Autor: Henning Hirsch

  • Wie E.A. Poe zu Schmerzmitteln kam

    Wie E.A. Poe zu Schmerzmitteln kam

    Es gab eine Zeit, in der ich Poe sehr gerne las: das geschah Mitte der 80-er Jahre, und ich war Student des recht trockenen Fachs Betriebswirtschaftslehre. Die Erzählungen dieses Autors eigneten sich hervorragend, um mich abends, sobald ich die langweiligen Lehrbücher zugeklappt hatte, mit Schauergeschichten zu zerstreuen und anschließend leichtem Gruselgefühl in den Schlaf zu wiegen. Hin und wieder legte ich dazu „Tales of Mystery and Imagination“ von Alan Parsons Project auf, um die düstere Stimmung, die „Der Rabe“ und „Das verräterische Herz“ verströmten, musikalisch zu verstärken. Nach ein paar Monaten kannte ich sämtliche Geschichten und Gedichte aus dem Poe-Universum und wandte mich anderen Schriftstellern zu. Als mich Monate später eine fiebrige Erkältung für einige Tage ins Bett zwang, begann ich von vorne mit „Die Maske des roten Todes“ und „Die Grube und das Pendel“. Nun passierte allerdings Folgendes: Die Figuren der Erzählungen verfolgten mich in meine Träume. Nassgeschwitzt schreckte ich mitten in der Nacht hoch, der Puls schlug wild, und auf dem Schreibtisch saß ein großer Rabe, der mich aus leuchtendroten Augen anstarrte [allerdings nicht mit mir redete]. Morgens fühlte ich mich völlig gerädert, der Appetit versagte, ich las abwechselnd Poe, dämmerte vor mich hin und hörte laut und deutlich das Schlagen eines Herzens in der Wand. Natürlich lag das vor allem am Fieber, das mich Spukgestalten sehen ließ, die aus den dunklen Räumen des Bewusstseins, wo sie seit Beendigung meiner Kindheit eingeschlossen waren. nach draußen drangen, um mich zu ängstigen und wegen meiner körperlichen Schwäche zu verhöhnen. Jedoch schien mir auch Baltimores berühmter Sohn an meinem desolaten Zustand nicht ganz unschuldig zu sein. Als ich nach 1 Woche wieder halbwegs genesen war, beschloss ich deshalb 2er-lei: im Winter nie mehr ohne Mütze & Schal das Haus zu verlassen und mit Gruselgeschichten fürs Erste zu stoppen.

    Auf Empfehlung eines Facebook-Bekannten zappte ich vergangene Woche in die Netflix-Miniserie Der Untergang des Hauses Usher rein. Hier mein Eindruck:

    Der Teufel: zur Abwechslung eine attraktive Frau

    Die Geschichte im Schnelldurchlauf:

    1962: Die Zwillingsgeschwister Madeline und Roderick Usher wachsen in einer amerikanischen Vorortsiedlung auf. Die alleinerziehende Mutter Eliza arbeitet als Sekretärin beim größten Arbeitgeber der Region – Fortunato Pharmaceuticals. Für ihren Chef erledigt sie nicht nur Schreibarbeiten, sondern steht ihm auch außerhalb des Büros für andere Dienstleistungen zur Verfügung. In der Firma munkelt man deshalb, dass Madeline & Roderick aus dieser unschicklichen Beziehung stammen. Eliza erkrankt eines Tages an Demenz, ist nicht mehr arbeitsfähig, vegetiert zu Hause eine Zeit lang vor sich hin, bevor sie stirbt. Ihr ehemaliger Chef – und wahrscheinliche Vater der Kinder – lehnt jegliche Verantwortung für die Geschwister ab. Als Eliza im Himmel (oder der Hölle) davon erfährt, entsteigt sie ihrem Grab und tötet den Liebhaber vor den Augen ihrer beiden Kinder.

    1979: Roderick ist verheiratet und arbeitet in subalterner Position bei Fortunato. Madeline hat sich selbständig gemacht und versucht ihr Glück in der jungen Computer- & Softwarebranche. In der Silvesternacht begehen die beiden gemeinsam einen Mord, gehen danach in eine Bar auf einen Absacker und begegnen dort dem Teufel, der zur Abwechslung mal weiblich und hübsch ist (Carla Gugino). Der Höllenfürst (m/w/d) unterbreitet ihnen ein verlockendes Angebot = Übernahme des Pharmakonzerns und „ewiger“ Reichtum. Als Kompensation verlangt er nicht die Seelen der beiden Zwillinge, sondern die Auslöschung von deren Blutlinie in „ferner“ Zukunft.

    2023: Gegen Fortunato laufen zahlreiche Gerichtsverfahren wegen gefälschter Testreihen, der Bestechung von Prüforganisationen, Politikern & Ärzten sowie der grob fahrlässigen Tötung zehntausender Patienten. Die Ermittlungen leitet Staatsanwalt Auguste Dupin, seit vielen Jahren erbitterte Widersacher der Ushers, die es als Pharma-Dynastie mittlerweile zu einem Milliardenvermögen gebracht haben. Bisher perlen sämtliche Anschuldigungen am Familien-Clan ab. Das Geschäft mit den Schmerzmitteln läuft reibungslos. Die Ushers scheinen mit legalen Mitteln unbesiegbar zu sein. Während der heißen Phase des Prozesses beginnt plötzlich das große Sterben von Rodericks Kindern [er hat 6 von 5 Frauen]. Handelt es sich um tragische Unglücksfälle, oder steckt was anderes dahinter? Den Firmenchef plagen Visionen, in denen er von seinen toten Töchtern & Söhnen heimgesucht wird. Hirngespinste aufgrund seiner beginnenden Demenz oder doch „real“? Und wer ist die geheimnisvolle Frau, die jedes der Kinder kurz vor deren Tod aufsuchte? Roderick lädt nun Lieblingsfeind Dupin in sein verfallenes Elternhaus zu einem 4-Augengespräch ein und erzählt dem Staatsanwalt bei 1 Flasche sündhaft teurem Cognac die Geschichte des Hauses Usher. Dabei tauchen immer wieder unvermutet Geister der Vergangenheit auf, und aus dem Keller ertönen ständig lauter werdende Geräusche.

    Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

    Mal mehr, mal weniger vom Original entfernt

    Episode 1 „Mitternacht, von Gram umschattet“ [so beginnt: „Der Rabe“] startet etwas zäh: Roderick sitzt zu fortgeschrittener Stunde Dupin gegenüber, trinkt Cognac und erzählt und erzählt. Der Ermittler fungiert hier – wie auch die weiteren Folgen – überwiegend passiv als Zuhörer, dem hin und wieder eine Zwischenbemerkung gestattet ist. Sein Namensvetter in „Mord in der Rue Morgue“ schien mir aktiver und cleverer gewesen zu sein. Die Monologe des Usher-Patriarchen wirken leicht ermüdend, hierin dem von Fortunato vertriebenen Schmerzmittel Ligodon nicht unähnlich. Ich war geneigt, nach 45 Minuten schon wieder aus der Serie auszusteigen: zu viel tell, zu wenig show. Auf Anraten des o.g. Facebook-Kumpels, „es wird spannender“, blieb ich jedoch dran und wurde angenehm überrascht – jetzt nahmen die bisher diffusen Gestalten der Familie allmählich Gestalt an, und vor allem begann das Sterben. Denn was taugt eine Horrorserie schon groß, wenn darin nicht auch gestorben wird?

    Die einzelnen Folgen – jeweils mit der Überschrift einer Poe-Erzählung versehen – halten sich mal mehr und mal weniger an die Ursprungsgeschichten. So erkennt man in „Die Maske des roten Todes“ und „Das verräterische Herz“ unschwer die Handschrift von Baltimores bekanntestem Sohn, während „Der schwarze Kater“ und „Der Goldkäfer“ sich doch sehr weit vom Original entfernen. Gemeinsam ist den Episoden 2 bis 7 = an jedem Ende gibt’s 1 Kind weniger. „Der Untergang des Hauses Usher“ dient dabei einzig als Klammer, die Zwillinge Madeline & Roderick werden vom früh-viktorianischen England an die amerikanische Ostküste der Jetztzeit teleportiert, und anstatt in einem alten Schloss leben sie in teuren Villen und fungieren als CEOs zweier erfolgreicher Unternehmen. Dass es für die beiden ebenfalls nicht gut ausgeht, fällt nicht in die Kategorie „übles Spoilern“ – bei Poe geht es nie gut aus. Reingerührt in die letzte Folge wurde noch Der Rabe:

    Als ich einst zur Geisterstunde, leidend an der Lebenswunde,
    überdachte alter Kunde Weisheit, alter Weisheit Lehr’,
    als ich, schläfrig, kaum vermochte, länger wachzubleiben, pochte
    an die Tür es leise, pochte sanft wie einer Magd Begehr.
    „Oh, da kommt noch ein Besucher“, dachte ich, „wo kommt er her,
    – in der späten Nacht noch her?“

    Das Finale dann dem Original entsprechend:

    Wie verfolgt entfloh ich aus diesem Gemach und diesem Hause. Draußen tobte das Unwetter in unverminderter Heftigkeit, als ich den alten Teichdamm kreuzte. Plötzlich schoß ein unheimliches Licht quer über den Pfad, und ich blickte zurück, um zu sehen, woher ein so ungewöhnlicher Glanz kommen könne, denn hinter mir lagen allein das weite Schloß und seine Schatten. Der Strahl war Mondglanz, und der volle, untergehende, blutrote Mond schien jetzt hell durch den einst kaum wahrnehmbaren Riß, von dem ich bereits früher sagte, daß er vom Dach des Hauses im Zickzack bis zum Erdboden lief. Während ich hinstarrte, erweiterte sich dieser Riß mit unheimlicher Schnelligkeit, ein wütender Stoß des Wirbelsturms kam, das volle Rund des Satelliten wurde in dem breit aufgerissenen Spalt sichtbar; mein Geist wankte, als ich jetzt die gewaltigen Mauern auseinanderbersten sah; es folgte ein langes, tosendes Krachen wie das Getöse von tausend Wasserfällen, und der tiefe und schwarze Teich zu meinen Füßen schloß sich finster und schweigend über den Trümmern des Hauses Usher.

    Gier & Buhlen um Liebe als Leitmotive

    In „Der Untergang des Hauses Usher“ stehen 2 Hauptmotive im Vordergrund: Gier und Buhlen um Liebe.

    Die unersättliche Gier der Zwillinge
    Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, nach dem frühen Tod der Mutter bei Pflegefamilien aufgewachsen, sind die Geschwister getrieben von maßlosem Ehrgeiz, es der Gesellschaft, die sie in ihrer Kindheit so ungerecht behandelt hat, heimzuzahlen. Dazu ist ihnen nahezu jedes Mittel recht. Sie scheuen weder vor Falschaussagen/Meineid, Mord, noch vor dem Pakt mit dem Teufel zurück, um ihr Ziel, an die oberste Spitze der Nahrungskette zu gelangen, zu erreichen. Von seiner ersten Frau vor die Wahl gestellt, zieh die Falschaussage zurück oder ich verlasse dich, entscheidet sich Roderick ohne Zögern für die Lüge. Madeline steht ihm diesbezüglich nicht nach, stiftet den Bruder sogar oft an, noch skrupelloser zu agieren. Am Ende zählt bloß der geschäftliche Erfolg.

    Und dieser Erfolg gründet folgerichtig auf einem opioidhaltigen Schmerzmittel namens Ligodon, mit dem Fortunato den US-amerikanischen Markt überflutet. Dass Ligodon bereits nach kurzer Einnahme abhängig macht, wissen alle Beteiligte. Trotz enormer Todeszahlen wird das Medikament munter weiter produziert und verschrieben. Die Süchtigen mutieren zu Heroin-Junkies. Aber selbst dieses traurige Phänomen bewirkt keinerlei Umdenken bei Fortunato und den politisch Verantwortlichen. Sämtliche Anstrengungen von Auguste Dupin, das Mittel verbieten zu lassen, versickern ergebnislos in den Mühlen der Justiz. Hier wurde von den Drehbuchautoren geschickt die (wahre) Geschichte von Purdue Pharma und des durch Oxycontin bewirkten Opioid-Tsunamis in den USA in die Poe-Erzählung hineingewebt. Als Zuschauer bleibt man fassungslos zurück und begreift kaum, wie dieser legale Drogenhandel derart lange geduldet werden konnte [denn in der Realität war Purdue ebenfalls so schwer beizukommen wie dem fiktiven Pharmariesen Fortunato].

    Auf die Frage Dupins, „Wann ist es genug? Ist es jemals genug?“, antwortet Roderick: „Was für eine dumme Frage. Es ist nie genug“.

    Das Buhlen
    Die 6 Kinder, von 5 verschiedenen Müttern stammend, leben allesamt im Umfeld von Roderick & Madeline. Frederick, der Älteste, soll irgendwann in die Fußstapfen des Patriarchen treten. Die restlichen fünf leiten ihre eigenen kleinen Firmen; jeweils mit großzügigen Millionenspritzen des Daddys gepampert. Obwohl die 6 finanziell ausgesorgt haben, ist keiner richtig zufrieden. Neben dem Wunsch nach noch mehr Geld und mehr Einfluss bei Fortunato neiden die 5 Jüngeren dem ältesten Bruder v.a. dessen tägliche Nähe zum Vater. Keines der Kinder fühlt sich ernstgenommen oder geliebt. Niemand wagt, Roderick & Madeline zu widersprechen. Aus Angst vor Liebesentzug und Sorge, beim Erbe leer auszugehen. Und weil sie Vater & Tante beweisen wollen, dass auch sie als zweite Generation erfolgreich sein können, operieren sie genauso am Rande der Legalität, mitunter auch dahinter, wie Vater & Tante. Das alte Monster hat 6 junge Monster gezeugt.

    „Die Moral(en)“ von der Geschichte = (viel) Geld ermöglicht zwar ein finanziell sorgenfreies Leben, aber vollumfassend glücklich macht es nicht unbedingt. Und: Monster leben nicht ewig.

    Streckenweise zäh

    Von mir gibt’s für die Netflix-Version der Haus-Usher-Geschichte 7.5 Punkte [1 davon für Mr. Pym, den Anwalt-Killer-Hybrid der Ushers, der für die Familie die dreckigen Jobs erledigt. Gespielt von Mark Hamill, den ich anfangs aufgrund Bart und zerknittertem Gesicht kaum erkannte = Luke Skywalker, einer der Helden meiner Jugend].

    Ansonsten gilt: Spannung und zähe Passagen halten sich in etwa die Waage. Es wird für meinen Geschmack zu viel erzählt von Roderick. Es wird auch mit den Rückblenden übertrieben. Wahrscheinlich wäre es dramaturgisch besser gewesen, sich auf den Untergang der Familie zu konzentrieren, anstatt 8 verschiedene Erzählungen auf Teufel komm raus in 1 Serie unterzubringen.

    PS. ob man Poe gelesen haben muss, um die Geschichte zu verstehen, fragte vor ein paar Tagen eine Kommentatorin -> nein, muss man nicht.
    PPS. Im Unterschied zur Lektüre habe ich im Nachgang der Serie nicht von Dämonen und dem Grab entstiegenen blutverschmierten Jungfrauen geträumt.
    +++

    Der Untergang des Hauses Usher
     1 Staffel mit 8 Episoden
     seit Okt. 2023 auf Netflix
     Produktion: Intrepid Pictures
     Regie: Mike Flanagan
     Drehbuch: Mike Flanagan et al.
     Darsteller: Carla Gugino, Bruce Greenwood, Mary McDonnell, Carl Lumbly, Mark Hamill, Henry Thomas, Kate Siegel, Rahul Kohli, Samantha Sloyan, T’Nia Miller, Sauriyan Sapkota, Kyliegh Curran, Ruth Codd.

  • Was machen wir am Tag vor dem Weltuntergang?

    Was machen wir am Tag vor dem Weltuntergang?

    Mit Filmen, die das rote N auf der Startseite tragen, ist es immer so ne Sache: Überwiegend sind sie mittelmäßig erzählt und weisen eine Tendenz in Richtung langatmig bis hin zu langweilig auf. Das gilt bspw. für War Machine (2017 mit Brad Pitt), „The Old Guard (2020 mit Charlize Theron), „Der schwarze Diamant (2020 mit Adam Sandler), Triple Frontier (2019 mit Ben Affleck) und ganz besonders „The Gray Man (2022 mit Ryan Gosling & Ana de Armas). Und weshalb Im Westen nichts Neues bei der letzten Oscar-Verleihung 4 dieser begehrten Auszeichnungen erhielt, habe ich bis heute nicht begriffen. Die Produktion fiel gegenüber ihren 1930 und 1979 gedrehten Vorgängern dramaturgisch deutlich ab.

    Dennoch klicke ich natürlich hin und wieder – vor allem, wenn ich vorher eine positive Rezi gelesen habe – auf Einteiler mit dem großen N. So vor ein paar Wochen Der Killer mit Michael Fassbender als schweigsamen Auftragsmörder, der in schön eingefangenen Bildern (Regie: David Fincher) um die halbe Welt jettet, und an jedem Ort, in dem er landet, 1 Leiche hinterlässt. Allerdings quatscht der Killer ständig aus dem Hintergrund (nennt sich im Fachjargon = Voiceover) und erklärt dem Zuschauer sein Tun, was schnell ermüdet. Fällt für mich deshalb in die Rubrik „(zu viel) tell statt show“. Zumal die Story nicht unbedingt innovativ ist; hat man in leichten Variationen schon 100x woanders gesehen.

    Gestern Abend unternahm ich einen weiteren Versuch mit einem von der Kritik wohlwollend aufgenommenen Werk: „Leave the world behind“ (auf Deutsch in etwa = Lass die Welt hinter dir). Adaption des gleichnamigen Romans von Rumaan Alam. Genre = (wie eine) Dystopie (entsteht) oder Die letzten Tage vor dem Weltuntergang.

    Havarierende Öltanker und Totalausfall aller Funknetze – die Geschichte im Schnelldurchlauf

    Das New Yorker Upper-Middleclass-Ehepaar Amanda (Julia Roberts) und Clay (Ethan Hawke) Sandford beschließt spontan, einen Kurzurlaub am Meer zu verbringen. In einem Reiseportal mieten sie eine noble Villa auf Long Island und fahren mit ihren zwei Kindern Rosie (Farrah Mackenzie) und Archie (Charlie Evans) übers verlängerte Wochenende dorthin. Am Ziel angelangt, stellt die Familie fest, dass sowohl die Handys als auch Internet und TV-Empfang nicht funktionieren. Tags darauf am Strand havariert ein Öltanker knapp vor dem Picknick-Korb der Sandfords. Erklärung der herbeigeeilten Polizei = Ausfall des Navigationssystems.

    Am selben Abend klopft es an der Tür, draußen stehen George Scott (Mahershala Ali) und dessen Tochter Ruth (Myha’la Herrold), die Eigentümer des Anwesens. Nach einigem Zögern bitten die Sandfords die beiden herein. Die Scotts berichten, dass sie aufgrund eines stadtweiten Stromausfalls aus Manhattan „geflohen“ sind, um die nächsten Tage in ihrem Landhaus zu verbringen. Gerne könne man sich das mit den Sandfords teilen. Clay hat kein Problem damit, Amanda willigt zähneknirschend ein, bleibt aber misstrauisch.

    Am darauffolgenden Tag passiert Folgendes: die Sandfords akzeptieren, dass es sich bei den Scotts tatsächlich um die Eigentümer handelt, und es ereignen sich jede Menge mysteriöse Dinge: Flugzeuge stürzen vom Himmel, unbemannte Autos verstopfen die Straßen, Flamingos wassern im Swimming Pool, 50 Rehe grasen im Garten, aus einer scharlachroten Wolke regnet es Flugblätter, auf denen in arabischen Schriftzeichen den USA der Tod gewünscht wird. Plötzlich ertönt ein durch Mark und Bein gehendes, schrilles Geräusch, das Fensterscheiben bersten lässt. Sohn Archie bekommt Fieber und ihm fallen die Zähne aus. Sämtliche Kommunikationsinstrumente bleiben weiterhin funktionsunfähig. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Top-Schauspiel-Crew & atmosphärische Dichte

    Es ist eine langsam erzählte Weltuntergangsgeschichte, die von 2 Säulen getragen wird:

    Schauspieler-Crew: top besetzt mit Julia Roberts, Ethan Hawke, Mahershala Ali und – wenn auch nur in einer kleinen Nebenrolle auftretend – Kevin Bacon. Speziell Julia Roberts liefert mit ihrer Darstellung der misanthropischen, kratzbürstigen, supermisstrauischen Ehefrau und gleichzeitigen Helikoptermutter eine klasse Leistung ab. Ethan Hawke als ihr naiver Gatte ist wie immer nett anzusehen und Mahershala Ali spielt halt Mahershala Ali. Von den 3 Kindern sticht besonders Tochter Rosie (Farrah Mackenzie) mit ihren Vorahnungen hervor. Konsequenterweise gehört ihr deshalb auch die Schlussszene.

    Atmosphäre: Wie entwickelt sich die Gefühlslage des normalen Bürgers, wenn er allmählich begreift, dass sich was (sehr) Bedrohliches um ihn herum zusammenbraut? Die Apokalypse nähert sich in kleinen, immer beängstigenderen Schritten. Waren es bloß jugendliche Hacker, die „aus Spaß“ alle Funknetze lahmgelegt haben oder handelt es sich doch um einen bösartigen Cyberangriff durch Terroristen oder gar die Vorbereitung der Invasion einer ausländischen Macht? Steckt der eigene Geheimdienst dahinter, der die Lage im Land destabilisieren will, um im Anschluss eine neue autokratische Regierung zu installieren? Die Sandfords spekulieren wild drauflos, Rosie hat ihre Vorahnungen, Nachbar Danny (Kevin Bacon) ist ein Prepper und seit Jahren auf den Ernstfall eingestellt, und George – im Beruf Börsenmakler – hat im Vorfeld zwar die Märkte von ner großen Militäraktion, die kurz bevorsteht, raunen hören, kann sich aber ebenfalls keinen richtigen Reim auf die Long-Island-Geschehnisse machen.

    Das Finale bleibt offen: Wir erfahren weder Genaues über Ursprung und Ausmaß der Bedrohung, noch ob sie sich zur globalen Katastrophe ausweitet oder lokal begrenzt ist. Das Happy an diesem End begnügt sich damit, dass sämtliche Protagonisten (noch) am Leben sind.

    Sehr sparsam mit Action, streckenweise wie ein Kammerspiel

    Wie man den Film bewertet, hängt stark davon ab, was man von einer Weltuntergangsgeschichte erwartet: reichen mir eine dichte Atmosphäre und (teils) tiefsinnige Dialoge, oder möchte ich doch ein paar spektakuläre Actionszenen sehen? Mit dem Zweitgenannten geht „Leave the world behind“ sparsam, um nicht geizig sagen zu müssen, um. Sowohl die Tankerhavarie als auch die abstürzenden Flugzeuge sahen (zu) sehr nach Computeranimationen aus. Diese Sequenzen waren auch zu kurz. Wenn sowas passiert, will ich als Zuschauer schreienden Matrosen und brennenden Passagieren auf der Leinwand begegnen. Stattdessen ist die Kamera ständig auf die 6 Protagonisten gerichtet. Long Island scheint jenseits dieser 2 Familien (zzgl. Nachbar Danny) eh komplett verwaist zu sein. Wo sind all die Menschen hin, überlegte ich zwischendurch. Durch die Konzentration auf die 6, meist auf das Ambiente der Villa beschränkt, entsteht bisweilen der Eindruck, an einer Freilicht-Theateraufführung teilzunehmen. Die Story hat streckenweise Ähnlichkeiten mit einem Kammerspiel.

    Von mir gibt’s 7 Punkte (1 davon für Julia Roberts). Mein Hauptkritikpunkt = ZU langatmig erzählt (wie nahezu sämtliche Netflix-Produktionen). Keine Sorge: ist dennoch unterhaltsam.
    +++

    Leave the world behind
     Länge: 138 Minuten
     Erscheinungsjahr: (November) 2023
     Regie & Drehbuch: Sam Esmail
     Produktion: Sam Esmail, Marisa Yeres Gill, Lisa Roberts Gillan, Chad Hamilton, Julia Roberts
     Auftraggeber: Netflix
     Besetzung: Julia Roberts, Ethan Hawke, Kevin Bacon, Mahershala Ali, Myha’la Herrold, Farrah Mackenzie und Charlie Evans.

  • Francis Underwood – Blaupause für Donald Trump?

    Francis Underwood – Blaupause für Donald Trump?

    Mit ZIEMLICHER Verspätung habe ich mir „House of Cards“ angeschaut. Die erste große Serie, die nicht von einem TV-Sender, sondern einem Streamingdienst (Netflix) in Auftrag gegeben wurde. Produziert wurden 6 Staffeln im Zeitraum zwischen 2012 und 2018 mit insgesamt 73 Folgen. Die erzählte Geschichte spielt auch in diesen Jahren. Es gibt 3 Protagonisten – Francis Underwood, seine Frau Claire und ihren Adjutanten Doug Stamper –, denen im Verlauf der Handlung immer mal andere wichtige Figuren an die Seite gestellt werden, die jedoch nach ein, zwei Staffeln wieder verschwinden.

    Haupttenor der Staffeln 1 & 2:

    Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!
    © Isnogud

    Wechseln Sie „Kalif“ in „US-Präsident“ aus, dann passt es.

    Politik zwischen Heuchelei und Skrupellosigkeit

    Die Geschichte im Schnelldurchlauf:

    House of Cards (englisch für Kartenhaus) ist eine US-amerikanische Fernsehserie, deren Erstausstrahlung 2013 bei dem Video-on-Demand-Anbieter Netflix lief und die vorwiegend den Genres Politthriller und Drama zugeordnet wird. Sie erzählt die Geschichte des durchtriebenen Abgeordneten Francis „Frank“ Underwood, der gemeinsam mit seiner ähnlich machthungrigen Ehefrau ein System von Intrige, Korruption und Mord kreiert, um in höhere politische Ämter aufzusteigen und somit seinen Machteinfluss zu vergrößern.
    © Wikipedia
    +++
    Die US-Serie House of Cards hat sich der kompromisslosen Erforschung des Willens zur Macht, politischer Ambitionen und der amerikanischen politischen Tradition verschrieben. Basierend auf einer britischen Miniserie steht in „House of Cards“ der von Kevin Spacey porträtierte Francis Underwood im Zentrum. Er übt eine Funktion aus, die man in der amerikanischen Politik als House Majority Whip bezeichnet – im House of Representatives ist er in der Partei mit der aktuellen Mehrheit (Majority) dafür verantwortlich, die Abgeordneten bei Abstimmungen auf Parteilinie zu halten (whip=Peitsche). Denn in den USA gibt es bei Abstimmungen keinen (indirekten) Fraktionszwang, da die Parteien wegen der kompletten Direktwahl kein Druckmittel gegen die Abgeordneten haben.

    Die Majority Whip hat also die schwierige Aufgabe, die einzelnen Abgeordneten mit Zuckerbrot und Peitsche dazu zu bringen, die Wünsche der Parteiführung in Abstimmungserfolge im Parlament umzusetzen. Das geschieht meist hinter den Kulissen. Dort spielt sich die Handlung von „House of Cards“ ab, in der Gier, Liebe, Sex und Korruption treibende Kräfte sind. Robin Wright porträtiert die ambitionierte Ehefrau von Underwood.
    © serienjunkies.de
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    Ein Politiker zwischen Heuchelei und Skrupellosigkeit: Mit fiesen Intrigen kämpft sich der US-Abgeordnete Frank Underwood (Kevin Spacey) an die Macht, unterstützt von seiner ebenso kaltblütigen Frau Claire (Robin Wright).

    Kevin Spacey liefert in „House of Cards“ als zynisch abgekochter Politiker mit absolutem Willen zur Macht eine hypnotisierende Performance ab. An seiner Seite brilliert Robin Wright als ebenso Gattin Claire, die ihrem Mann in Sachen Ehrgeiz und Machthunger in nichts nachsteht. Michael Kelly spielt Underwoods treusten Untergebenen und wichtigsten Vertrauten, Doug Stamper.
    © sky.de
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    Weil der frisch gewählte US-Präsident Walker ihm das fest versprochene Amt des Außenministers verwehrt hat, plant der machtbesessene Kongressabgeordnete Francis Underwood eine Intrige gegen die Regierung. Um selbst in die oberste Etage der US-Politik vorzudringen, sucht sich Underwood Komplizen und schreckt auch nicht vor falschen Versprechungen, Manipulation oder gar Erpressung zurück. Angetrieben wird er von seiner nicht minder berechnenden und ehrgeizigen Ehefrau Claire. Auch die aufstrebende Jungjournalistin Zoe Barnes bringt er auf seine Seite.
    © fernsehserien.de

    Ich habe ein bisschen gebraucht, um mich von der Story in ihren Bann ziehen zu lassen. Washington- und Präsidentengeschichten gibt es en masse, fiesen Abgeordneten bin ich schon in ner Menge Filme begegnet, und Politik als Geschäft – und nicht aus Überzeugung – ist nun auch nicht gerade ein innovatives Thema. Ich wollte deshalb eigentlich am Ende von Staffel 1 wieder aussteigen, weil alles in Variationen schon mal woanders gesehen, zappte aber unvorsichtigerweise doch in die Fortsetzung rein und blieb dann bis zum blutigen Finale in Episode 73 kleben. War’s nur Suchtverhalten, das mich nicht genug vom Washingtoner Politikbetrieb kriegen ließ, oder: Worin besteht das Außergewöhnliche dieser von Kritikern und Publikum hochgelobten und mehrfach ausgezeichneten Serie?

    99 Prozent Realität?

    Lassen wir hier ein paar Profis zu Wort kommen:

    99 Prozent von House of Cards stimmen mit der Realität überein. Das verbleibende Prozent: Es ist unmöglich, dermaßen schnell ein Bildungsgesetz zu verabschieden.
    © Bill Clinton

    Dieser Kerl bekommt wirklich eine Menge geregelt!
    Das Leben in Washington ist in der Realität langweiliger, als in der Serie dargestellt
    © Barack Obama

    Underwood wird mit all den falschen Eigenschaften dargestellt, die man so über Washington hört. Er bringt ein Kongressmitglied wortwörtlich um. Wenn ich nur einen Abgeordneten umbringen könnte, müsste ich mir nie wieder mehr Sorgen über das Stimmverhalten machen.
    © Kevin McCarthy

    Das Mobiliar, die Telefone, die Vorhänge, die Skandale, die Verhandlungen in den Hinterzimmern… das alles basiert tatsächlich auf der Realität. Der einzige große Unterschied ist Underwood, der im Gegensatz zu seinen realen Vorbildern im Kongress „einen Plan“ hat.
    © Thomas Massie

    Das politische Geschehen in Washington ist mir zu düster, um regelmäßig eine Episode zu sehen.
    © Justin Trudeau

    Die Serie ist sehr nah dran am realen politischen Geschehen. Unter anderem wird die enge Beziehung zwischen Politikern und der Presse sehr gut dargestellt. Allerdings werden Entscheidungen in der Serie schneller getroffen werden und insgesamt sieht die Geschichte viel glamouröser aus als ihr reales Vorbild.
    © Rina Shah

    So weit, so gut bzw. schlecht. Denn die schiere Menge der Eine-Hand-wäscht-die-andere-Deals, die täglich auf den Fluren des Kapitols und in den Zimmern des Weißen Hauses geschlossen werden erstaunt (iSv. erschrickt) schon bisweilen: Du gibst mir deine Stimme für mein Gesetzesvorhaben; ich besorge dir im Gegenzug eine Krebsklinik für deinen Wahlbezirk.

    Wo die Serie allerdings den Boden der Realität verlässt, scheint mir die Mordlust des Protagonisten-Trio-infernale zu sein. Schwer vorzustellen, dass ein Vizepräsident am Tag vor seiner Vereidigung noch schnell eine unbequeme Investigativjournalistin vor die U-Bahn schubst oder seelenruhig einen Abgeordneten, der ihm eventuell gefährlich werden könnte, in dessen Auto erstickt. Auch dass Präsidenten ihre Außenministerin eine Treppe (im Weißen Haus!) runterstoßen, damit die nicht in einem Untersuchungsausschuss aussagt, ist eher ungewöhnlich. Flankiert von all den Tötungsdelikten des Stabschefs und der First Lady fühlt man sich mitunter an den Blutdurst, wie er an europäischen Fürstenhöfen in der Renaissancezeit herrschte, erinnert und wundert sich, wie so was in Räumen, die 24/7 videoüberwacht sind, (a) ständig geschehen und (b) unentdeckt bleiben kann.

    Klar, es ist Fiktion und keine Doku. Deshalb müssen wir bei den o.g. 99 Prozent Wirklichkeitstreue doch Abstriche machen. Ich taxiere den Realitätsgehalt auf 80 (was ja immer noch hoch ist).

    Dramaturgie & Figurenentwicklung

    Die Serie lebt vom Realitätsbezug (auch wenn der „nur“ bei 80 liegt), dem diabolischen Agieren des Ehepaars Underwood und der mitunter hypnotischen Kraft, die Kevin Spacey als Politiker, der weder Grenzen noch Skrupel kennt, um an die Schalthebel der Macht zu gelangen, verströmt. Doug Stamper als treuer Paladin, der sich die Finger ordentlich mit Blut besudelt, ist zwar ebenfalls wichtig für die Handlung, wäre aber als Figur jederzeit austauschbar; während die Geschichte ohne Mr. & Mrs. Underwood nicht funktioniert. Weshalb es nicht verwundert, dass Staffel 6, bei der Kevin Spacey nicht mehr mitwirkt, qualitativ abfällt. Das liegt nicht daran, dass nun Frau Hale (frühere Underwood) das Präsidentenamt innehat, sondern am Fehlen ihres kongenialen Partners. Wahrscheinlich wäre es andersherum – Robin Wright scheidet vorzeitig aus – ebenfalls schwierig geworden, den ursprünglichen Spannungsbogen beizubehalten. Wobei Spacey doch eine Spur elektrisierender auf den Zuschauer wirkt als seine Film-Ehefrau, die überwiegend die Rolle der kühlen Blondine, bar jeglicher emotionaler Ausbrüche, spielt. Er mit seinen sporadischen Wutanfällen ist greifbarer, „menschlicher“.

    Für meinen Geschmack wird der Fokus dennoch zu sehr auf das glamouröse Ehepaar gerichtet. Bei zu viel Oval Office und Abgeordnetenbüros macht sich irgendwann auch beim politikaffinen Zuschauer ein (Über-) Sättigungsgefühl bemerkbar. Etwas mehr Augenmerk auf die anderen Charaktere wäre deshalb gut gewesen. mMn wurde eine große Chance am Ende von Staffel 1 vertan, als man Zoe Barnes und Peter Russo sterben ließ (beide eigenhändig vom Vizepräsidenten in spe ermordet). Die hätte man gut zu dauerhaften Antagonisten aufbauen können. Die Erstgenannte setzt den Underwoods journalistisch zu, der Zweite entwickelt sich zum machtvollen Gegenspieler im Kapitol. So, wie es die Drehbuchautoren stattdessen handhaben – jede Staffel ein anderer Widersacher, der nach ein paar Folgen vom Trio infernale ausgetrickst wird und geprügelt von der Bühne schleicht –, ist es zum einen abträglich für die Spannung, und zum anderen entwickelt man als Zuschauer zu niemand große Sympathie. Ja, man ertappt sich oft dabei, dass man dem skrupellosen Ehepaar die Daumen drückt, wissend, dass die 2 letztlich bloß eiskalte Killer sind, die notfalls eine kleine Atombombe in der syrischen Wüste zünden, wenn sie sich damit an der Macht halten können. Das fällt dann wohl in die Rubrik „cineastisches Stockholm-Syndrom“.

    Die Figurenentwicklung lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Die Underwoods waren seit Folge 1, Minute 1 von jeglicher Moral befreit und bereit, über Leichen zu gehen, um ihr Ziel (die Präsidentschaft) zu erreichen. Ihr Grad an Skrupellosigkeit wächst von Staffel zu Staffel; dass sie jemals ins Zweifeln geraten, ob der Zweck tatsächlich jedes Mittel heiligt, ist nicht erkennbar. Eher legen sie eine weitere Schippe Lug & Betrug drauf, als einen Gang runterzuschalten. Doug Stamper – eine echt undankbare Rolle – hätte eine Wandlung durchlaufen können, bleibt aber dem von ihm vergötterten Francis Underwood bis zum Schluss sklavisch ergeben und mordet lieber weiter, als die Art und Weise, in der der Aufstieg seines Chefs zustande kam, zu hinterfragen. Russo und Barnes wären weitere denkbare Charaktere gewesen, die man sich hätte entwickeln lassen können = von ursprünglichen Mitläufern zu ernstzunehmenden Kontrahenten der Underwoods. Aber die ließ man halt beide am Ende von Staffel 1 lieber sterben, als die Figuren weiter zu nutzen. Und die ständig neuen, auf die Lebensdauer von ein paar Folgen begrenzten, Widersacher bleiben alle überwiegend blass. Auch der republikanische Gegenkandidat Conway verschwindet nach 1 Staffel völlig in der Versenkung. So kommt mangels nachhaltiger Widersacher allmählich Langeweile auf. Das System Underwood scheint unbesiegbar zu sein.

    War’s tatsächlich Liebe?

    Die Ehe der 2 = große Liebe oder doch nur eine Zweckgemeinschaft? Schwer zu sagen. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Als er ihr, augenscheinlich eifersuchtslos, gestattet, sich einen Liebhaber zuzulegen (ein libidinöser Schriftstellerklugscheißer), kamen mir erste Zweifel am Fortbestehen der Beziehung. Die gerät spätestens dann an ihre Belastungsgrenze, als er seine Präsidentschaft aufgibt und sie ihm im Amt nachfolgt. Er verlässt das gemeinschaftliche Schlafzimmer, übersiedelt in ein Hotel, aus dessen Fenster er beim Blick auf das White House täglich daran erinnert wird, dass sich die Verhältnisse in seiner Ehe um 180 Grad gedreht haben. Zärtliche Gefühle wird das bei einem machtfixierten Charakter wie Frank Underwood eher nicht auslösen. Wahrscheinlich mutiert die Liebe nun zu Hass.

    So ganz genau erfahren wir als Zuschauer das jedoch nicht, weil zwischen Staffel 5 – an deren Ende das Präsidentenamt von Frank auf Claire übergeht – und dem Beginn von Staffel 6 Kevin Spacey aufgrund der Vorwürfe, die 2018 gegen ihn erhoben wurden, unvermittelt ausscheidet. Das Drehbuch musste im Schnellverfahren neu geschrieben werden, das Finale findet ohne den Protagonisten statt. Der Ex-Präsident ist zwischenzeitlich verstorben, wird nur noch in Unterhaltungen erwähnt. Robin Wright müht sich zwar, Staffel 6 zu retten, agiert jetzt noch machiavellistischer als ihr Mann; trotzdem fehlt das Diabolische Spaceys an allen Ecken und Enden. Das kann auch nicht durch den in eine milde Form des Wahnsinns abdriftenden Doug Stamper, den mittlerweile immer tiefer ins Herz der Finsternis vorstoßenden Journalisten Tom Hammerschmidt und die aus dem Hut gezauberte Gegenspielerin Annette Shepherd – früher die beste Freundin der Präsidentin – kompensiert werden. Diese 3 zusammen ergeben noch nicht mal 1 Drittel Frank Underwood. Staffel 6, mit 8 Folgen ohnehin die kürzeste, erreicht leider nicht mehr das Spannungsniveau der vorangehenden 5.

    Am Ende ist man froh, als Claire im Oval Office ihrem langjährigen Komplizen Doug den Dolch (der strenggenommen ein Brieföffner von Francis ist) ins Herz stößt und der treue Paladin in ihren Armen seinen letzten Seufzer tut. Sie lächelt (diabolisch?), dann fällt der letzte Vorhang. Erinnert mehr an die Schlussszene einer Tragödie als an die normalerweise im Weißen Haus gängigen Vorgehensweisen, sagen Sie? Stimmt, antworte ich. Das sind halt die 20 Prozent Fiktion, die „House of cards“ von der Realität unterscheiden.

    PS. Ach so, bevor ich es vergesse: War Francis Underwood die Blaupause für Donald Trump? Auf gar keinen Fall! Selbst in seinen schlechtesten Momenten schien der Film-Präsident klarer in seinem Urteilsvermögen und stringenter im Handeln zu sein als der womöglich nächste POTUS. Ich persönlich würde definitiv lieber von Kevin Spacey als vom Zweitgenannten regiert werden

    +++

    8 Punkte (ist streckenweise langatmig erzählt, fokussiert zu sehr auf das Ehepaar Underwood bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer interessanter Charaktere, und sobald Kevin Spacey die Bühne verlässt, verliert die Geschichte dramatisch an Fahrt. Ansonsten natürlich eine gute Arbeit).
    +++

    House of Cards
     6 Staffeln, 73 Episoden
     Genre: Politthriller, Drama
     Idee: Michael Dobbs, Andrew Davies, Beau Willimon
     Erscheinungsjahre: 2013 bis 2018
     Produktionsunternehmen: Media Rights Capital, Trigger Street Productions
     Produziert im Auftrag von Netflix
     Budget: rd. 5 Mio USD/Folge.

    Darsteller:
     Kevin Spacey = Francis/Frank Underwood
     Robin Wright = Claire Underwood geb. Hale
     Michael Kelly = Doug Stamper
     Kate Mara = Zoe Barnes
     Corey Stoll = Peter Russo
     Boris McGiver = Tom Hammerschmidt
     Diane Lane = Annette Shepherd.

  • Viel Pink, wenig Story

    Viel Pink, wenig Story

    Ja ja, ich bin spät dran. Weiß ich. Aber zuerst hat’s mich nicht so richtig interessiert, dann war’s schwierig, einen gemeinsamen Termin mit meinen 3 Kindern zu finden und als wir es schließlich tun wollten, war der Film aus den Kinos verschwunden.

    Also hatten wir uns für vergangenen Sonntagabend in der Wohnung der Tochter verabredet, Popcorn, Chips, Gummibärchen und Pizza bereitgestellt und haben es endlich getan – Barbie angeschaut.

    !Achtung: die nachfolgende Rezenzion stammt aus der Feder eines alten, weißen Mannes!

    Von Barbieland in die reale Welt und retour

    Die Handlung ist rasch erzählt: Barbie (Margot Robbie) lebt gemeinsam mit Ken (Ryan Gosling) und ner Menge anderer Barbies und Kens in Barbieland. Wir lernen im Schnelldurchlauf die Barbie-Präsidentin, 1 Barbie-Neurochirurgin, 1 Barbie-Schriftstellerin und 1 Barbie-Nobelpreisträgerin kennen. Sämtliche Hauttöne sind vertreten, es gibt sogar ne dicke und eine Rollstuhl-Barbie. Die Farbgebung in Barbieland ist bonbon-bunt mit einer Vorliebe für Neon-Pink. Die Barbies sind glücklich und treffen sich allabendlich für eine Mädels-Cocktail-Happy-Hour. Die Kens sind ebenfalls glücklich, haben jedoch wenig zu kamellen, und ihre Zufriedenheit scheint partiell auf ihrer geistigen Beschränktheit zu gründen. In Barbieland herrscht ganz augenscheinlich eine Form von Matriarchat.

    Eines Morgens erwacht Barbie in ihrem rosa Barbiebett, das in einem rosa Schlafzimmer steht, bemerkt beim Zähneputzen im rosa Badezimmer Mundgeruch und hat auf einmal Plattfüße und leichte Cellulite. Sie erfüllt augenscheinlich nicht mehr die Schönheitsnorm, die an Barbies gestellt wird, und erfährt einen kurzen Anflug von Todessehnsucht. Die anderen Barbies raten ihr, Kontakt mit einer ausrangierten Barbie aufzunehmen, der vor vielen Jahren Ähnliches widerfahren war. Diese – nennen wir sie mal so – Punk-Barbie empfiehlt das Treffen mit einem Teenager (w) in der realen Welt (warum es ausgerechnet dieser Teenager sein muss, habe ich nicht mitbekommen, weil ich zu diesem Zeitpunkt auf dem Klo war). Barbie steigt kurzentschlossen ins Auto und macht sich auf den Weg Richtung Los Angeles. Auf halber Strecke klettert Ken aus dem Kofferraum, und die beiden beschließen, die gefährliche Mission zu zweit durchzuführen.

    Angelangt am Venice Beach stellen die 2 fest, dass es in der realen Welt anders zugeht als in Barbieland = mehr Machogehabe bei gleichzeitig weniger Pink. Die beiden trennen sich: Barbie spürt den Teenager auf, der (bzw. die) sich jedoch weigert, ihr behilflich zu sein und wird im Anschluss von der Security des Herstellers (Mattel) einkassiert und in dessen Headquarter gebracht. Der versammelte Vorstand empfiehlt die Rückverfrachtung nach Barbieland. Barbie, deren Mission ja noch nicht erfüllt ist, flieht durch die langen Korridore des Verwaltungsgebäudes (diese Sequenz erinnert ein bisschen an Terry Gilliams „Brazil“), und entkommt schließlich dank der tatkräftigen Unterstützung einer Mattel-Mitarbeiterin (die praktischerweise gleichzeitig die Mutter des bisher wenig hilfreichen Teenagers ist). Die 3 verabreden, zurück nach Barbieland zu fahren, um die Angelegenheit direkt vor Ort zu regeln. Während der Reise kristallisiert sich heraus, dass die Mitarbeiterin die Ideengeberin für die Prototypen „Barbie mit Todessehnsucht“ und „Plattfuß-Barbie“ ist und damit das Ziel verfolgt, das Sauberfrau-Image der Figur allmählich aufzulösen und mehr der Realität anzupassen.

    Retour in Barbieland stellen die 3 erschrocken fest, dass mittlerweile Ken dort das Kommando übernommen und das Patriarchat eingeführt hat. Alle Barbies machen freudig mit, so als ob sie von einem Gehirnwäschevirus befallen wurden. Gemeinsam mit der nicht-infizierten Punk-Barbie baldowern die 4 nun einen Schlachtplan aus, um die alten Verhältnisse wiederherzustellen.

    Mehr soll hier nicht verraten werden, denn eventuell hat der ein oder andere Leser (m/w/d) dieser Kolumne den Film ja noch nicht gesehen.

    Blasse Handlung und hölzerne Dialoge

    Wollen wir uns der Produktion zuerst mal aus dramaturgischem Blickwinkel nähern. Da kann man als alter weißer Mann leider nur schulterzuckend anmerken, dass die Handlung durchgängig blass bleibt: kaum Spannung drin, keinerlei überraschende Wendung, die Figuren stark überzeichnet. Okay, Barbie und Ken muss man wohl überzeichnen, aber weshalb man den Mattel-Vorstand (der ja der realen Welt entstammt) ebenfalls in dieses Raster presst, bleibt das Geheimnis des Drehbuchautors. Im völligen Kontrast dazu allerdings Gloria (die zur Flucht Beihilfe leistende Mitarbeiterin) und deren (leicht rebellische) Teenagertochter Sasha. Die sagen Sätze, die 1 zu 1 aus einem Feminismushandbuch für Fortgeschrittene entnommen sein könnten:

    Ich habe es so satt, ständig dabei zuzusehen, wie jede einzelne Frau sich von morgens bis abends zerreißt, nur damit man sie mag. Und wenn das alles auch für eine Puppe zutrifft, die nur das Abbild einer Frau ist, dann weiß ich auch nicht mehr. Dann ist es noch schlimmer als ich annahm.
    (c) Gloria

    Womit wir bei den Dialogen angekommen sind. Die passen in ihrer kindlichen Naivität natürlich zu Barbie & Ken, und die passen mit der Prägnanz, in der sie die offenkundige Schwachstelle der rosaroten Scheinwelt – nämlich die Illusion jederzeit perfekt sein zu müssen – geißeln, ebenfalls zu dem das Barbie-Universum revolutionierenden Mutter-Tochter-Gespann. Es fehlt aber leider jeglicher Wortwitz; es sei denn, man findet die Art und Weise, wie Barbie & Ken reden, per se lustig. Und das, was Gloria & Sasha von sich geben, klingt überwiegend knöchern bis hin zu moralinsauer. Mir ist schon klar, dass der „geniale“ Gedanke darin liegen soll, dem arglosen Puppensprech das feministische Wording der 2 Figuren aus der realen Welt entgegenzusetzen; jedoch ist dieser gewollte Kontrast zu offensichtlich, wird auch zu häufig eingesetzt, sodass die Wirkung des Stilmittels nach ein paar Minuten verpufft. Und wenn der Drehbuchautor bei den Dialogen nicht mehr weiterwusste, wird eine Gesangs- oder Tanzeinlage eingeschoben. Kann man machen, klar. Warum auch nicht? Gibt einige gute Filme, in die Gesangseinlagen integriert sind. Wobei es dann halt ne gute Einlage sein sollte. Was ich am Sonntagabend im Barbie-Film musikalisch zu hören bekam, war allerdings Magerkost. Ich weiß jetzt, dass Ken auch singt; aber damit niemals in den Charts der realen Welt landen wird.

    Die Schauspieler – das geht schnell: Margot Robbie wie immer ein Hingucker und wie immer gut. Barbie ist jetzt sicher nicht ihre bisher beste Rolle, aber sie verleiht der Puppe zum einen Optik de luxe und zum anderen emotionale Momente, die selbst bei nem misogynen Boomer wie mir verfangen. Ryan Gosling hingegen beweist mal wieder, dass er exakt 2 mimische Ausdrücke beherrscht = cool und etwas weniger cool (als Ken zwischendurch mal weint, wirkt das eher peinlich als schauspielerisch gekonnt). Und über die restlichen Akteure brauchen wir kein Wort zu verlieren, da von der Wichtigkeit ihrer Rollen her allesamt vernachlässigbar.

    Visuelle Gestaltung & Requisite: Hier liegt die absolute Stärke des Films = der Transport des Barbie-Puppenhaus-Feelings auf die Leinwand: beeindruckende Farben, tolle Kostüme, schön-kitschige Postkarten-Hintergründe. Da stimmt wirklich alles bis hin zur pinken (lachsrosa?) Krawatte des Mattel-CEO. Das ist überaus gelungenes Hollywood-Kino!

    Ernstgemeinte Message oder Marketing-Gaga?

    Die Zuschaue sind begeistert, besonders positiv wird die Botschaft des Films aufgenommen. Bloß, worin besteht die Message eigentlich? Ist es nur 1 oder sind es mehrere? Falls ja: um welche handelt es sich? Ich bin da nach wie vor rätselnd. Das Einzige, was ich begriffen habe = da soll mit pinker Penetranz (pardon: Nachhaltigkeit) was gesendet werden.

    Ich versuche mich jetzt daran, die Sendung zu entschlüsseln bzw. in ihre Einzel-Botschaften aufzudröseln:
    (A) Matriarchat schlägt Patriarchat
    (B) Diversität ist ein unbedingtes Muss
    (C) Barbie hat erkannt, dass sie näher an die Realität heranrücken muss, wenn sie eine Zukunft haben will (Stichwort = Orangenhaut-Puppe)
    (D) Grundsätzlich ist die Barbiewelt okay, da von modernen Frauen bevölkert.

    Wollen wir uns mal die Punkte (C) & (D) vorknöpfen, um zu sehen, ob die Puppen tatsächlich dem modernen Frauenbild entsprechen. Was ist bspw. von einer Schriftsteller-Barbie zu halten, die in ihrem gesamten Leben keinen einzigen Satz zu Papier gebracht hat? Oder von einer Nobelpreis-Puppe, die nicht erklären kann, wofür sie diese Auszeichnung verliehen bekam? Die Präsidenten-Barbie ist schwarz (womit sie oben (B) Diversität erfüllt); aber ist ihr bewusst, was einen amerikanischen Präsidenten (m/w/d) hinsichtlich Richtlinienkompetenz von einem deutschen Kanzler unterscheidet? Das sind aber blöde Fragen, die sie hier an Barbie stellen, Herr Kolumnist, meinen Sie? Das stimmt, es sind tatsächlich blöde Fragen. Aber genauso blöde ist es, bloß weil ich eine Puppe schwarz anmale und ihr die Bezeichnung „Präsidentin“ verleihe, zwangsläufig von einer modern geprägten Figur auszugehen. Streng betrachtet handelt es sich um eine Plastikhülle bar jeglichen Inhalts. Wer benötigt denn bei Puppen irgendeinen Inhalt, es sind Puppen und keine realen Menschen, sagen Sie jetzt? Okay, wenn’s Puppen sind und bleiben – wozu dann diese gehäufte Berieselung mit Botschaften im Film? Wird es tatsächlich jemals eine Plattfuß-, Todessehnsucht-, Bulimie-, Haarausfall- oder Schlechte-Zähne-Barbie geben, oder will der Hersteller den Gedanken des Näher-an-die-Wirklichkeit-ranrückens dann lieber doch nicht überstrapazieren? Realität bedeutet im zweitgenannten Szenario, dass Barbie zwar alle möglichen Berufe ergreifen darf (evtl. sogar den des CEO von Mattel), dabei aber immer nett & adrett auszusehen hat.

    Was nützen all die o.g. Botschaften (vllt. gab’s noch mehr davon, die ich als alter weißer Mann schlichtweg nicht begriffen habe), wenn die zwar ans Publikum gerichtet, jedoch nie in die Praxis umgesetzt werden, weil dem Hersteller die falsche Vorspiegelung der Moderne völlig reicht? Nichts ist so konservativ wie der Vorstand einer Aktiengesellschaft, der ständig bibbernd auf die Quartalszahlen schielt. Sollte die vorgelagerte Marktforschung ergeben, dass sich eine Adipositas-Barbie nicht verkauft, so wird diese nicht produziert. Völlig egal, wie wirklichkeitsgetreu diese Puppe wäre. Zwischendurch grübelte ich: Ist „Barbie“ ein Werk, bei dem Autor(en) & Regisseurin völlig frei in Ausarbeitung und Gestaltung waren, oder gab’s Vorgaben vom Geldgeber? Ich tippe auf das zweite Szenario.

    Viel Farbe, wenig Inhalt, Botschaft mit dem Holzhammer

    Ich bin zwiegespalten: visuelle Gestaltung und Requisite toll gemacht. Margot Robbie von der Optik her top, haucht der (dummen) Plastikpuppe Leben ein und verleiht ihr hin und wieder sogar einen Hauch intellektuellen Tiefgang. Ryan Gosling hingegen mittelmäßig; das war er aber auch schon im Netflix-Blockbuster The Gray Man.

    Die Botschaft(en) wird/werden zu sehr mit dem Holzhammer vermittelt. Hier ist weniger oft durchaus mehr. Anstatt dem Zuschauer ständig zu erklären, worin die Vorteile des Matriarchats liegen, wäre es klüger gewesen, das spielerisch zu zeigen (show, don’t tell). Und da biegt der Film mMn falsch ab, als er die beiden Protagonisten in die Barbie-Scheinwelt zurückschickt, anstatt sie ihre Mission im realen Los Angeles erfüllen zu lassen. Die für meinen Geschmack einprägsamste Sequenz ist die, wo Barbie auf Sasha und deren Freundinnen trifft und sich Sachen wie „du hast den Feminismus um 50 Jahre zurückgeworden“, „seit man dich erfunden hat, fühlen sich Frauen deinetwegen schlecht. Du hast das Selbstwertgefühl vieler Mädchen zerstört“, „du tötest den Planeten mit deiner Verklärung des ungebremsten Konsumverhaltens“ und „Faschistin“ anhören muss. Denn das war ehrlich und trifft den Kern der Barbie-Problematik = Propagierung eines Schönheitsideal, das für 90 Prozent der jungen Käuferinnen niemals erreichbar ist (dasselbe gilt natürlich für Sixpack-Ken; wobei halt nur wenig Jungs sich eine Ken-Puppe zulegen). Zwischen-PS: nicht jede Ikone der Konsumgesellschaft ist zwingend eine Faschistin. Aber aus dem Mund von Sasha hört sich das in dieser Szene trotzdem überzeugend an.

    Statt weiterer Aufenthalt in der realen Welt folgen nun 1 Stunde Barbieland-Farbenzauber, Tanz- & Gesangseinlagen zzgl. hölzerne Dialoge. Mit der Flucht aus L.A. wurde leider die Chance vertan, Barbie & Ken konsequent mit den Problemen des richtigen Lebens im Allgemeinen und denen von Teenagern der Sorte Sasha im Speziellen zu konfrontieren. Dem Kampf zwischen Matriarchat und Patriarchat, der sich jetzt vor dem Zuschauer ausbreitet, haftet doch stark der Geruch von Haarspray und Wild-Cherry-Deodorant an.

    Barbie ist mithin, ein/eine:
    (a) Regisseur- (nicht: Drehbuchautor-) Werk
    (b) Margot-Robbie-Film
    (c) Werbeproduktion für Mattel (und ein bisschen für Birkenstock).

    Zur Punktevergabe:
     Sohn 1 = 2 („Ich bin hier, weil’s Pizza gibt und bin zwischendurch kurz eingeschlafen“)
     Sohn 2 = 3 („Story ist Müll“)
     die Tochter = 3 („Botschaft wird zu holzhammermäßig transportiert“)
     Ich = 4 (1 Zusatzpunkt für Margot Robbie).

    Dass dieser Film (angeblich) das Kino gerettet hat, freut mich zwar fürs Kino, kann jetzt aber nicht an der Originalität der erzählten Geschichte gelegen haben. Der Streifen liegt inhaltlich näher bei „Charlie und die Schokoladenfabrik“ als bei „The Rocky Horror Picture Show“ (wie einer meiner Facebook-Bekannten begeistert kommentierte).

    PS. Weshalb Barbie ganz am Ende einen Termin bei einem Gynäkologen (in der realen Welt) bucht, habe ich nicht so ganz verstanden. Ist sie schwanger (falls ja: von Ken?) oder will sie sich erstmal unverbindlich nach den Möglichkeiten einer Vagina-Transplantation erkundigen (denn sie hat ja keine)? Kann evtl. in einer Fortsetzung aufgeklärt werden.

    PPS. Sollte Barbie als reiner Kinderfilm gemeint sein (FSK 6?), nehme ich natürlich (beinahe) alles oben Gesagte zurück und schreibe ne neue Rezi.
    +++

    Barbie
    – Genre: Komödie
    – FSK: 6 Jahre
    – Erscheinungsjahr: 2023
    – Produktionsunternehmen: Heyday Films, LuckyChap Entertainment, NB/GG Pictures, Mattel Films
    – Budget: ca. 140 Mio. USD
    – Vertrieb: Warner Bros. Pictures

    – Regie: Greta Gerwig
    – Drehbuch: Greta Gerwig & Noah Baumbach
    – Protagonisten: Margot Robbie & Ryan Gosling

    Gibt’s mittlerweile bei Amazon Prime.

  • Über die Lebensdauer von Ampeln oder …

    Über die Lebensdauer von Ampeln oder …

    Gestern veröffentlichte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz einen Text mit der Überschrift Ampelmüdigkeit – Die Koalition hängt durch, in der die teils katastrophale Außendarstellung der Regierung und die (Nicht-) Führung des Kanzlers im Mittelpunkt stehen. Daraus resultiert wiederum eine Wert- (strenggenommen eigentlich: Gering-) Schätzung der aktuell praktizierten Staatskunst durch die Bürger von historisch niedrigen 35 Prozent. Man muss nicht 40 Semester Politikwissenschaften studiert haben, um zu ahnen, dass es sich, sollte nicht alsbald das Ruder herumgeworfen werden, bei der Ampel um ein 1-Legislaturperiode-Phänomen handelt.

    Schweres Erbe angetreten

    Völlig zurecht weist Heinrich Schmitz darauf hin, dass Rot-Grün-Gelb ein schweres Erbe angetreten hat. Viele Gesetzes- und Modernisierungsvorhaben wurden in der langen Ära Merkel – speziell während deren Spätphase – entweder verschleppt oder gar nicht erst angepackt, woraus großer Reformstau vor allem beim Megathema „Klima“ und im Bereich „Digitales“ resultierte. Allein mit der Abarbeitung dieser Problemfelder wäre eine neue Regierung 4 Jahre lang 24/7 ausgelastet. Erschwerend hinzu kamen aber noch die Corona-Pandemie (okay, die gab’s auch schon zum Finale von Merkel IV) und der Ukrainekrieg. Während uns Covid-19 ne Menge Lock- & Shutdowns (-> u.a. Kneipen-, Sportstudio- und Theatersterben) und viele Tage zu Hause im Home Office bescherte, zeigte uns der russische Überfall aufs Nachbarland gnadenlos auf, dass wir zum einen wie ein Junkie abhängig vom sibirischen Gas sind, und unsere Bundeswehr nicht nur mit veraltetem Gerät hantiert, sondern überwiegend kampfunfähig ist. Beides lange bekannt, von Experten wurde – falls man sie überhaupt mal fragte – periodisch auf diese Missstände hingewiesen; bloß im politischen Berlin interessierte sich bis zum Frühjahr 2022 niemand dafür. Ist allerdings ein Versäumnis nahezu aller Parteien; kann mich nicht daran erinnern, dass die damalige Opposition lautstark vor russischen Energielieferungen gewarnt hatte. Am 24. Februar 22 wurden uns schlagartig die Augen geöffnet, wir erwachten aus unserem Die-Welt-ist-gut-Schlaf und begriffen binnen weniger Tage, dass dringender Handlungsbedarf sowohl bei der Stärkung unserer militärischen Verteidigungsfähigkeit als auch bei der Zusammenstellung des zukünftigen Energiemixes geboten ist.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: keine neue Regierung der Bundesrepublik war jemals mit so vielen Großbaustellen gleichzeitig konfrontiert wie die Ampel.

    Niemand würdigt politischen Fleiß

    So nehmen die Reaktionen der Kommentatoren unter der gestrigen Kolumne nicht Wunder:

    (1) Die Ampel hat einen guten Job gemacht , schwierig in Krisen / Kriegszeiten, Holland kann sich schämen, bei uns werden Rechtspopulistische Parteien niemals gewinnen . Jeder von uns sollte die Verantwortung übernehmen, ich sehe keine Gefahr das 2025 die AFD das Ruder übernimmt , hatten wir Anno 1933 , jetzt ist nicht stärke , sondern ein absolutes Ausschlussverfahren gefragt. Volkshetze ist keine Demokratie, ich hoffe wir sind mehr.

    (2) Was die Ampel angeht: man sollte schon auch sehen, die haben nur noch 35% Zustimmung – dabei stehen aber die Grünen ziemlich exakt bei ihrem Wahlergebnis von 2021. Rasant abgestürzt in der Gunst der Wähler sind SPD und FDP. Die Linderistas haben ihre Zustimmungswerte mal eben halbiert. Und Habeck bemüht sich ja durchaus, das zu leisten, was du zu Recht einforderst und der Kanzler eben nicht liefert: Erklärungen. Allerdings kranken die Grünen an zwei Problemen: einerseits gelingt es ihnen nicht, der von Union, FDP und rechter Presse geschürten Wahrnehmung etwas entgegenzusetzen, sie seien der eigentliche Grund aller Probleme. Und andererseits wollen sie so realpolitisch sein, dass sie mittlerweile ihre eigene Basis dauernd vor den Kopf stoßen, weil sie bei grünen Kernthemen wie Flucht oder Klima nicht das liefern, was die Basis erwartet, teils sogar das Gegenteil.

    (3) Die Ampel hat fertig. Die Grünen versuchen mit immer mehr Geld die Probleme zu lösen, die mit weniger Intervention in den Markt erst gar nicht entstanden wären und erleben gerade ihren moralinsauren, ideologischen Kollaps; die ersten Stimmen in der SPD zweifeln, ob das als BGE ausgelegte Bürgergeld nicht doch mehr Probleme am Arbeitsmarkt schafft und weitere Löcher in die Sozialkassen reißt und die FDP hat so ziemlich jeden Wähler mit ihrer Umfallerei vergrault.

    Eigentlich müsste die Ampel wegen des Fleißes, mit der sie Tag und Nacht, die o.g. Großbaustellen beackert, Minimum 80 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung haben, meinen Sie? Theoretisch ja, aber praktisch sind es bloß 35, denn Fleiß alleine genügt dem Bürger nicht, wenn er sein Kreuz in der Wahlkabine macht. Da müssen noch andere Faktoren hinzukommen, um als Partei sexy zu erscheinen.

    Die Prognosen (sog. Sonntagsfrage) der renommierten Forschungsinstitute ergeben seit Monaten ein nahezu identisches Stimmungsbild = SPD und Grüne beide weit unterhalb von 20 Prozent, die FDP kann froh sein, wenn sie die 5%-Marke überquert. In der Addition reicht es bei weitem nicht, um die Koalition in der jetzigen Konstellation fortzuführen. Und diese (aus Sicht der Ampel-Befürworter) trübe Aussicht wird von sämtlichen Instituten geteilt, völlig egal, wie groß die gezogene Stichprobe ist und mit welcher Erhebungsmethode die Antworten der Probanden in Erfahrung gebracht werden.

    Prognosen = wie Kartenlegen?

    Prognosen sind die moderne Variante der antiken Eingeweide-Schau und interessieren niemand, sagen Sie? Oder: selbst Kartenleger treffen öfter ins Schwarze als unsere Meinungsforscher? Oder: nichts ist so alt wie die Umfrage von gestern? Das stimmt alles nur bedingt, antworte ich. Zum einen achten die renommierten Institute darauf, dass sowohl Stichprobe als auch Erhebungsmethode den strengen Kriterien, die notwendig sind, um als repräsentativ zu gelten, genügen. Hat ja kein Experte was davon, wenn er sich dauernd irrt. Zum anderen ist weniger die einzelne, stichtagsbezogene Umfrage als vielmehr deren Zeitreihe von Relevanz. Wenn man sich die Ergebnisse regelmäßig betrachtet, fällt auf, dass:

    (a) die ermittelten Werte sich institutsübergreifend ähneln
    (b) die Änderungen (eine Partei rauf, eine andere runter) bloß in kleinen Schritten vonstattengehen.

    Wollen wir uns interessehalber 4 aktuelle Umfragen anschauen.

    Partei/Institut Allensbach Verian (Emnid) FG Wahlen INSA
    CDU/CSU 32% 29 31 30
    AfD 19 20 22 22
    SPD 17 16 15 16
    Grüne 13.5 17 15 12
    FDP 6 5 5 6
    Linke 3.5 4 4 4
    FW 4 3
    Sonstige 5 9 8 7%
    Legende 23. Nov., 1.047 Teilnehmer, Face to face = Hausbesuche 25. Nov., Stichprobe = 1.452 Probanden. Telefon 24. Nov., 1.242 Teilnehmer, Telefon 25. Nov., 1.202 Teilnehmer, Mix aus Telefonbefragung und Online-Panel

    (c) wahlrecht.de

    Das Toleranzintervall (statistischer Fehler) beträgt (bis zu) plus/minus 3 Prozent. IdR. fällt es allerdings geringer aus. Die Vorhersagen sind, v.a. sobald der Wahltag näherrückt, in der Mehrzahl überaus exakt.

    Die Zeitreihen-Analyse führt im Rahmen einer Kolumne zu weit. Hier würde man allerdings unschwer feststellen, dass sich die Union nach ihrem Wahldebakel im Herbst 2021 Schritt für Schritt erholt und mittlerweile bei nahezu allen Instituten stabil bei 30 steht. Tendenz weist eher nach oben als nach unten. Ihren Anteil in den vergangenen 2 Jahren verdoppelt hat die AfD; auch das geschah peu à peu und keineswegs sprunghaft. Das 2021-Niveau halten können bisher in etwa die Grünen (wenngleich es bei dieser Partei in den vergangenen 24 Monaten die größten Schwankungen zu beobachten gibt), während SPD und FDP stetig runtergehen. Die Linke wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr im nächsten Bundestag sitzen, bei den Freien Wählern bleibt abzuwarten, wo deren momentaner Höhenflug endet. Im Bund wird’s für Aiwanger & Co. sicher schwieriger werden als in Bayern, die notwendigen 5% zu knacken.

    Linke Mehrheit SEHR unwahrscheinlich

    Aufbauend auf den oben gezeigten Zahlen – welche Konstellationen sind Ende 2025 möglich (und wahrscheinlich)?

    möglich
    (1) Union + AfD
    (2) Union + SPD
    (3) Union + 2 Juniorpartner (z.B. SPD + FDP oder Grüne + FDP)
    (4) sollten die Freien Wähler reinkommen, dann wäre evtl. auch ein 3er-Bündnis Union+Liberale+FW denkbar.

    Was – Stand heute – definitiv nicht möglich ist = linke Mehrheiten.

    wahrscheinlich
    Da ich optimistisch davon ausgehe, dass die Brandmauer gegen rechts bis 2025 hält (sprich: niemand gemeinsam mit den Hellblauen regieren wird), scheinen mir folgende Konstellationen die wahrscheinlichsten zu sein:

    (1) Neuauflage der Groko (vermutlich mit einem Kanzler, der entweder Merz oder Söder heißt)
    (2) Schwarz-Grün (setzt allerdings einen Kanzler Wüst oder Günther und ein paar Prozentpunkte mehr für die Grünen voraus)
    (3) „Deutschland“ = Union + SPD + FDP
    (4) Jamaika = Union + Grün + Liberale.

    Wer aus (1) bis (4) mein persönlicher Favorit ist? Ganz klar (2) = Schwarz-Grün. Von 3er-Kombinationen halte ich wenig, die Groko gab’s schon zu oft. Schwarz-Grün funktioniert auf Länderebene tadellos, läuft dabei nahezu geräuschfrei und wäre für den Bund mal was Neues.

    Die Umfragen können 2025 völlig anders aussehen als heute, meinen Sie? Stimmt, jedoch müsste, damit der Trend sich signifikant wendet, ein mittelgroßes Wunder à la die Bevölkerung mutiert zu überzeugten Klimaschützern oder unser Kanzler wandelt sich in einen charismatischen Anführer (am besten beides zusammen) geschehen. Und dass die Deutschen den Grünen (mal abgesehen von deren Kern-Klientel, das sich auf ca. 15% beläuft) auf deren Wir-retten-den-Planeten-Marsch folgen werden, ist genauso unwahrscheinlich wie ein Olaf Scholz, der mit der Faust auf den Tisch haut und „Basta!“ ruft. Mal ganz abgesehen von der gelben Laus im rot-grünen Pelz, die man nicht abschütteln kann, weil ansonsten der Pelz zu sehr schrumpft.

    Mit 98%-iger Wahrscheinlichkeit wird es deshalb in knapp 2 Jahren, wenn der nächste BT-Wahlgang ansteht, zu einem Wechsel der Koalition und ebenfalls der Kanzlerschaft kommen. Meine Prognose lautet = Schwarz-Grün & Hendrik Wüst.

    Sie glauben weiterhin nicht an Umfragen? Das tut mir wirklich leid für Sie.

  • Die Me2-Freundin, die nicht schlafen kann

    Die Me2-Freundin, die nicht schlafen kann

    Es war mitten in der Nacht, als mein Telefon wie verrückt klingelte. Nicht 5x, sondern 10x und dann wieder 10x und erneut 10x. Musste also was Wichtiges sein.
    „Bist du wach?“, fragte Vera.
    „Jetzt schon“, antwortete ich.
    „Ich kann nicht schlafen“, sagte sie.
    „Und dann rufst du um 3 Uhr fremde Leute an?“
    „Du bist nicht fremde Leute. Wir waren zusammen auf der Schule. Oder hast du das vergessen?“
    „Nein, habe ich nicht vergessen. Was gibt’s so Dringendes, dass du seit ner Viertelstunde dauerläutest?“

    Ne schiefgelaufene Facebook-Konversation

    „Ich kann nicht schlafen“, sagte Vera.
    „Sagtest du schon“, sagte ich.
    „Willst du wissen, weshalb ich nicht schlafen kann?“
    „Eigentlich nicht; aber du wirst es mir trotzdem erzählen.“
    „Mir geht eine Facebook-Konversation nicht aus dem Kopf.“
    „Seit wann gibt’s in Facebook Konversation? Da werden doch nur grob gestrickte Meinungen mit dem Holzhammer ausgetauscht. So lange, bis der eine beleidigt ist und der andere ihn blockiert.“
    „Bei dir vielleicht. Bei mir geht es gesittet zu. Ich achte sehr auf Etikette.“
    „Und kannst jetzt nicht schlafen.“
    „Kannst du nicht manchmal ebenfalls nicht schlafen, weil dich eine Facebook-Konversation nicht loslässt?“
    „Ich schlafe wie ein Baby.“
    „Du warst immer schon gut im Verdrängen. Liegt an deinem oberflächlichen Charakter.“

    „Vera, worum geht’s konkret? Sonst lege ich mich wieder hin. Ich brauch meinen Schlaf.“
    „Ich hab gestern ein altes Filmplakat gepostet.“
    „Ein altes Filmplakat?“
    „War ein Plakat zu Der Spion, der mich liebte. Kennst du den?“
    „Klar, kenne ich den: war der dritte mit Roger Moore. Mit ner echt heißen Barbara Bach an seiner Seite. Allein für den Arsch von ihr lohnt es, sich den Film mehrmals anzusehen.“
    „Genau darum geht es.“
    „Um den Arsch von Barbara Bach?“
    „Dass das Filmplakat zu aufreizend gestaltet war, zu sexy. Heute könnte man so was nicht mehr zeigen wegen Sexismus und Me2. Und ich hab mich im Anschluss echt schlecht gefühlt, weil ich es gepostet hatte; denn, wie du weißt, Me2 liegt mir sehr am Herzen. Ich wollt’s aber auch nicht wieder löschen, weil schon so viele Kommentare drunter standen. Und nun habe ich ein sexistisches Plakat auf meiner Seite stehen und kann deshalb nicht schlafen.“

    „Trink 2 Glas Rotwein und scheiß auf die Kommentatoren“, sagte ich.
    „Und das ausgerechnet aus deinem Mund.“
    „Dann trink halt keinen Rotwein.“
    „ICH kann jederzeit Rotwein trinken, aber du solltest noch nicht mal daran denken!“
    „Ich geh jetzt aufs Klo.“
    „Aber nicht einpennen. Ich warte, bis du wiederkommst.“

    Ich ging aufs Klo und dachte kurz drüber nach, mich in die Badewanne zu legen, um weiterzuschlafen. Das Geräusch der Spülung vermischt mit dem Zitronengeruch der WC-Steine machte mich wieder wach. Ich schlurfte zurück ins Wohnzimmer.

    Was darf auf einem Filmplakat (nicht) gezeigt werden?

    „Hast du Pipi gemacht?“, wollte Vera wissen.
    „Männer in meinem Alter machen nicht Pipi.“
    „Sondern?“
    „Sie pissen.“
    „Was für ein vulgäres Wort. Ob du dich dabei hinsetzt, frage ich gar nicht erst.“

    „Also, was ist jetzt mit dem Filmplakat? Haben deine Follower hyperventiliert, weil der knackige Arsch von Barbara Bach darauf zu sehen war?“
    „Sie haben geschrieben, dass man so ein Plakat heute auf gar keinen Fall mehr zeigen darf.“
    „Du hättest antworten können, dass es ein Plakat aus den 70-ern ist. Damals hat man mit solchen Collagen für Filme geworben und sich keine Gedanken über Me2 und Sexismus gemacht. So wie man sich auch keine Gedanken über die Homo-Ehe und Palmöl in Nutella gemacht hat. Wer ein Problem mit 007-Plakaten hat, soll sich die Filme halt nicht anschauen.“
    „Aber genau hier liegt das Paradox, das ich nicht verstehe“, sagte Vera.
    „Was für ein Paradox?“

    „Meine Freunde schrieben, dass die Filme wunderbar sind, und Roger Moore ein toller Bond wäre.“
    „Deine Follower haben keinen blassen Dunst von guten Filmen.“
    „Aber du hast Ahnung von Filmen?“
    „Augenscheinlich mehr als deine digitalen Freunde. Denn Moore war im Vergleich zu Connery natürlich ein qualitativer Abstieg. Sowohl von der schauspielerischen Leistung her als auch bei den meisten Geschichten. Von „Der Spion, der mich liebte“ mal abgesehen. Der wird aber vor allem durch den Knackarsch von Barbara Bach und den Beißer gerettet. Streng genommen hätte man die Reihe nach Connerys letztem Auftritt beenden müssen. Alles, was danach kam, war Wiederholung und Mittelmaß.“
    „Fandst du Barbara Bach damals geil?“
    „Wer fand Barbara Bach damals nicht geil?“
    „Hast du auf Sie masturbiert?“
    „Wie soll ich heute noch wissen, auf wen ich 1977 masturbiert habe?“
    „Also hast du es. Wusste ich sofort.“

    007 ohne Sexismus ist wie Dick ohne Doof

    Wir redeten jetzt eine Viertelstunde miteinander und mir war immer noch nicht so richtig klar, was Vera derart aus der Fassung gebracht hatte, dass sie nicht schlafen konnte. Sie rief mich zwar hin und wieder an, aber nie nach Mitternacht. Es musste was mit Gute-Menschen-posten-keine-70er-Jahre-Filmplakate zu tun haben. Und wenn sie es dennoch tun, um ihre Liebe zu alten 007-Streifen zu bekunden, dann müssen sie sich zumindest vom Plakat distanzieren und darunter schreiben, dass sie die Collage (zusätzlich zur leichtbekleideten Barbara Bach sind darauf noch 2 unbekannte Bikini-Schönheiten und der seine Walther PPK zückende Roger Moore zu sehen) nur deshalb posten, weil es das Original ist, sie aber keineswegs mit dem Inhalt konform gehen. Denn solche Bilder degradieren Frauen zu Sexobjekten und gehören heutzutage selbstverständlich auf den Puritanismus-Index. Zeigen darf man sie bloß noch, um die Historie nicht zu verfälschen (iSv. wissenschaftlich sauber bleiben, indem man die Primärquelle demonstriert) und sollte das Bild dann aber sofort mit einem Warnhinweis versehen. Dass nun ausgerechnet meine Me2-angehauchte Schulfreundin Vera solch harsche Kritik von ihren virtuellen Freunden erfuhr, machte ihr offensichtlich stark zu schaffen.

    „James Bond und Frauen als Sexobjekte sind untrennbar miteinander verknüpft. So wie Oliver Hardy & Stan Laurel oder Linda Lovelace mit Deep Throat. Das eine ist ohne das andere undenkbar, geradezu sinnbefreit“, sagte ich.
    „Das Plakat spiegelt den Inhalt?“
    „Natürlich tut es das. Es ist sogar harmloser als der Film, den in dem gibt’s ja Chauvi-Sprüche am laufenden Band. Vor allem die 70-er-Jahre-Produktionen borden über von Sexismus.“
    „Also ist es ein Paradox, die Filme zu mögen, jedoch das Plakat zu verdammen?“
    „Es ist Heuchelei, um auf billige Art dem Me2-Zeitgeist zu entsprechen, ohne die eigenen Sehgewohnheiten in Frage zu stellen. Wer ein Problem mit Sexismus hat, darf sich keinen Bond mehr anschauen.“
    „Gilt das auch für die neuen Produktionen mit Craig?“
    „Ja, das gilt auch für Craig.“

    „Du hast natürlich kein Problem mit Chauvinismus und 007“, sagte Vera.
    „Ich hab eher ein Problem damit, dass Bond partout nicht sterben will und wie ein Untoter alle paar Jahre wieder auf die Bühne gezerrt wird. Das erfüllt mittlerweile den Tatbestand der Leichenfledderei.“
    „Lenk nicht vom Thema ab. Für dich ist das alte Plakat also auch aus heutigem Blickwinkel okay?“
    „Völlig okay.“
    „Das wollte ich wissen.“
    „Gut, dass wir darüber nachts um 3 gesprochen haben. Ich leg mich jetzt wieder hin.“
    „Schlaf schön und träum von Barbara Bach.“

    Ich ging nochmal aufs Klo, denn ü60 ist es ratsam, seine Blase akkurat zu leeren, bevor man sich ins Bett legt, und überlegte, ob ich 1977 auf Barbara Bach masturbiert hatte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, aber das heißt nicht viel, weil man in meinem Alter ne Menge vergisst.

  • Ist Frank G. der wiedergeborene Hank C.?

    Ist Frank G. der wiedergeborene Hank C.?

    Ihr wollt von mir wissen, ob Shameless was taugt? Echt jetzt?

    Warum schaut ihr das nicht selbst an? Keine Zeit, habt Besseres zu tun, als euch 134 Folgen einer amerikanischen Arbeiterklasse-Saga reinzupfeifen? Und wollt nun auf die preiswerte Tour hier bei mir in Erfahrung bringen, worum es da geht, damit ihr abends in der Serienjunkie-Selbsthilfegruppe mitreden könnt? Falls ja – das ist wirklich ne billige Masche.

    Ich hab mir tatsächlich alle 134 (als Wort getippt = EINHUNDERTVIERUNDDREIßIG) Episoden gegeben, bevor ich mich an diese Rezi machte. Hat ein paar Wochen (und lange Nächte) gedauert, bis ich damit durch war. Zwischenzeitlich war ich versucht, mittendrin abzubrechen und die Rezi trotzdem zu schreiben. Dann aber dachte ich, dass das bestimmt ein paar Lesern auffällt und die mir nicht nur Ahnungslosigkeit (daran habe ich mich gewöhnt), sondern auch noch Betrugsversuch in den Kommentaren um die Ohre hauen. Also habe ich bis zum Finale durchgehalten – ein bisschen neugierig, wie es endet, war ich natürlich auch – und mich erst dann an meinen Laptop gesetzt.

    Im Online-Seminar „Wie man eine gute Serien-Rezi verfasst“ habe ich gelernt, dass Struktur in einem Text superwichtig ist. Also strukturiere ich den Text in mehrere Abschnitte.

    Fangen wir an mit:

    Die erzählte Geschichte

    Der polytoxe (Lieblings-Suchtmittel = Opioide und Alkohol) und chronisch arbeitsscheue Frank Gallagher (William H. Macy) lebt als alleinerziehender Vater mit seinen 6 Kindern in einem Haus der Kategorie Abrissbirne im Chicagoer Unterschicht-Viertel Southside. Da Frank nicht nur chronisch arbeitsscheu, sondern aufgrund des ständigen Drogenkonsums ebenfalls hochgradig unzuverlässig ist, hat die älteste Tochter Fiona (Emmy Rossum) die Aufgabe der fehlenden Mutter übernommen: sie kümmert sich darum, dass die Geschwister zur Schule gehen, 3 Mahlzeiten am Tag auf dem Tisch stehen und die Rechnungen bezahlt werden. Bruder Phillip/Lip (Jeremy Allen White) gilt als hochbegabt und soll aufs College, Ian (Cameron Monaghan) schläft vorzugsweise mit Männern und fürchtet sein Coming out, Deborah/Debbie entwickelt sich frühreif und möchte schon als Teenager schwanger werden, Carl (Ethan Cutkosky) ist ein netter Soziopath, der am liebsten seine Mitschüler und die Kids aus der Nachbarschaft quält und dann gibt’s noch den schwarzen Säugling Liam (warum dieses Kind bei 2 weißen Eltern schwarz ist, bleibt bis zum Ende völlig nebulös. Simpelste Erklärung = der Drehbuchautor wollte mal was Neues ausprobieren). Fiona hat also alle Hände voll zu tun, die Familie über die Runden – und den sturzbetrunkenen Frank abends ins Bett – zu kriegen. Ab und an schneit die bipolare (und ebenfalls polytoxe) Mutter Monica rein, gibt ein kurzes Gastspiel und verduftet anschließend mit einem neuen Liebhaber.

    Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven:
    (A) Frank, Fiona, Phillip (die 3 Triple-A-Protagonisten)
    (B) Ian, Debbie, Carl, Kevin & Veronica (ein sexsüchtiges Paar aus der Nachbarschaft)
    (C) in späteren Staffeln kommt ebenfalls der Blickwinkel von Liam dazu.

    Flotte Story, aber wenig Figurenentwicklung
    Die Geschichten changieren zwischen hardcore-realistisch und grotesk. Oft weiß man nicht, ob man lachen oder weinen oder einfach nur stumm staunen soll, wie die Protagonisten in jeder Folge aufs Neue versuchen, ihr Glück jenseits der Southside zu finden, um 45 Minuten später, präzise wie ein schweizer Uhrwerk, erneut am Ausgangspunkt der Reise zu landen. Man kann dieses wiederkehrende Motiv zusammenfassen mit dem Satz: 1x Southside, immer Southside. Das ist zwar irgendwie deprimierend, wird aber derart humorvoll verpackt, dass kein Zuschauer Gefahr läuft, sich wegen Shameless ein Rezept für nen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer besorgen zu müssen.

    Was in anderen Serien gang und gäbe ist – die Entwicklung der Figuren – findet in Shameless nur bedingt statt: Frank bleibt sich von Folge 1 bis 134 treu: er säuft, schnorrt, lügt & betrügt und hurt sich durchs Leben. Oft amüsant anzusehen, aber Nullkommanull Fortschritt. Ähnliches gilt für zwei Drittel seiner Kinder: die werden zwar älter, die Aufgabenstellungen und Probleme wechseln, aber die Charaktere bleiben dieselben; es kommt zu keinem Bruch im Lebenslauf. Der 25-jährige Ian verhält sich wie der 15-jährige, Debbie mit 20 erscheint nicht grundlegend verschieden von der mit 10; dass Carl mit seinen speziellen Talenten entweder beim Militär oder der Polizei anheuert, war von Anfang an klar. Baby Liam steigt früh auf zum Southside-Geschäftsmann, der bereits mit 10 die Baskettball-Talente seiner Highschool managed. Ist zwar eine pfiffige Idee, jedoch kein großes Kino.

    Die einzigen beiden Figuren, die eine Zäsur erleben, sind Phillip und Fiona. Lip, der mit einem Stipendium den Sprung ans College schafft, verbockt es dort aufgrund seiner Trunksucht. Er macht einen Entzug, wird rückfällig, landet im Knast, absolviert einen weiteren Entzug, besucht regelmäßig AA-Meetings, findet einen Job als Mechaniker, wird Mentor junger Alkoholiker. Der Phillip, der 6 Staffeln lang nichts anbrennen und keinen Drink stehen ließ, ist Vergangenheit. Wir begegnen jetzt dem neuen Lip, der Verantwortung übernimmt und eine eigene Familie gründen will. Ist natürlich weniger witzig als die Kapriolen, die Vater Frank widerfahren; berührt als Schicksal allerdings mehr. Helikopter-Schwester Fiona, die ein Problem bei der Auswahl der Partner und folglich der Dauer ihrer Beziehungen hat, scheitert beim Versuch, ins Immobiliengeschäft einzusteigen. Vom Pleitegeier umkreist beginnt auch sie zu trinken, verliert ihren Job als Geschäftsführerin eines Restaurants und säuft in der Konsequenz noch hemmungsloser. Erst als ihr eine mehrjährige Haftstrafe und die Geschwister mit Rauswurf aus dem Elternhaus drohen, kommt sie zur Besinnung und zieht die Reißleine. Allerdings passiert jetzt kein Zwischen-happy-end à la die alte Fiona ist wieder da und kümmert sich um alle, sondern sie verlässt quasi über Nacht die Southside, Chicago, die USA und verreist mit unbekanntem Ziel. Weshalb das am Ende von Staffel 9 derart abrupt geschieht – keine Ahnung. Das müssen Sie die Drehbuchautoren und Produzenten fragen. Vielleicht war der Vertrag mit Emmy Rossum ausgelaufen, und sie forderte für die Verlängerung zu viel Kohle. Oder sie hatte nach 9 Jahren keine Lust mehr, ständig in die Rolle der Fiona Gallagher zu schlüpfen. Ich weiß es echt nicht. Rein vom Handlungsfaden her hätte es Sinn ergeben, sie bis zum Finale mit dabei zu haben, anstatt sie sich unauffindbar aus dem Staub machen zu lassen. Aber so was passiert ja oft in Serien: eine wichtige Figur löst sich plötzlich in Luft auf.

    Sitcom oder Dramedy?
    Wegen der weitgehend fehlenden „großen“ Erzählung weist Shameless zahlreiche Merkmale einer klassischen Sitcom auf: rasche Schnittfolge, ne Menge Gags & Pointen (GSD verzichtet die Regie auf vom Band eingespielte Lacher), man kann Staffeln überspringen, ohne viel zu verpassen. Hin und wieder fühlte ich mich deshalb an „2 & half men“ erinnert. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn Frank irgendwann erklärt hätte: „Früher hieß ich Charlie Harper und wohnte in ner schicken Bude mit Meerblick am Malibu Beach. Aber das glaubt mir eh kein Schwein“. Da Shameless streckenweise doch über inhaltliche Tiefe verfügt und – zumindest auf Lip und Fiona bezogen – auch Figurenentwicklung bietet, wird dieses Format jedoch als Dramedy bezeichnet. Was das genau ist? -> googlen Sie selber! Ich muss Ihnen ja nicht die ganze Arbeit abnehmen.

    Zu viel Libido kann manchmal ermüden
    Worüber wir auch noch sprechen müssen, ist der Sex. Von Szene 1 bis zum Finale werden wir im Minutentakt Zeuge der überbordenden Libido aller Figuren (betrifft sämtliche Haupt-, Neben- oder Randdarsteller). Jeder geht mit jedem ins Bett, denkt & träumt an/von Titten, Muschis und Schwänze/n, niemand kann länger als eine Viertelstunde treu sein, ständig wechseln die Partner und Stellungen. Es herrscht Verkehr wie im Freudenhaus, wenn da ein Weihnachts-Gratis-Special ausgerufen wird. Das ist ein paar Episoden lang sehr erheiternd, nutzt sich aber aufgrund der permanenten Wiederholung im Verlauf stark ab. Auch wenn mir klar ist, dass der Geschlechts- ein sehr starker Trieb ist, so bezweifele ich doch, dass jeder Mensch – Chromosomenpool und Alter egal – derart davon besessen ist wie die Bewohner der Southside. Keine Folge (und es gibt 134 davon), in der nicht Minimum 10x in unterschiedlichen Konstellationen gepoppt wird. Ab und an dachte ich geradezu flehentlich: lass diese 2 sich erstmal in Ruhe kennenlernen und langsam annähern, bevor sie in die Kiste steigen. Und wenn ich 20 Sekunden später vom Kühlschrank (oder Klo) zurückkam, dann lagen sie bereits dort (also: in der Kiste) und vögelten, als ob es kein morgen gäbe. Für meinen Geschmack haben es die Köche hier mit der Zugabe der Würze übertrieben. Manchmal ist weniger dann doch mehr bzw. schmackhafter. Das, was Shameless‘ Stärke ausmacht, nämlich die 24/7-Libido der Figuren, ist gleichzeitig auch eine Schwäche, weil zu viel Sex ermüdet; zumindest mich als Zuschauer. Ob mir die Viagra ausgegangen sind, wollen Sie wissen? Ausgegangen nicht, ich hab aber vergessen, wo ich die Packung versteckt habe. Ich such die schon seit Wochen.

    Corona & Yuppies = Tod auf Raten
    Die letzte Staffel entstand wohl mit etwas zeitlichem Abstand zu den Vorläufern und wirkt deshalb ein bisschen wie ein Fremdkörper. Hineingewoben wurde Corona und wie sich die Pandemie auf die Southside auswirkt (v.a. mit Kneipen- und Geschäftesterben und noch mehr Arbeitslosigkeit als ohnehin schon herrschte). Konsum und Verkauf von Marihuana sind plötzlich legal (im Alibi wird durch den Verkauf von Hasch-Keksen & Cannabis-Lutschern mehr Umsatz erzielt als mit Bier & Bourbon). Immer mehr Yuppies strömen herbei, der Chicagoer Süden wird hip, die alten Bewohner resignieren und ziehen weg nach Kentucky und Wisconsin, wo sie sich die Mieten noch leisten können. Abschiedsstimmung macht sich breit: das gilt sowohl für die Southside als auch den Gallagher-Clan. Fiona, die den Laden 9 Staffeln lang zusammenhielt, bleibt in der Karibik (oder der Südsee) verschollen, die anderen Geschwister möchten das Elternhaus verkaufen und eigene Familien gründen (einzig Debbie und Liam wehren sich dagegen). Frank baut körperlich und geistig immer mehr ab, ist mitunter nur noch ein Schatten früherer Tage. Sein vormals scharfer Witz (oft hart an der Grenze zum politisch eigentlich Unsagbaren) schleift die Bösartigkeit immer mehr ab, klingt neuerdings geradezu altersmilde. Wehmut liegt jetzt oft in seinen Augen und der Stimme, wenn er an der Theke den anderen Gästen einen Vortrag über die guten alten Southside-Zeiten hält. Die Frauen heißen nun alle Monica für ihn, selbst die Drogen üben kaum noch Faszination auf ihn aus. Man merkt: Produzenten & Autoren wollen unweigerlich zum Serienfinale gelangen. Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein mit der Chicagoer Arbeiterklasse-Saga. Hat immerhin 134 Folgen bis dahin gedauert. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Habe schon genug gespoilert.

    1x Southside, immer Southside

    Es gibt Namen, da weiß man direkt – hier befinden wir uns in einem Problemviertel: z.B. die Bronx, (Teile von) Brooklyn oder Queens, L.A. South Central, Detroit (vermutlich die gesamte Stadt), Pittsburgh (wie Detroit) und eben die Southside von Chicago. Dort leben Arbeiter, Low-Income-Angestellte und Dauerarbeitslose/Sozialhilfeempfänger in kleinen (oft: Bruchbuden-) Häusern, deren winzige Gärten sie mit Zäunen und bissigen Hunden gegen die Nachbarn abschirmen. Die Mülltonnen quellen über, Briefe liegen im Vorgarten (hin und wieder liegt da auch der komatöse Frank Gallagher), verdreckte Kinder spielen auf dem Bürgersteig, Teenager-Mütter sitzen auf rostigen Parkbänken und rauchen Crack; ab und an kreuzt eine schwere Limousine durch die Straße: Gang-Mitglieder, die ihr Territorium kontrollieren. An jeder Ecke 1 Schnapsladen, an jeder Kreuzung 4 Kneipen und 3 Tattoo-Studios = US-amerikanische-Unterschicht-Idylle.

    Wir begegnen zahlreichen Ethnien. Klar, wir befinden uns tief im Kernland des Melting pot of nations. Wobei diese „Nationen“ sich nicht mischen; sie leben zwar im selben Viertel, bewohnen aber strikt voneinander getrennte Straßen. Wenn sich da ein Schwarzer in eine weiße Gegend verirrt (oder umgekehrt), kann schnell Zoff entstehen. Oder ein Ire datet die Tochter eines Russen (dasselbe vice versa) -> Massen-Familien-Karambolagen sind dann nicht selten. Es gilt der Lehrsatz: Melting pot bedeutet nicht, dass alle freudig miteinander verschmelzen, sondern bloß das halbwegs friedliche Zusammenleben in separaten Bubbles. Ausnahmen gibt es natürlich, aber die sind selten. Was die Einwohner der Southside jedoch noch mehr hassen als die Bubble, die 1 Block entfernt lebt, sind Fremde, die neu in den Stadtteil ziehen = liberale Yuppies & Hipster und Latinos. Die Erstgenannten haben zu viel Geld und verderben die Preise, die Zweitgenannten sprechen nur Spanisch und bedeuten Konkurrenz auf dem hart umkämpften Markt der Billigjobs. Und allen Neuankömmlingen fehlt natürlich der typische Southside-Stallgeruch, der den Urbewohnern anhaftet und welchen sie stolz wie ein Vietnamveteran das Purple Heart tragen. Alkohol ist zwar keine Lösung, er fließt aber dennoch in Strömen. Und natürlich noch ne Menge anderer Stimmungsaufheller, die einem zeitweilig helfen, die Tristesse zu vergessen.

    Raus gelangt man nur auf 4 Wegen – man/frau:
     verpflichtet sich für 25 Jahre bei der Army
     macht Escort und angelt sich nen senilen Milliardär
     vertickt Drogen (Großhandel) und kauft sich ne protzige Villa in der Northside
     tot und Überführung auf einen externen Friedhof.

    Kaum jemand schafft den Ausstieg
    Alle reden davon, die Southside schnellstmöglich verlassen zu wollen (okay, nicht alle. Frank gefällt es hier prima), und trotzdem geht nie jemand weg. Mal abgesehen von Monica (Franks Exfrau), die periodisch verschwindet, aber immer wieder zurückkehrt. Die Chance zum Aus- bzw. Aufbruch hätte sich Lip geboten: College, Universität, gut bezahlte Festanstellung als Robotik-Experte, Umzug in einen schicken Szene-Stadtteil. Stattdessen Trinkexzesse und Prügeleien an der Uni, Entzug des Stipendiums, Weigerung, die Hilfe eines Professors anzunehmen, Klinik, Rückfall, Zerstörungswut, (kurzer) Gefängnisaufenthalt, Neuanfang als Tellerwäscher und Hilfs-Mechaniker. Erneutes Wohnen im alten Kinderzimmer. Aber, und das ist das eigentlich Interessante an Philipps Geschichte: er trauert der verpassten Möglichkeit nicht nach, scheint sogar erleichtert zu sein, dass sie nicht zustandekam. Er begreift sich, trotz Hochbegabung, die sein Ticket für den Aufstieg in die Upper middle class hätte sein können, als genuinen Southsider: und die waschen eben Teller und schrauben Motorräder zusammen und arbeiten nicht als gutbezahlte Robotik-Experten. Lips Herkunft benachteiligt ihn also nicht nur bei der schulischen Grundausbildung, sondern sie prägt darüber hinaus sein gesamtes zukünftiges Streben & Handeln: Vergaser wechseln und Keilriemen festziehen statt eine neue Generation superintelligenter Roboter modellieren. Frühe Familiengründung statt langwieriger Ausbildung. Abends ne Partie Billard mit den alten Kumpels erscheint verlockender, als langweilige Fachvorträge zu besuchen. Mitte 20 ist das Leben gelaufen. Mehr (außer alle 2 Jahre ein neues Kind und mit 40 die erste Scheidung) wird da nicht mehr kommen. Das mag man bei wohlwollender Betrachtung sympathisch finden und als typisch für einen bodenständigen Charakter ansehen; bei kritischer Beleuchtung schlägt man hingegen die Hände über dem Kopf zusammen und ruft dem jungen Gallagher zu: „Was für ne Riesenchance hast du ohne Not vergeigt. Du wirst die Southside nie wieder verlassen.“ Wahrscheinlich will Lip genau das – die Southside nie verlassen. Und so wie ihm geht es 99 Prozent der Bewohner (Ausnahmen Monica und Fiona und die o.g. Typen 1 bis 4).

    Mich stimmt das irgendwie traurig.

    Working Class vs. Liberale

    Schön herausgearbeitet, vor allem abends an der Theke der Eckkneipe „Alibi Room“, wird der Gegensatz zwischen der – zumeist zu Mindestlohn beschäftigten – Arbeiterklasse und der urbanen Mittelschicht, die ihren Betätigungsradius immer weiter ausdehnt und mittlerweile damit begonnen hat, Straße um Straße in der Southside aufzukaufen, die schimmligen und vom Holzwurm befallenen Billighäuser abzureißen und moderne Appartementblocks zu errichten. Schnapsläden werden in Bio-Kaffeeshops umfunktioniert, Crack-Häuser mutieren zu Yoga-Studios. Privatschulen werden gegründet, deren Besuch sich die Ur-Southsider nicht leisten können. Die liberalen Hipster predigen Rassengleichheit, achten aber strikt darauf, dass der eigene Nachwuchs nicht mit armen Einwanderer-Kindern spielt. Bei fröhlich feiernden schwarzen Jugendlichen hört der Spaß auf; da werden sofort die Cops wegen Ruhestörung gerufen. Armut in derselben Straße ist ebenfalls nicht schön; denn deren täglicher Anblick kann schon aufs Gemüt schlagen u.v.a. sinkt dadurch der Wert der angrenzenden Immobilien. Kneipen, in denen sexistische Bilder und Sprüche an der Wand hängen (also in allen in der Southside), bekommen schlechte Online-Bewertungen und erhalten vernichtende Kritiken im neuen Stadtteil-Magazin.

    Und weil die urbanen Weltverbesserer den Demokraten (und hier überwiegend deren liberalem Flügel) zuneigen, nimmt es nicht Wunder, dass die vormals ebenfalls demokratisch orientierten Arbeiter zwangsläufig nach rechts in Richtung Republikaner driften. Warum das zwangsläufig ist? Ganz einfach: der Standard-Southsider nimmt einen Republikaner nicht als direkten Wettbewerber wahr. Der Republikaner lebt entweder in nem weit entfernten Bonzen-Viertel oder auf dem platten Land in Iowa. Aber er konkurriert nicht um dieselben Straßen und Häuser wie die Arbeiter im Chicagoer Süden. Und GANZ wichtig: der Republikaner missioniert nicht. Er fordert weder das Entfernen der sexistischen Bilder in den Kneipen, noch macht er sich für fleischlosen Konsum oder gar das Verschwinden alter Verbrenner stark. Mit ihrer rigiden Einwanderungspolitik stößt die GOP überwiegend auf Zustimmung bei den Arbeitern. Jeder Latino, der die Grenze nicht überquert, ist ein Latino weniger beim täglichen Kampf um die Mangelware Billiglohn-Job. Da wird die mitunter übertriebene Religiosität mancher Republikaner schulterzuckend in Kauf genommen. Im Zweifelsfall halt etwas mehr Lieber Gott & barmherziger Herr Jesus Christus als zu viel liberale (was in den USA als Synonym für links-grün benutzt wird) Zwangsbeglückung.

    Rechte Polemik verfängt auch bei (linken) Gewerkschaftern
    Shameless bietet speziell mit den abendlichen Kneipengesprächen ganz hervorragende Unterhaltung. Wer hier aufmerksam zuhört, begreift allmählich, weshalb die amerikanische Arbeiterklasse (früher überwiegend demokratisch unterwegs) mittlerweile pro Trump votiert. Weil der (damals: Noch-) Präsident – hinsichtlich Lebensstil Lichtjahre vom Durchschnittshaushalt der Southside entfernt – der abgehängten weißen Unterschicht diabolisch einflüstert, nach wie vor wichtig zu sein. Da braucht er dann konkret auch wenig zur Verbesserung der Situation zu tun. Polemik ersetzt seriöse Sachpolitik. Das Gefühl, immer noch dazuzugehören zum „guten alten (weißen)“ Amerika reicht den meisten. Hauptsache, nicht zu viele Flüchtlinge rein ins Land und keine Gesetzesvorhaben, die zu Änderungen beim persönlichen Konsumverhalten zwingen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

    Den Kampf um die Stammtischhoheit gewinnen die rechten Populisten. Die Liberalen aka Linksgrünen haben das Nachsehen. Das ist so in Shameless, das wird eventuell bei den nächsten US-Präsidentschaftswahlen geschehen. Ob uns dieses Schicksal ebenfalls in Deutschland blüht, bleibt abzuwarten. Für schlauer als die Amerikaner oder Southsider sollten wir uns dabei nicht halten. Denn an der Theke vom „Alibi“ sitzen ab und an schon ein paar echt schlaue Typen. Rubrik: auch Schlauheit feit nicht davor, Rattenfängern auf den Leim zu gehen. V.a. dann nicht, wenn die Rattenfänger geschickt auf der Klaviatur der Vorurteile ihrer Klientel spielen.

    Zwischenfazit zu diesem Abschnitt: Shameless hat seine stärksten Momente oft in der Eckkneipe. Hier erfährt man viel darüber, wie der Southside-Amerikaner tickt und versteht, weshalb die Republikaner mit ihren einfachen Antworten eine große Faszination auch auf ideologisch früher eher links orientierte (iSv. gewerkschaftsnah) Arbeiter ausüben.

    Alkohol & Drogen

    Neben Sex und Hass auf die Liberalen das dritte Standbein der Serie. Keine Folge, in der nicht ein Darsteller sturzbetrunken vom Hocker fällt, in die Knie sinkt, kotzend über der Kloschüssel hängt. Frank pfeift sich wahllos alles rein, was einen schnellen Rausch verspricht: mit leichter Vorliebe für Opioide. Da werden pausenlos Joints gedreht, Crack-Pfeifen gestopft, Koks geschnupft, Heroin gespritzt und Benzos geschluckt. Wenn die Speiseröhre den Dienst quittiert, dann gibt’s den Wodka per Tampon auch mal anal. Und bei ner geschrotteten Leber hilft als letzter Ausweg immer noch ne Transplantation.

    Was die Figur des Frank betrifft, erscheint die Dauer des Missbrauchs völlig unglaubwürdig. Klar, es handelt sich um Fiktion, aber trotzdem hätte er, bei der Menge, die er seinem ausgemergelten Körper täglich zuführt, spätestens am Ende von Staffel 1 tot sein müssen. Diesen fortwährenden Cocktail aus Alkohol, Opiaten und diversen Narkotika überlebt niemand länger als maximal 12 Monate. Und schon gar nicht, wenn zwischendurch nicht mal ein klinischer Entzug absolviert wird (Frank entgiftet nur dann, sobald ihm der Stoff ausgeht und dann kalt ohne medizinische Begleitung). Aus präventionstherapeutischem Blickwinkel unbefriedigend ist zudem der Umstand, dass Franks Konsum häufig glorifizierend dargestellt wird. Ihm passieren im Suff zwar oft superpeinliche Sachen, aber trotzdem ist es irgendwie cool, wie er sein Leben ganz dem Trinken widmet. Wer möchte nicht lieber ein dauerberauschter Frank als ein langweiliger Büroangestellter sein?

    Das Alkoholiker-Gen ist stark
    Wo ein Alkoholiker-Vater ist (zzgl. eine polytoxe Mutter), da sind Alkoholiker-Kinder erfahrungsgemäß nicht weit. Bei den Gallaghers erwischt es die zwei ältesten. Auch die anderen vier Kinder erweisen sich als trinkfest; sie beschränken sich dabei jedoch auf Wochenenden und Feiertage, mutieren nicht zu 24/7-Schluckspechten. Phillip und Fiona hingegen machen beide ne harte Saufphase durch. Und hier bleibt die Serie sehr viel näher dran an der Wirklichkeit als bei Vater Frank. Es wird gezeigt, wie aus Partyfeiern allmählich immerwährender Alkohol“genuss“ wird, wie sie den Schnaps zum Runterkommen und Sorgenvergessen einsetzen, warum 1 Pulle Bourbon plötzlich nicht mehr genügt, wie Alkohol zu Gewaltausbrüchen führt. Wie schwierig es ist, davon wegzukommen. Für Lip bedeutet die Abstinenz täglichen Kampf, Fiona scheint der Verzicht einfacher zu fallen. Und jeden Tag aufs Neue zum AA-Meeting, um sich im Kreis von Gleichgesinnten auszutauschen und sicher zu fühlen. In diesen Sequenzen verlässt Shameless die Comedy-Bühne und wechselt ins ernste Fach. Ohne Lip und Fiona wäre die Serie ne Sitcom. Erst diese beiden Charaktere verleihen der Geschichte die notwendige Tiefe. Das schaffen weder Ian (der mit seiner schwierigen homosexuellen Beziehung zu Freund Mickey Milkovich am ehesten), noch Debbie, Carl oder Liam. Es ist oft vergnüglich, ihnen zuzuschauen; richtig fesseln tut mich aber keiner von denen.

    Auch wenn Frank der Star ist, spielt er eigentlich nur 1 durchgängige Rolle über die kompletten 11 Staffeln = die des Stadtteil-Clowns, der die Narrenfreiheit nutzt, um seine Sicht des Lebens (und das ist die eines Hardcore-Hedonisten) ungefragt an jedem Winkel der Southside zu verkünden. Fiona (die nervt mitunter sehr als Helikopter-älteste-Schwester) und Lip (der nervt als Helikopter-junger-Vater manchmal auch) agieren leiser, erzielen aber – auf jeden Fall bei mir – stärkere Wirkungstreffer.

    Zwischenfazit zu diesem Abschnitt: Alkohol ist nur dann ein nachhaltiger Stützpfeiler für eine LANGE Serie, insofern auch dessen Schattenseiten nicht verschwiegen werden = die Qualen des Entzugs und der steinige Pfad, der beschritten werden muss, wenn man ernsthaft vorhat, dauerhaft trocken zu bleiben. Nur die Eskapaden & Albernheiten des Saufens zu zeigen, wäre zu wenig für eine Geschichte, die sich über den Zeitraum von 11 Jahren erstreckt.

    Was hätte Bukowski dazu gesagt?

    Auf jeden Fall. Das ist wie Bukowski als Serie, schrieb einer meiner Facebook-Bekannten, als ich dort vor Wochen mitteilte, dass ich darüber nachdenke, aber noch zögere, mit Shameless zu starten. Nach den ersten 12 Folgen reagierte ich mit dieser Kurz-Einschätzung:

    Die Story hat mit Hank so viel zu tun wie Disneys Cinderella mit Grimms Aschenputtel (wobei das zweitgenannte Beispiel näher am Original dran ist). Es sei denn, alle Geschichten, in denen ein Unterschichten-Alkoholiker auftaucht, gehören zwangsläufig in das übergeordnete Genre „Bukowski“. Was in der Serie ein bisschen Der-Mann-mit-der-Ledertasche-Flair aufkommen lässt =
    (a) das Setting in South Chicago
    (b) die Trinkerei u das Ständig-in-der-Kneipe-Abhängen des Protagonisten
    (c) das belanglose Liebesleben, das zu häufig wechselnden Partnern führt
    (d) die chronische Arbeitsscheu der Hauptfigur
    (e) einige im Suff begangene Peinlichkeiten, an die man sich am Morgen danach am liebsten nicht mehr erinnert.

    Das war’s aber auch schon mit den Ähnlichkeiten. Der Tiefgang, der viele von Bukowskis Storys auszeichnet, fehlt in der Serie völlig. Auch ist – zumindest auf Staffel 1 bezogen – (bisher) keine übergeordnete Erzählung erkennbar. Z.B. eine Figur entwickelt sich langsam vom Underdog zum Cyberabwehr-Topagent oder zukünftigen 4-Sterne-General. Es ist eine Aneinanderreihung von kleinen Einzelgeschichten – häufig spaßig –, die in Episoden-Häppchen dargereicht werden. Die Folgen bauen zwar chronologisch aufeinander auf, man könnte aber auch Nr. 3 anschauen, drei Episoden überspringen u dann erst wieder bei Nr. 7 reinzappen, ohne handlungsseitig groß was verpasst zu haben. Deshalb (bisher) mehr „2 & half men“ reloaded als „Das Liebesleben der Hyäne“.
    Um nicht missverstanden zu werden: „Shameless“ ist durchaus unterhaltsam, einige Figuren sind stark gezeichnet (z.B. die Helikopter-Tochter Fiona). Es tritt auch ein gewisser Suchtfaktor ein. Jedoch mangelt es (bisher) am „großen“ Handlungsfaden.

    In jedem Trinker steckt ein kleiner Hank Chinaski
    10 Staffeln später will ich meine obige Einschätzung etwas revidieren = da steckt doch mehr Bukowski drin, als ich ursprünglich vermutete. Denn natürlich lässt sich bei Frank Gallagher eine graduelle Übereinstimmung mit Henry/Hank Chinaski feststellen: Ihre Lebensweise und die dazu gehörige Philosophie sind nicht zu 100 Prozent deckungsgleich; aber sobald man die South Side über East Hollywood stülpt, stellt man unschwer fest, dass die Schnittmenge Minimum 50 beträgt. Das ist auch wenig verwunderlich, weil sich die Verhaltensweisen von Trinkern immer ähneln; völlig egal, an welchem gottverlassenen Ort der Welt sie ihre traurige Existenz fristen und morgens verkatert mit der Nase in der eigenen Kotze aufwachen. Auch ich selbst besaß in meiner nassen Phase ein paar Gemeinsamkeiten mit Hank: Ich wechselte zwar meine Sexualpartnerinnen nicht so oft wie er, aber dafür genauso selten die Unterwäsche. Soll heißen: in jeder Schnapsdrossel steckt zwangsläufig eine Portion Bukowski. Z.B. das selbstzerstörerische Element, das mit der täglichen Sauferei unweigerlich einhergeht. Dass also Frank und Hank bei Lebenswandel und dazugehöriger -philosophie einige Parallelen aufweisen, ist jetzt keine bahnbrechende Erkenntnis.

    Interessanter ist deshalb die Frage, ob Bukowski in seinen Kurzgeschichten und Gedichten tiefer schürft, als es Frank Gallagher (bzw. die Autoren der Serie) abends am Tresen tut/tun. Und hier muss man auch als eingefleischter Das-Liebesleben-der-Hyäne-Fan eingestehen: nein, das macht er nicht. Sein Protagonist Henry Chinaski erlebt recht ähnliche Abenteuer wie unser Hofnarr-Southsider, ihre Libido ist enorm, die Anzahl Frauen, mit denen sie ins Bett steigen, übersteigt das Vorstellungsvermögen des Normalsterblichen bei weitem. Was William Macy in seiner Lieblingskneipe „Alibi“ über den morschen Zustand der US-Gesellschaft zum Besten gibt, steht den trübsinnigen Reflektionen über den dekadenten American way of life, die Bukowski seinem Protagonisten in den Mund legt, inhaltlich nicht nach. Der Unterschied liegt einzig im Kommunikationsmedium: Frank sehen und hören wir, Hank hingegen müssen wir lesen. Wörter auf Papier geschrieben wirken vermutlich tiefsinniger, als wenn man sie gesprochen hört. Viele Bukowski-Storys sind völlig trivial, handeln von suffe, poppe, danze, Filzläusen & Bettwanzen. Trotzdem klebt der Nimbus des Nachdenklichen, Schopenhauer-Grüblerischen wie Pattex an ihnen.

    Barfly war jetzt auch kein Highlight der Gesellschaftskritik
    Steile These, Herr Kolumnist, meinen Sie? Mag sein. Aber machen Sie mal die Probe aufs Exempel und schauen sich Barfly an (ist allein schon wegen Mickey Rourke und Faye Dunaway lohnenswert). Der Versuch, Bukowskis Leben (er wirkte sogar am Drehbuch mit) auf Zelluloid zu bannen: Man ist erstaunt (also ich war es, als ich den Film damals im Kino sah), wie banal die Geschichte ist: eine 100-minütige Aneinanderreihung von Trinkexzessen, Rumvögeln, Theken-Unterhaltungen und Kneipenprügeleien. Vom (angeblich) Tiefsinnigen der gedruckten Short Stories ist hier kaum was zu spüren. Es könnte sich in Barfly auch um 1 Tag aus dem Leben von Frank Gallagher handeln.

    Aber klar, „Shameless“ und „Der Mann mit der Ledertasche“ sind nicht dasselbe. Einigen wir uns mithin auf folgenden Kompromiss = die Diskrepanz zwischen Serie und Bukowski ist kleiner, als von mir nach Staffel 1 vorschnell behauptet. Ich würd‘ mal aus dem Bauch heraus sagen: die Southside verhält sich zu East Hollywood wie 4 Oxycodon zu ner Pulle Jack Daniel’s.

    Reiche und Gefickte

    Und nun wollen wir so langsam zum Schluss kommen. Der Text ist bereits länger als ne Short Story. Wir könnten uns natürlich noch Gedanken darüber machen, wie das Bildungsangebot für Teenager-Mütter in der Southside aussieht, weshalb sich trotz Obama-Care weiterhin kaum ein Amerikaner ne ordentliche Arztbehandlung leisten kann, ob Alkohol oder Opioide (oder asbestverseuchte Immobilien) sich schädlicher auf das Immunsystem auswirken. Diese Gedanken, auch wenn sie wichtig sind, werden wir aber ganz sicher nicht in dieser Kolumne weiterverfolgen. Warum nicht? Ganz einfach, weil ich jetzt keine Lust mehr habe, ständig neue Sätze zu fabrizieren. Alles, was zu Shameless zu sagen war, habe ich gesagt. Wer das als nicht ausreichend empfindet, soll selbst ne Rezi schreiben (und wird dabei schnell feststellen, dass Schreiben mühsamer als Lesen oder Serie-glotzen ist).

    Ich schließe mit einer Kneipentheke-Gesellschaftsprognose von Frank:

    Bald wird es keine Juden mehr geben, auch keine Arier, Hindus, Muslime, Mexikaner oder Schwarze mehr. Es wird nur die Reichen und die Gefickten geben, und unser Enkel ist bereits einer von den Gefickten.

    (ob auch Hank das hätte sagen können? Keine Ahnung).

    Ach so, die Bewertung fehlt noch. Hätte ich beinahe vergessen. Von mir gibt es 9 Punkte (1 Punkt Abzug, weil ich doch nach wie vor mit der mangelnden Figurenentwicklung hadere … Henry Chinaski entwickelt sich ebenfalls nicht, meinen Sie? Jetzt, wo Sie mich darauf aufmerksam machen, wird mir schlagartig klar, dass das leider stimmt. Hatte ich mir bisher echt noch nie den Kopf drüber zerbrochen. Mache ich gleich im Anschluss, sobald ich den letzten Punkt unter die Kolumne setze. PUNKT).
    +++

    Shameless
    UT: Nicht ganz nüchtern
    [US-amerikanische Adaption der gleichnamigen britischen Serie]
     11 Staffeln = 134 Episoden
     Ausgestrahlt 2011 bis 2021 [in den USA: Showtime, im deutschsprachigen Raum auf FOX]
     Idee: Paul Abbott
     Produktion: John Wells & Paul Abbott.

    Sämtliche 11 Staffeln sind bei Amazon Prime und auch Netflix verfügbar.

  • Der neue Asterix: Gelingt Fabcaro die qualitative Kehrtwende?

    Der neue Asterix: Gelingt Fabcaro die qualitative Kehrtwende?

    Es gibt ein paar Sachen, die einen Boomer vom Tag der Geburt bis zur Stunde seines Todes begleiten. Dazu gehören Coca Cola, Nutella, der Sportteil der BILD (in meinem Fall wäre das der Kölner Express), die 20h-Tagesschau, Star Wars (ja ja, ich weiß, das kam erst ein paar Jahre nach meiner Geburt ins Kino), James Bond und die Geschichten von einem kleinen, unbeugsamen gallischen Dorf, in dem schrullige Charaktere wie Asterix und Obelix leben. Diese Dinge sind irgendwie unkaputtbar und das ist tröstlich, denn als Boomer spürt man (ich) mittlerweile schon, wie der Zahn der Zeit unbarmherzig an einem nagt. Mit einem (alten) Asterix auf den Knien friedlich einschlafen – das wäre nicht die schlechteste Art und Weise, um den Planeten (und Facebook) zu verlassen.

    Asterix hieß anfangs Siggi

    Asterix ist sogar noch älter als ich: Die erste Erzählung („Der Gallier“) erschien 1959 in der Jugendzeitschrift Pilote (Dargaud). Damals noch als Fortsetzungsstory, also häppchenweise. In der uns bekannten Album-Form kam Asterix in den späten 60-ern auf den Markt. In Deutschland anfangs in anderer Reihenfolge als in Frankreich, weshalb bei uns „Kleopatra“ als Nr. 2 firmiert, während sie im Original an 6ster Stelle rangiert. Ab Nummer 8 „Bei den Briten“ stimmen dann deutsche und französische Chronologie überein. Der Time lag bis zur Übersetzung betrug in der Anfangszeit 5, in den 70-ern 2 bis 3 Jahre. Ab den 80-ern landeten frz. und deutsche Version nahezu zeitgleich in den Verkaufsregalen. In Deutschland druckte als Erster Rolf Kauka „Asterix“ in seinen Fix & Foxi-Heften ab. Er taufte dafür die beiden Helden in Siggi & Babarras um und übersetzte das Original teilweise SEHR frei ins Deutsche, was ihm Ärger mit Dargaud einbrachte und schließlich zum Lizenzentzug führte. 1967 übernahm dann der Stuttgarter Verlag Ehapa, der die jeweiligen Geschichten als Ganzes in Alben zusammenfasste und nun die korrekten Namen Asterix & Obelix verwendete.

    2 Epochen

    Wir unterscheiden in 2 Epochen:
    (I) Die Texte stammen von Goscinny (1959-1979)
    (II) Andere Autoren versuchen es: hier kann man nochmal differenzieren in: Uderzo, Jean-Yves Ferri und Fabrice Caro aka Fabcaro (1980 bis heute).

    Der letzte Band, an dem Goscinny vor seinem viel zu frühen Tod mitwirkte, war „Bei den Belgiern“, lfd. Nr. XXIV (= 24). Die bereits 1 Jahr danach erschienene Story „Der große Graben“ stammte zeichnerisch und inhaltlich aus den Federn (er wird vermutlich mehrere dafür benutzt haben) Uderzos. Der praktizierte das – also Zeichnen & Schreiben in Personalunion – bis ins späte Rentenalter, woraus insg. 10 Alben resultierten. Ab 2013 gab’s dann wieder 2 getrennte Aufgabenfelder: Jean-Yves Ferri textete und Didier Conrad produzierte die Bilder. 2022 tauschte man Ferri in Fabcaro aus (Conrad blieb). Mit „Die weiße Iris“ (seit ein paar Tagen erhältlich) sind wir mittlerweile bei Nummer XL angelangt (was 40 – und nicht extra large – bedeutet. Die, die Latein in der Schule hatten, wissen das. Für die anderen schreibe ich es hier nochmal hin = 40).

    Es gilt die Faustformel = die Geschichten, an denen René Goscinny mitgewirkt hat, sind überwiegend witzig und intelligent, danach fällt die textliche Qualität drastisch ab und erreicht zwischenzeitlich Micky-Maus-Niveau. Also: die Bände 1 bis 24 sind ein Muss für Comic-Fans; die Nummern 25-39 braucht man hingegen nicht gelesen zu haben. Selbst mittelmäßige Goscinny-Erzählungen (z.B. „Die große Überfahrt“ und „Obelix GmbH & Co. KG“) sind immer noch um den Faktor 10 Wildschweine amüsanter als alles, was ab Nummer XXV (25) präsentiert wird.

    Das soll jetzt erstmal mit Asterix-Historie reichen. Wer’s genauer wissen will, dem empfehle ich die Kolumne Der partout nicht sterben wollende Gallier, die ich 2019 anlässlich des 60sten Geburtstags des gallischen Nationalhelden schrieb.

    70-er Jahre: fieberhaftes Warten auf die Neuerscheinung

    Wie weiter oben bereits gesagt: als typischer Boomer bin ich mit Asterix (und Coca Cola und Star Wars) groß geworden. Asterix war nicht der erste Comic (meine Eltern nannten die „Witzhefte“), den ich in der Hand hielt. Das waren Donald Duck, Fix & Foxi und Bessy (handelte von einem Jungen und seinem Hund, die jede Woche ein neues Abenteuer zu bestehen hatten). Der kleine Gallier dürfte dazugekommen sein, als ich X (pardon: 10) Jahre alt war, also MCMLXXII (wenn Sie es schaffen, das eigenständig in eine arabische Zahl umzuwandeln, dann schreiben Sie mir gerne. Als Belohnung winkt 1 Gratis-Kolumne). Übrigens ein Jahr, in dem 3 Asterix-Bände kurz hintereinander getaktet in den deutschen Kiosken landeten: Arvernerschild, Olympische Spiele und Kupferkessel (lfd. Nrn. XI, XII, XIII). Alle 3 = Meisterwerke der franko-belgischen Comic-Kunst. Ich war sofort fasziniert und schockverliebt (das zweite Verb habe ich von einem deutschen Fußballtrainer geklaut) und besorgte mir peu à peu die zehn Vorgängeralben. Die kosteten damals 3 Mark Vllt. auch 3 Mark 50. Irgendwo in dieser Preisspanne), was ich mir von meinem Taschengeld leisten konnte. Notfalls mähte ich den Rasen vom Nachbarn und wusch das Auto vom anderen Nachbarn. Auch diese zehn Vorgänger-Bände waren allesamt super; um Nuancen heraus stachen „Kleopatra“ und „Legionär“. Ich mutierte binnen Tagen vom Donald-Duck- zum Asterix-Junkie und erwartete sehnsüchtig Album XIV „In Spanien“. Dieses Fieber – am Tag des Erscheinens bereits um 7h morgens vor dem Kiosk wartend, dass der endlich öffnet – hielt ein paar Jahre an. Ich schätze mal bis „Das Geschenk Cäsars“; danach flaute es allmählich ab und erlosch vollends mit „Der große Graben“. Ich probierte es nochmal mit „Obelix auf Kreuzfahrt“ gefolgt von „Bei den Pikten“ und schrieb vor einigen Jahren eine – nicht allzu wohlwollende – Rezi über „In Italien“. Danach war das Kapitel „Asterix“ für mich eigentlich abgeschlossen. Mein Eindruck, dass eine in den ersten zwanzig Jahren ihres Bestehens gute Serie durch ständige Fortsetzung totgeritten wird, und Goscinny, würde er „Asterix plaudert in der Schule“ im Texter-Himmel in die Hände bekommen, zornentbrannt von seiner Wolke herabsteigt und seinen ehemaligen Kollegen Uderzo mit einem Bleistift ersticht, wurde auch nach dem Wechsel zu Ferri nicht besser. Asterix war auf Disney-Niveau angelangt und diente bloß noch dazu, als Cash Cow gemolken zu werden. Aber weshalb sollte es dem Gallier da anders ergehen als Star Wars? Ich persönlich war mit Asterix durch. Mehr als die 24 Goscinny-Abenteuer hätte es für mich nicht geben müssen.

    Als die Legionäre müde wurden, und den Generälen die Ideen ausgingen

    Neugierig geworden durch positive Beurteilungen von ein paar (Boomer-) Facebook-Bekannten, die, was Comics und Filme angeht, einen ähnlichen Geschmack wie ich aufweisen und die Sachen wie, „bester Asterix seit Jahren“, „echt witzig“, „habe mehrmals laut gelacht“ und „Fabcaro ist der neue Goscinny“ schrieben, fuhr ich gestern kurz entschlossen zum Kiosk und kaufte dort (das letzte) Exemplar Die weiße Iris. Abends setzte ich mich dann aufs Sofa (für Halloween-Partys bin ich mittlerweile zu alt, und aus Horror-Kürbissen mache ich mir eh nicht allzu viel) und las mir die Geschichte durch.

    Die ist schnell erzählt: Julius Cäsar ist besorgt über die lasche Moral seiner Legionäre und ärgert sich weiterhin darüber, dass er das kleine gallische Dorf nicht ins Römische Imperium eingliedern kann. Da Asterix & Co. aufgrund des von Miraculix gebrauten Zaubertranks körperlich unbesiegbar sind, muss eine andere Strategie her. Den versammelten Generälen & Senatoren fällt nichts Gescheites ein, da springt der kaiserliche (ja ja, Cäsar war noch kein offizieller Kaiser. Das war erst Augustus oder gar Tiberius. Aber wollen wir uns an dieser Stelle bitte nicht in Kleinigkeiten verlieren) Hof-Psychologe Visusversus auf und erläutert seinen Plan = Infiltration, Ablenkung, Verwirrung stiften und allmähliche Verweichlichung mit dem Ziel, den Feind von der Vorteilhaftigkeit der freiwilligen Unterwerfung zu überzeugen. Cäsar willigt mangels erfolgversprechender Alternativen zähneknirschend ein, Visusversus reist ab Richtung Armorica (der Teil Galliens, wo Asterix & Obelix leben), stellt sich im Lager Babaorum (das zweite Lager von links gesehen, wenn man sich dem Dorf von Süden nähert) vor und macht sich sofort ans (Verwirrungs-) Werk. Mehr soll nicht verraten werden, sonst heißt es noch, ich würde spoilern.

    Ganz neu ist die Story nicht

    Ja, Fabcaro gelingt ein (kleiner) qualitativer Quantensprung im Vergleich zu Uderzo und Ferri. Die Geschichte liest sich streckenweise wirklich witzig. Wenngleich die Story streng genommen ein Remake darstellt. Boomer erkennen darin unschwer Anleihen aus „Streit um Asterix“ (Bd. XV) und „Die Trabantenstadt“ (Nr. XVII). Visusversus ist nichts anderes als die akademische Version von Tullius Destructivus, der bereits vor 50 Jahren (unsere Zeitrechnung, nicht die von Asterix) vergeblich versuchte, die Dorfbewohner mittels Falschinformationen zu entzweien und so ihre Kampfunfähigkeit zu bewirken. In Trabantenstadt stand dann die Heranführung an die (römische) Zivilisation (-> Verweichlichung) im Vordergrund. In beiden Fällen erwiesen sich die Gallier (also die, die im kleinen Dorf von Asterix leben) als zwar zeitweilig verführbar, aber letzten Endes doch wertkonservativ (ein anderes Wort fällt mir auf die Schnelle für diesen beharrenden Charakterzug nicht ein) und resistent gegen die vielfältigen Verlockungen des Weltreichs. „Die weiße Iris“ knüpft nahtlos an diese zwei Vorläufergeschichten an und ist inhaltlich mehr ein Aufguss als was Neues.

    Fabcaro hält uns den Spiegel vor: Soldaten, die nicht mehr kämpfen, sondern diskutieren wollen, Psychologen, die uns mit Kalenderweisheiten beglücken, Sensible (Sensitive?), die jedes Wort 3x prüfen, bevor sie es aussprechen, damit niemand durch Unbedachtes erschrickt, verbale Verrenkungen, um Minderheiten korrekt zu adressieren, Quacksalber, die neue Ernährungsmethoden propagieren, künstlerische Avantgarde, die die intellektuelle Deutungshoheit für sich beansprucht und mittendrin im 24/7 um sich selbst kreißenden Pariser (pardon: Lutetia) Rummel unsere 2 bodenständigen Gallier Asterix & Obelix (plus der dieses Mal schwermütige Majestix). Am Ende, so viel sei dann doch noch gespoilert, verliert mal wieder Cäsar, Visusversus wird auf eine Galeere geschickt (nettes Wiedersehen mit den Piraten), und die Dorfbewohner feiern ein ausgelassenes Fest (klar, Troubadix geknebelt und an einen Baum gefesselt) -> ist mitunter echt lustig, aber leider ebenfalls keine neue Idee: Ähnliches kennt man bereits aus „Der Kupferkessel“. Auch da wurden Zeitgeist-Kapriolen (der frühen 70-er Jahre) aufs Korn genommen.

    Goscinny bleibt unerreicht

    Ich tue mich ein bisschen schwer, „Die weiße Iris“ abschließend zu beurteilen. Versuchen tue ich es natürlich dennoch:
     ja, ist besser als alles, was seit „Der große Graben“ erschienen ist
     erreicht aber nicht das Niveau der guten Goscinny-Geschichten
     für mich eher Remake/Aufguss als was Neues
     mit den Kalendersprüchen wird es für meinen Geschmack etwas übertrieben.

    Von mir gibt’s dafür 7 Punkte (z.Vgl. „Kleopatra“ = 10, „Trabantenstadt“ = 9, „Die Odyssee“ = 3, „In Italien“ = 4).

    Und ansonsten sage ich das, was ich bei Endlos-Serien (Star Wars, James Bond, 2 & half men, Shameless) immer sage: Kommt irgendwann zum definitiven Finale! Lasst den Helden sterben oder auf einem Pferd in die Prärie reiten oder mit einem Mikro-Raumtransporter in eine weit entfernte Galaxie entschwinden, oder was auch immer sonst als Schlusssequenz denkbar ist. Aber hängt nicht immer wieder eine weitere Folge dran. Denn erfahrungsgemäß wird es, sobald der Zenit erreicht ist (das war bei Asterix = „Bei den Olympischen Spielen“, Bd. XII), schwer, das hohe Niveau zu halten. Bereits die späten Goscinny-Stories (Nrn. XIII bis XXIV) fielen im Vergleich zu den Vorgängern qualitativ ab und spätestens mit „Bei den Belgiern“ war die Erzählung an ihr Ende gelangt. Danach folgte nur noch inhaltliche Trivial-Ware. Den hohen Standard der Alben 1 bis 24 (oder gar 1 bis 12) wird auch Fabcaro nicht wiederherstellen können.

  • Philosophen und Diamanten

    Philosophen und Diamanten

    Frauen über 50 sind dick und tragen Wischmoppfrisuren, Männer ü60 bekommen ihn ohne Viagra nicht mehr hoch, Düsseldorfer sind die Allerblödesten (von Köln aus betrachtet), Engländer randalieren, wenn sie zu viel getrunken haben, Russen sind alle aggro, Belgier können kein Auto fahren, in Schweden geht jeder mit jedem ins Bett (v.a. im Winter), der Ami ist oberflächlich und schießwütig, wer Kolumnen schreibt, ist entweder Rentner oder arbeitslos und hat sowieso von nichts Ahnung.

    Keep it simple, stupid!

    Hand aufs Herz: Wer von uns hat das – oder Ähnliches – noch nicht gesagt oder zumindest gedacht? Also, ich hab so was schon hin und wieder gesagt. Speziell das mit den Düsseldorfern und den Kolumnisten habe ich gesagt. Wobei ich, seitdem ich die 50 überschritten habe – was auch schon wieder 10 Jahre her ist – das mit den Düsseldorfern nicht mehr sage, aber ab und an noch denke. Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte: Wir alle verallgemeinern und sortieren gerne in Schubladen ein. Das mag man schlimm finden, liegt aber nun mal in der menschlichen Natur bzw. an der Zähflüssigkeit unseres Hirnstroms, die uns komplexe Dinge (nicht alle Düsseldorfer sind blöde, es gibt auch halbblöde und sogar recht nette) auf simple Merksätze reduzieren lässt. Ich mein‘, sämtliche Drogensüchtige lügen und klauen ist natürlich einprägsamer als: man muss bei Abhängigkeitserkrankten in mehrere Fallgruppen unterscheiden. Wer hat schon Lust und Zeit, sich immer die langatmigen Differenzierungen reinzuziehen? Speziell das Social-Media-Zeitalter verlangt kurze & knackige Beschreibungen. Für unser Bedürfnis, komplizierte Dinge auf 1 einfache Formel runterzubrechen, gibt’s sogar einen Fachbegriff, der KISS heißt = keep it simple, stupid!

    Neu in die KISS-Zitate-Bibliothek aufgenommen wurde nun ein Diskussionsfragment aus einem wöchentlich erscheinenden Podcast der Herren Lanz und Precht (lfd. Nr. 110: Über Israel und den Gazastreifen, vom 13. Okt. 2023, abrufbar via ZDF-Mediathek), in dem der Zweitgenannte im Brustton der Überzeugung erklärt:

    Die Religion verbietet streng orthodoxen Juden zu arbeiten. Ein paar Sachen, wie Diamanthandel und ein paar Finanzgeschäfte ausgenommen.

    Die Vorlage zu der Aussage gab sein Gesprächspartner, als der von seinen Begegnungen mit Orthodoxen in Israel erzählt:

    Die meisten von ihnen arbeiten nicht, weil sie sich vollumfänglich der Religion widmen.

    … das ist doch ne knackige Wussten-wir-doch-immer-schon-dass die-da-hinten-im-Nahen-Osten-alle-nicht-richtig-arbeiten-Klassifizierung, oder? Wow!

    Mal losgelöst davon, dass mir der Unterschied zwischen orthodoxen, streng orthodoxen oder gar ultraorthodoxen Juden nicht richtig klar ist und ich überlege, welche Schrittfolge dem im Christentum entspräche (Feiertagsprotestant, Ganzjahreskatholik, Sektenmitglied?), will mich der Prechtsche Simplifikator mit folgender Realität vertraut machen – (streng) orthodoxe Juden:
     sind 24/7 mit ihrer Religion beschäftigt
     können deshalb logischerweise keinem geregelten Erwerbsleben nachgehen
     und falls sie doch hin und wieder arbeiten, dann verschieben sie bloß große Geldbeträge kreuz und quer über den Globus und maggeln mit teuren Klunkern.

    Was bereits Sergio Leone wusste

    Das ist ausgemachter Nonsens, denn selbstverständlich malochen (streng u ultra) orthodoxe Juden ebenfalls in stinknormalen Jobs wie Sie und ich. Da gibt’s den Bäcker, den Schreibwarenhändler, den Bauingenieur, den IT-Spezialisten und den Webdesigner. Weiß man bzw. könnte man problemlos in Erfahrung bringen, wenn man schon mal in Israel war oder 1 Buch übers Judentum gelesen hat oder bei Filmen aufpasst, in denen (orthodoxe) Juden dargestellt werden (bspw. zu Beginn von Sergio Leones Meisterwerk:„Es war einmal in Amerika“) oder sich, bevor man einen Podcast aufnimmt, mittels Google entsprechend informiert. Und dass es von Finanzgeschäften und Diamanthandel hin zu antisemitischen Verschwörungserzählungen nicht weit ist, sollte eigentlich bei deutschen Intellektuellen Allgemeingut sein.

    Wobei ich an dieser Stelle einen kleinen Einschub machen möchte.
    [Beginn des Einschubs] Nicht jede Wiedergabe eines antisemitischen Klischees gründet auf einem genuin antisemitischen Impuls. Häufig stecken bloß Unkenntnis oder Faulheit, sich entsprechend zu informieren, bevor man was Dummes sagt, dahinter. [Ende des Einschubs].

    Bei Onkel Anton drücken wir schon mal 1 Auge zu

    Das wäre alles halb so dramatisch, wenn die Vortragenden ihre Unwissenheit im kleinen Umfeld verlautbart hätten: mittags bei Eisbein & Sauerkraut in der Kantine, abends nach dem 7ten Bier an der Theke ihrer Stammkneipe, Sonntagnachmittag im Familienkreis bei Schwarzwälder Torte und 2 Kurzen. Auch dann bleibt es Nonsens, jedoch Nonsens, der nur eine geringe Anzahl Zuhörer erreicht. Ich will gar nicht wissen, wie viel Unsinn täglich unter Arbeitskollegen und an den Stammtischen der Republik ausgetauscht wird. Falls Onkel Anton nach dem dritten Zwetschgenwasser zum Sonntagkuchen im Brustton der Überzeugung behauptet, orthodoxe Juden arbeiten ausschließlich als Diamantenhändler, alles andere sei ihnen von ihrer Religion nicht erlaubt, dann kann man ihm entweder widersprechen oder still hoffen, dass er mit seinen 90 Jahren eh nicht mehr allzu oft an Familienfeiern teilnehmen wird, bevor man ihn pünktlich um 18 Uhr wieder im Seniorenstift abliefert.

    Wollen wir deshalb an dieser Stelle festhalten.
    (a) Unsinn erzählen ist menschlich
    (b) so lange das in Kneipen und anderen abgeschlossenen Orten in kleiner Gruppe geschieht, müssen wir es tolerieren
    [Den meisten Unsinn verzapfen eh die Kolumnisten, sagen Sie? Da stimme ich Ihnen vollumfänglich zu].

    Ärgerlich wird das Verbreiten von Nonsens jedoch, wenn die Falschinformationen das enge Kollegen-/Freundes-/Verwandten-Umfeld verlassen und vor großem Publikum gestreut werden. Z.B. in Zeitungen, im Radio oder gar zur besten Sendezeit in einem unserer öffentlich-rechtlichen TV-Kanäle. Denn hier ist die Breitenwirkung eine völlig andere als beim Sonntagplausch mit Onkel Anton. Zudem vertrauen ja (noch) ne Menge Menschen der internen Qualitätskontrolle der Medien. Soll heißen, man geht als Zuschauer davon aus, dass eine – speziell in einer Wissenssendung – getroffene Aussage vorher von der Redaktion auf ihren Wahrheitsgehalt hin abgeklopft wurde. Oder aber der Moderator widerspricht dem „Experten“ oder es sind weitere Kenner der Materie anwesend, die die (falsche) Sache geraderücken. Diese Regulierungsmechanismen sind jedoch ganz offenkundig ausgeschaltet, sobald Deutschlands Star-Interviewer auf Deutschlands Universalgenie trifft. Da wird dann munter, und leider auch oft faktenfrei, drauflos gelabert (pardon: Expertise ausgetauscht).

    Universalgelehrte heißen heute = TV-Philosophen

    Auch das wäre noch zu verkraften, wenn nicht qua (selbst verliehener) Berufsbezeichnung „Philosoph“ der trügerische Anschein erweckt würde, hier einen Alles-Checker vor sich zu haben. Jemand, der seinen Aristoteles (natürlich im altgriechischen Original) gelesen hat, der mit Descartes eingeklemmt unter dem linken (und Kant unter dem rechten) Arm zur Arbeit erscheint, der täglich mit Jürgen Habermas telefoniert und die Weltgeschichte seit dem Ende der Altsteinzeit in ihren großen Läufen überblickt. Einer, der 48 Stunden über eine Sache nachdenkt, bevor er 1 Satz dazu sagt und im Anschluss wieder in Schweigen verfällt, um über das nächste Problem zu grübeln. Hätte Precht seine Behauptung folgendermaßen formuliert, „Ich hab gestern mal wieder ‚Snatch‘ von Guy Ritchie angeschaut. Da kann man sehr schön sehen, dass orthodoxe Juden vor allem im Diamantenhandel aktiv sind (und dubiose Finanztransaktionen durchführen und sich den Rest des Tages mit dem Studium der Thora beschäftigen) und auch mein Onkel Anton sagt dasselbe“, dann wär’s zwar immer noch falsch gewesen, aber der Zuschauer bzw. Zuhörer (war ja ein Podcast) würde sofort begreifen, dass es sich hierbei um Trivialwissen und keinesfalls Expertentum handelt. Hätte Lanz sofort dazwischen gegrätscht und „Stopp!“ gerufen, anstatt den Unsinn mit „richtig, genau“ zu goutieren, wär‘ das Schlimmste noch verhindert worden. So beidseitig felsenfest vom Klischee überzeugt, wie es im Podcast gelaufen ist, hätte es halt auf gar keinen Fall laufen sollen.

    Wäre, wäre, Fahrradkette … ja ja, kenne ich.

    Das übliche 50-Prozent-Entschuldigung-Procedere

    Es folgte, was dann immer folgt = Der Blätterwald u.v.a. die sozialen Medien rauschte/n. Deutschlands Starmoderator und Deutschlands TV-Philosoph Nr. 1 mussten sich den Vorwurf des Bedienens antisemitischer Narrative gefallen lassen. ZDF, Precht und Lanz entschuldigten sich halbgar; natürlich nicht, ohne gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass man von Antisemitismus Lichtjahre entfernt und nun wegen der Kritik tief verletzt sei, man viele Juden kenne und auch schon interviewt habe, und man den Satz in der aktuellen Situation besser nicht gesagt hätte. Was irgendwie danach klingt, als ob man den Satz sonst schon hätte sagen können. Und natürlich durfte der Hinweis, die Worte seien aus dem Zusammenhang gerissen worden (bei Precht heißt das = dekontextualisiert), und die bösen Medien würden sowieso ständig darauf lauern, dass solche Fehler passieren, nicht fehlen. Und an dieser Stelle bin ich raus. Wenn ein (selbst ernannter) Experte Fake News übers Judentum verbreitet und ihm diese Falschbehauptung nachgewiesen wird – sich dann auf Dekontextualisierung (was für ein Wort!) zu berufen und die Kritiker des absichtlichen Missverstehens zu zeihen; das ist dann doch der Chuzpe zu viel für mich.

    Mein (natürlich unverbindlicher) Rat an ZDF und den Philosophen lautet deshalb = lasst den Mann nur noch zu den Themen vor laufender Kamera (oder auf einem Podcast) reden, von denen er Ahnung hat. Vielleicht Aristoteles, vielleicht Descartes oder Kant. Aber halt nicht mehr zum Nahost-Konflikt, zum Judentum oder zu Corona und dem Ukrainekrieg. Da gibt’s Fachleute, die davon deutlich mehr Ahnung haben als unser (selbsternannter) Universalgelehrter.

    Philosoph ist keine geschützte Berufsbezeichnung

    Was können wir aus dieser Kolumne – an deren Ende wir jetzt gelangen – mitnehmen?
    (1) Philosoph ist keine geschützte Berufsbezeichnung (wie Lifestyle-Coach und Kolumnist)
    (2) si tacuisses …
    (3) antisemitische Klischees bleiben, auch wenn man sie aus Unwissenheit äußert, immer antisemitische Klischees
    (4) wer sich über (orthodoxe) jüdische Diamantenhändler informieren will, der schaue lieber Guy Ritchies „Snatch“, als sich Podcasts von Lanz & Precht anzuhören. Der Film ist zwar ebenfalls faktenfrei, aber deutlich unterhaltsamer
    (5) was beim 90-jährigen Onkel Anton aufgrund seiner fortgeschrittenen Demenz geduldet wird, darf man Philosophen nicht unwidersprochen durchgehen lassen.

    Ob Kolumnisten nicht ebenfalls Dampfplauderer oder gar Dummschwätzer sind? Natürlich sind sie (speziell ich) das. Aber Kolumnen sind halt Meinungsbeiträge und keine wissenschaftlichen Fachaufsätze. Und vor allem lassen wir Kritik (die hagelt es ja mitunter wäschekörbeweise in den Kommentarspalten unter unseren Texten) zu und jammern nicht rum, dass wir absichtlich dekontextualisiert werden, sondern freuen uns darüber, dass ein paar Menschen unser Zeug lesen und im Anschluss mit uns schimpfen.

    PS. heute Nachmittag bin ich mit einer netten Düsseldorferin zu Kaffee & Kuchen verabredet. Wir treffen uns auf neutralem Boden in Bonn. Falls das jemand interessieren sollte.

  • Als es in Los Angeles heftig schneite

    Als es in Los Angeles heftig schneite

    „Was ist das für ein schwarzes Loch in deinem Küchentisch?“, fragt die alte Schulfreundin.
    „Was für ein schwarzes Loch?“
    „Na, in deinem Küchentisch. Das war bei meinem letzten Besuch noch nicht da.“
    „Ach, das Loch meinst du. Ja, ist neu.“
    „Wie kommt das dahin?“
    „Ich hab nen superheißen Topf vom Herd genommen und da abgestellt, und der hat sich irgendwie in die Platte reingefressen.“
    „Das hast du nicht sofort bemerkt? Das muss doch verbrannt gerochen haben?“
    „Ich war abgelenkt.“
    „Abgelenkt?“
    „Ich hab ne spannende Serie geschaut und den Scheißtopf auf dem Scheißtisch vergessen.“
    „Du hast doch nach der letzten Serie gesagt, dass du dir nie wieder ne Serie anschaust.“
    „Ich hatte nicht ‚nie‘ gesagt, sondern dass ich jetzt ne längere Pause mit Serien einlege.“
    „Die Pause hat maximal 1 Woche gedauert. Lang ist was anderes.“
    „Ich weiß. Aber die neue Serie ist wirklich fesselnd.“
    „So fesselnd, dass du nicht mitbekommst, wie sich ein Topf in deinen Küchentisch reinfrisst. Das muss ja echt ne Superserie sein … was machst du jetzt mit dem Loch? Wollen wir zusammen einen neuen Tisch kaufen?“
    „Ich schau erstmal die Serie zu Ende. Dann kümmere ich mich um einen neuen Tisch.“
    „Und bis dahin gähnt da ein schwarzes Loch?“
    „Ich stell ne Blumenvase drauf. Dann bemerkt das keiner.“
    „Du besitzt gar keine Blumenvase.“
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    Plötzlich fegt ein Schneesturm durch L.A.

    Ja ja, ich hatte nach Lost gesagt, dass ich ne LANGE Pause mit Serien einlegen werde. Und dann hat mir der Algorithmus – heißt das superschlaue Ding bei den Streamingdiensten überhaupt so? – Minimum ein Dutzend Mal Snowfall vorgeschlagen. Gemäß dem Motto, „Nutzer, die Lost geschaut haben, gefällt auch das“, und irgendwann bin ich schwach geworden und habe probeweise reingeklickt.

    Eine Serie, die in den 80-er Jahren in Los Angeles spielt und mit „Snowfall“ überschrieben ist, handelt wenig überraschend nicht vom Klimawandel, sondern hat harte Drogen zum Inhalt. Konkret geht es um den Ausbruch der Crack-Epidemie in den USA. Weitere Schauplätze sind Mexiko, Nicaragua, Panama und es gibt hin und wieder kleine Abstecher nach Washington D.C. und in ein paar Provinznester des Mittleren Westens. Produziert wurden die insgesamt 6 Staffeln zwischen 2016 und 2022 (Ausstrahlung erfolgte jeweils um 1 Jahr zeitversetzt zw. 2018 und 2023).

    Die 4 Themenschwerpunkte lauten:
    (A) Herstellung von und Handel mit (der damals neuen Droge) Crack
    (B) der von der CIA organisierte Import von Kokain
    (C) die Verelendung kompletter Stadtviertel durch die Droge und die damit einhergehende Gewaltkriminalität
    (D) Alltagsrassismus.

    Die Haupt- & Nebendarsteller

    In den ersten beiden Episoden lernen wir die 3 Protagonisten kennen:
    (1) Franklin Saint (Damson Idris): ein zu Beginn der Serie 19-jähriger Beinahe-Student, der seinen Ausflug ans College nach einigen Monaten jedoch abgebrochen hat und zurück zu seiner alleinerziehenden Mutter nach L.A. South Central zieht. Dort verdient er sich ein paar Dollar mit Gelegenheitsjobs, bevor er bei seinem Onkel als Marihuana-Ticker einsteigt und per Zufall an 1 Kilo Kokain gelangt, das er schnell an den Mann bringt. Der neue Dealer ist von den Verkaufskünsten Franklins äußerst angetan und überzeugt ihn, von Gras auf Koks umzusatteln.
    (2) Teddy McDonald (Carter Hudson): ein trotz seiner Jugend schon recht erfahrener CIA-Agent, der im Büro Los Angeles den Drogenschmuggel aus Nicaragua heraus und die Waffenlieferungen in den Dschungel hinein organisiert & steuert. Teddy ist dringend auf gut funktionierende Vertriebskanäle für sein Produkt angewiesen. Schon bald kreuzen sich deshalb sein und Franklins Weg. Zwischen den beiden Männern entwickelt sich im Verlauf der Jahre eine Hassliebe.
    (3) Gustavo Zapata (Sergio Peris-Mencheta): mexikanischer Überlebenskünstler und Ringer, der sich mit drittklassigen Schaukämpfen in Südkalifornien über Wasser hält. Durch Zufall gerät er zuerst an eine mexikanische Drogenbaronin, bevor er, nicht ganz freiwillig, zum Helfer Teddys avanciert und für den das Kokain über die Grenze nach L.A. transportiert.

    Und es gibt jede Menge Zweite-Reihe-Darsteller, die wir der Übersichtlichkeit halber den o.g. „Helden“ zuordnen:

    Franklins Familie
    Tante Louie & Onkel Jerome: planen ebenfalls, groß ins Kokain-Geschäft einzusteigen/ Mutter Cissy (möchte mit Drogen nichts zu tun haben, lässt sich aber breitschlagen und baut mit dem schmutzigen Geld ihres Sohnes eine Immobilienfirma auf)/ Kumpel Leon (erledigt die Drecksarbeit und steigt dann zum Pusher in den Projects auf)/ Wanda (Leons Verlobte: arbeitet zuerst in Franklins Crack-Küche, wird dann selbst abhängig, landet auf der Straße, durchläuft einen quälenden Entzug und wandelt sich schließlich zur Kritikerin des Businessmodells)/ Vater Elton (hat Frau & Sohn verlassen, kehrt nach Jahren zurück, missbilligt die Aktivitäten Franklins, toleriert diese aber, weil er den fragilen Familienfrieden nicht gefährden will. Um sein schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, gründet er ein Hospiz als Zufluchtsort für Junkies & Obdachlose).

    Teddys Verbündete
    Matt (Bruder und ehemaliger Vietnam-Pilot. Hilft Teddy dabei, das Koks aus Mittelamerika rauszufliegen)/ Julia (Exfrau und Mutter von Teddys Sohn)/ Parissa (Exil-Iranerin, der Teddy zur Flucht in die USA verholfen hat: seine Geliebte)/ Avi Drexler (ehemaliger Mossad-Agent, der nun als Freiberufler mit Waffenschmuggel sein Geld verdient).

    Gustavos Frauen
    Lucia (Drogenbaronin und Verlobte Nr. 1, die nach 3 Staffeln spurlos verschwindet)/ Amanda (Verlobte Nr. 2. Verschwindet ebenfalls).

    Klingt alles (zu) kompliziert? Keine Sorge – ist es nicht. Es sind zwar ne Menge Charaktere, allerdings liegt der Fokus eindeutig auf den 3 Protagonisten, und die Anzahl der B-Darsteller bleibt – v.a. wenn man vorher wie ich „Lost“ mit den Minimum 100 Einzelschicksalen gesehen hat – im jederzeit tolerablen bzw. bequem überschaubaren Rahmen.

    Geschichte beginnt etwas langatmig, nimmt dann aber gehörig Fahrt auf

    Die Handlung startet im Sommer 83, als:
    (a) die CIA beschließt, die Guerillaaktivitäten der Contras in Nicaragua u.a. durch Drogenschmuggel zu finanzieren
    (b) Crack in einem Labor in Kalifornien erfunden wird
    (c) der 19-jährige Franklin sich gegen den Besuch eines Colleges und stattdessen für den Einstieg ins Drogenhandel-Business (anfangs Marihuana & Kokain) entscheidet.

    Die ersten Folgen sind etwas langatmig erzählt. Ich schrieb deshalb in meinem Facebook-Blog:
    „Die Geschichte ist allerdings langweilig: eine überwiegend fade Mixtur aus „Boyz n the Hood“, „Straight Outta Compton“ & „Kill the Messenger“, gewürzt mit ner kleinen Prise „Scarface“. Alles irgendwo schon mal (besser) gesehen. Werde deshalb (hoffentlich!) nach 1 Staffel wieder damit stoppen.“

    Aus nicht erklärbaren Gründen – vermutlich spielt der Binge-Faktor dabei eine große Rolle – stoppte ich jedoch nicht, sondern ließ mich stattdessen immer mehr von der Handlung – die am Ende von Staffel 1 ordentlich Fahrt aufnimmt – in ihren Bann ziehen, bis ich nach 14 Tagen (überwiegend waren es Nächte) mit allen 60 Episoden (jeweils 10 pro Staffel) durch war.

    Hier jetzt mein Eindruck zur gesamten Serie, gegliedert gemäß der o.g. Schwerpunkte (wobei ich wegen der Chronologie B. vorziehe):

    Der von der CIA organisierte Import von Kokain

    Der Schmuggel von Kokain in die USA stellte eine der beiden Finanzierungssäulen (die andere war der illegale Verkauf von schweren Waffen an das Mullah-Regime in Teheran) für die Aufrüstung der Rebellen in Nicaragua dar. Zu trauriger Berühmtheit unter dem Begriff „Iran-Contra-Affäre“ gelangt. Der Grundstoff wurde dabei aus Peru und Kolumbien nach Mittelamerika geliefert und dort in Dschungellaboren zu Kokain verarbeitet. Die CIA half dabei (wenn man der Serie Glauben schenken darf) sowohl beim Besorgen der Rohsubstanz als auch beim Schmuggel des Endprodukts in die USA hinein (das Zweite ist unstrittig, ob die erste Behauptung stimmt, entzieht sich meiner Kenntnis). Um möglichst rasch Abnehmer zu finden, wurde das Nicaragua-Kokain preiswerter als der kolumbianische Stoff auf den Markt gebracht. Daraus resultierte ein Angebotsüberhang bei den Zwischenhändlern. Die fanden nicht mehr genügend Käufer für die, trotz Preissenkung, weiterhin teure (Party-) Droge. Es musste also dringend was Neues her, wenn man nicht Gefahr laufen wollte, das Business aufgrund der Kokainschwemme gegen die Wand zu fahren.

    Herstellung von und Handel mit (der damals neuen Droge) Crack

    Da traf es sich gut, als zeitgleich ein kalifornischer Dealer einen Chemiker anheuerte, der Wege finden sollte, das Pulver nicht mehr einzig zu schnupfen, sondern ebenfalls als Dampf inhalieren zu können. Das funktioniert mit reinem Kokain nicht, man muss das – in der chemischen Fachsprache als Kokainhydrochlorid bezeichnete – Pulver vorher durch Zugabe von Natron vom Chlorid-Anteil separieren. Heraus kommen dabei entweder Crack/Rock oder Freebase (hier wird statt Natron als Trennmittel Äther verwendet). Diese beiden Substanzen kann man problemlos erhitzen und wie Pfeifentabak rauchen. Die berauschende Wirkung tritt via Lunge um einiges schneller und intensiver ein als durch die Nase gezogen.

    Die Bezeichnung „Crack“ spielt dabei auf das knisternde/knackende Geräusch an, das beim Verbrennen der Droge in der Pfeife zu hören ist, während der ebenfalls gebräuchliche Begriff „Rock“ die Form der kleinen, kristallinen Klumpen beschreibt.

    „Schöne“ Nebeneffekte =
     aus 1 Kilogramm Koks lassen sich 10kg Crack gewinnen
     statt 1 benötigt man anfangs bloß 1 zehntel Gramm, um den Kick zu spüren
     der Verkaufspreis kann stark herabgesetzt werden -> neue (ärmere) Konsumenten können sich den Stoff leisten
     die Droge macht sofort abhängig.

    Ausweitung des Marktes durch neue Käuferschichten plus zeitlich eng getakteter Konsum aufgrund des hohen Abhängigkeitspotenzials = Dealers Paradise.

    Verelendung kompletter Stadtviertel durch die Droge und die damit einhergehende Gewaltkriminalität

    Auf die Euphorie, die eingangs sowohl bei Verkäufern als auch Käufern herrschte, folgte bald das unsanfte Erwachen: die Konsumenten glitten schnurstracks ab in die Sucht, was wiederum den Verlust des Arbeitsplatzes und wirtschaftliche Schwierigkeiten (häufig den finanziellen Ruin) nach sich zog. Um den Kauf der Droge stemmen zu können (die war zwar billig, muss aber mehrmals täglich dem Körper zugeführt werden, was die Angelegenheit in der Addition der Einzelrauscherlebnisse dann wieder teuer macht), drifteten viele ab in die Beschaffungskriminalität: die Gewaltdelikte (z.B. Überfälle auf Drugstores, bewaffnete Einbrüche) explodierten. Auch auf Anbieterseite nahmen die Verteilungskämpfe an Härte zu. Jeder Großdealer beschäftigte eine kleine Privatarmee, um sein Territorium gegen die Konkurrenz abzuschirmen. Es gab nun Stadtteile, in denen sich die Bevölkerung nicht mehr auf die Straße traute. Es war wie leben in einem Kriegsgebiet, obwohl offiziell gar kein Krieg herrscht. Die Kombination Konsumenten-Elend & Gang-Schießereien traumatisierte v.a. die nicht drogensüchtigen Anwohner stark.

    Alltagsrassismus

    Nach einer Periode des anfänglichen Wegsehens bzw. Nur-mit-1-Auge-Hinschauens nahmen die Behörden sowohl die Zwischenhändler als auch die Konsumenten verstärkt ins Visier. Und die Ermittler gingen dabei nicht zimperlich vor. Die Gewalt, die in Snowfall vom LAPD praktiziert wird, ist nicht minder verstörend als die Brutalität der Straßengangs. Zumal sich die Polizei häufig nicht die Mühe macht, zwischen Dealer und Konsument zu unterscheiden. Den Knüppel des Gesetzes bekommen oft beide zu gleichen Teilen übergezogen. Überstellung der Süchtigen in eine qualifizierte Entgiftung = Fehlanzeige. Entzugskliniken sind teuer und deshalb nichts für arme Crack-Junkies. Die müssen entweder im Knast oder zu Hause auf dem Sofa (falls sie beides überhaupt noch besitzen) in Eigenregie runterkommen (was die meisten natürlich nicht schaffen und deshalb bis zum bitteren Ende weiter cracken).

    Obwohl einige Dealer – und ne Menge Abhängige – weiß sind, wählt die Polizei mit Vorliebe die schwarze Bevölkerung als Ziel aus. Okay, es ist in L.A. South Central (dort spielt die Serie zu 80 Prozent) wahrscheinlich schwer, weiße Anwohner zu finden; aber die Fokussierung der Razzien auf die Quartiere der afroamerikanischen Bürger wird ja auch aus anderen Städten berichtet. Interessant – eigentlich erschreckend – wie nervös selbst hartgesottene schwarze Dealer werden, wenn sie von weißen Streifenbeamten bei einer Routine-Verkehrskontrolle angehalten werden. Die Angst besteht nicht immer darin, dass Drogen im Kofferraum hinter dem Reserverad versteckt sind, sondern dass die Polizisten den Fahrer aus nichtigem Anlass einkassieren oder gar auf offener Straße zusammenschlagen. Als ob es eine schriftlich nicht fixierte Lizenz zum Niederknüppeln gibt. Und natürlich haben es Schwarze auch schwer, sich vor Gericht Gehör zu verschaffen oder gegen Zahlung einer Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden.

    Die Macher der Serie zeichnen allerdings kein Klischeebild in der Art, Schwarze handeln immer gut und Weiße durchgängig böse. Die – oft überaus brutalen – Dealer sind schwarz. Denen ist bewusst, dass sie ihre eigenen Leute in die Sucht und den finanziellen Ruin treiben. Was sie aber völlig kalt lässt, so lange sie mit Crack Unmengen Geld verdienen. Einige spüren ein schlechtes Gewissen, das sie mit dem Sponsoring von lokalen Hospizen zu beschwichtigen versuchen: Notdürftige Versorgung von Abhängigen, die man vorher selbst geschaffen hat. Den meisten Dealern reicht das, um das eigene Tun zu rechtfertigen. Aussteigen aus dem lukrativen Business will keiner. Kurzer Einschub an dieser Stelle: es gibt natürlich auch weiße Verkäufer und weiße Junkies. Da die Serie aber hauptsächlich in South Central spielt, sind die Akteure logischerweise überwiegend schwarz.

    Starke Charaktere & plausible Figurenentwicklung

    Die Serie schafft den Spagat zwischen CIA-Drogenschmuggel und Verelendung kompletter Stadtviertel mühelos. Ohne die Nicaragua-Kokainschwemme hätte es die Erfindung von Crack & Freebase wahrscheinlich ebenfalls gegeben; aber mit freundlicher Unterstützung durch den US-Geheimdienst geschah dies schneller und die Durchdringung des Marktes verlief gründlicher. Dass eine Bundesbehörde aktiv dazu beiträgt, die eigene Bevölkerung zu vergiften, dürfte einmalig in der Geschichte der westlichen Demokratien sein.

    Die Charaktere sind stark, die Figurenentwicklung überzeugend. Besonders hervor ragt dabei Protagonist Franklin Saint, der sich vom braven College Boy über die Stationen Marihuana-Dopeman, Kokain-Pusher und Crack-Big-Man schließlich zum (zeitweilig) größten Drogenbaron Südkaliforniens aufschwingt. Sein Versuch, die Sparte zu wechseln und ins seriöse Business (Immobilien) einzusteigen, scheitert. Zum Schluss muss er zurück in die (Crack-) Küche und auf die Straße. Des Weiteren sticht der von seiner Mission (keine Kommunisten in Nicaragua) besessene CIA-Agent Teddy McDonald aus dem Darsteller-Feld hervor. Die Verhinderung des Sozialismus in einem kleinen mittelamerikanischen Land rangiert auf seiner Werteskala höher als die Überschwemmung der USA mit Kokain. Um den Job durchzuführen, opfert er Bruder, Vater und Ehefrau. Ein Soziopath, bei dem unbedingte Pflichterfüllung an erster Stelle steht. Am Ende scheitert er genauso wie sein Geschäftspartner Franklin. Etwas ab fällt im direkten Vergleich zu den beiden Vorgenannten der dritte Protagonist, Gustavo Zapata. Der mutiert zwar vom braven Ringer zum Kokainschmuggler und Auftragskiller; jedoch bleibt er dabei immer der gute Onkel, der nur qua Zufall in die Geschichte hineingestolpert ist und nichts lieber täte, als in Mexiko auf einer kleinen Hazienda zu leben und dort mit einer netten Frau Kinder zu zeugen und aufzuziehen.

    Unterm Strich sind alle Figuren böse (ein Kinderausdruck; ich weiß), weil irgendwie in den Drogenhandel involviert und von ihm profitierend. Es gibt etwas weniger Schlechte (z.B. Franklins Eltern, Leons Verlobte Wanda, zum Schluss sogar Leon), aber auch die hatten halt lange mitgemischt im Crack-Business. Die Polizei ist zu keinem Zeitpunkt dein Freund und Helfer, sondern entweder brutal oder korrupt oder beides. Und von den menschenverachtenden Praktiken der CIA brauchen wir nicht groß zu reden. Als moralisches Vorbild taugt kein einziger Charakter. Hin und wieder erschrak ich über mich selbst, wenn ich temporäre Sympathien für Franklin (bei dem allerdings mehr in seiner Frühphase) und Teddy (der konnte zwischendurch auch trocken-witzig sein) entwickelte. Das fällt in die Rubrik = komaglotzbedingtes Stockholm-Syndrom.

    Überzeugendes Finale

    Für meinen persönlichen Geschmack noch eine Spur besser als „The Wire“ (Serie von Anfang der 2000-er mit nahezu identischer Thematik) in Szene gesetzt. Weil in Snowfall einzig aus der Sicht der Schurken (auch bzw. speziell der CIA-Agent ist ja einer) erzählt wird, während in „The Wire“ ebenfalls die Guten zu Wort kommen. Des Weiteren konzentriert sich Snowfall auf weniger Akteure, was der Handlung guttut. „The Wire“ zerfaserte am Ende doch sehr in die Schilderung von (zu) vielen Einzelgeschichten. Snowfall hat ein überzeugendes Ende, wenngleich das selbstredend kein Happy end ist. Aber wie sollte es bei einer Story, bei der die Protagonisten ständig tiefer im Drogensumpf versinken, auch zu einem glücklichen Finale kommen?

    Sehenswert speziell für 80-er-Jahre-Nostalgiker

    Von mir gibt’s für die Crack-Story 9 Punkte (1 Punkt Abzug wg. der Länge = 60 Episoden. 10 Folgen bzw. 1 Staffel weniger hätten dem Spannungsbogen eher genützt als geschadet. Weshalb bspw. kurz vor Schluss noch ein schwuler KGB-Agent aus dem Hut gezaubert werden musste, versteht außer dem Drehbuchautor keiner).

    Empfehlenswert für Fans von Drogengeschichten und 80er-Jahre-Nostalgiker. Für die Musik, mit der die einzelnen Folgen unterlegt sind bzw. die aus den Autoradios und Ghettoblustern erklingt, müsste es oft Bonus-Punkte geben.

    Showrunner = John Singleton, Eric Amadio, Dave Andron
    Produktion = Shoe Money Productions
    TV-Sender = FX (in Deutschland: FOX. Hat mittlerweile den Betrieb eingestellt).

    Die Serie kann man heute sehen in/bei:
    (1) Amazon (5 Staffeln)
    (2) Disney (alle 6 Staffeln)

    PS. als flankierende Dokus empfehle ich:
    Cocaine Cowboys
    Crack: Kokain, Korruption und Konspiration.
    [beide bei Netflix erhältlich. Da wird der politische Hintergrund von Kokainschwemme und Crack-Epidemie ganz gut ausgeleuchtet. Hin und wieder fragt man sich, ob der ein oder andere interviewte Dealer vllt. Pate für den fiktiven Charakter Franklin Saint stand. Dass die CIA nur 1 Agenten mit dem Drogenschmuggel aus Nicaragua heraus und in die USA hinein beauftragte, wie in Snowfall dargestellt, scheint hingegen in die Kategorie „(Serien-) Märchen“ zu fallen. Wahr ist wiederum die Geschichte des jungen Basketballers Leonard Kevin Bias, der Mitte der 80er neben Michael Jordan als größtes Talent der College-Liga galt, bevor er an einer Überdosis Kokain starb. Im Anschluss an diese Tragödie, die wochenlang von der Presse thematisiert wurde, verschärfte der Kongress die Drogengesetze drastisch, und die Behörden intensivierten den Kampf gegen die Straßengangs massiv. Das wird im letzten Drittel der Serie plakativ gezeigt].
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    Und gleich rufe ich die alte Schulfreundin an, dass ich jetzt Zeit habe, zusammen mit ihr einen neuen Küchentisch zu besorgen. Wahrscheinlich sagt sie dann, dass es ihr terminlich nicht passt. Das macht sie immer so.