Autor: Henning Hirsch

  • Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Ich trage den Gedanken an Selbstmord immer bei mir wie einen Ersatzreifen. Das gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit.
    (c) Charles Bukowski

    Der ultimative Ausgang

    Bukowski saß in billigen Zimmern und starrte Löcher in die Wand. Nicht, weil er auf Erleuchtung wartete, sondern weil da nichts mehr war, was sich lohnte, angeschaut zu werden. In solchen Momenten kam der Gedanke. Nicht laut. Kein Drama. Einfach da. Der Gedanke an den Ausgang.

    Der Poet aus East-Hollywood nannte ihn den Ersatzreifen. Kein Symbol der Hoffnung, sondern der nüchterne Beweis, dass man nicht ausgeliefert ist. Wer weiß, dass er anhalten könnte, fährt ruhiger. Man fährt weiter, nicht weil man muss, sondern weil man es gerade noch will.

    Der Gedanke an den Selbstmord ist selten der Wunsch zu sterben. Meist ist es der Wunsch, dass etwas aufhört. Der Lärm. Die Rechnungen. Die immer gleichen Gesichter. Das ewige Sich-Zusammenreißen. Es ist kein Todestrieb. Es ist Erschöpfung.

    Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Gedanken entweder dämonisieren oder verklären. Die einen rufen sofort den Arzt, die anderen die Moral. Beide hören nicht zu. Dabei ist der Gedanke oft nur ein Signal: So geht es nicht weiter. Noch kein Plan. Noch keine Entscheidung. Nur ein inneres Aufleuchten der Möglichkeit.

    Die offene Tür

    Lange vor Bukowski saßen die Stoiker da und dachten nüchtern über dasselbe nach. Seneca. Epiktet. Männer, die wussten, dass Würde nichts mit Durchhalten um jeden Preis zu tun hat. Seneca sprach von der offenen Tür. Wenn der Raum zu verraucht ist, geht man. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit.

    Das Leben war für sie kein Gefängnis. Es war ein Aufenthalt. Und jeder Aufenthalt darf beendet werden. Wer diese Möglichkeit kennt, ist kein Opfer. Er ist anwesend aus Entscheidung.

    Der Zwang zum Leben

    Heute nennen wir das krank. Wer sagt, dass er nicht mehr will, wird verwaltet. Überwacht. Korrigiert. Der moderne Staat liebt das Leben, solange es funktioniert. Abweichung gilt als Störung.

    Ich bin fast blind, meine Augen verdrehen sich nach hinten in die dunklen Höhlen meines Schädels und halten Ausschau nach einem gnädigen Tod.
    (c) Charles Bukowski: Die letzten Tage des Suicide Kid

    Aber was, wenn das Weiterleben um jeden Preis selbst die Störung ist? Was, wenn ein Mensch klar sieht, dass das, was er lebt, nur noch eine Gewohnheit ist? Bukowski wusste: Das Normale ist oft wahnsinniger als der Wunsch nach Ruhe.

    Wenn der Gedanke kippt

    Gefährlich wird es nicht durch den Gedanken, sondern durch sein Alleinsein. Wenn er keine Sprache mehr findet. Wenn aus „Ich könnte gehen“ ein „Ich sollte gehen“ wird. Dann wird aus dem Ersatzreifen eine Wand.

    Deshalb geht es nicht darum, den Gedanken zu verbieten oder zu feiern. Es geht darum, ihn auszuhalten, ohne sofort ernst zu machen. Denken ist noch kein Handeln. Zwischen beidem liegt Zeit. Und Zeit ist manchmal alles.

    Das falsche Heldentum

    Wir lieben Durchhalteparolen. Kämpfen. Stark sein. Funktionieren. Das klingt gut und hilft niemandem. Es macht aus Erschöpfung ein Versagen.

    Manchmal steigst du morgens aus dem Bett und denkst, ich schaffe das nicht, aber du lachst innerlich – erinnerst dich an all die Male, als du dich so gefühlt hast.
    (c) Charles Bukowski

    Vielleicht reicht es manchmal, nicht zu sterben. Nicht heroisch zu sein. Einfach einen weiteren Tag zu verbrauchen. Bukowski wusste: Man muss das Leben nicht lieben. Es reicht, wenn man es aushält.

    Die letzte Freiheit

    Das Paradox ist simpel: Erst wer gehen dürfte, kann bleiben. Wer gezwungen lebt, ist ein Gefangener. Wer bleiben kann, obwohl er gehen dürfte, handelt.

    Bukowski ist nicht durch Suizid gestorben. Er starb alt, krank, widerspenstig. Aber er lebte mit dem Wissen um den Ausgang. Vielleicht hat ihn genau das am Leben gehalten.

    Der Ersatzreifen ist keine Einladung zum Tod. Er ist eine Erinnerung daran, dass niemand uns besitzen darf. Nicht der Staat. Nicht die Moral. Nicht die Angst der anderen.

    Man darf über den Ausgang nachdenken. Man sollte ihn nur nicht verwechseln mit Freiheit. Die beginnt oft niedriger. In einem Glas Bourbon (oder für Abstinenzler: Coke Zero). In einem weiteren Morgen. In dem Gedanken: Heute noch nicht.

    Schlechte Tage sind kein Argument

    Es gibt Tage, an denen alles falsch sitzt. Der Körper. Die Gedanken. Die Art, wie das Licht durchs Fenster fällt. Tage, an denen selbst das Atmen wie eine Beleidigung wirkt. Bukowski kannte diese Tage. Er hat sie nicht therapieren lassen. Er hat sie aufgeschrieben oder weggesoffen. Beides keine Lösung, aber immerhin ehrlich.

    Das Schlimmste ist nicht der Tod, sondern das Leben, das die Leute bis zu ihrem Tod führen.
    (c) Charles Bukowski

    Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen zu früh an den Tod denken. Das Problem ist, dass sie glauben, jeder schlechte Tag müsse sofort eine Diagnose sein. Dabei sind viele Tage einfach nur schlecht. Sie wollen nicht analysiert, sondern überlebt werden.

    Die Buchhaltung des Lebens

    Irgendwann beginnt jeder Mensch zu rechnen. Was habe ich gegeben, was habe ich bekommen? Wie viel Kraft steckt noch drin? Bukowski hat diese Rechnungen nie schön gerechnet. Meist stand da ein Minus. Und trotzdem blieb er sitzen.

    Vielleicht, weil er wusste: Solange man noch rechnet, ist man nicht fertig. Der gefährliche Moment ist nicht der Gedanke an den Ausgang. Es ist der Moment, in dem einem alles egal wird. Auch der Gedanke.

    Das Gerede der Anderen

    Es sind selten die eigenen Gedanken, die einen töten. Es ist das Gerede. Die Erwartungen. Die Sätze wie: Reiß dich zusammen. Andere haben es schlimmer. Sei dankbar.

    Bukowski hätte darüber gelacht. Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt oder sie kommt nicht. Wer sie fordert, hat meistens keine Ahnung vom Gewicht fremder Tage.

    Der Körper lügt nicht

    Vieles, was wir Todessehnsucht nennen, ist schlicht Überforderung des Körpers. Zu wenig Schlaf. Zu viel Druck. Zu lange funktioniert. Der Körper zieht dann die Notbremse. Der Kopf nennt das Suizidgedanken.

    Vielleicht müsste man öfter fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wann hast du zuletzt nichts leisten müssen?

    Bleiben ist Arbeit

    Bleiben ist keine romantische Entscheidung. Es ist Arbeit. Jeden Tag neu. Oft ohne Applaus. Man bleibt nicht, weil es schön ist, sondern weil man es noch aushält.

    Bukowski wusste das. Er hat das Bleiben nie gefeiert. Er hat es dokumentiert. Zeile für Zeile. Bier für Bier.

    Kein Schlusswort

    Diese Kolumne ist kein Plädoyer für den Tod. Sie ist auch keines fürs Leben. Sie ist ein Text über Wahlmöglichkeiten. Über Würde. Über das Recht, müde zu sein, ohne gleich verschwinden zu müssen.

    Der Ersatzreifen ist kein Versprechen. Er ist nur ein Gegenstand im Kofferraum. Man hofft, ihn nie zu brauchen.
    Aber man fährt anders, wenn man weiß, dass er da ist.

    Und manchmal reicht genau das, um weiterzufahren.
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    Lesen Sia auch: Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube
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  • Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube

    Gelassen sterben à la Vikings

    Kurz vor Weihnachten sah bzw. hörte ich in Vikings (ja, ich weiß, dass ich mit dieser Serie SEHR spät dran bin) diesen kurzen Dialog:

    „Ich habe in letzter Zeit viel über den Tod nachgedacht, Egbert.“

    „Das ist das Faszinierende an euch Nordmännern: Sobald ihr aus dem Mutterschoß kriecht, denkt ihr täglich an den Tod, bis er euch schließlich ereilt. Aber was ist mit der Zeit dazwischen; worüber denkt ihr da nach, Ragnar?“

    „Ihr meint so was wie Frauen?“

    Diese Szene – die alt gewordenen Protagonisten Egbert von Wessex und Ragnar Lodbrok sitzen sich spätabends in einem kargen Raum gegenüber und lassen ihre Leben Revue passieren: Wein, Gelächter, fast unverschämte Gelassenheit – gehört zu den wirklich starken Momenten der langen Wikingersaga. Kurz darauf lässt sich der Wikingerfürst ohne jede Gegenwehr, in eine Schlangengrube werfen. Egbert wiederum trennt sich von seiner jüngeren Geliebten, um sich ab sofort ohne Zerstreuung auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren zu können (und stirbt ebenfalls ein paar Folgen später).

    Und ich hocke auf meinem Sofa, schaue zu und denke: Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn – oder, weniger pathetisch formuliert, nach den wichtigen Dingen des Lebens – hängt fundamental davon ab, wann sie einem gestellt wird.

    Die falschen Antworten der ersten Lebenshälfte

    Bis 40 (von mir aus auch bis 50) hätte ich ohne Zögern geantwortet: Geld/Vermögensaufbau, Frau(en), Kinder. Vielleicht noch Karriere, Status, irgendetwas, das sich nach Bedeutung anfühlt. Sterben war damals ein Randthema. Etwas für später. Für andere. Für Menschen mit grauen Haaren, denen man unauffällig den Sitzplatz in der Bahn anbot.

    Was nach ein paar Jahrzehnten übrig bleibt

    Heute – 20 Jahre und rund 30 Aufenthalte in Suchtkliniken später – gewichte ich anders. Heute sage ich: Gott (oder wer auch immer diesen Laden hier verwaltet) gib mir noch ein paar Jahre bei einigermaßen passabler Gesundheit. Lass mich in der Zeit an Kindern, Enkeln und Facebook erfreuen. Mehr brauche ich nicht.

    Kein eitler Tand wie Vermögen mehr. Die Kohle muss fürs Auskommen eines Minimalisten reichen, nicht für ein Leben im Hochglanzformat. Frau(en) sind ü60 komplett entbehrlich. Nicht, weil ich sie nicht mag oder geringschätze (ich treffe mich gerne mit alten Schulfreundinnen, höre hin und wieder auf deren Ratschläge und nicke gelegentlich sogar verständnisvoll), sondern weil ich sie nicht mehr 24/7 um mich herum benötige. Auch nicht als Bettgenossinnen.

    Allein, aber nicht einsam

    Früher hätte ich mich allein wahrscheinlich einsam gefühlt. Heute fühle ich mich ab und zu allein, aber keineswegs einsam. Einsamkeit ist ein Defizit. Alleinsein ein Zustand. Und Zustände kann man aushalten, manchmal sogar genießen.

    Beim Gedanken an eine jüngere Geliebte – die man(n) sich finanziell ja auch erst einmal leisten können muss – bekomme ich nervösen Schluckauf. An ihrer Seite würde ich mich noch älter fühlen, als ich es ohnehin schon bin. Von fünfmal Sex in einer Nacht bin ich körperlich mittlerweile eh weiter entfernt als Ragnar Lodbrok vom Friedensnobelpreis. Insofern verstehe ich König Egbert voll und ganz. Wenn man sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren möchte, tut man das am Ende des Lebens am besten allein.

    Warum man ab 60 keine (weniger) Angst vor dem Tod hat

    Was sich ab 60 einschleicht, ist nicht die Angst vor dem Tod. Das glauben nur Jüngere. Ab 60 kommt etwas anderes: eine nüchterne Vertrautheit mit dem Gedanken, dass das hier alles endlich ist. Keine theoretische Endlichkeit mehr, sondern eine statistisch belastbare. Man kennt plötzlich mehr Tote als Lebende. Man geht häufiger auf Beerdigungen als auf Hochzeiten. Und man merkt: Das Leben wird nicht kürzer, es wird enger.

    Wenn Sterben medizinisch wird

    Sterben ist ab 60 auch kein philosophisches Thema mehr, sondern ein medizinisches. Und ein organisatorisches. Man denkt über Patientenverfügungen nach, über Vorsorgevollmachten, über Beerdigungen. Nicht, weil man sterben will, sondern weil man nicht falsch sterben möchte.

    Denn was einen wirklich umtreibt, ist weniger der Tod als die Zeit davor. Die Apparate. Die Schläuche. Die Maschinen, die einen am Leben halten, obwohl man selbst längst freiwillig gegangen wäre, wenn man bloß dürfte.

    Krankenhäuser, Pflegeheime und andere Warteschleifen

    Ab einem gewissen Alter beginnt man, Krankenhäuser anders wahrzunehmen. Nicht mehr als Orte der Heilung, sondern als Übergangszonen. Als Hallen, in denen entschieden wird, ob man noch repariert wird oder nur noch verwaltet. Man kennt plötzlich Begriffe wie „Austherapiert“, „Palliativ“, „Komfortversorgung“.

    Pflegeheime verlieren ebenfalls ihren Schrecken – aber auf eine unangenehme Art. Man weiß: Das ist kein Ort zum Leben, sondern ein Ort zum Sterben mit Verzögerung. Man sieht dort Menschen, die nicht mehr krank sind, sondern verbraucht. Und man denkt unweigerlich: So bitte nicht.

    Apparate können Leben verlängern, aber nichts erklären

    Die Apparate-Medizin hat uns viele Jahre geschenkt. Aber sie nimmt sich am Ende auch welche zurück. Mit Zinsen. Beatmungsgeräte, Magensonden, Dialyse – technisch beeindruckend, menschlich fragwürdig. Man kann Leben verlängern, aber keine Würde. Und schon gar keinen Sinn.

    Palliativ, Sterbehäuser und der Wunsch nach Ruhe

    Deshalb beginnt man, sich für Palliativmedizin zu interessieren. Nicht aus Todessehnsucht, sondern aus Pragmatismus. Schmerzfrei. Angstfrei. Möglichst leise. Nicht als medizinischer Erfolg, sondern als menschlicher Abschied.

    Und irgendwann stolpert man über den Begriff „Sterbehäuser“. Orte, an denen Sterben kein Versagen ist. Keine Niederlage. Sondern ein Vorgang. Das wirkt auf Jüngere morbide. Auf Ältere wirkt es beruhigend.

    Was man nicht hinterlassen muss

    Was ebenfalls verschwindet, ist die Illusion, man müsse „etwas hinterlassen“. Kinder und Enkel reichen völlig. Niemand braucht meine Bücher, meine Meinungen oder meine Facebook-Kommentare für die Ewigkeit. Der Gedanke, dass nach mir nichts kommt außer ein paar Erinnerungen, die ebenfalls verblassen, ist überraschend tröstlich.

    Noch nicht Ragnar

    Ganz so weit wie Ragnar Lodbrok bin ich allerdings noch nicht. Mich milde lächelnd in eine Schlangengrube werfen zu lassen – in unsere moderne Welt übersetzt: dem Tod gefasst oder gar freudig entgegenzusehen – gelingt mir bislang nicht. Ich hänge noch zu sehr an Kleinigkeiten. An Routinen. An Kaffee. An dem Gefühl, morgens aufzuwachen und zu denken: Ah. Noch da.

    Warten

    Aber der Gedanke an den Tod hat seinen Schrecken verloren. Er ist kein Feind mehr. Eher ein stiller Begleiter. Einer, der irgendwann sagt: Jetzt reicht’s.
    Bis dahin warte ich.

    Nicht unbedingt auf den Tod.

    Eher darauf, ihm irgendwann ohne Apparate, ohne Panik und ohne falsche Hoffnungen zu begegnen.
    Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man alt genug ist, um zu sterben.
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    Unser Hörmal-Kolumnist Ulf Kubanke empfiehlt den zu Vikings gehörenden Soundtrack von Wardruna, um sich so richtig in Todeslaune zu versetzen:

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    Lebens-Koffer

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  • Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr, das alles verändert hat

    Heute vor einem Jahr trat Donald Trump seine zweite Amtszeit an. Was seither geschehen ist, sprengt selbst die Prognosefähigkeit eines notorischen Pessimisten, wie ich einer bin. Damals, am 20. Januar 2025, hätte ich nicht gedacht, dass schon zwölf Monate später ein wehmütiger Abschied notwendig sein würde. Ein Abschied nicht nur von einer Regierung, sondern von einem Land, wie ich es seit früher Kindheit wahrgenommen, erlebt und – ja – geliebt habe.

    Dieser Text ist kein politikwissenschaftlicher Lagebericht. Er ist auch keine Chronik aller Verwerfungen, die diese zwölf Monate hervorgebracht haben. Er ist persönlicher. Vielleicht auch sentimentaler. Denn es geht um den Verlust eines inneren Bildes: der USA als moralischem Bezugspunkt, als Freund, als Beschützer – als Sehnsuchtsort.

    Wie Amerika Teil meines Lebens wurde

    Meine Amerika-Sozialisation begann früh. 1968 lernte ich lesen mit Donald Duck und Micky Maus. Keine Helden mit Übermenschlichkeit, sondern Figuren mit Fehlern, Humor und einem unerschütterlichen Glauben daran, dass es am Ende irgendwie gut ausgeht. 1969 saß ich gebannt vor dem Fernseher und fieberte bei der Mondlandung mit. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“ – das war nicht nur Technikgeschichte, das war ein Versprechen.

    1978 ging ich als Schüler nach New York. Die Stadt war schmutzig, laut, manchmal beängstigend – und elektrisierend. Freiheit hatte hier einen Geruch, einen Soundtrack, eine Geschwindigkeit. 1990 durfte ich mit einem Promotionsstipendium nach Washington, D.C. Ich lernte Archive kennen, Debatten, die Ernsthaftigkeit eines Systems, das sich seiner Verantwortung bewusst war. Bis 2010 folgten immer wieder Aufenthalte in den USA. Teile meiner Familie leben bis heute über das Land verstreut – von der Ost- bis zur Westküste.

    Als Student in den 1980er-Jahren entdeckte ich meine Liebe zu Charles Bukowski. Seine brutale Ehrlichkeit, die Lakonie, der Trotz gegen jede Form von Selbstbetrug – all das war für mich eine andere, dunklere Variante des amerikanischen Way of Life. Allein seinetwegen hätte ich mir vorstellen können, die letzten Lebensjahre, die mir als Alsbald‑Rentner bleiben, in East Hollywood zu verbringen: nicht aus Nostalgie, sondern aus Nähe zu einer Wahrheit, die sich nichts vormacht. Dieser Traum ist nun ebenfalls geplatzt. Nicht weil Bukowski verschwunden wäre, sondern weil das Land, das solche Stimmen aushielt, sich selbst nicht mehr erträgt.

    Das amerikanische Versprechen

    Bei aller – oft berechtigten – Kritik und bei allen Schattenseiten waren die USA für mich immer vier Dinge zugleich: Erstens die Guten. Zweitens unser Freund. Drittens der Beschützer des Westens. Und viertens ein Traumziel.

    Nach einem Jahr Trump II haben sich diese Vorstellungen beim Blick über den Atlantik nahezu verflüchtigt.

    Die Erosion begann früher

    Natürlich begann dieser Prozess nicht erst 2025. Wer ehrlich ist, muss einräumen: Die Erosion setzte früher ein. Spätestens mit der ersten Trump-Präsidentschaft, vielleicht schon mit dem Irakkrieg, mit Guantánamo, mit der Finanzkrise. Aber es gab immer die Hoffnung auf Korrektur. Auf das berühmte amerikanische Pendel. Auf Institutionen, die stärker sind als ein Mann.

    Diese Hoffnung ist in den vergangenen zwölf Monaten in Siebenmeilenstiefeln zerstört worden, bis von ihr kaum noch was übrigblieb.

    Trump II: Kein Chaos mehr, sondern Programm

    Trump II ist nicht Trump I. Was in der ersten Amtszeit noch wie Chaos, Inkompetenz und Eitelkeit wirkte, erscheint heute als Generalprobe. Die zweite Amtszeit begann vorbereitet, organisiert, entschlossen. Loyalisten statt Fachleute. Dekrete statt Debatten. Drohungen statt Diplomatie.

    Der Ton hat sich verändert – und mit ihm die Substanz. Verbündete werden nicht mehr brüskiert, sondern offen verachtet. Internationale Abkommen gelten als Schwäche. Demokratie wird zur Verhandlungssache erklärt, abhängig vom eigenen Wahlergebnis. Medien sind nicht mehr nur Fake News, sondern konkrete Zielscheiben politischer Repression.

    Die gefährliche Normalisierung

    Was mich dabei am meisten erschüttert, ist nicht Trump selbst. Er ist, bei allem Entsetzen, eine bekannte Größe. Er tut, was er immer getan hat. Er sagt, was er immer gesagt hat. Er meint es diesmal nur ernster.

    Erschütternd ist etwas anderes: die Normalisierung. Die Normalisierung der Grenzüberschreitung. Die Normalisierung der Lüge. Die Normalisierung der offenen Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Und vor allem: die Normalisierung der Gleichgültigkeit. Ein Land, das einst stolz darauf war, „a city upon a hill“ zu sein, wirkt müde. Abgekämpft. Zynisch. Die großen Worte – Freiheit, Verantwortung, Führung – sind zu Requisiten in einem innenpolitischen Kulturkampf verkommen. Außenpolitik dient der Kränkung, nicht mehr der Ordnung der Welt.

    Europas strategische Zäsur

    Für Europa ist das mehr als ein Stimmungsproblem. Es ist eine strategische Zäsur. Jahrzehntelang konnten wir uns – manchmal bequem, manchmal naiv – darauf verlassen, dass im Ernstfall jemand da ist, der es gut meint mit dem Westen. Nicht immer klug, nicht immer selbstlos, aber im Kern verlässlich.

    Diese Verlässlichkeit ist weg. An ihre Stelle ist eine transaktionale Logik getreten: Was bringt es uns? Wer zahlt? Wer ordnet sich unter? Freundschaft wird bilanziert, Sicherheit privatisiert, Solidarität verspottet.

    Und ja, Europa hätte früher erwachsen werden müssen. Ja, wir haben uns zu lange in moralischer Überlegenheit eingerichtet. Aber all das ändert nichts an der Tatsache, dass der Verlust der USA als stabilisierender Faktor ein historischer Einschnitt ist.

    Abschied von einem alten Freund

    Für mich persönlich fühlt es sich an wie der Abschied von einem alten Freund, den man nicht wiedererkennt. Jemand, mit dem man Erinnerungen teilt, gemeinsame Werte, gemeinsame Siege und Niederlagen – und der nun in einer Sprache spricht, die einem fremd geworden ist.

    Ich weiß, dass es die anderen USA noch gibt. Die Professorin in Boston. Den Erdnussfarmer in Georgia. Die Krankenschwester in Seattle. Die Studentinnen in Yale und Stanford. Menschen, die verzweifelt zusehen, wie ihr Land sich resend schnell von etwas entfernt, das sie selbst verkörpern: Toleranz und Weltoffenheit. Aber sie sind leiser geworden. Oder wurden leise gemacht.

    Vielleicht ist das der schmerzhafteste Punkt: Nicht der Aufstieg des Autoritären, sondern der Rückzug des Liberal-Demokratischen aus dem öffentlichen Raum. Aus Angst. Aus Erschöpfung. Aus dem Gefühl heraus, ohnehin nichts mehr ändern zu können.

    Ein Richtungsentscheid

    Ein Jahr Trump II reicht, um zu verstehen: Dies ist kein Betriebsunfall. Es ist ein Richtungsentscheid.

    Ob er irreversibel ist, weiß ich nicht. Geschichte kennt Wendungen, Überraschungen, Comebacks. Aber sie kennt auch Kipppunkte. Momente, nach denen nichts mehr so wird wie zuvor.

    Der 20. Januar 2025 könnte ein solcher Moment gewesen sein.

    Ich schreibe diese Zeilen nicht aus antiamerikanischem Affekt. Im Gegenteil. Sie kommen aus einer tiefen Verbundenheit heraus. Aus Dankbarkeit für das, was dieses Land einmal war – und für das, was es mir gegeben hat.

    Gerade deshalb schmerzt der Abschied. Vielleicht ist es kein endgültiger. Vielleicht ist es nur ein langes, trauriges Auf Wiedersehen. Aber im Moment fühlt es sich an, als müsste ich ein inneres Kapitel schließen.

    Die USA waren für mich die Guten. Unser Freund. Der Beschützer des Westens. Eine feste positive Größe in meinem Weltbild.
    Heute, ein Jahr nach Trumps zweiter Amtseinführung, bleibt davon vor allem die Erinnerung.
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    Lesen Sie auch: Der Untergang des Abendlandes – Trump und wie er Europa sieht

  • 63 ist das neue 45 – mit Narkose

    63 ist das neue 45 – mit Narkose

    „Du musst dringend was machen lassen, siehst mittlerweile aus wie ne Bulldogge, die demnächst eingeschläfert gehört“, sagt die alte Schulfreundin.
    „Ich mach 5x/Woche was!“
    „Ich mein‘ nicht das blöde Fitness, sondern dein Gesicht. Zerknitterter als meine Bluse nach ner 2 Stunden Kochwäsche.“
    „So’n Botox-Zeug?“
    „Ein bisschen Botox hat noch keinem 63-jährigen geschadet. Und wenn du schon dabei bist: tausch die morschen Brücken gegen Implantate aus und lass die Augenlider straffen. Ein bisschen Fettabsaugen an den Hüften wäre auch nicht verkehrt.“
    „Nur über meine Leiche!“

    Das Gesicht als letzte Baustelle

    Aha. Mein Gesicht. Das eigentliche Problem. Zerknitterter als ihre Bluse nach zwei Stunden 90-Grad-Wäsche. Botox, Implantate, Augenlider, Hüften. Ein Komplettangebot, als wäre ich kein Mensch, sondern ein Altbau mit Schimmel, Asbest und unklarer Statik.

    Wir leben in einer Zeit, in der Altern nicht mehr vorgesehen ist. Jedenfalls nicht sichtbar. Falten sind kein Zeichen gelebten Lebens, sondern mangelnder Wartung. Wer mit über 60 aussieht wie über 60, hat etwas falsch gemacht. Oder schlimmer: aufgegeben.

    Früher wurde man alt. Heute altert man nur noch, wenn man es sich leisten kann, es zu kaschieren. Altern ist kein Naturprozess mehr, sondern ein Imageproblem.

    Der Körper als Dauerprojekt

    Der moderne Mensch ist nie fertig. Schon gar nicht mit sich selbst. Der Körper ist kein Zuhause mehr, sondern eine Baustelle. Und wer nichts macht, wird gemacht – nämlich aussortiert.

    Die Industrie hilft gern. Sie spricht nicht von Schnitten, sondern von Behandlungen. Nicht von Narben, sondern von Ergebnissen. Nicht von Angst, sondern von Selbstfürsorge.

    Die große Lüge vom gefühlten Alter

    „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“

    Ein Satz wie ein warmes Bad. Leider endet seine Glaubwürdigkeit beim Blick in den Spiegel. Oder beim Aufstehen aus dem Sessel. Oder beim Geräusch, das die Knie dabei machen. Das Gefühl mag jung sein. Die Oberfläche ist es nicht. Und genau hier setzt die ästhetische Medizin an. Sie verspricht Ausgleich. Innen 45, außen bitte synchron.

    Botox kann viel – nur keine Zeit anhalten

    Was dabei gern verschwiegen wird: Altern ist kein Softwareproblem. Botox ist kein Update. Es lähmt Muskeln, nicht Jahrzehnte. Implantate ersetzen Zähne, nicht Biografien. Fettabsaugung entfernt Fett, aber nicht die Jahre, in denen man gelernt hat, sich selbst zu belohnen.

    Aber Hoffnung verkauft sich besser als Realität. Und die Hoffnung lautet: Vielleicht merkt es ja keiner.

    Die Vergleichshölle

    Wir sind umgeben von Siebzigjährigen, die aussehen, als hätten sie einen Wartungsvertrag mit der Ewigkeit. Prominente, Nachbarn, LinkedIn-Profile mit Fotos aus der Ära Schröder I. Der Vergleich ist permanent. Und er ist brutal.

    Wer nicht mithält, fällt auf. Wer auffällt, verliert. Sichtbares Altern ist heute ein Wettbewerbsnachteil.
    Männer holen auf – leider

    Lange durften Männer altern. Grau galt als interessant, Bauch als souverän, Falten als Zeichen von Denken. Diese Zeiten sind vorbei.
    Heute gilt auch für Männer: Wer nicht optimiert, wird überholt. Der Bauch ist kein Genuss mehr, sondern Disziplinlosigkeit. Die Falte kein Denkmal, sondern ein Makel. Der alternde Mann ist nicht mehr würdevoll, sondern verdächtig.

    Es bleibt nie beim „bisschen“

    „Ich hab ja nur ein bisschen machen lassen.“

    Das ist der Satz, mit dem alles beginnt. Ein bisschen Botox hier, ein bisschen Lidstraffung da. Man will ja nur wieder aussehen wie man selbst – nur weniger müde, weniger vergangen.

    Das Problem: Wer anfängt, sieht plötzlich überall Defizite. Ist die Stirn glatt, stört der Mundwinkel. Sind die Augen offen, wirkt der Hals beleidigt. Der Körper wird zur Excel-Tabelle voller Optimierungspotenziale.

    Wenn Gesichter ihre Geschichte verlieren

    Irgendwann kippt es. Dann sieht man nicht jünger aus, sondern gemacht. Nicht gepflegt, sondern bearbeitet. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ein ästhetisches.

    Der Körper altert im Zusammenhang. Wenn man einzelne Teile herausoperiert, zerfällt oft das Ganze. Junges Gesicht, alter Gang. Glatte Haut, müde Augen.

    Instagram-Filter trifft Treppenhaus.

    Natürlich gibt es gute Gründe
    Ja, es gibt sie. Medizinische, funktionale, nachvollziehbare. Hängende Lider, die das Sichtfeld einschränken, sind kein Charaktertest. Rekonstruktionen nach Krankheit oder Unfall sind keine Eitelkeit. Und wer sich wohler fühlt, wenn der Spiegel nicht jeden Morgen „Endstadium“ ruft, hat jedes Recht zu handeln.
    Der entscheidende Punkt ist nicht der Eingriff. Es ist der Grund.

    Selbstfürsorge oder Selbstverleugnung?

    Will ich etwas machen lassen, weil ich mich selbst kaum noch ertrage? Oder weil ich Angst habe, im Vergleich alt auszusehen? Will ich mir etwas Gutes tun – oder renne ich einem Ideal hinterher, das sich permanent verschiebt?

    Denn dieses Spiel ist nicht zu gewinnen. Die Zeit ist ein geduldiger Gegner. Sie lässt sich irritieren, aber nicht besiegen. Jede OP kauft Aufschub, keine Erlösung.

    Wenn Pflege in Panik kippt

    Irgendwann übersteigt der Aufwand den Ertrag. Dann wird aus Pflege Nervosität. Aus Optimierung Angst. Aus Selbstbestimmung Zwang.
    Man erkennt es daran, dass der Spiegel nicht mehr konsultiert, sondern bekämpft wird.

    Die große gesellschaftliche Ausrede

    Besonders unerquicklich ist die Behauptung, all das sei eine rein private Entscheidung. Ist es nicht. Jede geglättete Stirn verschiebt die Norm. Jedes „Sieht man gar nicht!“ erhöht den Druck auf alle, bei denen man es sieht.

    Wir altern nicht mehr gemeinsam. Wir konkurrieren.

    Die eigentliche Zumutung

    Vielleicht sollten wir die Frage neu stellen. Nicht: Soll man im Alter Schönheits-OPs machen lassen oder nicht?
    Sondern: Halten wir es überhaupt noch aus, alt auszusehen?

    Nicht heroisch. Nicht würdevoll. Sondern einfach sichtbar.

    Alter als Marktsegment

    Was dabei gern übersehen wird: Altern ist inzwischen ein lukratives Marktsegment. Die Generation, die früher als „alt“ galt, heißt heute „Best Ager“ und verfügt über Zeit, Geld und diffuse Angst. Eine ideale Zielgruppe.

    Die Botschaft ist immer dieselbe: Du darfst alt sein – aber bitte nicht danach aussehen. Du darfst Erfahrung haben – aber keine Spuren davon. Das Alter wird toleriert, solange es unsichtbar bleibt.

    Würde ist kein Verkaufsargument

    „Würdevoll altern“ klingt gut, verkauft sich aber schlecht. Würde hat keinen Vorher-Nachher-Effekt. Keine Rabattaktion. Keine Ratenzahlung.

    Die ästhetische Industrie dagegen liefert klare Versprechen: jünger, frischer, straffer. Nicht glücklicher, wohlgemerkt. Aber konkurrenzfähig. Und das reicht offenbar.

    Stille Verachtung fürs Alte

    Hinter all dem steckt etwas Unangenehmes: eine tiefe Abneigung gegen sichtbares Alter. Alte Haut gilt als unästhetisch, alte Körper als störend, alte Gesichter als Zumutung.

    Man sagt es nur nicht mehr so. Man nennt es jetzt Optimierung.

    Illusion der Kontrolle

    Schönheits-OPs verkaufen Kontrolle. Die Vorstellung, man könne den eigenen Verfall managen wie ein Projekt. Checklisten statt Schicksal.

    Das funktioniert eine Weile. Und dann nicht mehr. Spätestens dann, wenn trotz aller Eingriffe das Alter zurückblickt – nicht im Gesicht, sondern im Gang, im Tempo, in der Erschöpfung.

    Wenn Altern wieder sichtbar wird

    Das ist der Moment, in dem viele noch mehr machen lassen. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Trotz. Gegen die Erkenntnis, dass der Körper kein Vertragspartner ist, sondern ein eigenwilliger Mitbewohner.

    Was bleibt

    Vielleicht wäre es an der Zeit, dem Alter wieder etwas Platz einzuräumen. Nicht als Heldentat, sondern als Normalität. Nicht jede Falte ist ein Problem. Nicht jede Veränderung eine Katastrophe.

    Das heißt nicht, dass man nichts machen darf. Aber vielleicht, dass man nicht alles muss.

    Ein letzter Blick

    Die Bulldogge im Spiegel jedenfalls hat mir heute Morgen wieder zugezwinkert. Nicht optimiert, nicht gestrafft, nicht verhandlungsbereit. Ich habe zurückgezwinkert. Mit beiden, leicht hängenden Lidern. Und ohne Termin beim Chirurgen.

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    Lesen Siue auch: Gesund sterben wollen wir alle
    Ich laufe, also bin ich noch

  • Vom Sonntagsbraten zum Deutschland-Korb

    Vom Sonntagsbraten zum Deutschland-Korb

    Als Essen noch kein politisches Thema war

    In meiner Kindheit, in den 60er- und 70er-Jahren, war Essen vor allem eines: berechenbar. Lebensmittelpreise kannten im Alltag kaum Überraschungen. Butter kostete, was Butter eben kostete, Brot war Brot, und Fleisch gab es sonntags. Nicht, weil es so teuer war, sondern weil es etwas Besonderes blieb. Niemand sprach von „Inflation an der Kühltheke“, niemand verglich Preise über Apps oder scannte Grundpreise pro 100 Gramm. Gegessen wurde, was da war – und gekocht wurde zu Hause.

    Natürlich war damals nicht alles billiger. Der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel am Einkommen lag deutlich höher als heute. Aber die Preise bewegten sich langsam, verlässlich, fast geräuschlos. Das Gefühl permanenter Verteuerung, dieses ständige „Schon wieder teurer?“, kannte man nicht. Essen war kein politisches Thema, sondern Teil des Alltags.

    Teurer geworden – aber nicht unbezahlbar

    Heute ist das anders. Lebensmittel sind teurer geworden. Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern eine statistische. Seit 2020 haben sich viele Preise um rund ein Drittel erhöht. Butter, Obst, Gemüse – alles Dinge, die man nicht aus Luxus kauft, sondern weil man essen muss. Gleichzeitig gilt: Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland ein Niedrigpreisland. Wer einmal in Frankreich, Italien oder Skandinavien an der Supermarktkasse stand, weiß, dass „teuer“ ein sehr relativer Begriff ist.

    Die Politik greift nach dem Einkaufswagen

    Und doch greift nun die Politik nach dem Einkaufswagen. Genauer: die SPD. Aus ihrer Ideenküche stammt der Vorschlag eines sogenannten „Deutschland-Korbs“ – eines Bündels aus günstigen, preisstabilen, in Deutschland produzierten Grundnahrungsmitteln. Freiwillig angeboten vom Handel, gut sichtbar für die Kundschaft, gedacht als schnelle Entlastung für Verbraucher. Ein griffiger Name, ein verständliches Anliegen – aber ein Konzept, das bei näherem Hinsehen mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

    Günstiger als günstig?

    Zunächst die Grundannahme: Der Handel soll günstiger verkaufen. Aber günstiger als was? Als die ohnehin knallhart kalkulierten Eigenmarken? Als die Preise, die im europäischen Vergleich bereits niedrig sind? Wer glaubt, dass zwischen Molkerei, Schlachthof, Logistik, Energie, Personal und Miete noch nennenswerte Luft steckt, verwechselt politische Wunschvorstellungen mit betriebswirtschaftlicher Realität.

    Freiwillig – und trotzdem flächendeckend?

    Dann die Freiwilligkeit. Der Deutschland-Korb soll freiwillig sein – und gleichzeitig flächendeckend wirken. Das erinnert an Diätvorsätze am Neujahrstag: gut gemeint, aber ohne Durchschlagskraft. Warum sollte ein Händler mitmachen, wenn der Wettbewerber zwei Straßen weiter es nicht tut? Und wenn alle mitmachen – wer definiert dann, was „preisstabil“ ist und wie lange diese Stabilität gelten soll?

    Deutsch produziert, billig verkauft?

    Noch komplizierter wird es beim Etikett „in Deutschland produziert“. Das klingt nach Regionalität, Versorgungssicherheit und fairen Bedingungen. In der Praxis aber heißt es: höhere Produktionskosten. Deutsche Standards sind teuer – aus gutem Grund. Doch genau diese Kosten stehen im Widerspruch zum politischen Wunsch nach dauerhaft niedrigen Preisen. Beides zugleich geht nur, wenn jemand die Differenz trägt. Die Frage ist: Wer?

    Am Ende zahlt immer jemand

    Der Staat? Dann reden wir über Subventionen, also Steuergeld. Der Handel? Dann schrumpfen Margen, die ohnehin nicht üppig sind. Die Hersteller und Landwirte? Dann konterkariert man das Ziel fairer Erzeugerpreise gleich mit. Oder am Ende doch der Verbraucher – über kleinere Packungen, geringere Auswahl oder Qualitätseinbußen?

    Mehr Symbol als Lösung

    Der Deutschland-Korb ist damit weniger ein wirtschaftliches Instrument als ein politisches Symbol. Er signalisiert Handlungsbereitschaft, ohne das Grundproblem zu lösen: Lebensmittel sind teurer geworden, weil Energie, Löhne, Rohstoffe und Regulierung teurer geworden sind. Das lässt sich nicht wegkörben.

    Die offene Rechnung

    Vielleicht wäre mehr Ehrlichkeit hilfreicher als neue Wortschöpfungen. Ja, Essen kostet mehr. Nein, Deutschland ist kein Hochpreisland. Und ja, soziale Entlastung ist notwendig – aber sie lässt sich nicht dauerhaft an der Supermarktkasse organisieren. Wer Grundversorgung sichern will, muss Einkommen stärken oder gezielt unterstützen, nicht den Einkaufskorb neu erfinden.

    Denn am Ende bleibt die einfache Frage: Wer trägt den Deutschland-Korb nach Hause? Und wer bezahlt ihn wirklich?
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    Bauer als Feindbild

    Bild: Pixabay

  • Dry January: 1 Monat Verzicht, 11 Monate Ausrede

    Dry January: 1 Monat Verzicht, 11 Monate Ausrede

    „Mein Vorsatz fürs Neue Jahr: Ich trink nix im Januar. Nullkommanull, Zero, nada. Hab das jetzt schon 5 Tage durchgezogen“, erklärt Clemens, ein notorischer Schluckspecht, vorgestern Abend bei unserer allmonatlichen Skatrunde.
    „Respekt, Bro!“, sagt Klaus und passt dann bei 23.
    „Und du, Henning; du sagst nichts dazu?“
    „Was soll ich dazu sagen?“
    „Du könntest beispielsweise sagen: Finde ich super, Clemens. Wenn du das schaffst, bin ich stolz auf dich.“
    „So einen Kack soll ich erzählen?“, antworte ich, während ich versuche, mit 1 Buben und auch sonst nur Mist auf der Hand mein Spiel zu machen, weil ich eben dummerweise 24 gesagt hatte.
    „War klar, dass man es einem protestantischen Abstinenzler nicht recht machen kann. Menschen wie dir geht jegliche Sinnenfreude ab. Ein buddhistischer Mönch in einem tibetischen Kloster führt ein lustvolleres Leben als du.“
    „Lasst uns nicht streiten, sondern aufs Spiel konzentrieren“, sagt Klaus und trumpft mit der Kreuz 10 mein Ass Herz, weil ich nicht aufmerksam mitgezählt hatte. „Ich bin auf jeden Fall stolz auf dich. Die restlichen 26 Tage schaffst du locker.“
    „Und danach kannst du dir mit gutem Gewissen wieder die Kante geben“, sage ich, zähle den vor mir liegenden Kartenstapel, komme nur auf 59 und fluche: „Scheiße!“
    „Hör nicht auf ihn, Clemens. Der ist nur sauer, weil er heute Abend mal wieder verliert, der Mann mit dem klarsten Kopf von uns allen. Auch nach 10 Jahren Abstinenz spielt Henning wie ein somnambuler Alki, der große Probleme mit der Impulskontrolle hat.“
    „Leck mich“, sage ich und reize dann bis 36, weil ich auch das nächste Spiel unbedingt spielen will. „Morgen sind es bloß noch 25 Tage. Schau’n wir mal, ob du das ohne Turkey hinbekommst“, erwähne ich noch und danach spiele ich einen Herz ohne 4.
    „Du bist so ein Arsch“, jammert Clemens.
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    Trockener Januar: Detox fürs Gewissen

    Kaum ist das Silvesterkonfetti aus den Teppichen gesaugt, beginnt wieder die Zeit der kollektiven Selbstoptimierung. Fitnessstudios verzeichnen Neuanmeldungen von Menschen, die man dort ab Februar nie wieder sehen wird, Kühlschränke füllen sich mit Chiasamen, und irgendwo zwischen guter Vorsatz und Selbstbetrug taucht jedes Jahr aufs Neue ein alter Bekannter auf: der Dry January.

    Ein ganzer Monat ohne Alkohol. Kein Bier. Kein Wein. Kein „Ach komm, ist ja nur ein Glas“. Stattdessen Leitungswasser, Kräutertee und das wohlige Gefühl moralischer Überlegenheit. Die Idee stammt aus Großbritannien, wo Alkohol nicht nur gesellschaftliches Schmiermittel, sondern handfestes Gesundheitsproblem ist. Dort gilt er seit Jahren als eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15 und 49 Jahren – eine Statistik, die den Begriff „Feierabendbier“ in ein eher ungünstiges Licht rückt. In Deutschland sieht es, wenig überraschend, kaum besser aus.

    Die Verheißungen des trockenen Januars klingen entsprechend paradiesisch: besserer Schlaf, Gewichtsverlust, schönere Haut, stabileres Immunsystem, klarerer Kopf. Kurz: Man wacht nach 31 Tagen als eine Art alkoholfreie Version seiner selbst auf – jünger, wacher, moralisch einwandfrei. Kein Wunder also, dass ich jedes Jahr eine ganze Reihe Menschen kenne, die in der Silvesternacht mit glasigen Augen schwören, ab morgen „erst mal gar nichts“ zu trinken. Wir reden hier ausdrücklich über Alkohol. Januar ohne Zucker, Nikotin, Sex oder soziale Medien lassen wir außen vor – wobei ein Monat ohne Instagram für viele vermutlich schmerzhafter wäre als ein Jahr ohne Schnaps.

    31 trockene Tage sind besser als 31 nasse – Überraschung

    Fangen wir mit einer banalen Wahrheit an: 31 Tage ohne Alkohol sind für Körper und Geist besser als 31 Tage mit Alkohol. Das ist keine gewagte These, sondern Biologie. Alkohol ist ein Zellgift. Punkt. Eine Pause davon ist nie verkehrt, ganz egal, wie sehr die Weinlobby etwas anderes behauptet.

    Neuere Studien zeigen sogar, dass sich bereits nach vier Wochen messbare Effekte einstellen: Der Blutdruck sinkt, die Insulinsensitivität verbessert sich, Leberfett wird abgebaut. Auch der Schlaf wird tatsächlich tiefer – nicht weil man früher ins Bett geht, sondern weil Alkohol die nächtliche Regeneration sabotiert. Selbst die oft belächelte Sache mit der Haut stimmt: weniger Entzündungen, weniger aufgedunsene Gesichter, weniger „Ich-habe-gestern-nur-zwei-Gläser-getrunken“-Augen.

    Das Problem ist nur: All diese Effekte sind reversibel. Der Körper freut sich über die Pause, aber er vergisst auch schnell. Wer ihm ab Februar wieder regelmäßig Ethanol zuführt, darf sich darauf verlassen, dass Blutdruck, Schlafqualität und Leberwerte ebenso zuverlässig zurückkehren wie der Kater am Sonntagmorgen.

    Das eigentliche Problem beginnt am 1. Februar

    Der trockene Januar scheitert nicht am Januar. Er scheitert am Februar. Wer am 31. Januar stolz verkündet, man habe nun „bewiesen“, dass man kein Problem habe, und sich zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein öffnet, hat exakt gar nichts verstanden. Ein Monat Abstinenz kompensiert kein Jahr Überkonsum. Das ist ungefähr so, als würde man im August einmal Salat essen und erwarten, dass sich das auf die Weihnachtsfigur auswirkt.

    Der trockene Januar kann nur dann sinnvoll sein, wenn er als Startpunkt gedacht ist – nicht als Ausnahmezustand. Und genau hier wird es unerquicklich, denn man muss die Menschen nun einmal grob in drei Gruppen einteilen:

    Typ A trinkt gelegentlich, kennt seine Grenzen und braucht keinen Aktionsmonat, um sonntagabends Wasser zu bestellen.
    Typ B trinkt regelmäßig. Kein Absturz, aber kaum ein Abend ohne Alkohol.
    Typ C trinkt regelmäßig und deutlich zu viel. Filmrisse inklusive.

    Drei Typen, drei Effekte – und nur einer profitiert halbwegs
    Typ A braucht keinen trockenen Januar. Er macht vielleicht mit, weil es gerade en vogue ist oder weil der Partner zu Typ B oder C gehört. Medizinisch ist der Effekt überschaubar, psychologisch nett, aber entbehrlich.

    Typ C hingegen wird mit einem Monat nichts reißen. Falls er ihn überhaupt durchhält. Und falls doch, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er im Februar genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat – nur mit dem guten Gefühl, es „ja schon mal geschafft“ zu haben. Für diese Gruppe sind Kampagnen, Challenges und Lifestyle-Hacks ungefähr so hilfreich wie ein Pflaster bei offenem Bruch. Hier helfen nur professionelle Unterstützung, Therapie, Selbsthilfe – und ja: oft lebenslange Abstinenz. Alles andere ist Selbstbetrug mit Filterkaffee-Aroma.

    Bleibt Typ B. Und nur hier entfaltet der trockene Januar eine gewisse Berechtigung. Für Menschen, die sich an den täglichen Alkohol gewöhnt haben, kann ein Monat Pause tatsächlich ein Augenöffner sein. Neuere Langzeituntersuchungen zeigen, dass ein Teil der Dry-January-Teilnehmer auch Monate später noch weniger trinkt als zuvor. Nicht alle – aber einige. Und das ist mehr, als man von den meisten Neujahrsvorsätzen behaupten kann.

    Medizinisch begrenzt – psychologisch nicht völlig nutzlos

    Bringt der trockene Januar also medizinisch viel? Nein. Dafür ist er zu kurz. Die Leber applaudiert höflich, das war’s. Wer 334 Tage im Jahr trinkt, kann nicht erwarten, dass der Körper sich mit 31 Tagen Pause zufriedengibt.

    Aber: Der Januar kann ein Denkanstoß sein. Eine Art Probewohnen in einem Leben mit weniger Alkohol. Für Menschen, die bei „lebenslang verzichten“ sofort innerlich kündigen, ist ein Monat überschaubar genug, um ihn überhaupt zu versuchen. Der Dry January ist keine Therapie, sondern PR. Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Konsum. Und das ist, bei aller berechtigten Kritik, nicht nichts.

    Das Problem bleibt nur: Ausgerechnet die, die am dringendsten etwas ändern müssten, profitieren am wenigsten davon. Und die, die ohnehin halbwegs vernünftig trinken, können sich danach selbstzufrieden auf die Schulter klopfen.

    Also alles Quatsch? Nicht völlig nein. Leider auch nicht ja.

    Heißt das, wir können uns den trockenen Januar sparen? Jein. Wer fest vorhat, ab Februar wieder nahtlos weiterzutrinken wie zuvor, kann sich den Aufwand tatsächlich sparen und stattdessen direkt ehrlich zu sich selbst sein. Wer den Monat hingegen nutzt, um dauerhaft etwas zu verändern – von täglich zu gelegentlich, von regelmäßig zu bewusst –, für den kann der Januar der Startschuss sein.

    Das werden nicht viele sein. Aber selbst wenn es nur wenige sind, ist der Schaden gering und der mögliche Nutzen vorhanden. Nur sollte man sich nichts vormachen: Ein Monat ohne Alkohol macht niemanden gesund. Er zeigt höchstens, wie es sich anfühlen könnte, wenn man weniger trinkt.

    Und das ist vielleicht die ehrlichste Botschaft des Dry January: Nicht der Januar ist das Problem. Die restlichen elf Monate sind es.

    PS: Falls Sie in der kommenden Silvesternacht wieder überlegen, beim Dry January mitzumachen: Lesen Sie diesen Text ruhig noch einmal. Vorausgesetzt, Sie finden ihn wieder. Und erinnern sich. Was erfahrungsgemäß unwahrscheinlicher ist als ein alkoholfreier Februar.

    PPS. Was mit Clemens passiert ist? Der hat nach der Skatrunde im Spätie eine Pulle Wodka gekauft und die noch am selben Abend zur Hälfte geleert. „Schuld bist du, Henning“, erklärt mir Klaus gestern am Telefon, „weil du unseren gemeinsamen Freund völlig demotiviert hast.“  – „Er kann ja im Januar 2027 den nächsten Versuch starten. Wenn er dann noch lebt“, antworte ich. – „Du bist so ein Arsch.“
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  • Der Alte aus Rhöndorf

    Der Alte aus Rhöndorf

    Nähe und Distanz

    Gäbe es ein nicht-karnevalistisches rheinisches Dreigestirn des 20. Jahrhunderts, es würde aus Konrad Adenauer, Wolfgang Overath Overath und Willy Millowitsch bestehen. Diese drei gehören zu Köln wie der Dom zur Silhouette, der Rhein zum Lebensgefühl und der Karneval zur Sinnenfreude. Sie stehen für Politik, Fußball und Bühne, für Macht, Leidenschaft und Humor – und damit für jene rheinische Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, ohne die diese Stadt kaum zu denken ist.

    Am 5. Januar jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Ein Datum, das in Geschichtsbüchern fett gedruckt gehört, im Alltag aber leicht untergeht. Und doch: Wer, wie ich, im Bonner Süden lebt, kommt an Adenauer schlicht nicht vorbei. Die Adenauerallee zieht sich wie eine historische Magistrale am Rhein entlang, die Villa in Rhöndorf liegt nur einen kurzen Ausflug entfernt, sein Name prangt an Schulen, Stiftungen, Brücken, Preisen. Adenauer ist hier keine ferne Figur aus dem Schwarzweiß-Fernsehen, sondern Teil der Topografie.

    Und trotzdem ist da eine merkwürdige Distanz. Selbst ich, Ü60, kenne die Geschichten über „den Alten“ vor allem vom Hörensagen. Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, die ihn erlebt haben: als knorrigen Patriarchen, als sturen Rheinländer, als jemanden, der mit 73 Jahren Kanzler wurde und mit 87 immer noch regierte. Adenauer ist für meine Generation weniger Erinnerung als Überlieferung. Vielleicht ist gerade das ein guter Anlass, ihn neu zu betrachten – mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre.

    Der Alte und der Neubeginn

    Adenauer war kein Mann der großen Gesten. Er war kein Charismatiker im modernen Sinne, keiner, der mitreißende Reden hielt oder Visionen in poetische Bilder goss. Seine Stärke lag woanders: im Beharren, im Taktieren, im nüchternen Machtinstinkt. „Keine Experimente“ – dieser Satz bringt nicht nur einen Wahlkampf, sondern eine ganze politische Haltung auf den Punkt. Nach 1945 war das vielleicht genau das, was ein zerstörtes, moralisch diskreditiertes Land brauchte.

    Zu seinen unbestreitbaren Verdiensten gehört die konsequente  Neuorientierung der jungen Bundesrepublik. Adenauer entschied sich früh und klar für die Anbindung an die westlichen Demokratien, für die Integration in europäische und transatlantische Strukturen. Diese Entscheidung war keineswegs alternativlos. Sie bedeutete, die deutsche Teilung zunächst zu akzeptieren und Hoffnungen auf eine schnelle Wiedervereinigung hintanzustellen. Adenauer hat dafür viel Kritik geerntet – und doch zeigt die Rückschau, wie weise diese Weichenstellung war.

    Annäherung an Israel und Grundsteinlegung für ein friedliches Europa

    Zu den leisen, aber historisch besonders gewichtigen Linien seiner Politik gehört die allmähliche Annäherung an Israel. In einer Zeit, in der offene Kontakte politisch wie gesellschaftlich hoch umstritten waren, suchte Adenauer den Weg der Verantwortung. Das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952 war kein Akt der Versöhnung im emotionalen Sinn, sondern ein nüchternes, zugleich mutiges politisches Signal: Deutschland bekannte sich zu seiner Schuld gegenüber den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Diese Annäherung blieb vorsichtig, oft technokratisch, aber sie legte den Grundstein für die späteren diplomatischen Beziehungen – und für ein Verhältnis, das bis heute von besonderer historischer Verpflichtung geprägt ist.

    Die Montanunion, aus der später die Europäische Gemeinschaft und schließlich die Europäische Union hervorgingen, war mehr als ein wirtschaftliches Projekt. Sie war der Versuch, die alten Erbfeindschaften – allen voran zwischen Deutschland und Frankreich – durch gegenseitige Abhängigkeit zu überwinden. Kohle und Stahl, die Grundlage jeder Rüstungsindustrie, sollten gemeinsam verwaltet werden. Frieden durch Verflechtung. Auch das war Adenauer: ein Pragmatiker mit historischem Instinkt.

    Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Bedeutung der Rückholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955. Für viele Familien war das ein zutiefst persönlicher Moment, ein spätes Ende des Krieges. Adenauer reiste nach Moskau, verhandelte zäh und brachte Menschen zurück, die mancher schon abgeschrieben hatte. Politisch mag das Kalkül dahinter nüchtern gewesen sein, menschlich war es für viele ein Akt der Erlösung. Solche Gesten prägen das Bild eines Staatsmannes nachhaltig.

    Der Hobby-Erfinder

    Zu diesem Bild des nüchternen Machtpolitikers passt auf den ersten Blick kaum eine andere, fast liebenswerte Seite Adenauers: seine Leidenschaft fürs Erfinden. Adenauer war ein notorischer Tüftler, ein Hobby-Ingenieur mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Schon als Kölner Oberbürgermeister meldete er Patente an – etwa für eine verbesserte Sojawurst, die in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg Fleisch ersetzen sollte. Später beschäftigte er sich mit energiesparenden Backöfen und alternativen Heizmethoden. Vieles davon war technisch unausgereift oder wirtschaftlich erfolglos, aber es zeigt einen Mann, der Probleme nicht nur politisch, sondern auch praktisch lösen wollte. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein Politikstil: weniger Vision als Konstruktion, weniger Pathos als Funktionsfähigkeit.

    Die blinden Flecken

    Doch Adenauer nur zu würdigen hieße, ihn zu verklären. Gerade eine Kolumne darf – ja muss – die Schattenseiten benennen. Eine der schwersten Hypotheken seiner Kanzlerschaft ist der Umgang mit der NS-Vergangenheit. Adenauer setzte auf Integration statt auf umfassende Aufarbeitung. Das mag aus seiner Sicht staatspolitisch motiviert gewesen sein: Er wollte Stabilität, Funktionsfähigkeit, einen Neuanfang ohne permanente Selbstanklage. Der Preis dafür war hoch.

    Symbolisch dafür steht die Rolle Hans Globkes, Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt. Globke war Mitverfasser der Kommentare zu den Nürnberger Rassengesetzen – ein Faktum, das Adenauer kannte und bewusst in Kauf nahm. Globke galt als effizient, loyal, unersetzlich. Moralische Bedenken traten hinter politische Zweckmäßigkeit zurück. Dass dies bis heute irritiert, ja empört, ist mehr als verständlich.

    Auch insgesamt war Adenauers Interesse an einer tiefgehenden Aufarbeitung der NS-Verbrechen begrenzt. Viele Täter wurden rasch wieder integriert, Entnazifizierungsverfahren abgekürzt, belastete Biografien stillschweigend akzeptiert. Die junge Bundesrepublik funktionierte – aber sie tat es auf einem Fundament des Schweigens. Erst spätere Generationen, vor allem ab den 1960er- und 70er-Jahren, brachen die Grabesstille auf. Adenauer hat diesen Prozess nicht angestoßen, eher gebremst.

    Hier zeigt sich die Ambivalenz seiner Politik: Er war ein Staatsmann der Stabilisierung, nicht der moralischen Erneuerung.

    Alt trifft Jung: Adenauer und Kennedy

    Diese Ambivalenz wurde auch im persönlichen Auftreten sichtbar. Als John F. Kennedy 1963 Berlin besuchte, prallten Welten aufeinander. Hier der junge, dynamische amerikanische Präsident, mediengewandt, lässig, Projektionsfläche einer neuen Generation. Dort Adenauer, inzwischen 87 Jahre alt, misstrauisch gegenüber Kameras, skeptisch gegenüber Charisma und schnellen Bildern. Kennedy sprach zu den Massen, Adenauer dachte in Aktenvermerken und Machtachsen. Für viele Deutsche wirkte dieser Kontrast wie ein Blick in die Zukunft – und zugleich wie ein leiser Abschied von der politischen Ära des „Alten“. Vielleicht konnte er Letzteres auch gar nicht leisten. Vielleicht war seine Generation zu sehr verstrickt, zu sehr geprägt von autoritären Denkweisen und eigenen Verdrängungsmechanismen. Das entschuldigt nichts, erklärt aber manches.

    Macht und Abgang

    Adenauers Verhältnis zur Macht blieb bis zuletzt spannungsgeladen. Er klammerte sich an das Kanzleramt, überging mögliche Nachfolger und verschob seinen Rückzug immer wieder. Als er schließlich 1963 abtrat, wirkte der Abgang unerquicklich und unfreiwillig, eher Ergebnis parteiinterner Ermüdung als souveräner Entschluss. Der große Gestalter fand keinen großen Schlussakkord – vielleicht, weil Macht für ihn nie Mittel, sondern immer auch Zweck gewesen war.

    Wenn man heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, durch den Bonner Süden geht, kann man diese Ambivalenz fast körperlich spüren. Die gepflegten Villen, die ruhigen Straßen, der Blick auf den Rhein – all das atmet den Geist der alten Bundesrepublik: bürgerlich, westlich, stabil. Adenauer hat diesen Geist geprägt wie kaum ein anderer. Er hat dem Provisorium Bonn ein politisches Gewicht gegeben, das weit über seine Größe hinausging.

    Einordnung

    Am Ende bleibt die Frage: Wie ordnet man Adenauer ein? Für mich gehört er – bei aller Kritik – in die Reihe der großen Nachkriegs-Staatsmänner. Neben Charles de Gaulle, der Frankreich neu erfand und versöhnte, neben Alcide De Gasperi, der Italien demokratisch stabilisierte. Männer, die aus Trümmern Staaten formten, nicht perfekt, nicht frei von Fehlern, aber mit historischem Format.

    Adenauer war kein Held im moralischen Sinn. Er war ein Machtpolitiker mit klaren Prioritäten, begrenzter Empathie für Opfer jenseits seines Kalküls und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber allzu viel Selbstkritik. Und doch: Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus. Vielleicht unsicherer, vielleicht weniger fest verankert, vielleicht anfälliger für alte Versuchungen.

    150 Jahre nach seiner Geburt darf man Adenauer würdigen, ohne ihn übermäßig zu feiern. Man darf ihn kritisieren, ohne ihn zu verdammen. Und man darf – gerade hier im Bonner Süden – anerkennen, dass Historie manchmal näher ist, als sie scheint. Sie liegt nicht nur in Archiven, sondern auf unseren täglichen Wegen. Und sie bleibt widersprüchlich, so wie der Mann, der sie geprägt hat.

    Vielleicht liegt darin auch die leise Wehmut dieses Jubiläums: dass mit Adenauer nicht nur die Geschichte der eigenen Kindheit vorüberzieht, sondern eine überwiegend glückliche  politische Epoche immer mehr verblasst, die sich nicht mehr wiederholen lässt.
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  • Alles erklärt, nichts mehr gefühlt – warum Stranger Things am Ende sein Geheimnis einbüßt

    Alles erklärt, nichts mehr gefühlt – warum Stranger Things am Ende sein Geheimnis einbüßt

    „Hast du dir die letzte Staffel von Stranger Things angesehen?“, will die alte Schulfreundin wissen, als wir am (späten) Morgen des 1. Januar telefonieren, um uns gegenseitig ein vor allem gesundes Neues Jahr zu wünschen.
    „Die ersten 3 Episoden haben mich nicht vom Hocker gehauen“, sage ich.
    „Schau dir ALLE Folgen an, und im Anschluss setzt du dich an eine Kolumne. Das machst du doch gerne.“
    „Okay.“

    Und so habe ich den Neujahrsabend damit verbracht, mir den Rest von Stranger Things (und zwei Packungen gesalzene Chips) reinzuziehen.

    Eine Pause, die jede emotionale Bindung gekappt hat

    Es ist kein gutes Zeichen, wenn man das Staffelfinale einer Serie einschaltet und sich dabei ertappt, wie man sich fragt: Moment, worum ging es hier eigentlich noch mal genau? Wer ist tot, wer nicht, wer steckt im anderen Paralleluniversum fest – und warum überhaupt? Die Pause zwischen Staffel vier und fünf von Stranger Things war nicht einfach nur lang, sie war dramaturgisch tödlich. Zu viel Zeit, um sich emotional zu entkoppeln, zu viel Raum für andere Serien, andere Geschichten, andere Obsessionen.

    So beginnt das große Finale nicht mit Gänsehaut, sondern mit Rekapitulation. Mit innerem Nachschlagen. Mit dem unguten Gefühl, dass man eigentlich erst mal ein Previously-on bräuchte, das länger dauert als eine Episode.

    Wenn Nostalgie zur Dekoration verkommt

    Dabei war Stranger Things einmal genau das Gegenteil davon: eine Serie, die einen sofort hineinzieht, die nicht alles ausbuchstabiert, sondern andeutet, die Atmosphäre über Logik stellt. Das 80er-Jahre-Flair war dabei nie bloß Kulisse, sondern emotionale Abkürzung.

    In Staffel fünf wirkt diese Nostalgie jedoch zunehmend erschöpft. Fahrräder, Walkie-Talkies, Synthesizer, Neonfarben – alles schon gesehen, alles schon zitiert, alles schon bis zur Selbstparodie ausgereizt. Was früher liebevolle Referenz war, fühlt sich nun an wie ein Pflichtprogramm: Ach ja, wir sind ja immer noch in den Achtzigern. Das Stilmittel trägt nichts Neues mehr bei, es erinnert eher daran, wie frisch sich das alles einmal angefühlt hat.

    Vom Flüstern zum Dauerfeuer

    Und genau hier beginnt das eigentliche Problem dieser Staffel. Stranger Things hat sich von seiner eigenen Zurückhaltung verabschiedet. Wo früher das Unheimliche im Verborgenen lauerte, regiert nun die Dauerbeschallung aus Actionsequenzen, CGI-Monstern und dramatischen Kamerafahrten.

    Das Upside Down ist kein albtraumhafter Ort mehr, sondern ein digital aufpolierter Abenteuerspielplatz. Beeindruckend? Ohne Frage. Aber Spannung entsteht nicht durch Lautstärke. Sie entsteht durch Erwartung, durch Leere, durch das, was man nicht sieht. All das geht im Effektrausch verloren.

    Warum erklärtes Böses kein gutes Böses ist

    Der grundlegendste Fehler von Staffel fünf liegt jedoch tiefer – er ist konzeptionell. Das Böse, das über Jahre hinweg bewusst diffus blieb, wird nun greifbar gemacht, historisiert, motiviert. Ursprünge werden offengelegt, Zusammenhänge ausformuliert, innere Logiken präsentiert.

    Was als Mysterium begann, endet als Gegner mit Lebenslauf. Und damit verliert das Böse genau das, was es gefährlich gemacht hat: seine Unberechenbarkeit. Ein erklärter Schrecken ist kein Schrecken mehr, sondern ein Problem, das gelöst werden will. Ein Bosslevel. Kein Albtraum.

    Effekte statt Atmosphäre

    Man spürt in jeder Folge den Wunsch, noch größer, noch epischer, noch endgültiger zu sein. Doch je mehr gezeigt wird, desto weniger bleibt hängen. Die Serie vertraut nicht mehr auf das Unbehagen, sondern auf die Wucht.

    Das ist ein altes Serienproblem: der Glaube, dass ein Finale alles toppen muss, was zuvor war. Dabei hätte Stranger Things gerade am Ende von Reduktion profitiert. Von Dunkelheit. Von Stille. Von dem Mut, Dinge offen zu lassen.

    Dialoge, die mehr sagen – und weniger bedeuten

    Hinzu kommen Dialoge, die erschreckend oft wirken, als seien sie nicht geschrieben, sondern aus vorgefertigten Textbausteinen zusammengesetzt worden. Viel Pathos, viele bedeutungsschwere Pausen, viele Sätze, die offensichtlich dafür gedacht sind, zitiert zu werden – und genau deshalb leer bleiben.

    Emotion wird behauptet, nicht erzeugt. Figuren sagen, was sie fühlen, statt es zu zeigen. Man hört zu und merkt, wie einem langsam die Augenlider schwer werden. Das ist bequemes Erzählen. Und es ist langweilig.

    Will weint, der Zuschauer gähnt

    Am deutlichsten zeigt sich diese erzählerische Ermüdung im Coming-out von Will. Was eigentlich ein leiser, berührender Moment hätte sein können, wird zu einer überdehnten, künstlich aufgeladenen Tränendrüsen-Nummer. Jede Subtilität wird vermieden, jede Emotion mehrfach ausgestellt.

    Repräsentation ist wichtig – aber sie funktioniert nicht über Länge und Nachdruck, sondern über Wahrhaftigkeit. Über kleine Gesten, über Unsicherheit, über Vertrauen ins Publikum. All das fehlt hier. Stattdessen spürt man vor allem den Willen der Serie, etwas Bedeutendes zu tun. Und genau das macht den Moment so unecht.

    Ein Ende ohne Nachhall

    So bleibt vom großen Staffelfinale vor allem Ernüchterung. Nicht, weil Stranger Things plötzlich schlecht wäre – sondern weil es sich selbst nicht mehr traut. Es traut dem Geheimnis nicht, der Stille nicht, dem Unausgesprochenen nicht.

    Alles muss größer, lauter, eindeutiger werden. Und verliert dabei genau das, was diese Serie einst ausgezeichnet hat. Stranger Things verabschiedet sich mit viel Lärm – und erstaunlich wenig Nachhall.

    Und man bleibt zurück mit dem Gefühl, nicht nur eine Serie verloren zu haben. Sondern ein Geheimnis.
    +++

    „Und – wie fandst du das Finale?“, erkundigt sich die alte Schulfreundin gestern Abend per WhatsApp.
    „Lies morgen meine Kolumne. Da steht alles drin.“
    „Vorher drüber reden willst du nicht?“
    „Nein.“

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  • Warum wir lieber suchen als finden

    Warum wir lieber suchen als finden

    „Du kannst doch nicht für immer allein bleiben“, sagt die alte Schulfreundin, die seit Jahren in einer Beziehung feststeckt, die sie nur mit Sarkasmus und (zu viel) Rotwein erträgt, während sie sich hin und wieder unter einem Pseudonym beim Online-Dating tummelt.

    „Doch“, sage ich. „Das geht.“

    „Aber willst du das tatsächlich?“

    „Nein. Aber ich will den Rest auch nicht.“

    Damit sind wir schon im Thema. Partnersuche im fortgeschrittenen Erwachsenenalter ist kein romantisches Unterfangen mehr, sondern eine Abwägung zwischen zwei Übeln: Alleinsein oder Kompromiss. Wer behauptet, es gehe noch um große Gefühle, hält Wunschdenken für einen Plan oder verdient sein Geld mit Paartherapie.

    Ein bisschen Statistik, um die Illusion zu töten

    Gefühlt 80 Prozent der Menschen zwischen 40 und 60 sind entweder frisch getrennt, latent unzufrieden oder offiziell „offen für Neues“. Das ist keine belastbare Studie, sondern eine Kneipenstatistik, aber wie bei allen guten Statistiken stimmt die Richtung. Kaum jemand ist glücklich vergeben, kaum jemand wirklich gern allein. Die meisten dümpeln dazwischen wie Treibgut nach einem Beziehungs-Tsunami.

    Interessant ist: Alle suchen. Und fast alle klagen über dieselben Dinge. Die anderen seien schwierig, bindungsgestört, oberflächlich, egoistisch, psychisch angeschlagen oder schlicht unattraktiv. Niemand kommt auf die Idee, dass er selbst Teil des Problems sein könnte. Das wäre ja auch unerquicklich.

    Online-Dating: Der Markt regelt – leider

    Partnersuche ist heute Markt. Punkt. Angebot, Nachfrage, Selbstdarstellung, Konkurrenz. Wer das leugnet, ist entweder neu dabei oder hoffnungslos romantisch deformiert. Datingplattformen funktionieren wie Online-Shops. Man filtert, sortiert aus, legt Kriterien fest, die man früher nie formuliert hätte.

    „Nichtraucher, sportlich, humorvoll, emotional verfügbar, bitte ohne Altlasten.“ Altlasten – ein wunderschönes Wort für Kinder, Ex-Partner, Lebenserfahrung.

    Gleichzeitig bringt jeder selbst einen ganzen LKW davon mit.

    Man selbst ist das Produkt. Mit Bildern, Texten, Versprechen. „Reiselustig“, „tiefgründig“, „lache gerne“. Wer nicht gerne lacht, schreibt das natürlich nicht rein. Ehrlichkeit ist hier ein theoretisches Konzept.

    Die große Lüge vom Matching

    Uns wird suggeriert, Algorithmen könnten Passung berechnen. Als ließe sich Begehren mathematisch erfassen. In Wahrheit filtern diese Systeme nur grob vor: Alter, Entfernung, Bildungsgrad. Der Rest ist Zufall. Oder Pech.

    Das Matching erzeugt vor allem eines: die Illusion unbegrenzter Auswahl. Und diese Illusion ist Gift. Denn wer glaubt, es gäbe immer noch etwas Besseres, bleibt innerlich unverbindlich. Warum investieren, wenn der nächste Swipe vielleicht ein Upgrade bringt?

    So entsteht eine Generation emotionaler Leasingverträge. Jeder ist ersetzbar, niemand unverzichtbar.

    Kontaktaufnahme – oder: der stille Massenfriedhof

    Die meisten Nachrichten versanden. Das ist kein Drama, sondern Normalität. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sofort aufhören. Ghosting ist keine persönliche Beleidigung, sondern eine Effizienzmaßnahme. Die Postfächer quellen über. Selektion erfolgt brutal.

    Männer schreiben zu viel, Frauen antworten zu wenig – das alte Lied. Daraus resultieren Frust, Ressentiments und bizarre Theorien über das jeweils andere Geschlecht. Er glaubt, sie sei überheblich. Sie glaubt, er sei verzweifelt. Beide haben recht.

    Gespräche ohne Risiko

    Kommt es zum Austausch, ist alles merkwürdig glatt. Niemand will anecken. Niemand zeigt sich wirklich. Man spricht über Reisen, Essen, Serien. Tiefe wird behauptet, aber vermieden. Bloß nicht zu früh ehrlich sein. Ehrlichkeit könnte abschrecken. Und Abschrecken ist das Schlimmste, was passieren kann – noch schlimmer als sich selbst zu verlieren.

    Das Resultat sind Gespräche, die man nach zwei Tagen vergessen hat. Menschen werden austauschbar. Nicht, weil sie es sind, sondern weil man sie so behandelt.

    Das erste Treffen – 30 Sekunden Wahrheit

    Das erste Treffen ist gnadenlos. Innerhalb von Sekunden entscheidet sich alles. Stimme, Geruch, Präsenz. Dinge, die kein Profil abbildet. Danach läuft ein inneres Protokoll:

    – Könnte ich mir vorstellen, mit dieser Person aufzuwachen?
    – Würde mich ihre/seine Art auf Dauer nerven?
    – Ist genug Anziehung da, um mich selbst zu belügen?

    Häufige Antwort: nein.

    Dann folgt der Satz: „Du bist total nett, aber…“ Nett ist der diplomatische Begriff für: keinerlei erotische Relevanz. Nett ist Endstation.

    Warum es strukturell nicht funktioniert

    Die meisten scheitern nicht an einzelnen Begegnungen, sondern an systemischen Widersprüchen:

    Man will Nähe, aber keine Verpflichtung.
    Man will Freiheit, aber nicht allein sein.

    Man will verstanden werden, ohne sich erklären zu müssen.
    Man will einen reifen Partner, ist selbst aber kaum kompromissfähig.

    Hinzu kommt die Vorgeschichte. Jeder bringt Verletzungen mit, die angeblich verarbeitet sind. Spoiler: sind sie nicht. Man reagiert auf alte Muster, nicht auf den aktuellen Menschen. Ein falsches Wort, und die Vergangenheit übernimmt.

    Der Mythos der „richtigen Zeit“

    Oft heißt es: „Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“ Das ist Unsinn. Der Zeitpunkt ist fast nie richtig. Entweder ist man noch beschädigt von der letzten Beziehung oder bereits zynisch von der Suche. Das Zeitfenster emotionaler Offenheit ist schmal – und wird mit zunehmendem Alter eher kleiner.

    Illusionsverzicht als Überlebensstrategie

    Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, besser zu suchen, sondern weniger zu erwarten. Keine ewige Liebe, keine Seelenverwandtschaft, kein Hollywood-Finale, sondern: stattdessen funktionierende Nähe auf Zeit. Respekt. Humor. Sexuelle Anziehung. Und die Fähigkeit, sich wieder zu trennen, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

    Das ist unromantisch. Aber realistisch.

    Wer ohne Illusionen sucht, hat bessere Chancen, nicht bitter zu werden. Die Partnersuche wird dadurch nicht erfolgreicher, aber erträglicher. Und manchmal ist das schon ein Gewinn.

    Oder man lässt es ganz. Auch das ist legitim. Alleinsein ist kein Makel, sondern ein Zustand. Mit Vorteilen. Vor allem Ruhe.

    Und Ruhe, das stellt man irgendwann fest, ist ohnehin das attraktivste Beziehungsmodell.
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  • Essen ohne Illusionen

    Essen ohne Illusionen

    „Deine Kolumne über Fitness war total depri“, sagt die alte Schulfreundin, „am Ende wollte ich mich umbringen.“
    „Du hattest nen depri Text bestellt und hast einen depri Text bekommen“, antworte ich.
    „Du musst doch nicht alles, was ich sage, buchstabengetreu verstehen.“
    „Das höre ich heute zum ersten Mal von dir.“
    „Manchmal ist es besser, die Botschaft zwischen den Zeilen zu erkennen. Aber das war noch nie deine Stärke. Du nimmst alles wortwörtlich, wie ein kleines Kind.“
    „Okay, hab’s verstanden. Beim nächsten Mal achte ich auf die unausgesprochene Botschaft und mach’s weniger depri.“

    „Du solltest den Text ein zweites Mal schreiben: positiver, mit heiterer Grundnote: Weshalb es auch für 60-jährige sinnvoll und wichtig ist, regelmäßig ins Sportstudio zu gehen. Zuzüglich ein paar altersgerechte Fitnesstipps. Sowas in der Art.“
    „Ich schreibe doch nicht denselben Text 2x!!“
    „Warum nicht?“
    „Kein Kolumnist, der auf sich hält, tut das.“
    „Kein anständiger Mensch wird Kolumnist. Zumindest keiner, den ich außer dir kenne. Das ist ein Beruf für Taugenichtse.“
    „Hast du mir schon 100x gesagt.“

    „Dann schreib was über Ernährung“, ruft die alte Schulfreundin aus der Küche.
    „Davon habe ich NULL AHNUNG“, rufe ich vom Sofa zurück.
    „Seit wann haben Kolumnisten Ahnung davon, worüber sie schreiben? Das wäre mir neu … dieses Mal könnte ich dich dabei unterstützen. Denn von Kochen & gesunder Ernährung habe ich VIEL AHNUNG.“
    „Na gut, dann schreibe ich die nächste Kolumne über Ernährung. Warum nicht? Ist ein Thema wie jedes andere … zufrieden?“
    „Das weiß ich erst, wenn ich den Entwurf gelesen habe. Mein Tipp: weniger depri, mehr hoffnungsvoll. Also nicht: egal, wie gesund wir uns ernähren, wir sterben sowieso. Stattdessen: Bewusstes Essen kann dein Leben bereichern und verlängern.“
    „Ist das jetzt die Botschaft, oder gibt’s zusätzlich ne dahinter verborgene Message?“
    „Das ist DIE Botschaft! … und erwähne unbedingt, dass ich 1x/Woche liebevoll für dich koche und dadurch vor dem ansonsten unweigerlich bald eintretenden Junk-Food-Tod bewahre.“

    „Ich geh jetzt und setz mich zu Hause an den Text.“
    „Tu das. Und nimm was vom Blumenkohl-Kichererbsen-Auflauf mit. Den kannst du morgen Mittag in der Mikrowelle aufwärmen: 6 Minuten bei 400 Watt. NICHT 600 Watt!! Schaffst du das?“
    „Ich versuch’s.“

    Früher war essen einfach

    Und nun sitze ich am Schreibtisch und brüte darüber, was nicht allzu Depressives zum Thema „Ernährung im Alter“ zu Papier zu bringen. Hoffnungsvoll soll es sein. Heiter. Ernährung im Alter. Schon beim Tippen des Titels merke ich, wie mein Körper innerlich die Schultern hochzieht. Aber gut. Ich habe es versprochen. Und Versprechen sind im Alter ohnehin das Einzige, was man noch halbwegs einhält.

    Früher war Essen einfach. Ich aß, was mir schmeckte, und hörte auf, sobald nichts mehr da war. Heute rühre ich Sachen wie Chiasamen und Kurkuma drunter, wenn ein schlauer Ökotrophologe in einem auf Senioren zugeschnittenen Ratgeber das gegen vorzeitige Demenz empfiehlt. Oder ich zwinge mir trockenen Blumenkohl-Kichererbsen-Auflauf rein, den mir die alte Schulfreundin verpackt in einer Tupperdose (die ich ihr unbedingt zurückbringen soll) in die Hand drückt und dabei so schaut, als hätte sie gerade einen Hund aus dem Tierheim gerettet.

    Ernährung im Alter beginnt mit einer schmerzhaften Erkenntnis: Der Körper ist kein Verhandlungspartner mehr. Früher konnte ich ihn überreden. Mit Ausreden. Mit Sport am nächsten Tag. Mit guten Vorsätzen. Heute reagiert er sofort. Und zwar beleidigt. Auf Fett. Auf Zucker. Auf Alkohol. Auf alles, was früher ein halbwegs erträgliches Leben ausgemacht hat. Der Körper hat irgendwann beschlossen, ab jetzt ehrlich zu sein. Brutal ehrlich. Ohne Kulanz.

    Dabei geht es gar nicht darum, ab sofort geregelten Stuhlgang zu haben und kein Sodbrennen mehr zu bekommen. Das funktioniert nur in der Werbung für kleine, sündhaft teure, Trinkjoghurts. Es geht vielmehr darum, nicht aktiv gegen sich selbst zu arbeiten. Ein Ziel, das mit zunehmenden Jahren immer ambitionierter wird. Man ersetzt Dinge. Nicht mutig. Nicht radikal. Sondern aufgrund altersbedingter Vorsicht und schrittweise. Weißbrot durch etwas, das aussieht wie Baustoff. Wurst durch veganen Aufstrich. Sahnesoße durch die Erinnerung daran, wie Sahnesoße geschmeckt hat.

    Das Erstaunliche: Man gewöhnt sich schneller daran, als einem lieb ist. Nach drei Wochen schmeckt das Zeug nicht mehr schlecht, nur noch egal. Nach sechs Wochen verteidigt man es. Nach drei Monaten hört man sich Sätze sagen wie: „Eigentlich fehlt mir nichts.“ Spätestens dann sollte man kurz innehalten und prüfen, ob noch alles mit einem stimmt.

    Warum Männer bei Junk Food schwachwerden

    Missverstanden wird oft die männliche Liebe für Junk Food. Big Mac. Whopper. Chicken Wings. Döner. Pommes. Das ist keine Ernährung, das ist Identität. Der letzte akzeptierte Ort, an dem Männlichkeit noch fettig sein darf, laut, maßlos und ohne Rechtfertigung. Junk Food ist der Restbestand aus einer Zeit, in der niemand nach Inhaltsstoffen fragte und der Körper einfach mitmachte. Wer glaubt, man könne diese Beziehung einfach kündigen, versteht nichts. Ein Mann über 60 geht an einer Dönerbude nicht vorbei – er passiert sie mit Haltung. Kurz langsamer werdend. Blick geradeaus. Innere Verhandlung. Junk Food ist kein Laster, es ist das letzte Stück Unabhängigkeit. Wenn auch das wegfällt, bleibt nur noch Disziplin. Und Disziplin ist kein Ersatz für Würde.

    Die Kapitulation kommt später. Still. Ohne Drama. Meist unterwegs. Ich fahre irgendwo im Niemandsland zwischen Köln-Süd und Bonn-Nord an einer Imbissbude vorbei, spontan hungrig aus einem Grund, den ich nicht exakt benennen kann, stoppe mit quietschenden Reifen, überfliege das Tagesangebot und bestelle. Nicht aus Lust, sondern aus Erschöpfung. Der Burger schmeckt nicht mehr wie früher, aber er beruhigt. Für zehn Minuten bin ich wieder jemand, der nicht optimiert werden muss. Danach geht es weiter. Mit Salat. Mit Vernunft. Mit dem Wissen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, sondern nur zu verwalten. Als ginge es darum, sich alles zu verbieten, um dafür Gevatter Tod ein paar zusätzliche Jahre abzuluchsen, in denen man dann weiter verzichtet. Verzicht, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Ich esse nicht weniger gern. Ich esse vorsichtiger. Wie jemand, der weiß, dass der Boden rutschig ist.

    Besonders abends. Wer abends schwer isst, schläft schlecht. Wer schlecht schläft, ist schlecht gelaunt. Wer schlecht gelaunt ist, trifft schlechte Entscheidungen. Zum Beispiel beim Frühstück. Ernährung ist im Alter weniger Genuss als Logistik. Wer das nicht versteht, verliert.

    Routine als letztes Bollwerk

    Superwichtig ist Regelmäßigkeit. Früher das Synonym für Spießertum. Heute das letzte Bollwerk gegen den vollständigen Zerfall. Der Körper mag Routine. Feste Zeiten. Keine Überraschungen. Keine kulinarischen Experimente nach 18 Uhr. Was früher Abenteuer war, ist heute ein medizinisches Risiko. Wobei „essen“ inzwischen ein dehnbarer Begriff ist. Es gibt Tage, die beginne und beende ich mit Proteinpulver. Verrührt in Magermilch und in einem Handshaker ordentlich geschüttelt. Oder Astronautennahrung in Tablettenform. Nicht, weil ich daran glaube, sondern weil ich dem ganzen Theater misstraue. Ich weiß, was drin ist, es ist schnell erledigt, und niemand versucht, mir dabei Lebensfreude unterzujubeln. Das ist keine Kapitulation. Es ist der Versuch, Essen auf das zu reduzieren, was es im Kern geworden ist: Wartung.

    Gemüse spielt dabei seit einigen Jahren eine zentrale Rolle. Leider. Gemüse ist das, was man isst, damit alles andere noch eine Weile funktioniert. Es ist nicht aufregend, nicht sexy, nicht erinnerungswürdig. Aber zuverlässig. Wie ein Kollege, den man nie mochte, der aber seit 30 Jahren pünktlich ist. Blumenkohl zum Beispiel. Ich hätte nie gedacht, dass dieses staubtrockene Zeug einmal so viel Macht über mein Leben haben würde. Aber da ist er nun. Gedämpft. Gekocht. Wieder aufgewärmt. Und plötzlich nicht mehr der Feind, sondern Teil des Systems. Einer, der still seine Arbeit macht und keine Fragen stellt.

    Ich esse langsamer. Nicht aus Achtsamkeit, sondern weil alles länger dauert. Der Körper braucht Zeit. Der Kopf auch. Wer langsam isst, merkt eher, wann es reicht. Früher aß ich, bis nichts mehr da war. Heute höre ich auf, bevor etwas eskaliert.

    Zu zweit isst man gesünder (z.B. Blumenkohl)

    Ernährung im Alter ist auch ein soziales Thema. Alleine isst man schlechter. Achtloser. Lustloser. Wenn jemand für einen kocht, isst man besser. Regelmäßiger. Und sagt Danke. Auch das gehört dazu. Dankbarkeit ist im Alter kein Gefühl mehr, sondern eine Technik.

    Perfektion ist dabei keine Option. Niemand hält das durch. Es gibt Ausnahmen. Geburtstage. Feiern. Tage, an denen ich beschließe, dass es jetzt auch egal ist. Wer sich alles verbietet, scheitert. Wer sich gelegentlich selbst sabotiert, bleibt erstaunlich stabil.

    Am Ende geht es bei Ernährung im Alter nicht darum, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Der hat Zeit. Es geht darum, die Strecke bis dahin halbwegs benutzbar zu halten. Mit möglichst wenig Schmerzen. Mit möglichst wenig Selbstbetrug.

    Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft zwischen den Zeilen: Hoffnung ist nichts Großes. Sie steckt im Alltag. Im Einkauf. Im Kochen. Im Aufwärmen von Blumenkohl bei exakt 400 Watt. Nicht 600.
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    Ich lese den Text noch einmal final durch. Er macht nicht satt. Aber er passt. Mehr kann man im Alter weder von einem Essen, noch von einer Kolumne darüber, verlangen. Ob er der alten Schulfreundin gefallen wird? Wahrscheinlich nicht (v.a. weil ich sie zu wenig erwähnt habe) Aber die meckert eh gerne mit mir. Und im Anschluss tauschen wir die zurückgebrachte Tupperdose gegen was Neues, Supergesundes zum Aufwärmen aus.

    PS. Wie ich das ab übermorgen mit der Weihnachtsvöllerei halten werde?

    Keinen blassen Schimmer, aber trotzdem eine in diesem Zusammenhang legitime Frage.

    Wahrscheinlich im Januar die Blumenkohl-Kichererbsen-Dosis spürbar erhöhen, bis die Waage wieder (deutlich) <90kg anzeigt.

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