Autor: Henning Hirsch

  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung (2)

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung (2)

    Bevor die Story mit Buk und der Darmspiegelung gleich weiter geht, unterbreche ich an dieser Stelle kurz, um einen Einschub zu Andernach zu machen. Andernfalls heißt es: Der Hirsch nutzt nun schon die Kolumnen, um uns seine ollen Kurzgeschichten unterzujubeln.

    Schon Cäsar gefiel es hier. Und den Wikingern so gut, dass sie mehrmals anreisten

    Also jetzt was zu Andernach: knapp 30.000 Einwohner, landschaftlich hübsch zu Füßen der Vulkaneifel am Mittelrhein gelegen. Allerdings an dessen nördlichem Abschnitt. Das ist der ohne die Ritterburgen. Zwanzig Kilometer bis Koblenz, vierzig nach Bonn. Besitzt einen zu groß geratenen Dom aus der spätromanischen Epoche und eine gut sortierte Eisdiele mit freundlicher Bedienung in der Fußgängerzone. Cäsar ließ hier im Verlauf der gallischen Feldzüge von seinen Pionieren binnen zehn Tagen eine Pfahlbrücke über den Fluss schlagen, um den auf der anderen Seite lagernden Sueben (vielleicht waren es aber auch die Tenkterer oder Usipeter. Diese Stämme waren ja dauernd in Bewegung. Da verliert man schnell den Überblick) einen kurzen Besuch abzustatten und ihnen dabei die Überlegenheit römischer Ingenieurskunst und Kriegsführung zu demonstrieren. Im frühen Mittelalter gab’s zwei Schlachten vor den Stadtmauern. Bei der ersten verlor Karl der Kahle sowohl das Gefecht als auch große Teile seines Westreichs (heute Frankreich) an den Osten (heute: Deutschland). Zwischendurch schipperten immer mal wieder die stets beutehungrigen Wikinger den Rhein hinauf, plünderten und brandschatzten und schleppten alles an beweglicher Hehlerware (schöne und gebärfähige Frauen inklusive) fort, was sie in ihren kleinen Booten verstauen konnten.. Das war’s, was mir zur Andernacher Historie einfällt. Die Stadt befindet sich unmittelbar südlich der westgermanischen Dialektgrenze, die durch den Vinxtbach markiert wird. Von dieser Grenze haben Sie noch nie gehört? Sie sollten entweder mehr lesen oder einen Vater wie meinen gehabt haben, der mich jedes Mal, wenn wir den Vinxtbach passierten, der unterhalb der A61 in etwa auf Höhe der Ausfahrt Bad Breisig plätschert, über dessen linguistische Wichtigkeit aufklärte. Weshalb in Andernach ein moselfränkisches Idiom – im Unterschied zum ripuarischen Kölner Singsang – geredet wird. An berühmten Söhnen listet Wikipedia auf: Adolf Kolping jr., die Renaissance-Humanisten Omphalius, Winter, Hillesheim und den Profifußballer Markus Pazurek. Die kennen Sie alle nicht? Ich muss zugeben, dass ich – bis auf Kolping – von den anderen heute ebenfalls zum ersten Mal erfahre. Aber sie stammen halt aus Andernach. Der bei weitem interessanteste Spross der Stadt ist jedoch sowieso Heinrich Karl Bukowski. Hier geboren an einem schwülheißen Augusttag im Jahre 1920 als Sohn eines US-amerikanischen Besatzungssoldaten und der reizenden bzw. mit ihren Reizen nicht geizenden lokalen Bürgerstochter Katarina, die vor der Hochzeit den stolzen Nachnamen Fett trug. Die Andernacher Periode währte nur kurz. 1923 übersiedelte die Familie nach Los Angeles. Heinrich Karl – mittlerweile zu Charles Henry amerikanisiert –, der zeitlebens gerne deftig nach Hausfrauenart aß und sich von einem Onkel mütterlicherseits jede Weihnachten ein paar Pullen Müller-Thurgau aus dem Ahrtal nach East-Hollywood schicken ließ, kehrte anlässlich einer Deutschlandtournee, die er in den 70er Jahren auf Einladung seines Übersetzers und engen Freunds Carl Weissner absolvierte, ein einziges Mal für 24 Stunden in seine Geburtsstadt zurück.

    Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, können wir endlich wieder in die gestern abrupt unterbrochene Kurzgeschichte in der Suchtklinik eintauchen.

    Die Geschlossene schläft und im Schwesternzimmer wird ein Schlauch ausgerollt

    Die Uhr im Schwesternzimmer zeigte 4.17. Außer Buk, mir und Beate, die die Nachtschicht innehatte, war niemand auf den Beinen. Die Geschlossene pennte und dämmerte dem nächsten Morgen entgegen.

    »Was kann ich für die Herren tun?« Beate legte ein Sudokuheft beiseite, mit dem sie sich die Zeit vertrieb.
    »Ich nehm nochmal zwei Pillen«, sagte ich.
    »Und Sie, Herr Bukowski? Sie sind doch Herr Bukowski, oder?«
    »Klar, bin ich der. Mich kennt jedes Kind hier in Andernach.«
    »Ich komme, wie Herr Hirsch, aus Köln. Kann mich nicht erinnern, dass wir uns schon Mal begegnet sind.«
    »Was??«
    »Beruhige dich. Nicht jeder liest deine Bücher«, sagte ich.
    »Weiß ich doch. In den USA kennt mich kein Schwein. Dachte aber, hier in meiner Geburtsstadt wäre ich schon berühmter.«
    »Also, womit kann ich Ihnen dienen, Herr Bukowski: Tabletten gegen den Entzug?« Beate ließ ihre Wimpern klimpern und die Augen rollen. Fast schien es mir, sie flirtete mit meinem Kumpel.
    »Wollen Sie mich vergiften? Ich schlucke nie Pillen. Die sind was für Weicheier wie Herrn Hirsch. Aber gegen einen Whiskey hätte ich nichts einzuwenden.«
    »Den bekommen Sie draußen im Rewe, sobald man sie bei uns entlässt.«
    »Für so unbelehrbar halten Sie mich?«
    »Die Statistik besagt, dass die Hälfte der hier behandelten Alkoholiker bereits am ersten Tag rückfällig werden. Wir machen uns da wenig Illusionen.« Beate wollte freundlich sein. Der Prozentsatz lag aus meiner Erfahrung heraus eher bei 70 bis 80 Prozent.

    »Kein Whiskey, keine Weiber. Ein richtiger Scheißladen, den Sie hier managen.«
    »Ich kann gar nichts für Sie tun?«
    »Von Hämorrhoiden haben Sie zufälligerweise Ahnung? Meine schmerzen nämlich ganz fürchterlich.«
    »Sie haben unverschämtes Glück. Bevor ich in der Psychatrie anfing, habe ich in der Proktologie gearbeitet. Lassen Sie mal sehen!«
    »Das muss jetzt wirklich nicht sein, Hank«, sagte ich.
    »Was willst du?«, blaffte er zurück. »Würden deine Hämorrhoiden jucken, hättest du schon längst um Pillen gebettelt.« Er zog die Hose herunter und entblößte seinen Hintern, der dafür, dass er seit Jahrzehnten soff und keinerlei Sport betrieb, noch gut proportioniert war. Ich hatte schon weitaus traurigere Ärsche gesehen. Der von Rosi war jetzt auch nicht der Hit gewesen.
    »Was glotzt du so?«, fragte er. »Bist du im Alter schwul geworden?«

    »Stark entzündet«, sagte Beate, die hinter Bukowski kniete und mit Kennerblick seine Rosette betrachtete. »Bevor ich das in Ordnung bringe, will ich aber noch was anderes überprüfen.« Sie lief nach hinten in ihre medizinische Besenkammer und kehrte mit einem langen, grünen Schlauch zurück.
    »Was soll das werden?«, fragte ich. »Ein Einlauf?«
    »Einläufe sind etwas aus der Mode gekommen«, antwortete sie. »Ich werde jetzt eine Darmspiegelung vornehmen. Denn der Analtrakt von Herrn Bukowski gefällt mir ganz und gar nicht.«

    Buk musste sich bäuchlings auf den Behandlungstisch legen, was er zu meinem Erstaunen ohne Murren tat. Beate gefiel ihm, sonst hätte er ihr spätestens in diesem Moment einen Spruch reingedrückt.
    »Jetzt bitte nicht verkrampfen«, sagte Beate. »Denken Sie an was Schönes. Entspannen Sie sich.«
    »Wenn ich an Ihre Titten denke, bekomme ich einen Steifen«, sagte Bukowski.
    »Denk eben nicht an ihre Titten, sondern was anderes«, sagte ich.
    »Mir fällt aber gerade nichts anderes Schönes ein.«
    »Dann denk mal kurz überhaupt nichts. Das kann doch nicht so schwer sein.«

    Beate rammte ihm ohne Vorwarnung ein keilförmiges Instrument in den Arsch. Das musste höllisch wehtun. Buk stöhnte, zeigte sich aber tapfer und schrie nicht. Sie drehte an einer Kurbel und drückte damit eine Spirale mit vorne drauf installierter Kamera in seinen Dickdarm rein.
    »Ist vermutlich ein bisschen unangenehm«, sagte Beate. »Am besten schnauben Sie laut wie ein Hund. Erleichtert sehr. Das können Sie doch, oder?«
    »Ich hasse Hunde«, antwortete Buk.
    Beate drehte und drehte. Die Kamera musste mittlerweile in Bukowskis Gehirn angekommen sein, so tief steckte die Spirale schon in seinem Hintern.
    »Sie sind ein guter Patient«, lobte Beate. »Es ist gleich vorbei.« Sie kurbelte das Schlangending nun wieder heraus und begutachtete die Filmaufnahme auf ihrem Monitor.
    »Glück gehabt«, sagte sie. »Der Darm scheint in Ordnung zu sein. Aber gegen die Hämorrhoiden sollten Sie was tun. Die sind dick wie die Tentakeln eines Tintenfischs.«
    »Fein«, meinte Buk. »Mit einem gesunden Darm schläft es sich besser.«

    »Und nun Sie, Herr Hirsch!«
    »Was ist mit mir?«
    »Hose runter und mich nachschauen lassen.»
    »Ich habe keine Hämorrhoiden.«
    »Und der Stuhlgang?«
    »Der funktioniert ganz ausgezeichnet.«
    »Irgendwas ist immer in Ihrem Alter. Und wenn es bloß eine ordinäre Fettleber oder die gereizte Bauchspeicheldrüse sind. Ich werde jetzt nachsehen.« Beates Miene signalisierte, dass sie innerhalb der Wände ihres Schwesternzimmers keine Widerworte duldete.
    »NEIN!«
    »Er ist ein Feigling«, sagte Bukowski. »Fürchtet sich vor einem kleinen Schlauch, braucht Pillen gegen den Entzug, erzählt den Ärzten und Psychologen seit Jahren, dass er aufhören wird, um draußen sofort wieder zu saufen. Was für ein erbärmliches Affentheater. Und das Allerbeste: er glaubt ernsthaft, dass er schreiben kann. Dabei sind seine Gedichte allenfalls mittelmäßig.« Er hielt mich nun von hinten festumklammert wie in einem Schraubstock. Beate zog mir die Hose nach unten, grinste, während sie mit dem Schlauch vor meinem Gesicht hin und her wedelte, und ihr Grinsen glich nun aufs Haar dem Alligatorlächeln Bukowskis.

    Ich schlug die Augen auf, mein Herz klopfte mit 150 Sachen die Minute, ich war klitschnass. Neben mir stand die alte Ordensschwester von gestern Abend, kontrollierte Puls und Blutdruck, steckte mir ein Thermometer ins Ohr und fragte: »Alles in Ordnung mit Ihrem Stuhlgang, Herr Hirsch?«
    »JA!«, schrie ich.
    »Kommen Sie bitte vor dem Frühstück zu mir, um sich Ihre Tabletten abzuholen«, sagte sie und verschwand durch die Tür.

    Der Russe oder Kasache oder Usbeke stand vor dem Waschbecken, grinste mich an, drehte sich wieder um und pisste hinein. Auf meinem Bauch lag das Buch, das mir Matthias vor dem Schlafengehen in die Hand gedrückt hatte. Ich spürte plötzlichen Druck auf dem Darm und fühlte mich beschissen.

    In Teil 3 unternehme ich mit Matthias einen Ausflug zu Bukowskis Geburtshaus und mache mir dabei langsam Sorgen um meine Zukunft

    Weiterführende Literatur: Alle Arschlöcher auf der Welt und meines. In: Ein Profi – Stories vom verschütteten Leben. © Charles Bukowski, 1973

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  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Von allen traurigen Suchtkliniken, in die ich eingeliefert wurde, war Andernach die mit Abstand traurigste. Als ich im Raucherzimmer auf einem Holzstuhl hockte, von dem die Farbe abplatzte und auf die ersten Tabletten wartete, wusste ich nicht so genau, weshalb ich überhaupt hier gelandet war. Ich konnte mich schemenhaft an Rosi erinnern, die mein Kumpel Rolf für mich in einer Singlebörse aufgegabelt hatte, die in Koblenz eine schöne Wohnung am Rheinufer mit Blick auf den Ehrenbreitstein und einen gut bestückten Spirituosenschrank besaß, mit der ich mich 48 oder 72 Stunden lang vergnügt hatte. Rolf hatte mir sogar das Bahnticket spendiert. »Damit du mal rauskommst aus Köln und deinem Trott«, hatte er dazu gesagt. Das war wirklich nett von ihm gewesen. Na ja, Rolf konnte neben seiner nervigen Klugscheißerei auch nett sein. Als ich in der Provinz ankam, und Rosi nicht wie vereinbart am Bahnsteig stand, wollte ich schon wieder zurückfahren, denn ich hatte keine große Lust, sie nun suchen zu müssen. Ich ging zum Kiosk, um mir einen Flachmann zu besorgen, als mich eine rothaarige Frau, die vor zwanzig Jahren sicher mal gut ausgesehen hatte, deren beste Tage allerdings definitiv lange zurücklagen, von der Seite ansprach: »Bist du Henning?« – »Ja. Und du vermutlich Rosi. Bist unpünktlich. Wollte schon retour nach Köln.«
    »Nun hab dich mal nicht so wegen zehn Minuten. Scheinst ein Pedant zu sein.«
    »Alles Schnee von gestern, wenn’s bei dir zu Hause was zu trinken gibt.«
    »Keine Sorge, habe jede Menge für uns eingekauft.«

    In den nächsten 48 oder 72 Stunden taten wir nichts anderes als abwechselnd saufen und vögeln und zwischendurch dummes Zeug zu reden. Halt so ein typisches ü45-Hetero-Sexwochenende. Sie war im Bett nicht schlecht, beherrschte einige Nummern, die ich nicht kannte, und ich war Rolf dankbar, dass er die Sache für mich arrangiert hatte. Das pausenlose Gerammel wurde mir allerdings nach einem Tag schon etwas fade, und ich wollte nur noch in Ruhe weitertrinken und dabei das schöne Panorama genießen. Aber Rosi maulte, nannte mich mehrmals einen impotenten, faulen Sack, und ich überlegte, Rolf anzurufen und darum zu bitten, mich bei dieser Nymphomanin abzulösen. Ob wir uns am Ende gestritten haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Eigentlich macht mich Alkohol eher friedlich und freundlich. Kann aber sein, dass ich Rosi als dauergeile, alte Schlampe beschimpft habe. Falls ich es getan haben sollte, dann tut’s mir natürlich leid und ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür. Nach 48 oder 72 Stunden neigten sich ihre Alkoholvorräte dem Ende zu, weshalb ich anbot, Nachschub zu besorgen. Auf dem Weg zum Supermarkt gingen bei mir die Lampen aus, und ich kam erst wieder an Bord eines Rettungswagens zu mir. Um mich herum zwei junge Sanitäter. Keine Bullen. Das war schon mal positiv. »Wohin fahren wir?«, fragte ich. – »Andernach«, antwortete der Kleinere der beiden  »Warum nicht Köln?«, hakte ich nach. – »Weil Köln hundert Kilometer entfernt liegt.«

    Und so saß ich nun mit 3.8 Promille, einem Kasten Wasser neben mir und schlechter Laune im Raucherzimmer der Andernacher Klinik. »Pillen gibt’s erst bei 0.8«, hatte der Aufnahmearzt gesagt. »WAS?? In Köln bekomme ich die bei 1.5.« – »Wir sind aber hier nicht in Köln«, raunzte er mich an.
    Ich kippte Flasche um Flasche Mineralwasser in mich rein, rülpste, ging zum Pissen aufs Klo, trank Wasser, rülpste wieder. Die übliche Vorgehensweise, um schnell runterzukommen. Im Abstand von sechzig Minuten lief ich ins Schwesternzimmer, pustete dort ins Testgerät. »Jetzt sind Sie bei 3.2. Dauert noch eine Weile bis 0.8. Immerhin bauen Sie 0.3 pro Stunde ab.«

    Bei Unterschreiten der 3.0 setzte der Entzug ein: Herzrasen, Schwindelgefühl, Schweißausbrüche. Und es war noch elend lange hin, bis ich den vom Arzt festgelegten Schwellenwert erreichen würde. Klaglos nur deshalb zu ertragen, weil ich die Prozedur aus dem Effeff beherrschte.

    Ich weiß auch nicht, weshalb sie immer so ein Theater mit den 0.8 und 1.5 veranstalten, und uns das Zeug nicht sofort geben. Sei zu gefährlich, behaupten sie. Ich vermute ja, dass sie uns Säufer quälen wollen. So nach dem Motto: Wer viel trinkt, muss dann eben in der Konsequenz auch Schmerzen ertragen. Vielleicht soll es auch der Abschreckung dienen. Was weiß ich, was in den Köpfen der Ärzte und Pfleger vor sich geht, wenn sie den 5000sten unheilbaren Alki erblicken. Resignation, Zynismus oder gar zum Sadisten werden. Ich will’s ihnen gar nicht übel nehmen. An ihrer Stelle würde ich genauso denken.

    Ich glotzte an die Tapete, hasste Rolf, der mich mit Rosi verkuppeln wollte und hasste mich, weil ich auf seinen Vorschlag eingegangen war. Ganz besonders hasste ich Andernach und die Gestalten im Raucherzimmer. Rosi hingegen hasste ich nicht, die war mir egal.

    Die Tür schwenkte auf, ein 100-Kilo-Kerl mit Aktentasche in der Hand und verlegenem Grinsen im Gesicht kam herein. »Ist hier noch ein Platz frei?«, erkundigte er sich. Niemand würdigte ihn eines Blickes, was mich mutmaßen ließ, dass er hier zum ersten Mal aufschlug. In der Geschlossenen ist es ein bisschen wie im Knast: es gibt eine Hackordnung, und du giltst erst dann als vollwertiges Mitglied der Säuferfamilie, wenn du deinen zwanzigsten Entzug absolviert hast.
    Der Koloss ließ sich auf den Stuhl neben mir fallen. »Ist das genehm?«, fragte er.
    »Ja ja, ist okay.«
    Er öffnete die Tasche und holte eine Plastikdose mit belegten Stullen heraus. »Möchtest du ein Butterbrot? Meine Frau hat mir ein paar geschmiert, bevor sie mich hierhin gebracht hat.«
    »Nein.«
    »Vielleicht einen Schokoriegel?«
    »Nein!«
    »Ich heiße Matthias und du?«
    »Matthias, tu mir einen Gefallen und rede nicht so viel.«
    »Gedrückte Stimmung hier drinnen«, sagte er.
    »Die war ganz okay, bis du aufgetaucht bist.« Mir brach erneut der Schweiß aus, mein Hemd war klitschnass und auch unter Matthias Achselhöhlen zeichneten sich fette Kränze ab. Ich stand auf, schnorrte mir von einem Typen, der vor dem vergitterten Fenster lehnte, eine Zigarette, war kaum in der Lage, die mit meinen zitternden Fingern festzuhalten, machte drei Züge, ließ den Rest auf den Boden fallen, wo ein anderer Patient den Stummel sofort gierig aufklaubte.

    »Schlimm, der Entzug bei dir?«, fragte Matthias.
    »Genauso beschissen wie die dreißig Mal vorher.«
    »So oft warst du schon hier?«
    »Nein, in diesem traurigen Laden bin ich heute das allererste Mal.«
    »Verstehe«, sagte er.
    »Was verstehst du? Überhaupt nichts verstehst du.«
    Matthias schwieg fünf Minuten lang, dann griff er erneut in seine Tasche hinein und zog ein Buch heraus. »Weißt du, was das ist?«
    »Was soll das schon sein? Ein Buch halt.«
    »Ja, aber ein besonderes Buch.»
    »Mit Zaubersprüchen drin?«
    »Nein, von Bukowski
    »Von wem?«
    »Ein amerikanischer Schriftsteller. Kennst du den nicht?«
    »Schon mal von gehört. Der schreibt so Pornogeschichten.«
    »Vordergründig Porno. Aber eigentlich Kritik am American way of life.«
    »Klingt langweilig«, sagte ich. »Porno mit Bildern und ohne Text finde ich spannender«. In den vergangenen vier Jahren hatte ich keinen einzigen Roman in die Hand genommen. Mehr als der Sportteil des Express war nicht drin. Hatte echt große Konzentrationsschwierigkeiten.

    »Probier dieses aus. Ist ein Band mit Kurzgeschichten. Die eine, in der er von seinen Hämorrhoiden und der nachfolgenden Darmspiegelung berichtet, ist echt witzig. Wird dir gefallen.«
    »Sehe ich aus wie jemand, der sich auf eine Darmspiegelung freut?« Ich ließ mir das Buch trotzdem von ihm aufschwatzen und machte mich auf den Weg zum Schwesternzimmer. Dort war gerade Schichtwechsel gewesen. Statt der griesgrämigen Ordensfrau vom frühen Abend erwartete mich nun eine attraktive Blondine mit enormer Oberweite.
    »Ist der alte Drachen weg?«, fragte ich.
    »Ja«, antwortete sie. »Ich bin Schwester Beate. Sie sind zum ersten Mal bei uns?«
    »Nur aus Versehen. Sonst entgifte ich in Köln.«
    »Ah, Köln. Da haben wir ja was gemeinsam. Ich stamme aus Nippes.« Sie reichte mir das Testgerät. Ich blies hinein: 1.5.
    »Ich habe meine Brille verlegt. Könnten Sie für mich den Wert ablesen?«
    »0.8«, sagte ich und drückte sofort auf den Ausknopf.
    »0.8«, notierte sie laut in den vor ihr liegenden Protokollzettel. »Das ist schön. Dann können wir Ihnen ja endlich was gegen Ihre Entzugsschmerzen geben. Ich habe Distraneurin, Rivotril und Diazepam im Angebot.«
    »Mir völlig egal. Aber zwei Pillen.«
    »Ich verabreiche Ihnen Rivotril. In Ordnung für Sie?«

    Ich ließ mich auf das Sofa im Aufenthaltsraum fallen und wartete auf die Wirkung der Benzos. Die Sache mit der Brille war echt nett von Beate gewesen. Hatte mir zweieinhalb Stunden Quälerei erspart. Nach 15 Minuten beruhigte sich mein Kreislauf, das Würgegefühl ebbte ab, in den Beinen spürte ich wieder Kraft. Eine Stunde später holte ich mir zwei weitere Tabletten. »Und nun sollten Sie schlafen«, sagte Beate. »Es ist weit nach Mitternacht.«
    »Ich versuch’s«, antwortete ich.

    Im Türrahmen stand ein circa 30jähriger Galgenvogel und versperrte mir den Weg. »Was willst du?«, fragte er mit slawischem Akzent.
    »Was wohl? Pennen.« Ich schob ihn zur Seite.
    »Das ist mein Zimmer«, erwiderte er.
    »Und deshalb sind drei Betten drin.« Ich warf mich in voller Montur auf das neben der Heizung und starrte an die Decke. Das Buch hielt ich immer noch in der Hand. Der Russe oder Kasache oder Usbeke marschierte in dem kleinen Raum auf und ab, legte Kilometer um Kilometer zwischen Waschbecken und Fenster zurück, redete mit sich selbst, fuckte mich ab. Als er seine Notdurft ins Waschbecken verrichtete, war die rote Linie überschritten. »Das kannst du zu Hause machen, aber nicht hier«, sagte ich.
    »Willst du Ärger haben?«, schrie er. Dann fiel er mit geöffneter Hose auf den Linoleumboden und begann zu schnarchen. Ich ließ ihn dort liegen und versuchte, selbst zur Ruhe zu kommen.

    Als ich die Augen aufschlug, war der Russe verschwunden und Bukowski, den ich seit Studentenzeit gut kannte, saß auf meiner Bettkante.
    »Was machst du in diesem Rattenloch?«, fragte er.
    »Dasselbe wie du: einen Entzug.«
    »Entzüge sind ein großer Selbstbetrug«, antwortete er. »Weil wir danach erfahrungsgemäß weitertrinken.«
    »Stimmt. Aber für ein paar Tage fühlt man sich körperlich wieder hergestellt.«
    »Das ist aber auch das einzige, was man positiv darüber berichten kann … Hast du sie gefickt?«
    »Wen?«
    »Na, wen wohl: Rosi.«
    »Ich glaube schon.«
    »Du glaubst, du hättest sie gefickt??«
    »Am ersten Tag bestimmt. Aber danach erinnere ich mich an nichts.«
    »Es ist ein großes Elend mit der Sauferei. Selbst das Vögeln bereitet einem keinen richtigen Spaß mehr. Und jetzt laufen wir uns ausgerechnet in Andernach über den Weg. Schon komisch.« Bukowski betrachtete mich argwöhnisch mit seinen Alligatoraugen und fletschte die Krokodilszähne; als ob er mich gleich zerfetzen wollte.
    »Was ist mit Andernach?«
    »Ich bin hier geboren. Hast du das etwa vergessen?«
    »Ich weiß doch nicht von jedem Schreiber, in welchem Kaff der das Licht der Welt erblickt hat.«
    »Solltest du aber. Steht in meinen Büchern hinten in der Kurzvita drin.« Wie jeder Starautor war er eitel und erwartete von Leuten wie mir, dass ich sowohl seine Geschichten als auch die Details seines Lebenslaufs auswendig runterbeten konnte.
    »Den Abspann lese ich nie.«

    »Lass uns zu Schwester Beate gehen; neue Pillen einwerfen. Die gefällt dir, oder?«`
    »Sie ist ganz okay«, antwortete ich.
    »Du hast ihr vorhin ganz schön auf die Titten geglotzt. Aber gib dich keinen Illusionen hin. Zwischen Personal und Patienten läuft nichts. Auch wenn ich in meinen Stories was anderes erzähle. Aber das sind bloß Trinkerfantasien.«
    »Weiß ich selber.«

    Wir verließen unser Zimmer und marschierten durch den neonbeschienen Korridor in Richtung Schwester Beate.

    An dieser Stelle stoppe ich, denn Texte, die 1500 Wörter überschreiten, werden so gut wie nie bis zum Ende gelesen. In Facebook liegt die Grenze ohnehin noch deutlich darunter.

    In der Fortsetzung müssen sich Bukowski und ich bei Beate einer Darmspiegelung unterziehen, und ich erfahre nebenbei allerlei Wissenswertes über Andernach.

    PS. das ist – falls es überhaupt jemanden interessiert – meine 50ste Kolumne, wofür ich die bronzene Kolumnistennadel zugeschickt bekomme

  • Pimmel-Kolumne

    Pimmel-Kolumne

    Gehören sie zusammen: das Kopftuch und die Knabenbeschneidung? Die einen sagen ja, die anderen nein, und die Dritten haben gar keine Meinung dazu. Da die beiden Themen jedoch oft miteinander vermengt werden, und ich gestern was zum Kopftuch schrieb, will ich mich heute an der männlichen Vorhaut versuchen. Mal schau’n, was am Ende der Kolumne von ihr übrig bleibt.

    Bevor ich gleich schlaue Gedanken zur anatomischen Notwendigkeit des Präputiums (so heißt das Teil im Medizinerlatein) anstelle, will ich mich outen: auch meins ist weg. Passiert im Spätherbst 1981. Ich hatte das Geschehnis vor einigen Jahren in einer Kurzgeschichte zusammengefasst:

    Story von der geplatzten Vorhaut

    Ehrenfeld (Kölner Bezirk) im Oktober 1981. Auf der silberfarbigen Couch im Wohnzimmer meiner Eltern. Weit nach Mitternacht.
    »Ahhh!«
    »Was ist los? Bist du schon wieder zu früh gekommen?«
    »Nein … das ist es nicht.«
    »Was denn?«
    »Weiß nicht … komisches Gefühl gerade .. wie ein Messerstich in die Eichel.«
    »In meiner Möse? … was hast du eingeworfen?«
    »Nix … bloß ein paar Bier und Whiskey-Cola getrunken.«
    »Vermutlich die komplette Pulle Jim Bean … du wirst noch plemplem werden von dem vielen Alkohol.«
    »Geh runter von mir!« Ich drücke Karoline nach hinten. Sie springt gelenkig auf und schaut mich spöttisch von oben an. »Das war echt eine Scheißnummer. Hätte ich mir vorher denken können.«
    »Sei leise und mach das Licht an.«
    Das Sofa ist mit Blut besudelt. Mist, denke ich. Die Vorhaut sieht aus, als hätte ich sie in einen Häcksler gesteckt.
    »Wow … wie eine explodierte Wurstpelle«, flüstert Karoline und will die Wunde betasten.
    »Finger weg!«, zische ich.
    »Gib jetzt nur nicht mir die Schuld.«
    »Wem sonst?«
    »Und jetzt?«
    »Bring mich ins Krankenhaus.«
    »Nimm ein Handtuch mit. Sonst saust du das Auto auch noch ein.« Einen kurzen Augenblick lang glaube ich, in ihrer Stimme einen Hauch Empathie zu hören.
    »Tut’s dir leid, dass du meinen Schwanz geschreddert hast?«
    »Nein.«

    Im Auto:

    »Wohin?«
    »In die Uniklinik.«
    »Für das Muttersöhnchen natürlich nur die beste Adresse«, ätzt sie. »Die geplatzte Salami kannst du dir von jedem Metzger nähen lassen.«

    Wir stoppen auf dem riesigen Parkplatz, der neben einem Hochhaus liegt, das um diese späte Uhrzeit hell erleuchtet ist. Die Uniklinik schläft nie.

    »Wohin wollen Sie?«, erkundigt sich die Dame am Empfang.
    »Notaufnahme«, antworte ich.
    »Du meine Güte … hast doch keinen Herzinfarkt erlitten«, kichert Karoline. Ich bereue so langsam, sie mitgenommen zu haben.
    »Den langen Korridor entlang und dann auf den Stühlen vor der Glastür Platz nehmen. Kann eine Weile dauern, bis Sie aufgerufen werden. Um vier Uhr morgens sind nicht so viele von unserem Personal im Einsatz.«

    Nach zwanzig Minuten, die mir wie eine Ewigkeit erscheinen, kreuzt endlich ein verpennt wirkender Arzt auf und winkt uns schlecht gelaunt in den mit Neon beschienenen Raum hinein. Überall chromblitzende Maschinen und Folterapparate. Ich fühle mich krank.
    »Wie kann ich Ihnen helfen?«
    Ich räuspere mich, huste verlegen: »Mein bestes Teil scheint ramponiert zu sein.«
    »Mein bestes Teil befindet sich unter der Kopfschale, und bei dir ist es der Schwanz.« Karoline prustet los, kann sich kaum halten vor Lachen. Der Mediziner grinst. Ich hasse die beiden.
    »Was genau ist passiert?«
    »Seine Vorhaut sieht aus wie eine Einkaufstüte, die versehentlich in der Waschmaschine geschleudert wurde.«
    »Haben Sie irgendwelche speziellen Sexpraktiken ausprobiert?«
    »Nein! Sie saß einfach auf mir und dann spürte ich plötzlich einen stechenden Schmerz.«
    »Die Dame verfügt wahrscheinlich über ein schmales Becken und war noch nicht genügend stimuliert.«
    »Daran wird es liegen; denn allzu groß ist sein Ding nicht.« Die zwei schauen sich feixend an.
    Leck mich, denke ich.

    »Ziehen Sie die Hose runter und lassen Sie mich mal nachsehen.«
    Stumm gehorche ich seinem Befehl.
    Er setzt eine Brille auf und leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe auf meine Lendengegend.
    »Ein sauberer Riss … allerdings recht lang … leiden Sie an Phimose?«
    »Nein«, erwidere ich. »Vielleicht als Kind. Ist lange her. Kann mich nicht so richtig daran erinnern.«

    »Ich werde die Vorhaut nun entfernen. Bei der Länge der Wunde bringt Nähen nichts. Würde beim nächsten Gebrauch sofort wieder einreißen.«
    »Was? Die komplette Vorhaut weg?«
    »Ja, muss sein. Ist ein kleiner Eingriff. Wird jeden Tag einige tausend Mal auf der Welt durchgeführt.«
    »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht?«
    »In Ihrem Fall: nein.«
    »Scheiße!«
    »Nun hab dich nicht so«, sagt Karoline. »Ist eh hygienischer ohne.«
    In Gedanken verfluche ich ihr schmales Becken und meine Geilheit.

    »Ich verabreiche Ihnen jetzt eine lokale Betäubung.«
    »Okay«, willige ich erschöpft ein.
    Der Pferdemetzger öffnet eine Schublade, nestelt eine Spritze und eine Schere heraus. Dann rollt er mit dem Hocker an mich heran und beugt sich über meine Leisten. Mir graust es bei der Vorstellung, dass er binnen einer Zehntelsekunde erst in meine Vorhaut hineinstechen und die dann für immer abtrennen wird. Die Angelegenheit dauert einige Minuten. Ich beiße auf die Zähne, presse die Lippen zusammen.

    »So fertig. Sauber geschlossen.« Der Arzt klopft sich selbst auf die Schulter.
    »Und nun?«, frage ich.
    »Ich gebe Ihnen eine schmerzstillende Salbe mit. Die streichen Sie morgens und abends auf die entzündete Stelle. In fünf Tagen dürfte das Gröbste überstanden sein. Morgen gehen Sie zu Ihrem Hausarzt, damit der den Verband wechselt. In zwei Wochen dürfen Sie sich nochmal bei mir präsentieren.«
    »Das war’s dann?«
    »Und natürlich kein Geschlechtsverkehr für einen Monat. Die Gefahr, dass die Naht ansonsten aufreißt, ist zu groß.«
    »In Ordnung.« Ich will nur noch raus hier.
    »Schafft der eh nicht.« Karoline muss mir noch einen Spruch reindrücken. Sie sollte sich besser Gedanken über ihr zu schmales Becken machen.

    Schweigend fahren wir zurück nach Ehrenfeld. Und ich muss noch das Blut vom Sofa wegbekommen, bevor meine Eltern gleich aufstehen.

    Zirkumzision: ein uralter Brauch

    »Das ist ein medizinisch notwendiger Eingriff gewesen. Kann man Null mit der Beschneidung von Säuglingen vergleichen«, sagen Sie? Stimmt –  allerdings bloß zu 50%. Vergleichen kann man das schon. Aber darauf komme ich später zurück. Jetzt starte ich erstmal mit dem seriösen Teil des Textes und schreibe was zur Herkunft des Brauchs:

    Die Zirkumzision (von lat. circumcisio) ist die teilweise oder vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut und wird zumeist aus religiösen und kulturellen Beweggründen durchgeführt. Die Beschneidung war mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in der Steinzeit bekannt. Die alten Ägypter praktizierten sie. Das Judentum lernte die Methode vermutlich am Beginn des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung kennen; das wäre in etwa die Zeit, als sich Salomo mit der Königin von Saba vergnügte. Eventuell aus der Überlegung heraus, weil die Vorhaut die einzige Stelle des männlichen Körpers ist, deren Opferung an Gott keinerlei bleibenden Schaden nach sich zieht. Also die Lightversion der abrahamitischen Altarszene. Das Christentum übernahm den Ritus nicht. Paulus sprach sich explizit dagegen aus:

    Denn in Christus Jesus kommt es gerade nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist.
    (Gal 5,6 EU)

    Der Islam wiederum leitet die Notwendigkeit der Zirkumzision aus den Hadhiten ab:

    Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: Zur Fitra (natürlichen Veranlagung) gehören fünf Dinge: Die Beschneidung (der Männer/Jungen), das Abrasieren der Schamhaare, das Schneiden der (Finger- und Fuß-) Nägel, das Auszupfen (bzw. Rasieren) der Achselhaare und das Kurzschneiden des Schnurrbarts.
    Sahih Muslim: Buch 2, Nummer 495, 496

    Die WHO schätzt, dass weltweit 25 bis 33% der männlichen Bevölkerung beschnitten sind.

    Bei den Juden entfernt man dem Knaben die Vorhaut am achten Tag nach seiner Geburt im Rahmen einer Brit Mila genannten Zeremonie. Die Prozedur wird als essenzieller Bestandteil jüdischer Identität angesehen. Als Eintritt in den Bund mit Gott. Die Muslime beschneiden zumeist später; jedoch ebenfalls im Kindesalter. Die Kulthandlungen heißen: Chitan (arab.), Chätnesorän (Farsi) und Sünnet (türk.). Das Alter der Knaben variiert zwischen „rasch nach der Geburt“, über sieben bis hin zu zehn Jahren. Bei den Jesiden geschieht es im 14. Lebensjahr.

    Das war ein Parforceritt durch die globalen Zirkumzisionsgebräuche. Die Kolumne ist bereits an dieser Stelle viel zu lang, und wir sind gerade mal bei der Hälfte des Textes angekommen. Holen Sie sich eine Pulle Bier aus dem Kühlschrank, ich setze mir derweil einen Kaffee auf, bevor wir gleich weitermachen.

    Pro- & Contra-Argumente

    Anstatt nun Juden und Muslime in Ruhe ihre jahrtausendealten Bräuche praktizieren zu lassen, fordert ein nicht gerade kleiner Teil der deutschen Mehrheitsbevölkerung ein generelles Beschneidungsverbot und weiß sich dabei im Einklang mit einigen Ärzteorganisationen.

    Die wichtigsten Contra-Zirkumsisions-Argumente lauten:
    (1) medizinisch unnötig
    (2) mit Schmerzen verbunden
    (3) riskant
    (4) irreversibel
    (5) Kind kann nicht „Nein“ sagen

    Die Befürworter der alten Praxis führen dagegen ins Feld:
    (6) schützt vor Geschlechtskrankheiten und einigen anderen Infektionen
    (7) lässt sich besser reinigen
    (8) uralter Ritus

    Die Pro-Argumente (6) und (7) sind mMn wenig stichhaltig und verblassen gegenüber dem Einwand, dass es sich um einen nicht notwendigen, mit Schmerzen verbundenen und ohne Einwilligung des Patienten durchgeführten Eingriff handelt.

    Mit unpassenden Analogien à la „dann darf auch kein Kind geimpft werden“ oder „ist auch nicht schlimmer als Ohrlochstechen und Piercings“ lassen sich die Argumente der Gegner nicht entkräften. Die Beschneidung im Knabenalter ist weder medizinisch noch hygienisch geboten.

    Rechtfertigen lässt sich die Praxis einzig aus der Religion heraus. Und hier gelangen wir an einen, speziell für uns Deutsche aufgrund unserer unrühmlichen jüngeren Vergangenheit, heiklen Punkt: Wie tolerant verhalten wir uns gegenüber fremd anmutenden Ritualen? Juden und Moslems riskieren durch die Beschneidung die Gesundheit ihrer Söhne sagen Sie? Das sei grob fahrlässig bis hin zu menschenverachtend, kommt noch hinterher? Au weia!

    Kennen Sie die Romane Die Jüdin von Toledo und Die hässliche Herzogin. von Lion Feuchtwanger? Nein? Dann unbedingt lesen. Hochinteressant, wie sich die antijüdischen Ressentiments des tiefen Mittelalters in leicht abgewandelter Form in der Moderne wiederholen.

    Kein Mann benötigt seine Vorhaut

    Um an dieser Stelle mal wieder zur Vorhaut zurückzukommen: Die braucht kein Mensch bzw. Mann. Genauso überflüssig wie Polypen, Mandeln, Blinddarm und Zahnstein; weshalb die Gleichsetzung mit einer Amputation eher bösartig ist. Ob die freigelegte Eichel im Nachgang Hornhaut ansetzt (klar tut sie das), man sexuell schwieriger zu erregen ist (halte ich für ein Gerücht), für den Orgasmus länger benötigt (was ja nicht immer verkehrt ist): das sind irreführende Randaspekte.

    Interessant sind in diesem Zusammenhang einzig diese beiden Fragen:
    (a) Wie schmerzhaft ist der Eingriff?
    (b) Welche Komplikationen sind zu befürchten, und wie häufig kommen die vor?

    Aufgrund eigener Erfahrung behaupte ich: die Angelegenheit schmerzt nach dem Abflauen der Betäubung schon. Und zwar einige Tage lang. Jetzt nicht dramatisch; lässt sich aushalten. Aber die Wunde zwickt und brennt.

    An Komplikationen sind bekannt:
    – Wundinfektionen
    – Nachblutungen
    – Anschwellen von Körperbereichen und Auftreten von Blutergüssen
    – Nahtriss
    – mögliche Allergien auf das Anästhesiemittel
    – Verletzungen der Eichel oder der Harnröhre während des Eingriffs

    Urologen bezeichnen den Eingriff trotzdem als risikoarm und meinen zu den selten auftretenden Schwierigkeiten:

    Der Großteil der möglichen Komplikationen ist nicht schwerwiegend und kann gut behandelt werden.

    Alle anderen in diesem Zusammenhang vorgebrachten Sorgen sind Mumpitz. Niemand erleidet ein Trauma, weil er mit 14 plötzlich seine Vorhaut vermisst.

    2012: der Gesetzgeber wird aktiv

    Nachdem im Frühjahr 2012 das Landgericht Köln  in völliger Unkenntnis der Historie die Zirkumzision als Körperverletzung einstufte , brachte der Deutsche Bundestag noch im Dezember desselben Jahres das Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes auf den Weg, in dem u.a. folgendes drinsteht:
    ▪ die Personensorge der Eltern umfasst grundsätzlich auch das Recht, bei Einhaltung bestimmter Anforderungen in eine nicht medizinisch indizierte Beschneidung ihres nicht einsichts- und urteilsfähigen Sohnes einzuwilligen
    ▪  In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Sohnes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen die Beschneidung vornehmen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und für die Durchführung der Beschneidung einer Ärztin oder einem Arzt vergleichbar befähigt sind.
    ▪ Dies soll nur dann nicht gelten, wenn im  Einzelfall durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks  das Kindeswohl gefährdet wird.

    Zentraler Punkt ist die Formulierung, dass die Beschneidung „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ vorgenommen werden muss. Das ist das Maß aller Dinge. Deshalb bringe „der Regierungsentwurf die Rechte der Kinder, der Eltern und der Religionsgemeinschaften in den bestmöglichen Ausgleich.
    Stephan Thomae (FDP) in der vorangegangenen Debatte des Bundestags

    Das ist ein weiser Beschluss. Hätte sich der Gesetzgeber nämlich dem Diktum der strikten Gegner/ Intaktivisten gebeugt, wären dies die Konsequenzen gewesen:
    (1) Beschneidungstourismus ins benachbarte Ausland
    (2) Deutschland würde in den Augen Israels und der islamischen Welt dramatisch an Attraktivität verlieren

    Von daher war es klug, bei der religiös motivierten Zirkumzision die Kirche im Dorf bzw. die Vorhaut weiterhin purzeln zu lassen, solange gewährleistet ist, dass medizinisch geschultes Personal den Eingriff durchführt. Und Beschneidungen, die wir den Juden zugestehen, wollen wir den Muslimen doch nicht vorenthalten? Oder doch? Weil’s sich bei den einen um Folklore und den anderen um ein politisches Statement handelt? Der freigelegte türkisch-arabische Phallus als männliches Pendant zum Kopftuch? Zu weit hergeholt, meinen Sie? Was glauben Sie, was ich an Sachen schon so alles in den sozialen Netzwerken gelesen habe.

    Lange Rede, kurzer Sinn: nicht alles, was auf den ersten Blick fahrlässig  erscheint, ist es auch bei genauerer Betrachtung. Und geben wir uns keinen Illusionen hin: Hätte Paulus die Zirkumzision ebenfalls für das neue Christentum gefordert, würden wir diese Praxis heute noch anwenden.

    Die strikten Gegner sollten im Hinterkopf behalten, dass der Grat zwischen Beschneidungsverbot und Antisemitismus ein schmaler ist. Nicht wenige rutschen ab in den darunterliegenden braunen Morast. Auch an dieser Stelle empfehle ich nochmal die Lektüre der beiden o.g. Romane Feuchtwangers.

    Verlust der Vorhaut schnell verschmerzt

    Sie wollen noch wissen, wie die Geschichte damals bei mir weiterging? Die ist schnell erzählt: Nachdem die Betäubung nachließ, kippte ich mir eine halbe Flasche Cognac hinter die Binde und legte mich zwei Stunden ins Bett. Im Anschluss wechselte ich von kneifenden Herrenslips zu Boxershorts, trug drei Tage lang eine Jogginghose und lief o-beinig wie Pierre Littbarski durch Köln. Morgens, mittags und abends ließ ich meinen Schwanz jeweils für fünf Minuten in eine mit Kamillentee gefüllte Tasse hineinbaumeln. Nach einer Woche demonstrierte ich das Ergebnis meinen Kumpels und ein paar Freundinnen (die Zweitgenannten durften berühren, die ersten nicht). Ob ich die Vorhaut seitdem vermisst habe? Nein! Weg ist weg. An deren Einbuße hatte ich mich genauso schnell gewöhnt wie an den Verlust von Polypen, Mandeln und Blinddarm.

    PS. Heinrich Schmitz hatte sich im Herbst 2012 mit der juristischen Einordnung des novellierten Beschneidungsgesetzes beschäftigt: Beschneidung – Schnipp-schnapp die Vierte oder: Wie man ein schlechtes Gesetz macht

    Die Auswirkungen des Kölner Urteils kommentierten damals auch Nina Scholz und Heiko Heinisch: Das Kölner Beschneidungsurteil

  • Der einen ihr Kopftuch ist der anderen das Goldkettchen

    Der einen ihr Kopftuch ist der anderen das Goldkettchen

    Kopftuch, Kopftuch … egal, was ich lese, höre oder mir im Fernsehen anschaue: überall und ständig wird über das Kopftuch diskutiert. Ein patriarchalisches Unterdrückungssymbol sei es, schimpfen die einen, während die anderen sagen: Soll jede das tragen, wonach ihr der Sinn steht.

    Als ich vergangenen Sonntag am späten Vormittag die Treppe runter zum Parkplatz laufe, um mir beim Bäcker ein paar Brötchen für mein spätes Frühstück zu besorgen, begegne ich ihr unten vor der Haustür: der türkischen Großfamilie, die die Stockwerke drei und vier in unserem Hochhaus bewohnt.

    »Guten Morgen«, sage ich.
    »Günaydın! Nasılsın?«, kommt es zurück.
    »Bei mir ist alles okay. Hoffe, bei Ihnen ebenfalls.«

    Die türkische Gruppe umfasst an diesem Morgen rund ein Dutzend Personen, die sich auf drei Generationen verteilen. Zwei Kopftuchträgerinnen befinden sich darunter. Allerdings weder die Tochter – circa Mitte 30 – noch deren Töchter – die taxiere ich auf 5 und 10 –, sondern die Großmutter und eine alte Tante, die beide – im Unterschied zur restlichen Familie – unsere Sprache nur radebrechen, während alle anderen sich in perfektem Deutsch mit mir unterhalten können.

    Es handelt sich um eine Einzelfallbeobachtung, die keinesfalls repräsentativ ist. So viel Ahnung habe ja auch ich von Statistik. Also erkundige ich mich am Tag darauf bei der Leiterin des nebenan befindlichen Kindergartens, die ich morgens zufällig auf der Straße treffe, wie die Kopftuchsituation im Bullerbü ausschaut: »Gibt’s bei uns nicht«, antwortet sie. »Und in der Grundschule?«, hake ich nach. »Weiß ich nicht zu hundert Prozent. Aber soweit ich informiert bin, trägt ebenfalls dort kein Mädchen einen Hijab.« Auch diese Angabe ist Lichtjahre entfernt von repräsentativ; jedoch beschleicht mich der Eindruck, dass wir in Punkto Kopftuch eine Phantomdebatte führen. Das Straßenbild selbst in Kölner Vierteln wie Ehrenfeld, Kalk und Nippes mit seit Jahrzehnten hohem moslemischem Bevölkerungsanteil wird davon nicht beherrscht, schon gar nicht bei den jungen Frauen. Und an Grundschulen und Kindergärten dürfte das Kopftuch eher die absolute Ausnahme denn die Regel darstellen. Thema wegen Nicht-Relevanz eigentlich erledigt. Oder doch nicht?

    Viel Wind um ein kleines Stück Stoff

    Nachdem der österreichische Kanzler Kurz vergangene Woche vehement am Kopftuch zupfte, indem er ein Verbot an Schulen und in Kindergärten in Aussicht stellte, zieht nun die Landesregierung NRW nach.

    Religionsunmündige Kinder dürfen nicht dazu gedrängt werden, ein Kopftuch zu tragen,

    meint der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp (FDP).

    Parteichef Christian Linder springt ihm zur Seite. Ein solches Verbot sei verhältnismäßig und stärke die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen.

    Es ist zugleich ein leider notwendiger Hinweis, dass unsere moderne Gesellschaft die individuelle Religionsfreiheit auch innerhalb von Familien verteidigt.

    Wow, denke ich. Selbst die Liberalen, denen die Kleidung anderer Menschen eigentlich völlig egal sein sollte, sagen nun dem Kopftuch den Kampf an. Ist das nicht eher Empörungspotenzial für Konservative? Also Laschet, Klöckner, Seehofer und Dobrindt. Was für ein Wirbel um ein harmloses Stück Stoff.

    Nun kann man selbstverständlich contra Kopftuch sein. Warum auch nicht? Ich mag fünfhundert Sachen, angefangen mit dämlichen Försterhüten über hässliche Prinz-Heinrich-Mützen bis hin zu albernen Panamastrohdeckeln überhaupt nicht und würde die am liebsten sofort aus allen Verkaufsregalen entfernen. Wir müssen dann aber sauber argumentieren und die Religion der anderen, von der wir noch weniger Ahnung als von unserer eigenen haben, außen vor lassen. Anstatt also über die angebliche Unterdrückung der Frau im Islam mittels steinzeitlicher Kleidervorschriften zu philosophieren, sollten wir ehrlich sagen: »Wir mögen Kopftuch und Hijab nicht, weil diese Stofffetzen unserem ästhetischen Empfinden zuwiderlaufen. Die westliche Frau trägt ihr Haar offen. Kopfbedeckungen sind einzig bei Dauerregen, auf der Skipiste, chronischen Ohrenschmerzen und beim Sommerfest des Bundespräsidenten erlaubt«. Das ist eine klare Ansage, die jeder versteht. Diese Art der Argumentation korrespondiert in etwa mit der Aussage eines arabischen Kollegen, der mir vor ein paar Jahren im Suq von Dubai erklärte: »Miniröcke und ärmellose Oberteile eurer Frauen verletzen UNSERE Gefühle. Deshalb dürfen sie solch freizügige Kleidung nur innerhalb der Hotelanlagen tragen; aber nicht, wenn sie durch unsere Straßen spazieren«. Das leuchtete mir ein. Er sagte übrigens nicht: »Ihr Christen hängt einer Religion ohne Moral und Anstand an und zwingt eure Frauen zur Befriedigung eurer Geilheit in Bikinis und Hotpants hinein«. Er begnügte sich damit, darauf hinzuweisen, dass die Kleidungsvorschriften in seinem Teil der Welt von denjenigen des Westens abweichen. Und genauso sollten wir – wenn wir sie denn unbedingt lostreten möchten – die Diskussion um den Hijab ebenfalls führen – nämlich komplett losgelöst von religiösen Spekulationen.

    Schulen von sämtlichen religiösen Symbolen befreien

    Abgesehen davon, dass die Kopftuchdebatte ohnehin nur auf einen kleinen Prozentsatz Muslima zielt – denn so viele sind es in Deutschland nicht, die es täglich anziehen -, müssen wir, wenn wir dieses Kleidungsstück aus öffentlichen Gebäuden verbannen wollen, ohnehin einen Schritt weitergehen und  sämtliche Symbole, die am Körper getragen werden, genauer unter die Lupe nehmen. Denn es kann ja nicht sein, dass ein moslemisches Mädchen A kein Kopftuch tragen darf, während ihre gleichaltrige Mitschülerin B mit einem zur Kommunion geschenkten Goldkettchen, an dem ein Kreuz baumelt, neben ihr sitzt, und gleichzeitig Schülerin C, deren Eltern einer evangelikalen Sekte angehören, selbst im Hochsommer mit wadenlangem Rock und Kniestrümpfen zum Unterricht erscheint. Was ist mit einem jüdischen Jungen, der eine Kippa aufsetzt? In Deutschland steht es jedem frei – insofern er dabei nicht gegen die guten Sitten verstößt, indem er beispielsweise öffentlichen Ärger erregt, die Allgemeinheit belästigt oder verfassungswidrige Symbole zur Schau stellt – sich so zu kleiden, wie es ihm beliebt. So lange Kinder das noch nicht eigenständig hinbekommen, übernehmen zumeist die Mütter die Auswahl an Hosen, Schuhen, Hemden und Kopfbedeckung.

    Damit es jetzt nicht heißt, „der Hirsch propagiert das Kopftuch selbst für kleine Mädchen, die sich nicht dagegen wehren können“ – nein, das tue ich nicht. Ich sehe diese Altersgruppe genau wie Sie lieber mit wehendem Haar über den Schulhof tollen; aber: Ich bezweifele stark, dass ein Symbolverbot, das sich auf den Hijab begrenzt, vor dem Verfassungsgericht Bestand haben wird. Wir müssen dann schon alle religiösen Zeichen aus Kindergärten und Schulen verbannnen. Ebenfalls das goldene Kommunionskettchen der Nachbarstochter. Denn die war, als man es ihr um den Hals legte, auch erst 9 und damit weit entfernt von religionsmündig.

    Persönliche Ansprache durch Lehrer sinnvoller als Verbot

    Wer legt fest, welche Kleidung für ein Kind angemessen ist: Eltern oder der Staat? Wäre es nicht sinnvoller, die Lehrer führten Einzelgespräche mit Mutter und Vater, als jetzt mal wieder populistisch die Verbotskeule hervorzuholen?

    Querbeet durch die Parteienlandschaft stehen deutsche Politiker dem österreichischen Vorschlag deshalb skeptisch bis ablehnend gegenüber:

    Ich halte es juristisch für extrem schwierig, das Elternrecht auf Religionsfreiheit einzuschränken
    Ekin Deligöz (Bündnis 90/ Die Grünen)

    Mädchen, die aus religiösen Gründen unter Druck gesetzt werden, brauchen keine Verbote, sondern gut ausgebildetes pädagogisches Personal an Schulen und ausfinanzierte Hilfs- und Beratungsangebote
    Christine Buchholz (Die Linke)

    Ich persönlich halte nichts von solchen Verboten. Themen wie Toleranz, Weltoffenheit und Diversität gehören an jede Schule und an jeden Kindergarten. Deshalb arbeiten wir auch nicht mit Untersagen.
    Susanne Eisenmann (CDU, Kultusministerin in Baden-Württemberg)

    Ich kann die Motivation dafür zwar gut nachvollziehen, bei einer solchen Maßnahme stellen sich aber schwierige verfassungsrechtliche Abwägungsfragen. Ein Verbot löst auch nicht das Problem, das dahinter steht. Es müssen die Eltern erreicht und die Mädchen stark gemacht werden, eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen.
    Annette Widmann-Mauz (CDU, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung)

    Klingt für mich durch die Bank weg vernünftiger als der Ruf nach dem Verbot. Wer will übrigens beurteilen, ob das Tragen eines Kopftuchs stets unfreiwillig erfolgt und Ausdruck einer intoleranten religiösen Gesinnung ist? Was ist mit der Muslima, die es aus traditionellen Gründen, oder weil sie es hübsch findet, tut? Selbst wenn sie es aufgrund ihres Glaubens aufsetzte – was wäre daran verwerflich? Nur weil sich Teile der heimischen Bevölkerung kilometerweit vom Christentum entfernt haben, kann das ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Moslems in dieselbe atheistische Richtung marschieren müssen.

    Mal wieder über Schuluniformen nachdenken

    Für einen Symbolbann aus Schulen kann ich mich dennoch erwärmen. Der müsste dann aber eine Radikallösung sein: weg mit religiösen und Statuszeichen. Einheitliche Uniform für alle, keinerlei Kopfbedeckungen, Kruzifixe abhängen in den Klassenzimmern. Ein striktes Neutralitätsgebot für Bildungseinrichtungen, die von der öffentlichen Hand betrieben werden (Ausnahme: Hochschulen; da die Studenten volljährig sind). Von nicht verfassungskonformen Flickwerkverboten halte ich hingegen überhaupt nichts. Heute der Hijab, morgen das Dharma-Rad und übermorgen dann die Kippa. Entweder behandeln wir alle Religionen und ihre Symbole gleich, oder wir müssen uns den Vorwurf – zu Recht – gefallen lassen, dass wir die Muslime bei der freien Auswahl der Schulkleidung gegenüber den anderen Glaubensrichtungen benachteiligen wollen.

    Hier nochmal eine Kurzzusammenfassung am Ende der Kolumne:
    (A) Kopftuch ist ein künstlich aufgebauschtes Problem
    (B) Aus welcher Intention heraus es die Frauen und Mädchen aufsetzen, weiß außer der Trägerin niemand so ganz genau
    (C) So lange keine guten Sitten verletzt werden, geht es den Staat Nullkommnull an, wer sich wie anzieht
    (D) Wer symbolfreie Schulen haben möchte, der muss diese Forderung auf sämtliche Symbole ausweiten
    (E) Ein Symbolverbot, das einzig auf das Kopftuch zielt, ist nichts anderes als religiöse Diskriminierung.

    Und nun bin ich bei der türkischen Großfamilie zum Abendessen eingeladen. Gibt heute Köfte mit Tomaten-Zwiebel-Salat. In dieser Familie sagen übrigens die Frauen den Männern, wo es langgeht. Von mittelalterlichen Geschlechterrollen kann keine Rede sein.

    PS. vor knapp zwei Jahren erschien schon mal ein Beitrag aus der Feder von Nina Scholz und Heiko Heinisch Kopftuch und Islamismus bei den Kolumnisten, in dem die Autoren zu anderslautenden Schlussfolgerungen als ich gelangten

  • Dickes Kind hängt am Zucker wie der Junkie an der Nadel

    Dickes Kind hängt am Zucker wie der Junkie an der Nadel

    Gestern holte ich mir im Bonner HBF zur Abwechslung mal die Frankfurter Rundschau und entdeckte auf Seite 2 den hochinteressanten Artikel Die tägliche Überdosis: Zucker und Gesundheit, in dem unter anderem der Frage nachgegangen wird, ob Softdrinks als flüssige Krankmacher anzusehen sind, die Fettleibigkeit und Diabetes verursachen. Eine Stunde später stoppte ich beim Rewe in Bad Honnef, um mir Tabasco und Kaffeepads zu besorgen. Das hätte ich besser nicht getan, denn im Laden war die Hölle los, und ich stand mit meinem 4.87€-Einkauf zwanzig Minuten an der Kasse. Und während ich so vor mich hin wartete, sah sie wieder: die dicken Familien, die ihre vollgeladenen Wagen durch die Gänge schoben, dabei unablässig nach links und rechts in die Regale greifend. Ich ertappte mich in Gedanken dabei, wie ich ihnen auf die gierigen Finger klopfen und sagen will: »Jetzt ist aber genug!« Ich tu’s es nicht, weil ich nicht oberlehrerhaft erscheinen möchte und es mich ja auch nichts angeht. Jeder Erwachsene ist selbst dafür verantwortlich, welche (Un-) Menge an Kalorien er sich täglich reinschaufelt. Schwierig wird’s aber, wenn Eltern ihre Kinder mit Fanta, Erdnussriegeln, TK-Pizza und Schokopudding im Kingsize-Format vergiften.

    RKI und WHO warnen seit Jahren

    Um nun dem Eindruck entgegenzutreten, der Hirsch regt sich gerne über Sachen auf, die er sich bloß in seinem kranken Hirn zusammenfantasiert; da ist wie immer nichts dran – hier ein paar Zahlen und Zitate:

    Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).

    Die Prävalenz von Adipositas hat in den letzten zwei Dekaden weiterhin zugenommen, besonders bei Männern und im jungen Erwachsenenalter.
    © Robert Koch-Institut 2014, Studie DEGS1, Erhebung 2008–2011

    Die Berliner Zeitung zitiert in diesem Zusammenhang aus einer Studie, die von der Weltgesundheitsorganisation in Auftrag gegeben wurde:

    Weltweit sind Forschern zufolge mehr als zwei Milliarden Menschen übergewichtig oder gar fettleibig. Eine Studie zeigt nun, dass der Anteil fettleibiger Menschen an der Weltbevölkerung rasch gestiegen ist – vor allem unter Kindern. Demnach hat sich der Prozentsatz fettleibiger Menschen von 1980 bis 2015 in mehr als 70 Ländern verdoppelt, in den meisten anderen Staaten sei er zumindest stetig nach oben gegangen, schreibt das internationale Forscherteam im „New England Journal of Medicine“

    „Die Häufigkeiten von Fettleibigkeit und Übergewicht bei europäischen Kindern verharren auf einem beispiellosen Niveau“, heißt es in dem Bericht. Deutschland belegt beim Anteil übergewichtiger Kinder einen Platz im europäischen Mittelfeld. Demnach waren hierzulande 16,5 Prozent der untersuchten Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren übergewichtig.

    Aha, denke ich. Liege ich also doch nicht verkehrt mit meiner Einschätzung, dass ich heute mehr Fetten als in der Zeit meiner Jugend begegne. Früher gab’s einen Dicken pro Klasse, heute gilt jeder fünfte Pennäler als übergewichtig. Als 15jähriger Austauschschüler in den USA war ich Ende der 70er erstaunt über den dort zu beobachtenden Splitt in extrem dicke und sportliche Menschen gewesen. In den 80ern wiederholte ich diese Beobachtung bei Studienaufenthalten in England. Auch dort begegnete ich mehr Fettleibigkeit als bei uns zu Hause. Sie essen halt ungesünder, davon dann auch ne Menge, und bewegen sich weniger als wir, dachte ich damals und freute mich über die schlanke Stewardess, die mich mit wohlvertrautem rheinischen Singsang an Bord des Lufthansaflugs von London nach Köln begrüßte.

    Adipositaswelle ergreift Europa

    Zwanzig Jahre später raste der Adipositastsunami über den Atlantik, durchquerte mit kurzem Zwischenstopp im Vereinigten Königreich den Ärmelkanal, um dann mit voller Wucht über Kontinentaleuropa hereinzubrechen. Seitdem werden die Lebensmittelgeschäfte leergekauft. Die Angestellten kommen kaum hinterher, die Regale wiederaufzufüllen und neue Paletten aus dem Lagerraum ranzukarren. Als ob seit der Jahrtausendwende das große Fressen ausgebrochen ist und nicht mehr aufhören will.

    Die Gründe für die moderne Fettleibigkeit sind mannigfaltig: zu wenig Zeit, um gesund zu kochen, ständig erweitertes Angebot hochkalorischer Fertigprodukte, zu viel Zucker in Getränken und Nahrungsmitteln, Fastfood an jeder Straßenecke, suchtartiges Verlangen nach Süßem und Salzgebäck, der virtuelle Ronaldo in der Playstation ersetzt das reale Kicken draußen auf der Straße, finanzielle Einschränkungen: mit sinkendem Einkommen steigt die Tendenz, sich schnell und ungesund zu ernähren. Man kann es natürlich auch simpler erklären: Es wird kontinuierlich mehr oben nachgefüllt, als durch Bewegung in der Mitte und Stuhlgang unten verbraucht werden.

    Ist der Durchschnitts-BMI bei Erwachsenen „nur“ als besorgniserregend einzustufen, so ist es bei Kindern allerdings ein Verbrechen, deren Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten derart aus dem Ruder laufen zu lassen, bis sie in der 24/7-Hungerfalle sitzen und sich weigern, zu Fuß bis in die zweite Etage zu steigen.

    Lösungsmöglichkeiten sind bekannt

    Nun ist Dickwerden keine Gottesgeißel, der man machtlos ausgeliefert wäre und gegen die bloß Beten hilft. Lösungen für Kinder und Jugendliche liegen seit Jahren auf dem Tisch und lassen sich in drei Überschriften zusammenfassen:
    (A) Gesunde Ernährung in Elternhaus und Schule
    (B) Reduzierte Aufnahme stark zuckerhaltiger und hochkalorischer Snacks und Softdrinks
    (C) Tägliche Bewegung

    Einsicht und Freiwilligkeit sind immer begrüßenswert; reichen allerdings beim Thema „falsche Ernährung“ nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen. Nach wie vor werden unsere Kinder von morgens bis abends mit Haribo- & Milka-Werbung zugeballert. Die Supermärkte sind vollgestopft mit Gummibärchen, Keksen, Salzstangen und Erdnüssen. Und wer es als Mutter geschafft hat, sein Kind an all den Krankmachern vorbeizubugsieren, auf den warten an der Kasse das Regal mit den Bonbons, Weingummis und der kleinen Prinzenrolle, direkt daneben die Kühltheke mit dem abgepackten Eiskonfekt. Spätestens hier ist der Schreikrampf des bisher leer ausgegangenen Sprösslings vorprogrammiert.

    Foodwatch sagt dazu:
    Längst ist belegt, dass freiwillige Vereinbarungen nicht funktionieren. Die Hersteller machen die größten Profite mit Süßkram, Zuckergetränken und Knabberartikeln. Freiwillig werden sie nicht damit aufhören, genau diese Produkte an Kinder zu bewerben und deren Geschmack schon früh zu prägen.

    Gebot der Stunde: Warnhinweise

    Da es sich um ein kombiniertes Angebot-Nachfrage-Phänomen handelt – ohne den Snack im Regal könnte das Kind den nicht essen und süchtig nach dem Stoff werden –, muss hier ebenfalls die Industrie in die Verantwortung genommen werden: Verpflichtung zu drastischer Reduktion des Zuckeranteils bei gleichzeitigen Warnhinweisen auf den Packungen, was alles passieren kann, wenn man den Konsum nicht drosselt. Und weg mit der speziell auf Kinder zielenden Süßigkeitenwerbung im TV. Die ist von den gesundheitlichen Auswirkungen her als genauso problematisch wie Alkoholspots einzustufen. Und mir jetzt nicht mit der Mündigkeit der Verbraucher kommen. Kinder sind alles mögliche, aber bestimmt nicht mündig.

    Mir leuchtet partout nicht ein, weshalb wir auf jeder Wurst und jedem Käse minutiös über die Inhaltsstoffe informiert werden, aber auf Mars, Snickers, Bounty, Kinderüberraschungseiern nicht klar und deutlich draufsteht, wie viele Kalorien und Zucker darin enthalten sind, und wie lange wir benötigen, um das Zeug wieder zu verdauen. Weshalb Ekelbilder einzig auf Zigarettenpackungen und nicht ebenfalls auf Chips und Erdnussflips? Warum keine Zuckersteuer und keine Preisaufschläge auf krankmachende Süßigkeiten? Totenköpfe auf Coke und Pepsi: könnte ich mit leben.

    Mehr Sport und Ernährungskunde an den Schulen

    Bei Eltern, die tatenlos zusehen, wie ihre Söhne und Töchter sich dem BMI 30 annähern, müssen Lehrer und im Wiederholungsfall das Jugendamt vorstellig werden. Zehn- oder gar Zwölfjährige, die beim 1000m-Lauf bereits nach einer Runde um den Platz entkräftet und weinend zusammenklappen, gab es zu meiner Schulzeit nicht. Heute ist dieses konditionelle Unvermögen so normal, dass die Pädagogen bloß noch resignierend mit den Schultern zucken. Sehr viel dringender als schnelles Internet und Hotspots benötigen wir deshalb deutlich mehr Sportunterricht und Ernährungskunde an den Schulen. Am besten flankiert von einer Kampagne: TK-Pizza und nachmittags auf der Couch rumlungern sind total uncool!

    Ein wichtiges Betätigungsfeld für einen Gesundheitsminister. Herr Spahn könnte sich mit einem bundesweiten Aktionsplan „BMI an den Schulen runter“ hundertpro große Meriten erwerben. Vielleicht sagt ihm das mal jemand; denn Meriten mag er eigentlich sehr gerne. Aber eher wird der Papst das Zölibat aufheben, als dass wir erleben dürfen, wie die Politik der täglichen Vergiftung unserer Kinder durch Cola und Schokoriegeln den Kampf ansagt.

    Also fressen wir munter weiter und wundern uns nicht, dass die Konfektionsgröße XL demnächst kontinentaleuropäisches Standardmaß sein wird.

  • 50plus – zu alt für nen neuen Job, zum Sterben zu jung

    50plus – zu alt für nen neuen Job, zum Sterben zu jung

    Am langen Osterwochenende blättere ich durch den General-Anzeiger und entdecke in der Gründonnerstag-/ Karfreitagausgabe einen mit Schaufensterdebatte* betitelten Kommentar zum Thema „Solidarisches Grundeinkommen“, in dem folgende Passage steht:

    Das solidarische Grundeinkommen, das 1500 Euro monatlich für gemeinnützige Arbeit betragen soll, können nur jene bekommen, die tatsächlich arbeitsfähig sind. Doch eben diese Personen sollte man in offene Stellen vermitteln. Die Unternehmen suchen händeringend nach Arbeitskräften. Wer zuverlässig als Hausmeister, als Übungsleiter oder als Betreuung für alte Menschen arbeiten kann, der schafft auch den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt.

    Prima, denke ich. Das erzähle ich gleich mal meinem 54jährigen Kumpel Horst-Jürgen – ein studierter Volkswirt mit zweieinhalb Jahrzehnten Erfahrung in Marketing und PR –, der seit drei Jahren händeringend nach einer neuen Festanstellung sucht. Der hat schon so viele Bewerbungen – und die sind sowohl vom Text als auch von der Optik her wirklich gut gemacht –, verschickt, dass er bei 250 aufgehört hat, zu zählen. Als Antwort erhält er entweder dieses Standardschreiben: „Wir danken Ihnen für Ihre Bewerbung als XY (m/w) und Ihr Interesse an einer Mitarbeit bei YZ. Nach sorgfältiger Prüfung Ihrer Bewerbungsunterlagen müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir uns nicht für Sie entschieden haben. Wir bedauern, dass wir Sie nicht berücksichtigen konnten. Ihre elektronischen Bewerbungsunterlagen haben wir gelöscht. Für Ihre weitere Suche nach einer neuen Herausforderung wünschen wir Ihnen alles Gute und viel Erfolg. Mit freundlichen Grüßen“, oder es erfolgt überhaupt keine Reaktion. Sowas gibt’s nicht, sagen Sie? Doch, sowas gibt’s.

    Schablonenweisheit ersetzt praxisnahe Rezepte

    An Ostersamstag dann der nächste Kommentar derselben Redakteurin. Betitelt mit Augenwischerei**. Nun beschäftigt sie sich mit dem „Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit“. Ich hole mir einen Kaffee, setze mich bei schönem Wetter auf meine Terrasse und bin gespannt, was sie an praktischen Tipps für Horst-Jürgen auf Lager hat. Ich entdecke Sätze wie diesen:

    Bei Hartz 4 war schon der Name ein Kommunikationsdesaster.

    Okay. Ich bin mit meinem eigenen Vornamen auch nicht hundert Prozent glücklich. Aber ich heiße nun mal Henning, und das Programm nennt sich Hartz 4. So what?

    Es geht weiter im Text:

    Die aktuelle Debatte um Hartz 4 und ein solidarisches Grundeinkommen ist überflüssig und setzt die falschen Signale. Sie erweckt den Eindruck, als könne Hartz 4 abgeschafft werden […] denn der Sprung in einen Job, auch wenn er niedrig bezahlt ist, muss attraktiver sein, als alleine von staatlichen Hilfen zu leben.

    Was ist das denn für eine ausgelutschte Phrasendrescherei: Kurs Mikroökonomie 1 für BWL-Studenten im Grundstudium? Tippen in den Osterferien Volontäre die Leitkolumnen im General-Anzeiger?

    Mit zunehmender Lesedauer verdüstert sich meine Laune, und bei diesem Absatz:

    Es wäre wirklich kontraproduktiv, solche Leute in von der öffentlichen Hand künstlich erschaffenen Jobs zu parken, in denen sie zudem Handwerkern und Dienstleistern auf dem freien Markt Konkurrenz machen.

    zeigt sich die Sonne solidarisch und verkriecht sich hinter einer dicken Regenwolke.

    Außer, dass weder Grundeinkommen noch staatlich geschaffene Jobs was taugen, Hartz 4 auf ewig beibehalten wird, und sich die Gesellschaft mit relativer Armut der partout nicht vermittelbaren Menschen abfinden muss, steht da nichts drin. Kein einziger zukunftsweisender Satz, wie man das Problem der Dauerarbeitslosigkeit sinnvoll anpacken könnte. Eine Aneinanderreihung von marktliberalen Plattitüden. In den 80ern, als ich BWL studierte, hätte ich den Text kritiklos geschluckt. Aber da war ich auch noch fest davon überzeugt, es existierten keine tanzbaren Songs jenseits von Frankie goes to Hollywood, und Hayek sei der Messias. Wenn man älter wird, begreift man jedoch, dass der Homo oeconomicus eine Erfindung Mathematik besessener Professoren ist, man auch klassische Musik gut hören kann, und Hayek nicht für Situationen taugt, in denen schnell entschieden werden muss. Bis in die Redaktionsstube des G-A hat sich diese Erkenntnis allerdings nicht herumgesprochen. Hier wird stattdessen VWL für Dummies gepredigt.

    Dreieinhalb Millionen dauerhaft Unterbeschäftigte

    Um die beiden oben zitierten blutleeren Kommentare nun ein bisschen mit Leben zu füllen, beginne ich mit Statistik: Knapp eine Million Menschen gelten in Deutschland als langzeitarbeitslos. Das sind gemäß § 18 SGB 3 all diejenigen, die ein Jahr und länger ohne Beschäftigung sind. Davon der Löwenanteil – wen wundert’s? – im ALG 2-Bezug. Hinzugezählt werden müssen Umschüler, 1€-Jobber und Personen, die zwar schon lange suchen, sich jedoch bisher nie arbeitslos gemeldet haben (weil sie bspw. noch von ihrer Abfindung leben oder gerade ihr kleines Erbe verfrühstücken), sodass die Behörden von rund 3,5 Millionen sogenannten (dauerhaft) Unterbeschäftigten ausgehen. Darunter ein nicht unerheblicher Anteil aus der Bevölkerungsgruppe: 50plus.

    Die ü50-jährigen sind zwar nicht häufiger von Kündigung betroffen als ihre jüngeren Kollegen. Befinden sie sich allerdings erst einmal im Zustand der Arbeitslosigkeit, tun sie sich bedeutend schwerer als die anderen Bewerber, einen neuen Job an Land zu ziehen. Es gilt die Faustregel: je älter du bist, desto illusorischer wird es, dass dich jemand sozialversicherungspflichtig beschäftigen möchte.

    Was getan wird und was man stattdessen besser tun sollte

    Was passiert nun mit diesen Jungsenioren, die aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen aus dem Erwerbsleben gekegelt wurden? Als Möglichkeiten bieten sich an – sie:
    (1)    in ein ihrer Ausbildung und Erfahrung entsprechendes Arbeitsverhältnis zu vermitteln
    (2)    umzuschulen
    (3)    für einen Euro öffentliche Grünanlagen reinigen oder im Frühjahr Spargel stechen zu lassen
    (4)     via Zeitarbeit in Call Center zu stecken, damit sie dort ihre Mitmenschen mit telefonischer Meinungsforschung nerven
    (5)    bis zum 58sten Lebensjahr in ALG 2 zu parken und von dort aus in die Frühverrentung schicken.

    zu:
    (1)    funktioniert anscheinend nicht. Andernfalls wären diese Menschen nicht langzeitarbeitslos
    (2)    umschulen: einen ü50-jährigen? Zu was?
    (3)    kann man tun. Bewegung an der frischen Luft hat ja noch niemandem geschadet. Sollte aber keine Dauerlösung für einen promovierten Volkswirt wie Horst-Jürgen sein. Führt in der Konsequenz zu Frustration und Alkoholismus (er trinkt mittlerweile echt deutlich mehr als vor seiner Kündigung)
    (4)    dasselbe wie (3)
    (5)    was für eine Verschwendung an Erfahrung bei gleichzeitig vorhersehbarer Altersarmut.

    Wir reden von Menschen mit zum Teil hervorragender Ausbildung, langjähriger Berufsexpertise, die noch Marathon laufen und im Verein Schach spielen. Die dem Kostenreduzierungswahn junger Unternehmensberater zum Opfer gefallen sind und nun seit Jahren Bewerbungen verschicken, die bei den adressierten Personalreferenten sofort im Papierkorb landen. Sowas ist megafrustrierend!

    Und dazu fällt „meinem“ General-Anzeiger nichts anderes ein als der zynische Satz:

    Man kann aber leider nicht alle Langzeitarbeitslosen vom Leben in relativer Armut befreien.

    ?? Wow! Was für ein trauriges und einfallsloses Fazit.

    Dass die Arbeitslosenzahlen, deren ständig neue Rekordtiefen vom Nachrichtensprecher mit breitem Grinsen verlesen werden, maßlos geschönt sind, weil hunderttausende Suchende überhaupt nicht in der Statistik auftauchen, weiß jeder, der sich länger als eine halbe Stunde mit dem Thema beschäftigt. Und an dieser Stelle der Kolumne muss die Gretchenfrage in den Raum geworfen werden: Will ein Gemeinwesen Langzeitarbeitslosigkeit als Gott gegeben (pardon: marktkonform) hinnehmen, oder – etwas plakativer formuliert – ist es ethisch vertretbar, dass wir einige Millionen Menschen abschreiben und sie dauerhaft ihrem Hartz 4-Schicksal überlassen? Mit der fadenscheinigen Rechtfertigung, dass sie alle schlecht ausgebildet und zu faul fürs Erwerbsleben sind?

    Anstatt sich in Placebo-Diskussionen über die korrekte Bezeichnung eines Programms, den notwendigen Abstand zwischen Grundsicherung und bezahlter Arbeit sowie die Zielgröße 150.000 (unverbindliche Absichtserklärung der neuen Regierung hinsichtlich der Überführung von Langzeitbeschäftigungslosen in den ersten Arbeitsmarkt) zu verlieren, müssen dringend praxisnahe Überlegungen in den Vordergrund gerückt werden:
    (A)    Wie viele Langzeiterwerbslose wird der Arbeitsmarkt in den kommenden dreieinhalb Jahren (dann stehen die nächsten BT-Wahlen vor der Tür) absorbieren? (150.000 klingt – vor dem Hintergrund von 3.5 Millionen dauerhaft Unterbeschäftigten – ohnehin nicht sonderlich ambitioniert)
    (B)    Welche Stellen kann der öffentliche Sektor schaffen, damit die o.g. Schreckenszahl 3.5 auf unter 1 Million schrumpft?
    (C)    Welche Möglichkeiten bestehen, ehrenamtliche/ gemeinnützige Tätigkeiten in bezahlte Arbeit umzuwandeln?
    (D) Spezialabteilungen in den Arbeitsagenturen installieren, die sich einzig um die Vermittlung älterer Arbeitnehmer in zumutbare Positionen kümmern. Dabei muss sicher auch Geld in die Hand genommen werden, um die aufnehmenden Firmen mittels finanzieller Anreize zu ködern. Der Lohnzuschuss ist deutlich länger als sechs Monate zu gewähren und muss an eine Weiterbeschäftigungsgarantie gekoppelt werden.

    Selbst Trumps unsägliche Idee mit dem Mauerbau ist ja beschäftigungspolitisch betrachtet pfiffiger als das, was unseren politischen Vordenkern im Moment zum Thema „Schaffung neuer Jobs“ einfällt. Und das will schon was heißen.

    Karl-Heinz tippt weiter fleißig Bewerbungen für den Mülleimer

    Als ich den General-Anzeiger an diesem Wochenende beiseitelege, bin ich über die beiden Kommentare dermaßen verärgert, dass ich darüber nachdenke, das Abo zu kündigen. Der Sportteil im Express ist eh besser.

    Horst-Jürgen gehört der Generation moderner Arbeitnehmer an, deren Lebenslauf zu zeitlich ungefähr gleichen Teilen aus einem Drittel Ausbildung, einem Drittel Erwerbstätigkeit und einem Drittel ALG2-Betreuung zzgl. Frühverrentung besteht. Während der Splitt bei meinem Vater noch so aussah: 25-60-15%. Wenn mein Kumpel deprimiert ist – und das ist er in letzter Zeit häufig –, redet er Sachen wie: »Das Leben macht ohne Job keinen richtigen Spaß. Ich könnte sterben, und alle wären froh darüber, weil ich dann niemandem mehr auf die Nüsse gehe«. Ich sage dann: »Quatsch nicht dumm rum. Du wirst bestimmt 90.« Er lacht grimmig und antwortet: »Keine 75 werde ich mit dem Hartz 4-Scheiß«. Sobald ich auf die leeren Pullen in der Küche und den vollen Aschenbecher schaue, dämmert mir, dass Horst-Jürgen mit seiner trüben Prognose Recht behalten könnte. Und er war bis zu seiner – für ihn überraschenden – Kündigung ein echt gut trainierter Ausdauersportler gewesen. »Hartzer sterben halt früher als andere«, meinen Sie und zucken lapidar mit den Schultern. Mag sein; aber okay ist das ganz und gar nicht.

    Und nun werde ich mit Horst-Jürgen telefonieren, mich erkundigen, wie er Ostern verbracht, und ob er schon die Bewerbungen 251 bis 260 fertiggestellt hat, die ich heute Abend gerne Korrektur lese, bevor sie kommende Woche in den Personalabteilungen wieder in der Mülltonne landen werden.

    * Kommentar Schaufensterdebatte im General-Anzeiger vom 29./ 30. Mär 2018
    ** Kommentar Augenwischerei im General-Anzeiger vom 31. Mär/ 1. Apr. 2018

  • Tabubruch?

    Tabubruch?

    »Hast du das von dem Tellkamp gelesen?«, fragt Jupp.
    »Wer ist das?« Ich fülle gerade einen Tippschein für den kommenden Bundesligaspieltag aus.
    »Der Schriftsteller aus Dresden, der … «
    »Ach, der.«
    »Was hältst du davon, dass er jetzt eine Erklärung zur illegalen Masseneinwanderung abgegeben hat?«
    »Keine Ahnung. Ich muss mich hier echt konzentrieren. Wird Köln in Hoffenheim gewinnen oder nicht?«

    Was ist eigentlich ein Tabu?

    »Über Tabuthemen darf nicht offen geredet werden, sonst läufst du Gefahr, dass der (linke) Mainstream dich zerfetzt«, hört man in letzter Zeit oft. Und zwar nicht mehr bloß aus dem Mund der AfD-Funktionäre und von deren Anhängern, sondern ebenfalls von Intellektuellen, die einen faireren Umgang mit den Sorgen der Bürger anmahnen. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Auch ich habe manchmal Sorgen und bin dann froh, wenn jemand die sich anhört. Zum Beispiel: wird meine kleine Rente in ein paar Jahren ausreichen, um meinen aktuellen Lebensstandard auch nur zur Hälfte aufrecht zu erhalten, was hilft schnell bei Hexenschuss, steigt der FC im Mai in die zweite Liga ab? Aber um so profane Ängste geht es Tellkamp und seinen Mitstreitern natürlich nicht. Sie warnen vor illegaler Masseneinwanderung und der Tabuisierung des Themas.

    Was ist überhaupt ein Tabu? Sigmund Freud beschreibt es so:

    Das Tabu (-verbot) entbehrt jeder Begründung, ist unbekannter Herkunft, für uns unverständlich, erscheint es jedem selbstverständlich, der unter seiner Herrschaft lebt.
    (in: Totem und Tabu, 1913)

    Oder andersherum ausgedrückt: Ein Tabu ist etwas Verbotenes, etwas Unausgesprochenes, gar Unaussprechliches. Etwas, über das man sich – falls überhaupt – nur im kleinen Kreis und hinter vorgehaltener Hand unterhält.

    Hier ein paar Beispiele für Tabus: Pornos (alle schauen sie, aber niemand will offen zugeben, dass er es tut), die Vielehe (unsere christliche Prägung zwingt selbst Atheisten zur Monogamie), Sex mit Minderjährigen, (bis vor kurzem noch) offen gelebte Homosexualität, die Forderung nach einer flächendeckenden Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Straßen, die Relativierung oder gar Leugnung des Holocausts, der Waffenbesitz in den USA, das deutsche Reinheitsgebot und die Ausschließlichkeit der Verwendung von Hartweizen bei der Herstellung italienischer Pasta.

    Gefolgt von Kostproben für Tabubrüche: in der frühen Neuzeit zu behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist (Kopernikus und Galileo), die Monarchie abschaffen wollen (Lenin, Trotzki), Anfang des 20sten Jahrhunderts das allgemeine Frauenwahlrecht einfordern (Emmeline Pankhurst), unter McCarthy zu sagen, dass jetzt am Sozialismus nicht alles schlecht ist (Joseph Losey, Carl Foreman, Charles Chaplin, Arthur Miller), den Roman „Die Geschichte der O“ zu Papier zu bringen (Anne Desclos aka Pauline Réage), in den 70er Jahren nackt durch deutsche Innenstädte laufen, Rushdies „Satanische Verse“.

    Die oben genannten Tabubrecher waren sofort bedroht von Berufsverbot, Gefängnisstrafen oder gar dem Tod. Weil’s halt richtige – und mutige – Tabubrecher waren.

    Nicht alles, wo Tabu draufsteht, ist tatsächlich eines

    Zurück zu Tellkamp und seinem Illegale-Masseneinwanderungstabu. Auch über diese Sorge kann man selbstverständlich diskutieren. Warum nicht? Also wollen wir es hier mal tun. Aber wenn ich es mir recht überlege: wir reden doch seit gut zwei Jahren über kaum was anderes als Flüchtlinge und den Islam. Und zwar jeden Tag, in jeder Zeitung und auf jedem Fernsehkanal. Es ist ja nun nicht so, dass der Dresdner Autor der Erste wäre, der die Brisanz des Themas entdeckt und offen anspricht. Das haben vor ihm schon zig tausend andere getan, bis hin zu Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht, das allerdings bis heute keine einzige dieser Eingaben als triftig akzeptiert hat und deshalb alle zurückwies.

    Was also meinen Tellkamp und Dobrindt – um zwei der aktuellen Wortführer der konservativen Revolution herauszupicken –, wenn sie vor der Tabuisierung der Islamfrage warnen, sich selbst sogar zu Tabubrechern hochstilisieren? Denn, dass sie uns ihre Meinung nicht mitteilen dürften, ist offenkundiger Unsinn. Sie tun es und zwar sehr viel öfter, als ich persönlich sie lesen und hören möchte. Und ihre Aussagen werden von der Presse auch nicht totgeschwiegen, sondern – ganz im Gegenteil – eifrig publiziert. Andernfalls gelangte ich Durchschnittsrheinländer ja überhaupt nicht in Kenntnis der Ansichten von Herrn Tellkamp, der mir vorher ein völlig Unbekannter war. Ich soll mehr Romane lesen, sagen Sie? Tue ich, aber halt nicht die von Herrn Tellkamp. Dass also vom Mainstream abweichende Meinungen unter den Tisch fallen oder gar Zensur herrscht, ist ein derart hanebüchener Vorwurf, dass es sich für mich nicht lohnt, an dieser Stelle ernsthaft darauf einzugehen.

    Die Mär vom (linken) Mainstream

    Wer oder was ist eigentlich der (linke) Mainstream, den die Rechten so verachten?

    Bei 300 Tageszeitungen, Dutzenden Politmagazinen, jeder Menge TV-Sender, die unterschiedlichen politischen Richtungen angehören, kann von einer staatlich gelenkten Einheitspresse nun wirklich keine Rede sein. Was der Spiegel nicht haben will, veröffentlicht dann eben der Focus, was der FAZ zu links erscheint, wird in der Süddeutschen abgedruckt, wer nicht von ARD-Maischberger eingeladen wird, sitzt zwei Tage später bei ZDF-Lanz etc etc. Dass die AfD nicht zu Worte käme: ein dummes Gerücht. Derart häufig, wie ich Gauland, Weidel, Storch in den Talkshows erblicke, stellt sich bei mir bereits seit Monaten ein Gefühl der ungesunden Übersättigung durch zu viel hellblaues Blabla ein.

    Zwischenfazit 1: den (linken) Mainstream gibt es nicht. Er ist ein von den Konservativen konstruiertes Phantom zum Zwecke der generellen Diskreditierung von Andersmeinungen

    Was ist dran am Vorwurf der Lückenpresse?

    Schwieriger, weil für Außenstehende kaum beweisbar, ist die Klärung des Vorwurfs, dass Vorkommnisse unter den Tisch gekehrt werden – die sogenannte Lückenpresse –, wir also vorsätzlich im Irrglauben belassen werden, die Spitze sei bereits der Eisberg. Oder, um einen Satz des früheren Bundesinnenministers zu zitieren:

    Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern

    Unterstellt, es gäbe tatsächlich solche Verschleierungsversuche (moslemischer) Straftaten: (a) wer soll die angeordnet haben? (b) halten alle Beteiligte 24/7 dicht? (c) weshalb sollte die Presse, sobald sie Wind davon bekommt, darüber nicht berichten? Als ob sich die Bildzeitung so eine Schlagzeile entgehen ließe.

    Ich will gar nicht kategorisch ausschließen, dass manche Organisationen religiöse Konflikte zwischen Mitarbeitern, Studenten, Schülern etc. lieber intern regeln, als die an die große Glocke zu hängen. Aber was, außer der Befriedigung unserer Neugier, wäre gewonnen, wenn sie es täten?

    Dass Kapitalverbrechen verschwiegen werden, glaubt außer notorischen Verschwörungsjunkies keiner ernsthaft. Oder mittlerweile doch?

    Die bei Tabubruch eventuell drohenden Konsequenzen

    Interessanter ist es, sich mit den von den rechten Rebellen befürchteten Konsequenzen ihres publizistischen Tuns zu beschäftigen. Die da lauten:

    (1) „Ich werde harten Gegenwind ernten.“ Klar, werden sie das. Passiert allerdings ebenfalls einem Linken, der die Verstaatlichung des Bankenwesens fordert oder einem Fußballspieler, der seinen Trainer disst. Wird auch mir im Anschluss an diese Kolumne widerfahren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekomme ich 50x zu lesen, dass ich entweder naiv, völlig ahnungslos oder ein Islamproblem-Schönredner oder alles drei zusammen bin. Kann ich mit leben. Jeder, der sich in der Öffentlichkeit äußert, sollte sich vorher prüfen, ob er Kritik an seiner Kritik erträgt. Wer das nicht kann: besser die Klappe halten. Man muss nicht in jedes einem hingehaltene Mikrophon reinplappern.

    (2) „Man wird mich als Nazi beschimpfen.“ Das ist fürwahr eine Unsitte: die Keule wird zu schnell und zu oft geschwungen. Allerdings zuvorderst im privaten Gespräch und in den sozialen Netzwerken. In den seriösen Medien liest man den Begriff eher selten. Nicht jeder, der einen anderslautenden Standpunkt einnimmt, ist deshalb gleich ein Faschist. Manche sind bloß besorgt, stockkonservativ oder reaktionär. Die rechte Skala weist – wie die linke – Abstufungen auf.  Mir wurde auch schon einige Male „Linksfaschist“ um die Ohren gehauen. Ich zucke dann mit den Schultern und scrolle zum nächsten Kommentar weiter.

    (3) „Ich werde Nachteile zu erwarten haben.“ Welche konkret könnten das sein? Dass ein konservativer Tabubrecher ins Gefängnis wanderte, wäre mir neu. Am wahrscheinlichsten wären mithin Berufsverbote. Aktuelles Beispiel sei die Distanzierung Suhrkamps von den Äußerungen Tellkamps, behaupten nicht wenige Kommentatoren in Facebook. Ob es klug war, das zu tun, kann man durchaus diskutieren. Was aber definitiv nicht vorliegt, ist ein Berufsverbot. Denn Suhrkamp als privatwirtschaftlichem Unternehmen steht es selbstverständlich zu, Bücher zu publizieren oder Manuskripte – aus welchem Grund auch immer – abzulehnen. Nennt man: Vertragsfreiheit. Zudem bleibt abzuwarten, ob Suhrkamp einen seiner Starautoren tatsächlich entsorgt, oder es nicht vielmehr bei der kleinen Abmahnung belässt. Sollte sich das Berliner Traditionshaus von Tellkmap trennen, müsste der sich eben einen neuen Verlag suchen. Zwar etwas mühsam, jedoch weit entfernt von einem Berufsverbot. Aber auch hier gilt das weiter oben Gesagte: wenn’s blöde läuft, kann jeder, der sich öffentlich äußert, dafür abgestraft werden. Erkundigt euch mal bei Fußballtrainern, wie schnell die fliegen, wenn sie was sagen, was der Vereinsspitze nicht in den Kram passt. Das ist fürwahr kein Phänomen, das sich auf rechte Rebellen eingrenzen lässt.

    Zwischenfazit 2 – Konsequenzen: alles Lichtjahre entfernt von dem, was den weiter oben genannten richtigen Tabubrechern drohte.

    Tabubrecher heute: vor allem realitätsleugnende Geschichtenerzähler

    So falsch es also ist, von EINEM (linken) Mainstream zu sprechen, so verkehrt ist es, die Flüchtlingsfrage als Tabu zu geißeln, das es zu überwinden gilt. Beides trifft nicht zu. Die Presselandschaft bleibt bunt und der publizistische Umgang mit den beiden großen – und zusammenhängenden – Themen Migration und Islam wird seit Anbeginn von vielen Pro- und Contraargumenten geprägt.

    Wer hingegen glaubt, die Verlautbarung, „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird“, sei eine Heldentat, hält es sicher ebenfalls für mutig, wenn man in der Öffentlichkeit vor zu viel Zucker in Nutella warnt oder dem britischen Außenminister einen Friseurbesuch empfiehlt. Nein, all das ist weder draufgängerisch noch gar ein Überschreiten tabuisierter Grenzlinien! Es sind Sätze, die schon tausend Mal vorher ausgesprochen wurden, ohne dass irgendeine Sanktion erfolgte. Rebellentum ist wirklich was anderes als die in ihrer politischen Schlichtheit erschreckende „Gemeinsame Erklärung“ vom 15. März.

    Wer ein Tabu bricht, das gar nicht besteht, ist eher ein realitätsleugnender Geschichtenerzähler als ein (konservativer) Revolutionär. Ob uns seine Meinung gefällt oder nicht: sie wird vervielfältigt und in jeden deutschen Haushalt transportiert. So dass nun auch ich – Express- und Bukowskileser – weiß, dass Tellkamp den Roman „Der Turm“ verfasst hat. Das ist Werbung, über die er sich eigentlich freuen sollte.

  • Kochen mit Hartz 4

    Kochen mit Hartz 4

    »Ich werde einen Selbstversuch starten«, kündigt Heinz an, als wir am Montagabend in der Sky-Sportsbar das Auswärtsspiel des FC in Bremen anschauen.
    »Hast du dich zu nem ambulanten Pharmatest überreden lassen? Elefantenviagra für hoffnungslos Erektionsgestörte?«, fragt Jupp, der angefressen ist, weil Köln 1 zu 2 zurückliegt.
    »Ob man sich für 4.80€ einen Monat lang gesund ernähren kann. Denn das bezweifelt ihr zwei Kommunisten ja. Und ich werde euch demonstrieren, dass es funktioniert. Ganz bequem sogar.«
    »Das ist in etwa so beweiskräftig, wie sich im Januar zehn Minuten lang mit blankem Arsch ans Ufer des Baikalsees zu setzen, um dann zu schreien: SO kalt, wie ihr ständig behauptet, ist es in Sibirien überhaupt nicht«, meint Jupp dazu.
    »Wobei Heinz ein Monat Fasten nicht schaden würde. Machen viele in der Zeit vor Ostern«, sage ich.

    Was geht alles für 4.80 Euro?

    Natürlich kann man sich von den im Hartz 4-Regelsatz für Lebensmittel vorgesehenen 4.80 Euro ernähren. Ohne dabei zu verhungern. Ob dauerhaft gesund, sei jetzt mal dahingestellt. Aber für nen knappen Heiermann irgendwie satt werden, klappt. Haben Jupp und ich auch nie in Zweifel gezogen. Ich komme an manchen Tagen mit weniger aus. Was aber an meinen speziellen Ess- bzw. Nicht-Essgewohnheiten liegt. Mir reichen manchmal ein paar Butterbrote, um mich für den ganzen Tag gekräftigt zu fühlen. Eine „Gabe“, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Die aß so gut wie nichts. Aber für alle anderen – beispielsweise mein Vater –, die an regelmäßige dreimalige Nahrungsaufnahme gewöhnt sind, wird’s schon eng mit den 4.80€. Das von meinem Vater heißgeliebte Stück Kuchen vom Bäcker gegenüber  für den kleinen Hunger am Nachmittag dürfte bei diesem bescheidenen Budget entfallen. Vom 21 Uhr Glas Rotwein, um besser einzuschlafen, brauchen wir gar nicht erst zu reden. Jetzt gibt es Spezialisten, die einem auf den Zehntelcent genau vorrechnen, was man sich mit 4.80€ alles Leckeres leisten kann. Im Hartz 4-Forum von chefkoch.de findet man diese Tipps:

    selbstgemachte Pizza (da lassen sich hervorragend reste vom Vortag verwerten)
    Fischstäbchen mit Kartoffelpürree und Mischgemüse
    Ofenkartoffeln mit Kräuterquark
    Spagetti mit Tomatensoße
    Reibekuchen + Apfelmus
    Zwiebelkuchen
    Bechamelkartoffeln
    Senfeier mit Kartoffeln
    Kartoffel- oder Nudelauflauf
    Leber mit Apfel und Zwiebeln
    Sahnemöhren mit Hackfleisch und Reis
    Königsberger Klopse
    Möhrenularsch (wenig Fleisch, dafür viele Möhren)

    oder:

    extrem preiswert sind alle Sorten Eintopf mit (trockenen und selbst eingeweichten) Hülsenfrüchten, das schmeckt auch ohne Fleisch bzw.nur mit etwas Speck, und da kann es auch schon etwas schicker sein … wenn man z.B. Waldkönigins duftendes Rote-Linsen-Süppchen etwas vereinfacht …  Gemüseeintöpfe mit Frischgemüse der Saison, vorgestern haben wir für kleinstes Geld einen großen Topf Caldo verde gekocht, Materialkosten knapp 2 Euro, ergab 6-8 Portionen (Rezept in meinem Profil), einen Teil haben wir eingefroren, den Rest mal mit, mal ohen Wurst gegegssen.

    oder:

    Linsen-/Erbsensuppe
    Kartoffeln mit Nudeln (ähnlich wie Kartoffelsuppe nur noch mit zusätzlichen Spätzle drin)
    Apfelschmarrn (CK)
    Würstchengulasch
    gebratene Leberkäs Scheiben mit Püree und gebratenen Zwiebelringen

    Es folgen hunderte weiterer Rezeptvorschläge für den schmalen Geldbeutel.

    Welche Produkte einzukochen oder einzuwecken sind, was man in großen Mengen kauft und einfriert, welche Tafeln besser sind als andere, wo Sonderangebotaktionen locken: für alles gibt es Tipps. Das Leben als Dauerschnäppchenjagd nach Dosenravioli, Hollandtomaten und abgepacktem Schnittkäse. Mit Geduld und etwas Glück ergattert man hin und wieder ein Stück Entrecôte kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Ich persönlich würde jedoch sowohl am Einkochen und Einwecken scheitern, und Sonderangebotaktionen, wo ich auf hunderte von Kaufmordlust getriebene Menschen treffe, meide ich wie der Abstinenzler den Duty Free Shop mit den Billigspirituosen. Okay, für den Hartz 4er gelten andere Regeln. Nicht so richtig beantwortet, wird zudem die Frage, wie man sich von 4.80€ 3x täglich ernährt, und welche Getränke man dafür bekommt. Aber: geschenkt. Das ist ja schon wieder SEHR kritisch von mir nachgefragt. Wussten Sie übrigens, dass die Lebenserwartung chronisch armer Menschen bei uns in Mitteleuropa acht (Frauen) bis elf (Männer) Jahre geringer ausfällt als bei Normalverdienern? »Irgendwann sterben wir alle«, sagen Sie dazu? Stimmt natürlich auch wieder.

    Hartz 4 ist staatlich verordnete Armut

    Hartz 4 ist Armut. Zwar keine lebensbedrohende Armut wie in der Dritten Welt , aber Armut. Man kann als Marktliberaler mit den Schultern zucken und denken: ein bisschen Armut ist eben immer. Kein System ist vollkommen. Sehe ich zwar anders. Denn auch relative Armut kann die davon Betroffenen gegenüber der wohlhabenderen Mehrheit ausgrenzen und benachteiligen. Aber wenn ich nun auch noch anfinge, die Nachteile dieser Form von Armut aufzuzählen, entwickelte sich die Kolumne zu einer Seminararbeit. Was keiner (inkl. Verfasser) will. Was aber überhaupt nicht geht, ist es, diesen Menschen von oben herab arrogante Ratschläge erteilen zu wollen. À la Sarrazin: Wenn die Heizkostenrechnung zu hoch ausfällt, dann mehrere Pullover anziehen oder: Kalt duschen ist eh gesünder. »So was tun nur unanständige Zeitgenossen, die kein Herz haben«, hätte meine Großmutter väterlicherseits gesagt. Die war zwar nie arm gewesen, kannte jedoch aus der Nachkriegszeit das Gefühl des Hungers und der im Winter ständig unterkühlten Wohnung und wäre nie im Traum auf die Idee gekommen, darüber Witze oder blöde Bemerkungen zu machen.

    Über vier Millionen Menschen beziehen ALG 2, knapp zwei Millionen Kinder müssen hinzugezählt werden. Viele davon dauerhaft. Das ist – auch statistisch gesehen – jetzt keine vernachlässigbare Größenordnung. Und beim Dauerhaft beginnt das eigentliche Problem. Denn ALG 2 war ja gemäß Erfinder Peter Hartz – was ist übrigens aus dem geworden? – als kurzfristige Überbrückungsfinanzierung zwischen zwei Jobs gedacht gewesen. Zumindest wurde das bei der Einführung dieses Regelwerks von den Verantwortlichen behauptet. Den Bezugszeitraum von ALG 1 verkürzte man deshalb auf zwölf Monate. Der aus der Simon’schen Anreiz-Beitrags-Theorie ausgeliehene Gedanke lautet: Wer wenig Gratiskohle erhält, wird seinen Hintern schnell in Richtung neues Beschäftigungsverhältnis schwingen. Bloß nicht aufgrund von zu viel Alimentation zu Hause auf dem Sofa rumgammeln.

    Wer in staatlich verordneter Armut lebt, will die Zeitdauer dieses miserablen Zustands möglichst kurz halten. Das leuchtet theoretisch ein. Selbst Kommunisten wie Jupp und mir. Wobei Jupp seit Jahrzehnten sein Kreuz bei der CDU setzt. Allerdings spielt die Realität bei diesem vordergründig logischen Gedankengang leider nicht immer mit. Die Vermittlungsquoten der Jobcenter sind unterirdisch. Nun können die Sachbearbeiter jedoch nur bedingt was für die bescheidene Erfolgsbilanz.  Es ist halt eine Mission impossible, Menschen Jobs besorgen zu wollen, die es für sie gar nicht gibt. Und so zwangen die JCs ihre Kunden (netter Euphemismus) von Beginn an zur Aufnahme von Tätigkeiten, für die diese Personen absolut überqualifiziert sind. Ich erinnere mich an den insolventen Fachanwalt für Familienrecht, den man in eine Behindertenwerkstatt setzte, wo er Billigelektronikbauteile zusammenlöten sollte. Der frustrierte Mann investierte daraufhin seine Hartz 4-Kohle in Schnaps, ließ sich ein Jahr später arbeitsunfähig schreiben und wechselte von ALG 2 in die Sozialhilfe. War damit raus aus der Statistik. So kann man einen Fall natürlich auch als erledigt abhaken. Beliebt sind ebenfalls Fortbildungen oder Kurse wie: „Vom professionellen Lebenslauf zum hoffnungsvollen Bewerbungsgespräch“ (dauert, inkl. hübschem Portraitbild vom Fotografen vier Wochen). Warum nicht? Ich hatte mal einen türkischstämmigen Nachbarn – doch, doch, er sprach fließend Deutsch, mochte Erdogan überhaupt nicht, und die Tochter trug kein Kopftuch. Muss man heute ja alles dazuschreiben -, der als gelernter Heizungsinstallateur in sage und schreibe fünf Umschulungsmaßnahmen gesteckt wurde, in deren Anschluss man ihn jedes Mal in bezuschusste Arbeitsverhältnisse zwangsvermittelte. Sobald die Förderung auslief, wurde er noch am selben Tag entlassen. Schließlich heuerte er bei seinem Cousin in einem Dönergrill an. und seine Frau putzt. Ob das besser ist, als gar nicht zu arbeiten? Fragen Sie Herrn Spahn. Der ist jetzt der neue Armutsexperte im Kabinett Merkel IV. Vielleicht wird er uns ja demnächst – wie weiland Thilo Sarrazin – mit einem ALG 2-Kochbuch beglücken. Dem Ghostwriter bei einem 150-Euro-Arbeitsabendessen in einem Berliner Szenelokal in die Feder diktiert.

    Würden Sie zu Ihrem neuen Job auch pendeln? Falls ja: wie weit? Wären Sie bereit, umzuziehen? Solche Fragen werden den ALG 2-Beziehern gestellt. Pendeln ohne Auto und ohne Jobticket ist mühsam und vor allem teuer. Für einen auf sechs Monate befristeten 1.500€-Job umziehen? Wer denkt sich sowas aus? Keiner der Sachbearbeiter würde das tun. Aber für die Kunden gelten eben andere Regeln (habe ich weiter oben schon gesagt. Weiß ich).

    Die Zeche für Managementfehler zahlt oft der Staat

    Hartzer, Minilöhner, Aufstocker, und wie das moderne Industrie-& Dienstleistungs-Prekariat sonst noch heißt, sind Menschen, die von der Wirtschaft betriebs- oder krankheitsbedingt ausgespuckt wurden. Externalisierung interner Kosten nennt man das, wenn schlechte Entscheidungen des Managements zu Massenentlassungen führen, deren Finanzierung dann vom Steuerzahler aufzubringen ist. Vom ethischen Blickwinkel aus ganz kritisch zu beurteilen sind Beschäftigungsverhältnisse, bei denen den Angestellten Hungerlöhne gezahlt werden. Und das tun manche Unternehmen mittlerweile flächendeckend und mit System. Von bedauerlichen Einzelfällen kann längst keine Rede mehr sein. Ich halt’s da mit Franklin D. Roosevelt, der bereits 1933 wusste:

    Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Geschäfte zu betreiben.

    Es ist höchste Zeit für eine Radikalreform

    Es bringt meiner Meinung nach wenig bis gar nichts, Placebos wie 5-Euro-Erhöhungen des Regelsatzes oder ein paar kleine Befreiungen und Ausnahmetatbestände beim stets drohenden Sanktionsmechanismus anzubieten. Das ganze System gehört auf den Intensiv-Prüfstand. Besser noch: Es sollte schleunigst durch was Neues ersetzt werden.

    Falls die Wirtschaft ü50-Arbeitslose – um nur eine Gruppe exemplarisch herauszupicken – nicht mehr absorbiert, muss gehandelt werden. Das Hinüberschieben früherer Dozenten, Unternehmer und Freiberufler In ausbeuterische Paketdienste oder Call-Center-Jobs kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Das Prinzip des freien Wettbewerbs auf dem Arbeitsmarkt ist nicht sakrosankt. Sobald dauerhafte Friktionen auftreten, ist der Staat verpflichtet, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen und kann nicht einzig auf hilflose JC-Sachbearbeiter und dubiose Zeitarbeitsfirmen vertrauen. In einer länger anhaltenden Krisenperiode darf der öffentliche Dienst nummerisch auch mal wieder wachsen, anstatt sich ständig „gesund“ zu schrumpfen.

    Ich behaupte: 98% der ALG 2-Bezieher wären SOFORT arbeitsbereit, wenn man ihnen zu ihrer Ausbildung passende, menschenwürdige Jobs anböte. Die Mär vom faulen, in Jogginghosen zu Hause auf dem Sofa rumlümmelnden, trinkenden und rauchenden Hartzer ist erstunken und erlogen. Viele sind mittlerweile desillusioniert bis hin zu verzweifelt. Das umschreibt die traurige Wahrheit schon eher.

    Um zum Schluss der Kolumne auf das 4.80€-Experiment zurückzukommen: Heinz hat es doch nicht angetreten. Jupps Einwand mit der geringen Beweiskraft fiel bei ihm auf fruchtbaren Boden, und er war insgeheim froh, sich nicht einen Monat lang kasteien zu müssen. Alleine Heinz‘ Frühstück kostet mehr, als den ALG 2-Beziehern für den gesamten Tag zusteht. Und es wäre Heinz auch sicher schwergefallen, auf seinen abendlichen Viertelliter Montepulciano d’Abruzzo zu verzichten.

  • Wo bitte geht’s zur neuen SPD?

    Wo bitte geht’s zur neuen SPD?

    Die SPD befindet sich seit Monaten im ungebremsten Sinkflug. Nach einem kurzen Hype vor einem Jahr mit dem neuen Messias aus Würselen, der mittlerweile schon wieder Geschichte ist, sacken die Beliebtheitswerte bei jeder Umfrage weiter ab. Vom zweiten Stock mit Aussicht aufs Kanzleramt sind wir mittlerweile im Erdgeschoss angelangt mit Blick auf die Hauswand gegenüber, auf der „Angie forever“ prangt. Und der weitere Absturz Richtung Souterrain erscheint nicht ausgeschlossen.

    Gelingt es den frischen sozialdemokratischen Ministern im Kabinett Merkel IV, die SPD aus ihrem Jammertal herauszuführen? Von einem kurzfristigen Zwischenhoch unmittelbar nach Verkündigung der Namen mal abgesehen, wird das nicht dauerhaft und prozentual erfolgreich genug funktionieren, solange die Neuen auf den ausgetretenen Pfaden ihrer Vorgänger wandeln. Ein bloßer Austausch der Gesichter genügt nicht, um uns launischen Wählern einen glaubhaften Kurswechsel zu vermitteln.

    Nun kann man als Nicht-Genosse, wie ich einer bin, mit den Schultern zucken und sagen: so vergeht der Ruhm der Welt, nichts ist für die Ewigkeit gedacht und das gilt halt ebenfalls für die alte Dame SPD. Irgendwann sterben wir alle. Man kann natürlich auch Mitleid empfinden für eine Partei, die es vor lauter Juniorpartnerschaft in der tödlichen Umklammerung der Merkel-CDU nicht schafft, sich mit strategisch wichtigen Fragen auseinanderzusetzen, weil der Regierungsalltag keine Zeit für die Beschäftigung mit Zukunftsthemen lässt. Oder man überlegt, woran es wirklich hapert. Denn der Tod auf Raten der deutschen Sozialdemokratie ist ja kein Naturgesetz, sondern hausgemacht.

    Demokratie ohne starke Opposition taugt nichts

    Ohne starke Oppositionspartei, die jederzeit die Regierung übernehmen könnte, taugt Demokratie wenig. Das Parlament ähnelt dann einem kakophonen Hornissennest, in dem die Vertreter der kleinen Fraktionen lautstark ihre Partikularinteressen als das große Ganze anpreisen. Groko ist eigentlich bloß die letzte Möglichkeit, wenn alle anderen Alternativen versagen. Als Normalzustand führt sie bei den Bürgern unweigerlich zu Verdruss. Und wir erleben nun bereits die dritte Neuauflage dieses Modells binnen zwölf Jahren. Natürlich auch aufgrund der Weigerung der FDP, Verantwortung übernehmen zu wollen. Die Genossen haben sich monatelang echt schwer damit getan, erneut mit der Union ins Bett zu steigen. Das muss der Ehrlichkeit halber schon hinzugefügt werden.

    Was fehlt, um von Partei wieder zur Volkspartei mit realistischer Kanzlerambition aufzusteigen, ist ein die Massen mobilisierendes Thema. Sachen wie beste Schulen, gute Pflege, gerechte Steuern und „keine Zweiklassen Medizin!“ sind zwar nett anzuhören, verleiten allerdings keinen unentschlossenen Wähler dazu, sein Kreuz bei der SPD zu setzen.

    Agenda 2010 gehört dringend auf den Prüfstand

    Man muss kein promovierter Wahlforscher sein, um zu erkennen, dass das Volk seit Jahren stark unzufrieden ist mit dem Hartz 4-Regelwerk. Den Stein ins Rollen brachte die im Jahr 2003 verkündete Agenda 2010. Dieses als unbedingt notwendige Flexibilisierung des verkrusteten Arbeitsmarkts angepriesene Maßnahmenpaket sieht unter anderem vor, den Kündigungsschutz zu lockern, die betrieblichen Lohnnebenkosten zu senken, den Bezug von ALG 1 auf zwölf Monate zu begrenzen, ALG 2 in Höhe des Sozialhilfesatzes zu gewähren, die Zumutbarkeitsregeln zu verschärfen und die Zeitarbeit zu fördern.

    Aktuell befinden sich rund vier Millionen erwerbsfähige Personen im ALG2-Bezug. Rechnet man deren Kinder hinzu, sind über sechs Millionen Menschen – oft dauerhaft – von Hartz 4 abhängig. Netter, kleiner Nebeneffekt für die Regierung: ein nicht unerheblicher Teil der in den Jobcentern geführten Arbeitssuchenden fällt aus der offiziellen Statistik raus, weshalb die monatlichen Arbeitslosenzahlen stets geschönt daherkommen.

    Kein Wort zu Hartz 4 im Koalitionsvertrag

    ALG 2 ist deshalb – neben Migration und Altersarmut – DAS große Thema, das die Deutschen bewegt. Müsste eigentlich ein gefundenes Fressen für eine sich links nennende Volkspartei sein. Ich schlage das SPD-Programm zur BTW 2017, das mit Es ist Zeit für mehr Gerechtigkeit überschrieben war, auf und entdecke im Kapitel Moderne Ausbildung und sichere Arbeit folgenden winzigen Abschnitt:

    Ein großer Teil der Arbeitslosen befindet sich derzeit nicht mehr im System der Arbeitslosenversicherung, sondern in der Grundsicherung für Arbeitsuchende. Wir werden die Arbeitslosenversicherung wieder stärken.

    Man muss das genau lesen. Arbeitslosenversicherung bedeutet: ALG 1. Zu ALG 2 steht im Programm nichts drin. So wundert es nicht, dass auch im aktuellen Koalitionsvertrag das Thema Hartz 4 komplett ausgespart wird.

    Was, das ist tatsächlich alles, mehr kommt nicht aus Genossensicht? Eine Verewigung dieses Trauerspiels soll der Weisheit letzter Schluss sein? Warum? Als Erklärung bieten sich zwei Gründe an: (1) man hält diese Praxis tatsächlich für die wirkungsvollste (2) die SPD hat das System erfunden und will partout nicht zugeben, dass sie ein bürokratisches Monster schuf.

    ALG 2 schafft ein Dauerprekariat

    Was soll gut daran sein, dass vier Millionen Menschen sich im Abstand von sechs bis acht Wochen mit einer Sachbearbeiterin darüber streiten müssen, ob ihnen der Regelsatz in Höhe von 416 Euro tatsächlich zusteht? Ob das von ihnen seit Jahren bewohnte Appartement eventuell drei Quadratmeter zu groß ist, sie ihre Lebensversicherung oder ihr Auto verkaufen müssen? Sie von Sanktionen bedroht werden, wenn sie ein mieses Jobangebot bei einem Pizzaservice nicht annehmen möchten oder mal einen Termin verpennen? Sie sich kleinste Zusatzverdienste von der Grundsicherung abziehen lassen müssen? Das Jobcenter sie zu ausbeuterischen Zeitarbeitsfirmen schickt? Die Vermittlung in stumpfsinnige Call-Center-Tätigkeiten als Erfolg angesehen wird? Man unterm Strich mit Hartz 4 ein Dauerprekariat bar jeder Perspektive schafft? Ist es für eine linke Partei hinnehmbar, dass mittlerweile die Tafeln die Versorgung eines Teils der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln sicherstellen müssen?

    Steckt dahinter der Grundsatz: besser eine Scheißarbeit als gar keine Arbeit? Oder ist es was Pseudoreligiöses: Gott ist mit den Fleißigen, auch wenn die mit ihrer Arbeit nicht mehr als einen Hungerlohn verdienen?

    Grundeinkommen als menschenwürdige Alternative

    Weshalb zögert die SPD, das Thema Hartz 4 grundsätzlich und radikal anzugehen und begnügt sich stattdessen mit Placebos wie der alljährlichen Erhöhung des Regelsatzes um ein paar mickrige Euro? Weil es keine Alternativen zu diesem entwürdigenden System gibt? Dann sollten sich die Genossen in Finnland, Kanada, Brasilien oder Indien umschauen und dort die verschiedenen Modelle des Grundeinkommens erklären lassen. Über dessen Höhe und die Bedingungen, an die der Bezug geknüpft wird, mag man streiten; aber dass ein monatlicher, sanktionsfreier Grundbetrag menschenfreundlicher daherkommt als das für alle Beteiligten hochgradig nervige Hartz 4-Procedere scheint mir unstrittig zu sein. Und dass ein schlank dimensioniertes Grundeinkommen den Erwerbstrieb mindert, halte ich persönlich für ein Märchen.

    Deutschland als eine der reichsten Volkswirtschaften auf dem Globus leistet sich seit Jahren ein überflüssiges Armutsproblem, Die chronische Geldknappheit wird von den Eltern auf die Kinder vererbt, hat sich in manchen Stadtteilen bereits zu einem flächendeckenden Krebsgeschwür entwickelt. Mit einem „Weiter so“ mit ALG 2 wird man das Dilemma nicht in den Griff bekommen. Die Jobcenter taugen allenfalls als Geldverteilmaschinen, sind aber mit ihrer primären Aufgabe, nämlich der schnellen Weitervermittlung der Arbeitssuchenden in den ersten Arbeitsmarkt, völlig überfordert. Die JCs sind nichts anderes als Sozialämter, die ihren sogenannten Kunden ständig mit Sanktionen drohen. Das kann auf Dauer kein Lösungsweg sein.

    Die SPD wäre deshalb gut beraten, sich vom Dämon Hartz 4 zu befreien und so verlorengegangene Wähler zurückzugewinnen. ALG 2 abschaffen und durch ein BGE ersetzen wäre ein plakatives Distinktionsmerkmal zur Union, das die beiden Parteien für den Bürger wieder unterscheidbar macht. Bei uns im Bonner Süden zitieren wir, wenn eine Sache sich als untauglich erweist, von der wir vorher jedoch lange angenommen hatten, dass sie hätte funktionieren können, gerne den Spruch des Alten aus Rhöndorf: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Und probieren im Anschluss was Neues aus. Willy Brandt, der ein paar Kilometer weiter stromaufwärts in Unkel lebte, drückte es so aus: „Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben“.

    Ich –  als Nicht-Genosse – wünsche der SPD den Mut, alte Zöpfe abzuschneiden und sich wieder vom Erdgeschoss in den zweiten Stock hochzuarbeiten, von wo aus sie das Kanzleramt ins Visier nehmen kann.

  • Islambashing ist eine schlechte Richtschnur in der Flüchtlingshilfe

    Islambashing ist eine schlechte Richtschnur in der Flüchtlingshilfe

    Das aufgrund seiner Länge in drei Teile gesplittete Interview mit der Flüchtlingshelferin Rebecca Sommer sorgte für eine Menge Zündstoff. Die Reaktionen reichten von „endlich Klartext“ über „tendenziös“ bis hin zu: „Gift aus der Propagandaküche der AfD“. Das war natürlich bei der Brisanz des Themas und der doch sehr subjektiv gefärbten Darstellung nicht anders zu erwarten.

    Kolumnisten sind Einzelkämpfer

    Bevor ich nun meinen Standpunkt zu Papier bringe – hier ein paar Klarstellungen zu den Kolumnisten; denn diesbezüglich scheinen irrige Vorstellungen bei den Abonnenten zu kursieren. Zuerst mal: wir sind kein homogenes Kollektiv, sondern vertreten Einzelmeinungen. Kann also passieren, dass ich das Werk eines Schriftstellers lobend bespreche und ein anderer Kolumnist ein paar Tage später zur Gegenrede ansetzt. Wir halten keine Redaktionskonferenzen ab, in denen wir auf eine einheitliche Linie eingeschworen werden. Gastbeiträge sind jederzeit willkommen. Das Procedere läuft so: einer von uns empfiehlt jemanden, von dem er meint, dass der was Schlaues mitzuteilen hat. Wir können dann zwar „Veto“ rufen, tun es aber nicht, weil wir zum einen auf den Tippgeber vertrauen und zum anderen keine Zustände wie im Weltsicherheitsrat haben wollen, wo wir uns ständig gegenseitig blockieren. Oft ist es auch so, dass ein (neben seinem normalen Brotjob tätiger) Kolumnist neue Texte erst zum Zeitpunkt der Veröffentlichung liest. So wie mir beim Rebecca-Sommer-Interview geschehen. Aber selbst wenn ich den Wortlaut vorher gekannt hätte, wäre mein Veto ausgeblieben. Einfach aus dem Grund heraus, dass es in einem Meinungsportal möglich sein muss, Positionen – auch wenn sie meinen eigenen diametral widersprechen – zu veröffentlichen, ohne gleich in toto in die ein oder andere politische Ecke gedrängt zu werden.

    Steile Thesen und eine nicht nachhakende Interviewerin

    Nun aber zum Text als solchem. Ich will mich da kurz fassen. Wurde schon viel dazu in den Kommentarspalten angemerkt. Ohne das, was der Interviewgeberin geschehen ist, anzuzweifeln, macht sie etwas, was man mMn nie tun darf: sie verallgemeinert ihre persönlichen Erfahrungen und stellt eine komplette Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht. Dass sie als enttäuschte Liebende redet, ist die eine Sache. Dass die sie interviewende Journalistin ihr aber nicht einmal dabei widerspricht oder auch nur vertiefend nachhakt, empfand ich mit zunehmender Dauer des Gesprächs doch als sehr ärgerlich. Und dabei gab es ja viele Punkte, die man kritisch hätte hinterfragen können.

    Als besonders steile Thesen ragen dabei heraus: der Taqiyya-Dispens (sämtlichen Moslems ist es freigestellt, uns dumme Christen ständig zu belügen. Dieses Verhalten würde nicht nur geduldet, sondern von Klerus und Gott sogar ausdrücklich gutgeheißen), Frauen als Menschen zweiter Ordnung, die den muslimischen Männern einzig als Sexobjekte und Gebärmaschinen dienen, Polygamie als Regel und nicht als Ausnahme, tribalistische Strukturen in den Heimatländern, in denen Gewalt auf der Tagesordnung steht, die Forderung der Imame, sich nicht im dekadenten Westen zu integrieren, die schlechte Ausbildung der Flüchtlinge, die uns von Politik und Presse verschwiegen wird, der Raubzug durch unsere Sozialsysteme – flankiert von zu laxer Verständnisjustiz und zu langen Abschiebeverfahren. Und bei all diesen Klischees vom bösen Moslem waren wir gerade mal bei der Hälfte des Interviews angelangt. Wow, denke ich, was kommt als nächstes: dass sie unsere Frauen vergewaltigen und das Land durch die Hintertür islamisieren wollen?

    Um es nochmal zu sagen; ich stelle nicht die persönlich negativen Erfahrungen von Frau Sommer in Abrede. Wenngleich mich die Häufung all dieser Vorfälle speziell in ihrer Nähe doch ein bisschen verwundert. Aber das ist jetzt gar nicht so wichtig. Schlimmer ist wirklich, dass die Interviewerin es einfach so geschehen lässt, ganz im Gegenteil immer weitere Stichworte liefert, damit sich ihr Gegenüber richtig auskotzen kann.

    Ohne bezweifeln zu wollen, dass es unter den Flüchtlingen Arschlöcher gibt, kann daraus aber nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Islam mehr Arschlöcher hervorbringt als Christentum, Buddhismus, Naturreligionen oder Atheismus. Dass die aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens zu uns fliehenden Menschen teils konservativer sind als wir: geschenkt. Das waren die Gastarbeiter der 60er und 70er ebenfalls und noch meine Großmutter musste Haushaltsbuch führen und sich Anschaffungen wie Spül- und Waschmaschine von meinem autoritären Großvater genehmigen lassen. Das ist jetzt gerade mal vierzig Jahre her. Aber die Entwicklung schreitet voran; bei meinen Eltern ging’s schon sehr liberal zu. Soll heißen: konservative Flüchtlinge können durchaus progressivere Kinder auf die Welt bringen. Wer ständig nur auf den Status Quo schielt, der verschläft die Zukunft.

    Das Interview arbeitet mit zwei Tricks. Nr. 1: wer anders denkt als Frau Sommer, der verschließt entweder fahrlässig – oder gar bewusst – die Augen vor der Realität oder befindet sich im gutgläubigen Stadium, das sie selbst durchlaufen hat, bevor ihr Anfang 2016 die Erleuchtung zuteil wurde: »Seht her, ich war genauso naiv wie ihr und glaubte an das Gute im Menschen. Bis ich endlich aufwachte und erkannte, dass die Moslems qua Religion böse sind«. Nr. 2: »Ich kenne natürlich auch Ausnahmen; aber diese Ausnahmen bestätigen bloß die Regel«. So oft, wie Frau Sommer Ausnahmen erwähnt, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es doch so viele Ausnahmen sind, dass man aus dem verbleibenden Rest besser keine allgemeingültige Regel herleitet.

    Zum Schluss noch ein bisschen Aluhut

    In Teil 3 wird es dann politisch. Ich lese stirnrunzelnd Sätze wie diesen:

    Bleibt unbeugsam in eurem Widerstand gegen die Verletzung des Völkerrechts vonseiten der EU, und in diesem Fall gegen eine von außen aufgezwungene Verteilung von Flüchtlingen. Jedes Land und Volk hat ein Recht, seine Gäste selber auszusuchen.

    Oder diesen:

    Völkerrecht besagt, dass ihr ein Recht darauf habt, euren eigenen politischen Weg und Status zu bestimmen und frei von Fremdherrschaft zu sein.

    Gefolgt von:

    Ich habe den Eindruck, dass in Europa Interessen am Werk sind, denen es sehr daran liegt, ein Europa zu kreieren und das Völkerrecht, die Selbstbestimmung eines vom Volk gewählten Staates zu verwaschen bis hin, es zu eliminieren.

    Und muss sagen, spätestens jetzt sind wir bei der Aluhutfraktion und Weltverschwörungstheorien angelangt. Fehlt noch der Hinweis, dass dunkle Mächte seit langem planen, alle Völker aufzulösen und durch eine leicht manipulierbare Mischrasse zu ersetzen.

    Und immer noch interveniert Frau von der Osten-Sacken nicht.

    So sehr das fortbestehende ehrenamtliche Engagement von Frau Sommer zu loben ist und auch ihre persönlichen Enttäuschungen nicht von mir hinterfragt werden sollen, muss bei diesem Text doch bemängelt werden, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Aus dem »ICH bin verärgert weil … « wurde eine Generalanklage gegen sämtliche männlichen Moslems zurechtgezimmert, die aufgrund Religion und völlig anderer Sozialisation nicht integrierbar sind bzw. gar nicht integriert werden wollen. So kann man natürlich argumentieren, darf sich dann aber nicht wundern, wenn der Applaus vor allem aus der rechten Ecke kommt. Und ich bin mir hundertpro sicher, dass es viele Flüchtlingshelfer gibt, die bei gleichlautenden Erfahrungen nicht auf die Idee verfallen, für singuläres Arschlochtum eine ganze Religionsgemeinschaft in Sippenhaft zu nehmen.

    Von daher: meins war dieser Text definitiv nicht. Dass unsere Asylpraxis dringend auf den Prüfstand gehört und durch ein modernes Einwanderungsgesetz ergänzt werden sollte, wusste ich schon vorher. Diese Forderung kann man vertreten; dafür braucht’s aber keine vorherige Generalabrechnung mit dem Islam, die die Fronten eher verhärtet, als das Problem auch nur einen einzigen Schritt einer vernünftigen Lösung zuzuführen. Und trotzdem muss es einem Meinungsportal freistehen,  solch einen Beitrag zu publizieren und zur Diskussion zu stellen.