Autor: Henning Hirsch

  • Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Das Märchen vom Alkoholiker, der nur sich selbst schädigt

    Ein Lieblingsmärchen aller Säufer lautet: „Mit dem Trinken schade ich ja bloß mir selbst.“ In leichter Abwandlung aus Politikermund klingt das dann so: „Selbstschädigung liegt in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen.“

    Hört sich erst mal gut an, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn wie beim Nikotin gibt es ebenfalls beim Alkohol unschuldige Opfer zu beklagen: nämlich all diejenigen, die von beschwingten Weihnachtsmarktbesuchern, die sich benebelt ans Steuer ihres SUVs setzen, nachts auf einsamer Landstraße übergemangelt oder die vom unter Weizenkorneinfluss zu Gewalt neigenden Lebenspartner ins Krankenhaus geprügelt werden – um von all den sich in psychologischer Behandlung befindenden Co-Abhängigen gar nicht erst zu reden. Dass Bier und Schnaps einzig den Trinker selbst schädigen, ist eine fromme Legende, die wie ein Mantra von Alkoholindustrie und Pseudoliberalen stets aufs Neue beschworen wird, sobald jemand aufgrund der klar ersichtlichen Missstände vorsichtige Regulierungsschritte anregt, die dazu dienen sollen, den exzessiven Konsum wenigstens partiell einzudämmen.

    Mal völlig losgelöst vom Aspekt, dass wir Junkies das Recht auf eigenverantwortliche Gesundheitsdemontage nicht zugestehen, sondern bei harten Drogen von Anfang an streng regulierend eingreifen, soll uns die obige Falschbehauptung – denn um nichts anderes handelt es sich dabei – weismachen, dass die negativen Konsequenzen des Alkohols einzig der Trinker zu spüren bekommt, weshalb Warnhinweise und Einschränkungen, wie wir sie beim Tabak gewöhnt sind, nicht notwendig seien. Denn der Nikotinabhängige teert ja nicht nur alleine seine Lunge, sondern verqualmt ebenfalls seine Umwelt (Passivrauchen), weshalb Verbote bei Zigaretten & Co. durchaus Sinn ergäben.

    Nun sagt niemand, dass ein an einer Cola nuckelnder Gast durch Geruch oder Anblick eines bunten Cocktails, der am Nachbartisch serviert wird, körperliche Schäden davonträgt. Es könnte zwar theoretisch passieren, dass der Cola konsumierende Gast ein trockener Alkoholiker ist, der durch den Anblick des Cocktails dermaßen getriggert wird, dass er noch am selben Abend einen Rückfall erleidet. Aber das ist zum einen ein Spezialfall und zum anderen muss sich der trockene Alkoholiker ja nicht abends in ein Lokal setzen, in dem alkoholische Getränke ausgeschenkt werden. Fällt in die Rubrik:ein bisschen Risiko ist immer.

    Unfälle und Straftaten unter Alkoholeinfluss

    Was aber ist eigentlich mit den – gar nicht so seltenen – alkoholverursachten Kollateralschäden wie Verkehrsunfällen, körperlicher Gewaltanwendung/häuslicher Gewalt und psychischem Dauerstress, der auf Verwandte und Freunde ausgeübt wird? Sind das vernachlässigbare Problemfelder, weil die Fallgrößen so gering sind?

    Fallgruppe Anzahl
    Alkoholbedingte Verkehrsunfälle mit Sach- und/oder Personenschaden 36.000 (davon 4.600 schwerverletzte Personen und knapp 250 Getötete)
    Straftaten unter Alkoholeinfluss (nur die zur Anzeige gelangten Delikte) 222.000 (davon rund 800 Tötungen)
    alkoholbedingter Stress von  Familienangehörigen k. A.
    zum Vergleich: Todesopfer aufgrund von Passivrauchen (koronare Herzkrankheit,Schlaganfall, Lungenkrebs) 3.000

    Quellen: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V., Bundeskriminalamt, Statistisches Bundesamt, WHO (Welt-Tabak-Bericht)

    Auch wenn sich die Angaben nicht eins zu eins vergleichen lassen, so zeigt sich doch, dass die Zahlen der externen Alkoholgeschädigten diejenigen der Passivrauch-Opfer deutlich überschreiten, was zu der Frage führt, weshalb diese beiden Problemfelder derart unterschiedlich behandelt werden. Ist ein Kirmesbesucher,der von einem aufgrund zwei Promille völlig enthemmten Dorf-Rambo einen Bierkrug über den Schädel gezogen bekommt, weniger schützenswert als ein Restaurantgast, dem der Rauch einer Zigarette vom Nachbartisch in die Nase steigt?

    Co-Abhängige: Oft noch ärmer dran als der Trinker

    Was ist vor allem mit der Schutzwürdigkeit der geschätzt acht bis zehn Millionen Co-Abhängigen? Denn diese bedauernswerte Gruppe ist andauerndem psychischen Stress bis hin zu körperlicher Gewaltanwendung ausgesetzt. Co-Abhängigkeit stellt außerhalb von Fachkreisen ein immer noch stark vernachlässigtes Thema dar, obwohl sie aufs Engste mit der Sauferei verwoben ist. Die wissenschaftliche Definition für das traurige Phänomen lautet: „Bezugsperson eines Betroffenen, die durch ihr Verhalten – aktives Tun und/oder Unterlassen – die Sucht des Erkrankten zusätzlich fördert und darüber hinaus unter der Situation leidet. Dies kann im Extremfall soweit gehen, dass der Co-Abhängige selbst süchtig wird.“

    Diese hinsichtlich Verbreitungsgrad und Schwere häufig unterschätzte seelische Erkrankung wird in drei Phasen eingeteilt:
    1. Nachsicht: Verständnis, Zuwendung durch Aufmerksamkeit, Verdrängung, Ermunterung zur Selbstdisziplin, Empfehlung, doch mal einen Psychologen aufzusuchen, um über das Problem zu sprechen
    2. Vertuschen: Verheimlichung und Verharmlosung gegenüber Verwandten und Freunden, der Partner übernimmt Aufgaben des immer häufiger handlungsunfähigen Trinkers, uferlose Diskussionen, die jedes Mal ohne konkretes Ergebnis enden
    3. Überwachung: Beobachtung, Kontrolle, Streit und gegenseitige Aggression nehmen zu, Verachtung

    Die Extremform der Co-Abhängigkeit besteht im Erdulden häuslicher Gewalt. Welcher Patient kennt sie nicht: die bei jedem Wetter auch in geschlossenen Räumen sonnenbebrillten Ehefrauen, die ihre Aggro-Männer, die im Moment aufgrund von 20 Distra im Magen-Darm-Trakt ausnahmsweise mal friedlich vor sich hin dämmern, in der Klinik besuchen, wo sie ihnen tränenreich verzeihen, anstatt wortlos die Adresse des Scheidungsanwalts auf eine Papierserviette zu schreiben und wieder zu gehen? Wenn die mit Hämatomen übersäte Ehefrau nicht sogar in der Nachbarstation ebenfalls einen Entzug durchläuft. Ungefähr ein Zehntel der weiblichen Patienten in Suchtkliniken wird mit Prellungen und Schürfwunden eingeliefert. Ein Teil der Opfer findet den Weg ins Krankenhaus alleine, andere werden von Freundinnen begleitet, in schlimmen Fällen eskortiert von der Polizei.

    Nun läuft folgende Dramaturgie ab: Am ersten Tag schütten die Frauen ihr Herz aus. Die traurige Geschichte der andauernden Prügelorgie wird Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten erzählt. 24 Stunden später, wenn der erste Schock abflaut, gibt’s die Story bereits in abgemilderter Version zu hören: „Na ja, so schlimm, wie es gestern aussah, war es dann doch nicht. Horst-Jürgen – mein Mann – ist eigentlich ein herzensguter Kerl. Ihm rutscht halt hin und wieder die Hand aus.“ An Tag 3 wird schließlich diese Erklärung nachgeschoben: „Ich bin eigenverschuldet die Treppe runtergefallen.“ Zwei Stunden später sitzt Horst-Jürgen händchenhaltend mit der nach wie vor arg lädiert aussehenden Lebensgefährtin im Aufenthaltsraum und hat ihr als Wiedergutmachungspräsent ein Stück Käsekuchen mitgebracht.

    Ich habe mich oft gefragt: Warum tun die das? Weshalb versauen sich diese Frauen ihr Leben mit einem trinkenden, prügelnden und offenkundig therapieunwilligen Kerl? Welche Stufe des Masochismus muss man erreicht haben, um sich diesem Psychoterror freiwillig jahrelang auszusetzen? Nachdem mich die Berichte anfangs fassungslos zurückließen, gewöhnte ich mich mit der Zeit daran und begriff, warum Staatsanwaltschaft, Psychologen und Sozialarbeitern im Falle der unterbleibenden Strafanzeige die Hände weitgehend gebunden sind. Die Rollen in dieser Tragödie sind klar verteilt: Mann schlägt, Frau erduldet. Die umgekehrte Variante existiert zwar ebenfalls, ist aber nur sehr selten anzutreffen. Alkoholisierte Frauen neigen eher zu verbaler denn zu körperlicher Gewaltanwendung.

    Psychologen weisen auf fünf Frühindikatoren später möglicher häuslicher Gewalt hin:
    1. Generelle Einstellung: Der Partner äußert sich häufig respektlos und herablassend über Frauen.
    2. Eifersucht: Harmlose Flirts werden zu Staatsaffären aufgebauscht.
    3. Kontrollwahn: Er will – bis ins Detail hinein – für sie entscheiden und über alles informiert werden.
    4. Isolation: Er separiert die Partnerin von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.
    5. Gewalt gegenüber Sachen: Wenn er zornig wird, zerstört er Einrichtungsgegenstände etc. und will sie durch dieses Verhalten einschüchtern.

    Die Droge ist dann bloß noch der Brandbeschleuniger, um die angestaute Wut explodieren zu lassen und in physische Gewalt zu verwandeln.

    Stereotype Entschuldigungsmuster am Tag danach:
    • „Ich hatte zu viel getrunken. Nüchtern passiert mir das nicht.“
    • „Jetzt übertreibst du aber. So schlimm war das gestern doch gar nicht.“
    • „Ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern.“

    Das Problem ist allerdings mehrschichtig. Vereinfacht ausgedrückt lassen sich drei Opfertypen unterscheiden:
    1. Ist sich darüber im Klaren, dass häusliche Gewalt ein wiederkehrendes Phänomen darstellt und es bei nächster Gelegenheit erneut passieren wird; sucht aktiv nach einem Ausweg.
    2. Wie 1., allerdings mit dem gravierenden Unterschied, dass aufgrund falsch verstandener Loyalität und/oder Sorge vor dem finanziellen Absturz der Verbleib in der Beziehung als das geringere Übel angesehen wird; oft auch Angst davor, dass der verlassene Partner nun richtig aufdreht.
    3. Hat die Gewalt akzeptiert und entwickelt ihrerseits unter Alkoholeinfluss sogar den Wunsch, periodisch verprügelt zu werden.

    Externe Unterstützung ist für die Gruppen 2. und 3. nur sehr schwer möglich, weshalb diese Frauen mit steter Regelmäßigkeit in den Kliniken aufschlagen.

    Wie schützt man sich und seine Kinder?

    Je länger der Partner die Trinkexzesse toleriert, desto schwieriger wird es, die Geisterbahnfahrt aus eigener Kraft zu stoppen. Denn auch an den Zustand der Co-Abhängigkeit kann man sich gewöhnen.

    Was sollte man vernünftigerweise tun, um Schaden von sich selbst – und Kindern, die es ja auch oft gibt – abzuwenden? Spätestens zum Zeitpunkt der Weigerung, sich mit einem Psychologen über das Problem auszutauschen, muss mit Konsequenzen gedroht werden: „Ich ziehe aus und nehme die Kleinen mit!“ Den Trinker aus dem Haus zu bekommen, gestaltet sich zumeist schwierig. Er wird es nicht einsehen, ständig anrufen, vor der Tür stehen bis hin zum Stalking. Mitleid ist das falsche Rezept. Er kann ja gegensteuern, den Konsum reduzieren (besser: komplett stoppen), ärztlichen Rat einholen, sich in therapeutische Behandlung begeben. Falls er das selbstständig nicht auf die Reihe bekommt, existieren zwei Erklärungsansätze für das Versagen: entweder will er nicht oder die Krankheit ist bereits so weit fortgeschritten, dass es ihm nicht mehr möglich ist, auf die Bremse zu treten. Im zweiten Fall hilft eh nur ein Entzug mit professioneller Unterstützung, der jedoch nur dann erfolgreich sein wird, wenn sich Reha und der Besuch einer Selbsthilfegruppe anschließen.

    Die falsche Herangehensweise ist es, dem Trinker ein schönes Zuhause anzubieten, wo er sich jeden Abend gemütlich volllaufen lassen kann. Das bisschen Stress am nächsten Morgen, „Boah, was warst du gestern wieder betrunken. Denk doch auch mal an mich und die Kinder!“, steckt er locker weg, weil er weiß, dass nichts weiter passieren wird. Alkoholiker sind Egoisten, die alles und jeden ihrer Sucht unterordnen. Allerdings benötigt ein Großteil von ihnen ein halbwegs intaktes familiäres Umfeld, denn der Säufer ist labil und hat große Angst vor dem Alleinsein. An dem Tag, an dem dies alles wegzubrechen droht, schaffen es einige in letzter Sekunde doch noch, den Richtungswechsel herbeizuführen; den anderen ist von Verwandten und Freunden sowieso nicht zu helfen.

    Wer als Partner eines Süchtigen nicht in die Co-Abhängigkeit geraten will, ist also, solange der Erkrankte keine Anstalten macht, die Situation von sich aus zu verändern, gut beraten, die Koffer zu packen und das gemeinsame Haus des Elends – ohne Rückfahrkarte – zu verlassen. Die Erfahrung lehrt: Es wird schlimmer und nicht besser. Bis hin zu häuslicher Gewalt. Co-Abhängige, die bleiben, sind immer gefährdet, selbst in die Sucht abzurutschen. Zudem steigt bei ihnen das Risiko stark an, an Angstattacken, depressiven Schüben, Selbstzerstörungstrieb und Ähnlichem zu erkranken. Wie eine co-abhängige Bekannte es mir einmal erklärte: „Mein Mann hat den Alkohol im Blut, ich im Kopf. Ich kann kaum noch an was anderes denken.“

    Nach dem Lesen der obigen Zeilen sollte klar geworden sein, dass es sich beim Saufen keineswegs um pure Selbstschädigung eigenverantwortlich entscheidender, volljähriger Bürger handelt, die uns andere – und vor allem den Staat – nicht zu interessieren hat, sondern die kollateralen Verheerungen, die Schnaps und Bier anrichten, teilweise viel dramatischer ausfallen als beim Passivrauchen. 36 000 alkoholbedingte Verkehrsunfälle plus rund 40 000 schwere und gefährliche im Rausch begangene Körperverletzungen pro Jahr deutschlandweit zuzüglich ungezählter psychischer Co-Abhängigkeitswracks führen ganz deutlich vor Augen, dass das Mantra „Lasst die Trinker ungestört trinken“ Unfug bis hin zu grob fahrlässig ist.

    MERKE
    Der Trinker lebt nicht alleine im Wodka-Universum. Es existieren neben ihm noch die beiden Gruppen „Opfer von alkoholbedingten Verkehrsunfällen und Straftaten“ sowie die „Co-Abhängigen“. Großen Schaden richtet der Alkohol bei allen dreien an.

  • Wann ist man Alkoholiker?

    Wann ist man Alkoholiker?

    Als psychotrope Substanz verändert Alkohol unser Bewusstsein: sei es als Stimmungsaufheller, Enthemmer, Runterkommer, Vergessenschenker, Einschlafhilfe oder Aphrodisiakum. Solange wir ihn maßvoll und in zufällig getakteten Zeitabständen konsumieren, ist alles okay mit dem Stoff. Sobald wir allerdings damit beginnen, die Droge zu bestimmten Zwecken – und dann in der Konsequenz regelmäßig – einzusetzen, erreichen wir über kurz oder lang die kritische Schwelle vom Genuss- hin zum Gewohnheitstrinken.

    Bei vielen klappt es mit dem Saufen halbwegs passabel bis ins hohe Alter. Bei einigen kippt die Sache, und sie überqueren eines Nachts die Schwelle vom Risikotrinker zum Alkoholiker, der es nicht mehr schafft, nach einer Flasche Soave eigenhändig den Stoppschalter zu betätigen, sondern im Anschluss noch eine Pulle Wodka die Kehle runterlaufen lässt. Trinken, bis die Lampen ausgehen, man sich beim Aufwachen nicht mehr an den vorherigen Abend erinnert und sofort auf den Weg zum nächstgelegenen Kiosk macht, um Nachschub zu besorgen. Konsum als 24/7-Dauerzustand.

    Nun gibt es bei Alkoholikern solche, solche und solche. Nicht jeder von ihnen schüttet sich jeden Tag bis zur Bewusstlosigkeit zu, kann sich ein Dasein unterhalb von 3,0 Promille beim besten Willen nicht vorstellen bzw. ist ohne ständige ärztliche Hilfe nicht überlebensfähig. Es existiert zusätzlich die gar nicht kleine Gruppe der Quartalssäufer, die einzig zu bestimmten Anlässen die Sau so lange durchs Wirtshaus treiben, bis sie bewusstlos unterm Tisch oder im Straßengraben liegen. Die dritte Fraktion bilden die sogenannten Spiegeltrinker, die vom Aufstehen über Mittagsschläfchen bis hin zum Spätfilm auf Netflix konstant einen Pegel von beispielsweise 1,5 Promille halten und in der Konsequenz im Abstand von 90 Minuten nachtanken müssen.

    Alle drei Gruppen haben gemeinsam, dass ihr Umgang mit Alkohol grob fahrlässig, selbstzerstörerisch bis hin zu lebensgefährlich ist. Zudem sind die Übergänge fließend: Viele Quartals- und Spiegeltrinker erreichen über kurz oder lang das Stadium der 24/7-Volldröhnung. Denn – und das ist eine der teuflischen Gefahren der Droge – der Abhängige benötigt im Zeitverlauf eine immer stärker werdende Dosis, um das Wohlgefühl herzustellen, das er für seine wacklige Balance braucht. Aus einem anfänglichen 1,0-Pegel wird so ein 2,0-Spiegel,der irgendwann in einen Dauer-3,0- bis -4,0-Rausch mündet. Das Abdriften in das Rock-around-the-clock-Vollbesäufnis muss nicht bei allen Alkoholikern geschehen. Ich kenne Kandidaten, die es über Jahrzehnte geschafft haben, sich nur abends in einen weit entfernten Spiralnebel abzuschießen und die – oft zittrigen – Finger tagsüber vom Fusel wegzulassen. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Trinkzeit kontinuierlich nach vorne verlegt wird, bis man eines Morgens den ersten Cognac bereits zum Frühstück runterspült, für die Mitglieder dieser Gruppe hoch.

    Okay, sagen Sie, dass zu viel getrunken wird, wissen wir jetzt. Aber wer von uns ist denn nun tatsächlich eine Schnapsdrossel im strengen medizinischen Sinn?

    Zu viel Alkohol ist immer hochriskant

    Der erste Wissenschaftler, der Alkoholismus zum Forschungsobjekt erhob, war in den 1930er-Jahren ein US-amerikanischer Physiologe: Elvin Morton Jellinek. Seine noch heute verbreitete Klassifikation unterscheidet Alkoholkranke in fünf Typen:

    Alpha-Typ (Problemtrinker, Erleichterungstrinker) trinkt, um innere Spannungen und Konflikte (etwa Verzweiflung) zu beseitigen („Kummertrinker“). Die Menge hängt ab von der jeweiligen Stress-Situation. Hier besteht vor allem die Gefahr psychischer Abhängigkeit. Alphatrinker sind nicht alkoholkrank, aber gefährdet.
    Beta-Typ (Gelegenheitstrinker) trinkt bei sozialen Anlässen große Mengen, bleibt aber sozial und psychisch unauffällig. Betatrinker haben einen alkoholnahen Lebensstil. Negative gesundheitliche Folgen entstehen durch häufigen Alkoholkonsum. Sie sind weder körperlich noch psychisch abhängig, aber gefährdet.
    Gamma-Typ (Rauschtrinker, Alkoholiker) hat längere abstinente Phasen, die sich mit Phasen starker Berauschung abwechseln. Typisch ist der Kontrollverlust: Er kann nicht aufhören zu trinken, auch wenn er bereits das Gefühl hat, genug zu haben. Obwohl er sich wegen der Fähigkeit zu längeren Abstinenzphasen sicher fühlt, ist er alkoholkrank.
    Delta-Typ (Pegeltrinker, Spiegeltrinker, Alkoholiker) ist bestrebt, seinen Alkoholkonsum im Tagesverlauf (auch nachts) möglichst gleichbleibend zu halten: daher auch der Begriff Spiegeltrinker (Blutalkoholkonzentration bzw. Blutalkoholspiegel sind konstant). Dabei kann es sich um vergleichbar geringe Konzentrationen handeln, diese steigen jedoch im Verlauf der fortschreitenden Krankheit und der damit sich erhöhenden Alkoholtoleranz meist an. Der Abhängige bleibt lange sozial unauffällig („funktionierender Alkoholiker“), weil er selten erkennbar betrunken ist. Dennoch besteht starke körperliche Abhängigkeit. Er muss 24/7 Alkohol trinken, um Entzugssymptome zu vermeiden. Durch den ständigen Konsum entstehen körperliche Folgeschäden. Deltatrinker sind nicht abstinenzfähig und alkoholkrank.
    Epsilon-Typ (Dipsomane, Quartalstrinker, Alkoholiker) erlebt in unregelmäßigen Intervallen Phasen exzessiven Alkoholkonsums mit Kontrollverlust, die Tage oder Wochen dauern können. Dazwischen kann er monatelang abstinent bleiben. Epsilon-Trinker sind alkoholkrank.

    Um das jeweilige Stadium der Erkrankung zu fixieren, entwickelte Jellinek einen Erhebungsbogen mit knapp 30 Fragen, die von „Denken Sie häufig an Alkohol?“ über „Trinken Sie heimlich?“ bis hin zu „Hatten Sie bereits ein Delir?“ reichen. Je mehr dieser Fragen der Patient mit „Ja“ beantwortet, desto weiter ist er auf der Leiter des Alkoholismus nach oben geklettert. Wie es vielen Pionieren geschieht, so wurden auch Jellineks Forschungsansätze und -ergebnisse von seinen Nachfolgern in Zweifel gezogen. Zu oberflächlich und zu grobmaschig, lautete das Urteil. Was partiell durchaus stimmen mag, jedoch – im Nachgang sind wir alle schlauer. Jellinek kommt aber auf jeden Fall das Verdienst zu, sich als Erster wissenschaftlich konsequent mit Trunksucht beschäftigt zu haben. Ohne seine Vorarbeit gäbe es bis heute keine Anerkennung des Alkoholismus als eigenständiges und offiziell anerkanntes Krankheitsbild.

    Hier noch zwei weitere heute gängige Typologieschemata. Der Psychiater und Genetiker Robert Cloninger unterscheidet nur zwei Typen voneinander:
    Typ I: Ein Typ-I-Alkoholiker ist durch größeren Einfluss von Umweltfaktoren und den Beginn der Suchtkrankheit nach dem 25. Lebensjahr gekennzeichnet. Die Häufigkeit ist bei Männern gleich hoch wie bei Frauen. Der Typ I zeigt grundsätzlich einen eher milden Verlauf mit vorwiegend psychischer Abhängigkeit. Die Betroffenen leiden unter starken Schuldgefühlen und haben große Angst, abhängig zu werden.
    Typ II: Der Typ-II-Alkoholiker ist stärker von genetischen Faktoren bestimmt und hauptsächlich durch einen frühen Beginn (vor dem 25. Lebensjahr) der Suchtkrankheit charakterisiert. Männer machen den größten Anteil der Typ-II-Alkoholiker nach Cloninger aus. Typisch sind ein stark ausgeprägtes Alkoholverlangen, gepaart mit asozialen Persönlichkeitseigenschaften und Aggressionsdurchbrüchen.

    Der Mediziner und Psychologe Thomas F. Babor splittet ebenfalls in zwei Typen. Hier geht es allerdings vor allem um das Einstiegsalter in die Droge:
    Typ A: später Beginn
    Typ B: früher Beginn
    So lapidar macht der Babor das? Ja, so lapidar macht er es.

    Die Kriterien der WHO im ICD-10-Katalog

    Konsum Geschlecht Gramm/Tag Entspricht in etwa*
    Riskant 20-40 0,2-0,4l Wein
    30-60 0,75-1,5l Bier
    Gefährlich 40-80 0,4-0,8l Wein
    80-120 1,5-3l Bier
    Sehr hoch >80 0,5l Eierlikör oder
    1l Weißwein
    >120 >0,4l Schnaps**

    * Die Höhe der (WHO-)Grenzwerte ist umstritten. Manche Mediziner fordern niedrigere
    Schwellen; andere hingegen plädieren – vor allem bei „Riskant“ – für eine Anhebung
    des Einstiegslimits.
    ** Ein Alkoholiker, der in einem Krankenhaus entgiftet, weist erfahrungsgemäß einen
    Tageskonsum von ein bis zwei Flaschen Schnaps (zumeist Wodka oder Doppelkorn)
    über einen längeren Zeitraum auf.

    Suchtdruck und Kontrollverlust

    Gemäß der WHO ist Alkoholabhängigkeit als psychische Erkrankung vor allem durch folgende Phänomene charakterisiert: Suchtdruck, Vernachlässigung von allem, was nichts mit der Droge zu tun hat, Toleranzentwicklung/Dosissteigerung, Kontrollverlust sowie Entzugserscheinungen. Bei zweien dieser Begriffe müssen wir kurz verweilen, denn sie sind wichtig und werden uns im weiteren Verlauf häufig begegnen: Suchtdruck und Kontrollverlust.

    Suchtdruck – im angelsächsischen Sprachraum „Craving“ (Begierde, Verlangen) genannt – umschreibt das nahezu unbezwingbare Verlangen eines Abhängigen, sein Suchtmittel (Alkohol, Tabak, irgendeine der vielen illegalen Drogen) konsumieren zu wollen. Craving hat seine neurobiologische Grundlage in der Sensitivierung des Belohnungssystems im Gehirn. Die Zufuhr der Substanz bewirkt die 24/7-Aktivierung einer künstlich hergestellten, als angenehm empfundenen Gefühlswelt. Der Abhängige weigert sich, negative Empfindungen zuzulassen bzw. flüchtet sich, sobald der euphorische Höhenflug abflaut, sofort wieder in den nächsten Rausch: die Sucht als nicht mehr unterdrückbare Gier nach einem wahlweise hochgestimmten oder benebelten Erlebniszustand. Diesem unbedingten Verlangen werden die Kräfte des Verstandes völlig untergeordnet. Weil „Sucht“ den Ärzten und Therapeuten zu banal klingt, sprechen die medizinischen Experten lieber von Abhängigkeit oder gar vom substanzgebundenen Abhängigkeitssyndrom, drücken damit aber letztlich dasselbe aus wie wir, wenn wir seufzend sagen: „Der Heinz kommt seit Jahren nicht vom Schnaps weg und hat sich bald den letzten Rest seines Hirns weggesoffen. So schade um ihn. War mal ein attraktiver und kluger Mann.“

    Kontrollverlust: Hiermit ist nicht der einmalige Verlust an Kontrolle gemeint. Die Wissenschaft beschreibt das traurige Phänomen so: Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, eigenständig über Trinkbeginn, Menge und Ende entscheiden. Vorher selbst gebastelte und mühsam aufrecht erhaltene Konsummuster (kein Bier vor vier, kein Schnaps in der Werkwoche) können plötzlich nicht mehr eingehalten werden. Der Süchtige tritt in das Stadium ein, in dem er seinen Konsum grundsätzlich nicht mehr steuern kann. Der Abhängige benötigt den Stoff nun rund um die Uhr. In der Extremvariante bedeutet Kontrollverlust Trinken bis zum Umfallen. Hardcoresäufer müssen deshalb häufig den Umweg über die Intensivstation nehmen, bevor sie von dort weiter in die Entzugsklinik verwiesen werden. Es gilt die harte Regel: einmal Kontrollverlust erlitten → Genusstrinken wird nie mehr möglich sein. Sobald ein Süchtiger diese Schwelle überschreitet, ist Alkoholismus irreversibel.

    Von nun an gibt es keinen Weg zurück zum normalen Konsum. Es existieren angeblich in einem abgeschiedenen Appalachendorf in Kentucky und in Zimmer 273 des städtischen Altersheims Castrop-Rauxel zwei fabulöse Ausnahmen von dieser Regel, aber leibhaftig gesehen hat die beiden bisher noch niemand. Der Kontrollverlust markiert für 99,99 % aller Trinker das definitive Ende von Hoch-die-Tassen. Oder, um es ganz modern auszudrücken: Er stellt den point of no return dar. Von nun an bleiben bloß noch zwei Möglichkeiten offen: dem Schnaps für immer und ewig abzuschwören oder sich ungezügelt ins Grab zu saufen. Dazwischen existiert kein dritter Weg, auch wenn viele Alkis davon träumen. Das Suchtgedächtnis vergisst nichts und bestraft Experimente unbarmherzig.

    Wer Alkoholiker ist und wer nicht, darüber streiten die Fachleute. Geht es um quantitative Mengen oder kontinuierlichen Konsum? Dazu sind Millionen Fachaufsätze publiziert und noch mehr Streitgespräche in Gruppentherapien geführt worden. Um nun nicht jeden, der fünfmal in der Woche mittags zu seinen Spaghetti aglio e olio ein zur Hälfte mit Wasser verdünntes Glas Frascati zu sich nimmt, in die Kategorie der hoffnungslosen Fälle einzusortieren, sei hier folgende Charakterisierung des Alkoholikers gewählt:
    • er/sie trinkt regelmäßig
    • in Mengen, welche die WHO als gefährlich einstuft
    • das praktiziert er über einen längeren Zeitraum
    • er verspürt oft Suchtdruck
    • er setzt die Droge gezielt ein
    • Unwohlsein und Zittern stellen sich ein, falls Alkohol nicht rechtzeitig bereitsteht
    • Denken und Tagesablauf werden von der Droge bestimmt.

    Wenn Sie jetzt noch nicht so genau wissen, ob Sie zu den Alkoholikern dazugehören, und auf welcher Stufe der Leiter Sie sich einsortieren sollen, empfehle ich Ihnen den Jellinek-Bogen. Setzt natürlich voraus, dass Sie die Fragen ehrlich beantworten. Andernfalls können Sie sich diese Übung schenken und stattdessen „lustig“ weiterzechen.

    MERKE
    Problematisch wird es mit dem Alkohol, sobald man ihn zu bestimmten Zwecken und regelmäßig einsetzt. Der Kontrollverlust bedeutet die letzte Schwelle, die der Trinker überschreitet. Von diesem Punkt an gibt es keinen Weg mehr zurück.

  • Trocken bleiben … aber wie?

    Trocken bleiben … aber wie?

    Im vergangenen Jahr bat mich die TrokkenPresse um einen Erfahrungsbericht, in dem ich in kurzen Worten schildern möge, wie ich es schaffte, nach 20 Jahren grob fahrlässiger Trinkerei mit dem Wahnsinn aufzuhören und seitdem trocken zu bleiben. Dieser Text wurde nun im Rahmen einer Anthologie publiziert. Da der Beitrag thematisch halbwegs zur aktuellen Fastenzeit passt, veröffentliche ich ihn auch hier bei den Kolumnisten. Wobei 6 Wochen Trinkpause nicht dasselbe sind wie (lebenslange) Abstinenz. Aber 40 Tage ohne Droge sind schon mal ein guter Anfang.

    Überschrieben hatte ich den Bericht mit: „Ich habe meine Portion Demut gelernt“:
    +++

    Nach 30 Entzügen, einem Dutzend Aufenthalten in Intensivstationen und zwei Langzeittherapien gelang mir im Oktober 2011 endlich der Einstieg in die Abstinenz. 5 Sekunden vor 12. Viel länger hätte ich meine (zum Schluss hin: Hardcore-) Sauferei nicht überlebt.

    Weshalb benötigte ich so viel Zeit, um den Irrsinn zu begreifen, den ich seit meiner Jugend betrieb: Raubbau am Körper, Verlust des Arbeitsplatzes, Abhandenkommen sämtlicher sozialer Kontakte, Abgleiten in den finanziellen Ruin? Denn dass ich Alkoholiker bin und dringend eine 180°-Kehrtwende herbeiführen muss, wusste ich ja schon seit Jahren. Warum also dieser gewaltige Anlauf, um mich ans sichere Ufer zu retten?

    Die Antwort ist dreigeteilt – ich:
     war innerlich nicht bereit, mich auf die Abstinenz einzulassen
     gab mich dem Irrglauben hin, die Sache im Griff zu haben
     musste ganz unten ankommen, um die Reißleine zu ziehen.

    5 Jahre von der Einsicht bis zum Betätigen des Stoppschalters

    Zu der Einsicht, dass ich alkoholkrank bin, der Kontrollverlust irreversibel ist, war ich bereits an Tag 1 von Entgiftung Nummer 1 gelangt. Niemand wird in eine Suchtklinik eingeliefert, der nicht abhängig von einer Substanz ist, hatte mir der Aufnahmearzt erklärt, und das leuchtete mir durchaus ein. Ich war also kein Risikotrinker mehr, sondern ab sofort ein richtiger Alkoholiker. Bloß leitete ich aus dieser Erkenntnis nicht die notwendigen Schritte ab, begnügte mich mit kurzen Trinkunterbrechungen, anstatt komplett auf die Bremse zu treten. Sobald eine Pause 14 Tage oder gar drei Wochen andauerte, ploppte sofort der Gedanke auf: Seht her, ich habe alles unter Kontrolle. Und von da bis zum ersten Glas Bier dauerte es nicht länger als die Fahrt zum nächsten Supermarkt. 30x wiederholte ich das Experiment. Wider besseres Wissen. Auf gut Glück. Und 30x ging es erwartungsgemäß schief. Der Jetzt-oder-nie-Moment war vor elf Jahren erreicht: Wenn ich es dieses Mal nicht packte, würde ich es niemals mehr schaffen. Das spürte ich genau. Ich wusste, hier ist nun die ultimativ letzte Weggabelung erreicht. Wenn ich nicht sofort in die richtige Richtung abbiege, werde ich mich binnen kurz oder lang zu Tode saufen.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Augenblick, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Dusel als die anderen bzw. Gott würfelt gerne. Das würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn wie die meisten Ausstiegwilligen – jedoch Noch-nicht-Ausstiegsbereiten – hatte ich lange Zeit auf diesen einen Tag X hingearbeitet: vorangegangen waren zahllose Stunden in Gruppentherapien und Einzelgespräche mit Psychologen. Verstanden, dass ich dringend was unternehmen muss, hatte ich das alles; bloß unternahm ich nichts, sondern trank nach jedem Klinikaufenthalt weiter.

    Die Konsequenzen der Jahrzehnte währenden Sauferei waren hart: Ich verlor meinen Job und den Kontakt zu Freunden und Familie. Ich begann, von der Hand in den Mund zu leben und gab das, was ich an Geld besaß, vornehmlich für Bier und Schnaps aus. Ich flog aus sämtlichen angemieteten Wohnungen raus, übernachtete abwechselnd bei Saufkumpanen und in Obdachlosenheimen. Wenn’s gar nicht mehr anders ging, klopfte ich in der Klinik an und begehrte dort Einlass. Mit der Begleiterscheinung, dass ich mich innerhalb der Krankenhausmauern bald genauso heimisch fühlte wie früher in meinem eigenen Haus (das ich jedoch nicht mehr besaß). Eine stete Abwärtsspirale, der ich erst bei Entgiftung Nummer 30, fixiert ans Bett einer Intensivstation, entfloh. Begreifend, dass dies die allerletzte Chance ist, die Reißleine zu ziehen. Bei mir hatte es fünf Jahre gedauert – gerechnet vom Tag, an dem ich einsah, dass ich Alkoholiker bin –, bis ich den Schalter endlich von Trinken auf Abstinenz umlegte.

    Mehrere Wege führen in die Abstinenz

    Nun ist es eine Sache, den Entschluss zu fassen, abstinent werden zu wollen, und die andere Sache ist es, auch tatsächlich trocken zu bleiben. Wie bewerkstelligt man das? Welchen Weg schlägt man ein?

    Ich entschied mich für einen Mix:
    A. Regelmäßiger Besuch von Selbsthilfegruppen
    B. Rasche Wiederaufnahme einer beruflichen Tätigkeit
    C. Ein ausfüllendes Hobby entdecken

    Selbsthilfegruppen: ohne geht es kaum
    Selbsthilfegruppen waren für mich vor allem zu Beginn der Abstinenz Gold wert. Ich tauschte mich mit Gleichgesinnten aus, teilte mich in der Gruppe mit, berichtete offen darüber, weshalb mein Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen war, gewöhnte mich an Kritik. Anfangs ging ich sehr häufig (z.T. fünf Mal pro Woche) zu den Treffen, um meine Frequenz später auf 4x/Monat runterzufahren.

    Ich konnte den anderen Teilnehmern alles beichten, sie hörten geduldig zu, gaben Tipps, wie ich die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen konnte, verrieten mir ihre Telefonnummern, damit ich sie im Notfall anrief und mit ihnen redete, anstatt zur Flasche zu greifen.

    Ich testete einige Gruppen und entschied mich schließlich für die Anonymen Alkoholiker. Denen bin ich bis heute treu geblieben.

    Berufliche Tätigkeit: essenzieller Baustein
    Ein Grund, weshalb viele Trinker nicht wieder in die Erfolgsspur finden, besteht darin, dass ihnen der Weg zurück entweder komplett verbaut ist oder als zu mühsam erscheint. Wer sich jahrelang aus dem bürgerlichen Leben ausgeklinkt hatte, den erwarten Familie, Freunde und ehemalige Kollegen nicht mit offenen Armen. Die Rückkehr in Beruf und Normalität muss erarbeitet werden. Das Umfeld will sehen, wie ernst die Abstinenz gemeint ist, und über welches Belastbarkeitslevel der Kandidat verfügt. Auch wenn es schwierig ist – die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit stellt einen essenziellen Stützpfeiler der Abstinenz dar. Da sie zum einen Struktur gibt, das Leben in ein geregeltes Zeitkorsett einbettet. Und weil es zum anderen ein gutes Gefühl ist, sein eigenes Geld zu verdienen und nicht anderen auf der Tasche zu liegen.

    Am Anfang warten oft einfache Tätigkeiten auf den frisch trockenen Alkoholiker. Ich entschied mich für einen Job in einem Call Center, das sich auf Markt- und Meinungsforschung spezialisiert hatte. Viele Stunden, lausig bezahlt, keine Festanstellung, sondern jederzeit kündbar. Wenn man da als ehemaliger Anwalt, Investmentbanker oder Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns Berührungsängste zeigt, wird man die ein, zwei steinigen Jahre, die den Alkoholaussteiger nun erwarten, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überstehen. Kontinuierliches Schuften zu Konditionen auf Hartz 4-Niveau ist nicht jedermanns Sache. Ich schaffte es, weil ich es schaffen wollte und weil mir der Job die Sicherheit gab, von der Flasche wegzubleiben. Nach 24 Monaten fand ich eine besser bezahlte Stelle mit Perspektive und wechselte den Arbeitgeber. In dieser neuen Position bin ich heute noch beschäftigt.

    Ein kreatives Hobby hilft ungemein
    Nachdem mir eine Ärztin anlässlich meiner 30sten Entgiftung erklärt hatte: »Suchen Sie sich DRINGEND eine Aktivität, die Sie vom Trinken ablenkt, sonst erleben Sie das kommende Jahr nicht mehr«, begann ich eines Abends mit dem Schreiben. Anfangs ein paar Kritzeleien, denen kurze Geschichten folgten, bis ich mich nach einigen Wochen entschloss, meine Erlebnisse in Romanform zu Papier zu bringen. Binnen drei Monaten stapelten sich 400 ausgedruckte Seiten neben meinem Laptop. In einem Interview, das ein Jahr später erfolgte, erklärte ich mein Verhalten so:

    »Das Schreiben dieses Buchs war die beste Therapie für mich, weil ich mir viele Sachverhalte, die mir Ärzte und Psychologen zwar erklärt hatten, nun selbst erarbeiten musste und mir dabei über Ursachen und Auslöser – die Zweitgenannten sind am wichtigsten – meines exzessiven Trinkverhaltens langsam klar wurde. Je weiter der Roman voranschritt, desto stärker wurde mein Entschluss, tatsächlich abstinent zu leben. Vorher hatte ich Lippenbekenntnisse abgelegt und kurze Trinkpausen eingelegt. Jetzt wurde mir klar, dass einzig der völlige Verzicht auf jeden Tropfen Alkohol mich vor dem kompletten Absturz bewahren kann. Anfangs war es etwas schwierig für mich, die Geschehnisse in ungeschminkter Wahrheit niederzuschreiben, denn einige Dinge waren ja sehr unangenehm und peinlich. Mit zunehmender Dauer des Projekts wurde es jedoch einfacher, das traurige Schicksal eines Alkoholikers zu schildern. Ich wollte nichts beschönigen, aber auch auf keinen Fall den mahnenden Zeigefinger erheben.«

    Meine Freude am Schreiben habe ich beibehalten. Eventuell als Beispiel geeignet für die Trinker, die den Ausbruch aus dem Teufelskreislauf mittels kreativem Hobby versuchen wollen.

    Zufriedene Abstinenz: Das A & O, um dauerhaft trocken zu bleiben

    Die ganze Abstinenz nützt nichts, wenn sie nicht zufrieden gelebt wird, sondern täglich aufs Neue erkämpft werden muss.

    Um zufrieden zu sein, müssen wir erst mal akzeptieren, dass wir zum einen machtlos gegen den Alkohol sind und wir uns zum anderen während unserer Trinkerei und des Kampfs gegen die Sucht verändert haben. Aus der nassen Phase kommen wir verwandelt hervor, die einen weniger, die anderen mehr. Der Grad der Mutation hängt dabei natürlich stark von der Länge der Konsumperiode ab. Bleibende Spuren hinterlässt der Suff jedoch bei jedem von uns.

    Die Fähigkeiten, die ich im Laufe des Trockenbleibens entwickelt habe, bestehen in: Ich komme mit mir selbst klar, handele selbständiger als früher, habe meine Portion Demut gelernt, besitze nach gefühlt 1000 Therapiestunden eine Menge Menschenkenntnis, bin ein Freund der ehrlichen Ansprache geworden, verfüge jetzt über einen gesunden Egoismus. Das sind Fertigkeiten, die mich dazu zwangen, mit einigen alten Freunden zu brechen, neue Wege einzuschlagen, aus jahrzehntealten Verkrustungen auszubrechen. Wie viele trockene Alkoholiker arbeite ich heute zuverlässig und ausdauernd, weil ich es anders machen möchte als in meiner sehr unzuverlässigen Wodkaphase. Ich bin bescheiden geworden: Im Zweifelsfall rangiert Gesundheit vor Geld. Das habe ich bis zu meinem Eintritt in die Abstinenz nicht immer so gesehen. Die Schwerpunkte haben sich deutlich verschoben.

    Bloß kein allzu reumütiger Blick zurück. Keine nachträglichen Schuldgefühle entwickeln. Sich nicht mehr wie früher in der Opferrolle sehen. Passiert ist passiert. Manchem wie mir wird ein zweites Leben geschenkt. Und manchmal ist das sogar besser als das erste.

    Der Weg zur zufriedenen Abstinenz ist natürlich individuell. Jeder muss den für sich selbst entdecken. Ich habe meinen gefunden.
    +++

    Ich hoffe, das war jetzt nicht zu missionierend für Sie, denn missionieren will ich auf gar keinen Fall. 90 Prozent der Menschheit kommen mit dem Stoff gut zurecht, und für die restlichen 10 gilt der Grundsatz = die Krankheitseinsicht muss aus eigenem Antrieb heraus erfolgen. Erzwungene Hilfe nützt nichts. Erfahrungsberichte wie der obige sind einzig als Denkanstöße gemeint. Vom bloßen Lesen ist allerdings noch niemand dauerhaft nüchtern geworden. Den (anfangs: steinigen) Marsch in die Abstinenz muss jeder für sich alleine antreten.

    Trocken bleiben – aber wie?
    32 Erfahrungsberichte
    TrokkenPresse Verlag, Berlin
    ISBN 978-3-981325393

  • Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    Facebook wird 20, und ich bin auch schon 15 Jahre da drin

    »Warum hängst du seit Stunden in Facebook ab, anstatt dich mit mir zu unterhalten?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Keine Ahnung. Einfach so«, antworte ich.
    »Es muss doch einen Grund geben, warum du das tust.«
    »Gibt keinen bestimmten Grund.«
    »Du hängst ohne bestimmten Grund seit Stunden in Facebook ab? Was ist es dann: eine Sucht?«
    »Nennen wir es ‚schlechte Angewohnheit‘.«
    »Also eine Sucht. Wusst‘ ich’s doch«, sagt die alte Schulfreundin.
    +++

    Facebook feiert in diesem Februar seinen 20sten Geburtstag. [1] Ein guter Anlass, sich mal wieder mit der Deutschen 10t-liebster Freizeitbeschäftigung [2] zu befassen = dem überwiegend sinnbefreiten Rumscrollen und Posten in sozialen Netzwerken.

    Wie das Monster erschaffen wurde

    Hin und wieder erschafft der Mensch Ungeheures: den Alkohol, die Religion, den Staat, die Tranquilizer, die Atomkraft oder die sozialen Medien. Warum und aus welchem Antrieb heraus er dies tut – darüber sind viele kluge Bücher und noch mehr schlaue Fachaufsätze geschrieben worden.

    Wer verstehen will, weshalb und in welchem Zustand der damals 18-jährige Harvard-Student Mark Zuckerberg Facebook erfand, dem empfehle ich als Lektüre das Buch Milliardär per Zufall von Ben Mezrich oder sich den Film The Social Network auf Netflix anzuschauen [der auf dem Buch basiert]. Man kann auch beides tun. Ich hab’s gemacht. Und zwar in dieser Reihenfolge: Zuerst den Film angesehen, dann das Buch bestellt und im Anschluss nochmal in Netflix reingezappt.

    Im Grunde reicht der Film aus, um zu begreifen, welche tiefen bzw. seichten Gedanken der Erschaffung von Facebook vorangingen: Die Plattform war damals halbwegs neu [es gab Vorläufer: Myspace, Classmates, SixDegrees, Orkut], ich Mark Zuckerberg kann es, das Teil ist cool, damit lässt sich schnell Geld verdienen. Viel mehr an Idee steckte nicht dahinter. Facebook war auf jeden Fall nie als ein Wir-retten-den-Planeten- oder auch nur Wir-machen-die-Welt-ein-bisschen-besser-Ding gedacht. Von Anfang an ging’s um Kohle, Koks und Nutten. Allerdings in der verschämten Davon-darf-niemand-Wind-bekommen-Variante. Als sich Mitinhaber Sean Parker auf einer Party mit weißem Pulver erwischen ließ, war bei Zuckerberg sofort Schluss mit lustig.

    Nun muss man als Schöpfer nicht zwingend von Anfang an tiefe oder gar weit in die Zukunft reichende Gedanken haben, wenn man etwas erfindet. Ich wage zu bezweifeln, dass Benz und Citroën bewusst war, wie radikal ihre Benzin getriebenen Vehikel das Transportwesen umkrempeln werden. Hätte Lilienthal seine Visionen von der 747 und dem A380 im Jahre 1890 einem breiteren Publikum offenbart, wäre er weggesperrt worden. Watt wird nicht ansatzweise geahnt haben, dass seine Dampfmaschine die industrielle Revolution in Gang setzt. Als Curie die Radioaktivität entdeckte, hatte sie Hiroshima und Tschernobyl nicht auf dem Schirm. Unser Cro-Magnon-Vorfahre, der als Erster aus Gerste und Honig eine Urversion des Biers braute, freute sich am Ende seines Experiments darüber, dass der neue Stoff interessanter als das langweilige stille Wasser aus dem Gebirgsbach schmeckte und er sich als Nebeneffekt einen gepflegten Rausch antrinken konnte. Dass er damit sowohl die Nachtgastronomie als auch die Abstinenzbewegung ins Leben rief, überstieg ganz sicher seine Vorstellungskraft. Weshalb ein Erfinder immer die Folgen seiner Erfindung einschätzen soll, bevor er mit ihr zum Patentamt läuft oder sie ins Internet stellt – das müssen Sie unsere Technikphilosophen fragen. Ich weiß darauf keine Antwort.

    3 Kategorien von Erfindungen

    Es gibt Entdeckungen, die aus der Champagnerlaune eines genialen Augenblicks heraus oder rein zufällig geschahen, sich im Laufe der Jahre aber dennoch als sinnvoll im Alltagsgebrauch erwiesen haben. Zu diesen Geistesblitzen gehören der Tesafilm, die (Zelluloid-) Filmrolle, das Post-it, der Teebeutel, die Teflonpfanne und Kartoffelchips in Tüten.

    So wie wir alle auch Erfindungen kennen, denen viel Forschungsarbeit und das ernsthafte Bemühen, das Los der Menschheit zu verbessern, zugrunde lagen, die sich jedoch nachträglich als Fluch entpuppten. In dieser Kategorie finden wir die schon erwähnte Atomkraft, das Privatfernsehen, Ghettoblaster und den kostenlosen Eintritt ins Internet.

    Und dann stehen wir noch einer dritten Gruppe Innovationen gegenüber: = denen, die im Moment der Schöpfung trivial waren und auch zeitlebens trivial bleiben. D.h. ihr konkreter Nutzen für die Käufer/Anwender ist minimal bis hin zu vernachlässigbar. Beispielsweise Kaugummiautomaten und einzelportioniertes Katzenfutter. In diese Rubrik sortiere ich Facebook ein. Es sättigt niemand, wärmt mich nicht, fördert keinen Wohlstand, es macht nicht intelligenter, nicht glücklicher, nicht gesünder, es transportiert mich nicht von A nach B, mein soziales Prestige steigt dadurch nicht an, ich kann nicht reinschneuzen, sobald ich Schnupfen habe, es deckt keine Pickel ab, verschafft keinen Orgasmus. Ganz simple Frage: Würde uns konkret was fehlen, wenn es Facebook morgen nicht mehr gäbe? Antwort: nein. Die Welt funktionierte ohne Facebook genauso gut oder genauso schlecht wie vor 2004. Unterm Strich betrachtet braucht kein Mensch diese Plattform; jede Elektrozahnbürste ist nützlicher. Und trotzdem macht die Maschine süchtig und gilt neben Google als die erfolgreichste Geschäftsidee seit Coca Cola‘s Umwidmung von einer Hustenmedizin in ein Erfrischungsgetränk. Neben Facebook wirkt selbst McDonald’s wie ein Collegeteam aus Chicago, das ein Footballmatch gegen die 49ers bestreiten möchte.

    Man könnte lapidar mit den Schultern zucken, die Sache als vorübergehendes Zeitgeistphänomen einstufen und sich anderen, wichtigeren Dingen zuwenden, wenn Facebook in den vergangenen 20 Jahren nicht derart rasant gewachsen wäre, dass es die Schwelle vom Ungeheuren zum Monster schon längst überschritten hat. Denn ungeheuer zielstrebig und unternehmerisch klar gedacht war es sicher, zum einen das Potenzial zu erkennen, das im Hochritzeln und Aufhübschen der vormals biederen Studentenverzeichnisse [das sind die ursprünglichen Facebooks] lag und zum anderen Geldgeber wie Peter Thiel zur Beteiligung am Wagnis zu überreden. Die Überschrift von Mezrichs Buch, „Milliardär aus Zufall“, korrespondiert deshalb nicht mit der Realität. Denn Zuckerberg hatte ja nicht qua Zufall 1 Milliarde Dollar am Roulettetisch im Cesars Palace gewonnen, sondern in jungen Jahren den richtigen Riecher für eine fulminante Geschäftsidee bewiesen. Dass das Teil so schnell so abnorm groß werden würde, ahnte er 2004 vermutlich nicht; jedoch war ihm klar, dass er mit Facebook [bzw. ‚The Facebook‘, wie die Plattform in den ersten Monaten hieß] in die bisher ungenützte Lücke der voyeuristischen Online-Kakophonie vorstieß und sich, unter der Voraussetzung, dass man es nur schlau genug anstellt, damit ordentlich Geld verdienen ließ. Und schlau waren er und seine Mitstreiter zweifelsohne.

    Kleines oder großes Monster?

    Warum ist Facebook ein Monster – denn so lautet ja die Überschrift dieses Kapitels –, könnten Sie nun fragen. Und danach noch die Frage hinterherschieben: Ist es ein großes Monster der Kategorie Atomkrieg oder doch eher was Kleines wie nervige Werbung im TV? Ich bin da hin und her gerissen. Facebook bedroht natürlich nicht unseren Weltfrieden, wie das nordkoreanische Interkontinentalraketen tun oder löscht mit einem Drohnenflug oder IS-Sprengstoffgürtel dutzende Leben aus. Es verseucht nicht dauerhaft die Umwelt wie Union Carbide 1984 in Bhopal, es führt nicht zum Schmelzen der Polkappen und zur Auflösung der Ozonschicht. Es bewirkt keine Adipositas und Diabetes wie Burger King & Pepsi, und das Rauchen einer Packung Marlboro am Tag ist sicher schädlicher für die Herzkranzgefäße als 1 Stunde in einem sozialen Medium surfen. Man muss nicht ständig wiederkehrend 200 Euro blechen, um sich den nächsten Facebook-Schuss setzen zu können. All das spräche erstmal dafür, das Zuckerberg-Produkt in die Rubrik „Kleines Monster“ einzusortieren.

    Dem gegenüber stehen allerdings besorgniserregende Entwicklungen wie: Verbreitung von Fake News & gezielte Streuung von Desinformation, Zunahme von Hate Speech bei gleichzeitiger Abnahme der kommunikativen Empathie, Depressionsschübe, weil man trotz strenger Diät und täglich Fitnessstudio nie so sexy wie das eigene gephotoshopte Profilbild aussehen wird, Selbstmordgedanken, sobald man zur Zielscheibe eines Shitstorms oder von Cyber-Mobbing avanciert, Abdriften in die Social-Media-Abhängigkeit.

    Was Facebook und Heroin gemeinsam haben

    Die Erfindung von Facebook im Jahre 2003 war für die Menschheit von ebensolcher Bedeutung wie die Entdeckung des Alkohols in der Mittelsteinzeit, die Idee, den kürzeren Knochen zu ziehen [markiert den Beginn des gewerblichen Glücksspiels; ebenfalls Mittelsteinzeit] und die Erfindung des Heroins am Ausgang des 19-ten Jahrhunderts. Kann man jetzt nicht 1 zu 1 vergleichen, wenden Sie  ein? Klar kann man es nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen – was kann man überhaupt wissenschaftlich sauber 1 zu 1 miteinander vergleichen? –; aber vergleichen kann man es. Alle 4 hier genannten Stoffe und Aktivitäten führen bei längerem Gebrauch zu Abhängigkeit, die bei dafür prädisponierten Menschen in Sucht gipfelt. Was soll denn eine Facebook-Sucht sein, noch nie gehört, sagen Sie jetzt? Gedulden Sie sich noch ein paar Absätze. Ich erkläre es. Und zwar so, bis auch der letzte Zweifler versteht, dass es sich bei exzessiver Anwendung von Facebook bloß um die krankhafte Befriedigung von 3 menschlichen Grundbedürfnissen dreht:
    (1) sich die tägliche Dosis Klatsch & Tratsch reinziehen (Voyeurismus)
    (2) gefahrfrei pöbeln (Aggressionsbewältigung)
    (3) 24/7 mit Menschen kommunizieren (Einsamkeit entfliehen).
    Es gibt weitere Motivatoren wie bspw. (politische, religiöse, ernährungstechnische) Überzeugungsarbeit leisten, Sexpartner finden, Produkte verkaufen; aber die sind Nebenkriegsschauplätze.

    Es handelt sich also v.a. um die 3 o.g. triebgesteuerten Bedürfnisbefriedigungen, die unserem exzessiven  Facebook-Verhalten zugrundeliegen. Die sich zwar nicht sofort auf unsere seelische und geistige Gesundheit ausbreiten; eher wie ein langsames Gift wirken. Mit jedem Tag, den wir die Droge konsumieren, schleicht sie sich tiefer in unser Unterbewusstsein ein, bis wir eines Tages das bunte Paralleluniversum für die bessere der beiden Welten ansehen und uns weitgehend aus der Realität ausklinken. Endphase: 24/7 online: NICHTS mehr verpassen, ALLES kommentieren, NICHTS mehr glauben, was wir nicht in Facebook sehen, ALLE anderen Informationen anzweifeln oder gar als Lügen deklarieren. So schlimm ist es doch gar nicht, sagen Sie? Doch, es ist bei einigen schon so schlimm, und es wird mit jedem Tag, an dem Facebook nahezu unreglementiert weitermachen darf, ständig schlimmer werden, antworte ich Ihnen.

    Sie übertreiben maßlos, Herr Hirsch. Nicht jeder, der Facebook nutzt, ist süchtig. Ich zum Beispiel bin ganz und gar nicht süchtig, meinen Sie? Selbstverständlich übertreibe ich, denn so funktioniert nun mal das Geschäft mit dem Erheischen von Aufmerksamkeit = Plakative Überschrift, reißerische Anmoderation, und schon klappt es mit Klicks und Reichweite. Habe ich übrigens in Facebook gelernt. Die Überspitzung der These bedeutet allerdings nicht, dass sie verkehrt ist. Sie bedeutet bloß, dass es stärker Süchtige (bspw. mich) und weniger Süchtige (bspw. Sie) gibt. D.h. ich pfeife mir täglich eine höhere Dosis rein als Sie, der Sie jedoch ebenfalls jeden Tag aufs Neue in dieser Plattform unterwegs sind. ICH kann JEDERZEIT damit aufhören, entgegnen Sie empört? Mag sein, aber 99,9 Prozent derjenigen, die in Facebook schreiben, dass sie aufhören, sind nach spätestens 1 Woche zurück und posten und kommentieren dann mehr als vorher. Komplettaussteiger trifft man SEHR selten. Und bisher weitgehend unerforscht ist die finale Destination. Verlassen sie tatsächlich ein für alle Mal den digitalen Zirkus, kehren verkatert & reumütig in die analoge Welt zurück, oder wandern sie von Facebook zu Twitter, Telegram, Instagram, TikTok, Bluesky oder Mastodon? Wechseln also nur die Plattform [die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von Suchtverlagerung].

    Kontrollierter Konsum ist die kleine Schwester von Sucht

    Ich habe FESTE Zeiten, in denen ich in Facebook unterwegs bin, an denen richte ich mich aus. Das ist Lichtjahre entfernt von Sucht, sagen Sie jetzt? Na ja, wenn man erst mal feste Zeiten etablieren muss, dann ist das nichts anderes als Sucht, der man ein Korsett verpasst. Bei Alkoholikern nennt man das Trinkmuster. Und glauben Sie mir: mit Alkohol und Mustern kenne ich mich aus. Das Problem mit den Mustern besteht darin, dass man sie eines Tages nicht mehr erfüllen kann und sowohl die Frequenz verkürzen als auch die Dosis erhöhen muss, um das Glückslevel zu halten. Auch ich habe übrigens ein Muster, man kann es sogar eine Regel nennen: Niemals in der Nacht! Ich klappe Facebook um 23 Uhr zu und mache es erst um 7 Uhr morgens wieder auf. Dann aber gehört der sofortige Blick in die Kommentarspalten genauso zu meiner Morgenroutine wie Kaffeekochen, auf dem Klo den Sportteil der Tageszeitung lesen und Zähneputzen. Und im Laufe der folgenden 16 Stunden schaue ich so oft nach, ob eventuell was „Interessantes“ in meiner Bubble passiert ist, dass ich mich um 23.01 Uhr manchmal frage, warum ich das getan habe. Ich kann’s mir bloß mit Sucht erklären.

    Natürlich existieren Unterschiede bei den oben genannten Süchten. So hängen weltweit weniger Junkies an der Nadel, als sich User sekündlich in Facebook einloggen. Bei Black Jack, Texas Hold’em, auf der Pferderennbahn und am Roulettetisch kann man in einer Nacht Haus und Hof verzocken, während man nach einem nächtlichen Kommentar-Marathon in einer digitalen Kloake bloß todmüde ins Bett fällt. Für Alkohol gibt’s Spezialkliniken und Entwöhnungsprogramme. Welcher Arzt hilft mir beim Ausstieg aus Facebook? Hat irgendwer schon mal Kontakt mit einer Facebook-Selbsthilfegruppe gehabt oder existieren die Anonymen Facebookies?

    So cool wie eine Zahnzusatzversicherung

    Wer heute meint, Facebook sei immer noch en vogue, der hält auch eine Zahnzusatzversicherung für hip. Spätestens, als ich im Herbst 2009 – damals 47-jähriger Vater von drei Kindern und Eigenheimbesitzer inklusive Vorgarten und Hauskatze – mit der User Nr. 305.257.368 hinzugestoßen bin, wurde die Plattform von halb- auf viertelcool runtergestuft. Seitdem ist das Gesichtsbuch in etwa so trendy wie ein Toyota Corolla, Cherry Coke light oder Fischstäbchen. Ob ich mir einen Big Mäc kaufe, einen Lottoschein ausfülle oder in Facebook surfe: vom Coolheitsgrad her ist es dasselbe. Wenn ich mal für ein paar Stunden das Gefühl „Heißer Scheiß, Koks und Nutten“ spüren möchte, verirre ich mich ganz bestimmt nicht hierhin, wo ich jeden Tag aufs Neue bloß Texte und Bilder von der Stange serviert bekomme. Online-Langeweile in Dauerschleife.

    Warum ich, der ich das Problem (angeblich) erkannt habe, immer noch drin bin, fragen Sie mich völlig zurecht? Weil es von der Krankheitseinsicht bis zur Überwindung oft lange dauert. Viele schaffen den Ausstieg nie, obwohl sie sich ihrer Abhängigkeit schon seit Jahren bewusst sind. Ich persönlich finde die Abschiednahme von Facebook [weitere Foren nutze ich nicht] mittlerweile als schwieriger als vom Alkohol, tröste mich aber damit, dass Social Media bei mir keine körperlichen Schäden anrichtet. Auf meine Psyche wirkt sich das tägliche Geschnatter hingegen schon aus. Passiert nicht selten, dass ich Stunden später panisch kontrolliere, ob ich meinen vorvorletzten Kommentar auch im dazu passenden Thread hochgeladen oder versehentlich an einer Stelle, wo er nicht hingehört, platziert habe. Oder die ständige Sorge, alte/falsche Wörter zu verwenden, durch die sich ein anderer User (m/w/d) angegriffen fühlt, obwohl ich gar nicht vorhatte, ihn durch deren Gebrauch zu attackieren. Das sind temporäre Schweißausbrüche & Tachykardie-Schübe, die mir vor Social Media fremd waren..

    Lassen Sie uns am Ende dieser Kolumne festhalten:
    (A) Facebooks konkreter Nutzen für den privaten Nutzer bewegt sich gegen Null [3]
    (B) die Plattform dient uns v.a. zwecks Triebbefriedigung
    (C) obwohl wir das wissen, bleiben wir trotzdem alle hier [von Kurzzeitabwanderungen zu Bluesky mal abgesehen]
    (D) um das böse Wort „Sucht“ zu vermeiden, reden wir stattdessen lieber von lebenslanger Kundenbindung.

    »Wo wirst du den ellenlangen Text veröffentlichen?«, fragt die alte Schulfreundin.
    »Auf Facebook«, antworte ich.
    »Damit du dich dann mit den Kommentatoren über deren Sucht zoffen kannst?«
    »Ja, auch.«
    »Dir ist echt nicht zu helfen mit deinem ständigen Facebook.«
    »Du meinst, da hilft bloß noch die dauerhafte Abstinenz?.«
    »Klar.«
    »So weit bin ich leider noch nicht.«
    »Ich weiß.«

    PS. kleiner Test zum Schluss: Wie lange schaffen Sie es, nicht in Social Media reinzugucken, ohne Symptome wie Unruhe, Appetitlosigkeit und gestörten Schlaf zu spüren? Ich tippe mal, spätestens nach 24 Stunden werden die meisten schwach und tun es wieder [sinnlos posten u kommentieren].
    +++

    [1] Genau genommen handelt es sich um den 20. Jahrestag der weltweiten (kommerziellen) Online-Schaltung. Die ersten, lokal eingegrenzten Gehversuche mit der Plattform wurden bereits 2003 unternommen.
    [2] auf Platz 1 steht übrigens „das Internet nutzen“
    [3] natürlich nutzt Facebook jemand. Nämlich dem Mutterkonzern Meta als immerwährende Gelddruckmaschine.

  • Als Habgier den Blumenmond tötete

    Als Habgier den Blumenmond tötete

    Der Trend in Hollywood geht hin zu langen Filmen. Kaum eine Produktion, die es schafft, ihre Story in der klassischen Taktung von 90 Minuten zu erzählen. 120 sind heutzutage normal, 150 nicht unüblich; mittlerweile sind wir bereits bei 180 und mehr angelangt. So auch Martin Scorseses neuestes Werk „Killers of the flowermoon (KotF)“, das mit 3.5 Stunden nicht für den eiligen Zuschauer taugt. Man muss ne Menge Geduld und Sitzfleisch mitbringen, um zu erfahren, wie die traurige Geschichte von Ernest und Mollie ausgeht. Die Handlung lehnt sich an das mehrfach prämierte Buch Das Verbrechen: Die wahre Geschichte hinter der spektakulärsten Mordserie Amerikas des US-Journalisten David Grann an.

    „In Oklahoma ist es einfacher, einen Indianer zu töten, als einen Hund zu schlagen“

    Beginnen wir mit dem historischen Hintergrund: Die Osage – ein Zweig der großen Sioux-Familie – lebten ursprünglich an der Atlantikküste und mussten im Verlauf der Landnahme durch den weißen Mann gen Westen ausweichen. Sie wanderten den Ohio River hinab, überquerten den Mississippi und ließen sich auf dem Ozark-Plateau und in die Prärien des heutigen Missouri nieder. Dort siedelten sie bis ins frühe 19. Jahrhundert, als sie ihr Gebiet an die Vereinigten Staaten abtraten und weiter Richtung Kansas zogen. Nach dem Bürgerkrieg führte der zunehmende Druck der Regierung, alles Indianerland für die weiße Bevölkerung zu öffnen, zum Verkauf des Kansas-Reservats. Den Erlös verwendete der Stamm zum Erwerb von Territorium in Oklahoma. Die Entdeckung großer Erdölfelder dort machte die Osage zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu wohlhabenden Leuten.

    Durch ihren Reichtum wurden sie schnell zum Ziel von Verbrecherbanden, die versuchten, ihnen die lukrativen Landrechte abzunehmen. Zwischen 1921 und 26 wurden in einer „Osage Indian Murders“ genannten Gewaltwelle mindestens 60 Stammesmitglieder getötet. Erst, als das – damals sehr junge – FBI Mitte der 20-er Jahre die Ermittlungen übernahm, konnten die Morde aufgeklärt und das Töten gestoppt werden.

    Im Film wird die Mordgeschichte anhand der Schicksale der 3 Protagonisten Ernest Burkhart (Leonardo DiCaprio), Mollie Kyle (Lily Gladstone) und William Hale (Robert De Niro) nachgestellt. Ernest kehrt 1919 von den französischen Schlachtfeldern des WK1 zurück in die USA und verdingt sich bei seinem Onkel William (genannt: der King) als Chauffeur. William hat es als Rancher in Oklahoma zu Wohlstand gebracht, und er gaukelt vor, Vertrauensperson und Wohltäter der Osage zu sein. Sein eigentliches Ziel besteht jedoch darin, für sich ein möglichst großes Stück vom Erdölkuchen abzuschneiden. Dafür ist ihm jedes Mittel recht: Er gibt Morde in Auftrag, lässt sich als Betreuer der Hinterbliebenen einsetzen und verheiratet seine männlichen Angehörigen mit Osage-Frauen. Nach der Hochzeit geraten diese unter die Vormundschaft ihrer weißen Männer. Die Damen werden aufgrund einer geheimnisvollen Krankheit, die nur die Indianer befällt, alle nicht alt, das Erbe geht an die Kinder und den Mann (der den Nachlass verwaltet). Auf diese Weise wechselt viel Land samt der darunter befindlichen Ölquellen den Besitzer. Auch Ernest muss auf Geheiß des Kings eine reiche Osage ehelichen. Deren Gesundheit ist bereits stark angegriffen, allzu lange kann es also nicht mehr dauern, bis er sie beerbt. Leider erweist sich die Dame zählebiger als erwartet, und sie will partout nicht auf natürlichem Weg sterben. Onkel William und Ernest beschließen deshalb, die Sache etwas zu beschleunigen. Zuerst aber müssen Mollies 3 Schwestern in die ewigen Jagdgründe befördert werden. Und so nimmt das Drama seinen Lauf.

    Sittenbild von Habgier & Kapitalismus

    KotF erzählt eine große Geschichte, deren Hauptzutaten Habgier, Lüge und enttäuschte/s Vertrauen & Liebe sind. Die Story basiert auf Tatsachen – sowohl die Handlung hat sich so zugetragen, als auch die Namen der Figuren entsprechen 1 zu 1 den historischen Vorbildern –; es ist aber trotzdem kein langweiliges Biopic – wie bspw. Oppenheimer – dabei herausgekommen, sondern ein spannendes Melodram. Was v.a. an diesen 3 Ingredienzien liegt:
     der Fokus wird stark auf die Interaktion zwischen Ernest (Leonardo DiCaprio) und Mollie (Lily Gladstone) gelegt
     bei den Dialogen waren die Drehbuchautoren völlig frei
     die gezeigte Zeitspanne umfasst nur wenige Jahre, womit mehr Raum für intensive Szenen bleibt.

    Auf diese Weise entsteht ein modernes Sittenbild: Ist das, was im Osage Country passierte, symptomatisch für den (US-) Kapitalismus? Auf wie viel Rassismus & Unterdrückung, Lug & Betrug gründet unser westlicher Wohlstand? Welche Rolle spielte die Justiz, die bei 60 Morden nicht einschritt? Was für ein Arzt muss man sein, um seine Patienten nicht zu heilen, sondern ihnen im Auftrag der Erbschleicher Gift zu verabreichen? Diese Fragen sind bedrückend, die Antworten darauf noch deprimierender. Das ist alles Erdöl von gestern, sagen Sie und kann sich heute nicht wiederholen? Doch, es kann sich jederzeit wiederholen. Denn, wenn 1 gewiss ist, dann ist es die hartnäckige Langlebigkeit der menschlichen Habgier. Sobald die mit einer Rechtspflege Hand in Hand geht, die sich v.a. den Belangen der Mehrheitsbevölkerung verpflichtet fühlt, ist ein Verbrechen wie das, was vor 100 Jahren in Oklahoma geschah, jederzeit möglich. Die „Osage Indian Murders“ sind in Variationen zig tausend Mal auf unserem Planeten vollzogen worden (und werden es immer noch).

    Es muss nicht immer Epos sein

    Während Onkel William „nur“ geldgeil und perfide ist und dabei notfalls über (fremde) Leichen geht, erschrickt an Ernest vor allem, dass er selbst vor der schrittweisen Vergiftung der eigenen Frau und Mutter seiner Kinder nicht zurückschreckt, um an deren Vermögen zu gelangen. Wie viel Niedertracht ist nötig, um vordergründig von Liebe zu reden und hinterrücks das Insulin in den Spritzen, die er ihr täglich verabreicht, gegen ein langsam tötendes Toxikum auszutauschen? Die Passagen, in denen sich Mollie und Ernest über ihre Ehe unterhalten, sie ihm offenkundig zugetan ist und vertraut, während er sie mit treuem Augenaufschlag belügt, sind denn auch die anrührendsten und verstörendsten des gesamten Films.

    Es wäre ein wirklich herausragendes Werk würde die Regie nicht der Versuchung erliegen, die Handlung zu einem Epos hochzujubeln. Jedoch ist KotF keine Heldensage, die à la „Little Big Man“ Leben und Niedergang eines Stammes über Jahrzehnte begleitet, sondern begnügt sich mit der Darstellung eines kurzen Zeitabschnitts. Auch passiert nichts Heroisches wie das letzte Aufbäumen gegen den Aggressor. Nicht die Osage lösen die Morde, sondern das FBI übernimmt das für sie. Es ist letztlich eine Kriminalgeschichte (egal, ob die Opfer einer diskriminierten Minderheit angehören und der Antrieb neben Habgier ebenfalls große Spuren Rassismus enthält), und die kann/sollte man deutlich schneller erzählen, als Scorsese es getan hat. Speziell die letzte Viertelstunde, als wir uns plötzlich in einer Radioshow befinden, in der das Drama nachgespielt wird, ist völlig überflüssig und wirkt wie nachträglich angeklebt. PS. an dieser Stelle: „Little Big Man“ kommt mit 60 Minuten weniger aus als „Killers of the Flowermoon“. Denselben Fehler hatte M.S. übrigens bereits mit „The Irishman“ begangen (der war ebenfalls sehr langatmig gewesen).

    Lily Gladstone hat gute Chancen auf den diesjährigen Oscar

    KotF ist eine solide Produktion, reicht allerdings nicht an Scorseses Meisterwerke „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „Departed“ heran. Dennoch wurde der Film in 10 Rubriken für die diesjährigen Academy Awards nominiert; darunter in den 3 wichtigen:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actress in a leading role.

    Während bei (1) der Favorit „Oppenheimer“ lautet (KotF jedoch veritable Außenseiterchancen besitzt), (2) wahrscheinlich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nolan und Scorsese hinausläuft, könnte (3) die glückliche Gewinnerin tatsächlich Lily Gladstone heißen. Zusätzlich zu ihrem überzeugenden Rollenspiel kommen ihr die seit diesem Jahr in Kraft tretenden neuen Inklusionsregeln entgegen, die u.a. mehr Diversität auf der Leinwand fordern.

    Von mir gibt’s 7 Punkte.
    +++

    Killers of the Flowermoon
     Erscheinungsdatum: 19. Oktober 2023 (Deutschland)
     Direktor: Martin Scorsese
     Budget: 200 Millionen USD
     Drehbuch: Eric Roth & Martin Scorsese
     Produktion: Dan Friedkin, Daniel Lupi, Martin Scorsese, Bradley Thomas
     Vertrieb: Paramount Pictures
     Ensemble: Lily Gladstone, Leonardo DiCaprio, Robert De Niro, Brendan Fraser, Jesse Piemons, Scott Shepherd, John Lithgow.

    Erhältlich auf/bei: Amazon Prime und apple tv.

    PS. Der Titel „Flowermoon“ geht auf die indianische Vorstellung zurück, dass der Mond im Frühling die Blumen auf den Wiesen sprießen lässt. Unter solch einer Blumenwiese in Oklahoma entdeckten die Osage die erste Ölquelle.

  • Der alte (weiße) Oscar hat endlich ausgedient

    Der alte (weiße) Oscar hat endlich ausgedient

    Am 10. März ist es wieder soweit – die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) verleiht zum 96-sten Mal die Academy Awards of Merit – dem Publikum eher unter dem Spitznamen „Oscar“ geläufig – in 23 Kategorien, darunter so exotisch anmutende wie: Make-up & Frisuren und Animierter Kurzfilm.

    Am begehrtesten sind die Preise in diesen 5 Rubriken:
    (1) Best Picture
    (2) Directing
    (3) Actor in a leading role
    (4) Actress in a leading role
    (5) Writing (gesplitted in: original sowie adapted Screenplay).

    Ende Januar wurden die, bereits mit Spannung erwarteten, 23 Shortlists veröffentlicht. Bei den Filmen sind u.a. die zwei letztjährigen Blockbuster Oppenheimer & Barbie sowie die Netflix-Produktion Maestro in die engere Auswahl gelangt. Die nominierten Regisseure heißen Nolan, Scorsese, Glazer, Lanthimos & Triet und in den Kategorien „beste/r Haupdarsteller/in“ streiten u.a. Carey Mulligan & Sandra Hüller sowie Cillian Murphy & Bradley Cooper um die begehrte Trophäe.

    Zweistufiges Auswahlverfahren

    Also alles wie 95x zuvor? Nicht ganz, denn seit diesem Jahr gelten neue Inklusionsvorschriften. Bevor wir uns mit denen beschäftigen, gibt’s hier zwecks Einstimmung in das Thema erst mal die alten Bestimmungen zu lesen:

    Jeder Spielfilm, der zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember eines Jahres im Gebiet von Los Angeles County mindestens sieben Tage lang in einem öffentlichen Kino gegen Entgelt gezeigt wurde, ist für die Oscars im darauffolgenden Jahr qualifiziert. Dabei wird der Begriff „Spielfilm“ definiert als ein Film, der mindestens eine Länge von 40 Minuten aufweist und als 35- oder 70-mm-Kopie oder als 24 bzw. 48 fps Digitalkinoformat (mit einer Mindestauflösung von 1280 × 720 Pixeln) gezeigt wurde.

    Dabei ist es unerheblich, ob der Film US-amerikanischen oder ausländischen Ursprungs ist, sodass sich auch ausländische Filme außerhalb der Kategorie für den besten fremdsprachigen Film qualifizieren können. Am Ende jedes Jahres stellt die Akademie eine Liste der infrage kommenden Filme zusammen.
    © Wikipedia (Schlagwort: Oscar)

    Vorgeschaltet ist ein 2-stufiger Auswahlprozess:
    (I) Die 10.000 (andere Quellen sprechen von 6.000.) Mitglieder der Akademie (Die Namen werden nicht an die Öffentlichkeit weitergegeben, es sei denn, das Mitglied outet sich selbst. Aus dieser Geheimhaltung resultieren die unterschiedlichen Zahlenangaben) wählen ihre Favoriten aus (allerdings fachspezifisch eingegrenzt: Schauspieler votieren für Schauspieler, Cutter benennen Cutter, Sound-Spezialisten kreuzen Sound-Spezialisten an). Die 5 Namen, auf die pro Kategorie die meisten Stimmen entfallen, gelten als nominiert.
    (II) In der zweiten Wahlphase haben die Mitglieder der Akademie nun die Möglichkeit, sich im akademieeigenen Filmtheater alle nominierten Filme kostenlos anzusehen. Zudem werden besondere DVDs mit den Filmen versandt. Bei der Wahl der Preisträger aus den Nominierten sind alle Mitglieder in allen Kategorien stimmberechtigt. Der Oscar wird an denjenigen Nominierten verliehen, der die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte.

    Ausnahmen gelten für …:
     „Best picture“: hier können bis zu 10 Filme nominiert werden; und zwar von allen 10.000 (6.000) Mitgliedern
     „Directing“: nur die Regisseure, deren Filme innerhalb der Top 5 bei „Best Picture“ gelistet sind
     … die Spezialkategorien „Animierter Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurzfilm, Fremdsprachiger Film, Make-up, Tonschnitt und Visuelle Effekte“ bei denen ein paar zusätzliche Regeln beachtet werden müssen.

    Klingt alles erst mal halbwegs basisdemokratisch und ist es auch, v.a. im direkten Vergleich mit der Praxis der europäischen Filmpreise, wo jeweils eine Handvoll Experten über die Vergabe entscheidet. Natürlich können 10.000 (oder: 6.000) Filmschaffende hin und wieder irren, und natürlich passiert es häufig, dass ich als 08/15-Normalzuschauer mir eine andere Auswahl gewünscht hätte. Z.B. Alien Teil 1 zumindest auf der Shortlist und Apocalypse now als Gewinner 1980 [statt Kramer gegen Kramer]. Allerdings kommt man nicht umhin, der Academy zu attestieren, dass sie in Punkto Mitbestimmung deutlich breiter aufgestellt ist als ihre elitären Schwestern in Cannes und Venedig.

    Zu viel weiß, zu wenig Farbe

    Dennoch wird Hollywood das Stigma nicht los, bei den Preisen (v.a. in den wichtigen Kategorien) weiße Regisseure (hier zudem fast ausschließlich Männer) und hellhäutige Schauspieler (m/w) aufs Podest zu hieven. Neu ist dieser Vorwurf nicht – er wird bereits seit den 50-er Jahren erhoben –; allerdings nahm die Debatte im Verlauf der 88. Session (2016) an Schärfe zu, als sowohl bei den Regisseuren als auch Schauspielern (m/w) einzig weiße Kandidaten auf die Shortlists gelangten, obwohl es 2015 (abgestimmt wird immer über Filme, die im Vorgängerjahr in den Kinos liefen) ne Menge hervorragender Produktionen mit schwarzen Darstellern gegeben hatte, die jedoch sämtlich in der ersten Stufe des Auswahlverfahrens durchgefallen waren. Im Anschluss an die Nominierung artikulierten prominente PoC-Akteure wie Spike Lee und Will Smith deutlich ihr Missfallen, und die Akademie gelobte reumütig schleunige Besserung.

    Niemand möchte darüber reden, aber in seiner Geschichte war Hollywood eine der rassistischsten Institutionen des Landes.
    (c) Stanley Nelson (Regisseur)

    Es ist eine weiße Industrie.
    (c) Chris Rock (Schauspieler)

    Es ist die rassistischste Industrie des Landes.
    (c) Zoe Kravitz (Schauspielerin)

    Auch ich habe immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen.
    (c) Will Smith (Schauspieler)

    Es liegt an den Machtstrukturen in den Studios, in denen kaum schwarze Manager arbeiten.
    (c) Spike Lee (Regisseur)

    2 unterschiedliche Ansätze, um mehr Abwechslung zu gewährleisten

    Diese Besserung soll auf 2 Wegen erreicht werden:
    (I) Änderung der Zusammensetzung der Grundgesamtheit (der Abstimmungsberechtigten), indem man peu à peu neue Mitglieder aufnimmt, die bisher unterrepräsentiert sind (Frauen, ethnische Minderheiten, queere Menschen)
    (II) 4 Diversitätsregeln, die unmittelbar auf jeden eingereichten Film angewandt werden:
     Standard A: Diversität auf der Leinwand
     Standard B: Diversität in der Crew
     Standard C: Zugang zur Filmindustrie und Möglichkeiten
     Standard D: Vielfalt beim Marketing.

    Ich langweile Sie mit all den Regeln? Tut mir leid; aber ohne das Wissen um diese Bestimmungen macht es keinen Sinn, sich über zu wenig Vielfalt in Hollywood den Kopf zu zerbrechen. Aber keine Sorge, wir sind jetzt auch durch mit dem Pflichtprogramm und starten mit der Analyse-Kür.

    Beginnen wir mit (I) die Änderung der Zusammensetzung der Abstimmberechtigten. Diese Blutauffrischung scheint dringend geboten, denn jahrzehntelang dominierten (nicht mehr ganz taufrische) weiße Männer die Akademie. Da der Altbestand lebenslange Mitgliedschaft genießt (die Zeitdauer wurde für die Neuankömmlinge mittlerweile auf 10 Jahre abgesenkt) und man nicht jedes Jahr ohne vorherige Prüfung der individuellen Eignung tausende weitere Experten aufnehmen kann, stellt diese Vorgehensweise logischerweise einen schrittweisen Prozess dar. Seit 2017 hat man so den Anteil Frauen in mehreren Aufnahmewellen auf über 30 Prozent erhöht, die entsprechende Zahl der Mitglieder mit Minderheiten-Hintergrund dürfte aktuell bei 15% liegen [aufgrund der bereits erwähnten Geheimhaltung handelt es sich zwangsläufig um Schätzwerte]. Bis der letzte stockkonservative weiße Regisseur gestorben ist und nur noch fortschrittliche PoC-u/o LGBTQIA+-Regisseurinnen über die Oscar-Würdigkeit einer Produktion entscheiden, wird es also noch einige Jahre dauern. So lange heißt es für die progressive Fraktion, sich in Geduld zu üben. Dennoch ist (I) sinnvoll, weil Herkunft und politische Ausrichtung der Jury selbstverständlich deren Bewertungsverhalten beeinflussen. Diversivitäts-Pfad (I) ist deshalb unumwunden zu bejahen.

    Oppenheimer fiele hinsichtlich Diversität des Ensembles durch

    Schwieriger sieht es hingegen mit den 4 neuen Regeln pro eingereichtem Film aus. Spielen wir das Ganze mal mit dem diesjährigen Topfavoriten „Oppenheimer“ durch: Regisseur Christopher Nolan = (alter) weißer Mann, Protagonist Cillian Murphy = männlich & weiß (GSD noch nicht so richtig alt), Emily Blunt (in der Kategorie „beste Nebendarstellerin“ nominiert) ebenfalls weiß, was übrigens für das gesamte Ensemble gilt. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die Geschichte ist hauptsächlich in dem 2-Jahrzehnt von 1935 bis 1955 angesiedelt, und dort wiederum in der Welt der Physiker und Militärs, wo es halt kaum Frauen und noch weniger PoC gab. Man hätte, um die neuen Diversitätskriterien zu erfüllen, Oppenheimer von einem schwarzen Akteur spielen lassen können, u/o ihm eine Latina als Frau zur Seite gestellt. Das wäre dann allerdings historischer Nonsens gewesen, weshalb Nolan klugerweise darauf verzichtet hat. Ob Regel 1 alleine schon dadurch erfüllt ist, weil Oppenheimer Jude war, bezweifele ich, denn die Frage seiner Religion [und der daraus evtl. folgenden Benachteiligung im Vor-WK2-Amerika] wird im Film an keiner Stelle vertieft; die Autoren konzentrieren sich völlig auf Entwicklung & Bau der Bombe [und die nachträglichen Zweifel des Protagonisten, als ihm die Zerstörungskraft seiner Erfindung bewusst wird]. „Oppenheimer“ ist eine zutiefst männerlastige & weiße Produktion und hätte folglich gemäß der neuen Diversitätsbestimmungen gar nicht auf die diesjährige Shortlist gelangen dürfen.

    Es sei denn, man nimmt den Umweg über die Regeln 2 bis 4 = schwule Tontechniker*innen, PR-Angestellte mit lateinamerikanischem Migrationshintergrund und Beleuchter:innen, die einen Schwerbehindertenausweis besitzen. Und spätestens hier wird klar, dass (II) hinsichtlich der Intention, die beste Produktion eines Kalenderjahres küren zu wollen, in die Irre führt. Mir als Zuschauer ist es völlig egal, ob und wie viele PoC-Cutter & schwule Makeup-Spezialisten am Set arbeiteten, mich interessiert nicht, ob Marketing & PR von weiblichen oder männlichen Angestellten in die Hand genommen wurden, die genderfluide Orientierung des/der Kameramanns(frau juckt niemanden. Ich gucke mir nen Film an, und die erzählte Geschichte und der Handlungsbogen ziehen mich entweder in ihren Bann oder eben nicht. Und speziell beim Handlungsbogen fand ich „Oppenheimer“ langatmig bis hin zu streckenweise zäh. Ich würde diesen Streifen definitiv nicht auf Nr. 1 setzen; aber die Geschmäcker sind halt (stark) unterschiedlich, weshalb ich kein Problem damit hätte, falls die Little-Boy-&-Fat-Man-Story am 10. März den Oscar abräumt. Sie erhielte den Preis dann aber aufgrund ihrer überragenden künstlerischen Qualität und nicht, weil sie den neuen Diversitätsvorgaben genügt.

    Man muss es nicht gleich so drastisch wie Richard Dreyfuss formulieren:

    Sie [die Inklusionsvorgaben] bringen mich zum Kotzen,

    jedoch so ganz Unrecht hat er nicht, wenn er weiter ausführt: „Niemand soll mir als Künstler vorschreiben, mich der neuesten und aktuellsten Vorstellung von Moral beugen zu müssen. Man muss das Leben Leben sein lassen.“

    Wo bleibt die Würdigung der Barbie-Regisseurin?

    Mit diesem plakativen Zitat aus dem Munde eines Oscar-Preisträgers könnten wir die Kolumne eigentlich beenden, wenn’s nicht auch im Vorfeld der diesjährigen Verleihung einen kleinen Skandal gegeben hätte, auf den wir, weil er zum Thema „mangelhafte Diversität“ gut passt, noch kurz eingehen wollen: und zwar die (erneute) Nicht-Berücksichtigung von Greta Gerwig in der Kategorie „Directing“. Obwohl ich mich als alter, weißer, misogyner Mann von „Barbie“ nur mäßig unterhalten fühlte, und der politisch hyperkorrekte Witz jetzt auch nicht unbedingt meinen Humornerv trifft, erkenne ich trotzdem ne super Regiearbeit, sobald ich eine sehe. Und diesbezüglich lieferte Gerwig eine weitaus überzeugendere Leistung ab als Nolan, dessen „Oppenheimer“ erzähl- und kameratechnisch konventionell – mitunter sogar bieder – daherkommt. Warum die Frau, die die kommerziell erfolgreichste Produktion des vergangenen Jahres ins Kino brachte, bei den Top-5-Regisseuren nicht berücksichtigt wird, versteht man(n) als Nicht-Experte nicht, lässt aber vermuten, dass die Jury nach wie vor von (alten) Männern dominiert wird, die den Regisseurberuf als ihre ureigene Domäne betrachten. Die unterlassene Nominierung von Greta Gerwig stellt tatsächlich ein Ärgernis dar [und nicht wie viele Schwarze, Frauen und Schwule in „Oppenheimer“ (nicht) mitspielen].

    Wir wollen am Ende dieser Kolumne Folgendes festhalten:
     die Nominierungen in Hollywood laufen – trotz aller Kritik am Auswahlprozess – weitaus demokratischer als bei uns in Europa ab
     an der Diversität muss gearbeitet werden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Weg (I), auch wenn er den langwierigeren bedeutet, sinnvoller als Alternative (II)
     über allem muss aber weiterhin der Aspekt „künstlerische Qualität“ stehen [dass dieser Begriff dehnbar ist, und die Interpretation stets im individuellen Auge des Betrachters liegt, ist mir durchaus bewusst].

    Merke: Mehr Diversität bedeutet nicht zwangsläufig mehr Kunst.

    PS. Welchen Film [von der Ende Januar veröffentlichten 10er-Liste] ich persönlich bevorzuge? Kann ich abschließend noch nicht sagen, weil ich bisher erst die Hälfte davon gesehen habe. Von denen gefällt mir „Killers oft he flower moon“ am besten.

  • Ein Hauch von Dallas in New York

    Ein Hauch von Dallas in New York

    Succession (Nachfolge/Erbfolge) räumt seit Jahren bei den Golden Globes und Emmy-Verleihungen als „Beste TV-Serie“ reihenweise Preise ab. Wurde also vor ein paar Wochen höchste Zeit für mich, da mal reinzuklicken.

    Ein Vater, der nicht sterben will

    Die Geschichte, um die sich 4 Staffeln [die sich zu insg. 39 Episoden summieren] lang alles dreht, ist schnell erzählt: Der New Yorker Medien-Mogul Logan Roy hat 4 Kinder, von denen 3 unbedingt das väterliche Erbe antreten wollen. Der Milliardär, obwohl bereits 80 Jahre alt, denkt aber keineswegs an Rückzug auf eine Karibikinsel-Finca und Übergabe der Geschäfte an einen Nachfolger, sondern träumt davon, Minimum bis zum 100-sten Geburtstag weiterzumachen und seine Sprösslinge allenfalls in der zweiten Reihe des Unternehmens zu beschäftigen. Das passt v.a. Sohn Kendall/Ken nicht, der deshalb gerne gegen den Vater intrigiert, dabei aber ständig den Kürzeren zieht. Tochter Slobhan/Shiv versucht, es schlauer anzustellen, indem sie den Alten nicht frontal angeht, sondern ihn stattdessen becirct. Aber auch sie wird mit leeren Versprechungen abgespeist und gelangt über repräsentative Aufgaben nicht hinaus. Der Jüngste Roman/Rome probiert es mit bedingungslosem Gehorsam, scheitert jedoch ebenfalls und wird im Vorhof der Macht geparkt. Patriarch Logan – zwar gesundheitlich angeschlagen – scheint unkaputtbar zu sein und hält sowohl die Strippen seines Imperiums als auch die Familienzügel fest in der Hand. Keine Verschwörung kann ihm ernsthaft schaden, kein Hedgefonds ihn aus der Firma rauskaufen. Das geht so über 30 Folgen; oft amüsant anzuschauen, aber der Handlungsfaden „Wer ist Papis Liebling?“ wird doch arg in die Länge gezogen. Das ändert sich schlagartig mit Beginn von Staffel 4, als endlich ein ernstzunehmender Konkurrent auf den Plan tritt, der den Konzern in Gänze schlucken will, und Logan unvermittelt stirbt. Nun erleben wir einen spannenden Showdown der Geschwister gegen den ausländischen Investor und der 3 untereinander. Das Ende überrascht. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

    Viel Milliardärsidylle, wenig Action

    Ich geb’s zu: obwohl mir „Succession“ wärmstens ans Herz gelegt wurde, wollte ich nach 2 Episoden wieder aussteigen: zu viel Milliardärsidylle, zu wenig Action, u.v.a.: ich wurde mit keiner der Figuren halbwegs warm. Sie waren mir durch die Bank weg alle unsympathisch. Kein Held (m/w/d) weit und breit in Sicht, mit dem ich mich einigermaßen identifizieren konnte. Ich pausierte ein paar Tage, beschloss, der Serie eine zweite Chance zu geben und ließ mich ab Episode 3 so langsam von der Geschichte fesseln. Ja, sie ist gut und ja, sie hat die vielen Preise völlig zurecht gewonnen. Warum? Versuch einer Erklärung für den Erfolg:

    Obwohl die Dialoge oft flapsig daherkommen, und man die Story bei oberflächlicher Betrachtung in die Kategorie „Komödie“ einsortieren könnte, entbehrt die dahinterliegende Story nicht der Tragik: 4 erwachsene Kinder, die 24/7 um die Gunst des gefühlskalten Vaters buhlen, von diesem bedenkenlos gegeneinander ausgespielt werden und es nicht schaffen, sich beruflich und emotional vom cholerischen Erzeuger zu emanzipieren. Gefangen in immerwährender Abhängigkeit von dessen Geldzuwendungen und der Sorge, aufgrund einer spontanen Laune des Patriarchen plötzlich enterbt zu werden. Die Angst treibt sie jedoch nicht zum Tyrannenmord, sondern lässt sie sich untereinander belauern und bekriegen. Das hat durchaus was von griechischer Tragödie und/oder einem Shakespeare-Drama. Wir als Zuschauer, deren Bankkonten nicht so prall gefüllt sind wie die der Roys, lernen, dass Milliarden einerseits ne schöne Sache sind, weil sie dem Besitzer zu einem luxuriösen Leben verhelfen, andererseits aber durchaus negative Konsequenzen für die Vater-Sohn-/Tochter-Beziehung haben können.

    Wie der Boulevard den Konservativen nützt

    Was jenseits der schwierigen Familienbande an „Succession“ am meisten fesselt, ist der Blick, den wir in dieser Serie auf die Interaktion zwischen Medien-Business und US-Politik werfen dürfen. Mittels seines Newskanal ATN berieselt Logan Roy seit vielen Jahren die amerikanische Bevölkerung mit Nachrichten zurechtgestutzt auf Boulevard-Niveau und seichten Talk-Formaten. Kritiker werfen ihm vor, so der Verblödung des Publikums Vorschub zu leisten und die Grenzen des Diskurses immer weiter nach rechts zu verschieben. Der Patriarch, ein konservativer Republikaner, jedoch kein reaktionärer Ideologe, lässt diese Rechtsdrift geschehen, solange sie ihm nützt, den Umsatz seines Unternehmens anzukurbeln. Das hat zur Konsequenz, dass man sich in Wahlkämpfen gegen (linke) Demokraten positioniert und am Ende sogar einem Rassentrennung propagierenden Populisten die Steigbügel hält und ins Weiße Haus verhilft. Die Roys wissen, dass sie den politisch Falschen unterstützen, tun es aber trotzdem, weil sie sich von diesem Bewerber unternehmerfreundliche Gesetze versprechen. Das schlechte Gewissen wird beruhigt mit Floskeln á la: Hätten nicht wir ihm zum Sieg verholfen, hätte es ein anderer (Nachrichtensender) getan oder: Es wird schon nicht so schlimm (mit der Rassentrennung) kommen, wie es im Wahlkampf verkündet wurde. Wir als Zuschauer begreifen spätestens hier, dass die Geldelite im Zweifelsfall – sobald sie um Gewinn und Einfluss bangt – keinerlei Berührungsängste zeigt, mit einem Faschisten ins Bett zu steigen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern „nur“, weil’s besser für den Umsatz ist. Darf man als negativ Betroffener auf keinen Fall persönlich nehmen; ist bloß Business.

    Vor dem Hintergrund, dass eventuell demnächst erneut Donald Trump ante Washingtons portas steht, liefert „Succession“ eine schlüssige Erklärung, wie das möglich ist = (Teile der) Medien und die Hochfinanz bevorzugen einen Kandidaten, von dem sie wissen, dass er ihre (teils dubiosen) Geschäftsmodelle nicht in Zweifel zieht oder gar ernsthaft regulieren wird. In dubio pro Rasentrennung, auch wenn man beim Abendessen im 5-Sterne-Restaurant darüber nicht gerne redet, weil der Sache irgendwie doch was Schmuddeliges anhaftet.

    Es kommt, wie es kommen muss

    Die Serie stoppt – einigermaßen abrupt – nach 4 Staffeln (eine 5-te ist, gem. Auskunft von Showrunner Jesse Armstrong nicht in Planung), und das ist m.E. auch gut so. Denn spannungsseitig ist die Handlung nunmehr an ihr Ende gelangt: Der Tyrann ist tot (allerdings auf normalem Weg gestorben, nicht ermordet), die Kinder trauern kurz und streiten, kaum dass Papis Leiche erkaltet ist, munter weiter: Jeder hält sich selbst für den auserkorenen Nachfolger, keiner gönnt dem anderen den freigewordenen Chefposten, zu einer innerfamiliären Einigung sind sie nicht fähig und so kommt es am Schluss, wie es in solchen Fällen immer kommt = ein Dritter reibt sich lachend die Hände.

    „Succession“ ist unterhaltsam, lässt uns Normalos am komplizierten Binnenleben eines Milliardärs-Clans teilhaben – was wir Älteren aber auch schon aus „Dallas“ und „Denver“ kennen – und macht verständlich, wie Politiker vom Schlage Trumps mittels tatkräftiger Förderung durch Medien und Wirtschaft bis ins Weiße Haus gelangen. Die Geschichte des nicht sterben wollenden Vaters und seiner zerstrittenen Kinder ist definitiv zu lang geraten. Man hätte den Mogul entweder schneller das Zeitliche segnen lassen sollen – und sich danach auf die Diadochen-Kämpfe der Erben konzentriert –, oder sich stattdessen auf 2 (max. 3) Staffeln begrenzen müssen. Den Alten erst in der Mitte von Staffel 4 blitzartig zu entsorgen und den dramatischen Rest dann binnen 5 Episoden abzuspulen, war für meinen Geschmack keine optimale (Suspense-) Einteilung. Weniger Logan und mehr Kendall hätten der Geschichte sicher gut getan.

    Von mir gibt’s 8 Punkte.

    PS. in der Liste The 100 Greatest TV Shows of All Time des US-Magazins Rolling Stone (erstellt im Sept. 2022) landet „Succession“ auf einem hervorragenden 11-ten Platz.
    +++

    Succession (Nachfolge, Erbfolge)
     4 Staffeln, 39 Episoden
     ausgestrahlt: 2018-23
     Showrunner/Idee: Jesse Armstrong
     Produktionsunternehmen: Gary Sanchez Productions & Project Zeus
     gesendet auf: Home Box Office/HBO (in Deutschland: Sky)
     Darsteller: Brian Cox, Jeremy Strong, Sarah Snook, Kieran Culkin, Alan Ruck, Matthew Macfadyen, Nicholas Braun.

    Alle 4 Staffeln erhältlich auf: WOW.

  • Bauer als Feindbild?

    Bauer als Feindbild?

    Ich hatte mir für 2024 vorgenommen – mein einziger Vorsatz übrigens –, nur noch Kolumnen über Filme und Serien zu schreiben. Einen triftigen Grund dafür gibt‘s gar nicht. Ich wollte bloß aus meiner Netflix-Abhängigkeit eine Tugend machen bzw. mir selbst einreden, dass hinter 100 Episoden „Shameless“ Komaglotzen mehr steckt als eine ordinäre TV-Sucht. Allerdings reizte mich der Beitrag Bauer sucht Stau (erschienen am 6. Januar) des werten Redaktionskollegen Schmitz dann doch dazu, spontan ins politische Terrain zurückzukehren und ein paar Anmerkungen zu machen bzw. Widerworte zu formulieren. Sie erkennen bereits an dieser frühen Stelle des Textes, dass nichts so kurzlebig ist wie der Neujahrsvorsatz eines Kolumnisten.

    Unschöne Szenen am Fährhafen

    Am vergangenen Donnerstag blockieren rund 100 (vllt. 200) aufgebrachte schleswig-holsteinische Landwirte – darunter wohl ein paar rechte Freischärler – den Schiffsanleger Schüttsiel und hindern die Passagiere einer Fähre – unter ihnen Vizekanzler Robert Habeck – daran, an Land zu gehen. Die Atmosphäre ist aufgeheizt; die Menge fordert den Wirtschaftsminister auf, rauszukommen und sich draußen auf der Mole ihren Fragen zu stellen. Habeck lehnt dies ab und bietet seinerseits an, sich mit 3 Wortführern im geschützten Raum zusammenzusetzen und zu diskutieren. Das wiederum missfällt den Bauern, die Stimmung verschlechtert sich, Kapitän und Personenschutz des Ministers entscheiden, die Taue wieder zu kappen, sich erst mal auf einer Hallig in Sicherheit zu bringen und dort abzuwarten, bis sich die Lage beruhigt. Polizei rückt derweil an, treibt den Haufen auseinander, nimmt die Personalien von Rädelsführern und Schreihälsen auf. Nach 90 Minuten ist der Spuk vorbei. Mit ein paar Stunden Verspätung erreichen alle Passagiere körperlich unversehrt ihre jeweiligen Zieldestinationen. Am Morgen danach sprechen die Medien von einem rechtem Mob, der einen Minister samt zufällig anwesender Touristen bedroht & nötigt und empfehlen den Landwirten, sich erst mal von hellblauem Ballast zu befreien, bevor sie ihre für den Montag terminierte Aktionswoche starten.

    Das sind Leute, denen geht es nicht um die deutsche Landwirtschaft […] der Vorfall ist inakzeptabel […] die Bauern, die Habeck am Verlassen der Fähre gehindert haben, haben feuchte Träume von Umstürzen. Doch diese wird es nicht geben.
    © Landwirtschaftsminister Cem Özdemir am Freitag im ARD-Morgenmagazin

    &

    Blockaden dieser Art sind ein No-Go. Wir sind ein Verband, der die demokratischen Gepflogenheiten wahrt. Persönliche Angriffe, Beleidigungen, Bedrohungen, Nötigung oder Gewalt gehen gar nicht.
    © Bauernpräsident Joachim Rukwied, ebenfalls am Freitag

    Die mediale Kritik in den kalten Januarwind schlagend machen die Landesbauernverbände seit Montag mobil und mit zahlreichen Aktionen auf ihre Anliegen aufmerksam. Dazu zählen neben Kundgebungen und Demonstrationen auch Blockaden von Straßen und Autobahnauffahrten, langsam fahrende Kolonnen mit Traktoren und Autokorsos.

    Schwieriges Thema „Subventionen“

    Wir wollen uns in dieser Kolumne nicht mit Sinn oder Unsinn von (Dauer-) Subventionen im Allgemeinen und Agrardiesel-Steuererleichterungen im Speziellen beschäftigen. Um diese Fragen zu klären – dafür gibt’s Experten. Womit ich die richtigen Experten, und nicht die selbsternannten in den sozialen Netzwerken, meine. Als alter (iSv. altgewordener) Liberaler bekomme ich selbstverständlich Bauchschmerzen, sobald ich höre, dass ein Wirtschaftszweig nur aufgrund permanenter Alimentierung überlebt. Allerdings verstehe ich, dass der internationale Konkurrenzdruck im Agrarsektor enorm ist und die heimische Branche durch zahlreiche politische & bürokratische Vorgaben an „normaler“ Gewinnerzielung gehindert wird. Soll heißen = ohne Unterstützungszahlungen gäb’s demnächst kein deutsches Bauerntum mehr. Und das gilt sowohl für die konventionelle als auch die sogenannte biologische Landwirtschaft. Ob die staatlichen Leistungen immer richtig eingesetzt werden, hängt stark vom Blickwinkel des Experten ab. Die einen bemängeln die Zahlungen an die (angeblich) die Umwelt zerstörenden Großbetriebe, die anderen kritisieren das Hätscheln der Bio-Bauernhöfe, deren Produkte sich bloß die gutverdienende, urbane Öko-Schickeria leisten kann. Und damit soll es an dieser Stelle auch schon wieder genug sein mit den Subventionen.

    Die Fragen, um die es sich eigentlich dreht

    Worum es mir in dieser Kolumne geht, sind diese 3 Fragestellungen:

    (A) Dürfen Bauern für ihre egoistischen Anliegen streiken?
    (B) Wird ein Protest illegitim, sobald rechte Trittbrettfahrer sich daran beteiligen?
    (C) Woher rührt die Verachtung der urbanen Mittelschicht für die Bauernschaft?

    Zu (A) Klar, Bauern dürfen für ihre (egoistischen) Anliegen auf die Straße gehen. Auch wenn es sich bei ihrem Verband nicht um eine Gewerkschaft handelt, können die Landwirte als Berufsstand selbstverständlich jederzeit in einen „Streik“ treten. Den sie übrigens aus eigener Tasche bezahlen. Niemand ersetzt ihnen den Arbeits- & Verdienstausfall. Ob sie für höhere Milchpreise, gentechnisch optimierten Raps, mehr Sonnenschein oder die Beibehaltung des reduzierten Steuersatzes auf Agrardiesel demonstrieren, ist ihre eigene Entscheidung. Käme ja niemand im Entferntesten auf die Idee, den Lokführern vorzuschreiben, ob die für ne 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich den Zugverkehr und die Piloten für mehr Urlaub unsere Flughäfen lahmlegen dürfen. Dass Bauern ihren Ärger am liebsten auf Traktoren in unsere Städte transportieren, ist jetzt auch keine Erfindung des Jahres 2024. Das handhaben sie seit Jahrzehnten so und haben früher manchem Landwirtschaftsminister 10.000 Liter Gülle vor die Tür seines Ministeriums gekippt, ohne dass davon die Demokratie unterging. Bauernprotest ist halt was anderes als ne Stuhlkreisgruppe der Anonymen Lärmsensiblen.

    Zu (B) Schwieriger zu beantworten als (A). Kommt drauf an bzw. hängt davon ab. Z.B. wer organisiert die Aktionswoche, wie lauten die Forderungen, welche Fahnen werden geschwenkt, wie viele Trittbrettfahrer (die auch deutlich als solche erkennbar sind) marschieren mit, bleibt es friedlich? Alte (Bauern-) Regel: 100 aufgebrachte (rechte) Landwirte am Fährhafen von Schüttsiel machen noch keine bundesweite Nazi-Demo. Meine Beobachtung am Montag & Dienstag [bei uns im Raum Köln-Bonn wurde eifrig demonstriert]: Es ging den Bauern bei ihren Traktor-Umzügen um 2er-lei: (1) das Nicht-Antasten des Steuersatzes auf den sog. Agrardiesel (spezielle Forderung), (2) eine Neujustierung der deutschen Agrarpolitik (generelles Anliegen). Plakate, die zu Gewalt & Umsturz aufriefen, habe ich keine gesehen, in der Luft lag der Geruch von Diesel & Kuhmist und nicht der Pesthauch eines Putsches von rechts.

    Frage an die Fraktion der Besorgten: wenn sich viele linke Politiker mit dem Lokführerstreik solidarisieren -> ist die Berufsgruppe der Lokomotivistas dann in der Konsequenz en bloc als Sozialisten einzustufen, droht durch das wiederholte Lahmlegen des Bahnverkehrs gar ein Umsturzversuch von links? Was ist mit unseren Fußballstadien: Darf ich als Effzeh-Fan kein Heimspiel „meines“ Clubs mehr besuchen, weil in der Südkurve ein paar Hooligans in Thor-Steinar-Jacken stehen? Das sind aber dämliche Frage, Herr Kolumnist, sagen Sie? Ja, es sind dämliche Fragen; aber genauso dämlich ist es, von 100 schleswig-holsteinischen Wut-Landwirten auf die Gesamtheit der deutschen Bauernschaft hochzurechnen. Es ist nicht nur dämlich, sondern unredlich.

    Zu (C) Was mich im Vorfeld des Bauernprotestes erstaunt hat – und glauben Sie mir: nach knapp 15 Jahren Facebook erstaunt mich nur noch wenig –, war der Umstand, dass selbst digitale Bekannte, die ich bisher als vernünftig und abwägend in ihrem Urteil eingeschätzt hatte – über Nacht auf den Anti-Landwirt-Zug aufsprangen. Da war kein Meme zu blöde, kein Vorurteil zu fadenscheinig, kein Joke zu seicht, als dass man das alles nicht dennoch im Brustton der intellektuellen & moralischen Überlegenheit postete. Tenor = Wir, die moderne urbane Mittelschicht, erklären euch Hinterwäldlern mal, was ein politisch korrekter Streik ist und wie die Landwirtschaft des 21stem Jhrd.s auszusehen hat. Seid dankbar, dass ihr als Branche aufgrund unserer Steuergelder überhaupt noch existiert und hört auf, die Umwelt zu zerstören und Tiere zu quälen.

    Kolumnistenkollege Schmitz schrieb dazu vergangenen Samstag:

    Aber er [der Großvater von H.S. Anm. d. Verf.] sagte immer, für einen Landwirt sei nicht wichtig, zu leiden ohne zu klagen, sondern im Gegenteil immer zu klagen ohne zu leiden. Das wird dem Bauern mit der Bäuerinnenmilch weitergegeben.

    &

    Irgendwie ist es schon lustig, dass die Bauern glauben, es sei geradezu ihre heilige Pflicht den Segen des Sankt Subventius zu fordern, gleichzeitig aber über diese Klimaaktivisten zu wettern, die ihnen den Weg zum Acker versperren.

    Gipfelnd in der Warnung:

    Mich stören die Bauernproteste nicht. Was mich stört, ist die Gefahr, die aus dem Größenwahn entsteht, mit Gewalt oder Androhung von Gewalt eine Regierung zum Rücktritt zu zwingen. Demokratie hat ihre Spielregeln und wer die nicht einhalten will und meint, am Ende bestimme der, der den dicksten Traktor hat, will keine Demokratie. Das hatten wir schon mal und es ist nichts Gutes dabei herausgekommen.

    Ich rieb mir verwundert die Augen und dachte: das darf doch alles nicht wahr sein. Woher rührt die Geringschätzung der deutschen Akademikerzunft für einen der ältesten Berufsstände? Ich will an dieser Stelle ein bisschen ausholen, auch auf die Gefahr hin, weitschweifig zu erscheinen: meine Familie väterlicherseits rührt her von einer langen Linie norddeutscher Landwirte, die ihren Hof Ende des 19. Jhrd.s aufgrund mangelhafter Rentabilität verkaufen mussten. Ein Teil der Sippschaft emigrierte im Anschluss nach Argentinien und sattelte dort die Pferde bzw. um auf Rinderbaron. Den anderen Teil verschlug es ins Rheinland, wo von meinem Urgroßvater ein neuer Zweig, der überwiegend aus Ingenieuren und Juristen besteht, gegründet wurde. Um aber nicht zu vergessen, wo wir herstammen, wurden die Söhne in den Sommerferien zum Arbeiten aufs Land geschickt: mein Vater hat damit nach dem Krieg die Familie mit Lebensmitteln versorgt, ich hab’s in den 70-er Jahren mehr zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung getan. Nach 6 Wochen Stall sauber machen, Heuballen stapeln, Zapfvorrichtungen an Kuheuter anschließen, beim Schlachten von Hühnern und der Geburt von Kälbern zusehen [und natürlich Traktorfahren] war mir 1 klar geworden = Ich möchte kein Bauer werden [v.a. das frühe Aufstehen und das im Vergleich zur Großstadt schmal dimensionierte abendliche Unterhaltungsangebot schreckten mich von einer landwirtschaftlichen Karriere ab]; aber 1 ist mir seitdem erhalten geblieben = der Respekt vor dieser Berufsgruppe.

    Kommentare, die einen baff zurücklassen

    Die Bio-und Nie-wieder-Faschismus-bewegte Kommentatorenblase unter Schmitz‘ Kolumne quittierte die Aktionswoche mit:

    Was wollen sie dann? Diktatur des Bauernproletariats?

    &

    Wenn ich mir die Foren von den Demo- Bauern ansehe, jeder dritte hat die AFD im Nacken , sie werden nicht gelöscht , eher Beifall für die Dümmis , wer die dickste Kartoffel 🥔 hat , sehen wir am Montag. DEMO genehmigt, hoffe es wird genauso vorgegangen , nur mit einem Unterschied FFF war für die Umwelt und zu Fuss.

    &

    Die deutsche #Agrarlobby: verfilzt, intransparent und wenig am Gemeinwohl orientiert.

    &

    „Dumm wie ein Bauer“ – Vermeintliches Vorurteil als zutreffend bestätigt.

    &

    Wenn Klimaaktivisten in die Nähe von Terroristen gestellt werden, was sind dann die Bauern, die mit ihren Traktoren Autobahnen und Straßen blockieren?

    &

    Unfassbar, dieses Pck. Das waren terroristische Handlungen, aber das passiert halt, wenn man sich mit der rechtsextremen NSAfD zusammentut.

    &

    Dummheit, Gier und Hass wachsen auf einem Ast.

    Beifall erscholl zu jedem dieser Gebt-den-Landwirten-mal-ordentlich-eins-auf-die-Kappe-Kommentare; kaum Widerspruch. Der Bauer als Feindbild. Ich war baff.

    Tipps wie „Augen auf bei der Berufswahl“ oder die krampfhafte Unterscheidung in gute Klein-Bio-Landwirte und böse, die Umwelt zerstörende, Großbauern [die sich bei genauerer Betrachtung häufig als mittelständische Familienbetriebe entpuppen] lassen mich kopfschüttelnd zurück. Ist es tatsächlich so, dass der (gute) Klein-Bio-Landwirt völlig ohne Subventionen auskommt [was ich, sobald er dauerhaft davon seinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, stark bezweifele], zerstören die Mittelständler tatsächlich alle die Landschaft und vergiften unsere Böden und Gewässer? Liegt die Lösung des Problems darin, Nahrung (stark) teurer zu machen? Ein Ratschlag, der völlig außer Acht lässt, dass inflationsbedingt viele Lebensmittel heutzutage eh das nahezu Doppelte im Vergleich zur Vor-Corona-&-vor-Ukrainekrieg-Zeit kosten. Wer garantiert, dass das Delta, das durch höhere Preise generiert wird, auch dem Erzeuger, und nicht dem Handel, zugutekommt? Die Landwirte, die ich kenne (ein halbes Dutzend), können vom Ertrag ihrer Arbeit leben – ich würde sie finanziell in die Kategorie „(halbwegs) gesunder Mittelstand“ einsortieren. Reichtümer häuft keiner von denen an –; jedoch bilden Transferzahlungen & Steuererleichterungen einen integralen Bestandteil der Kalkulation. Würden die wegfallen, sähe es sofort zappenduster für diese Betriebe aus. Wer also nonchalant empfiehlt, Preise rauf und Subventionen runter, der darf in ein paar Jahren nicht darüber jammern, dass unsere Kartoffeln mit dem Gütesiegel „Geerntet auf 100% ökologisch einwandfreien ukrainischen Äckern“ versehen sind, und das Bio-Hühnchen in einer ägyptischen Geflügelfarm aufgezogen wurde.

    Der Graben wird breiter

    Mich lehrt das Stück v.a. 1 = der Graben zwischen der urbanen, hippen Öko-Elite, vegan orientiert, 3x täglich in einem Szenecafé am 8-Euro-Flat-White mit aufgeschäumter Mandelmilch nuckelnd, und der Diesel fahrenden, Schweinenackensteak auf den Grill legenden und 2 Geschlechter für den biologischen Normalzustand haltenden Restbevölkerung wird breiter. Die einen beklagen bei jeder sich bietenden Gelegenheit den linksgrünen Mainstream, der unsere Denkweise manipuliert, die anderen sehen sich umzingelt von reaktionären Boomern und haben kein Problem damit, Wirtschaftszweige, die aus ihrem städtisch verengten Blickwinkel antiquiert und überflüssig erscheinen, in die (böse) rechte Ecke zu verfrachten, wo sie sich entweder schämen oder auflösen (oder beides) sollen. Vernünftige – auf Konsens zielende, das Verhalten der jeweils anderen Gruppe erst mal verstehen wollende – Diskussionen werden ganz augenscheinlich zunehmend schwieriger. Meine Prognose = noch weitere 10 Jahre Facebook & Twitter, und wir werden ebenfalls in Europa US-amerikanische Verhältnisse haben, wo Stadt & Land, Demokraten & Republikaner, hippe Elite & Restbevölkerung sich gegenseitig abgrundtief misstrauen und Beschimpfung & Wutrede für die normale Form der Gesprächsführung halten. Zu düster gedacht, Herr Kolumnist, so schlimm wird’s sicher nicht kommen, meinen Sie? Ihr Wort in Zuckerbergs und Musks Ohren, antworte ich.

    Zum Schluss noch diesen Satz fürs Poesiealbum: Man muss nicht jede landwirtschaftliche Subvention für sinnvoll erachten; jedoch sollte man unseren Bauern schon den Respekt zollen, der ihnen als hart arbeitendem – und unsere tägliche Ernährung sicherstellendem – Berufsstand gebührt.

    PS. den Kindern von Öko-Hipster-Eltern empfehle ich Ferien auf dem Bauernhof. Womit ich nicht Pferde streicheln und Ferkel kuscheln, sondern richtiges Mitanpacken meine. Nach 6 Wochen Stall ausmisten und Traktorfahren wird der Blick aufs Landleben garantiert ein anderer (iSv. realitätsnäher) sein.
    PPS. nächste Woche kehre ich zurück in die Filmredaktion. Versprochen.

  • Szenen einer hochmusikalischen Ehe

    Szenen einer hochmusikalischen Ehe

    Biopics sind seit einiger Zeit en vogue. Nach „Elvis“, „Blond“, „Rheingold“, „AIR“, „Oppenheimer“, „Powell“ nun also „Maestro“: die Verfilmung des Tag & Nacht von Musik geprägten Lebens der US-amerikanischen Komponisten- & Dirigenten-Legende Leonard Bernstein. Mit Bradley Cooper [der ebenfalls Regie führte und am Drehbuch mitschrieb] und Carey Mulligan in den Hauptrollen.

    Ich geb’s zu – ich bin kein allzu großer Freund dieses Genres. Die meisten Biopics kleben für meinen Geschmack zu sehr dran an der Realität und wirken deshalb oft spröde (Elvis) bis hin zu zäh (Oppenheimer). Ganz schlimm wird es, wenn das Leben von Politikern minutiös nacherzählt wird – bspw. Vice – Der zweite Mann oder LBJ – John F. Kennedys Erbe –; dabei schlafe ich dann entweder ein oder zappe weiter zu ner Zombie-Serie. Der Schwachpunkt des Biopics liegt darin, dass Drehbuchautor & Regisseur eine möglichst große Spannweite der Biografie des jeweils im Mittelpunkt stehenden Promis auf der Leinwand abbilden wollen. Bei Oppenheimer umfasste die Geschichte 30 Jahre, was zum einen echt viel ist und zum anderen spätestens zur Hälfte der Handlung hin beim Zuschauer unweigerlich den Eindruck von Langatmigkeit entstehen lässt.

    Ich erwartete vom in meinem Netflix-Account seit Weihnachten angepriesenen Streifen „Maestro“ also nicht sonderlich viel, klickte trotzdem auf „abspielen“ und wurde zu meinem Erstaunen wirklich angenehm überrascht.

    Das Leben eines Ausnahmekünstlers

    Die Story startet Anfang der 40-er Jahre, als der junge Komponist Leonard Bernstein (Bradley Cooper) einen Anruf des Managers der New Yorker Philharmoniker erhält, ob er kurzfristig für deren erkrankten Dirigenten einspringen und bei einem Konzert in der Carnegie Hall den Taktstock schwingen könne. Der Film zeigt diesen Moment in Schwarzweiß: der Raum ist dunkel, dann öffnet Leonard den Vorhang wie auf einer Bühne, im Anschluss beschleunigt die Kamera das Tempo: Wir begleiten den Protagonisten im Laufschritt und erleben mit, wie er nahezu fliegend am Dirigenten-Pult anlangt. Die Vorstellung wird ein voller Erfolg, Bernsteins Name ist seit diesem Abend in aller Munde. Auf einer Party lernt er die Chilenin Felicia Montealegre (Carey Mulligan) kennen; zwischen den beiden funkt es sofort, sie werden ein Paar. Felicia ermuntert ihren Verlobten, dem Wunsch seines Agenten auf keinen Fall nachzugeben, der ihm zu völliger Konzentration aufs Dirigententum rät, sondern sich stattdessen der einzig wahren Passion, dem Komponieren von Musikstücken, zu widmen. 1951 heiraten Felicia & Leonard, beziehen eine schicke Wohnung am New Yorker Central Park, bekommen 3 Kinder, die Ehe scheint glücklich zu sein. In dieser Phase entstehen Evergreens wie „Wonderful Town“, „Candide“, „West Side Story“, die Filmmusik zu „Faust im Nacken“ und die „Symphony Nr. 3 Kaddish“.

    Jetzt erfolgt ein Zeitsprung in die späten 60-er Jahre – Festivität im Hause Bernstein: viele Künstler und noch mehr hippe Beinahe-Künstler versammelt. Man sieht Felicia in der Rolle der Gastgeberin und Mutter, während sich Leonard wie ein Fremder auf der eigenen Party benimmt. Er verschwindet plötzlich, wird von Felicia gesucht und im Treppenhaus beim Knutschen mit einem jungen Mann erwischt. Sie sagt nichts, wendet sich um und geht schweigend zurück zu ihren Gästen. Leonard folgt ihr mit beschwichtigenden, jedoch augenscheinlich ins Leere laufenden, Worten. Der Zuschauer begreift, dass sich die Handlung nun an einem Wendepunkt befindet. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Fokus liegt auf komplizierter Ehe

    Während ich bei Biopics sonst oft meckere [ja ja, alte Männer meckern eh gerne], weil ich sie als weitschweifig empfinde, gilt das für „Maestro“ erfreulicherweise nicht: mit 2 Stunden verfügt der Film über eine gute Länge [einige Passagen hätte die Regie zwar kürzer abspulen können, die erschienen mir künstlich aufgebläht zu sein; jedoch sind 120 Minuten für eine mehr als 4 Jahrzehnte umfassende Spanne völlig okay] und es kommt in keinem Moment Langeweile auf. Das liegt aber stark an der erzählten Geschichte, die sich nicht an Bernsteins Œuvre entlanghangelt und dabei minutiös jeden Meilenstein herausstellt, sondern den Fokus stattdessen auf sein kompliziertes Liebesleben legt. War er immer schon schwul – und hat Felicia bloß aus beruflicher Räson geheiratet –, handelte es sich um eine komplette sexuelle Umorientierung, die während der Ehe einsetzte, wusste seine Frau von Anfang an Bescheid, oder wurde ihr die Angelegenheit schlagartig erst bei der Szene im Treppenhaus klar? Bernstein-Experten werden die Antworten kennen; ich bin allerdings kein Bernstein-Experte, habe bloß „Maestro“ & „Westside Story“ gesehen und kann deshalb nur spekulieren: Ja (1), Leonard war immer schwul [zumindest bi, mit einer im Alter stärker werdenden Tendenz in Richtung gleichgeschlechtlich] und hat seine Frau aus einer gemischten Motivationslage heraus geehelicht = im prüden Nachkriegsamerika wäre es für einen homosexuellen Dirigenten ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die Karriereleiter zu erklimmen und ja (2): er hat Felicia geliebt; vermutlich mehr platonisch als körperlich, aber er hat sie geliebt. Zumal – was ihm nicht entgangen sein wird – er seine schöpfungsreichste Periode in den zwei Jahrzehnten aufwies, in denen Felicia eng an seiner Seite stand. Sobald sie Scheidungstendenzen signalisierte und sich räumlich von ihrem Mann trennte, ging es künstlerisch mit Leonard bergab. Er blieb zwar weiterhin ein weltweit umjubelter Starmaestro, dem das Publikum nach jeder Aufführung tosenden Applaus zollte; allerdings entstand seit Anfang der 70-er kein nennenswertes Musikstück mehr aus seiner Feder. Lovestorys – vor allem tragisch verlaufende – sind ein Stoff, aus dem auch ein unterhaltsames Biopic gewebt werden kann. Wen interessiert schon die Entstehungsgeschichte von „West Side Story“, wenn er stattdessen an einem Ehedrama teilhaben kann?

    Felicia ist die wahre Heldin der Geschichte

    An dieser Stelle wollen wir kurz mit Musik & Genie innehalten und uns der Frage zuwenden, von wem das (Film-) Stück eigentlich handelt bzw. wer in dessen Mittelpunkt steht. Selbstverständlich Bernstein (m), sagen Sie, die Überschrift lautet ja eindeutig „Maestro“? Das sehe ich leicht anders. Natürlich ist der Film ohne Leonard undenkbar, aber noch undenkbarer wäre er ohne Felicia. Ohne sie kein erfolgreicher Komponist, ohne sie keine – in den ersten Jahren glückliche – Familie, ohne sie keine 3 Kinder. Sie hält den Laden zusammen und nimmt sich selbst völlig zurück, um das Licht des Ruhms ungefiltert auf ihren Gatten strahlen zu lassen. Felicia ist die stille Heldin dieses Dramas. Diese Rolle ist Carey Mulligan wie auf den Leib geschneidert: Sie spielt sowohl die frisch verliebte als auch die junge glückliche Mutter sowie die ins Zweifeln geratene ältere Ehefrau zu 100 Prozent überzeugend. Sie macht das perfekt, ist jederzeit ehrlich und authentisch, wo man manch anderen manieriert finden kann. Denn Cooper überzeichnet streckenweise bei der Darstellung des Maestros. Gut gelingt ihm der jungenhafte Bernstein [die 45 Minuten, die in Schwarz-Weiß gezeigt werden]; während die nachfolgende Stunde [startend mit der Party-Sequenz im Hause des Maestros] mich manchmal zweifeln ließ, ob ich einen „realen“ (iSv. wirklichkeitsnah) oder einen künstlich angeschwulten Leonard präsentiert bekomme. Denn so homosexuell affektiert wie in der zweiten Halbzeit der Geschichte gab er sich anfangs nicht. Entweder hatte also in den 70-er Jahren ein Sinnes- & Verhaltenswandel eingesetzt, oder aber der Drehbuchautor hat’s mit dem späten Schwulsein des Künstlers übertrieben. Vielleicht um fiktiv einen deutlichen Kontrast zur sich selbst treu bleibenden Felicia zu setzen. Sei’s, wie es sei – hin und wieder überkam mich der Eindruck, hier nicht dem „realen“ Bernstein, sondern einer von Bradley Cooper dramaturgisch verfremdeten Kunstfigur zu begegnen.

    Ein weiteres Manko des Films besteht darin, dass er viel zu sehr auf Leonard abzielt und die Geschichte von Felicia sträflich außen vorlässt. Denn auch sie war in den 40-er- und frühen 50-er-Jahren eine erfolgreiche Bühnen- und Fernsehschauspielerin, opferte ihre Karriere für die Familie, stand nach der Trennung von Leonard kurz vor einem beruflichen Neuanfang. Das wird zwar en passant ab und an angerissen; aber nie auch nur halb so ausführlich abgehandelt wie die einzelnen Konzertauftritte [von denen es ne Menge zu sehen gibt] ihres Göttergatten. Felicia wird vom Autor doch stark auf die 2 Funktionen Ehefrau + Mutter reduziert. Dass sie selbst ein TV-Star war, findet kaum Erwähnung. Man könnte glatt von einem patriarchalisch verengten Blickwinkel des Regisseurs sprechen.

    Die Dialoge zwischen ihr und Leonard passen wiederum, wirken nie gekünstelt oder hölzern. So wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen den beiden abgelaufen sein.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: „Maestro“ liefert – speziell für das ansonsten eher spröde Genre „Biopic“ – gute Unterhaltung. Das liegt an 2 Faktoren: der Fokus wird auf das (komplizierte) Eheleben des Künstlers gelegt + Carey Mulligan geht völlig auf in der Rolle der Felicia.

    Maestro: oscartauglich?

    Nachdem Netflix im vergangenen Jahr mit der Neuverfilmung von Im Westen nichts Neues 4 Oscars abräumte [u.a. als bester internationaler Film], soll „Maestro“ bei der Preisverleihung im März 2024 noch erfolgreicher abschneiden. Ob es in den Hauptkategorien [bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch] gegen die beiden Favoriten Barbie und Oppenheimer reichen wird, bleibt mit einer gehörigen Portion Skepsis abzuwarten. Außenseiterchancen rechnen sich Bradley Cooper als „bester Hauptdarsteller“ und Carey Mulligan als „beste Nebendarstellerin“ aus. Bei Hauptdarsteller wird zwar vermutlich Margot Robbie (Barbie) das Rennen machen; aber Mulligan hätte den Oscar für ihre Interpretation der Maestro-Gattin auf jeden Fall verdient (ob sie ihn bekommt, ist wegen der starken Nebendarsteller-Konkurrenz aus Barbie & Oppenheimer jedoch ebenfalls ungewiss].

    Wo sich „Maestro“ allerdings berechtigte Hoffnungen auf den Award machen kann, ist die Spezialdisziplin „Make-up“ [hier auch bereits nominiert] . Der Visagist Kazu Hiro hat Carey Mulligan & Bradley Cooper sowohl in ein den beiden Vorbildern Felicia & Leonard verblüffend ähnelndes Ehepaar verwandelt als die 2 auch überzeugend altern lassen. Ärger gab’s zwischenzeitlich mit der Nasenprothese des Protagonisten. Die schien der politisch hyperkorrekten Fraktion wahlweise übertrieben oder für einen Nicht-Juden unstatthaft zu sein, weshalb von (politisch unkorrektem) Jewfacing die Rede war. Obwohl schnell klargestellt wurde, dass die Nase 1 zu 1 der des realen Maestros entspricht und seine Kinder, die natürlich dazu befragt wurden, keinerlei Probleme mit dem filmischen Zinken [an dieser Stelle nur aus dem Grund verwendet, um das Wort „Nase“ nicht ständig zu wiederholen. Auf gar KEINEN Fall despektierlich gemeint!] haben, beruhigte das die politisch hyperkorrekte Fraktion natürlich nicht, die blieb weiterhin empört; weshalb Kazu Hiro dann alle zerknirscht um Verzeihung bat, die sich durch die realitätsgetreue Darstellung in ihren Gefühlen verletzt empfanden. Gottseidank ging das Schuldempfinden der Filmmacher nicht so weit, den Zinken [pardon: die Nase des Künstlers] nachträglich wegzuradieren, sodass der Zelluloid-Leonard dem realen Bernstein von der reinen Optik her nach wie vor weitgehend entspricht.

    Besonders hervorzuheben ist die Bildgestaltung von Matthew Libatique [speziell die ersten 45, in Schwarz-Weiß gedrehten, Minuten sind hinsichtlich des gekonnten Einfangens der 40er- & 50er-Jahre-Stimmung visuell außerordentlich gelungen]; aber auch bei „beste Kamera“ wird’s sehr schwer werden, sich gegen die 2 Topfavoriten durchzusetzen.

    Maestro ist ein sehr gutes Biopic; handwerklich virtuos, sich dabei phasenweise an das schwierige Thema verschleierter Homosexualität herantastend. Der Film bleibt dabei aber stets schamhaft; als ob man bei den Liebesszenen dann plötzlich doch Angst vor der eigenen Courage bekam und die deshalb auf jeweils wenige Sekunden beschränkte. Dahinter steckt vermutlich der Wunsch der Produzenten, bei den Preisverleihungen wählbar sowohl für konservative als auch liberale und besonders woke Juroren zu sein.

    Von mir gibt’s 8.5 Punkte (2 davon für Carey Mulligan).
    +++

    Maestro
     Erscheinungsjahr: (Herbst) 2023
     Länge: 120 Minuten
     Regie: Bradley Cooper
     Drehbuch: Bradley Cooper & Josh Singer
     Produktion: Fred Berner, Bradley Cooper, Amy Durning, Kristie Macosko Krieger, Martin Scorsese, Steven Spielberg
     Vertrieb: Netflix
     Darsteller: Bradley Cooper, Carey Mulligan, Maya Hawke, Matt Bomer, Vincenzo Amato u.a.

    Erhältlich einzig bei Netflix.

  • Jetzt bin ich der Tod geworden

    Jetzt bin ich der Tod geworden

    Es gibt Filme, die muss man im Kino gesehen haben. Wegen Szenen, die nur auf großer Leinwand und in Dolby Surround ihre volle Wirkung entfalten. Das Wagenrennen in „Ben Hur“, die Landung der Alliierten an Omaha Beach in „Der Soldat James Ryan“ und die „Kill Bill“-Schwertkampfduelle gehören in diese Kategorie. Das Finale von „Casablanca“ und manchen James Bond genießt man ebenfalls intensiver im lokalen Cinedom als zu Hause bei Chips & Erdnussflips. Oppenheimer – auch wenn der im vergangenen Sommer gemeinsam mit „Barbie“ das Kino gerettet haben soll – passt nicht unbedingt in diese Rubrik; den kann man sich getrost im eigenen Wohnzimmer auf dem Sofa anschauen, was ich an den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester getan habe.

    Die Geschichte im Schnelldurchlauf

    Prägende Begegnung mit Werner Heisenberg und Professur in Berkeley
    Der junge Amerikaner Julius Robert Oppenheimer (Cillian Murphy) studiert Physik im Cambridge, zeigt jedoch wenig Begeisterung für die Art und Weise, wie dieses Fach an der englischen Eliteuniversität gelehrt wird. Auf Anraten des Nobelpreisträgers Niels Bohr (Kenneth Branagh), der dort einen Gastvortrag hält, packt Oppenheimer kurzentschlossen seine Sachen und reist nach Deutschland, wo er sich in Göttingen, am Institut von Max Born, für theoretische Physik einschreibt. Er begegnet Werner Heisenberg (Matthias Schweighöfer) – seinem späteren Konkurrenten beim Wettlauf um die erste Atombombe – und genießt spürbar den Austausch unter Gleichgesinnten. Speziell die erst vor einigen Jahren aus der Taufe gehobene Teildisziplin „Quantenmechanik“ fasziniert ihn. Zurück in den USA wird er Assistenzprofessor in Berkeley und veröffentlicht zahlreiche bahnbrechende Schriften zu Fragen der Atomstruktur sowie einige astrophysikalische Untersuchungen über den Kollaps schwerer Sterne (= schwarze Löcher). Mitte der 30-er Jahre ist Oppenheimer wissenschaftlich etabliert, erhält einen ordentlichen Lehrstuhl und gründet auf eigene Kosten ein Institut für theoretische Physik.

    In dieser Zeit heiratet Oppenheimer die Biologin Katherine/“Kitty“ Puening (Emily Blunt), wird Vater von 2 Kindern und pflegt gleichzeitig eine Beziehung zur jungen Psychiaterin Jean Tatlock (Florence Pugh), die Mitglied der kommunistischen Partei ist. Da er Sympathien für die Gewerkschaftsbewegung hegt, besucht er hin und wieder Parteiveranstaltungen und spendet dort Geld für den spanisch-republikanischen Widerstand gegen Francos Faschisten. Das FBI wird auf ihn aufmerksam und legt eine Akte an.

    Wettrennen um die erste Atombombe
    Anfang des Zweiten Weltkriegs wächst bei der amerikanischen Regierung die Sorge, das nationalsozialistische Deutschland könnte als erste Nation eine Atombombe bauen. Um dieser Bedrohung zuvorzukommen, wird mit dem Manhattan-Projekt die Entwicklung einer amerikanischen Nuklearwaffe forciert. 1942 – die USA waren nach Pearl Harbour ebenfalls Kriegspartei geworden – wird Oppenheimer die wissenschaftliche Leitung angetragen. Er verlegt das Projekt in die Wüste von New Mexico, wo in Los Alamos in Windeseile eine von der Außenwelt abgeschirmte Forschungseinrichtung entsteht, die nach kurzer Zeit bereits 3000 Menschen beherbergt. Oppenheimer gelingt es, die besten naturwissenschaftlichen Köpfe des Landes in die Wild-West-Hochplateau-Abgeschiedenheit zu locken.

    Nach zwei Jahren intensiver Forschung kommt es im Sommer 45 zum praktischen Feldversuch: Am frühen Morgen des 16. Juli wird eine kleinere A-Bombe („The Gadget“) unter dem Codenamen Trinity (Dreifaltigkeit) in der Wüste gezündet. Der Test verläuft erfolgreich.

    Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten, …

    … diesen Vers soll Oppenheimer (angeblich) sofort danach aus dem indischen Gedicht Bhagavad Gita rezitiert haben. 3 Wochen später machen Little Boy (Hiroshima) und Fat Man (Nagasaki) 2 japanische Städte binnen weniger Minuten dem Erdboden gleich. Das Kaiserreich kapituliert bedingungslos am 15. August.

    Vom Macher zum Warner
    Oppenheimer ist der Mann der Stunde, sein Gesicht prangt auf dem Cover des Time-Magazins, er erhält zahlreiche Auszeichnungen, wechselt von Berkeley nach Princeton, übernimmt den Vorsitz des Beratungskomitees der amerikanischen Atomenergiebehörde (AEC), setzt sich für Rüstungskontrolle ein und rät vom Bau der Wasserstoffbombe ab. Daraus entwickelt sich ein Konflikt mit dem Vorsitzenden der AEC, Lewis Strauss (Robert Downey jr.). Ende 1953 erfährt Oppenheimer, dass seine Sicherheitsfreigabe erneuert werden muss. Im April 54 findet in Washington eine Anhörung hinter verschlossener Tür statt, die einem Tribunal gleicht. Oppenheimer wird beschuldigt, seit seiner Studentenzeit in Europa offene Sympathien für den Kommunismus zu zeigen und eventuell sogar geheime Informationen an die Sowjetunion weitergegeben zu haben. Außerdem wirft man ihm vor, sich gegen die Entwicklung der Wasserstoffbombe positioniert zu haben, womit er seine Aufgabe als nuklearer Vordenker & Patriot nicht erfülle. Weggefährten aus Berkeley und Los Alamos werden als Zeugen befragt und zeichnen ein vielschichtiges Bild ihres früheren Chefs. Das Votum, das die 3-köpfige Jury nach 6 Wochen und zahlreichen Verhandlungstagen fällt, lautet 2 zu 1 gegen die Erneuerung der Freigabe, was in der Konsequenz den Ausschluss aus geheimen Regierungsprojekten und damit eine massive Reduzierung der politischen Einflussnahme des „Vaters der Atombombe“ bedeutet. Oppenheimer kehrt als gefallener Held nach Princeton zurück. An dieser Stelle endet der Film und ich lege spontan „Enola Gay“ auf den Plattenteller.

    Spannendes Drama oder spröde Doku?

    Die Kritik war des Lobes übervoll für Christopher Nolans jüngstes Werk, sprach von:

    Ein grandioser Film über das moralische Dilemma eines Mannes, der die Welt verändert hat.
    © Anna Wollmer im NDR

    und:

    Das neue Werk von Christopher Nolan erfüllt nicht nur alle Fan-Erwartungen, sondern übertrifft diese mit Cast und Filmmusik noch.
    © Maike Karr in film.at

    oder:

    Mit seiner Bild- und Tongewalt zieht Christopher Nolan das Publikum von der ersten Minute an in die eindrucksvolle Welt der Physik – manchmal ruhig, still und leise, manchmal aber auch brachial und ungestüm.
    © Anne Nauditt, in: kino.de

    Mich hingegen lässt „Oppenheimer“ mit einem zwiespältigen Gefühl zurück. Ja, es ist „großes Kino“, wenn man die Star-Besetzung betrachtet. Es war zudem aufschlussreich, etwas mehr über das Leben des Vaters der Atombombe zu erfahren als das, was man gemeinhin aus Schulbüchern und Zeitungsartikeln – die zumeist am Jahrestag des Abwurfs auf Hiroshima publiziert werden – eh schon weiß. Die Handlung wird aber zu keinem Zeitpunkt spannend oder gar unterhaltsam. Ich war streckenweise unsicher, ob ich ein Drama oder eine Doku präsentiert bekomme. „Oppenheimer“ bleibt weitgehend blutleer, bar jeglicher emotionaler Tiefe, es fehlen dramatische Wendungen und Schicksalsschläge. Die Handlung, die 3 Stunden lang vor den Augen des Zuschauers abgespult wird, kommt naturwissenschaftlich-nüchtern daher, ähnelt mehr einer Biografie als einer (Helden-) Erzählung. Natürlich steht der Name Nolan für kühle Geschichten – z.B. „Inception“ –; jedoch flog selbst in „Interstellar“ und „The dark knight“ ein Hauch von Romanze durch den Kinosaal, sahen wir Protagonisten, die zwischendurch an ihrem Handeln zweifelten oder gar kurz vor dem Scheitern standen und erst zum Finale hin den Turnaround schafften. Das, was halt Suspense ausmacht. In „Oppenheimer“ herrscht jedoch von all diesen bewährten (Märchen-) Zugaben völlige Fehlanzeige. Der Held ist von Minute 1 an komplett, es gibt kein allmähliches Reifen, keine Brüche, keinerlei Sich-selbst-in-Frage-stellen – Oppenheimer war von Geburt an dazu bestimmt, der Vater der Atombombe zu werden, und er zieht seine Prädestination frei von jeglichen Skrupeln bis zum „Tag des jüngsten Gerichts“ in Nagasaki entschlossen durch.

    Wo sind die inneren Dämonen des Bombenbauers?

    Wo sind die großen Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Zurverfügungstellung der nuklearen Höllenkraft für die militärische Nutzung stellen? Wer, außer ein paar kurz eingeblendeten Physiker-Kollegen aus Chicago – warnt vor dem möglichen Weltenbrand? Hatte in Los Alamos niemand Angst davor, den Planeten in die Luft zu jagen? Gab’s keine schlaflosen Nächte deswegen im Hause Oppenheimer? Unterhalten sich Physiker abends nach getaner Arbeit nicht über die möglichen Konsequenzen ihres Tuns? Ist der Naturwissenschaftler weniger verantwortlich für Hiroshima als der Pilot, der die Bombe zum Zielort transportiert oder der Präsident, der den Einsatz befiehlt? Eine der verstörendsten Sequenzen im Film ist diejenige, als Oppenheimer seiner Crew vom gelungenen Abwurf in Japan berichtet, und die Mitarbeiter begeistert von ihren Stühlen aufspringen und jubeln. Welcher Teufel treibt uns an, die Zerstörung zweier Städte mit tosendem Applaus zu quittieren? Sieg über den Gegner hin oder her. Hier blicken wir kurz in die Abgründe des menschlichen Herzens.

    Wenn wir jetzt mal unterstellen, es gibt 2 Oppenheimers: den bis August 45 und den danach [wird im Film durch unterschiedliche Farbgebung visualisiert = „alt“ in Technicolor, „neu“ in Schwarz-weiß], so bleibt auch der vom Atombomben-Bauer zum Rüstungskontrolle-Befürworter gewandelte Held blass. An keiner Stelle werden wir Zeuge seiner inneren Kämpfe, er führt keine Streitgespräche mit Kollegen oder Freunden, die ihn zum Umdenken animieren, er zeigt von Anfang bis Ende keinerlei Gefühlsregungen [von ein paar Tränen, die er vergießt, als er vom Suizid seiner Geliebten erfährt, mal abgesehen]; er ist, was seine Emotionen betrifft, genauso mathematisch-kontrolliert wie die Formeln, die er mit Kreide auf die Institutstafel kritzelt. Wo bleiben die Wutausbrüche, als er beim inszenierten Tribunal im April 1953 mit konstruierten Vorwürfen konfrontiert wird? Er lässt das alles ohne Gegenwehr einfach über sich ergehen? Richtig erfrischend war da die kleine Szene, in der Ehefrau Kitty ihrem Mann beim Abendessen vorwirft, keine Eier zu haben, die sich schnellstmöglich wachsen zu lassen und vor der Jury zu präsentieren, um aus der Opferposition rauszukommen, was allerdings nicht den gewünschten Effekt beim Gatten bewirkt. Er verharrt stattdessen weiterhin passiv in der Rolle des neutralen Beobachters, der ab und an mit leiser Stimme die an ihn gerichteten Fragen beantwortet, sodass der Urteilsspruch am Ende nicht überrascht.

    Ins Schwarze trifft deshalb vermutlich erneut Kitty, als sie zum „gefallen“ nach Princeton heimkehrenden Robert sagt: „Du willst dich selbst bestrafen und leiden, um die Schuld, die du auf dich geladen hast, zu sühnen.“ [oder so ähnlich. Habe den Dialog nicht mit-stenografiert, sondern gebe ihn 3 Tage später aus dem Gedächtnis wieder, das bei Männern in meinem Alter leider nicht mehr das allerbeste ist]. Reicht das aus, um keine Albträume mehr zu haben oder gar mit Prometheus verglichen zu werden [wie es zu Beginn der Geschichte suggeriert wird]? Meine Antworten lauten: Ob Oppenheimer überhaupt je von nächtlichen Dämonen befallen wurde, weiß ich nicht und: nicht alles, was hinkt, ist auch ein zutreffender Vergleich. Die jahrhundertelange Qual des Titanen-Sprösslings, festgekettet an eine Felswand im Kaukasus, ist nun wirklich eine andere Hausnummer als der sich in die kuschelige Studierstube zurückziehende Atombomben-Vater.

    Zwischenfazit an dieser Stelle: „Oppenheimer“ ist groß, was die Besetzung angeht, bleibt aber durchgängig kühl bei den Charakteren und lässt streckenweise sogar den Eindruck von Langatmigkeit entstehen.

    2 Änderungsvorschläge

    Jetzt haben Sie wie immer viel gemeckert, Herr Kolumnist; was würden Sie anders machen, wenn Sie der Drehbuchautor wären? Lassen Sie mal hören, meinen Sie? Jap, Sie haben völlig recht – wer kritisiert, sollte auch Verbesserungsvorschläge auf den Tisch legen. Ich versuch’s.

    Vorschlag 1 = unnötiger Ballast über Bord
    „Oppenheimer“ deckt eine Lebensspanne von rund 30 Jahren ab: vom Studium in Cambridge & Göttingen, über die Professur in Berkeley, die 24 Monate in Los Alamos bis hin zur Anhörung vor dem Ausschuss in Washington. Erzählt wird überwiegend linear, eingeflochten sind hin und wieder Rückblenden und zeitliche Sprünge nach vorne; das letzte Drittel ist den Wochen der falschen Anschuldigungen und der flügellahmen Verteidigung gewidmet. Das zieht sich SEHR. Hier wäre weniger – iSv. von Verkürzung der erzählten Zeit – durchaus mehr gewesen. Um den geläuterten Physiker darzustellen [und dessen Wandlung stellt ja das eigentlich Interessante an der Geschichte dar], benötigt man keinen 2-stündigen Vorlauf, da hätten ein paar knackige Sequenzen aus dem Hörsaal und vom Testgelände in der Wüste völlig gereicht. Und im Folgenden Konzentration auf den mit sich selbst ringenden Physiker und das Kreuzverhör, dem er sich im Frühjahr 54 stellen muss. Unterfüttert mit den Fragen: Wie weit kann Wissenschaft gehen? Darf man alles entwickeln und zur Serienreife bringen, was technisch möglich ist? Wann muss ein Erfinder „Stopp!“ rufen und sein „Baby“ leise entsorgen? Oder aber andersherum: Sorgen Nuklearwaffen eventuell für (dauerhaften) (kalten) Frieden, weil die Atomstaaten sie zwar (massenhaft) produzieren, jedoch vor ihrer Anwendung zurückschrecken, weil jedem klar ist, dass dann alle sterben? Um für die gesamte Welt begreiflich zu machen, welch furchtbare Auswirkungen der neue Sprengkörper mit sich bringt, benötigte man im August 45 aber erst mal die Demonstration seiner Explosionskraft. Seitdem herrscht Ruhe, zumindest bezogen auf direkte Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten [ja ja, ich weiß: die führen stattdessen in Afrika und Asien Stellvertreterkriege]. Aber immerhin für Westeuropa läutete der amerikanische Atomraketen-Schutzschild nach 1945 eine bis heute anhaltende Epoche des Friedens ein.

    War der Abwurf zu diesem späten Zeitpunkt des Krieges – die Japaner hatten 4 Monate zuvor bereits ihren letzten vor Kyushu gelegenen Stützpunkt Iwojima geräumt – überhaupt zwingend notwendig? Die Abwehrkraft des Kaiserreichs war nahezu erschöpft. Die Amerikaner hätten Tokio binnen weniger Wochen auch ohne Zuhilfenahme von Little Boy & Fat Man eingekesselt; allerdings drohten große Menschenverluste, um dieses Ziel zu erreichen. Die blutige letzte Schlacht gegen Nazi-Deutschland im Hürtgenwald, die der U.S. Army einen enormen Aderlass beschert hatte, lag erst ein halbes Jahr zurück. Eingedenk dieser Tatsache, und um auf Nummer sicher zu gehen, entschloss sich Truman schließlich für das nukleare Fanal. Von 2 schlechten Möglichkeiten die aus seiner Sicht weniger schlechte wählen. All diese Aspekte hätten deutlicher herausgearbeitet gehört in „Oppenheimer“. Speziell aus dem Mund des Protagonisten würde man gerne solche Fragen vernehmen. Der redet zwar viel, Tiefschürfendes ist jedoch selten darunter. So manifestiert sich am Schluss der Eindruck, dass sich der Vater der Bombe v.a. als Opfer von politischen Intrigen, und nicht als Täter oder gar Massenmörder sieht. Er leidet stoisch wie sein Vorbild Prometheus; bloß hatte der den Menschen das (Lager-) Feuer, und nicht Hiroshima, zum Geschenk gemacht.

    Vorschlag 2 = mehr Gefühle zulassen
    Eine tragische Liebesgeschichte einflechten = Das Dreieck Robert-Kitty-Jean als zweiten Schwerpunkt der Erzählung präsentieren. Die Ingredienzien – wenig Wärme verströmende & auf den beruflichen Erfolg des Mannes fokussierte Ehefrau, gefühlvolle & emotional instabile Geliebte mit ausgeprägtem Hang zu sozialistischer Utopie, den Gesetzen der Physik verhafteter Wissenschaftler & Weiberheld, der gerne beides, familiäre Stabilität & sexuelles Abenteuer, miteinander vereinen möchte und Suizid 1 Beteiligten als letzter Ausweg aus dem Dilemma – lagen ja alle parat; man hätte als Autor bloß beherzt zugreifen müssen. Stattdessen beschränkt sich der Film auf kleine und lauwarme amouröse Sequenzen, als ob man Angst vor der puritanischen US-Zensur gehabt hat. Als sich sich Robert und Jamie nach ungefähr 90 Minuten Handlung nackt in einem Hotelzimmer gegenübersitzen, hoffte ich kurz auf Besserung iSv. mehr Sex & Emotion; 2 Minuten später war Fräulein Tatlock jedoch praktischerweise tot und der Regisseur von weiteren Liebesszenen befreit.

    Für das Gütesiegel „Meisterwerk“ reicht es nicht

    Was bleibt bei mir als Zuschauer haften? Ich kenne jetzt den beruflichen Werdegang von J. Robert Oppenheimer, weiß, dass er als junger Dozent lockere Sympathien für den Sozialismus zeigte, habe erfahren, dass es neben Ehefrau Katherine zeitweilig noch eine Geliebte gab, erlebe ihn als genialen Organisator des Manhattan-Projekts und sehe ihn 10 Jahre danach als stoischen Dulder auf der Anklagebank. 3 Jahrzehnte Leben in 3 Stunden nacherzählt [80 Prozent davon kannte ich (leider) schon], ohne ein bisschen was Spannendes dazu zu dichten. So als ob sich Autor und Regisseur [in diesem Fall ist das Nolan in Personalunion] sklavisch an die Oppenheimer-Biografie gehalten und alles darangesetzt haben, bloß keine historischen Fehler zu begehen.

    Das kann man machen, wenn man die Geschichte mit dem Label „Biopic“ versieht. Das, was eine gute Erzählung ausmacht – nämlich die Heldenreise mit ihren kaum zu überwindenden Hindernissen, eine überraschende Wendung im letzten Drittel garniert mit einer ordentlichen Portion Liebe (egal, ob die in der Schlussminute happy oder tragisch endet) –, fehlt komplett in „Oppenheimer“. Es ist von allen kühlen Werken Nolans das bisher kälteste. Selbst Emily Blunt – sonst eine sichere Garantin für emotionalen Tiefgang – kann die überwiegend langatmig erzählte Story nicht retten. Kategorie = solide gemacht (aber weit entfernt von faszinierend). Das ist definitiv zu wenig, um das Prädikat „großes Kino“ verliehen zu bekommen.

    Von mir gibt’s deshalb auch nur magere 5 Punkte.

    Rubrik: schade.
    +++

    Oppenheimer
     Erscheinungsjahr: (Sommer) 2023
     Länge: 180 Minuten
     Regie: Christopher Nolan
     Drehbuch: Christopher Nolan
     Vertrieb: Universal Pictures
     Besetzung: Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Casey Affleck, Rami Malek, Kenneth Branagh, Jason Clarke, Dane DeHaan, Gary Oldman, Matthias Schweighöfer.

    Erhältlich u.a. bei Amazon Prime.