Autor: Henning Hirsch

  • Binge Watching für Fortgeschrittene. Heute: 121 Episoden „Lost“

    Binge Watching für Fortgeschrittene. Heute: 121 Episoden „Lost“

    „Wo hast du die letzten Wochen gesteckt? Du bist ja noch nicht mal ans Telefon gegangen“, fragt die alte Schulfreundin bei unserem letzten periodisch stattfindenden Kaffee- & Kuchentreffen.
    „Ich hab ne Serie geguckt.“
    „Ne Serie? Was für ne Serie?“
    „Die hieß Lost, diese Serie.“
    „Die, die auf ner einsamen Insel spielt?“
    „Ja.“
    „Aber die ist doch schon uralt, diese Serie.“
    „Stimmt.“
    „Wer schaut denn uralte Serien?“
    „Ich manchmal.“
    „Also, ich kenne niemand, der freiwillig ne uralte Serie anschaut.“
    „Jetzt kennst du 1, der freiwillig ne uralte Serie schaut.“
    „Die war doch am Ende völlig verworren, diese Serie. Ich hab damals zur Hälfte hin aufgehört, mir die anzuschauen und bin zu „2 and a half men“ gewechselt. Das war unterhaltsamer … schreibst du was darüber? Wär ja schade, wenn du wochenlang ne verworrene Serie schaust und dann nix drüber schreibst.“
    „Mal schau‘n.“

    Rasanter Beginn

    Und nun sitze ich 1 Tag nach dem periodischen Kaffee- und Kuchentreffen mit der alten Schulfreundin am Schreibtisch und werde versuchen, was zu Lost zu Papier zu bringen. Fange ich mal damit an, wie ich überhaupt zu dieser Serie gekommen bin: Vor ein paar Wochen las ich eine Rezension des Kolumnistenkollegen Sören Heim, in der er sich überwiegend positiv zu der Inselgeschichte äußerte – mit Schwerpunktsetzung auf dem Lost-Kafka-Vergleich –, was ich zwar recht interessant fand, jedoch für sich alleine genommen hätte es nicht ausgereicht, dass ich mir 121(!!) Folgen dieser Herr-der-Fliegen-Neuauflage reinziehe. Am selben Abend war ich zum Grillen in der Nachbarschaft eingeladen, wo mir ein Kumpel bei Spareribs und Nudelsalat davon erzählte, dass er gerade zum dritten Mal mit seiner absoluten Lieblingsserie begonnen hätte. „Wie heißt die Serie“, fragte ich ihn, „Lost“, antwortete er. Wenn das kein Zufall ist, dachte ich. Und da ich von ihm weiß, dass er einen ähnlichen Filmgeschmack wie ich hat, vertraute ich dem Doppelurteil von Sören Heim und meinem Kumpel und schaute mir zurück zu Hause direkt die beiden ersten Folgen an  Und ich wurde nicht enttäuscht.

    Die erste Episode startet furios mit dem in 3 Teile zerberstenden Flugzeug und der Panik der 324 Passagiere. Knapp 50 überleben und richten sich notdürftig auf einem Strand einer in den unendlichen Wasserweiten des Südpazifiks gelegenen Insel ein. Zahlreiche Verletzte und noch mehr Tote liegen überall herum, müssen geborgen und provisorisch versorgt werden. Man lernt die späteren Protagonisten kennen: den Wirbelsäulen-Chirurg Jack, die wegen Mordes gesuchte Kate, den Trickbetrüger James, den vom Leben frustrierten John, das koreanische Ehepaar Sun & Jin, den unglücklichen Lotto-Millionär Hurley, den irakischen Verhörspezialisten Sayid, den drogensüchtigen Musiker Charlie und die hochschwangere Claire. Die Szenerie ist geprägt von ganz normalen Robinson-Crusoe-Aktivitäten: Zelte aufbauen, Lebensmittel aus dem Flugzeug rausholen, Trinkwasser suchen, Verletzte behelfsmäßig zusammenflicken und ein großes Feuer entfachen (um den alsbald erwarteten Rettungskräften den Weg zu weisen). Bei aller Niedergeschlagenheit wegen der vielen Toten überwiegt in diesem Augenblick die Hoffnung auf zeitnahe Evakuierung. Noch weiß niemand, dass es auf der Insel nicht mit rechten Dingen zugeht. Es werden bloß zarte Andeutungen gemacht: merkwürdige Geräusche aus dem Dschungel, Wunden, die schnell heilen, ein Lahmer, der plötzlich wieder laufen kann, der Pilot erklärt – kurz bevor er von einer schwarzen Rauchwolke verschluckt wird –, dass die Insel auf keiner Karte verzeichnet ist. Alles in allem ein rasanter Start, der keine Langeweile aufkommen lässt und einen ab Minute 1 in die Handlung hineinzieht. Gäbe es Bewertungen einzig für den Auftakt einer Serie, so kann man hier getrost 10 Punkte vergeben.

    6 Themenkomplexe sind Minimum 2 zu viele für 1 Serie

    Wie man den weiteren Verlauf bewertet (fehlen ja noch 119 Folgen bis zum Finale), hängt dann stark davon ab, was man von einer Geschichte erwartet. In Lost stehen folgende Themenkomplexe im Vordergrund:
    (A) Sich einrichten in ungewohnter Umgebung: Wie organisieren sich Gruppen, wen küren sie zum Anführer?
    (B) Zwischenmenschliches: Wer fühlt sich zu wem hingezogen, Wer gehört dazu, wer ist Außenseiter?
    (C) Background Story: Wer sind die einzelnen Menschen am Strand, warum saßen sie im Flugzeug?
    (D) Kampf gegen reale Gefahr: „The others“ auf der anderen Seite der Insel
    (E) Das stückweise Entdecken der verlassenen Forschungseinrichtungen: Was suchten die Wissenschaftler auf der Insel, und weshalb sind sie alle spurlos verschwunden?
    (F) Das allmähliche Begreifen des Mysteriums (iSv. spüren, dass man sich außerhalb der Gesetzmäßigkeiten der vertrauten Welt befindet).

    Lost ist besonders stark bei (A) und (B): die Figuren überzeugend gezeichnet, die Protagonisten grundverschieden, die Zusammenarbeit gestaltet sich oft schwierig, ständig liegen Streit und Abspaltung von Teilgruppen in der Luft; trotzdem gelingt es den beiden Leadern Jack und John immer wieder, ihre Leute auf das 1 gemeinsame Ziel – die baldige Rettung – einzuschwören. Die Romanzen bleiben ein bisschen blass, etwas mehr Palmenstranderotik hätte der Geschichte nicht geschadet. Warum Jack und Kate, zwischen denen es 70 Episoden lang laut knistert, auf der Insel nicht mal für 1 ONS zusammenfinden, versteht außer dem Drehbuchautor niemand. Vielleicht stand dabei die Vorstellung, dass ein wahrer Held und Anführer keinen Sex mit Schutzbefohlenen haben darf, im Weg. Keine Ahnung. Sobald die beiden das Eiland verlassen haben, holen sie das dort Versäumte in Los Angeles jedenfalls ausgiebig nach.

    Rückblenden: zu hohe Dosierung

    Die Rückblenden (C) sind anfangs okay, da man die Akteure so näher kennenlernt und ihr Handeln besser einsortieren kann. Besonders hervor sticht dabei die Geschichte von Sayid, der als Verhörexperte aka Folterspezialist bei Saddams Republikanischer Garde gedient hatte, bevor er über die Zwischenstationen Kuwait, Paris, London, Sydney auf der namenlosen Insel strandete. Auch die Story von Kate, die ihr Elternhaus abfackelte, während der eigene Vater drin schlief, ist nicht schlecht. Aber: die hohe Dosierung sorgt für Ermüdung. Es sind schlichtweg zu viele Individualerzählungen, die z.T. auch deutlich zu lang gerieten. Weshalb bspw. die Beziehung von Sun und Jin derart breitgetreten wurde, kann ich mir nur mit einem Faible des Showrunners für den südkoreanischen Film erklären. Ob Sun mal außerehelichen Sex hatte und Jin, wenn er deprimiert ist, gemeinsam mit seinem Vater angeln geht, ist mir als Zuschauer einer Tropeninsel-Odyssee völlig wurscht. Diese Sequenzen – und von denen gibt es ne Menge – blähen die Handlung unnötig auf. Was man allerdings nach Rückblick Nr. 50 begreift = alle überlebenden Passagiere waren auf die ein oder andere Weise bereits in ihrem früheren (also: Prä-Insel-) Leben irgendwie verloren (lost). Das trifft für Hurley natürlich mehr zu als für Jack, John war orientierungsloser als Sun, Charlie ein aufgrund Drogenkonsums abgestürzter Ex-Rockstar, Claire will ihr Baby zur Adoption freigeben, weil sie sich überfordert fühlt und James und Kate wissen auch beide nicht so richtig, wohin sie gehören. Ab Staffel 2 fragt man sich deshalb, warum sie überhaupt alle vom Campingplatz wegwollen (Ausnahme = John) und nicht lieber auf der Insel bleiben und dort ein neues Leben beginnen.

    Story überzeugt immer dann, wenn sie sich auf ihren Kernstrang besinnt

    Pfiffig ist die Idee mit den verstreut im Dschungel befindlichen Forschungseinrichtungen. Die – zumeist von John – peu à peu aufgespürt werden. Die sog. Orientierungsfilme, die dort im Regal stehen, vermitteln ein schönes 70-er-Jahre-Feeling. Wo sind die Wissenschaftler (der Dharma-Initiative) abgeblieben, haben sie die Insel verlassen, oder ist ihnen was zugestoßen? Woran forschten sie? Jack, John, James & Kate beim Lösen bzw. Nichtlösen dieser Fragen zu begleiten, ist durchgängig spannend. So wie die Serie immer dann am unterhaltsamsten ist, wenn sie sich auf ihren Kernstrang konzentriert = die lineare Erzählung der Ereignisse auf der Insel.

    Ab Staffel 2 schälen sich endlich die Konturen der Widersacher – eine Gruppe, die der Einfachheit halber als „the others“ bezeichnet wird – heraus: Wissenschaftler (allerdings nicht der Dharma-Initiative), die an merkwürdigen Dingen experimentieren (z.B. Überlebenschancen von Schwangeren auf der Insel testen). Deren Anführer Benjamin/Ben entpuppt sich schnell als blitzgescheiter Kopf, notorischer Lügner und ebenbürtiger Antagonist von Jack & John. Die Folgen, in denen Ben dabei ist, sind die, die den Zuschauer am meisten fesseln: man weiß zu keiner Sekunde, welche neue Wendung die Geschichte unvermittelt nimmt, wird immer wieder überrascht. Staffel 2 ist höchst gelungenes Serien-Entertainment. Es startet ein Katz- und Mausspiel: ich entführe deinen Boss, im Gegenzug kassierst du meine Anführer ein. Im Anschluss machen wir einen Gefangenenaustausch und danach beginnen wir von vorne. Es gibt Tote auf beiden Seiten; allerdings entwickeln sich auch Verständnis und Respekt für die jeweils andere Gruppe, es wird sogar ein bisschen über den Grenzzaun hin und her geflirtet. Diese Scharmützel erinnern an die Kriege zwischen kulturell höher entwickelten Zivilisationen und Nomadenstämmen, bei denen die Erstgenannten auf ihre Technik zurückgreifen können, während die Jäger kampferprobter und leidensfähiger sind. Am Ende (von Staffel 3) gibt es allerdings keinen Sieger, die Angelegenheit geht unentschieden aus. So lange sich auf der Insel nur diese 2 Gruppen gegenüberstehen, ist das durchaus spannend. Stark getragen vom schillernden Charakter Ben, der alle und jeden manipuliert und gegeneinander ausspielt.

    1 Mysterium ist 1 Mysterium, bleibt 1 Mysterium

    Kommen wir nun zum schwierigsten Themenkomplex: dem Mysterium. Dass im Dschungel seltsame Dinge geschehen, wird schon im Verlauf von Staffel 1 klar: Eisbären laufen frei herum, schwarzer, spiralförmiger Rauch (genannt: „das Monster“) quillt plötzlich zwischen den Bäumen hervor und verschlingt Menschen, Schusswunden heilen außergewöhnlich schnell, der querschnittsgelähmte John kann wieder laufen, sporadisch erscheinen Verstorbene und reden mit den Überlebenden, welche Bewandtnis hat es mit der geheimnisvollen Zahlenfolge 4, 8, 15, 16, 23 und 42? Warum kommt nie Rettung, weshalb findet man die Insel auf keiner Landkarte? Beruht das alles auf einer außer Kontrolle geratenen magnetischen Anomalie? Wirken hier urzeitliche Zauberkräfte? Befinden wir uns eventuell in einem Paralleluniversum? Hat vielleicht Gott seine Hand im Spiel? Mir gefiel die Episode, in der suggeriert wird, dass sich der im Lorazepam-Rausch befindliche Hurley das alles bloß zusammenfantasiert, recht gut. Aber, wie wir Lost-Zuschauer alle wissen: Hurley war stocknüchtern und die Insel real. Wie also die Absonderlichkeiten des Dschungels erklären? An dieser Stelle leihe ich mir das in diesem Zusammenhang gebrachte Zitat von Sören Heims Kolumne aus:

    Mysterium = geheimnisvolles, mit dem Verstand nicht ergründbares Geschehen; unergründliches Geheimnis, besonders religiöser Art.

    Hier trennen sich die Erwartungshaltungen derjenigen, denen es reicht, dass eine gute Geschichte erzählt wird von denen, die für alles eine Erklärung benötigen. Der zweiten Fraktion empfehle ich Detektivromane und Wissenschaftsdokus. Die erste kann Lost als das genießen, was es ist = spannende und unterhaltsame Fiktion.

    Würde Lost nach Staffel 3 – bis hierhin hat der Zuschauer immerhin schon 72 Folgen absolviert – stoppen, wär’s ne nahezu perfekte Serie. Und es wäre dabei egal gewesen, ob die Überlebenden gerettet werden (iSv. von der Insel runtergebracht) oder dort bis zum Lebensende verbleiben. Ob die Nicht-Auffindbarkeit des Eilands auf Erdmagnetismus, Zaubersprüchen der Urbewohner oder Gottes Plan beruht, muss niemand wissen. Es hätte gereicht, wenn sich Jack und Kate glücklich in die Arme fallen und Benjamin einen immerwährenden Frieden zwischen den 2 Gruppen verkündet. Wäre das Finale mit Staffel 3 eingeläutet worden, gäb’s für Lost 9 Punkte (1 Punkt Abzug von der Höchstbewertung wg. der teils doch sehr ermüdenden Rückblicke).

    Zweite Halbzeit fällt qualitativ ab

    Allerdings wurden drei weitere Staffeln produziert, die das Seherlebnis schmälern. Diese Fortsetzung um zusätzliche knapp 50 Episoden ist nicht durchgängig schlecht, einige Folgen sind überaus gelungen; jedoch erreicht die zweite Halbzeit nicht mehr das Qualitätsniveau der ersten. Woran liegt dieser Abfall?

    Zum einen wird die Geschichte zu sehr in die Länge gezogen. Der Zuschauer kennt die Figuren, weiß, wie die in bestimmten Situationen reden und handeln, hat auch so langsam vom ständigen Ich-liebe-dich-ich-liebe-dich-nicht-hin-und-her zwischen Kate und Jack genug. Die 25ste Rückblende nach Seoul langweilt. Die zahlreichen Vorgeschichten der nun neu eingeführter Figuren sind nicht zwingend notwendig. Als Konsequenz stellten sich erste Erschöpfungssymptome bei mir ein. Zum anderen werden jetzt neue Themen aufgegriffen, die für die bisherige Handlung vernachlässigbar waren. Auf einmal haben wir es mit dem Zeitparadoxon zu tun. Die Insel befindet sich nicht mehr nur im geografischen Niemandsland, sondern beherbergt gleichzeitig Menschen in unterschiedlichen Zeitabschnitten, von denen einige munter zwischen den Jahrzehnten hin und her springen. Das führt dann dazu, dass der erwachsene Miles (ein neu hinzugekommener Charakter) seinem in etwa gleichaltrigen Dharma-Wissenschaftler-Vater begegnet, der gerade Baby-Miles auf dem Arm schaukelt. David (ein Physiker) wird in die 50-er Jahre zurückkatapultiert und verhindert in letzter Sekunde eine Wasserstoffbombenexplosion. Ein Vierteljahrhundert später wird er an derselben Stelle von seiner Mutter erschossen, der er (in diesem Moment älter als seine Mutter) mit dem finalen Atemzug entgegenseufzt: „Ich bin dein Sohn“. Jack, Sayid und Kate stehen derweil vor der Frage, ob sie den jungen Benjamin töten sollen, bevor der sich zum Superschurken entwickelt. Das altbekannte Zeitreise-Dilemma: Kann man den Verlauf der Geschichte positiv ändern, wenn man den Bösen rechtzeitig vorher aus dem Weg räumt, oder würde die Geschichte dennoch übel ausgehen oder sich evtl. noch schlimmer entwickeln? Lost kann darauf keine befriedigende Antwort liefern. Wie auch? Sonst wär’s ja kein Dilemma.

    Rein vom dramaturgischen Blickwinkel aus betrachtet ist die Zeitspringerei überflüssig (genauso überflüssig wie das Auftauchen ständig neuer feindlicher Gruppen, bei denen man sich immer wieder fragt: wo hatten die sich denn bisher auf der Insel versteckt gehalten? Das Mikro-Atoll weist mitunter eine Bevölkerungsdichte wie Rimini in der Hochsaison auf). Am unterhaltsamsten zu Beginn von Staffel 6, als es zwei zeitgleiche Realitäten gibt: die Überlebenden campierend auf der Insel und im selben Moment als Spiegelbilder im Flugzeug über sie hinweg fliegend. Die 2-Realitäten-Idee prägt dann auch die gesamte letzte Staffel, im 5-Minuten-Takt wird zwischen Jack & Co. im Südpazifik und ihren Alter Egos in Los Angeles hin und her geswitcht. Die nicht abgestürzten Doppelgänger führen ihre normalen Leben zwar fort, laufen sich jedoch auch in Kalifornien ständig über den Weg -> spannende Frage = ist die Romanze von Jack & Kate einzig auf die Insel beschränkt, oder werden die beiden ebenfalls in L.A. zusammenfinden? Bewirkt die nachträgliche Korrektur eines Ereignisses (Flugzeug zerbricht nicht in 3 Teile, sondern landet sicher am Zielort) automatisch eine positive Veränderung für alle Beteiligten? Die Drehbuchautoren entscheiden sich für eine Hybrid-Lösung = einige Protagonisten führen ihr herkömmliches (glückliches) Leben weiter, während andere in Konflikt mit dem Gesetz oder sogar in Lebensgefahr geraten. Allen gemeinsam ist aber, dass sie sich bruchstückhaft an die alternative Realität auf der Insel erinnern. Was für den nicht-relativitätstheorie-geschulten Zuschauer die Frage aufwirft: haben wir es (a) mit 2 gleichberechtigten Realitäten zu tun oder (b) ist das 1 (z.B. die Insel) real und das andere (Los Angeles) Illusion (oder verhält es sich gar umgekehrt)? Oder aber (c) spielt L.A. zeitlich nach der Insel (unwahrscheinlich, weil in L.A. Charaktere gezeigt werden, die aufgrund des Absturzes tot sein müssten). Die „Lösung“, die die Serie in den letzten 10 Minuten der 121sten Episode anbietet, soll hier nicht gespoilert werden, hat mich persönlich aber nicht so richtig überzeugt bzw. empfand ich als schwach.

    Zu viel Erklärung, zu viele Vorgeschichten

    Das größte Manko von Lost liegt jedoch darin, am Ende alles erklären zu wollen. Was es bei einem Mysterium nicht braucht, und was folglich in die Hose geht. Plötzlich sind alle Figuren miteinander verbunden, haben sich vor der Bruchlandung schon mal gesehen oder Besuch von dem sagenumwobenen – aber bisher unsichtbar gebliebenen – Insel-Wächter Jakob erhalten. Mütter, Väter, Onkels und Tanten der Überlebenden arbeiteten bei der Dharma-Initiative, was aber deren Nachkommen anscheinend nie jemand erzählt hatte, andernfalls würden sie nicht 100 Episoden lang derart ahnungslos durch den Dschungel irren. Und die, die keine Verwandten in der 70er-Jahre-Wissenschaftscrew hatten, wurden von Jakob animiert, sich ins Flugzeug zu setzen.

    Dieser Jakob wurde vor LANGER Zeit auf der Insel geboren – die Leute redeten Latein, was für die Südpazifikregion ja eher ungewöhnlich ist, aber vielleicht lag das Eiland damals ja auch im Mittelmeer und wurde mittels Kontinentaldrift Richtung Tahiti verschoben. Wer weiß das schon? – und gemeinsam mit seinem namenlosen Zwillingsbruder von einer Quellnymphe aufgezogen. Die hütet seit Jahrhunderten (-tausenden?) ein geheimnisvolles Licht (wenn das in die falschen Hände gerät, droht das Ende der Menschheit) und sucht, weil langsam müde von dieser monotonen Tätigkeit einen würdigen Erben, dem sie die Wächterfunktion anvertrauen kann. Der eigentlich dafür vorgesehene namenlose Zwilling tötet, als ihm klar wird, dass er den verwunschenen Ort niemals wird verlassen können, im Zorn seine Adoptivmutter. Woraufhin Jakob seinen Bruder umbringt (der sich, statt ins Gras zu beißen, in das schwarze Spiralnebel-Monster verwandelt). Nun leben für Jahrhunderte bloß die beiden ungleichen Zwillinge auf der Insel: der unsterbliche Jakob (als neuer Hüter der Flamme) und sein zwar irgendwie toter, aber immer noch durch den Dschungel geisternder Bruder.

    Als in der frühen Neuzeit die ersten Kolonisatoren an Land gehen, stellen die Brüder erstaunt fest, dass Leben auch außerhalb der Insel existiert. Beide versuchen nun, die Neuankömmlinge für sich zu gewinnen. Allerdings mit unterschiedlichen Zielsetzungen: Jakob würde gerne die Rente einreichen und den Lichthüter-Stab an einen Nachfolger übergeben. Der Spiralnebelmonster-Zwilling hingegen sucht eine Mitfahrgelegenheit, um der Insel-Langeweile zu entfliehen (und eventuell die Welt zu zerstören). Und so werden anfangs Schiffe und später Flugzeuge angelockt, um die möglichen Nachfolge- und Chauffeur-Kandidaten zu testen. Resultat seit 300 Jahren immer dasselbe = nach kurzer Zeit sind alle Kandidaten tot. Bis dann endlich Oceanic-Flug 815 vom Himmel stürzt und sich am Ende von Staffel 6 vier ernstzunehmende Bewerber aus dem anfänglichen 48-Überlebende-Pool herauskristallisieren, von denen 1 in Episode 121 die Wächterfunktion von Jakob übernimmt. Wer das sein wird, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, denn vllt. hat der ein oder andere Leser „Lost“ ja bisher noch nicht gesehen und will nicht alles gespoilert haben. Deshalb stoppe ich jetzt mit der Nacherzählung.

    Am Ende unnötige Trivialisierung der Handlung

    Das Finale ist leider dramaturgischer Quark. Eine – bis zum Ende von Staffel 3 – weitgehend konsistente Handlung wird einerseits mit einem weiteren Themenkomplex (dem Zeitparadoxon) befrachtet und als ob das nicht schon neuer Stoff genug wäre, muss nun auch noch ein xy Jahrhunderte alter Insel-Schutzheiliger aus seiner Höhle heraustreten. Der eine Zauberin als Mutter und einen Mörder als (Zwillings-) Bruder hat. Klingt wie der 100ste Aufguss der Romulus- & Remus-Sage garniert mit einer Prise Calypso aus der Odyssee. Die 48 Überlebenden stiegen nicht zufällig ins selbe Flugzeug, sondern wurden vorher von Jakob handverlesen ausgewählt (okay, nicht alle 48, aber sämtliche Protagonisten). Von den restlichen Akteuren besaßen viele Verwandte, die mit den Dharma-Leuten in den 70-ern auf der Insel waren. Also: Kreuz- und Querverbindungen, wohin man auch schaut. Alles soll am Ende als zwingende Konsequenz 1 auslösenden Ereignisses (der Bruderzwist) erscheinen, alles, was vorher zufällig wirkte, ist nun vorherbestimmt und plausibel. Auch das Mysterium weitgehend von seinen Rätselzwiebelschichten freigelegt: übrig bleibt eine aus grauer Vorzeit stammende Lichtquelle, auf deren Boden sich ein steinerner Propfen befindet. Sobald man den löst, entweicht das Böse aus den Tiefen der D‘‘-Schicht des Erdmantels und zerstört die Insel (evtl. sogar unseren kompletten Planeten). Deshalb muss die Quelle seit Jahrtausenden von 1 Insel-Wächter (alle paar hundert Jahre wird der ausgewechselt) beaufsichtigt werden. Eine banale Fantasy-Erklärung für ein Phänomen, das eigentlich nicht erklärbar ist und deshalb auch gar nicht erklärt zu werden braucht. Die weitgehende, und völlig unnötige, Trivialisierung des Mysteriums stellt den wirklich größten Schwachpunkt der Geschichte dar. Auch mit den letzten 10 Minuten hadere ich, hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Aber zumindest wurde jetzt nach 121 Folgen unwiderruflich der Schlusspunkt gesetzt. Die Story war in der lichtdurchfluteten Kirche mit der Wiederauferstehung von Jacks Vater definitiv ausgereizt. ENDE.

    4 Wochen nächtliches Binge Watching vorüber. Puh!

    Gut, aber definitiv zu lang geraten

    Lost gehört ganz sicher in die Kategorie „gute Serien“. Stünde, wenn die Story nach Staffel 3 gestoppt hätte, auf demselben Level wie Breaking Bad, Ozark und The Wire (die alle mit deutlich weniger Episoden auskommen, um ihre Geschichten zu erzählen). Jedoch erlagen die beiden Show Runner Damon Lindelof und Carlton Cuse dem Irrglauben, dass man eine Handlung beliebig weiter fortspinnen kann, ohne Gefahr zu laufen, dass die Aufblähung zulasten der Qualität geschieht. Ich weiß nicht, ob 6 Staffeln von vornherein geplant waren, oder der Erfolg der ersten 3 die Verlängerung bewirkte. Ist auch egal. Kommerziell betrachtet mag es durchaus vernünftig gewesen sein, immer wieder eine weitere Episode dranzuhängen; die Einschaltquoten so lange melken, bis der letzte treue Zuschauer erschöpft vom Sofa plumpst oder zu ner anderen Serie weiterzappt. Rein dramaturgisch gesehen ist Lost allerdings definitiv zu lang geraten. Speziell Staffel 4 (die Vorbereitung der temporären Rückreise in die „normale“ Welt) mit den ständigen Rückblenden & Flash-forwards empfand ich als sehr zäh. Staffel 5 (der Zeitsprung zur Dharma-Initiative) war wieder unterhaltsamer, und die Idee mit den 2 zeitgleichen Realitäten in Staffel 6 gefiel mir anfangs außerordentlich gut, bis dann die ungleichen Zwillingsbrüder und deren Najade-Adoptivmutter auf der Bühne erschienen. Ab diesem Zeitpunkt gefiel mir Staffel 6 dann nicht mehr so richtig. Habe trotzdem bis zum Finale durchgehalten. Man will ja schon wissen, wie das Märchen am Ende ausgeht.

    Das war VIEL Text. Gebe ich unumwunden zu. Es waren aber auch VIELE Episoden.

    Ich mache eine dreigeteilte Bewertung:
    (A) Auftakt (die ersten beiden Folgen) = 10 Punkte
    (B) Staffeln 1 bis 3 = 9
    (C) alle 6 Staffeln = 7.5.

    Und jetzt trete ich auf jeden Fall in ne Phase einer längeren Serien-Abstinenz ein. 121 Episoden einer Tropeninsel-Survival-of-the-fittest-zzgl.-Monster-und-Lichtquelle-Story am Stück gebingt schlauchen doch mehr, als ich es beim rasanten Beginn geahnt hatte.

    PS. die 6 Staffeln sind komplett bei Disney erhältlich.
    PPS.
    von Damon Lindelof gibt es eine weitere Mystery-Serie = „The Leftovers“. Die ist mit 3 Staffeln u insg. 28 Folgen deutlich schlanker dimensioniert & knackiger geraten. U.v.a. wird das Rätselhafte am Ende nicht erklärt, sondern bleibt geheimnisvoll. Wer genau hinschaut, erkennt hin u wieder eine Anleihe aus Lost.

  • Das übliche Gezeter

    Das übliche Gezeter

    „Du schreibst gar nichts mehr“, sagt die alte Schulfreundin, als wir uns vor ein paar Tagen bei ihr auf 1 Heißgetränk treffen.
    „Was ist das für ein Zeug, das ich hier gerade trinke?“, frage ich.
    „Matcha latte. Klar, dass du das nicht kennst.“
    „Schmeckt ein bisschen wie abgemähte Wiese“, sage ich.
    „Lenk nicht vom Thema ab. Du schreibst schon seit Wochen nichts. Muss ich mir Sorgen machen?“
    „Mir fällt nichts Gescheites ein.“
    „Dann schreib halt über was nicht so Gescheites. Hauptsache, du schreibst was und hängst nicht den ganzen Tag phlegmatisch rum. Im Vergleich zu dir ist ne Schildkröte ein Rennpferd.“
    „Okay, ich überleg mir was. Kann aber dauern.“

    „Wusstest du, dass Jupp jetzt Hartz 4 bekommt?“, fragt die alte Schulfreundin.
    „Der war doch 30 Jahre als Firmenkundenbetreuer bei der Volksbank beschäftigt.“
    „Den haben Sie betriebsbedingt gekündigt und er hat, weil er näher an der 60 als an der 50 ist, kein Jobangebot mehr bekommen. Wegen seinem Alter nicht vermittelbar, hat die Frau vom Arbeitsamt erklärt. Und jetzt muss er mit Hartz 4 über die Runden kommen.“
    „Das heißt seit Jahresbeginn Bürgergeld“, sage ich.
    „Scheißegal, wie das jetzt heißt. Für Jupp ist es ne mittlere Katastrophe … noch 1 Glas Matcha?“
    „Auf gar keinen Fall!“
    +++

    Bürgergeld ist auch nix anderes als Hartz 4

    Seit dem 1. Januar dieses Jahres firmiert Arbeitslosengeld 2 – jahrelang berühmt-berüchtigt als Hartz 4 – unter dem freundlicher klingenden Namen „Bürgergeld“. Von ein paar Kleinigkeiten abgesehen hat sich nichts großartig verändert. So wird das angesparte Vermögen bis zur Höhe von 60.000 Euro in den ersten 2 Jahren des Bezugs nicht angetastet, man kann vorerst in der alten Wohnung bleiben (muss sich also nicht sofort ein Miniapartment suchen), vom evtl. Zuverdienst (aus Mini- & Midijob) dürfen 30 Prozent behalten werden, es gibt kleine Prämien für freiwillige Weiterbildung, und Leistungskürzungen sind in den ersten 6 Monaten nur eingeschränkt möglich. Des Weiteren soll die Kommunikation zwischen Amt (pardon: Jobcenter) und Leistungsempfänger (erneut pardon: Kunde) netter gestaltet werden. Weniger Befehlston, mehr verbale Harmonie.

    Die von Grünen und SPD im Wahlkampf angekündigte große Reform war das ganz sicher nicht, eher ein Reförmchen. Das Bürgergeld ist vom bedingungslosen Grundeinkommen so weit entfernt wie ich vom Pulitzerpreis für die Kolumne des Jahres.

    Was man zum Start des Bürgergeldes immerhin tat, war die Anhebung des Regelsatzes von damals 449 auf 502 Euro (für Alleinstehende). Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser als nichts.

    Nun soll zum kommenden Januar eine weitere Erhöhung erfolgen: auf 563€, was umgerechnet eine 12%-ige Steigerung bedeutet. Unterm Strich nur ein wenig mehr als der im Gesetz verankerte verpflichtende Inflationsausgleich; aber sofort geht das Gezeter der Gegner wieder los. Warum überhaupt noch arbeiten, dann legen sich bald alle Arbeitsscheuen in die soziale Hängematte, die sollen sich um nen Job bemühen, statt uns Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen, was ist mit den Geringverdienern, die am Ende des Monats weniger im Portemonnaie haben als ein Bürgergeld-Bezieher lauten die altbekannten, und bei jedem Inflationsausgleich pawlowartig vorgebrachten, Einwände. Sie werden auch bei ständiger Wiederholung nicht richtiger. Denn: große Sprünge macht niemand mit 563 Euro, und der allergrößte Teil der ALG2-Empfänger wäre heilfroh, wenn er arbeiten könnte, anstatt jeden Tag aufs Neue Bewerbungen zu verschicken, die bei den Adressaten sofort im Papierkorb landen.

    Was der Homo oeconomicus von 563 Euro hält

    Unterstellen wir mal, der Mensch sei ein reiner Nutzenmaximierer, wie wir ihn im Grundkurs Mikroökonomie an der Uni kennengelernt haben. Er sitzt also zu Hause auf seinem leicht verschlissenen Second-Hand-Sofa, vor sich nen Taschenrechner, und kalkuliert: Lohnt es für mich, mit 563 Euro komplett und für immer aus dem Erwerbsleben auszusteigen und ab sofort nur noch auf meinem Second-Hand-Sofa rumzugammeln?

    Ich habe das mal spaßeshalber für mich durchgerechnet: 1500 (besser: 2000) Euro Bares/Monat sind schon gut. Und ich brauch wirklich nicht allzu viel. Allein die letzte Autoreparatur (ja ja, ein böser Verbrenner) hat allerdings zweieinhalb Mille gekostet. Und hin und wieder ein kleiner Skiurlaub (den kalkuliere ich erfahrungsgemäß zwischen 3 u 4k; da sind aber der Skipass u die Brotzeit auf der Piste inklusive) sollte auch drin sein. Dann kaufe ich periodisch nen Schwung Bücher (die ich jedoch nicht alle lese. 50 Prozent verschenke ich unbenutzt weiter) oder rangiere 3 alte Jacketts aus und bestelle spontan 3 neue. Die ganzen Abos für Amazon, Netflix, WOW kommen hinzu, von diversen Privatversicherungen, die man so braucht (vielleicht braucht man sie auch nicht. Egal, ich hab sie trotzdem irgendwann mal abgeschlossen) ganz zu schweigen. Ab und an 1 Date (bei dem nichts rumkommt, ich mach’s trotzdem, um nicht völlig aus der Übung zu geraten), bei dem ich als Boomer die Restaurantrechnung für beide bezahle. Also, wenn ich es mir so richtig überlege: mit weniger als 2 Riesen wird es selbst für nen Minimalisten wie mich schwierig.

    Minimalismus ≠ Armut

    „Herr Hirsch, Skiurlaub, Streaming-Abos, Restaurants – das ist keinesfalls Minimalismus“ oder „Was Sie als Minimalismus betrachten, ist der gehobene bürgerliche Luxus“, halten Sie mir entgegen?

    Unter Minimalismus versteht jeder was anderes, schon klar. Ich benötige jedoch tatsächlich nur wenig materielle Dinge, um glücklich zu sein. Meine Wohnung sieht aus, als ob die Möbelpacker nach 10 Minuten aufgehört haben, Möbel rein zu schleppen und das, was in meinem Kleiderschrank hängt und mir fürs gesamte Jahr reicht, reicht anderen für 1 Woche. Trotzdem würde ich nur ungerne auf Waschmaschine, Spülmaschine und meinen Flachbildschirm-TV verzichten (schaffe die mir aber erst dann wieder neu an, sobald die alten endgültig ihren Geist aufgeben). Ich fahre auch hin wieder gerne weg (im Alter allerdings sehr viel seltener als in der Jugend) und besuche Museen & Kunstausstellungen. Meine jährlichen Restaurantausflüge kann man an den Fingern einer Hand abzählen.

    Denn: Minimalismus ist nicht dasselbe wie Armut. Viele verwechseln das miteinander bzw. glauben, die beiden Worte bedeuten dasselbe. Gemäß dieser irrtümlichen Auffassung müsste ein Minimalist leben wie Diogenes = nackt, auf einer Matratze in einer Mönchszelle hausend (bewohnte Fässer sieht man heute kaum noch), das essen, was andere übrig lassen und statt Dating-Restaurantbesuchen in der Öffentlichkeit onanieren? Falls ja: ganz so weit bin ich noch nicht. Speziell mit der Masturbation coram publico habe ich meine Probleme … PS. lebte Diogenes heute, hätte er selbstverständlich ebenfalls zwei, drei Streamingkanäle im Abo. Ob er Skifahren würde? Wahrscheinlich eher nicht. Griechen – v.a., wenn sie nackt rumlaufen – ist es auf den Pisten erfahrungsgemäß zu kalt.

    Mer muss och jünne künne

    Nachdem wir jetzt den Unterschied zwischen Minimalismus und Armut geklärt haben – zurück zum ursprünglichen Thema: Stimulieren 563 Euro dazu, sich ab sofort auf die faule Haut zu legen, dem geregelten Erwerbsleben für alle Ewigkeit abzuschwören und in Zukunft nur noch auf dem Second-Hand-Sofa vor laut laufendem RTL2-Trash-TV abzuhängen? Eindeutige Antwort = NEIN! Niemand – speziell der Homo oeconomicus nicht – käme auf die blödsinnige Idee, dass ihm 563 Euro Barschaft auf Dauer ausreichen. Damit kann man eine Zeit lang – mehr schlecht als recht – über die Runden kommen; aber das war’s schon. Jeder, der seine 5 Sinne beisammen hat, will deshalb so schnell als möglich raus aus dem Bürgergeld-Bezug.

    Das Geschrei, das jedes Mal ertönt, sobald der Regelsatz moderat erhöht wird, ist nur das Schüren einer künstlichen Neiddebatte zu Lasten der Ärmsten unserer Gesellschaft. Und deshalb vor allem nicht christlich (denn aus den Reihen der C-Parteien hört man ja besonders häufig, dass Bürgergeld zu Faulheit verleitet. Ja ja, die FDP sagt das ebenfalls; aber die FDP trägt kein C im Namen).

    An dieser Stelle wiederhole ich mich (hatte das schon in früheren Kolumnen zu Hartz 4 geschrieben): Was wir in Deutschland dringend benötigen, ist ein kompletter Systemwechsel beim Arbeitslosengeld. Die partout Nicht-Vermittelbaren werden ehrlicherweise in Sozialhilfe und Frühverrentung transferiert. Für den arbeitswilligen Rest muss der Staat den öffentlichen Sektor ausbauen, um diese Menschen dort unterzubringen. Ja ja, ich weiß, dass zu viel staatlicher Sektor (angeblich) ökonomisch nicht gut ist. Ein paar Millionen Dauerarbeitslose (zzgl. deren Millionen Kinder) sind aber gesellschaftspolitisch gesehen auch nicht gut. Wenn ich mich also zwischen 2 nicht allzu guten Möglichkeiten entscheiden muss, dann nehme ich die, die gesellschaftspolitisch die bessere darstellt.

    Es ist und bleibt ein deprimierendes Thema, da nur wenigen der Ausstieg aus Hartz 4 (pardon: dem Bürgergeld) gelingt, und wir diejenigen, die ohne Schuld dauerhaft darin gefangen sind, als Arbeitsscheue und Kostgänger stigmatisieren. Wer Arbeitslosen deren Regelsatz nicht gönnt, sollte mal testen, wie weit er mit 563 Euro kommt – ich verrate es Ihnen = nicht weit. Gepriesen sei der, der das alte Kölner Sprichwort kennt: „Mer muss och jünne künne“ (man muss auch gönnen können).

  • Wer hat Angst vorm Älterwerden?

    Wer hat Angst vorm Älterwerden?

    Seit einiger Zeit fragt mich DIE ZEIT in Facebook täglich Haben Sie Angst vorm Älterwerden? und überschreibt das mit „die große Umfrage“. Als ich den Link gestern endlich anklickte, rieb ich mir verwundert die Augen, denn ich entdeckte genau 3 Fragen:

    (1) Haben Sie Angst vorm Älterwerden?
    (2) Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?
    (3) Was würden Sie im Alter gerne tun?

    Viele Fragen sind das ja nicht bzw. große Umfrage ist eigentlich was anderes, dachte ich und machte mich dann daran, das Ganze nach bestem Wissen zu beantworten. An dieser Stelle will ich, damit der Leser der Kolumne meine Antworten besser einsortieren kann, erwähnen, dass ich vor einigen Wochen meinen 61sten Geburtstag feierte. Wer des Rechnens mächtig ist, kommt bei mir also unschwer auf den März als Geburtsmonat und 1962 als Geburtsjahr. Hohe Zeit der Boomer und Jahr, in dem u.a. die Kubakrise und die Unabhängigkeit Algeriens stattfanden, der Minirock gelangte aufs Cover der Vogue, die Beatles starteten mit „Love me do“ ihre Weltkarriere, Andy Warhol stellte Tomatensuppendosen in Los Angeles aus, während ein paar Blocks entfernt Marilyn Monroe ihren letzten Seufzer tat. Verdammt lang her, sagen Sie? Ja, das ist verdammt lang her.

    Aber nun der Reihe nach zu den o.g. 3 Fragen:

    Haben Sie Angst vorm Älterwerden?

    DIE ZEIT gibt die Antwortmöglichkeiten direkt vor: ja, manchmal, nein, ich weiß nicht. Das ist praktisch denke ich, und dann denke ich, was zur Hölle bedeutet „ich weiß nicht“. Also entweder habe ich Angst oder nicht. Wie kann man/frau denn nicht wissen, ob man (manchmal) Angst hat? Ist das schon ein Hinweis auf frühzeitig einsetzende Verkalkung, die heute anders bezeichnet wird? Wie genau, weiß ich nicht, aber Verkalkung sagt man heute auf jeden Fall nicht mehr. Ist vermutlich politisch unkorrekt u/o zu wenig sensibel, wenn man das sagt. Ich wiederum stelle bei mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, eine galoppierende Tendenz zu zunehmender Vergesslichkeit fest, was ich aber in Blickrichtung auf die dämlichen Kommentare, die unter meinen Kolumnen stehen, mittlerweile als Geschenk ansehe. Ich les die und habe 5 Minuten später schon wieder vergessen, was da an Gemeinheit drinstand, was mir erspart, mich tagelang darüber ärgern zu müssen. Verkalkung – oder wie auch immer man das heute nennt – muss also nicht immer schlecht sein.

    Labern Sie nicht so viel rum, wie lautet Ihre Antwort auf die Frage, unterbrechen Sie mich an dieser Stelle? Danke für den Hinweis, hätte ich beinahe vergessen. Meine Antwort lautet: Ich kann’s eh nicht ändern, also habe ich davor auch keine Angst. Das ständige Älterwerden fuckt mich zwar hin und wieder ordentlich ab – z.B. wenn ich morgens in den Badezimmerspiegel schaue und mich über das Bild erschrecke, das ich da sehe bzw. denke, das kannst unmöglich du sein –; aber das ist nicht dasselbe, wie Angst haben.

    Was macht Ihnen am Älterwerden am meisten Angst?

    Auch hier sind die Antwortmöglichkeiten praktischerweise vorgegeben: Einsamkeit, Ungewissheit, Gesundheitszustand, Finanzielle Situation, Etwas anderes, Gar nichts.

    Streng genommen dürfte, wenn ich bei (1) „keine Angst“ anklicke, Frage (2) gar nicht mehr erscheinen. Aber geschenkt, es ist eine Umfrage in Facebook, da braucht man es mit Meinungsforschungslogik nicht allzu genau zu nehmen. Wenn wir jetzt mal so tun, als hätte ich oben „(ein bisschen) Angst“ angekreuzt, dann würden für mich prozentual zutreffen:

    (a) Einsamkeit: 0 (bin froh, wenn ich meine Ruhe habe)
    (b) Ungewissheit: 0 (wenn 1 nun mal ungewiss ist, dann ist es die Zukunft)
    (c) Gesundheitszustand: 20 (bloß kein langes Siechtum. Möge mich, wenn es irgendwann soweit ist, ein schneller Tod ereilen)
    (d) finanzielle Situation: 20 (meine Hin-und-wieder-Sorge = die Inflation wird die schmale Altersrente auffressen und ich muss, um mich finanziell über Wasser zu halten, bis ans Lebensende Kolumnen, die pro Zeile abgerechnet werden, schreiben).

    Bei „etwas anderes“ könnte ich hinzufügen: ich werde alsbald nicht mehr in der Lage sein, mit all den technischen Neuerungen Schritt zu halten und benötige dann Hilfe beim Bedienen meines, das komplette Leben überwachenden, Handys oder muss den ADAC anrufen, weil ich nicht weiß, wie ich mein selbstfahrendes Auto starte. Und – meine absolute Horrorvision, seitdem ich in den 80ern „Terminator“ gesehen habe – ich sorge mich ab und an davor, dass die Maschinen intelligenter als wir Menschen werden und die Kontrolle übernehmen. Speziell bei meinem Smartphone bin ich mir oft unsicher, wer von uns beiden nun der Schlauere ist, und so Sachen wie Alexa & Co. kommen mir eh nicht ins Haus. Falls irgendwann mal sämtliche technische Expertise bei mir den Bach runtergeht und sie mir deshalb alle Geräte wegnehmen, damit ich keinen Unsinn mehr anstelle, wär’s auch nicht weiter dramatisch. Dann wäre endlich Ruhe mit Facebook und WhatsApp.

    Vor anderen Entwicklungen, vor denen sich manche Boomer sorgen, sorge ich mich nicht. Bspw. die nervige Genderei oder die aus dem Ruder laufende Sensitivität einiger Bevölkerungskreise, die schon Amok laufen, wenn man in einem Text Zigeunersoße schreibt. Ich halte das für temporäre Zeitgeisterscheinungen. Wird sich beides nicht durchsetzen, weil die breite Masse es ablehnt, und deshalb irgendwann totlaufen. Und falls es sich wider Erwarten doch nicht totläuft, werde zumindest ich tot sein, bevor es sich flächendeckend ausbreitet. Hauptsache, auf meinem Grabstein wird nichts gegendert. Alles andere ist mir wurscht.

    Was würden Sie im Alter gerne tun?

    Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten lauten:
     Reisen oder Ausflüge machen
     Studieren oder eine Ausbildung machen
     Kochen, Gartenarbeit oder Handwerk
     Kreativ tätig sein
     Lesen
     Etwas anderes
     Ich weiß nicht.

    Wer unternimmt nicht gerne Reisen und Ausflüge? Bis auf chronische Stubenhocker tut das eigentlich jeder. Wenngleich ich bei mir mit zunehmendem Alter die Tendenz feststelle, dass mich Fernreisen zu exotischen Zielen nicht mehr groß reizen, sondern 10 Tage Lago Maggiore im Sommer, 1 Woche Skifahren im Winter und zwischendurch ein 48-Stunden-Trip nach Amsterdam den Ich-muss-mal-raus-aus-meiner-gewohnten-Umgebung-Zweck genauso gut erfüllen. Studieren oder eine Ausbildung machen, möchte ich ü65 auf gar KEINEN Fall. Kochen, Gartenarbeit und Handwerk sind jetzt alle 3 eher nicht so mein Ding. Bin froh, dass ich ne Mikrowelle und nen Balkon statt Garten habe. „Kreativ tätig sein“ ist ein weites Feld. Ob regelmäßig Kolumnen-tippen da rein fällt, weiß ich nicht. Manchmal träume ich davon, im Alter einen Roman zu Papier zu bringen. Also einen Roman, der auch veröffentlicht wird und nicht nur meiner Selbstbeschäftigung dient. Aber so ein Projekt setzt einerseits ne Geschichte, die es wert ist, auf ein paar hundert Seiten erzählt zu werden und andererseits ne Menge Sitzfleisch voraus. Schau’n wir mal, ob mir dazu im alsbald beginnenden Rentenalter was Gescheites einfällt. Falls nein, dann bleibt mir ja immer noch die oben vorgeschlagene Option „Lesen“. Gibt circa 5000 spannende Bücher, die ich noch nie gelesen habe und weitere 500 Bücher, die ich ein zweites Mal lesen möchte. Ob ich die alle bis zu meiner Grablege schaffen werde, bezweifele ich jedoch.

    Bei „etwas anderes“ könnte ich noch hinzufügen: Die Frau fürs Leben(sende) finden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich die finde, taxiere ich auf unter 10 Prozent -> Singles sterben einsam.

    Resümee

    Die Befragung ist zwar vom Grundsatz her richtig – unsere Bevölkerung vergreist ja immer mehr –, verbleibt aber viel zu sehr im Oberflächlichen. Natürlich haben einige von uns Boomern Angst vorm Älterwerden; jedoch dürfte es sich hierbei nicht um eine generelle „große“ Angst, sondern vielmehr um einen Flickenteppich kleinerer Ängste handeln. Aus meiner Beobachtung heraus stehen folgende 3 Sorgen im Vordergrund:
    (A) ich bin Single -> wie lange werde ich gesundheitlich in der Lage sein, mich um mich selbst zu kümmern?
    (B) sobald ich mich nicht mehr um mich kümmern kann -> wer tut es alternativ bzw. muss ich dann in ein 4-Bettzimmer in ein Altersheim?
    (C) kann ich irgendwann selbstbestimmt auf den Stoppschalter drücken, oder befinde ich mich am Ende hilflos in den Händen von Ärzten, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen?

    Mit 61 lag man im 19ten Jhrd. oft schon 1 (oder 2) Meter tief unter der Erde. Als mein Großvater 1978 seinen 80sten Geburtstag im großen Rahmen feierte, sprach er von einem biblischen Alter, das nicht vielen vergönnt sei. Heute, wo wir alle Minimum 90 werden wollen, jedoch mit 70 kaum noch in der Lage sind, ohne Atemgerät 2 Treppen hochzulaufen und mehr künstliche Gelenke als normale Knochen im Körper haben, stellt sich zudem Frage (D): Wie sollen Gesundheits- und Pflegekosten für die partout nicht sterben wollenden Senioren auf Dauer bezahlt werden? Ich habe da kein gutes Gefühl, wenn ich mir die Form der deutschen Bevölkerungspyramide anschaue. Das wird, vor dem Hintergrund der chronisch wenig Geburten in unserem Land, nicht ewig funktionieren. Glücklich sind diejenigen, die Familien haben, die sich im Alter um sie kümmern werden.

    Ich persönlich schwanke deshalb für meine ü70-Phase zwischen 3 Lösungsmöglichkeiten:
    (1) ich pendele zwischen den Gästezimmern meiner 3 Kinder und kümmere mich im Gegenzug darum, dass die Enkel lesen & schreiben lernen (und sich v.a. sportlich betätigen)
    (2) Einzug in eine Alters-WG mit früheren Schulkumpels (m/w/d)
    (3) ich besorge mir 1 Flasche guten Whisky, lege Musik auf (z.B. was von den alten Genesis; also vor Phil Collins), trinke die Pulle in Ruhe aus und jage mir im Anschluss 1 Kugel durch den Kopf (diese Variante wäre volkswirtschaftlich gesehen die vernünftigste).

    Was ich aber ü70 auf gar KEINEN Fall mehr tun werde = Kolumnen tippen.

    PS. dass es der ZEIT primär darum geht, mich in ein Abo reinzuziehen, habe ich schon verstanden. Ganz so senil, wie einige es nach dem Lesen dieses Textes wahrscheinlich vermuten, bin ich ja mit 61 nun noch nicht.
    PPS. während ich diese Kolumne schrieb, verschwand die Umfrage plötzlich wie von Geisterhand ferngesteuert von meinem Monitor und jetzt finde ich sie leider nicht mehr wieder = die ersten Anzeichen sind also schon da, dass 61-jährige mit der Technik ab und an heillos überfordert sind.
    PPPS. 3 Stunden später ist die Umfrage wieder da, und ich kann weiter oben im Text endlich den Link setzen. Wo auch immer die zwischenzeitlich abgeblieben war. Gut, dass man solche Dinge im Alter gelassener sieht und den Laptop nicht in spontaner Wut voreilig aus dem Fenster schmeißt.

  • Voll cringe!

    Voll cringe!

    Hast du dir am Freitagabend die Böhmermann-Parodie auf Nuhr angesehen, fragt mich die Chefredaktion.
    Ne, da hab ich mir nen koreanischen Serienkiller-Film angeschaut; der war gar nicht schlecht, schreibe ich zurück.
    Macht nichts, gibt’s in der Mediathek.
    Und dann soll ich was drüber schreiben?
    Klar, andernfalls bräuchtest du dir die Sendung ja nicht in der Mediathek anzusehen. Und beeil dich ausnahmsweise mit dem Schreiben. Der Beitrag soll heute Abend raus.
    HEUTE ABEND?
    Ja!
    +++

    Um es vorneweg zu sagen:
    (a) ich schau mir deutsche Comedy recht selten an (weil ich sie, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, überwiegend als langweilig empfinde)
    (b) die Sendung Nuhr im Zweiten habe ich mir nachträglich in der Mediathek angesehen.

    Um 1 Sendung zu beurteilen, reicht es aus, diese 1 Sendung angeschaut zu haben, weshalb (a) im Zusammenhang mit dieser Kolumne unwichtig ist.
    +++

    Was war geschehen?

    Jan Böhmermann nutzt den Freitagabend-Platz im ZDF, um seine Sendung Magazin Royale komplett der Persiflage seines Satire-Kollegen Dieter Nuhr zu widmen. Zusätzlich treten auf (Parodien von): Lisa Eckhart, Luke Mockridge, Abdelkarim Zemhoute* und irgendein Kleinstadt-Komödiant, den ich auf die Schnelle (Text soll heute noch raus!) jedoch nicht recherchiert bekomme. Alles, was die 5 Parodie-Spezialisten in den 30 Minuten von sich geben, beruht auf Originalzitaten der Parodierten. Das Publikum klatscht teils wie wild, bricht in lautes Gelächter aus, Tränen der Freude rinnen manchen über die Wangen. Endlich werden Nuhr & Co. demaskiert!

    [* EDIT: im Nachgang erreichte mich ein Leserbrief, dessen Schreiber darauf hinwies, dass es sich bei der Persiflage nicht um den o.g. Abdelkarim Zemhoute, sondern Özgür Cebe handelt. Die Erwähnung des Erstgenannten gründet auf einem Beitrag des SPIEGELs.]

    Und bei mir, dem Jammer-Boomer-Kolumnisten, welches Gefühl beherrscht mich, während ich mir das „Spektakel“ ansehe? Ich weiß nicht, wie ich es korrekt beschreiben soll. Ist was Diffuses, oszilliert zwischen „lustig ist was anderes“, Fremdscham und „Kollegenschelte finde ich eigentlich Scheiße“.

    Wenn wir die Parodie sezieren – was wir hier nur grob und oberflächlich tun werden, denn bei diesem Text handelt es sich um eine Kolumne und nicht einen Fachaufsatz zum Thema „Welche Faktoren bestimmen den deutschen Humor?“ –, lassen wir uns am besten von meinen oben genannten 3 Gefühlen leiten:

    Lustig ist was anderes

    ICH habe mich in den 30 Minuten nur mäßig unterhalten gefühlt und dachte oft: DIESER Satz reicht aus, um ihn zu persiflieren? Gibt’s da nichts Gravierenderes, was man durch den Kakao ziehen kann? Ist man heutzutage schon parodierenswert, wenn man sich kritisch zum Gendern und zu fluiden Geschlechtsidentitäten äußert? Wenn man die neue feministische Außenpolitik aufs Korn nimmt? Was war an dem türkischstämmigen Comedian derart verkehrt, dass er ne linke Persiflage verdient? Gänzlich schizophren wird das Ganze bei Lisa Eckhart. Die ist ja ein Liebling vieler deutscher Linksliberaler. Warum muss sie dann als Zerrbild einer rechten Kabarettistin herhalten? Weil sie vor einigen Jahren gezielt antisemitische Klischees bediente (was ihr die Linke aber großenteils durchgehen ließ), oder aber weil sie jetzt Witze über Männer reißt, die sich zu Feministen erklären (ein Feld, bei dem die identitätsfixierte Fraktion keinen Spaß versteht)? Man muss kein Jammer-Boomer sein, um hier ein linkes Humor-Dilemma zu erkennen. Über Luke Mockridge und den anderen Komiker lohnt es nicht, mehr als 1 Satz dazu zu schreiben: zu banal, zu platt ist deren Klamauk, als dass er es auch nur ansatzweise wert wäre, ihn mittels einer Parodie zu adeln.

    Voll cringe

    Fremdscham – neudeutsch-denglisch auch Cringe genannt – überkam mich v.a. beim Publikum. Wie kann man darüber bloß so in Wallung geraten, dachte ich. Waren die Leute auf Glücksdroge, kriegten die Geld fürs Applaudieren, war das ne Nordkorea-mäßig orchestrierte Veranstaltung oder reicht dem mitteleuropäischen Zuschauer echt so ne fade Performance, um sich vor Lachen zu schütteln? Um es an dieser Stelle noch schlimmer zu machen: einige der Originalsätze von Nuhr und Eckhart fand ich wirklich ganz witzig, während ich deren Persiflage als typisch deutsch iSv. ernsthaft um Humor bemüht, aber halt trotzdem nicht lustig, einstufte. Aber was versteht ein Jammer-Boomer schon von Humor?

    +++
    Kurzer Einschub an dieser Stelle: ich fand bspw. gestern Abend auf Netflix sehr lustig, als sich Wednesday (ein Mitglied der Addams Familie) dermaßen über die Blödheit ihrer Mitschüler aufregte, dass sie denen beim Schwimmsport Piranhas ins Becken warf, womit sie ein kleines Blutbad anrichtete. Ohne übrigens Rücksicht darauf zu nehmen, ob sich sensible Zuschauer durch das (kleine) Blutbad verletzt fühlen könnten. Da musste ich grinsen (merke: männliche Boomer schmunzeln nicht. Ist ein Verb, das man als Autor nicht nutzen sollte. Und falls man es doch tut, dann tunlichst nur bei Frauen. Einen schmunzelnden Kerl kann niemand erstnehmen. Selbst linksliberale Frauen nehmen einen schmunzelnden Mann nicht Ernst).
    +++

    Kollegenschelte ist Scheiße

    Ja, ist sie. Und natürlich ist eine Parodie nichts anderes als eine Sonderform der Schelte – du ewig gestriger rechter/konservativer Comedian sagst politisch derart unkorrekte Sachen in deiner Show, dass wir guten Linken nicht drumherum kommen, dich auf die Schippe zu nehmen. Kann man natürlich tun – also Kollegen dissen. Ist ja schließlich nicht qua Gesetz verboten. Wenn wir damit mal anfangen – weshalb nicht auch: Fußballreporter Meier wirft Fußballreporter Müller vor, von Fußball keine Ahnung zu haben? Nachrichtensprecherin Schulze beklagt, dass Nachrichtensprecherin Seifert keine schöne Stimme hat, wenn sie die Nachrichten vorliest. 5-Sterne-Koch Großmann berichtet vor laufender Kamera, dass 4-Sterne-Koch Mittelmann deshalb keinen 5ten Stern erhält, weil er zu billige Zutaten in seinen Speisen verwendet. Und, mein aktueller Liebling, Kolumnist B (oder C oder X oder Y. Suchen Sie sich einen Buchstaben aus) erklärt, dass Kolumnist H vom Kolumnenschreiben keinen blassen Schimmer hat etc. etc. Hat was von Rapper-Beef oder Hip-Hop-Battle. Dem Publikum gefällt das. Das Publikum muss aber auch nicht in den Ring. Das begnügt sich mit Voyeurismus, hämischen Zwischenrufen und Daumen rauf/runter. Ich persönlich halte Kollegenschelte für schlechten Stil und lasse davon, auch wenn es mich bei mancher Kolumne manchmal juckt, die juckenden Finger tunlichst weg von der Tastatur und kratze mich stattdessen lieber zwischen den Beinen.

    Um zum Schluss zu kommen – denn mehr als maximal 1000 Wörter ist die jüngste Böhmermann-Sendung nicht wert –: ICH fand’s überwiegend peinlich. Wenn einem humoristisch echt nichts mehr einfällt, als seinen Kollegen an deren Comedian-Beine zu pinkeln – oh weh! Die Skriptschreiber scheinen geistig erschöpft zu sein. In diesem Fall rate ich zu ner mehrmonatigen Auszeit wahlweise auf einer unbewohnten thailändischen Insel oder im australischen Outback, um da in der Abgeschiedenheit wieder zu Kräften u.v.a. auf neue pfiffige Ideen zu kommen.

    Zumal durch die Persiflage ja der Eindruck erweckt wird, es gibt guten (Böhmermann) und bösen (Nuhr) Humor. Was für eine Scheiße ist das denn? Wer bestimmt, was guter Humor ist – das ZDF mit seinem Magazin Royale? Die linksliberale Intelligenz, die schon bei Lisa Eckharts Kokettieren mit antisemitischen Klischees meilenweit daneben lag? Warum dürfen keine Witze über Klimaaktivisten gemacht werden? Weil’s aus dem Blickwinkel der Zeitgeistavantgarde politisch unkorrekt ist? Um Gottes Willen! Ne Menge Jokes sind unkorrekt. Um nicht zu sagen: 90 Prozent des weltweiten Humors lebt von seiner politischen Unkorrektheit. Wer das nicht mag, verabredet sich halt nur noch mit den 10-Prozent-Resthumor-Gleichgesinnten.

    Ich empfinde das, was Jan Böhmermann am vergangenen Freitagabend getan hat, als zutiefst unkollegial, hart an der Grenze, dass ich mir ihn in Zukunft nicht mehr ansehen werde (um jetzt noch ein bisschen Verwirrung am Ende der Kolumne zu stiften: inhaltlich stimme ich weit öfter mit ihm als Dieter Nuhr überein. Aber diese penetrant zur Schau getragene intellektuelle Überheblichkeit geht mir doch stark auf den Sack).

    PS. sollte es sich um ein abgekartetes Spiel zwischen Böhmermann und Nuhr handeln – wie bereits einige Facebook-Eingeweihte hinter vorgehaltener Hand raunen –, um mittels gegenseitigen Persiflierens die Einschaltquoten in die Höhe zu treiben, will ich das Voranstehende natürlich nicht gesagt haben und behaupte in meiner nächsten Kolumne was anderes.

  • Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe

    Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe

    Hast du die Kommentare unter deiner letzten Kolumne gelesen, will die Chefredaktion von mir wissen.
    Ja, habe ich.
    Du musst dich da mehr zügeln.
    ICH muss mich mehr zügeln?
    Das ist zu hart, was du manchen Kommentatoren antwortest.
    Auf einen groben Klotz ein grober Keil oder so ähnlich. Hätte meine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt.
    Mich interessiert nicht, was deine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt hätte. ICH sage: ZÜGELE dich!! Wir sind ein seriöses Medium und beleidigen unsere Leser nicht.
    Gilt das auch für dämliche Leser?
    JA, auch für die gilt das!
    Okay, okay, ich hab’s verstanden.

    Schreib was über Bukowski.
    Warum? Da gibt’s aktuell kein Jubiläum. Also keinen konkreten Anlass.
    Weil von den Kommentatoren ein paar Mal Bukowski unter deiner letzten Kolumne erwähnt wurde. Deshalb.
    Das reicht als Grund?
    Ja, das reicht. Und dieses Mal weniger Schwänze und Titten. Damit hattest du es in deinem letzten Text übertrieben.
    Manchmal echt schwer, es euch Recht zu machen.
    Jammer nicht, sondern setz dich dran. Schaffst du das bis Sonntag?
    Ich versuch’s.

    Titten & Schwänze machen noch keinen Bukowski

    Ich nehm mir also nochmal meine letzte Kolumne vor und überfliege die darunter stehenden Kommentare. Ich entdecke insgesamt 7 Sätze, in denen das Wort Bukowski vorkommt:

     Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski
     Ganz entfernt an Bukowski
     Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann – offen für alles
     Bukowski lässt grüßen
     du tust Bukowski Unrecht
     Bukowski war ein Genie seiner Zeit
     Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.

    Alles ein bisschen richtig, aber alles auch völlig verkehrt.
    Fangen wir der Reihe nach an.

    Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski.
    Bukowski lässt grüßen.

    Wahrscheinlich, weil ich 7x Titten und 9x Schwanz in dem kleinen Text untergebracht habe (ein Kommentator hatte sich die Mühe gemacht, das durchzuzählen). Des Weiteren kam eine Transe drin vor und ich berichtete davon, wie wir – also die Transe und ich – uns nach einer langen Partynacht im Hochsommer 1982 gegenseitig die Schwänze lutschten.

    Ob das schon Bukowski ist?
    Ja und nein.
    Von seinem Schwanz – den er, um nicht immer Schwanz zu sagen, was auf Dauer dann nämlich ermüdend wirkt, abwechselnd auch Ding und Prügel nennt – und Titten berichtet er viel in seinen Stories. So viel, dass mir als Leser mitunter Zweifel kommen, ob er tatsächlich so viele verschiedene Titten zu Gesicht bekommen hat, wie er in seinen Geschichten behauptet. Denn wenn mal eins bei einem Schriftsteller quasi ein Naturgesetz ist, dann die Tatsache, dass er VIELE Stunden ALLEINE am Schreibtisch sitzt und Buchstabe auf Buchstabe in seine Tastatur reinhämmert. Aus den Buchstaben formen sich Worte, die reihen sich zu Sätzen, die häufen sich zu Passagen, bis dann endlich ein Stapel Papier mit ner fertigen Geschichte drin (oder: drauf) sich vor dem Autor türmt. Einen Schreiber erkennt man zum einen an seiner Kurzsichtigkeit und zum anderen an den Schwielen an seinem Hintern. Zwischen all den Worten und Geschichten bleibt echt nicht viel Zeit für ständig neue Titten. Die Quantität der sich in seinem Bett abwechselnden Frauen ist was, das ich bei Bukowski immer schon leicht in Zweifel gezogen habe. Aber vielleicht stimmt’s auch und meine Zweifel sind falsch oder entspringen bloß meinem Neid auf sein ausuferndes Sexleben. Wobei ich, seitdem ich die 50 überschritten habe, ganz froh bin, dass der Sexualtrieb jetzt nicht mehr der stärkste meiner Triebe ist und abgelöst wurde von der Hantelbank im Fittie und Facebook.

    Ne Story mit ner Transe kenne ich übrigens nicht von Bukowski. Wobei ich zugegebenermaßen viele, aber nicht alle, Stories von ihm kenne. Eventuell gibt’s doch eine, die ich auch schon mal gelesen habe. Falls ja, dann hab‘ ich die Bukowski-Transen-Story jedoch wieder vergessen. Ebenfalls das, also das Vergessen, passiert mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, ständig.

    Also: nur, weil in einem Text 9x Schwanz + 7x Titten + 1 Transe vorkommt, ist es noch kein Bukowski.

    Man kann gute Autoren nicht plagiieren

    Ganz entfernt Bukowski.
    Du tust Bukowski Unrecht.
    Bukowski war ein Genie seiner Zeit.
    Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.

    Alle 4 Kommentare sind Binsen, treffen aber zu. Man kann einen Autor nicht plagiieren. Das gelingt vielleicht für die Textlänge von zwei, drei Seiten; aber niemand schafft das ne komplette Geschichte oder gar einen Roman lang. Der Stil eines Autors ist unverwechselbar und macht das Abkupfern unmöglich. Zumindest für die guten Schriftsteller gilt das. Versuchen Sie mal, einen Henry Miller oder einen Raymond Carver zu kopieren. Länger als 1 Seite werden Sie das nicht durchhalten. Und an dieser 1 Seite werden Sie LANGE sitzen und die Experten werden trotzdem merken, dass es sich um eine mittelmäßige Fälschung handelt. Wenn Sie also unbedingt was kopieren wollen, dann kaufen Sie sich ne Fahrkarte nach Paris, setzen sich im Louvre vor die Mona Lisa und malen die ab. Ist einfacher, als den Stil von Bukowski zu imitieren.

    Was man tun kann – sich als Schreiber von seinen Inhalten inspirieren lassen. In Der Mann mit der Ledertasche (im Original: Post Office) – seinem Roman-Erstling – geht’s ja nicht nur um Schwänze, Titten, Geschlechtsverkehr, Jeden-Abend-saufen-bis-die-Lichter-ausgehen und Wetten auf der Pferderennbahn; zusätzlich nimmt die Schilderung des monotonen Arbeitsalltags im Innendienst der US-amerikanischen Post großen Raum in diesem Buch ein. Wenn man den Innendienst der US-Post der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit den heutigen Billiglohn-Jobs im Hartz4-Deutschland vergleicht (z.B. der Arbeit in einem Callcenter), bemerkt man, dass es zahlreiche Parallelen gibt. Aus Pferderennbahn macht man 1-Euro-Wettbüros (Huren, Geschlechtsverkehr und Saufen waren vor 60 Jahren dasselbe wie heute) und schon hat man die Originalstory einzig durch Veränderung der Schauplätze auf den aktuellen Stand gebracht. Und kann diese „neue“ Geschichte in seinen eigenen Worten erzählen = erinnert ganz entfernt an Bukowski.

    +++
    Kurzer Einschub an dieser Stelle zum Kommentar „Bukowski war ein Genie seiner Zeit“. Ohne jetzt lang und breit darüber zu philosophieren, was ein Genie ausmacht (dazu gibt’s mehr Definitionen als Genies in Facebook), fällt auf, dass der Schreiber die Einschränkung „seiner Zeit“ hinterhergeschoben hat. Wäre er also nach den Maßstäben der heutigen, politisch SEHR korrekten, Zeit nicht mehr als Genie zu betrachten? Ist das Wesen eines Genies jedoch nicht u.a. dadurch bestimmt, dass es zeitlos ist? Oder wäre bspw. das renaissancistische (dieses Adjektiv musste ich googlen) Universalgenie Leonardo da Vinci im März 2023 gar kein Genie mehr? Geniestatus also mittlerweile nur noch mit Verfalldatum? Ich hege, was die Vergänglichkeit angeht, große Zweifel und gehöre zur Fraktion „1x Genie, dann auf ewig Genie“. Gehe deshalb sparsam mit diesem Begriff um und sage in Bezug auf Bukowski auch nur, dass er ne verdammt gute Schreibe hatte und ich ihn echt gerne lese. Ob ne verdammt gute Schreibe gleichbedeutend mit Genie ist, mögen diejenigen beurteilen, die sich berufsmäßig mit Genie-Definitionen beschäftigen. Vorgezogenes PS. es ging diesem Kommentator natürlich nur vordergründig darum, Bukowski den Geniestatus zu gewähren (wenn auch limitiert auf seine Zeit), sondern vielmehr, ihn meiner letzten Kolumne abzusprechen. Und auch das ist natürlich eine Binse, denn wenn meine Texte 1 NICHT sind, dann genial. Hin und wieder sind sie ganz vergnüglich – zumindest ich vergnüge mich beim Tippen –, aber das ist von Genie genauso weit entfernt wie mein aktueller körperlicher Zustand von Arnold Schwarzenegger, als der in „Conan, der Barbar“ mitspielte. Ende des kurzen Einschubs.
    +++

    Sind alle Säufer zwangsläufig Arschlöcher?

    Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann – offen für alles.

    Über diesen Satz (ja ja, es sind 2) habe ich länger nachdenken müssen. Obwohl in klaren Worten formuliert, ist mir der dahintersteckende Sinn nicht ganz klar. Es gibt für Satz 1 nämlich 2 Deutungsweisen:

    (a) versoffen & Arschloch gehören zusammen. D.h. jemand, der säuft, mutiert zwangsläufig zum Arsch
    (b) versoffen und Arschloch stehen nur zufällig (bzw. individuell auf seine Person bezogen) nebeneinander, sind aber ansonsten als 2 separate Phänomene zu betrachten. Man kann also – wenn man nicht Bukowski heißt – zwar saufen, ohne ein Arsch zu sein und es gibt zusätzlich noch die Variante des nicht-trinkenden Arschlochs.

    Mal völlig losgelöst davon, dass die obige Behauptung für Bukowski nicht durchgängig zutrifft – in den 80er Jahren wurde er trocken –, wäre sie in Variante (a) zudem Blödsinn. Denn ich kenne ne Menge recht netter Säufer und ich kenne zudem jede Menge nicht-trinkender Arschlöcher. Und glauben Sie mir – wenn ich von 1 Ahnung habe, dann vom Trinken, von Alkoholikern und von Arschlöchern. Die Mehrzahl der Säufer ist friedlich und will ihre Ruhe haben. Zu dieser Gruppe gehörte ganz sicher auch Charles Bukowski. Denn ohne Ruhe hätte er nie seine VIELEN Kurzgeschichten, Gedichte und Romane schreiben können. Er war also hundertpro nicht der Trinker, der ständig auf Krawall gebürstet seine Umwelt schikaniert und Frauen verprügelt. In der Realität wird er ein zurückgezogen lebender, leicht menschenscheuer Mann gewesen sein, der am liebsten vor seiner Schreibmaschine saß und die größte Befriedigung darin empfand, wenn ihm ein neuer Text gut gelungen war.

    Nun kann aber die Typisierung „Arschloch“ von der Kommentatorin auch dahingehend gemeint gewesen sein, dass sie mit den Inhalten seiner Stories nicht d’accord geht. Zu viel Schmuddelsex drin, zu viele obszöne Worte, zu viel Trinkerei, zu viel Gewette auf Pferde. Ein Frauenbild, das zu wünschen übrig lässt plus eine politische Einstellung, die man nicht exakt verorten kann, was vor allem Linke überhaupt nicht mögen. Linke lesen am liebsten linke Autoren. Und wenn sie mal versehentlich nen konservativen Autor lesen und den, weil sie nicht wissen, dass der eigentlich konservativ ist, gut finden, werden sie ihn sofort verleugnen, sobald ihnen einer steckt, dass sie nen konservativen Autor in den Händen gehalten haben. Linke sind da simpel gestrickt (sie selbst würden das als ideologisch-gefestigt bezeichnen), weshalb ihnen in der Konsequenz ne Menge guter Literatur von konservativen Autoren durch die Lappen geht. Als ich in einer Gruppentherapie in der Suchtklinik Andernach, wo ich nach einem vorangegangenen Besäufnis in Koblenz mal wieder zum Entzug gestrandet war, anregte, eine kleine Exkursion zum 500 Meter entfernt liegenden Geburtshaus von Bukowski zu unternehmen, wurde dieser Vorschlag von der Psychologin mit dem Satz „Der ist doch bloß ein Autor von Trivialliteratur“ abgelehnt. Stattdessen machten wir im Anschluss irgendwas mit Speckstein.

    TRIVIALLITERATUR!!

    Was ist das überhaupt? Warum ist Bukowski trivial, Thomas Mann hingegen nicht? Geht’s da um die verwendeten Wörter, die Länge der Sätze, die Leichtigkeit bzw. Mühsal, die man beim Lesen empfindet? Gilt die Formel: anstrengend zu lesen + überwiegend langweiliger Inhalt -> es muss sich um Hochliteratur handeln? Falls dem so sein sollte, dann bevorzuge ICH eindeutig das Triviale. 5 Seiten Thomas Mann hatten auf mich immer schon dieselbe sedierende Wirkung wie 1 Flasche Rotwein. Während ich „Der Mann mit der Ledertasche“ in einem Rutsch durchlesen kann.

    Aber zurück zum versoffenen Arschloch. Denn dieser Einwand ist ja, wenn wir vom unter Alkoholeinfluss prügelnden (was er nicht getan hat) zum aufgrund literweise Bier und Schnaps völlig enthemmt formulierenden Autor weiterziehen, nicht völlig von der Hand zu weisen. Bukowski hat politisch komplett unkorrekt geschrieben. Speziell sein Frauenbild müsste heutigen Feministinnen den Blutdruck in die ungesunde Höhe von 180 zu 120 schnellen lassen, bevor sie sich mit Benzinkanistern bewaffnet in die Büchereien begeben, um dort seine Romane zu verbrennen. Die Frauen kommen echt nicht gut weg in seinen Geschichten: irgendwas ist immer verkehrt an denen. Zu dauerhafter Liebe ist er – zumindest sein Alter Ego Hank Chinaski – nicht fähig. Es reicht für Sex und gemeinsames Trinken, aber nie hat eine Beziehung auch nur die leiseste Aussicht auf länger anhaltenden Erfolg. Alles währt kurz, ständig werden die Partnerinnen gewechselt und am Ende bleibt der Protagonist alleine vor seiner Schreibmaschine zurück. Was dieses deprimierende Bild abmildert, ist die Fähigkeit des Autors zur Selbstironie. Er sucht die Fehler vor allem bei sich und ist zudem in der Lage, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Nichtsdestotrotz treibt einem die schiere Anzahl der Bettgeschichten – ob die nun alle tatsächlich passiert sind oder in weiten Teilen seiner Fantasie entspringen, ist hier nebensächlich – mitunter den Angstschweiß auf die Stirn. Gut, dass AIDS damals kein Thema war, denkt man als in den 60er Jahren geborener Leser, sonst hätte HIV meinen Lieblingsautor höchstwahrscheinlich frühzeitig dahingerafft. Denn von Kondomen und Verhütung hielt er anscheinend nicht allzu viel. Zumindest erwähnt er solche Vorsichtsmaßnahmen so gut wie nie.

    Frauenbild lässt stark zu wünschen übrig

    Wenn sich jetzt noch zusätzlich zum misogynen Frauenbild herumspricht, dass Bukowski in der Jugend Sympathien für den Faschismus äußerte, ihm linksliberale Intellektuelle noch mehr auf den Sack gingen als republikanisch wählende Rednecks und er, wenn er von Schwarzen spricht, oft das böse N-Wort verwendet, würde sich heute kein Verlag mehr finden, der seine Manuskripte 1 zu 1 abdruckt. Ohne STRENGES Lektorat hätte er im politisch hyperkorrekten Literaturbetrieb keine Chance. Dabei leben seine Texte natürlich jenseits des Inhalts (also der erzählten Story) ganz stark von der politisch unkorrekten Sprache. Ob er in seiner Jugend mit dem Faschismus sympathisierte – drauf geschissen. Was er von linksliberalen Intellektuellen hält – wahrscheinlich dasselbe wie ich. Ob er das N-Wort nutzt: muss man nicht tun, er hat’s aber getan. Und hatte an 1 Tag im Post-Innendienst vermutlich mehr freundschaftlichen Kontakt mit Afroamerikanern als der deutsche linksintellektuelle Durchschnittsleser im gesamten Leben. Und sein Frauenbild – oh jeh, das ist schlimmer als meins. V.a. an der Austauschbarkeit, der Beliebigkeit störe ich mich. Kommt einem nicht irgendwann der Gedanke, dass Quantität auf Dauer nicht glücklich macht? Was bringt der 10.000ste Orgasmus mit der 1000sten Frau, wenn man nicht in der Lage ist, 1 davon rauszupicken, von der man sich vorstellen kann, gemeinsam mit ihr alt zu werden? Bzw. ist es dann nicht schlauer, sich seine eigene Beziehungsunfähigkeit einzugestehen und ins Zölibat zurückzuziehen? Wobei wir hier von der fiktiven Figur Hank Chinaski reden. Der reale Charles Bukowski hatte zwei länger anhaltende Partnerschaften. Aber auch beim vordergründig misogynen Hank schimmert oft durch, dass er ein nach Liebe Suchender ist. Er sie jedoch aus diversen Gründen nie findet. Die Ruppigkeit ist vor allem Selbstschutz aus ständiger Sorge vor dem Verlassenwerden – ein Schicksal, das ihn wie eine Self fulfilling prophecy in beinahe schon monoton zu nennender Frequenz alle paar Wochen aufs Neue ereilt.

    Gedichte als Ausweg aus der schriftstellerischen Geschwätzigkeit

    Dass Bukowski ein hervorragender Schriftsteller ist bzw. war – das steht für mich als Boomer fest, seit ich das erste Buch von ihm Anfang der 80-er Jahre in den Händen hielt. Ich hab damals direkt 3 Romane von ihm hintereinander gelesen. Dann stellte sich ein gewisser Sättigungsgrad ein, weil er begann, sich zu wiederholen. Was viele Autoren tun. Man kann ja nicht jeden Tag was völlig Neues aufs Papier zaubern. Aber nach 3 Büchern war mein Bedarf an Schwänzen, Titten, saufen, bis der Rettungswagen kommt, Pferdewetten und Schilderungen des Lebens am Rande der Gesellschaft erst mal gedeckt. In den 90-er Jahren kaufte ich mir ein paar Bände seiner Kurzgeschichten und in den 2000-ern kamen die Gedichte hinzu. Mit den Letztgenannten fremdelte ich anfangs, denn ich dachte: nicht alles, was im Schüttelsatz daherkommt, ist zwangsläufig Poesie. Ein Mitpatient erklärte mir im Raucherzimmer einer Suchtklinik, dass man sich darauf einlassen müsse (eigentlich eine Binse), dann würden einem die Gedichte irgendwann am besten gefallen. Und da man in nem Alkoholentzug außerhalb der täglichen Gruppentherapie vor allem eins hat – nämlich massig Zeit, ließ ich mich 14 Tage lang darauf ein. Und ja, der Mitpatient hatte Recht gehabt: die Schüttelsatz-Gedichte von Bukowski fingen an, mich zu faszinieren. Weil da viel Wahres auf knappem Raum konzentriert war. Jahre später entdeckte ich eine Aussage von Bukowski dazu – die ich, weil ich nicht mehr weiß, wo ich die gefunden habe, hier bloß noch sinngemäß wiedergebe: „Meine Gedichte sind mir von allen Texten die liebsten, weil ich gezwungen bin, mich kurz zu fassen und jede Geschwätzigkeit vermeide.“ Ja, so ist es! Romane sind geschwätzig und Kolumnen sind es sowieso. Die Kurzgeschichte ist ein Hybrid, Bloß das Gedicht schafft es, eine Sache präzise und knapp auf ihren wesentlichen Kern zu reduzieren. Der Gedanke gefiel mir außerordentlich. Seitdem lese ich abends oft Gedichte, schreibe aber selbst so gut wie keine. Ich bin halt ein notorisch geschwätziger Kolumnist.

    Moralischer Spagat der Facebook-Zeitgeistavantgarde

    Was mich oft erstaunt, ist die Wertschätzung, die Bukowski bei der linksliberalen Facebook-Zeitgeistavantgarde erfährt. Er schreibt ja durchgängig so, dass er nicht nur Radikal-Feministinnen die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste. Hätte man vor einigen Jahren 1 seiner Gedichte an die Außenwand der Berliner Uni gehängt (statt die stinklangweilige Frauen-sind-wie-Blumen-Poesie), ohne drunter zu erwähnen, dass es von ihm stammt – die Studenten hätten nicht bloß die sofortige Entfernung gefordert, sondern in einem Aufwasch gleich noch den Rektor und den Hausmeister gelyncht. Dieselben Leute, die im virtuellen Raum Amok laufen, sobald sie da Zigeunerschnitzel und Mohren-Apotheke lesen, drücken bei Hank beide Augen zu, streicheln verträumt über ihren Hoden und sagen dann so Sachen wie: „Bukowski war ein Prophet des anderen Amerika.“ Verstehen Sie das? Ich tu’s nicht. Aber ich bin auch kein linksliberaler Intellektueller.

    Ich kann mir diesen moralischen Spagat nur so erklären, dass die Zeitgeist-Avantgarde ihn zum einen mag, weil er seit knapp 30 Jahren unter der Erde liegt und man zum anderen bei ihm die Vulgarität und das Obszöne als reine Stilmittel ansieht, mit deren Hilfe der Autor einen tieferen Inhalt transportiert. Das stimmt, aber ist trotzdem nur die halbe Wahrheit. Gibt ne Menge Stories von Bukowski, die sind einfach nur vulgär, bar jeder dahinterstehenden Botschaft. Es sei denn, man interpretiert die Depression, die den Protagonisten pünktlich nach jedem Orgasmus überkommt, bereits als bedeutsame tiefenpsychologische Erkenntnis. Ansonsten tut Bukowski das, was jeder gute Schriftsteller am liebsten macht: er hämmert spontan eine Geschichte in die Tastatur, ohne sich vorher großartig Gedanken über darin eventuell zu transportierende Botschaften zu machen und erfreut sich an seiner Fähigkeit, Worte so aneinanderzureihen, dass der Leser sich dadurch unterhalten fühlt. Wenn das trivial ist – von mir aus. Erfrischender als vieles von dem, was die deutsche Schriftstellerzunft hervorbringt, ist es allemal.

    Um ihn richtig zu verstehen, muss man wahrscheinlich selbst Alkoholiker sein. Dann kann man seine chronische Menschenscheu (was nicht dasselbe wie Misanthropie ist), die Unfähigkeit, sich auf längere Beziehungen einzulassen, die ständige Flucht in Bier & Schnaps, das Hinübergleiten in Parallelwelten (bei ihm die Symphonien von Mahler), die Verachtung dem Dasein gegenüber – ohne allerdings Selbstmord als Ausweg zu wählen, weil sich ein letzter Funke Verstand doch beharrlich am Überleben festklammert – aufgrund eigener, ähnlich gelagerter Gefühle gut nachvollziehen. Und während des Rausches wird dem Trinker bewusst, dass all sein Tun eitel und nichtig ist. Wie winzig und irrelevant wir aus dem Blickwinkel des Universums doch sind: Weltraum-Amöben, die niemand vermisst, wenn unser Planet uns eines Tages um die Ohren fliegt.

    Stünde Bukowski morgen aus dem Grab auf und wir legten ihm seine Bücher zur Überarbeitung (z.B. das böse N-Wort ausmerzen) vor, dann würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Verbrennt alles und behaltet bloß 1 Dutzend Gedichte. Der ganze Rest war eitles Geschwätz. Und jetzt entschuldigt mich bitte; ich habe Durst und will mir ordentlich einen hinter die Binde kippen, denn in der Säuferhölle gibt’s leider nichts zu trinken.

    Lassen Sie uns zum Schluss dieser Jammer-Boomer-Kolumne ein paar Sachen festhalten:
     Bukowski ist vom Standpunkt des heutigen Zeitgeistes aus betrachtet völlig unkorrekt
     Seine Leserschaft wird überwiegend männlich sein (altersmäßig möchte ich mich nicht festlegen. Vermutlich mehr Boomer als Generation Z)
     Er ist einer der schärfsten Beobachter der dunklen Seiten des American way of lifes und der dazugehörigen Abgründe der menschlichen Natur, den ich kenne (und damit wir als Deutsche nicht sofort wieder in unseren Reflex „klar, die bösen Amis“ verfallen: es gibt selbstverständlich auch genügend dunkle Seiten unserer eigenen Lebensweise)
     Bukowski gehört zu den Top-5-Autoren des US-Literaturbetriebs des 20sten Jahrhunderts
     Dass er jahrzehntelang zu viel getrunken hat, hat seiner Schaffenskraft nicht groß geschadet. Sein Œuvre ist echt enorm
     Und – um den Bogen zurückzuschlagen zum Ausgangspunkt dieser Kolumne: NIEMAND kann ihn kopieren.

    Ein paar Lesetipps

    Hier der guten Ordnung halber noch seine Romane in chronologischer Reihenfolge (in Klammern dahinter, wie ich sie ranke):
     Post Office/ Der Mann mit der Ledertasche (1)
     Factotum/ Faktotum (5)
     Women/ Das Liebesleben der Hyäne (4)
     Ham on Rye/ Das Schlimmste kommt noch (2)
    Hollywood (6)
     Pulp/ Pulp – ausgeträumt (3)

    Als Einstieg in seine Kurzgeschichten empfehle ich: Fuck Machine (entnommen aus dem größeren Band: Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness). Und wer wissen will, was für Gedichte der alte Mann aus East Hollywood schrieb, dem sei Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang ans Herz gelegt.

    Und nun möchte ich mit diesen 2 Zitaten schließen:

    Neulich Abend habe ich mit einem Freund getrunken, der meinte, oder vielleicht sagte ich es auch selbst: „Es ist schwer, den Geruch der eigenen Kacke nicht zu mögen“. Wir unterhielten uns darüber, wie wir nach getaner Arbeit unsere Haufen betrachten und der Anblick uns mit Stolz erfüllt.
    © Bukowski über Bukowski, in: Held außer Betrieb, Stories und Essays 1946 bis 1992

    Er schaufelte sich Kohle in den Schädel und Diamanten sprühen aus seinen Fingern.
    © Tom Waits (auf dem Buchdeckel von: Held außer Betrieb)

    +++

    Charles Bukowski
    * 16. August 1920 als Heinrich Karl Bukowski in Andernach; † 9. März 1994 in San Pedro, Los Angeles.

    C.B. wuchs während der Wirtschaftskrise in Los Angeles auf. Schon als Kind ein Außenseiter, fand er früh Halt bei Literatur und Alkohol. Unzählige schlecht bezahlte Jobs und ein Leben in billigen Absteigen, erste Short Story mit 24, lebensgefährliche Magenblutung mit 35. Erst mit 50 konnte er vom Schreiben leben, wurde auch in Deutschland Kultautor. Seit seinem Tod wird weiter aus dem Nachlass veröffentlicht, eine literarische Gesellschaft, die seinen Namen trägt, gegründet und sein alter Hinterhof zum Kulturerbe erklärt. Heute ist Bukowski ein moderner Klassiker.
    © Kurz-Cv in: Held außer Betrieb

  • Fluide Geschlechterrollen und Identitäts-Gaga

    Fluide Geschlechterrollen und Identitäts-Gaga

    Wir brauchen nen neuen Text von dir, schickt mir der Chefredakteur ne WhatsApp.
    Was für nen neuen Text, ich hab erst vorgestern nen Text eingereicht, schreibe ich zurück.
    Der war langweilig.
    WAS: LANGWEILIG?
    Ja, langweilig.
    Okay, dann war der eben langweilig. Wurde auch nur auf Seite 17 abgedruckt.
    Was ist nun mit deinem neuen Text?
    Bis wann braucht ihr den?
    Heute Abend.
    HEUTE ABEND?
    Ja!!
    Dieses Mal auf Seite 1 platziert?
    Wie immer: Seite 17. Seite 1 ist für die seriösen Sachen.
    Die Sachen, die Heinrich schreibt?
    Zum Beispiel die Sachen, die Heinrich schreibt.
    Und ich muss immer auf die 17?
    Was hast du gegen die 17? Ist ne Zahl wie jede andere auch.
    Die 1 ist besser.
    Du kommst NICHT auf die 1! Verstanden?
    Okay, ich hab’s verstanden.
    Dann setz dich jetzt hin und fang an zu schreiben. Bei deinem lahmen Tempo wird das sonst nichts mehr mit heute Abend. Und bitte nicht so langweilig wie beim letzten Mal. Bring ruhig mehr Titten und Schwänze rein. Davon hast du doch Ahnung. Aber immer dran denken: unsere Abonnenten*innen wollen NICHTS OBSZÖNES lesen.
    Ich überleg mir was.

    Fluide Schwänze & Titten

    Ich lieg derweil im Fittie auf der Hantelbank, starre auf ein paar wohlgeformte Ärsche (m/w/d) und überlege, wie ich den Anfang dieser gottverdammten Kolumne, in die ich nicht-obszöne Titten und Schwänze einbauen soll, formuliere. Da stolpere ich zufällig in meinem Tablet, das ich immer ins Fittie mitschleppe, über einen Warum-die-80er-gerade-so-im-Trend-sind-Text, in dem ich folgenden Satz entdecke: „Junge Leute sind nun und damals in fluiden Geschlechterzuschreibungen unterwegs“, und ich denke: danke, du wunderbarer Warum-die-80er-gerade-so-im-Trend-sind-Text, denn jetzt weiß ich, woran ich die Sache – die mal wieder auf Seite 17 abgedruckt werden wird – aufziehe: fluide Geschlechterzuschreibungen – eine sprachlich herausragende Begrifflichkeit. Der Quecksilber-T-1000 aus Terminator 2 poppt vor meinem geistigen Auge auf und wird dort abgelöst von einer Flaschengeistin, die mir jeden sexuellen Wunsch erfüllt, bevor sie sich in einen Flaschengeist verwandelt, der nun meiner 85-jährigen Nachbarin deren sexuelle Wünsche von den welken Lippen abliest. Fluid, alles fließt, löst sich auf, setzt sich wieder neu zusammen. Aus Schwänzen werden Titten, aus den Titten formen sich Schwänze, die wiederum zu wohlproportionierten Ärschen (m/w/d) im Fittie mutieren. Herrlich! Gut gelaunt wuchte ich noch ein paar Hanteln in die Höhe und gehe dann nach Hause, um mich an die neue Kolumne zu setzen.

    Gute alte Zeit mit 2 Identitäten zzgl. ein paar Sonderfälle

    Als ich das grelle Licht im Kreißsaal einer Bonner Geburtsklinik erblickte – das war 1962, dem Jahr, in dem Christa Speck Playmate of the Year des Playboys wurde –, gab’s exakt 2 Geschlechter: Frauen und Männer. Okay, Zwitter gab’s auch, aber das waren echt wenige, und kaum jemand kannte einen von denen persönlich. Mein Vater nannte die Hermaphroditen. Keine Ahnung, weshalb er das tat. Wahrscheinlich, weil es sich intellektueller als Zwitter anhört. Aber persönlich kannte der auch keinen Hermaphroditen. Falls doch, dann hat er uns zu Hause nichts davon erzählt. Ich wuchs also in den 60er- und 70er-Jahren wohlbehütet in einer 2-Geschlechter-Umgebung – mit gelegentlicher Erwähnung von Zwittern, die jedoch keiner persönlich kannte – auf. Alles klar strukturiert: Jungs spielten Fußball und wollten Astronaut werden, die Mädchen spielten mit Puppen (Anfang der 70er hießen die Barbie und Ken) und träumten davon, Karriere in Hollywood, oder zumindest bei der Bavaria-Film zu machen. Kann man als Angehöriger der Generation Z (oder X oder Y) Scheiße finden, uns hat’s damals aber trotzdem gefallen. Keiner von uns wurde übrigens Astronaut oder Hollywoodstarlet, sondern wir arbeiten in stinklangweiligen Berufen wie Marktforscher, Insolvenzanwalt, Personalberater, Zahnärztin und PR-Expertin oder gar als Kolumnist*in; aber auch das ist okay.

    High Heels und Transen

    Anfang der 80-er lernte ich in einer Disco meine erste Transe kennen. Also ne Transe, die operativ schon was hatte an sich machen lassen. Es gab ja noch die Transen, die bloß Frauenkleider trugen, aber wenn sie die auszogen, klar und deutlich als Männer erkennbar blieben. Wir bezeichneten beide Varianten als Transen, was heutzutage politisch höchst unkorrekt ist, aber damals keinen interessierte. Die zweitgenannte Variante, also diejenigen, die abends gerne Frauenkleider trugen, fand man entweder in Varieté-Shows (da waren sie aus der Sicht des Bürgertums okay) oder etwas abseits gelegen am Rande des Straßenstrichs, wo sie Familienvätern die Schwänze lutschten (was aus der Sicht des Bürgertums eher nicht okay, aber halt auch nicht verboten war. So’n sexueller Grauzonenbereich). Manche verkleideten sich auch an Karneval als Frauen; waren aber in der Regel froh, wenn Karneval wieder vorbei war und sie die unbequemen Frauenkleider in die Truhe mit den anderen Kostümen zurücklegen konnten. Wer jemals als Mann versucht hat, auf High Heels zu balancieren (ich hab das mal Ende der 70-er für EINEN Faschingsabend ausprobiert), weiß, wovon ich rede. Aber hier soll’s jetzt nicht um Männer in Frauenklamotten, sondern um diejenigen gehen, die wirklich ihr Geschlecht wechseln wollen. Und so einen habe ich Anfang der 80-er in einer Kölner Disco kennengelernt.

    Als sich unsere Wege gegen 2 Uhr nachts kreuzten, war ich nicht mehr ganz nüchtern. Es war die hohe Zeit der klebrig-bunten Cocktails, und es war die Zeit vor AIDS, als man noch, ohne vorher viel drüber nachzudenken, spontan miteinander in die Kiste stieg, ohne am Morgen danach panisch zum Urologen zu rennen, um sich dort auf HIV durchchecken zu lassen. Die am häufigsten verbreiteten Geschlechtskrankheiten waren Tripper und Sackflöhe. Beides ärgerlich, wenn es einen erwischte, aber nicht lebensbedrohlich. Er bzw. sie – wir nennen ihn im Folgenden: Deborah – saß plötzlich an der Bar auf dem Hocker neben mir (vor mir mein 5ter klebriger Cocktail) und lächelte mich an. Leicht benebelt von Mai Tai und Batida Kirsch erschien mir Deborah an diesem Abend als die schönste Frau, der ich jemals begegnet war. Sie zog mich auf die Tanzfläche, wir schwoften ein bisschen zu Just an illusion und Nur geträumt, es wurde eng und enger, ich spürte ihre circa 3 Meter lange Zunge tief in meinem Gaumen und in meinen Ohren. Wir landeten dann wieder an der Theke, wo sie mir den Unterleib massierte, während ich meine Nase tief in ihr Dekolleté fallen ließ, denn nach dem siebten Mai Tai war ich doch stark anlehnungsbedürftig.

    Nach 7 Mai Tai in ner fremden Kiste

    Eine Stunde später fand ich mich in einer Wohnung im 12ten Stock einer Kölner Hochhaussiedlung wieder, lag nackt neben Deborah und stellte erstaunt fest, dass sie neben ihren prachtvollen Titten auch einen enormen Schwanz besaß. Ein paar Sekunden ergriff Fluchtinstinkt von mir Besitz, der jedoch kurz danach von Neugier abgelöst wurde. Ich dachte pragmatisch: nun bist du schon mal hier gestrandet, dann mach jetzt auch das Beste aus der Situation. Ohne hier ins Detail gehen zu wollen (das würde mir die Redaktion eh wieder aus dem Text rausstreichen) – es war Sex der etwas anderen Art. Zumindest damals für mich, der ich bisher bloß XX-mit-XY-GV kannte. Nach 7 bunten Cocktails war mit mir in dieser Nacht ohnehin nicht mehr allzu viel los, mehr als 1 Nummer schaffte ich nicht. Am nächsten (späten) Morgen hatte Deborah ein Frühstück vorbereitet, nannte mich ihr kleines Schätzchen und sagte, dass wir 2 ein Traumpaar abgeben. Ich sagte erst mal nichts und trank stumm meinen Kaffee. Wir ließen uns dann gemeinsam ein paar Wochen durchs Kölner Partyleben treiben, lagen nachts in ihrem Bett (ich wohnte noch bei meinen Eltern) und rubbelten und lutschten uns gegenseitig die Schwänze und poppten uns ab und an in unsere – Anfang der 80er noch sehr wohlproportionierten – Ärsche. Deborah war echt schwer verliebt, während ich – Kind konservativer Eltern und Gefangener bürgerlicher Erziehung – meine Gefühle stark runterdimmte. Es durfte nicht sein, was nicht sein konnte (oder umgekehrt). Allein der Gedanke, Deborah irgendwann meiner Familie vorzustellen, ließ mir den Angstschweiß auf die Stirn treten. Nach etwas mehr als 1 Monat beendete ich deshalb die Sache. Deborah weinte und warf mir Worte wie Schuft und Lügner an den Kopf („du Hurensohn“ war damals noch nicht erfunden), ich spürte leichte Gewissensbisse, war aber unterm Strich froh, mit nem halbwegs schlanken Schuh aus der Nummer rausgekommen zu sein, denn eine gemeinsame Zukunft mit einer Transe lag im Hochsommer 1982 weit jenseits meiner Vorstellungskraft, ungefähr so weit entfernt wie der am äußeren Rand der Star-Wars-Galaxis gelegene Planet Tatooine von Köln-Ehrenfeld (der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin). Heute würde ich das vielleicht anders sehen; aber heute treibe ich mich nicht mehr in Kölner Diskotheken rum und lerne folglich keine Transen mehr kennen.

    Heute ist alles beliebig, inkl. der geschlechtlichen Identität

    Warum ich das erzähle?
    Zum einen habe ich damit die Vorgabe der Chefredaktion, Titten & Schwänze im Text unterzubringen, erfüllt. Zum anderen steckte hinter dem, was Deborah mit sich hat machen lassen (Hormonbehandlung, operative Eingriffe, dutzende Beratungsgespräche mit Ärzten, Psychologen und Behördenmitarbeitern) der UNBEDINGTE Wunsch, von einem zum anderen Geschlecht zu wechseln. Was für ein eiserner Wille ist notwendig, um das alles durchzustehen. Dafür hatte Deborah schon damals meine vollste Hochachtung. Ich selber fühlte mich in meinem männlichen – seit ich die 50 überschritten habe, leider galoppierend dahinwelkenden – Body zwar immer ganz gut aufgehoben, kann jedoch nachvollziehen, dass es für einige eine Qual bedeutet, im falschen Körper geboren zu sein und sie deshalb große Anstrengungen unternehmen und sogar bereit sind, Schmerzen zu erdulden, um nach einigen Jahren endlich zur Frau (oder zum Mann) zu werden. Diesen Menschen bezeuge ich allergrößten Respekt.

    Wenig Respekt habe ich hingegen vor der neuzeitlichen Variante der Identitätszuschreibung: dem Fluiden. 60 (SECHZIG!!) Möglichkeiten listet Facebook mittlerweile auf, wenn man beim Geschlecht auf den Knopf „benutzerdefiniert“ drückt. Von A wie androgyn über genderqueer und intergeschlechtlich bis hin zu transfeminin und XY-Frau reicht die Identitäten-Palette. Ganz besonders gut gefällt mir der sogenannte nicht-binäre Zustand:

    Dieser Begriff umfasst eine Sammelbezeichnung für Geschlechtsidentitäten aus dem Transgender-Spektrum, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren und sich als außerhalb der zweigeteilten, binären Geschlechterordnung verstehen.
    © Wikipdia zum Schlagwort nicht-binär

    Na, wenn das nicht super ist. Heute fühle ich mich als Mann, morgen bin ich eine Frau, übermorgen verkleide ich mich als Transe und am Wochenende mutiere ich zum hermaphroditen Alien, der sich selbst befruchtet. Als Angehöriger der Minderheit der Nicht-binären kann ich mein Geschlecht häufiger wechseln als der Hirsch seine Unterhosen. Und für jeden Aggregats- (pardon: Identitäts-) Zustand benötigen wir separate Toiletten und separate Erwähnungen in behördlichen Schreiben. Und Witze dürfen die Nicht-nicht-binären darüber selbstverständlich auch keine reißen. Die würden die sensiblen Fluid-Seelen nur unnötig verletzen. Denn verletzlich bis hin zu 24/7 verletzt sind wir heute alle sowieso. Zumindest der Teil von uns, der auf Achtsamkeit und Anstand hält. Als Jammer-Boomer gehöre ich da natürlich nicht zu, kann aber dafür das schreiben, was Sie zwar manchmal insgeheim denken, sich jedoch nicht zu sagen trauen. Und keine Sorge: ich proklamiere keine Sonderrechte für meine Gruppe und Witze darf man über Jammer-Boomer jederzeit gerne machen.

    Wer unsicher ist, welchem Geschlecht er seelisch angehört (körperlich steht es ja in 99.99% der Fälle seit Geburt fest), der möge die Mühe auf sich nehmen und sich psychologische Unterstützung suchen. Je nachdem, wie groß der Wunsch nach Veränderung tatsächlich ist, müssen dann im Nachgang therapeutische und medizinische Schritte erfolgen. Ist ein langwieriger Vorgang; dauert ein paar Jahre, bis man vom Mann zur Frau (oder umgekehrt) mutiert. Das ganze Procedere erfordert VIEL Kraft. Aber nur so kann man das ernsthaft machen und verlangen, von anderen ernstgenommen zu werden.

    Der ganze Rest mit den aktuell 60 fluiden Identitäten ist hingegen der modernen Beliebigkeit geschuldeter Zeitgeist-Unfug aka virtuelles Facebook-Gaga, dem man als Hetero-Boomer nur mit stillem Kopfschütteln begegnen kann. Oder, wenn Sie keine Angst vor Shitstorms haben – schreiben Sie was drüber. Dann wird aber „du bist halt ein Boomer“ noch das Freundlichste sein, was Ihnen die Facebook-Zeitgeist-Avantgarde erwidern wird.

    PS. Ich hatte mal ein Date mit einer Sapiosexuellen, die nach einer vierstündigen Unterhaltung, die einem mittelschweren IQ-Test glich, meinte, ich sei leider nicht ihr Typ, weil nicht schlau genug. Ich trug’s mit Fassung, weil selbst, wenn ich schlau genug für sie gewesen wäre, hätt’s trotzdem keinen Sex gegeben. Sie wollte es partout ausschließlich platonisch. Aber das ist eine neue Geschichte.

  • Fußnoten eines jammernden Boomers

    Fußnoten eines jammernden Boomers

    Alle paar Jahre wird es Zeit, die Rubrik, unter der man seine Texte veröffentlicht, zu überprüfen, ob die noch zeitgemäß ist. Gestartet bin ich 2017 bei den Kolumnisten mit Bei Hank im Wohnzimmer und berichtete von meinen (leider nur) fiktiven Treffen mit dem König der US-amerikanischen Untergrundliteratur in dessen kleinem Bungalow in East Hollywood, wo wir gemeinsam den illegalen Grenzübertritt der Tochter seiner mexikanischen Haushaltshilfe Conchita planten. Für ihn musste ich zwischendurch immer wieder im Supermarkt Bier und Whiskey besorgen, während ich bei Coke Zero und Kaffee blieb, weil ich 2017 bereits überzeugter Abstinenzler war und mir selbst ein Treffen mit meinem Lieblingsschriftsteller es nicht wert erschien, rückfällig zu werden; was Hank abwechselnd erzürnte, „Trink was mit mir, du elender Hurensohn!“, und ihn beschämte, „Ich wär froh, wenn ich von dem Fusel endlich loskäme“. Im Anschluss schrieb ich ein Dutzend Kolumnen, wie man ans Saufen kommt, was beim Saufen mit einem passiert und – in diesem Zusammenhang am wichtigsten – wie man vom Saufen wieder wegkommt. Dann wechselte ich das Genre und konzentrierte mich auf die Themen, die täglich in Facebook so reinflattern mit Schwerpunktsetzung auf Shitstorms. Ich labelte deshalb den Rubriknamen um und firmierte fortan unter: Aus der digitalen Hölle.

    Aus der Boomer-Not eine Tugend machen

    Vor ein paar Tagen befand ich mich in einer kleinen Diskussion – selbstverständlich in Facebook. Twitter, Instagram, Telegram, Tiktok, und wie die anderen Plattformen noch so heißen, nutze ich nicht. Und im realen Leben gibt’s diese Diskussionen ohnehin nicht. Zumindest nicht mit den Menschen, mit denen ich verkehre – über das spannende Thema „Moralischer Anstand und Achtsamkeit in den sozialen Medien“ und mir wurde bereits nach meinem Kommentar Nummer 2 die Debattenfähigkeit abgesprochen, weil ich als alter weißer Mann (vulgo Boomer) weder über das notwendige Einfühlungsvermögen noch über die geistige Fähigkeit verfüge, um mich in gebührender sittlicher Reife dazu äußern zu dürfen. Und ich dachte spontan: Weshalb aus meiner Boomer-Not keine Tugend und das zu meinem neuen Kolumnisten-Merkmal machen? „Fußnoten eines jammernden Boomers“ klingt zwar nicht ganz so sexy wie das Original „Notes of a dirty old man“, aber mir gefällt mein Plagiat trotzdem recht gut. Zumal wir im prüden Facebook ohnehin nicht allzu dirty schreiben dürfen und ein Plagiat von Bukowski für die zumeist bis hierhin schon gar nicht mehr mitlesende Kundschaft in den sozialen Medien echt ausreicht. Alles andere wäre Perlen vor die Säue werfen. Denn egal, was man schreibt: zu 90 Prozent erntet man dämliche Kommentare dafür. Wobei dämlich eigentlich nicht weiter schlimm ist. Ich schreib ebenfalls oft dämliche Kommentare. Was weitaus schlimmer ist: die überwiegende Anzahl der heutigen Kommentare kommt völlig unlustig daher. Und diese galoppierend zunehmende Humorlosigkeit deprimiert mich manchmal wirklich.

    Neue deutsche Humorlosigkeit

    Nie war ein Zeitalter derart spaßbefreit wie das, was wir heute in Facebook & Co. zu lesen bekommen. Nun war ja der deutschsprachige Raum noch nie bekannt dafür, eine Hochburg des feinsinnigen Humors zu sein. Man war früher über kleine Sachen wie Loriot, Didi Hallervorden und Heinz Erhardt schon froh und wusste als Rheinländer, dass es im Abstand von 52 Wochen immer mal wieder ne ganz lustige Büttenrede zu hören gibt. Aber das halt zu ner Zeit, als Büttenreden noch nicht auf ihre politische Korrektheit hin überprüft wurden. Als man noch nicht jeden Comedian (die damals nicht Comedians genannt wurden und von denen es auch viel weniger als heute gab, wo wir von einer Comedian-Plage heimgesucht werden) dahingehend analysierte, ob er in seinem Vortrag eventuell irgendeiner Minderheit an den Karren gepisst haben könnte. Und von diesen Minderheiten gibt’s ja plötzlich mehr als Stechmücken an der Adria, als ich dort in den 70-er Jahren mit meinen Eltern auf nem Campingplatz in Riccione in Urlaub war. Täglich melden sich neue Minderheiten und fordern als erstes, dass man keine Witze über sie machen darf, bevor sie als zweites eine neue Bezeichnung für sich präsentieren und als drittes Sonderrechte proklamieren. Wer weiterhin die alte Bezeichnung verwendet (egal, ob gedankenlos oder mit voller Absicht) ist bestenfalls ein Boomer – wobei Boomer in diesem Zusammenhang als Synonym für ewiggestrig, hart an der Schwelle zur Demenz, steht –, wenn ihm nicht Sexismus, Misogynie oder gar Rassismus um die Ohren gehauen werden.

    Superschlimm ist oft noch nicht mal mittelschlimm

    Nun kann man natürlich darüber diskutieren, ob etwas mehr moralischer Anstand und Achtsamkeit uns nicht allen gut zu Gesicht ständen. Und mir als Kolumnist ganz besonders. Aber ich geb’s unumwunden zu: mit meinem moralischen Anstand war’s noch nie zum Besten bestellt. Was andere superschlimm finden, kratzt mich häufig wenig und bei näherer Betrachtung entpuppen sich viele angeblich superschlimme Sachen dann doch als maximal mittelschlimm. Und mittelschlimme Sachen gibt’s echt viele auf diesem Planeten, weshalb es nicht lohnt, sich über jede mittelschlimme Sache aufzuregen. Zumindest Boomer sollten das nicht tun, denn ständige Aufregung treibt den Blutdruck nach oben und ist auf Dauer schlecht für die Gesundheit. Die vernünftigere Einstellung ist es deshalb, dass einem viele Sachen, wenn sie einen nichts angehen, egal sein sollten. Wie die Welt ohnehin eine bessere – auf jeden Fall eine weniger aufgeregte – wäre, wenn wir uns primär mit dem beschäftigten, was uns persönlich angeht und vor allem, wovon wir was verstehen. Kolumnisten haben von nix Ahnung und schreiben trotzdem was darüber, wenden Sie jetzt ein? Stimmt, aber deshalb nennen wir unsere Texte ja auch Kolumnen und nicht Fachaufsätze. Und wenn wir nichts mehr schreiben, gäb’s für Sie von heute auf morgen nichts mehr, worüber Sie sich aufregen können. Dann würde Ihnen sicher was fehlen.

    Okay, dass Sie auf moralischem Anstand pfeifen, wissen wir nun, Herr Hirsch, aber was ist mit der Achtsamkeit, wie halten Sie es mit der? Sagen Sie immer ungefragt jedem Ihre Meinung ohne Rücksicht auf dessen Gefühle? Ich kann Sie beruhigen: tue ich nicht. Früher nannte man das Höflichkeit. Und darauf, also höflich mit seinen Mitmenschen umgehen – darauf legten meine Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder großen Wert. Wenn Sie sich also durch eine meiner Kolumnen auf den Schlips getreten oder ins Dekolleté gegrapscht fühlen sollten, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass ich Sie ebenfalls im realen Leben treten oder begrapschen würde. Wobei wir uns im realen Leben ohnehin nie begegnen würden, weil ich als Eigenbrötler eher zurückgezogen lebe und mich mit Menschen, die ständig was von moralischem Anstand und Achtsamkeit faseln, eh nicht treffe. Das heißt: unser Kontakt beschränkt sich aufs rein Virtuelle. Und das ist für beide Seiten das Vernünftigste.

    Kolumnen sind auch nur Fußnoten

    Um zum Ende zu kommen – denn Kolumnen sollten nicht allzu lang sein –, halten wir für heute 2 Dinge fest:
    ▪Noch nie in der langen Geschichte der deutschen Humorlosigkeit ging es bei uns derart humorlos zu wie seit dem Tag, als gefordert wurde, dass all unsere Texte und Reden stets den Ansprüchen von moralischem Anstand und Achtsamkeit genügen müssen (die Kulmination dieser Humorlosigkeit entdeckt man meist in den Kommentaren, die unter den Kolumnen stehen)
    ▪Der Hirsch hat sich einen neuen Namen für seine Rubrik ausgedacht (ja ja, von Bukowski plagiiert): Fußnoten eines jammernden Boomers (Fußnoten deshalb, weil das, was ich schreibe, echt nicht wichtiger ist).

    Das war’s fürs erste.
    Weitere Boomer-Kolumnen in Vorbereitung.

  • Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Heute Nacht wurden die diesjährigen Academy Awards, dem breiten Publikum eher unter ihrem Spitznamen „Oscar“ bekannt, verliehen. Bester Film = die, teils in einem Paralleluniversum spielende, Scifi-Komödie „Everything Everywhere All at Once“. Die Trophäe für den besten internationalen Film erhielt die deutsche (Netflix-) Produktion Im Westen nichts Neues.

    Im Folgenden geht es einzig um den zweitgenannten Streifen.

    Meine Kurz-Rezi vom Januar

    Ich habe die aktuelle Version (die bisher dritte) von „Im Westen nichts Neues“ vor ein paar Wochen zu Hause auf dem Sofa angeschaut. Diesen Post tippte ich im Anschluss in mein Facebook-Profil:

    „Die gute Nachricht: Der Film ist besser als sein schlechter Ruf hier in Facebook. Für eine deutsche Produktion – da erwarte ich eh nie allzu viel – ist er ohnehin okay.

    Zugegebenermaßen ist es nicht so einfach, einen 400-Seiten-Roman auf die Länge von 2 Stunden 20 Minuten zu kondensieren, ohne dass (teils wichtige) Erzählpassagen unter den Tisch fallen. Allerdings fällt in dieser Verfilmung ne Menge Wichtiges unter den Tisch. Nämlich:
    (1) Vorgeschichte 1: die Verführung der Jugendlichen durch hyperpatriotische Lehrer
    (2) Vorgeschichte 2: der Drill auf dem Kasernenhof
    (3) Zwischengeschichte 1: Paul Bäumer auf Heimaturlaub. Unfähig, vom täglichen Horror des Krieges zu erzählen. Nach kurzer Zeit froh, wieder an die Front zu seinen Kameraden zurückzukehren
    (4) Zwischengeschichte 2: Bäumer verwundet für ein paar Wochen im Lazarett.

    Die Netflix-Produktion konzentriert sich zu 95 Prozent auf die Kampfhandlungen im idiotisch-infernalischen Stellungskrieg, bei denen an 1 Tag 50 Meter Geländegewinn erzielt und am darauf folgenden Tag wieder verloren werden. Und so geht es knapp 4 Jahre sinnlos u blutig hin u her. Jetzt ist gegen Konzentration auf das Wesentliche generell nichts einzuwenden; jedoch sind die Gräuel an der Westfront nur 1 Aspekt, den Remarque in seinem Roman beleuchtet. Genauso wichtig – wenn nicht sogar wichtiger – sind die beiden Vorgeschichten. Denn ohne patriotische Verführung in der Schule u den unmenschlichen Drill in der Kaserne wären die grausamen Kampfhandlungen nicht möglich. Von daher bedeutet Fokussierung in dieser Verfilmung leider nichts Positives. Die Konzentration aufs reine Kampfgeschehen macht die Handlung auswechselbar. Ähnliches hat man schon 100x in anderen Kriegsfilmen gesehen. Auch die Akteure bleiben blass, weil sie immerfort wild um sich schießen, in Deckung gehen, flüchten, schreien, kotzen, weinen u sterben. Die persönliche Geschichte des Helden fehlt völlig.

    Willkürlich rangefummelt sind die eingestreuten Sequenzen mit Ludendorff im Hauptquartier in Spa u Erzberger im Wald von Compiegne. Wird beides mit keinem Wort in der Originalvorlage erwähnt. Und auch das lakonische Ende des Protagonisten (hierauf zielt nämlich der Titel „Im Westen nichts Neues“) ist in der Verfilmung von 1930 viel besser dargestellt als in der aktuellen Produktion. Die Lewis-Milestone-Version von 1930 bleibt unerreicht.

    Von mir gibt’s 5 (von 10) Punkten. 4 davon für Bühnenbild & Kostüme. Ob das für einen Oscar reicht, scheint mir allerdings fraglich zu sein.“

    Netflix-Filme jetzt auch für kurze Zeit im Kino

    Getäuscht hatte ich mich, was die Oscars anbelangt. Der Film heimste insgesamt 4 Academy Awards ein:
    (1) Bester internationaler Film
    (2) Filmmusik
    (3) Kamera
    (4) Szenenbild.

    Nun kann man generell die Frage stellen, weshalb gute Filme – egal, in welchem Land sie hergestellt werden – nochmal in US-amerikanische und ausländische Produktionen unterteilt werden müssen. Warum gibt es pro Verleihung nicht 1 „Bester Film“ und das war’s? Wäre „Im Westen nichts Neues“ dann eventuell gar nicht in die Shortlist gelangt? Müßig, darüber zu spekulieren. Es ist, wie es ist bzw. die Academy of Motion Picture Arts and Sciences macht das halt seit knapp 100 Jahren so. Bester Film (ohne Zusatz) wird deshalb IMMER ein Hollywood-Streifen. Eine weitere Voraussetzung besteht darin, dass der Film ein paar Wochen lang in den Kinos lief. Weshalb Netflix mittlerweile einige seiner – an und für sich fürs heimische Sofa gedachte – Produktionen tatsächlich für eine kurze Zeitdauer im Rex am Ring in Köln oder der Cineworld Recklinghausen zeigt, um berechtigt zu sein, an solchen Verleihungen teilnehmen zu können.

    Ich persönlich tue mich mit vielen Filmen, die das rote N auf dem Cover tragen, schwer. Oft erreichen sie nicht das Niveau der Produktionen renommierter Studios. Zu langatmig erzählt (ganz schlimm bspw. „The Irishman“), oberflächlich, die Figuren haben zu wenig Tiefe, die Stories sind trivial, oder die Geschichten sind der xy-te Abklatsch eines altbekannten Themas. Ich mache deshalb um Netflix-Produktionen normalerweise einen großen Bogen.

    Der wichtigste Aspekt des Romans wird komplett ausgeklammert

    Bei „Im Westen nichts Neues“ von Edward Berger stört vor allem der Wegfall von rund zwei Dritteln des Romans und die 90 prozentige Konzentration aufs reine Kriegsgeschehen. Das wird zwar fulminant in Szene gesetzt; jedoch hat man Ähnliches schon in zig anderen (Anti-) Kriegsfilmen gesehen. Komplett fehlen die diabolische Verführung der jungen Männer im Schulunterricht durch patriotisch besoffene Lehrer und der unmenschliche Drill in der Kaserne. In der Familie meines Vaters hatte WK1 sehr viel härter eingeschlagen als WK2. Die drei älteren Brüder meines Großvaters und der Mann seiner Schwester fielen alle 4 bereits im ersten Kriegswinter. Und dennoch meldete sich mein Großvater als jüngstes von 5 Kindern (von denen 3 bereits auf dem Feld der Ehre ihr Leben gelassen hatten) im Frühjahr 1915 als 17-jähriger freiwillig zum Armeedienst. Gegen den großen Widerstand seiner Eltern (meiner Urgroßeltern), aber darin bestärkt von seinem Klassenlehrer. Remarque schildert die Indoktrination durch die alten Oberstudienräte über mehrere Kapitel. Der aktuellen Netflix-Produktion ist dieser – mMn sehr wichtige – Aspekt weniger als 5 Minuten wert. Und „Im Westen nichts Neues“ funktioniert nicht richtig, wenn man die Vorgeschichte in der Schule nicht miterzählt. Das ist der m.E. größte Mangel an diesem Streifen.

    In den beiden Vorläufer-Produktionen (1930 und 1979) wird das den Schülern eingetrichterte Mantra „Dulce et decorum est pro patria mori“ natürlich thematisiert. Und deshalb überzeugen diese beiden Filme auch mehr als der heutige Oscar-Gewinner. Unerreicht weiterhin – wie oben schon geschrieben – die Lewis-Milestone-Version von 1930.

    Und weshalb man nachträglich eine Geschichte dranfummelt, die im Roman gar nicht drinsteht (die Waffenstillstandsverhandlungen im Wald von Compiègne), wird auf Ewig das Geheimnis des Drehbuchautors bleiben.

    Zu viel Krieg, zu wenig Erzählung

    Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: der Film weicht WEIT von der Vorlage ab, den Charakteren mangelt es an Tiefe, noch nicht mal zum Protagonisten Paul Bäumer (Felix Kammerer) baue ich als Zuschauer ein emotionales Verhältnis auf, die restlichen Figuren sind noch blasser gezeichnet und deshalb beliebig austauschbar. Die Story ergötzt sich am Kriegsgeschehen, die Kamera schwelgt in Blut und hervorquellenden Eingeweiden, die Requisite (Szenenbild, Kostüme) ist wirklich gut gemacht – das war’s allerdings schon. Bereits hundert Mal in anderen (Anti-) Kriegsfilmen gesehen. Aber das, worauf es eigentlich ankommt, nämlich eine spannende Geschichte zu erzählen, fiel bei dieser Bilderflut leider völlig unter den Schneidetisch. Wie man es besser macht, kann man in „1917“ von Sam Mendes sehen.

    Mit 5 (von 10) Punkten deshalb schon gut bewertet.

  • Das große Gähnen

    Das große Gähnen

    Bevor ich loslege, gibt’s:

    3 einschränkende Bedingungen

    3 Sachen muss ich voranschicken:
    (1) ich bin etwas spät dran mit meiner Kritik
    (2) Serien schaue ich eigentlich nicht so gerne
    (3) den Roman von Schätzing habe ich nie gelesen.

    Zu meiner Verteidigung: Der Vorteil des Hobby-Kolumnist-Seins besteht darin, dass es für uns keine Deadlines gibt. Wir können unsere Texte dann abgeben, wann immer uns der Sinn danach steht. So halt auch eine etwas verspätete Rezension. (ja ja, es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Ist mir bekannt dieses Valentin-Zitat. Ich mach’s aber trotzdem: also ne weitere Rezi tippen. Einfach aus dem Grund heraus, weil ich gerade Lust und Zeit dafür habe). Und wenn man den zugrundeliegenden Roman gelesen hat – ich hab den, ehrlich gesagt, wegen der enormen Seitenzahl bisher nicht angefasst –, ist das zwar kein Nachteil, man kann den Unterhaltungswert eines Films aber auch ganz gut ohne diese Kenntnis beurteilen. Zumindest einer wie ich, der VIELE Filme anschaut, kann das. Ach so, bevor ich es vergesse: Serien haben immer die Tendenz zur Langatmigkeit, weshalb ich 90- oder 120-Minuten-Produktionen eindeutig bevorzuge.

    Und damit wollen wir uns von den langweiligen einschränkenden Bedingungen ab- und dem Schwarm zuwenden.

    An und für sich ne spannende Geschichte

    Der Plot ist schnell erzählt: In der arktischen Tiefsee leben seit Jahrmillionen Einzeller, die in der Lage sind, sich miteinander zu vernetzen und mittels dieser Agglomeration (als Schwarm) sowohl Intelligenz als auch enorme Kraft zu entwickeln. Diese, von den Wissenschaftlern, die sie aufgespürt haben, YRR getaufte, Lebensform hat erkannt, dass es für unseren Planeten mittlerweile 1 Minute vor Mitternacht ist, und beginnt plötzlich damit, sich gegen den größten Ressourcenkiller des Universums, den Menschen, zu wehren. Die Folge sind Plagen biblischen Ausmaßes: Hummer, die tödliches Gift verspritzen, das in die Kanalisation und von dort in den menschlichen Magen gespült wird, Krebse, die unsere Küsten fluten und jeden auffressen, dem nicht rechtzeitig die Flucht gelingt. Aggressive Wale greifen Touristen an. Tsunamis zerstören die am Meer gelegenen Städte. Der Schwarm kann sogar hochmoderne Schiffe zum Kentern bringen. Das oben genannte Wissenschaftlerteam versucht nun verzweifelt, Kontakt mit YRR aufzunehmen, um mit dieser, uns überlegen erscheinenden, Spezies auf dem Verhandlungsweg zu einer friedlichen Koexistenz zu gelangen, bevor die gesamte Menschheit ausgerottet wird. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Geschichte, auch wenn sie mir nicht völlig neu vorkommt, ist schon intelligent und könnte durchaus spannend erzählt werden. Ob man dafür allerdings ne Serie benötigt, oder das nicht auch auf der Wegstrecke von 120 Minuten bewerkstelligen kann – daran scheiden sich die cineastischen Geschmäcker.

    Der Daseinszweck von Serien

    „Ich schaue deshalb gerne Serien, weil in denen – im Gegensatz zum 90-Minuten-Film – die Charaktere langsamer entwickelt werden und so mehr Tiefe erhalten“, erklärte mir noch vor kurzem eine befreundete Autorin. Das mag durchaus so sein und mag auch für manche Serien gelten – für „Der Schwarm“ trifft es hingegen Nullkommanull zu. Selten habe ich so lieblos, jederzeit austauschbare, Figuren gesehen wie in dieser Produktion. Zu keinem Akteur baute ich als Zuschauer eine engere Bindung auf, ob 2 Darsteller – wegen eines Ruckzuck-Tsunamis – mittendrin plötzlich weg waren – wen juckte das? Die Liebesbeziehungen („das Pilchern“ wie Frank Schätzing das bezeichnete) bar jeglichen Tiefgangs, völlig belanglos, einfach nur ins Drehbuch reingefummelt, weil’s in Serien hin und wieder halt auch zwischenmenschlich ein bisschen knistern muss. Da steckt in jeder Kölner Süßwasserpfütze mehr YRR-Erotik drin als in den im Schwarm gezeigten Diversity-Romanzen.

    Zwischenfazit „weshalb ne Serie?“: aus dem Roman hat man v.a. deshalb 8 Folgen gemacht, weil so mehr Sendezeit generiert wird. Mit Spannungsbogen und Figurenentwicklung hatte das nichts zu tun.

    Kartoffel-ernste Dialoge

    Niemand, der seine 5 cineastischen Sinne beisammen hat, verlangt von einem adaptierten Drehbuch, dass darin die Romanvorlage 1 zu 1 umgesetzt wird. Man kann stundenlang (und oft ergebnislos) darüber diskutieren, wie viel Original in einer Verfilmung drinstecken soll. Ob es evtl Sinn ergibt, die Handlung etwas umzustricken, Figuren komplett rausfallen zu lassen u andere Charaktere umzumodellieren. Auch muss der Erzählstrang nicht immer sklavisch der Vorlage folgen. Zelluloid ist nun mal ein anderes Medium als bedrucktes Papier. Das ändert aber mMn nichts an der grundlegenden Bedingung, dass ein Autor sein Werk in der Verfilmung nach wie vor erkennen sollte. Und das scheint, wenn man Frank Schätzings Kritik Glauben schenkt, die er in diversen Medien geäußert hat, streckenweise nicht der Fall gewesen zu sein. Ich kann das jedoch – siehe oben einschränkende Bedingung (3) – nicht abschließend beurteilen.

    Was ich jedoch beurteilen kann: selten habe ich derart langweilig-belehrende Dialoge – und die werden ja vom Drehbuchautor geschrieben – gehört wie in „Der Schwarm“. Noch nie habe ich Fiktion gesehen, bei der jeglicher, auch nur winzigkleine, Anflug von Humor komplett aus den Unterhaltungen gestrichen wurde. Mitunter fühlte ich mich am Bildschirm in Homeoffice-Universitätsseminare versetzt. Und ich tue dabei vielen Universitätsseminaren Unrecht, denn in denen werden mitunter Witze gerissen und darf zwischendurch auch mal gelacht werden.

    Gibt’s beim ZDF keine Qualitätskontrolle für Drehbücher?

    Zwischenfazit Drehbuch: von allen kartoffel-ernsten Produktionen, die ich kenne, ist „Der Schwarm“ eine der kartoffeligsten.

    3 Gesichtsausdrücke

    Deutsche Schauspieler (m/w/d, Hautfarbe egal) beherrschen 3 Gesichtsausdrücke:
     sehr ernst
     mittelernst
     nicht ganz so ernst, aber immer noch ernst genug

    … schrieb ich in einem Facebook-Post nach Ansehen der Folgen 1 & 2, um mich am Ende der Serie zu korrigieren:

    Es waren Akteure dabei, die exakt 1 Miene draufhatten (u zwar über die Wegstrecke von 8 Folgen). Bei einigen vermute ich sogar eine temporäre Gesichtslähmung.

    Dass ich von Diversität auf Teufel komm raus bei den Rollenbesetzungen wenig halte, will ich hier nicht weiter ausführen. Das ist ein Thema für sich und hat mit meiner Einschätzung der Spannung/Suspense – einzig um die geht es in dieser Kolumne – nichts zu tun. Ganz unerwähnt wollte ich es jedoch auch nicht lassen.

    Zwischenfazit Darsteller: ob ich mir den Bergdoktor, die Rosenheim Cops oder Der Schwarm ansehe – die schauspielerische Leistung ist immer dieselbe.

    Das große Gähnen

    Dass Frank Schätzing unzufrieden mit der filmischen Umsetzung seines Romans ist, kann ich gut nachvollziehen. Selten (nie?) wurde eine spannende Geschichte derart ideenlos in Szene gesetzt wie in der ZDF-Produktion „Der Schwarm“. Da waren ja manche Weihnachts-Vierteiler der 70-er und 80-er Jahre direkt cineastische Highlights im Vergleich. Mir völlig unbegreiflich, weshalb die Regie nicht mehr auf Bildersprache setzte (was sich bei Bedrohung aus der Tiefsee und biblischen Plagen ja geradezu anbietet), sondern ständig alles von den Wissenschaftlern in sterbenslangweiligen Dialogen und Vorträgen erklären lässt. „Show, don’t tell!“ – kennt man diese goldene Erzähl-Regel nicht in deutschen Produktionsfirmen?

    Der Schwarm als TV-Serie mutet an wie die Inszenierung einer Schauspielgruppe aus der Mittelstufe, bei der auch die Eltern mitwirken dürfen: oberflächliche Handlung mit weichgespülten Charakteren jeglicher Hautfarbe und sexueller Orientierung, bar jeder Boshaftigkeit oder bloß menschlichen Kanten, deren einziges Anliegen darin besteht, 24/7 die Welt zu retten. Garniert mit kartoffel-ernsten Dialogen bis zum Erbrechen, die aber jederzeit 1 zu 1 in Fachaufsätzen zum Thema „politisch korrektes Reden“ als Zitate abgedruckt werden können. Wär’s ne Doku gewesen, dann okay. Bei Fiktion denke ich hingegen: oh weh! Dieses mediokre Zeug wird allen Ernstes als Highend-Produktion gelabelt? Da waren die meisten Folgen von Monaco Franze high-endiger als der dröge Schmarrn (pardon: Schwarm).

    Finales Fazit: Das große Gähnen oder: wie ich es schaffe, 40 Millionen Euro im Polarmeer völlig uninspiriert zu verbrennen (bzw. den Nordatlantik runterzuspülen).

    Bewertung: 5 (von 10) Punkten. Aber nur, weil es die zugrundeliegende Geschichte tatsächlich wert ist, erzählt/gezeigt zu werden.

    PS. die Folgen 1 bis 8 stehen in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit.

  • Ne Hundescheiße-Kolumne

    Ne Hundescheiße-Kolumne

    Was war geschehen?

    Am Abend des 11. Februar, ein Samstag, schmiert Marco Goecke, Ballettchef der Staatsoper Hannover, einer FAZ-Feuilletonistin Hundekot ins Gesicht, weil ihm deren Kritiken nicht gefallen. Im Anschluss fegen Empörungswellen durch die Sozialen Netzwerke und die Kommentarspalten der Zeitungen, sodass der Tanzdirektor keine 48 Stunden später vom Dienst suspendiert wird und sich entschuldigen muss.

    Harsche Kritik ./. sensible Künstlerseele

    Nun ist Hundekot im Gesicht eine ziemlich eklige Angelegenheit – jeder, der nach einer durchzechten Nacht (wie bspw. der Schreiber dieser Zeilen) schon mal in einer öffentlichen Parkanlage 5 Zentimeter von einem Hundehaufen entfernt aufgewacht ist, kann das bestätigen –; aber auch ne Menge Kritiken sind ziemlich eklig formuliert. Würden schlechte Kritiken Geruch ausströmen, kämen sie dem von frischen Hundehaufen recht nahe.

    Dass miese Kritiken einen teils verheerenden Einfluss auf sensible Künstlerseelen haben, weiß jeder. Ich weiß es, Sie wissen es, jeder vierte Facebook-Poster weiß es und selbstverständlich sollten es auch die professionellen Kritiker wissen. Statistisch nicht erhoben, aber keinesfalls vernachlässigbar wird die Zahl der Künstler sein, die sich nach einem Verriss zu Tode saufen, oder – falls das nicht gelingt – morgens 5 Zentimeter entfernt von einem Hundehaufen aufwachen oder freiwillig Hundekot schlucken, um Buße zu tun für ihre von der Kritik zerfetzten Werke.

    Jetzt kann die Sensibilität der Künstlerseele natürlich nicht zur Folge haben, dass Kunst ab sofort nicht mehr kritisiert werden darf bzw. nur noch positive Urteile, egal welcher Schrott dargeboten wurde, erlaubt sind. Wie wir alle lebt auch der Künstler nicht im kritiklosen Raum. Deshalb kann, darf, muss es auf jeden Fall auch Kritik in der Art geben, in der Schwachstellen aufgezeigt und Verbesserungsmöglichkeiten genannt werden.

    Allerdings ist professionelle Kritik mittlerweile zu einer eigenen Kunstform avanciert, die stark auf Reichweite zielt, was wiederum dazu führt, dass manche Kritiker meinen, selbst die besseren Texte zu schreiben. In diesem Fall geht es dann gar nicht mehr um konstruktive Kritik am analysierten Werk, sondern der Kritiker nutzt das Buch/Stück/die Aufführung bloß als Aufhänger, um sich selbst zu beweihräuchern und dabei verbal einen runterzuholen. Liest sich mitunter ganz amüsant, verfehlt jedoch den eigentlichen Zweck der Sache. Ganz schwierig wird es, wenn der Kritiker glaubt, seine Kritik sei das eigentlich Wichtige und verkennt, dass die Kunst auch (gut?) ohne Kritik leben könnte, während der Kritiker die Kunst wie die Nahrungsaufnahme für den Stuhlgang benötigt, denn ohne sie (gleich ob gut, mittelmäßig oder mies) würde seine Arbeitsgrundlage wegfallen, und er müsste sich alternativ seine Brötchen entweder als mieser Autor oder Hundehaufen-im-Park-Einsammler verdienen.

    Hundescheiße lieber im eigenen Wohnzimmer verteilen

    Die Botschaft, manche Kritik mit einem Haufen (Hunde-) Scheiße gleichzusetzen, ist deshalb grundsätzlich erst mal nicht verkehrt. Ich bin, wenn ich Verrisse von Ich-hol-mir-verbal-einen-runter-Kritikern lese, da ganz der Meinung des Ballettdirektors. An seiner Stelle hätte ich jedoch den Text, der mein Blut in ungesunde Wallung versetzt, aus dem Feuilleton ausgeschnitten, gewartet, bis mein Hund da einen Haufen draufsetzt (ich habe keinen Hund, hätte mir den Haufen also entweder von meinem Nachbarn borgen oder in einer Parkanlage einsammeln müssen) und diese kleine Aromatüte der Kritikerin am Rande einer Aufführung überreicht. Wahrscheinlich stumm, man könnte aber auch flankierend dazu sagen: „Das ist das, was ich von Ihren Kritiken halte“. Ebenfalls mit dieser Aktion wäre mir der Shitstorm sicher gewesen; jedoch hätte ich mir die Vorwürfe wegen körperlicher Übergriffigkeit und Misogynie (wobei: dieser Vorwurf kommt ja immer) erspart.

    Noch schlauer wäre es zwar gewesen, die Kritik von sich abperlen zu lassen und sich seinen (Hundescheiße-) Teil dazu zu denken. Oder, wenn es in diesem Fall unbedingt Hundekot sein muss, den (vom Nachbarn geborgt) im eigenen Wohnzimmer zu verteilen, anstatt ihn der Kritikerin ins Gesicht zu schmieren. Denn, und das ist eine wichtige Beobachtung, Kritiker verstehen überhaupt keinen Spaß, wenn man ihre Kritiken kritisiert oder gar mit Hundescheiße gleichsetzt. Dann geht sofort das Lamento los von wegen mangelnder Kritikfähigkeit des Künstlers, Einschränkung der Meinungsfreiheit, dass Kunst ohne Kritik gar nichts wert sei bis hin zu (staatlich alimentierte) Künstler wären wie verwöhnte Kinder, denen Mami und Papi ständig die Kohle zuschieben, ohne dafür ne entsprechende Gegenleistung zu bekommen. Und so vorhersehbar langweilig weiter und so vorhersehbar langweilig fort.

    Mehr Humor wäre auch bei Hundekot nicht verkehrt

    In dieser Auch-ne-Scheiß-Kritik-ist sakrosankt-Atmosphäre nimmt es nicht wunder, dass der Ballettdirektor nen Shit-Tsunami erlebt, seinen Job los ist und von ihm täglich neue Entschuldigungen eingefordert werden. Die gescholtene Kritikerin wiederum ist schockiert über Scheißentschuldigungen, die ihrer Meinung nach keine sind und redet von Beleidigung und Körperverletzung. Bei den ersten beiden Sachen (Shit-Tsunami und Job los) bin ich Mainstream: Scheiße ins Gesicht geht nicht; dafür muss man dann halt die Konsequenz tragen und sich nen neuen Arbeitgeber suchen. Bei der Entschuldigung hingegen sage ich: Scheiß drauf! Was nützen schon eingeforderte Lippenbekenntnisse, die so gut wie nie aufrichtig sind?

    Und der Kritikerin rate ich, so was in Zukunft mit mehr Gelassenheit zu nehmen. Wie viel cooler wäre es gewesen, wenn sie sich mit dem Finger durchs beschmierte Gesicht fährt, kurz daran gerochen hätte und dann fragt: „Pudel oder Neufundländer?“ Stattdessen die altbekannte Tonfolge: Schock, Beleidigung, Körperverletzung, nochmaliger Schock, weil die Entschuldigung nicht ausreicht. Und natürlich Misogynie. GÄHN! Ich hoffe, sie schreibt lustiger, als sie im realen Leben auftritt. Obwohl – es gibt so gut wie keine humorvollen Kritiker. Vor allem nicht in Deutschland. Die meisten sind von der Wichtigkeit ihrer Aufgabe tief durchdrungen. Von daher passt es schon, wie auf die Provinzposse reagiert wird.

    Womit wir am Ende angelangt sind. Schluss mit Hundekot für heute.

    PS. wie ich mit der Kritik zu dieser (Scheiß-) Kolumne umgehen werde?
    (a) ich hab mir angewöhnt, dass mir die großenteils scheißegal ist
    (b) falls sie mich doch über Gebühr ärgern sollte, schließe ich Fenster und Türen und schreie meinen Laptop an
    (c) notfalls kann ich mir bei meinem Nachbarn sicher einen Hundehaufen (Rottweiler) leihen.