Autor: Henning Hirsch

  • Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Vorrunde ist das neue Halbfinale

    Man kann es drehen und wenden, wie man will und versuchen, die Sache schön zu reden: viel Ballbesitz, oft im gegnerischen Strafraum, teils atemberaubende Dribblings, häufig aufs Tor geschossen, interessante Mischung aus Routiniers und jungen Wilden etc. etc. – ändert aber alles nichts an der ernüchternden Tatsache, dass es zu mehr als dem dritten Platz in Gruppe E nicht gereicht hat. Und es hat v.a. zum dritten Mal hintereinander zu nicht mehr als 2x Vorrunde und 1x Achtelfinale gelangt. Das ist für eine große Fußballnation, als die wir uns ja nach wie vor begreifen, schon blamabel.

    Nicht, dass ich mich über die Titelchancen unserer Mannschaft vorab großen Illusionen hingegeben hätte. Für mich heißen die Favoriten Frankreich, Brasilien, Argentinien, Niederlande. Aber aufs Erreichen des Viertelfinales hatte ich schon spekuliert. Wie lauten die Gründe, weshalb wir Deutsche mittlerweile aus jedem Turnier, das größer ist als der Rheinland-Pfalz-Cup, so früh rausfliegen? Versuch einer Analyse aus dem Blickwinkel eines 08/15-Fans.

    Das Personal

    Da waren dieses Mal solche und solche dabei. Topspieler wie Rüdiger, Gündogan, Havertz vermischt mit einigen No Names (Füllkrug, Raum, Klostermann) und ner Menge Mittelmaß. Kann funktionieren, wenn das Mischungsverhältnis richtig angerührt wird; hat aber im deutschen Fall ganz augenscheinlich nicht funktioniert. Ich frag mich, wenn ich Schlotterbeck und Süle über den Ball stolpern sehe, weshalb Hummels nicht mitgenommen wurde. Bei den ergebnislosen Slaloms von Musiala geht mir durch den Kopf, warum Füllkrug nicht mehr Einsatzzeit erhält. Aus welchem Grund sitzt der torgefährliche Havertz auf der Bank? Wo ist überhaupt ein Führungsspieler, der die Sache bei engen Matches in die Hand nimmt und seine Kollegen zu mehr Leistung anspornt? Aber ich denk mir dann schulterzuckend, dass der Bundestrainer und sein Stab sich 24/7 mit so was beschäftigen und deshalb mehr Ahnung davon haben als ich der 08/15-Fan. Wobei ich mir manchmal ebenfalls denke, dass der Trainer und sein Stab auch nur Menschen sind, die halt hin und wieder irren u/o aus irgendeiner Strategiedogmatik heraus merkwürdige Entscheidungen treffen. In die Kategorie „verstehe ich nicht“ fällt bspw. die Nibelungentreue zum Bayernblock, bei dem einige Akteure ihren Zenit mittlerweile erkennbar überschritten haben, weshalb Leistung nicht das Kriterium gewesen sein kann, sie immer wieder aufzustellen. Während einige der No Names durchaus positiv überraschten, aber trotzdem nur wenig Einsatzzeit erhielten.

    Die Einstellung

    Deutschland war mal DIE Turniermannschaft. Linekers Bonmot, „und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, stimmte zwar nie zu hundert Prozent, aber zu achtzig war es schon zutreffend. Davon ist das aktuelle Team allerdings Lichtjahre entfernt. Mittlerweile gilt ja eher die Beobachtung: Die Deutschen spielen streckenweise ganz hübsch anzuschauen, sobald es eng wird, geraten sie aber sofort ins Strudeln und zu mehr als maximal nem Achtelfinale reicht es nicht. Da ne Menge Topspieler im Team sind, kann es an der Qualität der einzelnen nicht liegen; scheint also eher eine Mentalitätssache zu sein. Geht so ein bisschen in die Richtung: Wir wollen zwar einen guten Job machen, uns dafür jedoch nicht quälen. Wenn’s läuft, dann läuft es und wenn es nicht läuft, läuft es eben nicht. Kein Grund Trübsal zu blasen, denn wir sind alle talentiert, in der Mannschaft herrscht beim Training eine Superstimmung und wenn es bei diesem Turnier nicht klappt, klappt es halt in 2 oder 4 Jahren. Try and error. Davon geht die Fußballwelt nicht unter. Hauptsache, wir waren überhaupt dabei und hatten Spaß. Gewinnen ist nicht alles. Und als Boomer erwischt man sich dabei, wie man sich insgeheim Typen wie Matthäus, Effenberg, Sammer und Kahn zurückwünscht, die bei der von Deutschland zelebrierten Variante des Schönwetterfußballs in jedem Match Minimum 10 veritable Wutanfälle bekommen hätten. Auch mich, den 08/15-Fan, hätte das ziellose Für-die-Galerie-Gekicke früher wütend gemacht. Heute zucke ich nur noch mit den Schultern und besorge mir in der Küche eine starke Tasse Kaffee, um in der zweiten Halbzeit nicht einzuschlafen. Mein Puls lag, selbst als Costa Rica zwischenzeitlich führte, unterhalb von 80. In der Spitze, kurz vor Ende vergeblich auf das späte Ausgleichstor der Spanier hoffend, maximal bei 90. Und als es vorbei war, dachte ich wie die Spieler: blöd gelaufen, aber da konnte man eben heute nichts machen. Fatalismus statt Fan-atismus.

    Das hypermoralische Habitat

    Deutschland, zumindest große Teile davon, hat diese WM nicht gemocht, über Monate hinweg schlecht geredet und die Mannschaft mit Sachen überfrachtet, die mit Fußball nichts zu tun haben. Wenn wir uns vor dem ersten Spiel ernsthaft länger mit der Frage beschäftigen, welche Armbinde der Kapitän tragen soll als mit der Aufstellung und ständig Forderungen nach Nicht-Teilnahme bzw. Rückzug ertönen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn genau das nun eingetreten ist = der Rückzug. Allerdings nicht ganz freiwillig, sondern aufgrund mangelhafter Leistung in der Vorrunde. Ich habe bis heute nicht verstanden, weshalb es uns nicht gelingt, die Veranstaltung vom Ausrichter zu trennen. Niemand im deutschen Team ist verantwortlich dafür, dass in Katar andere Regeln herrschen als bei uns, und niemand aus der Mannschaft hat sich dafür stark gemacht, das Turnier am Ostrand der großen Arabischen Wüste stattfinden zu lassen. Warum ist es nicht möglich, die Fußballer einfach ihren Job machen zu lassen? Ist das so ein deutsches Ding, anderen ungebeten unsere (angebliche) kulturelle Überlegenheit demonstrieren zu müssen? Falls ja: weder das eine (gesellschaftlicher Umschwung in Arabien) noch das andere (Erfolg bei der WM) hat funktioniert. Aber Hauptsache, unsere Offiziellen streifen ne Regenbogenbinde über, wenn sie in Doha auf der Tribüne sitzen. Wem sie damit konkret helfen? Niemand. Aber aufs konkrete Helfen kommt es bei der deutschen Zeichensetzerei ja auch gar nicht an. Zeichen werden gesetzt, weil Zeichen eben gesetzt werden müssen. Vor allem in Katar.

    Mehr Amateurfußball schauen ist auch keine Lösung

    Bei mir hinterlässt das Ganze einen schalen Geschmack: zum dritten Mal hintereinander in einem Turnier früh gescheitert. Eine WM in der Wüste, wo sie definitiv nicht hingehört und zu Hause ein Volk voller Heuchler, die kein Problem mit katarischem Öl & Gas und Geld (v.a. wenn es bei uns investiert wird) haben, aber laut aufheulen, sobald da Fußball gespielt wird. Und ein DFB, der es allen Seiten recht machen will und damit eine krachende Bruchlandung erlebt. Wäre ich nicht Fan seit Geburt (allerdings mehr des Effzeh als der Nationalmannschaft), würde ich mich jetzt so langsam abwenden vom deprimierenden Profigeschehen u mir in Zukunft bloß noch ehrliche Kreis- und Bezirksligapartien ansehen. Wo’s nicht um Kohle, sondern nur um den Sport geht. Wo die Trikots am Ende vor Dreck starren, wo man als Zuschauer die meisten der Spieler persönlich kennt. Wo man auf der Tribüne – falls es überhaupt eine gibt – noch ne Bratwurst für 3 Euro verzehrt u am Ende 10€ für die Vereinskasse spendet. Aber in meinem fortgeschrittenen Alter werde ich den Schwenk weg vom Profi- hin zum Amateurfußball wahrscheinlich nicht mehr hinbekommen. Leider.

    Ob ich glaube, dass wir in eineinhalb Jahren bei der (Heim-) EM was reißen werden? Nein, glaube ich nicht. Auch da wird im Achtelfinale Schluss sein. Denn im deutschen Fußball herrscht ein strukturelles Problem, das sich nicht lösen lässt, wenn man nicht willens ist, auf der Trainerbank und im Management neue Köpfe zu installieren und alles wieder auszusitzen versucht, wie schon vergeblich nach 2016 und 2018 geschehen. Ob ich mir nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft noch weitere Partien anschauen werde? Klar werde ich das tun. Die WM wird ja jetzt mit Beginn der K.o.-Phase erst richtig interessant. Und der Boykott, was ist mit dem Boykott, fragen Sie mich? Ich hatte nie vor, dieses Turnier zu boykottieren, denn mir gelingt es, das Event fein säuberlich vom Ausrichter zu trennen. Und ich habe noch nicht mal Gewissenbisse bei diesem Spagat.

    Fazit: (aus deutscher Perspektive) eine Gurken-WM.

  • Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Keine Binde macht’s auch nicht schlimmer

    Die Partie Deutschland-Japan endete heute Nachmittag 1 zu 2. Das deutsche Team hat dabei eine durchwachsene Leistung gezeigt. Die erste Halbzeit war okay, während sich in der zweiten Hälfte die unnötigen Ballverluste häuften, die Defensive erschreckende Fehler zeigte und vorne ganz augenscheinlich die Offensivkraft fehlte. In der Folge kam Japan immer besser ins Spiel, drückte aufs deutsche Tor und gewann am Ende völlig verdient. In der guten alten Zeit hätten wir jetzt über die Aussetzer von Schlotterbeck, die schönen, aber erfolglosen Dribblings von Musiala und den fehlenden Torriecher von Gnabry diskutiert, oder uns die Köpfe heißgeredet, ob Füllkrug früher hätte eingewechselt werden müssen. Wie stehen die Chancen, jetzt überhaupt noch ins Achtelfinale zu gelangen? Welcher Gegner würde uns da erwarten? Und so weiter und so Fußballstammtisch.

    One Love und Turnier der Schande

    Aber das ist mittlerweile alles komplett nebensächlich. Heute geht’s ja nicht mehr um das Spiel, sondern um so Sachen wie Regenbogen- – auch One-Love- genannt – Binden und ob man sich dieses „Turnier der Schande“ überhaupt anschauen darf. Um es vorneweg zu nehmen: Ich schaue mir das Turnier an. So wie ich mir alle EM- & WM-Turniere seit 1972 zzgl. der wöchentlichen Bundesligapartien anschaue. Ich werde mir bei dieser WM vermutlich nur ein paar Spiele angucken: die der eigenen Nationalmannschaft und dann die Highlights ab dem Achtelfinale. Das Finale – egal, wer da gegen wen spielt – auf jeden Fall.

    Zurück zu Regenbogen und Boykott. Beginnen wir mit der Armbinde. Ja, die Situation der LGBTQ Community in Katar ist prekär. Wie in den meisten islamischen Ländern. Ist jetzt aber zum einen nichts Neues und zum anderen ist nicht bekannt, dass diese Situation in Katar prekärer wäre als bspw. in Dubai, Abu Dhabi oder Ägypten, wo wir Deutschen ja sehr gerne zum Shoppen und Schnorcheln hinfliegen. Dass die Situation prekär ist, wusste man auch schon 2010 bei der Vergabe des Events an den Ostrand der Großen Arabischen Wüste und diese Kenntnis hat damals trotzdem keinen FIFA-Funktionär davon abgehalten, seine Stimme pro Katar abzugeben. Der Aufschrei in der Presse war moderat. Es ging dabei auch mehr um Aspekte wie mangelnde Fußballhistorie und mörderisches Klima im Hochsommer. Das LGBTQ-Thema hatte 2010 anscheinend niemand auf dem Schirm gehabt. Das kam erst vor kurzem auf die WM22-ist-pfui-Liste. Und nun sollten wir uns folgende Fragen stellen:
    (a) Weshalb hat uns die Situation der Schwulen & Lesben in Katar bis weit ins Jahr 2022 hinein nicht interessiert?
    (b) Warum muss der Fußball richten, was die Politik nicht hinbekommt?
    (c) Welchen nachhaltigen Nutzen hätte das Tragen einer solchen Binde bei 1 Spiel?

    Man könnte dann noch weitere Fragen stellen. Bspw. Weshalb fordert niemand von unseren Politikern, wenn sie an den Golf reisen – was sie ja häufig tun –, dort mit einer Regenbodenbinde zur Audienz beim Emir zu erscheinen? Warum kümmern wir uns nicht erst mal um die Rechte der Schwulen & Lesben in unseren eigenen Breitengraden? (zur Erinnerung: bis 1994 waren homosexuelle Handlungen bei uns unter Strafe gestellt). Wie sieht es überhaupt mit unserem eigenen Engagement hinsichtlich der Gleichberechtigung queerer Menschen aus?

    Gelbe Karte ist was anderes als Geldstrafe

    Dass es bei der angekündigten Sanktionierung nicht um eine Geldzahlung ging – die hätte der DFB wohl akzeptiert –, sondern eine gelbe Karte für den Kapitän drohte, mag für die Moralisten nebensächlich sein: Was ist schon 1 Gelbe Karte? Wer etwas mehr Ahnung hat, weiß aber, dass bei der zweiten gelben Karte schon der Ausschluss vom weiteren Turnierverlauf zu befürchten steht, weshalb Spieler unnötige Gelbe Karten ebenso zu vermeiden trachten wie Moralisten zu lange Sperren in Facebook, wenn sie bei einem Trigger-Thread mal wieder hyperventilieren.

    Von der Regenbogenbinde nun zum Boykott. Jetzt sei endgültig klar, wie korrupt und menschenverachtend die FIFA ist, es würde höchste Zeit, unser Team zurückzuziehen und der DFB möge sich darum kümmern, entweder die FIFA schnellstmöglich zu grundlegend reformieren oder gemeinsam mit anderen Europäern einen neuen Weltverband ins Leben zu rufen, lese ich in Posts von Facebook-Bekannten, die ich bisher als intelligente Zeitgenossen wahrgenommen hatte. Und ich reibe mir verwundert die Augen und denke: Wie naiv oder dreist kann man sein (suchen Sie es sich aus, was für Sie zutrifft), solche Forderungen zu erheben? Der DFB, dessen Hauptdaseinszweck neben der Förderung des Amateursports (der Profibereich braucht den Verband nicht. Der hat seine DFL) darin besteht, mit seinen Nationalteams an Turnieren teilzunehmen und dort eine möglichst gute Platzierung zu erreichen, soll in diesem Jahr darauf verzichten? Weil der Kapitän keine bunte Armbinde tragen darf. Echt jetzt? Wie realitätsfern und moralbesoffen ist denn solch ein Ansinnen? Weil Hetero Heinz Kowalski aus Oer-Erkenschwick, der bis heute nicht weiß, wofür das Kürzel LGBTQ überhaupt steht (ja ja, ich muss das auch regelmäßig googlen), der felsenfesten Überzeugung ist, dass wir den Kataris und der FIFA jetzt demonstrieren müssen, wo der deutsche LGBTQ-Hammer hängt?

    Fernbereichsethik geht einfach

    Folgendes Gedankenspiel: Herr Kowalski arbeitet bei einem mittelständischen Maschinenbauer, der u.a. Teile produziert, die in der Öl- und Gasförderung eingesetzt werden. Da der russische Absatzmarkt aktuell zusammengebrochen ist, hat der Vertrieb nun alternativ einen Großauftrag aus Katar an Land gezogen. Die Arbeitsplätze in Oer-Erkenschwick sind fürs Erste gerettet. In ein paar Tagen steht die Vertragsunterzeichnung in Doha auf dem Programm. Herr Kowalski fordert nun in einer Mail, die an sämtliche Mitarbeiter adressiert ist, Folgendes: (a) das deutsche Management muss ab Ankunft in Doha International Airport bis zum Abflug durchgängig eine gut sichtbare Regenbogenbinde überstreifen (b) falls das deutsche Management daran gehindert wird, hat es Katar umgehend zu verlassen und den Deal platzen zu lassen … was der Betriebsrat Herrn Kowalski darauf antworten wird, brauche ich hier nicht zu schreiben. Das überlasse ich Ihrer eigenen Fantasie. Herr Kowalski würde solch eine Mail mit hoher Wahrscheinlichkeit auch gar nicht verschicken. Weil die Konsequenzen viel zu nah an ihm selbst dran wären. Er wäre nämlich vermutlich zeitnah arbeitslos. Deshalb löscht Herr Kowalski seine Mail schnell wieder und ruft stattdessen lautstark in Facebook zum Boykott der WM auf. Schlaue Menschen (also nicht ich) haben das mal als Fernbereichsethik bezeichnet. Die praktischer als die des Nahbereichs ist, weil moralische Forderungen, die man nicht selbst erfüllen muss, einem einfach über die Lippen gehen.

    So ein Beispiel dürfen Sie nicht bringen, Herr Hirsch, sagen Sie? Das ist unredlich?
    Doch genau so ein Beispiel bringe ich, um zu demonstrieren, wie realitätsfremd dieser treudeutsch-romantische Boykottaufruf ist.

    Warum eigentlich immer die Fußballer?

    Die Überfrachtung des Sports mit Symbolen, die der jetzt dauernd senden soll, geht in eine komplett falsche Richtung. Sportler sollen ihren Sport ausüben. Wenn sich einer davon berufen fühlt, gegen irgendwas zu demonstrieren, möge er das jederzeit gerne tun. Hindert ja niemand bspw. Herrn Goretzka daran, dem Emir mal ordentlich die Meinung zu geigen (und im Anschluss vermutlich sofort zurück nach Hause fliegen zu dürfen). Aber komplette Mannschaften dafür in Sippenhaft nehmen zu wollen, dass Funktionäre grundlegend falsche Entscheidungen treffen – wie die Vergabe der WM in die Wüste –, und unsere Politiker sich nicht trauen, vor Ort Tacheles zu reden, kann nun wirklich nicht die Lösung sein. Und warum immer die Fußballer? Weshalb nicht ebenfalls die Leichtathleten oder die Beachvolleyballer? Was, wenn demnächst wieder Eishockey-Turniere in Russland stattfinden: Müssen unsere Spieler dort Putin-muss-weg-Plakate in die Höhe halten, bevor sie auf den Puck schlagen dürfen? Bei der kommenden WM in Mexiko dann Armbinden, um auf die Diskriminierung der Indigenen aufmerksam zu machen und bei den Partien in den USA knien alle nieder, um sich mit Black Lives matter solidarisch zu zeigen? Und so rigide bis unbarmherzig, wie sich die Amerikaner mit ihrer Border Patrol gegen Migranten aus Mittel- und Südamerika geben, dürften wir eigentlich gar nicht dort antreten. Das ist was völlig anderes bzw. das ist ein unredlicher Vergleich, sagen Sie? Ja ja, ich weiß. Hatten Sie weiter oben ja auch schon angemerkt.

    Manchmal hilft ein Kompromiss

    Eventuell können wir uns auf einen Kompromiss einigen: Wer die WM in Katar boykottieren will, boykottiert sie. Wer sich die Spiele anschauen möchte, schaut sie sich an. Und beide Seiten sichern der jeweils anderen zu, ihr während der kommenden vier Wochen nicht auf die Nerven zu gehen. Und nach diesem Turnier setzen wir uns zusammen und überlegen gemeinsam, welche Reformen die FIFA dringend benötigt, um ihren Nimbus als geldgeiler und (in Teilen) korrupter Verband zu überwinden. Nur Herrn Infantino in die Wüste zu schicken – wo er ohnehin seit Anfang dieses Jahres dauerhaft wohnt –, wird dabei nicht ausreichen. Die Vergabepraktiken müssen auf den Prüfstand, damit sich so was wie Katar nicht wiederholt.

    Aber bis dahin sollten wir uns auf die kluge Formel „Das Event vom Ausrichter trennen“ einigen.

    PS. mein Turnierfavorit war bis gestern übrigens Argentinien, falls das am Ende dieser Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.
    PPS. die deutschen Spieler haben sich beim Mannschaftsfoto alle die Hand vor den Mund gehalten. Ob das als Zeichen des guten Willens ausreicht, um ihre Kritiker zu besänftigen, weiß ich nicht. Mir persönlich sind solche belanglosen Gesten eher egal.

  • Mal wieder ein Boykott

    Mal wieder ein Boykott

    „WAS trinkst du da?“, fragt meine Freundin.
    „Orangensaft“, sage ich, „Warum?“
    „Hast du auf das Etikett geschaut, wo der herkommt?“
    „Nein.“
    „Aus SÜDAFRIKA!“
    „Stimmt, da steht Südafrika auf dem Etikett“, sage ich.
    „Produkte aus Südafrika kauft man NICHT!“
    „Weshalb das denn?“
    „Weil da Apartheid herrscht. Anständige Menschen boykottieren dieses System.“
    „Indem wir keinen Orangensaft mehr trinken?“
    „KEINEN Orangensaft aus SÜDAFRIKA. Hast du das jetzt verstanden?“
    „Ja, habe ich verstanden.“
    © Dialog, der Mitte der 80-er Jahre in der Küche einer Münchner Studenten-WG stattfand (= mein erster Kontakt mit einem Boykottaufruf)
    +++

    Bevor wir nun gleich etwas tiefer in die wundersame Welt des Boykotts eintauchen, wollen wir kurz die Herkunft dieses Wortes beleuchten. Es stammt nicht aus dem lateinischen, griechischen oder mesopotamischen Sprachraum, sondern ein Engländer des 19. Jahrhunderts fungierte als Namensgeber:

    Das Wort Boykott geht auf Charles Cunningham Boycott zurück, einen in Irland lebenden englischen Grundstücksverwalter. Während des Land Wars nach 1870 rief der irische Nationalistenführer Charles Stewart Parnell seine Landsleute zum gewaltlosen Widerstand auf. Infolge der 1880 von Parnell und der Irischen Landliga organisierten Aktion fand Boycott keine Pächter mehr, er wurde „boykottiert“. Dieser erste erfolgreiche Boykott gab allen anderen den Namen.
    © Wikipedia, Stichwort „Boykott“

    Prall gefüllte Briefumschläge und klimatisierte Stadien

    Nachdem wir das geklärt haben, springen wir 150 Jahre in die Jetztzeit und landen im heißen Wüstensand des kleinen Emirats Katar. Dieses Zwergland erhielt im Jahr 2010 auf einem FIFA-Kongress in Zürich den Zuschlag, die WM-Endrunde 22 austragen zu dürfen. Welche Kriterien damals für diese Entscheidung ausschlaggebend waren, weiß man bis heute nicht genau. Angeblich ging es darum, den Fußball zur Abwechslung auch mal in die arabische Welt zu bringen, eventuell ging’s aber einfach bloß ums Geld. Katar ist reich, besitzt einige europäische Clubs, sponsort die Trikots zahlreicher weiterer Vereine, verfügt über ne Menge Einfluss in der UEFA. Und hatte bei der Abstimmung vielleicht ein paar Stimmen gekauft. Bevor Sie sich jetzt vorschnell über Letztgenanntes empören – das hatte Deutschland bei der Vergabe des Turniers 2006 angeblich auch getan. Dass mit Dollars (oder Euro oder Schweizer Franken) gefüllte Briefumschläge am Vorabend der Entscheidung unter Hoteltüren durchgeschoben werden, ist anscheinend alter FIFA-Brauch.

    Als nächster Kritikpunkt kam das Klima an die Reihe: links und rechts des Persischen Golfs herrschen im Hochsommer mörderische Temperaturen. Hätte man im Juni und Juli gespielt, wären Hitzetote auf dem Spielfeld und auf den Rängen zu befürchten gewesen. Also verschob man das Turnier auf den Winter – wofür die Spielpläne der europäischen und südamerikanischen Ligen geändert werden mussten – und baute klimatisierte Stadien. Was mit diesen Stadien nach der WM passiert, wollen Sie wissen? Die werden entweder wieder abgerissen oder verrotten. Aber ebenfalls hier bitte nicht vorschnell empören: auch das ist guter Brauch bei WM-Ausrichtern. Siehe bspw. Südafrika und Brasilien.

    Aber Katar hat NULL Fußballhistorie, sagen Sie jetzt? Stimmt, jedoch verfügten ebenfalls die USA 1994 (erneut 2026), Japan & Südkorea (2002) sowie Südafrika (2010) über keinerlei Fußballgeschichte. Ginge es einzig um die Historie, dann dürfte das Turnier bloß in Europa und Südamerika stattfinden. Aber es geht halt nicht einzig um die Geschichte, sondern um Teilhabe möglichst vieler Weltregionen an diesem globalen Sportspektakel Nr. 1 und deshalb wird das Event hin und wieder an exotisch anmutende Ausrichter vergeben. Finde ich vom Grundgedanken her auch nicht verkehrt und schlage deshalb für 2030 Thailand & Vietnam vor.

    Zwischenfazit (eventuell) gekaufte Stimmen, mangelnde Fußballhistorie, Hitze und Stadien, die nach Ende des Turniers niemand mehr braucht, reichen für einen Boykott erst mal nicht aus. Da muss also noch was kommen.

    Boykott: die dicken Bretter

    Beginnen wir damit, dass Katar keine Demokratie westlichen Zuschnitts ist. Das ist korrekt, aber das waren Argentinien 1978 (okay, schon was länger her) und Russland (2018) ebenfalls nicht. Vom zweifachen Olympia-Ausrichter China wollen wir hier erst gar nicht anfangen. Dass Sportgroßereignisse nur in Rechtsstaaten stattfinden dürfen, wäre zwar einerseits begrüßenswert, andererseits existiert diese Vorschrift nicht und würde zudem zwei Drittel der Länder auf unserem Planeten von vornherein als potenzielle Veranstalter ausschließen.

    Die Rechte der Schwulen und der Frauen: was ist mit denen, wollen Sie jetzt von mir wissen? Die sind beide prekär (also diese Rechte) in Katar. Wobei es mit den Rechten der Schwulen in Russland ebenfalls nicht allzu weit her ist (China weiß ich nicht. Müsste ich googlen). Das war bei der Vergabe 2010 hinreichend bekannt gewesen. An einen Aufschrei damals kann ich mich jedoch nicht erinnern. Das mit den mangelhaften Schwulen- und Frauenrechten am Persischen Golf scheint mir ein recht neuer Boykottgrund zu sen. Btw. wie ist eigentlich Tourismus in Dubai und Abu Dhabi – wo es um diese Rechte nicht besser bestellt ist – zu bewerten? Das ist was völlig anderes? Weiß nicht. Für mich ist das recht ähnlich gelagert.

    Kommen wir nun zum gravierendsten Boykott-Auslöser: der Todesrate auf den katarischen Baustellen. Hier schwanken die Angaben enorm. Die Bandbereite reicht von 3 über 6.000 bis hin zu 15.000. Experten verweisen darauf, dass es kaum möglich ist, eine belastbare Zahl zu ermitteln, da schlichtweg keine Statistik existiert. Soll heißen: man weiß zwar, wie viele Ausländer/Bauarbeiter in Katar pro Jahr sterben. Woran genau sie sterben bzw. wo sie sterben (Baustelle, Hotelzimmer, Krankenhaus), wird von amtlicher Seite nicht erhoben. Sind sie alle auf den WM-Baustellen verunglückt, oder gab’s weitere Tote bei den anderen Großprojekten, die zeitgleich aus dem Sand der Wüste in die Höhe gestampft wurden? Die Menge der wegen der WM verschiedenen Arbeiter wird sicher nicht 3 sein – wie die Behörden in Doha behaupten –, ob es 6.000 oder gar 15.000 sind, weiß jedoch niemand genau. Aber das ausbeuterische Kafala-System, was ist mit dem, fragen Sie jetzt? Ja, das ist großer Mist, eine Form moderner Sklaverei; allerdings üblich auf der Arabischen Halbinsel. In den VAE und Saudi-Arabien geht es genauso zu: da werden die Pässe der ausländischen Arbeiter ebenfalls einbehalten. Macht’s nicht besser, schon klar. Wurde aber alles bereits zum Zeitpunkt der Vergabe 2010 praktiziert. Die FIFA entschied in vollem Wissen des Kafala-Systems pro Katar. Die berechtigte Kritik daran kommt hauptsächlich aus den westlichen Industrienationen. Dass sich Pakistan, Indien, Bangladesch – also die Länder, aus denen die Arbeiter überwiegend stammen – daran stören – davon hört man so gut wie nichts.

    Wer würde davon getroffen?

    Nachdem wir die Gründe für den Boykott aufgelistet haben, wenden wir uns nun der Frage zu, wen wir mit unserem Ich-schau-mir-diese-WM-nicht-an-Protest treffen wollen. Wir können 3 Zielobjekte unterscheiden:

    (A) Katar
    (B) Die FIFA
    (C) Die Sponsoren

    Für Katar wäre es sicher bedauerlich, wenn weltweit die TV-Geräte ausbleiben. Ist ja schon bitter, wenn man höllenmäßig viel Geld für Einkauf und Organisation eines Events ausgibt, das nachher niemand sehen will. Allerdings bezweifele ich stark, dass das im Nachgang zu einem Umdenkprozess hin in Richtung Demokratie & Gewaltenteilung und mehr Rechte für Frauen und Schwule führen würde. Vielmehr steht zu befürchten, dass Katar den Spieß umdreht und dem (christlichen) Westen Arroganz oder gar Diskriminierung der arabischen Kultur und islamischer Werte vorhält. Ein Vorwurf, der in der muslimischen Welt sicher auf fruchtbaren Boden fallen wird.

    Für die FIFA wäre es SEHR ärgerlich, falls die Einschaltquoten in den Keller gingen. Gemäß der einfachen Formel: kleinere Reichweite = weniger Werbeeinnahmen & reduzierte TV-Gelder. Jedoch wird das so nicht eintreten. Dafür schauen dann doch noch zu viele Menschen aus Ländern zu, die sich für unseren deutschen Boykott Nullkommanull interessieren.

    Und die glorreiche Idee, keine Produkte der Sponsoren mehr zu kaufen, was halten Sie davon Herr Kolumnist? Weiß nicht. Die Liste der Sponsoren ist LANG. Stelle mir das von der praktischen Umsetzung her schwierig vor, bei jedem zukünftigen Besuch im Supermarkt erst mal zu überprüfen, ob ich Coca-Cola in meinen Einkaufswagen legen darf und mir im Anschluss einen Big Mac bei McDonald’s reinziehen kann. Was ist mit meinen Sportschuhen von adidas und dem Hyundai-SUV des Nachbarn? Und meine Visa-Card soll ich ab sofort auch nicht mehr benutzen? Kann man natürlich alles fordern, ob’s in der Realität von Erfolg gekrönt ist, gehört stark in die Rubrik Wunschdenken.

    Boykott: Pro & Contra

    Wollen wir abschließend festhalten: Ja, es existieren gute Gründe, die WM 22 zu boykottieren. Egal, ob dieser Boykott in der Praxis das bewirken wird, was den Boykotteuren damit vorschwebt.

    Es gibt allerdings auch Gründe für den Nicht-Boykott. Z.B.:
     Man sollte das Event vom Ausrichter trennen
     Der Otto-Normalo-Fan muss nicht ausbügeln, was die FIFA-Funktionäre verbockt haben
     Und auch die Spieler, für die die Teilnahme an einem WM-Turnier einen Höhepunkt ihrer Karriere darstellt, sollten nicht durch kollektiven Unsere-Mattscheibe-bleibt-schwarz-Aktionismus bestraft werden.

    Wo ich persönlich zwischen diesen beiden Positionen stehe? Ich werde mir die Spiele angucken. Nicht ALLE, wie ich das bei einigen früheren Turnieren (zuletzt 2014 Brasilien, davor 2006 Deutschland) getan habe, aber schon die, die ich spannend finde. Große Vorfreude spüre ich nicht, das Gefühl des Der-ersten-Partie-entgegenfieberns hat sich bisher nicht eingestellt. Ich sehe zum einen aus Gewohnheit (tue ich seit der EM 72) und zum anderen, weil’s mich tatsächlich interessiert. So wie ich seit 50 Jahren ebenfalls an JEDEM Wochenende die Bundesliga schaue und bei der morgendlichen Zeitungslektüre zuerst den Sportteil mit den aktuellen Fußball-News aufschlage. An wilden Partys u/o Autocorsos nach evtl. deutschen Siegen werde ich mich hingegen nicht beteiligen (bin ich mittlerweile eh zu alt für). Und Fahnen oder Wimpel-schwenken war noch nie meins. Bin mehr der stille Fan (Ausnahme: der Effzeh spielt).

    Den Boykott wahrer Fußballfans (wenn sie ihn denn auch tatsächlich bis zum Finale durchhalten) bewerte ich höher als die Boykottaufrufe derjenigen, die keine Ahnung von diesem Sport haben. Merke: je weniger ich mich für Fußball interessiere, desto einfacher fällt mir natürlich die Verweigerung. Bei den Katar-Gegnern lohnt deshalb immer die Frage: wie viel Ahnung hast du jenseits der WM 22 eigentlich vom Fußball?

    Ich respektiere den Boykott, werde also keinen Protestler davon überzeugen wollen, sich gemeinsam mit mir das Spiel Deutschland vs. Spanien anzugucken. Bin mir auch darüber im Klaren, dass die Boykotteure das andersherum nicht so tolerant auffassen und mich zum Sklavenhalter-Regime-Befürworter stempeln werden. Aber ganz ehrlich: mir ist das völlig wurscht. Mein schlechtes Gewissen, weil ich mir ein paar Partien anschauen werde, tendiert gegen Null.

    Ein gewisses Maß an Scheinheiligkeit

    Am Ende dieser Kolumne kann ich es mir allerdings nicht verkneifen, auf eine gewisse Scheinheiligkeit des WM22-Embargos hinzuweisen: denn mit Öl und Gas aus Katar haben wir keinerlei Problem, betteln förmlich darum, dass wir das dort kaufen dürfen und von Protestaufrufen gegen Russland 2018 und Peking 2022 habe ich nichts mitbekommen. Was mich schlussfolgern lässt, dass wir lieber kleine als große Schurkenstaaten boykottieren. Mit Atommächten wollen wir es uns nicht verscherzen, während wir einem kleinen arabischen Ausrichter mal demonstrieren möchten, wo der westlich-aufgeklärte Hammer hängt?

    Diese WM hätte nie an den Golf vergeben dürfen. Nun ist sie aber dort und sollte halbwegs in Ruhe durchgeführt werden können, ohne Fans und Spieler in Sippenhaft für merkwürdige Entscheidungen der Funktionäre zu nehmen. Und ja: die Vergabepraxis der FIFA gehört dringend auf den Prüfstand.

    Und nun wünsche ich den Boykotteuren eine sinnvolle Alternativbeschäftigung und uns Fans spannende vier Wochen.

    PS. Orangensaft aus Südafrika trinke ich weiterhin nicht. Was aber v.a. daran liegt, dass der Supermarkt, in dem ich meinen Orangensaft kaufe, die Orangen aus anderen Herkunftsländern bezieht.

  • Von Kartoffelbrei & Sekundenkleber oder …

    Von Kartoffelbrei & Sekundenkleber oder …

    Das Klima geht den Bach runter. Wer will das noch ernsthaft bezweifeln? Die Sommer werden immer heißer, es regnet wochenlang keinen einzigen Tropfen und wenn es dann mal wieder regnet, schüttet es wie aus Kübeln und man bekommt einen Eindruck davon, wie sich Noah und seine Familie kurz vor Eintreten der Sintflut gefühlt haben müssen. Die Winter im Rheinland taugen nichts mehr [wobei die Winter bei uns noch nie viel getaugt haben] und gehen Ende April nahtlos in den zu früh beginnenden Sommer über. Ob das nun an temporären oder chronisch durcheinandergeratenen Wetterfronten liegt oder sich das Klima in Gänze in den letzten Jetstream-Zügen befindet – darüber mögen Experten streiten. Für mich als Klimalaien und Boomer steht jedenfalls fest: Früher war nicht alles besser, aber das Wetter war schon schöner (iSv. weniger extrem) als heute, und als Kinder konnten wir im Winter im Siebengebirge noch Schlitten fahren.

    Ob man gegen den vom Trab mittlerweile in Sprintgeschwindigkeit gewechselten Klimawandel was tun kann – darüber wird erbittert gestritten. Viel kann man dagegen tun, sagen die einen. Gegen das Klima kann man nicht sinnvoll ankämpfen, behaupten die anderen. Von der Fraktion, die den Wandel komplett leugnet, hier mal völlig abgesehen. Ich befinde mich irgendwo mittig zwischen den beiden erstgenannten Positionen: Ja, man kann was aktiv tun. Z.B. wie ich bei vielen Dingen Konsumverzicht üben (was mir als Minimalist, der außer ner Schreibmaschine, nem Bett und Facebook kaum was braucht) zugegebenermaßen einfach fällt). Und nein: es wird trotzdem nicht richtig funktionieren. Es wird deshalb nicht richtig funktionieren, weil zum einen nicht alle mitmachen – und es müssen VIELE und SCHNELL mitmachen, wenn wir die kritischen Kipppunkte, bei deren Überschreiten dann eh alles zu spät ist, haarscharf vor der 1.5-Grad-Grenze vermeiden möchten –, und zum anderen niemand mit Gewissheit sagen kann, ob das Klima, selbst wenn wir den CO2-Ausstoß bereits heute weltweit auf Null runterfahren, sich nicht dennoch (drastisch) ändern wird. Für mich persönlich ist die Frage, wie werden wir mit dem Wandel umgehen, mithin die wichtigere als die, wie wir ihn eventuell noch verhindern können. Das erste ist pragmatisch, das zweite überwiegend Wunschdenken.

    Letzte Generation: schon der Name ist drüber

    Nun sehen das natürlich nicht alle so wie ich und folglich gibt es zum Thema Klima viel Diskussionsbedarf und jede Menge Aktivismus. Besonders in den Vordergrund spielt sich dabei seit einiger Zeit eine Gruppierung, die unter dem apokalyptischen Namen Die letzte Generation firmiert. Schon darüber könnte man diskutieren: denn auch auf diese angeblich letzte werden ganz sicher noch viele weitere Generationen folgen, bis die Menschheit entweder auf den terrageformten Mars übersiedelt oder sich gegenseitig ausgerottet haben wird. Ich taxiere dieses Ereignis auf das Jahr 2525.

    Aber um den Namen dieser Gruppe soll es in dieser Kolumne nicht gehen. Wir wollen uns lieber mit ihren Aktionen beschäftigen.

    Was also tun Jünger der Letzte-Generation-Sekte, wenn sie den Planeten vor dem Untergang bewahren möchten? Sie verfügen für die Weltrettung über ein dreigliedriges Instrumentarium – sie:
    (A) kleben sich irgendwo fest
    (B) beschmieren Hauswände
    (C) bewerfen Gemälde mit Kartoffelbrei
    [Anmerkung des Lektors: (D) hin und wieder containern sie und verschenken diese Lebensmittel an Bedürftige].

    3 Aktionsformen: alle 3 infantil

    Mal völlig losgelöst von der Schwierigkeit, einen direkten Zusammenhang zwischen einem mit Erbsensuppe bekleckerten van Gogh und dem aus Aktivistenperspektive notwendigen Stopp der Verfeuerung fossiler Energieträger zu erkennen, verstört v.a. die Monotonie der ständigen Wiederholung. Nach spätestens 3x auf die Straße kleben haben wir ja verstanden, dass es Menschen gibt, die sich Tag und Nacht vor der alsbald bevorstehenden Klimaapokalypse fürchten. Da braucht’s nun wirklich keine Dauerschleife. Die, die es verstehen wollen, haben es beim dritten Mal geschnallt und die anderen werden es auch nach 1000 Wiederholungen nicht begreifen (wollen). Es ist wie mit der Werbung für ein Reizdarm-Heilmittel, die seit gefühlt 10 Jahren gefühlt jeden Abend unmittelbar vor der 20h-Tagesschau über den Bildschirm flimmert: die tägliche Erinnerung an unseren (Reiz-) Darm und das (angeblich) Heilung spendende Mittel nervt gewaltig, die Sache verkehrt sich in ihr Gegenteil. Selbst anfangs gutwillige Betrachter/potenzielle Käufer wenden sich gelangweilt ab oder reagieren aggressiv, wenn sie bloß den Namen „Kijimea“ bzw. „Letzte Generation“ hören.

    Ich mein‘, wer jede Woche in Berlin kilometerlange Staus verursacht oder historische Gemälde mit Pattex besudelt, der kann sich doch nicht ernsthaft darüber wundern, dass die Mitbürger, die sich nicht 24/7 vor der Klimakatastrophe ängstigen, so langsam ans Ende ihrer Geduld geraten. Wie kann man sich als Ich-kleb-mich-überall-wo-es-mir-passt-fest-Aktivist bestürzt zeigen, dass BILD und der restliche Boulevard dies zum Anlass für polemische Artikel nehmen? Weiß man das als Apokalypse-Junkie nicht vorher? Wer berät denn diese Jünger:innen? Und nicht jeder, der Kartoffelbrei-Attacken kritisiert, hasst deshalb gleich diejenigen, die damit um sich werfen oder negiert gar die Notwendigkeit der Energiewende. Manchmal ist es einfach bloß Kritik an einer Vorgehensweise, die als grenzwertig, wenn nicht schon deutlich drüber, erachtet wird.Und auch mit (scharfer) Kritik muss man als Sekundenkleber-Guerilla irgendwie umgehen können. Im Vergleich zu dem, was die Letzte Generation aufführt, waren/sind die Aktionen von Greenpeace geradezu Gold.

    Tomatensuppe auf van Gogh = Instagram-Aktionismus

    Sind wir mal ehrlich: sich auf Straßen pappen, Häuserwände mit dümmlichen Slogans bekritzeln und Tomatensuppe auf van Gogh werfen, ist Instagram-Aktionismus. Ein paar „schöne“ Bilder für die Follower generieren, die mit ein paar nicen Hashtags hochladen, dann zurück nach Hause, dort den Sekundenkleber von den Händen scheuern, warm duschen, sich an Mamas/Muttis Tisch setzen, die Bio-Makkaroni schmecken lassen, dann noch eine Episode „The walking dead“ auf Netflix schauen, bevor man/frau sich angenehm erschöpft und rundum mit sich und der heutigen Kartoffelbrei-Performance zufrieden ins Bett legt und dort vor dem Einschlafen noch ein bisschen vor der bald nahenden Klimakatastrophe gruselt. Es ist ein Statement von Wohlstands-Kindern gegen die Wohlstandsgesellschaft, in der sie sozialisiert wurden. Kann man okay und notwendig finden. Man kann’s aber auch Scheiße und am Thema vorbei finden.

    Lieber ein Jahr unter Pinguinen leben

    Würde einer von denen nen Köpper von einem Eisberg in das (zu warme) Polarmeer machen oder in Sandalen und kurzer Hose die (sich ebenfalls galoppierend erwärmende) Antarktis durchqueren, um so auf die steigenden Temperaturen und die Polschmelze aufmerksam zu machen – meine Hochachtung und Respekt wären ihm/ihr gewiss. Aber diese infantile Kleberei und Erbsensuppen-Werferei als Social-Media-Challenge-Spielart von Umwelt-Alarmismus kann ich echt nicht ernstnehmen. Es ist wie beim Klingelmännchen: Wenn man das als ein für Warnsignale nicht empfänglicher Schwachkopf immer wieder praktiziert, wird irgendwann einer, den das tierisch nervt, einem eine kleben. Und dann bin ich gespannt, was die Klebe-Aktivisten von diesem Kleben halten werden.

    Auch wenn die Klimaapokalypse (angeblich) schon kurz vor Brunsbüttel steht, sollten wir dennoch bei unseren Das-Ende-ist-nah-Geißlerzügen ein Mindestmaß an Public-Relations-Intelligenz walten lassen. FFF und mit Eisbären um die Wette schwimmen oder ein Jahr allein unter Pinguinen leben stellen legitime Ausdrucksformen von Klimabesorgnis dar; Museen mit Kartoffelbrei verunstalten und sich im Wochenrhythmus in Berlin auf der A100 festkleben, sind jedoch definitiv drüber. Nicht alles, was sich selbst das Gütesiegel „Ziviler Ungehorsam“ verleiht, ist deshalb zwangsweise notwendig oder vernünftig. Mitunter wird sogar das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich erreichen will.

    PS. an den Lektor: Aktionsform (D) scheint mir noch die sinnvollste von allen zu sein. Die wird allerdings wenig beworben von der Gruppe, sodass man davon als Kolumnist und Klimalaie erst beim Lektorat erfährt. 

  • Spielsucht: ein sträflich unterschätztes Phänomen

    Spielsucht: ein sträflich unterschätztes Phänomen

    Eine Sucht, die oft lautlos und für Außenstehende kaum bemerkbar daherkommt, ist das Glücksspiel. Dass man da Haus und Hof und Ferrari verzocken kann, weiß zwar jeder, der schon mal Dostojewskis „Der Spieler“ gelesen oder den Film „The Gambler“ mit Mark Wahlberg auf Amazon Prime gesehen hat; jedoch ist es für Dritte häufig schwer, die Poker- oder Einarmiger-Banditen-Leidenschaft eines Verwandten oder Bekannten zu erkennen, denn der Spieler ist ein Meister darin, seine Abhängigkeit zu verschleiern. Erst, wenn Haus und Hof tatsächlich verzockt sind, und der Ferrari (angeblich) seit 12 Monaten in der Reparaturwerkstatt steht, werden manche Freunde deshalb erstaunt fragen: „DU zockst? Und bist jetzt komplett blank? Warum hast du uns davon nie ein Sterbenswort gesagt?“

    Weshalb schreibt der Hirsch jetzt über Glücksspielsucht, wollen Sie wissen? Gibt’s im Moment keine dringenderen Themen? Zockt der Hirsch etwa selber und sucht mittels Kolumne nach Sponsoren? Zuzutrauen wär’s ihm ja. Ich kann Sie beruhigen oder muss Sie enttäuschen (suchen Sie es sich aus): Nein, ich zocke nicht. Ich war in meinem bisherigen Leben insgesamt ein halbes Dutzend Mal in einem Spielcasino, habe in Kneipen und Spielhallen vielleicht zwei Dutzend Mal Geld in einen Automaten geworfen und saß 3x an einem (realen) Pokertisch. Ich hab‘ – lange ist’s her – ein paar Mal Skat um einen Pfennig (oder war’s ein Zehntelpfennig?) pro Punkt gespielt, mich in den 80-ern einige Monate in einer Kölner Zockerkneipe an den Backgammon-Würfeln probiert und habe hin und wieder einen Lotto- oder Totoschein ausgefüllt. Bei keinem dieser Versuche bin ich reich geworden, in 90 Prozent der Fälle verlor ich Geld, nichts davon hat mir einen richtigen Kick gegeben, nichts davon triggert mich. Am schwierigsten war es, vom Backgammon loszukommen, weil ich die Kellnerin, die uns die halbe Nacht mit Kaffee und Cola versorgte (keinen Alkohol beim Spielen trinken!), echt sexy fand. Aber als die hübsche Bedienung den Job wechselte, stand auch ich endgültig vom Zocker-Tisch auf. Seitdem habe ich nirgendwo mehr auch nur 1 müden Cent in ein Glücksspiel investiert.

    Okay, dass Sie selber nicht zocken, haben wir nun verstanden, Herr Kolumnist. Weshalb schreiben Sie dann darüber: sind Ihnen die anderen Themen ausgegangen, ist Ihnen langweilig? Ich schreibe darüber, weil das Glücksspiel wie eine grob fahrlässig unterschätzte Pandemie auf dem Vormarsch ist, und ich in letzter Zeit immer mehr Gefährdete kennenlerne. Wobei das nicht ganz stimmt: Ich kenne diese Menschen schon seit einer halben Ewigkeit. Bloß war mir lange nicht bewusst, dass sie in diesem Ausmaß spielen. Bei einigen ahnte ich es, bei manchen blieb mir deren Sucht jedoch komplett verborgen. Um an dieser Stelle konkret zu werden: Wir reden von Menschen (überwiegend männlich), die JEDEN Tag mehrere Stunden in Spielhallen oder virtuellen Casinos abhängen. Oder beides abwechselnd tun. Die zwar noch nicht Haus & Hof verzockt haben, aber mitunter kurz davor stehen, weil sie ihre Kreditraten nicht mehr pünktlich begleichen können. Die jetzt beginnen, ihre Freunde anzupumpen, damit die Immobilie gerettet werden kann. Wenn das geborgte Geld tatsächlich für die Kreditrate verwendet wird, dann wär’s halbwegs okay. Nicht selten wird der Betrag allerdings sofort wieder auf den Online-Roulettetisch geschmissen, in der irrigen Annahme, dort in einer Kamikaze-Aktion binnen 1 Nacht alle Verluste wieder zurückzuholen. Am Ende ist das Haus – samt der darin lebenden Familie – tatsächlich futsch und man kann den Kumpel dann nur noch zur Schuldnerberatung und zum Gerichtsvollzieher chauffieren (weil sein eigenes Auto längst verpfändet ist). Ich hoffe, das reicht als Begründung für eine Glücksspielsucht-Kolumne erst mal aus.

    Glücksspiel: ein paar Zahlen

    Aber der Reihe nach: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) analysiert im Jahresrhythmus das sogenannte pathologische (krankhafte) Glücksspiel und meldet für 2020 (letzter Erhebungszeitraum) folgende Zahlen: Auf dem legalen deutschen Glücksspielmarkt (alle Anbieter, sämtliche Angebote) wurden 38.3 Mrd. Euro umgesetzt. Der Löwenanteil mit knapp 50 Prozent entfiel hierbei auf die gewerblichen Geldspielautomaten. Auf den Plätzen rangieren: Lotto & Toto (20.7%), Spielbanken (16.4%) und Sportwetten (11.6%). Der Rest verteilt sich auf: Fernsehlotterie, Prämien- & Gewinnsparen, Klassenlotterie, Postcode-Lotterie sowie Pferdewetten. Hinzu kommt der nicht-regulierte Markt, der von Experten auf eine Größenordnung von 1.6 Mrd Euro Bruttospielertrag (Umsatz nach Abzug der ausgeschütteten Gewinne) geschätzt wird, was circa 6 bis 7 Milliarden an Spieleinsätzen entspricht. Illegale Glücksspielangebote findet man überwiegend online und hier in Form von: Sportwetten, Casinos, Poker und Zweitlotterien. Illegal bedeutet, dass diese Anbieter über keine deutsche Lizenz verfügen. Die Casinos – auch wenn das Angebot in deutscher Sprache präsentiert wird – befinden sich auf Malta, Zypern, Curacao oder in Gibraltar. Es gilt die Regel: egal, wie lukrativ die Ausschüttungsquote auch sein mag – ohne deutsche Lizenz ist das Angebot illegal.

    2020 war ein Jahr rückläufiger Glücksspieleinsätze. Verursacht v.a. durch die COVID-19-Pandemie, weshalb speziell die stationären Betreiber von diesem Umsatzeinbruch betroffen waren. Als Konsequenz resultierte daraus eine Verschiebung der Anteile von 85 zu 15 (2019) auf 80 zu 20 (2020). D.h. jeder fünfte Spiel-Euro wandert mittlerweile auf die Tische der Online-Casinos. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Die drei – aus Spielerperspektive – Haupttreiber der Entwicklung sind: Anonymität, Ubiquität (man kann überall und zu jeder Uhrzeit teilnehmen) und die (angeblich) höheren Gewinnchancen.

    Die Online-Community wächst schnell

    Die DHS führt jährliche Umfragen zum Thema „Glücksspiel“ durch: 2021 gaben knapp 30 Prozent der Befragten an, mindestens 1x/Jahr an einem Glücksspiel teilzunehmen. Circa 10% spielten mehrmals. Knapp 5 Prozent der Bevölkerung (Altersgruppe: 16 bis 70 Jahre) wetteten auf Sportereignisse, 2% spielten an Geldautomaten, weitere 2% beteiligten sich an Online-Casinospielen, 1.3% waren in Spielbanken aktiv.

    Die DHS geht von 2.3 Prozent Betroffenen (gesamte deutsche Bevölkerung, im Altersintervall zwischen 16 und 70 Jahren) aus, bei denen eine akute Tendenz hin zu „Störung durch Glücksspiel“ besteht. Nochmals aufgeteilt in: leichte, mittlere Störung und schwere Störung. Nimmt man bloß die Spieler mit schwerer Störung in den Fokus, so beläuft sich bereits deren Anzahl auf rd. 300.000 (krankhafte) Zocker. Die mittelschweren Fälle dazu addiert, reden wir von 700.000 Menschen in unserem Land, die beständig mehr spielen, als es ihrer Psyche und ihrem Portemonnaie guttut. Und das sind nur diejenigen, die ihre Abhängigkeit offen zugeben. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Besonders besorgniserregend ist dabei der Umstand, dass sich der Online-Casinomarkt von 2019 auf 2020 mehr als verdoppelt hat. Experten prognostizieren alleine für Deutschland demnächst 10 Milliarden Euro Einsätze bei virtuellen Spielangeboten. Die Community der Online-Zocker wächst kontinuierlich. Auf den illegalen Plattformen wird Spielerselbstschutz klein geschrieben. Kaum ein ausländischer Betreiber hält sich an das 1.000-Euro-max.-Budget/Monat.

    Warum zockt der Zocker?

    Im Gegensatz zum Teamspiel (z.B. Basketball) spielt jeder Glücksspieler für sich alleine entweder gegen ein Gerät, einen Bildschirm, eine „Bank“ oder einen Automaten. Dabei baut sich eine kurzfristige, als positiv empfundene Spannung auf (die Erwartung auf den möglichen Gewinn), die sich nach einigen Sekunden jedoch schon wieder verflüchtigt. Um das Gefühl rasch zu wiederholen, wird sofort neues Geld gesetzt. Und zwar so lange, bis entweder die Taschen leer sind oder die Kreditkarte am Limit angelangt ist. Den Suchtfaktor stellt dabei gar nicht der Gewinn dar (der oft sofort „reinvestiert“ wird), sondern das Risiko der unsicheren Erwartung verleiht dem Zocker den eigentlichen (Dopamin-) Kick. Sobald dieses Glücksgefühl häufig gesucht wird und das Zocken – sowie die dafür notwendige Mittelbeschaffung – den Tagesablauf bestimmen, spricht man von Sucht.

    Etwas vereinfacht zusammengefasst – pathologisches Spielen erkennt man an diesen vier Faktoren:
    1. Ich kann mit dem Spielen erst aufhören, sobald ich kein Geld mehr habe
    2. Verlieren empfinde ich als persönliche Niederlage, die ich (schnell) wettmachen möchte
    3. Ich denke oft ans Glücksspielen und empfinde einen inneren Spieldrang
    4. Zur Geldbeschaffung habe ich schon andere Menschen belogen und betrogen (und evtl. bestohlen).

    Wer ist besonders gefährdet?

    Generell gilt: es spielen mehr (v.a. junge) Männer als Frauen. Wobei Anzahl und prozentualer Anteil der spielenden Frauen – begünstigt durch die Anonymität der Online-Angebote – ständig zunehmen.

    Wie bei jeder Sucht stellt die Sozialisation im Elternhaus einen wichtigen Faktor dar. Wenn bereits die Eltern (krankhaft) spielen, dann sind die Nachkömmlinge in der Konsequenz stärker gefährdet als Kinder, die in nicht-zockender Umgebung aufwachsen. Die zweite Gruppe, die anfällig ist, zeichnet sich durch eine Gemütsverfassung aus, die von ständiger nervöser Anspannung im Verein mit geringem Selbstwertgefühl dominiert wird. Das innere Erleben durch ein entgegengesetztes Auftreten zu kompensieren, zehrt an den Kräften. Am Spielautomat/-tisch fällt all das vom Süchtigen ab; hier kann er seine Unruhe abreagieren und ist vollständig konzentriert auf das Geschehen, das seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Das Gegenüber ist neutral, und nicht am Spieler als Person interessiert, ihm muss nichts vorgegaukelt werden. Dafür spielt das Gegenüber allerdings dem Süchtigen was vor: nämlich eine faire Chance auf einen schnellen Gewinn.

    Am Ende hilft nur Abstinenz

    Der erfahrene Spieler ist sich seiner geringen Chance, die er gegen das Gerät/die „Bank“ besitzt, zwar durchaus bewusst; dennoch gibt er sich der Illusion hin, dass er den Automaten austricksen kann und alles unter Kontrolle hat. Wer es nicht schafft, selbständig loszulassen oder sich rechtzeitig in eine Therapie zu begeben, dem drohen finanzieller Ruin, Verlust sämtlicher freundschaftlicher und familiärer Kontakte, im Extremfall sogar soziale Verwahrlosung und gesundheitliche Probleme. Nicht wenige Zocker müssen, um überhaupt noch schlafen zu können oder zwischendurch ein paar Stunden Ruhe zu finden, sich mit Alkohol u/o Tranquilizern betäuben. Pathologisches Spielen begünstigt definitiv den Substanzmissbrauch, sodass Zocker oft von zwei Dingen „entgiften“ müssen: der Droge (Alkohol, Tabletten, Kokain etc.) und ihrer fatalen Spielleidenschaft. Wie bei jeder Suchterkrankung gilt auch fürs Zocken die eiserne Regel: Heilung kann nur derjenige erfahren, der dauerhaft abstinent bleibt i.S.v. Investiert nie mehr 1 Cent in ein Glücksspiel. Andernfalls droht sofort der Rückfall.

    An dieser Stelle stoppe ich erst mal. In Teil 2 werden wir uns mit der Frage „Welche Spielformen sind besonders suchtgefährdend? (also das Crack unter den Amphetaminen)“ beschäftigen. Für heute wollen wir festhalten:
    ▪ Die Zockerei geschieht häufig im Verborgenen
    ▪ Das Spiel verlagert sich konsequent in die Online-Casinos
    ▪ Die virtuellen Plätze sind sehr viel schwerer zu kontrollieren als die stationären Betreiber
    ▪ Anonymität & Ubiquität des Online-Angebots verleiten immer mehr Menschen dazu, hohe Beträge im Internet zu riskieren
    ▪ Die Anzahl pathologischer Spieler steigt beständig.
    +++

    Weiterführende Literatur:
    / DHS: Jahrbuch Sucht 22 (hier das Kapitel „Glücksspiel – Zahlen und Fakten“)
    / DHS: Pathologisches Glücksspielen (Suchtmedizinische Reihe, Band 6)
    / Schneider, Ralf: Die Suchtfibel, 21. Aufl. (Kap, „Wie wird jemand zum problematischen Spieler?“)

  • 3. Oktober – brauchen wir den?

    3. Oktober – brauchen wir den?

    „Wir sehen uns am Dienstag wieder“, sage ich vergangenen Freitagnachmittag zu einem Bürokollegen.
    „Warum am Dienstag? Hast du Montag Urlaub?“, fragt er.
    „Montag ist ein Feiertag.“
    „Welcher denn?“
    „Tag der Einheit.“
    „Ach, dieser Feiertag ist am Montag. Prima, da kann ich länger im Bett bleiben und nach dem Frühstück 2 neue IKEA-Regale aufbauen … dann sehen wir uns am Dienstag wieder.“

    Nun ist dieses kleine Bürogespräch sicher nicht repräsentativ für den Wissensstand des Durchschnittsbürgers; es spiegelt jedoch anekdotisch ganz gut wider, welchen Stellenwert der 3. Oktober bei vielen Deutschen heutzutage besitzt: Er ist auf den Status eines Mitnahme-Feiertags abgesunken. Vergleichbar mit Pfingstmontag, Fronleichnam, dem 1. Mai oder dem 1. November. Kaum ein Mensch weiß so ganz genau, was an diesen Tagen eigentlich gefeiert wird, aber es ist trotzdem schön, dass die Daten im Kalender stehen, weil wir da länger schlafen und IKEA-Regale zusammenschrauben können.

    Aufbruchstimmung lange verflogen

    Die Aufbruchstimmung, die anfangs herrschte und die der zum Feiertag erklärte 3. Oktober eindrucksvoll nach innen und außen demonstrieren sollte, ist mittlerweile komplett verflogen. Galt es in den 90-er Jahren noch als aufregend, dass etwas völlig Unerwartetes geschehen war, freuten sich West & Ost gleichermaßen darüber, wieder vereint zu sein, so herrscht heute ermüdendes Verteilungskleinklein vor: Wer bekommt wie viel aus dem Steuerkuchen überwiesen? Wohin sollen die Transfermilliarden fließen? Es ist auch keine patriotische Begeisterung wie am 4. Juli in den USA oder zehn Tage später in Frankreich an deren nahezu heiligen Nationalfeiertagen zu spüren. Stattdessen beschränken wir uns auf lokale folkloristische Events, die jedes Jahr von Bundesland zu Bundesland wandern und bekommen eine – in weiten Teilen stets gleichlautende – Rede unseres Präsidenten (oder Kanzlers oder BT-Präsidenten oder wer auch immer vom politischen Spitzepersonal dafür gerade Zeit und Muße hat) vorgesetzt. Damit erreicht man schätzungsweise 5 Prozent der Bürger. Der Rest der Bevölkerung schläft am 3. Oktober etwas länger und schraubt nach dem Frühstück 2 IKEA-Regale zusammen. Man kann es positiv als neudeutsche Unaufgeregtheit oder negativ mit Feiertags-Lethargie umschreiben.

    Fürs Aufkommen bzw. Nicht-Aufkommen einer flächendeckeckenden Euphorie kommt erschwerend hinzu, dass Ost & West seit der Jahrtausendwende emotional eher auseinander driften als näher zusammenzufinden. Die Unzufriedenheit des Ostens mit der deutschen Demokratie wächst von Jahr zu Jahr. Der aktuelle Jahresbericht des Ostbeauftragten der Bundesregierung liefert niederschmetternde Ergebnisse: Nur 39 Prozent der Menschen im Osten haben Vertrauen in unsere Demokratie. 2020 waren es noch 48% gewesen. Zwar sind die entsprechenden Werte im Westen ebenfalls nicht berauschend; jedoch liegen sie deutlich höher als jenseits der Elbe. Nur noch ein Viertel der Menschen im Osten ist mit der sozialen Gerechtigkeit glücklich. Oha!, denke ich. Da fehlt nur noch ein Funken und das Ganze fliegt uns um die Ohren. Fleißig marschieren tun sie ja schon wieder in Dresden, Leipzig, Ostberlin und in zahlreichen Provinznestern in Sachsen & Co. Die wiederbelebten Montagsdemonstrationen wurden allerdings längst gekapert von Pegidisten und Querfrontlern. Statt „Wir wollen höhere Löhne!“ skandieren die sogenannten Spaziergänger Sprüche wie: „Weg mit den Russlandsanktionen!“, „Verhandlungen jetzt!“, „Raus aus der NATO!“. Der Bocksgesang des im Osten viel stärker als im Westen verwurzelten Antiamerikanismus schwillt zunehmend an.

    Nun mag es durchaus Gründe geben, weshalb der Osten frustriert ist. Geringeres Lohnniveau, weniger Rente im Alter, zu viele Westimporte an den Schaltstellen von Wirtschaft & Verwaltung, Braindrain, ganze Landstriche sind entvölkert. Allerdings liegt die Bruttowertschöpfung in den neuen Ländern deutlich unterhalb der im Westen, woraus dann logischerweise geringere Löhne und Renten resultieren. Kann man Scheiße finden; man sollte dann aber erst mal an der Verbesserung der Wertschöpfung arbeiten, anstatt über – häufig eingebildete – Ungerechtigkeiten zu lamentieren.

    Die Treuhand ist an allem schuld

    Und natürlich ist nach wie vor die Treuhandanstalt an allem schuld. Die hätte der (angeblich) intakten DDR-Wirtschaft den Garaus gemacht. Zur Erinnerung: Die THA war Anfang der 90-er Jahre die Behörde (übrigens von der letzten DDR-Regierung ins Leben gerufen), die mit vielen Milliarden (westlicher) Steuergelder die maroden Ostbetriebe aufgepimpt und dann an Investoren (die ebenfalls aus dem Osten stammen konnten. Stichwort: MBO/Management-buy-out) „verkauft“ hat. Verkauft deshalb in Anführungszeichen, weil es sich dabei zum weit überwiegenden Teil um Zuschussgeschäfte handelte. Oft lag der Verkaufspreis bei 1 symbolischen Mark – vorher war allerdings ne Menge Kohle in die Sanierung bzw. Fit-für-den-Markt-Machung des Verkaufsobjektes geflossen–; wofür der Erwerber im Gegenzug bloß in eine mehrjährige Beschäftigungsgarantie einzuwilligen brauchte. Dass dabei mitunter Fehler (Bonität der Investoren nicht ausreichend geprüft, schwarze Schafe in der Treuhand) unterliefen – geschenkt. War/ist eine Sache der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass bei einer großen Menge Transaktionen auch ein paar schiefgelaufene darunter sind.

    Was wären die Alternativen gewesen? Tausende völlig heterogene Betriebe jahrelang unter staatlicher Obhut belassen? Die Angelegenheit aussitzen und in Ruhe abwarten, bis die Ost-Unternehmen alle pleite sind? Oder aber – Möglichkeit 3 – die Währungsunion hinauszögern und so die Wettbewerbsfähigkeit auf den früheren Comecon-Märkten eine Zeit lang sicherstellen? Da aber der gesamte Osten die SCHNELLE Einführung der D-Mark forderte, wurde sie schnell eingeführt. Dass aus der Übernahme der D-Mark unweigerlich der Zusammenbruch der maroden DDR-Ökonomie resultierte – das wurde 1990 von einigen Experten klar vorhergesehen. Deren Warnungen wollte aber niemand wahrhaben. Und so trat die Treuhand in Aktion, die versuchte, den harten Transformationsprozess von der Plan- in die Marktwirtschaft einigermaßen abzufedern. Im Großen und Ganzen hat die Behörde diesen Job gut gemacht.

    Hatte Lafontaine doch recht?

    Statt die Sache zu nehmen, wie sie ist und sich zu freuen, dass man heute in einem freien Land und materiell weit besser ausgestattet als vor 1989 lebt, wird stattdessen lieber über gebrochene Lebensläufe und (eingebildete) Unfreiheit geklagt. Kann man tun; jedoch darf man sich dann nicht wundern, dass mancher Westler (bspw. der Autor dieses Textes) dieser Jammerei irgendwann überdrüssig wird und sich ab und an fragt, weshalb wir 1990 nicht auf Oskar Lafontaine gehört haben, der auf die ökonomischen Risiken der Turbogeschwindigkeit-Vereinigung hinwies und stattdessen die Lösung „2 Staaten auf deutschem Boden, die sich schrittweise annähern“ propagierte. Was wir damals alle unterschätzten, ist der Umstand, wie zäh der Prozess vonstattengeht, bis Menschen, denen 56 Jahre lang bloß Diktatur bekannt war, sich von einem staatlich großenteils durchgeplanten an ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben umgewöhnen. Das scheint im Zeitlauf 1 Generation nicht möglich zu sein. Weshalb also weiterhin Geduld gefragt ist. Denn rückgängig können wir die Sache nicht mehr machen. Jetzt gilt die Devise: Augen zu und irgendwie durch.

    Während ich in den 90-er Jahren hinsichtlich Wiedervereinigung ein Optimist war, von der raschen Verschmelzung beider Welten felsenfest überzeugt , bin ich mittlerweile ins Lager der Pessimisten übergewechselt: Einen zufriedenen Osten werde ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr erleben. Man kann diesbezüglich schon froh sein, wenn bei einer Landtagswahl die AfD nur zweitstärkste Kraft wird und die „Spaziergänger“ halbwegs friedlich bleiben, während sie Querfront-Parolen grölen.

    Ich werde den 3. Oktober deshalb so begehen wie in den vorherigen Jahren: länger schlafen und nach dem Frühstück eine Kolumne (diese hier) tippen. Manchmal denke ich, an einem dritten Weihnachtsfeiertag hätten wir mehr Freude als von diesem blutleeren Tag der Einheit.

  • Trigger-Alarm: notwendig oder Zeitgeistmarotte?

    Trigger-Alarm: notwendig oder Zeitgeistmarotte?

    Seit einiger Zeit zeigt mir Amazon Prime, wenn ich mir dort einen ü18-Film aussuche, diese Textzeile: „Achtung: Rauchen, Drogenkonsum, Alkohol, Nacktheit, Schimpfwörter, sexuelle Inhalte, Gewalt.“

    Boh!, dachte ich beim ersten Mal. Das ist aber wirklich klug von den Amazon-Leuten, wie sie diese kritischen Inhalte aus dem Film extrahieren; da steckt bestimmt ne superschlaue K.I. dahinter. Als ich den identischen Hinweis zum fünften Mal sah, begriff ich, dass es sich um eine Standard-Textzeile handelt. Und spätestens beim zehnten Mal habe ich es gar nicht mehr gelesen.

    Warnhinweise: inflationsartige Vermehrung

    Solche Warnungen gibt’s ja mittlerweile inflationsartig: als Nachspann „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ zu Baldriantropfen, Reizdarm-Blockern und Schmerzsalben im TV, auf Zigarettenpackungen, die mit drastischen Sätzen zzgl Ekelbildern garniert sind, als Nutri-Score bei hochkalorischen Lebensmitteln und ebenfalls in Audio-Form: „Bitte achten Sie beim Ausstieg auf den Abstand zwischen Zug und Bahnsteig!“ (im engl. Original etwas knackiger: „Mind the gap!“) , sobald man die U-Bahn verlässt. Gebrauchsanleitungen enthalten seitenlange Vorspänne, worauf man alles achten muss, wenn man ein IKEA-Regal zusammenschraubt oder eine Batterie in eine Fernbedienung einlegt. Und man fragt sich als älterer Mensch manchmal, wie das früher ohne diese Hinweise funktioniert hat. Da sind anscheinend zig Millionen Menschen weltweit gestorben, weil sie die Schrauben und die Batterien runtergeschluckt haben, anstatt sie in die Regale einzubauen bzw. in die Fernbedienungen reinzutun.

    Jetzt ist ja gegen Warnungen auf Zigarettenpackungen und bei überzuckerten Lebensmitteln prinzipiell nichts einzuwenden; obwohl man sich hin und wieder fragt, weshalb dasselbe nicht ebenfalls beim Alkohol und den Sozialen Medien praktiziert wird. Und die Alterseinschränkungen ü18 und ü16 sind ebenfalls nicht verkehrt, auch wenn die nicht immer stringent angewendet werden. Mancher Zombie-Film, der als „für Jugendliche tauglich“ eingestuft ist, müsste eigentlich den Hinweis „Frühestens mit 40 und nur, wenn Sie über einen robusten Magen verfügen“ versehen werden. Während einige lauwarme ü18-Erotikstreifen sicher ebenfalls für frühreife Teenager geeignet wären. Aber vom Grundsatz her ist die FSK-Einsortierung schon okay.

    Nun reichen Alterseinstufungen, Beipackzettel in Medikamentenpackungen, Warnungen vor Nikotin und Lebensmittelampeln jedoch bei weitem nicht aus, um den postmodernen Hinweishunger zu stillen. Gemäß dem Motto „Der Trigger lauert immer und überall“ werden wir mittlerweile von einer wahren Springflut an Warnungen überschwemmt. Als neues Betätigungsfeld haben die Hinweis-Pädagogen Bücher entdeckt; und hier erst mal den Teilbereich „Belletristik“. Nun gab’s auch bei Romanen schon lange die Alterseinschränkung, manche durften nur unter dem Ladentisch verkauft werden und einige durften sogar überhaupt nicht verkauft werden. Mütter wussten, dass „Die Geschichte der O“ kein altersadäquates Geburtstagspräsent für die 14-jährige Tochter ist, Väter ahnten, dass sie Pornohefte besser heimlich alleine durchblättern, als sie mit der gesamten Familie zu teilen. Und notfalls konnte man sich beim vielbelesenen Bürokollegen erkundigen, ob Millers „Opus Pistorum“ als Mitbringsel für eine Grillparty beim Nachbarn taugt. Diese informelle Try-& Error-Vorgehensweise hat jahrhundertelang ganz gut funktioniert.

    Trigger: reale und eingebildete

    Jetzt kann es aber ja durchaus sein, dass zartbesaitete Naturen nach den ersten 50 Seiten von de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ erschrocken feststellen, dass in ihrer eigenen schwarzen Seele (bisher nicht verwirklichte) Gewaltfantasien schlummern. Der nicht gefestigte Abstinenzler wird wegen der Lektüre des Kurzgeschichtenbandes „Schlechte Verlierer“ von Bukowski wieder an die Flasche gebracht. Nach 20 Unterrichtseinheiten „Die Leiden des jungen Werthers“ im Deutsch-Grundkurs der 11-ten Klasse schießen die Suchanfragen nach Pistolen im Darknet in die Höhe. Soll heißen: In jedem Roman steckt immer auch was Gefährliches/Gefährdendes drin. Es kann aber auch jedes Mal das komplette Gegenteil eintreten: Nach der letzten Seite „Die 120 Tage von Sodom“ beschließt man, niemals einem anderen Menschen Leid zufügen zu wollen. Bukowskis Schilderungen der Monotonie des Säuferlebens bestärken den trockenen Alkoholiker in seinem Abstinenzwunsch. Die Schüler erkennen, dass Selbstmord aufgrund von Liebeskummer nur ein spontaner Affekt, jedoch keine vernünftige Lösung ist. Merke: Nicht alles, was angeblich triggert, triggert auch tatsächlich.

    Als trockenem Alkoholiker ist mir durchaus bewusst, was ein Trigger ist und wie gefährlich so ein äußerer Reiz mitunter werden kann: ein Glas Bier auf dem Tisch beim Skatabend mit den Kumpels, eine Flasche Wodka auf dem Tresen der Hotelbar, das Regal mit den Flachmännern an der Supermarktkasse. Das sind aber allesamt reale Gefahren. Ich kann sie sehen, riechen, anfassen, kaufen und mir die Kehle runterlaufen lassen. Davor gilt es mich zu schützen bzw. sinnvolle Abwehrmechanismen zu entwickeln. Von einem zwischen Buchdeckel eingezwängten Alkohol-Trigger habe ich bisher jedoch noch nie was gehört. Und glauben Sie mir: ich habe in den Jahren meiner Trockenheit schon von vielen Alkohol-Triggern gehört.

    Die Existenz und Gefährlichkeit von äußeren Reizen für bestimmte Gruppen sollen also gar nicht in Zweifel gezogen werden. Zu fragen ist jedoch, ob nun jedes kleine emotionale Unwohlsein gleich als lebensgefährdender Zustand eingestuft werden sollte, weshalb derjenige, der sich manchmal unwohl fühlt, per Hinweis vor dem eventuellen Eintreten dieser als negativ empfundenen Gefühlsregung gewarnt werden muss. Bei Heimspielen des Effzeh in etwa so: „Achtung: Von den letzten 10 Heimspielen hat Köln 5 verloren. Sollten Sie ein eingefleischter Effzeh-Fan sein, der zu vegetativem Bluthochdruck neigt, raten wir vor dem Stadionbesuch zu einem Belastungs-EKG bei Ihrem Kardiologen. Ein mittelschweres Unwohlsein im Falle einer Niederlage wird aber auch Ihr Kardiologe nicht verhindern können.“

    Zeitgemäße Einordnung, weil wir anscheinend alle im Geschichtsunterricht geschlafen haben

    Zurück zu Büchern & Filmen. Heutzutage, wo allen Ernstes davor gewarnt wird, den flüssigen Inhalt von Autobatterien nicht zu trinken, sondern als Giftmüll von einem zertifizierten Fachbetrieb sachgerecht entsorgen zu lassen, reichen Klappentexte bei Romanen nicht mehr. Da muss zusätzlich mit sogenannten „Einordnenden Hinweisen“ auf irgendwas hingewiesen werden. Z.B. dass es in Ovids Metamorphosen streckenweise recht obszön zugeht, Shakespeare seinen Protagonisten  Julius Cäsar am Ende ermorden lässt, Romeo & Julia durch Selbsttötung sterben und die teils drastischen Schilderungen der sozialen Missstände im viktorianischen England in den Geschichten von Charles Dickens verstörend auf Leser mit Armutsphobie wirken könnten. Mein aktueller Liebling: Einordnende Hinweise zu den Romanen und Filmen von der Deutschen drittliebstem Schriftsteller*in (nach Thomas Mann und Rosamunde Pilcher) Karl May. Dass der bei der Zeichnung seiner Figuren mitunter Klischees verwendete, der Wilde Westen nicht so war, wie May ihn gerne gehabt hätte und überhaupt das alles irgendwie mit kolonial geprägtem Rassismus zu tun habe. Oha!, denke ich. Ohne diese Klarstellung wäre ich von selbst nie drauf gekommen, dass Karl May Fiktion und keine naturgetreuen Reisereportagen zu Papier gebracht hatte. Dank also an die fleißigen Hinweis-Geber. Eventuell sollten wir ältere Werke, bei denen uns aufgrund permanenten Schwänzens des Geschichtsunterrichts der Zeitbezug abhandengekommen ist, ohne vorherige Inhaltswarnungen gar nicht mehr in die Hand nehmen.

    Man könnte das Problem – unterstellt: es handelt sich überhaupt um eins – auch dadurch zu lösen versuchen, indem man sich vor dem Kauf eines Romans dessen Inhaltsangabe und ein paar Rezensionen durchliest. Dann würde man schnell begreifen, ob das Buch für den persönlichen Gebrauch taugt. Aber das wäre zu old school bzw. zu aufwändig. Deshalb ab sofort die kurzen Warntexte vor dem eigentlichen Text. In der Hoffnung, dass der heutige Homo legens es schafft, mehr als den Hinweis zu lesen, ohne danach abrupt und erschöpft abzubrechen.

    Und man fragt sich, welche Sorte Leser braucht solche standardisierten Texttafeln? Weshalb benötigen anscheinend speziell Studenten diese Hinweise? Warum studiert man, wenn man vor jeder universitären Lektüre gewarnt werden muss? Vielleicht ist es dann besser, gar keine Romane mehr zu lesen, anstatt sich ständig vor deren Inhalten zu fürchten. Oder alternativ: keine Geisteswissenschaft belegen, sondern sich für Physik einschreiben. Wobei da dann natürlich die Lehrbücher auf negative Kernkraft-& Wurmloch-Trigger untersucht werden müssten.

    Vorbei die Zeiten, in denen man unbegleitet einen Winnetou-Film anschauen konnte. Heute gibt’s dazu eine sogenannte begleitende Berichterstattung, die dann so lautet:

    Die Handlung des Films ist frei erfunden und bildet Stereotype ab. Der Film zeichnet deshalb kein authentisches Bild der tatsächlichen Lebensweise indigener Völker in Nordamerika.

    Wird in Filmen nicht ganz oft mit Stereotypen gearbeitet, geht es mir durch den Kopf; ist es nicht geradezu ein bestimmendes Merkmal von Fiktion, dass der Autor sich eine Fantasiewelt zurechtzimmert? Die halt nicht 1 zu 1 der Realität entspricht. Manche Autoren übertreiben es zugegebenermaßen mit der Fantasie; aber muss ich als mündiger Leser davor tatsächlich gewarnt werden? Ich handhabe es bspw. so, dass ich einem Roman 30 Seiten gebe, um mich in seinen Bann zu ziehen. Gelingt ihm das, lese ich ihn bis zum Ende. Falls nicht, stelle ich ihn ins Regal zurück. Das mache ich so seit 50 Jahren und brauchte bisher noch nie eine (standardisierte) Inhaltswarnung.

    Wo soll die Hinweis-Inflation hinführen?

    Inhaltswarnungen alsbald auch vor der Tagesschau?
    „Achtung: Hier werden gleich Bilder vom Kriegsgeschehen in der Ukraine ausgestrahlt, die auf Pazifisten und Öffentliche Briefeschreiber verstörend wirken könnten!“

    Oder vor dem 21-Uhr-Krimi?
    „Im nun folgenden Film werden 3 Menschen ermordet und ein paar Liter (Kunst-) Blut zu sehen sein. Wer Probleme mit Fernseh-Leichen und Kunstblut hat, dem empfehlen wir stattdessen die Doku ‚Wie Achtsamkeit und Nachhaltigkeit zusammenhängen‘ in unserer Mediathek.“

    Vor Partyhits?
    „Dieses Sauf- & Pufflied geht nüchtern gar nicht. Sie sollten 4 Flaschen Bier intus haben, bevor Sie es anhören und Minimum 1 Pulle Wodka, wenn Sie es mitgrölen.“

    An den Anfang von medizinischen Lehrbüchern?
    „Hier gibt’s seitenweise Ekelbilder von geplatzten Blinddärmen und Karzinomen im Endstadium zu sehen. Wer so was nicht sehen kann, der sollte schleunigst das Studienfach wechseln.“

    Muss ich demnächst vor jeden meiner Texte, „Achtung: Sie betreten nun die als Kolumne getarnte Welt des Schwachsinns!“, schreiben?

    Ja, sollte ich tun?
    Okay, werde ich ab sofort machen.

    Rubrik: Betreutes Lesen & (Film-) Schauen.
    +++

    PS. Weshalb ich den schreienden Hai als Titelbild ausgewählt habe? Hat keinen tieferen Grund. Einfach nur so, weil der bei der Schlagwortsuche „Trigger“ in der Bildergalerie erschien und mir spontan gut gefiel. Denn auch mir ist manchmal nach Schreien, wenn ich saublöde Warnhinweise lese.

  • Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

    Disneys Diversity: Mehr Marketing als echte Gleichberechtigung

    Triggerwarnung: In diesem Text kommen weiße Meerjungfrauen vor. Bei manchen Menschen kann dieses Thema negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

    Ich geb’s zu: Ich bin kein Fan von Disneyfilmen und Meerjungfrauen. Die Erstgenannten sind zumeist Tränendrüsen-strapazierend kitschig*, die Zweitgenannten erinnern mich stark an Barbiepuppen mit Fischschwänzen. Und sowohl aus Filmkitsch als auch Fischschwänzen mache ich mir wenig. Von daher bin ich entweder der komplett Falsche, mich mit dem Thema „Welche Hautfarbe haben Sirenen?“ zu beschäftigen, oder aber – weil’s mir großenteils egal ist – dann doch wieder der Richtige. Suchen Sie es sich aus.

    * hiervon explizit ausnehmen muss man natürlich cineastische Schätze wie Steamboat Willie, Schneewittchen, Pinocchio und Das Dschungelbuch.

    Von Undine über Andersen zu Arielle

    Der Reihe nach:

    Arielle, die Meerjungfrau (Originaltitel: The Little Mermaid) ist ein Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios, der im Jahr 1989 erschien. Er basiert auf den Motiven des Märchens „Die kleine Meerjungfrau“ von Hans Christian Andersen und ist der letzte Disney-Trickfilm, der mit Hilfe von Elektrofotografie hergestellt wurde.
    © Wikipedia

    Mit Elektrofotografie – sicher ebenfalls ein spannendes Thema – wollen wir uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen, sondern konzentrieren uns auf: (A) Hans Christian Andersen (B) das Original von 1989.

    Hans Christian Andersen [* 2. April 1805 in Odense; † 4. August 1875 in Kopenhagen] gilt als der bekannteste Märchenonkel Dänemarks. Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) schrieb er 1837. Die Geschichte basiert auf der Erzählung der Undine. Die ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist. Diese Nixe stammt wiederum aus dem Geschichtszyklus des oberrheinischen Rittergeschlechts der Staufenberg. Der Stoff ist in einem Gedicht um 1320 enthalten und wurde vielfach adaptiert. Mir gefiel die Version Splash mit Daryl Hannah als sexy Fischschwanz-Blondine 1984 ganz gut.

    Auch wenn Andersen die Hautfarbe seiner Protagonistin nicht explizit erwähnt, wird diese mit 99.9%-iger Sicherheit weiß gewesen sein. Was nun wiederum nicht zwangsläufig auf kolonial begründeten Rassismus des Schriftstellers hinweist, sondern höchstwahrscheinlich dem Umstand geschuldet ist, dass Undine dem nordischen Sagenkreis entstammt. Und im hochmittelalterlichen Europa – der Periode, in der die meisten Sagen verschriftlicht wurden – nördlich der Alpen war Weiß nun mal der vorherrschende Hauttyp. Von daher sei Andersen – postkoloniale Diversity hin oder her – entschuldigt. Also ich entschuldige ihn. Ob Sie es tun, hängt vom Grad Ihrer Welche-Farbe-hat-eine-Meerjungfrau-Toleranz ab.

    Nach diesem kleinen Exkurs in die Welt der germanisch-keltischen Mythologie jetzt zurück zu Disney. Als dessen Filmstudio den Stoff 1989 aufgriff, entschied man sich für eine hellhäutige Figur (die nachträglich Arielle getauft wurde. Im Märchen von Andersen ist sie namenlos). Auch der Nachfolger „Arielle, die Meerjungfrau 2 – Sehnsucht nach dem Meer“ (2000) und das Prequel „Arielle, die Meerjungfrau – Wie alles begann“ (2008) zeigen weiße Nixen.

    Erst beim Remake „Arielle, die Meerjungfrau“, das 2023 ins Kino kommt, beschloss man, die Hautfarbe zu wechseln. Jetzt schwimmt dort Halle Bailey und zwar real. Also ein zweifacher Shift: Sowohl weg vom Cartoon als auch hin zur Trendfarbe Schwarz.

    1989 wär’s innovativ gewesen

    Und das finde ich – pardon – lächerlich. Es geht mir dabei nicht um die Grundsatzfrage, ob Meerjungfrauen weiß, schwarz, braun, gelb, blau oder grün durch unsere Weltmeere pflügen, sondern einzig um die nachträgliche Umlackierung der Arielle. Die in Schwarz zu zeichnen, wäre 1989 wirklich innovativ gewesen. In Südafrika machte das Apartheidsregime seine finalen Seufzer, Nelson Mandela saß noch im Gefängnis, in den USA konnte man der zweiten (oder dritten) Generation Schwarze Panther nördlich der 110ten Straße in Manhattan begegnen, und in Hollywood waren schwarze Stars eher rar gesät. Mir fallen da spontan bloß Sidney Poitier, Richard Roundtree, Danny Glover und Eddie Murphy ein (denen mehrere Dutzend weiße Filmidole gegenüberstanden). 1989 wäre also ein Zeitpunkt gewesen, an dem eine schwarze Meerjungfrau tatsächlich Erstaunen hervorgerufen hätte, wo es mutig gewesen wäre, mit einer dunkelhäutigen Wassernixe Neuland zu betreten. Jedoch 2022: Welchen Zweck verfolgt man heute mit einer neugestrichenen Arielle? Die halt traditionell weiß ist: Sowohl als Undine als auch als Andersens Meerjungfrau und als Original von 89.

    Was kommt als nächstes: ne schwule Micky Maus, ein chinesischer Donald Duck, der lieber an ner Tasse grünem Tee als an einer Flasche Cola nuckelt, Tick, Trick & Track sind unbegleitete frühpubertäre Einwanderer aus Honduras, Goofy als Afro-Entenhausener und Onkel Dagobert wird Philanthrop und spendet seine Fantastilliarden an Greepeace und Ärzte ohne Grenzen? Das ist Diversität-Unfug und (Comic-) Geschichtsklitterung. Genauso Banane wie Scarlett Johansson in „Ghost in a shell“ eine japanische Manga-Kriegerin spielen zu lassen oder Indianerrollen mit Sonnenstudio-gebräunten Weißen zu besetzen (wobei das seit den 70er Jahren stark rückläufig ist).

    Mehr schwarze Hauptdarsteller statt bemühter Farbwechsel

    Disney hat mit Arielle 2022 eine doppelt schlechte Entscheidung getroffen: Zum einen ein fader Aufguss einer schon 3x verfilmten Story (gehen denen die kreativen Drehbuchschreiber aus?), zum anderen die Auf-Teufel-komm-raus-Anpassung an den politisch korrekten Zeitgeist. Ich warte nun darauf, dass Bernard und Bianca beim Remake in Bonobos (stehen ganz oben auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten) umgewidmet werden. Käm‘ ja auch niemand auf die Idee, Shakespeares Othello plötzlich als Weißen auf die Bühne zu schicken bzw. der Aufschrei, wenn dies geschähe, wäre noch auf der Rückseite des äußersten Saturnrings zu hören.

    Ich mein‘, es hindert niemand Disney daran, ne neue Geschichte mit nem coolen schwarzen Helden:in auf den Markt zu bringen (wie es bspw. Marvel mit Black Panther gelungen ist). oder generell mehr Filme mit schwarzen Hauptdarstellern zu drehen oder Schwarze gar in Führungspositionen im Konzern zu berufen. Das wäre wahre Gleichberechtigung. Aber seine Sensibilität bloß dadurch unter Beweis stellen zu wollen, indem man der seit Jahrhunderten weißen Undine/Arielle im Jahr 2022 einen schwarzen Anstrich verpasst, wirkt auf mich sowohl bemüht als auch rein auf kommerziellen Überlegungen (woke Familien mit Kindern ins Kino locken) gründend.

    Aber was weiß schon ich, alter, weißer, (verbitterter) Mann?
    Vielleicht ist ne schwarze Meerjungfrau ja genau das, was unsere heutige Zeit benötigt, und wir freuen uns alle schon ganz doll auf ein queeres Aschenputtel.

  • Vom Bürgergeld wird auch niemand satt

    Vom Bürgergeld wird auch niemand satt

    Vor ein paar Stunden gab das Bundeskabinett grünes Licht für das neue Bürgergeld. Deklariert als das größte sozialpolitische Projekt der laufenden Legislaturperiode. Das Bürgergeld wird ab dem 1. Januar 2023 das dann hinfällige Hartz 4 ablösen.

    Jetzt macht ja allein ein neuer Name noch kein grundlegend neues Produkt, weshalb es lohnt, sich den neuen Inhalt mal etwas genauer anzuschauen. Was wird sich groß (?) verändern?

    Das wird neu ab Januar:

    Regelsatz
    Rauf von aktuell 449 auf 502 Euro für Alleinstehende (entspricht einem Anstieg von rd. 12%)

    Sanktionen
    Leistungskürzungen sind in den ersten sechs Monaten des Bezugs nur eingeschränkt möglich (z.B. bei versäumten Terminen und/oder Ablehnen eines vermittelten Jobs).

    Anreize
    Mehr positive Stimuli als bisher. Bspw. eine Weiterbildungsprämie in Höhe von 150 Euro.

    Vermögen
    Angesparte Rücklagen (bzw. Eigentum) bis zur Höhe von 60.000 Euro werden zwei Jahre lang nicht angerührt. Für denselben Zeitraum darf man ebenfalls in der alten Wohnung (auch wenn die zu groß ist) bleiben.

    Zuverdienst
    Von einem Mini-/Midi-Job, der 520 bis 1.000 Euro pro Monat einbringt, darf der Leistungsbezieher 30 Prozent behalten (bisher: 20%). Kinder aus Bürgergeld-Familien können bis zu 520 Euro(Monat ohne jegliche Abzüge hinzuverdienen.

    Kooperation
    Begegnung auf Augenhöhe: verbesserte Kommunikation, freundlichere Anschreiben.

    Kurzes Zwischenfazit an dieser Stelle: Es gibt ein paar Veränderungen iSv. Verbesserungen. Der große Sozialwurf, der von der Koalition angekündigt wurde, ist das aber sicher nicht. Eher ein Reförmchen als eine Reform. Weshalb Hartz 4 Version 23 als Name angebrachter wäre als der Euphemismus Bürgergeld.

    Sofort geht das Gezanke los

    Kaum hatte die Regierung die Mini-Reform beschlossen, hob – wie nicht anders zu erwarten – das Gezeter an. Viel zu wenig jammern die einen, viel zu viel schimpfen die anderen. Und natürlich ist es für eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu wenig. Das zu bestreiten – dafür muss man Hardcore-Anhänger des Manchester-Kapitalismus oder ein Extremminimalist sein. Niemand macht mit 500 Euro große Sprünge, auch wenn die Miete, Heizung und ein paar andere Sachen vom Staat übernommen werden. Mit 500 Euro deckt man gerade mal seinen Bedarf an Nahrung und Hygieneartikeln. Urlaub, Theater, Konzerte, Restaurantbesuche u.ä. = komplette Fehlanzeige. Evtl. sind 1x/Monat 12 Chicken Nuggets bei McDonald’s und 1x/Quartal Arielle, die Meerjungfrau im Kinopolis drin; mehr aber ganz bestimmt nicht.

    Nun kann man natürlich argumentieren, dass die Grundsicherung deshalb so heißt, weil sie eben nur das Existenzminimum garantiert und keinen einzigen Kinobesuch on top. Wer Fast food von McDonald’s und Disneyfilme im Kinopolis sehen will, soll gefälligst dafür arbeiten. Wo kämen wir hin, wenn das zur gesellschaftlichen Teilhabe dazugezählt wird? Dieser Argumentation kann ich mich anschließen, wenn wir den Begriff Grundsicherung auch andersherum als Existenzminimum verstehen. Soll heißen: egal, was der Betroffene tut (oder nicht tut) – ihm kann davon nichts mehr abgezogen werden. Gibt ja von der Logik her keinen Sinn, wenn ich die Grundsicherung oben deckele, sie nach unten jedoch variabel gestalte. Entweder benötigt ein Mensch dieses Minimum, um zu überleben – dann ist es in der Konsequenz nicht mehr kürzbar –, oder wir reden beständig mit den falschen Begrifflichkeiten.

    Das Märchen von der sozialen Hängematte

    Okay, dass man mit 500 Euro nicht weit kommt, haben wir nun verstanden. Was ist aber mit den falschen Anreizen, die das Bürgergeld sendet? Wie soll in Zukunft noch verhindert werden, dass sich die Leute lieber in die soziale Hängematte legen, statt zu arbeiten, fragen Sie mich jetzt?

    Ja, das ist ein Vorwurf, der nicht tot zu kriegen ist. Völlig egal, wie hoch bzw. niedrig die Grundsicherung kalkuliert wird, völlig egal, wie erfolgreich das Jobcenter in nachhaltige Beschäftigung vermittelt, völlig egal, ob die Qualifizierungsmaßnahmen was taugen, völlig egal, ob es einen jungen oder alten Bezieher trifft, völlig egal, ob da noch eine Familie dranhängt – Sanktionen müssen sein. Die Gewährung einer Leistung setzt Mitwirkung voraus. Wer nicht mitwirkt, verliert sein Anrecht auf Alimentierung. Völlig egal, ob die Mitwirkung zu einem vernünftigen Ergebnis führt (ja ja, ich wiederhole mich).

    Das Soziale-Hängematte-Märchen beruht allerdings auf zwei Irrtümern:
    (A) einem verqueren Menschenbild: = ohne Druck funktioniert das System nicht
    (B) Unkenntnis über das Klientel der Jobcenter = die beziehen lieber Stütze, als sich ihr Geld wie wir täglich im Schweiße unseres Angesichts hart zu verdienen.

    Beides ist Nonsens. Wer mit ALG2-Empfängern redet, begreift schnell, dass die nichts lieber täten, als möglichst schnell wieder einer geregelten Erwerbstätigkeit nachzugehen. Niemand möchte länger als unbedingt notwendig hartzen, niemand lümmelt gerne jahrelang in Jogginghose zu Hause auf dem Sofa rum, niemand will bis ans Lebensende monatlich bloß sein Existenzminimum gesichert haben. Es mag Ausnahmen geben – also Menschen, die sich mit der Dauerarbeitslosigkeit arrangiert haben –; aber das sind wenige. Für den überwiegenden Teil gilt: der will so rasch als möglich raus aus der ALG2-Käseglocke. Unter der Voraussetzung, dass ein halbwegs interessanter Job in Aussicht ist.

    Jobcenter: Der Vermittlungserfolg ist beständig bescheiden

    Und hier gelangen wir nun zum Kernproblem der Jobvermittlung: Es wird überaus selten zu einem (halbwegs) interessanten Job geraten. Dass nicht 1 zu 1 in denselben Job vermittelt wird wie den, den man verloren hat – geschenkt. Dass man aber so gut wie nie in irgendein tragfähiges Beschäftigungsverhältnis gelangt, sondern stattdessen in prekäre Arbeit gesteckt wird – das ist wirklich ein riesiges Manko und der Hauptgrund dafür, weshalb es bei manchen an der Mitwirkung hapert. Da helfen auch keine Weiterbildungsmaßnahmen, wenn ich im Anschluss keine Anstellung in der Branche finde, für die ich mich monatelang weitergebildet habe. Und weil die Vermittlungsergebnisse bescheiden sind, die „Kunden“ (auch so ein Euphemismus) deshalb nur mit reduzierter Kraft mitwirken, kann das System einzig mit Druck ( = Kürzungen vom eigentlich nicht kürzbaren Existenzminimum) operieren.

    Wir könnten jetzt noch seitenlang über das Lohnabstandsgebot und die (angeblichen) Anreize zur Einwanderung in unser Sozialsystem diskutieren. Habe ich aber heute keine Lust drauf. Beide (Pseudo-) Argumente sollen ja nur darauf hinauslaufen, das Existenzminimum möglichst niedrig zu halten (wahrscheinlich gibt es Berechnungen, dass man mit 100 Euro/Monat prima auskommt) und die Leistungsempfänger zu zwingen, JEDEN angebotenen Job widerstandslos zu akzeptieren. Gemäß dem wirtschaftsliberalen Mantra „Wer mit 40 Sparkassen-Abteilungsleiter war, bricht sich mit 50 keinen Zacken aus der Krone, wenn er sich in ein Call Center setzt und am Telefon Zeitungsabos verkauft. Das ist zumutbar!!“ Kann man so sehen. Ich tu’s nicht und würde dem 50-jährigen ehemaligen Sparkassen-Abteilungsleiter dazu raten, sein Erspartes zusammenzukratzen (Sparkassen-Abteilungsleiter haben sicher was für schlechte Zeiten auf die Seite gelegt) und sich mit der Kohle auf einer thailändischen Insel ein schönes Leben zu machen. Ich war aber auch nie ein Verfechter der Doktrin, dass man JEDEN Job annehmen muss, um in einem Sozialstaat sein Existenzminimum garantiert zu bekommen.

    Hartz 4: Ein echtes Depri-Thema

    Das Thema Hartz 4 ist frustrierend, weil sich für 95 Prozent der in der Verwahrungsmaschinerie Gefangenen seit Jahren nichts tut, und sich auch durch die Mini-Reform hin zum Bürgergeld nichts ändern wird. Was es statt ein bisschen Kosmetik an Symptomen und Namensgebung braucht, ist ein radikaler Systembruch = der komplette Wegfall des gescheiterten Experiments Hartz 4. Die partout Nicht-Vermittelbaren werden dann ehrlicherweise in die Sozialhilfe oder Frühverrentung transferiert. Für den arbeitswilligen Rest muss der Staat den öffentlichen Sektor ausbauen, um diese Menschen dort unterzubringen. Ja ja, ich weiß, dass zu viel staatlicher Sektor (angeblich) ökonomisch nicht gut ist. Ein paar Millionen Dauerarbeitslose (zzgl. ein paar Millionen Kinder) sind aber gesellschaftspolitisch gesehen auch nicht gut. Wenn ich mich also zwischen zwei nicht allzu guten Möglichkeiten entscheiden muss, dann nehme ich die, die gesellschaftspolitisch die bessere darstellt.

    Dass Ihr Vorschlag eine pure Wunschvorstellung ist, wissen Sie, Herr Hirsch?
    Ja, weiß ich.

    Und deshalb deprimiert mich dieses Thema dermaßen, dass ich an dieser Stelle abrupt stoppe.

  • Winnetou oder was braucht es alles für einen kleinen Shitstorm?

    Winnetou oder was braucht es alles für einen kleinen Shitstorm?

    In den Plattformen des sich täglich hochschaukelnden Wahnsinns wird seit 48 Stunden ein neuer Mega-Aufreger durch die digitale Ödnis gejagt = die in Kürze bevorstehende Verbrennung sämtlicher Karl-May-Romane mit Schwerpunkt auf der Winnetou-Trilogie.

    Was war geschehen?

    Zeitgleich zum Kinostart von „Der junge Häuptling Winnetou“ wollte der altehrwürdige Verlag Ravensburger zwei Begleitbücher und ein paar Gimmicks auf den Markt bringen. Unter der entsprechenden Ankündigung in Instagram erhob sich alsbald ein mitteldimensionierter Shitstorm, wo dem Verlag so böse Sachen wie Nutzung rassistischer Stereotype & verharmlosender Klischees, Verwendung kolonialistischer Vorurteile, kulturelle Aneignung und Unterschlagung historischer Fakten um die digitalen Ohren gehauen wurden. Die Verantwortlichen entschieden sich deshalb für den sofortigen Stopp des Vertriebs und begründeten diesen 180°-Schwenk – wiederum in Instagram – mit folgenden Sätzen:

    Wir haben die vielen negativen Rückmeldungen zu unserem Buch „Der junge Häuptling Winnetou“ verfolgt und wir haben heute entschieden, die Auslieferung der Titel zu stoppen und sie aus dem Programm zu nehmen.

    Wir danken Euch für Eure Kritik. Euer Feedback hat uns deutlich gezeigt, dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben. Das war nie unsere Absicht und das ist auch nicht mit unseren Ravensburger Werten zu vereinbaren. Wir entschuldigen uns dafür ausdrücklich.

    Unsere Redakteur*innen beschäftigen sich intensiv mit Themen wie Diversität oder kultureller Aneignung. Die Kolleg*innen diskutieren die Folgen für das künftige Programm und überarbeiten Titel für Titel unser bestehendes Sortiment. Dabei ziehen sie auch externe Fachberater zu Rate oder setzen „Sensitivity Reader“ ein, die unsere Titel kritisch auf den richtigen Umgang mit sensiblen Themen prüfen. Leider ist uns all das bei den Winnetou-Titeln nicht gelungen. Die Entscheidung, die Titel zu veröffentlichen, würden wir heute nicht mehr so treffen. Wir haben zum damaligen Zeitpunkt einen Fehler gemacht und wir können euch versichern: Wir lernen daraus!

    Als diese Erklärung die Runde gemacht hatte, stürmte rasend schnell der nächste – nun eher großdimensionierte – Shitstorm heran, in dem von Cancel Culture, Orwells Neusprech und Bücherverbrennungen à la 1933 schwadroniert wurde. „Wir lassen uns den Helden unserer Kindheit nicht nehmen!“, „Winnetou war ein Guter, und wir alle wollten wegen ihm an Rosenmontag Indianer sein“ und ähnlich klare Kante konnte man da lesen.

    Der junge Winnetou = Episode 327 des immerwährenden Kampfs der Traditionalisten gegen die Woken.

    Worum geht es eigentlich?

    Zwar ging es, wie man, wenn man den Instagram-Verlauf unter der Neuankündigung überfliegt und die Erklärung von Ravensburger studiert, nie um die 3 Winnetou-Originale von Karl May, sondern einzig um das 125 Jahre später nachgereichte Prequel aus der Feder von Thilo Petry-Lassak. Mit der dazugehörigen Frage: Müssen idealisierende Klischees und Auslassungen (wie die brutale Unterdrückung der indigenen Bevölkerung durch die weißen Kolonisatoren), wie sie May am Ende des 19. Jahrhunderts zu Papier (bzw. nicht zu Papier) brachte, Anfang des 21. Jhrd.s eins zu eins wiederholt werden? Die Frage ist eine völlig berechtigte. Welche Schlussfolgerungen man aus ihrer Beantwortung zieht, ist ein Kapitel für sich. Dazu kommen wir etwas weiter unten in dieser Kolumne.

    Wir wollen an dieser Stelle erst mal bloß festhalten: Das, was zur Zeit von May okay war, muss heutzutage nicht zwingend ebenfalls okay sein, bloß weil wir alterssenil auf dem Standpunkt beharren, dass ein Buch, das wir als Kinder (unkritisch) gelesen und geliebt haben, ebenfalls aus dem Blickwinkel des Jahres 2022 supermegatoll sein muss. Die Geschmäcker und Wahrnehmungen ändern sich. Wenn schon das Original nicht mehr als supermegatoll durchgeht, passagenweise sogar als kritisch anzusehen ist – umso mehr muss ja die Frage erlaubt sein, ob man diesen Wildwest-Kitsch durch ein unreflektiertes Prequel fortschreiben muss. Man kann es tun; muss dann aber auch mit der entsprechenden Kritik rechnen und damit leben können.

    Jetzt wird mir sicher gleich die Frage gestellt werden, ob ich „Der junge Häuptling Winnetou“ überhaupt gelesen habe. Weil Kolumnisten ja eh nie das lesen, worüber sie nachher schreiben. Darauf lässt sich einfach antworten: Nein, habe ich nicht, weil der Verlag die Bücher praktischerweise vor Veröffentlichung schon wieder eingestampft hat. Ich kenne bloß ein paar Zusammenfassungen und Vorab-Rezensionen. Ich wollte mir alternativ spontan den Film anschauen, stellte aber beim Check in „Wer streamt es?“ fest, dass der Streifen im Moment nirgendwo, außer im Kinopolis in Bonn zu sehen ist. Und so weit geht meine Liebe zu Kinderfilmen jetzt nicht, dass ich mich dafür bei 32 Grad im Schatten ins Auto setze, 10 Kilometer fahre, 30 Minuten einen Parkplatz suche und mir dann zwei Stunden lang eine Geschichte anschaue, deren Zielgruppe ich seit 45 Jahren entwachsen bin. Da tippe ich lieber auf meinem Balkon eine Kolumne.

    Das heißt, Sie haben wie immer keine Ahnung, worüber Sie schreiben, Herr Hirsch, sagen Sie jetzt? Stimmt. Ich habe – liegt allerdings knapp ein halbes Jahrhundert zurück – jedoch alle 3 Winnetou-Originale gelesen und die Filme mit Pierre Brice als edelstem aller Häuptlinge und Lex Barker als treuestem aller Blutsbrüder mehrmals gesehen. War sogar während eines Jugoslawienurlaubs mit meinen Eltern in den 70-er Jahren an den Plitvicer Seen, wo die Außenaufnahmen gedreht wurden. An Karneval wollte ich immer Indianer sein (okay, 1x war ich Astronaut; aber das war ein blödes Kostüm) u in Nscho-tschi war ich als Zehnjähriger ein bisschen verliebt. Das reicht natürlich bei Weitem nicht aus, um als Karl-May-Experte durchzugehen; es reicht jedoch völlig aus, diese Kolumne zu schreiben.

    Karl May schrieb so, wie man vor 125 Jahren halt schrieb

    Kommen wir jetzt zum Grundsätzlichen: Was ist verkehrt daran, die Welt der indigenen Ureinwohner Amerikas idealisiert, mitunter haarscharf unterhalb der Schwelle zum Kitsch, zu präsentieren? Bzw. warum darf man das in den Augen der Hyperkorrekten nicht tun? Bloß, weil Winnetou am Reißbrett entworfen wurde und mit einem realen Apachen so viel zu tun hat wie Raumschiff Enterprise mit Apollo 11, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass die kindlichen Leser dieser Rothaut-Romantik zu späteren Rassisten mutieren, nur weil man Rothaut heute nicht mehr sagt. Sind wir mit grob fahrlässiger kultureller Aneignung konfrontiert, sobald ein Deutscher, ohne je die Schauplätze seiner Bücher betreten zu haben, einen Indianer-Roman schreibt? Bedeutet es einen literarischen Sündenfall, wenn ein Protagonist allenfalls bruchstückhaft einem Menschen aus Fleisch und Blut gleicht, sondern als Hochglanz-Kunstprodukt der Fantasie seines Schöpfers entsprungen ist? Muss ich als Autor in einer fiktiven Geschichte, die sich hart an der Grenze zum Märchen bewegt, zwingend sämtliche unschönen Umweltbedingungen, die in jener Epoche herrschten, erwähnen? Wer all dies von Karl May fordert, beweist damit vor allem 1: nämlich, dass er von Literatur und deren Zeitbezug keine Ahnung hat. May hat so geschrieben, wie man Ende des 19. Jahrhunderts eben schrieb. Und nicht so, wie wir das 125 Jahre später gerne hätten.

    Bevor nun wieder vorschnell von Zensur geredet wird – dass der junge Winnetou in Buchform nicht erscheint, ist eine Entscheidung des Verlags. Der hat vor dem Instagram-Shitstorm kapituliert. Hätte er nicht tun müssen. Auch, wenn sich die nachgeschobene Erklärung sehr edel anhört. Wobei man sich fragt, weshalb all das angebliche Kritische, das diese zwei Bücher beinhalten, erst ganz am Ende auffiel, und das kein Lektor Monate vorher beim Studium des Manuskripts geschnallt hat. So, wie es gelaufen ist, wirkt es wenig glaubwürdig. Wer publiziert, muss negatives Feedback abkönnen. Das gilt für Kolumnisten genauso wie für Ravensburger.

    Das Recht auf schlechte Bücher

    Das Recht, oberflächlich recherchierte, idealisierte, romantisierende, mit Auslassungen operierende, kitschige etc. etc. Stories zu publizieren, muss auf jeden Fall erhalten bleiben. Niemand wird gezwungen, den alten oder neuen/jungen Winnetou zu lesen oder für diese Bücher gar Geld auszugeben. Das Instrument, sich gegen schlechte Literatur zu wehren, existiert seit der griechischen Antike = Ich schreibe eine gepfefferte Kritik. Der Kritiker muss dann jedoch damit leben, dass andere es abweichend sehen und ihn den Kritiker wegen seiner Ahnungslosigkeit kritisieren. Kritik und Verriss sind lang erprobte Mittel, um Schund öffentlich anzuprangern und völlig legitim. Von Buchstürmerei, die sich des Shitstorms bedient und die Nichtveröffentlichung ungeliebter Werke fordert, halte ich hingegen gar nichts. Zum einen gibt es auch eine Daseinsberechtigung für schlechte Romane, zum anderen ist das, was an bösem Inhalt angeblich drin sein soll, bei unvoreingenommener Prüfung oft gar nicht drin. Bloß, weil alter und junger Winnetou nicht der Realität entsprechen, bedeutet die Romantisierung/Stereotypisierung nicht zwangsläufig, dass damit rassistischen Klischees Vorschub geleistet wird. Es kann auch ganz im Gegenteil zur Identifikation mit den Anliegen der amerikanischen Ureinwohner führen. Die Korrelation Winnetou & Rassismus ist eine ganz schwache; wahrscheinlich überhaupt nicht existent.

    Ob es ebenfalls ein Recht für die Veröffentlichung von schlechten Kolumnen gibt, wollen Sie wissen? Selbstverständlich gibt es das. Meine schlechten Kolumnen gibt’s – und das ist das besonders Perfide daran – sogar gratis.

    Die Gesetzmäßigkeit des sich gegenseitig hochschaukelnden Bullshits

    Die aktuelle Winnetou-Debatte zeigt exemplarisch, wie Streit“kultur“ in den Sozialen Netzwerken funktioniert: Zuerst ein mal brauche ich einen Aufreger. Kann auch was Kleines sein. Ich mein‘, ein Film/Buch über die Kindheit eines Apachen-Häuptlings ist ja nun wirklich kein Riesenthema à la „Wie sollen wir im kommenden Winter unsere Heizkosten bezahlen?“. Dann interpretiere ich da Rassismus, kulturelle Aneignung und Verharmlosung rein, entfache unter der Instagram-Seite des Verlags einen mittelgroßen Shitstorm, in dem ich zum Boykott aufrufe, das Unternehmen knickt schließlich ein und stoppt zähneknirschend zzgl. reumütige Entschuldigung die Auslieferung. Pünktlich 5 Minuten später erhebt sich das Geschrei der Gegenseite, die das komplette Œuvre Mays von alsbaldiger Verbrennung bedroht sieht.

    Man kann das als Shitstorm-Folklore oder sich gegenseitig hochschaukelnden Bullshit bezeichnen. Keine der beiden Parteien tut sich einen Gefallen damit, wenn von Anfang an mit Falschbehauptungen operiert wird. Trotzdem wird es in ermüdender Monotonie immer wieder getan. Eine seriöse Diskussion über die Frage „Wie viel Realitätsbezug sollte ein guter (Kinder-) Roman aufweisen?“ wird damit unmöglich. Aber bei den Bullshit-Prügeleien geht es eh nicht um Erkenntnisgewinn oder gar Wahrheitsfindung. Es soll einzig Empörungsdampf produziert und auf den Gegner eingedroschen werden. Der Shitstorm ist nichts anderes, als die Schmähgesänge der Südkurve in den virtuellen Raum verlegt. Und das gilt für ALLE Shitstorms: sowohl die der Hypersensiblen als auch die der Ich-hasse-die-Woken-aus-tiefstem-Herzen-Fraktion.

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich beim jungen Winnetou nicht allzu viele Ich-fühl-mich-unwohl-Aktivisten mit Sekundenkleber an die Kinostühle dranpappen. In diesem Fall wäre 5 Minuten später mit dem nächsten Kriegsgeheul der Karl-May-Traditionalisten zu rechnen. In Facebook & Co. folgt letztlich alles immer derselben Dramaturgie. Wär’s ein Film, würde man sagen: lasst euch mal was Neues einfallen; ist ständig die gleiche Sülze, die wir hier zu sehen bekommen.