IX. Berechtigter Grund zur Sorge?
Folgt man den Ergebnissen der für die Altersgruppe 15-25 Jahre repräsentativen Shell-Jugendstudie aus dem Jahre 2019, die von namhaften Erziehungs- und Bildungswissenschaftlern (Wissenschaftlichen Pädagogen) verantwortet wird, besteht im Großen und Ganzen wenig Grund, sich um die Treue der nachwachsenden Generation zur freiheitlich-demokratischen Lebensform große Sorgen zu machen. Es wird resümierend konstatiert, „dass die Jugendlichen in Deutschland trotz … des … verstärkt um sich greifenden Rechts- und Nationalpopulismus um die Bedeutung eines vereinigten Europas (wissen), sie befürworten die Demokratie als beste Staatsform für Deutschland, sie sind ganz überwiegend tolerant. Eine Polarisierung der jungen Generation im Sinne einer Aufspaltung in größere und unversöhnliche Lager lässt sich … nicht feststellen“.[1]
An dieser Situation hat sich, wenn man sich der Shell-Jugendstudie 2024 anvertraut, nichts geändert: „Auch in 2024 haben wir keine Veränderungen feststellen können, die auf einen ‚Rechtsruck‘ hindeuten.“[2] Mit anderen Worten: Mehr oder weniger überall trifft man auf überzeugte, engagierte und authentische Demokraten, wenn man menschliche Maßstäbe anlegt und sich nicht im realutopischen Modus der nietzscheanischen Kritik der Demokratie befindet.
In der Summe heißt das nicht, es bräuchte keine (Politische) Bildung und Erziehung in der Pädagogik der Demokratie (Demokratiebildung, Demokratiepädagogik, Democratic Education oder Demokratieerziehung); oder diese wäre dermaßen perfekt, dass man sich um die Zukunft unserer Demokratie als Lebens-, Staats- und Regierungsform keinerlei sorgenvolle Gedanken machen müsste. Anders ausgedrückt: Man kommt nicht umhin, sich an dem Widerspruch zwischen dem bundesweiten Aufstieg der sich zwischen rechtskonservativ und rechtsextrem bewegenden AfD und der fehlenden Beobachtung eines ‚Rechtsrucks‘ durch die Shell-Jugendstudien der letzten Jahrzehnte zu stoßen. Doch habe ich keinen Hinweis dafür gefunden, dass man dieser empirisch-sozialwissenschaftlichen Forschungstradition handwerkliche Fehler oder eine inadäquate Methodologie vorzuwerfen hätte. Daher muss die fehlende sozialwissenschaftliche Erklärung dieses paradoxen Phänomens, das scheinbar widersinnig auf eine diesen Widerspruch überwindende Wahrheit hinweist, kompensiert werden, indem eine theoriegesättigte Vermutung respektive philosophierende Spekulation gewagt wird.
Die jungen Menschen,
- die sich von einem rechtsextremen Weltbild angezogen fühlen oder
- sich in ihm fest verankert haben (soweit das in den entwicklungsdynamischen, krisenhaften Jahren der Pubertät und Adoleszenz sozial-, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologisch überhaupt möglich ist),
ordnen sich gegenwärtig vorrangig lieber der AfD und nicht mehr den „‘Altparteien (Systemparteien)‘“[3] und vor allem der CDU/CSU zu, die immer die besondere Stärke hatte, überrechte Mitbürger zu integrieren und paternalistisch zum Schweigen zu bringen, wenigstens zu moderieren; hierbei den Warnruf von Nietzsches Zarathustra überhörend: „Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“[4]
Heutzutage steht den rechtskonservativen bis rechtsextremen jungen Menschen mit der AfD eine wenigstens in der legislativen Gewalt vollumfänglich verankerte legale, wenngleich hinsichtlich ihrer verfassungsrechtlichen Legitimität massiv bezweifelte und attackierte politische Partei zur Verfügung. Die Jugend (15-25 Jahre) der Gegenwart kann sich mit ihr ausdrücklich identifizieren und lautstark im öffentlichen Raum bemerkbar machen, ohne großartig Gefahr zu laufen, marginalisiert, stigmatisiert, diskriminiert, unterdrückt und benachteiligt zu werden.
Die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die dabei artikuliert wird und für das steht, was in der Shell-Jugendstudie als ‚Rechtsruck‘ benannt wird, ist über die Jahrzehnte gleichfalls auf einem konstanten und für zurecht besorgte Gemüter zu hohem Niveau, wie man den sogenannten Bielefelder Mitte-Studien entnehmen kann.[5] Insofern wird von diesen das Vertrauen in die empirische Evidenz, Relevanz und Qualität der Ergebnisse der Shell-Jugendstudien bestärkt. Hieran vermag nichts zu ändern, dass sie dem Zeitgeist und der sogenannten Demokratiebildung dahingehend zuwiderlaufen, als die Rede vom ‚Rechtsruck‘, der Krise der Demokratie oder dem Scheitern der ‚Demokratiebildung‘ problematisiert wird. Stattdessen wird die als entdramatisierend und vielfach als verharmlosend adressierte, indes erziehungs- und bildungswissenschaftlich ins Triviale tendierende Erkenntnis reproduziert,
- dass es selbst in der sich antifaschistisch begründenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung bundesdeutscher Provenienz einen festen ‚Bodensatz‘ überrechter, vom Faschismus und Nationalsozialismus ästhetisch attrahierter Menschen gibt,
- die Demokratie als Lebens-, Staats- und Regierungsform auf spezifische Art und Weise herausfordernd, anstrengend, belastend und überfordernd ist,
- wie alle Lebens-, Staats- und Regierungsformen famos in ihrer ewigen Existenz gefährdet ist,
- die Bildung und Erziehung nicht nur der Schule in der Regel nicht das Bildungsmaximum erreicht und
- man froh sein darf, wenn wenigstens das Bildungsminimum nicht von mehr als 20 Prozent des gesellschaftlichen Nachwuchses und der Erwachsenen dauerhaft unterboten wird.
Noch konkreter: In der Mitte-Studie für den Zeitraum 2020/21 stimmen circa 88 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass in einer Demokratie die Würde und Gleichheit der Menschen an erster Stelle stehen sollte. Fast 73 Prozent sagen, dass sie ein überzeugter Demokrat sind, weniger als 10 Prozent glauben das nicht. Über zwei Drittel der Befragten befürworten das Konzept einer liberalen, pluralen und lebendigen Demokratie, die sich explizit gegen jedwede Variante Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit richtet und ihre Pädagogik (Bildung und Erziehung) entsprechend aufstellt.[6] Andererseits wird gleichzeitig zum Vorschein gebracht, dass ein relevanter Teil der Befragten rechtspopulistische Einstellungen hat, die durch illiberale und antipluralistische Überzeugungen charakterisiert sind, die im Zusammenhang mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Rassismus und Antisemitismus stehen.[7] Als klar populistisch werden 25 Prozent und als in der Tendenz populistisch fast 42 Prozent der Befragten gewertet.[8] Allerdings gehen diese Zahlen auch bei den rechtsextrem Eingestellten zurück.[9]
X. Lebendige Demokratie ist kein Schlaraffenland
In der Form einer nietzscheanischen Kritik der Demokratie und ihrer nicht-affirmativen, freiheitlich-demokratischen Kultur bundesdeutscher Bauart in modo Theodor W. Adorno,[10] die sowohl ihr Wahres, Schönes und Gutes als auch ihr Falsches, Hässliches und Böses routiniert-habitualisiert notiert, diskutiert, verbreitet, bedenkt und reflektiert, ist mit der anteilnehmenden Nüchternheit der philosophierenden Wissenschaftlichen Pädagogik zu vermerken: Die „demokratische Erziehung der emanzipierten Subjekte“[11], sprich, unsere altdeutsch: (Politische) Bildung und Erziehung beziehungsweise neudeutsch: Demokratiebildung wird trotz ihrer auffälligen Entwicklungspotenziale von der Schulpädagogik immerhin: ganz schön ordentlich vollzogen, umgesetzt und entwickelt. Man sollte sich von den vielen Reden, die die Krise der Demokratie oder das Erreichen der Postdemokratie zum Gegenstand haben, nicht verunsichern lassen. Besser ist aufzupassen, dass sie nicht zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Sie gehören insoweit mit zur Demokratie, als sie die Lebensform ist, die in ihrer Staatsform das Misstrauen respektive den methodischen Zweifel gegen sich selbst und die von ihr auf den Weg gebrachte Regierungsform institutionalisiert hat. Mittlerweile können sogar außerdeutsche Gerichte angerufen werden, wenn es auf dem rein deutschen Rechtsweg nicht zu einem Ergebnis gekommen ist, dass man in seinem ‚Kuhdorf‘ als rechtens, moralisch und ethisch wertvoll oder freiheitlich-demokratisch akzeptieren will.
Deswegen macht man es sich zu einfach, wenn die Konflikte als Konflikte über die freiheitlich-demokratische Lebensform gewertet werden, die sich in der Demokratie an Fragen der richtigen Politik und des guten Lebens entzünden und so polarisierend wie streitlustig und demokratisch lebendig ausgetragen werden. Im Alltag der Menschen ist die intuitive, vorbewusste Verhaltenssteuerung deutlich wichtiger als die bewusste und reflektierte.[12] Folglich ist aufgrund des durchschnittlichen Bildungsniveaus wahrscheinlich, dass eine Sprache gewählt wird, die dem hochgebildeten Sozialwissenschaftler, Philosophen, Intellektuellen oder sonstigem Mitglied der gesellschaftlichen Funktionselite als rechtsextrem und rechtspopulistisch erscheint (deutlich seltener als linksextrem und linkspopulistisch, aber das kann sich schnell wieder ändern), obwohl der Sprecher in seiner geistkörperlichen Leiblichkeit emotional und kognitiv in der freiheitlich-demokratischen Lebensform als engagierter, authentischer und überzeugter Demokrat, guter Mensch, nützlicher Bürger und Menschenfreund fundamental verankert ist.
Wie eingangs am Beispiel des Bundespräsidenten Steinmeier des Frühjahres 2022 anschaulich erläutert: Es fällt auf die Verteidiger der Demokratie selbst zurück, wenn die Kritiker der Demokratie und die Demokratiekritik habitualisiert-paternalistisch als undemokratisch rechts- oder linksextremistisch aus dem politischen Diskurs, der erlaubten Kultur und dem sogenannten Sittengesetz des Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland postulativ ausgeschlossen werden. Die schärfste Kritik der Demokratie, die nietzscheanische, wird gerade von den überzeugten, authentischen und engagierten Demokraten durchgeführt, auch wenn man ihren Namensgeber dieser Gruppe höchstens mit argumentativen Verrenkungen zuordnen kann.[13] Mit der Gefahr, dass solche Kritiken praktisch oder theoretisch über ihr Ziel hinausschießen, muss man nicht nur im Verfassungsschutz, sondern auch in der Demokratiebildung respektive (Politischen) Bildung und Erziehung (der Pädagogik der Demokratie) lernen, professionell-entspannt umzugehen. Deswegen die Demokratiegefährdung zu unterdrücken, die durch „Demokratiegefährdungsdiskurse“[14] verursacht wird: also durch die von ‚Demokratiebildung‘ gemeinhin akzeptierte und geübte: paradoxe soziale Praxis, den Zustand der Demokratie in möglichst düsteren Farben zu zeichnen, um sie zu retten, sei es wegen
- der AfD, die Wiedergängerin der NSDAP Adolf Hitlers,
- des Kapitalismus, der ein Faschismus,
- des „Exterminismus“,[15] der unsere ökologische Apokalypse oder
- des Patriarchats, das alles drei zusammen: und zwar mindestens im Quadrat, wäre,
ist genauso abwegig und unpädagogisch, wie schulgesetzlich zu verbieten, dass im staatlichen Schulwesen gemäß Artikel 7 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland die freiheitlich-demokratische Grundordnung infrage gestellt wird.[16] All dies kommt dem Versuch gleich, das Ertrinken zu verhindern, indem das Schwimmenlernen und die bildsame Fehlerhaftigkeit dieses Prozesse untersagt wird, oder umgekehrt: Das Schwimmen zu unterrichten, indem der Nichtschwimmer ohne Schwimmhilfen in ein Wellenbad geworfen wird, frei nach dem Motto: „Was dich nicht ersäuft, befähigt dich zum authentischen, überzeugten und engagierten Schwimmer!“.
In beiden Varianten unserer Demokratiegefährdungsdiskurse wird eine zivilisatorische Errungenschaft ausgeblendet, auf die man insbesondere in der deutschen Gesellschaftsgeschichte sehr stolz sein darf: Der Wiedereintritt der antagonistisch-polarisierenden und strikt dualistischen Unterscheidung „demokratisch vs. undemokratisch“ in Verbindung mit „verfassungsgemäß vs. verfassungswidrig“ ist „auch als paradoxe Folge der alternativlosen Durchsetzung der Demokratie zu verstehen“.[17] Das heißt: Die (Politische) Bildung und Erziehung der wohlverstandenen Pädagogik der Demokratie muss als aufgeklärter Mythos Demokratiebildung den vernünftigen, klugen und emotional verkörperten kognitiven Umgang mit der berechtigten Frage lehren, inwieweit diese und jene Position mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung kompatibel ist. Im Wissen darum, wie schwer es ist, das Bundesverfassungsgericht davon zu überzeugen, dass ein Verbot der AfD trotz allem, was der Verfassungsschutz und die Vereine, Bündnisse und Institutionen der Zivilgesellschaft zusammengetragen haben,[18] tatsächlich im Sinne des Grundgesetzes ist, sollte es als freiheitlich-demokratische Tugend angesehen werden, solche Fragen mit Zurückhaltung und nicht – wie gegenwärtig auch in privilegiert gebildeten Kreisen nicht unüblich – mit Schaum vor dem Mund zu beantworten. Die bloße Forderung, dass dieses und jenes am Grundgesetz geändert werden sollte, ist so wenig verfassungswidrig und undemokratisch wie politische Aussagen, die auch auf dem zweiten und dritten Blick einzelnen Artikeln des Grundgesetzes oder den paradigmatischen Beiträgen zur Theorie der modernen Demokratie widersprechen.
Zum einen weiß man nie, in welche gesetzliche Form eine solche Forderung überführt wird. Zum anderen besteht immer die prinzipielle Möglichkeit, das Grundgesetz so zu ändern, dass es mit dem politischen Programm übereinstimmt, das man vertritt und welches aktuell als verfassungswidrig und undemokratisch wahrgenommen oder gebrandmarkt wird.
Die lebendige Demokratie (weltweit) ist kein Schlaraffenland oder das Paradies auf Erden, sondern der harte Kampf und das beharrliche Ringen um die bestmögliche Interpretation des Guten, Schönen und Wahren angesichts der häufig überkomplexen Problemlagen, die politisch, sozial, kulturell und individuell zu bewältigen sind und den Eindruck erzeugen, als ob die demokratische Lebens-, Staats- und Regierungsform nicht funktionierte. Die moralphilosophische Einsicht ist zu vermitteln und zu beherzigen, dass Tugend und Glückseligkeit in jeder Gesellschaft ein Spannungsverhältnis konstituieren, mit dem man als vernünftige Freiheit, authentischer Demokrat, guter Mensch und nützlicher Bürger, egal, welche Bildung und Erziehung einen in concreto auszeichnet, klarzukommen hat. Dasselbe gilt für die politikwissenschaftliche Erkenntnis, dass
- „das bekannte Spannungsverhältnis zwischen Liberalismus und Volkssouveränität“[19],
- „‘Demokratur‘ … auf der einen versus postpolitische Juristokratie auf der anderen Seite“[20] oder
- individuelle Freiheit und gesellschaftliche Demokratie
beim besten Willen so wenig zu eskamotieren ist wie das anthropologische Spannungsverhältnis zwischen dem einzelnen Menschen und seiner Gesellschaft der vielen Menschen. Auch kann keine Demokratiebildung oder (Politische) Erziehung und Bildung der Pädagogik der Demokratie etwas daran ändern, dass sowohl das „Argument, eine ‚illiberale Demokratie‘ … sei überhaupt keine Demokratie“,[21] als auch „das Argument, dass der Liberalismus in vielen seiner heutigen Ausprägungen undemokratisch geworden ist“[22], gleichermaßen überzeugend sind.[23]
Die konkrete Interpretation des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und die ausdrückliche Herstellung sowie Erfindung und Entdeckung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist das Ergebnis einer gemeinsamen Beratschlagung freier und gleicher Personen, die unvermeidlich leidenschaftlichen, polarisierenden, streitbaren und oft unfairen Charakter hat. Es treffen famos unterschiedliche Interessen, Werte und Normen grandios aufeinander, die in den individuellen sozialen und kulturellen Naturen und ihren vielfältigen gesellschaftlichen Lagen, Bildungen, Erziehungen und Biografien verwurzelt sind. Häufig bleibt nichts anders übrig, als sich auf fehlende Übereinstimmung zu einigen und die Tugend der Toleranz zu üben, weil Akzeptanz nicht möglich ist.[24] Die herausfordernde Konsequenz ist: Vom Glücks-, Autonomie- und Gerechtigkeitsversprechen, das sich mit der freiheitlich-demokratischen Lebens-, Staats- und Regierungsform wie von selbst verbindet, bleibt häufig nicht mehr übrig – falls überhaupt – als die Freude darüber: Man hat als Kultur und Individuum gelernt, sich nicht wechselseitig Gewalt anzutun, wenn man meint, sich im schier aussichtslosen Streit mit seinen mittelbaren wie unmittelbaren Mitmenschen, Freunden, Bekannten, Feinden und Konkurrenten zu befinden. Doch weltweit werden wir gerade deswegen für unsere (Politische) Politische Bildung und Erziehung, Demokratiebildung und freiheitlich-demokratische Lebens-, Staats- und Regierungsform beneidet!
XI. Schule ist Pädagogik, nicht Politik, Polizei oder Justiz
Es sollte nicht vorschnell als undemokratisch, verfassungsfeindlich, faschistoid, bösartig, verfassungswidrig oder antidemokratisch gewertet und beschimpft werden, wenn die Frage gestellt wird, ob die sogenannte Demokratiebildung für unsere Schulen ein guter Maßstab ist, um ihre Ziele, Mittel, Prozesse, Strukturen und Leistungen zu beurteilen, und demokratisch die Kerneigenschaft unser Schulen zu sein hat. Solche Frage-, Problem- und Zielstellungen zu verfolgen, ist zum einen die gewöhnliche, notwendige und fruchtbare Praxis nicht allein der Wissenschaftlichen Pädagogik (Erziehungs- und Bildungswissenschaften), sondern auch der Bildungswissenschaften (Psychologie, Soziologie, Philosophie, Neurowissenschaften) im Allgemeinen.
Zum anderen gehört es zu den unvermeidbaren Entwicklungsaufgaben des mehr oder weniger stark krisenhaften modernen Jugendalters, das ungefähr mit dem vierzehnten Lebensjahr beginnt und um das fünfundzwanzigste Lebensjahr herum endet, sich ernsthaft zu fragen, ob man wirklich so werden oder sein will und muss: Wie die Eltern und die hegemoniale Kultur der Erwachsenenwelt. Die Kehrseite dieser kreativ-erneuernden Entwicklungsaufgabe ist, dass notorisch über das Ziel hinausgeschossen wird. Deshalb ist man gut beraten, sich an das eingangs im Teil I eingeführte (sozial)pädagogische Prinzip zu halten, das inmitten der modernen, auf Freiheit, Subjektivität, Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Menschenwürde fokussierten intellektuellen Welt am Ausgang des 18. Jahrhunderts seine ersten Ausformulierungen erfahren hat: Wir interessieren uns nicht für die Schwierigkeiten, die die Menschen machen, sondern für die, die ihnen von Kultur, Gesellschaft, Kultur und Natur gemacht werden. Dies gilt selbst dann, wenn man in Zeiten lebt, in denen rechtspopulistische und rechtsextremistische Kräfte Aufwind haben und man zumindest unbewusst geneigt ist, deren antidemokratisches, verfassungsfeindliches Ressentiment und Potenzial in den Artikulationen der Schüler wiederzuerkennen, um es dort zu bestrafen. Denn die Schüler sind als das neue Leben in der alten Welt weitestgehend unschuldig und schwach strafmündig. Deswegen werden sie vom Jugendstrafrecht sowie dem Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfe) besonders beschützt, gestützt und versorgt. Schließlich hat niemand sie gefragt, ob sie überhaupt in diese Welt hineinwollen und ihre Eltern und die ältere Generation irgendwie sympathisch finden.
Die Schule ist zuvörderst Pädagogik, nicht Politik, Polizei und Justiz. Daher muss man mit den Irrwegen in der schwerpunktmäßigen Form der bildenden Unterrichtung einfühlsam-unterstützend umgehen, die man in Wahlkampfarenen aggressiv-kämpferisch attackieren darf. Dort gehört zum allgemein anerkannten guten Ton, zu verdrängen, dass man die ungeliebten Gedanken selbst schon einmal ernsthaft bedacht hat oder gar nicht derart schlecht findet, wie es der Hauptstrom des eigenen politischen Lagers oder der hegemoniale Zeitgeist postuliert. Der Wechselwähler ist hierfür das klassische Sinnbild, der Renegat seine Negativfolie. Auch hat die Analyse des Trumpismus zum wiederholten Male darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung zwischen dem politischen Lager der Linken und der Rechten ein nicht-dualistisches Dual ist.
Das bedeutet: Man nimmt in den benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen einen ökonomischen Schaden hin, wenn man sich durch seine Wahlentscheidung Vorteile in kultureller Hinsicht verspricht. Doch sind solche Entscheidungen selten so deutlich, wie es die Idealtypen der Politikwissenschaft und Soziologie zu glauben nahelegen. Manchmal gibt das Charisma des Parteiführers den entscheidenden Anstoß, sich diesmal für links und gegen rechts zu entscheiden. Oder in diesem Wahlkampf ist einem die Kultur wichtiger als die Ökonomie, im nächsten ist es andersherum. Letztlich gibt es keinen modernen Menschen, der prinzipiell eine Abneigung gegen den Progressivismus hätte. Dafür ist dieser zu tief mit der modernen Kultur und ihrer Neomanie und Neuerungssucht verwachsen. Aber manchmal ist es dann doch das kleine Bisschen zu viel, das für die Entscheidung sorgt, sich dem Konservativismus oder sogar den reaktionären Kräften zuzuwenden. Die nächste Wahl kommt bestimmt. Außerdem bietet die freiheitlich-demokratische Lebens-, Staats- und Regierungsform dem Bürger hinreichend viele Möglichkeiten, die bunte Vielfalt seiner Interessen in den Lebenswelten und Systemen seines Alltags zu artikulieren, die auf dem Wahlzettel keinen Platz gefunden haben und keiner Partei unzweideutig zugeordnet werden können. Ein widerspruchsfreies, kohärentes Ganzes kommt dabei nie zum Vorschein. Die individuellen menschlichen Naturen und Kulturen sind hierfür aus gutem Grund zu komplex, dynamisch und beweglich.
Mit anderen Worten: Wenn man mit einem normativ deutlich abgespeckten Begriff der Bildung arbeitet, steht es ziemlich gut um die Bildung des Volkes der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Mit einem solchen Begriff der Bildung kommt man auf die Idee, die allgemeine Verbreitung freiester Wechselwirkung mit der Welt, vernünftige Selbstbestimmung oder Capability (der begründeten Entscheidung für das (richtig) gute, das bessere Leben im ethisch-moralischen Sinn), kurz: Bildung respektive die „Kinder der Freiheit“[25] in der Zweiten Moderne zu sehen: Vorausgesetzt, man fürchtet sich nicht, als Zyniker beobachtet zu werden, weil man bereit ist, das demokratische Selbst als ein dilettantisches Subjekt zu zelebrieren und sowohl diesem als auch dem perfektionistischen Subjekt in der Tradition der ersten Moderne in modo Wilhelm von Humboldts die Bildung zuzugestehen, die die lebendige Demokratie (weltweit) für ihren Fortbestand und ihre stetige Erneuerung benötigt.[26]
Hans-Magnus Enzensberger ist jedenfalls für sein „Mittelmaß und Wahn“[27] gefeiert worden. Natürlich sollte man das Mittelmaß oder gewöhnliche Leben nicht zum Schicksal erheben und zugleich gewarnt sein, wie schnell auch die Exzellenz der Bildung in den politischen Fanatismus faschistischer Vernichtungsgelüste nationalsozialistischer oder stalinistischer Machart übergehen kann. Der Links- und Rechtspopulismus ist das eine Problem. Der Intellektualpopulismus des Liberalismus, der seit dem 19. Jahrhundert zu beobachten ist,[28] ist hingegen nicht weniger gefährlich. Ihm, der heute als libertärer Anarchismus in modo Peter Thiel und Elon Musk besonders augenfällig geworden ist, sind die gesellschaftlichen Steuerungsmedien Macht und Geld in einem Übermaß gewiss, dass er sich besser als Nicht-Populismus zu tarnen und sein undemokratisches und verfassungsfeindliches Wirken mit der brutalen Effizienz seiner Subtilität zu vollziehen vermag. Die vielfach missverstandene Warnung Theodor W. Adornos ist nach wie vor in Geltung: „In ihrer Breite lechzte die deutsche Kultur, gerade wo sie am liberalsten war, nach ihrem Hitler.“[29]
Mit anderen Worten: Des gesellschaftlichen Individuums freieste Wechselwirkung mit der Welt in seiner Welt, vernünftige Selbstbestimmung oder Capability (kurz: Bildung) haben wie alle Begriffe eine propositionalen Gehalt (Bedeutung). Er wird in der gemeinschaftlichen Beratschlagungen der gesellschaftlichen Öffentlichkeit durch strategische und verständigungsorientierte soziale Praktiken, Kämpfe und Verhandlungen, die durch asymmetrische Machtkonstellationen und Durchsetzungschancen gekennzeichnet sind, ausdrücklich hergestellt, erfunden und entdeckt sowie sprachlich gestaltend repräsentiert. Das bedeutet konkret: Die politische Linke, Rechte und Mitte kommen selten dahingehend überein, was Bildung ist und wer sie hat oder nicht hat. Die Pädagogik der Demokratie, die sich als „Theorie der Pädagogik“[30] versucht, kann der Gesellschaft in diesem Prozess insoweit nützlich sein, als sie die Überzeugung begründen und rechtfertigen kann: Auch wenn die deutsche Kultur in der Breite gerade da, wo sie am liberalsten gewesen sei, nach ihrem Hitler gelechzt habe, so hätte dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts daran geändert: Vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal wäre Hitler wie den anderen Funktionseliten des sogenannten Dritten Reiches abgesprochen worden, (Demokratie)Bildung zu haben. Anders ist die Todesstrafe schwerlich zu legitimieren, wenn die Menschenrechte universal in Geltung sind und das Prinzip der Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu beachten ist. Es wird dem Menschen mit der humanistisch begründeten Todesstrafe nämlich abgesprochen, zu haben und erlangen zu können: sei es, weil er es in seinem Leben verloren oder nie gehabt hat, was ihm qua evolutionär ausgebildeter Natur auszeichnet: (Proto-)Bildung. Folglich ergibt keinen Sinn mehr, den schuldig gesprochenen Verbrecher in das Gefängnis zu geben, wo er die Resozialisierung erfahren soll, die ihn als eine pädagogisch legitime Erziehung dabei unterstützt, seine Bildung auf die Art und Weise auszubilden und wiederherzustellen, die unwahrscheinlich macht, dass er ein weiteres Mal in die Rechte anderer eingreifen oder gegen die verfassungsmäßige Ordnung und das Sittengesetz verstoßen wird.
Nächste Woche geht es weiter mit Teil 4 und den finalen Abschnitten XII-XV.
[1] Shell Deutschland Holding (Hrsg. 2019): Jugend 2019. Eine Generation meldet sich zu Wort. Konzeption & Koordination: M. Albert, K. Hurrelmann, G. Quenzel & Kantar. Weinheim und Basel: Beltz, S. 19.
[2] Shell Deutschland Holding (Hrsg. 2024): Jugend 2024. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Konzeption & Koordination: M. Albert, G. Quenzel & Verian. Weinheim und Basel: Beltz, S. 16.
[3] Hoffmann, B. (2026b): Kompliment „Altparteien (Systemparteien)“, in: Texte zur Sache am 27. August 2026. https://texte-zur-sache.de/bildung/kompliment-altparteien-systemparteien/.
[4] Nietzsche, F. (1883/85): Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, in: Kritische Studienausgabe. Band 4. Hrsg. von G. Colli und M. Montinari. 15. Auflage. 2016. München: dtv, S. 149.
[5] Zick, A. / Küpper, B. (Hrsg. 2021): Die geforderte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2020/21. Berlin: Dietz.
[6] A. a. O., S. 48.
[7] A. a. O., S. 70.
[8] A. a. O., S. 57.
[9] A. a. O., S. 71, S. 108.
[10] Adorno, T. W. (1951): Kulturkritik und Gesellschaft, in: Ders. (1977): Kulturkritik und Gesellschaft I. Gesammelte Schriften. Band 10.1. Hrsg. von R. Tiedemann unter Mitwirkung von G. Adorno, S. Buck-Morss und K. Schultz. 6. Auflage 2016. 1. Auflage 2003. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 15.
[11] Hoffmann, B. (2003): Für eine demokratische Erziehung der emanzipierten Subjekte, in: Erwägen Wissen Ethik (ehemals EuS) 14, Heft 3, S. 423 – 426.
[12] Vgl. Dewey, J. (1922): Human Nature and Conduct: An Introduction to Social Psychology. 2002. Mineola, New York: Dover Publications, Inc. Ders. (1925): Erfahrung und Natur. 1. Auflage 1995. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Kuhl, J. / Quirin, M. (2025): Persönlichkeitspsychologie: Motivation, Kognition und Selbststeuerung – Ein integratives Lehrbuch. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 1. Auflage 2010. Göttingen: Hogrefe.
[13] Vgl. Hoffmann, B. (2017b): Zur nietzscheanischen Kritik der Demokratie anlässlich Christian Niemeyers „Nietzsche als Erzieher“, in Aufklärung & Kritik, Zeitschrift für freies Denken und humanistische Psychologie, herausgegeben von der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg 24, Heft 1, S. 184 – 197. Ders. (2019): Nietzsche als Demokrat avant la lettre. Zu den Anfängen der nietzscheanischen Kritik der Demokratie. Vortrag auf dem 30. Internationalen Nietzsche-Kongress am 20. Oktober 2019 in Naumburg (Saale). Unveröffentlichtes Manuskript. Ders. (2023): Auf dem Weg zum Demokratismus? Über: Herfried Münkler: Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch. Berlin: Rowohlt 2021. In: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau 46, Heft 86, S. 23 – 32.
[14] Manow, P. (2020): (Ent-)Demokratisierung der Demokratie. Ein Essay. Berlin: Suhrkamp, S. 124.
[15] Bahro, R. (1990): Logik der Rettung. Wer kann die Apokalypse aufhalten? Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik. Berlin: Union, S. 27.
[16] Vgl. Hoffmann, B. (2026a): Allgemeine Schulpflicht pädagogisch denken, in: Texte zur Sache am 16. September 2026. https://texte-zur-sache.de/…/allgemeine-schulpflicht…/.
[17] Manow, a. a. O., S. 20.
[18] Vgl. AfD-Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte: https://afd-gutachten.de/?fbclid=IwY2xjawUiAfRleHRuA2FlbQIxMQBwZG9mAXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR4lbZWYAXTr4-ZmzBGHJzAu9UL3bPGnF-tmzfsnL5PRtwrBPAwQydJnPkOyOg_aem_XufF7AH08D-zGhdWqDW_kQ. Letzter Zugriff: 30. Juni 2026. Taz-Streitgespräch zwischen Carmen Wegge und Wolfgang Merkel: „Soll die AfD verboten werden?“ https://taz.de/Streitgespraech/!6200784/ Letzter Zugriff: 18. August 2026.
[19] Manow, a. a. O., S. 18.
[20] Ebd.
[21] A. a. O., S. 17 f.
[22] Ebd.
[23] Vgl. auch Comtesse, D. et al. (Hrsg. 2019): Radikale Demokratietheorie. Ein Handbuch. Berlin: Suhrkamp.
[24] Vgl. im originellen Anschluss an John Deweys pragmatistischer Philosophie der Demokratie: Gutmann, A. (1987): Democratic Education. With a new Preface and Epilogue 1999. Princeton, New Jersey: Princeton University. Dies. / Thompson, D. (1996): Democracy and Disagreement. Cambridge/Massachusetts/London/England: The Belknap Press of Harvard University. Dies. / Ders. (2004): Why Deliberative Democracy? Princeton and Oxford: Princeton University.
[25] Beck, U. (1997): Kinder der Freiheit: Wider das Lamento über den Werteverfall, in: Ders. (Hrsg. 1997): Kinder der Freiheit. Edition Zweite Moderne. Hrsg. von U. Beck. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 9 – 31.
[26] Vgl. Reichenbach, R. (2001): Demokratisches Selbst und dilettantisches Subjekt. Demokratische Bildung und Erziehung in der Spätmoderne. Münster: Waxmann.
[27] Enzensberger, H.-M. (1991): Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
[28] Zum „popular liberalism“ vgl. Habermas, J. (1961): Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990. 5. Auflage 1996. Frankfurt am Main. Suhrkamp, S. 15.
[29] Adorno, T. W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 21. Auflage 1993. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 67.
[30] Hoffmann, B. (2024): Theorie der Pädagogik. Eine (zugleich bildungs- und erziehungstheoretische (pädagogische)) Philosophie der Demokratie. Teil I. Grundlegung (der Theorie der Pädagogik). 421 Seiten. Unveröffentlichtes Manuskript: PDF, S. 375 – 422.






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