Autor: Henning Hirsch

  • Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

    Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

    »Sie sind ein Riesenarschloch«, schreibt der eine.
    »Das müssen ausgerechnet Sie Vollpfosten mir sagen«, schreibt der andere zurück.
    »Vollpfosten ist justiziabel«, kommt’s nach wenigen Sekunden vom Ersten.
    »Und Riesenarschloch sowieso. Klage schon raus«, reagiert der Zweite.
    »Blockiert euch gegenseitig. Dann braucht ihr euch nicht mehr zu lesen und an die Gurgel zu gehen. Ist zudem gesünder für den Blutdruck«, versucht ein Dritter zu schlichten. Allerdings vergeblich. Einen Tag später sind beide Kontrahenten von den Admins jeweils für eine Woche aus dem Verkehr gezogen. Zwangsferien statt freiwilliger Mäßigung. (*)

    »Facebook ist für einige der Ersatz für die Südkurve. Digitaler statt analoger Frustabbau«, erklärt mir eine Bekannte. Das ist ein Seitenhieb auf mich, weil ich früher treuer Besucher des FC war und mich hin und wieder (aus purer Notwehr!!) in der Südkurve ein bisschen geprügelt habe. LANGE her. Mittlerweile rege ich mich über die ewige Fahrstuhlmannschaft nur noch allein zu Hause – bei geschlossenen Fenstern und Türen – auf.

    Losgelöst von den ewigen Fragestellungen, nach welchen Kriterien Facebook sperrt, ob die Admins Menschen oder Maschinen sind – und falls Menschen: welchen IQ sie aufweisen –, ob die Sperrungen automatisch erfolgen oder der (angebliche) Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards vorher von einem User gemeldet werden muss, soll im folgenden Text der Versuch einer Ehrenrettung des völlig zu Unrecht in die Kategorie „justiziable Beleidigung“ einsortierten Begriffs Arschloch unternommen werden.

    (*) Der obenstehende Dialog ist komplett frei erfunden und beruht einzig auf der Fantasie des Autors. Spielt sich jedoch so ähnlich täglich zigtausendfach in den sozialen Gladiatorenarenen ab.

    Schon die Sumerer schimpften auf den Darmausgang

    Die Wortherkunft ist nicht eindeutig geklärt.

    Herkunft: Unbekannt. Doch vermutlich stammt es aus dem sumerischen Haak’tablamarama‘, das übersetzt so viel bedeutet wie Schuld der Unverdaulichen, das von den Sumerern als Wort für den Darmausgang aber auch als Schimpfwort für eine missliebige Person verwendet.
    © pipere

    Unnötig zu sagen, dass mir Schuld der Unverdaulichen sprachlich außerordentlich gut gefällt. Aber ich will hier nicht abschweifen, sondern möglichst nah am Arschloch dranbleiben und bloß noch anmerken, dass die sumerische Herkunft aufgrund der schwierigen 1-zu-1-Transkription der Keilschrift ins lateinische Alphabet zu 70 Prozent pure Spekulation bleibt. Historisch belegt ist der Begriff aber auf jeden Fall fürs Mittelalter, in dem bekanntermaßen herzhaft und oft geflucht wurde, woran auch die danach fälligen obligatorischen Rosenkränze und Ave Maria nichts änderten. Allerdings wohl begrenzt aufs deutsche und englische Sprachgebiet. Romanen, Slawen, Araber können den anatomischen Ort des Arschlochs zwar korrekt lokalisieren, haben die Vokabel jedoch nicht in ihren Schimpfwortkanon aufgenommen. Die Italiener behelfen sich mit Stronzo, das übersetzt „Haufen Scheiße“ bedeutet, was zwar ähnlich klingt, aber halt nicht dasselbe ist. Wie es die Russen oder Ägypter nennen oder gar schreiben, weiß ich nicht und bin ehrlich gesagt auch zu faul, das jetzt zu recherchieren.

    Arschloch: justiziabel und Sperren verursachend

    Zurück zum deutschen Arschloch: die Verwendung dieses Worts in Blickrichtung auf einen Dritten ist justiziabel. Die grundlegende Norm hierfür ist §185 StGB:

    Beleidigung
    Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

    Dazu existieren behördeninterne Listen – die von Bundesland zu Bundesland variieren –, in denen die indizierten Wörter gesammelt und – sobald neue Schmähbegriffe auf den Markt kommen – aktualisiert werden.

    Die Strafbewehrtheit gilt sowohl für das gesprochene als auch geschriebene Arschloch, des Weiteren ebenfalls für dessen visuelle Demonstration (Daumen und Zeigefinger werden soweit gekrümmt, bis sie sich an den Spitzen berühren und ein O bzw. ein Loch bilden). Einige besonders Schlaue geben sich dem Irrglauben hin, das Setzen des Begriffs in Anführungszeichen könne sich strafmildernd auswirken. Jedoch: Was sollen die Gänsefüßchen fürs Arschloch ausdrücken? Dass es sich beim derart Titulierten nur um ein kleines – und kein riesiges – handelt? Oder dass der Schreiber es scherzhaft meint? Bei Bildungsbürgern beliebt ist die Variante, das Wort, wenn es sich denn überhaupt nicht vermeiden lässt, so zu schreiben: A-loch. Aber das sieht für meine Augen genauso dämlich aus wie es in meinen Ohren klingt, wenn eine erwachsene Frau „Töpfchen“ sagt, wenn sie Klo meint.

    Während in den Generationen meines Vaters und Großvaters weitgehend Konsens darüber herrschte, dass Arschloch eine No-go-Vokabel darstellt, bei deren In-den-Mund-nehmen man als Kind abwechselnd mit Hausarrest, Taschengeldreduktion oder den Mund-mit-Seife-auswaschen bestraft wurde – in der Schule drohten Klassenbucheinträge, Herbeizitieren der Eltern und seitenlange Strafarbeiten –, gelang dem damals jungen Bundestagsabgeordneten Joschka Fischer im Herbst 1984 mit dem legendären Zwischenruf:

    Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch,

    der Beginn der schrittweisen Entstigmatisierung des Begriffs.

    Kein Tag ohne 10x Arschloch in Kino und TV

    Seit diesem historischen Datum sickert der einstmals übel beleumundete Begriff immer mehr in unsere Alltagskonversation ein. Wir werden mittlerweile in TV, Kino und Literatur mit Arschlöchern geradezu überflutet. Das Kleine Arschloch von Walter Moers hat Kultstatus erreicht. »Du bist echt ein Arschloch, weißt du selber« – wie viele Ehefrauen das wohl schon ihren Männern an den Kopf geworfen haben, wenn sie diese beim Seitensprung ertappten oder ihnen das Kreditkartenlimit gekürzt wurde? MILLIONEN an JEDEM Tag des Jahres. Regen sich die Ehemänner groß darüber auf, drohen sie ihren Frauen mit Klage oder gar mit Sperrung (bspw. des gemeinsamen Kontos)? In 99,9% der Fälle lautet die Antwort: Nein. Nur in Facebook und Twitter laufen alle gleich Amok, wenn sie in der Hitze des Gefechts mal so tituliert werden. Dieselben, die sich vorher Faschist, Kommunist, bildungsferner Analphabet, Insasse der geschlossenen Psychiatrie um die Ohren gehauen haben, mutieren binnen Sekunden zu ehrpuseligen Mimosen, sobald das Wort Arschloch erschallt. Da werden dann Screenshots angefertigt, die man Minuten später im eigenen Profil demonstriert, um von den Followern eine Portion Mitgefühl einzuheimsen. „Wie unfair du mal wieder von deinen bösen Kontrahenten behandelt wirst, du Armer. Und dabei bist du selbst doch eine Ausgeburt des Friedens und der Harmonie“. Stinklangweilige Selbstbemitleidungsarien. Interessant einzig für Menschen, die Miniaturskandale lieben und beim Friseur die In Touch der Tageszeitung vorziehen.

    Warum das so ist, wollen Sie wissen? Weil’s juristisch möglich ist, lautet die simple Antwort. Und weil es für die Admins einfacher ist, eine Sperre aufgrund eines indizierten Begriffs auszusprechen, als sich mühsam in die vorangegangene Kommunikation – in der mit 99%iger Wahrscheinlichkeit schon jede Menge niederschwellige Gemeinheiten enthalten waren – einlesen zu müssen.

    Arschloch kann, bei allen negativen Attributen, die diesem Menschentyp zugeschrieben werden, mitunter auch durchaus bewundernd gemeint sein. Nicht zu Unrecht fragt der Prota in Bukowskis Der Mann mit der Ledertasche: »Was hast du denn gegen Arschlöcher, Baby?«, als die Frau, mit der er den gesamten Nachmittag gevögelt hat, sich im Nachgang darüber beschwert, dass er sich ihr gegenüber emotional zu wenig öffne. Und Jack Nicholson wird folgendes Zitat zugeschrieben:

    Ich vermute, ich bin ein Arschloch. Aber man könnte Schlechteres über mich sagen, meinen Sie nicht auch?

    Arschloch: es kommt immer auf Betonung und Uhrzeit an

    Wenn eine Frau ihren Partner abends nach 20 Uhr drei Mal mit, »Du bist das größte Arschloch, dem ich in meinem ereignisreichen Leben je begegnet bin, und das waren viele, das kannst du mir glauben«, beschimpft, steigt die Chance auf eine sich anschließende heiße Liebesnacht um den Faktor 5. Wussten Sie das? Es kommt beim Arschloch eben immer auf Uhrzeit und Betonung an.

    Es wird also höchste Zeit, den sprachlich nicht unschönen (gibt echt hässlichere Worte als dieses) Begriff Arschloch samt seiner kleinen Schwester Arsch zu entkriminalisieren. Mich persönlich juckt es Null, wenn jemand in Facebook „Sie Arschloch“ zu mir sagt. Die Erfahrung lehrt aber, dass er mich, sobald ich mit, „Sie sind auch nur ein Kleinstadtidiot“, reagiere, erst screenshoten und dann bei den Admins verpetzen wird. Die dann der Einfachheit halber mich, und nicht ihn als Verursacher, sperren. Weshalb ich mich, solange bei Facebook Maschinen und denkfaule Human-Admins beschäftigt werden, bei der Verwendung von justiziablen Beleidigungen weiterhin vorsichtig verhalte. Einige Sachen kann man prima denken, ohne sie gleich in die Tasten hämmern zu müssen.

    Kleine Statistik am Ende des Textes: In dieser Kolumne wurde der Begriff Arschloch insg. 25x verwendet (zzgl. 1 Arsch).

    PS. die Auswahl des Zebrafotos geschah in Ermangelung anderer, den Begriff plakativer demonstrierender, Bilder. Von gestreiften Arschlöchern ist dem Autor, der in seinem Leben viele Schimpfworte gehört hat, bisher nichts zu Ohren gekommen

  • Klartext

    Klartext

    HIR: Herr Mansour, herzlich willkommen in Düsseldorf und danke, dass Sie sich vor Buchpräsentation und Podiumsdiskussion Zeit für uns nehmen. Dürfen wir mit unseren Fragen beginnen?

    Mansour
    : Sehr gerne.

    Viersprachig, drei Schriften beherrschend und in Deutsch träumend

    REI: Wo sind Sie geboren?

    Mansour: In Tira, Israel. 30 Kilometer nördlich von Tel Aviv.

    REI: Wo wohnen Sie heute?

    Mansour: Seit 2004 in Berlin

    REI: Wo sind Sie zur Schule gegangen?

    Mansour: In Tira. 13 Jahre bis zum Abitur.

    REI: Wo und was haben Sie studiert?

    Mansour: Psychologie, Philosophie und Soziologie bis zum Bachelor in Tel Aviv. Im Anschluss Psychologie mit Abschluss Diplom in Berlin.

    REI: Ihre Familie lebt in?

    Mansour: Frau und Tochter mit mir in Berlin.

    REI: Welche Sprachen beherrschen Sie?

    Mansour: Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch.

    REI: Welchen Stellenwert hat Sprache für Sie?

    Mansour: Einen sehr emotionalen. Bis zum 18ten Lebensjahr war Arabisch meine emotionale Sprache, in der ich auch träumte. Als ich nach Tel Aviv umzog, erlernte ich Hebräisch so gut, dass ich es in dieser Phase meines Studiums als meine Muttersprache ansah. Nach dem Wechsel nach Berlin bemühte ich mich darum, möglichst schnell Deutsch zu verstehen und zu reden. Mittlerweile betrachte ich Deutsch als meine Muttersprache, in der ich sogar manchmal träume.

    REI: Sie beherrschen alle drei Schriften: Arabisch, Hebräisch, Lateinisch?

    Mansour: Ja.
    Ahmad Mansour, Henning Hirsch, Bernhard Reiter (v.l. im Uhrzeigersinn) am 10. April 2019 in Düsseldorf-Benrath

    Aufwachsen in patriarchalen Strukturen

    HIR: Glauben Sie, dass Flüchtlinge aus arabischsprachigen/ muslimischen Staaten dieselben Integrationsprobleme haben wie Menschen bspw. aus Osteuropa, Südeuropa, Südosteuropa, West-/ Nordeuropa, Afrika, Asien (Fernost), Süd- u Mittelamerika?

    Mansour: Wenn das eine Prüfungsfrage wäre, dann ist die Antwort nein. Die Frage ist etwas undifferenziert formuliert, wenn ich das so sagen darf. Es gibt auch in Europa bestimmte Leute, die hier in Deutschland Schwierigkeiten haben werden. Genauso wie in anderen Ländern auch. Es gibt aber auch genug Leute, die nach Deutschland kommen und keinerlei Schwierigkeiten haben, sich zu integrieren. Die Frage muss eher lauten: Ist es viel schwerer für Leute, die aus patriarchalischen Strukturen kommen, hier anzukommen? Und die Antwort wäre: ja. Aber so allgemein nach Völkern kann man das nicht sagen. Ich war heute beispielsweise in einer Schule zu Besuch, wo ich einer Klasse mit Schülern aus Afrika, Afghanistan und Syrien begegnet bin. Da merkte man, dass es sowohl Kinder gibt, die angekommen sind und in Freiheit leben wollen als auch welche, mit denen wir einen sehr langen Weg gehen werden.
    Ahmad Mansour während des Interviews

    HIR: Kann man in etwa festlegen, wie viele davon Schwierigkeiten bei der Integration haben?

    Mansour: kann ich nicht sagen, es hängt davon ab ob die Jugendlichen alleine nach Deutschland gekommen sind oder mit ihrer Familie. Jugendlichen, die alleine hierher kommen, fällt es leichter, sich aus patriarchalischen Strukturen zu lösen. Es kommt darauf an, ob sie z.B. in einer deutschen Pflegefamilie leben oder in einer Gruppe mit anderen Jugendlichen. Abgesehen davon, kommt es auch darauf an, wo die Jugendlichen leben. Ob man auf der Sonnenallee in Berlin Neu Köln wohnt oder in einem kleinen Dorf in Bayern, spielt eine sehr große Rolle.

    REI: Wenn ich noch einmal auf das Schlagwort patriarchalische Strukturen zurückkommen darf, was auch einen Kern Ihrer ganzen Arbeiten darstellt: Integration ist immer schwierig, ich habe auch viele ostdeutsche Freunde, die sagen, dass das Zusammenwachsen von Ost und West noch nicht abgeschlossen ist, und es oft nicht mit dem Herkunftsland zu tun hat, sondern mit dem Staatssystem.

    Mansour: Naja die Frage ist, was Sie unter Integration verstehen. Der vollkommen Angekommene ist in Ostdeutschland natürlich anders zu bewerten als derjenige, der von Düsseldorf nach Berlin zieht. Wenn Sie aber Integration als eine gewisse Teilung von bestimmten Werten sehen, dann kann man diesen Vergleich zwischen Ostdeutschen und Leuten die bspw. aus Afghanistan kommen, nicht machen.

    Integration: vier Haupthindernisse

    HIR: Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Integrationsprobleme, die insbesondere junge Menschen in ihrer neuen Heimat bewältigen müssen?

    Mansour: Ich habe im Buch vier Schwerpunkte festgelegt, wo meiner Meinung nach die größten Schwierigkeiten liegen. Das ist zum einen die patriarchalische Struktur, und damit ist nicht nur die Gleichberechtigung von Mann und Frau gemeint, sondern auch der Umgang mit Sexualität, Umgang mit sexueller Orientierung, oder die sexuelle Selbstentfaltung vor allem von Frauen. Diese ist in arabischen Familien ganz anders zu bewerten als bei Männern.

    Thema Nummer zwei ist für mich Meinungsfreiheit, also die Fähigkeit zu streiten, die Fähigkeit eine andere Meinung zu akzeptieren, die ich selbst bspw. nicht teile. Zu akzeptieren, dass meine Religion oder meine Strukturen kritisiert werden. Ich erkenne dahingehend große Abwehrmechanismen vor allem bei denjenigen, die sich ihrer Identitäten unsicher sind. Dies ist übrigens nicht nur bei Flüchtlingen der Fall, sondern auch bei Leuten, die seit Generationen hier leben.

    Das Thema Religion kann eine Inspiration sein, die Menschen einerseits hilft, den Alltag zu bewältigen, gleichzeitig kann Religion aber auch ein Hindernis der Integration darstellen, wenn sie so gelebt wird, dass sie den Menschen nicht erlaubt, hierher zu kommen. Wenn Integration zu einer Sünde wird, durch das Ankommen, durch neue Freundschaften, durch neue Werte. Auch zu akzeptieren, dass wir in einem Land leben, wo verschiedene Religionen nebeneinander existieren.

    Nicht zu vergessen das Thema Antisemitismus, also zu verstehen, dass Deutschland eine gewisse historische Verantwortung trägt. Genau da liegen die größten Schwierigkeiten in meinen Workshops.
    Buchpräsentation. (von links) Ahmad Mansour, Bundesjustizministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Daniel Schönwitz, Prof. Dr. Julius Reiter

    HIR: Sie reden vom importierten Antisemitismus?

    Mansour: Ich würde das nicht „importierter Antisemitismus“ nennen, weil mit „importiert“ meint man z.B die Flüchtlinge, die 2015 kamen. Ich beobachte dieses Phänomen jedoch, seitdem ich in Deutschland bin. Das hat mehrere Gründe: Es gibt Verschwörungstheorien, die hier in Europa entstanden sind und in die arabische Welt verbreitet werden. In Gaza gehört Hitlers „Mein Kampf“ mittlerweile zu den Bestsellern. Der religiös argumentierende Antisemitismus – also alles im Koran oder in den Aussagen des Propheten Mohammed, die sich auf das Judentum beziehen –: Wenn man das nicht in einem lokal historischen Kontext interpretiert, dann läuft man sehr schnell Gefahr, antisemitische Bilder zu reproduzieren.

    HIR: Welche Migrationsgruppe hat Ihrer Einschätzung nach die zurzeit größten Integrationsprobleme in Deutschland?

    Mansour: Die arabische.

    HIR: Kann man das etwas enger fassen oder ist das allgemein gültig?

    Mansour: Allgemein, weil wenn ich mir jetzt die Palästinenser in Berlin anschaue, die in den 80er Jahren gekommen sind, dann sehe ich ein Riesengewaltpotenzial, welches zum einen mit kleinen Gruppen bzw. Clans zu tun hat, aber auch mit Duldungspolitik. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Kritik gegenüber der türkischen Gemeinschaft habe, vor allem ihr Umgang mit Erdogan zeigt, dass man da auch viel nachzuholen hat. Man darf nicht vergessen, dass Ehrenmorde von türkischstämmigen Menschen zweiter/dritter Generation begangen werden. Die arabische Gemeinschaft beschäftigt mich zwar am meisten. Aber das bedeutet nicht, dass die türkische oder afghanische hier bereits angekommen ist.

    HIR: Welche Altersgruppe/n insbesondere?

    Mansour: Ich würde sagen bei den Jugendlichen ist es viel sichtbarer, ob sie sich integrieren, weil sie die Sprache lernen und sich entsprechend artikulieren können. Die Eltern sind hingegen weitaus stiller. Das beobachte ich auch in meinen Workshops. Ich kenne ebenfalls Jugendliche, die aus der zweiten Generation stammen und absolut angekommen sind; aber genauso gut kenne ich Erwachsene, die absolut integriert sind.

    Zu viel Relativierung

    HIR: Sie schildern in Ihrem neuen Buch den Fall eines muslimischen Kindes, das an Ramadan in der Schule beinahe dehydriert ist. Sind ähnlich gelagerte Fälle aber nicht auch bei streng gläubigen, christlichen Familien möglich?

    Mansour: Ich habe ein Problem damit, einen Vergleich zu machen. Der kommt immer wieder, und ich nenne das Relativierung, weil uns das kein Stück weiter bringt in der Debatte. Es geht hier um bestimmte Gruppen, mit denen ich im Alltag zu tun habe. Die Probleme, die hier auftauchen, sind keine Einzelfälle. Diese häufen sich in bestimmten Schulennwie in Berlin, Düsseldorf oder Köln. Und die brauchen unsere Aufmerksamkeit. Natürlich gibt es auch bestimmte kleine christliche Gruppen, die ihre eigenen Einstellungen haben und bestimmtes Verhalten von der Schule fordern, aber man kann das nicht vergleichen. Nicht Quantität und nicht Qualität. Ich möchte all das nicht relativieren, sondern über das Problem reden und nach Lösungen suchen. Das bedeutet aber nicht, dass ich ein anderes Problem kleiner mache. Wenn ich z.B. über Ehrenmorde spreche, dann sagt jemand anderes, dass es aber auch in Deutschland patriarchalische Strukturen gäbe, wie z.B. dass Frauen weniger verdienen als Männer. Das stimmt zwar, aber bringt uns das in der Debatte weiter, das ständig zu relativieren? Wir reden hier davon, dass Frauen in Deutschland sterben, weil sie ihre Sexualität frei leben wollen.

    HIR: Dann lassen Sie mich die Frage anders stellen: Ist der Fall des dehydrierten Mädchens ein Einzelfall oder symptomatisch für die Erziehungspraktiken religiöser, muslimischer Eltern?

    Mansour: Das kann ich nicht sagen. Allerdings kenne ich kaum Eltern, die ihre Kinder so dermaßen gefährden. Man muss in solchen Fällen erstmal mit den Eltern über die Gesundheit ihrer Kinder reden. Jedoch kann ich Ihnen ein anderes Beispiel geben. Betrachten wir den Schwimmunterricht in Schulen: es gibt tausende Schülerinnen die dort nicht mehr teilnehmen, weil es ihnen ihre Eltern nicht erlauben, obwohl das zum Pflichtunterricht zählt. Es gab in Hessen einen Fall, bei dem eine Familie ihr Kind nicht in die Schule schicken wollte. Das Jugendamt hat schnell reagiert, die Polizei informiert, die kurz darauf vor der Tür stand und die Eltern auf die Schulpflicht hingewiesen hat. Das würde bei den muslimischen Schwimmverweigerern so nicht angeordnet werden.

    Wie viele muslimische Familien haben überhaupt irgendein Problem, diese patriarchalischen Strukturen und Vorstellungen in zweiter und dritter Generation weiter zu leben? Wahrscheinlich kaum welche. Und das ist mein Problem.

    Rückbesinnung auf traditionelle Werte

    HIR: Ich bin in Köln in einem Viertel mit in den 70er Jahren schon recht hohem Anteil türkischstämmiger Menschen großgeworden. Damals hatte ich das das Gefühl, dass viele von ihnen, speziell die in meiner eigenen Altersgruppe, so sein wollten wie wir Westler. Heute hingegen sehe ich im selben Stadtteil viel mehr traditionell gewandte türkische Frauen als zur Zeit meiner Kindheit und Jugend. Wann und weshalb kam es zu dieser Rückwärtsbewegung?

    MAN: Das sehe ich nicht nur in Deutschland, sondern auch in meiner Heimatstadt Tira in Israel, aber auch in Syrien, Ägypten und Jordanien und das hat mehrere Gründe. Wir dürfen nicht die Missionierungsarbeit des politischen Islams vergessen, der massiv in vielen arabischen Ländern in den letzten 30, 40 Jahren dazu beigetragen hat, damit solche Verhältnisse herrschen. Und des Weiteren dürfen wir insgesamt nicht vergessen, dass sich weltweit die dritte Generation immer anders verhält als die erste und zweite.

    Man merkt bei den türkischstämmigen Menschen in der dritten Generation, dass sie traditioneller und religiöser werden. Sie machen die Identität sichtbar, die sie eigentlich nie gelebt haben. Das ist aber kein Phänomen, was man nur hier sieht. Auch die Italiener der dritten Generation in den USA verhalten sich anders als ihre Eltern und Großeltern, um mal ein Beispiel von der anderen Seite des Atlantiks heranzuziehen.
    Podiumsdiskussion. (von links) Ahmad Mansour, Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, Daniel Schönwitz

    HIR: Wie erklären Sie die hohe Zustimmungsquote in Deutschland lebender Türken zu Erdogan?

    Mansour: Das ist für mich ein Zeichen für gescheiterte Integration, für Menschen, die hier leben aber noch nicht angekommen sind und die die Werte unseres Grundgesetzes nicht teilen; und das hat damit zu tun, dass Erdogan bestimmte Grundbedürfnisse bei diesen Menschen auslöst. Die suchen nach diesem starken autoritären Führer, der seine Meinung frei äußert und es ist genau das, was diese Menschen brauchen. Dieses Phänomen beobachten wir weltweit. Genau wie Trump, Putin oder andere autoritäre Menschen. Und wenn das auf eine patriarchalisch unsichere Gemeinschaft trifft, die sich auf der Suche nach Selbstwertgefühl und Zugehörigkeit befindet, dann sollte uns das nicht wundern.

    Radikalität hat diese Suche nach einer neuen Vaterfigur, nach Orientierung, Halt und Sicherheit geprägt.

    Was muss die Politik tun?

    HIR: Was muss Politik tun, um Integration reibungslos über die Bühne gehen zu lassen?

    Mansour: Ich denke dass einigen Politikern die Dimension des Problems nicht bekannt ist. In unserer heutigen Gesellschaft, fällt es uns nicht, leicht Probleme anzusprechen.

    Die Reaktion auf das zweite Buch hat mich total überrascht, da diese doch sehr heftig war. Nicht auf der muslimischen Seite, sondern auf der Seite der Linken. Und das hat mit dem Phänomen zu tun, dass diese Debatte mittlerweile moralisch geführt wird. Auf der einen Seite sind die Guten, die Probleme nicht ansprechen, die Probleme verharmlosen. Und auf der anderen Seite bin ich, der ein Problem damit hat, dass eine Lehrerin nicht als Autoritätsperson wahrgenommen werden kann, weil sie eine Frau ist.

    Wir müssen einen Weg finden, Probleme anzusprechen mit dem Ziel, Lösungen zu finden. Es geht mir nicht darum, nur aufzuzeigen, was alles nicht funktioniert, sondern nach Lösungen zu suchen, um diese Menschen für uns zu gewinnen. Wir müssen den Menschen, die zu uns kommen, klar machen, was wir von ihnen erwarten. Es gibt viele Flüchtlinge, die nicht einmal wissen, was wir von ihnen erwarten; keiner hat je mit ihnen kommuniziert.

    Ich nenne Ihnen ein passendes Beispiel: Wenn ein Mädchen in Deutschland 18 Jahre alt wird, dann darf sie aus ihrem Elternhaus ausziehen und mit ihrem Freund zusammenziehen. Auch wenn der Vater dies nicht gutheißt, darf er sie nicht einsperren, sie zwangsverheiraten oder ihr gegenüber gewalttätig werden, weil sie Geschlechtsverkehr gehabt hat. Kommunizieren Sie das einem arabischstämmigen Erwachsenen, der in einer patriarchalischen Umgebung aufgewachsen ist und nach Deutschland kommt. Wenn Sie ihm das mitteilen, dann wird er einen Schock bekommen. Wissen Sie, was die Syrer gerade beschäftigt? Dass Deutschland ihre Frauen dazu bringt, ihre Männer zu verlassen. Die Scheidungsrate von Syrern in Deutschland ist viel größer geworden. Nicht, weil die Frauen ihre Männer nicht mehr lieben, sondern weil es vorher unmöglich war, sich von seinem Partner zu trennen und es mit sozialem Druck und Angst verbunden ist. Die Frauen bekommen hier das Gefühl, Rechte zu haben. Und es gibt in Deutschland Frauen, die gestorben sind, die mit Deutschland Freiheit verbunden haben und von ihren syrischen Männern hier umgebracht wurden. Dies wurde in dutzenden Fällen sogar live auf Facebook übertragen. Und wir waren nicht in der Lage, den Männern aufzuzeigen, dass es hier ein Grundrecht der Frau ist, sich scheiden zu lassen. Und wir waren nicht in der Lage, diese Frauen zu beschützen. Wir müssen klar kommunizieren, wie das Zusammenleben hier in Deutschland aussieht. Ich gebe den Menschen Zeit und begleite sie dabei, ich mache ihnen klar, was es bedeutet, hier zu leben. Deswegen brauchen wir bessere Integrationskurse. Die meisten Kurse, die ich besucht habe, haben nur wenig Sprache vermittelt. Frauen und Männer sind mit ihrem Handy beschäftigt, die Lehrer haben keine Zeit oder keine Lust, etwas zu vermitteln. Teilweise sitzen hochgebildete Frauen, die einen akademischen Abschluss besitzen, mit Analphabeten zusammen. Das funktioniert so nicht. Wir vermitteln keine Werte. Wir reden lieber über Mülltrennung als über die Werte unserer Gesellschaft.

    HIR: Ist das Thema Integration so wichtig, dass wir dafür ein eigenes Ministerium benötigen?

    Mansour: Ich bin nicht der Meinung, dass man alle Probleme mit einem Ministerium lösen kann. Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft. Die Angelegenheit ist so wichtig, dass wir sie zur Chefsache im Kanzleramt erklären müssen. Es wird teuer werden. Aber das ist immer noch viel günstiger, als wenn wir den Scherbenhaufen einer gescheiterten Integration bezahlen müssten. Denn der würde sicher unseren Finanzrahmen sprengen.

    HIR: Herr Mansour, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

    Interview wurde geführt von Henning Hirsch und Bernhard Reiter am 10. April 2019 in den Räumen der Kanzlei baum, reiter & collegen in Düsseldorf-Benrath

    Fotos: Lucia Tremolaterra
    ———————————————————-

    Ahmad Mansour: geboren 1976, ist arabischer Israeli und lebt seit 2004 in Berlin. Er ist Diplom-Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus. Zum Beispiel begleitet er Familien von radikalisierten Jugendlichen, Aussteiger und verurteilte Terroristen. 2015 erschien sein Buch Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Zum Thema Salafismus und Antisemitismus hat er zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt und in vielen Talkshows mitdiskutiert. Anfang 2018 gründete er Mind Prevention (Mansour Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention). Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz sowie den Carl-von-Ossietzky-Preis (entnommen dem Klappentext von Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache)
    ————————————————————-

    Dr. Bernhard F. Reiter, Berlin

    ——————————————————————
    Mit besonderem Dank an Diana Zulfoghari, Köln, für ihre wertvollen journalistischen Tipps im Vorfeld des Interviews.

  • Von Textnutten und Leverkusen

    Von Textnutten und Leverkusen

    »Was ist eine Textnutte?«, fragt sie.
    »Eine was?«
    »Ne Textnutte.«
    »Eine Nutte, die ihren Freiern vor dem Blowjob ein Gedicht vorliest?«
    »Das gibt in diesem Zusammenhang keinen Sinn«, sagt sie.
    »In welchem Zusammenhang?«
    »Na, im Zusammenhang dieses Leserbriefs, der dir zu deiner letzten Kolumne geschickt wurde. Öffnest du die Post etwa nicht?«
    »Nicht alle«, sage ich.
    »Das ist mal wieder typisch für dich, dass du nicht alle liest«, sagt sie, »Also ich würde das tun und jedem antworten.«
    »Du bist aber halt keine Textnutte wie ich«, erwidere ich.

    Geistesblitz in Leverkusen

    Während ich drüber grübele, wie eine Textnutte eigentlich aussieht, genauso sexy wie die Damen im Kölner Pascha, das zu meiner Jugend noch unter Eroscenter firmierte, oder doch eher wie der Schreiber Bartleby in Melvilles gleichnamiger Novelle, fällt mir auf, dass ich mittlerweile bei Kolumne Nr. 100 angelangt bin und überlege zwischen Morgenschiss, einer Tasse lauwarmem Filterkaffee und einem Song der Pet Shop Boys auf SWR1, womit ich diese Jubiläumsausgabe am besten füllen kann. Und während ich weiter überlege, will ich vorab schon mal mit einem weitverbreiteten Irrglauben aufräumen: Kolumnisten brüten ihre Ideen weder auf dem Klo aus, noch haben sie großartig Ahnung von dem, worüber sie schreiben. Mir beispielsweise kommen die Einfälle für einen neuen Beitrag oft in der halben Stunde, die ich auf dem Weg ins Büro am Kreuz Leverkusen im Stau verbringe. Keine Ahnung, weshalb das so ist. Leverkusen animiert mich zum Schreiben. Habe über diese Stadt sogar schon mal ein Gedicht getippt. In dem es allerdings recht düster zugeht und der Protagonist – der in der Poetik LI (= Lyrisches Ich) genannt wird – am Ende Selbstmordgedanken hegt. Aber heute ist Sonntag, das Büro bleibt geschlossen, und extra für ne Kolumne ins Auto steigen und bis zur BayArena fahren? Dafür bin ich dann doch zu faul, zumal ich noch im Schlafanzug am Schreibtisch sitze, also vorher erstmal duschen und mir die Zähne putzen müsste. Wobei, unter uns gesagt, nach Leverkusen kann man auch ungeduscht reisen. Riecht dort eh immer nach Chemie.

    Also bleibe ich im Schlafanzug, setze einen zweiten Pott Kaffee auf, und rätsele, während die braune Brühe aus dem Filter in die Glaskanne tropft, worüber zum Henker ich heute was zu Papier bringen kann. Letztlich wurde alles schon eine Million Mal gesagt, hunderttausend Mal über den Newsticker gejagt und 999x von schlauen Fachjournalisten und sonstigen Experten kommentiert. Für uns Kolumnisten bleibt da nur die Resteverwertung. Wir sind ja sowas wie digitale Leichenfledderer, die sich um die letzten, halbverwesten Fleischstücke eines Nachrichtenkadavers kloppen, um daraus ein undefinierbares Textgulasch zuzubereiten. Hatte ich Ihnen übrigens schon mal erzählt, dass ich als Student von einem Nachbarn, der sehr erfolgreich im Bestattungsgewerbe unterwegs war, das Angebot bekam, zwischen Sonnenuntergang und -aufgang Leichen zu waschen? War ein wegen des Nachtzuschlags nicht uninteressanter Job, den ich aber, weil mir die Leichen am Tag darauf im Traum begegneten und mich übel beschimpften, dann doch nach der ersten Probeeinheit nicht antrat und stattdessen als Ferienvertretungshausmeistergehilfe in einem Sozialhochhauswohnblock im Kölner Norden anheuerte. Davon hatte ich Ihnen bisher nichts erzählt? Okay, da kann man nichts machen. Werde ich jedoch auch heute nicht tun, weil mich das Schreiben über Leichen depressiv stimmen würde.

    Die einsame Nachbarin und ne Gedichtstunde im Pascha

    Es klingelt, Die Nachbarin aus der zweiten Etage fragt, ob ich ihr mit Zucker aushelfen kann, denn sie habe vergessen, den zu besorgen und ohne könne sie ihren Kaffee nicht trinken. Dann erkundigt sie sich, ob mir aufgefallen sei, dass die alte Dame aus dem dritten Stock schon seit Tagen ihre Wohnung nicht mehr verlassen habe, ob man sich da Sorgen machen müsse. Ich drücke ihr den Zucker in die Hand, sage, »Die lebt. Hat gestern Abend LAUT Musik gehört«, schließe die Tür und hoffe, dass sie nicht auf die Idee kommt, mir die Ausleihe zurückbringen zu wollen, was sie aber hundertpro tun wird, denn die Nachbarin aus der Zweiten ist weniger auf der Suche nach Zucker als stets heißhungrig auf Kommunikation. Ein chronischer ü50-Single, die mit dem Alleinsein nicht zurechtkommt.

    Ich stelle fest, dass ich immer noch im Schlafanzug bin und die Uhrzeit schon leicht fortgeschritten ist. Zehn Uhr am Sonntag, und ich zermartere mir seit zwei Stunden ergebnislos das Gehirn, was heute derart wichtig sein könnte, dass darüber ein 1000- (oder gar 1500-) Wörter-Kommentar lohnt. Für die Nummer-100-Kolumne klafft ein riesiges schwarzes Loch in meinem linken cerebralen Lappen, das jeden Gedankenblitz sofort absorbiert und hinein in die Schublade „Lass die Finger weg von der Tastatur. Das Ergebnis würde kein Schwein interessieren“ saugt. Das ist wie Weltmeister im Training, aber Kreisliga auf dem Platz, denke ich und denke im Anschluss, dass es auch irgendwie zu mir passt. Denn, wem die Ideen für einen Text im Stau am Kreuz Leverkusen kommen – jeweils zu einem Drittel inspiriert durch Beiträge im Radio, Facebookstories und Blicke in die Gesichter der Fahrer in den daneben stehenden Fahrzeugen –, der darf sich nicht beschweren, wenn ihm am Sonntagmorgen zwischen Morgenschiss, Filterkaffee und Nasenhaartrimming nichts Gescheites einfällt.

    Ich beschließe deshalb, es für heute sein zu lassen. Morgen ist ein neuer Tag, der Stau in Leverkusen wartet schon auf mich, und die Nummer 101 wird dann hoffentlich gehaltvoller sein als diese Zeilen. Vielleicht gönne ich mir auch eine schöpferische Pause und besuche ein Seminar für Nachwuchskolumnisten. Da flatterte vorgestern ein ganz interessantes Angebot einer auf Schreibblockaden spezialisierten Agentur bei mir rein, die solche Kurse wahlweise in der Toskana – dort kombiniert mit Weinproben – oder einem abgeschiedenen Nordtiroler Kloster abhält. Da ich keinen Wein trinke, entscheide ich mich wohl für das Kloster oder lasse mir ein paar Gedichte im Pascha vorlesen, was mich vermutlich am schnellsten wieder auf den Pfad der Kreativität zurückfinden lässt.

    Und nun werde ich endlich duschen, mir die Zähne putzen und mit dem Rest des Sonntags was Sinnvolles anfangen. Denn die Gratis-Textnutterei – entgegen anderslauternder Gerüchte schreiben wir hier nämlich für umme, wofür uns jede Paschahure auslacht – muss mit links aus dem Ärmel geschüttelt werden. Zu langes (Gratis-) Nachdenken ist betriebswirtschaftlich unvernünftig. Da gehe ich lieber eine Runde am Rhein spazieren.

  • Leaving Neverland

    Leaving Neverland

    Dass ausgerechnet ich als notorischer Sobald-Michael-Jackson-im-Autoradio-läuft-sofort-auf-einen-anderen-Kanal-Weiterzapper heute eine Lanze für dessen Musik breche, kommt mir im ersten Augenblick echt ein bisschen komisch vor. Denn letztlich würde es mir vermutlich weder auffallen noch was fehlen, wenn seine Melodien ab morgen nicht mehr erklingen. Außer Billie Jean und Beat it finde ich den Rest seiner Mucke großenteils grottig und habe nie verstanden, weshalb er mit diesem Arsenal an Mittelmäßigkeit zum King of Pop avancierte. Muss am geschickten Marketing seines Managements gelegen haben, dem es gelang, den Jungen aus Gary/ Indiana binnen weniger Jahre von einem braven Mitglied der Familientruppe The Jackson 5 in eine ständig um sich selbst rotierende Show-Ikone aus der Märchenburg Neverland zu transformieren. Ne Menge seiner Songs lebten mehr vom visuellen Erlebnis als von seinen Sangeskünsten.

    Sein Versuch, weißer zu wirken als Elizabeth Taylor und am Ende von 500 Schönheits-OPs irgendwann auszusehen wie seine Muse Diana Ross, ließen mich bereits vor dreißig Jahren an seinem geistigen Gesundheitszustand zweifeln. Aber: so wie die Musikgeschmäcke stark unterschiedlich auf uns Menschen verteilt sind, prüfe jeder sich selbst in Punkto Wahnsinn, bevor er den ersten Stein in Richtung Jackson wirft.

    Bannstrahl auf die Songs des King of Pop

    Vor einigen Tagen strahlte der TV-Kanal HBO die zweiteilige Dokumentation Leaving Neverland aus, in der die altbekannten Pädophilievorwürfe erneut thematisiert wurden. An und für sich nichts Welterschütterndes, denn darüber wissen wir ja seit 1993 eigentlich Bescheid, aber dieses Mal entfalten die Anschuldigungen eine ungeahnte Wucht: einige Sender – von denen die BBC der vorerst wichtigste ist – sprachen einen Bann gegen den Interpreten aus. M.J.-Stücke werden ab sofort nicht mehr gespielt. Begründung: Die Verdachtsmomente wiegen nun zu schwer, als dass man die Musik noch mit gutem Gewissen verbreiten kann.

    Diese rigorose Vorgehensweise kann man entweder bejahen oder achselzuckend drüber hinweggehen oder kurz die Sinnhaftigkeit dieses neuen Moralismus hinterfragen. Wem ist im Jahre 2019 damit geholfen, wenn die Radio-DJs Thriller nicht mehr auflegen? Hören die US-amerikanischen Opfer überhaupt europäische Sender? Können sie nicht wie ich, sobald diese Musik ans Ohr dringt, einfach das Programm wechseln? Stehen die Lieder von Jackson in irgendeinem Zusammenhang mit seinen (angeblichen) Taten? Wird darin Missbrauch propagiert? Warum trifft es jetzt M.J., während Künstler, denen man Vergewaltigung, Sexismus, Gewaltverherrlichung, Antisemitismus vorwirft, vom Bann ausgespart bleiben? Aus welchem Grund diese Vehemenz zehn Jahre nachdem der King das Zeitliche gesegnet hat? Weshalb halten wir uns in seinem Fall nicht an den klugen Grundsatz, das Objekt vom Erschaffer getrennt zu betrachten? Weil das speziell im Genre Pop nicht möglich ist, da dort Interpret, Musik und Fans zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen, sagen Sie?

    Also ab sofort auch keine Songs mehr von Ryan Adams, Chris Brown, Nelly, Riff Raff und wie die der Vergewaltigung bezichtigen Gangsta-Rapper alle sonst noch so heißen?  Wir sperren sexistische Texte von Bushido & Co? (Ja ja, Ryan Adams ist kein Gangsta Rapper. Weiß auch ich). Was ist mit den Kantaten und Chorälen des Antijudaisten Bach? Wie gehen wir mit den Opern Richard Wagners um? Muss der Grüne Hügel geschlossen werden und Bayreuth Insolvenz anmelden? Das ist was völlig anderes, behaupten Sie nun, überhaupt nicht miteinander vergleichbar? Warum nicht, frage ich. Musik ist Musik. Von Woody Allen und Roman Polanski, denen Ähnliches wie Jackson vorgeworfen wird, will ich hier, da sie ja keine Musiker, sondern Regisseure sind, gar nicht erst anfangen, obwohl mir beim Schlachtruf „Kill your Idol!“ die Trennlinie zwischen Film und Pop weiterhin nicht so ganz klar ist. Ich persönlich bleibe bei meinem Credo: Werk und Künstler sind nicht dasselbe. Andernfalls dürfte ich ja auch den Krimi Amok von Krystian Bala nicht in die Hand nehmen, da der Autor in diesem Buch einen Mord schildert, den er selbst begangen hat. Soweit wollen wir den Rigorismus dann doch nicht treiben, meinen Sie jetzt, nachdem ich Ihnen einen kleinen Auszug der möglichen Verbotsliste präsentiert habe? Ich wiederum sage: Wenn schon supermoralisch, dann auch konsequent supermoralisch.

    Weshalb haben alle so lange in Neverland weggeschaut?

    Liegt das eigentlich Verstörende der Causa Jackson nicht darin, dass wir ihn zu Lebzeiten derart vergötterten, uns dermaßen von seinem Megastar-Glanz blenden ließen, dass wir damals nicht wahrhaben wollten, was letztlich jeder Boulevardreporter und Paparazzo in Los Angeles von den Dächern pfiff: die Ich-hab-euch-alle-so-lieb-Nummer ist Hollywood-Mimikry, der King of Pop ein der normalen Welt entrückter Egomane, die Gute-Onkel-Nummer dient vor allem dazu, kleine Jungs nach Neverland zu locken, um ihnen dort zwischen Kettenkarussell, Geisterbahn und Streichelzoo ungestört an die Figur zu gehen. Im Unterschied zu vielen anderen Missbrauchsfällen, bei denen es den Tätern gelingt, die unappetitliche Angelegenheit komplett zu vertuschen, drangen bei Jackson bereits vor drei Jahrzehnten so viele Details nach draußen, dass 1993 erste staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen ihn aufgenommen wurden. Und der Skandal bestand mMn darin, dass man diese Recherchen nach Zahlung von zwanzig (andere Quellen nennen bis zu 25) Millionen Dollar Schweigegeld an das (mutmaßliche) Opfer einstellte, und nicht weiter nachforschte. DAS war der Sündenfall! 2003 ein weiteres Mal aufgerollt, endete der Prozess anderthalb Jahre später mit einem Freispruch aufgrund unsicherer Beweislage. Lag das an der eventuell fiktionalen Geschichte des neuen Klägers oder nur an unglaubwürdig klingenden Übertreibungen, oder war der King of Pop tatsächlich unschuldig? Außer den Beteiligten weiß das niemand, so dass es an dieser Stelle müßig ist, darüber zu spekulieren. Dass Wade Robson und James Safechuck damals noch als Entlastungszeugen zu Gunsten ihres Idols aussagten, während sie ihn in der aktuellen Doku schwer belasten, bedeutet auch kein Ruhmesblatt für diese beiden Herren.

    Der Versuch, uns selbst reinzuwaschen

    Ob die Reinkarnation Peter Pans nun ein notorischer Kindespeiniger war oder nicht, werden wir mit 100%iger Sicherheit nie erfahren. Das (angebliche) Scheusal liegt seit einem Jahrzehnt sechs Fuß unter der Erde, die mutmaßlichen Leidtragenden wurden mit ner Menge Geld zum Schweigen gebracht oder gaben – wie Robson und Safechuck – widersprüchliche Aussagen zu Protokoll. Jacksons Nachlassverwalter und seine Familie werden sich hüten, Licht ins pädophile Dunkel zu bringen. Von daher bleibt es im Moment beim Status „Beschuldigt, aber wegen Mangels an Beweisen (bisher) keiner konkreten Straftat überführt“. Reicht dieser Erkenntnisstand, der seit 1993 immer derselbe ist, aus, um die Stücke aus den Playlists der Sender zu entfernen? Das hätten die Verantwortlichen, falls Künstler und Werk gleichgesetzt werden, bereits vor 25 Jahren tun müssen. Heute wirkt die Aktion wie ein verspäteter Exorzismus, mit dem die Anstalten vor allem sich selbst vom Vorwurf des Komplizentums zu reinigen versuchen.

    Völlig losgelöst davon, ob Beat it und Billie Jean jetzt aus den Programmen verbannt sind: beim nächsten Bad! werde ich, bevor ich weiterzappe, automatisch an Kindesmissbrauch denken. Wird lange dauern, bis wir die Jackson-Songs wieder unbeschwert als 80er-/ 90er-Partymucke anhören können.

  • Der schlechte Witz

    Der schlechte Witz

    »Warum willst du am Mittwochabend veröffentlichen?«, fragt Gisela, unsere digitale Redaktionsassistentin mit strenger Stimme, als ich sie von meinem Plan in Kenntnis setze. »Dein fixes Datum ist der Montag.«
    »Weil ich was Aktuelles habe und sonst wieder vergesse. Und der Montag ist eh Scheiße, weil da kein Mensch Bock darauf hat, nen langen Text zu lesen. Meine Like-Zahlen sind seit Jahresbeginn ins Bodenlose abgestürzt«, antworte ich.
    »Du hattest den Montag akzeptiert«, sagt sie. »Allerdings bei was Aktuellem will ich EINE Ausnahme zulassen. Aber nur, wenn du versprichst, die Flucherei am Telefon sein zu lassen.«
    »Scheiße ja«, sage ich, »Ich versprech’s und danke.«

    Wussten Sie eigentlich, dass ein Kolumnist ein Viertel seiner Zeit in virtuellen Redaktionssitzungen verbringt? Nein? Dann wissen Sie es jetzt.

    Gibt’s überhaupt gute Witze?

    In den vergangenen Tagen gab’s drei Aufreger: Schalke verliert 0 zu 4 zu Hause gegen Düsseldorf und zweimal AKK. Da ich kein Gelsenkirchener bin, überspringe ich Schalke und komme gleich zu AKK. Bei dieser Dame, seit einigen Wochen frisch gekürte Vorsitzende der CDU, ging’s beide Male um schlechte Witze. Zu Beginn des Karnevals war sie Ziel eines Kalauers, auf dem Höhepunkt der närrischen Tage drehte sie den Spieß um und versendete schenkelklopfende Grüße an die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion.

    Über den Doppelnamen-Joke aus dem Munde Bernd Stelters will ich an dieser Stelle keine langen Worte verlieren (hatte ich ja bereits vorgestern in meiner Rosenmontagskolumne getan). Zu zahm das Ganze, zu viel künstliche Aufregung einer ostdeutschen Touristin über humoreske Pillepalle. Sobald Kramp-Karrenbauer-Gags nicht mehr zulässig sind, können wir den Sitzungskarnevalsbetrieb auch gleich ganz einstellen und uns stattdessen eine Folge „Der Landarzt“ im ZDF anschauen.

    Weitaus interessanter ist da schon die Anekdote aus dem Munde der Parteivorsitzenden, die diese auf der großen Bühne des Stockacher Narrengerichts vor Honoratiorenpublikum zum Besten gab. Bevor ich die gleich in ganzer Länge zitiere, sei vorab noch eine schnelle Definition von Witz gebracht:

    [prägnant formulierte] kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt (Duden)

    Ob die Geschichten immer kurz sind und überraschend enden, wage ich nach grob geschätzt zehntausend gehörten Kalauern zu bezweifeln. Und das, worüber ich lache, treibt Ihnen vermutlich die Sorgenfalten auf die Stirn (was umgekehrt natürlich ebenfalls gilt), denn die Witzgeschmäcke (so lautet der korrekte Plural) sind völlig unterschiedlich auf uns Menschen verteilt. Meine Mutter zweifelte früher an der Zurechnungsfähigkeit meines Vaters, wenn der sich über die hundertste im Gesicht von Stan Laurel landende Torte köstlich amüsierte, während mir als Kind vor allem die aus dem dritten Stock auf den Bürgersteig runterfallenden Klaviere gefielen; wobei ich die Sache mit den Torten – darf man ja heute aufgrund versuchter Körperverletzung gar nicht mehr – auch nicht schlecht fand. Meiner Mutter entlockten Dick & Doof hingegen noch nicht mal ein müdes Lächeln. Sie lachte über andere Sachen. Welche habe ich vergessen, denn mein Gedächtnis ist, seitdem ich auf die 60 zugehe, leider löchrig wie ein Sieb.

    Um es schon mal vorab zu sagen: 85% aller weltweit erzählten Witze sind Scheiße. Wobei der Prozentsatz in Mitteleuropa sicher höher liegt. Ich persönlich mache mir beinahe Nullkommanull aus Kalauern. Ich bekomme schon Bauchschmerzen, wenn einer mich fragt, »Soll ich dir mal nen wirklich guten Witz erzählen, den ich gestern beim Friseur gehört habe?«, und überlege dann die ganze Zeit, wie ich mich gleich verhalten soll, um den Erzähler nicht in die peinliche Situation der Nicht-Reaktion zu bringen: entweder Schweigen oder die Nachfrage, »War das schon die Pointe?«. In 99% der Fälle endet das deshalb mit einem antrainierten Mundwinkelnachobenziehen bei mir. Dass ich herzhaft drüber lache, stellt die absolute Ausnahme dar. Und 97% (innerhalb der verbliebenen 1%. Jetzt ist es gut, wenn Sie damals in Mengenlehre aufgepasst haben) meines Feixens entsteht bei Gags, die in der fünften Kölner Jahreszeit von den Büttenrednern unters Narrenvolk gestreut werden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Vermutlich weil ich Rheinländer bin, der Karneval mir sowohl qua Genen in die Wiege gelegt und ich als Kind und Jugendlicher auf ihn hin sozialisiert wurde. Anders kann ich mir das nicht erklären, denn die Karnevalszoten sind oft sogar schlechter als diejenigen, mit denen man den Rest des Jahres konfrontiert wird. Einigen wir uns darauf, dass ich aus norddeutsch-protestantischem Blickwinkel betrachtet an den sechs Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch nicht ganz zurechnungsfähig bin.

    Nun hängt der Erfolg eines Scherzes von mehreren Faktoren ab. Als da beispielsweise sind:
    (a) Originalität: Hört man so zum allerersten Mal.
    (b) Vortragender: Gesichtausdruck, wie spricht er: schnell, langsam, Hochdeutsch, Dialekt, lispelt er? Vollführt er beim Erzählen merkwürdige Bewegungen?
    (c) Ort: Gürzenich, Mehrzweckhalle Bickendorf, WDR-Kantine, irgendwo außerhalb Kölns
    (d) Zusammensetzung des Publikums: Alter, Geschlecht, Berufsgruppen, Freiwillige Feuerwehr irgendwo außerhalb Kölns.

    Der Stockach-Kalauer

    Und nach dieser langen Vorrede sei hier nun endlich der AKK-Kalauer präsentiert:

    Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln, oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.

    Tusch – Gelächter – Tusch.

    Ob der (also der Kalauer) schlecht ist? Er ist nicht nur schlecht, sondern grottenschlecht. Da er nämlich viele der oben aufgezählten Ingredienzien missachtet. Weder ist es originell, die dritte Toilette ins Visier zu nehmen (denn über die haben sich bereits eine Million Facebook- & Twitter-User lustig gemacht), noch führen Wortwahl und Sprechduktus zur Erheiterung. Die Sache wirkt bemüht, so als habe ein Hamburger Referent, der Karneval aus tiefstem Herzen verachtet, diesen Passus in die Rede eingebaut. Befindet sich in etwa auf demselben Tiefgeschoss-Niveau wie:

    Wie kann man eine Blondine Montag morgens zum Lachen bringen? Freitagabends einen Witz erzählen!

    … tätä!

    Die Geschichte funktionierte nur deshalb halbwegs, weil AKK Ort und Publikum geschickt gewählt hatte: Provinz, Honoratioren, konservative Grundausrichtung. Hier amüsiert man sich halt auch mit massiver Verspätung über Scherze, die in Köln, Mainz und Düsseldorf seit Jahren im Karnevalsarchiv abgelegt sind und dort vor sich hinstauben.

    Das war trotzdem megapeinlich, meinen Sie? Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, – was Sie vermutlich verwundert, weil wir ja oft unterschiedlicher Meinung sind –, vertrete aber bisher (noch) die Auffassung, dass jedem das Recht zusteht, sich auf der Bühne zu blamieren. Den Vorwurf, hiermit gegen die Menschenrechtscharta der UN verstoßen zu haben, halte ich (noch) für maßlos übertrieben. Es ist Karneval und da muss auch Spott über Sitzpinkler erlaubt sein. Denn andernfalls reichen demnächst die Blondinen, die Priester, die Lokalpolitiker und die Düsseldorfer ihren Wunsch nach Aufnahme in die Kalauer-Tabuliste ein und irgendwann in naher Zukunft stirbt das Gewerbe des Büttenredners aufgrund „Es ist nichts mehr übrig, worüber wir berichten können“ aus. Das darf aus Sicht eines Kölners auf keinen Fall die Lösung sein.

    Trotz meines Plädoyers für das Recht, schlechte Witze machen zu dürfen, fühle ich mich bei dem, was AKK da in Stockach fabriziert hat, nicht ganz wohl in meiner Haut. Irgendwas an ihrem ausgelutschten Vortrag war anders als das, was man sonst auf den Sitzungen präsentiert bekommt.

    Dass man sich nicht über Minderheiten lustig machen darf – geschenkt. Irgendwie sind wir ja alle auf irgendeine Art ne Minderheit: liebestolle Schönheitschirurgengattinnen, Psychologen, Alkoholiker. Wussten Sie übrigens, dass die besten Alkoholikerwitze im Aufenthaltsraum der Geschlossenen erzählt werden? Was habe ich da manchmal Tränen gelacht. »Aber da hat ja ein Trinker dem anderen einen Alkoholikerwitz vorgelallt«; sagen Sie? »Das ist so, als ob ein Jude einem Juden einen Judenwitz ins Ohr flüstert. Aber wehe ein Nichtjude wagt sowas«. Das stimmt schon. Minderheitenwitze klingen besser, wenn sie von einem Angehörigen dieser Minderheit zum Besten gegeben werden. Aber ich als Alkoholiker hätte jetzt kein Problem damit, wenn mir Bernd Stelter im Karneval einen (hoffentlich originellen) Trinker-Kalauer von der Bühne aus zuruft. Auch Blondinen und Schönheitschirurgengattinnen und Düsseldorfer sind, was Witze über sie angeht, sehr abgebrüht. Wir müssen folglich bei den Minderheiten unterscheiden zwischen denjenigen, die es ab können, wenn sie durch den Kakao gezogen werden und denen, die sich in solchen Fällen sofort diskriminiert fühlen.

    Dass also die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion in Stockach einen mitbekommt, finde ich nach wie vor nicht weiter dramatisch. Wäre ich ein Angehöriger dieser Gruppe, würde ich kurz drüber grübeln, mit was für abgedroschenen Sätzen man Dorfhonoratioren, von denen einige froh wären, wenn sie überhaupt noch ohne technische Hilfsmittel pinkeln könnten, draußen in der tiefen Provinz doch begeistern kann, überlegen, was AKK da oben auf der Bühne überhaupt zu suchen hat, und mir vornehmen, ihre Kanzlerkandidatur bei der nächsten BTW nicht unterstützen. Das wäre mein persönlicher, maximal zehn Minuten meiner Lebenszeit in Anspruch nehmender, Dreiklang. Mehr, z.B. meinen Anwalt anrufen und mich bei dem nach den Chancen einer Verleumdungsklage erkundigen, würde ich aus diesem Stockacher Schenkelklopfer nicht herleiten.

    Der übliche mediale Shitstorm

    Aber da Geschmäcke und Wahrnehmungen natürlich unterschiedlich sind, brauste im Anschluss an den missglückten Kalauer ein Shitstorm, Stärken 6 bis 8 quer durch alle deutschen Medien: :

    Kramp-Karrenbauer macht sich damit unmöglich … Einer künftigen Kanzlerin ist das jedenfalls nicht würdig. Oder qualifiziert sich so jemand dafür, an der Spitze eines modernen Deutschlands zu stehen?
    © Vera Wolfskämpf, MDR

    Die Frage von Anti-Diskriminierung, von respektvollem Miteinander, gilt 365 Tage im Jahr, und auch zu Karneval
    © Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen

    Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer“
    © Klaus Lederer, Bürgermeister und Kultur- und Europasenator von Berlin

    In den sozialen Netzwerken ging es natürlich heftiger ab. Da erreichten die Reaktionen teils Stärke 9:

    Frau mit Doppelnamen beweist, dass es noch ein Niveau unter Doppelnamen-Witzen gibt

    Bei mancher Politik-Karriere hofft man ja, sie endet als Toilettenwitz der Geschichte

    Bereite gerade die Anzeige gegen #akk vor. Beim Stockacher-Narrengericht gegen Schwächere und Minderheiten vorzugehen, ist nicht in Ordnung!#Intersexuelle, #Transsexuelle und so weiter, dürfen nach Gesetz nicht diskriminiert werden!
    (c) alle drei hier nachzulesen

    usw. etc. pp.

    Okay, das ist die medial und Facebook/ Twitter befeuerte, in der Regel 48 Stunden andauernde, Empörungswelle, die sofort abebbt und ihre Richtung wechselt, sobald irgendwo in der Republik ein neuer Strohfeuer-Aufreger aufpoppt. Aber auch das überzeugt mich (noch) nicht davon, die Stockach-Rede in die Eklat-Kategorie „Ohne Entschuldigung bleibt nur noch der Rückzug von allen Ämtern möglich“ einzusortieren. Ein Skandälchen – denn zum ausgewachsenen Skandal à la Trump und seine Russland-Connections taugt der missratene Kalauer nun wirklich nicht. Oder etwa doch? – wird erst dann daraus, wenn man die Funktionen von Karneval und AKK ins Kalkül zieht.

    Karneval ist Karneval oder: Weshalb Politiker dabei im Publikum sitzenbleiben sollten

    Karneval: soll anarchisch sein. Das ist er allerdings nur noch phasenweise draußen auf der Straße. In weiten Teilen ist er seit Jahrzehnten komplett durchorganisiert. Er soll dem Volk als Ventil dienen, denen da oben mal richtig die Meinung zu geigen. Um ganz ehrlich zu sein: Auch das geschieht (und geschah auch früher) nur selten. Am ehesten noch mit den – teils politzotigen – Prunkwagen, die während der Züge zu bestaunen sind. Der Kölner Fasteleer war nie so politisch wie die Mainzer Fastnacht, und auch bei der Zweitgenannten wird die Kritik an der politischen Kaste ja allenfalls in homöopathischer Dosis verabreicht. Worüber sich die Düsseldorfer amüsieren, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Von daher klingt das Wir-zeigen-es-denen-da-oben-heute-mal-so-richtig-Mantra zwar hübsch revolutionär, jedoch fällt die karnevalistische Umsetzung weitaus zahmer aus, als sich das die Fastnachtsromantiker erträumen. In Köln stand immer schon der derbe Kalauer, der auf dickbrüstige Krankenschwestern, die Verlockungen des außerehelichen Beischlafs, die Tücken des Zölibats, die Eifeler Landbevölkerung u.v.a. die Düsseldorfer zielte, im Vordergrund der Büttenrede. Da oft in tiefem Dialekt vorgetragen, verstand außer den gebürtigen Kölnern ohnehin kein Fremder diese Zoten, weshalb es dem Rest der Republik bisher weitgehend egal war, was wir auf unseren Sitzungen so alles an politisch und sexuell Unkorrektem von uns geben.

    AKK, als Angehörige des (deutschen) politischen Spitzenpersonals, der das Odium der Homophobie anhaftet, wird als Saarländerin jedes Jahr aufs Neue vom Wunsch getrieben, selbst in die Bütt zu steigen und dort zu kalauern. Was im Saarland – das nur unwesentlich größer ist als Bonn und Wuppertal zusammenaddiert – noch funktioniert haben mag, funktioniert auf der größeren Bühne Deutschland halt nicht mehr so geräuschlos. Nun stellt Stockach zwar nicht den karnevalistischen Broadway dar – um ehrlich zu sein: Bis vor drei Tagen wusste ich nichts von der Existenz dieses oberschwäbischen Mittelzentrums –; aber wenn hoher Besuch aus Berlin zum Narrengericht vorbeischaut, reisen natürlich alle Fernsehsender mit an. Und dann wird aus dem beschaulichen Provinz-Event halt für ein paar Stunden großer Karneval. Ein langjähriger Politprofi wie AKK weiß das. Und sie weiß ebenfalls, dass sie mit ihrer Sitzpinkler-Tirade über den kleinen Umweg Fastnacht ihr bestehendes und potenzielles Wahlklientel erreicht. Seht her: Da ist eine Konservative, die unseren Kleinstadtunmut über Schwule und Männer, die Frauen werden wollen, ernst nimmt und teilt. Das ist nach der in die fernen Sphären der Weltpolitik entrückten Merkel endlich mal wieder eine von uns, die unsere Sprache spricht und von Berlinern Hipstern und deren komischen Getränkevorlieben genauso wenig hält wie wir. Und wer braucht außerhalb der Hauptstadt ne dritte Toilette? Meine Frau und ich gehen seit dreißig Jahren aufs selbe Klo. Hat sich von uns beiden noch nie einer drüber beschwert. Ganz wunderbar, die neue Parteivorsitzende!

    Die Nieren- und Blasenschläge gegen die Sitzpinkel-Fraktion stehen ihr als Konservativer natürlich zu, es gibt keine gesetzliche Regel, die Sitzpinkler unter Artenschutz stellt. Vielleicht plant die AKK-Union, auf dieser Spur die AfD rechts zu überholen. Alles legitim, ABER (hier setze ich nun ein fettes aber) als Politiker sollte man solche Botschaften von der eigenen Bühne herab unters Wahlvolk streuen. Und nicht den Karneval als Propagandaplattform missbrauchen. AKK hätte prima ein paar Tage warten und an Aschermittwoch – wenn alles vorbei ist – in die Bütt steigen können. So, wie es nun geschehen ist, wirkt das Manöver wie der plumpe Versuch, mit einem Retro-Gesellschaftsbild bei der Landbevölkerung punkten zu wollen.

    Deshalb mein Plädoyer: Politiker ins Publikum und nicht in die Bütt! Habe in Köln zwar schon häufig den MP und dessen Minister im Karnevalstreiben erblickt; jedoch saßen die abwechselnd lachend oder erschrocken (falls der Witz auf ihre Kosten dann doch allzu derb ausgefallen war) unten im Publikum, und kein Elferrat wäre je auf die Idee gekommen, sie nach oben für ne Rede zu bitten. Weshalb das im Saarland und in Stockach anders gehandhabt wird: keine Ahnung. Erkundigen Sie sich bei den Saarländern und Stockachern. Denn, wenn wir die Bühnen schon im Wechsel besetzen wollen: Weshalb dann nicht Bernd Stelter in den Bundestag, um dort die drögen Debatten über den Haushalt etwas aufzulockern? »Das ist wieder einer Ihrer selten blöden Einfälle, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Stimmt, es ist ein blöder Einfall. Aber auch nicht viel blöder, als Politiker in der Bütt Wahlkampfreden schwingen zu lassen.

    Das Recht auf den schlechten Witz auf keinen Fall antasten

    Nach ü2000 Wörtern des Abwägens bin ich nach wie vor unentschlossen, wie ich das AKK-Stockach-Gate einsortieren soll: Der Sitzpinkler-Kalauer – abgedroschen hin oder her – muss als Kalauer für sich alleine betrachtet möglich sein. Wir können, speziell im Karneval, nicht jede Minderheit vorher fragen, ob es ihr genehm ist, wenn ein Witz über sie gerissen wird. Und dass ein Joke (grotten-) schlecht ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er deshalb auf den Index des Unsagbaren gehört. Hätte ihn Stelter (ich erwähne den Armen, der ja mit der ganzen Kalamität gar nichts zu tun hat, bloß deshalb so oft, weil er seit seinem Doppelnamen-Brüller nun auch bundesweit eine gewisse Berühmtheit erlangt hat) zum Besten gegeben: müdes Lächeln im Publikum, kleiner Aufreger in der Lokalpresse und an Aschermittwoch schon wieder vergessen und abgehakt. Vielleicht hätte sogar die Kölner Schwulen-& Lesben-Community darüber gelacht. Denn die soll dem Karneval und seinen Zoten ja angeblich aufgeschlossen gegenüberstehen. Aber aus dem Munde der konservativen AKK bekommt die Sitzpinkel-Attacke halt doch ein anderes Stockach-Geschmäckle.

    Wir können uns eventuell auf folgendes einigen:
    (1) Auch Karnevalswitze sollten ein Mindestmaß an Niveau und Originalität aufweisen
    (2) Politiker gehören unten ins Publikum und nicht nach oben in die Bütt
    (3) Das Recht, schlechte Witze erzählen zu dürfen und sich damit zu blamieren, bleibt allerdings weiterhin unangetastet.

    Wir einigen uns doch nicht, weil Sie auf Ihrem Standpunkt „Das geht überhaupt nicht und niemals!“ bestehen? Okay, da kann man halt nichts machen. Nach schneller Beichte heute Morgen und drei Rosenkränzen wurde mir ohnehin schon Absolution erteilt. Da brauche ich Ihre gar nicht mehr.

  • Ende von Platte

    Ende von Platte

    »Wie geht es dir?«, frage ich.
    »Scheiße«, antwortet er.
    »Siehst auch Scheiße aus«, sage ich.

    Unser letztes Treffen liegt zehn Jahre zurück, kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Damals war Heinz noch in guter Form gewesen, Kurzhaarschnitt, akkurat rasiert, frisch geduscht, sonnengebräunt, strahlend weiße Zähne. Heute ähnelt er einer Figur aus einem Hollywood-Zombie-B-Film: abgemagert, struppige Frisur, löchriger Bart, maximal noch ein Dutzend Zähne, und die braun verfärbt, gelbe Gesichtshaut, blutunterlaufene Augen und dem Geruch nach zu urteilen, der von ihm ausströmt, hat er seine Notdurft nicht mehr völlig unter Kontrolle.
    »Kannst du mir nen Zwanni leihen?«, fragt er.
    »Ich hab dir was mitgebracht«, sage ich und drücke ihm einen Nullzweier-Flachmann in die Hand.
    »Sehr aufmerksam von dir«, sagt er, dreht den Verschluss auf, setzt die Flasche an den Mund und kippt die Hälfte des Inhalts auf ex. »Das tut gut. Besser als all die Pillen«, seufzt er zufrieden und lässt dabei den Schnaps unter der Bettdecke verschwinden. »Die sind so neugierig hier, sagt er, »kein Bock darauf, dass sie den Fusel finden und einkassieren.«
    »Sind die so schlimm wie in der Klinik?«
    »Hängt davon ab, welche Schwester gerade Dienst tut.«
    Letzte Station Sterbehospiz. Dort ist Heinz nach zwanzigjähriger Odyssee gelandet.

    Fata Morgana der grenzenlosen Freiheit

    Als ich Heinz vor zehn Jahren in der Geschlossenen kennenlernte, schwärmte er mir vom ungebundenen Leben draußen auf der Straße vor. Obwohl er sicher Raubbau an seinem Organismus betrieb, war das dem gepflegten Äußeren nicht anzumerken. Er machte den Eindruck eines durchtrainierten Sportlers auf mich und entsprach überhaupt nicht dem Bild, das ich von einem Penner im Kopf hatte. Im Laufe der folgenden drei Wochen freundeten wir uns an, er infizierte mich mit seinem pausenlosen Gerede von der absoluten Freiheit, die man nur dann erfährt, wenn man alle Brücken hinter sich abreißt und den bürgerlichen Konventionen Lebewohl sagt, und so folgte ich ihm nach absolvierte Entgiftung in den Park, den er sein Zuhause nannte. Es war Sommer, alles schien leicht und unbeschwert. Heinz lehrte mich die Kunst, mit geringsten Barmitteln zurechtzukommen, brachte mir bei, Schnaps und Zigaretten zu organisieren und an die anderen, weniger Geschickten, weiter zu verticken, ging mit mir zur Caritas, wo wir uns für einen Euro sattessen und für 50 Cent duschen konnten. Von der Natur überreich versehen mit Sexappeal, ruppigem Charme und einer nie nachlassenden Libido, war Heinz zudem erfolgreich bei den Frauen, von denen er jede Menge kannte und bei denen er bei Bedarf auch übernachtete. Er ließ mich dann alleine im Park zurück, verabschiedete sich mit den Worten: »Ich hab dir alles gezeigt und beigebracht. Jetzt musst du endlich auf eigenen Füßen stehen«. Ich wollte mir meine leichte Angst auf keinen Fall anmerken lassen und antwortete: »Klar kann ich das. Wir sehen morgen. Viel Spaß mit der Alten. Vögel sie für mich mit.«

    Das Leben draußen ohne Heinz war jedoch ein anderes als mit ihm an meiner Seite. So wie ein älterer Bruder aus Pflichtgefühl heraus auf den jüngeren aufpasst, auch wenn er keine Lust darauf verspürt, so achtete Heinz stets darauf, dass mir nichts zustieß. Denn die Gefahren, die auf der Straße lauerten, waren mannigfaltig: Prügeleien wurden wegen fünf Euro oder einer halben Pulle Doppelkorn vom Zaun gebrochen. Selbst um die Schlafplätze unter den Brücken oder auf den Bänken entbrannte oft Streit. Ständige Polizeikontrollen und Abtransport entweder in die Ausnüchterungszelle oder ohne Umweg in die Klinik. Heinz als ungekrönten König der Stadtindianer focht das alles nicht an, niemand hätte je gewagt, sich ihm ohne vorherige Einladung zu nähern. Aber ich auf mich alleine gestellt musste mich, sobald mein Mentor sich in fremden Betten vergnügte, doch häufig meiner Haut erwehren. Gestohlen wurde alles, was man nicht an Bauch und Oberschenkeln festgetackert hatte. Schuhe, nachts ausgezogen, waren am nächsten Tag weg. Dass man, während man schlief, von den anderen gefilzt wurde: keine Seltenheit. Als die Abende im Oktober langsam kalt wurden, mein Rücken eines Morgens schmerzte, als ob ihn nachts jemand mit einem Baseballschläger bearbeitet hatte und Heinz seit drei Tagen spurlos verschwunden war, beschloss ich das Absolute-Freiheit-Experiment abrupt zu beenden. Meine Sehnsucht nach einer warmen Behausung mit fließendem Wasser und weicher Matratze war doch stärker als der Wunsch nach grenzenloser Unabhängigkeit. Heinz hätte mich einen undankbaren Bastard und ein notorisches Weichei genannt, aber der war seit 72 Stunden unauffindbar und mir wäre es in diesem Moment eh schnurz gewesen, was er von mir hielt. Nur raus aus dem Park und zurück in die bürgerliche Welt. Seit diesem Oktober vor zehn Jahren waren wir uns nie mehr über den Weg gelaufen.

    Wiedersehen nach zehn Jahren

    Und nun sitze ich hier auf einem roten Plastikstuhl gegenüber dem Krankenhausbett, auf dessen Rand Heinz hockt. Oder, um es konkret auszudrücken, das was von Heinz noch übriggeblieben ist. »Hallo«, hatte er vorgestern Abend am Telefon gesagt, »erkennst du meine Stimme?«
    »Klar tue ich das. Woher hast du meine Nummer?«
    »Frag nicht so dumm. Wenn ich was erfahren will, dann komme ich an jede Information ran … Zeit, einen alten Mann im Sterbehospiz zu besuchen? Und bring was mit. Du weißt, was ich meine.«
    »Ich werde kommen«, sagte ich und legte auf.

    »Wo hast du die zehn Jahre gesteckt?«, frage ich.
    »Hier und da. War viel unterwegs, bin sogar bis Hamburg gekommen«, sagt er und leert die zweite Hälfte des Flachmanns. »Scheiß kleine Pulle. Warum hast du keine richtige Flasche mitgebracht?«
    »Weil ich die kleine im Stiefel verstecken konnte.«
    »Mach dir da mal keinen Kopf drum. Ist ein Sterbehospiz und keine Entzugsklinik. Ob ich am Krebs, der mich von innen auffrisst, zugrunde gehe oder am Schnaps: welchen Unterschied macht das? Fest steht: in ein paar Wochen werde ich Geschichte sein … schau nicht so belämmert. Irgendwann treten wir alle ab. Ich hatte eine schöne Zeit, bereue nichts.«
    »Na dann«, sage ich.
    »Okay, die letzten Jahre waren nicht mehr so gut. Ich wurde allmählich zu alt für diese Art Leben: zu langsam beim Beschaffen, zu schwach beim Verhandeln mit den Abnehmern, ständig pendelnd zwischen Bau, der Geschlossenen und Resozialisierungsmaßnahmen, obwohl ich nie resozialisiert werden wollte.«
    »Dafür hast du dich erstaunlich lange gehalten«, sage ich, »andere, die es nur halb so haben krachen lassen wie du, liegen schon lange auf dem Friedhof.«
    »Auch der schöne Manni?«
    »Den hat’s vor acht Jahren zerrissen: Überdosis Dreckszeug auf der Caritastoilette.«
    »Manni war eh immer ein Idiot. Konnte Rattengift nicht von Schore unterscheiden … und Lisbeth? Jetzt sag bloß nicht, dass auch Lisbeth nicht mehr da ist.«
    »Die hat’s erwischt, kurz nachdem du die Stadt verlassen hattest. Lag eines Morgens mit schwarz angelaufenem Gesicht in der Gartenlaube ihrer Eltern.«
    »Oh, Lisbeth auch. Scheiße, Scheiße, Scheiße … und Kurt?«
    »Sie sind alle lange tot. Du bist der Letzte von damals, der übriggeblieben ist.«

    »Und du«, sagt Heinz und sein Gesicht nimmt dabei für einen Augenblick denselben lauernden Ausdruck ein wie damals im Park, wenn es um das Verteilen der Tagesbeute ging. »Bist jetzt Abstinenzler und fleißiger Betbruder bei den AAs geworden … ich habe dir nie richtig über den Weg getraut. Hast das Ganze ja immer als Experiment angesehen und uns als deine Studienobjekte missbraucht. Du bist ein elender Heuchler, nichts anderes bist du.«
    »Leck mich«, sage ich, stehe auf, Heinz klammert sich mit knochriger Hand an meinem Arm fest: »Du wirst doch wiederkommen, oder?«
    »Was ist mit deiner Familie?«, frage ich, »du hast doch ne Exfrau und einen Sohn. Hast du mal Kontakt mit denen aufgenommen?«
    »Ich will die auf keinen Fall hier haben.«
    »Heinz, in ein paar Wochen bist du tot. Willst du die kurze Zeitspanne nicht nutzen, dich mit den beiden auszusprechen und zu versöhnen?«
    »Ich möchte nicht, dass sie mich in diesem elenden Zustand sehen«, antwortet er und wirkt mit einem Mal nicht mehr energisch, sondern zerbrechlich.
    »Kann ich verstehen«, sage ich und gehe.

    Am Ende eine Mini-Beerdigung

    Zwei Besuche und vier Flachmänner später war Heinz tot. Am vorletzten Abend erfolgte noch eine kurze Begegnung mit dem Sohn, die überwiegend schweigend verlief, denn die beiden wussten sich nach zwanzig Jahren Trennung nichts mehr zu sagen. Die Exfrau wollte ihn partout nicht mehr sehen, erklärte sich aber bereit, für eine kleine Beerdigung zu sorgen, die eine Woche danach an einem nasskalten Januartag auf dem Westfriedhof stattfand. Das letzte Geleit gaben ihm ein Priester, denn Heinz war nie aus der Kirche ausgetreten, der Sohn, ein Pfleger aus dem Hospiz und ich. Nachdem der Sarg nach unten gesenkt worden war, schüttelten wir uns stumm die Hände und gingen unserer Wege. Unspektakuläres Ende des langjährigen Königs des Parks.

    Womit Heinz sich seine Brötchen vor der Odyssee verdient hat, wollen Sie noch wissen? Er war Steuerberater mit eigener Kanzlei und ausgeprägtem Hang zu Wein und weiblichem Büropersonal gewesen, bis ihm eines Tages Ehe und Job um die Ohren flogen und er beschloss, sein Leben von Stund an komplett umzukrempeln und ab sofort Platte zu machen. Dass er das Nomadentum zwanzig Jahre durchhielt, ist primär auf seine naturgegebene robuste Gesundheit bei gleichzeitiger Vorsicht, die ihn davon abhielt, sich dreckiges Zeug wie Manni reinzupfeifen, zurückzuführen. Den Rest seiner früheren Truppe erwischte es sehr viel früher als ihn.

    Nachtrag: 52.000 Menschen vagabundieren in Deutschland dauerhaft auf der Straße. Nicht alle „freiwillig“ wie Heinz, dessen Freiwilligkeit bei nüchterner Betrachtung auf seinem Unwillen, sich mit Insolvenz und Scheidungskrieg auseinanderzusetzen, gründete. Gegen ein bürgerliches Leben in Wohlstand und Polyamorie hätte er nichts einzuwenden, wie er mir abends am Lagerfeuer manchmal erzählte. Aber der Mühe, Schulden zu tilgen und ein bescheidenes Dasein als schlecht bezahlter, angestellter Buchhalter zu fristen, wollte er sich auf keinen Fall unterziehen. Und so wählte er in letzter Konsequenz den Weg des Komplettausstiegs. Ob er diesen Schritt hin und wieder bereute? Mit hoher Wahrscheinlichkeit: ja. Aber Heinz war zu stolz, das jemals zuzugeben. Seit Januar sind es also 52.000 minus einer, die ohne festes Dach über dem Kopf bei Wind und Wetter im Freien hausen. Kluge Programme, sie von dort wegzuholen, sind bisher Mangelware.

  • Feinstaubtheater ohne Ende oder …

    Feinstaubtheater ohne Ende oder …

    Feinstaubtheater ohne Ende oder …

    … weshalb ein Grenzwert ein Grenzwert ist

    Werden wir alle an einem Lungenkarzinom elend zugrunde gehen, wenn die jährliche Durchschnittsmenge Stickoxide (NOx) in der Luft statt wie bisher 40 demnächst 50 Mikrogramm/ m3 betragen darf? Schnelle Antwort: nein, werden wir nicht. Ist der Wert 40 eh maßlos niedrig angesetzt und könnte ohne Probleme auf beispielsweise 100 oder gar 200 erhöht werden? Wiederum schnelle Antwort: hier streiten die Gelehrten.

    Völlig losgelöst von den Fragen, ob:

    (a) wir nun 40, 50, 100, 200 oder vielleicht doch nur 20 Mikrogramm Stickoxide gefahrlos inhalieren können
    (b) 100, 1000, 6000 oder 50.000 Menschen (in D, pro Jahr) an den direkten Folgen NOx-induzierter Krankheiten sterben
    (c) man in Büros und Produktionsstätten bedenkenlos weitaus höheren Konzentrationen ausgesetzt sein darf als auf Bürgersteig und Straße,

    wollen wir uns in dieser Kolumne primär mit dem deutschen Wunsch nach Korrektur des Wertes just in dem Moment, in dem man bemerkt, dass er nicht einzuhalten ist, beschäftigen.

    Zahl 40 seit 1999 bekannt und einstimmig beschlossen

    Springen wir kurz zwanzig Jahre zurück. 1999 legte die EU-Kommission den Mitgliedsstaaten einen Luftreinhalteplan vor, der einen Jahresdurchschnittswert von 40 µg/m3 und 18malige Spitzen – die nicht länger als eine Stunde andauern dürfen – von 200 Mikrogramm vorsah. Dieser Vorschlag wurde von den Mitgliedern akzeptiert, beschlossen, 2008 von der EU bestätigt und im Anschluss von allen Ländern in nationales Recht überführt. Die beiden Werte 40 und 200 basieren wiederum auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, die begleitend mehrere Studien durchgeführt hatte.

    Warum also hat man nicht bereits vor zwanzig Jahren laut „Stopp!“ gerufen, wenn man angeblich immer schon an der Sinnhaftigkeit der Zahl 40 zweifelte? Weshalb stimmte die deutsche Delegation der Verschärfung der Grenzwerte ohne Murren zu und meldete nicht etwa Bedenken an oder legte gar ein Veto ein? Womit das ambitionierte Saubere-Luft-in-Europa-Vorhaben damals auf den Fluren des Berlaymonts beerdigt worden wäre und man es bei den zuvor geltenden höheren Limits belassen hätte. Stattdessen hat man sich im Immissionsschutzgesetz verpflichtet, die neue Vorgabe bis spätestens 2015 umzusetzen. Warum ließ man sich auf dieses riskante Spiel ein? Es kann dafür nur zwei Antworten geben: zum einen waren die Verantwortlichen 1999 von der Gefährlichkeit dauerhaft zu hoher Feinstaubbelastung durchaus überzeugt, zum anderen spekulierten sie darauf, dass die Einhaltung des ambitionierteren Maximums durchaus machbar sei. Die dritte Möglichkeit – nämlich: die deutschen Vertreter ließen sich von ihren europäischen Partnern über den Tisch ziehen – will ich hier als außerhalb meiner Vorstellungskraft liegend unberücksichtigt lassen; sie sei der guten Ordnung halber aber doch erwähnt.

    Warum nicht mit Tempo 100 durchs Wohngebiet?

    Nun kann man sich über die konkrete Bezifferung eines Grenzwerts prima zanken. Wer will ernsthaft bestreiten, dass es sich auch mit 0.8 Promille noch halbwegs passabel Auto fahren lässt? Warum warnen Experten vor schädlichen Folgen des Alkohols, wenn man über einen längeren Zeitraum mehr als ein Glas Wein am Abend konsumiert? Ich meine, wer von uns verträgt nicht ebenfalls problemlos eine halbe Pulle Wodka? Tempo 50 innerorts – lachhaft. Gute Autofahrer können blind mit 100 km/h durch Spielstraßen kurven, ohne großen Schaden anzurichten. Kalorien- und Zuckerwarnungen – wozu? Lasst die Leute doch so viel in sich reinstopfen, wie sie wollen. Wer sagt, dass Fettleibigkeit zwingend krank macht? Ich kenne so viele glückliche Dicke. Antibiotika in Lebensmitteln, Pestizide im Garten – weswegen sich darüber aufregen und Limits beschließen? Der Herr Müller von nebenan wäre sowieso an Leukämie gestorben, als ob das irgendwas mit dem von ihm heißgeliebten und im Sommer hektoliterweise versprühten Unkraut-ex-und-hopp zu tun gehabt hätte. Und wer kann schon seriös nachweisen, dass Tabakdunst im Restaurant nicht nur die Lunge des Rauchers, sondern ebenfalls die Gesundheit des Tischnachbarn negativ beeinträchtigt? Das einzige, was man halbwegs sicher weiß, ist, dass eine Kugel aus dem Lauf einer Beretta 92, gerichtet auf den Kopf eines Menschen, tödliche Konsequenzen haben wird. D.h. der Grenzwert von Pistolen sollte vernünftigerweise 0 lauten. Aber auch bei Schüssen frontal in die Stirn gibt’s natürlich Überlebende, weshalb Waffenfreaks die Null seit jeher anzweifeln.

    Was ist eigentlich ein Grenzwert?

    Vielleicht sollten wir deshalb mal generell über die Zweckdienlichkeit von Grenzwerten sprechen.
    Diese gründen auf zwei Säulen:
    (1) Der (Mehrheits-) Meinung von Experten, dass bei Überschreiten dieses Limits Gefahr droht bzw. wir von einem stark abnehmenden Grenznutzen ausgehen müssen, wenn wir bspw. jeden Abend eine Flasche Doppelkorn in uns reinkippen, anstatt es bei der o.g. Empfehlung ein Glas Wein zu belassen
    (2) Dem erzieherischen Auftrag: nun ist der Grenzwert da, und deshalb muss er eingehalten werden.

    Da (1) nie aufs Komma genau kalkuliert werden kann, und wir von (2) staatlicher Bevormundung aka Erziehungsauftrag ohnehin gar nichts halten, können wir uns Grenzwerte eigentlich ganz schenken. Also munter mit 280 über unsere Autobahnen brettern, gequalmt wird am Arbeitsplatz und in der Kneipe sowieso, 10.000 Kalorien/ Tag sind Kinderportionen, und die 40 Mikrogramm NOx in der Außenluft eh der größte Witz. Sagt ja auch Lungen-Guru Köhler. Alles ab sofort in Eigenverantwortung des mündigen Wählers. Freie Fahrt für freie Bürger kombiniert mit: Möge jeder selbst bestimmen, welches Quantum NOx er sich zutraut.

    Ohne Grenzwert kein Fortschritt in Richtung E-Mobilität

    Mir persönlich ist weder vor Feinstaub noch vor Passivrauchen sonderlich bange. Sterben werde ich eh und dann vermutlich eher an geplatzter Leber aufgrund früher zu heftigen Alkoholkonsums als an zu viel NOx im linken Lungenflügel. Trotzdem halte ich Grenzwerte für richtig. Denn die Welt besteht nun mal nicht nur aus Menschen wie mir und Ihnen, der Sie ein notorischer Umweltschutzskeptiker sind, sondern ebenfalls aus Kindern, Asthmatikern und Senioren jenseits der 80. Speziell für diese Gruppen ist die Einhaltung der Vorgabe 40 mitunter überlebenswichtig.

    So ein Grenzwert kann des Weiteren als Stimulus für die Autoindustrie dienen, sich nach über hundert Jahren Verbrennungsmotor endlich mit anderen Konzepten zu beschäftigen, die Entwicklung umweltschonender Kfz unter Hochdruck voranzutreiben und zur Marktfähigkeit zu bringen. Nach all den aufgeflogenen Tricksereien mit manipulierten Abgaswerten steht es Herstellern und Politik wahrlich nicht gut an, nun von illusorischen Umweltutopien zu faseln. Statt das Limit zu erhöhen und die Messstationen zehn Meter nach rechts und vier Meter nach oben zu verrücken, sollte die Industrie zu schnellen Hardwarenachrüstungen und vermehrten Anstrengungen beim Thema E-Mobilität gezwungen werden.

    Was passiert eigentlich, falls die 50 auch nicht ausreicht? Muss dann schrittweise über 60, 70, 80 bis auf 100 oder 200 angehoben werden? Bloß damit die deutschen Produzenten weiterhin am Diesel ohne ausreichend funktionierenden Katalysator festhalten können?

    Es bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn der große europäische Lehr- und Zuchtmeister plötzlich selbst die Normen brechen möchte, die er vorher mitbeschlossen hat. Fragen sie mal Griechen und Portugiesen, was die von deutschen Finanzkontrolleuren halten, die ihnen jahrelang tagein, tagaus die Wichtigkeit der strikten Beachtung der Maastricht-Kriterien predigten und ihnen gleichzeitig Nachhilfe in Kameralistik und mitteleuropäischer Organisation der Steuerverwaltung erteilten. Wer selbst ständig auf Regeln pocht, darf sich nicht wundern, dass deren Einhaltung auch von ihm selbst gefordert wird.

    Fazit

    40 sind Beschlusslage und gelten. Wer damit ein Problem hat, muss seinen Einwand in den EU-Gremien zur Diskussion stellen und darf das Limit nicht im nationalen Alleingang aufweichen. Dieselfahrverbote für Innenstädte mögen für die Betroffenen lästig sein, von Enteignung sind sie Lichtjahre entfernt und als Alternative kann man gut den ÖPNV nutzen.

    EDIT: der wissenschaftliche Dienst der Kolumnisten macht auf folgenden Umstand aufmerksam: Stickoxide sind Gase, Verbindungen von Stickstoff und Sauerstoff, vor allem Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2).

    Feinstaub sind feste Teilchen, die in der Luft schweben, Rauch z.B. Sowohl die Entstehung als auch die Verbreitung und schließlich das Verschwinden aus der Luft verlaufen komplett unterschiedlich. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass bei der Verbrennung von Diesel sowohl Stickoxide als auch Feinstaub entstehen.

    Umgangssprachlich werden die zwei Begriffe allerdings oft synonym verwendet.

    Der Autor des Beitrags gibt unumwunden zu, dass ihm die strikte Trennung der zwei Phänomene bis dato nicht bekannt war, und er NOx als Teilmenge von Feinstaub ansah. Der Gesundheit abträglich sind eh beide. Und an der Sinnhaftigkeit von Grenzwerten ändert das alles nichts. Von daher kann der Kolumnist weiter mit seiner Kolumne leben

  • Macht Facebook aggro?

    Macht Facebook aggro?

    »Du benimmst dich in Facebook noch arschiger als im normalen Leben«, sagt sie.
    »Woher weißt du, wie ich mich in Facebook benehme?«, frage ich. »Wir sind da überhaupt nicht miteinander befreundet.«
    »Glaubst du allen Ernstes, dass bloß weil du ständig meine Freundschaftsanfragen ablehnst, ich nicht trotzdem genauestens über deine Aktivitäten Bescheid weiß?«
    »Du spionierst mir nach?«
    »Lass es mich so ausdrücken: ich zeige ein gewisses Interesse an deiner Person. Darüber solltest du dich eigentlich freuen, statt mal wieder die ewige Jammerplatte aufzulegen. Seit Jahren dasselbe Trauerspiel mit dir. Bemerke keinerlei Fortschritt in deiner Entwicklung.«
    »Trink nicht so viel!«, sage ich.
    »Von einem Facebook-Arsch wie dir lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

    Seitdem sie sich von ihrem dritten oder vierten Mann hat scheiden lassen, ist sie viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, hat mich im vergangenen Herbst nach vierzig Jahren Funkstille in Facebook wieder aufgespürt und ist felsenfest davon überzeugt, dass sie, bloß weil wir in der 8ten Klasse mal Händchen gehalten haben, nun ein Gewohnheitsrecht darauf besäße, mir einmal pro Woche auf die Pelle rücken zu dürfen. Ich mag sie tagsüber recht gerne; allerdings abends, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hat, geht sie mir nach der zweiten Flasche Prosecco ganz gehörig auf die Nerven. Als ich sie eine Stunde später endlich vom sechsten Stock nach unten auf die Straße und dann ins Taxi verfrachtet habe, setze ich mich an den Schreibtisch, werfe den Laptop an und schaue aus alter Gewohnheit als erstes in Facebook vorbei. Dort das übliche Freitagabend-nach-22-Uhr-Spektakel:

    ▪Darf Greta Thunberg jeden Freitag die Schule schwänzen und das Weltklima retten?

    ▪Warum lässt sich der Broder von der Weidel knutschen?

    ▪Kann man Diesel-NOx genauso sorgenfrei inhalieren wie Pfefferminzaufguss in der Herrensauna?

    Ich überfliege ein Dutzend Diskussionen, hinterlasse drei kurze Kommentare, langweile mich, klappe den Deckel zu, denke: früher fand ich Facebook spannender und zappe im Anschluss noch ein bisschen kreuz und quer durch Netflix, wo ich auch nichts Gescheites entdecke, weshalb ich mich aufs Sofa lege und ein paar grundlegende Gedanken zu meinem Internetverhalten anstelle, an denen ich Sie gerne teilhaben lasse.

    Powerfacebooken = nicht-stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung

    Klären wir als Erstes die Frage, ob Powersurfen eine nicht-stoffgebundene Sucht darstellt. Knappe und eindeutige Antwort: ja, tut es! Jeder, der täglich – außerhalb beruflicher Aktivitäten – Zeit in diversen Foren und Plattformen verdaddelt, ist ein Digital-Junkie AUSRUFEZEICHEN Der Grad der Abhängigkeit ist einfach zu messen: je mehr Stunden vertrödelt werden, desto kritischer ist der psychische Zustand des Nutzers zu beurteilen. Täglich drei, vier Stunden in Facebook, Twitter, Instagram sind aufs Jahr hochgerechnet ja schon ne Menge vergeudeter Lebenszeit. »Es gibt schlimmere Süchte als Facebook«, meinen Sie? Stimmt; beispielsweise Crack, Wodka und Nymphomanie. Aber in die Top 10 der Bad Habits würde ich Facebook auf jeden Fall einsortieren.

    Frage Nummer 2: Kann man in sozialen Netzwerken (richtige) Freundschaften schließen? Das ist schon schwieriger zu beantworten. Hängt davon ab, ob Sie Lust und Zeit haben, ihre digitalen Bekannten auch beim Nachmittagskaffee oder Gute-Nacht-Viagra treffen zu wollen. Bei mir oszilliert dieses Bedürfnis saisonal zwischen den Polen schwach (Winter) und „Warum nicht? Wenn’s nicht weiter als fünfzig Kilometer sind“ (Sommer). Die Begrenzung auf maximal 45 Minuten Anreise reduziert die Anzahl möglicher Kontakte ungemein. Virtuell ist eben virtuell, und real bleibt real. Sind irgendwie doch zwei unterschiedliche Sphären mit allenfalls kleindimensionierter Schnittmenge. Sie mögen das komplett anders sehen und handhaben. Auch okay. Die rein digitalen Bekannten verhalten sich oft unverständlicher und sind schneller eingeschnappt als meine vorvorletzte Exfreundin, und die machte mir oft wegen Winzigkeiten die Hölle heiß. Da reicht mitunter ein leicht sexistisches Posting, ein falsches Wort in einem Kommentar, ein Text, in dem man sich als Amazonkunde outet, und weg sind sie. Was ich in den letzten Jahres alles an Spontan-Entfreundungen erlebt habe – darüber kann ich eine separate Kolumne schreiben. Würde aber hier jetzt zu weit führen.

    Frage Nummer 3 – mit der wir endlich beim eigentlichen Thema ankommen –: Wie sieht’s aus mit unserer Kommunikation im Internet? Schnelle Antwort: streckenweise traurig bis hin zu partiell außer Kontrolle.

    Ein paar Kostproben:

    Sie scheinen ein notorischer Schwachkopf zu sein, der seinen Studienabschluss entweder gekauft hat oder frei erfindet. Zur Ehre gereichen Sie Ihrem Berufsstand auf jeden Fall nicht.

    Sie armes Würstchen können einem bloß noch leidtun.

    Kein Wunder, dass ein pädophiler Grüner wie Sie diese kleine schwedische Behinderte gut findet.

    Mit Ihnen bin ich noch lange nicht fertig.

    Rote Faschisten wie Sie sind die allerschlimmsten.

    »Wo treiben Sie sich denn rum?«, fragen Sie mich? … Nur in Facebook.

    Und auch ich selbst kommuniziere online anders als im Büro oder morgens um 8 Uhr, wenn ich dem Nachbarn aus der zweiten Etage unten auf dem Parkplatz begegne. Tippe Sätze wie:

    Sie klingen, als seien Sie uns aus der AfD-Parteizentrale zugeschaltet.

    Nehmen Sie Ihren Blutdrucksenker, warten Sie eine halbe Stunde, bis der wirkt und schreiben Sie dann Ihren Kommentar erneut.

    Hat man Sie als meinen Dauertroll abkommandiert?

    Wenn es einen Preis für den fadesten Kommentar gäbe, dann gebührte der Ihnen.

    Merke: gepöbelt wird – entgegen dem üblichen Facebook-du – häufig in der dritten Person.

    Pöbeln = virtuelle Wirtshausrauferei

    Und genau das meint meine alte Schulfreundin, wenn sie sagt: »Virtuell bist du noch arschiger als im realen Leben«. Warum tue ich das? Ich weiß es selbst nicht so genau. Vermutlich, weil es möglich und in vielen Threads mittlerweile Normalität ist, sich knapp unterhalb der strafrechtlich relevanten Schwelle gegenseitig zu beleidigen. Der digitale Schlagabtausch ersetzt die gute, alte Wirtshausrauferei. Choleriker trifft auf Klugscheißer, Linke und Rechte schreien sich die Seele aus dem Leib, Veganer und Karnivore kloppen sich wegen Sojaburgern, die politisch Superkorrekten regen sich aus dem Stand heraus bei Fatshaming auf, dasselbe tun die Neo-Emanzen, sobald sie Mansplaining wittern. Facebook jenseits der Katzenfotos bedeutet Krieg. Allerdings einer, der seelische und keine physischen Wunden zufügt. Wer das nicht verinnerlicht und sich beizeiten eine dicke Teflonschicht zulegt, wird an diesem Medium über kurz oder lang verzweifeln.

    Digitale Beiträge bezwecken Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die lassen sich am schnellsten mittels marktschreierischer Überschriften, Kondensierung komplexer Sachverhalte auf maximal fünf Sätze bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer Wahrheiten als der eigenen erzielen. Facebook ähnelt also zu vier Fünfteln der Promi-Berichterstattung der BILD ; weitere 19 Prozent bestehen aus nicht-hinterfragter Weiterverbreitung von Fake-News aus dubiosen Quellen wie Russia Today, Compact und Breitbart, um nur drei Protagonisten aus dieser unappetitlichen Liste aufzuzählen. Ja ja, es gibt lobenswerte Ausnahmen. Ist mir bewusst. Erinnere mich an eine friedliche Diskussion vergangenen Dienstagabend über die Komplexität des Rilkeschen Versmaßes in einer geschlossenen Poetengruppe. Aber die machen maximal ein Prozent der Plattform aus und werden in der Regel schlecht besucht und nur spärlich kommentiert. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Posts hat Trivialitäten zum Inhalt.

    Man kann nun wie Robert Habeck oder einer der Instagram-Erfinder sich die grundlegende Frage stellen: verpasse ich irgendwas, wenn ich am digitalen Geplappere nicht mehr teilnehme? Und nach kurzem Nachdenken zur an und für sich befreienden Schlussfolgerung gelangen: Natürlich versäume ich Nullkommanull, sobald ich den Dampfplauderbuden Facebook und Twitter den Rücken kehre oder wie Schlecky Silberstein die Forderung aufstelle: Das Internet muss weg!. Mal ganz ehrlich: steht da irgendwas drin, was man sonst nicht auf herkömmlichem Weg in Erfahrung bringen könnte oder tatsächlich wissen muss, um mitreden zu können? Zu 97% lautet die Antwort: nein, tut es nicht! Was also treibt uns trotzdem magisch in die digitalen Arenen der Eitelkeiten und des Grauens? Meines Erachtens ist die Antwort genauso simpel wie niederschmetternd: es ist einzig die Macht der schlechten Gewohnheit, die uns jeden Tag aufs Neue ins Zuckerbergsche Spinnennetz hineinlockt. Und wie schwer es ist, sich von einer Abhängigkeit zu lösen – da erkundigen Sie sich mal bei Rauchern, Alkoholikern und Spielothek-Süchtigen in Ihrem Bekanntenkreis. Die werden Ihnen das schon erklären.

    Zuckerbergs Datensammelwut = manisch

    Weshalb entblößen wir uns freiwillig in Plattformen, von denen wir wissen, dass die hinter der bunten Oberfläche verborgenen Algorithmen 24/7 sämtliche unserer Daten sammeln, unsere digitalen Schritte penibel beobachten und aufzeichnen, uns gläsern machen, uns – egal, wo wir uns bewegen – mit Werbung überschütten, und von denen wir v.a. nicht in Kenntnis gesetzt werden, was sie mit unseren Infos im Verborgenen sonst noch so alles anstellen? Wer garantiert, dass ich von der Maschine jenseits meines Konsumverhaltens nicht zusätzlich noch in eine politische Zielgruppe einsortiert werde? Würden sich eventuell meine Krankenkasse und Lebensversicherung darüber freuen, wenn sie von Facebook erführen, „der Hirsch ernährt sich ausschließlich von Nutella, Dosenravioli, kalter Bockwurst und Cola Zero“, und mir im Anschluss Beitragserhöhungen aufgrund ungesunder Ernährung ins Haus schicken oder gar die Police kündigen? »Sie übertreiben mal wieder maßlos«, sagen Sie? Für den Moment mögen Sie Recht haben; die Tendenz geht aber mMn eindeutig in Richtung gläserner User. Und noch einmal die grundlegende Frage: Warum liefern wir täglich Daten an ein System, das niemand kontrolliert? Was schallte 1987 noch für ein Aufschrei durchs Land, als per Volkszählung ein paar harmlose Sachen wie Alter, Geschlecht und Berufsgruppe für statistische Zwecke in Erfahrung gebracht werden sollten. Die halbe Nation weigerte sich, an der Datenerhebung teilzunehmen. Gerichte wurden angerufen, um die Aktion zu stoppen. Und heute? Wir liefern von morgens bis abends Informationen an die Plattformbetreiber, deren Menge im Vergleich zu dem, was vor dreißig Jahren von uns gefordert wurde, ausreichen würde, um die Karibik zuzuschütten, während wir 1987 noch Mühe gehabt hätten, den Decksteiner Weiher im Kölner Grüngürtel damit zur Hälfte zu befüllen. Und das Bermudadreieck, wo alles spurlos verschwindet, liegt bekannterweise nicht auf 50° 56′ 33″ nördlicher Breite. Weshalb tun wir das? Und vor allem: Warum ohne jegliche Gegenwehr? Weil Facebook verantwortungsvoller mit den Infos umgeht als die Staatsbürokratie? Wer das glaubt, der glaubt ebenfalls daran, dass die komplette Abholzung des Amazonasregenwalds bei gleichzeitiger Erhöhung der CO2-Ausstöße keinerlei Auswirkungen auf das Weltklima haben. Cambridge Analytica lässt grüßen.

    So lange Facebook primär nach Tittenbildern fahndet, während Gewaltverherrlichung und Menschenverachtung eher als vernachlässigbare Sünden gelten, wird sich am grottigen Kommunikationsverhalten der User nichts ändern, steht vielmehr zu befürchten, dass die Welle der digitalen Pöbelei über kurz oder lang in die reale Welt überschwappt. Wissenschaftler warnen bereits vor einer Verengung der Weltsicht aufgrund zu einseitiger Informationsaufnahme in den sozialen Medien, wodurch das Verständnis für Andersdenkende reduziert wird, woraus dann wiederum dogmatische Lebensentwürfe bei gleichzeitig sinkender Frustrationstoleranz resultieren. Je mehr wir digital pöbeln, desto gewaltbereiter werden wir in der Realität.

    Freiwillige Selbstkontrolle = Nullnummer

    Die Kontrolle durch Maschinen funktioniert ganz offensichtlich nicht. Die Etablierung (geschulter?) Moderatorenteams hat sich bisher als Flop erwiesen; unter anderem deshalb, weil Zuckerberg lieber Geld in auf die Werbetreibenden zugeschnittene Zielgruppenanalysen als in Human Resources investiert. Falls die Nutzer weiterhin schamlos ausspioniert werden, nicht transparent gemacht wird, was mit den Abermilliarden Daten geschieht, die gegenseitigen Beleidigungen weiter zunehmen, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der laue juristische Wind, der Facebook noch umweht, alsbald auffrischt. Und seien es bloß auf digitale Pöbeleien spezialisierte Abmahnvereine und Staatsanwaltschaften, die Verbleib und sicherer Aufbewahrung der Kundeninfos nachspüren. Das reicht schon, um es in der bisher nahezu unregulierten Plattform ungemütlicher werden zu lassen.

    Ob ich glaube, dass sich Leser nach dem Studium dieser Kolumne aus den digitalen Netzwerken abmelden werden? Nein, glaube ich nicht. Tue ich ja auch nicht und hat ebenfalls Schlecky Silberstein bisher nicht getan. Die Kraft der schlechten Gewohnheit ist stark.

    Ganz am Ende des Textes zurück zur Ausgangsfrage: Macht Facebook aggro?
    Zwei Antworten:
    (1) hängt von Ihrem individuellen Gemütszustand ab
    (2) hin und wieder auf jeden Fall.

    Erleichtert stelle ich nach dreitägigem Selbsttest fest, dass ich im Büro-Meeting und an der Sonntagnachmittagkaffeetaffel meiner Tante Edith keine Bemerkungen à la, „Herr lass Hirn vom Himmel regnen“ oder „Hast du heute Morgen etwa vergessen, deine Pillen einzuwerfen?“, von mir gebe. Glücklicherweise haben die facebookschen Ruppigkeiten also noch nicht völlig von mir Besitz ergriffen. Wobei diese Aussage einzig für mein Reden in der Öffentlichkeit gilt. Ob ich mitunter virtuell-vereinfacht denke – darüber werde ich mich demnächst mal mit meiner Therapeutin unterhalten. Uns gehen eh so langsam die Themen aus.

  • Ist Amazon böse?

    Ist Amazon böse?

    „Die Nutellavorräte neigen sich dem Ende zu“, meldet die Kühlschrank-App. „Und die Wurst hinten links ist vergammelt,“ – „Danke“, tippe ich in das kleine Antwortfeld.
    „Raumtemperatur im Wohnzimmer beträgt aktuell 12°. Soll ich die auf 19 hochfahren, damit es bei deiner Rückkehr nach Hause angenehm warm ist?“, fragt die hübsche Heizungs-Avatarin. „Ja bitte“, sage ich.
    „Der nächste Ölwechsel steht kommende Woche an. Den Termin in der Werkstatt nochmal bestätigen?“, erkundigt sich die Kfz-Software. „Unbedingt!“, rufe ich.
    „Du warst um die vereinbarte Uhrzeit nicht anzutreffen. Wir haben den Wochenendeinkauf deshalb in einer Packstation in deiner Nähe deponiert. Für nähere Informationen logge dich bitte in unser Kundensystem ein“, informiert mich der digitale Supermarkt. „Scheiße“, fluche ich.
    „Du fährst in dreißig Tagen in den Skiurlaub. Im Zielgebiet ist es sehr kalt. Denk rechtzeitig daran, Thermounterwäsche einzupacken. Soll ich dir eine Übersicht der günstigsten Angebote in Amazon zusammenstellen?“, erkundigt sich Alexa. „Ich HASSE Thermounterwäsche!“, rufe ich. „Ich habe dich nicht verstanden. Bitte wiederhole das“ – „Ich hasse Thermounterwäsche“ – „Okay, also keine Thermounterwäsche. Möchtest du, dass ich dir eine Filmauswahl, ganz auf deinen persönlichen Geschmack abgestimmt, für heute Abend organisiere? – „NEIN! Das kann ich selber“ – „Also negativ. In Ordnung. Kann ich sonst irgendwas für dich tun?“ – „NEIN! Lass mich einfach zufrieden.“ – „Zufriedenlassen: okay. Ich wechsele dann in den Standby-Modus. Melde dich, wenn du eine neue Frage hast.“ – „Sei bloß still!!“ – „Still, still, still …. bsssss.“

    Der Hirsch übertreibt es mit seinen Apps, meinen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Habe das ganze Zeug deshalb spontan von meinem Handy gelöscht und Alexa in den Elektroschrott geschmissen. Seitdem herrscht wieder angenehme Ruhe im Haus. War ja nicht zum Aushalten das Dauergeplappere. Ich meine: wer braucht schon ernsthaft eine Heizungs- oder Ölwechsel-App? Oder gar die 24/7 klugscheißende Alexa? Kein Mensch. Zumindest kein ü50-Mann wie ich, der schon Schwierigkeiten damit hat, SMS (ja ja, ich simse noch), WhatsApp, Messenger, Facebook und die Chat-Funktion der Partnerbörse sauber auseinanderzuhalten. Haben Sie schon mal morgens „Was für ein blöder Kommentar“ in die Parship-Mailmaske getippt, weil sie irrtümlich dachten, sie befänden sich in einer Facebook-Diskussion? Nein? Ich schon. Da können Sie der Dame im Nachgang noch so nett und ausführlich erklären, dass es sich um ein dummes Missverständnis handelte. Sie werden von der nie mehr was hören. Und mir passiert das dauernd. Von daher bloß keine semi-intelligenten Apps, die mich mehr verwirren bis hin zu erzürnen, als mir Nutzen zu stiften.

    Wo gibt’s noch richtige Buchhandlungen?

    Aber – ich geb’s zu – ich bin ein bekennender Einkaufsmuffel. Habe noch nie verstanden, welche Freude es dem Menschen bereitet, stundenlang durch Kaufhäuser und Boutiquen zu streifen, fünfhundert Sachen in die Hand zu nehmen, nur um am Ende mit einer Bluse, einem neuen Paar Schuhe und hellblauem Nagellack nach Hause zurückzukehren. Besuche in Bau- und Supermärkten sind mir ein Graus. Ganz schlimm am Samstag, wenn sich halb Köln durch die Gänge quetscht. Sobald ich was Neues zum Anziehen benötige, weiß ich vorher genau, was es sein soll, betrete den Shop, steuere zielgenau auf Hosen, Mantel, Mütze – oder was auch immer ich gerade benötige – zu, probiere bis zu drei Teile aus, gehe zur Kasse und zahle. Vorgang darf nicht länger als maximal fünfzehn Minuten dauern. Sonst bekomme ich erst Beklemmungen und dann schlechte Laune. Die einzigen Ladenlokale, die ich seit Jugend gerne betrete, sind Buchhandlungen und die Musikabteilung des Saturn am Kölner Hansaring. Womit wir nach zugegebenermaßen zu lang geratener Einleitung endlich beim Thema sind: Buchhandlungen, also richtige Buchhandlungen gibt es ja kaum mehr. Gonski am Kölner Neumarkt: pleite. Bouvier gegenüber der Bonner Universität: dasselbe: Hugendubel in München: zu weit entfernt. Stattdessen bestimmen Ketten wie Thalia und die Mayersche das Straßenbild: unten Kochbücher und Biografien von Promis, in der ersten Etage: Köln- & Eifelkrimis, im zweiten Stock irgendwas Undefinierbares, was ich mir nicht merken konnte, aber sich anscheinend gut verkauft. Als ich mich kürzlich in der Filiale am Neumarkt nach „Gruppenbild mit Dame“ von Böll erkundigte, erhielt ich zur Auskunft: »Nicht vorrätig. Können wir aber gerne für Sie bestellen«. – »Und was ist mit „Entfernung von der Truppe“?«, fragte ich. »Dasselbe«, erfuhr ich. »Böll gibt’s bloß auf individuellen Kundenwunsch hin. Wäre dann morgen Früh hier abholbar. Soll ich das für Sie in die Wege leiten?« – »Nein danke«, sagte ich und verließ den Laden, ohne ein einziges Buch gekauft zu haben. Das wäre zu Zeiten von Gonski und Bouvier undenkbar gewesen. Damals ging ich unter einem halben Dutzend Romane, die ich zugegebenermaßen nicht alle las, da nicht raus. Heute hingegen finde ich interessanten Lesestoff entweder in Antiquariaten oder beim Online-Händler.

    Vergangene Woche entdeckte ich in der Wochenendausgabe des General-Anzeigers eine unterhaltsame Rezension zu einem neuerschienen Sachbuch „Nehmen ist seliger als geben“ von Christoph Fleischmann. Weil mir der Name des Verfassers durch seine klug-amüsanten Radiobeiträge auf WDR 5 ein Begriff war, wechselte ich spontan von der Zeitung an den Laptop und orderte das Werk in Amazon. Eine Stunde später berichtete ich stolz auf Facebook von meinem Kauf. Im Anschluss entspann sich eine Diskussion, in der es interessanterweise nicht um den Inhalt des Buches ging, sondern die einzig um die Frage kreiste: Darf man guten Gewissens überhaupt auf einer Plattform wie Amazon was kaufen? Und nun sind wir endlich beim eigentlichen Thema der Kolumne angelangt. Ich versprech’s.

    Von Abrakadabra über Kadaver zum Amazonas

    Vorab ein kurzer Steckbrief des Giganten:
    – Gegründet: 1994
    – Präsident, CEO, Chairman (k.A., welcher davon der wichtigste Titel ist): Jeffrey, P. Bezos
    – Unternehmenszentrale: Seattle (also zwei, drei Blocks von Microsoft entfernt)
    Mitarbeiter weltweit: ü600.000
    – Umsatz global: knapp 200 Milliarden USD
    – Marktkapitalisierung: rund 800 Milliarden USD. Womit Amazon nach Apple zum zweitwertvollsten Unternehmen der USA aufstieg. Sie wissen nicht, was Marktkapitalisierung ist? Dann schauen Sie bitte in Google nach.

    – Mitarbeiter in Deutschland: knapp 20.000
    Umsatz D: 9 Mrd. €. Damit macht Amazon ca. ein Viertel des deutschen Online-Versandhandels aus.
    – Das deutsche Geschäft wird von Luxemburg aus betrieben.

    Ach so, bevor ich es vergesse: der Name Amazon entstand der firmeninternen Sage nach so, dass der Gründer sich zuerst Cadabra (wie Abacadabra) ausgedacht hatte. Als sein Anwalt bei der Anmeldung ins Register versehentlich Cadaver ins Formular eingeben wollte, entschied sich Bezos spontan um, recherchierte nun nach einem sowohl wohlklingenden als auch eindeutigen Begriff, der jetzt mit A (erster Buchstabe des Alphabets und deshalb weit vorne in den Branchenbüchern) beginnen musste, wobei sein Blick schließlich wohlwollend auf dem Amazonas ruhte. Der weltweit größte Fluss mit seinen tausenden Abzweigungen und Verästelungen als Synonym und Ansporn für das neue Geschäftsmodell. Die kampferprobten Amazonen hätten mit der Namenswahl hingegen nichts zu tun gehabt.Weshalb nicht? Ergibt jetzt auch nicht mehr oder weniger Sinn als Google, Bluetooth, Sony oder Yahoo.

    Die zeitraubende Religion des Firmenboykotts

    Bei Amazon kauft man nicht, das Unternehmen gehört komplett boykottiert, fordert die Online-Versandhandel-Sabotage-Fraktion. Warum, frage ich. Weil Amazon ein Monopolist ist, der seine Mitarbeiter lausig entlohnt und keine Steuern bezahlt, schallt es zurück. Oh!, denke ich, das ist übel. Aber liegt es wirklich in meinem winzigen Einflussbereich, das zu ändern? Natürlich!, ruft das Blockade-Kommando, jeder einzelne muss dazu beitragen, diesen Konzern zu bekriegen.

    Die Strategie des Firmenboykotts ist nicht neu. Ich hatte in den Achtzigern eine Freundin, die kaufte keinen O-Saft, wenn die Orangen in Südafrika gepflückt worden waren. Dann gab‘s diejenigen, die Schlecker mieden, weil die Kassiererinnen beim Discount-Drogeristen zu wenig verdienten und angeblich mittels versteckter Mikrofone von ihren Chefs belauscht wurden. Bei BP und Shell durfte man aufgrund havarierter Ölschiffe eine Zeit lang nicht tanken. H&M, KIK, C&A kann man guten Gewissens nicht betreten, da diese Unternehmen ostasiatische Näherinnen ausbeuten. Beim Kaffee muss ich darauf achten, dass der unter fairen Bedingungen produziert und gehandelt wird. Nutella geht wegen des darin enthaltenen Palmöls überhaupt nicht. Vor zwei Jahren postete ich im Hochsommer ein Bild von mir, eine Müller-Zitronenbuttermilch trinkend. Der Aufschrei der Netzgemeinde war gewaltig: Müller Milch trinkt man nicht!! Warum??, rief ich erschrocken und tippte auf Verstöße gegen die strenge deutsche Lebensmittelverordnung. Weil Müller keine Steuern bei uns, sondern in Luxemburg zahlt, wurde mir Ahnungslosem eröffnet. Daher weht der Wind, dachte ich und kippte den Rest der Zitronenbuttermilch schnell runter.

    Was und wo man kaufen darf, hat sich für einige Zeitgenossen zu einer Religion und tagesfüllenden Aktivität entwickelt. Ich persönlich war bereits in den Achtzigern nicht davon überzeugt, dass der Boykott von südafrikanischem O-Saft irgendwas an den Verhältnissen in Kapstadt und Johannesburg ändern würde. Leidtragende sind die Pflücker, die dann erstmal arbeitslos werden. Wenn nun Amazon seine Mitarbeiter unterdurchschnittlich entlohnt, ist es am Betriebsrat und den Gewerkschaften hier für schnelle Abhilfe zu sorgen. Zumal ich ja nicht weiß, ob der ein Klick entfernte Versandhändler es wesentlich besser als der Riese aus Seattle macht. Dass Amazon zu wenig oder gar keine Steuern in Deutschland abführt, indem man Zentralen in Fiskaloasen errichtet – aus kaufmännischer Perspektive gesehen konsequent, für unsere nationale Volkswirtschaft hingegen eher unbefriedigend. Hier ist aber mMn der europäische Gesetzgeber gefordert, für eine gerechte Verteilung der Einnahmen zu sorgen. Solange sich die einzelnen EU-Mitglieder bei den Unternehmenssteuersätzen jedoch einen erbitterten Konkurrenzkampf liefern, werden Headquarter-Verlagerungen nach Luxemburg, Malta und Zypern nicht zu verhindern sein. Ich kann echt nicht – und habe ehrlich gesagt auch Null Bock darauf – bei jeder Müllermilch vorher recherchieren, wieviel Kohle der Firmeninhaber an das Finanzamt überweist.

    Der stationäre Einzelhandel stirbt sowieso

    Amazon tötet den stationären Einzelhandel, werfen Sie nun in die Debatte ein? Das stimmt, ist aber ein Allgemeinplatz. Zum einen tun das alle Online-Versender, zum anderen stirbt der innerstädtische EH ebenfalls aufgrund massiven Wettbewerbs durch die in den Randbezirken aus dem Boden schießenden Shopping Malls und Outletcenter. So lange ich in Bonn, Köln oder Düsseldorf erstmal 45 Minuten lang einen Parkplatz suchen und für den am Ende meines Einkaufsbummels zwischen fünf und zehn Euro berappen muss, fahre selbst ich – der ich die künstlich-sterile Atmosphäre der Vorort-alles-unter-einem-Dach-Paradiese mit angegliederter Systemgastronomie überhaupt nicht mag – lieber nach Buschdorf, Montabaur, Pulheim, Opladen – und wie die Käffer in Westerwald, Vorgebirge, Bergischem Land sonst noch alle heißen mögen –, als mich am Samstagmittag durch den blutdrucksteigernden Kölner Verkehr zu ärgern. Oder ich bestelle halt im Internet. Den E-Commerce aufhalten zu wollen, ist in etwa so sinnvoll, wie sich die gute alte Kugelkopfschreibmaschine zurückzuwünschen oder der Zeit, als die Kinos noch Jugendstilpalästen ähnelten, hinterherzutrauern, anstatt sich langsam mit Netflix anzufreunden. Kann man natürlich tun; wird den technischen Fortschritt – der ja zur Hälfte auf der Bequemlichkeit der Konsumenten gründet – jedoch nicht stoppen.

    Meine individuelle Antwort auf Amazon & Co. mündet deshalb in eine Hybrid-Taktik: wenn ich mal in der Innenstadt bin – zugegebenermaßen aufgrund der oben aufgezählten Verkehrs- und Parkprobleme eher selten –, dann kaufe ich alles, was ich benötige, dort im stationären Einzelhandel. Auch Bücher (falls die vorrätig sind) und Elektroartikel. Den Rest – aus dem Bauch heraus geschätzt: ca. 50 Prozent meiner Anschaffungen, von den Lebensmitteln mal abgesehen – per Mausklick. Und beim E-Commerce bin ich völlig vorurteilsfrei. Ob die Ware von Amazon, Saturn, Media Markt, Zalando oder Douglas verschickt wird, ist mir persönlich egal. Hand aufs Herz: Wie viele der BP- & Shell-Protestierer tanken heimlich dann doch an den boykottierten Zapfsäulen, sobald die nächste Aralstation zu weit entfernt liegt? VIELE.

  • Das große Rasen

    Das große Rasen

    »Es gab Beschwerden«, flötet sie.
    Ich schaue auf die Uhr: 5.30. »Bist du verrückt?«, frage ich, »mich um diese Wahnsinnszeit anzurufen?«
    »Ich wurde entsprechend programmiert«, antwortet Gisela, unsere digitale Redaktionsassistentin.
    »Scheißprogrammierung«, fluche ich. »Und was für blöde Beschwerden?«
    »VIELE Beschwerden!!«
    »Zu welcher Kolumne?«
    »Deiner letzten«, sagt Gisela.
    »Welche war das nochmal?«
    »Muskelkrampf.«
    »??? … vesuch’s langsam.«
    »Sprunggelenk.«
    »Ach: Dschungelcamp … was gab’s da denn zu beschweren?«
    »Autor Hirsch hat keine Ahnung von der Materie«, erklärt Gisela.
    »Seit wann muss ein Kolumnist Ahnung von irgendwas haben? Ganz was Neues.«
    »Du sollst ab sofort nur noch über Sachen schreiben, von denen du auch was verstehst.«
    »Dann bin ich ab heute arbeitslos.«
    »Nur noch über Sachen, von denen du was verstehst«, wiederholt sie und legt auf.
    »Leckt mich doch alle!«, sage ich. Aber das bekommt Gisela nicht mehr mit.

    Und täglich stehen wir im selben Stau

    Als ich zwei Stunden danach im Auto sitze, überlege ich, ob ich einen Text zur angeblichen Ahnung angeblicher Experten schreiben soll. Verwerfe diese Idee allerdings, weil ich davon viel zu wenig Ahnung habe.

    Drei Staus später am Dreieck Heumar lausche ich auf WDR2 – nach einem Griesinger-und vor einem Grönemeyer-Song – folgendem Beitrag eines Hörers:

    Vom Tempolimit halte ich gar nix. So viele Baustellen, wie et die sowieso schon gibbet, kann man eh nirgends richtig Gummi geben.

    Da hat er völlig Recht, der gute Mann, denke ich, während es in Schrittgeschwindigkeit zum Kreuz Köln-Ost weitergeht. Wann habe ich meinen hochmotorisierten A3 das letzte Mal auf 200 gebracht? Vielleicht im vergangenen Sommer nachts auf der menschenleeren A565 zwischen Rodenkirchen und Bonn-Nord. Ansonsten zuckele ich im niedrigen Drehzahlbereich, wenn ich nicht komplett stehe, über die ständig verstopften Autobahnen des Rheinlands. Ein generelles Tempolimit würde die Sache für mich vermutlich weder verschlechtern noch verbessern. Werde ohnehin andauernd aufgrund von Baustellen – die nie fertig werden. Aber das ist ein anderes Thema –, Lärmschutz, Rollsplitt, Krötenwanderungen auf 100 oder gar 80 runtergedrosselt. 130 bedeutete da eher Luxus als Verzicht.

    Aber irgendwas in mir sträubt sich gegen eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung. Ist es der mir in meiner Jugend eingeimpfte Merksatz „Freie Fahrt für freie Bürger“? Hat sich dieses Mantra mittlerweile derart tief in meine DNA eingeschlichen, dass ich das Gaspedal für die letzte Bastion des selbstbestimmten Menschen ansehe? Wird die geschleift, dann versinkt der Produktionsstandort Deutschland in der Bedeutungslosigkeit, drohen Massenarbeitslosigkeit und Anarchie, bevor wir in eine lange Phase des grünen Faschismus eintreten. Grünen Faschismus wollen wir nicht, rufen Sie? Klar wollen wir den nicht; also verteidigen wir unser Gaspedal mit derselben Inbrunst wie die Amerikaner ihr heiliges Recht, halbautomatische Waffen ins Büro und in die Kirche mitzunehmen.

    Die Experten sind mal wieder völlig uneins

    Ein Tempolimit bringt keinerlei positiven Effekt, behaupten Sie? Von den im Radio zugeschalteten Experten erfahre ich dazu Gegensätzliches:

    Mit 130 sind weniger Staus und entspannteres Fahren möglich
    vs.
    In unseren Nachbarländern steht der Verkehr genauso oft still wie bei uns

    Bei 130 passieren weniger Unfälle
    vs.
    Wissen wir nicht, weil wir es noch nicht ausprobiert haben. Zudem darf die Unfallgefahr, die durch Sekundenschlaf aufgrund ermüdender Einheitsgeschwindigkeit entsteht, keinesfalls unterschätzt werden.

    Ich bin zugegebenermaßen etwas verwirrt und nähere mich jetzt dem Kreuz Leverkusen. Hier der allmorgendliche Megastau. Ich könnte, wenn es mir dafür im Januar nicht zu kalt wäre, gut und gerne für einige Minuten den Wagen verlassen und an der Leitplanke ein paar Lockerungsübungen absolvieren. Hier ruht der Verkehr zwischen 6 Uhr morgens und 20h am Abend prozentual mehr, als dass er fließt. Deshalb benötigen wir dringend intelligente Verkehrsleitsysteme, meinen Sie? Mag schon sein, aber bis die kommen, habe ich meinen Führerschein wegen altersbedingter Fahruntauglichkeit schon längst freiwillig an die Zulassungsbehörde zurückgeschickt. Die Verantwortlichen sind ja noch nicht mal in der Lage, einen Stau rechtzeitig anzukündigen. Sobald ich darüber vom WDR oder auf einer Anzeigetafel informiert werde, befinde ich mich bereits mitten drin. Und die vom Navi vorgeschlagenen Ausweichrouten sind alles, aber nicht intelligent. Denn die nimmt jeder Zweite, sodass wir im Anschluss statt auf der A3 dann in Köln-Mülheim zusammen vor heillos verstopften Kreuzungen warten und fluchen.

    Es ist eine in weiten Teilen irrationale Debatte. Die eine Seite will das Klima retten und die Unfallzahlen senken, die andere Fraktion zweifelt an der nennenswerten CO2-Reduktion und prognostiziert eher mehr als weniger Tote auf unseren Straßen, sobald wir die Geschwindigkeiten deckeln. Ob ein Tempolimit deshalb gleich dem gesunden Menschenverstand Hohn spottet, wie es Verkehrsminister Scheuer behauptet – warum tragen unsere Verkehrsminister eigentlich immer ein CSU-Parteibuch? –, sei jetzt mal dahingestellt. Außer bei uns herrschen weltweit nur in zwei Hand voll Ländern keine generellen Beschränkungen: Afghanistan, Bhutan, Burundi, Haiti, Mauretanien, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Somalia, Vanuatu sowie im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Diese Liste liest sich wie das Who is Who der grenzenlosen Mobilität und des Kampfes für die bürgerlichen Freiheitsrechte. Ich stelle mir vor, wie ich am Steuer eines 7er BMWs mit Vollgas über afghanische und mauretanische Schotterpisten fliege, in Bhutan und Nepal wie einst Walter Röhrl Hochgebirgsserpentinen anschneide oder in Nordkorea im Ferrari freundlich grüßend an Kim Jong-un vorbeiziehe, bevor der mich wutentbrannt in den nächstgelegenen Gulag werfen lässt. Und in Uttar Pradesh werden so viele Kühe auf dem Asphalt rumlümmeln, dass man sich nach wenigen Kilometern in den Kölner Innenstadtverkehr zurücksehnt, der im direkten Vergleich wie eine Formel1-Piste anmutet. Die Fantasie geht mal wieder mit ihnen durch, Herr Kolumnist, sagen Sie? Ich kann Ihnen im Moment leider nicht antworten, weil ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf die außer Rand und Band befindliche A1 kurz vor der Kölner Nordbrücke richten muss. Bevor ich mich gleich dem nächsten Autobahnkreuz nähere, möchte ich aber noch kurz in die Debatte einwerfen, dass die Korrelation Bleifuß zu Verkaufszahlen keine enge zu sein scheint; andernfalls müssten Herstellerländer wie Japan, Italien, USA, Frankreich aufgrund des dort seit vielen Jahren herrschenden flächendeckenden Tempolimits ihre Kfz-Produktion längst eingestellt haben.

    Wer rasen kann, der rast

    Nicht zu leugnen ist hingegen, dass PS-starke Autofahrer dazu neigen, in den Abschnitten, wo das ein paar Sekunden lang möglich ist, auf der linken Spur dem langsameren Vordermann bedrohlich nah zu kommen, Stoßstange klebt an Stoßstange, dabei werden ungeduldig Lichthupe und Blinker betätigt und im Vorbeirauschen abwechselnd abfällige Handbewegungen vollführt und gepöbelt. Warum wir das tun? Ganz einfach: weil wir es können. Wäre 130 unser Standard, unterblieben sicherlich viele grenzwertige Überholmanöver. Ob man mit partiell möglicher Höchstgeschwindigkeit schneller ans Ziel gelangt, wage ich zumindest in den dichtbesiedelten Ballungsräumen zu bezweifeln. Ob ich nun durchgängig mit 130 oder zwischendurch kurz mit 170 nach Düsseldorf pendele – wenn ich aus dem Wagen klettere dürfte das nicht mehr als maximal zwei Minuten Unterschied ausmachen. Von daher ist der Vorteil des großen Rasens eher ein Adrenalin-Mythos, als dass er in der Realität Bestand hätte.

    Fahren Sie persönlich auch in Zukunft weiterhin (zu?) schnell, fragen Sie mich? Natürlich tue ich das. Es ist ja erlaubt und von der Regierung sogar erwünscht. Ich würde mich jedoch auch an 130 gewöhnen. Habe mich schon von ganz anderen Süchten als der nach Geschwindigkeit befreit. Die Diskussion ist eh ein alter Hut, der alle zehn Jahre mal wieder aus der Ablage rausgefischt wird. Im Anschluss diskutieren wir ein paar Wochen lang erbittert hin und her, bis das angestaubte Teil zurück in die unterste Schublade der Kellerkommode wandert. Denn wenn eines noch sicherer als zwölf Airbags im Auto ist, dann die Gewissheit, dass, solange der Verkehrsminister aus der CSU stammt, die Vollgasfiktion nicht angetastet wird. Das war immer schon so und wird sich auch in den kommenden fünfzig Jahren nicht ändern.

    Ich rolle endlich auf unseren Firmenparkplatz im Düsseldorfer Süden und komme deshalb abrupt zum Ende der Kolumne. Und zu CO2 und zum Klimawandel schreiben Sie nichts, rufen Sie mir noch hinterher? Nein, dazu sage ich nichts, denn davon habe ich keine Ahnung. Und bei keiner Ahnung drohen frühmorgendliche Anrufe unserer digitalen Redaktionsassistentin, auf die ich Null Lust habe, weil ich um 5.30 Uhr definitiv lieber schlafe als zu telefonieren.