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  • Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Ich liebe Lisa Eckhart.
    Also nicht die Kunstfigur, denn mein Bedarf an Femme fatales ist seit der letzten, mit der ich zusammen war, und die mich als geistiges Wrack zurückgelassen hatte, wovon ich mich immer noch nicht ganz erholt habe, restlos gedeckt, und ob ich mich in die Privatperson verliebe, würde erstmal voraussetzen, dass wir uns real treffen, was aber aus zahlreichen Gründen heraus sehr unwahrscheinlich ist, weil uns zum einen dreißig Lebensjahre trennen (was bei einem Date schon ne Menge ist), und wir zum anderen doch recht weit auseinander wohnen, um nur die zwei wichtigsten Gründe für diese Unwahrscheinlichkeit hier anzuführen. Ich liebe sie aber dafür, dass sie uns Kolumnisten derart VIEL Gesprächsstoff liefert, dass wir seit Tagen Seite um Seite mit der Debatte über ihr Bühnenprogramm füllen können. Sie enthebt mich seit zwei Wochen des anstrengenden Nachdenkens, worüber ich heute einen Text schreiben könnte. Ich wache auf und lese Lisa Eckhart-Kolumnen in Facebook, gehe aufs Klo und lese dort die dazugehörigen Lisa-Eckhart-Kommentare, beim Mittagessen springt sie mir aus dem Feuilleton der Zeitung entgegen, am Nachmittag packt der Fischhändler den von mir gekauften Hering in Zeitungspapier ein, auf dem mir das Lisa-Eckhart-Gesicht entgegenlächelt, und abends ist das gesamte Netz mit Lisa-Eckhart-Pro-&-Contra geflutet. Die Dame ist omnipräsent. Genießt zur Zeit einen Starrummel wie Trump, Drosten und Nordkorea-Kim zusammenaddiert.

    Ich setz mich an die Tastatur und sage fröhlich zu mir: heute schreibe ich mal wieder über Lisa Eckhart. Und nichts anderes!
    Dafür bin ich ihr dankbar.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Stimmt.

    Replik auf die Replik

    Der werte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz hat am vergangenen Samstag einen Text Lisa Eckhart – und? veröffentlicht, der eine Replik auf meinen, eine Woche zuvor erschienenen Text „Antisemitismus als Geschäftsmodell?“ war. Das macht Heinrich Schmitz eher selten, also Repliken zu anderen Kolumnisten verfassen – zuletzt geschah das vor eineinhalb Jahren, als wir beim Thema „Dschungelcamp“ unterschiedliche Auffassungen zur erzieherischen Notwendigkeit solcher Formate vertraten – und nun mal wieder bei Lisa E. Da ich finde, dass Heinrich Schmitz für diese Replik eine Antwort verdient hat und ich zudem eine Woche Urlaub und Zeit & Muße habe, werde ich nun die Replik der Replik zu Papier bringen.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Das haben Sie weiter oben schon gesagt, antworte ich.

    Heinrich Schmitz, der im realen Leben seine Brötchen als Strafverteidiger verdient*, baut seinen Text wie ein juristisches Plädoyer auf. Er zimmert für seine Mandantin Lisa E. Verteidigungslinien. Und beginnt den gerichtlichen Vortrag sofort mit einem Paukenschlag: Lisa E. ist KEINE Antisemitin. Und wer was anderes behauptet, muss ihr das erstmal nachweisen. Solange dieser Nachweis nicht gelingt, gilt die Unschuldsvermutung.

    * womit ich meine Brötchen verdiene, wollen Sie wissen? Scrollen Sie runter zu meinem Kurzlebenslauf. Da wird’s erklärt.

    Klingt gut, klingt plausibel, klingt nach Rechtsstaat.
    Bloß hat gar kein ernstzunehmender Kritiker der Schmitzschen Mandantin Antisemitismus vorgeworfen. Der Vorwurf lautet auf „Nutzung antisemitischer Klischees als Geschäftsmodell“.
    Das ist doch dasselbe, sagen Sie?
    Hören Sie jetzt auf zu lesen, erwidere ich. Wir verschwenden hier beide nur unsere Lebenszeit, wenn wir noch länger zusammenbleiben.

    Lisa E. gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen, ist so, als ob der Verteidiger eines in eine Wirthausprügelei verwickelten Raufbolds den Gerichtssaal mit den Worten betritt: »Mein Mandant hat keinen Mord begangen. Es liegen keinerlei aussagekräftige Beweise gegen ihn vor«. Woraufhin der Richter antwortet: »Mord wird im ersten Stock verhandelt. Bei mir geht’s heute um Körperverletzung«.

    Damit dürfte diese irrtümliche Falschbehauptung gegen die Lisa E.-Kritiker hoffentlich vom Tisch sein. Denn noch geben sich ja die meisten Kritiker der vagen Hoffnung hin, dass Lisa Lasselsberger, wie sie im realen Leben heißt, anders denkt, als ihre Kunstfigur spricht.

    Die Show live erleben und die Künstlerin dabei riechen können

    Schau’n wir mal, welche weiteren Verteidigungslinien wir in Heinrich Schmitz‘ Kolumne entdecken. Denn ein guter Anwalt hält natürlich einen bunten Strauß Argumente bereit, um seine Mandantin möglichst unbeschadet aus dem Gerichtssaal wieder nach draußen ans Sonnenlicht zu führen.

    In der Strafprozessordnung gibt es den Grundsatz der Unmittelbarkeit der Hauptverhandlung, insbesondere der Beweisaufnahme. Ein Zeuge ist live und in Farbe zu vernehmen.

    Bin ich grundsätzlich d’accord. Würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass wir die Hälfte unserer Texte in die Tonne kloppen können, weil wir der Mehrzahl der Prominenten, die wir in unseren Kolumnen aufs Korn nehmen, in der analogen Welt nie begegnet sind. Weder Heinrich Schmitz noch ich waren bspw. bisher realiter im Dschungelcamp dabei. Und trotzdem schreiben wir darüber. Ich bin mir auch sehr unsicher, ob ich Lisa E. live riechen muss, wie in der Replik gefordert, um mir ein Urteil über ihren Auftritt bilden zu können. Ich hab mir den Clip 3x auf Youtube angeschaut. Das reichte mir.

    … entscheidend ist aber der gesamte Auftritt. Es ist schon falsch, – wie geschehen – sich nur eine Passage aus einem Programm herauszupicken …

    Auch hier bin ich grundsätzlich einverstanden; jedoch es geht halt nun mal um diese EINE 5-Minuten-Sequenz. In der übrigens – jenseits der antisemitischen – genügend andere dumpfe Klischees bedient werden, um als Gut(un)mensch-Zuschauer spontan nervösen Schluckauf zu bekommen. Wenn ich EINE Geschichte von Bukowski bespreche, bespreche ich eben diese EINE Geschichte. Es kann nicht schaden, noch weitere Geschichten dieses Autors oder sogar sein gesamtes Œuvre zu kennen. Aber das ist nicht zwingend notwendig, um die EINE Geschichte zu kritisieren. Wichtig ist hingegen, die monierte Stelle exakt beim Namen zu nennen. Und das tun die Kritiker ja auch. Es handelt sich um „Mitternachtsspitzen im WDR. Programmpunkt ‚Die heilige Kuh hat BSE‘. Ausgestrahlt im September 2018“. Und anlässlich dieses EINEN Auftritts fielen die toxischen Sätze. Und genau diese Sätze werden kritisiert. Hat niemand behauptet, dass Lisa E. durchgängig bei ALLEN Bühnenauftritten antisemitische Klischees bemüht, um billige Lacher zu erzielen. Es geht erstmal nur um diesen EINEN Auftritt.

    Hinsichtlich der Beurteilung des Handwerklichen liegen Heinrich Schmitz und ich also gar nicht so weit auseinander. Wenngleich ich zu bedenken gebe, dass eine Kolumne einen (schnellen) Meinungsbeitrag und keine Diplomarbeit, darstellt. Die Erstgenannte nimmt kurz und knapp was aufs Korn, während die wissenschaftliche Analyse mehr Recherche, mehr Einordnung in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang, mehr Abwägung sämtlicher Pros & Cons erfordert, weshalb man eine Kolumne im mittleren Durchschnitt in zwei, drei Stunden getippt hat, während man an der Diplomarbeit ein halbes Jahr sitzt.

    Was, um Himmelswillen, ist gedrehter Antisemitismus?

    Kommen wir aber nun zur inhaltlichen Beurteilung dessen, was Lisa E. auf der Bühne darbietet. Und da tun sich jetzt doch größere Satiregräben zwischen Heinrich Schmitz und mir auf.

    … tatsächlich wunderbar herausgekitzelt wird, ist das Dilemma derjenigen, die alle Juden für grundsätzlich immer ganz tolle Menschen, alle Schwarzen, alle Flüchtlinge und alle Frauen für immer nur bedauernswerte Opfer halten, die ihres immerwährenden Schutzes bedürfen, die nie und nimmer etwas Böses tun, ja nicht einmal tun könnten […]Und wenn sich nun herausstellt, dass auch ein Jude, ein Schwarzer, ein Flüchtling, ein Schwuler ein Verbrechen begehen kann, dann führt das genau zu dem, was Lisa Eckhart „BSE bei der heiligen Kuh“ nennt. Es hilft weder den Juden, noch den Schwarzen, den Flüchtlingen, den Schwulen, noch den Frauen, so zu tun, als seien sie anormalerweise per se besser als der Rest der Menschheit. Auch das ist eine Form von gedrehtem Antisemitismus, Rassismus, Fremden-, Frauenhass und Homophobie, wenn denjenigen wieder einmal aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die in diesem Fall ausschließlich positiv sind.

    ei ei ei, sage ich hier nur. Ist das nicht genau die neurechte Denke, die wir Kolumnisten in vielen Texten anprangern? Denn dass Flüchtlinge, Schwarze, Frauen, Schwule und Juden ebenfalls Verbrechen begehen, weiß wirklich auch der letzte Gut(un)mensch, und ist schon alleine aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass es in jedem Obstkorb auch wurmstichige Äpfel gibt, eine Binse. Sogar das merkwürdige (um ein harmloses Adjektiv zu benutzen. Mir fielen auch heftigere ein) Argument, dass, wer für vorsichtigen Umgang bei der Zuschreibung diskriminierender (Minderheiten-) Klischees eintritt, in der Konsequenz nichts anderes als ein „gedrehter“ Antisemit, Rassist etc. sei, wird hier bemüht. Oha! Man ist jetzt also ein gequirlter (pardon: gedrehter) Antisemit, wenn man das platte Erzählen antisemitischer Kalauer nicht superlustig findet? Falls ja, dann stimmt mMn irgendwas nicht mit der (gedrehten) Antisemitismusdefinition. Diese Definition ist aber auch gar keine wissenschaftliche, sondern wird einfach seit Jahren von den Neurechten (vermutlich ebenfalls von den Altrechten und was es sonst noch alles für Rechte gibt) unters Volk gestreut in der Gewissheit, wenn man den Unsinn nur oft und lange genug wiederholt, wird schon irgendwas haften bleiben. In Heinrich Schmitz Lisa-E.-Kolumne blieb es augenscheinlich haften, was mich zwar wunderte; aber ich nahm es zur Kenntnis.

    Künstlich konstruierter Zusammenhang zwischen sexueller Übergriffigkeit und Religionszugehörigkeit

    Hier geht es um das Aufdröseln von Widersprüchen auch und gerade innerhalb derjenigen, die sich stets auf der richtigen Seite wähnen. Den Fundamentalismus der guten Absicht vorzuführen, ist bei Lisa Eckhart Programm.

    Was für Widersprüche dröselt Lisa E. denn auf? Etwa denjenigen, dass ich bei Weinstein, Allen und Polanski als Gut(un)mensch sofort gedacht habe: Typisch, das sind Juden?
    Es aber nur gedacht und nicht gesagt habe, weil Gut(un)menschen sowas nicht offen aussprechen?

    Ich muss Sie enttäuschen. Ich habe bei allen drei oben genannten Herren nie gedacht, dass sie übergriffig aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit sind, sondern war immer davon ausgegangen, dass sie  sexuelle Gewalt ausgeübt haben, weil sie ihre männliche Machtposition schamlos ausnutzten* und bei ihrem Tun ein Schweigekartell um sich herum wussten. Mir braucht also keine affektierte Kabarettistin mit einem von ihr künstlich hergestellten Konnex den Spiegel vorzuhalten. Was nicht bedeutet, dass man nicht ebenfalls links-grün-versifften, großstädtischen Vernissagen- & Kleinkunstbühnen-Besuchern wie mir (wobei ich mir weder aus Vernissagen noch aus Kleinkunstbühnen allzu viel mache, sondern mich lieber beim Effzeh in den Unterrang West setze. Oberrang ist echt teuer, und für die Südkurve bin ich mittlerweile zu alt) den Spiegel vorhalten kann. Auch in dieser Gruppe gibt es jede Menge Verlogenheiten und Absurditäten zu persiflieren. Aber es müsste halt ein anderer Spiegel sein als derjenige, den Lisa E. nutzt bzw. es müsste sich ein anderes Bild darin spiegeln. Gerhart Polt mit ‚Mai Ling‘ kam der Sache da sehr viel näher als die österreichische Kalauer-Tante.

    * wobei die sexuelle Übergriffigkeit bei Allen sehr viel strittiger ist als bei Weinstein und Polanski. Das muss der Fairness halber schon auch erwähnt werden.

    „Der Fundamentalismus der guten Absicht“: wow!
    Waren also meine Eltern und Großeltern Fundamentalisten, weil sie ihre Kinder dazu erzogen, manche Sachen nicht zu sagen? Meine Großmutter väterlicherseits war da sehr rigoros. Die wusch uns den Mund mit Seife aus, wenn ich böse Sachen sagte, die auf ihrer Tabuliste ganz oben standen. Würde man heute nicht mehr tun – also Kindern den Mund mit Seife auswaschen –, aber nach wie vor gilt: Wer böse Tabubrüche begeht, muss sich im Gegenzug auch (z.T. harsche) Kritik anhören.

    Satire muss das nicht, weil Satire ALLES darf, meinen Sie?
    Selbst wenn Satire alles dürfte (was sie ganz sicher nicht darf), entrückt sie das nicht völlig der Kritik.

    IQ 140 notwendig, um diese Art Satire zu verstehen?

    Man muss aber auch nicht alles schlecht machen, nur weil man es nicht versteht oder weil man es nicht mag.

    Die alte Leier. Gähn. Sobald man was kritisiert, was einem anderen gefällt, hat man es als Kritiker angeblich nicht verstanden. Nun muss man aber nicht Atomphysik studiert haben oder Stephen Hawking heißen, um die platten Jokes der Lisa E. zu begreifen. Sie bewegt sich – auch außerhalb ihrer Kunstfigur-antisemitischen-Rhetorik – halt durchgängig auf Fips-Asmussen-Niveau. Das ist ja auch okay, solange es nicht justiziabel wird. Bloß anmerken muss es der Kritiker dürfen, genauso wie die Künstlerin unappetitliche Sottisen erzählen darf. Wer diese grobschlächtigen Kalauer für Satire hält, die zum Nachdenken anregt, der hätte wahrscheinlich ebenfalls hinter Goebbels Sportpalastrede eine satirische Botschaft vermutet. Vielleicht ist ja auch all das, was Beatrix v. Storch und Kohorten (pardon: Konsorten) uns erzählen, letztlich bloß Satire? Gloria v. T. und ihre dauer-schnackselnden Schwarzen: Satire? Wer außer dem Absender weiß das schon so genau? Warum, um Himmelswillen, vermuten einige hinter jedem Unsinn, bloß weil er auf einer Bühne zum Besten gegeben wird, immer gleich ne tiefere Botschaft? Begleiten Sie mich in den Kölner Karneval. Da gibt’s jedes Jahr aufs Neue hunderte botschaftsbefreite Kalauer zu hören. Die teilweise auch ganz lustig sind. Unter der Voraussetzung natürlich, Sie verstehen unseren Kölner Dialekt. Käme kein Jeck (hier iSv. Zuschauer) auf die Idee, neben jedem Büttenredner gleich einen Spiegel zu sehen, der aufs Publikum gerichtet ist, damit es sich darin selbst erschrocken erblickt. Und was anderes als ne Büttenrede konnte ich in dem kritisierten Mitternachtsspitzenauftritt von Lisa E. echt nicht erkennen. Es gibt sogar zuhauf bessere Büttenreden als die, die Lisa E. im September 2018 ihrem Publikum darbot.

    Satire, die alles darf, sich abgenudelter Plattitüden bedient, Satire, die, sowohl was ihre Stilmittel als auch den von ihr transportierten Inhalt angeht, beliebig wird, ist aus meinem Verständnis heraus keine Satire mehr, sondern nichts anderes als ein Schenkelklopfer, wie man ihn in jeder Dorfkneipe spätabends am Urinal belauschen kann. Dann, wenn die sechste halbe Bier den PoC-Schutzwall aufweicht, den wir in der linken Nebenhirnrinde errichtet haben, weil wir ja heutzutage nicht mehr straffrei sagen können, was unsere Eltern noch völlig straffrei sagen konnten, und der Mann neben uns – während er die letzten Tropfen auf den Boden ausschüttelt und den Reißverschluss wieder hochzieht – mit leicht gerötetem Kopf und einem feinen Lächeln auf den Lippen zu uns sagt: »Es war nicht alles schlecht damals. Wissen’s, mit den Juden …«, und dann kommt etwas, wogegen sich meine Finger sträuben, es in die Tastatur zu tippen, bevor der Urinalnachbar mit einem Ha-ha-der-war-lustig-Grinsen im Gesicht und, »Pst, das war Satire, das versteh’ns schon, oder?«, zurück zu seinem Stammtisch schwankt, wo die anderen Dorfhonoratioren und die siebte Halbe auf ihn warten.

    Und damit soll es an dieser Stelle auch wieder genug sein mit meiner Replik auf Heinrich Schmitz Replik zu meiner Lisa-E.-Kolumne. Vielleicht gibt’s ja in ein paar Tagen wieder ne Replik auf diese Replik und das Ganze entwickelt sich zu einem Kolumnistenstreit historischen Ausmaßes. Schau’n wir mal.

    PAUSE

    Im zweiten Teil dieser Kolumne wollen wir uns mit dem Thema „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“ beschäftigen. Lisa E. also verlassen und sie nur noch als Sprungbrett nutzen, um uns unsere Sprache, die ständig weiter nach rechts driftet, etwas näher anzuschauen. Diesen Text gibt’s aber wie gewohnt erst am nächsten Wochenende zu lesen.

  • Die Socken stopfende Oma

    Die Socken stopfende Oma

    Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorad, Motorad, Motorad.
    Das sind tausend Liter Super jeden Monat, meine Oma ist ne alte Umweltsau,

    beginnt ein umgetextetes Liedchen, das vom WDR-Kinderchor in der Weihnachtszeit geträllert wurde und am 27sten Dezember viral ging. Kurz danach brach ein Shit-Tsunami der Orkanstärke 11,7 los, gegen den selbst die Empörung bei der Veröffentlichung des Ibiza-Oligarchentochter-Videos wie ein laues Frühjahrslüftchen wirkte.

    Meine Oma sagt, Motoradfahren ist voll cool, echt voll cool, echt voll cool.
    Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    Unklarheit, welche Generation genau gemeint ist

    Eine ganze Generation (welche eigentlich genau?) würde zu Unrecht verunglimpft, die Klimaaktivisten trieben einen Keil zwischen die Jungen und die Alten, die ökologisch verwahrlosten Redakteure instrumentalisieren unschuldige Kinder für ihre panikschürende Armageddonagenda, der linke Staatsfunk treibt Schindluder mit unseren GEZ-Beiträgen und vieles Empörtes mehr bis hin zu Goebbels-Propaganda-Parallelen bekam man in Twitter, Facebook & Co. zigtausendfach zu lesen. Die besorgten Bürger gingen steil.

    Meine Oma fährt im SUV beim Arzt vor, beim Arzt vor, beim Arzt vor.
    Sie überfährt dabei zwei Opis mit Rollator, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    „ICH bin keine Umweltsau!!“, schreibt eine entrüstete Großmutter, „ich trenne meinen Müll ordentlich und steige innerörtlich in die Straßenbahn“. Eine andere weiß zu berichten, „Ich fahre nur einmal im Jahr in Urlaub und dann am liebsten nach Österreich“, und eine dritte weist darauf hin, dass sie 3x Woche kein Fleisch isst, freiwillig. Dafür brauche es keinen grünen Rigorismus.

    Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett.
    Weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet, meine Oma ist ne alte Umweltsau.

    „Unsere Großmütter stopften die kaputten Socken selber“, ruft einer, „Mein Großvater holte die Milch noch in der Kanne im Tante-Emma-Laden an der Ecke“, ergänzt der Zweite. „Bei uns wurden alle fünf Kinder nacheinander im selben Badewannenwasser gebadet, und das Wasser im Anschluss verwendet, um die Blumen im Vorgarten zu gießen“, fügt ein Dritter hinzu. „Und all diese Menschen haben unser Land aus Ruinen wieder aufgebaut“, tippt zornbebend der Vierte.

    Meine Oma fliegt nicht mehr, sie ist geläutert, geläutert, geläutert. Stattdessen macht sie jetzt zehnmal im Jahr ne Kreuzfahrt, meine Oma ist doch keine Umweltsau.

    „INSTRUMENTALISIERUNG von Kindern durch den Staatsfunk!!“, schreit ein besonders lauter Schreihals. Na ja, denke ich, werden Kinder nicht ständig für Wahlkampfplakate, TV-Werbung und das Singen von Kirchenchorälen instrumentalisiert?

    Nun kann man sich wahrlich darüber unterhalten, ob die von einer Motorradbraut- in eine Umweltsau verwandelte Oma das Zeug zum Witz des Monats hat. Bereits das Original reißt mich nicht vom Hocker. Feinsinniger Humor geht anderes. Auch in der Rubrik Satire habe ich schon tiefschürfendere Beiträge gehört. Aber Umweltsau tatsächlich als Auslöser einer mittelschweren Staatskrise, in deren Verlauf der Intendant des inkriminierten Senders öffentlich Abbitte leisten und das Video aus der Mediathek entfernt werden muss? Wirklich?

    Missbrauch von Kindern?

    „MISSBRAUCH von Kindern!!“, hallt es trotzdem weiter durch die digitalen Furorräume. So schnell, wie sie entstanden ist, die Siebengebirgs-hohe Empörungswelle, will sie jetzt nicht wieder abebben. Da geht noch was. Wäre ja noch schöner, wenn die professionell orchestrierte Wutschnaubsaktion aufgrund der Vernichtung der Beweismittel jetzt sofort wieder abgeblasen wird. „Sie wollen es partout nicht verstehen“, schreibt nun einer in meine Richtung, „der Punkt ist die Instrumentalisierung unpolitischer Kinder durch eine parastaatliche, zur Neutralität verpflichtete Anstalt, die mit Pflichtbeiträgen üppig finanziert wird. Fällt bei Ihnen jetzt endlich der Groschen?“

    Stimmt nicht so ganz. Die verantwortlichen Redakteure und der Chorleiter weisen darauf hin, dass der Text vorab den Eltern zugesandt wurde, und die Teilnahme an der Aufnahme selbstverständlich freiwillig war. Eigentlich müsste deshalb eher mit den Eltern als mit den Redakteuren geschimpft werden. Aber egal, darum geht’s ja eh nicht. Es geht – völlig losgelöst von Kinderchor, Umweltsauen und Omas – darum, den ÖR-Sendern bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen einzuschenken. Das Gerede von der Neutralität, die jederzeit strikt einzuhalten sei, basiert nämlich auf einem Irrtum. Klingt zwar beim ersten Zuhören durchaus plausibel die Sache mit der strikten Neutralität, führt jedoch auf einen gefährlichen Holzweg. Denn – wie soll die in der Realität aussehen, die (strikte) Neutralität? Bekommen wir dann nur noch ein farblich exakt abgestimmtes Testbild zu sehen, sobald wir ARD, ZDF und die Dritten einschalten? Oder muss bei jedem kritischen Beitrag sofort im Anschluss eine Gegenmeinung veröffentlicht werden? Als ob Sender und speziell die Magazine, die sie ausstrahlen, nicht immer irgendeiner politischen Agenda folgen. Wobei sich die politischen Ausrichtungen egalisieren, wenn montags ein linkes, dienstags ein rechtes und am Mittwoch ein liberales Magazin über die Mattscheibe flimmert. Am Donnerstag Fußball und dann ist schon wieder Wochenende und höchste Zeit für Quizformate und Helene Fischer, bevor am Sonntag der Weltspiegel erneut unsere Augen auf die Politik richtet. Nennt sich in der Gesamtheit AUSGEWOGEN. Das ist aber nicht dasselbe wie (strikt) neutral. Wer sich strikt neutral verhält, hat auch kein Problem mit Faschisten und deren verbalen Ergüssen, weil ja knapp 15% der wahlberechtigten Bürger dahinter stehen und deshalb Meinungsfreiheit ebenfalls für Latrinenparolen gelten muss.

    Die Mär von der strikten Neutralität

    Strikte Neutralität ist die öffentlich-rechtliche Cousine der gutbürgerlichen Äquidistanz, die bei einem Synagogenanschlag sagt: „Ja, das ist schlimm. Aber nicht minder schlimm sind die linken Autonomen, die am ersten Mai Farbbeutel auf Juweliergeschäfte schmeißen und Müllcontainer anzünden“. Und ganz besonders schlimm sind linke Sender, die Kinder für Lieder missbrauchen. Und das mit den uns vom Mund abgesparten Zwangsabgaben. 17,50 Euro im Monat = zweieinhalb Packungen Marlboro weniger oder drei Pullen Discount-Cognac beim Aldi. Ein Verzicht, der Monat für Monat schmerzt. Besonders diejenigen, die zwar nicht beim Discounter einkaufen, die aber generell keine Lust auf den kritischen ör-Rundfunk haben. Diejenigen, denen das von RTL u. Pro 7 gebotene Programm völlig ausreicht, und die Dieter Nuhr & Mario Barth für die Krönung der Satire halten.

    Arme Kinder, die von grundbösen (linken) Redakteuren instrumentalisiert wurden, um deren (also die der Redakteure und des WDR) links-grün-versiffte Propaganda zu verbreiten. Da schnüren sich sofort die besorgten Elternherzen zu. „Ich will nicht, dass mein Kind für falsche Klimalehren missbraucht wird“, seufzt Mama Kathrin aus Castrop-Rauxel. „Und ich handelte schon ökologisch korrekt, als die Ökos noch gar nicht erfunden waren“, springt Omi Susanne ihrer den Tränen nahen Tochter bei, zündet sich ne Kippe an, klettert in ihren Skoda und knattert, schwarze Dieselwolken aus dem Auspuff ausstoßend, zum Supermarkt davon, wo es heute argentinisches Rind im Sonderangebot gibt.

    Der Intendant entschuldigt sich mehrmals und von Herzen, der Ministerpräsident fand’s auch völlig daneben, der Sender zieht das Video zurück, empörte Wutbürger protestieren tags darauf am Appellhofplatz. Dort, wo sonst der Spatz seine kindgerechten Botschaften formulierte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Was, um Himmelswillen, geschieht hier gerade? Bestimmen jetzt Twitter & Co. darüber, welches Video aufbewahrt werden darf und welches nicht? Wurde irgendjemand persönlich beleidigt, ist die Sache eventuell justiziabel? Eine amorphe Riesenmenge Umweltsau-Omas – so what? Omas als zufällig gewählter Begriff, der jederzeit durch Opas, Babyboomer, 68er, Kolumnisten, Kölner ausgewechselt werden kann. DAS ist tatsächlich ein Aufreger? Bzw. das soll eine Aktion gewesen sein, die drei Millimeter an einer Straftat vorbei schrammte? War es natürlich alles nicht. Es war ein mäßig witziges Liedchen. Zum Jahresend-Skandälchen hochgetrommelt von denjenigen, die:
    (a) den ör-Rundfunk sowieso abschaffen wollen
    (b) auf Klimawandel und die durch ihn verursachten Einschränkungen unseres Konsumverhaltens NULL Bock haben.

    Mal wieder den Öffentlich-Rechtlichen ordentlich einen einschenken

    Und weil die Rundfunk-Abschaffer selten ehrlich argumentieren – ehrlich wären bspw. die Sätze: „Mehr an Info & Entertainment, als es RTL u SAT 1 bieten, braucht kein Mensch. Alles andere ist Perlen vor die Säue werfen“ oder „Ich möchte keine Sender in Deutschland haben, die links von der FDP stehen“ – sitzen sie jeden Tag auf dem Sofa und warten darauf, dass irgendwo was ausgestrahlt wird, was ihrer konservativen Auffassung von Political Correctness widerspricht. Sobald dann ein kleines Umweltsau-Oma-Liedchen läuft, geraten sie binnen Sekunden in Wallung, der Puls schnellt auf 150 hoch, sie verabreden sich zum digitalen Waidmannsheil , die Jagd ist eröffnet, die Finger flitzen über zehntausende Tastaturen. Ende ist dann, wenn die Beute röchelt und die nächste Skandalsau am Horizont erscheint. Notfalls werden noch ein paar analoge Hooligans vor die Haustüren der Redakteure und die Eingangspforte des WDR ausgesandt, um dem berechtigen Volkszorn Nachdruck zu verleihen. Schuld hat sowieso der Sender, denn sowas bringt man nicht, und augenscheinlich haben sämtliche Kontrollinstanzen versagt. Konservative und neoliberale Brüder und Schwestern: Wir müssen DRINGEND (zum tausendsten Mal) über die Zwangsfinanzierung der linksgrünen Sendeanstalten reden!

    Und was geschieht? Der Intendant kriecht tatsächlich zu Kreuze. Mea culpa, Asche über unser WDR-Haupt, wir werden nie mehr was mit Kindern und Klima bringen, denn es könnte ja sein, dass sich wieder einige empören. Und Empörung ist nicht gut fürs Geschäft. Ab sofort Konzentration auf Fußball, Biathlon, Spielformate, hin und wieder ein Ratequiz und Talk Shows, zu denen sämtliche Parteien streng paritätisch eingeladen werden und der Moderator nur noch Fragen stellt, die den Teilnehmern vorher bekannt waren. Und die Tagesschau bloß aus alter Gewohnheit. Denn auch die ist aus dem Blickwinkel der Klimawandel-Verneiner viel zu ökolastig. Aber diese Bastion bekommt die konservativ-neoliberale Fraktion ebenfalls noch geschleift. Wenn man weiß, wie Empörungswelle funktioniert und auf der anderen Seite Schnell-Einknicker sitzen, kriegt man im Zeitablauf ne Menge kurz und klein gehauen.

    Meine Oma ist doch KEINE Umweltsau,

    endet übrigens das kleine Lied. Aber bis zur letzten Strophe hört sich das von den Dauerempörten sowieso keiner an.

    Kurzfazit zum Oma-Gate: Der WDR hat offensichtlich eher ein Intendanten- als ein Kinderchorproblem. Und die Ich-stopfe-meine-Socken-selbst-Omas sollten kurz nach Silvester wieder rauskommen aus der Schmollecke und ihre Enkel bei der korrekten Mülltrennung der gestern verschossenen Raketen beraten.
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    »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen«, sagt Toni, der begnadetste brotlose Dichter unserer Stadt, als ich ihm den Text zeige.
    »Stimmt«, antworte ich.

  • Wider den Quotenwahn

    Wider den Quotenwahn

    Auch die moderne Gesellschaft, deren ökonomisches und politisches Grundprinzip der Wettbewerb ist, entzieht einige wesentliche soziale und kulturelle Institutionen aus gutem Grund dem Markt. Das sind die Institutionen, von denen wir wissen, dass sie wichtig sind, dass sie aber auf der Grundlage einer Angebots-Nachfrage-Ökonomie nicht existieren könnten. Theater gehören dazu, Museen, Kunstausstellungen. Aber der grassierende Quotenwahn bringt auch dort den Markt hin: den der Aufmerksamkeitsökonomie.

    Dinge, die wir brauchen, aber nicht bezahlen wollen

    In einer zivilen Gesellschaft besteht Konsens darüber, dass es Dinge gibt, die für das Bestehen der Gesellschaft wichtig sind, auch wenn keiner persönlich für ihre Benutzung so viel bezahlen möchte, dass allein aus dieser Benutzung ihre Existenz sichergestellt ist. Dazu gehören vermutlich noch mehr Institutionen als die kulturellen Einrichtungen, die ich gerade genannt habe, aber ich möchte einmal bei dieser Art von Unternehmungen bleiben. Auch die Ausstellungshallen, Opern- und Schauspielhäuser sehen sich immer wieder der Forderung ausgesetzt, doch ein Angebot zu machen, für das das Publikum zu zahlen bereit ist – aber gleichzeitig wissen wir, dass das nicht ganz funktionieren wird. Und wir haben irgendwie die Gewissheit, dass es für den Erhalt unserer Kultur, unseres Wertesystems, unseres zivilisatorischen Selbstverständnisses wichtig ist, dass sie trotz unserer jeweiligen Knauserigkeit und Faulheit erhalten werden. Also versuchen wir den Kompromiss: Wir finanzieren sie zum Teil aus Steuermitteln, fordern aber auch ein bisschen Marktorientierung, versuchen, sie ein bisschen zu überwachen und verlassen uns doch darauf, dass da Leute arbeiten, die schon aus ihrem Berufsethos und ihrem Spaß an der Sache heraus für recht wenig Geld ganz gute Leistungen produzieren wollen. Und so leisten sie ihren Beitrag zum Erhalt unserer Kultur.

    Es zählt nicht vor allem die Quote

    Der Öffentlich-rechtliche Rundfunk ist genau so eine Institution, wie die Theater und die Museen es sind. Das Kulturgut, das er bewahrt, ist der gute Journalismus und die gute Unterhaltung. Wir brauchen den mehr denn je. Darüber müssen wir uns endlich klar werden und müssen aufhören, ihn andauernd nur am Markt, an der Quote, am Marktanteil zu messen.

    So, wie wir Theater öffentlich fördern, gerade weil wir nicht wollen, dass es zum Boulevard herabsinkt, müssen wir dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine zu starke Marktorientierung sogar verbieten. Wir brauchen ihn als Qualitäts-Garanten, und damit er das bleibt, darf er nicht nur an der Einschaltquote gemessen werden.

    Kulturgut unterhaltender Journalismus ohne Quotenwahn

    Wir brauchen Journalisten, die sich Zeit nehmen für Recherchen, die Beiträge produzieren, die den höchsten Qualitätsanspruch haben, die Menschen mit schönen Geschichten suchen und mit Feingefühl porträtieren können. Wir brauchen gut geführte Interviews, die sich Zeit nehmen, Hintergründe und Details zeigen. Wir brauchen auch kreative und angenehme Unterhaltung mit Liebe zum Detail. Es geht nicht nur um seriöse Informationen, es geht auch um gut erzählte Geschichten, bei denen man sich auch Zeit für das Licht, den Ton und den Schnitt nimmt. Wir brauchen, dass Beiträge entstehen, die nicht morgen weggeworfen werden, sondern die man sich auch mit Genuss noch nach Jahren wieder ansehen kann. Das alles stabilisiert unsere Kultur, schafft Heimat und Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Auf den flüchtigen Moment gerechnet, mag das alles nicht so wichtig erscheinen, aber mit einem Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft, die sich in der journalistisch erzählten Gegenwart treffen, wird diese Qualität bedeutsam.

    Das heißt nicht, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk nur noch Kultur- und Nachrichtenprogramm sein sollte. Ganz im Gegenteil. Gerade das Radioprogramm, das nebenbei beim Frühstück, in der Küche, im Auto läuft, das gut mit klugem und professionellem Journalismus unterhält, ist eine kulturelle Errungenschaft der letzten Jahrzehnte, die wir nicht dem kurzfristigen Quotenwahn-Marktanteils-Denken preisgeben dürfen.

    Informationsquelle in Fake-News-Zeiten

    Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist also nicht nur, aber eben auch Lieferant vertrauenswürdiger Informationen, gut recherchiert und professionell produziert. Das wiederum ist gerade in Fake-News-Zeiten ein unschätzbarer Wert. In der Welt der sozialen Medien müssen auch die Öffentlich-rechtlichen senden, sie müssen die vertrauenswürdigen Quellen in der Online-Debatte sein. Auch dafür müssen wir sie uns leisten! Die demokratische Gesellschaft muss sich unabhängige Informations-Sender für die Online-Welt leisten, denen die Bürger vertrauen. Dafür müssen wir sie mit den nötigen Ressourcen und Freiheiten ausstatten.

    Wir brauchen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk mehr als je zuvor. Aber nicht als Spitzenreiter in den Marktanteilen, der dem Quotenwahn verfällt. Das kann auch mal schön sein, und letztendlich sollte gerade gute Unterhaltung und informative Dokumentation auch eine entsprechende Breitenwirkung haben. Aber das darf nicht von der kurzfristigen Quote her gedacht werden, nicht von der Anbiederung an den Tagesgeschmack und schon gar nicht von der Marktforschung her. Ausgangspunkt muss der eigene Qualitätsanspruch von Journalisten sein, die unabhängig von Quotenvorgaben gute Arbeit machen wollen. Die zu bezahlen und mit dem auszustatten, was sie benötigen, sollte uns die Zukunft unserer Gesellschaft wert sein.

  • Die Trivialisierung des Rundfunks

    Die Trivialisierung des Rundfunks

    Im Zusammenhang mit dem Erstarken radikaler politischer Kräfte, die mittlerweile in Parlamenten ernst zu nehmenden politischen Einfluss bekommen, wird gern über die sozialen Medien im Internet, über Anonymität und Hasskommentare geklagt. Spricht man aber mit Freunden und Kollegen in der realen Welt, fällt auf, dass nur die wenigsten ihre politischen Ansichten aus dem Netz beziehen. Zwar reden viele über die Diskussionskultur im Netz, aber die Mehrheit ist gar nicht dabei, sie sind nicht bei Facebook, sie kommentieren nicht in den Kommentarspalten der Online-Medien.

    Da stellt sich natürlich die Frage, ob wir unseren analytischen und argumentativen Eifer nicht auf eine ganz falsche Stelle der Medienwelt konzentrieren. Die politische Meinungsbildung der meisten Menschen findet weiterhin im Freundes- und Kollegenkreis statt, und sie speist sich nicht aus Facebook-Posts oder den Kommentaren im Netz, sondern aus dem, was die Menschen im Radio hören und im Fernsehen sehen.

    In diesen Medien hat in letzter Zeit jedoch ein grundlegender Wandel stattgefunden, der bedenklich ist, der Sorgen macht. Betrachten wir einmal bespielhaft den Radiosender WDR 2, den ich jeden Morgen ca. zwei Stunden lang und im Laufe des Tages hin und wieder beim Autofahren höre. WDR 2 ist einer der reichweitenstärksten Radiosender Deutschlands, täglich schalten dreieinhalb Millionen Menschen diesen Sender ein, pro Stunde hören im Schnitt mehr als eine Million Menschen diesen Sender.

    Nachrichten oder Unterhaltungsshow?

    Aufmerksamen Hörern dürften in den letzten Monaten einige Veränderungen aufgefallen sein. So dauern die Hauptnachrichten zur vollen Stunde, die früher einmal fünf Minuten gedauert haben, inzwischen nur noch vier Minuten. Zweimal wechselt der Sprecher, jeweils mit einer kurzen Anmoderation verbunden, die keine echte Information enthält. Zur halben Stunde, wenn zu den kurzen Regionalnachrichten gewechselt wird, ist die Informationsleere noch mehr zu spüren, wenn die „Station Voice“ mit dramatischer Stimme verkündet: „Und jetzt, immer um Halb, von morgens 6 bis abends 6, Ihre Lokalzeit…“

    Was darunter leidet, ist die Menge sachlicher echter Information, die tatsächlich in den Nachrichten gebracht wird. Statt Details zu nennen, gibt es nur noch Überschriften und Teaser, für mehr reicht die Zeit in diesen verkürzten Nachrichtensendungen nicht mehr.

    Man fragt sich: Was soll das? Traut man den Hörern nicht mehr zu, ein paar sachliche, komprimierte, und trotzdem detaillierte Informationen aufzunehmen? Glaubt man, wir würden nur noch Radio hören, wenn selbst die Nachrichtensendungen zu Entertainment-Shows werden?

    Wahrscheinlich gibt es ja irgendwelche Experten, die meinen, dass die Aufmerksamkeitsfähigkeiten der Zuhörer nachlasse. Aber vielleicht liegt das ja auch – wenn es überhaupt zutrifft – am mangelndem Training. Die Leute werden nicht immer dümmer, man muss sie nur fordern. Und ein Radiosender, zudem ein öffentlich-rechtlicher Informations- und Unterhaltungssender, sollte nicht einer imaginierten Dummheit der Hörer hinterherlaufen, sondern seinen Auftrag als Anspruch verstehen.

    Auch die Wortbeiträge zwischen den Musiktiteln sinken ständig im Niveau. Zur besten Sendezeit hat man den Eindruck, dass fast nur noch platte Comedy nahe am Mario-Barth-Niveau gebracht wird. Die politische Hintergrundinformation, der sachliche Kommentar und der detaillierte Bericht sterben.

    Skandalisierenden Interviews

    Politik kommt überhaupt fast nur noch als skandalisierendes und trivialisierendes Politiker-Interview vor. Sicherlich sollen Journalisten kritisch nachfragen. Aber zur Sache, und nicht, um den Gesprächspartnern Sätze zu entlocken, die als machtkampf-Skandälchen ausgeschlachtet werden können. Das ist einfach, deshalb scheinen sich die Moderatoren gern darauf zu konzentrieren. Man hat den Eindruck, dass sie ihren ganzen Stolz daraus ziehen, einen Politiker im zwei-Minuten-Interview in eine Falle gelockt oder ihm einen unbedachten Satz entlockt zu haben. Verantwortung für sachliche politische Berichterstattung, die vielleicht auch mal das Funktionieren unserer demokratischen Verfahren in schwierigen Zeiten demonstriert? Fehlanzeige.

    Solchen Interviewformen sind nur Demagogen und Populisten gewachsen, die ihre absurden Forderungen in einfache Schlagworte bringen können. Verantwortungsvolle Politiker, die etwas abzuwägen und zu entscheiden haben und die vielleicht sogar wollen, dass die Bürger die schwierigen Entscheidungsprozesse verstehen, haben da keine Chance. Sie haben ja genug damit zu tun, unter dem Druck des unsachlich nachhakenden Moderators die richtige gendergerechte Ansprache nicht zu vergessen.

    Am Ende unterstützt dieses Radioprogramm genau die, über man vordergründig die Nase rümpft: radikale Simplifizierer und Populisten. Man mag sich einreden, dass man so handeln muss, weil man selbst als öffentlich-rechtlicher Sender unter Rechtfertigungsdruck steht und dem Sparzwang ausgesetzt sei. Man mag anführen, dass man darum kämpft, die Hörer nicht an private Konkurrenten zu verlieren, denen die sachliche Information noch viel mehr egal ist.

    Das ist aber alles Unsinn. Zuerst muss man den Anspruch hoch halten und den Auftrag, den man als öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat, auch erfüllen. Dann werden die klugen und besonnenen Bürger auch dafür sorgen, dass dieser Rundfunk, den wir mehr brauchen als je zuvor, auch erhalten bleibt. Wenn man aber der Trivialität und Dummheit hinterherrennt, macht man sich wirklich sehr bald überflüssig. Dann will auch niemand mehr Gebühren für etwas bezahlen, was man einen Frequenzschritt weiter auch umsonst bekommen kann.