Autor: Henning Hirsch

  • Volkes Wille oder Sündenfall?

    Volkes Wille oder Sündenfall?

    Nach dem Spektakel, das gestern zur besten Sendezeit im Deutschen Bundestag geboten wurde, fragt man sich als Otto-Normalwähler am Tag danach Zweierlei:

    (A) War es das wert?
    (B) Wie wird es jetzt weitergehen?

    War es das wert?

    Ein, nach der Mordtat von Aschaffenburg in Windeseile zusammengestellter (oder bis vor wenigen Tagen als geheime Verschlusssache im Safe des Konrad-Adenauer-Hauses verborgen gehaltener) 5-Punkte-Katalog, der gemäß Auffassung der Unionsspitze das Problem der „illegalen“ Migration lösen wird, soll mit der Brechstange als sog. Entschließungsantrag durch den Bundestag gepeitscht werden. Darin enthalten als TOP 1 dauerhafte Grenzkontrollen und TOP 2 ausnahmslose Zurückweisung sämtlicher Flüchtlinge, die ohne gültige Ausweispapiere nach Deutschland einreisen wollen. TOP 1 bedeutet das faktische Ende der Schengen-Freizügigkeit, TOP 2 hebelt Art. 16a GG (Asylrecht) weitgehend aus. Der Antrag sei kompromisslos und nicht verhandelbar, erklärt CDU-Chef und Unions-Kanzlerkandidat Friedrich Merz und erbittet die vollumfängliche Zustimmung von SPD und Grünen, die ihm – wen wundert’s bei dieser harschen Einleitung? – prompt verweigert wird. Um den Forderungskatalog dennoch durchs Parlament zu hieven, ist die Union in der Konsequenz zwingend auf die Stimmen von FDP und AfD angewiesen. Beide Fraktionen signalisieren ihre Bereitschaft, CDU/CSU tatkräftig unter die Arme zu greifen. SPD und Grüne warnen vor dem Dammbruch und werben für eine abgespeckte Variante. Der Kanzlerkandidat der Union schürzt die Lippen, pfeift den altbekannten Martin-Luther-Refrain, „Hier stehe ich und kann nicht anders“, und pfeift des Weiteren auf vorherige Absprachen (keine gemeinsame Sache mit der AfD machen). Das Ergebnis ist bekannt: Forderungskatalog wird mit hauchdünner Mehrheit angenommen, die potenziellen Koalitionspartner SDP & Grüne sind arg vergrätzt, dem Unions-Spitzenkandidaten ist der eigene Erfolg spürbar unangenehm, die AfD („Wir tun es für Deutschland“) feiert.

    Und über allem schwebt die Frage aller Fragen: Was zur Hölle bewirkt eigentlich ein Entschließungsantrag? Was ist das? So ne Art unverbindliche Absichtserklärung? Ja, es ist eine unverbindliche Absichtserklärung. Rechtlich nicht bindend für das zukünftige Regierungshandeln. Fällt in dieselbe Kategorie wie der Silvester-Schwur eines Alkoholikers, am Neujahrsmorgen mit dem Trinken aufzuhören. Woran er sich bereits am Abend des 1. Januar nicht mehr erinnert, und auch seine Umgebung hat das zwei Tage danach schon wieder vergessen. Rubrik: Schaulaufen für die Galerie.

    Der einzig plausible Grund, ohne zeitliche Not solch 1 Riesenbombe im Parlament hochgehen zu lassen, liegt in der Hoffnung, unentschlossene Wähler mittels angekündigter Nahezu-Asylrecht-Verunmöglichung davon abzuhalten, ihr Kreuz bei der AfD zu setzen und stattdessen in den Schoß der Union zurückzukehren. Ob diese Hoffnung auf valider Prognose beruht oder sich als reines Wunschdenken entpuppt, bleibt abzuwarten. Der aktuelle Trend sieht eher ein Schmelzen des schwarzen bei gleichzeitigem Anstieg des blauen Balkens.

    Wie wird es jetzt weitergehen?

    Das In-Bewegung-setzen der Abrissbirne muss nicht zwangsläufig dazu führen, dass die Brandmauer in Bälde einstürzt. Noch wirken die Maschinisten erschrocken und geloben feierlich, dass der gestrige Tabubruch ein einmaliger Vorgang gewesen sei und sich so schnell nicht wiederholt. Ob dieses Gelöbnis mehr wert ist als der Schwur unseres Alkoholikers, ab morgen abstinent zu leben, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Schon am morgigen Freitag wird ein weiterer Vorschlag der Union im Bundestag debattiert und entschieden, das sog. ZustrombegrenzungsG. Können CDU/CSU dann der Versuchung des schnellen Erfolgs widerstehen, falls es erneut nur mittels Unterstützung durch die AfD funktionieren sollte?

    Man muss kein chronischer Pessimist sein (altersbedingt bin ich leider einer geworden), um vorherzusehen, dass Koalitionsverhandlungen zw. Union und SPD seit gestern schwieriger und mit den Grünen weitgehend unmöglich geworden sind. Diente der 5-Punkte-Katalog also nur vordergründig unserer Sicherheit vor Messerattacken & Weihnachtsmarkt-Amokfahrten und soll vielmehr den Weg zu schwarz-blauen Sondierungen ebnen? Weil Rot & Grün aufgrund der großen Unterschiede beim Megathema Asyl auch bei massivem Verbiegen nicht mehr mit Schwarz zusammengehen wollen? Schwarz-Blau vllt mit einem Kanzler Spahn (der diese Farbkombination, im Unterschied zu Friedrich Merz, nie völlig ausgeschlossen hat) und einer Vize Alice Weidel? Ein Schelm, wer so was Böses hinter dem gestrigen Move vermutet? Schau’n wir mal, in welche Richtung sich die vertrackte Gemengelage nach dem 23. Februar entwickeln wird.

    2 Sündenfälle

    Für mich persönlich besteht der Sündenfall weniger darin, dass sich die Union des brisanten Themas Migration annimmt. Auch die Forderung nach Verschärfung der jetzigen Praxis halte ich für legitim. Nicht jeder ist ein woker Grüner und träumt von Multikulti, nicht jeder freut sich über die Vorstellung, das neue Deutschland solle möglichst bunt sein, nicht jedem ist wohl bei dem Gedanken, dass bei uns Parallelgesellschaften entstehen und es bspw. im früher mondänen Bonn-Bad Godesberg mittlerweile aussieht wie in einem Vorort von Damaskus. Nicht jeder akzeptiert religiös hervorgerufene Gewalt als statistisch bedingte Einzelunfälle, nicht jeder möchte on top zum einheimischen Antisemitismus zusätzlich noch muslimischen Judenhass importieren. „Nicht jeder“ ist dabei ein Euphemismus; in der Realität sieht das die Mehrheit der Deutschen – und zwar parteiübergreifend – so. Daher ist es von CDU/CSU völlig okay, dieses heiße Eisen in die Hand zu nehmen und Lösungen zu präsentieren. Ob die Ideen alle ausgegoren und rechtskonform sind, daran habe ich allerdings gelinde Zweifel. Die Schließung unserer Grenzen kann nicht im Sinne des europäischen Gedankens sein, die Aushebelung des Grundrechts auf Asyl verstößt gegen die Menschenwürde. Weniger (Härte) hätte sicher mehr (Zustimmung von SPD & Grünen) bewirkt. Zudem fragt man sich, weshalb das Thema jetzt, 4 Wochen vor der Wahl, plötzlich so an Bedeutung gewinnt. Warum wurde der Forderungskatalog nicht schon im vergangenen Jahr eingebracht, wieso hat die Erarbeitung von (belastbaren) Vorschlägen nicht Zeit bis nach dem 23. Februar? Weil’s weniger um die konkrete Lösung als vielmehr um schnelle Punkte im Wahlkampf geht? Ein Schelm, der … (ja ja, ich wiederhole mich).

    Der Sündenfall besteht auch nicht darin, dass die AfD dem Antrag zugestimmt hat (hat die FDP übrigens ebenfalls); das kann passieren und darf nicht zur alleinigen Richtschnur werden, ob ein Vorhaben sinnvoll ist oder nicht. Andernfalls müsste ja jeder Vorschlag, der auf Sympathie bei den Rechtsaußen stößt, sofort wieder zurückgezogen werden. Das kann der Weisheit letzter Schluss wirklich nicht sein.

    Der Sündenfall (genau genommen sind es sogar 2) besteht allerdings darin, sich nicht an eine entsprechende Verabredung vom vergangenen November – keine Mehrheit herbeiführen, für die AfD-Stimmen notwendig sind – gehalten u.v.a. sehenden Auges diese fatale Situation heraufbeschworen zu haben. Denn es war vorher unmissverständlich klar gewesen, dass SPD & Grüne nicht mitziehen und deshalb der Beifall von Rechtsaußen zwingend notwendig wird. Der Zweitgenannte ist dabei der schlimmere Sündenfall.

    Fazit = zu wenig

    Auf der Sollseite notieren wir mithin: hastig zusammengezimmerte Vorschläge, die zu einem Zeitpunkt präsentiert wurden, an dem sie nicht präsentiert werden mussten plus 1 Sündenfall, dem im Haben einzig die Hoffnung auf zwei, drei zusätzliche Prozentpunkte gegenübersteht (Eintrittswahrscheinlichkeit ungewiss). Unterm Strich ist das (zu) wenig, um als seriöse Politik eingestuft zu werden. Viel Parlamentsgetöse für kein Ergebnis. Rubrik. Vorstellung, die besser nicht gegeben worden wäre.

    Für mich als Otto-Normalwähler bleibt nur zu hoffen, dass die Abrissbirne nur 1x gestern zum Einsatz kam und nun erst mal wieder bis auf Weiteres im Geräteschuppen verschwindet.

  • Der ungeschminkte(?) Westen

    Der ungeschminkte(?) Westen

    American Primeval (amerikanische Urzeit) läuft seit Anfang Januar auf Netflix. Wird wg. des ungeschönten Blicks auf den (Wilden) Westen gelobt u als Musst-du-unbedingt-gesehen-haben in den Kommentarspalten von Facebook angepriesen. Ich habe mir die insg. 6 Episoden deshalb vorgestern & gestern Abend angeschaut u gelange am Schluss zu einem durchwachsenen Urteil. Aber, erst mal der Reihe nach.

    Linearer Handlungsstrang vor historischem Hintergrund

    Die Geschichte ist schnell erzählt. Im Herbst 1857 stehen die von der Ostküste stammende Mrs. Sara Rowell & ihr ca. 12-jähriger Sohn Devin im Niemandsland von Missouri vor 1 Provinzbahnhof (dort enden die Gleise) u warten auf 1 Führer, der sie nach Utah eskortieren soll, wo der 10 Jahre vorher gen Westen aufgebrochene Ehemann/Vater angeblich zu Reichtum gekommen ist. Die Reise führt über Wyoming, wo sie an einem Handelsstützpunkt witterungsbedingt stoppt. Da der Begleiter dummerweise bei einer Schießerei sein Leben lässt, schließen sich die 2 Rowells nun einer Gruppe Mormonen auf ihrem Zug ins gelobte Land an. Der Treck wird überfallen (interessanterweise von anderen Mormonen), nahezu sämtliche Pilger gemeuchelt; Mutter & Sohn gelingt die Flucht zurück ins Fort. Weil sie dort nicht überwintern wollen, vertrauen sie ihre Leben jetzt dem schweigsamen Trapper Isaac Reed (Taylor Kitsch) an, der zufällig auf derselben Route unterwegs ist. Gemeinsam mit 1 jungen Shoshonin, die auf den schönen Namen „Zwei Monde“ hört, machen sie sich auf den beschwerlichen Weg … mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Das ist visuell gut in Szene gesetzt: die Bilder überwiegend dunkel eingefärbt, viel Liebe zum Detail, alles ist morastig, schmuddelig, schroff, blutig, Whisky-geschwängert. Im Minutentakt werden Statisten erschossen, mit Pfeil & Bogen niedergestreckt o schädelgespalten. Düstere Stimmung, wohin das Auge auch blickt. Als Zuschauer fühlt man sich sofort in die Frühphase des Wilden Westens teleportiert, als Männer nur 1x/Quartal badeten u die Frauen auch nicht viel häufiger. Die Siedler sind raubeinig, die Indianer teils edel, teils 24/7 auf dem Kriegspfad, die Kavallerie auf ihrem am weitesten vorgeschobenen Außenposten mehr Staffage als ernstzunehmender Konfliktteilnehmer. Und dann noch die Mormonen: auf der Suche nach dem gelobten Land, das sie in Utah erkannt zu haben glauben, gottesfürchtig zum Erbrechen u zu jedem Verbrechen bereit, um ihre Mission zu erfüllen.

    An dieser Stelle 1 kleiner historischer Exkurs:
     Utah gehörte bis 1848 zu Mexiko. Der Zustrom der weißen Amerikaner setzte um 1850 ein.
    Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (sog. Mormonen) wurde 1830 in Upstate New York gegründet. Wg. ihres Sektierertums (v.a. Polygamie) von den Behörden streng reguliert zogen die Anhänger gen Westen, um dort ihren Glauben ungehindert ausüben zu können. Via Ohio & Missouri gelangten sie schließlich ins Utah-Territorium, wo sie den Endpunkt ihres Exodus verorteten.
     Das Mountain-Meadows-Massaker ereignete sich am 11. September 1857, als einheimische Mormonen-Milizionäre, begleitet von verbündeten Ureinwohnern, etwa 120 Emigranten massakrierten, die mit ihren Wagen nach Kalifornien reisten.

    Irgendwas fehlt an dieser Geschichte

    Wir haben es also mit 1 fiktiven Geschichte – Trapper rettet Ostküsten-Familie mehrmals das Leben – zu tun, die vor einem historisch korrekten Hintergrund spielt. Das wird durchgängig flott präsentiert (kein Wunder: Regisseur Peter Berg ist ein alter Action-Kino-Bekannter. Von ihm stammen Blockbuster wie „Hancock“, „Battleship“, „Lone Survivor“, „Boston“ u „Mile 22“), Verschnaufpausen gibt es keine, langweilig wird es nicht. Und trotzdem fehlt was (zumindest mir); als ich gestern um Mitternacht auf den Aus-Schalter drückte, war ich irgendwie nicht zufrieden mit der Geschichte. Okay, es wird geballert, gemordet, vergewaltigt, Tieren die Haut abgezogen, klaffende Wunden mit Schnaps gereinigt u all so’n Zeug, um 1 möglichst authentisches WILD-West-Feeling zu vermitteln. Der Brutalitätsfaktor ist durchgängig hoch; für meinen Geschmack zu hoch, da wäre weniger wahrscheinlich mehr gewesen. Aber das war es nicht, was mich störte; es war was anderes. Als ich mir gegen halb 1 die Zähne putzte, wurde mir allmählich klar, worin das (große) Manko dieser Serie besteht; nämlich im Nicht-Vorhandensein 1 alle Episoden überspannenden Erzählung. Die Protagonisten sind von Anfang an gesetzt & fertig. Man erfährt so gut wie nichts über ihre Vorleben; Figurenentwicklung (1 essenzielles Charakteristikum von Serien) findet nur sparsamst dosiert statt, Plot-Twists = Fehlanzeige. Und, Geheimnis aller Geheimnisse: Warum überfallen „alteingesessene“ Mormonen 1 Treck mit neu hinzukommenden Glaubensbrüdern?

    Weniger (Brutalität) wäre mehr gewesen

    Man kann so ne Geschichte durchaus filmisch umsetzen. Dann wäre jedoch ein 90- (o von mir aus auch 120-) Minuten-Einteiler das bessere Format, als die dünne Story zu einer Serie auszuwalzen. Zumal ja, bis auf die Sache mit den Mormonen, jetzt nichts Neues präsentiert wurde. Trapper, der als Kind bei Indianern aufwuchs, feine Dame von der Ostküste, die sich während der langen Reise in kalten Winternächten am Lagerfeuer in den Trapper verliebt, verderbte u für ne Pulle Bourbon sich gegenseitig abknallende Saloon-Besucher, teils-teils Ureinwohner, Kavallerieoffizier, der die Landnahme durch den weißen Mann für Unrecht ansieht, aber trotzdem auf die Indigenen schießen lässt, kennt man zur Genüge aus älteren Produktionen des Westerngenres, wo Konfliktlinien & Gewissensbedrängnis oft besser herausgearbeitet wurden als in „American Primeval“.

    Rubrik: Altbekanntes neu eingefärbt u mit VIEL Brutalität aufgemotzt.

    (wohlwollend) 6 Punkte
    +++

    Auf: Netflix

  • Die schwarze Grün-Paranoia

    Die schwarze Grün-Paranoia

    Wer als braver Parteien-der-Mitte-Wähler morgens die Zeitung aufschlägt, abends die Nachrichten im TV anschaut oder durch Facebook & Twitter/X scrollt, bekommt seit Wochen die „frohe“ Botschaft verkündet = die Grünen sind unfähig oder gar pfui und an die Regierung darf man diesen desolaten Haufen schon mal gleich überhaupt nicht lassen, will man als deutscher Steuerzahler nicht Gefahr laufen, dass der Wir-steigern-das-Bruttosozialprodukt-Karren vollends gegen die Wand gefahren wird. Garniert mit ein paar Firmeninsolvenzen und Ankündigungen von Mittelständlern, ihre Produktion demnächst ins kostengünstigere Ausland zu verlagern, entsteht beim um seinen persönlichen Wohlstand bangenden und von diffusen Abstiegsängsten geplagten Bürger allmählich der Eindruck, wir befänden uns kurz vor dem Rückfall ins Zeitalter des Naturaltauschs. Als ob das für sich alleine genommen nicht schon alarmierend genug ist, sind die Grünen ebenfalls verantwortlich dafür, dass wir die Einwanderung in unser schönes Land nicht besser in den Griff bekommen, weil Linke sich halt lieber mit Gendern als mit richtigen Problemen beschäftigen. Aus dem ursprünglichen Quartett, das mir als notorischem Wechselwähler bisher für mein Kreuzchen zur Verfügung stand, wird also 1 Akteur rausgemobbt, und übrig bleibt ein Trio, das sich aus Union, FDP und SPD zusammensetzt. Da die Liberalen – unterstellt, sie schaffen überhaupt den Sprung über die 5-Prozent-Hürde – in 2025 nicht für die Mehrheitsbeschaffung benötigt werden, gibt’s wenig Grund, sie am 23. Februar zu wählen (es sei denn, man ist ein Libertärer, der mehr Musk & Milei wagen möchte). Dann sind es plötzlich nur noch 2, zwischen denen ich mich entscheiden darf. Und da diese 2 mit einiger Wahrscheinlichkeit zum 127sten Mal miteinander koalieren werden, ist es eigentlich egal, wohin mein Würfel fällt; denn sowohl mit CDU als auch SPD erhalte ich am Ende ne (klitzekleine) Groko. Nur das Personal wird ein anderes sein als bei der letzten Auflage dieses immerwährenden deutschen Schauspiels.

    Immer vs. bisher

    Nun wäre das Grünen-Bashing nur halb so schlimm, wenn wir es in die Rubrik „Wahlkampfgeklingel“ einsortieren könnten. Jede Partei versucht, sich von den anderen abzugrenzen, jede stellt nen eigenen Kanzlerkandidaten auf, jede träumt von der eigenen Mehrheit. Wenn dann am Abend des 23. Februar die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme flimmern, alle Parteien feststellen, dass es mal wieder zur alleinigen Mehrheit nicht gereicht hat und zwangsläufig eine Koalition geschmiedet werden muss, wenn man das Land regieren möchte, wird auf den Aschermittwochskater rasch Ernüchterung folgen, alle 4 Spieler des Parteien-der-Mitte-Quartetts haben sich wieder lieb, setzen sich an einen Tisch und loten in Sondierungsgesprächen Gemeinsamkeiten für eventuell anschließende Koalitionsverhandlungen aus. So war es bisher immer nach Bundestagswahlen.

    Jedoch liegt die Betonung dieses Mal mehr auf „bisher“ als „immer“. Denn im Unterschied zu bisher gibt es 2025 zwei Besonderheiten:
     Die AfD schickt sich an, zweitstärkste Kraft im kommenden Bundestag zu werden
     Das Grünen-Bashing der Union (und hier speziell aus den Reihen ihres kleinen süddeutschen Ablegers) ist um den Faktor 10 schriller als gewöhnlich in Wahlkampfzeiten.

    Jetzt fragt man sich als braver Parteien-der-Mitte-Wähler zweierlei:
    (1) Warum wird, ohne erkennbare Not, die mögliche Partnerauswahl von 2 (SPD & Grüne) auf 1 (SPD) eingeschränkt?
    (2) Was passiert, falls sich Union und SPD nicht einigen können? Werden die Grünen dann doch wieder über Nacht salonfähig, oder liegt für diesen Fall ein Geheimplan im Safe des Konrad-Adenauer-Hauses verborgen?

    Anti-grün Argumente überzeugen nicht

    Auch durch intensives Zeitunglesen (Publikationen verschiedener Couleur, um nicht Gefahr zu laufen, mich vom linksgrünen Mainstream indoktrinieren zu lassen) und Studium VIELER Facebook-Beiträge ist es mir nicht gelungen, 1 plausiblen Grund für die neue schwarze Grün-Paranoia zu entdecken. Staatstragender – für Konservative eigentlich ein superwichtiges Kriterium – als die aktuellen Grünen geht’s doch kaum noch. Im Vergleich zu Robert Habeck mutet selbst Olaf Scholz wie ein Hasardeur an, von den Polit-Hallodris Linder & Söder ganz zu schweigen. Wer verkörpert den Die-Ukraine-muss-siegen-Gedanken glaubwürdiger als Anton Hofreiter? Wann hat man von den Grünen in den letzten Jahren irgendwas anti-europäisches oder gar „Wir müssen raus aus der NATO“ gehört? Habeck regt mittlerweile sogar eine deutliche Aufstockung des deutschen Wehretats an, damit wir im Erlebnisfall unserer Bündnispflicht nachkommen können. Und diese, vollumfänglich auf dem Boden der FDGO stehende, Partei soll nun der alleinige Auslöser der deutschen Tristesse sein? Wer jenseits von Hardcore-Konservativen soll dieses Märchen glauben? Ja ja, das gescheiterte Heizungsgesetz – echt jetzt? Wie viele Gesetzesvorhaben haben denn die 4 Kabinette Merkel in den Sand gesetzt, ohne dass der CDU deshalb die Regierungskompetenz abgesprochen wurde?

    Das Argument, die Union erziele nur mittels STRIKTER Abgrenzung zu den Grünen ein gutes Wahlergebnis, überzeugt nicht. Zum einen ist die Schnittmenge der beiden Wählermilieus groß, zum anderen dümpeln CDU& CSU in den Prognosen seit Monaten bei knapp über 30 Prozent. Dass man in den verbleibenden knapp 7 Wochen bis zum Stichtag da weitere 10 Punkte durch Grünen-Bashing drauflegen kann, glaubt außerhalb von Kloster Seeon niemand ernsthaft. Ebenfalls die Erklärung, Schwarz-Grün führe unweigerlich zu Hellblau, ist zu kurz gedacht. Das passiert nur dann, falls Schwarz und Grün sich gegenseitig blockieren, mehr zanken als gestalten und sich öffentlich beschimpfen. Wenn respektvoll miteinander umgegangen wird und seriöses Regieren im Vordergrund steht, ist Schwarz-Grün genauso ne valide Option wie Schwarz-Rot (zur Erinnerung: am kakophonsten ging’s im Kabinett Merkel 2 zu. Damals hieß der Partner: FDP). Warum sollte auf Bundesebene nicht das gelingen, was in den Ländern Ba-Wü, NRW und S-H ganz passabel klappt?

    Zahlen ermöglichen 3 Farbkombinationen

    Wären heute Wahlen, käme es zu diesen Ergebnissen:
     CDU/CSU: 31,1%
     AfD: 19,1
     SPD: 16,0
     Grüne: 13,8
     BSW: 5,2
     FDP: 3,7
     Linke: 3,1
     FW: 1,8
     Sonstige: 6,2%
    Quelle: https://dawum.de/Bundestag/

    [Besonderheit: DAWUM wertet kontinuierlich die Befragungen von 7 Instituten aus, gewichtet die Prognosen anhand der Anzahl der Teilnehmer und errechnet den Mittelwert].

    Dies führt zu folgender Sitzverteilung:
    Union: 230
    AfD: 141
    SPD: 118
    Grüne: 102
    BSW: 39
    Quelle: https://dawum.de/Bundestag/

    [Der neue Bundestag ist kleiner als der momentane = in Zukunft nur noch 630 Sitze. Falls FDP und Linke beide draußen bleiben sollten, reichen bereits 43% der Stimmen, um die Mehrheit im Parlament (316 Sitze) zu erzielen].

    Wie man unschwer erkennt, sind 3 Zweierkonstellationen theoretisch (praktisch natürlich auch) möglich:
    (A) Schwarz-Hellblau
    (B) Schwarz-Rot
    (C) Schwarz-Grün

    Da (A) mit einer Brandmauer versehen ist und (C) immer mehr verunsödert wird, bleibt als einzige Option nur (B). Was aber, wenn die SPD Steuern für die Reichen erhöhen, die Schuldenbremse aussetzen, Mindestlohn & Bürgergeld anheben und schnell Frieden mit Moskau schließen will (und zudem wenig Bock hat, zum 127sten Mal den Juniorpartner zu spielen)? Falls also diese Gespräche platzen sollten -> was dann? Kehrtwende um 180° – das ganze Antigrün-Gerede Schnee von gestern? Oder weitere Neuwahlen (bis das Ergebnis endlich passt) oder dann doch der Abriss der Brandmauer? Weil ja Rechtspopulisten/-extreme eingehegt in ein konservatives Kabinett gar nicht so schlimm sind (und in Regierungsverantwortung selbstverständlich entzaubert werden)? Rubrik: 1933 lässt grüßen.

    Paranoia im Verein mit bajuwarischem Führungsanspruch

    Da die oben genannten Argumente allesamt nicht ausreichen, um als braver Parteien-der-Mitte-Wähler das momentan recht exzessiv demonstrierte Grünen-Mobbing zu begreifen, bleiben 2 Erklärungsansätze:
    (1) Die Konservativen sind bei ihrer Öko-Impression in den 80-ern hängengeblieben. Damals beherrschten selbstgestrickte Pullover, unrasierte Frauenbeine, Anti-AKW-Demonstrationen, Sitzblockaden vor Endlagern, pazifistische Ostermärsche und der im Parlament Turnschuh tragende Joschka Fischer das Bild. Seitdem hat sich jedoch VIEL bei den Grünen geändert. Kaum vorstellbar, dass Robert Habeck heutzutage Seite an Seite mit Gert Bastian gegen den NATO-Doppelbeschluss zu Felde zöge, oder gemeinsam mit Petra Kelly „Schwerter zu Pflugscharen“ anstimmt.
    (2) Es geht gar nicht so sehr um anti-grün, sondern mehr um die Pflege 1 bajuwarischen Egos. Gemäß dem Motto: Wenn ich nicht Kanzler sein kann, dann diktiere ich zumindest die Bedingungen, unter denen diese Kanzlerschaft stattfinden darf. Völlig egal, ob ich vor kurzem noch Bäume umarmt habe.

    Am wahrscheinlichsten ist dabei der Mix aus (1) + (2) = ein Hybrid zwischen schwarzer Grün-Paranoia und gekränktem bayerischen Selbstwertgefühl, das in einen destruktiven Führungsanspruch umgeschlagen ist. Rubrik: Fragt mal Herrn Laschet.

    Wollen wir für das Wohlergehen unseres Landes hoffen, dass im Frühjahr eine stabile Regierung zustande kommt, die im Anschluss intern geräuscharm die gesamte Legislaturperiode überdauert. Ob die Farbkombination Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün lautet (Schwarz alleine wird es nicht, und ebenfalls Schwarz-Gelb ist – Stand heute – ausgeschlossen), ist dabei zweitrangig. ALLES ist besser als Faschisten in Regierungsverantwortung!

  • Ein unbekanntes Virus

    Ein unbekanntes Virus

    Ulla war so alt wie ich
    vielleicht ein Jahr jünger oder älter
    wir kannten uns aus der Tanzstunde
    hatten in der Pfarrdisco
    zu Rod Stewarts „Sailing“ wild gefummelt
    dann verlor ich Ulla aus den Augen
    hörte, dass sie die Schule geschmissen hatte
    mit Freiern rumzog,
    in Clubs tanzte
    trank und Linien zog
    eine Welt, die mir Milchbubi fremd war

    In einer lauen Frühlingsnacht traf ich sie vor dem Coconut
    Ulla balancierte auf roten Pumps
    hatte eine riesige Designertasche umgehängt
    „Du hier?“, sagte sie
    fischte mich aus der langen Schlange heraus
    und hakte sich bei mir ein
    „Das ist mein kleiner Bruder“, erzählte sie dem Hünen von Türsteher
    „Blamier mich bloß nicht“, flüsterte sie mir ins Ohr

    An der Theke bestellte ich ein Bier
    „Du Kleinkind“, kicherte Ulla
    sie schob mir einen Whiskey Sour zu
    „Auf ex!“
    ich gehorchte. Mir wurde es warm im Bauch und
    heiß ums Herz
    eine halbe Stunde später knutschten wir auf dem Männerklo
    „Wo hast du gesteckt?“, fragte Ulla
    „Schule, Fußball, Partys mit den Kumpels“
    „Wie langweilig“
    wir tranken abwechselnd Wodka, Gin und bunte Cocktails

    Um drei Uhr nahm sie mich mit in ihre Wohnung
    „Du weißt, wie es funktioniert?“
    „Klar!“
    ich versagte komplett
    wusste nicht, wohin mit meinem Schwanz
    spritzte nach drei Minuten ab
    „Du bist ein elender Lügner. Es war deine allererste Nummer, und
    die war das Schlechteste, was ich bisher erlebt habe“
    danach schlief sie an meiner Schulter ein
    während ich stundenlang wach lag

    Wir vögelten nun ein- oder zweimal in der Woche
    meistens Dienstag- und Mittwochnachmittag, wenn Ulla frei hatte
    ich erkundigte mich nicht nach ihrem Job
    ahnte, womit sie ihre Kohle verdiente
    wollte es aber nicht so genau wissen
    abends lernte ich für meine Prüfungen
    Ulla tanzte in den Clubs der Stadt

    Sie kannte viele Männer. ließ mich gerne zappeln, versetzte mich
    ging nicht ans Telefon
    öffnete nicht, wenn ich wütend sturmklingelte
    „Du bist süß, aber zu jung für mich“, hauchte sie im Bett
    und fuhr mit der Zunge durch mein Ohr
    „Leck mich!“, schrie ich
    sprang auf und zog mich in Windeseile an
    „Du wirst zurückkommen. Immer wieder“, lächelte sie
    „Nein!“
    ich knallte die Tür ins Schloss und schwor
    sie nie mehr wiedersehen zu wollen
    FUNKSTILLE

    Ein paar Monate später war Ulla tot
    „Das neue unbekannte Virus. Hochgradig ansteckend“,
    erklärte mir eine gemeinsame Freundin
    ich schwitzte, ging zum Urologen
    und ließ mich durchchecken
    große Beerdigung
    zig hundert Menschen, etliche weinten
    ich hatte keine Ahnung gehabt, wie viele Leute Ulla kannte

    Das nächste halbe Jahr rührte ich keine Frau an
    döste in der Schule, konnte mich auf nichts konzentrieren
    wurde beim Fußball auf die Ersatzbank gesetzt
    war ständiger Gast im Coconut, trank alleine Whiskey Sour
    bekam Herzstiche am Urinal
    während ich ihren Namen an die Kacheln pisste

    In der Adventszeit besuche ich regelmäßig ihr Grab
    Ulla D. … † Dezember 1983
    steht dort in schlichten weißen Buchstaben auf schwarzem Stein geschrieben
    manchmal bringe ich Blumen mit, aber nicht immer.

    © H.H.

  • Schweinehälften

    Schweinehälften

    In diesem Jahr schloss der FC die Saison als Achter ab. Im Pokal bereits in der zweiten Runde rausgeflogen. Zumindest auf europäischer Ebene das Halbfinale erreicht, wo man dann gegen Ipswich die Segel streichen musste. Alles in allem recht mager für eine Mannschaft, in der Schumacher, Cullmann, Engels, Dieter Müller, Bonhof, Woodcock und die blutjungen Littbarski und Bernd Schuster spielten. Ich hatte die vorletzte Partie von der Südkurve aus angeschaut. 1:2 verkackt. Und das ausgerechnet gegen Düsseldorf. Ich war restlos bedient und schwor mir, das Müngersdorfer Stadion nie mehr zu betreten.

    Unser Nachbar kann Menstruation riechen und gibt mir maximal 60 Lebensjahre

    Und nun stand ich drei Wochen später an einem subtropisch schwülen Donnerstagnachmittag Ende Juni im Wohnzimmer unseres Nachbarn. „Ich kann es riechen, wenn Frauen ihre Tage haben.“ Der Nachbar saß in mausgrauer Jogginghose breitbeinig auf seinem roten Ledersofa und nahm einen tiefen Zug aus einer Flasche Küppers. „Sie merken das wirklich?“ Mich interessierte das Thema nicht allzu sehr, aber ich wollte freundlich sein, weil er mir vor zehn Minuten einen lukrativen Job angeboten hatte.

    „Ich arbeite seit dreißig Jahren im Fleischgeschäft. Schlachte jeden Tag hunderte Schweine. Glaub mir, Kleiner: falls einer hier im Viertel weiß, wie Blut riecht, dann bin ich das … und sag nicht Sie zu mir. Ich bin Karl-Heinz.“
    „Wozu soll das gut sein?“ Das Thermometer zeigte am frühen Abend noch 30 Grad; ich war müde und geistig träge.
    „Wozu das gut sein soll? Will ich dir gerne erklären.“ Karl-Heinz rülpste, sein Bieratem kroch über den Wohnzimmertisch und stieg mir in die Nase. „Frauen sind in den Tagen ihrer Menstruation besonders empfindsam und willig.“ Er schnalzte genießerisch mit der Zunge, so als ob er in Gedanken gerade in einem Porno mitspielte.
    „Ist das nicht ein bisschen eklig?“
    „Du bist zwar jung. Trotzdem hätte ich bei dir mehr Erfahrung in Bezug auf Weiber vermutet. Na ja, lassen wir das Thema. Bringt nichts, sich mit einem Grünschnabel über Sex zu unterhalten.“

    Bei Karl-Heinz war ich mir oft unsicher, ob er bereits als Arschloch auf die Welt gekommen war oder sich im Lauf einer verkorksten Kindheit und Jugend erst zu einem entwickelt hatte. Er schien sich aber darüber im Klaren zu sein, dass alle Welt ihn hasste und ging mit dieser Tatsache recht souverän um. Dafür bewunderte ich ihn; obwohl ich ihn eigentlich zum Kotzen fand. Schizophrenie eines 19-Jährigen.
    „Wann kann ich anfangen?“
    „Am besten heute Nacht.“
    „Heute schon?“
    „Du bist völlig abgebrannt; brauchst dringend Kohle. Was also spricht gegen heute Nacht?“
    „Nichts“, antwortete ich und dachte Scheiße, weil ich mich mit Caroline verabredet hatte, der ich vorher noch absagen musste.

    „Dann gehe ich jetzt nach Hause und lege mich zwei Stunden aufs Ohr, damit ich nachher fit bin.“
    „Tu das und komm an deinem ersten Arbeitstag bloß nicht zu spät. Sonst schmeiße ich dich sofort wieder raus. Völlig egal, ob du der Sohn vom Nachbarn bist. Ich bevorzuge niemanden.“
    „Klar; ich werde pünktlich sein.“ Ich stand auf. Als ich die Türklinke berührte, rief Karl-Heinz in meinem Rücken: „Du wirst nicht alt werden.“
    „Wie meinst du das?“
    „Ich kann nicht nur den Geruch von Blut unterscheiden, sondern sehe Tieren und Menschen an, wann sie sterben werden … du mit circa 60.“
    „Lass mich in Ruhe mit dem Unsinn! Sonst suche ich mir was anderes.“
    „Du wirst exakt um Mitternacht hier sein“, sagte der Nachbar, ließ seinen Kopf nach rechts fallen und schlief mit geöffnetem Mund auf dem roten Sofa ein.

    „Versoffenes Arschloch“, murmelte ich, während ich über den Gartenzaun stieg. Obwohl ich noch keine zwanzig war und mich kerngesund fühlte, betrübte mich die Aussicht auf meinen frühen Tod. Spontan beschloss ich, ab sofort jeden Tag so zu genießen, als ob es der letzte wäre. Aber zuerst mal wartete der Job im Kölner Schlachthof auf mich.

    Nächtlicher Weg zum Schlachthof

    Um halb zwölf schlich ich leise aus dem Haus. Meine Eltern hatten zwar kein Problem damit, dass ich mir Geld dazu verdiente, mit der Arbeit im Schlachthaus wären sie jedoch auf keinen Fall einverstanden gewesen. „Zu blutig, unappetitlich … nachts solltest du schlafen“ und solche Sachen hätten sie gesagt. Von daher war es besser, sie gar nicht erst zu informieren. Zwanzig Mark war ein guter Stundenlohn; dafür würde ich auch Toiletten reinigen. Den Weg kannte ich schlafwandlerisch: die Nussbaumer entlang zum Gürtel, nach rechts bis zur Subbelrather, dort links, unter der Bahn durch, und ein paar hundert Meter weiter stand ich vor dem Eingangstor. Eine viertel Stunde zu früh; aber das war okay, denn ich musste nun noch das Büro von Karl-Heinz finden.

    »Wo sitzt Herr Profitlich?«
    »Im Keller. Bei den Schweinen«, antwortete ein Hüne, einen Kopf größer und doppelt so breit wie ich.
    »Wie komme ich dahin?«
    »Dahinten die Treppe runter. Wenn du magst, kannst du aber auch mit den Viechern im Lift fahren.« Er wieherte wie ein alter Gaul und entblößte dabei sein Gebiss, in dem jeder zweite Zahn fehlte.

    Ich nahm die Stufen. Je tiefer ich nach unten gelangte, desto wärmer wurde es. Süßer Blutgeruch waberte durch die Gänge. In einem großen Raum, der mit hundert Neonlampen taghell erleuchtet war, entdeckte ich Profitlich. Er stand an einem Gatter und betrachtete ein paar Dutzend verängstigte Schweine.
    «Du bist pünktlich. Schon Mal ein guter Anfang … das ist Henning, Sohn meiner Nachbarn», stellte er mich zwei Typen vor, die von Physiognomie und Körperbau her die Brüder des Pferds von oben zu sein schienen. Beide steckten in blutbesudelten Kitteln und trugen Gummistiefel.

    «Horst und Vitalij. Die werden dir zeigen, wie du dich nützlich machen kannst.»
    «Komm mit und schau einfach zu.»
    «Eigentlich müssten wir ihn erstmal mit Blut taufen», brummte Vitalij.
    «Das hat bis morgen Zeit. Sonst haut der Kleine sofort wieder ab.» Horst schien über größere Menschenkenntnis als sein Arbeitskumpel zu verfügen.
    «Welche Klamottengröße hast du?», fragte er.
    «Normalerweise 50.»
    «Das ist ungefähr Medium … komm mit. Lass uns nachsehen, ob wir was Passendes für dich hier haben.»

    Ich begleitete ihn zu einem Spind, aus dem er Hose und lange Schürze hervorholte. Ich legte meine Jeans auf einen klapprigen Holzstuhl und schlüpfte in die Arbeitskleidung hinein.

    In die Arbeitsklamotten muss ich noch reinwachsen

    «In Ordnung?»
    «Kneift ein bisschen. Wenn ich zwei Kilo abnehme, dann ist’s okay.»
    «Also passt’s. Schuhgröße?»
    «Zwischen 42 und 43.»
    «Sonderanfertigungen haben wir nicht. Probier die mal.»
    «Das ist 44.»
    «Kleinere sind im Moment ausgegangen. Zieh morgen dicke Wintersocken an.»
    «Klar.»
    «Kopf?»
    «Was meinst du?»
    «Na, wie groß ist dein Schädel?»
    «Keine Ahnung.»
    «Sieht groß aus. Hier eine Mütze für dich.»

    Ausstaffiert mit gebrauchter – aber immerhin frisch gewaschener – Arbeitskleidung stiefelte ich in den zu großen Gummischuhen zurück zu Vitalij und Profitlich. Der Nachbar wählte gerade mit Kennerblick dreißig Tiere aus und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass wir uns nun um alles Weitere kümmern sollten. Wir trieben die kleine Herde in den Nachbarraum, wo die Schweine mit einer Elektrozange, die ihnen hinter die Ohren geklemmt wurde, betäubt wurden. Sie sanken mit weit aufgerissenen Augen, quiekend und seufzend zuerst in die Knie, bevor sie bewusstlos zur Seite rollten. Ich spürte ein schlechtes Gewissen, beruhigte mich jedoch mit dem Gedanken an die Kohle, die ich hier verdienen konnte.

    «Na Kleiner, hält dein Magen das aus? Es wird gleich noch spannender.» Der Russe war ein Sadist.
    «Du freust dich bestimmt, wenn ich dir über die Schuhe kotze.» Mein Magen rumorte. Horst grinste. Der mochte den Russen also auch nicht.

    Als die Schweine nicht mehr zappelten, stachen die beiden mit einem Elektro-Spieß zu. Blut spritzte. Einige Tiere erwachten aus ihrem Dämmer und quiekten jämmerlich. Horst und Vitalij achteten nicht darauf. Mit der Abgebrühtheit gewerbsmäßiger Killer beförderten sie Tier um Tier in den Schweinehimmel. Ich stand mit weit aufgerissenen Augen daneben; denn es ist ein Unterschied, ob man sich solch ein Gemetzel in seiner Fantasie ausmalt oder real mitansieht. Meine Beine wurden schwach. Ich stützte mich an die Wand, um nicht umzufallen. Vitalij sah das und lächelte böse. Um dem Arschloch zu zeigen, dass ich kein Weichei war, richtete ich mich kerzengerade auf und sagte: «Was gibt’s für mich zu tun?»

    Mir wird schlecht von all dem Blut

    «Mach hinter uns sauber!» Horst drückte mir einen Schlauch in die Hand. Während meine zwei Kollegen die dreißig toten Körper in einen Lastenaufzug hievten, sprühte ich mit einem Hochdruckreiniger hektoliterweise Wasser, das nach Desinfektionsmittel roch, auf das Linoleum. Die dunkelroten Blutlachen lösten sich auf und versickerten in Metallgittern, die in den Boden eingelassen waren, oder flossen seitlich durch Schlitze in den Wänden.
    «Scheiße, scheiße», rief ich. «Was tue ich hier?»
    «Du gehst erst raus, wenn alles wieder blitzt», antwortete Profitlich, dessen Hereinkommen ich nicht bemerkt hatte. «Und dann schaust du, was du für Horst und Vitalij tun kannst.»
    «Okay», sagte ich. Leck mich, dachte ich.

    Eine Stunde später stand ich im Erdgeschoss. Horst nahm mich in Empfang.
    «Schau uns bloß zu. Sobald’s dir schlecht wird, melde dich. Brauchst dich nicht zu schämen. Jeder hier kotzt am ersten Tag. Du gewöhnst dich aber daran.»
    «Danke. Ich werd’s schon überleben. Hab Schlimmeres gesehen.»
    «Wo: warst du im Krieg dabei?» Horst ließ mich stehen und widmete sich wieder seinem Job. Der bestand gerade darin, Augen und Ohren zu entfernen.
    «Soll ich bloß zusehen, oder gibt’s für mich auch was zu tun?»
    «Ist alles ein bisschen viel für dich heute?»
    «Mir ginge es deutlich besser, wenn ich mit anpacken könnte.»
    «Hast Recht … genug geglotzt für den ersten Tag. Geh nach hinten und melde dich bei Vitalij. Dem kannst du beim Schleppen helfen.»

    Während Horst mit mir sprach, packte er in den Körper eines besonders fetten Exemplars hinein und fingerte die Reste des Darms heraus. Mein Abendessen, das viele Stunden zurücklag, stieg bedrohlich bis in die Nähe des Kehlkopfs hinauf.
    «Jede Wette, dass du ein paar Tage lang auf Schnitzel und Wurst verzichtest.» Horst lachte, klopfte mit der blutigen Linken auf meine Schulter und schickte mich zu Kumpel Vitalij.

    Schweineschleppen ist ein schweißtreibender Job

    Vitalij und einige mir unbekannte Typen, die wohl ebenfalls auf Karl-Heinz Gehaltsrolle standen, hatten die dreißig Schweine in der Zwischenzeit mit Sägen in Einzelteile zerlegt. Zumeist in Hälften; manchmal – vermutlich auf Spezialbestellung – direkt in Keulen und Schnitzel.

    «Hey Kleiner, mach dich nützlich!»
    «Dafür bin ich hier.»

    Vitalij schnappte sich mit einer Leichtigkeit, als ob er mit zwei Pfund Orangen jonglieren würde, ein halbiertes Schwein und legte es mir auf die Schulter.

    «Häng es an den Karabinerhaken!» Meine Wirbelsäule knackste; würde sicher gleich auseinandersplittern. Ich ging ein paar Zentimeter in die Knie und stöhnte leise.
    «Stell dich nicht so an. Der Boss hat erzählt, du trainierst mit Gewichten. Machst auf Schwarzenegger. Dann ist das für dich doch bloß ein Aufwärmprogramm … oder sollen wir dir helfen, damit du nicht zusammenklappst?»
    «Ich schaffe es schon, Arschloch», sagte ich.

    Die zwanzig Meter bis zum Haken schaffte ich. Das zentnerschwere Teil in die Höhe zu hieven, war jedoch zu viel für mich. Beim Versuch kreisten plötzlich transparente Sterne vor meinen Augen, und ich fühlte Schwindel.

    «Ich zeige es dir.» Zwei Pranken, zwischen denen man einen Ford Capri wie in einer Schrottpresse glattbügeln konnte, griffen von der Seite zu und wuchteten das halbe Schwein mühelos nach oben.

    «Danke», flüsterte ich. «Hast was gut bei mir.»
    «Vergiss es nicht. Ich heiße Martin.»
    «Henning.»
    «Seltener Name.»
    «Meine Eltern waren betrunken, als sie sich den für mich ausgedacht haben.»
    «Ach so. Verlier deinen Humor nicht, Kleiner.»

    Nach der ersten Schicht soll ich schon wieder gekündigt werden

    Vitalij lächelte böse, als ich zur Schlachtbank zurückkehrte. «Bist doch nicht so stark, wie du angekündigt wurdest.»
    «Leck mich.»

    Schweigend warf er den nächsten Klumpen auf meinen Rücken. Dieses Mal ein besonders blutiges Teil. Obwohl es nur wenige Meter waren, die ich zurücklegen musste, schmerzte jeder einzelne Schritt höllisch. Am liebsten hätte ich den Fleischberg auf den Boden geschmissen, mir die schweißnassen Klamotten vom Körper gestreift und wäre ohne Bezahlung nach Hause gegangen. Aber diese Schmach wollte ich mir nicht antun. Ich würde durchhalten. Und wenn ich danach mein Leben lang im Rollstuhl säße. Am Haken wartete Martin auf mich.

    «Profitlich hat Anweisung gegeben, dich am ersten Tag nicht allzu hart ranzunehmen. Hast Pech, dass Vitalij heute das Kommando führt.»
    «Übler Menschenschinder.»
    «Ja; nützt aber nichts, darüber zu jammern. Das Schwein muss nach oben.»

    Mit Unterstützung meines neuen Freundes schaffte ich zehn Schweinehälften. Mehr war nicht drin. Bei Nummer elf wäre ich zusammengebrochen und alleine nicht mehr auf die Füße gekommen. Das spürte ich. Die Uhr zeigte kurz vor fünf.

    «Hast dich wacker geschlagen», sagte Martin, «Lass uns draußen noch eine rauchen.»
    «Werde dem Boss raten, dich nicht weiter zu beschäftigen.» Vitalij tat empört, obwohl ich als Youngster gute Arbeit abgeliefert hatte.
    «Tu, was du willst. Ich möchte jetzt bloß noch nach Hause und heiß baden. Alles andere ist mir egal.»

    Die Nacht war vorüber. Im Osten hinter dem Dom stieg bereits die Sonne empor. Wir standen in blutverklebten Kitteln auf dem Parkplatz neben dem Schlachthof. Martin bot mir eine Marlboro an. Ich nahm ein paar Züge.

    Profitlich lügt mir frech ins Gesicht

    «Du paffst ja», bemerkte er.
    «Wenn ich auf Lunge rauche, muss ich husten.»
    «Du Amateur», lachte er.
    «Und jetzt?», fragte ich.
    «Verabschieden wir uns vom Boss.»

    Gemeinsam gingen wir in Profitlichs kleines Büro im Erdgeschoss. Der brütete über Zahlenkolonnen.
    «Wie lief es?», erkundigte er sich, ohne uns anzusehen.
    «Alles bestens, Karl-Heinz», antwortete ich.
    «Tatsächlich? Da hat mir Vitalij eben was anderes berichtet. Du wärst weniger kräftig, als wir angenommen hatten, und du gibst Widerworte. Beides nicht so gut … und tu mir einen Gefallen: nenn mich hier nicht Karl-Heinz. Entweder Boss, wie es die anderen Kollegen tun oder Herr Profitlich. Verstanden?»
    «Ja.»
    «Dann hätten wir das geklärt. Für heute ist Schluss. Ihr könnt gehen.»
    «Hm … »
    «Was gibt’s noch?»
    «Wie ist es mit dem Geld?»
    «Wird einmal wöchentlich ausbezahlt. Aber nicht heute.»
    «Fünf Stunden macht einen Hunderter.»
    «Bist du wieder pleite, Henning?»
    «Noch nicht ganz.»
    «Musst du mit dem Zocken aufhören.»
    «Danke für den Tipp, Boss.»
    «Morgen und übermorgen haben wir für dich hier nichts zu tun. Vielleicht in der Nacht von Sonntag auf Montag. Ruf Vitalij an. Der teilt deine Schichten ein.»
    «Vitalij??»
    «Ja! Hörst du schlecht, oder hast du ein Problem damit?»
    «Alles in Ordnung, Herr Profitlich.»

    Ausgepowert und abgebrannt

    «Da hast du in die Scheiße gepackt», sagte Martin, als wir im hellen Morgenlicht auf der Liebigstraße standen. «Vitalij ist ein Dreckskerl. Dem macht es Spaß, andere so lange zu quälen, bis sie ihn anbetteln, damit aufzuhören. Da kommen üble Wochen auf dich zu.»
    «Kann ich mir lebhaft vorstellen bei dem Arschloch.»
    «Du sagst oft Arschloch. Also verdammt oft für einen verwöhnten Sohn von reichen Eltern.»
    «Wer erzählt, dass wir reich sind?»
    «Vitalij. Und der hat’s vom Boss.»
    «Glaub nicht alles, was rumgequatscht wird. Ich bin bettelarm.»
    «Weil du Backgammon spielst … schau nicht so erstaunt. Weiß ich ebenfalls von Vitalij.«
    «Dann seid ihr ja alle bestens informiert über mich.»
    «Ich muss jetzt heim. Meine Frau wartet mit dem Frühstück. Danach haue ich mich aufs Ohr, und sie geht putzen. Krankenhaus Merheim. Ist so eine Psychoklinik.»
    «Ciao … schön, dich kennengelernt zu haben. Wir sehen uns dann Sonntagnacht.»
    «Scheißtermin. Versaut das halbe Wochenende.»
    «Ja!»

    Martin verschwand Richtung Linie 5, und ich spazierte den Radweg oberhalb der Autobahn entlang. Vogelgezwitscher im Blücherpark mischte sich mit dem Knattern von LKW-Motoren. Die Temperatur lag bereits am frühen Morgen bei knapp zwanzig Grad. Ich fühlte mich total zerschlagen, wollte bloß noch duschen und mich dann ins Bett legen. Heute Abend war ich für ein kleines Backgammon-Turnier verabredet. Da musste ich fit sein.

    Meine Eltern passen mich an der Haustür ab

    Gegen halb sechs schloss ich die Haustür auf und wollte leise in mein Zimmer schleichen.
    «Wo warst du?», hörte ich die Stimme meines Vaters.
    «Du bist schon wach??» Beide Eltern standen frontal vor mir im Flur. Keine Chance, an ihnen vorbeizukommen.
    «Wo warst du?»
    «Unterwegs.»
    «Wo genau?»
    «Hier und da. Halt unterwegs … ist das wichtig?»
    «Lüg uns nicht an!»
    «Weshalb sollte ich euch anlügen?»
    «Du warst im Schlachthof.»
    «War ich nicht … wie kommt ihr darauf?»
    «Der Nachbar hat’s uns gesagt.»
    «Er hat was??»
    «Herr Profitlich hat vor zehn Minuten angerufen.» Das war also, nachdem wir uns für Sonntagnacht verabredet hatten.
    «So ein Arschloch.»
    «Solche Worte nicht in meinem Haus! … wie kommst du dazu, im Schlachthof zu jobben? Ich hatte es dir verboten.»
    «Weil ich da gute Kohle verdiene. Das bisschen Taschengeld reicht ja kaum von Montag bis Mittwoch.»
    «Du bist maßlos geworden.»
    «Herr Profitlich meint, dass es besser ist, wenn du dir was anderes suchst. Die Arbeit im Schlachthof ist zu schwer und blutig. Dem bist du nicht gewachsen.»
    «Bin ich doch!» Ich trommelte mit der Faust gegen die Tapete.

    Mein Lebenswandel ist nicht unbedingt billig

    «Keine Widerrede! Du wirst den Schlachthof nie mehr betreten. Sonst fliegst du hier raus.»
    «Und wer bezahlt mir den Verdienstausfall?»
    «Die Tochter von Müllers benötigt Nachhilfe in Mathe und Englisch.»
    «Die ist so blöde. Das ist eine Strafe für jeden Nachhilfelehrer.»
    «Lern einfach, mit deinem Geld auszukommen … weshalb bist du überhaupt jede Nacht unterwegs? Kann doch nicht jeden Tag Partys geben?»
    «Okay, okay … ich bin müde und lege mich hin. Frühstück nicht vor 16 Uhr.»
    «Du bist seit dem Abitur völlig verlottert. Wird Zeit, dass du eine geregelte Arbeit findest.»
    «Gute Nacht.»

    Ich ging nach oben in mein Zimmer und zog die Tür hinter mir zu. Meine Alten waren vom Grundsatz her nicht übel. Aber immerzu besorgt. Was tust du jede Nacht draußen? Ist dir klar, dass Köln eine gefährliche Stadt ist? Weshalb schläfst du so lange? Wieso brauchst du ständig Geld? Minütlich fragten sie mich was. Ich hatte schon überlegt, die Antworten auf Zettel zu schreiben und ihnen wortlos zu überreichen. Neben einem Bücherstapel lag die neue LP von Billy Idol, die legte ich auf.

    «Muss das so laut sein?», hörte ich von unten.

    Ich schloss den Kopfhörer an und drehte die Musik bis zum Anschlag. Die Vorteile des Beamtenlebens meiner Eltern – gutes Gehalt, Kohle wird pünktlich zum Monatsende überwiesen, zwei Urlaube im Jahr, Chefarztbehandlung auch bei Schnupfen – empfand ich als gähnend langweilig. Seitdem mich eine Klassenkameradin vor zwei Jahren zum ersten Mal ins Le Bateaux und Coconut mitgenommen hatte, wurde ich schnell vom Fieber der Nacht infiziert. Auf den Ringen pulsierte das Leben. Daran wollte ich teilhaben. Mit großen Augen beobachtete ich, wie die coolen Jungs im La Strada Backgammon zockten. Bündel Scheine, die mit goldenen Spangen zusammengehalten wurden, wechselten die Besitzer. Das war jeden Abend mehr Geld, als es mein Vater in einem Jahr verdiente. Die Aussicht auf schnellen Gewinn elektrisierte mich. Ich setzte mich stumm daneben, sah den erfahrenen Zockern zu, merkte mir Züge und Würfelkombinationen. Kaufte mir ein Lehrbuch, um die Wahrscheinlichkeiten besser einschätzen zu können. Spielte mit Kumpels ohne den Dopplerwürfel, um meine Fortschritte zu testen. Nach acht Wochen fühlte ich mich bereit, am Profitisch Platz zu nehmen. Ich verlor dreihundert Mark an diesem Abend. Das entsprach dem Taschengeld eines Quartals. Und ich musste in den kommenden Monaten noch viel mehr Lehrgeld bezahlen, bis ich endlich zum ersten Mal als Matchwinner das Lokal verließ. «Du hast Potenzial, Kleiner», sagte der dürre Hein und adelte mich damit. Die kleinen Gewinne wurden jedoch durch häufige Verluste aufgezehrt, sodass ich chronisch pleite und gezwungen war, mir Kohle mit Jobs wie Nachhilfe, Rasenmähen und Autowaschen hinzuzuverdienen. In der Schule schlief ich deshalb häufig ein.

    Und nun hatten das Arschloch Profitlich und mein Vater verabredet, mich von der lukrativen Erwerbsquelle Schlachthof fernzuhalten. Mein Vater verfügte über einen starken Widerwillen gegen Blut und rohes Fleisch. Aß kein Mett, ekelte sich vor Tartar und englischem Steak. Machte um Metzgereien und Fleischtheken einen großen Bogen. Hatte im Krieg zu viele Tote und Verletzte gesehen. Er war zwar kein Vegetarier; wollte aber nicht wissen, wie halbe Hähnchen und Wiener Würstchen produziert wurden. Ein Job im Schlachthof stand für meine Eltern auf derselben Stufe wie Leichenwaschen, Totengräber und Zuhälterei.

    Ich bin mal wieder völlig blank

    Von daher konnte ich ihren Widerwillen gegen diese Form des Gelderwerbs nachvollziehen. Welcher Teufel hatte aber Profitlich geritten, mich direkt im Anschluss an meine erste Schicht zu verraten? Und mir – was ich noch niederträchtiger fand – nicht direkt ins Gesicht zu sagen, dass er mich für den Job als untauglich einstufte? Ich würde ihn morgen fragen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihn fortan wie Luft zu behandeln. Durch ihn hindurchzusehen, wenn wir uns auf der Straße begegneten. Das wäre allerdings dumm gewesen, denn er schuldete mir noch hundert Mark. Kohle, die ich dringend benötigte, um den Rest des Monats über die Runden zu kommen.

    Im Bett wälzte ich mich hin und her. Vergeblich; es gelang mir nicht, zur Ruhe zu kommen. Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich musste jedoch pennen; andernfalls wäre ich am Abend nicht fit genug für ein kleines Backgammon-Turnier, das im Hinterzimmer einer türkischen Kneipe angekündigt war. Ich stand auf, räumte die zehnbändige Enzyklopädie „Geschichte der europäischen Kultur“ – ein Weihnachtsgeschenk meiner Großeltern – zur Seite, griff nach einer dahinter versteckten Flasche Bourbon, schüttete ein Wasserglas voll, leerte es in zwei Zügen und fiel ein paar Minuten später in einen tiefen Schlaf.

    Drei Tage darauf begegnete ich dem Nachbarn am Zaun, der seinen von unserem Garten trennte. Karl-Heinz lehnte im kurzärmligen Hawaiihemd an einem Birnbaum und beobachtete mich dabei, wie ich Liegestützte machte.

    «Hast echt schon Muskelmasse aufgebaut», begrüßte er mich. «Sahst vor einem Jahr noch viel mickriger aus. Nimmst du irgendwas?»
    «Was sollte das am Freitag mit meinen Eltern?»
    «Du willst wissen: warum ich sie informiert habe?»
    «Genau.»
    «Glaub mir Kleiner, das war besser für dich.»
    «Sie meinen: besser für Sie?» In meinem Zorn hatte ich vergessen, dass ich mit Profitlich ja schon auf Du war.
    «Lass uns sagen: vernünftig für uns beide.»
    «Verstehe ich nicht.»
    «Ich will keinen Ärger mit deinen Eltern haben. Die sind die einzigen in der Straße, die mich wie einen Menschen behandeln.»

    Das stimmte. Profitlich war ein Exot in unserem von mittlerem Bildungsbürgertum beherrschten Viertel. Je stärker er mit Sportwagen und teuren Armbanduhren protzte, desto mehr entfremdete er sich von seiner Umgebung. Sobald die Altphilologen, Musikpädagogen und Oberstudienräte ihn vor der Haustür erblickten, grüßten sie freundlich, vermieden es jedoch, sich von ihm in eine längere Unterhaltung verwickeln zu lassen und hasteten schnell weiter. Es war, als ob sie unsichtbares Schweineblut an seinen Händen kleben sahen. Mutter sagte manchmal: »Herr Profitlich ist ein Neureicher«. Und so wie sie »neureich« betonte, verhieß das Wort nichts Gutes. Ich wiederum wünschte mir hin und wieder ein neureiches Leben, da mich meine Eltern in Punkto Taschengeld recht knapp hielten.

    Profitlich bietet mir nen neuen Job an

    «Und das ist Ihnen erst eingefallen, nachdem wir uns um fünf Uhr verabschiedet hatten. Sie hätten’s mir doch direkt sagen können.»
    «Ja und nein.»
    «Wie nein?»
    «Ich wollte dich nicht kränken.»
    «Das war alles?»
    «Und Vitalij meinte, dass es schwierig wird, aus dir einen Arbeiter zu machen. Du stellst zu viele Fragen, machst die anderen damit aufsässig. Es wäre klüger, sich solch eine Laus nicht unnötigerweise in den Pelz zu setzen.»
    «Und dann haben Sie sich für die bequeme Möglichkeit entschieden, mich bei meinem Vater anzuschwärzen.»
    «Sieh es positiv: der Job ist hart und blutig. Nix für einen Jungen wie dich. Zu dir passt eher Nachhilfe.»
    «Was ist mit den hundert Mark?«
    «Die schulde ich dir?»
    «Ja.»
    «Brauchst du das Geld jetzt?»
    «Ja.»
    «Warte einen Moment. Ich schaue, wo mein Portemonnaie liegt.»

    Profitlich ging zurück ins Haus, ließ mich eine Minute warten und kehrte mit zwei Fünfzigern zurück.
    «Damit sind wir quitt.»
    «Danke.» Ich wandte mich zur Seite, um mich wieder den Liegestützen zu widmen, da packte mich der Nachbar am Oberarm.
    «Hast du morgen Abend schon was vor?»
    «Warum?»
    «Beantworte meine Fragen nicht ständig mit Gegenfragen. Ja oder nein?»
    «Bisher nein.»
    «Dann sei gegen acht Uhr bei mir. Ich stelle dir eine Bekannte vor.»
    «Und dann?»
    «Lass dich überraschen. Wirst es nicht bereuen.

  • Aufbruch aus der Einsamkeit

    Aufbruch aus der Einsamkeit

    Um mir die Zeit in der Geschlossenen jenseits von Kreuzworträtseln und Studium der Beipackzettel der diversen Medikamente, die man dort schlucken muss, einigermaßen sinnvoll zu vertreiben, habe ich mich abends an Tagebucheinträgen und (ganz kurzen) Kurzgeschichten versucht. Hier ist 1 aus den Nuller-Jahren:
    +++

    Was wissen Sie schon von Einsamkeit? Vielleicht kennen Sie das Gefühl vorübergehenden Alleinseins. Wenn Ihr Partner ausnahmsweise mal zwei Stunden später als üblich aus dem Büro zurückkehrt, und Sie deshalb nervös werden. Sie sich zwischen Job, Einkauf und Einladung zum Abendessen ein paar Minuten an der Bushaltestelle langweilen, weil Ihnen niemand eine SMS schickt. Aber Einsamkeit? Mutterseelenalleine sein. Keiner spricht Sie an. Die Menschen machen einen weiten Bogen um Sie. Niemand vermisst dich. Einigen wäre es sogar lieb, du würdest nie mehr auftauchen. Am besten für alle wäre es, du legtest dich unbemerkt zum Sterben hin und ließest dich anonym verscharren. DAS ist Einsamkeit! Und wissen Sie was: es hat mich nicht gejuckt. Ich habe den Zustand gesucht und eine Zeit lang sogar genossen.

    Als die Mütter mit ihren Kindern die Straßenseite wechselten, sobald sie mich erblickten, korpulente Omas sich zuriefen: „Wie sieht der denn aus?“, und kläffende Köter an mein Bein pinkelten, kamen mir jedoch erste Zweifel, ob das Leben im Park dauerhaft was für mich war.

    Rolf redet wie immer zu viel

    Eine Woche später …. Entzugsklinik … Station 63A, genannt: Die Geschlossene.
    „Kommst du langsam wieder zu dir, Henning?“
    „Jap.“
    „Sahst ganz schön ramponiert aus, als sie dich vor zwei Tagen eingeliefert haben.“
    „Ich bin selber hierher marschiert.“
    „Ach so; ich dachte, weil …“
    „Du denkst zu viel, Rolf.“
    „Bist anscheinend noch nicht so gut drauf, Henning. Kein Wunder bei deiner Promillezahl vorgestern.“
    „Rolf, was willst du von mir?“
    „Nichts.“
    „Hervorragend.“

    Tags darauf im Essenssaal.
    „Du isst wie ein Scheunendrescher, Henning.“
    „Ja.“
    „Wohl lange keine feste Nahrung zu dir genommen.“
    „Stimmt.“
    „Mitteilsam bist du nicht gerade.“
    „Habe mir das Quatschen im Park abgewöhnt, Rolf.“
    „Gar keine Unterhaltungen mehr?“
    „Doch.“
    „Mit wem?“
    „Mit einem fiktiven Gesprächspartner, den ich mir in meiner Fantasie zusammengebastelt habe.“
    „Du musst dringend zur Psychologin.“
    „Schon einen Termin vereinbart. Die sieht echt gut aus auf dieser Station.“
    „Soll ich dich begleiten?“
    „Kümmere dich um dich selbst.“

    Dann bin ich halt ein Misanthrop. Na und?

    Wiederum eine Woche später … Aufenthaltsraum
    „Schaust gut erholt aus, Henning.“
    „Danke.“
    „Was wirst du tun, wenn du morgen rauskommst?“
    „Keine Ahnung … irgendwas.“
    „Du weißt heute Abend nicht, was du morgen tun wirst?“
    „Genau.“
    „Ich verstehe deine Nonchalance einfach nicht.“
    „Brauchst du doch auch gar nicht.“
    „Du kennst den Begriff Misanthrop?“
    „Mal gehört.“
    „Ja oder nein.“
    „Okay, also: nein.“
    „Das ist ein Menschenfeind.“
    „Was hat das mit mir zu tun?“
    „DU bist ein typischer Misanthrop!!“
    „Ich bin ein Menschenfeind: warum?“
    „Weil du mit niemandem klarkommst. Immerzu alleine sein möchtest.“
    „Na und. Deshalb hasse ich doch die Menschen nicht.“
    „Tust du doch. Du willst es dir nur nicht eingestehen … ich als dein Freund bemühe mich seit Tagen, ein vernünftiges Gespräch mit dir zu führen. Und du gibst mir einsilbige, manchmal sogar leicht aggressive Antworten. Das ist nicht normal.“

    „Ich habe keine Freunde mehr, Rolf.“
    „Ich dachte, ich bin …“
    „Da liegt der Hund begraben, Rolf: Du denkst zu viel.“
    „Auch wenn ich deiner Ansicht nach kein Freund für dich bin – was mich verletzt –, so sage ich dir von Patient zu Patient: du bist ein Misanthrop.“
    „Von mir aus. Dann bin ich eben einer.“
    „Das macht dir nichts aus?“
    „Um ehrlich zu sein: wenig.“
    „Dir ist nicht zu helfen, Henning.“

    In den 70-ern waren wir alle jung, und der Effzeh spielte um die Meisterschaft

    „Na, ihr beiden Klugscheißer, was macht die Kunst?“ Karl-Heinz gesellte sich zu uns. 60 Jahre, schwul wie Liberace, Minimum 200 Entzüge auf dem Buckel.
    „Ich gehe jetzt lieber, bevor es zu sehr ins Triviale abrutscht.“ Rolf verschwand in seinem Zimmer.
    „Wie der dich immer volllabert, Henning.“
    „Da sagst du was.“
    „Der Effzeh hat drei Mal hintereinander verloren.“
    „So oft? Scheiße! … in diesem Laden bekommt man von der Außenwelt nichts mit.“
    „Ist halt nicht mehr der Club, der er in den 70-er und 80-ern war.“
    „Das waren glorreiche Zeiten.“ Ich seufzte.
    „Da waren wir beide noch jung und knackig.“
    „Du bestimmt mehr als ich, Kalle.“
    „Danke fürs Kompliment … wobei ich deinen Arsch ganz geil finde. Darf ich den anfassen?“
    „Komm mir nicht zu nah!“
    „War ein Scherz, Henning. Weiß, dass du chronischer Hetero bist und vor neuen Erfahrungen Angst hast.“
    „Dann ist’s ja okay.“
    „Und ausprobieren willst du es auch nicht?“
    „Nein! … frag Rolf.“
    „Da lebe ich lieber im Zölibat.“

    „Hast du gute Songs auf deinem MP3-Player?“
    „Willst du hören?“
    Paranoid von Black Sabbath … super!“
    “Hast einen ähnlichen Geschmack wie ich, Henning.”
    „Aber nur bei Musik.“

    Am späten Abend bei der Blutdruckmessung.
    „Mit dem unterhältst du dich stundenlang. Mich blockst du hingegen ab.“
    „Bildest du dir ein, Rolf.“
    „Hältst du mich für blöde?“
    „Nein … bloß für eine Spur zu empfindlich.“
    „Weißt du mittlerweile, was du mit dem morgigen Tag anfangen wirst?“
    „Um ehrlich zu sein: noch nicht zu hundert Prozent.“
    „Wie kann ein intelligenter Mann nicht wissen, was morgen sein wird? Ich kapiere dich nicht.“
    „Ich verstehe mich selbst nicht.“
    „Diese simple Feststellung reicht dir als Erklärung für dein Verhalten aus?“
    „Im Moment: ja.“

    Vielleicht ist Adaption ne Idee

    Als ich gegen Mitternacht im Bett lag und dem asynchronen Schnarchen meiner beiden Zimmernachbarn lauschte, überlegte ich, ob ich mal wieder bei meinen Eltern anklopfen sollte. Hatte sie länger nicht gesehen. Ich verwarf den Gedanken. Mutter würde sich zwar freuen, mich nach vielen Monaten Abwesenheit in die Arme zu schließen; sich jedoch – sobald ich ihr Haus verließ – neue Sorgen machen. Mein Vater war geübt darin, meinen Lebenswandel zu tadeln. Auf ein eventuelles Treffen mit meiner Schwester, die mich am liebsten jahrelang in eine geschlossene Einrichtung einsperren lassen würde, verspürte ich Null Bock. Also war Plan A ‚Familie besuchen‘ schnell ad acta gelegt. Lila stellte immer eine Option dar. Sie würde mich allerdings im Pilzrausch heftig beschimpfen, worauf ich aktuell keine Lust hatte. Blieb als Alternative C der Park. Der Spätherbst stand vor der Tür, und die Nächte wurden ungemütlich kalt. Ich merkte, dass mein unstetes Herumtreiben mich langsam selbst nervte. Vielleicht sollte ich morgen das Angebot des Sozialarbeiters annehmen und mich für das Adaptionsprogramm bewerben. Er hatte diese Möglichkeit beiläufig erwähnt und es meinem freien Entschluss überlassen, ob ich daran teilnehmen wollte. „Falls ja, dann pushe ich Sie … falls nein: dann ist es auch okay … jeder von uns muss seinen eigenen Weg gehen“, hatte er gestern gesagt. Ich vertraute ihm, weil er kein übler Moralapostel war, sondern mich wie einen Gleichgestellten behandelte. Ich würde die Entscheidung spontan morgen nach dem Frühstück treffen. So wie es meine Art war.

    Die Phase der selbst gewählten Einsamkeit, die mir eine Zeit lang sehr gut gefallen hatte, ging unweigerlich ihrem Ende entgegen. Das spürte ich, und mit diesem Gedanken schlief ich ein.

  • Tod eines Prokuristen

    Tod eines Prokuristen

    Klaus war tot; so was von tot. Daran bestand nicht der leiseste Zweifel. In diesem Moment, als er leblos am unteren Ende der steilen Kellertreppe auf dem Rücken lag, war mein neuer Freund nicht schön anzuschauen: irre nach oben verdrehte Augen, Blutfäden rannen aus seinen Mundwinkeln und tropften vom Kinn auf den lackierten Betonboden. Die Lippen schimmerten in einem ungesunden Dunkelrot, ähnlich einem Vampir. Die hintere Schädeldecke schien mir eingedrückt zu sein. Puls konnte ich weder an seinem Handgelenk noch am Hals spüren; atmen tat Klaus ebenfalls nicht mehr. Ich stand zu dieser späten Abendstunde vor einer Leiche. Zehntagebart, fettige und verfilzte Haare, vollgepisste Jeans, bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd, zerrissene Socken. Er stank nach Urin, kaltem Schweiß und Schnaps. Neben dem schmerzverzerrten Gesicht hockte Bianca, seine geliebte Terrierdame und leckte ihm zärtlich über die Stirn. Und dieser Mann hat noch vor einem Monat in Anzug und Krawatte Kunden in der Sparkasse beraten? Unglaublich, überlegte ich, bevor von oben die weinerliche Stimme Hedwigs erschallte: »Lebt er ? Henning, sag doch was. Bitte!«

    Als Prokurist natürlich ne Chefarztbehandlung

    Ich kannte Klaus aus der Klinik. Offene Station. Als Privatpatient blieb ihm der Umweg über die geschlossene Abteilung, den ich oft einschlagen musste, erspart. Chefarztbehandlung, Einzelunterbringung, alles vom Feinsten für Klaus, während ich mich mit schnarchenden und schlafwandelnden Mitpatienten im Dreierzimmer rumärgern durfte. Sogar eine reingeschmuggelte Wodkapulle unter dem Kopfkissen verziehen ihm die Pfleger. Jemanden wie mich hätten sie bereits beim laut geäußerten Gedanken nach einer Dose Bier hochkant rausgeworfen. Wenn Klaus eingeliefert wurde, sah er arg zerrupft und verwirrt aus. Mitunter dauerte es bei ihm zweiundsiebzig Stunden, bis man ihn ansprechen und von ihm eine halbwegs vernünftige Antwort erhalten konnte. Was mich vermuten ließ, dass er seine Exzesse über Wochen und uferlos betrieb. Erfahrene Alkoholiker wussten zumeist, wann das Ende der Fahnenstange erreicht war, und es Zeit für den nächsten Entzug wurde. Bei Klaus – obwohl länger als ich im Geschäft – hatte sich diese Erkenntnis bisher nicht durchgesetzt. »Er ist tot. Nichts mehr zu machen«, rief ich die Kellertreppe hinauf und erhielt als Antwort einen markerschütternden Schrei: »NEIN!!!« Ich ging nach oben und entdeckte auf dem Flur die in sich zusammengesunkene Hedwig. »Ich bin schuld. Ich habe Klaus umgebracht«, wimmerte sie. »Wie kommst du denn auf diese blöde Idee?«, fragte ich. »Warum habe ich ihn nicht früher in die Klinik gefahren?« »Weil er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat», sagte ich und zuckte mit den Schultern.

    Klaus hatte vor einem Monat aus heiterem Himmel wieder mit dem Trinken begonnen. Anfangs heimlich und in kleiner Dosierung; Hedwig, die nachts das Ehebett mit ihm teilte, bemerkte es dennoch, weil er trotz Pfefferminzpastillen nach Wodka roch. Er leugnete, bagatellisierte, erklärte, dass er alles im Griff habe, und sie sich unnötigerweise Sorgen machen würde. Nach sieben Tagen war Klaus nicht mehr in der Lage, aufzustehen und blieb morgens schlapp und mit glasigen Augen auf dem Sofa liegen. Dann wählte Hedwig endlich meine Nummer: »Henning, komm bitte sofort vorbei. Klaus hat einen Rückfall erlitten.« »Schlimm?«, erkundigte ich mich. »Sehr schlimm«, kam es schluchzend zurück. »Bin schon auf dem Weg.« Ich stieg ins Auto und machte mich auf den Weg zu Hedwig, die am anderen Ende der Stadt in einem Bungalow wohnte, den sie von ihren Eltern geerbt hatte. Auf der Fahrt, die bei grüner Welle knapp dreißig Minuten dauerte, ließ ich meine Freundschaft mit Klaus vor meinem inneren Auge Revue passieren.

    Wir waren uns in der Klinik anfangs aus dem Weg gegangen. Zu unterschiedlich erschienen unsere Erscheinungsbilder, als dass wir Lust verspürt hätten, näher in Kontakt zu treten. Als Späthippie, der auch in nüchternem Zustand zerschlissene Jeans trug, stand ich dem versoffenen Prokuristen einer Bausparkasse, der sich nach einer Woche von seiner Frau gebügelte Oberhemden und Anzug in die Station bringen ließ, skeptisch gegenüber. Erst Dante, ein Rotwein saufender Antiquitätenhändler, den ich von früher her kannte, brach eines abends das Eis. »Henning, darf ich dich mit Klaus bekannt machen.« Er klopfte mit der Hand auf den leeren Stuhl neben sich. »Ich weiß, wer Klaus ist. Er fährt ja oft genug in die Klinik ein«, gab ich zögerlich zurück und setzte mich, denn ich wollte den alten Chianti-Liebhaber nicht vor den Kopf stoßen. »Wie wir alle«, lachte er und legte seinen Arm um meine Schulter.

    Klaus Hobbys = kochen und trinken

    Dante mochte ich gerne, denn mit ihm konnte ich mich stundenlang über Literatur und Kino unterhalten. Trotz der jahrzehntelangen Sauferei hatte er sein phänomenales Gedächtnis bewahrt und rasselte im Minutentakt Textstellen aus den Romanen von Joseph Roth und Charles Bukowski herunter. Zudem jammerte er nicht und besaß ein frohes Wesen, obwohl er seit einigen Wochen wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium. Er zechte trotzdem – oder gerade deswegen – munter weiter und ließ sich die gute Laune nicht verderben. Wohl aus dem Grunde, dass er sein nahendes Ende nicht dramatisieren wollte, zitierte er oft eine Textstelle aus der Legende vom heiligen Trinker: »Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod!« Diesen nonchalanten Charakterzug schätzte ich sehr an ihm.

    Klaus hatte als Vorort-Bankier keine Ahnung von Belletristik und Musik; verfügte allerdings über trockenen Humor und einen klaren Blick aufs Leben. Zudem zeigte er sich hilfsbereit, wenn armen Mitpatienten das Geld ausging oder sie Hemden und Hosen zum Wechseln ihrer dreckigen Klamotten benötigten. Im Laufe der Tage wurden wir besser miteinander bekannt und freundeten uns allmählich an. Draußen in Freiheit gingen wir hin und wieder zusammen einen Kaffee trinken, er empfahl mir in einer vertrackten Erbschaftsangelegenheit einen guten Anwalt und lud mich mehrmals zu sich zum Essen ein. Dann stand Klaus am Herd, denn kochen konnte er besser als Hedwig. Man sah ihm dieses Hobby auch an: fünfundachtzig Kilo verteilt auf Ein-Meter-Vierundsiebzig ließen ihn untersetzt, geradezu pummelig erscheinen. Für einen Mittfünfziger wirkte er bereits greisenhaft, was unter anderem auf seine schlecht angepassten künstlichen Zähne zurückzuführen war, die seiner Mundpartie einen eingefallenen Eindruck verliehen. Das schüttere blonde Haar akkurat von links nach rechts gekämmt, um die offenen Stellen auf seinem Kopf zu verdecken. Große Ohren und wässrig blaue Augen gaben seinem Gesicht einen schelmischen Ausdruck; wenngleich ich mir unsicher war, ob ich mir von solch einem Typen einen Bausparvertrag andrehen lassen wollte.
    ***

    »Was sollen wir jetzt machen, Henning?« »Kurz nachdenken und auf Polizei und Notarzt warten. Wobei die auch nur noch den Tod feststellen können.« »Was habe ich bloß getan?« Tränen rannen ihr über die Wangen. »Säufer sind für ihr Schicksal selbst verantwortlich«, gab ich zu bedenken. Klaus hatte sich halt bis zum Schluss uneinsichtig gezeigt. Trotz des Bettelns von Hedwig, vernünftig zu sein und sich im Krankenhaus behandeln zu lassen. Mein Mitleid hielt sich deshalb in engen Grenzen.
    ***

    Klaus gehörte zu den wenigen, die täglich Besuch in der Station erhielten. Zwar einzig von seiner Frau, aber immerhin. Die meisten von uns hatten sich damit abgefunden, die Entzüge mutterseelenalleine durchzuziehen. Verwandte und Freunde hatten sich spätestens nach der zehnten Entgiftung abgewandt. Manche gewöhnten sich im Laufe der Zeit an ihr Dasein als Eremit, genossen es sogar; andere hingegen kamen mit der Einsamkeit überhaupt nicht zurecht und fühlten sich mies, wenn sie Klaus und sein Eheglück beobachten mussten. Auch Dante wurde zweimal am Tag von seiner Lebenspartnerin mit frischen Lebensmitteln beliefert, da er als Gourmet den Klinikfraß kategorisch ablehnte. Allerdings schimpfte sie oft mit ihm und schalt ihn vor uns allen einen üblen Trunkenbold, weshalb mir diese Szene glaubwürdiger erschien als das Händchenhalten und Wispern von Klaus und Hedwig. »Was ist das für eine Beziehung, die du führst?«, hatte ich mich an einem verregneten Abend im vergangenen November bei ihm erkundigt. »Sehr harmonisch. Wir lieben uns.« »Trinkt deine Frau?« »Keinen Tropfen.« Klaus schüttelte verneinend den Kopf. »Und erträgt stoisch deine vielen Rückfälle? Das macht doch niemand auf Dauer mit. Es sei denn, sie hat einen an der Klatsche.« Im Moment, als ich den Satz aussprach, tat er mir schon wieder leid. Ich wollte Klaus und seine Frau nicht beleidigen. »Wir würden füreinander sterben.« Er strahlte mich auf eine Art an, die mich für einige Sekunden an seinem Geisteszustand zweifeln ließ. »Natürlich. Das ist des Rätsels Lösung.« Ich stand auf, um mir im Essensraum einen Hagebuttentee zu organisieren. Für heute hatte ich genug mit Klaus geplaudert. Übertriebene Love Stories waren noch nie meins gewesen.
    ***

    Ein Rückfall jagt den nächsten

    »Und wenn die Polizei fragt, wie es passiert ist?« In Hedwigs Augen entdeckte ich Angst. Leicht panisch rüttelte sie an meinen Schultern. »Dann sagen wir ihr die Wahrheit.« »Wirklich?« »Lass mich am Anfang reden. Es wird alles gut werden. Vertrau mir.«

    Als ich vor vierzehn Tagen das erste Mal bei Klaus nach dem Rechten sah, fläzte der sich volltrunken auf der Wohnzimmercouch. Hedwig stand daneben und betrachtete ihn stumm. »Pack deine Sachen. Ich bringe dich in die Klinik«, sagte ich. »Nein«, erwiderte er mit schwerer Stimme. »Warum nicht? Du bist sternhagelvoll und musst entgiften.« »Ich habe alles unter Kontrolle.« »Einen Scheißdreck hast du. Steh jetzt auf und komm mit!« »Nein!« Ich blickte Hedwig an; die meinte: »Immer dasselbe Trauerspiel mit ihm. Er ist nicht einsichtig. Ich habe bereits den Hausarzt informiert.« »Dann warte ich eben auf den. Habe heute keine Eile.« Ich setzte mich zu ihr in die Küche und trank eine Tasse Cappuccino aus ihrer neuen, sündhaft teuren Kaffeemaschine.

    Der Arzt, ein älterer Herr mit grauem Bart, traf nach einer Viertelstunde ein, taxierte eine Minute lang schweigend den hochalkoholisierten Klaus und beugte sich dann zu ihm runter. Im Schlepptau hatte er eine bildhübsche Helferin mitgebracht, die eifrig Notizen anfertigte, während er auf den Patienten wie ein kleines Kind einredete. Es half nichts. Klaus ließ sich nicht erweichen und blieb stur auf dem Sofa liegen. »Würden Sie freiwillig mitkommen, wenn ich den Rettungswagen rufe?« »Nein!« »Nun gut. Sie zwingen mich also, härtere Bandagen anzulegen. Dann wird die Polizei direkt mit alarmiert. Denn nur die darf Sie gegen Ihren Willen anfassen.« »Mir völlig egal.« Klaus hatte den Ernst seiner Lage anscheinend nicht verstanden. Kein Wunder, wenn ich auf die vielen leeren Wodkaflaschen auf dem Fußboden schaute. Als die Beamten anrückten, erkundigten sie sich freundlich bei meinem Bekannten, ob er widerstandslos in den Krankenwagen steigen würde. Als er ihre Frage mehrmals verneinte und ebenfalls auf das Flehen seiner Frau nicht reagierte, streiften die Polizisten Handschuhe über und zerrten ihn von der Couch. Klaus, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, begann sich zu wehren und schlug wild um sich. Daraufhin warfen ihn die Schutzleute auf den Teppich, verschränkten seine Arme hinter dem Rücken und legten ihm Handschellen an. Laut fluchend und zappelnd wurde Klaus aus dem Haus eskortiert. Auf dem Bürgersteig hatten sich bereits ein paar neugierige Nachbarn versammelt. »Was bist du für ein blöder Idiot«, zischte ich. Hedwig blieb im Wohnzimmer und zog die Vorhänge zu. Ihr war die Szene peinlich.

    »Was soll ich bloß unternehmen, Henning?«, fragte sie mich zehn Minuten später, als sich der Spuk aufgelöst hatte. »Keine Ahnung. Ihr liebt euch doch. Also musst du diese Kröte wahrscheinlich schlucken.« »Nein, ich liebe dieses egoistische Arschloch schon seit vielen Jahren nicht mehr«, schrie sie nahezu hysterisch. »Warum seid ihr dann immer noch zusammen?« »Weil wir nicht voneinander loskommen.« Hedwig sprang vom Stuhl auf, knallte die Tür zu und lief in den Nachbarraum, wo ich sie hemmungslos schluchzen hörte. »Morgen wechsele ich die Schlösser aus und sage ihm, er soll sich eine eigene Bude suchen. Mir reicht es ein für allemal«, redete sie laut. Vermutlich telefonierte sie mit einer Freundin. Nachdenklich zündete ich mir eine Zigarette an, ging zu meinem klapprigen Golf 2 und fuhr langsam zurück nach Hause.

    Die schwerst co-abhängige Ehefrau

    Es handelte sich also um Co-Abhängigkeit. Dass ich nicht sofort auf diesen Gedanken gekommen war. Ich kannte dieses Phänomen bisher einzig von Paaren, bei denen beide soffen. Von einem Kranken und einer Gesunden hatte ich das jedoch bis heute nicht erfahren. Auf welche Weise setzte Klaus seine Frau derart unter Druck, dass die sich nicht traute, die Scheidung einzureichen; ihn zumindest aus dem Haus rauszuwerfen? Meine Ex-Freundinnen hatten mich jedes Mal nach dem ersten Absturz vor die Tür gesetzt oder mir eine zweizeilige SMS geschickt, dass sie auf das Zusammensein mit einem Alkoholiker keine Lust verspürten. Dafür sei ihnen ihr Leben zu schade. So weh mir das im Einzelfall auch tat: verstehen konnte ich sie. Deshalb zog ich es seit drei Jahren vor, alleine zu bleiben. Anfangs etwas schwierig, nach einigen Wochen gewöhnte ich mich daran. Reine Kopfsache.

    Klaus war seit zehn Jahren impotent. Angeblich wegen einer irreparablen Verkrümmung des Urogenitaltrakts. Hatte er mir beim letzten Mal in der Klinik unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt. Da Dante mir die Story bereits berichtet hatte, konnte die Sache nicht ganz so vertraulich sein, wie Klaus mich glauben machen wollte. Dante meinte dazu, dass Klaus deswegen keinen mehr hochkriegen würde, weil er zu viel gesoffen hätte. Ihm und vielen anderen ginge es genauso. Mir lief es heiß und kalt den Rücken runter. Auch bei mir stellte ich seit einiger Zeit einen drastischen Rückgang meines Verlangens nach Sex fest. Hatte mir jedoch über die Ursachen bisher keine großen Gedanken gemacht. Sobald ich hier raus bin, verbringe ich eine Nacht im Puff und teste meine Funktionsfähigkeit, nahm ich mir vor. Erektionsschwäche hätte mir zu all meinen Geld- und Beziehungsproblemen gerade noch gefehlt. Ist ein guter Grund, um endgültig einen Schlussstrich unter die Scheißtrinkerei zu ziehen, überlegte ich grimmig.

    Und trotzdem blieb Hedwig bei ihm. Weshalb? Es gelang mir beim besten Willen nicht, mir darauf einen Reim zu machen. Anstatt mit Kindern umgab sich das Paar mit Tieren: Riesenköter, fünf Katzen, Karnickel, ein Pferd. Die Liebe Hedwigs galt den Viechern, die sie nach Strich und Faden verwöhnte, und Klaus konzentrierte sich in den Wochen, in denen er trocken blieb, auf Geldverdienen und die Optimierung seiner persönlichen Finanzen. Als gebürtigem Schwaben waren ihm Zinsrechnung und doppelte Buchführung in die Wiege gelegt worden.

    Vor einer Woche klingelte mein Telefon erneut. Am anderen Ende der Leitung stotterte eine aufgeregte Hedwig: »Henning, ka… kannst du bitte vorbeikommen. Klaus liegt hier schon wieder betrunken rum und kann sich kaum noch rühren.« »Seit wann ist der denn aus der Klinik draußen?« »Sie haben ihn nur eine Nacht behalten.« »Nicht länger? Das darf doch nicht wahr sein.« »Er hat mit einem Anwalt gedroht, wenn sie ihn gegen seinen Willen festsetzen. Dann haben sie ihn zähneknirschend rausgelassen.« »Was für ein Drecksack. Er hätte ja freiwillig drinbleiben können.« »Wollte er partout nicht.« »Und du hast die Schlösser nicht ausgetauscht?« »Nein. Habe ich nicht übers Herz gebracht. Er hat nach seiner Rückkehr furchtbar getobt, weil ich so überreagiert hätte. Mit dir dürfte ich nicht mehr reden, weil du ihn an die Polizei verraten hast.« »Solche wirren Sätze aus dem Munde eines Sparkassenangestellten. Man glaubt es kaum. Ich bin in einer Stunde bei euch.«

    Seit Tagen komatös auf dem Sofa

    Klaus glotzte mich aus blöden Augen an und murmelte: »Verpiss dich, du Hurensohn! Ich komme bestens alleine klar.« »Das sehe ich. Soll ich dich in die Klinik begleiten oder mitsamt deinem Sofa in den Vorgarten stellen?« »Nein!« »Wir können an der nächsten Tankstelle anhalten und dir einen Flachmann besorgen, damit du die Fahrt überstehst. Ist das ein faires Angebot?« »Nein!« »Wieder das Spiel mit den Polypen?« »Nein!« Jetzt war es Hedwig, die mir ins Wort fiel. »Ich ertrage es nicht, wenn die ganze Straße gafft und über uns tuschelt. Auf keinen Fall Blaulicht vor der Haustüre.« »Wie du meinst.« Ich drehte meine Handflächen nach oben. »Noch atmet der Patient. So schlimm kann es also nicht sein. Wenn er es sich anders überlegen sollte, gib mir Bescheid. Ich organisiere dann den Transport.« Hedwigs Anrufe bei mir wiederholten sich jetzt im Abstand von vierundzwanzig Stunden. Jedes Mal dasselbe: »Ich weiß nicht mehr weiter. Bitte überzeuge du Klaus, endlich zur Vernunft zu kommen.« Abends auf dem Rückweg vom Job machte ich nun einen Umweg und fuhr in den Nordteil der Stadt, um Klaus ins Gewissen zu reden und ihn weich zu kochen. Sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. »Was sagt der Arzt dazu?«, erkundigte ich mich bei Hedwig. »Der hat mir erklärt, dass man niemanden daran hindern kann, sich tot zu saufen.« »Da hat er recht, der Herr Doktor. Aber wenn man sich unbedingt umbringen will, dann alleine im Wald und nicht vor den Augen der Ehefrau. Verstehst du das, Klaus? Du dämlicher Vollidiot.« Klaus stierte mich hasserfüllt an, brachte aber kein Wort über die Lippen. »Klaus, wir geben dir hundert Euro und du verlässt das Haus. Ist das in Ordnung für dich?« Er schüttelte trotzig den Kopf. »Hedwig, ich komme morgen wieder. Hat heute keinen Zweck mit dem Schwachmaten.«

    Am nächsten Abend röchelte Klaus. »Was ist mit ihm los?«, wollte ich wissen. »Er hat Spiritus getrunken.« »Warum? Ist ihm der Schnaps ausgegangen?« »Ich habe vier Flaschen Doppelkorn vor seinen Augen ins Klo gekippt.« »Und dann?« »Ist er ausgerastet und hat versucht, mich zu schlagen.« »Scheiße!« Klaus stellte für mich den Prototypen des gemütlichen Angestellten dar. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn mit Gewaltausbrüchen in Verbindung zu bringen. Wobei seine Augen bereits in den vergangenen Tagen blutrünstig geflackert hatten. »Ich habe mich im Keller versteckt und ihn schreien hören, dass er sich jetzt mit dem Spiritus umbringen wird. Die Schuld dafür würde ich tragen.« »Tja, das ist die verquere Logik eines Säufergehirns. Musst du nicht ernst nehmen. Klaut er?« »Wie kommst du darauf?« »Weil du als besorgte Ehefrau ihm vermutlich alles Geld abgenommen hast. In der Hoffnung, er würde demütig werden, wenn ihm die Vorräte ausgehen.« »Stimmt. Gestern haben sie ihn bei Edeka erwischt, als er zwei Pullen Wodka einstecken wollte.« »Und nicht der Polizei übergeben?« »Nein. Nur ein Hausverbot erteilt. Sogar die Flaschen durfte er behalten. Die haben sich wahrscheinlich davor geekelt, ihn anzufassen.« »Da hast du ja mal wieder Schwein gehabt, du übler Schmarotzer. Eine Nacht in der Ausnüchterungszelle hätte dir gut getan. Da würdest du endlich zur Besinnung kommen.« Klaus wandte sich von mir ab, drehte mir den Rücken zu und tat so, als ob er spontan eingeschlafen wäre. »Bis morgen bereitest du alles vor, Hedwig. Notarzt und Polizei. Die sollen für ihn einen Beschluss bewirken. Minimum drei Wochen. Vorher darf er die Station auf keinen Fall wieder verlassen.«

    Ein Treppensturz mit Folgen

    »Er riecht komisch. Eine Mischung aus Pisse und Eukalyptus. Was ist das?« »Dieses Zeug hier.« Hedwig hielt mir eine grüne Plastikflasche vors Gesicht. »Einreibelotion für Pferde. Enthält zwölf Prozent Alkohol«, entzifferte ich. »Die trinkt er?« Mann, was musste Klaus für mordsmäßigen Saufdruck verspüren, dass er solch einen Dreck runterwürgte. »Nicht nur das. Er war mittlerweile am Desinfektionsmittel und dem Putzzeug dran.« »Der würde seinen eigenen Urin saufen, wenn er da Spuren von Wodka drin vermuten würde.« »Bring ihn bloß nicht auf dumme Gedanken.« »Klaus. Steh auf!« Ich rüttelte an seinen Schultern, um ihn aufzuwecken. Keinerlei Reaktion. »Ob er bereits im Delirium ist?« »Glaube ich nicht. Das sieht anders aus. Vielleicht besser, wenn er pennt. Ansonsten kommt er vielleicht auf blöde Ideen, bevor die Polizei eintrifft.« »Ich will nicht, dass die Bullen mich abholen. Zum Teufel mit euch.« Klaus hatte unsere Worte doch belauscht und war nun munter geworden. »Hättest du dir vorher überlegen sollen, du hoffnungsloser Spritkopf. Jetzt ist es zu spät. Du kannst ja trotzdem freiwillig in den Rettungswagen steigen. Wäre uns allen am liebsten.« »Niemand vertreibt mich aus meinem Haus.« »Das dir gar nicht gehört, sondern deiner Frau. Wenn du zurückkommst, wird sie die Schlösser ausgetauscht haben. Damit du endlich lernst, für dich selbst zu sorgen.« »Du dummes Flittchen.« Mit einer Behändigkeit, die ich Klaus gar nicht zugetraut hatte, sprang er vom Sofa auf und stürzte auf Hedwig zu. Die machte reaktionsschnell einen Schritt zur Seite, er lief ins Leere, geriet ins Torkeln und prallte mit dem Gesicht gegen die Wand. »Henning, tu doch was!« In Hedwig kam schon wieder der Mutterinstinkt zum Vorschein. Es fehlte nicht viel, und sie hätte die Arme um ihren Mann gelegt und ihn getröstet.

    Ich warf mich auf Klaus, riss ihn zu Boden und nahm ihn in den Schwitzkasten. »Du willst es wirklich nur auf die harte Tour verstehen, oder?« »Nein, nein. Lass mich bitte los. Ich werde lieb sein. Ich versprech’s.« Er wimmerte wie ein kleines Mädchen. Einen Moment lang schämte ich mich für Klaus und befreite ihn aus meinem Würgegriff, ließ ihn aber auf dem Teppich liegen. »Wann wird der Arzt hier sein?«, fragte ich Hedwig. »In circa zehn Minuten.« »Zusammen mit den Bullen?« »Ja.«

    Derweil krabbelte Klaus auf allen vieren durchs Wohnzimmer in Richtung Flur. »Wo will er hin?« »Vermutlich sucht er ein Versteck.« »Von mir aus. Weit wird er in dem Tempo nicht kommen.« Am Esstisch, der ihm den Weg versperrte, zog Klaus sich mühsam nach oben, bis er nach dreißig Sekunden endlich auf seinen gallertartigen Beinen stand. »Mach jetzt keinen Blödsinn«, warnte ich ihn vorsichtshalber, denn ich hatte in den vergangenen Jahren eine Menge Irrsinn von Wodka-Junkies erlebt. Mit dem letzten Tropfen der ihm verbliebenen Kraftreserven rannte er los zur Haustüre, um in der Dunkelheit der Nacht zu verschwinden. Hedwig, die in diesem Augenblick aus der Küche zurückkehrte und ihrem Mann unversehens entgegenkam, stellte ihm reflexartig ein Bein, um ihn an der Flucht zu hindern. Klaus kippte wie ein nasser Sack seitlich weg in den geöffneten Kellereingang hinein und von dort aus die steile Treppe abwärts. Von unten vernahm ich das hässliche Geräusch splitternder Knochen und einen langgezogenen Klagelaut. Danach herrschte gespenstische Stille. Ich lief die Stufen hinab, während sich Hedwig erschrocken die Hand vor den Mund hielt.

    Und am Schluss ne traurige Beerdigung

    »Wenn sie mich nun wegen Totschlags verhaften?« »Ach was; das war ein Malheur, als Klaus über dich gestolpert ist.« »Ob das ein Staatsanwalt ebenfalls so sehen würde? Ich möchte bei all dem Schlamassel nicht auch noch angezeigt werden.« »Kann ich nachvollziehen.« »Ich fühle mich total mies. Was mache ich jetzt bloß?« »Gib mir mal das Pferdezeug und Gummihandschuhe.« »Hier. Wozu brauchst du das?« »Wirst du gleich verstehen.« Ich streifte mir die Handschuhe über schüttete den Rest der etwas öligen Flüssigkeit auf die Schwelle der Kellertür. Danach ließ ich mir von Hedwig ein Paar von Klaus Pantoffeln geben und fuhr mit dem linken durch die Pfütze. Im Keller zog ich dem Toten einen Schlappen an den linken Fuß und platzierte den zweiten verkehrt herum zwei Stufen über ihm. Dann drückte ich ihm die grüne Flasche in die rechte Hand. »Jetzt sieht es so aus, als wäre er in seiner Gier und der Suche nach weiterem Spiritus in der Soße, die er selbst verkleckert hat, ausgerutscht.« »Meinst du, die Kripo glaubt uns das?« »Warum nicht? Habe schon von blöderen Todesursachen gelesen.« Ich pellte die Gummiteile von meinen Unterarmen und verstaute sie in der Jackentasche. Gerade noch rechtzeitig. In der Haustür tauchten zwei junge Polizisten und der Notarzt auf. »Kommen Sie schnell. Es ist ein furchtbarer Unfall passiert«, empfing Hedwig völlig aufgelöst die Beamten. Ich spazierte in die Küche, zündete mir eine Zigarette an und versuchte, die komplizierte Kaffeemaschine in Gang zu bringen.

    Eine Woche später – an einem nasskalten Gründonnerstag – beerdigten wir Klaus. Es war eine kleine Feier. Außer drei Kollegen, vier Familienangehörigen und zwei Patienten aus der Klinik hatte niemand den Weg auf den Friedhof gefunden.

  • Gesoffen hat schon unser Steinzeit-Urgroßvater

    Gesoffen hat schon unser Steinzeit-Urgroßvater

    Wir alle wissen, dass sich bereits der Cro-Magnon-Mensch abwechselnd mit vergorenen Früchten und halluzinogenen Pilzen berauschte. Da unsere Steinzeitvorfahren Früchte und Pilze jedoch nicht ganzjährig fanden und einsammelten und der Kühlschrank noch nicht erfunden worden war, stellten absichtlich herbeigeführte ekstatische Bewusstseinszustände in der Mittelsteinzeit die Ausnahme und nicht die Regel dar. Saufen bzw. vergorene Früchte futtern war ein Sommer- bzw. Herbstsaisongeschäft. In der dunklen Jahreszeit sah’s damit eher mau aus.

    Das änderte sich schlagartig, als unsere Ururururgroßeltern die Vorzüge der Landwirtschaft für sich entdeckten und ihr ständiges Umherreisen an den Nagel hängten. Die Geschichtswissenschaft bezeichnet diesen Vorgang des allmählichen Sesshaftwerdens unserer Vorfahren als Transformation der Jäger und Sammler, die auf der Suche nach Nahrung 24/7 in Bewegung waren, in Bauern, die mit ihrer Hände Arbeit dem Boden einen ganzjährigen Ertrag abtrotzten, dafür jedoch an ihrer Scholle festkleben mussten. Vorbei war es mit Rumstreunerei und Lagerfeuerromantik. Der Bauer blieb in Sichtweite seines Feldes und wurde zum erbitterten Feind des Nomaden. Dieser weltgeschichtlich superwichtige Vorgang, die sogenannte neolithische Revolution, trug sich vor ca. 12000 Jahren zu.

    Unseren Steinzeit-Landwirt-Vorfahren gelang es, eine Urform der Gerste zu kultivieren und anzubauen, bei deren Lagerung sie feststellten, dass das zerkleinerte Getreide zu keimen und zu mälzen begann. Von dort bis zur gewerbsmäßigen Braukunst war es nur noch ein kleiner Schritt, der allerdings ein paar hundert Jahre gedauert haben dürfte. Gebraut wurde alles, was sich in Alkohol verwandeln ließ: Gerste, Emmer, Weizen, Honig, sogar Reis (in China). Hauptsache, der Stoff schmeckte einigermaßen, war nicht toxisch und entfaltete ein angenehmes Säuselgefühl in der Nebenhirnrinde. Die immer noch herumwandernden Nomaden, die keine Gerste kultivierten und in der Konsequenz nichts zusammenbrauen konnten, mussten sich derweil mit vergorener Stutenmilch begnügen.

    Von den Sumerern in Mesopotamien – das sind die, denen wir das alkoholgeschwängerte Gilgamesch-Epos, die ersten Schriftzeichen und eine Menge in Tontafeln eingeritzte Kneipenwitze verdanken – gelangte die Braukunst an den Nil, wo die Pharaonen jahrtausendelang das Staatsmonopol der Herstellung für sich beanspruchten. Gerstenbier wurde jeden Tag getrunken, allerdings zu festen Uhrzeiten und in zugeteiltem Quantum. Ob Alkoholismus bereits im frühen Altertum bekannt war, wissen wir aufgrund mangelhafter Quellenlage nicht genau; es steht jedoch zu vermuten, dass sich nicht jeder brave Bürger an die oben genannten festen Uhrzeiten und sein zugeteiltes Quantum hielt. Wie damals entgiftet wurde? Keine Ahnung. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kalt und mit ungewissem Ausgang.

    Wein, ein Geschenk der Götter

    Kurz auf das erste Bierbesäufnis folgte die Entdeckung des Kelterns: Weintrauben mit den Füßen zerstampfen und die so gewonnene Matschepampe (fachmännisch Maische genannt) ein paar Tage nicht anrühren. Dann erneutem Druck aussetzen, um den Most vom Trester zu trennen. Den süß-klebrigen, dickflüssigen Saft in Fässer bzw. Tonkrüge füllen, diese hermetisch verschließen und das Ganze wiederum ein paar Wochen ziehen lassen, was man als Gärvorgang bezeichnet. Nun schmeckte das Zeug, dem man zwecks Verstärkung vor der Gärung noch Zucker beimischen kann, endlich nach Wein und wirkte auf Sensorik und Artikulationsfähigkeit unserer Vorfahren um einiges heftiger als das eher harmlose Volksgesöff Bier, weshalb man den Wein auch als Geschenk der Götter deklarierte.

    Götter hin oder her – konsumiert wurde Wein quer durch alle Gesellschaftsklassen. Bei den zahlreichen Feiern zu Ehren noch zahlreicherer Gottheiten konnte der Konsum schon mal aus dem Ruder laufen, was dann in den berühmt-berüchtigten dionysischen Orgien endete. Die Ägypter kannten beispielsweise das Fest der Trunkenheit, das sie alljährlich zu Ehren der löwenköpfigen Göttin Hathor zelebrierten. Mit dem ausdrücklichen Segen der Priester, sich eine Nacht lang zu betrinken, bis die Lampen in den Tempeln erloschen und die Sinne der entrückten Gläubigen schwanden. Der Tag darauf war von Katzenjammer und zerknirschten Gebeten bestimmt, neun Monate später stieg die Geburtenrate steil an.

    Von der häufigen Teilnahme an solchen Feierlichkeiten bis zum Gewohnheitssuff war es nicht weit. Meine These: Im Altertum wimmelte es von Alkis, die jedoch, weil damals Jellinek-Fragebogen und ICD-11-Katalog der WHO noch nicht erfunden worden waren, weder korrekt klassifiziert noch medizinisch sauber therapiert wurden. Im Zweifelsfall starben diese antiken Schluckspechte eben früh. Besonders alt wurde damals ja sowieso niemand. Wie wir unschwer erkennen, stellt die Alkoholherstellung das drittälteste Gewerbe der Welt dar. Die beiden noch älteren kennen Sie; nur so viel: Das älteste ist die Politik. Es gibt sogar Historiker, die steif und fest behaupten, der eigentliche Grund des Sesshaftwerdens der Jäger und Sammler hätte darin bestanden, dass sie als Bauern nun ganzjährig Bölkstoff produzieren und sich hinter die Binde kippen konnten. Die Gier nach Alkohol als Motor der menschlichen Zivilisation.

    Vom Lidschatten zum Schnaps

    Woher stammt das Wort Alkohol? Im Arabischen bezeichnete man im frühen Mittelalter mit al-kuhl ein feines kosmetisches Pulver, das man zum Einfärben von Augenbrauen, Wimpern und Lidern benutzte. Über die Zwischenstation Spanien, wo man al-kuhl, um es melodischer betonen zu können, in al-kuhúl abwandelte, reiste der Begriff weiter nach Norden, wurde im 16. Jahrhundert vom großen Arzt und Alchemisten Paracelsus, der auch ein großer Trinker war, aufgeschnappt und von ihm als Synonym für das Feine, Subtile in unseren Wortschatz eingeführt. Alcohol vini als das reine, feine Destillat des Weins, der Weinbrand. Was für eine enorme Umformung liegt hinter diesem Begriff: vom Lidschatten zum Schnaps! In diesem Fall jedoch halbwegs plausibel, weil die alten Araber auch die Kunst des Destillierens erfunden hatten. Zwar ursprünglich zu medizinischen Zwecken; aber medizinischen Zwecken dienten anfangs auch Opium, Morphium und LSD. Vom medizinischen Zweck zur süchtig machenden Droge ist es oft nur ein winziger Schritt.

    Die Germanen waren chronische Schluckspechte

    Trinkalkohol ist eine sogenannte Kulturdroge. Mit diesem Ausdruck bezeichnet man Rauschmittel, die schon die Götter gerne zu sich nahmen. Jeder, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß, dass an der ewig gedeckten Tafel in Walhalla der Met aus Krügen – und nicht aus kleinen Bechern – gesoffen wurde. Tacitus beschreibt in seinem Büchlein „Germania“ die Trinksitten unserer Urururgroßeltern. Er berichtet von in Bier getauchten Schnullern für die Säuglinge, von Gelagen, die im Komasuff endeten, von Ratsversammlungen, die wiederholt werden mussten, weil sämtliche Teilnehmer im Moment der Beschlussfassung betrunken waren. Für barbarisch hielten Römer und Griechen die germanische Angewohnheit, Wein pur – also nicht mit Wasser gemischt – zu konsumieren.

    Im christlichen Mittelalter wird es nicht besser: Die Erfindung der Kunst des Brennens – also Hochprozentiges aus dem Rebensaft herauszufiltern, in süditalienischen klösterlichen Alchemieküchen ausgeheckt – machte es noch schlimmer. Nun war plötzlich aqua vitae, „Wasser des Lebens“, so lautete der beschönigende Ausdruck für Branntwein, in der Welt. Der Adel feierte rauschende Feste, die erst dann als hip galten, wenn am Ende alle Gäste betrunken auf dem Boden lagen. Mönche brauten Starkbier, um in der Fastenzeit nicht verhungern zu müssen. Unzählige Jesuserscheinungen von Nonnen sind auf den übermäßigen Genuss von Kräuterlikör zurückzuführen. Der Alkoholkonsum der unteren Gesellschafsschichten beschränkte sich auf die Fest- und Feiertage: Die waren allerdings häufig und die Besäufnisse heftig.

    Deutschland immer weit vorne in der internationalen Alkoholstatistik

    Der endgültige Siegeszug des Teufelszeugs Schnaps fällt zeitlich in etwa zusammen mit dem Start der industriellen Revolution. Gewerbefreiheit, stark vermehrte Vergabe von Schanklizenzen im Verein mit der Erfindung, Kartoffeln in Wodka zu verwandeln, ließen die Preise für Hochprozentiges stark fallen. Jeder Bauer, Industriearbeiter und Tagelöhner konnte sich nun in den billigen Rausch flüchten. Die Chronisten berichten ab 1830 von einer neuen Volksseuche, die sie als Branntweinpest und Elendsalkoholismus geißeln und die in erschreckendem Ausmaß und mit großer Geschwindigkeit um sich griff. Ganze Landstriche verarmten und ergaben sich dem Suff.

    In der Gründerzeit wird nochmals eine ordentliche Kelle draufgekippt: Der Pro-Kopf-Konsum erreichte zwölf Liter reinen Alkohol pro Jahr. Produktionsbedingte Engpässe kombiniert mit hoher Besteuerung ließen den Verbrauch nach dem ersten Weltkrieg auf fünf – 1923 während der großen Inflation sogar nur drei – Liter absinken. Mit der wirtschaftlichen Gesundung Deutschlands in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stieg auch das Verlangen nach Bier, Lambrusco, Weinbrand und klebrigen Cocktails schnell wieder an: von 4,0 Litern Reinalkohol (1950) über 9,4 (1960), 14,4 (1970) bis zum vorläufigen Maximum 16,7 (1976). Danach sinken die Werte bis heute ab: 15,0 (1980), 13,4 (1990), 12,0 (2000) auf aktuell 10,7 Liter (Quellen: DHS sowie ältere Ausgaben der „Jahrbücher zur Alkohol- und Tabakfrage“. Zahlenvor 1950 auf alle Einwohner bezogen. Danach eingegrenzt auf die Altersgruppe 15plus).

    MERKE
    Alkohol ist neben Pilzen die älteste dem Menschen bekannte psychotrope Substanz. Daraus scheint sich in einigen Kulturkreisen ein Gewohnheitsrecht herausgebildet zu haben, ihn in zum Teil gesundheitsschädigender Weise konsumieren zu dürfen, ohne dass der Gesetzgeber regulativ eingreift.

  • Auf der Suche nach dem Urknall

    Auf der Suche nach dem Urknall

    »Sie waren also beinahe tot? Wie lange in etwa?« Die untersetzte Frau, die mir seit knapp fünfundvierzig Minuten gegenübersaß und jede Antwort aus meinem Mund mit einer neuen Frage quittierte, legte den Bleistift, mit dem sie ununterbrochen Notizen in einen Spiralblock hineingekritzelt hatte, vor sich auf die Tischplatte und taxierte mich mit zusammengekniffenen Augen. Der orange Griffel wies überall Bissspuren auf und war von ihr nahezu durchgekaut worden.

    Wer ist verrückter: Ich oder die Schneider?

    Wahrscheinlich bist du bekloppter als ich, ging es mir durch den Kopf, bevor ich ihr antwortete: »Keine Ahnung. Die Pfleger haben mir das erzählt, als ich in der geschlossenen Station aufwachte. Vermute mal zwei, drei Stunden. Länger nicht. Alles halb so wild.«
    »Halb so wild? Sie sind lustig. Wäre es Ihnen stattdessen lieber gewesen, für immer tot zu sein?« Ich kratzte mich verlegen am Ohr und zog es vor, zu schweigen.
    »Sie mussten reanimiert werden. Da hätte dieses Mal nicht viel gefehlt, und Sie wären Ihrem Herrgott gegenübergetreten. Das ist Ihnen schon klar, oder?«

    Warum hat sie ausgerechnet mich zu sich hereinzitiert? Weshalb nicht Rolf, Rene oder Petra? Oder irgendeinen x-beliebigen Säufer aus der verdammten Hardcore-Fraktion? Jedes Mal dasselbe Spiel, sobald die dusselige Kuh mich erblickt: Herr Hirsch, schön, Sie zu sehen. Können Sie bitte nachher in mein Büro kommen! Keine Frage, sondern ein Imperativ. Wie mich das abfuckte. Soll sie sich einen anderen Idioten suchen, mit dem sie ihre Psychomasche abziehen kann. Über all das dachte ich nach und erwiderte so freundlich, wie es mir an diesem elenden, tropisch schwülen Nachmittag möglich war: »Ob Sie es glauben oder nicht, Frau Schneider: in dem Moment, als ich die dritte Flasche Wodka vorgestern Abend öffnete, kurz bevor ich bewusstlos in der Küche umklappte, war es mir tatsächlich egal, ob ich abkratze oder nicht.«

    »Sie hegten also suizidale Gedanken«, schlussfolgerte die Psychologin und schrieb fieberhaft eine weitere Seite voll, bevor sie ihren Blick wieder mir zuwandte.
    »Nein; mir war es wurscht.«
    »Ist das nicht dasselbe?« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, in ihrem ansonsten von professionellem Wissensdurst beherrschtem Gesicht eine Spur von Anteilnahme zu entdecken.
    »Nein, ist es nicht. Weil ich eben nicht von Anfang an die Absicht hatte, mich umzubringen, sondern den Tod, der sich vielleicht hätte einstellen können, zum Schluss billigend in Kauf nahm. Aber eher in der Form eines russischen Roulettespiels. Von sechs Kammern ist nur eine mit einer Patrone geladen. Und vor jedem Schuss wird neu gedreht. Die Wahrscheinlichkeit, mit heiler Haut davonzukommen, steht also gar nicht so schlecht. Bisher ist es immer glimpflich ausgegangen.«
    »Sie treffen den Nagel auf den Kopf: bisher. Und was, falls es beim nächsten Versuch nicht mehr klappt? Wenn Sie sich dann die todbringende Kugel in den Kopf jagen?«
    »Dann ist es eben so. Wir müssen alle irgendwann unserem Schöpfer gegenübertreten. Die einen nach einem langen, erfüllten Leben, die anderen halt früher.« Ich zuckte mit den Schultern und überlegte, ob ich mir nachher im Raucherzimmer von Rene eine Zigarette schnorren könnte.

    Immer wieder dieselben Fragen

    Frau Schneider und ich hatten uns in den vergangenen Monaten oft in ihrem kleinen Arbeitszimmer getroffen und über die Ursachen meines exzessiven Trinkverhaltens diskutiert. Wie alle Psychologen war sie auf der Suche nach dem Urknall: der Stunde Null, in der ich vom normalen Menschen zum Säufer mutiert war. In geradezu stupider Regelmäßigkeit verneinte ich all ihre Annahmen und Hypothesen von trübsinniger Kindheit, zu strengem Vater, unglücklichen Liebesbeziehungen in der Jugend, traumatischen Schulerlebnissen und was ihr alles sonst noch an Erklärungen in den Sinn kam und bejahte als einzige glasklare und nicht zu leugnende Auslöser meines Alkoholismus die Gene mütterlicherseits und jahrelange Gewöhnung an die Droge. »Mehr fällt Ihnen in diesem Zusammenhang nicht ein? Speziell von Ihnen hätte ich eine tiefschürfendere Analyse erwartet«, versuchte sie vergeblich, an meine vor vielen Jahren verloren gegangene Marktforscherehre zu appellieren.

    Ich beneidete Frau Schneider nicht um ihren Job. Im Gegensatz zu ihrer attraktiven Kollegin mit den pfirsichförmigen Arschbacken, der die Patienten in der offenen Station die Bude einrannten, wirkte sie zum einen mit ihrer pummeligen Figur und dem Bürstenhaarschnitt äußerlich wenig anziehend, und zum anderen betreute sie in der geschlossenen Abteilung eine hartgesottene Klientel, die sich weniger für psychologische Ursachenforschung denn für die fristgerechte Überweisung des Hartz IV- Regelsatzes interessierte. Pünktlich zum Ersten jeden Monats leerte sich die Station schlagartig, um sich dann in den folgenden Tagen bis zum spätestens Fünften allmählich wieder zu füllen. Diese zweiundsiebzig bis sechsundneunzig Stunden reichten den meisten Patienten, die dreihundertfünfundsechzig Euro, die ihnen alle vier Wochen zustanden, komplett auf den Kopf zu hauen. Frau Schneider redete auch zu akademisch daher und schaffte es einfach nicht, den zu ihrer Kundschaft passenden Tonfall anzustimmen.

    Völlig benebelt mit Tendenz zum Sekundenschlaf

    Ich gähnte herzhaft, denn am zweiten Tag der Entgiftung schwammen dreißig Valium träge wie winzige pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn herum, was selbst für mich eine recht starke Dosierung bedeutete. Diese Ration war notwendig geworden, weil ich es bei der Essensausgabe weder schaffte, ein Tablett festzuhalten noch eine Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Ich zitterte am gesamten Körper wie ein Eichhörnchen auf Koks, der Schweiß rann mir in Strömen von den Schläfen die Wangen hinab, die Blutdruckwerte bewegten sich im Bereich schwangerer Giraffen, sodass der zum Zeitpunkt meiner Einlieferung zufällig anwesende Oberarzt entschied, die an und für sich zulässige Maximalmenge von vierundzwanzig um sechs zu erhöhen. Die allmähliche Linderung der Schmerzen ging einher mit einer Form des Sekundenschlafs, der mich an den unmöglichsten Orten einpennen ließ. Vor drei Stunden erst hatte mich Pfleger Franz unsanft im Bad geweckt, wo ich mit blankem Hintern auf der Kloschüssel weggenickt war. Früher wäre mir das unsagbar peinlich gewesen. Heute jedoch ließen mich solche Vorkommnisse völlig kalt.

    »Ich habe den Eindruck, dass Sie es sich in Ihrer Nische mittlerweile ganz bequem eingerichtet haben«, versuchte Frau Schneider ein letztes Mal, mich aus meiner nachmittäglichen Lethargie wachzurütteln.

    Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks

    »Wie meinen Sie das? Verstehe ich nicht.«
    »Sie erscheinen hier mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Manchmal zu Fuß, oft liegend auf einer Trage und in letzter Zeit zumeist mit dem Umweg über die Intensivstation. Sie entgiften schnell, sind nach einer Woche wieder zu Hause, trinken dort munter weiter, zumal Sie wissen, dass Sie bei uns im Notfall sofort aufgenommen werden. Sie kennen im Krankenhaus Gott und die Welt, sind wegen Ihrer ruhigen Art bei den meisten Ärzten und Pflegern beliebt, sodass ich die Befürchtung hege, dass Sie sich hier drinnen zumindest genauso wohl fühlen wie draußen auf der Straße. Während ich im vergangenen Jahr den früheren Manager und Familienvater in Ihnen noch erkennen konnte, ähneln Sie heute einem abgerissenen Hippie, der seit Woodstock ununterbrochen säuft. Das meine ich mit bequem in der Nische einrichten.« Frau Schneider blickte mich triumphierend an in der Gewissheit, dass dieser fiese Nierenhaken mich reumütig in die Knie zwingen würde. Du kannst mich mal, dachte ich bitter, gähnte erneut, rutschte halb vom Stuhl herab und signalisierte deutlich, dass ich langsam ans Ende der Unterhaltung gelangen wollte.

    »Ich merke, dass Ihre Aufmerksamkeitspanne noch nicht für eine längere Sitzung ausreicht. Ich will Sie heute auch nicht länger foltern. Ihr sicherlich quälender Entzug ist Strafe genug. Ich würde vorschlagen, dass wir uns übermorgen wiedersehen. Ich finde Sie im Aufenthaltsraum. Vor mir weglaufen können Sie in der geschlossenen Abteilung ja nicht. Das ist praktisch.« Über Frau Schneiders Lippen huschte ein boshaftes Lächeln, und sie entließ mich mit einem kurzen Kopfnicken, derweil sie ihren Vermerk über meine mangelhafte Krankheitseinsicht zu Ende formulierte.

    Du bist ein arrogantes Großstadt-Arschloch

    »Wie war die Psychostunde bei der Gruseltante?«, empfing mich Petra draußen auf dem Flur. »Hat sie dir angeboten, bei ihr einzuziehen?« Sie trug einen knallroten Spaghetti-Top auf ihrer weißen Haut, der bei jeder Bewegung den Blick auf die Speckrollen an ihren Hüften freigab.
    »Warum sollte sie das tun?«
    »Die steht auf dich. Merkt doch jeder.« Wie zufällig streifte sie den Träger von ihrer linken Schulter ab und strich mit zwei Fingern über das freigelegte Dekolleté. Trotz meiner Müdigkeit bemerkte ich, dass ihre Brustwarzen hart und begehrlich im Neonlicht schimmerten.
    »Ich unterhalte mich eben mit ihr.«
    »Ach was. Du schleimst dich ekelerregend bei der ein.« Da meine Reaktion auf ihren Busenblitzer nicht so ausfiel, wie sie sich das vorgestellt hatte, zog sie das Shirt wieder nach oben und schaute mich missbilligend an.
    »Von mir aus.« Mir war an diesem Nachmittag tatsächlich alles egal. Ich wollte meine Ruhe haben und die Schmerzen loswerden. Deshalb stand mit der Sinn ganz und gar nicht nach komplizierten Gesprächen. Weder mit Frau Schneider noch mit Petra.
    »Du bist in den letzten Monaten völlig teflonartig geworden. Wo ist der nette Henning abgeblieben, den ich vor einem Jahr hier kennengelernt habe?« Sie schüttelte ungläubig den Kopf, und ich meinte, ein Déjà-Vu der Verabschiedung mit der Psychologin zu erleben.

    Petra betrieb ein kleines Bordell am Nordrand der Eifel, an der Bundesstraße, die von Düren über Aachen weiter nach Belgien und Holland führt. Zu ihren Kunden zählten deshalb überwiegend LKW- Fahrer und Handlungsreisende, die mit Haushaltsartikeln und Versicherungspolicen unterwegs waren. Ihr bereitete es Freude, bei den Männern selbst Hand anzulegen und mit ihnen fröhlich zu bechern. Wenn sie einen im Tee hatte, konnte es passieren, dass Petra leicht reizbar und unflätig wurde. Unvorsichtigen Freiern, die es wagten, ihr in diesem hochalkoholisierten Stadium zu widersprechen, donnerte sie die Faust ins Gesicht oder traktierte sie mit Sektflaschen und dem spitzen Absatz ihrer Stilettos. Sie wurde deshalb häufig in Handschellen in der Klinik vorgeführt. Anstatt sich dankbar zu zeigen, dass sie an einen Ort gebracht worden war, an dem ihr geholfen werden konnte, beschimpfte sie die Polizisten mit Scheißbullen und bezeichnete den netten iranischen Aufnahmearzt als Dreckskanaken. Wenn sie zu sehr herumtobte und alles freundliche Beschwichtigen nicht fruchtete, hakten sich zwei muskelbepackte Pfleger bei ihr ein und eskortierten sie ins Bett. Dort wurde sie an vier Punkten fixiert, erhielt ein starkes Beruhigungsmittel und pennte danach komatös für vierundzwanzig Stunden. Sobald sie erwachte, konnte sie sich an nichts zurückbesinnen und benahm sich lammfromm und zivilisiert. Sie war eine Seele von Mensch und litt mitunter geradezu unter einem Helfersyndrom. Auch ich hatte bereits mehrmals meinen Rausch zwischen ihren wogenden Brüsten ausgeschlafen, woran sie mich hin und wieder gerne erinnerte.

    »Wann kommst du mich endlich besuchen?«, hatte sie mich beim letzten gemeinsamen Aufenthalt gefragt.
    »Weiß nicht«, antwortete ich zögerlich.
    »Was soll das heißen: weiß nicht? Du hast es tausend Mal versprochen.«
    »Ich bin Großstädter und fahre nicht gerne aufs Land.«
    »Du bist ein arrogantes Arschloch, das es nicht wert ist, mit ihm meine Zeit zu vertrödeln«, hatte sie mich damals beschimpft.

    Ich treffe Lila wieder

    »Henning, dir ist einfach nicht zu helfen«, zischte sie heute. »Anstatt an dir zu arbeiten und langsam das Jammertal zu verlassen, feierst du jeden Abend fröhlich Party, so als ob es dein letzter sein könnte. Ich verstehe dich einfach nicht.«
    Als ob du alte Wachtel seltener als ich hier aufschlägst, ging es mir durch den Kopf, und ich sagte leise: »Lass das meine Sorge sein. Ich kann gut auf mich alleine aufpassen.«

    Petra drehte mir abrupt den Rücken zu, sodass ich das bunte Kamasutra-Tattoo sehen konnte, das ihr früherer Freund kunstvoll gestochen hatte, und stiefelte den Südostflur entlang in Richtung Raucherzimmer. Sie war die Zweite innerhalb einer Stunde, die mir erklärte, dass ich mich mit meinem Trinkerleben arrangiert hätte und in der Klinik sichtbar wohlfühlen würde. Vielleicht ist da was Wahres dran, grübelte ich; beschloss aber, mich heute nicht mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzen zu wollen. Ich fühlte mich schlichtweg zu schlapp dafür.

    »Na alter Mann, was brütest du so dumpf vor dich hin? Ist dir nicht gut?« Von hinten berührte eine mir wohlbekannte Hand sanft meinen Hals. Ich wendete mich im Zeitlupentempo um und schaute in das schöne, aber leicht irre Gesicht von Lila, meiner absoluten Lieblings-Borderlinerin. »Hi, Lila. Bist du auch wieder hier?« Ich küsste sie zärtlich auf den Mund.
    »Ich kann dich schließlich nicht alleine in der Psychiatrie rumlaufen lassen. Nachher gerätst du hier noch komplett unter die Räder.«
    »Und deshalb folgst du mir bis in die geschlossene Abteilung?! Kaum zu glauben. Auf jeden Fall gut, dich zu sehen.«

    Lila kannte ich seit Anfang des Jahres. An einem bitterkalten Januarmorgen war sie barfuß und mit zerzauster Frisur in die Klinik hereingeschneit. Bis in die Haarspitzen zugedröhnt mit Pilzen und irgendeiner geheimnisvollen chemischen Substanz. Es dauerte damals ungelogen achtundvierzig Stunden, bis wir sie vernünftig ansprechen konnten. »Ich rühre Drogen aus Prinzip nicht an. Du siehst, was das Dreckszeug aus dem armen Mädchen gemacht hat«, erklärte mir Rene. »Aber eine Gallone Schnaps, die du pro Woche in dich reinschüttest, ist normal?«, fragte ich ihn mit zweifelnd hochgezogenen Augenbrauen.

    Nicht ganz ne Lolita-Nummer

    Lila und ich freundeten uns in diesem tristen Wintermonat an, und wir verbrachten viel Zeit miteinander in Aufenthaltsraum und Raucherzimmer. Sie besaß eine atemberaubende Figur, wies väterlicherseits äthiopische Wurzeln auf, und wenn sie lächelte, blitzten ihre Zähne wie blankgeputzte weiße Perlen im neonbeleuchteten Januargrau des Krankenhauses. Da wir zumeist im Doppelpack anzutreffen waren, hatten wir nach einigen Tagen unsere Spitznamen weg: Bowie und Imam.

    Draußen in Freiheit hatten wir uns einige Male getroffen. Bei ihr oder mir zu Hause. Manchmal am Bahnhof, wo wir planlos herumlungerten, anderen Patienten begegneten und mit denen Informationen und Rotweinflaschen austauschten. Ab und an schliefen wir miteinander. Obwohl mir der Sex mit Lila große Freude bereitete, nervte mich ihr anschließendes Gerede über Liebe und Zusammenziehen, und ich verließ deshalb oft mitten in der Nacht ihr Bett, um in meine kleine, unaufgeräumte Wohnung zurückzukehren und dort in Ruhe ein paar Flachmänner hinunterzuspülen, bis mich der viele Alkohol besinnungslos bis zum nächsten Nachmittag einpennen ließ. Sie verfasste lustige Kindergedichte und zeichnete monströse Comicfiguren: vierschrötige Männer mit kantigen Gesichtern und laszive Frauen mit Schmollmund und Atomtitten, denen sie obszöne Sprechblasen in den Mund legte. Wir lasen uns gegenseitig englische Kurzgeschichten und russische Novellen vor, tranken und küssten uns.

    Gelegentlich saß Lila unbekleidet neben mir auf dem rechten Rand des Schreibtisches und beobachtete mich dabei, wie ich Text in die alte Tastatur hämmerte, auf der das A und K fehlten. Ich hatte sie wegen ihrer unbekümmerten Art schnell ins Herz geschlossen, ergötzte mich an ihrer Nacktheit, den vollen Lippen und ihrer kühn geschwungenen Nase, umgab mein Innerstes jedoch mit einer dicken Eisschicht, weil ich mich auf keinen Fall verlieben wollte. Ich betrachtete sie eher wie eine Muse denn als gleichberechtigte Partnerin, was sie als einfühlsame Psychopathin natürlich registrierte. Sie schwieg jedoch, und ich sprach das Thema vorsichtshalber nicht an. In ihren Augen entdeckte ich aber einen traurigen Ausdruck.

    Eigentlich bin ich auch recht gerne alleine

    So gerne ich meine Zeit gemeinsam mit ihr verbrachte, so sehr schätzte ich ebenfalls die Stunden, die ich alleine blieb. Je älter ich wurde, und umso ausschweifender ich zechte, desto mehr floh ich die Menschen und deren Gesellschaft. Die Lektüre eines spannenden Romans und das Beobachten der Schiffe auf dem Strom, der unsere Stadt in zwei etwa gleichgroße Hälften durchschnitt, waren mir oft genauso lieb wie die Umarmungen und das heitere Geplapper Lilas. Es gab Wochen, in denen ich dermaßen gierig Buch um Buch verschlang, indessen die Welt um mich herum vergaß und meine Körperpflege vernachlässigte, dass ich im Stillen befürchtete, ebenfalls beim Lesen ins Extreme abzugleiten. Wodka und Belletristik als kombinierte Drogen, um der ungeliebten Realität zu entfliehen.

    Lila, die erheblich jünger war als ich, verstand diesen Wesenszug nicht und schalt mich scherzhaft einen alten Mann, der mit seinen amerikanischen Sportschuhen und der zerlöcherten Jeans eine längst verflossene Jugend nur vortäuschen würde. Ihretwegen könnte ich auch in Anzug und Krawatte aus dem Haus gehen, denn diese Kleidungsstücke seien ihr an mir ebenso sympathisch wie T-Shirt und Denim. Wenn sie Pilze eingeworfen hatte, wurde sie anfangs albern, kicherte und gackerte wie ein kleines Mädchen, bis nach spätestens einer Stunde ihre Stimmung umschlug, und sie Morddrohungen gegen Gott und die Welt – zumeist allerdings auf ihre Mutter zielend – aussprach. In dieser angeblich bewusstseinserweiternden Phase liebte sie es, mich bis aufs Blut zu reizen, indem sie mir wüste Beleidigungen zurief, mich einen nymphomanen Penner nannte und in die tiefste Hölle wünschte. Was sie nicht daran hinderte, zehn Minuten später auf offener Straße ihre wohlgeformten Brüste zu entblößen und mich aufzufordern, an Ort und Stelle mit ihr zu schlafen.

    Aus diesem an und für sich harmlosen Zeitvertreib ergaben sich jedoch hin und wieder brenzlige Situationen, wenn sie zornentbrannt auf die Gleise lief, sich in der Form eines Kreuzes zwischen die Schienen warf und erst im letzten Augenblick aufsprang, wenn der Zug heranbrauste. Im Mai hatte sie es auf die Spitze getrieben und war liegengeblieben, wenngleich die S6, die von Norden in die Stadt pendelte, einhundert Meter entfernt von ihr bereits schrille Warnsignale ausstieß und im Zweifelsfall nicht mehr hätte rechtzeitig bremsen können. Trotz einer Pulle Jägermeister im Bauch hechtete ich die Böschung hinab, riss sie in der allerletzten Sekunde aus dem Kiesbett heraus, verabreichte ihr erschrocken eine Ohrfeige und brüllte: »Bist du völlig durchgedreht? Wenn du dich unbedingt umbringen möchtest, dann tu es alleine.« Nach einer stummen Schreckminute, in der ich mir unsicher war, ob Lila nun weinen oder hysterisch lachen würde, knallte sie mir ihre Faust auf die Nase, die hässlich knirschte und sofort blutete, befreite sich aus meinem Griff, rannte ohne nach links und rechts zu sehen auf die vierspurige Straße, wo ein schwarzer BMW-Kombi mit quietschenden Reifen vor ihr stoppte. Bevor der verblüffte Mann das Fenster runterkurbeln konnte, öffnete Lila die Beifahrertür und schrie den überrumpelten Fahrer an: »Nimm mich bis ins Westend mit!« Während sie einstieg, spuckte sie wutbebend in meine Richtung, streckte mir den erhobenen rechten Zeigefinger entgegen und kreischte: »Fick dich, du elender Pisser. Ich will dir nie mehr begegnen. Das war’s mit uns beiden. Für immer und ewig.« Seit diesem Erlebnis hatte Funkstille zwischen uns geherrscht.

    Und sei der Ort noch so traurig

    Und nun traf ich sie acht Wochen später in der geschlossenen Abteilung. Wiewohl der Anlass eigentlich ein trauriger war, freute ich mich ehrlich darüber, Lila wiederzusehen. In ihren Augen entdeckte ich ebenfalls Zärtlichkeit und Verständnis. Wir umarmten uns innig. Ungeachtet der Tatsache, dass das Thermometer an diesem schwülheißen Nachmittag weit über dreißig Grad kletterte und die Pfleger alle Hände voll damit zu tun hatten, halbnackte Patienten einzufangen und energisch auf die Kleiderordnung aufmerksam zu machen, trug Lila lange Hosen und ein Hemd, dessen Ärmel bis zu den Handknöcheln reichten. Als Grenzgängerin fügte sie sich mit Küchenmessern tiefe Schnitte in Unterarme und Oberschenkel zu und drückte brennende Zigaretten auf ihrer Haut aus.

    »Schön, dich zu spüren. Habe Sehnsucht nach dir gehabt«, hauchte sie.
    »Wie lange bist du schon hier?«, wollte ich wissen.
    »Drei Tage.«
    »Dann hast du mitbekommen, wie sie mich gestern eingeliefert haben?«
    »Ja, und ich habe mir große Sorgen um dich gemacht.«
    »War’s so schlimm?«
    »Du bist beinahe abgenippelt, blöder Idiot.«
    »Weiß ich. Hat mir Pfleger Franz schon erzählt.«
    »Da bist du wahrscheinlich noch stolz drauf: harter Kerl, der sechs Promille überlebt. Du bist so ein bemitleidenswertes Opfer.«
    »Ich habe überhaupt nichts gesagt«, verteidigte ich mich.
    »Aber gedacht. Ich seh’s an deinem Blick.«
    »Lila, willst du dich mit mir streiten oder zur Abwechslung mal friedlich unterhalten?«

    Lauter alte Bekannte im Raucherzimmer

    In der Art einer ägyptischen Katze schmiegte sie sich an, und wir schlenderten gemeinsam zum Raucherzimmer. Beißender Qualm aus zwanzig selbst gedrehten Kippen, der gemächlich die gelben Wände emporkroch und sich unter der Decke wie schmutziger Hochnebel staute, empfing uns. Ich hustete, Lila schimpfte laut: »Könnt ihr faulen Nichtsnutze nicht mal ein Fenster öffnen! Das ist ja nicht zum Aushalten.«

    »Bowie und Imam. wieder vereint. Ich könnte kotzen.«
    »Wer war das?« Lila schnellte wie ein Pfeil von der Sehne eines stramm gespannten Bogens in die hintere Ecke des Raums, aus der die Pöbelei gekommen war. Dort krallte sie sich mit ihren spitzen Fingernägeln in der Kopfhaut Petras fest und schlug die Zähne tief in deren Schulter hinein. Es kostete mich Mühe, Lilas Kiefer so weit auseinanderzudrücken, dass Petra sich mit schmerzverzerrtem Gesicht von ihr trennen konnte. In diesem Moment ähnelte Lila eher einem Raubtier aus der ostafrikanischen Savanne denn einem menschlichen Wesen. Allerdings fühlte ich mich gerade wegen dieses im Grunde genommen wahnsinnigen Charakterzugs zu ihr hingezogen. Denn Lilas spontane Aggressivität hatte nichts gemein mit heimtückischer Angriffslust, sondern rührte daher, dass sie fälschlicherweise annahm, meine Ehre verteidigen zu müssen.

    »Beruhige dich«, raunte ich ihr zu und erkundigte mich gleichzeitig bei Petra: »Alles in Ordnung mit dir? Warum musst du sie unnötig reizen? Du weißt, wie unberechenbar die Kleine reagiert.«
    »Sie ist so eine Bitch«, fauchte Lila, die im Begriff stand, sich erneut auf ihre Widersacherin zu stürzen, sodass ich sie fest umklammerte, damit sie kein weiteres Massaker veranstalten konnte.

    Petra hielt inzwischen mit der Rechten ihren blutenden Oberarm in die Höhe und wimmerte: »Die Verrückte gehört in ein Irrenhaus.«
    »In dem befinden wir uns doch schon; oder nicht?« Aus dem Hintergrund erschallte eine mir wohlbekannte Bassstimme. »Henning mit seinem Faible für exotische Frauen.«

    Ein notorischer Klugscheißer

    Mit vom Alkohol und Valium geröteten Augen entdeckte ich hinter dem Schleier aus Nikotin und im Sonnenlicht tanzenden Staubpartikeln meinen alten Kumpel Rolf. Als ich ihm das letzte Mal begegnet war, saßen wir auf einer morschen Holzbank vor dem namenlosen Grab 147 im alten Friedhof hinter der Klinik und zechten. Als Akademiker, der andere gerne an seiner Allgemeinbildung teilhaben ließ, dozierte Rolf an diesem lauen Frühlingsnachmittag über den Sonnenglauben des Pharaos Echnaton und entrüstete sich darüber, dass ich nur wenig Interesse für den religiös eifernden König aufbrachte und mir stattdessen Gedanken über die sexuelle Ausstrahlung seiner Gattin Nofretete machte.

    »Dir ist einfach nicht zu helfen, Henning«, giftete er. »Bei dir dreht sich alles ums Saufen und Vögeln. Das widert mich wirklich an.«
    »Gut, dass du von allem Laster abstinent bist, alter Pharisäer«, lachte ich, denn ich wollte mir von ihm den gerade eingeläuteten Abend nicht verderben lassen.
    »Das ist anders als bei dir«, erwiderte er.
    »Nämlich?«, fragte ich zurück.
    »Ich trinke nicht aus Freude am Suff, sondern um meine Depressionen im Zaum zu halten.«
    »Deshalb schluckst du doch bereits kiloweise Tabletten. Die helfen nicht?«, erkundigte ich mich in gespielter Naivität bei ihm.
    »Das verstehst du nicht, denn du konsumierst nicht aus einem Gefühl des Weltschmerz heraus wie ich, sondern aus purer Lust am Rausch.«

    Auch Rolf gab sich dem Irrglauben hin, dass er soff, weil ihm in der Vergangenheit himmelschreiendes Unrecht widerfahren war. Den Verlust von Beruf, Frau und Termingeldkonten hatte er bis heute nicht verdaut. Eigentlich wäre er bei der Suche nach dem Urknall der ideale Gesprächspartner für Frau Schneider gewesen, wenn er nicht partout so rechthaberisch auftreten würde. Die Psychologin hätte sich lieber eine Woche alleine in ihrem kleinen Zimmer einsperren lassen, als nutzlose Diskussionen mit Rolf zu führen, die ohnehin zu achtzig Prozent aus Monologen, die ohne Punkt und Ende aus seinem Mund sprudelten, bestanden.

    Nachdem er zu vorgerückter Stunde die tote Whitney Houston schmähte und deren Gesangskunst in Zweifel zog, da ihre Stimme seiner Meinung nach bei weitem nicht an die der Callas heranreichte, bereute ich es, mich mit ihm verabredet zu haben und sann darüber nach, welche Alternativen die soeben angebrochene Nacht mir noch bieten könnte. Als er gegen dreiundzwanzig Uhr in betrunkenem Zustand von der Bank rutschte, ließ ich ihn deshalb auf den von Moos überwucherten Granitplatten vor Grab 147 liegen und machte mich auf den Weg zum Bahnhof, um dort nach Bekannten Ausschau zu halten.

    Erst die Depression und dann der Alkohol oder doch umgekehrt?

    Ob er den kleinen Vorfall mittlerweile abgehakt hat? überlegte ich. Wahrscheinlich nicht, denn Rolf verfügte trotz seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und vergaß so gut wie nichts. Zudem war er nachtragend und schnell beleidigt. Nun hockte er an diesem brütend heißen Tag in dunklem Anzug und Krawatte auf einem klapprigen Stuhl im Raucherzimmer der geschlossenen Abteilung und qualmte eine dicke Zigarre. Rolfs äußere Erscheinung war schwerfällig, ungelenk und bäurisch; mit seinem durchtriebenem Gesicht, dem konturlosen Kinn und den straff nach hinten gekämmten Haaren ähnelte er einem vollgefressenen, haltlosen und groben Kneipenwirt, wie man sie in den kleinbürgerlichen Vororten der Stadt antrifft. Seine Miene konnte abwechselnd entweder überaus streng wirken, um im nächsten Moment von tausend kleinen Lachfalten durchzogen zu werden. Am meisten amüsierte er sich über seine eigenen Bonmots, von denen er glaubte, dass sie besonders geistreich seien. Eine Meinung, die nicht alle Patienten der geschlossenen Abteilung teilten.

    Früher hatte er als erfolgreicher Wirtschaftsprüfer gearbeitet, bevor ihn widrige Umstände – die er jedoch nie näher erläuterte – dazu zwangen, seine Kanzlei zu schließen und mit dem Betäuben seiner Gefühle zu beginnen. Er selbst bezeichnete sich gerne als Sekundär-Alkoholiker, um bereits mit der Wahl des Begriffs darauf hinzuweisen, dass er keinesfalls der großen Gruppe der hedonistischen Säufer angehörte, sondern einzig aufgrund seiner gottgegebenen melancholischen Ader quasi dazu gezwungen wurde, ab und an zur Flasche zu greifen. Wäre er hingegen als fröhlicher Mensch auf die Welt gekommen – an dieser Stelle seines Vortrags pflegte er mich jedes Mal streng anzublicken –, dann hätte er niemals mit dem Schnaps angefangen. Seiner Meinung nach stellte er einen Trinkertypus sui generis dar. Auf diese Weise grenzte er sich von mir und den anderen verlorenen Seelen in der Suchtstation ab. Mit seiner dozierenden Art machte Rolf sich allerdings nicht nur Freunde in der Abteilung und wurde von den meisten Alkoholikern gemieden, sodass er heute froh schien, mich zu sehen und mir die Sache auf dem alten Friedhof deshalb nicht weiter krumm nahm. Denn obwohl er sich gerne mit dem Nimbus des einsamen Wolfes umgab, kam er mit dem Alleinsein nur schlecht zurecht und suchte in der Klinik nach Unterhaltung und Ablenkung.

    »Bist du auch wieder hier aufgeschlagen«, begrüßte er mich freundlich. »Man kann beinahe die Uhr nach dir stellen, so regelmäßig kreuzt du in der Station auf.« Du natürlich nicht, dachte ich; behielt den Gedanken jedoch für mich.
    »Henning gefällt es halt in diesem Scheißladen«, krächzte Rene, der im Schneidersitz auf dem Linoleumboden hockte und in einer hellgrünen Plastikschüssel einen Brei aus Haferflocken, Puddingpulver und Himbeersirup zusammenrührte. Neben ihm dudelte ein uraltes Transistorradio, auf dem er SWR4 – den Sender mit den deutschen Schlagern – eingestellt hatte, in voller Lautstärke.

    Selbstgedrehte Kippen, laute Musik und Essenswünsche

    »Mach den Kasten leiser, oder ich trete dagegen«, zischte ich, denn am zweiten Tag der Entgiftung geriet ich schnell in Erregung, wenn man mich allzu sehr nervte.

    »Der gute Henning verliert hin und wieder die Contenance. Leider. Das kann mir aufgrund der für Freiberufler notwendigen Ruhe und Gelassenheit nicht passieren. Andenfalls hätte ich in diesem hochkomplizierten Metier nicht erfolgreich arbeiten können«, steuerte Rolf seinen Senf bei. Lila beachtete ihn nicht, sondern musterte immer noch Petra. Als Rolf ihr momentanes Desinteresse an seiner Person bemerkte, stand er auf und sagte: »Dann werde ich in der Küche mal nach dem rechten schauen, ob sie dort alles gemäß meinen Wünschen zubereiten. Denn ich bin es gewohnt, frische Qualitätsprodukte zu mir zu nehmen. Ich esse nämlich nicht aus der Mülltonne wie einige andere hier.« Daraufhin verschwand er durch die Tür.

    »Er ist so ein elender Klugscheißer«, schimpfte Petra und spuckte angewidert einen ausgelutschten Kaugummi an die Wand. Rolf hatte bei ihr aufgrund einer unbedachten Äußerung für immer und ewig verkackt, als er sie im vergangenen Winter hinter vorgehaltener Hand eine abgetakelte Puffmutter nannte. Da in der geschlossenen Abteilung keine Nachricht länger als maximal zehn Minuten geheim blieb, wurde sein herabwürdigender Kommentar Petra in Windeseile zugetragen. Zornbebend stellte sie ihn damals im Essensraum zur Rede, und als er spöttisch lächelnd versuchte, sich in gewundenem Steuerberaterdeutsch aus der Sache herauszumanövrieren, geriet sie in immer größere Wut und drosch ihm schließlich ein mit Brotscheiben, Jägerwurst und Hagebuttentee bestücktes Tablett vor die Stirn. Seit diesem Vorfall mied Rolf die Gegenwart Petras und passte höllisch darauf auf, was er sagte, sobald sie sich in der Nähe befand. Wenn er sich auch gerne den Anschein gab, dass er seit dem Tod seiner Verlobten – der allerdings dreißig Jahre zurücklag – mit den Reizen der Weiblichkeit abgeschlossen hatte, mutmaßte ich hin und wieder, dass er mich insgeheim um meine Unbekümmertheit beneidete. Im Gegensatz zu ihm konnte ich ohne falsche Scheu und spätere Gewissensbisse meinen Kopf zwischen die dicken Brüste Petras stecken und dort die ersten Stunden des Entzugs vor mich hindösen. In ihr weckte es mütterliche Instinkte, und ich überbrückte an ihrer nach Nivea und Patschuli riechenden Haut die schier endlose Zeitspanne des Abkochens auf einskommafünf Promille, bis ich die erste Ration Valium verabreicht bekam. Danach hielt ich körperlichen Abstand zu Petra, weshalb sie mich oft als undankbar und arrogant bezeichnete. Ich jedoch vertrat die Auffassung, dass ihr mein Kinn auf dem Bauchnabel genauso gut gefiel wie mir das Schnarchen an ihrem Busen, weshalb ich mir keiner Schuld bewusst war.

    Ich muss gefüttert werden

    Lila nahm meine Hand und schleifte mich hinter sich her an ihren Sechsertisch im Essensraum. »Neben mir ist noch ein Platz frei. Setz dich hin und warte«, flüsterte sie.

    Nach zwei Minuten kehrte sie zurück und stellte einen Teller mit gummiartigem Graubrot, in Dreiecken konfektioniertem Schmierkäse und einem Klecks in Mayonnaise schwimmendem Kartoffelsalat vor mich hin. Mein Magen, der zwei Wochen lang keine andere Nahrung als Bier und Wodka gesehen hatte, zog sich beim Anblick der ungewohnten festen Kost zusammen. Ein spontanes Würgegefühl schüttelte mich, und es fehlte nicht viel, dass ich Galle unter den Stuhl erbrochen hätte.

    »Soll ich dir helfen?«, fragte Lila zärtlich.
    »Schon gut; ich kann alleine essen«, brummte ich.
    »Spiel jetzt hier bloß nicht den Helden, alter Mann«, ermahnte sie mich. »Du zitterst wie eine Vogelscheuche und wirst es garantiert nicht schaffen, den Löffel unfallfrei bis zum Mund zu führen.«
    »Henning wird gefüttert wie ein Baby«, grinste Rene, der sich gerade die Reste des Puddings von den Fingern leckte. Mit seinem, von einem schütteren Zehntagebart eingerahmten, Gesicht, in dem zwei stets unruhige Pupillen flackerten, erinnerte er mich an die gierigen Frettchen, die die alten Römer zur Mäusejagd abgerichtet hatten.

    »Lass mich bloß in Ruhe, ansonsten quetsche ich deinen gottverdammten Schädel in die Plastikschüssel«, erwiderte ich ungehalten.
    »Der gute Henning vergreift sich ab und an im Ton und vergisst seine gute Kinderstube«, grinste Rolf, während er aufmerksam die Wurstscheiben durchzählte. »Gestern waren es fünf, heute nur noch vier. Wie soll ein erwachsener Mann von so wenig Kalorien satt werden?«
    »Kannst meine nehmen. Ich habe überhaupt keinen Hunger.« In diesem Moment ekelte ich mich vor jeglichem fetten Aufschnitt und der aufgrund der Hitze leicht ranzigen Butter.
    »Gerne.« Bevor Rolf es allerdings schaffte, mit seiner Gabel meinen Teller zu erreichen, schlug ihm Lila das Besteck aus der Hand. »Frag in der Küche, ob sie dir dort einen Nachschlag geben. Henning muss essen, damit er zu Kräften kommt.« Rolf schaute verdutzt, sagte aber nichts, sondern hob stumm die Gabel vom Boden auf.

    Lila mal wieder auf 180

    »Henning hat eine neue Mama. Eine Schokoprinzessin. Wie kann es aber sein, dass du selber so blass aussiehst?«, wieherte Rene und zeigte dabei sein schadhaftes Gebiss.
    »Henning hat dir erklärt, was gleich passiert«, fauchte Lila, während sie Blitze aus ihren grünen Augen in Richtung Rene schleuderte. Der fühlte sich sofort unwohl in seiner Haut und senkte unterwürfig den Blick, weil er mit dem Instinkt eines häufig geprügelten Straßenköters spürte, dass Lila es nicht bei einer Drohung belassen würde. Sie war imstande – und darin wesensgleich mit Petra – ihre Worte blitzschnell in drastische Taten umzufunktionieren. Während Lila mir die Brote in kleine Stücke schnitt und zum Mund führte, aßen Rolf und Rene schweigend ihre Teller leer. Rene rülpste, wischte die Lippen am Hemdärmel ab, griff das Transistorradio und schlurfte zurück ins Raucherzimmer, wo er sich aus den Kippen im Aschenbecher eine neue Zigarette drehen würde.

    »Na, ihr zwei Turteltauben. Macht es euch was aus, wenn ich mich aus eurer illustren Runde entferne?« Rolf hatte seins und die Hälfte meines Abendessens verzehrt, strich sich mit der Hand über den immer noch knurrenden Magen und war im Begriff, aufzustehen.
    »Sprichst du immer so gewählt, Rolf?« Zum ersten Mal redete Lila ihn freundlich an, was Rolf – der für weibliche Signale durchaus empfänglich war – schmeichelte, weshalb er sitzenblieb.
    »In dieser Station eigentlich nicht. Ich passe mein Vokabular der jeweiligen Umgebung an.«
    »Er will damit ausdrücken, dass wir anderen Alkis zu dumm sind, um ihn zu verstehen.«
    »Du hast es auf den Punkt gebracht, Henning.«
    »Jetzt streitet euch doch nicht, ihr beiden.«
    »Wir zanken uns gar nicht. Dafür müssten wir uns auf gleicher Augenhöhe befinden. Aber erlaube kurz einen neuen Gedanken: hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ein perfektes Gesicht besitzt, Lila?«
    »Nein, Rolf.«

    Ein vergiftetes Kompliment

    »Ein italienischer Maler hat sich so geäußert: Schönheit ist die Summe der Teile, bei deren Anordnung die Notwendigkeit entfällt , etwas hinzuzufügen, zu entfernen oder zu ändern.«
    »Das hast du ganz wunderbar ausgedrückt, Rolf. Siehst du das auch so, Henning?«
    »Ich? Ja, ist schon okay.«
    »Du bist ein alter Griesgram. Nimm dir ein Beispiel an Rolf, dem Charmeur. Der behandelt Frauen sogar in der traurigen Klinik mit dem ihnen zustehenden Respekt. Er ist witzig und aufmerksam und nicht so ein gleichgültiges Monster wie du. Ich geh dann mal auf mein Zimmer. Bin müde. Bis später, ihr Zwei.« Sie brachte ihres und mein Tablett zurück in die Küche und erst jetzt bemerkte ich, dass sie barfuß herumlief.

    »Na, wie fandst du das Zitat, Henning?«
    »Scheiße.«
    »Da du es nicht kanntest?«
    »Rolf, das spricht Nicolas Cage zu Jessica Biel im Film Next. Und: Es war ein deutscher Maler, kein Italiener.«
    »Bei Hollywood bist du mehr Experte als ich. Die Quelle ist doch vollkommen egal. Hauptsache, es hat Lila gefallen. Ich glaube, sie hat sich über das Kompliment sehr gefreut.«
    »Weiß nicht.«
    »Du bist eifersüchtig, weil Du nicht selbst auf die Idee gekommen bist. Los, gib’s zu.«

    Black Mamba sorgt sich

    »Hallo, Herr Hirsch. Schön, dass Sie endlich wieder bei den Lebenden sind.« Neben mir stand unverhofft Schwester Veronika, die gerade mit ihrer Abendschicht begonnen hatte. Von uns liebevoll Black Mamba gerufen. Wegen ihrer Vorliebe für hautenge schwarze Bodies. Sie passte eher als Ninjakämpferin in einen japanischen Schwertfilm als in dieses Krankenhaus. Ich freute mich, sie zu sehen. »Wissen Sie überhaupt, wie Sie hierhergekommen sind?«
    »Habe nur dunkle Erinnerungen an die vergangenen achtundvierzig Stunden.«
    »Wir haben Sie mehr tot als lebendig vorgestern aus Ihrer Wohnung rausgeholt. Das war allerletzte Eisenbahn. Sie wären beinahe abgekratzt.«
    »Hat mir Pfleger Franz heute früh gesteckt. Klingt aber auch aus Ihrem Mund sehr übel.«
    »Da sagen Sie was. Ruhen Sie sich aus, und kommen Sie langsam wieder auf die Beine. Medikamente bringe ich Ihnen gleich vorbei.«

    In düsterer Gemütsverfassung angelte ich mir einen alten Kicker und blätterte lustlos in den mit Kaffeeflecken besprenkelten Seiten herum. Es gelang mir jedoch nicht, mich auf die kurzen Texte zu konzentrieren, und so betrachtete ich notgedrungen nur die Bilder von Fußballspielern, Trainern und Vereinsfunktionären. Irgendwann werde ich nicht mehr lesen können, argwöhnte ich. Spätestens dann werden sie mich in ein Pflegeheim einweisen. Kein schöner Gedanke, wenn man wie ich schwitzend und mit Puls 170 am frühen Abend im Aufenthaltsraum der geschlossenen Station saß und bibbernd auf die nächste Ration Pillen wartete.

    Lila ritzt sich

    »Herr Hirsch, kommen Sie schnell mit.« Die völlig aufgeregte Veronika tauchte plötzlich vor mir auf. In ihren schreckgeweiteten Augen spiegelten sich Fassungslosigkeit und Trauer.
    »Was ist los, Schwester?«
    »Die junge Frau, Ihre Freundin, hat sich was angetan.«
    »Ich bin kein Arzt.« Die waren erfahrungsgemäß nie in der Nähe, wenn was passierte.
    »Weiß ich. Aber sie fragt nach Ihnen.«

    Gemeinsam hasteten wir zu Lilas Zimmer, wobei ich eher hinkte und trotz der kurzen Strecke schnell aus der Puste geriet. Uns bot sich ein grauenerregender Anblick. Eine blutverschmierte Lila. Ein zerborstener Spiegel im Badezimmer. Sie hielt mir ihre Hand entgegen. Ich nahm sie in die meine.
    »Henning, ich habe mich bestraft.« Ich nahm sie in meine Arme, sie schluchzte hemmungslos, ihr schlanker Körper wurde von Heulkrämpfen geschüttelt.
    »Ich sehe es.«
    »Nachdem mir dein Freund das mit der Schönheit gesagt hatte, da verspürte ich mit einem Mal einen enormen Druck in mir.«
    »Ja, leider.«
    »Ich habe versucht, es zu unterdrücken. Aber dann wurde der Zwang zu groß.«
    »Das ist bei Menschen wie dir so.«
    »Ich musste mich einfach ritzen.«
    »In dein schönes Gesicht. Ich könnte weinen, wenn ich dich anschaue.«

    Fassungslos schüttelte ich den Kopf, während mir Lilas Blut über Hemd, Hose und die weißen Tennisschuhe tropfte. Ich würde meine Sachen nachher in die Mülltonne werfen. Machte ich jedes Mal so, wenn ich mit vollgepissten Jeans und zerrissenen T-Shirts in der Klinik aufschlug. Das Vernichten der verdreckten Kleidung bedeutete für mich einen wesentlichen Bestandteil meines allmonatlichen Reinigungsprozesses. Veronika und eine mir unbekannte Assistenzärztin versuchten derweil, die Verletzungen provisorisch zu behandeln und verabreichten Lila eine Spritze mit einem starken Beruhigungsmittel in die linke Armbeuge. Danach ließen sie uns alleine; ermahnten uns jedoch, weitere Dummheiten auf jeden Fall zu unterlassen.

    »Henning, wirst du mich auch lieben, wenn ich in Zukunft aussehe wie ein Zombie?«
    »Ja!«
    »Glaubst du, dass man die Narben lasern kann?«
    »Natürlich«, log ich. Was hätte ihr in diesem Moment die Wahrheit genützt?
    »Das stimmt nicht. Brauchst nicht zu flunkern. Ich weiß, dass du mich nicht unnötig aufregen möchtest.«
    »In der plastischen Chirurgie sind heute viele Dinge möglich«, antwortete ich mit schmalen Lippen.
    »Das ist nicht weiter schlimm. Mir reicht es, dass du jetzt neben mir sitzt. Geh bitte nicht weg!«. Lila versuchte, tapfer zu sein und sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

    Am Abend fühle ich mich noch mieser als am Morgen

    Nach einigen Minuten, in denen wir über belangloses Zeug geplaudert hatten, kehrte die junge Ärztin zurück: »Wir werden Sie in einer Stunde in die psychosomatische Abteilung verlegen.«
    »Ich möchte aber bei ihm bleiben.« Lila bäumte sich auf und wollte aus dem Zimmer fliehen. Sachte drückte ich sie zurück in ihren Sessel.
    »Lila, sie werden es tun. Das ist eine Entgiftungsstation. Fälle wie deiner sind hier nicht richtig aufgehoben.«
    »Wirst du mich da besuchen?«
    »Klar.« Aber nicht so bald, wie du hoffst. So schnell werden sie mich aus der Geschlossenen nicht rauslassen, ging es mir durch den Kopf, verriet es Lila allerdings nicht.

    An der dick gepanzerten Ausgangstür verabschiedeten wir uns. Veronika tippte einen fünfstelligen Code in die an der Wand befestigte Tastatur, die beiden Flügel des Portals glitten mit einem leisen Summen auseinander und gaben für einige Sekunden den Blick frei in die Außenwelt. Ein bulliger Pfleger, den ich zum ersten Mal sah, packte Lila an der Schulter und bugsierte sie hinaus in die unendlich langen Korridore des psychiatrischen Krankenhauses. Sie drehte sich ein letztes Mal um, weil sie mir zuwinken wollte. Ich hatte mich jedoch bereits abgewandt, da ich tränenreiche Lebewohlszenen nicht leiden konnte.

    In noch niedergeschlagenerer Stimmung als einige Stunden zuvor schlurfte ich zurück in das Raucherzimmer. Dort warteten bereits Rolf und Rene auf mich. Vor Neugier schier platzend, um sich von mir über die jüngsten Geschehnisse informieren zu lassen. Ich aber schwieg.

    »Wie geht es Lila?«, unterbrach Rolf schließlich die Stille.
    »Sie wird’s schon überleben. Aber ihr Gesicht ist halt im Eimer«, antwortete ich einsilbig.
    »Immer dasselbe mit den Junkies.« Rene grinste, während er sich mit spinnenartigen Fingern eine Kippe drehte.
    »Ihr zwei Clowns versteht gar nichts. Lasst mich bloß in Ruhe! Heute fühle ich mich supermies.«

    Ich setzte mich in die hinterste Ecke des Raums und stierte mit inhaltsleerem Gehirn an die gelbe Tapete. Vom Sekundenschlaf übermannt döste ich an Ort und Stelle ein und wurde eine Stunde später von Veronika sanft aufgeweckt, die mich, ohne ein Wort zu sagen, in mein Bett verfrachtete.
    ENDE

  • Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    Alkohol = Volkskiller Nr. 1 – und was tut die Politik?

    In Deutschland beklagen wir pro Jahr rund 75.000 Tote (nicht gezählt die durch Alkohol verursachten und begünstigten Krebserkrankungen), die aufgrund der Kombination Schnaps und Zigaretten ein paar Jahre früher als ursprünglich geplant ins Gras beißen (davon 30–50 % durch Alkohol alleine, also ohne zusätzliches Suchtmittel). Hinzu kommen jährlich 120 000 Menschen, die sich wegen chronischen Tabakmissbrauchs vorzeitig die Lunge final aus dem Hals gehustet haben. Dem gegenüber stehen 1500 Opfer illegaler Drogen (darunter zwei Drittel durch Opioide = Heroin u. Ä.). Cannabis-Tote = 0.

    Die schiere Masse der Alkoholkranken übersteigt die der anderen Substanzabhängigen um ein Vielfaches. Den überwiegenden Anteil der Patienten in stationären Einrichtungen bildet die Wodkafraktion, mit großem Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatsüchtigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten. Alkohol stellt also die bei Weitem gefährlichste Droge für unsere Bevölkerung dar. Bedrohlich sowohl für die körperliche als auch die geistige Gesundheit der Konsumenten. Kein weiterer psychotroper, also auf die Psyche einwirkender, Stoff fordert mehr Menschenleben. Jedes Jahr aufs Neue gehen so in stupider Regelmäßigkeit die oben genannten 75.000 Abhängigen in Folge von geplatzter Leber, Herzinfarkten, Bauchspeicheldrüsenkrebs und gebrochenem Genick nach Treppensturz in die ewigen Säufergründe ein.

    Trotzdem kann man – sobald das 18. Lebensjahr erreicht ist – Hochprozentiges bei uns genauso einfach kaufen wie Toastbrot und Kondome. Keine nennenswerten Einschränkungen, keine Warnhinweise auf Flaschen, Flachmännern und Dosen, Alkoholwerbung ist in TV und Radio weiterhin erlaubt. Eine derart wachsweiche Vorgehensweise vom selben Gesetzgeber, der bei Besitz von zwei Krümeln Marihuana sofort mit Staatsanwalt und Knast droht? Weshalb dieses eklatante Ungleichgewicht zwischen Schnaps und den anderen harten Drogen? Weil’s ein Kulturding ist? Weil die Politik einen Volksaufstand befürchtet, falls sie mal ernsthaft über Einschränkungen debattiert?

    Experten-Warnungen verhallen ungehört

    Mit dem Alkohol verhält es sich wie mit dem Klima. Die Experten warnen vor den negativen Konsequenzen, die sich unweigerlich einstellen, wenn wir nicht langsam mal auf die Bremse treten und über sinnvolle Maßnahmen nachdenken. Ein Teil der Bevölkerung hält das – in der gemäßigten Variante – für künstlich aufgebauschte Probleme oder befürchtet sogar Fake News. „Jetzt wollen sie uns sogar den letzten Spaß mit unserem Feierabendbier verderben. Sollen sie sich besser um die Kiffer und Junkies kümmern. Die werden viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst“, bekommt man zu hören, sobald man für Regulierungen bei der Volksdroge Nr. 1 eintritt.

    „Prohibition hilft kein bisschen weiter“, sagen die etwas Gebildeteren, die ihr Wissen über diese Zeit vor allem aus Robert-De-Niro-Filmen speisen: „Zwischen 1919 und 1933 wurde in den USA mehr getrunken als in der Zeit davor, und die Beschaffungskriminalität nahm aberwitzige Ausmaße an.“ Das stimmt, allerdings nur zur Hälfte. In Wahrheit sank der Pro-Kopf-Alkoholkonsum in den Vereinigten Staaten in diesem Zeitraum um 30–50 %. Zwar nicht gleichverteilt zwischen Stadt (dort wurde in den neu entstandenen sogenannten Flüsterkneipen ordentlich gebechert) und Land (das trocknete aufgrund der Schließung der Saloons ziemlich aus), aber der Verbrauch ging dennoch deutlich zurück und erreichte erst Mitte der 70er-Jahre wieder das Niveau von 1918.

    Das mit Al Capone, Lucky Luciano und Meyer Lansky steht auf einem anderen Blatt. Denn natürlich bewirkt ein Komplettverbot mafiöse Produktions- und Vertriebsstrukturen. Weshalb bis auf fanatische Abolitionisten auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, ein Komplettverbot fordert.

    7 einfache Maßnahmen

    Deutschland belegt Jahr für Jahr aufs Neue eine Top-Position im Ranking der globalen Trinkernationen, und niemanden außerhalb der 24/7 bis auf den letzten Platz ausgebuchten Suchtkliniken juckt das großartig. Obwohl der Politik natürlich bewusst ist, dass dem Alkohol zwischen Neujahr und Silvester zehntausende Menschen zum Opfer fallen, tut sie hartnäckig nichts gegen dessen Verbreitung.

    Dabei ist das zu ergreifende Maßnahmenbündel einfach und bereits in anderen Ländern erfolgreich erprobt:

    1. Erhöhung der Preise (der Stoff ist bei uns definitiv zu billig)
    2. Heraufsetzung des Bezugsalters (keine Alkopops, kein Bier an Minderjährige)
    3. Ausdünnung der Verkaufsstellen (was um Himmels willen hat Jägermeister in den Regalen von Tankstellen zu suchen?)
    4. keine Abgabe nach 22 Uhr (mit Ausnahmeregelung für Clubs)
    5. konsumfreie Räume (z. B. ÖPNV, öffentliche Plätze)
    6. keine Werbung in TV, Radio, Printmedien, auf Plakatwänden und Trikots von Sportvereinen u. Ä.
    7. Promillegrenze Nullkommanull am Steuer (erspart die lästige Rechnerei nach dem dritten Weihnachtsmarkt-Glühwein).

    Das würde – unter der Voraussetzung, alle 7 genannten Instrumente gelangten zur Anwendung – zu einer merklich spürbaren Reduktion des Konsums führen. So einfach ginge das, fragen Sie?. Ja, so einfach geht das, antworte ich. Aber es muss halt auch mal konsequent durchgeführt – und natürlich ebenfalls überwacht – werden. Weshalb Tabakwerbung böse, Alkoholspots zur besten Sendezeit jedoch völlig okay sind, versteht außer Bitburger-Trinkern und den „Jeder ist für seine Sucht selbst verantwortlich“-Pseudoliberalen auch niemand.

    Und noch einmal: Es handelt sich dabei nicht um Prohibition. Es geht einzig um die Erschwernis des Erwerbs und in der Konsequenz die Verringerung der alkoholverursachten Todesfälle. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Heroin frei verkäuflich in der Apotheke und Ecstasy im Drogeriemarkt anzubieten.

    Das menschliche Grundbedürfnis nach Rausch bliebe selbstverständlich weiterhin unangetastet. Es würde nur etwas schwieriger gemacht, sich in den Orbit zu katapultieren. Die vielen Menschen, die in Zukunft nicht wegen Alkoholexzessen in der Kühlschublade des Leichenschauhauses landen, werden es uns danken, wenn wir bei den offenkundig notwendigen Regulierungsschritten endlich auf die Stimmen der Experten hören.

    Deutschland ist in Blickrichtung auf den ungehinderten Zugang zur Droge Alkohol eines der freizügigsten Länder der Welt. Die Sinnhaftigkeit selbst kleinster Maßnahmen (z. B. kein Verkauf in Tankstellen) wird angezweifelt, zu einem kompletten Werbeverbot will sich niemand durchringen. Die Politik bleibt, was ein konsequentes Gegensteuern bei der offenkundigen Gesundheitsgefährdung anbelangt, zögerlich bis hin zu verharmlosend. Reine Appelle à la „Kenn dein Limit“ fruchten wenig, solange man Alkopops, Bier und Schnaps weiterhin 24/7 an jeder Ecke zu Discountpreisen erwerben kann.

    MERKE
    Wenn Deutschland in einem Bereich liberal ist, dann beim Verkauf von Alkohol. Das führt in der logischen Konsequenz zu überhöhtem Konsum und konstant aus den Nähten platzenden Suchtkliniken. Regulierende Maßnahmen täten dringend not, werden aber nicht ergriffen. Die jährlich 75 000 Alkoholtoten bedanken sich dafür ganz herzlich bei unserem Laissez-faire-Gesetzgeber.