Wer in Havanna Geld abheben will, sollte Zeit, Geduld und vorsichtshalber ein Buch mitbringen. Nicht nur Rentner stehen deshalb oft noch vor Öffnung der Banken Schlange, weil am Schalter nicht nur das Geld des Kunden knapp ist, sondern mitunter auch das Bargeld der Bank. Reuters berichtete jüngst von einem täglichen Auszahlungslimit von 20.000 Pesos. Auf dem Schwarmarkt entsprach das ungefähr 28 Dollar.1
Eigentlich ist das in sozialistich regierten Staaten wie Kuba oder Venezuela nicht außergewöhnlich: Staaten, die Preise, Devisen und den Zahlungsverkehr umfassend kontrollieren, schaffen es regelmäßig, dass Bürger selbst für den Zugriff auf ihr entwertetes Geld anstehen müssen. Der Sozialismus hat eben ein besonderes Verhältnis zur Knappheit: Er bekämpft sie zuverlässig, indem er ihre Verwaltung verstaatlicht.
Der Markt soll helfen
Ausgerechnet in Kuba, das lange von beiden alt-sozialistischen Revolutionsbrüdern Fidel und Raul Castro regiert wurde, soll nun ein wenig Markt helfen. In Santa Clara nahm im September die erste staatlich genehmigte, privat betriebene Wechselstube des Landes ihren Pilotbetrieb auf. Ihre Transaktionen sollen der kubanischen Zentralbank, der Banco Central de Cuba Daten, liefern, um den flexiblen Kurs des sogenannten dritten Wechselkurssegments festzulegen.2 Der Markt darf also Preise entdecken – selbstverständlich unter steter Aufsicht jener Institutionen, die den Preis zuvor nicht finden konnten.
Ganz neu ist die vorsichtige Annäherung an die Wirklichkeit nicht. Seit Dezember 2025 besitzt Kuba drei offizielle Wechselkurssegmente: zwei feste Kurse von 24 beziehungsweise 120 Pesos je Dollar sowie einen täglich veränderlichen Kurs für bestimmte Geschäfte natürlicher Personen und nichtstaatlicher Akteure. Bei dessen Einführung lag er bei 410 Pesos. Mitte September 2026 wurden auf dem informellen Markt bereits rund 700 Pesos für einen Dollar verlangt.3 Eine Währung kann offenbar mehrere amtliche Wahrheiten besitzen. Der Schwarzmarkt begnügt sich derweil mit einer einzigen: dem Preis, zu dem tatsächlich jemand tauscht.
Der Wechselkurs ist jedoch nicht die Krankheit, sondern das Fieberthermometer. Man kann das Thermometer verbieten, beschimpfen oder durch drei staatlich geprüfte Geräte aus sozialistischer Produktion ersetzen. Die Temperatur sinkt dadurch nicht. Der Peso verliert an Wert, weil zu viel (von der Notenbank gedrucktes) Geld auf zu wenige Waren trifft, weil Devisen fehlen und weil das Vertrauen in die staatlich gesetzten Preise begrenzt ist.
Mit den Schulden und der Inflation, wachsen in Kuba auch die Ziffern auf den Banknoten werden größer. Im April brachte die Zentralbank neue Scheine über 2.000 und 5.000 Pesos in Umlauf; im September folgten Reuters zufolge sogar Stückelungen über 10.000 und 20.000 Pesos.4 Offiziell sollen sie den Bargeldverkehr erleichtern. Das stimmt sogar. Wenn Geld immer weniger kauft, ist es praktisch, wenn man für den Einkauf wenigstens keine Einkaufstasche voller Geld mehr benötigt. Eine hohe Stückelung ist keine Inflationserklärung. Sie ist deren ergonomische Begleitmaßnahme.
Die amtlich erfassten Verbraucherpreise lagen zwischen Januar und August 2026 nach Angaben der kubanischen Statistikbehörde ONEI (Oficina Nacional de Estadística e Información) mehr als 25 Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der boomende informelle Markt ist im offiziellen Preisindex nur unzureichend enthalten; die tatsächliche Belastung vieler Haushalte dürfte daher höher sein.5 Für Menschen mit festen staatlichen Löhnen oder Renten ist die private Wechselstube deshalb noch kein Befreiungsschlag. Wer keine Dollar besitzt, kann auch von einem realistischeren Dollarkurs nur begrenzt profitieren.
Absturz des Tourismus und amerikanische Sanktionen
Der Absturz hat mehrere Ursachen. Die Pandemie traf den Tourismus und damit eine der wichtigsten Devisenquellen. Die Währungsreform von 2021 beseitigte zwar den konvertiblen Peso, verband die Vereinheitlichung aber mit kräftigen Lohn-, Preis- und Wechselkursänderungen. Eine wissenschaftliche Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass zuvor aufgestaute monetäre Ungleichgewichte und die Ausgestaltung der Reform die anschließende Inflation wesentlich verstärkten.6
Hinzu kommen die amerikanischen Sanktionen. Präsident Donald Trump schuf im Januar 2026 die Grundlage für zusätzliche Zölle gegen Staaten, die Kuba mit Öl versorgen; weitere Maßnahmen folgten im Mai. Der Druck auf Treibstoffversorgung, Transporte und Deviseneinnahmen verschärft eine ohnehin schwere Krise.7 Wer darüber schweigt, macht es sich zu einfach. Wer mit den Sanktionen jedoch jede Fehlentscheidung Havannas erklärt, ebenfalls. Eine Zentralverwaltungswirtschaft wird nicht dadurch effizient, dass Washington sie mutmaßlich ungerecht behandelt.
Die kubanische Regierung betont, sie gebe den Sozialismus nicht auf. Das darf man ihr glauben. Eine einzelne Wechselstube schafft weder freien Wettbewerb noch Eigentumssicherheit noch verlässliche Regeln. Sie liefert zunächst einen Preis. Doch schon darin liegt eine kleine politische Zumutung: Ein glaubwürdiger Preis entsteht nicht durch Reden, Parteitagsbeschlüsse oder nostalgisches hochlebenlassen von Castros Revolution. Er entsteht dort, wo Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. So simpel ist Ökonomie.
Genau deshalb ist der Versuch interessant. Er zeigt, dass Reformen nicht zwingend aus Überzeugung beginnen. Manchmal beginnen sie, weil die Wirklichkeit eine Vetostimme besitzt und sich die Erkenntnis durchsetzt, dass selbst die feurigste sozialistische Rethorik eines Karibik-Caudillos die Gesetze der ökonomischen Schwerkraft nicht ausser Kraft setzen kann.
Wie Vernunft beginnt
Kuba wird sicher nicht über Nacht zum einem liberalen Musterland werden. Es wäre aber schon einmal gut, wenn Regierung und Partei aufhören würden, private Initiativen bloß wie vorübergehend geduldete Abweichungen zu behandeln. Unternehmer brauchen das Recht, Gewinne zu erzielen, zu investieren und zu scheitern – nicht bloß die Erlaubnis, dem Staat bei der Ermittlung des richtigen Wechselkurses zu helfen.
Die private Wechselstube von Santa Clara ist deshalb weder die Rettung Kubas noch bedeutungslos. Sie ist ein Eingeständnis im Kleinformat. Der Staat der Gebrüber Castro, der den Markt abschaffen wollte, benötigt ihn nun als Auskunftsbüro. Vielleicht beginnt wirtschaftliche Vernunft bisweilen genau so: nicht mit einem Bekenntnis zur Freiheit, sondern mit der peinlichen Frage, was der Dollar heute eigentlich kostet.
Fußnoten
1 Reuters, „As lines grow at banks, Cuba tiptoes away from communism but stability seems distant“, 21. September 2026. Reuters nennt ein tägliches Auszahlungslimit von 20.000 Pesos und einen informellen Kurs von rund 700 Pesos je US-Dollar. Direktlink
2 Reuters, a. a. O.; Infobae, „La primera casa de cambio privada de Cuba ya opera en Santa Clara“, 17. September 2026. Die Einordnung als Pilotbetrieb und die Verwendung der Transaktionsdaten für das Wechselkurssegment III beruhen auf Angaben des Banco Central de Cuba. Direktlink
3 Banco Central de Cuba/Granma, „Transformación del mercado cambiario de divisas“, 18. Dezember 2025; Granma, amtliche Wechselkurstabelle vom 19. Dezember 2025; Reuters, 21. September 2026. Direktlink
4 Banco Central de Cuba/Granma, „Banco Central de Cuba emite nuevos billetes de alta denominación“, 31. März 2026; Reuters, 21. September 2026. Die Angaben zu den Stückelungen von 10.000 und 20.000 Pesos stammen aus dem Reuters-Bericht. Direktlink
5 Reuters, 21. September 2026, unter Berufung auf die kubanische Statistikbehörde ONEI. Reuters weist zugleich darauf hin, dass der informelle Markt im amtlichen Index nicht vollständig erfasst wird. Direktlink
6 Pavel Vidal Alejandro und Luis R. Luis, „Cuba’s Monetary Reform and Triple-Digit Inflation“, Latin American Research Review, 2024. Die Autoren analysieren die Währungsvereinheitlichung, den monetären Überhang und die Inflationsdynamik nach der Reform von 2021. Direktlink
7 The White House, Executive Order 14380, „Addressing Threats to the United States by the Government of Cuba“, 29. Januar 2026; The White House, „President Donald J. Trump Imposes Sanctions on Cuban Regime Officials“, 1. Mai 2026. Direktlink






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