Autor: Henning Hirsch

  • Gesund sterben wollen wir alle, oder …

    Gesund sterben wollen wir alle, oder …

    „Du gehst doch jeden Tag ins Fitnessstudio“, sagt die alte Schulfreundin, und es klingt leicht vorwurfsvoll, wie sie das sagt.
    „Nur 5x/Woche“, antworte ich.
    „Das ist 5x mehr als ich und die meisten meiner Freundinnen.“
    „Nicht mein Problem.“
    „Was machst du da so oft? Läufst du vor dem Tod davon? Denn dass du in deinem fortgeschrittenen Alter attraktiver wirst, glaubst du doch nicht wirklich?“
    „Ich mach’s, weil ich es halt mache.“
    „Na, das ist ja mal wieder eine superschlaue Antwort … aber weißt du was: Du könntest darüber einen Ratgeber schreiben.“
    „Einen Ratgeber?“
    „Genau: einen Ratgeber. Tenor: Warum ich 5x/Woche zum Training gehe, wissend, dass es wenig bringt, weil mein Körper seine beste Zeit definitiv hinter sich hat. Welches tiefere Geheimnis verbirgt sich hinter dem Fitnesswahn von Rentnern?“
    „Ich bin kein Rentner!!!“
    „Aber bald … so ein ü60-Ratgeber wäre sicher ein Verkaufsschlager. Fang klein an mit 1 Kolumne. Damit beschäftigst du dich doch gerne, wenn du ausnahmsweise mal nicht an der Klimmzugstange hängst.“
    „Ich überleg’s mir.“
    „Aber überlege nicht zu lange; denn eines nicht fernen Tages fällst du tot vom Laufband. Und vorher solltest du auf jeden Fall das Manuskript fertiggestellt haben.“
    +++

    Okay, hier der erste Versuch – mit Betonung auf der Vergeblichkeit des (Training-) Tuns, so wie es die alte Schulfreundin gerne hören bzw. lesen möchte:

    Wandelndes Mahnmal

    Mit 60 geht man nicht mehr ins Fitnessstudio, man entschuldigt sich: für den Zustand des Körpers, für die seufzenden Geräusche, die einem auf der Hantelbank (oral!) entfahren, für die langsame Fortbewegung zwischen den Geräten. Man ist nicht Kunde, man ist Mahnmal. Ein lebender Beweis dafür, dass Zeit keine Gnade kennt und dass gute Vorsätze irgendwann aussehen wie orthopädische Maßnahmen. Man kommt nicht, um etwas zu werden, sondern um nicht ganz zu verfallen. Der Körper ist kein Aufbauprojekt mehr, sondern ein Sanierungsfall.

    Trainiert wird trotzdem.

    Nicht aus Hoffnung. Hoffnung wäre unangebracht. Hoffnung setzt einen Spielraum voraus, den es nicht mehr gibt. Ich trainiere, weil ich es tue. Weil es in meinem Alter verdächtig wäre, es nicht zu tun. Stillstand gilt als Geständnis. Wer stehen bleibt, hat kapituliert. Und Kapitulation führt unweigerlich zum vorzeitigen Tod.

    Das Fitnessstudio ist kein Ort der Gesundheit. Es ist ein Ort der Flucht. Niemand kommt hierher, weil er glaubt, etwas grundlegend zu verbessern. Wir kommen, weil wir glauben, etwas hinauszuzögern. Zeit. Abbau. Ende. Das reicht als Motivation.

    Der Tod sieht schweigend zu

    Ich steige auf das Laufband. Das ist mein bevorzugter Fluchtweg. Er ist begrenzt, überwacht und vollkommen sinnlos. Ich laufe, ohne voranzukommen. Ich bleibe exakt dort, wo ich bin, und tue so, als würde ich entkommen. Das ist ehrlich. Ehrlicher als jede andere Form von Aktivität in diesem Alter. Der Tod läuft nicht hinter mir her. Er steht irgendwo und wartet. Geduldig. Ohne Pulsuhr. Ich weiß das. Ich laufe trotzdem. Nicht, um schneller zu sein, sondern um beschäftigt zu wirken. Wer läuft, sieht aus, als hätte er noch etwas vor.

    Das Display zeigt Zahlen. Zahlen sind wichtig. Sie ersetzen Bedeutung. Geschwindigkeit, Distanz, Kalorien. Alles messbar. Alles ohne Konsequenz. Der Tod interessiert sich nicht für Zahlen. Aber Zahlen beruhigen mich. Sie sagen mir, dass etwas passiert. Auch wenn nichts passiert.

    Der Körper macht die Flucht schwer. Er ist schwerfällig, laut, widerständig. Die Gelenke melden sich bei jedem Schritt. Sie knacken, knirschen, melden Bedenken an. Früher war mein Körper still. Heute kommentiert er alles. Er ist kein Werkzeug mehr, sondern ein Protokoll.

    Ich ignoriere ihn. Flucht ist kein Gespräch. Flucht ist ein Monolog.

    Trainieren, um nicht zu verfallen

    Die Geräte im Studio sind für junge Körper konzipiert. Sie gehen von Voraussetzungen aus, die bei einem 60-jährigen längst entfallen sind: Beweglichkeit. Belastbarkeit. Regeneration. Ich passe mich an. Langsamer. Vorsichtiger. Mit der stillen Hoffnung, dass nichts reißt, was nicht wieder zusammenwächst.

    Ich trainiere nicht, um besser zu werden. Ich trainiere, um nicht schlechter zu werden. Und selbst das gelingt nur eingeschränkt. Jede Woche kostet mehr als die vorherige. Mehr Zeit. Mehr Konzentration. Mehr Erholung. Der Ertrag schrumpft. Das ist kein Training, das ist Verwaltung.

    Um mich herum schwitzen andere. Manche glauben noch an Fortschritt. Andere tun zumindest so. Ich habe diese Phase hinter mir. Ich schwitze nicht, weil ich glaube, dass es etwas bringt. Ich schwitze, weil Schweiß in diesem Kontext als Einsatz gilt. Wer schwitzt, darf behaupten, er habe es versucht.

    Ich hebe angestrengt Gewichte, mit denen ich mich früher aufgewärmt habe. Heute sind sie Arbeit. Harte Arbeit. Nicht heroisch, nicht beeindruckend. Nur notwendig, um das Gefühl zu vermeiden, endgültig abgehängt zu sein. Wer nichts mehr hebt, hebt irgendwann nur noch Erinnerungen.

    Zwischen den Sätzen pausiere ich länger als früher. Ich nenne es bewusstes Atmen. In Wahrheit sammle ich mich. Mein Körper braucht diese Pausen. Er fordert sie ein. Ignorieren kann ich seinen Wunsch nur bis zu einem gewissen Punkt.

    Ich weiß, dass ich hier niemanden täusche. Am wenigsten mich selbst. Ich werde nicht fitter im klassischen Sinn. Ich verfalle etwas langsamer. Das ist der Maßstab. Nicht mehr Leistungssteigerung, sondern Funktions­erhalt. Und selbst der ist fragil.

    Flucht auf dem Laufband

    Ich laufe weiter. Auf dem Laufband. Wieder und wieder. Es ist eine Flucht ohne Hoffnung auf Erfolg. Aber es ist Bewegung. Und Bewegung ist die letzte akzeptierte Form des Widerstands.

    Sitzen ist gefährlich. Sitzen signalisiert Aufgabe. Wer sitzt, gehört bald nicht mehr dazu. Wer sitzt, wird angesprochen. Behandelt. Geschont. Ich will nicht geschont werden. Ich will noch ignoriert werden dürfen. Dafür muss ich laufen.

    Ich laufe nicht, um dem Tod zu entkommen. Ich laufe, um ihm zu zeigen, dass ich ihn wahrgenommen habe. Dass ich nicht einfach stehen geblieben bin. Dass ich wenigstens versucht habe, ihm nicht kampflos entgegenzugehen.

    Natürlich wird er mich einholen. Das steht außer Frage. Die Frage ist nur, in welchem Zustand. Laufend oder sitzend. Beschäftigt oder wartend. Aktiv oder abgestellt.

    Vergebliche Liebesmüh

    Das Training im Alter ist nahezu vergeblich. Das weiß ich. Jeder hier weiß es. Aber niemand spricht es aus. Vergeblichkeit ist schlecht fürs Geschäft. Also reden wir von „dranbleiben“, von „Kontinuität“, von „Lebensstil“. Große Worte für kleine Effekte. Das Training ändert nichts am Ausgang. Es ändert nur die Haltung. Wer läuft und fleißig Gewichte stemmt, stirbt nicht besser. Aber vielleicht später. Vielleicht noch nicht mal das. Egal. Wichtig ist nur, dass man nicht kampflos aufgibt.

    Das Fitnessstudio ist kein Ort der Hoffnung. Es ist ein Wartesaal auf den Tod mit Bewegungspflicht und Spiegeln. Wer hier ist, hat verstanden, dass es keine Lösung gibt. Nur Beschäftigung.

    Solange ich laufe, sitze ich nicht.
    Solange ich laufe, bin ich nicht fertig.
    Solange ich laufe, tue ich so, als hätte ich noch Zeit.

    Mehr verlange ich nicht.

    PS. Ob dieser– zugegebenermaßen leicht depressive – Text der Schulfreundin gefallen wird? Wenn ich ihn mir jetzt am Ende noch mal durchlese, kommen mir doch Zweifel, ob er ihr zusagt. Denn insgeheim findet sie es ja gut, dass ich 5x/Woche trainieren gehe. Egal. Notfalls schreibe ich morgen eine neue Kolumne mit etwas heiterer Grundnote.
    +++

    Lesen Sie auch: Australien wirft Jugendliche aus Social Media raus: mutig oder naiv?

  • Australien wirft Jugendliche aus Social Media raus: mutig oder naiv?

    Australien wirft Jugendliche aus Social Media raus: mutig oder naiv?

    Es gibt Momente, da frage ich mich, ob wir als Gesellschaft kollektiv an einem massiven Realitätsverlust leiden. Der jüngste Anlass: Australiens Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Seit heute Morgen haftet das Thema wie getrocknete Hundescheiße an der Krepp-Schuhsohle, wo ich das Zeug nicht rausgekratzt bekomme, und je länger der Geruch in meiner Nase hochsteigt, desto zwiespältiger wird mir zumute. Ein Teil von mir möchte applaudieren; der andere Teil will sich aus Solidarität mit allen 15-Jährigen im Arbeitszimmer verbarrikadieren und dort trotzig 72 Stunden ohne Unterbrechung TikTok-Videos schauen. Ich schwanke zwischen „endlich kümmert sich mal jemand“ und „wow, das ist jetzt aber wirklich der pädagogische Presslufthammer des Jahres“.

    Und das ist das eigentlich Erstaunliche: Ich kann mich nicht entscheiden, weil die Debatte in ihrer ganzen Absurdität zeigt, dass wir aufs vollkommen falsche Ziel fixiert sind. Wir reden über Kinder, während die wahre Gefahr längst auf dem Platz steht – erwachsene Menschen, die Social Media benutzen, als hätten sie erst gestern WLAN entdeckt. Und plötzlich muss ich mich zusammenreißen, nicht laut ins Internet zu rufen:

    WESHALB KEIN SOCIAL-MEDIA-FÜHRERSCHEIN FÜR ERWACHSENE?
    Oder besser: Weshalb eigentlich nicht zuerst für Erwachsene?

    Die Illusion, dass ein Verbot hilft

    Es liest sich auf den ersten Blick rührend: Wir wollen die Kids schützen. Ihr Gehirn! Ihre mental health! Ihre Konzentrationsfähigkeit! Alles richtig. Und ja, Social Media ist kein Ort für zart besaitete neuronale Netze. Es ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, gepaart mit einem Industriegerüst aus Datenhunger und Aufmerksamkeitsökonomie. Ich verstehe das Anliegen. Ich verstehe das Verbot. Ich verstehe sogar den politischen Druck.

    Und trotzdem: Während wir gebannt auf die 13- bis 15-Jährigen starren, die jetzt ihre Accounts verlieren sollen, stolpern da draußen Heerscharen erwachsener Menschen ungebremst durch dieselben Netzwerke – allerdings wie gedopte Staubsaugerroboter in einem Lego-Landminenfeld. Wobei die meisten Roboter mehr Medienkompetenz aufweisen als viele Facebook-Junkies, die irrtümlich glauben, ein Hashtag sei ein Argument.

    Jugendliche: Die wissen immerhin, dass sie noch Lernbedarf haben.
    Erwachsene dagegen gebärden sich oft in Social Media, als hätten sie das Internet höchstpersönlich erfunden – und beweisen dabei täglich das Gegenteil.

    Social Media als Hochrisikogerät – vor allem ü18

    Wenn wir ehrlich sind, gehört Social Media längst in dieselbe Kategorie wie Motorsägen, Feuerwerkskörper und Großkatzen: Benutzen darf das nur, wer versteht, wo vorne und hinten ist. Bei Motorsägen gibt es Warnhinweise. Bei Feuerwerkskörpern Altersbeschränkungen. Und von Großkatzen soll man sich eh möglichst fernhalten.

    Bei Social Media?
    Keine Warnhinweise.
    Keine Beschränkungen.
    Und die Gitter fehlen komplett, weil wir gerade beschlossen haben, die Käfigtüren für die unter 16-Jährigen wenigstens provisorisch zu schließen – während Erwachsene draußen ungehemmt auf Safari gehen.

    Und da frage ich mich:
    Wer richtet eigentlich mehr Schaden an?
    Teenager?
    Oder Erwachsene, die „Was darf man denn heute überhaupt noch sagen??“ brüllen, während sie ohne jede Scham dasselbe in 17 Varianten in die Telegram-Maske tippen?

    Warum ich das Verbot trotzdem nicht komplett bescheuert finde

    Wie gesagt: Ich bin zerrissen. Da ist der vernünftige Teil in mir, der weiß: Ja, Jugendliche scrollen zu viel. Ja, sie werden manipuliert. Ja, sie sollten lernen, ein Buch länger als zehn Minuten zu halten, ohne dass der Daumen automatisch nach rechts wischt.

    Aber dann ist da die Realität: Jugendliche werden das Verbot umgehen wie Wasser den Weg durch einen Spalt in der Wand findet. Spätestens nächste Woche kennt jeder 14-Jährige 12 Möglichkeiten, wie man eine Altersprüfung austrickst, während irgendein Minister in Canberra noch stolz verkündet, dass man die „modernste KI zur Altersverifikation“ einsetzt.
    Ha!
    Jugendliche lachen über eure KI.
    Die haben ihre eigene.

    Aber gut: in Down Under machen sie jetzt den Feldversuch. Und ehrlich gesagt: Prima. Wenigstens passiert etwas. Wenigstens reden wir. Wenigstens fällt auf, dass die große Social-Media-Müllhalde, in die wir alle seit Jahren unsere verbalen Fäkalien einspeisen, vielleicht ein paar Regeln bräuchte.

    Erwachsene sind das Problem

    Damit kein Missverständnis entsteht (was im virtuellen Raum eh in 9 von 10 Fällen passiert -> Rubrik: vergebliche Liebesmühe): Das Internet wäre ein friedlicherer Ort, wenn man Erwachsenen eine kurze Schulung angedeihen lassen würde, bevor sie auch nur ein GIF teilen dürfen.

    Wirkliche Gefahren entstehen nicht durch tanzende 15-Jährige, sondern durch Menschen ü30, die via X lernen, dass die Regierung ihnen „das Gehirn wegimpfen will“, durch Ü40er, die auf Facebook in CAPSLOCK diskutieren, warum der Rundfunkbeitrag „ENDLICH ABGESCHAFFT WERDEN MUSS!!!“. Durch Politiker, die Social Media strategisch nutzen wollen, aber nicht mal wissen, wie man einen Link kopiert.

    Manche Erwachsene betreiben Social Media, als würden sie betrunken Auto fahren:
    Gefährlich, unberechenbar und mit einer beängstigenden Portion Selbstüberschätzung.

    Führerscheinpflicht. Und zwar sofort

    Und bevor jemand fragt: Nein, ich meine das nicht symbolisch. Ich meine das wortwörtlich. Ein Social-Media-Führerschein. Für jeden über 18, der/die sich in sozialen Netzwerken bemerkbar machen will. Kinder dürfen nicht rein – Erwachsene nur mit Lizenz.

    Was darin enthalten wäre? Ein paar Beispiele:
    • Wie erkennt man Fake News?
    (Spoiler: Nicht, indem man „mein Bauchgefühl“ sagt.)
    • Was ist der Unterschied zwischen Meinung und Tatsache?
    (Spoiler: „Die Wahrheit wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist keine Tatsache.)
    • Wie interagiere ich online mit Menschen, ohne sie zu beleidigen, zu bedrohen oder ihnen eine Verschwörung anzudichten?
    (Schwerer als gedacht.)
    • Wie verstehe ich einen Algorithmus, ohne meine Machtfantasien darauf zu projizieren?
    • Wie setze ich Privatsphäre-Einstellungen?
    (Und zwar so, dass nicht das halbe Internet mein Sparkasse-Password erfährt).

    Es wäre wie der Erste-Hilfe-Kurs beim Führerschein, nur diesmal geht es darum, digitalen Schaden zu verhindern. Und glauben Sie mir: Er wäre dringend nötig.

    Australien denkt zu kurz – aber immerhin denkt es

    Das Verbot ist naiv? -> Ja.
    Wird es umgangen werden? -> Selbstverständlich.
    Ist es trotzdem besser als das permanente Nichtstun, das wir hierzulande perfektioniert haben? -> Auf jeden Fall!

    Aber während wir Kindern Türen zuschlagen, lassen wir Erwachsene ohne Helm, ohne Gurt und ohne Bremsen durch dieselbe digitale Arena rasen. Und wundern uns dann, dass es kracht.

    Mein Fazit und mein Zwiespalt

    Ich bin hin- und hergerissen.
    Zwischen Schutz und Bevormundung.
    Zwischen sinnvoll und lächerlich.
    Zwischen „endlich macht mal jemand was“ und „ja gut, aber so doch bitte nicht“.

    Aber eines weiß ich sicher: Wenn jemand einen Führerschein bräuchte, dann nicht die 14-Jährigen. Sondern die, die unter jedem Post „HERR LASS HIRN REGNEN!!1!“ kommentieren.

    Und solange es keinen gibt, werde ich weiter zwiegespalten bleiben.
    Und allen Erwachsenen denselben Rat geben wie den Kindern:
    FINGER WEG VON SOCIAL MEDIA!! — zumindest bis ihr wisst, wie man es bedient.
    +++

    Lesen Sie auch: Macht Facebook aggro?

  • Wo ist eigentlich der Nachtkönig abgeblieben?

    Wo ist eigentlich der Nachtkönig abgeblieben?

    „Hast du schon ‚Game of Thrones‘ gesehen, Papa?“, will Sohn Nr. 1 vor einigen Wochen wissen.
    „Ist das nicht so’n Famtasy-Kram mit Drachen?“
    „Ja.“
    „Drachen und Einhörner sind eher nicht mein Ding.“
    „Mein Kumpel Lukas sagt, das ist ne echt krasse Serie.“
    „Der Lukas sagt das?“
    „Ja, und der Lukas hat echt Ahnung von so was. Vom dem kam vor 3 Jahren der Tipp mit ‚Snowfall‘ und ‚House of Cards‘. Die Serien fandst du dann auch super.“
    „Stimmt … ich werde mir die ersten 2 Folgen von ‚Game of Thrones‘ anschauen und im Anschluss entscheiden, ob sich 8 Staffeln lohnen.“
    „Tu das, Papa. Ich beginne auch heute Abend damit.“

    Die Leere hinter dem Eis

    Um es vorneweg zu sagen: Game of Thrones ist eine große Erzählung. Etwas, das über das übliche Fantasy-Schwertgerassel weit hinausgeht. Ein (fiktives) Mittelalter-Epos in 73 Episoden – angelehnt an die Romanreihe ‚A song of ice and fire‘ des US-amerikanischen Schriftstellers George R. R. Martin, aufgeteilt in 8 Staffeln, die zwischen 2011 und 2019 vom Kabelsender HBO ausgestrahlt wurden –, in der selbst Menschen, die sonst Thomas Bernhard & Peter Handke lesen und beim Wort ‚Popkultur‘ die Augen verdrehen, plötzlich mitreden wollen. Eine Serie, die angeblich die naturalistische Härte des realen Lebens, politische Grauzonen, den moralischen Dreck und all so hochkomplexe Sachen verhandelt – und gleichzeitig unterhaltsam rüberkommt, wenn man sie mit Chips & Bier/Coke Zero auf dem Sofa bingt.

    Ja ja, ich weiß, dass ich mit meiner Rezi spät dran bin. Aber besser spät dran als komplett versäumt.

    Und dann ist da noch der Nachtkönig

    Der Nachtkönig manifestiert das, was sich in einer Heldensaga als ‚Das ultimative symbolische Zentrum“ erahnen lässt. Der Nachtkönig ist die drohende Kälte, der Mythos, das transzendente Andere, das Vage „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Jon Snow, als du dir in deinen schlimmsten Albträumen vorstellen kannst“.

    Kurz: Er stellt das wirklich Große dar, das Game of Thrones zu bieten hat.

    Und die Serie tut, was diese Serie irgendwann mit allem tut, was größer war als ein mittelalterliches Bruder-und-Schwester-Drama: Sie rei0t es kaputt, schmeißt es hin, stampft kurz drauf, zieht weiter.

    Serie, die ihre beste Idee nicht versteht

    Begeben wir uns an den  Anfang, also dort, wo Game of Thrones noch weiß, dass Atmosphäre kein Luxus ist, sondern der Grund, warum man Geschichten erzählt. Der Prolog der ersten Folge ist vielleicht der stärkste Beginn einer High-Fantasy-Reihe seit Jahrzehnten. Nicht, weil er inhaltlich so komplex wäre. Sondern weil er etwas macht, was die Drehbuchautoren danach zunehmend verlernen, bis es in der Serie dann endgültig aufgegeben wird: Er setzt Prioritäten.

    Die Weißen Wanderer, der Frost, das namenlose Grauen.
    Sie sind das erste Bild der Geschichte.
    Eindeutig.
    Unmissverständlich.

    Und wenn eine Handlung so beginnt, dann sagt sie: „Das hier ist der Kern. Alles andere ist Variation.“

    Doch die Serie entwickelt sehr früh eine Leidenschaft fürs Variieren – und bald auch fürs Variieren des Variierens. Und weil jedes neue Figurenpaar, das man irgendwo in Westeros platziert, eine halbe Staffel an „Wohin-gehen-sie-als-Nächstes-und-wen-treffen-sie-unterwegs“-Plotlines nach sich zieht, wird die eigentlich zentrale Bedrohung in die Ecke geschoben wie ein Spielzeug, das man zwar teuer gekauft hat, aber zu sperrig findet, um es regelmäßig in die Hand zu nehmen.

    Der Nachtkönig ist in den Staffeln 3–6 das, was im Theater „das drohende Bühnenbild“ heißt. Es steht da, es wirft Schatten, es kündigt an. Und man erwartet, dass etwas damit passiert. Man erwartet, dass die Bühne sich öffnet und etwas Größeres dahinter sichtbar wird.

    Aber Game of Thrones folgt einem anderen Prinzip, das aus der Serialisierung stammt: Alles darf passieren, solange es nicht jetzt sofort passiert. Und wenn dann der Moment kommt, an dem es passieren muss, fällt der Produktion plötzlich ein: „Oh. Scheiße. Wir brauchen ja ein Ende.“

    Vom Mythos zum Setpiece

    Hartheim war der Moment, an dem ich dachte: Okay. Jetzt. Jetzt wird der Nachtkönig endlich in die große Erzählung integriert. Sein stummes, triumphierendes Armheben, das kalte Reanimieren der Gefallenen – das ist der Stoff, aus dem Mythen gemacht werden. Mythen, die größer sind als die Figuren. Mythen, die nicht nur atmosphärisch faszinieren, sondern vor allem erzählerisch überzeugen.

    Doch die Serie behandelt diesen (Nicht-) Wendepunkt wie einen CGI-Effekt.
    Ein schöner.
    Ein teurer.
    Aber eben ein Effekt.

    Die Serie versteht den Nachtkönig nicht als Figur, sondern als Stimmungserzeuger. Und Stimmung kann man zwar für einen Trailer hervorragend nutzen. Aber für eine Erzählung?

    Das Ende des Nachtkönigs und der Tod jeglicher Relevanz

    Wenn man es ganz nüchtern ausdrückt, dann war die Tötung des Nachtkönigs in „The Long Night“ die größte dramaturgische Arbeitsverweigerung der jüngeren Fernsehgeschichte. Nicht, weil er stirbt – Bösewichte sterben. Sondern weil alles, was vorher über ihn erzählt wurde, nun bedeutungslos wird.

    Er wollte nicht herrschen.
    Er wollte keine Macht.
    Er wollte keine Ordnung umstürzen.
    Er wollte keine neue Welt schaffen.

    Er wollte… ja, was eigentlich?

    Bran töten?
    Die Menschheit auslöschen?
    Oder einfach nur einmal bedeutungsvoll irgendwo hinmarschieren?

    Die Serie weiß es nicht. Weil sie sich nie die Mühe macht, es herauszufinden.

    Und so endet der Nachtkönig wie ein Non-Player Charakter in einem mittelmäßigen Rollenspiel, bei dem der Entwickler das Budget für weitere Sequenzen gestrichen hat: Man prügelt munter auf ihn ein, und irgendwann droppt man die Figur.

    Dummerweise droppte in der entscheidenden Szene nichts richtig.
    Nicht einmal Erkenntnis.
    Nicht 1 Folge, die sich danach mit den Konsequenzen des abrupten Abgangs des eigentlichen Antagonisten beschäftigt.

    Alles verpufft.
    Als wäre es nie gewesen.

    Das eigentliche Drama: Die Serie braucht ihn, aber sie weiß es nicht

    Vielleicht das Bitterste an alledem: Der Nachtkönig ist nicht nur eine interessante Figur.
    Er war das einzige strukturelle Korrektiv, das die Serie hatte.

    Westeros ist eine Welt voller aristokratischem Müll, voller Intrigen, die nur deshalb funktionieren, weil alle an dieser Stadt kleben wie Fliegen auf einem Haufen Pferdeäpfel. Ein Reich, das realistisch betrachtet längst kollabiert wäre. Aber der Nachtkönig gab dem Ganzen eine Richtung. Eine Notwendigkeit. Eine übergeordnete Bedeutung.

    Er war der einzige Grund, warum diese Erzählung hätte mehr sein können als eine hochbudgetierte Darstellung von mittelalterlichem Sex & Crime gewürzt mit Drachen und ein paar (Licht-) Hexen.

    Und die Serie entledigt sich seiner, weil er offenbar im Weg stand.
    Im Weg wofür:
    Für den Machtkampf zwischen Daenerys und Jon?
    Für die Frage, ob Tyrion noch einmal eine schlechte Entscheidung treffen darf?
    Für die Diskussion: „But what about my claim?“

    Die Lange Nacht war nicht DIE Schlacht, sondern schlichtweg ein Fehler

    Es gibt viele schlechte Serienfinals.
    Es gibt viele verschenkte Figuren.
    Aber der Umgang mit dem Nachtkönig ist mehr als das.
    Er ist die demonstrierte Unfähigkeit, eine Erzählung zu Ende zu denken.

    Denn der Nachtkönig war keine Figur, der man sich rasch enlledigen konnte.
    Er war der Grund, warum all das in Gang gesetzt wurde.
    Er war – strukturell betrachtet – die Notwendigkeit überhaupt, diesen monströsen, mäandernden, tonal schwankenden Riesenklumpen namens „Game of Thrones“ zusammenzuhalten.

    Und als man ihn tötete, starb nicht nur der Nachtkönig.
    Es starb die Relevanz von allem, was davor passiert ist.

    Der gesamte Norden-Plot?
    Atmosphärisches Vorspiel ohne Auflösung.

    Brans Entwicklung zum 3-äugigen Raben?
    Letzten Endes belanglos.

    Jon Snow?
    Eine Fußnote.

    Drachenglas?
    Drehbuchprothesen.

    Die Mauer?
    Ein CGI-Objekt, das hauptsächlich dazu da ist, in Staffel 7 spektakulär zu zerbersten.

    Die Serie hat keinerlei Bedenken, (ständig) wichtige Figuren sterben zu lassen.
    Keine Angst, Tabus zu brechen.
    Keine Hemmungen, exzessive Gewalt plakativ in Szene zu setzen.
    Mit dem abrupten Abgang des Nachtkönigs demonstriert sie jedoch unerklärlicherweise Scheu, größer sein zu wollen als eine bloße Fantasy-Seifenoper.

    Warum dieser Verrat so schwer wiegt

    Die Serie gab anfangs das Versprechen, mehr zu sein als Intrigantenstadl & Bettgeschichte von Adligen. Eine Story, die etwas über Menschheit, Überleben, Sinn und Unsinn politischer Ordnungen hätte erzählen können. Und am Ende mutiert sie zu einem visuell aufwendigen Wettereffekt. Ein Schneesturm, der zufällig ein Gesicht hat.

    Der Nachtkönig war nicht bloß eine Figur. Er war die Chance, die Serie in die Sphäre echter Mythologie zu heben. Und die Showrunner sagten: „Mythologie? Och nee. Wir machen stattdessen lieber: Daenerys sieht traurig aus. Schnitt. Tyrion runzelt die Stirn. Schnitt. Arya sagt ’not today‘ und springt‘. Fertig.“

    Das endgültige Urteil

    Dass der Nachtkönig stirbt, ist nicht das Problem, sondern dass er nichts bedeutet, darin liegt der fatale Irrtum des Drehbuchs. Dass nichts an ihm und seinem Ableben Konsequenzen hat. Dass alles, was die Serie über ihn erzählt, letztlich in sich zusammenfällt wie ein Schneemann im April.

    Game of Thrones hat den Nachtkönig nicht getötet.
    Es hat die Idee seines Charakters geschreddert.
    Und damit den eigenen Mythos gleich mit.

    Die Lange Nacht war am Ende nicht das epische Schlachtfeld. Sie war der Moment, in dem die Serie ihren eigenen erzählerischen Bankrott erklärte:
    Alles Eis – keine Substanz.
    Alles Aufbau – kein Schluss.
    Alles Mythos – aber ohne Mythos.

    Die größte Ironie dabei: Nichts offenbart die Fehlkonstruktion so sehr wie dieser eine Moment, in dem der Nachtkönig in 1000 Splitter zerbirst. Denn in diesem Augenblick zerfällt die ganze Serie. Und sie merkt es nicht einmal.

    Rubrik: Da wäre durchaus mehr drin gewesen.
    +++

    Am Ende eine dreigeteilte Bewertung:
    (1) 9 Punkte (Staffel 1-6)
    (2) 7.5 Punkte (Staffel 7)
    (3) 5 Punkte (Finale)
    +++

    Lesen Sie auch von Sören Heim: Was Game of Thrones richtig macht (und was nicht)
    +++

    Epilog:
    „Ich hab‘ nach der ersten Folge ausgeschaltet. War doch zu viel Fantasy-Prinzessinnen-Kram; wie du befürchtet hattest. Echt langweilig“, erzählt mir ein paar Wochen später Sohn Nr. 1, „du hast es doch bestimmt genauso gemacht, Papa?“.
    „Ups!“

  • Der Weltinnenraum: Wo Gefühle wohnen lernen, oder …

    Der Weltinnenraum: Wo Gefühle wohnen lernen, oder …

    Poetry is what happens when nothing else can.
    © Charles Bukowski

    Heute würde er seinen 150-sten Geburtstag feiern: René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke. Einer der größten Lyriker, den der deutschsprachige Raum an der Schwelle des 19-ten zum 20-sten Jahrhundert hervorgebracht hat. Geboren am 4. Dezember 1875 in Prag –  Hauptstadt Böhmens und der habsburgischen Doppelmonarchie angehörig – als zweites Kind des Bahnbeamten Josef Rilke und seiner Frau Sophie. Die Kindheit ist überschattet vom frühen Tod der Schwester – worüber die Mutter nie hinwegkommt – und einer zunehmendem Zerrüttung der elterlichen Ehe. Mit der vom strengen Vater verordneten militärischen Ausbildung fremdelt der musische Junge und wechselt deshalb ins kaufmännische Fach, wo er ebenfalls nach kurzer Zeit die Brocken hinschmeißt. Es folgen Abitur (damals ‚Matura‘ genannt), zwei Semester Jura und ein ebenfalls nicht bis zum Abschluss durchgehaltenes Studium von Literatur und Kunstgeschichte. Bis hierhin also, von häufigem Ausbildungs-Hopping abgesehen, nichts Besonderes an dem jungen Mann zu beobachten.

    Das ändert sich schlagartig, als Rilke 1897 die 14 Jahre ältere Literatin Lou Andreas-Salomé kennen- und lieben lernt. Mit ihr – einer Schülerin Siegmund Freuds – unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Italien und Frankreich. Das Paar übersiedelt nach Berlin, wo R.M. – der Austausch des Vornamens René in Rainer erfolgt auf den Rat der Freundin hin, weil sich das männlicher anhört – in Kontakt mit der Schreiberszene der pulsierenden deutschen Metropole gerät. Erste holprige Poesieversuche deuten Rilkes Talent zwar an, lassen aber noch nicht auf sein lyrisches Genie schließen. 1900 löst sich Lou von Rainer, der dem Trennungsschmerz mit einem spontanen Tapetenwechsel nach Worpswede – damals eine hippe Künstlerkolonie vor den Toren Bremens – zu entfliehen versucht. Ein paar Monate später heiratet er die Bildhauerin Clara Westhoff. Das emotionale Fundament der Ehe erweist sich als nicht allzu tragfähig, weshalb R.M. ein weiteres Mal flieht: dieses Mal nach Paris. In der Stadt der Liebe – und verkrachten Künstler – will er endlich den literarischen Durchbruch schaffen. Mit Prosa und vor allem Lyrik. In Gedanken immer noch der verflossenen Liebe Lou hinterhertrauernd, die er nie mehr wiedersehen wird. In den restlichen 25 Jahren seines kurzen und von mehrfachen Umzügen in neue Umgebungen geprägten Lebens entstehen knapp 1000 Gedichte (ungefähr hälftig deutsch & französisch) sowie zahlreiche Novellen (die bekannteste dürfte ‚Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘ sein) und ein paar Dramen.

    Am 29. Dezember 1926 stirbt der Großmeister der Wehmut im Alter von nur 51 Jahren in Montreux – er hatte die letzten Jahre am Genfer See verbracht – und wird dort zur letzten Ruhe gebettet. Auf dem Grabstein steht zu lesen:

    Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
    Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
    Lidern.

    Und damit soll es an dieser Stelle genug sein mit der Biografie. Wer es ausführlicher wissen will, der kann hier nachschlagen.

    Nun ist es an der Zeit, den kleinen Gedichtband von Rilke aus dem Bücherregal hervorzuholen, darin zu blättern und uns im Anschluss der Sache zu widmen, um die es sich eigentlich dreht = immerwährende Sehnsucht nach der wahren Liebe, die in der rauen Realität nicht existiert, sondern nur im Weltinnenraum zu finden ist; oder:

    Und sowieso wird man Dichter nur durch das Mädchen, das man nicht bekommt.
    © Søren Kierkegaard

    Die Welt wird kleiner

    Wenn man Rilke heute liest, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Welt wird kleiner, und das Innere wird größer. Dinge, die eben noch selbstverständlich schienen, beginnen zu flimmern. Gefühle, die man selbst kaum benennen kann, tauchen in seinen Sätzen auf wie alte Bekannte. Und plötzlich erkennt man: Dieser Mann lebte weniger in Ländern als in Zuständen. Weniger in Räumen als in Räumen im Raum.

    Der Weltinnenraum ist kein mystischer Nebel, keine esoterische Spielerei. Es ist Rilkes tiefstes Konzept: dass das Äußere in uns hineinwächst, und das Innere eine Landschaft wird, die man betreten kann wie ein Zimmer. Und dass die Liebe – vor allem die unerfüllte, die schmerzhafte, die schmerzlich-schöne – die Architektin dieses Raumes ist.

    Rilke war kein Liebender im klassischen Sinn. Er war ein Liebender im existenziellen Sinn. Liebe war für ihn kein Ereignis, sondern eine Bewegung. Sie hatte keine Richtung nach außen, sondern immer nach innen. Jeder Verlust schuf einen neuen Raum. Jeder Schmerz eine neue Tiefe. Jedes Begehren eine neue Tür.

    Vielleicht war das der Grund, warum er realen Beziehungen oft auswich: Der wahre Ort seines Liebens war nicht der Körper des anderen, sondern die innere Topografie, die sich um diesen anderen herum bildete.

    Man könnte sagen: Die Menschen liebte er, aber die Räume liebte er mehr. Und diese Räume entstanden, wenn er litt.

    Wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle. Der Moment, in dem Liebeskummer nicht nur wehtut, sondern etwas umstellt in uns. Etwas verschiebt, aufreißt, erweitert. Ein Innenraum entsteht, den es vorher nicht gab. Man wird empfindlicher, verletzlicher, aber auch wahrnehmender. Man hört den eigenen Herzschlag anders. Man spürt die Welt anders. Alles bekommt diese feine Membran.

    Rilke wusste das. Er wusste es so sehr, dass er es durch und durch fühlte, bis daraus Gedichte wurden.

    Mit Schreiben die Liebe aushalten

    Manchmal frage ich mich, ob sein Schreiben nicht ein einziger Versuch war, die Liebe auszuhalten. Nicht, sie zu besitzen – sondern zu ertragen, zu verstehen, in etwas Verwandlungsfähiges zu überführen. Er suchte nicht die Nähe der Geliebten, sondern die Durchdringung des Gefühls. Nicht die Harmonie, sondern die Schwingung. Nicht das Glück, sondern die Möglichkeit von Innerlichkeit.

    Deshalb lesen sich seine Gedichte heute, als säße er mit einer Kerze in einem unmöblierten Zimmer – und würde das Flackern studieren.

    Was mich an Rilke besonders berührt, ist diese leise, fast kindliche Zärtlichkeit gegenüber allem, was vergeht. Er hält nichts fest. Er flüchtet nicht vor der Vergänglichkeit – er richtet sich in ihr ein. Die Wehmut ist bei ihm kein Defekt, sondern ein Zustand von Klarheit. Ein Wissen darum, dass das, was schmerzt, zugleich das ist, was lebt.

    Wenn er vom Weltinnenraum spricht, spricht er von diesem Zwischenzustand: der Ort, an dem Verlust zu Bedeutung wird. An dem die Liebe nicht endet, sondern nur ihre Richtung ändert.

    Eines Tages schrieb er, der Liebende solle große Geduld mit sich haben, weil Liebe der schwierigste Auftrag des Menschen sei. Und vielleicht ist genau das die Funktion des Weltinnenraums: Er ist der Ort, an dem wir lernen, mit jener Art von Gefühl zu leben, die wir nicht lösen können — nur verwandeln.

    Um dieser Stimmung nachzuspüren, hier ein erstes Gedicht:

    DAS IST DIE SEHNSUCHT
    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt.

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    Allein sein, um wahrhaft spüren zu können

    In Rilkes Welt ist Liebeskummer kein Zustand der Schwäche, sondern eine Form von Verfeinerung. Man beginnt zu hören, was vorher stumm war. Zu spüren, was man sonst überdeckt hätte. Man entdeckt in sich Räume, die tief, schmal, hell, verworren sein können – aber immer wahr.

    Und diese Wahrhaftigkeit ist es, die Rilke auf Distanz zu vielen Menschen brachte. Er wollte lieben, aber er wollte vor allem spüren. Und das Spüren war intensiver, wenn er allein war. Lou Andreas-Salomé verstand das vermutlich besser als jeder andere: dass Rilke zwar liebte, aber nicht dauerhaft im Außen lieben konnte. Dass seine innere Sensibilität ihn in eine Welt führte, die andere zwar besuchen konnten – aber nie ganz bewohnen.

    Vielleicht macht genau das ihn so modern. Heute, wo alle über Liebe reden, aber kaum jemand über die inneren Räume, in denen sie stattfindet. Heute, wo Liebeskummer schnell überdeckt, wegtherapiert, weggescrollt wird. Rilke dagegen hielt inne. Er wartete. Er hörte zu. Er ließ zu.

    Und dadurch wuchs in ihm eine Welt, die in keine Wohnung, keinen Körper, keine Beziehung passt.

    Der Weltinnenraum ist das wahre Werk Rilkes.
    Die Gedichte sind nur die Fenster.

    Zum Schluss zweite weitere Gedichte, die diesen Gedanken weiterführen.

    Herzerreißend traurig formuliert der Poet kurz nach der Trennung von Lou:

    LÖSCH MIR DIE AUGEN AUS
    Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
    wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
    und ohne Füße kann ich zu dir gehn,
    und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
    Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
    mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
    halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
    und wirfst du in mein Hirn den Brand,
    so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

    Und klingt ein paar Jahre später gefasst, aber wehmütig, wenn er sich an die Italienreisen mit der früheren Freundin erinnert:

    DIE KURTISANE
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    So bleibt Rilke für uns bis heute der Dichter, der die Welt nicht beschreibt, sondern verwandelt. Der die Liebe nicht erklärt, sondern erträgt. Und der den Schmerz nicht fürchtet, weil er weiß, dass gerade er die Türen öffnet – zu jener inneren Landschaft, die er Weltinnenraum nannte:

    Den einzigen Ort,
    an dem Liebe bleibt,
    wenn sie nicht mehr da ist.

    Rubrik: Liebesgedichte, wir brauchen dringend mehr Liebesgedichte!

  • Es wird schlimm enden

    Es wird schlimm enden

    Ich geb’s unumwunden zu: mit fortschreitendem Alter weise ich eine zunehmende Tendenz in Richtung Pessimismus auf. Bei „meinem“ Verein, dem Effzeh, orakele ich jeden Spieltag aufs Neue den in Kürze drohenden (dann 8-ten) Abstieg herbei, von Beziehungen halte ich mich fern, weil die eh immer zerbrechen, das früher (halbwegs) erheiternde Facebook sehe ich dem baldigen Hate-Speech-Untergang geweiht. Meine Psychologin sagt, ich soll mir darüber nicht allzu sehr den Kopf zerbrechen: das sei ein ganz normaler Vorgang für ältere Männer, die ihrer schwindenden Virilität nachtrauern und sich vor dem Tod fürchten. Wenn’s schlimmer wird, könne sie mir ein paar gute Selbsthilfegruppen empfehlen oder Stimmungsaufheller verschreiben. Ganz so schlimm ist es aber GSD noch nicht.

    Die Tristesse ergreift mich seit einigen Monaten am heftigsten, sobald ich auf die wöchentlichen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute blicke und dort den hellblauen Balken beständig in die Höhe klettern sehe: das Überqueren der (kritischen) 30-Prozent-Schwelle scheint mittlerweile wahrscheinlicher als der Rückfall unter die 20%-Marke. Wer wählt diese Partei bloß, dachte ich lange, ich kenne niemanden, der Sympathien für den irrlichternden Haufen hegt. Und dabei muss es doch statistisch gesehen nahezu jeder Dritte sein, der sich vorstellen kann, bei denen sein Kreuz zu setzen. Wo haben sich all diese Menschen versteckt? Als ich vor ein paar Tagen las, nur noch knapp jeder Zweite würde auf keinen Fall die AfD wählen, geriet ich ins Grübeln und rief mir Unterhaltungen, die ich in den vergangenen Wochen geführt und Satzfetzen, die ich in der Bürokantine, im Sportstudio und an der Supermarktkasse aufgeschnappt hatte, ins Gedächtnis zurück. Davon handelt die folgende Kolumne.

    Es beginnt mit einem Räuspern

    Es gibt Entwicklungen, die beginnen nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Räuspern. Mit beiläufigen Bemerkungen, die man zunächst gar nicht ernst nimmt, weil sie so unspektakulär wirken. Ein Satz hier, ein Kommentar da, irgendwo zwischen Smalltalk, Kaffeemaschine und Umkleidekabine. Und genau in dieser Unverbindlichkeit liegt das Problem: Die Worte wirken harmlos — dabei sind sie Vorboten.

    Ich erlebe das in meinem unmittelbaren Umfeld: Nachbarn, Bekannte, Kollegen, Menschen im Sportstudio. Ganz normale Leute, gesetzte Mittvierziger und Endfünfziger, engagierte Eltern, beruflich etabliert, viele davon politisch interessiert. Und plötzlich hört man von diesen Menschen Dinge, die sie vor kurzem noch nicht einmal im Halbschlaf gemurmelt hätten:

    „Weißt du was? Ich hab echt Angst vor dem Weihnachtsmarkt dieses Jahr.“
    „Wir können nicht alle aufnehmen, irgendwann ist Schluss.“
    „Die EU hat sich doch komplett verselbstständigt. Ein undemokratisches Monstrum.“
    „Der Ukrainekrieg… sollen die das mal unter sich ausmachen. Was haben wir damit zu tun?“
    „Warum haben wir überhaupt aufgehört, Gas aus Russland zu kaufen? War doch alles günstiger.“

    Neuerdings höre ich zudem: „Vielleicht sollten wir mal was Neues probieren. Die Weidel kann’s ja auch nicht schlechter machen.“

    Das alles klingt noch nicht nach Umsturz. Aber es klingt nach Verschiebung. Nach einer leisen, aber unübersehbaren Bewegung in Richtung einer politischen Zone, die lange als unbetretbar galt. Und so kommt es, dass ich inzwischen seltener darüber nachdenke, was die AfD den Menschen verspricht — sondern viel häufiger darüber, was die Menschen in ihr zu sehen beginnen.

    Fatale Radikalisierungs-Trias

    Man muss an dieser Stelle eines betonen: Es geht nicht darum, Umfragen zu sezieren. Ob irgendein Institut 25, 28 oder 30 Prozent Zustimmung misst, ist nebensächlich. Das eigentliche Problem ist nicht numerisch, sondern atmosphärisch. Die Stimmung in diesem Land kippt nicht an einem Wahlabend, sondern lange vorher auf Supermarkt-Parkplätzen, in WhatsApp-Chats, im Wartezimmer des Zahnarztes.

    Und genau dort, in diesen Mikro-Öffentlichkeiten, höre ich seit einiger Zeit Erklärungen, die jedes Mal einer erstaunlich ähnlichen Logik folgen. Eine Art Dreisatz des privatisierten Unbehagens:

    (1) „Alles wird schlimmer.“
    Gefühlt sind wir von Bedrohungen umzingelt: Migration, Inflation, Energiepreise, Kriminalität, Krieg. Die Reihenfolge variiert, der Kern bleibt: Es ist zu viel.

    (2) „Die Politik kriegt nichts geregelt.“
    Damit ist nicht gemeint, dass Fehler passieren. Fehler waren immer Teil demokratischer Politik. Gemeint ist: Die Politik ist strukturell unfähig. Das ist eine ganz andere Kategorie.

    (3) „Dann probieren wir halt mal was Neues.“
    Gemeint ist nicht „neu“, sondern: „anders“. Härter. Radikaler. Grenzen setzen. Aufräumen. Endlich mal Schluss mit dem ganzen Durcheinander.

    Diese Trias findet sich überall — in den Gesprächen, die ich höre, in den Kommentaren, in den zunehmend gereizten Reaktionen auf Komplexität. Und wer glaubt, das sei nur eine Randerscheinung, verkennt, wie Normalisierung funktioniert.

    Eine verführerische Erzählung

    Früher habe ich diese Verschiebungen als temporäre Verstimmungen abgetan. Politik ist nun einmal frustrierend, besonders in einem Land, das sich manchmal selbst das Leben schwerer macht als nötig. Doch inzwischen sehe ich eine andere Dynamik: Es geht nicht mehr um Frust. Es geht um eine Erzählung.

    Eine Erzählung, die ausgesprochen anschlussfähig ist — und zwar gerade in der Mitte. Sie lautet: Die demokratischen Parteien sind zu schwach — also muss jemand Stärkeres her.

    Damit ist allerdings nicht die Stärke von Argumenten gemeint. Sondern Stärke im Sinne von Durchgreifen, ohne lange zu fragen. Stärke, die sich als Entlastung verkauft: Endlich weniger reden müssen, weniger abwägen, weniger Kompromisse, weniger Europa, weniger Rücksicht, weniger Differenzierung. Eine politische Sehnsucht nach dem einfachen Hebel.

    Das ist der Punkt, an dem man hellhörig werden sollte. Denn die Geschichte zeigt: Autoritäre Politik beginnt nicht mit dem Versprechen der Repression, sondern mit dem Versprechen der Entlastung.

    Besonders bemerkenswert ist, wer diese Sätze inzwischen ausspricht. Nicht die üblichen politischen Ränder, nicht jene, die schon immer eine Affinität zu harten Parolen hatten. Sondern Menschen, die früher FDP, SPD oder CDU gewählt haben. Menschen, die in Sonntagsreden von Europa schwärmten und werktags von sozialer Balance. Menschen, die das institutionelle Gefüge dieses Landes als wertvoll empfanden, weil es Stabilität versprach.

    Und genau diese Menschen beginnen nun zu zweifeln — nicht an einzelnen Maßnahmen, sondern am System. An den „Altparteien“, wie sie neuerdings sagen, obwohl sie den Begriff früher bestenfalls belächelt haben.

    Müdigkeit ist aller Autokratie Anfang

    Was folgt, ist ein bemerkenswerter Gedankensprung: Vielleicht muss wirklich mal jemand aufräumen. Die anderen schaffen es offenbar nicht mehr.

    „Aufräumen“ — ein unscheinbares Wort, das so tut, als ginge es um den alljährlichen Frühjahrsputz zu Hause und nicht um Staatsordnung.

    Und dann kommt das eigentlich Gefährliche: der Zusatz, der inzwischen regelmäßig fällt, fast schon als rhetorische Beruhigungspille: Und wenn es nichts taugt, wählen wir sie in vier Jahren halt wieder ab.

    Dieser Satz offenbart ein tiefes Missverständnis. Er setzt voraus, dass demokratische Institutionen stabil bleiben, auch wenn man sie in die Hände einer Partei legt, die sie ablehnt. Er setzt voraus, dass autoritäre Politik so funktioniert wie ein schlechtes Produkt: ausprobieren, zurückgeben, Reklamationsrecht. Doch Politik kennt kein Rückgaberecht — zumindest nicht, wenn man zuvor den Laden in Trümmer gelegt hat.

    Ich glaube inzwischen, dass viele nicht begreifen, wie schnell sich eine liberale Demokratie verändern kann. Nicht durch einen großen Knall, sondern durch viele kleine. Nicht durch einen Aufmarsch, sondern durch Gewöhnung. Nicht durch Extremisten, sondern durch die, die finden, man müsse doch „mal was probieren“.

    Die AfD nähert sich der Mitte, weil die Mitte sich nach klaren Antworten sehnt. Und weil der demokratische Diskurs der letzten Jahre ein nahezu perfektes Umfeld geschaffen hat: voller widersprüchlicher Erwartungen, komplexer Krisen, wackeliger Koalitionen und einer Medienlogik, die aus jeder Unschärfe ein Drama bastelt.

    So entsteht das Gefühl, dass niemand mehr entscheidet. Und in dieses gefühlte Vakuum drängen jene, die Entscheidungsfreude mit Härte verwechseln.

    Man darf sich deshalb keiner Illusion hingeben: Die Leute, die heute noch sagen, sie hätten nichts mit Rechts am Hut, könnten morgen exakt jene sein, die die Tür weit aufmachen — nicht aus Überzeugung, sondern aus Müdigkeit.

    Ich höre diese Müdigkeit überall. Eine politische Erschöpfung, die sich gewaschen hat. Und genau diese Erschöpfung ist der Nährboden, auf dem autoritäre Sehnsüchte wachsen. Die Geschichte hat diesen Vorgang dutzendfach beschrieben, aber offenbar lernt man ihn nur durch Wiederholung.

    Es wird schlimm enden

    Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss: Die größte Gefahr lauert nicht in den Radikalen, sie liegt hauptsächlich in den Erschöpften.

    Und daher steht am Ende der Kolumne leider dieses traurige Fazit:

    (a) Die (schleichende) Dosis macht das Gift
    (b) Die AfD rückt zunehmend in die Mitte vor
    (c) Lange wird das nicht mehr gutgehen.

    Es wird schlimm enden.
    Langsam, leise, und genau deshalb unaufhaltsam.

    PS. bei der nächsten Sitzung werde ich meine Psychologin nach einer Liste von Selbsthilfegruppen für im Alter von Pessimismus geplagte Männer fragen.

  • Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

    Was triggert: wen, wann, wie, wo und warum?

    Jede Menge Hirnschmalz wird von trockenen Alkoholikern in die Klärung der Frage investiert: Was triggert wen, wann, wie, wo und warum? Da der wichtige Begriff bisher noch nicht erklärt wurde, wollen wir es an dieser Stelle endlich tun.

    Trigger bedeutet übersetzt „Auslöser“. Also der Schlüsselreiz, der einen Menschen dazu animiert, zur Flasche zu greifen. Der Auslöser schnappt im mentalen Bereich zu. Soll heißen: Ein Rückfall geschieht in den meisten Fällen deshalb, weil der (vorher eine Zeit lang enthaltsame) Alkoholiker etwas sieht, riecht, erlebt, das ihn zwanghaft dazu treibt, beim Italiener, wo er gerade eine Pizza Funghi zuzüglich Mineralwasser medium gassata verzehrt, plötzlich wie von einem bösen Geist ferngesteuert ein Glas Valpolicella Classico zu bestellen und in zwei Zügen zu leeren. Nun ist ein trainierter Trinker – auch wenn er ein bisschen aus der Übung gekommen ist – von 0,2 l Valpolicella Classico natürlich nicht granatenvoll; eine berauschende Wirkung wird entweder völlig ausbleiben oder sich in bescheidenen Grenzen halten. Theoretisch könnte er mithin nach einem Glas Rotwein wieder stoppen und die Abstinenz fortsetzen. Aber – und das ist ein fettes Aber – es entstehen sofort nach dem Konsum fatale Gedankenketten à la:
    • Ich habe gesündigt. Jetzt hilft nur noch der Gang in die Notfallambulanz, um mir den Magen auspumpen zu lassen.
    • Hat doch gut funktioniert. Morgen probiere ich es ein weiteres Mal.
    • Jetzt ist eh alles egal. Dann kann ich auch gleich ein paar Wochen weitersaufen.

    Weil also der Trigger der Vater aller Rückfälle ist, entbrennen in den Alkohol-Foren häufig Glaubenskriege darüber, was geht und was nicht geht. Hierbei sind vereinfacht betrachtet drei Lager zu unterscheiden:

    A. Die Strengen
    Kein Tropfen und kein Nanogramm Alkohol darf dem abstinenten Körper zugeführt werden. Weder in flüssiger noch in fester Form (beispielsweise in Torten oder Pralinen). Auch Speisen, in denen mit Alkoholaromen hantiert wird, sind unbedingt zu meiden. Mundwasser, in dem vereinzelte Spritzer Alkohol enthalten sind, ist Teufelswerk. Dabei ist völlig gleichgültig, ob sich der (trockene) Alkoholiker die Minimaldosis mit voller Absicht oder versehentlich zugeführt
    hat. Umgehend erschallt der Ruf: „Du hast einen Rückfall gebaut. Begib dich sofort in ärztliche Obhut. Lass deinen körperlichen Zustand durchchecken und dich mental untersuchen. Und danach ab in die SHG zur reumütigen Beichte.“

    Diese Gruppe hat natürlich große Probleme mit Alkoholwerbung in TV, Printmedien und auf Plakattafeln und appelliert an ihre Mitglieder, sämtliche Festivitäten, auf denen Alkohol kredenzt wird, zu meiden oder sofort zu verlassen, sobald das erste Bier gezapft wird,

    Motto: Der Rückfall ist immer und überall.

    B. Die Verharmloser
    Alkohol ist Teil unserer Trinkkultur, bekommt man hier zu hören. Nur, weil ich ein Problem damit habe, kann ich ja schlecht allen anderen, die mit dem Stoff gut zurechtkommen, die Freude daran verderben. Zudem ist mein Problem mit Alkohol gar nicht so groß. Ich kann mir durchaus hin und wieder ein Gläschen genehmigen, ohne dass bei mir die Gefahr besteht, die Angelegenheit liefe aus dem Ruder. Auf runden Geburtstagen und auf Betriebsfeiern lasse ich mir deshalb ein Glas Sekt schmecken. Ich will schließlich nicht als Spaßbremse dastehen. Bloß, weil ich bereits zehnmal in der Entgiftung war, bedeutet das ja nicht, dass ich zwangsläufig ein elftes Mal dorthin muss. Ich habe die Sache mittlerweile unter Kontrolle und kenne mein Limit. Hier gilt das Motto: trial and error – zu 99,9 % endet es im error und in der elften Entgiftung.

    C. Diejenigen, die zwischen A. und B. oszillieren
    Das ist das meiner Beobachtung nach größte der drei Lager. Alkoholiker, die nicht bei jedem Bissen in ein Stück Torte oder beim Lecken an einer Kugel Amaretto-Eis einen Nervenzusammenbruch bekommen, die nicht jede Packungsbeilage eines Fertiggerichts akribisch nach Nanogrammspuren Ethanol absuchen, die auch mal ein Mundwasser mit Alkohol benutzen und im Supermarkt durch die Spirituosenabteilung spazieren können, ohne direkt im Anschluss an die böse Tat den Rückfall vor Augen zu sehen. Es gibt innerhalb dieser Gruppe natürlich Teilnehmer, die stärker zu A oder mehr zu B tendieren. Auch hier sind Abstufungen hinsichtlich der Beantwortung der Frage „Was geht bzw. was ist (noch) ungefährlich?“ zu beobachten. Jedoch trifft man hier auf keine Hardcore-Abolitionisten wie bei A und keine Ein-Gläschen-kann-doch-keine-Sünde-sein-Relativierer der Gruppe B.

    Ich selber sortiere mich in C ein und werde Ihnen nun meinen Standpunkt zur Was-triggert-wen-Problematik näherbringen. Zuerst einmal muss klar sein, dass kein Alkoholiker zwischendurch mal einfach aus spontanem Spaß an der Freud an einem Gläschen Sekt nippen kann. Völlig egal, ob es sich um den 95. Geburtstag von Großtante Mizzi, das 25. Jubiläum des örtlichen Harley-Davidson-Clubs oder die Feier anlässlich der Beförderung des Kollegen Kasperski zum stellvertretenden Leiter der Innenrevision handelt.

    Strenger Grundsatz: Alkohol in flüssiger Form und wissentlich genossen geht überhaupt nicht!

    Und wenn man Alkohol versehentlich zu sich nimmt?

    Unterhalb der Schwelle „flüssig und wissentlich“ wird es zur Glaubens- und Kopfsache: Sie ordern beim Sommerfest des Kindergartens Bullerbü bei der netten Mutter von Natalie einen alkoholfreien Mai Tai, und die nette Mutter mischt Ihnen – ohne dass Sie es mitbekommen
    – aus Dankbarkeit, weil Sie vorgestern Abend 90 Minuten auf Natalie aufgepasst haben und weil sie von Ihrem Problem nichts weiß, 0,4 cl Baccardi in die orange-gelbe Plörre mit rein, was
    Sie jedoch erst beim zweiten Schluck bemerken -> Dann:
    • sollten Sie den Cocktail nach dem zweiten Schluck entweder in einen Blumenkübel kippen oder mit dem Satz „Kann ich leider nicht trinken, denn ich bin trockener Alkoholiker“ der verdutzt blickenden Natalie-Mutter zurückgeben,
    • passiert nichts, unter der Voraussetzung, dass Sie nicht zu Gruppe A gehören.

    Alkohol in flüssiger Form ist immer Mist. Aber wenn Sie versehentlich zwei Schluck davon konsumieren, geht im Anschluss nicht sofort die Welt unter (Das gilt ebenfalls für Pralinen, in denen Likör/Weinbrand/Schnaps enthalten ist).

    Alkohol in Lebensmitteln: Ich persönlich kann sowohl das Nanogramm Wein in Weingummis als auch das Rumaroma in Omas Nusskuchen von Dr. Oetker oder abgekochten Dornfelder in Bratensoßen verzehren. Die Gerichte lösen bei mir nichts aus. Der reine Geschmack triggert nicht. Das ist aber nicht bei jedem trockenen Alkoholiker so. Ich kenne viele, die einen Heidenrespekt vor Schwarzwälder Kirschtorte haben. Und das ist auch völlig okay. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er sich zutrauen will und was nicht.

    Der eine kann Fassbrause und Malzbier gefahrlos konsumieren, der andere nicht. Der eine kann problemlos mit Mundwasser gurgeln, in dem Spritzer Alkohol enthalten sind, dem anderen tritt bei derselben Übung im Nachgang der Angstschweiß auf die Stirn.

    Die einen können im Supermarkt sorgenfrei an den Schnapsregalen vorbeispazieren, die anderen müssen bei jedem Einkauf einen Slalomparcours absolvieren, um bloß nicht mit dem Williams Christ ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.

    Die einen schaffen es, auf Betriebsfeiern nüchtern und emotionslos bis zum Schluss dabei zuzusehen, wie sich die Kollegen langsam  volllaufen lassen und sich im Halbrausch auf den Korridoren und den Toiletten gegenseitig befummeln, bevor sie (die Kollegen) sich auf denselben Toiletten übergeben, während die anderen dieselbe Betriebsfeier sofort verlassen, sobald das erste Plopp eines Sektverschlusses erklingt.

    Jeder trockene Alkoholiker muss für sich selbst entscheiden, was geht und was zu stark triggert. Wobei diese Dinge nicht starr sind. Was ich zu Anfang meiner Abstinenz nicht ertragen konnte (z. B. Schnapsregale im Supermarkt, Betriebsfeiern nach Mitternacht), kann ich heute ohne mit der Wimper zu zucken meistern.

    Daher sollte der trockene Alkoholiker die Trigger-Sache schon ernst nehmen, wenn er nicht Gefahr laufen will, nach der zehnten Weinbrandpraline doch rückfällig zu werden. Mich beispielsweise triggern nach wie vor Biergartenbesuche im Sommer: Die Sonne brennt heiß von einem azurblauen Himmel herab, neben mir sitzt eine Gruppe Mountainbiker, die fröhlich ein Weizen nach dem anderen bestellt. In solchen Momenten bekomme ich Durst und denke wie ein kleines Kind: Warum dürfen die das trinken und ich nicht, der ich doch ebenfalls so viel Sport treibe und mir ein Glas Bier durchaus verdient hätte?

    Was ich dann tue, fragen Sie mich? Ganz einfach: aufstehen und den Biergarten verlassen. Ob ich noch mal in denselben Biergartengehen werde?, möchten Sie noch wissen. Warum nicht? Es ist einschöner, idyllisch am Rhein gelegener Platz. Und nicht jedes Mal ist es Hochsommer, und nicht jedes Mal sitzen Schneider Weisse trinkende Mountainbiker neben mir.

    Und bevor Sie jetzt vorschnell mit mir schimpfen – ich komme mit meiner Art, mich mit Alkohol zu konfrontieren bzw. ihn zu meiden, bisher gut zurecht. Und „bisher“ bedeutet zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Ratgebers zehn Jahre.

    Unverbindlicher Tipp: Gehen Sie anderen mit Ihrer persönlichen Alkohol-Vermeidungs-Philosophie bloß nicht zu sehr auf den Wecker! Wir sind alle erwachsen, wir wissen, dass Alkoholkonsum zum Rückfall führen kann, und haben – aufbauend auf diesem Wissen – jeder im Laufe der Jahre unsere individuellen Vorsichtsmaßnahmen entwickelt.

    Der Glaubenskampf um die irrtümlich verzehrte Weinbrandpraline führt zu nichts. Viel wichtiger hingegen ist es, dass Sie für sich individuell definieren, was Sie sich zumuten können und was nicht. Falls bei Ihnen bereits bei Nusskuchen mit Rumaroma das Ende der Fahnenstange erreicht ist, dann ist es eben so. Für Ihren Nachbarn in der SHG ist es der Anblick der Flachmänner an der Supermarktkasse und für mich die Gruppe Weizen-trinkender Mountainbiker im Biergarten. In den Köpfen von uns Alkoholikern geht es unterschiedlich zu. Und damit wollen wir jetzt ans Ende des Abschnitts „Wen triggert was und wann?“ gelangen. Es warten schließlich noch zwei weitere Kapitel auf uns.

    ZIEL 8
    Verinnerlichen, dass man als trockener Alkoholiker zeitlebens gefährdet bleibt und deshalb ständige Achtsamkeit als überlebenswichtige Tugend akzeptieren. Sich Alkohol niemals bewusst genehmigen. Alles unterhalb dieser Schwelle ist individuelle Kopf- und Glaubenssache.

    In der letzten Alkohol-Kolumne ging’s um das Thema: Weshalb trinken wir?
    +++

    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch
    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Verlag humboldt
    ISBN: 9783842630550

  • Der Fluchtreflex der Privilegierten oder …

    Der Fluchtreflex der Privilegierten oder …

    Prolog

    Als Anfang der 80-er Jahre der Kalte Krieg noch ziemlich kalt war, erzählte mir der Vater einer Schulfreundin – ein mit regionaler Abfallentsorgung zu Wohlstand gelangter Mittelständler – davon, dass er für den Fall, „der Russe“ marschiere in Westdeutschland ein, jederzeit einlösbare Flugtickets nach sowie Daueraufenthaltstitel für Kanada – und zwar für die gesamte Familie, die aus ihm, Ehefrau, meiner Schulfreundin zzgl. zwei Brüdern bestand – im Wandtresor seines Arbeitszimmers aufbewahre. Der Iwan würde nämlich zuallererst erfolgreiche Unternehmernaturen wie ihn an die Wand stellen, weshalb rechtzeitiges In-Sicherheit-bringen die klügste Option darstelle. Im Gegensatz zu ihm befürchtete ich zwar nicht die baldige Invasion der Russen, grämte mich jedoch wegen des demnächst eventuell anstehenden Abschieds von meiner Schulfreundin, denn die mochte ich damals sehr. Als ich zurück im eigenen Elternhaus meinem Vater von den Überlegungen des Nachbarn berichtete und mich danach erkundigte, ob wir nicht ebenfalls solche Vorsichtsmaßnahmen – tunlichst mit Destination Kanada – ergreifen wollten, antwortete er ohne jegliches Zögern: „Nein, das werden wir nicht tun. Probleme löst man nicht durch Flucht, sondern indem man sich ihnen stellt“. Okay, wir hätten das mit Flugtickets und Daueraufenthaltstiteln finanziell auch nicht bewerkstelligen können, denn im Unterschied zum wohlhabenden Nachbarn war mein Vater Beamter mit überschaubarem Einkommen, das zwar im Sommer für drei Wochen Italienurlaub ausreichte, allerdings nicht annähernd gelangt hätte, um unseren Lebensmittelpunkt von Köln nach Vancouver zu verlagern. Aber selbst bei einem Millionen-Lottogewinn wären wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ausgewandert, weil gemäß väterlicher Maxime Patrioten so was nicht tun und meine Mutter sich zudem vor der kanadischen Kälte im Winter sorgte.

    Sprung in die Jetztzeit

    Vor einigen Tagen erklärte der Satiriker Jan Böhmermann in einem Interview mit der SZ, dass er im Falle einer Machtübernahme durch die AfD konkret über Auswanderung nachdenke:

    Wohin er auswandern würde, wollte der Moderator des „ZDF Magazin Royale“ nicht verraten: „Sage ich nicht, ich will ja nicht gefunden werden.“ Er stellte auch gleich klar, dass er das nicht als Witz gemeint hat: „Ist keiner!“
    © t-online: „Kein Witz“: Böhmermann will bei AfD-Sieg Deutschland verlassen

    Nun gut. Wandern wir einmal durch diesen Gedankengang.

    Die Gründe wechseln, der Fluchtreflex bleibt derselbe

    Die Gründe fürs Auswandern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. Stand in den 70-er und 80-er Jahren die Angst vor der russischen Invasion im Vordergrund (siehe den Prolog oben), war’s nach dem Fall der Mauer oft das deprimierende mitteleuropäische Wetter, das Menschen, die es sich leisten konnten, in Richtung Dauerwohnsitz Gran Canaria & Côte d’Azur trieb, während heutzutage die (angeblich) mangelhafte Sicherheitslage und die (angeblich) drohende Machtübernahme der AfD die Promis zur Migration zwingen.

    Mir persönlich ist es einerseits völlig egal, wo die Reichen & Schönen wohnen. Ob Mallorca, Teneriffa, Londoner Westend, Beverly Hills oder eine dieser künstlichen Palmeninseln vor Dubai – sollen sie doch, wenn’s ihnen gefällt. Wer erfolgreich ist, hat andere Möglichkeiten, und warum sollte ich jemandem neiden, dass er im November nicht durch den Bremer Nieselregen stapfen muss? Leben und leben lassen.

    Andererseits käme ich persönlich nie auf die Idee, den Wohnort zu wechseln, nur weil das politische Klima rauer wird. Mein innerer Kompass sagt mir: Mitgefangen, mitgehangen. Demokratie bedeutet nicht nur, die Ergebnisse zu feiern, die einem gefallen. Demokratie bedeutet ebenfalls auszuhalten, wenn Millionen Menschen anders wählen als man selbst. Und nein, das heißt nicht, dass man die Hände in den Schoß legen soll. Man kann kämpfen, sich engagieren, widersprechen – von hier, aus diesem Land. Man muss dafür nicht unbedingt von einer mediterranen Dachterrasse aus Tweets des Widerstands in die Timeline schicken.

    Ja, der importierte Antisemitismus und die Gewaltbereitschaft einiger Flüchtlinge sind veritable Probleme. Und wenn man auf eine erzreaktionäre, rechtspopulistische Partei in Regierungsverantwortung keine große Lust verspürt – so kann ich auch das nachvollziehen. Jedoch: was wird in Deutschland besser, wenn wohlhabende Bürger den Boden, der ihnen zu heiß wird, fluchtartig verlassen? Wer kümmert sich darum, dass es wieder besser wird?

    Egoismus & elitäres Gehabe

    Böhmermann – stellvertretend für viele ähnlich argumentierende Promis – demonstriert mit seiner Auswanderungsankündigung zwei Dinge, die mich irritieren:

    Erstens: Egoismus.
    Wenn jemand öffentlich sagt, er verlasse das Land, sobald die politische Lage ungemütlich wird, dann klingt das für mich nach Flucht aus persönlicher Unannehmlichkeit. Während Millionen Menschen, die keine öffentlichkeitswirksame Stimme haben oder deren Existenzen tatsächlich bedroht wären, bleiben müssen und aushalten. Wenn ein wohlhabender Promi sich verabschiedet, hilft das niemandem, der hier lebt – im Gegenteil, es verstärkt das Gefühl, dass sich die, die gesehen und gehört werden, aus dem Staub machen, sobald es ernst wird.

    Zweitens: elitäres Gehabe.
    99,9 Prozent der Deutschen können sich nicht mal eben eine Finca auf Mallorca, ein Loft in Manhattan oder eine Villa auf Teneriffa leisten. Für die meisten ist Auswandern keine Option, sondern ein Gedankenspiel aus Fernsehformaten. Wer mit solch einer Ankündigung in die Mikrofone spricht, zeigt vor allem, wie groß die Distanz zwischen Prominenz und Normalbürger inzwischen geworden ist. Und wenn man schon privilegiert ist – muss man dann wirklich so laut damit klingeln?

    Vielleicht ist das der Punkt, der mich am meisten stört: Nicht, dass jemand weg will. Sondern dass es öffentlichkeitswirksam inszeniert wird, als politisch-moralischer Akt, als eine Art Notwehrsymbolik. Dabei ist es am Ende einfach ein persönlicher Sicherheits- oder Komfortwunsch. Was auch okay wäre! Aber weshalb muss immer dieses Pathos mitschwingen? Warum nicht einfach sagen: „Ich habe keinen Nerv mehr auf den Stress und gönne mir ein paar Jahre Sonne“? Das wäre ehrlich, sympathisch und unaufgeregt.

    Denn machen wir uns nichts vor: Die meisten dieser öffentlichen „Ich wandere aus, wenn …“-Sätze sind keine politischen Analysen. Sie sind Statements fürs eigene Publikum. Wer sich moralisch positionieren will, schlägt oft mehr Lärm als nötig. Das gilt für links wie rechts. Beide Seiten nutzen Pathos, beide Seiten inszenieren sich als bedroht, beide Seiten deklarieren ihre Emotionen gern als Allgemeinbefund.

    Doch gerade Menschen, die im Rampenlicht stehen, sollten eigentlich wissen: Öffentlichkeit ist kein Wohnzimmer. Worte haben Wirkung. Und wer den Eindruck erweckt, er wolle sich im Ernstfall als erster vom Acker machen, vermittelt zwei Botschaften – und beide sind unglücklich. Erstens: „Ich traue meinem Land nicht zu, eine schwierige Phase auszuhalten.“ Zweitens: „Ich habe genug Geld, um mir einen Fluchtweg zu kaufen.“

    Geh, aber tu es leise!

    Ich finde: Wenn man wirklich gehen will – bitte, gute Reise. Aber dann eben leise. Ohne moralische Sirenen, ohne große Erklärungen, ohne Ankündigungsmarathon. Wer im Stillen seinen Lebensmittelpunkt verändert, wirkt souverän. Wer es öffentlich verkündet, erscheint empfindlich.

    Zum Schluss noch etwas, das in der ganzen Aufregung oft untergeht: Viele Menschen bleiben. Sie kämpfen weiter, diskutieren weiter, wählen weiter, engagieren sich weiter. Nicht, weil sie heldenhaft sind, sondern weil dies ihr Zuhause ist. Weil man nicht nur dort kämpft, wo die Sonne scheint.

    Und vielleicht ist genau das die unaufgeregte Form von Patriotismus, die man selten in Kolumnen und Interviews liest: Hier bleiben, auch wenn’s ungemütlich wird. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Verbundenheit. Nicht aus Trotz, sondern weil man weiß, dass kein Land perfekt ist – und dass Demokratie manchmal eben das Bohren dicker Bretter ist.

    Deshalb: Geh, aber tu es leise!

    PS. Was aus der Nachbarsfamilie geworden ist?
    Da die Russen nicht einmarschierten, und der Nachbar Mitte der 80-er zuerst in finanzielle Schieflage geriet, bevor er zwei Jahre später Insolvenz anmelden musste, verfielen sowohl die Flugtickets als auch die Daueraufenthaltstitel. Ich hatte zu dieser Zeit eine andere Freundin und verlor deshalb die bildhübsche Nachbarstochter für lange Zeit aus den Augen. Als wir uns kurz nach dem Corona-Lockdown anlässlich des 40sten Abitur-Jahrestags wiedersahen, unterhielten wir uns freundlich; die damalige gegenseitige erotische Anziehung war jedoch erloschen.

  • Weshalb trinken wir?

    Weshalb trinken wir?

    Der Wunsch, sich zu berauschen, ist so alt wie die Menschheit und soll deshalb neben Essen, Trinken, Sex, eigenem Auto und Bausparvertrag als eines der elementaren Grundbedürfnisse unserer Spezies angesehen werden. Und keine Sorge – ich möchte Ihnen mit diesem Buch Ihren Rausch nicht vermiesen oder gar verbieten. 90 % der Primaten kommen mit ihren gelegentlichen Wochenend- und Weihnachtsfeierräuschen gut zurecht, und daran will auch niemand ernsthaft etwas ändern.

    Gefährlich sind die Räusche jedoch für das Zehntel, das sich mit Feiertagsbenebelungen nicht zufriedengibt, sondern diesen Zustand immer wieder, und zwar in kurz getakteten Zeitabständen, erleben möchte. Die 10 % der Bevölkerung, welche die Bewusstseinsveränderung, die durch ihre bevorzugte Droge eintritt, als genauso normal ansehen wie die nüchterne Realität, werden eines Tages die ständige Flucht in ihre Fantasiewelt der mausgrauen Wirklichkeit vorziehen. Dieses Zehntel nennt man drogenaffin, man könnte es auch weniger wissenschaftlich als „gierig auf das Eintauchen in ihre rosarote Parallelwelt“ ausdrücken.

    Zuerst einmal eine Begriffserklärung: Was genau ist eigentlich ein Rausch? „Der Rausch bezeichnet einen emotionalen Zustand der Ekstase, der jemanden über seine normale Gefühlslage hinaushebt. Die Ursachen hierfür können vielfältig sein, z. B. eine akute Vergiftung mit Rauschmitteln oder auch manische Zustände“, so formuliert es Wikipedia. Von den manischen Zuständen wollen wir hier absehen und uns im Folgenden auf die Räusche konzentrieren, die aufgrund des Genusses – in der obigen Definition wird interessanterweise von „akuter Vergiftung“ gesprochen – psychotroper Substanzen ausgelöst werden.

    Ach so, psychotrope Substanz müssen wir vorab ebenfalls klären: In diese Kategorie sortieren Fachleute all diejenigen (natürlichen und chemischen) Wirkstoffe ein, die unsere Psyche sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Die gängigsten Mittelchen, um uns zeitweilig in den Orbit zu katapultieren, sind: Alkohol, Opiate/Opioide, Kokain, Marihuana, LSD, MDMA und alle möglichen Pharmaka wie beispielsweise die großen Wirkstoff-Familien der Tranquilizer, Hypnotika und Neuroleptika.

    In diesem Ratgeber befassen wir uns ausschließlich mit Alkohol, wenngleich die Rauschzustände, die Opium & Co. bewirken, denen von Wodka und Lakritzlikör teilweise ähneln, die Abhängigkeiten und deren gesundheitliche Konsequenzen nur graduell variieren und es für den Trinker genauso schwierig ist, vom Schnaps wegzukommen wie für den Junkie, die Finger von der Nadel zu lassen. Der Hauptunterschied beim Herstellen der Räusche besteht darin, dass es gesellschaftlich akzeptiert und vor allem legal ist, wenn Sie sich mit Maibowle und Rumpunsch bis in die Stratosphäre schießen, während Sie bereits auf der Rückbank eines Polizeiautos Platz nehmen dürfen, falls Sie dasselbe mit ein paar Gramm Marihuana zu viel tun.

    Wenn die Endorphine nicht mehr reichen

    Was genau geschieht nun in unserem Gehirn, wenn wir uns Rauschmittel (wozu natürlich auch der gute alte Doppelkorn gehört) reinpfeifen? Wir müssen uns das – laienhaft vereinfacht – in etwa so vorstellen: Unser Körper produziert selbst Drogen, z. B. Serotonin, Dopamin, Endorphine, die Glücksgefühle verursachen. Beispielsweise beim Essen von Schokolade, beim Sex, beim Anblick eines schönen Bildes, am Ende eines Marathonlaufs, nachdem wir eine Felswand hochgeklettert sind und erschöpft, aber rundum zufrieden am Gipfelkreuz lehnen, oder nachdem wir ein 90-minütiges Workout-Training schweißgebadet absolviert haben.

    Allerdings – und das ist wichtig – müssen wir aktiv etwas dafür tun, damit diese Glückshormone produziert und ausgeschüttet werden. Dieser Weg ist manchen zu aufwendig – das Matterhorn besteigen, um im Anschluss als Belohnung ein Nanogramm Dopamin zu bekommen, klingt nicht wirklich verlockend –, weshalb sie zu einer List greifen: Sie schlucken, inhalieren, injizieren eine psychotrope Substanz, z. B. ein, zwei oder drei Gläser Captain Morgan; wenn sie ihn nicht direkt aus der Flasche trinken.

    Und jetzt passiert Folgendes: Die im Schnaps in großer Anzahl rumschwimmenden C2H5OH-Moleküle (so lautet die chemische Formel für Ethanol, auch Trinkalkohol genannt) docken an jeder Menge Rezeptoren an – das sind Nervenzellen, die Reize aufnehmen und in Erregung umwandeln –, blockieren die einen und überstimulieren die anderen. Ein künstlich produziertes Euphoriegefühl stellt sich ein. Die Fachleute sprechen hier von einem Ungleichgewicht beim Austausch der Nervenbotenstoffe.

    Wir wollen hier nur festhalten: Die in Drogen enthaltenen Wirkstoffe verkürzen den Weg zum körpereigenen Belohnungssystem. Statt mühsam einen Marathon zu absolvieren, kann dieselbe Hochstimmung, die den Läufer nach Kilometer 42 – unter der Voraussetzung, dass man ihn nicht erst mal in ein Sauerstoffzelt zwecks Druckbeatmung verfrachten muss – durchflutet, ebenfalls mittels eines Viertelliters Cognac erzeugt werden. Die Droge, in diesem Fall der Alkohol, verkürzt nicht nur sporadisch den Weg, sondern führt des Weiteren zu Bequemlichkeit – wozu anstrengend laufen, wenn’s ein halber Kasten Bier, zu Hause auf dem Sofa genossen, genauso tut? – und zu dem Wunsch, sich diesen einfach herzustellenden Glücksmomenten öfter hinzugeben als von der Natur vorgesehen. Falls es schlecht ausgeht, endet man bei zu häufiger Wiederholung in der Sucht.

    Aber damit greifen wir schon voraus, denn über Sucht reden wir erst drei Kapitel später. An dieser Stelle reicht es, wenn Sie verinnerlichen: Die Droge bzw. der Alkohol beschleunigt den Weg zum Belohnungssystem und potenziert das Euphoriegefühl. So viel kann man gar nicht joggen, um sich so sauwohl wie nach einer Pulle Rotwein zu fühlen!

    Drei Vernebelungsstufen, um in den Orbit zu gelangen

    Zurück zum Rausch. Bei diesem unterscheiden wir grob drei Vernebelungsstufen:
    Schwips: Man fühlt sich angeheitert, kichert, lacht, die Welt ist schön, die griesgrämige Bürokollegin wirkt auf einmal gar nicht mehr so griesgrämig etc. etc.
    Leichter Rausch: Beginnt in etwa jenseits der 0,5 Promille, weshalb man sich ab dieser Grenze auch tunlichst nicht mehr ans Steuer eines Fahrzeugs setzen sollte. Man sieht die griesgrämige Bürokollegin plötzlich unscharf, manchmal sogar doppelt, sagt Sachen, die man sonst eher nicht sagt, und wünscht – falls man sich am Tag darauf noch daran erinnern sollte –, man hätte das alles besser nicht gesagt. Vielleicht landet man sogar im Bett der griesgrämigen Bürokollegin und hofft am Morgen danach, es habe sich nur um einen erotischen Traum gehandelt, wogegen allerdings der BH spricht, den man in der Aktentasche entdeckt. Beim leichten Rausch kann es zu Wortfindungs- und Artikulationsschwierigkeiten kommen. Bei manchem bewirkt dieser Aggregatszustand das Gegenteil, und man redet stundenlang, ohne dabei zwischendurch Luft zu holen, dummes Zeug. Einige beginnen zu schwanken und zu wanken, und ein nicht ganz so betrunkener Kollege muss sie unterhaken, ins Taxi setzen und dem Fahrer erklären, wo er den leicht Berauschten abliefern soll. Der Morgen darauf ist bestimmt von Katzenjammer und Aspirin, und der leicht Berauschte schwört, nie mehr einen einzigen Tropfen anzurühren. Dieser gute Vorsatz währt zwar nur bis zur nächsten Happy Hour, hält aber immerhin ein paar Tage. Der leichte Rausch endet – in Abhängigkeit vom Trainingszustand des Konsumenten – irgendwo im Bereich zwischen 1,5 und 2,0 Promille, und über diese Schwelle treten wir nun ein ins dunkle Reich der dritten Stufe:
    Schwerer oder gar Vollrausch: Über Wortfindung, Artikulation und Gangsicherheit brauchen wir uns hier keine Gedanken mehr zu machen: Sie sind allesamt komplett perdu. Die Welt
    verschwimmt im Nebel, für manche wird sie gar zappenduster. Wenn’s gut läuft, fällt der schwer Berauschte in ein zufällig in der Nähe stehendes Bett, wo er seinen Rausch komatös ausschläft. Wenn’s schlecht läuft – und es läuft oft schlecht –, beleidigt er den Chef, zertrümmert das halbe Büro, erwacht steifgefroren auf einer Parkbank oder in der Ausnüchterungszelle und bekommt am Tag darauf per Einschreiben mit Rückschein die fristlose Kündigung zugestellt.

    Ein Rauschzustand auf der Betriebsfeier kann also helfen, endlich den Mut zu fassen, die seit Jahren heimlich angehimmelte Kollegin aus der Exportabteilung nach einem Date zu fragen. Ein Rausch kann dabei behilflich sein, den eben zugestellten Mahnbescheid mit Pfändungsandrohung ein paar Stunden lang beiseitezuschieben. Ein Rausch kann Wunder beim Sex wirken. Ein Rausch ist auch schön, wenn man ihn in der Gruppe genießt und alle zusammen Schlager aus den Fünfzigern und Sechzigern trällern und dazu nackt im Vorgarten des Nachbarn herumhüpfen. Ein leichter Rausch macht körperliche und seelische Schmerzen vergessen und wiegt einen angenehm in den Schlaf.

    Ein Rausch kann auch sinnvoll sein, wenn man vorhat, sich umzubringen. Der Blick in eine Revolvermündung, die man sich gleich in den Mund schieben wird, ist weniger angsteinflößend, wenn man vorher eine Flasche Bourbon geleert hat. Ein Rausch ist auch eine prima Sache, um sich an Peinlichkeiten, die man im Zustand alkoholbedingter Verwirrung angestellt hat, nicht erinnern zu müssen. Wer hat schon ernsthaft etwas einzuwenden, wenn ein Trinker am Morgen darauf zerknirscht, die linke Hand an der schmerzenden Stirn festgetackert, während die rechte zitternd versucht, ein Glas Wasser mit drei darin aufgelösten Aspirin an die Lippen zu führen, sagt: „Das soll ich gestern Abend alles gemacht haben? Unmöglich!“

    Der Morgen nach dem Rausch ist ohnehin nicht so schön, weder für den Hobby- noch für den Profitrinker. Während der eine kotzend über der Kloschüssel hängt, macht sich der andere auf zum nächstgelegenen Supermarkt, um dort Nachschub zu besorgen. Dazu mehr im Abschnitt „Wann ist man Alkoholiker?“

    Der Profi gehorcht anderen Regeln als der Amateur

    Achtung: Ein Promillegehalt, bei dem für den Normaltrinker die Lichter ausgehen und durch den er sich eine Stunde später fixiert auf der Intensivstation wiederfindet, kann für den Profisäufer den Normalzustand bedeuten, ab dem er überhaupt erst Betriebstemperatur erreicht. Ich kenne einige, die sich ein Leben unterhalb von zweieinhalb Umdrehungen nicht vorstellen können. 4,0 Promille gelten als letale Dosis, bei deren Erreichen 80 % der Menschen den finalen Atemzug tun, bevor der Notarzt bedauernd konstatiert: „Nichts mehr zu machen. Transportieren Sie den Leichnam direkt in die Kühlkammer.“ Das gilt allerdings nicht für den Profitrinker. Der wankt noch zur Nachttankstelle, um sich einen letzten Schlummer-Flachmann zu genehmigen, bevor er endlich alle Viere von sich streckt und auf dem Flur vor der Wohnungstür seinen Vollrausch ausschläft.

    In diesem Kapitel haben Sie erfahren, dass gegen Gelegenheitsräusche prinzipiell nichts einzuwenden ist, insofern Sie dabei nicht auf die Idee kommen, einem zufällig vorbeispazierenden Passanten das Nasenbein zu zertrümmern oder auf dem Heimweg von einem feuchtfröhlichen Gelage mit Tempo 240 eine Abkürzung durch eine verkehrsberuhigte Wohngegend zu nehmen. Solange es beim Gelegenheitsrausch bleibt und der Zecher am nächsten Tag nicht das Verlangen spürt, den Rauschzustand ein weiteres Mal herbeizuführen, ist alles im grünen Bereich, von den Anzeigen wegen zertrümmerter Nase und Rasen in einem Wohngebiet mal abgesehen.

    Das Herbeiführen eines Rausches kann aus unterschiedlichen Beweggründen heraus geschehen. Am unteren Ende der Skala steht dabei der Wunsch, beim Sex mit der Kollegin aus der Abteilung Rechnungswesen länger als fünf Minuten durchzuhalten, während die oberste Treppenstufe vom Versuch gekennzeichnet ist, sich durch die Zuführung von Alkohol in einen Trancezustand zu versetzen, durch den man befähigt wird, mit den Göttern zu kommunizieren. Ob die Stimmen, die man dann raunen hört, tatsächlich von den Göttern stammen oder doch eher von den inneren Dämonen herrühren, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

    MERKE
    Hin und wieder ein Rausch ist okay, wenn er nicht in die Ausnüchterungszelle führt und kurz darauf wiederholt werden muss.
    ***

    Entnommen aus:
    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen. Ein Erfahrungsratgeber
    Henning Hirsch
    Verlag humboldt
    ISBN 9783842630550
    +++

    In den vergangenen Wochen haben wir uns hier beschäftigt mit:
    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe
    Den Schalter im Kopf umlegen
    Doppeldiagnose

  • Del Toros schönster Leichnam oder …

    Del Toros schönster Leichnam oder …

    ‚ del toro frankenstein ist scheisse‘, schickt mir mein alter Schulkumpel vor 3 Tagen eine WhatsApp. Klingt nicht verheißungsvoll, denke ich. Trotzdem zappe ich eine Stunde später rein, denn zum einen mag ich Guillermo del Toro grundsätzlich recht gerne, und zum anderen wird das Werk von der Kritik derart gehypt, dass Nichtschauen geradezu ein cineastisches Sakrileg bedeutet. ‚Bin nach 30 Minuten wieder ausgestiegen‘ schreibe ich um Mitternacht dem Schulkumpel zurück, lege mich ins Bett und träume von alten Monster-Filmen: Frankensteins Braut (1935).

    Gestern unternehme ich den nächsten Versuch, denn ein Rezensent sollte schon den kompletten Film gesehen haben, bevor er seine Rezi tippt. Schon mal vorab: Die zweieinhalb Stunden ziehen sich.

    Warum muss Frankestein ständig erneut zum Leben erweckt werden?

    Es gibt Stoffe, die sind unsterblich – und dann gibt es Stoffe, die werden einfach nicht in Ruhe gelassen. Frankenstein gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Seit Mary Shelley 1818 ihrem Monster das erste Mal Leben einhauchte, hat die Geschichte mehr Wiedergeburten erlebt als jeder Untote im B-Movie-Kino. Man könnte meinen, der Mythos habe sich irgendwann erschöpft, doch Regisseure können offenbar nicht widerstehen, selbst noch einmal den Blitzschalter umzulegen. Jetzt also Guillermo del Toro. Und wie so oft, wenn er am Werk ist, ist alles wunderschön anzusehen – aber dieses Mal innerlich hohl wie ein  Museumsstück, das man bloß aus Respekt für den Künstler betrachtet, aber nicht, weil es Gefühle in einem erweckt.

    Del Toro hat sein ganzes Schaffen lang von Monstern gelebt – buchstäblich und metaphorisch. Vom amphibischen Liebhaber in The Shape of Water bis zu den Schattenwesen in Pan’s Labyrinth: Seine Kreaturen sind immer auch Projektionsflächen für menschliche Sehnsucht, Einsamkeit, Anderssein. Und genau deshalb war die Ankündigung, dass er sich endlich Frankenstein vornimmt, eigentlich nur folgerichtig. Mary Shelleys moderner Prometheus ist schließlich der Urvater all seiner Monster. Nur leider zeigt sich in dieser Rückkehr zum Ursprung auch, warum del Toro als Regisseur zunehmend stagniert: Er hat nichts mehr zu sagen, nur noch viel zu zeigen.

    Rein optisch ist sein Frankenstein natürlich makellos. Jedes Bild sieht aus wie aus einem viktorianischen Albtraum entsprungen: dampfende Labore, elektrische Stürme, gläserne Herzen, die im Takt des Wahnsinns schlagen. Del Toro hat ein untrügliches Gespür für Atmosphäre, für Textur, für den Moment, in dem Schönheit und Schrecken ineinanderfließen. Doch er vertraut den Bildern mehr als den Ideen. Es ist, als habe er sich in seiner eigenen Ästhetik verfangen – ein Regisseur, der das Kino liebt wie ein Sammler seine Vitrinen: voller Bewunderung, aber ohne Bewegung.

    Inhaltlich gibt sich der Film ambitioniert. Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven – aus der Sicht des Schöpfers Victor Frankenstein (Oscar Isaac) und aus jener seiner Kreatur (Jacob Elordi). Das klingt nach einer reizvollen Doppelstruktur, nach einem moralischen Gleichgewicht. In der Praxis ist es aber vor allem redundant. Wir erfahren, was wir ohnehin wissen: dass das wahre Monster nicht der zusammengenähte Körper ist, sondern der Mann, der ihn schuf. Del Toro hämmert uns diese Binsenweisheit mit der Subtilität eines Presslufthammers ein. Wenn Victor zum fünften Mal mit leerem Blick in die Kamera sagt, dass er „zu weit gegangen“ sei, möchte man ihm zurufen: Ja, wirklich, Guillermo, wir haben’s verstanden – schon bei Shelley, vor über zweihundert Jahren.

    Schöne Bilder, wenig Inhalt, streckenweise kitschig

    Oscar Isaac spielt den Wissenschaftler als selbstverliebten Demiurgen mit leichtem Hang zum Overacting – was durchaus passt, aber irgendwann ermüdet. Jacob Elordi hingegen verleiht dem Geschöpf eine zarte, fast kindliche Präsenz. Sein Monster ist kein Zerstörer, sondern ein Beobachter, der lernen will, was es heißt, Mensch zu sein. Das ist schön, aber auch streckenweise kitschig. Del Toro verwechselt Gefühl mit Gefühligkeit, Tragik mit Tränenfilter. Wenn seine Kamera in Zeitlupe über die Narben des Wesens streicht und die Musik anschwillt, klingt das eher nach Werbung für Duftkerzen als nach existenziellem Horror.

    Und während Lanthimos’ Poor Things im vergangenen Jahr den Frankenstein-Mythos wild, weiblich und anarchisch neu erfand – Emma Stone als grotesk-erleuchtetes Gegenstück zu Shelleys Kreatur –, traut sich del Toro keinen Millimeter aus seiner Komfortzone. ‚Poor Things‘ war eine Explosion der Imagination, ein feministisches, satirisches Feuerwerk über Schöpfung, Körper, Macht. Del Toros Frankenstein ist dagegen brav wie ein Konfirmand, der zu spät merkt, dass er seinen Katechismus auswendig gelernt hat, aber den Sinn nie verstand. Man spürt die Ehrfurcht vor der Vorlage, aber keine Lust auf das ihr immanente Risiko.

    Dabei wäre gerade jetzt, im Zeitalter von KI, Transhumanismus und moralischem Kontrollverlust, reichlich Gelegenheit gewesen, das Thema neu zu denken. Stattdessen inszeniert del Toro seinen Frankenstein als klassisches Melodram mit gotischem Staubrand. Das mag nostalgisch gemeint sein, wirkt aber eher wie Rückschritt. Wenn man sich heute fragt, was es bedeutet, Leben zu erschaffen, denkt man nicht mehr an Kupferspulen und Blitze, sondern an Codezeilen und neuronale Netze. Doch del Toro weigert sich, diese Brücke zu schlagen. Vielleicht, weil ihn Technik nicht interessiert – oder weil er, wie er selbst sagte, „vor menschlicher Dummheit mehr Angst hat als vor künstlicher Intelligenz“. Eine hübsche Pointe, die aber nichts an der inhaltlichen Schieflage seines Films ändert: Er bleibt eine Hommage an die Vergangenheit, nicht ein Kommentar zur Gegenwart.

    Regisseur & Autor in Personalunion ist selten eine gute Idee

    Das größte Problem ist, dass del Toro wieder einmal Regisseur und Drehbuchautor ist. Dieses Experiment – die totale Kontrolle – funktioniert in den seltensten Fällen. Ohne einen Co-Autor, der widerspricht, bleibt das Werk selbstverliebt. Alles ist durchdacht, nichts ist hinterfragt. Der Film hat denselben Fehler wie sein Protagonist: Er will zu viel selbst machen und verliert darüber die Balance. Ein Drehbuch braucht manchmal einen Widerstand, jemanden, der sagt: „Nein, das reicht.“ Del Toro scheint niemanden gehabt zu haben, der das wagte.

    Formal beeindruckend, erzählerisch leer – das könnte man als Fazit über fast alle seine jüngeren Filme schreiben. Schon bei Nightmare Alley war das so: eine perfekte Oberfläche, hinter der sich gähnende Leere verbarg. Jetzt also Frankenstein, der schönste Leichnam seiner Karriere. Man staunt über die Pracht der Ausstattung, über das Spiel mit Licht und Schatten, über Alexandre Desplats melancholischen Score – und merkt erst nach einer Stunde, dass man emotional längst ausgestiegen ist. Del Toro betet das Kino an, aber er spürt es nicht mehr.

    Del Toro Frankenstein: auch der Film fleddert den Leichnam

    Was bleibt, ist die alte Ironie der Geschichte: Del Toro, der Künstler der Monster, hat ein Werk geschaffen, das selbst ein Monster ist – zusammengesetzt aus den schönsten Versatzstücken des Kinos, aber ohne Seele, ohne Herzschlag. Vielleicht ist das ja die eigentliche Tragik dieses Frankensteins: Dass er von einem Filmemacher kommt, der sich zu sehr in seine Schöpfung verliebt hat. Er will sie beleben, perfektionieren, verewigen – und erstickt sie dabei.

    Am Ende sieht man einen Film, der alles hat, was das Auge begehrt, und nichts, was den Geist fordert. Die schönste Kameraarbeit nützt nichts, wenn die Geschichte tot ist. Und so schließt sich der Kreis: Ein Film über die Hybris des Schöpfers wird selbst zum Lehrstück über genau diese Hybris. Del Toro hat – ungewollt, aber treffend – bewiesen, dass man Kunst nicht allein aus Schönheit zusammennähen kann. Irgendwo dazwischen braucht es auch ein Herz. Und das schlägt hier nur noch müde im Takt der Frankenstein-Dioden.

    PS. und Christoph Waltz spielt wie immer Christoph Waltz
    +++

    Frankenstein
    Erscheinungsjahr: 2025
    Regie & Drehbuch: Guillermo del Toro
    150 Minuten
    Auf: Netflix

    4 Punkte (von 10 möglichen)
    +++

    Hier geht es zu weiteren Film-Rezensionen von Henning Hirsch:
    Der ungeschminkte Westen
    Als Habgier den Blumenmond tötete
    Ein Hauch von Dallas in New York

  • Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol

    Unter Gleichgesinnten – die Selbsthilfegruppe Alkohol

    Nun wollen wir uns mit dem zweiten essenziellen Baustein fürs Überleben in der rauen Wirklichkeit beschäftigen – der Selbsthilfegruppe Alkohol, kurz SHG.

    Wer dauerhaft trocken bleiben möchte, kommt um den Besuch einer SHG nicht herum. Was soll ich da? Die können mir auch nicht helfen; stinklangweilig, sagen Sie? Dann haben Sie die Sache immer noch nicht verstanden, antworte ich.

    Speziell am Beginn der Abstinenz ist es wichtig, sich beständig mit Gleichgesinnten auszutauschen, sich in der Gruppe mitzuteilen, zu öffnen, zu berichten, weshalb der Alkoholkonsum derart aus dem Ruder gelaufen ist, ehrlich zu sein und sich an Kritik zu gewöhnen. Man kann den anderen Teilnehmern nahezu alles beichten, sie hören geduldig zu, geben Tipps, wie man die zwischendurch immer wieder auftretenden Phasen des Saufdrucks überstehen kann, vertrauen dir ihre Telefonnummern an, damit du sie anrufst und redest, anstatt deprimiert zur Flasche zu greifen. Nur eines darf man nicht tun: Unsinn zum Besten geben oder die Gruppe gar anlügen. In diesem Fall können die Reaktionen heftig ausfallen. Ein Fehler, den Neulinge gerne machen, weil sie die Expertise ihres Publikums unterschätzen. Bei den Treffen kann es deshalb schnell ungemütlich werden, sobald sich ein Teilnehmer entweder als lernresistent erweist oder gar gegen den Kodex der Abstinenz verstößt.

    Die Geschichte von Kalle, dem Lokführer

    Ich erzähle in diesem Zusammenhang gern die Geschichte von Kalle, dem Lokführer. Den lernte ich vor Jahren beim Kreuzbund kennen. Was Karl-Heinz, wie er mit vollem Namen hieß, zugestoßen war,kann man mit Fug und Recht als unglücklich bezeichnen. An einem noch nicht lange zurückliegenden nasskalten und neblig-trüben Novemberabend stand ein 56-jähriger Prokurist auf dem Geländer einer Brücke, die sich über die Bahnstrecke Köln-Koblenz spannt, und sprang von dort vor den mit Tempo 100 heranbrausenden Regionalzug, und zwar frontal auf die Rundumverglasung des Führerhauses, wo der Schädel des Unglücklichen vor Kalles Augen platzte, und der Körper langsam nach unten glitt, um von den Rädern der Doppelstockwagen völlig zermalmt zu werden. Mit der rechten Hand hielt der Mann noch seine Aktentasche fest umklammert.

    Die doppelte Tragik bestand darin, dass Karl-Heinz die Route an diesem Tag nur deshalb befuhr, weil er für einen kurzfristig erkrankten Kollegen eingesprungen war. Wie oft hatte er uns erklärt, dass er den Moment verfluchen würde, in dem er sich gutmütig dazu hatte überreden lassen, die Rheinseite zu wechseln. Kalle haderte seitdem mit sich und der Welt und trank mehr, als für ihn bekömmlich war.

    Nach einigen Wochen fielen seine krankheitsbedingten Fehlzeiten und die Schnapsfahne, die er trotz kiloweise Pfefferminzpastillen nicht dauerhaft übertünchen konnte, sowohl Kollegen als auch Vorgesetzten auf. Da ein Lokführer mit Alkohol im Blut eine potenzielle Gefahr für Passagiere und Allgemeinheit darstellt, beorderte ihn sein Chef zum außerplanmäßigen Routinecheck beim Betriebsarzt. Leberwerte im Keller, die allgemeine Konstitution glich eher einem 60- denn einem 40-jährigen, einfachste Denksportaufgaben bereiteten Karl-Heinz große Mühe.

    Warum keine Schwarzwälder-Kirschtorte?

    Nach Rücksprache mit einer auf Suchtfragen spezialisierten Psychologin wurde Kalle bis auf Weiteres vom Dienst suspendiert mit der Auflage, sich einer ambulanten Therapie zu unterziehen. Hierzu gehörte ebenfalls der Besuch der Dienstagabend-Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds. Und jetzt saß er seit nunmehr über sechs Monaten in unserer Runde, lamentierte und erzählte in Dauerschleife immer wieder denselben traurigen Hergang. Nachdem wir ihm anfangs mit offenen Mündern gelauscht und mehrmals unser Bedauern über den unseligen Vorfall ausgesprochen hatten, ermüdete uns die Story mittlerweile doch sehr.

    „Passiert ist passiert. Kannst du heute eh nicht mehr ändern“, pflegtenwir ihm zu antworten. Jedoch stellte ihn unsere Reaktion nie länger als zehn Minuten zufrieden; dann meldete er sich erneut zu Wort, um uns eine weitere Einzelheit des Unglücks, die wir angeblich noch nicht kannten, zu schildern. Eine SHG-Nervensäge, wie man sie in vielen Gruppen antrifft und die es stoisch zu ertragen gilt. Mit allerdings der Besonderheit, dass Kalle nicht ganz freiwillig bei uns war, sondern einer Anweisung seines Arbeitgebers folgte.

    Mit zunehmender Dauer des Programms – seine ambulante Therapie war auf eineinhalb Jahre ausgelegt – wurde Karl-Heinz zusehends empfindlicher in Bezug auf Kritik. Und Kritik am Sprecher ist beim Kreuzbund – im Unterschied zu den Anonymen Alkoholikern – erlaubt und wurde von der Gruppe auch bei jeder Sitzung praktiziert. Denn instinktiv spürten wir, dass Kalle keine Fortschritte machte. Weder war er willens, uns die Brückenspringer-Geschichte zu ersparen, obwohl wir sie mittlerweile auswendig mitmurmeln konnten, noch zeigte er Einsicht, dass sein Alkoholproblem älter war als das tragische Unglück und der Novemberabend den finalen Auslöser, aber nicht den Urgrund bildete.

    Darauf angesprochen beharrte er störrisch darauf, bis zu diesem Datum nur hin und wieder ein Gläschen getrunken und erst imNachgang des Unfalls zur Flasche gegriffen zu haben. Ein Märchen, das schon deshalb nicht stimmen konnte, weil seine Leberwerte, die wir kannten, glasklar auf jahrelangen Missbrauch hindeuteten. Sobald wir ihm das auf den Kopf zusagten, sprang er beleidigt auf und wollte das Meeting verlassen. Was er jedoch nicht durfte, weil er sonst gegen seine Reha-Auflage verstoßen hätte. So blieb er dann den Rest des Abends missmutig sitzen und grummelte vor sich hin.

    Als er uns im Sommer die Nachricht übermittelte, er habe sich am Nachmittag zwei Stück Schwarzwälder Kirschtorte schmecken lassen, da sei überhaupt nichts Schlimmes dabei, brach der zu erwartende Kritik-Tsunami über Kalle herein, denn in unserer Gruppe gab es viele strenge Abstinenzler, die von Schwarzwälder-Kirschtorte-Experimenten überhaupt nichts hielten. Er sei leichtsinnig, würde grob-fahrlässig das in ihn gesetzte Vertrauen aufs Spiel setzen, liefe Gefahr, aus dem Programm zu fliegen und damit seinen Job zu verlieren. Karl-Heinz lief rot an, schrie: „Ihr könnt mich alle mal!“, sprang auf und knallte die Tür hinter sich zu.

    „Das war’s“, sagte ich, „Den sehen wir nie wieder.“

    „Wenn er im Programm bleiben will, kommt er zurück“, meinte Regina, die an diesem Tag die Gruppe leitete.

    „Der lässt sich gleich volllaufen. Dem ist das Programm heute völlig egal.“

    „Wenn er einen Rückfall baut, bin ich gespannt, ob er uns darüber offen berichten wird“, sagte Reinhold, der neben mir saß.

    „Falls nein, dann ist hier Ende Gelände. Muss er sich ’ne andere Gruppe suchen, die sich Woche für Woche geduldig seine Lügengeschichten anhört“, sprach Regina das Schlusswort.

    Selbsthilfegruppe Alkohol: Kuschelprogramm?

    Klingt alles sehr streng in Ihren Ohren? Selbsthilfe ist kein Kuschelkurs. Natürlich können Rückfälle passieren und diese werden von der Gruppe auch verziehen. Allerdings muss der Konsum ohne Wenn und Aber zugegeben und aufrichtig bereut werden. Andernfalls droht der Ausschluss.

    Der Grundgedanke lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Mitglieder schildern ihren Alltag, erzählen von ihren Sorgen und Erfolgen. Sie ermuntern sich gegenseitig, in dem Bemühen um Abstinenz nicht nachzulassen. Jeder spricht nur über sich, Zuhören ist wichtig, Vertraulichkeit wird garantiert. In vielen Gruppen gibt es Paten, die sich um die Neuankömmlinge kümmern. Die kann man, wenn man Saufdruck verspürt, auch mitten in der Nacht anrufen und so lange mit ihnen quatschen, bis man sich wieder beruhigt hat. Ohne Scheu und Hemmungen, denn die Paten haben das alles selbst erlebt. Hier unterstützen Praktiker den Praktiker. Was nicht heißen soll, dass man nicht ebenfalls klugscheißende Idioten in den SHGs antrifft. Weshalb sollte es dort anders sein als im realen Leben oder in der Suchtklinik? Die Bereitschaft zuzuhören und im Bedarfsfall zu helfen, ist allerdings groß. Genau das ist schließlich das Erfolgsrezept der Gruppen.

    Selbsthilfe für Suchtkranke wird von mehreren Organisationen angeboten. Die bekanntesten heißen: Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler, Diakonie, Freundeskreise und Anonyme Alkoholiker (AA). Einen Sonderfall stellt die therapeutische Gruppe (TG) dar, die von einem Psychologen geleitet wird. Diese Variante ist allerdings gebührenpflichtig. Die Übernahme der Kosten kann bei der Krankenkasse beantragt werden. Insgesamt gibt es rund 7.000 Gruppen mit geschätzt zwischen 80.000 und 100.000 regelmäßigen Besuchern in Deutschland.

    Die Treffen dauern zumeist 90 bis 120 Minuten, maximal drei Stunden. Während sich Kreuzbund, Blaues Kreuz, Guttempler etc. einzig in der Zusammensetzung der jeweiligen Teilnehmer unterscheiden und ansonsten vom Ablauf der Sitzungen her identisch sind, hebt sich das Konzept der AA doch etwas ab. Hier sind keine Fragen an den Vortragenden erlaubt. Diese Vorgehensweise soll sicherstellen, dass niemand aufgrund befürchteter Kritik schweigt. Die Teilnehmer berichten deshalb sehr offen; das Prinzip des Nichtunterbrechens führt jedoch mitunter zu langen, ermüdenden Monologen.

    Mir hat das 30-Tage-Programm der Anonymen Alkoholiker vor 15 Jahren sehr dabei geholfen, den ersten Monat der Abstinenz zu meistern. So brachte ich die abendliche Hochrisiko-Rückfallzeit im geschützten Raum gut hinter mich. Das muss nicht jeder so machen, allerdings empfehle ich, anfangs lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Versammlung aufzusuchen.

    Jeder Neuling sollte ein paar SHGs testen, bevor er sich für die für ihn am besten geeignete entscheidet. Die Entschuldigung „Ich habe nichts gefunden, das zu mir passt“ bedeutet bloß, dass Sie keinen Bock haben, unverblümt über Ihr Problem zu sprechen. Zwischen der Weigerung, sich zu öffnen, hin zum nächsten Testlauf mit dem Alkohol steht bei vielen Trinkern nur ein kleines Glas Bier.

    Nicht jeder, der zufrieden drogenfrei lebt, kreuzt zwar regelmäßig in einer Gruppe auf, aber gerade in der Anfangszeit der Umgewöhnung ist es enorm wichtig, den häufigen Kontakt zu anderen Ausstiegswilligen zu suchen und zu begreifen, dass man nicht der Einzige ist, der den harten Kampf gegen seine Dämonen aufgenommen hat. Gemeinsam kämpft es sich doch gleich um einiges leichter. Es schadet nicht, wenn man diese Angewohnheit auch noch in Jahr 10 oder 20 oder 30 der Abstinenz beibehält.

    Wobei der Rhythmus der Besuche individuell ist. Ich kenne einige, denen es reicht, im Ein-Jahre-Turnus bei einem Meeting aufzukreuzen, dort stumm zuzuhören, zu verschwinden und erst zwölf Monate später wieder bei den AA gesehen zu werden. Die es aber trotz dieser stark reduzierten SHG-Präsenz schaffen, abstinent über die Runden zu kommen. Das ist der Typ Einzelkämpfer. Der ist jedoch eher selten vertreten. Dem Ich-brauche-Gleichgesinnte-um-stabil-zubleiben-Kandidaten begegnet man weitaus häufiger. Falls Sie sich unsicher sind, welcher der beiden Ausprägungen Sie angehören: im Zweifelsfall besser die Ich-brauche-Gleichgesinnte-Variante ankreuzen.

    Selbsthilfegruppe Alkohol: ernüchternde Statistik

    Hier eine ernüchternde oder aufmunternde Statistik – kommt auf den Blickwinkel an, aus dem Sie die Zahlen betrachten:

    Statistik: Länge der Abstinenz in Jahren

    Quelle: Anonyme Alkoholiker (mehrjährige Zufallsstichprobe unter AA-Meeting-Teilnehmern)

    Sind ja zum Ende hin nicht gerade viele, die übrig bleiben, geben Sie zu bedenken? Wer sagt denn, dass Sie nach der ganzen Sauferei noch mehr als 25 Jahre vor sich haben?, antworte ich. Ohne SHG sähe Ihre Überlebensprognose deutlich düsterer aus. Vielleicht haben Sie ja Glück und sind bei den 10 %, die es zwei Jahrzehnte schaffen, die Finger vom Fusel wegzulassen. Eine 100-%-Garantie auf den Nicht-Rückfall gibt es eben nicht. Liegt nur an Ihnen, was Sie aus Ihrem trockenen Leben machen und wie lange es Ihnen gelingt, die Abstinenz durchzuziehen.

    Selbsthilfegruppen sind – vor allem zu Beginn der Abstinenz – der Garant dafür, die ersten superschwierigen Monate trocken zu bleiben. Welche Sie besuchen, ist egal. Hauptsache, Sie besuchen eine.

    Was mit Kalle passiert ist, wollen Sie noch wissen? Keine Ahnung. Aufgetaucht ist er bei uns nicht mehr. Auch in anderen Gruppen im regionalen Umkreis wurde er nicht gesichtet. Man munkelte damals, er habe das Programm noch am selben Abend geschmissen, den Job als Lokführer an den Nagel gehängt, die Stadt verlassen und tränke nun mehr als vorher. Ob das alles stimmt, kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe für ihn, dass er die Kurve trotz der Schwarzwälder Kirschtorte doch irgendwie hinbekommen hat.

    Etappenziel 7
    Sie haben erkannt, wie immens wichtig der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe für Sie ist.
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    Entnommen aus:

    Raus aus dem Rausch

    Raus aus dem Rausch
    Gebrauchsanweisung, um vom Alkohol wegzukommen
    humboldt Verlag
    ISBN 9783842630550
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    In der vorherigen Kolumne von Henning Hirsch ging es um das Thema Den Schalter im Kopf umlegen.