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  • Die Jedi sind alt geworden

    Die Jedi sind alt geworden

    Die Story, die wir in Star Wars erzählen, ist ein Klassiker: Macht korrumpiert. Sobald du an den Schalthebeln sitzt, triffst du Entscheidungen, von denen du denkst, sie seien die richtigen. Oft sind es aber die falschen
    © George Lucas

    Am 9. Februar 1978 begann eine neue Zeitrechnung für Film-Junkies: Krieg der Sterne lief in den deutschen Kinos an. Wer bisher noch kein Science-Fiction-Fan war, wurde es an diesem Tag oder würde es nie mehr werden. Nicht, dass es vorher keine guten SciFi-Produktionen gegeben hätte wie beispielsweise 2001 – Odyssee im Weltraum, Silent Running oder Logan’s Run. Bloß waren diese Streifen – trotz der futuristischen Handlung – sehr realistisch gedreht, sie transportierten Gegenwartsfragen in die Zukunft, wo sie entweder gelöst wurden, oder die Menschheit taumelte alternativ ihrem Abgrund entgegen. Krieg der Sterne war was völlig anderes: eine Saga, eine Weltraumoper. Mit Charakteren, denen man sonst in Märchen und Comics begegnete, technischen Spezialeffekten – lange vor der ersten Computersimulation –, die erst Erstaunen, dann Jubelstürme im Saal hervorriefen. Und mit Prinzessin Leia, die unsere 15jährigen Schülerherzen schneller schlagen ließ. Was für ein Kosmos wurde da auf der Leinwand eröffnet, welches Feuerwerk an Ideen, fernen Sonnensystemen, fremdartigen Kreaturen und Sternenkreuzerschlachten abgebrannt. Wir hingen gebannt an den Lippen von Meister Yoda, Obi-Wan und Darth Vader. Luke Skywalker war eher der Durchschnittsstreber à la amerikanisches Kleinstadt-College, ein bisschen langweilig, aber er wurde vom draufgängerischen Han Solo flankiert, der nie um einen lockeren Spruch verlegen und schnell mit dem Finger am  Abzug seiner High-Tech-Revolver war. Wer einmal Chewbaccas Geheule hörte, würde es nie wieder vergessen. R2D2 und C-3PO rundeten die Original-Besetzung ab.

    1980 die Fortsetzung Das Imperium schlägt zurück. Wir Kinogänger mittlerweile 18 Jahre alt, der Blick auf die Story deshalb etwas kritischerer; aber auch hier: hervorragende Unterhaltung. 1983 dann das Finale: Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Yoda bildet den jungen Skywalker zum Krieger aus und stirbt im Anschluss mit 900 Jahren an Altersschwäche, Luke tötet den Imperator und seinen Vater, Leia und Han Solo zerstören den Todesstern und verloben sich. Zum Finale feiern alle ein rauschendes Fest. Ende, aus, vorbei. Die dunkle Seite ist besiegt, die Galaxie atmet auf und kann von nun an in Frieden bis zum jüngsten Tag vor sich hin pulsieren.

    Wie jeder ordentliche Star-Wars-Fan schaute ich mir die einzelnen Folgen immer mal wieder an. Sei es einzeln auf VHS-Kassette, später DVD, in einem Programmkino, im TV oder – als cineastischen Marathon – alle drei Episoden hintereinander in einer Nacht. Eine Trilogie für die Ewigkeit.

    Prequel bleibt hinter den Erwartungen zurück

    Eines Morgens Ende der 90er wache ich auf und lese verschlafen im Feuilleton der Tageszeitung, dass Lucas eine Fortsetzung der Reihe plant. Ich reibe mir erstaunt die Augen. Was soll da groß fortgesetzt werden, überlege ich. Die Bösen sind alle tot, Leia und Han Solo in Flitterwochen oder auf Elternzeit und Luke lebt gemeinsam mit Chewbacca und den beiden Droiden in einer Männer-WG auf dem Planeten Alderaan. Die neue Trilogie soll ein Prequel werden, steht weiter unten im Text. Was ist das? Noch nie gehört. Ich schlage im Filmlexikon nach und erfahre dort: „Bezeichnet eine Erzählung, die als Fortsetzung zu einem Werk erscheint, deren Handlung aber in der internen Chronologie vor diesem angesiedelt ist“.

    Aha, die Story springt nun fünfzig Jahre zurück in die Kindheit von Darth Vader und wird kurz vor Krieg der Sterne wieder stoppen. Kann man tun. Muss man aber nicht. Jetzt mal Hand aufs Herz: wer möchte unbedingt wissen, wann der Prota geboren wurde, wer seine Eltern waren, wie es ihm in der Schule ging, mit wem er zum ersten Mal Sex hatte etc. etc. Ich meine, Darth Vader war als erwachsener Superschurke einfach da. Wenn wir jetzt damit anfangen, bei jedem Filmbösewicht in der Fortsetzung die Kindheit auszuleuchten: oh weh! Und diese Prequels sind ja ohnehin immer so eine Sache. In 99% der Fälle bleiben sie spannungsmäßig hinter der Originalgeschichte zurück. Das gilt für Prometheus ebenso wie für Roter Drache und X-Men: Erste Entscheidung.

    Aber okay, ich ließ mich auf Die dunkle Bedrohung ein, lernte den kleinen Anakin kennen, sah ihn Raketenautowettrennen fahren, war dabei, als er von seiner Mutter getrennt und – gegen den Widerstand Yodas – in den Kreis der Padawan aufgenommen wurde. Technisch sehr viel aufwändiger als die erste Trilogie, nun natürlich mit Computeranimationen. Padmé immer hübsch anzuschauen; aber das ist Natalie Portman auch in ihren anderen Filmen. Zusätzliche skurrile Figuren aus der Comicserie Valerian & Laureline ausgeliehen wie beispielsweise Anakins Besitzer Watto, dessen Äußeres an die Shinguz angelehnt ist. Zahlreiche Stars spielen nun mit: Liam Neeson, Ewan McGregor, Samuel L. Jackson, Keira Knightley, Sofia Copola. Es geht weiter mit Angriff der Klonkrieger – der sich über weite Strecken arg zieht – und endet in Die Rache der Sith. Nun erfahren wir, dass Kanzler Palpatine seit Jugend der dunklen Seite anhing, und sein ganzes Streben von Anfang an darauf ausgerichtet war, den Jedi-Orden zu zerschlagen, bevor er zum Tyrannen mutierte. Good to know. Aber unterm Strich ist es Ballastwissen. Denn auch für den Imperator gilt: er war einfach da. Was er vorher tat, oder von welcher Kriegerkaste er abstammte: eigentlich völlig unwichtig. Viele Tote am Ende: Yoda entschwindet auf einen einsamen Planeten, wo ihn zwanzig Jahre später Luke aufspüren wird. Obi-Wan überlebt und irrt fortan als Landstreicher durch die Galaxie.

    Die zweite Trilogie war in Ordnung, das richtige Star-Wars-Feeling des Originals entfachte sie jedoch nicht mehr in mir. Vielleicht war ich mittlerweile zu alt für diese Art Märchen, vielleicht hatte die Zeit Star Wars mittlerweile überholt, vielleicht mochte ich die Puppen aus den 70ern lieber als die Animationen der 2000er. So wie mir ging es vielen Fans der Stunde Null. Dementsprechend hart fielen die Kritiken für das Prequel aus. Lucas gelobte deshalb: Ich lasse es nun für immer und ewig!

    Disney übernimmt

    Ein paar Jahre Ruhe, Star Wars auf dem Weg ins Hollywood-Museum, als plötzlich Disney beim Schöpfer der Saga anklopfte. Nach kurzen Verhandlungen einigten sich die beiden Parteien und 2012 verkaufte Lucas seine Firma mitsamt den Rechten an Star Wars an den allesfressenden Medienriesen. Dem schwebt Großes mit der Sternensaga vor. Geplant sind fürs Erste zwei Trilogien, die zeitlich nach dem Ableben von Darth Vader angesiedelt werden. Los geht es 2015 mit Episode 7 Das Erwachen der Macht. Und es passierte das, was immer passiert, wenn eine Story vom Erfinder in die Hände von Mickey Mouse zwecks kommerzieller Ausschlachtung weitergegeben wird: das Original verändert sich. Egal, worum es sich ursprünglich handelte: Disneys Ergebnis ist stets ein Hybrid zwischen König der Löwen und Fluch der Karibik. Plätschernder Mainstream, den man 135 Minuten lang konsumiert, um die Handlung im Anschluss sofort wieder zu vergessen. Die Generation der Enkel sitzt nun an den Schalthebeln der Macht: Kylo Ren als müder Abklatsch seines Großvaters Anekin, Schrottsammlerin Rey als weiblicher Luke und der desertierte Sturmtruppler Finn als Mischung von Snoop Dogg und Sancho Pansa. Der Imperator wird durch einen geheimnisvollen Obersten Anführer der Ersten Ordnung ersetzt, wir lernen eine Kneipenwirtin namens Maz Kanata kennen, die aus der Muppet Show ein Studio weiter entlaufen sein könnte, in deren Besitz sich aus ungeklärten Gründen Excalibur (Lukes Waffe) befindet. Ein paar Weltraumschlachten, hin und wieder ein Laserschwert-Gemenge. Alles komplett zum Gähnen. Um die Fans der ersten Stunde bei Laune zu halten, tauchen plötzlich ein alt gewordener Harrison Ford nebst Chewbacca, eine matronenhafte Carrie Fisher und ein vom Körpervolumen her verdoppelter Mark Hamill auf. Mich hat dieses Déjà-vu-Erlebnis allerdings eher abgetörnt. Ich will die Helden meiner Jugend nicht als Oma und Opa durch Star Wars stolpern sehen. Zumindest Han Solo tut mir den Gefallen und lässt sich von Kylo Ren – nachdem er erfahren hat, dass er der Vater des neuen Superschurken ist – töten. Während sich die grauhaarige Leia und der übergewichtige Luke in die nächste Folge rüberretten.

    Seit einer Woche nun Episode 8 Die letzten Jedi. Rekordeinspielergebnisse zum Start in den USA und in Deutschland. Die Kritiker voll des Lobes. Von einem „überwältigend bombastischen Weltraumabenteuer“ ist die Rede, der Rezensent der Augsburger Allgemeinen schwelgt gar in einer Hymne: „auf drei Erzählebenen schneidet der Film ständig hin und her und treibt die Figuren mit shakespeare’scher Wucht in die eigenen Widersprüche hinein“. Wow! Regisseur Rian Johnson (bekannt v.a. durch Looper) versprach vor Drehbeginn einen „satten Streifen mit eigener Note“. Er will der Saga eine Frischzellenkur verpassen. Das hört sich alles sehr vielversprechend an!

    Viel Retro und müde Dialoge

    Ich investiere zehn Euro Euro zuzüglich einer Packung Eiskonfekt und setze mich in die Dienstagabendvorstellung im Godesberger Kinopolis. In freudiger Erwartung von 152 Minuten erstklassiger Unterhaltung.

    Der mir seit vierzig Jahren vertraute Buchstabenteppich entrollt sich vor meinen Augen: Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxie. Es erklingt die altbekannte Ouvertüre von John Williams. Ich mache es mir in Reihe 17 bequem und warte auf das erste Highlight. Und warte und warte. Nach einer Stunde beginne ich, mich zu langweilen. Die Handlung kommt nicht richtig in die Pötte. Viele Dialoge, in denen Plattitüden ausgetauscht werden, zahlreiche Anleihen aus den Episoden 4 bis 6. Luke und Leia zu alt, um ihnen ihre Kampf- und Widerstandskraft glaubhaft abzunehmen. Chewbacca uninspiriert, einfach nur anwesend, ohne eine richtige Rolle zu spielen. Yoda taucht als Phantom plötzlich auf: mal als Puppe, dann wieder als Animation. Zwischendrin irrlichtert Benicio del Toro als Sonnensystem-hoppender Glücksritter wie  Disneykollege Jack Sparrow, wenn der sich unter ein Fass mit Rum gelegt hatte, durch die Kulisse. »Das war ein billiger Trick«, beschwert sich Luke bei R2-D2, als der Droide ihm das Hologramm der blutjungen Leia vorspielt. Und der ganze Film strotzt vor billigen Tricks: Dialoge, die eins zu eins aus der Originaltrilogie abgeschrieben wurden, Humor, den nur der witzig findet, der auch über deutsche Comedians lacht, abgehalfterte Helden, die man seit Jahren im Seniorenstift glaubt sowie gigantomanische Raumschlachten und Verfolgungsjagden, die mich aufgrund ihrer Länge und Wiederholung spätestens zur Hälfte des Films anöden. Trotz des Einsatzes von Hyper-Lichtgeschwindigkeit bleibt dieser Kriegsschauplatz ungewohnt fade.

    Die von Johnson angekündigte Revolution der Star-Wars-Geschichte kann ich nirgendwo erkennen. Er erzählt eine durch und durch konventionelle Story. Kaum eine Idee, die es in früheren Teilen nicht schon ähnlich gegeben hat. Kylo Ren als Darth Vader light ist überhaupt nicht meins, Leia und Luke haben sich überlebt, der Anführer der Ersten Ordnung nur ein blasser Schatten des Imperators. Einzig Rey (Daisy Ridley) fasziniert mich. Ihr nehme ich Emotionen, Energie und Tatkraft ab, bewundere ihre Hartnäckigkeit, mit der sie den alten, desillusionierten Skywalker wochenlang bearbeitet, sie zur Kriegerin auszubilden und sich selbst wieder dem Kampf gegen die dunkle Seite der Macht zu stellen. In diesem Handlungsstrang kann ich spüren, dass es tatsächlich um die weitere Existenz des Universums geht, und weiß nun, wer die zukünftige Protagonistin der Episoden 9 ff. sein wird.

    Fazit

    Das muss zweigeteilt ausfallen.

    (A) Für die Fans der Stunde Null:
    Die letzten Jedi überzeugt genau so wenig wie der Vorgänger Das Erwachen der Macht. Zu viel Retro, zu viel Disney. Man kann den Film durchaus ansehen, weil man sich halt wider besseren Wissens doch alle Star-Wars-Folgen reinzieht, aber am Ende wird man denken: hätte ich mir auch sparen können. Trotz Nostalgiefaktors ein maximal als mittelmäßig zu beurteilender Streifen, bei dem mich vor allem über die Biederkeit von Story und Inszenierung wunderte; denn bei  Rian Johnson hätte ich es pfiffiger und eine Spur dreckiger erwartet.

    (B) Diejenigen, die unbelastet vom Original an die Sache rangehen:
    Hier gebe ich eine 7 (aus 10). Wer sich an Avatar und Guardians of the Galaxy erfreut, wird ebenfalls mit Episode 8 seinen Spaß haben.

    Abschließend bleibt zu sagen, dass in sich abgeschlossene Trilogien (und das waren die zwischen 1977 und 1983 entstandenen Folgen) weder ein Prequel noch ein Sequel benötigen. Schlimm genug, dass drum herum jede Menge Schund wie die TV-Serie Star Wars Underworld entstand. Bei der Vorstellung, dass Disney bereits bis Episode 12 geplant hat und danach – falls die Einspielergebnisse stimmen – das Weltraumdrama solange fortsetzt, bis es eines Tages als Seifenoper endet, schaudert mir. Und zum bitteren Finale droht dann ein Jedi-Musical, dessen deutscher Ableger zehn Jahre lang in Osnabrück aufgeführt wird. Für den Kinobesucher der ersten Stunde eine Horrorvision!!

  • Der ComiXjunkie (1)

    Der ComiXjunkie (1)

    Valerian & Veronique

     

    Science Fiction ist eine wunderbare Möglichkeit, der Realität zu entfliehen
    Pierre Christin

    Im Reich der 1000 Planeten

    »Du bist doch Comic-Junkie?«, erkundigt sich Ulf bei mir auf der letzten Redaktionssitzung.
    »Warum?«, antworte ich vorsichtig, weil nach solchen Fragen erfahrungsgemäß Arbeit verteilt wird.
    »Dann schreib darüber doch mal was.«
    »Dir schwebt bestimmt schon was vor, oder?«
    »Du kennst Valerian, den neuen Film von Luc Besson?«
    »Klar.«
    »Und hast auch ein, zwei der Alben gelesen?«
    »ALLE 22.«
    »Fein, also bist du genau der Richtige, dazu eine Rezi zu tippen.«

    Zurück zu Hause krame ich die Sammlung aus einem Umzugskarton hervor: Valerian & Veronique (V&V) In der Hardcover-Ausgabe des Carlsen Verlags: jeweils drei Erzählungen in einem Band zusammengefasst. Eine meiner Lieblingslektüren aus Kindheit und Jugend. Das erste Mal kennengelernt hatte ich den Raumzeitagenten im Jahre 1972, als die Geschichte „Stadt der tosenden Wasser“ im damals neuen Magazin ZACK abgedruckt war, und ich die Serie, die sich über zehn Ausgaben hinzog, geradezu verschlang. Chronologisch korrekt ging es allerdings fünf Jahre zuvor in der von René Goscinny geleiteten, französischen Comiczeitung Pilote los: „Schlechte Träume“; und zwar mit diesen Einstiegssätzen:

     

    Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.

    Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.

    Die Raumzeitmaschine ermöglicht sowohl Reisen über riesige Distanzen als auch Sprünge in der Zeit. Dennoch ist zu Beginn des 28sten Jahrhunderts noch nicht das komplette Universum erforscht, entdecken die Agenten ständig neue Sonnensysteme und stoßen dabei auf unbekannte Lebensformen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Autor und Zeichner: seit Kindheit befreundet

    Pierre Christin (*1938, Text) und Jean-Claude Mézières (*1938, Zeichnungen) lernen sich als Kinder in einem, im Osten von Paris gelegenen Luftschutzkeller kennen, während die Stadt im Sommer 1944 bombardiert wird. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege: Christin studiert Politologie und Literatur an der Sorbonne, Mézières besucht das Institut des Artes Appliquès. Mitte der 60er Jahre beschließen beide unabhängig voneinander, ein Auslandsjahr in den USA einzulegen und verabreden sich Monate später in Salt Lake City am Rande des Großen Salzsees für einen Erfahrungsaustausch. In diesen Tagen wird die Idee geboren, eine Science-Fiction-Geschichte in Comicform zu erzählen. Pate standen unter anderem Filme wie „This Island Earth“, „Forbidden Planet“ „Barbarella“ sowie Romane von Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt, Jack Vance und John Wyndham. Christin und Mézières kehren nach Frankreich zurück, üben ein Jahr lang mit gezeichneten Short Stories, bevor 1967 ihr Valerian-Erstling in Pilote erscheint und ihnen sofort zum Durchbruch verhilft. Weitere 21 Erzählungen folgen bis 2007.


    Pierre Christin – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg


    Jean-Claude Mézières – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Start der Serie im Summer of love

    In „Les mauvais rêves (Schlechte Träume)“ wird Valerian weit zurück in die Vergangenheit katapultiert – ins mittelalterliche Frankreich im Jahr 1000 –, um dort den flüchtigen Traumaufseher Kombul zu stellen. Der plant, Hexen und Dämonen nach Galaxity zu importieren, Chaos zu verursachen, einen Umsturz herbeizuführen und sich zum Alleinherrscher der Erde krönen zu lassen. Bei der Suche erfährt Valerian Unterstützung vom Bauernmädchen Laureline [kein Mensch kann einem heute noch erklären, warum sie in der deutschen Version in Veronique umgetauft wurde]. Sie begleitet ihn beim Zeitsprung zurück in die Moderne, erhält einen Crashkurs unter der sogenannten Gedankenhaube und fungiert von nun an als seine neue (Agenten-) Partnerin. Die Figuren in „Schlechte Träume“ sind noch im Funnystyle gezeichnet, die Erzählung verläuft linear und ein bisschen simpel. Aber man lernt hier die für die ersten Folgen wichtigen Akteure kennen: Valerian, Veronique, Kombul und den Obersten Technokraten.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Band 2, der zwölf Monate später erscheint, ist da schon ein ganz anderes Kaliber: „Die Stadt der tosenden Wasser“. New York im Jahre 1986; am Nordpol explodiert ein Depot mit Wasserstoffbomben, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, Städte und Länder versinken, das Ende der Zivilisation des 20sten Jahrhunderts. Danach drei Säkula finstere Epoche, bis sich gegen 2300 die Moderne aus der Dunkelheit herausschält. Wer mit dem Wissen Kombuls ins Jahr 1986 zurückreist, kann dort den Verlauf der Geschichte drastisch verändern und Galaxity gar nicht erst entstehen lassen. Für Valerian und Veronique beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie jagen Kombul durch die überfluteten und von dschungelartiger Vegetation überwucherten Straßen New Yorks. Mit etwas Fantasie ähneln die Bilder denjenigen im Blockbuster „Die Klapperschlange“, in dem Snake Plissken (Kurt Russell) durch das apokalyptische Gewirr im Big Apple hetzt. Wobei der Comic zehn Jahre vor dem Film entstand.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    1967/68 gezeichnet, vom Summer of love inspiriert, ähneln viele Figuren Hippies. Ein Wissenschaftler trägt das Gesicht von Jerry Lewis, ein Revolutionär das des Jazzkomponisten Sun Ra. Die Konturen der beiden Protagonisten werden in Band 2 schärfer, nehmen nun halbreale Züge an.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In Teil 3 der Saga „Im Reich der tausend Planeten“ (1969 veröffentlicht) plötzlich ein gewaltiger Sprung: weg von der Erde mitten hinein in die unendlichen Weiten des Universums – Syrtis Magnificus. Hier kann der Autor seiner Fantasie endlich freien Raum lassen, der Zeichner neue Formen und Farben ausprobieren. Ganz stark die Szene, als V & V in einem Wasserfall herunterregnender Blumen stehen, bevor der Boden unter ihren Füßen wegbricht, und sie sich gegen eine Urweltschlange zur Wehr setzen müssen.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    In einer weit entfernten Galaxie steht ein Stern im Zentrum eines unermesslichen Sonnensystems. Es ist Syrtis Magnificus, Mittelpunkt des Reiches der tausend Planeten.

    Das viele Jahrhunderte wohlhabende Reich verfällt zunehmend. Der Herrscher hat sich in seinen Palast zurückgezogen, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Kundigen – eine mysteriöse Priesterkaste – übernehmen die Regierungsgeschäfte. Die einst mächtige Kaufmannsgilde, die nun ein Schattendasein fristet, bittet die zwei Raumzeitagenten um Unterstützung. Die Geschichte erinnert ans alte Ägypten, als die Amunpriester einige Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes lenkten, und die Rolle des Pharaos sich aufs Repräsentative beschränkte, bis das Pendel wieder umschlug, und die weltliche Gewalt zurück in die Hände des Königs wanderte.

    „Im Reich der tausend Planeten“ ist ein richtiger Comicklassiker mit einer wunderschönen Poesie. In der spannenden Atmosphäre fremdartiger Kulturen, Rassen und Religionen gelingt Mézières die glaubwürdige Darstellung sowohl von schmutzigen Gassen wie von prächtigen Palästen. Christin dagegen kann mit einer Vielzahl toller Wortschöpfungen glänzen. Ihm haben wir die Namen der Schamlis, Spiglis oder Bluxte zu verdanken, und er ist der Erfinder der lebenden Steine von Arphal.
    © Stan Barets

    Aktuelle Verfilmung: eher für Kinder geeignet

    Die aktuelle Verfilmung von Luc Besson mit dem leicht anderslautenden Titel „Die Stadt der tausend Planeten“ ist leider Gottes bloß ein müder Abklatsch des Originals. Zum einen quirlt der Drehbuchautor Fragmente verschiedener Bände zu einem grellbunten und Sodbrennen verursachenden Cocktail zusammen; zum anderen erliegt der Regisseur der Versuchung, Bilder und Spezialeffekte in den Vordergrund zu stellen; bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Storytellings. So sitzt man zwei Stunden im Kino, denkt, wann nimmt der Streifen endlich Fahrt auf, wundert sich über die Fehlbesetzung der männlichen Hauptrolle [ein Milchbubi statt eines kernigen Zeitraumagenten], das Theater mit den militärischen Rängen, die es im Comic-Valerian überhaupt nicht gibt und hofft, dass es irgendwann nochmal spannend wird. Vergeblich, denn der Film plätschert ideenlos bis zum dümmlichen Finale vor sich hin. Besonders fatal ist es, dass die intelligente Handlung des Originals von Besson auf Walt-Disney-Niveau geschrumpft wird. Selbst vor dem Einsatz von Weltraum-Teletubbies und Plagiatszenen aus dem „5ten Element“ schreckt er nicht zurück. Der Schwertkampfauftritt à la Luc Skywalker auf Speed ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Fazit: „Stadt der tausend Planeten“ ist eher was für Kinder, die nach „Die Schöne und das Biest“ einen neuen Nervenkitzel suchen und nicht für erfahrene Comicjunkies geeignet.

    Parallelen zwischen V&V und Star Wars

    Interessanter als Bessons kraftlose Adaption sind die Anleihen, die George Lucas bei Valerian gemacht hat. In Star Wars wimmelt es von Figuren und Kostümen, die Christin und Mézières viele Jahre vorher entworfen hatten: die Bandbreite reicht dabei von Prinzessin Leias Kostümen, die sie in Veroniques Kleiderschrank ausgeliehen zu haben scheint, über die Gesichtsverbrennungen und die Maske von Darth Vader (wie bei den Kundigen im „Reich der tausend Planeten“), das Einfrieren von Han Solo (ebenfalls in den „tausend Planeten“), die Konturen des Schrotthändlers Watto (die Shinguz aus dem Band „Botschafter der Schatten“) bis hin zum identischen Design der Raumschiffe. Christin und Mézières haben also in Teilen die Blaupause für die erfolgreichste SciFi-Saga Hollywoods geliefert. Im Unterschied zu Besson erzählt Lucas allerdings eine überzeugende Geschichte, sodass die Ähnlichkeiten einiger Figuren eher das Vergnügen des Wiedererkennens denn Kopfschmerzen bereiten. Obwohl Star Wars seiner eigenen Handlung folgt, glaubt man doch an manchen Stellen, Ideen aus V & V aufblitzen zu sehen. So sind beispielsweise die beiden künstlichen Städte Central City und Coruscant nahezu identisch gestaltet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch zahlreiche weitere Parallelen entdecken, deren Erörterung in diesem kurzen Beitrag jedoch zu weit führen würde.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    V & V ist ein Comiczyklus, den man sowohl als Jugendlicher als auch ü40 in die Hand nehmen kann. Christin und Mézières haben Pionierarbeit in Sachen SciFi-Storytelling, Figurenentwicklung und Weltraumszenerie geleistet.  Die Erzählung genießt man am besten als Gesamtwerk, die Bände lassen sich aber auch einzeln gut lesen. Die Folgen bauen zwar aufeinander auf, es ist jedoch nicht zwingend notwendig, die Vorgeschichte zu kennen. Die Handlungen sind stets in sich abgeschlossen. Die Protas wurden im Lauf der Jahre erwachsen, nehmen ständig realere Züge an. Bis hin zu dem Vorwurf, dass Veronique mittlerweile zu sexy und Valerian zu muskulös wirken. Mich stört das nicht; ganz im Gegenteil: die beiden erscheinen dadurch menschlicher. Die Saga  bleibt durchgängig intelligent und aufregend, und man fiebert bis zum Finale mit, ob die Erde nach der Zerstörung des Raum-Zeit-Service ein weiteres Mal von den zwei Helden gerettet werden kann.


    © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

    Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags