Autor: Henning Hirsch

  • Den Schalter im Kopf umlegen

    Den Schalter im Kopf umlegen

    »Herr Hirsch, können Sie uns verraten, wie man es schafft, trocken zu werden?«
    »Nein, kann ich leider nicht.«
    »Aber Sie müssen doch einen Tipp für uns haben. Irgendeinen.«
    »Hören Sie heute mit dem Trinken auf.«
    »Mehr nicht?«
    »Mehr nicht.«

    Ich weiß, Sie sind nun enttäuscht, denn von einem wie mir hätten Sie mehr Kompetenz und Empathie erwartet. Aber es gibt kein Patentrezept gegen die Abhängigkeit. Die Sucht ist so bunt wie die Menschen, die ihr frönen. Deshalb wäre es Scharlatanerie, am Ende einer Lesung Ratschläge zu erteilen, die einzig auf meiner eigenen Erfahrung beruhen, jedoch nicht die individuellen Besonderheiten des Fragestellers berücksichtigen können. Was mir geholfen hat, muss ja nicht zwangsläufig auch bei Ihnen wirken.

    Lange Drogenkarriere absolviert

    Bevor ich gleich was zum geheimnisvollen Schalter schreibe, der umgelegt werden muss, fasse ich an dieser Stelle nochmal kurz das bisher Gesagte zusammen: Alkoholiker blicken auf eine lange Drogenkarriere zurück, die sich im Normalfall über zwei, drei Jahrzehnte erstreckt. Deshalb tun sie sich so verdammt schwer damit, sich ein Leben ohne Bier, Wein und Wodka überhaupt nur vorstellen zu können. Alles, was der Erkrankte bisher getan hat, geschah unter Zuhilfenahme des Stoffs: Er schläft unter Alkoholeinfluss, beruhigt sich mit Whisky, bringt sich mit Jägermeister in Schwung, kippt vor dem Sex vier Cola-Rum, fühlt sich in Gesellschaft bloß noch über 2,0 Promille wohl, trinkt abends, während er sich mit einem Gedichtband von Rilke entspannt, einen halben Kasten Bitburger. Die letzten Bastionen bilden oft Büro und Sportstudio. Sobald auch die geschleift sind, der Flachmann immer griffbereit unterm Schreibtisch bereitsteht, bestimmen der Alk und dessen Beschaffung den Tagesrhythmus, aus dem er nun nicht mehr wegzudenken ist.

    Jede Aktivität ist davon durchdrungen. Das Leben unter Dauerstrom wird als Normalzustand angesehen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Einstieg in die Abstinenz bedeutet die Entkopplung ALL dieser Aktivitäten vom Alkohol. Für einen Abhängigen zum einen eine Horrorvorstellung, zum anderen eine Aufgabe, die er als derart monströs erachtet, dass er vor ihr kapituliert, bevor er überhaupt mit ihr beginnt. Die Entkopplung oder Entflechtung des Lebens von der Droge ist wirklich schwierig. Weil unterm Strich der gesamte Alltag mit Bier und Schnaps verwoben sind. Nie mehr Krombacher zur Sportschau, nie mehr Wodka zum Runterkommen nach dem Job oder als Einschlafhilfe: Wie soll das denn jemals funktionieren?

    Alkoholiker sind chronische Nutzenmaximierer

    Schon mal vorab: Es funktioniert. Anfangs zwar holprig, jedoch mit zunehmender Zeitdauer der Abstinenz immer besser, bis einem der Nicht-Konsum irgendwann in Fleisch und Blut übergeht und als normalste Sache der Welt erscheint, wie vorher der Alkohol.

    Dem Ausstiegsentschluss voran geht eine Kosten-Nutzen-Analyse. Alkoholiker sind, auch wenn das auf den ersten Blick wegen ihres 24/7 Benebelungszustands nicht so scheinen mag, chronische und minutiöse Nutzenmaximierer. Sie manipulieren durch die ständige Zufuhr der Droge ihren Emotionshaushalt. Sei es, dass sie sich besser, als die Natur es ihnen normalerweise gestattet, fühlen wollen, sei es, dass sie unliebsame Gefühlsregungen abmildern oder sich gar zum Ende hin durchgängig betäuben wollen.

    Der Nutzen liegt also im Abgleiten in ein rosarotes Paralleluniversum; die Kosten hingegen bestehen einerseits im körperlichen Raubbau und andererseits im stetigen sozialen Abstieg. Während es für die Frühaussteiger reicht, wenn sich die Waage leicht ins Negative neigt, muss sie für den Harcdore-Trinker schon beinahe die Tischplatte berühren, bevor er den Exit als lohnenswerte Möglichkeit ins Kalkül zieht. Erst, wenn der Rausch keinerlei Genuss mehr erzeugt, sondern sofort ins Komatöse abgleitet, der Süchtige die Abstürze jedes Mal mit sehr schmerzhaften Entzügen bezahlen muss, wird der Prozess des Umdenkens einsetzen.

    Manche benötigen Reanimationsmaßnahmen auf der Intensivstation und Warnhinweise à la „Das nächste Saufgelage überleben Sie nicht“, um zur Vernunft zu kommen. Wobei Vernunft, Intelligenz und Willen nur Teilaspekte des berühmten „Es muss klick machen“ bilden. Manchmal lautet die Triebfeder für den Ausstieg auch ganz banal: Ich habe keinen Bock mehr auf den Wahnsinn. Ein Abwägen könnte dann beispielsweise so aussehen: Erreiche ich den gewünschten Zustand – ich fühle mich heiter, sorgenfrei, nichts kann mein seelisches Gleichgewicht trüben – überhaupt noch, oder saufe ich mich jedes Mal, sobald ich mir das erste Bier besorge, im Anschluss ohne Zwischenstopp im rosaroten Wunderland direkt auf die Intensivstation?

    Ohne Umweg erst in den Vollrausch, dann ins Koma

    So ging es mir nach ein paar Jahren. Das Heitere, Beschwingte, Was-kostet-die-Welt war mit einem Mal verschwunden. Ich trank mich unverzüglich in den Vollrausch, dem erst ein Koma zu Hause auf dem Sofa und dann ein mehrtägiger Krankenhausaufenthalt folgten. Und da ich weder Zu-Hause-Koma noch Intensivstation als sonderlich lohnenswerte Ziele empfand, war meine individuelle Kalkulation schnell gemacht: Nutzen = 0 bei gleichzeitig Kosten = 100. Ob ich das 2010 ebenfalls so glasklar sah wie heute mit dem Abstand von zehn Jahren, spielt keine Rolle. Ich spürte deutlich, dass der Alkohol-Weg nur noch eine Richtung für mich kannte, nämlich die steil nach unten. Und das reichte mir als Ergebnis meiner damaligen Analyse völlig aus.

    Das Erkennen des Ausstiegsfensters scheint vordergründig Glückssache zu sein. Der berühmte Aha-Moment, die noch berühmtere Sekunde, in der der Schalter endlich umgelegt wird. Manche spüren – und nutzen! – ihn, andere bemerken ihn zwar, nutzen die Möglichkeit jedoch nicht, und die Dritten spüren nie was. Man könnte die Sache also in die Rubrik „Glück“ oder „göttliche Fügung“ einsortieren und schlussfolgern: Die einen haben halt mehr Glück als die anderen bzw. Gott würfelt gerne.

    Das lapidare Schulterzucken würde der Angelegenheit allerdings nicht gerecht werden. Denn in 95 Prozent der Fälle arbeitet der Süchtige im Vorfeld viele Monate bis hin zu Jahren auf diesen einen Moment hin. Es kommt nur äußerst selten vor, dass jemand ohne vorherige Therapie den Ausstieg schafft. Je länger die Saufstrecke dauert, desto unwahrscheinlicher ist es, sich ohne fremde Hilfe und psychologisches Handwerkszeug aus dem Alkoholsumpf zu befreien. Es mag sein, dass es beim einen (sehr viel) länger dauert als beim anderen, bis sich das Fenster für ihn öffnet. Wenn er jedoch eines Tages davor steht, weiß der Süchtige, um welches Fenster es sich handelt, und dass es nun höchste Zeit ist, diese – zumeist nur kurz offenstehende – Gelegenheit zu ergreifen. Falls jetzt zum 1000-sten Mal lange über Pro & Contra gegrübelt wird, schließt sich das Fenster wieder, und all die vielen vorbereitenden Gruppentherapiestunden waren für den Flaschencontainer.

    Deshalb: den Schalter umlegen, mag vielen wie reines Glück oder Gottes einsame Entscheidung erscheinen. Die Wahrheit ist aber, dass es sich in den meisten Fällen um eine langwierig mühsam erarbeitete Chance handelt, die man natürlich, sobald sie sich einem bietet, auch beherzt nutzen muss. Viel mehr verbirgt sich eigentlich nicht hinter dem geheimnisvollen Schalter, wenngleich der Weg dorthin oft ein sehr dornenreicher sein wird.

    Drei Trinker – drei verschiedene Schicksale

    Um den Ausstieg bzw. Nicht-Ausstieg noch einmal zu verdeutlichen, will ich kurz drei exemplarische Trinkerschicksale skizzieren:

    Mein Freund Horst-Rüdiger, zu unserer gemeinsamen Schulzeit ein begnadeter Linksaußen und später ein ebenso begnadeter Trinker, der keinen Tag ohne seinen Gute-Morgen-Jägermeister begann und sich abends mit Minimum 3,0 Promille im Blut ins Bett legte, stoppte von heute auf morgen völlig eigenständig mit der Sauferei. Er hatte vorher keinen Arzt oder gar Psychologen konsultiert. »Brauche ich alles nicht«, erklärte er mir, als ich ihn an einem heißen Julimorgen bei der Polizei am Kölner Waidmarkt in Empfang nahm, wo er die Nacht aufgrund Ruhestörung und Randale mal wieder in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte. Das ist mittlerweile zehn Jahre her. Horst-Rüdiger hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Ihm war während der sechs Stunden auf der Gummimatratze die Gnade der Spontanheilung zuteil geworden.

    Bei mir wiederum verhielt es sich so, dass ich eines Morgens ins Grübeln geriet, als ich nach einem Fünf- oder Sechspromilleabsturz mal wieder an allen Vieren fixiert auf der Intensivstation lag und mir die Ärzte eindringlicher als sonst erklärten, ich würde den nächsten Rückfall garantiert nicht überleben. Nicht, dass die Aussicht auf den eventuell nahenden Tod mich sonderlich schockte. Ihn hatte ich oft gesehen und mich an seinen Anblick gewöhnt. Aber irgendetwas in mir klammerte sich an diese trostlose Existenz, wollte noch nicht den Löffel abgeben.

    Sterben oder aufhören?

    Die Überlegung lautete: Weitermachen wie bisher und in ein paar Monaten ins Gras beißen oder aufhören und ein neues Leben beginnen? Die Fragestellung klingt einfach, die Lösung und der lange Marsch bis zu diesem Punkt sind für einen Hardcore-Alkoholiker allerdings beschwerlich. Ich wusste, was mich erwartet: Abstinenz – also nie mehr auch nur ein einziger Tropfen Alkohol –, lausig bezahlte Jobs in Call Centern und Paketdiensten, Misstrauen von Freunden und Familie, denn ich hatte ihr Vertrauen und ihre Hoffnungen viel zu oft enttäuscht.

    Je länger ich über diese trüben Zukunftsaussichten nachdachte, desto eher war ich geneigt, im Anschluss an den Klinikaufenthalt in mein altes Muster zurückzufallen. Die Ärzte haben Unsinn erzählt, wollten dir bloß Angst einjagen, ging es mir durch den Kopf. Als ich zehn Tage danach wieder in meinem kleinen Apartment saß, das ich ein paar Wochen zuvor angemietet hatte, war ich immer noch unentschlossen, in welche der beiden Richtungen ich gehen wollte. Obwohl mir die Monotonie meines Säuferlebens, das jenseits der Unterhaltungen im Raucherzimmer keine weitere Abwechslung kannte, mittlerweile selbst zum Hals raushing, stand ich kurz davor, mir im Supermarkt eine Pulle Doppelkorn zu besorgen, um der Langeweile durch Flucht in den Rausch zu entkommen.

    Aus einem Bauchgefühl heraus besuchte ich am selben Abend ein Meeting der Anonymen Alkoholiker. Die hatten mich schon so oft aufgefordert, mal bei ihnen vorbeizuschauen, aber nie hatte ich ihrer Einladung Folge geleistet. Ich erzählte meine Geschichte, versuchte, mich kurz zu fassen, quatschte eine halbe Stunde ohne Unterlass. Alle hörten aufmerksam zu, niemand unterbrach mich. Der Versammlungsleiter bedankte sich für meine offenen Worte, die anderen sprachen mir Mut zu: »Trink 24 Stunden nichts und komm morgen Abend wieder zu uns. Du packst das!«

    Als ich mich an diesem Tag um Mitternacht ins Bett legte und tatsächlich keinen Tropfen angerührt hatte, wusste ich plötzlich, dass ich es schaffen werde. Das Vertrauen der anderen in meine Stärke gab mir Kraft. Die Überredungskünste des Alkohols fielen zum ersten Mal seit früher Jugend nicht mehr auf den stets feuchten Resonanzboden meiner labilen Psyche. Mit dem guten Gefühl, dass der Dämon besiegbar ist, schlief ich ein.

    Im Unterschied zu Horst-Rüdiger hatte ich allerdings Dutzende Stunden mit Psychologen und zwei Reha-Aufenthalte hinter mich gebracht, war mir des Irrsinns meines Tuns also schon längere Zeit bewusst und benötigte dennoch weitere vier Jahre, bis ich den Stoppschalter betätigte. Im ersten Monat absolvierte ich das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker: jeden Abend eine Gruppe besuchen. Danach war das Schlimmste überstanden, und ich änderte meine Frequenz in einmal pro Woche ab.

    Unser Kumpel Rolf, der mit Abstand Klügste und Belesenste von uns, dem Ursachen, Auslöser, Hochrisikofaktoren allesamt klar waren, benutzte seine Intelligenz dazu, den Ärzten Fehler bei der Behandlung und den Psychologinnen Inkompetenz bei der Analyse nachzuweisen. »Warum tust du das?«, fragte ich. »Weil sie alle keine Ahnung haben«, antwortete er. »Aber du hast Ahnung?«, hakte ich nach. »Auf jeden Fall mehr als die Quacksalber hier.« – »Und warum stoppst du dann nicht? Du bist ja öfter in der Klinik als ich.« – »Weil ich jetzt noch keine Lust dazu habe. Ich höre dann auf, wenn ich den Zeitpunkt für den richtigen halte. Das kann ich aber alleine. Dafür benötige ich keinen von den Kurpfuschern.«

    Drei Monate später und nach schiefgegangenen Experimenten mit Desinfektionsmittel oral und Wodkatampons anal saß Rolf sabbernd im Rollstuhl. Im Jahr darauf beerdigten wir ihn in einem anonymen Urnengrab, weil sein geschwächter Körper nach dem Trinken einer Pulle Mariacron auf Antabus endgültig alle Viere von sich gestreckt hatte.

    3 Bauteile für den Erfolg

    Wir haben in diesem Kapitel gelernt – der geheimnisvolle Schalter besteht aus drei Bauteilen:
    (1) Kosten-Nutzen-Analyse.
    (2) Den Moment, in dem sich die Ausgangstür öffnet, erkennen und beherzt durchschreiten.
    (3) Willens sein, den Alkohol aus sämtlichen Lebensbereichen (am Ende war das 24/7) zu entfernen, in denen wir ihn bisher eingesetzt haben.

    Etappenziel 5: Sie wissen nun, dass Gott nicht würfelt, sondern eine Menge Vorarbeit notwendig ist, um zu Ihrem persönlichen Aha-Erlebnis zu gelangen. Sobald der richtige Moment naht, muss er konsequent genutzt werden. Ob Sie jemals eine zweite Chance für den Ausstieg erhalten, ist sehr ungewiss.
    +++

    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550

  • Lasst die Kiffer in Ruhe kiffen

    Lasst die Kiffer in Ruhe kiffen

    Hin und wieder 1 Joint hat noch niemand geschadet

    Gedanken eines trockenen Alkoholikes übers Kiffen 

    Rufen wir uns nochmal kurz ins Gedächtnis, was im April vergangenen Jahres nach LANGER Vorarbeit und hunderten von innerkoalitionären (Ampel-) Diskussionsrunden endlich auf den Weg gebracht wurde = das sog. (Konsum-) Cannabisgesetz/(K) CanG. Es reguliert und (teil-) legalisiert privaten Besitz, Anbau und medizinisch-wissenschaftlichen Gebrauch der weiblichen Hanfblüten. Wir wären nicht in Deutschland, wenn dieses Gesetz nicht mehr Paragrafen als Weed-Sorten enthielte und einem nach dem Studium des Textes derart der Schädel schmerzt, dass man erst mal 1 kräftigen Zug White Widow benötigt, um wieder runterzukommen.

    Die Eckpunkte der (Teil-) Legalisierung bestehen in:
    (A) Privater Anbau zwecks Eigenkonsum ist erlaubt
    (B) Dasselbe gilt für gemeinschaftlichen, nicht-gewerblichen Anbau in sog. Anbauvereinigungen
    (C) Die Grenze für ‚Cannabis am Körper (oder im Rucksack)‘ wird bundeseinheitlich auf 25gr festgelegt.

    Man darf jetzt also zu Hause ein paar Pflanzen kultivieren, einen Verein zum Zwecke der Aufzucht und gerechten Verteilung von Hanf gründen (bzw. die Mitgliedschaft in einem beantragen) u.v.a. halbwegs unbeschwert mit dem Stoff durch unsere Straßen spazieren, ohne in ständiger Sorge sein zu müssen, wegen ein paar Krümeln hops genommen zu werden.

    Klingt erst mal gut, ist aber von der Komplettlegalisierung nach wie vor so weit entfernt wie die Haschisch-Hochburg Ketama (sehr malerisch am Fuße des Rif-Gebirges in Marokko gelegen) vom Kiffer-Partykeller in Köln-Klettenberg.

    Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz urteilte deshalb:

    Kein großer Wurf: Wer nun aber glaubt, ab dem 1.4.2024 sei für Konsumenten großartig etwas gewonnen, der irrt. Denn was da nun gesetzlich geregelt wurde, wird nicht allzu viel ändern. Jedenfalls nicht auf die Schnelle.
    © Heinrich Schmitz: Das Cannabis-Gesetzchen (23.03.2024)

    Der konservativen Opposition missfiel der Gesetzesvorschlag aus dem Hause Lauterbach, es kam zu leidenschaftlichen Debatten im Parlament über die (Teil-) Freigabe und den dadurch (angeblich) unweigerlich eintretenden Rutschbahneffekt in Richtung harter Drogen. Das Ding ging nach mehreren Lesungen knapp in Bundestag und -Rat durch, der Gesundheitsminister wischte sich den Schweiß von der Stirn, die Kiffer freuten sich und orderten Hanfsamen im Internet. Jedoch freuten sie sich eventuell zu früh, denn die seit diesem Frühjahr farblich anders zusammengesetzte Regierung will das Gesetzchen wieder aufschnüren, was wahrscheinlich nichts anderes als einen Euphemismus für dessen geplante Totalrücknahme bedeutet.

    Hendrik Streeck (CDU), der neue Drogenbeauftragte, bemängelt:
    (1) Jugendliche erleiden psychische Schäden durch den Konsum
    (2) Die Menge, die man zum privaten Gebrauch mit sich führen darf, sei zu hoch
    (3) Sog. Medizinalcannabis unterliegt nicht mehr dem BtMG und ist somit (zu) einfach zu beschaffen
    (4) Es wird weiterhin in großem Stil gedealt.

    Was ist von diesen Argumenten zu halten?

    Das zählebige Schauermärchen von der Einstiegsdroge

    Obwohl sich meine persönliche Erfahrung mit Haschisch (so hieß das Kraut in meiner Boomer-Jugend) auf eine Handvoll Joints während der Studentenzeit beschränkt, hatte ich weder damals, noch habe ich es heute, Probleme mit Menschen, die regelmäßig konsumieren. Kiffer sind überwiegend friedliche Zeitgenossen (was sie von häufig zu Gewalt neigenden Alkoholikern angenehm unterscheidet), bekommen tagsüber ihr Leben geregelt und schaffen den Ausstieg zumeist problemlos in Eigenregie, ohne dafür eine Suchtklinik von innen gesehen haben zu müssen. Das (konservative) Mantra, Marihuana sei DIE Einstiegsdroge für härtere Substanzen, ist Nonsens. Die Korrelation von THC zu Kokain/Crack & Oxys/Heroin ist genauso stark bzw. schwach ausgebildet wie die von Alkohol.

    Menschen, die sogenannte «harte Drogen» wie Kokain oder Heroin nehmen, konsumieren in vielen Fällen auch Cannabis. Doch der Umkehrschluss, wonach Menschen, die Cannabis konsumieren, später auch zu «harten Drogen» greifen, lässt sich daraus nicht ableiten! Tatsache ist: Es steigen nur wenige Cannabiskonsument:innen langfristig auf andere Drogen um.
    © Arud Zentrum für Suchtmedizin: Was ist dran am Mythos «Einstiegsdroge Cannabis»?

    Psychische (Langzeit-) Schäden begrenzen sich nicht auf Cannabis

    Dass Jugendliche (gemeint sind Personen bis 25 Jahre) durch häufigen Konsum evtl. einen psychischen Schaden erleiden können, ist unbestritten. Wobei dieser Anteil im kleinen einstelligen Prozentbereich liegt. Aber einen an der Waffel bekommen Minimum ebenfalls so viele junge Menschen durch die missbräuchliche Verwendung von Spirituosen. Sinnvoller, als Cannabis wieder zu kriminalisieren, wäre es mithin, den zulässigen THC-Anteil gesetzlich zu deckeln. Ähnlich wie Trinkern dazu zu raten, so lange als möglich bei Bier & Wein zu verharren und nicht sofort auf Wodka umzusteigen.

    Und gedealt wird sowieso

    Ein derart kompliziertes Gesetz, wie es das CanG unzweifelhaft darstellt, das Anbau und Konsum nur in sehr engen Grenzen zulässt, lädt selbstverständlich dazu ein, das Kraut weiterhin beim Dealer des Vertrauens zu kaufen. Die Kultivierung der Pflanzen auf dem eigenen Balkon dauert, die Beantragung der Mitgliedschaft in einem Liebhaber-der-Hanfpflanze-Klub dauert noch länger, und die Zeitspanne, bis ein neuer Verein gegründet und von den Behörden genehmigt wird, kann je nach Ordnungsamt bis zu einem halben Kifferleben betragen. Kein Wunder also, dass sich der 08/15 Pothead den Stoff auch künftig am Bahnhof oder im Darknet besorgt.

    Das CanG angewendet auf die feuchtfröhliche Welt des Alkohols würde zur Folge haben, dass man Bier (in geringer Menge) zu Hause brauen (und ausschließlich dort konsumieren) darf, alternativ einen Verein zum Zwecke des Weinbaus gründet, dessen handverlesene Mitglieder den edlen Saft jedoch nur im streng überwachten Klubhaus genießen können, und der Normalo-Trinker die Herkunft der 3 Flachmänner im Kofferraum bei einer Polizeikontrolle nicht zu erklären braucht. Wen würde es bei solcher Gesetzeslage wundern, wenn alsbald Flüsterkneipen aus dem Boden schießen, und der Stoff entweder illegal produziert oder bei Nacht & Nebel ins Land reingeschmuggelt wird?

    Klingt aberwitzig, sagen Sie?
    Jap, ist es; aber im Drogensegment THC halt traurige Realität.

    Warum ohne Not ein zweites Fass aufmachen?

    Die Diskussion über Sinn & Unsinn der Freigabe von Cannabis führe ich periodisch wiederkehrend seit meiner Studentenzeit. Die Argumente Pro & Contra sind dabei immer dieselben. Auf meinen Einwand, dass Alkohol mit WEITEM Abstand die Position als Volkskiller Nr. 1 einnimmt, dessen Produktion, Vertrieb und Verzehr trotz der damit verbundenen Risiken nahezu unreguliert vonstatten gehen, antwortete eine befreundete Ärztin vor ein paar Jahren: „Stimmt; ich behandle in meiner Praxis sehr viel mehr chronische Schluckspechte als Konsumenten anderer Rauschmittel. Aber weshalb sollte ich zusätzlich zum ersten verdorbenen Fass ein verkehrtes zweites öffnen? Die Probleme mit der Sauferei reichen völlig; zusätzliche Schwierigkeiten mit legalisiertem Marihuana brauchen wir nicht“. Das leuchtete mir aus ihrer medizinischen Perspektive vordergründig ein; wobei die jährlich von der DHS veröffentlichten Zahlen eindeutig was anderes besagen = 20-30.000 Alkoholtote (in Kombination mit Nikotin kann man die Zahlen verdoppeln) und 100-200.000 klinische Entzüge, denen 0 Cannabis-Tote und stationäre THC-Entgiftungen im kleinen dreistelligen Bereich (jeweils pro Jahr) gegenüberstehen. Hinsichtlich Gefährlichkeit für die Volksgesundheit unterscheiden sich die beiden deutschen Lieblingsdrogen mithin stark; und zwar eindeutig zu Lasten des Alkohols.

    Ausweichen auf Nebenkriegsschauplatz

    Der konservative Feldzug gegen den Hanf wäre SEHR viel glaubwürdiger, wenn der Gesetzgeber nur ein Viertel des Anti-THC-Elans ebenfalls in die Prävention des überall verbreiteten Alkoholmissbrauchs investierte. Z.B. Preise rauf, Verkaufsstellen ausdünnen, Konsumverbot in der Öffentlichkeit, keine Werbung. Davor scheut die Politik jedoch zurück. Die Volksdroge Nr. 1 ist sakrosankt und fordert Jahr für Jahr viele Menschenleben (nicht nur das eigene, sondern ebenfalls Dritte), um von den im Suff verprügelten Ehefrauen/Partnerinnen und in Mithaftung genommenen Co-Abhängigen gar nicht erst anzufangen.

    Statt dieses Megaproblem endlich beherzt anzupacken, weicht man lieber auf einen Nebenkriegsschauplatz aus und dämonisert Cannabis.

    Um es zugespitzt auf den Punkt zu bringen: eine Welt voller Kiffer wäre weitaus ungefährlicher als der momentane Zustand mit gewaltaffinen (u sich betrunken ans Steuer setzenden) Trinkern.

    Fazit: Um den mafiösen Schwarzmarkt auszutrocknen, muss bei THC genauso verfahren werden wie beim Alkohol = völlige Freigabe der Droge. Aufklärung und (im Bedarfsfall) ausreichend Therapieangebote sind die eindeutig vernünftigeren Lösungen als Kriminalisierung. Das CanG kann deshalb tatsächlich weg (weil zu kompliziert und nicht liberal genug) … lasst die Kiffer (endlich) in Ruhe kiffen!

    Rubrik: immer das (konservative) Gschiss mit dem Marihuana.
    +++

    In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Doppeldiagnose.

  • Doppeldiagnose

    Doppeldiagnose

    »Ich darf nicht mehr raus.«
    »Weshalb? Du gehst doch jeden Tag für uns einkaufen, Miriam.«
    »Sie lassen mich nicht mehr vor die Tür, Henning.«
    »Das ist ärgerlich. Du warst die Einzige, der sie den Spaziergang erlaubt haben. Wer soll nun Zigaretten und Schokolade besorgen? Die Pfleger werden das nicht für uns tun. Da haben die bestimmt keinen Bock drauf.«
    Miriam begann zu weinen.
    »Was hast du denn ausgefressen?«
    »Nichts!«

    »Für ‚Nichts’ bekommst du keine Ausgangssperre. Du hast dich ja immer korrekt verhalten. Warst pünktlich zurück. Hast nicht versucht, Alkohol rein zu schmuggeln. Irgendwas muss passiert sein, dass sie jetzt so streng mit dir sind.«
    »Ich bin beim Wiegen unter vierzig Kilo gefallen.«
    »Scheiße. Wusste ich nicht. Sorry.«
    »Die Ärzte haben gesagt, dass ich dieses Mal nur ins Freie darf, wenn ich mich bemühe, zuzunehmen. Das klappt aber einfach nicht.« Miriam sah verzweifelt aus.
    »Und das, obwohl du doppelt so viel isst wie ich.«
    »Henning, du weißt, warum das so ist!«
    »Ja ja, ich hör’s ja oft genug aus dem Nachbarzimmer.«

    Trotz Astronautennahrung unter 40 Kilo

    Miriam war eine superdünne Mitdreißigerin mit leicht schwäbischem Akzent, die es vor einiger Zeit berufsbedingt in unsere Gegend verschlagen hatte. Hübsches Gesicht, dunkle Haare. Sie musste früher gut ausgesehen haben. Rolf erzählte, dass sich die Typen bis vor ein paar Jahren nach ihr umgedreht und hinterher gepfiffen hatten. Von ihrem einstigen Glanz war heute nur noch wenig zu sehen. Die Krankheit forderte ihren Tribut; ließ sie ausgemergelt – mitunter sogar knochig – erscheinen.

    An guten Tagen war sie fröhlich, um dann über Nacht in Depressionen zu verfallen, die sie zwangen, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Dort saß sie dann stundenlang und starrte an die Wand. Es war in solchen Momenten schwer, ihr zu helfen, weil sie sich komplett einkapselte und niemanden an sich heranließ. Hin und wieder spielten wir abends zusammen Mühle oder Dame. Gar nicht meins. Ich tat es, weil es sie ablenkte. Der Spaß dauerte ohnehin nur eine Stunde, weil Miriam dann ermüdete.

    Jetzt hatte sie also – trotz hoch kalorienreicher Astronautennahrung und doppelter Portionen – die Grenze von vierzig Kilo unterschritten. Dem medizinischen Personal war das Risiko, dass Miriam mit einem Kreislaufkollaps draußen auf der Straße zusammenklappte, nun zu groß geworden. Aus Sicht der Ärzte war dieses Verbot vernünftig; für sie hingegen bedeutete es eine mittlere Katastrophe. Sie kam nun nicht mehr an die frische Luft. Miriam war seit sechs Wochen in der geschlossenen Abteilung. Die ersten Tage dienten der körperlichen Entgiftung. Danach war vorgesehen, sie langsam aufzupäppeln und in die Nähe der Fünfzigkilomarke heranzuführen. Anstatt zu- nahm sie jedoch immer mehr ab. Es war ein Trauerspiel.

    Doppeldiagnose = 2-faches Leid

    Abendessen. 18.15.:
    »Ich habe noch drei Scheiben Wurst übrig. Möchte die jemand haben?«
    »Ja ich, Henning.«
    »Nimm dir ruhig auch noch das restliche Brot, Miriam.«
    »Hat sonst noch jemand was übriggelassen?« Miriam blickte forschend durch den Speisesaal.
    »Du kannst aber essen. Sieht man dir gar nicht an, Mädel. Wo lässt du das bloß alles?« Ein Neuer, den ich heute Morgen zum ersten Mal gesehen hatte, wollte seinen Senf dazugeben.
    »Ist schon alles okay. Kümmere dich um deinen eigenen Teller«, sagte ich zu ihm.

    Miriam verschwand mit einem vollgepackten Tablett in ihrem Raum. Sie schlief als einzige alleine. Wir anderen waren entweder in Doppel- oder in Dreierzimmern untergebracht. Ich legte mich kurz aufs Bett, um in Ruhe den Sportteil der Zeitung zu studieren. Von nebenan hörte ich es wieder: ein Würgen, Schluchzen, das Klatschen von Nahrung in die Kloschüssel. Miriam kotzte sich die Seele aus dem Leib. Diese grauenhafte Prozedur fand dreimal täglich statt. Immer zwanzig Minuten nach den Mahlzeiten. Miriam jagte sich zwei Flaschen Mineralwasser als Gleitmittel hinein, steckte zwei Finger in den Hals und los ging es. Anfangs dachte ich noch: Schade um das gute Essen. Bis ich die Tragweite ihres Krankheitsbildes begriff: Alkohol gepaart mit Bulimie. Rolf bezeichnete das als Komorbidität. Er war ein kluger Kopf. Würde schon stimmen, wenn er das sagte. Ich nannte es einfach: Doppeldiagnose.

    Vorher eine Runde Intensivstation

    Miriam flog öfter als Rolf, René oder ich hier ein. Und das wollte schon was heißen. Zumeist knapp unter vier Promille. Wenn’s mehr war, musste sie vorher eine Runde in der Intensivstation drehen. So lauteten die Regeln der Klinik. Galten für uns alle. Wenngleich bei ihr eine Flasche Wein dieselbe Wirkung hervorrief wie bei uns anderen eine Pulle Wodka. Mit vierzig Kilo verträgst du ja so gut wie nichts, ging es mir durch den Kopf. Kein Wunder, dass Miriam alle zweiundsiebzig Stunden hier aufkreuzte. Um diesen Teufelskreislauf zu durchbrechen, hatten die Ärzte dieses Mal auf einen mehrwöchigen Einweisungsbeschluss gedrungen. So blieb sie zwar trocken, verlor aber trotzdem weiterhin an Gewicht.

    Verlegung in eine andere Klinik

    Am nächsten Morgen. 10.25.:
    »Ich muss fort, Henning.«
    »Wohin?«
    »In eine andere Klinik.«
    »Können sie hier nichts mehr für dich tun?«
    »Ich wog vorhin nur noch neununddreißig. Da hat der Oberarzt gesagt, dass sich nun Spezialisten um mich kümmern werden.«
    »Ist wahrscheinlich vernünftig.«
    »Ich habe Angst.« Miriams Mundwinkel zuckten.
    »Musst du doch nicht haben.« Ich berührte sachte ihr rechtes Handgelenk.
    »Ich will nicht sterben.«
    »Warum solltest du das tun? Du bist noch jung.«
    »Es ist das erste Mal, dass sie mich woandershin überweisen. Sonst durfte ich immer nach Hause. «
    »Und warst nach spätestens vier Tagen wieder hier. Kann verstehen, dass die Ärzte nun einen neuen Weg einschlagen wollen. Du musst echt zunehmen. Wenn’s in dieser Station nicht funktioniert, dann eben in einer Spezialklinik
    »Bringst du mich noch bis zur Tür, Henning?«
    »Klar.«

    Wir umarmten uns kurz, dann begleiteten zwei Pfleger Miriam auf den Parkplatz zum dort bereits wartenden Krankentaxi.

    »Dann bleibt für uns ja ab sofort genug zu essen übrig, Jetzt, wo dieses gefräßige Huhn weg ist«, grinste der Neue, der unsere Abschiedsszene beobachtet hatte.
    »Halt dein blödes Maul«, erwiderte ich.

    Trauriges Finale

    Geschlossene Abteilung; zwei Monate später:
    »Hast du was von Miriam gehört, Rolf? Habe sie seit Juni nicht mehr gesehen.«
    »Du weiß das gar nicht?«
    »Nein, habe mich ausnahmsweise mal acht Wochen draußen gehalten. Ist ein langer Zeitraum, in dem viel passieren kann.«
    »Da sag‘ ste was, Henning. Miriam ist tot.«
    »WAS?«Ich blickte Rolf mit aufgerissenen Augen an.
    »Die konnten ihr in der anderen Klinik anscheinend auch nicht richtig helfen. Das Essen blieb nicht drin. Künstliche Ernährung funktioniert wohl nicht unbegrenzt. Sie magerte immer mehr ab und fiel irgendwann ins Koma. Bis dann die lebenswichtigen Organe versagten.«

    »Woher weißt du das?«
    »Hat mir Pfleger Martin erzählt. Und der hatte es wiederum vom Stationsarzt. Wird schon stimmen. Die Quelle ist zuverlässig.«
    »Tut mir leid um die Kleine. Ich konnte sie gut leiden«, sagte ich nachdenklich.
    »Mal schau’n, wen es als nächstes erwischt. Vielleicht einen von uns beiden, Henning.«
    »Tja, weiß man nicht. Ist halt ein riskantes Spiel, das wir hier alle betreiben.«

    An diesem Abend verspürte ich keinen Appetit und ließ mein Essen unangerührt in die Küche zurückgehen.

  • Von dunklen Tech-Lords und schwindelfreien Populisten

    Von dunklen Tech-Lords und schwindelfreien Populisten

    „Wenig Text fürs Geld“, sagt die Tochter, die mir freundlicherweise Giuliano da Empolis neues Werk „Die Stunde der Raubtiere“ in einer Kölner Buchhandlung besorgt hat, und sonderlich umfangreich ist das Buch tatsächlich nicht. Ich nehme es sofort zur Hand, denn düstere Tech-Lords à la Darth Vader finde ich seit Kindheit hochspannend.

    Was es braucht, um Gesellschaften zu destabilisieren

    Der „dunkle Fürstenspiegel“ (so steht es im Klappentext) ist in 12 Kapitel unterteilt, in denen der Autor anhand persönlicher Begegnungen mit den Spitzen aus Politik und Hochfinanz nachzuweisen versucht, dass wir uns am Übergang der regelbasierten Periode – wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kannten – in eine Phase des Social Media getriebenen Chaos befinden. Da die meisten Kipppunkte bereits unwiderruflich überschritten sind, ist die Rückkehr zur alten Ordnung unwahrscheinlicher als der Eintritt ins Zeitalter ungezügelter Geldgier und zunehmender Brutalität.

    Die neue Ära wird bestimmt von Tech-Lords und Populisten, die einander bedingen. Ohne Musk & Zuckerberg keine Trump & Bukele, ohne Cambridge Analytica keine zielgenaue Manipulation des individuellen Wahlverhaltens, ohne superschlaue Algorithmen und künstliche Intelligenz keine Abstiegsängste der Mittelschicht. Während das Silicon Valley den Nährboden für die Demagogen bereitet, verschonen diese, sobald sie an den Schalthebeln der Macht sitzen, die Tech-Branche vor jeglicher Regulierung: Hass und Hetze werden nicht gesetzlich sanktioniert, sondern gelten als legitime Manifestationen des Rechts auf freie Meinungsäußerung, K.I. – obwohl längst als gefährlichste Waffe seit Erfindung der Atombombe ausgemacht – wird in den Händen der Privatwirtschaft belassen, anstatt sie strikter staatlicher Kontrolle zu unterziehen. Den offenkundigen Arbeitsplatzverlusten in traditionellen Branchen aufgrund von immer mehr Technik wird kein öffentliches Konjunkturprogramm entgegengestellt; man lässt die Sache einfach weiterlaufen. Wer nicht clever genug ist, sich vom Taxifahrer zum Smartphone-App-Programmierer umschulen zu lassen, landet auf der Straße. Ohne jegliche Alimentierung. Survival of the fittest.

    Da Empoli stellt 4 Thesen auf:
    (I) (Tech-) Milliardäre & Demagogen benötigen Chaos, um erfolgreich handeln zu können
    (II) Aktion (oft erratisch wirkend) tritt an die Stelle von Diplomatie
    (III) Angriffswaffen werden immer billiger -> Krieg lohnt sich
    (IV) Das Zeitalter unregulierter Gewalt steht unmittelbar bevor.

    Keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse

    Das sind keine brandneuen Einsichten; wer aufmerksam die Zeitung studiert oder hin und wieder Dokus auf Arte schaut, hat das alles schon mal gelesen und gehört. Dass Musk & Trump, auch wenn sie sich mitunter um Aufmerksamkeit buhlend auf ihren Plattformen bis aufs Blut fetzen, dennoch Best buddys bleiben, hat seinen Grund darin, weil sie beide voneinander abhängig sind: die Meinungsmache in X und die Milliarden von Musk bewirken hohe Zustimmungswerte für handwerklich schlechte Politik, und diese Politik wiederum garantiert, dass der Tech-Lord ungebremst weiter agieren kann, ohne staatliche Beaufsichtigung seines mitunter dubiosen Geschäftsgebarens befürchten zu müssen. Dass der US-amerikanische Präsident keine Memos studiert, bevor er ans Rednerpult tritt und oft Sachen sagt, die altgedienten Diplomaten den Angstschweiß auf die Stirn treiben – das ist ebenfalls bekannt. Drohnen revolutionieren die Kriegsführung nicht nur, sie machen Angriffskrieg vor allem rentabel. Der Verteidiger muss jetzt mehr Geld aufwenden als der Aggressor. Und die Verächtlichmachung von Völker- & Menschenrecht führt natürlich in der Konsequenz zu Grausamkeiten à la Krieg in der Ukraine und dem allmählichen Schleifen des Minderheitenschutzes in Ländern, die von Autokraten gekapert werden.

    Neu sind die einzelnen Thesen des Autors also nicht; neu ist allenfalls ihre Synthese in gestraffter Form.

    Französische Könige, Condottieri & Konquistadoren

    Da Empoli widersteht dem Reflex, die 20-er Jahre des 21-sten Jahrhunderts mit den frühen 30-ern des 20-sten gleichzusetzen, sondern springt stattdessen 500 Jahre zurück an den Beginn der sog. Neuzeit, als Franz VIII mit Hilfe der damals die Kriegsführung revolutionierenden schweren Artillerie weite Teile Italiens eroberte und eine längere Periode des Friedens auf der Apennin-Halbinsel abrupt beendete, Konquistadoren wie Cortez & Pizarro mit kleinen Mannschaften – aber technisch überlegen – die großen Reiche der Azteken und Inkas quasi im Handstreich in die Knie zwangen und schillernde Figuren wie Cesare Borgia die Bühne der Politik betraten, wo sie eine Zeit lang schwindelfrei agierten, bevor sie von der nächsten Generation machthungriger Thronanwärter beseitigt wurden.

    Das ist eine durchaus gelungene historische Analogie und man möchte nachträglich Henry Kissinger applaudieren, der auf die Frage, wie man sich am besten darauf vorbereitet, eine führende Rolle in der Weltpolitik zu spielen, antwortete: „Studieren Sie Geschichte, studieren Sie Geschichte, studieren Sie Geschichte!“ [Bonmot wird ursprünglich Churchill zugeschrieben].

    Autokratie mit Tech-Lords als politischer Normalzustand?

    Wer Bekanntes – unter der Voraussetzung, Sie lesen regelmäßig Zeitung und schauen Dokus auf Arte – in geraffter Form präsentiert haben möchte, dem sei „Die Stunde der Raubtiere“ durchaus ans Herz gelegt. Unser unaufhaltsamer Marsch ins neue Zeitalter von Disruption & Brutalität wird von da Empoli unterhaltsam geschildert, er verliert interessanterweise kaum Worte darüber, was man hätte anders machen können, wo (vertane) Chancen bestanden, den Prozess im letzten Moment zu stoppen. Der Weg in die Autokratie quasi als politisches „Natur-“ Gesetz. Der Aufbau des Buchs – alle Kapitel schildern persönliche Begegnungen mit Staatsmännern und Top-Unternehmenslenkern – wirkt ein bisschen eitel: schaut her, welche Politpromis ich kenne und mit wem ich schon alles geredet habe. Aber das sei dem Autor verziehen. Dessen Conclusio ist übrigens pessimistisch:

    Wir hatten das große Glück, eine lange Zeit des Friedens und der Demokratie zu erleben. Aber der Glaube, dass dieser Zustand normal ist, ist falsch. Tatsächlich ist das erfolgreiche Fernhalten der Raubtiere in der Geschichte eher die Ausnahme als die Regel. Es gibt immer wieder Phasen, in denen die Raubtiere frei umherstreifen, unterbrochen wiederum von Phasen, in denen sie gebändigt werden können.
    © Giuliano da Empoli im Interview: „Jetzt kommt die bitterböse Rechnung“
    +++

    Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere
    Verlag C.H. Beck
    127 Seiten
    3. Aufl., Sep. 2025
    ISBN: 978-3-406-83821-7

  • Bürgergeld war gestern

    Bürgergeld war gestern

    Mittlerweile hat auch der letzte Sozialstaatromantiker-Boomer verstanden, dass Reformen hermüssen. Und zwar schon in diesem Herbst, weil sonst die Wirtschaft abschmiert, die Arbeitslosigkeit steigt, das System unbezahlbar wird, und es so halt auch im Wahlprogramm der CDU drinsteht, und der Kanzler zudem zur Eile drängt.

    Nun sind ja Reformen per se nichts Schlechtes. Irgendwas wird ständig reformiert – aktuell steht die Bundeswehr wieder ganz oben auf der To-do-Liste – oder re-reformiert wie beispielsweise die Rückabwicklung vieler von der Ampel beschlossener Klimaprojekte. Reform mithin als Normalzustand und Daueraktivität im Politikbetrieb. Warum also nicht auch die Sozialsysteme periodisch überprüfen und – falls notwendig – entsprechend neu justieren? Spricht erst mal nichts dagegen.

    Vorab ein paar Zahlen

    Aus der Sicht des Bundes stellt die Position ‚Soziales‘ (sog. Haushaltsstelle 11 = Bundesministerium für Arbeit und Soziales) wahrlich einen Riesenbrocken dar: im laufenden Jahr werden dafür nahezu 200 Milliarden Euro verausgabt, was wiederum ca. 38 Prozent des Gesamtbudgets entspricht. Damit ist ‚Soziales‘ unangefochtener Spitzenreiter. Auf den Plätzen folgen ‚Verteidigung‘ (16%) und ‚Allgemeine Finanzverwaltung‘ (was auch immer sich dahinter verbergen mag; knapp 9%). Die Haushaltsstelle 11 wird wiederum in Kapitel unterteilt, von denen die beiden wichtigsten ‚1102: Rentenversicherung und Grundsicherung im Alter‘ und ‚1101: Leistungen nach dem Zweiten und Dritten Sozialgesetzbuch‘ lauten. Da wir uns im Folgenden auf das Bürgergeld konzentrieren, soll Kapitel 1101 noch etwas weiter aufgedröselt werden. Es gliedert sich in ‚Titel‘, die da heißen: ‚Bürgergeld‘, ‚Beteiligung des Bundes an den Leistungen für Unterkunft und Heizung‘, ‚Verwaltungskosten‘, ‚Leistungen zur Eingliederung in Arbeit‘, ‚Darlehen an die Bundesagentur für Arbeit‘ zzgl. ein paar weitere kleine Titel und summiert sich auf sagenhafte 55 Mrd. Euro/Jahr (Bund). On top zu rechnen ist der Anteil der Kommunen für Unterbringung & Heizung, der von Bundesland zu Bundesland variiert; wenn wir ihn durchschnittlich hälftig ansetzen, wären das zusätzliche 6 bis 7 Mrd, sodass wir jetzt schon bei 60 angelangt sind. Da allerdings nicht sämtliche Ausgaben eins zu eins den Empfängern zufließen, liest und hört man in den Medien zumeist die Zahl 50 (Milliarden Euro/Jahr), sobald die Rede aufs Bürgergeld kommt, der ich mich, weil ich mir 50 gut merken kann, und das hier eine Kolumne und kein Fachreferat vor Finanzwissenschaftlern ist, der Einfachheit halber anschließen werde.

    Den 50 Milliarden stehen aktuell 5.5 Millionen Bezieher gegenüber. Diese splitten sich (grob) in: 4 Mio. erwerbsfähige (-> Arbeitslosengeld II) und 1.5 Mio. nicht-erwerbsfähige (-> Sozialgeld) Empfänger.

    Der monatlich vom Jobcenter an den „Kunden“ überwiesene Betrag setzt sich zusammen aus:
     Regelsatz: 563 Euro (alleinstehender Erwerbsfähiger)
     Kaltmiete
     Heizung
     Nebenkosten Wohnung.

    Ist natürlich wg. der Mietkosten von Stadt zu Stadt unterschiedlich, überschreitet jedoch selten die 1400-Euro-Marke. Der Normalfall wird darunter liegen, im Intervall zw. 1000 und 1200 Euro. Zusätzlich übernimmt der Staat für die Dauer des Bezugs die Beitragszahlung an die Krankenversicherung.

    Das war’s jetzt aber auch mit den langweiligen Zahlen, die ich alle mühsam recherchieren musste; wollte mir dieses Mal aber den Vorwurf, der Hirsch hat wie immer keine Ahnung, ersparen und habe mich morgens nach der ersten Tasse Kaffee drangesetzt, das Internet nach (seriösen) Statistiken zu durchforsten.

    Herbst der Reformen

    Die Koalition hat den ‚Herbst der Reformen‘ angekündigt, und als erstes soll das Bürgergeld generalüberholt werden.

    Wir sind sehr, sehr weit mit der Bürgergeldreform Teil eins, die jetzt im Herbst, wahrscheinlich jetzt im Oktober, das Licht der Öffentlichkeit erblickt – wahrscheinlich in den nächsten ein, zwei Wochen.
    © Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär

    Das reicht von Symbolischem – der freundliche Name Bürgergeld soll weg und durch das etwas sperrige ‚Grundsicherung für Arbeitssuchende‘ ersetzt werden – über Selbstverständlichkeiten – Sozialbetrug wird konsequent verfolgt – hin zu konkreten Kürzungen: Regelsatz einfrieren, Sanktionen bei unentschuldigtem oder mehrmaligem Fernbleiben von Terminen, (bisheriges: Schon-)  Vermögen wird angerechnet, bei Überschreiten des Mietendeckels oder der zulässigen Quadratmeterzahl muss sofort eine kleinere Wohnung gesucht werden etc.

    Unterm Strich soll eine Einsparung in der Größenordnung von 5 bis 7 Mrd. Euro stehen (die frühere Einschätzung 10 Mrd. erwies sich bei nochmaligem Kalkulieren anscheinend als zu optimistisch angesetzt, weshalb man sie vorerst fallen ließ). Kanzler Merz macht folgende Gleichung auf: 100.000 Bezieher raus = 1.5 Mrd. Euro gespart. Um auf die o.g. Zielgröße zu kommen, müssen also 3-500.000 Empfänger das System verlassen.

    Nun klingt das alles erst mal positiv: 5-7 Mrd. sparen, 300.000 Menschen sofort von der ALG2-Hängematte runterwerfen, die freiwerdenden Ressourcen auf die Vermittlung des Rests konzentrieren, die Verweildauer in staatlicher Alimentierung so kurz als möglich gestalten. Alle sind glücklich: die CDU, weil sie eins ihrer zentralen Wahlversprechen erfüllt, die Regierung, weil sie Einigkeit und Handlungsfähigkeit beweist und das Volk, weil den Sozialschmarotzern endlich der Geldhahn zugedreht wird. Bei näherer Betrachtung gerät man jedoch ins Grübeln und bemerkt, wie kleinmütige Gedanken vom Zwerchfell in die Zwischenhirnrinde hochkriechen:
    (a) 300.000 von 4 Millionen sind 7.5 Prozent
    (b) 5-7 Mrd. entsprechen 10-14 (in Bezug aufs Bürgergeld), bzw. 2.5-3.5 (in Relation zum Etat des Arbeitsministeriums) oder gar nur 1-1.4 Prozent (in Blickrichtung aufs gesamte Bundesbudget)
    (c) v.a. was passiert mit den 3.5 Mio. Erwerbsfähigen, die nach dem Herbst der Reformen weiterhin im ALG2-Bezug verbleiben?

    Zu verzagt gedacht, Herr Autor, sagen Sie? Irgendwo muss man anfangen. Und dieser Anfang besteht halt immer in einem ersten Schritt.
    Mag sein, antworte ich. Jedoch fehlt mir bei all der Sparerei ein schlüssiges Konzept, wie man diese Menschen wieder in (auskömmlich) bezahlte Arbeit bringt. Nur 3-500.000 aussortieren kann der Weisheit letzter Schluss wahrlich nicht sein. Zumal die prognostizierte Ersparnis für den Bund ja jetzt auch kein großer Wurf ist. Okay, okay, Kleinvieh macht auch Mist; sehe ich ein.

    Strengt euch (mehr) an!

    Atalay: „Also, es wird schwieriger für diejenigen, die sich nicht anstrengen sozusagen.”
    Merz: „Das könnte die Überschrift sein.”
    Atalay: „Also die Überschrift: Strengt euch an…!”
    Merz: „… dann helfen wir. Und wenn nicht, dann gehen wir davon aus, dass ihr die Hilfe des Staates nicht braucht. […] Wir wollen ja wirklich denen helfen, die die Hilfe brauchen. Und wir wollen vor allem dafür sorgen, dass sie zurück in den Arbeitsmarkt kommen. Da müssen sie hin. Und wir müssen einfach die Zahl derer, die im jetzigen Bürgergeld sind, deutlich reduzieren.”
    © RTL: Wer sich nicht anstrengt, braucht „die Hilfe des Staates nicht”

    Und hier gelangen wir nun an den Punkt, an dem es spannend wird = was plant die Regierung perspektivisch, um die Arbeitsvermittlung zu beschleunigen? Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht; was aber vllt. daran liegt, dass bis auf die altbekannten Floskeln wie „Wirtschaftsmotor muss rasch angeworfen werden“, „(Unternehmens-) Steuern runter & Energiekosten senken!“, „Arbeit muss sich wieder lohnen“ diesbezüglich von der Politik wenig kommt. Bis der Wirtschaftsmotor erneut auf Hochtouren läuft (unter der optimistischen Voraussetzung, die Trumpschen Zölle lassen das überhaupt zu), sind vermutlich 3 Millionen der heutigen Bürgergeld-Erwerbsfähigen entweder in Rente oder liegen unter der Erde. Was könnte also schnell und konkret getan werden, um (Dauer-) Arbeitslosen zu sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen zu verhelfen?

    3 Vorschläge:
    (1) Zielgerichtete Fortbildungsmaßnahmen in Absprache mit den Betrieben (der Deal lautet: Arbeitsagentur/Jobcenter übernimmt die Finanzierung der Schulung; im Gegenzug verpflichtet sich das Unternehmen, den nun qualifizierten Kandidaten auch tatsächlich einzustellen)
    (2) Regionale Zumutbarkeit lockern: notfalls muss 50km (one way) zum Arbeitsplatz gependelt werden
    (3) Mehr Wechselbereitschaft: weshalb sollte ein arbeitsloser Schreinergeselle nicht alternativ im Fassadenbau beschäftigt werden, oder ein Industriearbeiter (nach entsprechender Umschulung) sein zukünftiges Glück im Handwerk finden?

    Wovon ich persönlich wenig halte, sind Sachen wie: betriebsbedingt entlassener und aufgrund seines fortgeschrittenen Alters (Mitte 50) dauerarbeitsloser Akademiker wird via Zeitarbeitsfirma in Call Center transferiert (im Bekanntenkreis schon erlebt) … solch ein doppeltes Downgrading (beruflich u finanziell) führt in der Konsequenz zu überbordendem Alkoholkonsum, weshalb man diesen Bekannten mittlerweile häufiger in der Suchtklinik als am Arbeitsplatz antrifft.

    Achtung: Wir sprechen hier einzig über die Mikroebene. Soll heißen: Wir versuchen, die offenen Stellen (aktuell 600-700.000 in Deutschland) möglichst rasch aus dem Heer der Bürgergeldempfänger zu bestücken. Selbst, wenn das zu 100 Prozent gelänge, verblieben jedoch weiterhin mehr als 2 Millionen Menschen ohne Arbeit -> wohin mit denen? Sollen die geduldig auf das Anspringen der Konjunktur warten?

    Die Politik kommt deshalb nicht drumherum, sich Gedanken über die Aufstockung des zweiten Arbeitsmarktes zu machen und muss wahrscheinlich sogar den öffentlichen Sektor vergrößern, wenn sie das Problem (Dauer-) Arbeitslosigkeit konsequent lösen möchte. Widerspricht der liberalen Wirtschaftslehre. Weiß ich. Vor die Wahl gestellt, einer ökonomischen Doktrin zu widersprechen und Menschen in Arbeit zu bringen, entscheide ich mich für die zweite Möglichkeit.

    Zuvorderst Symbolpolitik

    Wollen wir am Ende dieser Kolumne festhalten:
    (A) Es gibt ungefähr 5x so viele Menschen, die Arbeit suchen als offene Stellen
    (B) Die Vermittlung aus ALG2 heraus gestaltet sich oft schwierig (z.B. Arbeitsstelle räumlich zu weit entfernt, Bewerber möchte sich beruflich nicht verschlechtern, es gibt schlichtweg keinen passenden Job)
    (C) Der weitaus größte Teil der Bezieher ist unverschuldet (dauer-) arbeitslos und würde liebend gerne wieder arbeiten (unter der Voraussetzung, der neue Job ist zumutbar)
    (D) Regelsatz plus Miete plus Heizung & Nebenkosten stellen das Existenzminimum sicher
    (E) Sozialbetrug (Schwarzarbeit, Verschweigen von Vermögen u.ä. ) ist auch heute schon strafbar.

    Die geplanten Sanktionen/Kürzungen – so sie vor Gericht bestehen – mögen in Einzelfällen opportun sein, dürfen aber auf keinen Fall dazu führen, dass man eine der ärmsten Bevölkerungsgruppen unter den Generalverdacht stellt, es sich in der sozialen Hängematte bequem zu machen und generell arbeitsscheu zu sein. Dem widersprechen sämtliche Erfahrungen, die ich in den vergangenen 20 Jahren zum Thema Arbeitslosigkeit im Freundes- & Bekanntenkreis gesammelt habe. Niemand gammelt gerne 24/7 zu Hause auf dem Sofa rum. Alle möchten arbeiten, haben aber nach 200 abgelehnten Bewerbungen oft den Glauben ans System verloren und ertränken den Frust in Alkohol. Die Klugen treiben stattdessen Sport, um sich, falls ein Wunder eintreten sollte, und sie bei der 201sten Bewerbung ne Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen, fit zu halten. Sind aber nun mal nicht alle klug. Die Korrelation zwischen (Dauer-) Arbeitslosigkeit und Alkoholismus/Suchtklinik ist eng.

    Ob die Leistungen gem. Zweitem & Drittem Sozialgesetzbuch jetzt ALG 2, Hartz 4, Bürgergeld oder Grundsicherung genannt werden, ist ein Nebenkriegsschauplatz. Ich mag den von der Ampel eingeführten Terminus ‚Bürgergeld‘ ganz gerne, weil er freundlich anmutet, kann aber ebenfalls mit Grundsicherung gut leben. Für die Empfänger ist der Inhalt (pünktliche Zahlung) eh wichtiger als das Etikett. Ob der neue Name auch frischen Schwung in die Sache bringt iSv. die Vermittlungsquote zieht an, bleibt abzuwarten. Falls ja, wäre das überaus begrüßenswert. Allein mir fehlt der Glaube. Sanktionen & Kürzungen im Verein mit einer konsequenteren Verfolgung von Sozialbetrug werden zwar dazu führen, dass ein kleiner Prozentsatz der Bezieher aus dem System rausfällt, jedoch wird sich für den Rest (98-99 Prozent) nichts ändern, so lange nicht offene Stellen in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen.

    Rubrik: (bisher) mehr ein Reförmchen denn eine Reform aka Symbolpolitik.

  • Alien Earth – neuer Blickwinkel auf das Weltraummonster

    Alien Earth – neuer Blickwinkel auf das Weltraummonster

    Jeder hat ja in der Jugend ein paar Filme gesehen, die einen derart packten, dass man sie 5x im Kino u im Anschluss noch Minimum 3 Dutzend Mal auf Videocassette angeschaut hat, und von denen man noch im Seniorenstift den anderen Senioren erzählt. Bei mir waren das u.a. Blade Runner, Apocalypse now, Die durch die Hölle gehen, Shining UND Alien – Das unheimliche Wesen aus einer anderen Welt.

    Qualität der Filme lässt seit Teil 2 zu wünschen übrig

    Bei Alien 1 (1979) stimmte alles: der Mix zw. Scifi & Horror, die klaustrophobische Atmosphäre im Raumschiff, der allmähliche Spannungsaufbau, der in schier nicht enden wollenden Schrecken mündet, Innovationen wie das bisher so noch nie gesehene Monster u der Androide Ash und die hervorragend besetzte Crew, aus der Sigourney Weaver in ihrer Rolle als Zweiter Offizier Ellen Louise Ripley herausragt. 1 der 3 Meisterwerke (neben dem o.g. ‚Blade Runner‘ u ‚American Gangster‘) von Ridley Scott (ja ja, er hat noch mehr gute Filme als die 3 genannten gedreht. Schon klar). Bewertung = 10 Punkte.

    Wie’s mit erfolgreichen Produktionen (leider) oft passiert -> es gibt Fortsetzungen. 1986 kam ‚Alien 2 – Die Rückkehr‘ ins Kino. Regie führte nun James Cameron, was man dem Film auch anmerkt: die Story wird schneller erzählt, Actionszenen bestimmen das Bild, die Handlung ist unterhaltsam, hinterlässt jedoch keinen bleibenden Eindruck beim Zuschauer (8 Punkte). Mit ‚Alien 3‘ (1992), der in einem am äußersten Ende des Universums gelegenen Strafgefangenlager spielt, fremdelte ich schon sehr, und bei ‚Die Wiedergeburt‘ (1997) war ich froh, dass die Reihe mit der nun zur Mutter aller Weltallmonster mutierten Ellen Ripley zum Ende kam. Mehr an Alien braucht kein Mensch.

    Das sahen die Produzenten allerdings anders u verfielen 15 Jahre später auf die Idee, dem Franchise ein Prequel voranzustellen: ‚Prometheus‘ (2012), Regie führte erneut Scott. Trotz Riesenbudget, technisch vieler Gimmicks u einer Besetzung, die dem Who is who Hollywoods ähnelt, gelang es dem Streifen an keiner Stelle, cineastisch zu überzeugen. Der Versuch, das Ganze mit der (Prequel-) Fortsetzung ‚Covenant‘ (2017) zu retten, erwies sich als Griff ins Klo, weshalb die öde Vorgeschichte dann auch GSD eingestellt wurde.

    2024 ein weiterer Versuch, nunmehr zeitlich angesiedelt zw. den alten Teilen 1 & 2: ‚Romulus‘. Ein Weltraummonster/Teenager-Lovestory-Hybrid. Technisch gut gemacht, ne Menge Baller- & Splatterszenen; aber weder stellt sich der Grusel des Originals ein, noch verleitet die Handlung dazu, im Gedächtnis haften zu bleiben oder gar im Nachgang über Fragen wie ‚Muss der Mensch alles erschaffen, was die Technik ermöglicht?‘ o ‚Ist das Monster eine allegorische Darstellung der von uns vergewaltigten Natur, die plötzlich zurückschlägt?‘ nachzudenken. Sobald der Abspann läuft, kann man die Geschichte getrost wieder vergessen. (Mit Mühe) 5 Punkte.

    Die Serie kehrt an den Ursprung zurück

    Seit diesem Sommer nun ein weiterer Versuch: Alien: Earth. Dieses Mal als Serie. Kann das gutgehen, ist über das Monster mittlerweile nicht ALLES erzählt worden, was es dazu zu erzählen gibt, grübelte ich und war einige Wochen lang unentschlossen, ob ich da reinschauen will. Vor ein paar Tagen entschloss ich mich spontan, es doch zu tun und wurde (bisher) angenehm überrascht.

    Die Geschichte spielt im Jahr 2120: 5 Megakonzerne regieren die Welt, die wiederum von teils hyperkapitalistischen, teils spleenigen Milliardär-CEOs präsidiert werden. Weyland-Yutani(1 der 5; kennt man seit dem Auftaktfilm) hat vor 65 Jahren ein Forschungsschiff auf die Reise zu einer abgelegenen Galaxie entsandt, um dort nach außerirdischem Leben zu suchen. Die Crew ist fündig geworden und kehrt mit ein paar besonders gruseligen Spezies an Bord zurück zum Heimathafen. Ein paar Tage vor der Landung bricht Feuer aus, die (anfangs kleinen) Monster entkommen aus ihren Käfigen und das Unheil nimmt seinen Lauf. Bis hierher erinnert die Story an die nahezu gleichverlaufende Handlung von Teil 1. Auch die Charaktere sind ähnlich gezeichnet: Zaveri = Ripley (wobei die Zweitgenannte cooler war), Morrow = Ash, Bronski = Kane, Schmuel = Brett. Im Unterschied zum Film verliert sich das Schiff jedoch nicht führungslos in den Weiten des Alls, sondern strandet auf der Erde und zwar in einem Wolkenkratzer in New Siam (Bangkok). Diese Megalopolis gehört zum Einflussbereich von Prodigy (ein weiterer der 5 Konzerne).

    An dieser Stelle betritt die Serie Neuland bzw. spinnt einen zweiten Handlungsfaden: Prodigy hat vor kurzem eine bahnbrechende humanoide Lebensform entwickelt – die sog. Hybriden: Hightech-Körper (Sleeves), in die menschliches Bewusstsein übertragen wird (die Spender sterben nach der Übertragung). Auf diese Weise entsteht die Protagonistin Wendy (im früheren Leben hieß sie: Marcy) = die Karosserie einer 20-jährigen, bestückt mit Erfahrungen & Emotionen eines Kindes. Die Hybriden lernen schnell, da sie nicht wie wir Menschen langweilige Bücher lesen müssen, um sich fortzubilden, sondern sich stattdessen per USB-Anschluss mit einer Datenbank verbinden u das gewünschte Wissen binnen Sekunden dort runterladen. Wendy u ein halbes Dutzend weiterer Superkinder leben in einem Forschungslabor auf einer Insel im südchinesischen Meer, zwei Flugstunden von der Absturzstelle entfernt. Ihre Mentoren sind eine Psychologin (Mensch) u ein Wissenschaftler (Synth = Hightech-Body kombiniert mit einem K.I.-Bewusstsein. Gut gespielt von Timothy Olyphant).

    Die Truppe macht sich auf, das verunglückte Raumschiff zu inspizieren. Und trifft dabei (in dieser Reihenfolge) auf den einzigen Überlebenden Morrow (ein Cyborg = kybernetisch erweiterter Mensch), die extraterrestrischen Spezies (die jetzt schon nicht mehr so klein wie noch vor ein paar Tagen sind) u Wendys Bruder Joseph (als Sanitäter am Unglücksort), der seine Schwester Marcy tot glaubte. Zurück auf der Insel reklamiert der Prodigy-CEO (genannt ‚Der clevere Junge‘. Erinnert ein bisschen an Jesse Eisenbergs Darstellung des jungen Mark Zuckerberg in „The Social Network“)) die Alien-Fracht für sich, was natürlich der Präsidentin von Weyland-Yutani missfällt, die nun Morrow zzgl. einer Hundertschaft schwerbewaffneter Söldner losschickt, um die Aliens ihrem „rechtmäßigen“ Eigentümer zuzuführen. Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.

    Humanoide: Maschinen oder doch Menschen?

    Speziell der zweite Handlungsstrang ist es, was die Serie ausmacht; denn der erste im Raumschiff ist ja bloß ein Remake der Story von 1979. Die Geschichte mit der Erschaffung der Hybriden ist spannend, obwohl man Ähnliches schon woanders gesehen hat (bspw. „Altered carbon“). Was passiert, wenn man kindliches Bewusstsein in Chassis verpflanzt, die eher zu 20- o 30-jährigen passen? -> kleine Jungs & Mädchen in Erwachsenenkörpern, die weiterhin von kindlichen Ängsten geplagt werden und mit Puppen spielen. Einzig Marcy durchläuft schnell den Reifeprozess hin zur jungen Frau. Die anderen Hybriden stagnieren emotional. Ist ein Kunstmensch ein Mensch oder eine Maschine (-> eine Sache, die einem Dritten gehört, die man verkaufen u kaufen kann)? Alles nicht superneu: Hybride/Synths gab’s schon immer in den Alien-Filmen, bloß stand bisher noch nie deren Genese im Zentrum des Geschehens. Die Frage, ab welchem Punkt künstliche Intelligenz als dem Menschen ebenbürtig einzustufen ist, woraus dann wiederum individuelle Freiheitsrechte resultieren, wurde bereits in vielen Scifi-Produktionen gestellt. I.d.R. entscheidet der Stärkere der beiden über die Antwort: ist es der Mensch, bleibt die Maschine – egal, wie klug sie ist – auf ewig Maschine; ist es die K.I., tötet sie ihren Schöpfer u versklavt den Rest der Menschheit. Bleibt abzuwarten, wie sich dieses bereits in den ersten Episoden klar erkennbare Spannungsfeld in „Alien Earth“ weiterentwickelt.

    Die Kunstmenschen haben den Vorteil, dass die extraterrestrischen Spezies kein Interesse an ihnen zeigen, sie sich Alien & Co gefahrlos nähern können, während für den normal sterblichen Homo Sapiens bei Kontakt akute Lebensgefahr droht. Diese „Immunität“ prädestiniert die Humanoiden für wissenschaftliche Versuche an den außerirdischen Arten. Wendy erlernt zudem in Rekordzeit die „Sprache“ des Xenomorphs (so wird das Weltraummonster in der Serie bezeichnet): eine Mischung aus Schnalzlauten à la Flipper u Grillenzirpen und kann ihm Befehle erteilen. Wird sie die biologische Superwaffe demnächst gegen ihre Erschaffer richten?

    Mehr Tiefgang als die meisten Filme des Franchise

    Innovativ an der Serie ist das zusätzliche Augenmerk auf die Entstehung der Kunstmenschen, bzw. die Geschichte wird dieses Mal vorrangig aus dem Blickwinkel einer Hybriden erzählt (das gab’s ansatzweise in ‚Alien 4 – die Wiedergeburt‘ mit Winona Ryder als Synth Call, wobei man da lange nicht wusste, dass Call ein Kunstwesen ist). Die düstere Enge des Raumschiffs ergänzt um die räumliche Begrenztheit einer Tropeninsel. Das Monster fühlt sich in beiden Habitaten sofort heimisch.

    Durchgängig unterhaltsam, ohne in Popcorn-Action abzugleiten, bietet eine neue Perspektive auf die Alien-Saga, verfügt über mehr Tiefgang als die meisten der gleichnamigen Filme und ist speziell mit Wendy/Marcy (Sydney Chandler) u Chefwissenschaftler Kirsh (Timothy Olyphant) hervorragend besetzt.

    8.5 Punkte (Staffel 1)
    Auf Disney+

    Nachtrag: bis gestern Abend dachte ich irrtümlich, Alien Earth wäre eine alternative Version des Originals von 1979. ISv. Alien landet auf der Erde, statt im All verschollen zu gehen. Seit heute Morgen weiß ich (ich recherchiere ja schon ein bisschen, wenn ich so nen Text schreibe), dass die Serie das Prequel zum Auftaktfilm sein soll -> das Monster im Raumschiff war gar nicht das erste, sondern sein „Bruder“ geisterte schon einige Jahre zuvor über eine Tropeninsel. Ob das eine gute Idee ist (nimmt nachträglich den Aha-Effekt aus dem Original raus) -> keine Ahnung. mMn wär’s besser gewesen, die neue Geschichte völlig eigenständig zu erzählen, anstatt die Story mühsam in eine Chronologie zu pressen. Aber ich bin eh kein Fan von Prequels.

  • Wenn die Blase wieder drückt oder …

    Wenn die Blase wieder drückt oder …

    Die Linke kritisiert hohe Toilettengebühren entlang der Autobahnen. Abhilfe soll die Verstaatlichung bringen.

    Die Linke hat gefordert, Autobahnraststätten wieder in staatliche Hand zu überführen. Wie der „Stern“ berichtet, kritisiert die Partei insbesondere die aus ihrer Sicht überhöhten Gebühren für Toilettenanlagen entlang deutscher Autobahnen.
    © t-online: Linke will Raststätten verstaatlichen

    Ich überlege noch, ob ich diesen Text so beginne: Im August müssen ebenfalls Toiletten herhalten, um das Sommerloch zu füllen … oder doch lieber so: Wenn mit zunehmenden Alter 3 Dinge nachlassen, dann das Gedächtnis, die Libido und die Blase. Als 63-jähriger Noch-nicht-ganz-Rentner weiß ich hier ausnahmsweise mal, wovon ich rede.

    Losgelöst von der Widersprüchlichkeit, genug Geld für eine Reise mit dem Auto zu besitzen, um dann an der Raststätte plötzlich zu bemerken, dass der 1 Euro für die Urinalnutzung das Urlaubsbudget sprengt, soll’s in dieser Kolumne auch gar nicht um die angeblich fehlende Sozialverträglichkeit des WC-Obolus gehen, sondern wir wollen uns stattdessen mit dem traurigen Zustand des öffentlichen Toilettenwesens in unserem Land beschäftigen.

    Mit leerer Blase shoppt es sich besser

    Wie sieht die Realität für einen bspw. 63-jährigen Noch-nicht-ganz-Rentner aus dem Bonner Süden aus, sobald er beabsichtigt, die eigenen 4 Wände für einen Halbtagestrip nach Köln zu verlassen? Einfach ins Auto setzen und munter losfahren, ist in diesem Alter nicht mehr. So ein Ausflug muss schon minutiös geplant werden. Der Noch-nicht-ganz-Rentner sollte zum einen darauf achten, dass seine Blase komplett entleert ist, in etwa hochrechnen, wie viele Toilettengänge innerhalb der nächsten Stunden bevorstehen und sich klugerweise vorab darüber Gewissheit verschaffen, welche Anlaufstellen er im Bedarfsfall ansteuern kann.

    Denn, wenn eines in diesem Land sicher ist, dann die Tatsache, dass aushäusiges Urinieren ein Abenteuer darstellt. Fangen wir mit dem angenehmsten Fall an: Sie sind in Köln zum Essen verabredet. Mittelpreisiges Restaurant, mediterrane Küche, nach 1 Flasche Mineralwasser, 1 Viertelliter Valpolicella classico plus 2 Espressi drückt die Blase mittlerweile sehr, Sie entschuldigen sich kurz bei Ihrem Gegenüber, fragen die nette Bedienung nach dem Weg (häufig geht’s ne enge Treppe runter in den Keller), öffnen die Tür mit dem zu Ihnen passenden Identitäts-Symbol, zwängen sich am Waschbecken vorbei und hoffen, dass der Gast vor Ihnen den Ort in einem halbwegs akzeptablen Zustand zurückgelassen hat. Im Anschluss setzen Sie sich entweder auf die nicht mehr ganz taufrische Klobrille (der Lack blättert an zwei Dutzend Stellen ab) oder verrichten Ihr (kleines) Geschäft im Stehen. Dann zurück ans Waschbecken, wo Sie zwar ein paar Tropfen aus einem verrosteten Seifenspender rausquetschen können, jedoch am Handtuch scheitern, weil das so aussieht, als sei es das letzte Mal vor 14 Tagen gewechselt worden. Also die Finger an der Hose abstreifen, die Treppe zurück nach oben, zahlen (Trinkgeld für die nette Bedienung nicht vergessen. Die kann ja nichts fürs 14 Tage alte Handtuch), sich vom Gegenüber verabschieden (mit trockenen Händen, dafür jedoch leicht nassen Hosenbeinen), ins Auto setzen und während der Rückfahrt aufs eigene Badezimmer freuen.

    Wenn das der angenehme Fall war – was bedeutet dann unangenehm, fragen Sie mich nun nicht ganz zu Unrecht? Der unangenehme Fall – und das ist der weitaus häufigere – besteht im normalen Einkaufsbummel. Wenn man eben nicht mal schnell die Treppe in einem mittelpreisigen Restaurant runterlaufen kann, sondern bei Harndrang vor folgender Überlegung steht: Schaffe ich es rechtzeitig zurück nach Hause (dagegen sprechen einige Faktoren: von der Kölner Innenstadt bis in den Bonner Süden dauert es Minimum 1 Stunde – wahrscheinlich wg. des gleich einsetzenden Feierabendverkehrs länger –, das, was ich besorgen wollte, habe ich noch nicht gefunden – Mission also vorzeitig abbrechen?, u.v.a. die 63-jährige Blase hält nicht mehr das, was sie mit 40 noch locker hielt), oder muss ich mich gezwungenermaßen nach Alternativen zum heimischen Klo umsehen? Die Ausweich-WCs können sein/liegen:
    (1) beim Herrenbekleider (nicht: -bestatter): sind zumeist nur fürs Personal vorgesehen
    (2) im McDonald’s: Hunger auf ein BigMac-Menü verspüre ich leider keinen
    (3) in den Systembäckereien: hier reicht zumeist 1 Tasse Kaffee, um den Schlüssel für die Toilette zu erhalten.

    Gute Nerven von Vorteil beim Besuch öffentlicher Toiletten

    Egal, ob man seinem Harndrang in (2) oder (3) nachgibt: angenehm ist das, was einen hinter der Tür erwartet, zumeist nicht. Defekte und übergelaufene Urinale bestimmen das Bild, die Boxen mit den Einzeltoiletten betritt man tunlichst nur dann, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht, Seife ist Glückssache, und die Papierhandtücher sind zumeist alle, weil irgendein Bekloppter 100 Stück auf einmal aus dem Spender rausgezerrt hat (und das Personal nur 1x/täglich auffüllt). Türgriff anfassen verboten, weil man sich das vorherige Händewaschen dann auch hätte sparen können. Wieder draußen auf der Treppe kann von Flach- auf Normalatmung umgestellt werden. Beim Verlassen des Lokals gehen einem Sachen durch den Kopf wie: Hoffentlich sieht es in der Küche hygienischer als auf dem Gäste-WC aus, u/o ich hätte das belegte Brötchen eben besser nicht gegessen. Vorausschauende Menschen haben Sagrotan im Handschuhfach des Autos deponiert, mit dem sie sich vor der Rückfahrt bis zum Ellenbogengelenk desinfizieren.

    Okay, dass Toilettenbesuche bei McDonald’s und in Systembäckereien nicht ohne sind, wissen wir jetzt; aber was ist mit (4) der guten alten, von der Kommune betriebenen, öffentlichen Toilette? Wo ist die geblieben?

    Ja, wo ist die geblieben? Das frage ich mich auch oft, wenn ich durch unsere Innenstädte schlendere. In Köln und Bonn ist es einfacher, einen Straßendealer ausfindig zu machen, als ein kommunales WC zu entdecken. Es gibt sie vereinzelt noch; allerdings sollte man tunlichst über 3 Eigenschaften verfügen, bevor man sie betritt:
    (a) robuster Magen
    (b) stabiles Immunsystem
    (c) generell: gute Nerven.

    Das, was wir in (2) und (3) als unangenehm empfanden, tritt bei (4) potenziert auf -> Augenlicht auf unscharf dimmen, Aufhören zu atmen, NICHTS anfassen, die Einzelboxen NICHT betreten (für Frauen natürlich schwierig), nicht länger als unbedingt nötig verweilen, Seife (eh nicht vorhanden) & Wasser (an den Hähnen nisten 1 Milliarden Bakterien & Viren) sind egal, Türklinke mit dem bedeckten Unterarm öffnen, SCHNELL zum Auto: dort die komplette Sagrotanflasche über die Hände geben und die Arme damit bis zum Schulteransatz einreiben. Zurück zu Hause 1 Viertelstunde unter die Dusche und prophylaktisch Vomex auf dem Nachttisch deponieren.

    Höchste Zeit für mehr (saubere) Klos!

    Das ist aber VIEL Aufwand, nur um mal eine öffentliche Toilette zu frequentieren, meinen Sie? Ja, das ist verdammt viel Aufwand, antworte ich; aber Sie hätten ja auch weniger trinken oder Ihren Einkaufsbummel virtuell durchführen können, statt mit prall gefüllter Blase durch die Kölner Innenstadt zu latschen.

    Da ich jetzt selber gleich ins Bad muss (sitze seit 8h am Schreibtisch und habe 5 Tassen Kaffee intus), wollen wir so langsam ans Ende dieser Kolumne kommen und fürs Erste festhalten:
    (A) Toilettengänge jenseits der eigenen 4 Wände sind ein Wagnis
    (B) Das öffentliche WC-Netz ist schwächer ausgebildet als der ÖPNV im Bonner Süden zw. Mitternacht und 5h morgens
    (C) Faustregel: je öffentlicher, desto verdreckter
    (D) Das Risiko, sich irgendwas auf ner öffentlichen Toilette einzufangen, steigt mit zunehmendem Alter exponentiell an.

    Es wäre also ne Menge gewonnen, wenn unsere kommunalen Entscheider beim Stichwort „Infrastruktur“ nicht einzig an vierspurigen Straßenausbau & superschnelles DSL an jedem gottverdammten Winkel der Republik dächten, sondern ebenfalls Mittel für eine flächendeckende Grundversorgung mit schnell erreichbaren & hygienischen Toiletten bereitstellten. Speziell Wähler mit schwacher Blase würden ihnen danken (und die werden aufgrund der Demografie immer mehr).

    Wer also möchte, dass sich auch Ältere in unsere Innenstädte trauen (und dort den lokalen Einzelhandel stützen), ohne dass gleichzeitig das Wildpinkeln in den Grünanlagen überhandnimmt, der muss folglich in das öffentliche WC-Wesen investieren.

    Jetzt wird es höchste Zeit für mich, den Schlusspunkt zu setzen, sonst schaffe ich es nicht mehr bis aufs eigene Klo, sondern muss mich vom Balkon runter erleichtern.

    Rubrik: Der öffentliche Toilettengang war immer schon ein Abenteuer. Aber früher gab’s definitiv mehr Möglichkeiten, es gratis zu tun.

  • Lasst die Leute länger arbeiten!

    Lasst die Leute länger arbeiten!

    Beim Thema Rente hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sich klar positioniert: Die Deutschen müssen ihrer Meinung nach länger und mehr arbeiten. „Der demografische Wandel und die weiter steigende Lebenserwartung machen es unumgänglich: Die Lebensarbeitszeit muss steigen“, sagte die CDU-Politikerin in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Es kann jedenfalls auf Dauer nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“, so Reiche.
    […]
    Scharfe Kritik an ihren Aussagen kommt nun vom CDU-Sozialflügel. CDA-Bundesvize Christian Bäumler sieht Reiche als Fremdkörper in der Bundesregierung. Ihre Forderungen hätten keine Grundlage im Koalitionsvertrag. „Wer als Wirtschaftsministerin nicht realisiert, dass Deutschland eine hohe Teilzeitquote und damit eine niedrige durchschnittliche Jahresarbeitszeit hat, ist eine Fehlbesetzung“, sagte er.
    © t-online: CDU-internes Zerwürfnis. „Fehlbesetzung“ – Scharfe Kritik an Reiche

    Jetzt mal ganz ehrlich – was macht der Normalo-Deutsche (m/w/d), sobald er das Rentenalter erreicht hat?

    Er/sie/divers schläft die ersten 3 Monate morgens länger, räumt zu Hause endlich mal ordentlich auf, streicht die Wände neu, mäht 2x/Woche den Rasen, verabredet sich alle 14 Tage mit seinen Rentnerfreunden*innen zum Rentner-Brunch in einem Lokal, das mit Rentner-Rabatten wirbt. Manche, die was gespart haben, kaufen sich ein Wohnmobil und touren durch Europa; andere fliegen 5x/Jahr auf den Ballermann (in die Ecke, die für Senioren reserviert ist). Einige versuchen sich an ihren Memoiren, weil ihr Leben so superspannend war, dass man es unbedingt der breiten Öffentlichkeit mitteilen muss (davon kommen allerdings 95 Prozent nicht über Seite 20 hinaus; die restlichen 5 müssen im Eigenverlag veröffentlichen). Eine kleine Rentner-Avantgarde versucht sich an ausgefallenen Hobbies wie Biohacking, Geocaching, Gin Tasting, veganes Bier brauen (die beiden Letztgenannten sind auf Dauer nicht gut für die Leber) oder treten einem Paintball-Club bei. ALLE gehen recht schnell ihren Kindern auf die Nerven, weil sie die jetzt ständig anrufen, besuchen wollen und sich ungefragt in die Erziehung der Enkel einmischen.

    Zwischenfazit 1: Der Rentner nervt.

    Spätestens nach 5 Jahren, sobald das eigene Haus kernsaniert, der Rasen totgemäht (oder alternativ in eine Steinwüste verwandelt), die Figur aufgrund von zu viel Rentner-Brunch aus allen Nähten platzt, die eigenen Kinder sofort auflegen, sobald der Opa anruft, und die Balearen einen Einreisestopp für deutsche Senioren beschließen, treten wir in Phase 2 des schönen Rentnerlebens ein. Diese wird fortan bestimmt durch häufige Arztbesuche: den wöchentlichen Gang zum Allgemeinmediziner, weil die Zipperlein zunehmen (der Rücken, die Knie, Kurzatmigkeit, Libido & Verdauung sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren, mann kann beim Pinkeln – falls Mann das noch im Stehen tut – seine Zehen nicht mehr sehen, die Hämorrhoiden jucken schlimmer als 20 Moskitobisse etc.) sowie (möglichst unentdeckt) zum Psychologen – am besten ein Fachtherapeut mit Spezialisierung auf Geriatrie –, um mit dem über so Sachen wie Altersfrust, Alterszorn, depressive Schübe, suizidale Gedanken u.ä. zu reden. Bewirkt v.a. durch 1 Auslöser = galoppierende Fadheit.

    Zwischenfazit 2: Das Rentnertum verursacht Krankheiten, die der Mensch, als er noch der arbeitenden Bevölkerung angehörte, nur vom Hörensagen kannte.

    Trotz des bekanntermaßen rapide einsetzenden körperlichen & geistigen Verfalls, der mit dem plötzlichen Ausscheiden aus dem Berufsleben einhergeht, beharren dennoch 99 Prozent der arbeitenden Bevölkerung störrisch darauf, pünktlich am Stichtag ihren Bürosessel zu räumen und sich die verbleibendenden Lebensjahre – die dank moderner Medizintechnik und viel Pharmazie weitere 20 bis 30 betragen können – mit gepflegter Langeweile zu vertreiben.

    Zwischenfazit 3: in unseren westlichen Industrieländern wird es alsbald zugehen wie auf der Krankenstation eines Altersheims.

    Vor diesem deprimierenden Hintergrund ist es schleierhaft, weshalb der naheliegende Vorschlag unserer Wirtschaftsministerin, die Lebensarbeitszeit um xy (bspw. 5) Jahre zu verlängern, auf solch großen Widerstand stößt. Zum einen entlastet das sofort die Rentenkasse, verschont des Weiteren die junge Generation davor, die Hälfte ihres Einkommens für Sozialbeiträge zu verpulvern und bewahrt zum anderen ne Menge Menschen vor den o.g. rentenbedingten Krankheiten.

    Wir sollten deshalb in einem ersten Schritt die Leute länger arbeiten lassen, die das freiwillig oder sogar gerne tun würden (ich persönlich hätte kein Problem damit, bis 75 am Schreibtisch zu sitzen). Insofern sich genügend Teilnehmer melden, um einen spürbaren Entlastungseffekt zu bewirken = fein. Falls nein, dann muss im zweiten Schritt über eine gesetzliche Regelung, das Renteneintrittsalter spürbar anzuheben, nachgedacht werden. Aber eventuell reicht Freiwilligkeit ja bereits aus. Das wäre dann für alle Betroffenen (die Gruppe, die nicht mit 65 zwangsverrentet werden möchte und diejenigen, die das letzte Viertel oder Drittel ihres Lebens lieber der Pflege ihres Vorgartens widmen wollen) die erfreulichste Lösung. Unsere Kinder & Enkel werden uns nicht nur dafür dankbar sein, wenn wir vom alten Diesel auf einen flotten Elektroroller umsteigen, um so den individuellen CO2-Fußabdruck zu optimieren, sondern sie fänden es ebenfalls super, falls wir ihnen durch unsere Bereitschaft, länger zu arbeiten, ein bankrottes Rentensystem und explodierende Sozialbeiträge ersparen.

    Fazit: Wer 100 werden (und nen solide finanzierten Lebensabend verbringen) will, muss halt in der Konsequenz ein paar Jahre mehr malochen.

  • Der nicht endende Kreuzzug gegens Rauchen oder …

    Der nicht endende Kreuzzug gegens Rauchen oder …

    Als Boomer habe ich den Großteil meiner Kindheit und Jugend in rauchgeschwängerter Umgebung verbracht. Mutter und Tanten (Vater und Onkels komischerweise nicht) qualmten, die halbe Jahrgangsstufe griff ab Klasse 10 zu Marlboro & Camel, nach Kneipen-/Bar-/Diskothekenbesuchen stank ich am nächsten Morgen wie ein verpennter Aschenbecher auf 2 Beinen, geschätzt 90 Prozent meiner Freundinnen & Kurzzeitbekannten steckte sich nach getanem Sex eine Zigarette in den Mund. So viel zu den goldenen 80-ern, die nicht nur mit hervorragender Musik brillierten, sondern in denen auch ungehindert 24/7 auf Lunge gequarzt wurde. Mich hat es damals nicht gestört; vermutlich, weil ich seit Geburt so konditioniert worden war und es nicht anders kannte.

    Die ersten Maßnahmen waren vernünftig

    Als um die Jahrtausendwende herum der Kreuzzug gegen den Tabak begann, fand ich die daraus abgeleiteten Maßnahmen okay: Preise rauf, keine TV-Spots mehr mit einsamen Cowboys, Ekelbilder & Warnhinweise auf die Packungen. Eine durchaus segensreiche Bestimmung stellte das Rauchverbot in Gaststätten dar. Endlich Spaghetti carbonara, Chicken tikka masala und nen Pulled Pork Burger genießen, ohne dass das Paar am Nachbartisch einen volldampfte. Dass Büros und geschlossene öffentliche Räume ebenfalls zu rauchfreien Zonen erklärt wurden = vernünftig. Weshalb man das Verbot zusätzlich auf Kneipen & Clubs ausweitete, habe ich hingegen nicht verstanden. Muss ja niemand ne Disko besuchen, wenn es ihm dort wegen der rauchenden Gäste nicht gefällt. Er (m/w/d) kann ja stattdessen zum Tanztee der Anonymen Nikotinabhängigen gehen oder alternativ nen eigenen Club aufmachen. Aber hey – weshalb selbst aktiv werden, wenn man den anderen mittels Verbot die Freude am Feiern verderben kann? Mir war’s, auch wenn ich mich über die kneipenschädigende Aktion anfangs wunderte, aber egal, weil ich meine Diskothekenphase schon hinter mich gebracht hatte.

    Weitere Einschränkungen, um (angeblich) unsere Kinder zu schützen

    Nun wurde gestern, pünktlich zum Weltnichtrauchertag, publik, dass die französische Regierung weitere Verschärfungen auf den Weg bringt. So soll ab diesem Sommer das Rauchen im Freien weitgehend eingeschränkt werden. Vorbei ist es dann mit der Zigarette an Bushaltestellen, am Strand, in Parkanlagen und im xy-Meter-Umkreis von Schulen. Begründet wird dies mit dem Recht auf saubere Luft im Allgemeinen und dem Schutz von Kindern im Speziellen:

    (Wir werden) dafür sorgen, dass die Kinder, die 2025 geboren werden, die erste rauchfreie Generation sind.
    © Frankreichs Gesundheitsministerin Catherine Vautrin (Quelle: tagesschau.de)

    Nun wäre das ja erst mal ein französisches Phänomen, das uns Deutsche nichts angeht. So wie niemand gezwungen wird, ein nikotingeschwängertes Lokal aufzusuchen, muss ja auch keiner Urlaub an der Côte d’Azur machen, wenn ihm die dort geltenden strikten Anti-Rauchgesetze missfallen. Wir könnten also schulterzuckend sagen, sollen sich die Franzosen selbst mit ihrer Tabakparanoia rumschlagen, wir hier in Deutschland haben aktuell ganz andere Sorgen; z.B. wer wird der nächste Trainer vom Effzeh? Jedoch wären wir Deutsche keine richtigen Deutschen, wenn wir 1 neues Verbot nicht zumindest für prüfenswert erachteten. Schon werden erste Stimmen laut, die nouvelle méthode française auch zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg zu erproben, evtl. vom Umfang her noch auszuweiten.

    Wozu das Ganze?

    Deshalb wollen wir die Trainersuche des Effzeh heute außen vorlassen (wenngleich ein superspannendes Thema) und stattdessen die Begründungen fürs verschärfte Rauchverbot unter die Lupe nehmen:

    (A) Den Konsumenten vor sich selbst behüten
    Grundsätzlich ein hehres Anliegen, aber: wo anfangen, wo aufhören? Heroin, Oxys, Meth & Koks gelten ohnehin als pfui. Alkohol, Cannabis und (noch) Nikotin sind hingegen okay. Besteht für Erwachsene nicht generell das Recht auf Selbstschädigung (inkl. harte Drogen)? Falls nein -> was ist mit hochkalorischen Gerichten à la Kingsize Whopper & KFC Family Box und überzuckerten Softdrinks? Wer schützt uns vor Haribo und Langnese? Welches Gesetz verhindert, dass sich die stark adipöse Nachbarin beim nächsten Straßenfest eine Überdosis Kartoffelsalat reinpfeift?

    Der Schutz des Rauchers vor sich selbst überzeugt kaum, bzw. reicht nicht, um weitere Erschwernisse des Konsums zu rechtfertigen.

    (B) Um Dritte zu schützen
    Schon besser, denn das Recht auf Genuss endet dort, wo andere in Mitleidenschaft, iSv. Gesundheit wird gefährdet, gezogen werden. Das gilt besonders für Kinder & Jugendliche als stark vulnerable Gruppen.

    Jedoch, Hand aufs Herz: kennt jemand irgendeinen, der an Passivrauchen verstorben ist? Also ICH kenne niemanden, und ich kenne mittlerweile echt ne Menge Personen, die an irgendwas gestorben sind (auch an Lungenkrebs; aber die waren halt alle STARKE Raucher gewesen). Gibt’s (verlässliche) Zahlen zu den Folgen des Passivkonsums? Wie viele Menschen segnen deshalb vorschnell das Zeitliche? Sind es mehr als bei alkoholbedingten Verkehrsunfällen?

    Tabakqualm mag für manche Nichtraucher eklig sein – d’accord. Aber dann reicht es völlig, Zigaretten aus Restaurants, Büros & öffentlichen Verkehrsmitteln zu verbannen. Für alle anderen Orte gilt: niemand muss hingehen, wenn es ihm dort nicht gefällt. Ich bspw. besuche ungerne Rummelplätze & Freizeitparks, weil ich mich an diesen Orten eingeschlossen wie ne Sardine in der Dose fühle. Ich käme jedoch im Traum nicht auf die Idee, eine Besucherobergrenze zu fordern oder gar über mögliche negative Konsequenzen für meine seelische Verfassung zu lamentieren.

    Gefahren, denen man sich nicht zwanghaft aussetzen muss, vermeidet man dadurch, indem man sich ihnen nicht aussetzt.
    © Ratschlag meiner Großmutter väterlicherseits

    Aber die KINDER!!!, werfen Sie ein? Was ist mit den KINDERN? Die müssen UNBEDINGT & ÜBERALL vor den Rauchern geschützt werden.

    Gegenfrage: Welches Gesetz schützt unsere Kinder vor dem allergefährlichsten Ort, nämlich den eigenen 4 Wänden, wo Lucky-Strike-Papi und Marlboro-light-Mami täglich ungeniert dem eigenen Nachwuchs die Hucke vollqualmen? Was ist mit dem Partykeller, in dem die hübsche Nachbarstochter unseren Sohn erst in die Geheimnisse des Zungenkusses einweiht, bevor sie ihn mit Lambrusco und Tabak bekannt macht? Wer reguliert den Konsum auf Klassenfahrten und in Jugendherbergen?

    Man kann natürlich versuchen, jede potenzielle Gefahr fürs eigene Kind zu minimieren oder qua Gesetz verbieten zu lassen, wird aber irgendwann resigniert feststellen, dass das dauerhaft nicht funktioniert, oder, wie eine Bekannte das mal ausdrückte: Willkommen in der Welt der Helikoptereltern!

    Exkurs ‚Alkohol‘

    Was den Kreuzzug gegen den Tabak jedoch in den Augen eines Abstinenzlers zusätzlich absurd macht, das ist die Ungleichbehandlung von Alkohol (Volkskiller Nummer 1) und Nikotin.

    Alk gibt’s alle 50m zu kaufen, der Stoff ist superbillig, es darf dafür geworben werden, straffrei konsumieren kann man 24/7 nahezu überall. Und mir jetzt nicht mit dem Argument kommen, der Trinker schädigt „nur“ sich selbst. Nein, der Trinker riskiert ebenfalls grob fahrlässig die Gesundheit von Dritten. Z.B. durch alkoholbedingte Gewalt & Verkehrsunfälle. Von den Co-Abhängigen, die psychisch in Mitleidenschaft gezogen werden, ganz zu schweigen.

    Das führt zur Frage: Warum geht der Gesetzgeber nicht mit derselben Konsequenz gegen Alkohol vor, wie er es seit Jahrzehnten mit harten Drogen und neuerdings Nikotin praktiziert?

    (Meine) Antworten:
     Die Tabakindustrie ist mittlerweile als Feindbild sicher etabliert -> weitere Verschärfungen sind einfach durchzusetzen. Würde man dasselbe auch nur ansatzweise mit Alkohol versuchen (z.B. Ausdünnung der Verkaufsstellen) – der Aufschrei wäre riesig
     Wie bei jedem Kreuzzug kennt der Kreuzzügler keine Gnade. Der Kreuzzug ist erst dann beendet, sobald der Feind (in diesem Fall: die Tabakindustrie) tot am Boden liegt und die Konsumenten entweder auf andere Stoffe (bspw. Schokolade) umsteigen oder sich ihre tägliche Dosis Nikotin beim Vorort-Dealer um die Ecke besorgen müssen
     Die Lust der Politik an Verboten, v.a. wenn es um Genuss & Spaß geht.

    Aber das Recht auf SAUBERE Luft – was ist damit, wollen Sie noch von mir wissen?
    Sagen Sie das mal meinen Nachbarn links & rechts; die grillen seit Frühlingsbeginn 3x/Woche, und bei mir im Wohnzimmer sammeln sich dann Schwaden von Billigwurst- & Gammelfleischgeruch unter der Decke.

    Was ich dagegen tue?
    Ich schließe die Fenster (wenn’s ganz schlimm wird, schnüffele ich am Raumbefeuchter, Duftmarke: Orange-Eukalyptus).

    PS. Ich bin seit Geburt Nichtraucher

  • Wen wählen?

    Wen wählen?

    Nur noch zweieinhalb Wochen bis zur BTW, und ich weiß immer noch nicht, wo ich mein Kreuz setzen werde. Im Unterschied zu früheren Wahlen tue ich mich dieses Mal echt schwer damit, eine finale Entscheidung zu treffen.

    Da ich mich nie der Illusion hingegeben habe, dass 1 Partei 100 Prozent meiner individuellen Träume, wie unsere Gesellschaft gestaltet werden soll, in ihrem Programm drinstehen hat, reicht es mir schon, wenn die Hälfte davon meinen Vorstellungen ähnelt. Mein heutiger erster Test mit dem Wahl-O-Mat 2025 spuckte das Ergebnis aus, dass 20 (von insg. 28) Parteien diese Anforderung erfüllen. Der Spitzenwert liegt bei 60, die geringste Deckungsgleichheit entsprach 40 Prozent. Das hilft mir mithin nur wenig, um meine Unentschlossenheit zu überwinden. Leicht unterschiedlich sieht es aus, sobald ich einzelne meiner Antworten gewichte, ihnen mehr Bedeutung als den anderen zumesse; aber auch dann verbleiben immer noch 15 Parteien, mit denen ich inhaltlich zu Minimum 50 Prozent übereinstimme. Ich bin nach 3-fachem Bedienen des Wahl-O-Mats letztlich genauso schlau bzw. desorientiert wie vorher.

    Wer studiert langweilige Wahlprogramme?

    Also müssen zusätzlich zur (A) Programmatik – Hand aufs Herz: wer studiert schon stinklangweilige Wahlprogramme? – weitere Auswahlkriterien hinzugezogen werden. Für diesen Zweck bieten sich an:
    (B) Besitzen die Anwärter eine realistische Chance, die 5%-Sperrklausel zu knacken?
    (C) Stehen sie fest auf dem Boden der FDGO?

    Mittels (B) reduzieren wir die Parteien, die theoretisch für 1 (mein) Kreuz in Frage kommen von ursprünglich 28 auf 7+1 (SSW; allerdings nur in Schleswig-Holstein wählbar). Im Anschluss wenden wir uns (C) zu: AfD ist pfui, und das BSW in meinen Augen nicht viel besser -> diese beiden fliegen sofort raus; die Linke, die ich wg. ihrer liberalen Drogenpolitik schätze, hat aus Warschauer-Pakt-nostalgischen Gründen ein chronisches Problem mit der deutschen NATO-Mitgliedschaft, weshalb ich die auf Bundesebene nie wählen würde; so wichtig ist mir ne liberale Drogenpolitik dann doch nicht. Bleiben also nur noch 4 übrig: Union, SPD, Grüne und die FDP.

     Die Union gefällt mir wg. ihrer pragmatischen Außenpolitik und der festen Verankerung im transatlantischen Bündnis (wobei natürlich zu fragen ist, welchen Wert dieses Bündnis nach weiteren 4 Jahren Trump noch aufweisen wird)
     An der SPD schätze ich so Sachen wie den Mindestlohn, das Bekenntnis zum Bürgergeld und einen unverkrampften Bezug zur Schuldenbremse
     Die Grünen haben sicher Recht, dass Klima DAS Megathema, wenn auch nicht für meine Generation (die oft gescholtenen Boomer), aber ganz sicher für meine Kinder und noch stärker für deren Kinder darstellen wird. Und hinsichtlich legalem Kiffen sind die Ökos halbwegs liberal.
     Die FDP, mein früherer Favorit für die Zeitdauer von locker 5 Bundestagswahlen, habe ich mal sehr gemocht wg. ihres Einsatzes für Bürger- & Menschenrechte, dem klarem Bekenntnis zu Europa und zur EU, ihrer marktwirtschaftlichen Vernunft. Seitdem der linke Flügel entweder tot/ausgewandert/in Rente oder zumindest gänzlich verstummt ist, die Partei sich immer mehr in Richtung BCL (Bündnis Christian Lindner) entwickelt und den universellen liberalen Ansatz in einen kleingeistig libertären transformiert hat, fremdele ich stark mit meiner alten Heimat. Zumal aufgrund der Prognosen ohnehin fraglich scheint, ob die FDP den Sprung über die 5-Prozent-Hürde überhaupt schaffen wird. Evtl. wär’s ja 1 verschenkte Stimme.

    3 Kandidaten = 3 verschiedene Charaktere

    Liegen mithin noch 3 Kugeln in der Trommel: Union (auf meinem Breitengrad = CDU), SPD und Grüne. Immer noch 2 zu viel, um 1 Zweitstimmenkreuz zu setzen. Und auf die Zweitstimme kommt es nach der letzten Wahlrechtsreform vor allem an. Nun mache ich Folgendes: Ich schaue auf das Spitzenpersonal; wie wirkt das auf mich: sympathisch, glaubwürdig, nimmt man die Leute im Ausland für voll und all so’n weiches Personalbewertungszeug. Alle 3 (für mich) in Frage kommenden Parteien verfügen über eigene Kanzlerkandidaten. Okay, dann wollen wir mal sehen, wie die 3 Bewerber abschneiden:
     Friedrich Merz, 69, Sauerländer, guter Rhetoriker, macht im Anzug ne windschnittige Figur. Will die „linke“ Merkel-CDU wieder mehr nach rechts führen, spielt politisch hin und wieder va banque oder auch all in. War mal Fraktionsführer, bevor er in die Wirtschaft zu Black Rock und im Anschluss wieder zurück in die Politik wechselte. Typ: Hasardeur.
     Olaf Scholz, 66, Hamburger (allerdings in Osnabrück gebürtig), nicht so guter Rhetoriker (Scholzomat), politisch eher Seeheimer Kreis, kann aber, falls notwendig, auch mühelos auf den linken Flügel wechseln, als Kanzler einer zugegebenermaßen schwierigen 3-Farben-Koalition überwiegend blass geblieben. Typ: Technokrat/Zauderer.
     Robert Habeck, 55, im hohen Norden beheimatet, schreibt ab und an mal ein Kinderbuch (was ich persönlich klasse finde), wie Merz ein versierter Redner, als Vizekanzler & Superminister der Ampel leider zumeist glücklos agierend, kann, wenn er will, sehr selbstkritisch & reflektiert rüberkommen. Typ: Erklärbär.

    Wenn ich mir’s wie ne Collage zusammenstellen dürfte, dann sähe mein Kandidat so aus = man nehme die Erfahrung von Scholz, kombiniere die mit der Ehrlichkeit von Habeck und würze abschließend mit 1 Prise Merzscher Risikobereitschaft. Herauskäme DER ideale Kanzler.

    Statt Würfeln = die Negativauswahl

    Da „Ich bastele mir meinen Lieblingspolitiker“ leider nur theoretisch funktioniert, verbleiben nach wie vor 3 Lose im Topf, und ich bin weiterhin unentschlossen. Um jetzt nicht würfeln zu müssen, hilft nur noch die Methode, die ich „Negativauswahl“ getauft habe = ich achte in den letzten Wochen vor dem Stichtag auf all die Dinge, die mir nicht gefallen. Z.B.:
     Union bringt 5-Punkte-Plan zur Migrationsbegrenzung im Parlament ein, in dem u.a. dauerhafte Grenzkontrollen ( = das Ende für Schengen) gefordert wird = Minuspunkt
     FDP hat keine Bedenken, dem Plan zuzustimmen, obwohl darin die faktische Aushebelung von Art. 16 GG (Recht auf Asyl) enthalten ist = DICKER Minuspunkt
     SPD will zwar ihrerseits Verschärfungen, stimmt aber 2 Tage später dem sog. ZustrombegrenzungsG nicht zu, ohne ihr Nein inhaltlich zu begründen = Minuspunkt
     Grüne wollen scheinbar gar nichts an der momentan misslichen Einwanderungspraxis ändern = FETTER Minuspunkt
     Union & FDP votieren gemeinsam mit der AfD = Minuspunkt
     SPD & Grünen fällt zum Thema „Migration“ nicht viel mehr ein, als Friedrich Merz in die Nähe von Franz v. Papen zu rücken = Minuspunkt
     Das Brandmauer-Lamento nervt eh -> Minuspunkte für die Jammerer
     Sie benötigen 1 weiteres Beispiel? Wie wär’s mit: Unsere Außenministerin gibt seit Wochen zu jedem Problem, das gerade über unseren Planeten geistert, ungefragt ihren Senf dazu. Zumeist in der Form einer moralischen Ermahnung, selten (nie?) mit nem konkreten Lösungsvorschlag … Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

    Wer am Ende die wenigsten Minuspunkte auf dem Konto hat, gewinnt. Zugegebenermaßen nicht die wissenschaftlich sauberste Methode, aber für meinen persönlichen Zweck, bis zum Morgen des 23sten eine Präferenz zu entwickeln, reicht diese Vorgehensweise völlig aus. Setzt natürlich voraus, dass man hin und wieder den Politikteil der Tageszeitung aufschlägt, regelmäßig die 20h-Nachrichten schaut, keine Berührungsängste mit längeren Artikeln in Politmagazinen zeigt und (im Idealfall) die Kurzzusammenfassungen der Parteiprogramme überfliegt. Für Wechselwähler wie mich sicher geeignet; alle anderen, die qua Familientradition („schon mein Urgroßvater war Liberaler/Sozi/Monarchist etc.) wählen, können sich die Mühe sparen; die setzen ihr Kreuz eh immer an derselben Stelle.

    Stand heute weiß ich zwar immer noch nicht, welche der 3 (oder vllt. doch 4) Parteien am Ende das Rennen (bei mir) machen wird, bin aber zuversichtlich, dass ich es mit der oben skizzierten Negativauswahl schaffen werde, rechtzeitig 1 Entscheidung herbeizuführen. Wählen werde ich aber auf jeden Fall: denn Nichtwählen ist für mich keine Option.