbreiten lassen wie Wahrheiten. Auch die Bösen können die neuen Technologien nutzen, wer hätte das ahnen können. Dieses Netz ist leider nicht nur hochintellektuellen herrschaftsfreien Diskursen vorbehalten, es ist ebenso geeignet, den Stammtisch, das üble Gerede, das Geschwätz und die Gerüchteküche zu globalisieren. Ich habe in der Kritik der vernetzten Vernunft einiges dazu geschrieben.

    Daran gewöhnen wir uns gerade, wir schaffen uns unsere ruhigen Nischen und ein dickes Fell gegen das dumme Geschwätz. Wir lernen neu, zu vertrauen und zu misstrauen.

    Derweil erscheint aber seit ein paar Monaten ein neuer Akteur im Netz, schlimmer als der Troll. Eigentlich habe ich ihn mit diesem Titel schon provoziert, denn ich müsste ihn AkteurIn, besser noch Akteur_in oder Akteur*in nennen, aber es ist schwer, meine Autokorrektur und meine Rechtschreibprüfung dazu zu zwingen. Es ist also, ich mache es mir leicht, die Aktivistin, die sich inzwischen in den sozialen Medien die Deutungshoheit erobert hat.

    Ein Beispiel: An dem Morgen des Tages, an dem dieser Text entstand, fand sich in meinem Twitter-Stream geteilt der Tweet einer Aktivistin mit einem Screenshot. Der Tweet lautete in etwa: „So weit ist es gekommen, dass in Deutschland wieder zu Pogromen aufgerufen wird.“ Auf dem Screenshot also dieser Aufruf in dem jemand in schlechtem Deutsch dazu aufforderte, am 9. November Moscheen anzuzünden. Eine Möglichkeit, den Autor irgendwie zu identifizieren, gab es nicht. Ich konnte nicht einmal sicher erkennen, auf welcher Plattform die Sache wohl gestanden hatte.

    Aufgeblasene Schweinereien

    Nun weiß man, dass es schon immer ein paar Idioten gegeben hat, die irgendwo ihre Parolen hingeschmiert haben. Früher waren es die Klo-Wände, heute ist’s Facebook. Man kann darüber erschrocken sein, dass es diese Leute gibt, man kann seine Sinne schärfen, um zu beobachten, ob da eine ernsthafte Bewegung entsteht, man kann darüber reflektieren.

    Aber wer würde eine Klo-Schmiererei als „Aufruf zu einem Pogrom“ bezeichnet haben, die „nun in Deutschland wieder möglich ist“? Das ist das Neue, was erst im Web möglich geworden ist. Es gibt in diesem Web viele Pfade, und irgendwann kommt immer eine Aktivistin auf so einem Pfad an einer Klotür vorbei und teilt mit den anderen Aktivistinnen die „Aufrufe zu Pogromen“, die „sexistischen Darstellungen“ und überhaupt all die Bösartigkeiten der Bösen, die sich „in Deutschland wieder verbreiten können“, die hierzulande „nie weg waren und nun wieder hervorgekrochen kommen“.

    Das Schlimme ist: Es ist so schwer, sich dem zu entziehen. Früher war es eine Klotür, es war unangenehm, aber es ging vorbei. Heute begegnen mir in diesem Web dauernd Klotüren, genauer gesagt, Bilder von ihnen, Zitate von Klotüren, aufgemacht als alarmierende Hinweise darauf, dass wir kurz vor der Machtübernahme von Faschisten stehen, oder wenigstens von Sexisten oder anderen Bösewichtern. Die Aktivistinnen schlagen Alarm, sie sehen in jedem Klospruch schon die Machtübernahme des Faschismus oder des extremen Patriarchats, wahlweise.

    Wenn man dann sagt: „Mensch, das ist ne Klotür!“ dann wird man entweder als hoffnungslos naiv, als Ignorant, oder als einer, der selbst wahrscheinlich schon zu denen gehört, angesehen.

    Die Gefahr besteht, dabei jedes Maß zu verlieren. Und zwar in jede Richtung. Denn natürlich ist es notwendig, auf Anzeichen radikaler Veränderungen in der Gesellschaft zu achten. Wenn aber täglich eine kleine Schweinerei nach der anderen zum Skandal aufgeblasen wird, stumpft man ab, man sieht überall nur noch Blasen und kann nicht mehr beurteilen, ob sich dahinter wirklich eine Gefahr aufbaut. Sachliche Diskussionen werden wahlweise durch Vorwürfe der Blauäugigkeit oder der Panikmache verhindert.

    Was ist zu tun? Das Web der heißen Streits und des aufgeregten Geschreis wird sich nicht ändern. Wir brauchen Formen der Beruhigung, Medien, in denen man einander zuhören kann. Vielleicht liegen die außerhalb der Web-basierten „Sozialen Medien“.

  • Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

    Mit meiner Empörung brauche ich kein Abitur

    Der Vorgang wiederholt sich inzwischen im Wochentakt: Bei Facebook taucht eine skandalöse Nachricht auf, die bei sozialen, feministischen oder anti-kapitalistischen Aktivisten Empörung auslöst. Von großen Facebook-Seiten mit ein paar 10.000 Fans werden sie ungeprüft veröffentlicht, hunderte Fans teilen die Meldung auf ihren Seiten, tausende empörte Kommentare sind die Folge. Oft greifen auch die Online-Redaktionen von Rundfunkanstalten innerhalb weniger Minuten die vorgebliche Nachricht auf. Ein Shitstorm entsteht, die Empörung, die sich dann oft gegen politische Institutionen oder private Unternehmen richtet, schlägt hohe Wellen.

    Nicht die Lüge ist empörend

    Wenn sich die ganze Sache dann als plumpe Fälschung herausstellt, richtet sich die Empörung aber keineswegs gegen diejenigen, die auf einfache Lügen hereingefallen sind und veröffentlicht haben. Die ganze empörte Community schämt sich nicht etwa ihrer Leichtgläubigkeit. Stattdessen argumentiert man etwa so: Daran, dass wir die Sache sofort geglaubt haben, sieht man eigentlich, dass sie hätte wahr sein können. Im konkreten Fall war es zwar gelogen, aber es war irgendwie „gut gelogen“ – es war irgendwie dicht an der Wahrheit, denn sonst hätten wir kritischen Geister das doch nie geglaubt. Also eigentlich hat es irgendwie doch gestimmt.

    Vor wenigen Tagen konnte man diese Entwicklung an der Geschichte um den angeblichen toten syrischen Flüchtling in Berlin beobachten. Zu Beginn dieser Woche gab es einen neuen Fall, der besonders markant zeigt, wie Meinungen mit Lügen gemacht werden und mit der Wahrheit nicht mehr geändert werden können.

    Der beliebte Vorwurf: Sexismus

    Am Montag veröffentlichte das „Missy Magazine“ das Foto eines Blattes, welches angeblich eine Werbung eines Fitnessstudios zeigen sollte. Darauf war eine schlanke, spärlich bekleidete Frau zu sehen, darüber der Spruch „Mit meiner Figur brauche ich kein Abitur“. Unten rechts sah man Logo und Claim des Fitnessstudios. Das Missy Magazine fragte süffisant: „Fitnessland, ist diese Werbung euer Ernst?“

    Das Missy Magazine betreibt auf Facebook eine Fan-Seite in der Rubrik „Medien/Nachrichten/Verlagswesen“ und auch auf der Webseite gewinnt man den Eindruck, dass das Unternehmen als professionelles Magazin, als journalistisches Angebot wahrgenommen werden will. Man würde erwarten, dass eine Redaktion ganz selbstverständlich vor der Veröffentlichung eines solchen Fotos wenigstens ansatzweise dessen Echtheit prüft.

    Eine einfache Internet-Recherche hätte schnell Folgendes ergeben: Die dargestellte Anzeige ist nirgends auf der Homepage des Unternehmens zu finden. Sie passt in Qualität und Ausführung überhaupt nicht zu den sonstigen Werbemitteln des Unternehmens. Zudem sollte das fotografierte Blatt stutzig machen, welches nicht aus einer Zeitschrift stammen kann, aber auch nicht Vorder- oder Rückseite eines Flyers zu sein scheint.

    Das hat das Missy Magazine aber nicht dazu veranlasst, bei seiner Quelle, wie später behauptet, einem Leser aus Braunschweig, nachzufragen.

    Innerhalb einer Stunde war das Bild bei Facebook hunderte Male geteilt, überall fanden sich empörte Kommentare über den Sexismus, der aus dieser Werbung sprechen würde. Auch bei Twitter postete das Missy Magazine das Bild – mit ähnlicher Wirkung.

    Nach zwei Stunden wurde das Fitnessstudio auf den Shitstorm aufmerksam und veröffentlichte eine Gegendarstellung. Das Unternehmen distanzierte sich von dieser Art der Werbung und versicherte, nicht der Urheber zu sein.

    Schnell alles löschen und weiter empören

    Was nun geschah, ist fast noch bizarrer als die ungeprüfte Veröffentlichung des Bildes. Missy Magazine löschte zunächst schlicht das Posting mit dem Bild, einschließlich aller Kommentare und Diskussionen. Da viele Diskussionen auf anderen Facebook-Seiten geführt worden waren, auf denen das Bild geteilt worden war, wurden all diese Postings und Diskussionen automatisch mit gelöscht. So einfach kann man im Internet die Spuren seines Fehlverhaltens löschen und die eigene Weste rein halten.

    Sodann veröffentlichte das Magazin ein neues Posting, in dem man zwar sagt, dass es einem leid täte, einem Hoax aufgesessen zu sein, im gleichen Satz aber verkündet, man sei eben „nicht überrascht“ gewesen von dieser Darstellung, schließlich habe es von dem betreffenden Fitnessstudio schon ähnliche Werbung gegeben. Es folgt der Link zu einer anonymen Webseite, auf der Unbekannte ein Foto einer Werbung des gleichen Fitnessstudios veröffentlicht haben. Quellenangabe, Nachweis der Echtheit? Fehlanzeige.

    Die Lüge – fast die Wahrheit?

    Es kann dahingestellt bleiben, ob das neue Foto echt ist oder nicht, und ob es tatsächlich ebenso Grund zur Kritik und zum Vorwurf des Sexismus gibt. Bemerkenswert ist hier, dass das Missy Magazine offenbar keinerlei Grund zur selbstkritischen Reflexion der eigenen Arbeit sieht. Stattdessen behauptet man mal eben, dass die Lüge fast eine Wahrheit ist und die Kritik am Fitnessstudio berechtigt gewesen wäre.

    Ein Shitstorm gegen das Missy Magazine bleibt jedoch aus. Denn das Magazin gehört ja zu den Guten, die unablässig die schlimmen Entwicklungen in der Welt anprangern. Meinungsmache durch Pseudo-Journalismus gehört offenbar nicht dazu.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über den Zika Virus und den Papst.