Autor: Henning Hirsch

  • Gebrochene Herzen

    Gebrochene Herzen

    [aus der Serie: Männer und Frauen sind das nackte Grauen]

    Vorab ein bisschen Statistik

    57 Prozent meiner Bekannten leiden an periodischem Liebeskummer. Das ergab eine stichprobenartige Befragung im erweiterten Freundeskreis in den Postleitzahlbereichen 4 und 5. Das Alter der Probanden variierte zwischen 40 und 60, mit Schwerpunkt im Intervall 45-55, beide Geschlechter in etwa hälftig vertreten, sämtliche Teilnehmer in teils besser, teils schlechter bezahlten, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen tätig, einige Freiberufler darunter. Nationalität und Migrationshintergrund egal, wobei die Kurzinterviews in deutscher Sprache geführt wurden.

    Das Ergebnis überrascht in zweierlei Hinsicht. Zum einen hätte ich den Anteil der Herzschmerzgeschädigten in der oben genannten Altersgruppe deutlich niedriger eingeschätzt. Zum anderen übersteigt der männliche Wert (61%) den der Frauen (53) mit der Differenz 8 deutlich. Was ist los mit all diesen Leuten? Warum führen sie keine harmonischen Beziehungen? Weshalb sind sie keine glücklichen Singles? Können sie sich durch ihren Job oder ein spannendes Hobby nicht genügend anderweitig austoben? Wozu überhaupt Liebeskummer, wenn doch die Auswahl an potenziellen Partnern riesig groß ist?

    Frau nach sieben Jahre Gruselehe mit einem Arbeitskollegen durchgebrannt? Für den zurückgelassenen Ehemann bricht plötzlich die Welt zusammen. Schlaf- und Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwäche, endlose, traurige Gedankenschleifen im Kopf, das Volltexten aller Freunde sind die Folge. Warum freut er sich stattdessen nicht, dass der immerwährende Zoff mit ihrem Auszug nun endlich vorbei ist? Also ich an seiner Stelle würde die Chance nutzen, die Wohnung entrümpeln und all den kitschigen Dekokram, den sie ständig anschleppte, in die Mülltonne kloppen. Überflüssige Möbel und Küchengeräte in ebay-Kleinanzeigen verkaufen, die Bude auf minimalistisch und männlich trimmen. Notfalls, wenn sie es sich mit dem Arbeitskollegen doch noch anders überlegen und reumütig zurückkehren sollte, das Schloss auswechseln. Vorbei ist vorbei. Klingt plausibel? An und für sich ja. Aber erklären Sie das mal dem vom Herzschmerz zerfressenen Kumpel. Der will so logische Sachen überhaupt nicht hören. Bezeichnet Sie als empathielos, sobald Sie ihm ehrlich sagen: »Sei froh, dass du die Alte quitt bist«.

    89% der Befragten schoben die Schuld für ihren desolaten Gemütszustand dem Expartner in die Schuhe. Es ist zwar ein altbekanntes Phänomen, dass sich viele Menschen lieber in der Opfer- als in der Täterrolle sehen; trotzdem überraschte mich auch hier die prozentuale Höhe der Antwort. Denn aus meiner Beobachtung heraus verursachen stets beide Teilnehmer der Mesalliance das Desaster. Nicht immer ganz gleichverteilt, jedoch nie einer alleine. Der, der geht, zieht bloß die ultimative Reißleine und tut das einzig Richtige: nämlich den Beziehungsterror durch Verlassen des Schlachtfeldes beenden. Trotz dieser vernünftigen Vorgehensweise wird von den Zurückgebliebenen im Nachgang oft gejammert und das Umfeld mit negativen Informationen über den/ die Ex versorgt. Anstatt sich einzugestehen, dass die Angelegenheit auf einem Missverständnis oder gar einer strukturellen Täuschung beruhte. Man kann natürlich auch Unglücklichsein als Dauerzustand akzeptieren.

    Beziehung bedeutet oft Krieg unter einem Dach

    Viele sind zudem in einer Partnerschaft zu wenig kompromissbereit, neigen zu Nickligkeiten, reiben sich mit albernen Machtspielchen auf und – am schlimmsten von allen – lassen sich optisch hängen. Wer will es dem 40-jährigen Werner verdenken, wenn der, nachdem seine große Studentenliebe Ursula in der Ehe zwanzig Kilo zunahm und ihre lange Lockenpracht in eine praktische Wischmoppfrisur eintauschte, sie erst in Gedanken und dann konkret mit der attraktiven Bettina aus dem Fitnessstudio betrügt? Oder andersherum Verena an Rechthaberei und Jähzorn des vor der Hochzeit stets charmanten Rüdiger verzweifelt? Bis sie sich in einem Internetforum einen digitalen Brieffreund sucht, dem ihr Herz ausschüttet und eines Tages beschließt, Rüdiger zu verlassen und ihr neues Glück an einem 500 Kilometer entfernten Ort zu versuchen. Vor Jahren geschworene Liebe bedeutet keinen Freibrief für Ich-lasse-mich-gehen-bis-ich-aussehe-wie-Mutter-Flodder-morgens-um-acht-Uhr-nach-dem-ersten-Glas-Wodka oder Ich-lebe-zuhause-ALLE-meine-Launen-ungehemmt-aus.

    Statt sich damit abzufinden, dass man die grundlegenden Fähigkeiten für eine Langfristpartnerschaft überhaupt nicht besitzt, wird nach einer ultrakurzen Spanne des Wundenleckens und das Nervenkostüm der Kumpels mit der Ich-bin-das-ärmste-Schwein-im-deutschen-Hochsommer-Story Strapazierens sofort wieder in den Akquisemodus gewechselt. Die Pause, die dringend notwendig wäre, um sich zu sammeln und schonungslos selbst zu analysieren, überspringen viele, stürzen sich kopfüber in das nächste Abenteuer, ziehen nach ein paar Wochen mit dem/ der Neuen zusammen, die minimalistische Männerbude wird binnen weniger Tage wieder in einen Schöner-Wohnen-Tempel verwandelt, Friede, Freude, Eierkuchen. Die beiden Frischverliebten kleben 24/7 aneinander, strahlen um die Wette, möchten, dass jeder ihr Glück schon von Weitem sieht und daran teilnimmt. Trotzdem ist bereits in dieser frühen Phase der Keim fürs abermalige Scheitern gelegt, lautet die Frage nicht „ob“, sondern: „Wann wird das Drama seinen Lauf nehmen?“. Das Ende ist aufgrund mangelnder Fehleranalyse und zu frühen Aufgebens der räumlichen Distanz vorprogrammiert.

    Drei Kernvoraussetzungen für die erfolgreiche Partnersuche

    Ob mir das alles noch nie passiert ist, fragen Sie? Klar kenne ich Beziehungsstress und Herzschmerz. Habe darüber seitenweise rührselige Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben. Mich allerdings bei drei Kernvoraussetzungen für die erfolgreiche Partnerschaft lernfähig gezeigt:

    (.1) Nach einer Trennung erstmal eine mehrmonatige – besser: mehrjährige – Verschnaufpause einlegen, zur emotionalen Ruhe kommen. Alleinsein ist kein Makel und – sobald man sich daran gewöhnt hat – oft entspannter als der tägliche Kampf mit dem Feind im eigenen Haus.

    (.2) Auf die Große Zahl vertrauen. Frauen (Männer) gibt’s wie Sand am Meer. Wenn ich meine individuellen Parameter zugrunde lege, schränkt das die Anzahl logischerweise ein. Aber auch dann sind es noch zig Millionen. Okay, nicht jede/r passt zu mir, nicht jedem/ jeder laufe ich über den Weg. Es bleiben jedoch immer noch massig übrig, die ich kontaktieren und anflirten kann. Die Wahrscheinlichkeit, jemand Neuen zu finden oder gefunden zu werden, ist höher als die Chance, dauerhaft sein Singleleben zu genießen. Von daher ergibt es keinen Sinn, eine/r/m Verflossenen länger als maximal vier Wochen hinterherzutrauern (vom Spezialfall des frühzeitigen Ablebens mal abgesehen). Es hat nicht gepasst, besser ein Ende mit Schrecken als ein grenzenloses Grauen. Neues Spiel, neues Glück. Wobei die Tugend der Geduld bei diesem Spiel sehr hilfreich ist.

    (.3) Von der Utopie „immerwährende Liebe“ lösen. Wer für die Formel „bis dass der Tod euch scheidet“ nicht gemacht ist und sich als Single auf Dauer doch einsam fühlt, der kann in Hybridmodelle der Beziehung ausweichen. Als da wären: Serielle Monogamie und Freundschaft plus. Während bei der Erstgenannten ein Time-out nach einigen Jahren erfolgt, steht Option 2 für den Versuch, hin und wieder mit Freunden ins Bett zu gehen, ohne sich dabei in sie zu verlieben. Sowas wie Swingertum im Bekanntenkreis. Vor die Wahl gestellt bevorzuge ich eindeutig Variante 1. Aber noch bin ich (halbwegs) glücklicher Single und beabsichtige nicht, an diesem Zustand zeitnah was zu ändern. Aber: grau ist alle Theorie. Sollte ich eines Tages meiner Traumfrau begegnen, sieht die Angelegenheit schon wieder komplett anders aus. Gemäß dem rheinischen Motto, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, wäre ich dann eventuell doch bereit, mit ihr Tisch, Bett und Fernbedienung zu teilen und meine Aversion gegen Kommunikation vor zehn Uhr morgens zu überdenken. Man wächst mit jeder neuen Aufgabe bzw. Partnerschaft.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Herzschmerz, der länger als einen Monat und maximal drei Frustbesäufnisse andauert, lohnt nicht und ist aufgrund der theoretisch und praktisch riesengroßen Auswahlmöglichkeiten an potenziell neuen Partnern wirklich nicht notwendig.
    ——–

    PS. Für all diejenigen, die trotz dieser Kolumne weiterhin am Blues leiden, gibt’s ein Forum im Internet: Die Liebeskümmerer

  • Unseren täglichen Skandal gib uns heute

    Unseren täglichen Skandal gib uns heute

    Skandal! schreibt der Boulevard.
    „Schon wieder ein Skandal“, ruft Herr Meier seiner Frau beim Frühstück zu.
    „Wissen Sie bereits über den neuesten Skandal Bescheid?“, fragt Frau Meier ihre Nachbarin Müller, die sie ein paar Stunden später beim Einkauf an der Supermarktkasse trifft.
    „Kein Tag ohne Skandal. Man kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe“, antwortet die.
    „Das war doch zu erwarten, dass diese Sache uns irgendwann um die Ohren fliegt“, meint Herr Müller beim Abendessen.
    „Ein sich anbahnender Skandal“, eröffnet die hübsche Nachrichtensprecherin die 20-Uhr-Tagesschau.
    „Diese andauernden Skandale machen einem das Leben wirklich schwer“, seufzen hundert Meter voneinander entfernt Frau Meier und Frau Müller.

    „Von einem Skandal möchte ich heute noch nicht reden. Dafür fehlen mir noch genauere Erkenntnisse. Aber schwerwiegend ist die Angelegenheit allemal“, sagt der zuständige Minister im Brennpunkt, der im Anschluss ausgestrahlt wird, und verspricht brutalst mögliche Aufklärung und personelle Konsequenzen. Er selbst habe davon auch erst heute aus der Presse erfahren und müsse nun Versäumnisse seines Vorgängers glattbügeln, erklärt er auf Nachfrage.
    „Die Häufigkeit der Pannen und Skandale dieser Regierung ist besorgniserregend“, empört sich am nächsten Morgen ein Leitartikler in der von mir bevorzugten Regionalzeitung.

    „Ich trau mich gar nicht, zu fragen“, sagt mein Kumpel Jupp, als ich ihn tags darauf beim Seniorensport treffe. „Worin besteht denn nun eigentlich der Skandal, von dem alle sprechen?“
    „So ganz genau weiß ich das auch nicht. Aber es muss eine Riesennummer sein, denn seit 48 Stunden lese und höre ich von nichts anderem.“

    Chronik eines hochgejazzten Skandals

    tagesschau.de zeichnet die Chronologie der Bremer Ereignisse nach:

    Mitte April: In der Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sollen etwa 1200 Asylanträge anerkannt worden sein – und zwar ohne rechtliche Grundlage.

    Die damalige Leiterin der Außenstelle, Ulrike B., soll mit Rechtsanwälten zusammengearbeitet haben, die die Flüchtlinge, überwiegend aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, offenbar systematisch zu ihr geführt haben.

    Die sich in diesem Zusammenhang stellenden Fragen lauten:

    Unklar ist, welche Motivation die Beteiligten für die Bewilligung der Asylanträge ohne rechtliche Prüfung hatten.

    Ist vielleicht sogar potentiellen Attentätern durch eine Fehlentscheidung Asyl gewährt worden?

    warum die Bremer Außenstelle überhaupt über die Flüchtlinge aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen entscheiden konnte.

    Wann wusste Jutta Cordt, die Chefin des BAMF, über die Vorwürfe Bescheid? Wurde dort alles getan, um die Sache aufzuklären?

    Wann wusste Innenminister Horst Seehofer Bescheid?

    Zwischenfazit 1: bei über einer Million Asylanträge, die seit 2015 zu bearbeiten sind, halte ich 1200 „Fehlentscheidungen“ nummerisch gesehen allenfalls für ein Skandälchen. Fehlentscheidungen in Anführungszeichen, weil sich ja noch gar nicht definitiv herausgestellt hat, ob es sich tatsächlich um solche handelt. Ein Bescheid in dubio pro homo ist ja nicht zwangsläufig falsch, nur weil diese Rechtsauffassung den Hardlinern nicht gefällt.

    Hektik bestimmt nun das Geschehen

    Da bei Skandalen immer dringend sofort was geschehen muss, wird die, erst vor vier Monaten in die Hansestadt gerufene, Leiterin der Bremer Bamf-Außenstelle umgehend versetzt, der Bundesrechnungshof mit der Überprüfung sämtlicher 18000 (positiven) Vorgänge seit dem Jahr 2000 beauftragt, die Behörde für diesen Zeitraum geschlossen und deren Tagesgeschäft an die Außenstelle Fallingbostel ausgelagert. Was ist ein Fallingbostel? Musste ich erstmal googlen. Klingt so, als würden die Kölner Asylanträge demnächst im beschaulichen Königswinter bearbeitet. Wer kommt bloß auf so eine Schnapsidee?

    Benno Schirrmeister schreibt dazu in der ZEIT unter der Überschrift „Bamf-Affäre – Skandal oder Pragmatismus?“ folgendes:

    Sicher ist, dass ein Team mit so viel geballter Prüfkompetenz, wie es die Bremer Zaks-Bamf-Taskforce hat, auf Auffälligkeiten stoßen wird. Alles andere wäre angesichts der Überlastung des Bamf in den vergangenen drei Jahren überraschend. Denn seit 2015 sind nicht nur weit mehr als eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Das Bamf ist in dieser Zeit auch von einer überschaubaren Institution zu einer großen Behörde mit 7.300 Mitarbeitern ausgebaut worden – mit allen Verwerfungen, die das mit sich bringt.

    So begünstigt der Druck, dass jeder Sachbearbeiter pro Tag 3,5 Entscheidungen treffen soll, Pannen. Hinzu kommen die Ermessensspielräume, die durch das Anhörungsverfahren eingeräumt werden und seit 2015 noch erweitert worden waren. Im November 2015 teilte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) beispielsweise mit: „Asylverfahren von syrischen und von irakischen Antragstellern jesidischen oder christlichen Glaubens werden vom Bamf seit dem 18. November 2014 prioritär in einem vereinfachten Verfahren bearbeitet.“

    Das sind genau die Vorwürfe, die nun der Bremer Dependance gemacht werden, weil sie den Gestaltungsspielraum im Zweifel für die Flüchtlinge ausgenutzt hatte.

    Dass mutmaßlich vereinfachte Verfahren angewandt wurden, erklärt noch nicht, warum vor allem die Verfahren der beiden Anwälte Irfan C. und Cahit T. in offenbar großem Stil durchgewunken wurden. Ebenso ist unklar, warum die Außenstelle Verfahren aus anderen Orten an sich zog, die sie nicht hätte erledigen müssen.

    Menschen, die mit Ulrike B. privat Umgang pflegen, nennen sie eine „Überzeugungstäterin“. Könnte sie sich bereichert haben? „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Doch dass die Regierungsdirektorin ihre Pension nach bald 30 Jahren Amtsleitung aufs Spiel setzte, um Menschen zu helfen, das klingt manchen plausibel. Ulrike B. twitterte immer wieder Berichte über die Not der Jesiden. Das ist die Flüchtlingsgruppe, die am meisten von Ulrike B.s Wirken profitiert haben soll.

    Denn bei vielen Bremer Unregelmäßigkeiten, die bislang bekannt geworden sind, handelt es sich um Fälle, in denen andere Bamf-Außenstellen bereits negativ entschieden hatten. Nicht, weil die Fluchtgeschichte unplausibel gewesen wäre. Nicht, weil Zweifel daran bestanden hätten, dass die Betroffenen in ihrem Herkunftsland verfolgt würden. Sondern wegen der Dublin-Verordnung: Die Antragsteller hatten schon in einem anderen EU-Staat Asyl beantragt und sollten deshalb in diese Länder zurückkehren.

    Etliche solcher Fälle hatte der Hildesheimer Anwalt Irfan C. nach Bremen vermittelt. Andere hatte Ulrike B. einfach an sich gezogen. Schließlich hatte sich Hannovers Regionspräsident Hauke Jagau (SPD) darüber in der Bamf-Zentrale in Nürnberg beschwert. Als er im Sommer 2016 angeordnet hatte, eine im Übergangslager Friedland abgelehnte jesidische Familie aus dem Irak nach Bulgarien abzuschieben, ersetzte Ulrike B. den Negativbescheid durch eine Anerkennung: Geflüchteten drohe in Bulgarien eine unmenschliche Behandlung.

    Im Januar 2018 teilte das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg in einem parallelen Fall allerdings Ulrike B.s Rechtsauffassung: Durch eine Abschiebung nach Bulgarien würde die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt. Ulrike B. hatte offenbar nichts weiter getan, als dem Recht zur Geltung zu verhelfen – möglicherweise dank einer Bamf-internen Regelungslücke.

    Offenbar hatte Ulrike B. auch nach Bamf-interenen Maßstäben den Deutungsspielraum, den sie für ihre Entscheidungen genutzt hat.

    Insofern die im Moment laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft keine Schmiergeldzahlungen ans Tageslicht befördern, entdecke ich persönlich in Blickrichtung auf Ulrike B. Nullkommanull Skandal. Sie hat geltende Regeln und Ermessensspielräume zugunsten der Flüchtlinge interpretiert. Vom Dienst suspendiert wurde sie bereits im Sommer 2017 aufgrund einer Beschwerde des niedersächsischen Innenministers Pistorius, weil Bremen Negativbescheide des Nachbarbundeslandes, die gegen jesidische Familien ergangen waren, nachträglich korrigierte, was Hannover nicht gefiel. Kann man gut oder schlecht finden. Ein Vergehen ist es nicht.

    Leicht unappetitlich wird es, wenn nun einige Zeitungen vorschnell von Asylmissbrauch sprechen. Denn der setzt ja – bisher nicht nachgewiesenen – Vorsatz voraus. Wer soll den Missbrauch betrieben haben: die Sachbearbeiter als sie, wie vom Innenministerium gewünscht, Jesiden schneller durchwinkten, die Anwälte, die einzig das taten, was Anwälte nun mal qua Standesordnung tun, nämlich alle Rechtswege ihrer Mandanten ausschöpfen, die Antragsteller, weil sie lieber bleiben, als in ihre vom Bürgerkrieg zerbombte Heimat zurückkehren wollten? Falsche Begriffe bewirken falsche Meinungen, die wiederum zu falschen Skandalen führen.

    Zwischenfazit 2: Die geschasste Behördenleiterin handelte aus Überzeugung und mit hoher Wahrscheinlichkeit regelkonform. Ob sie sich von den zwei Rechtsanwälten hin und wieder zum Essen einladen ließ: sollte man als Beamtin nicht tun; aber ist nun sicher kein Kapitalverbrechen.

    Die verschmähte Whistleblowerin

    Anfang 2018 wird Josefa Schmid von Deggendorf nach Bremen gerufen. Sie soll die, behördenintern schon seit langem als Durchwinke-Einrichtung bekannte, Außenstelle auf Vordermann bringen. Die Niederbayerin wird aktiv und liefert. Und zwar schneller und öffentlichkeitswirksamer als es ihren Vorgesetzten lieb ist. Bereits Ende Februar liegt ein 99-seitiger Bericht auf dem Tisch von Chefin Jutta Cordt, in dem von 1200 mangelhaft durchgeführten Verfahren die Rede ist. Es geschieht erstmal nichts. Man weist Josefa Schmid an, ihren aufklärerischen Elan zu bremsen und die Sache auf dem dafür vorgesehenen Dienstweg geräuscharm abzuwickeln. Die resolute und politikerfahrene Bürgermeisterin will sich den Mund nicht verbieten lassen, wendet sich jetzt direkt an ihren obersten Dienstherrn, den frisch im Amt befindlichen Heimatminister Seehofer. Der reagiert jedoch nicht. Hätte ihre Nachrichten alle nicht erhalten, könne zudem nicht jedem ihm zugesandten Hinweis nachgehen, heißt es später, als die Angelegenheit langsam brenzlig wird. Josefa Schmid zieht man derweil von Bremen ab und beordert sie zurück in die niederbayerische Provinz. Aus Fürsorge, erklärt die Nürnberger Zentrale. Wem die Fürsorge gelten soll allerdings nicht.

    Zwischenfazit 3: Das Unter-den-Tisch-kehren eines brisanten Papiers und die wochenlange Nicht-Reaktion des Ministers lassen sich schon eher in die Rubrik Miniskandal einsortieren

    Bamf: seit 2015 völlig überfordert

    Der eigentliche Skandal ist die extrem hohe Zahl falscher Entscheidungen, die nachher von Verwaltungsgerichten korrigiert werden. Bei einer Quote von 40% könnte das BAMF genauso gut würfeln, das wäre günstiger und rechtsstatlich gesehen ungefähr genauso zuverlässig. Das ist aber leider der Skandal, über den nicht geredet wird, obwohl das Ergebnis das gewünschte Ergebnis der „Reformen“ beim BAMF darstellt.

    Ich empfinde es als skandalös, dass erwartet wird, von jetzt auf gleich die Antragsbearbeitung zu verzehnfachen (wie kann das funktionieren?), als skandalös, dass dem Anschein nach unzureichend geschultes Personal entscheiden durfte, dass kritische Mitarbeiter (nicht zuletzt Josefa B. Schmid Schmid) ruhiggestellt werden sollten, dass das Kanzleramt die Flüchtlingsfrage erst zur Chefsache gemacht hat und jetzt schweigt, dass Seehofer vermutlich zu spät reagiert hat, dass sich viele Beteiligte (auch aus der Opposition) einer externen Prüfung verweigern und so das ohnehin ramponierte Vertrauen in die Behörde weiter beschädigen, dass die korrupte/fehlerhafte/gesinnungsorientierte Bearbeitung gegen rechtmäßig beschiedene Personen instrumentalisiert wird und vieles mehr. Ja, ich halte es es für einen Skandal.

    (c) zwei Facebook-Freunde in meinem Profil

    Hier nähern wir uns dem eigentlichen Kern des Problems – nämlich:
    (1) Dem augenscheinlichen Missverhältnis zwischen Quantität Antragsteller und Anzahl Sachbearbeiter
    (2) Der oberflächlichen Schulung der Bamf-Mitarbeiter
    (3) Der Effizienz-Vorgabe: 3.5 Entscheidungen/ Tag

    Die Kombination von (1) & (2) & (3) lässt vermuten, dass das Bamf jede Menge nachträglich anfechtbarer Entscheidungen – und zwar in beide Richtungen. Sowohl positiv als auch negativ – fällte. Kein Wunder, dass Gerichte im Anschluss so häufig die fehlerhaften Bescheide wieder einkassieren.

    Fazit

    Der eigentliche Skandal liegt darin, dass eine chronisch unterbesetzte Behörde mit teils schlecht ausgebildeten Mitarbeitern bei Beachtung illusorischer Zielvorgaben über das Schicksal von Menschen entscheidet, die häufig eine Flucht unter Lebensgefahr hinter sich gebracht haben und im Falle der Ablehnung erneut von Lebensgefahr bedroht sind.

    Und da der Fisch zumeist vom Kopf her stinkt, müssen Innenministerium und Kanzleramt hier mehr in die Pflicht genommen werden. Wer sagt, „Wir schaffen das“, hat auch die notwendige Infrastruktur und Personalstärke bereitzustellen, damit die hochwichtige Aufgabe der Überprüfung von Dokumenten und die im Anschluss erfolgende Entscheidung seriös, plausibel, belastbar und möglichst geräuscharm über die Bühne gehen.

    Sowohl Ulrike B. als auch Josefa Schmid waren – obwohl ich mich in Blickrichtung auf zwei Damen etwas schwertue mit diesem Begriff – Bauernopfer. Die Motivationslagen der zwei Frauen für ihr Handeln könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Erstgenannte wollte helfen, die Nachfolgerin publikumswirksam einen Enthüllungsbericht platzieren und dadurch ihre Karriere fördern. Beide Aktivitäten zulässig.

    Skandal ist vom altgriechischen skándalon hergeleitet und bedeutete ursprünglich Fallstrick. In dem verheddert man sich zuerst, bevor man auf die Schnauze fällt. Die Verantwortlichen für die Bremer Misere (so es denn am Ende der Untersuchung überhaupt noch eine ist) sitzen weiter oben in der Hierarchie. Bin gespannt, wer nach Abschluss der Ermittlungen im Skándalon noch so alles straucheln und sich eine blutige Nase holen wird.

    Bisher: viel Skandal-Geplärre um eine nicht geklärte Angelegenheit. Die Empörungsindustrie hat mal wieder „gute“ Arbeit geleistet

  • Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Nachdem ich mich seit Wochen über Hartz 4, Flüchtlinge, No-Go-Areas und den Islam auslasse, werde ich heute zur Abwechslung mal eine Kolumne über Liebesgedichte zu Papier bringen. Schont die Nerven der Kommentatoren. Und natürlich auch meine eigenen. Obwohl ich mich an Kommis wie diesen:

    Meine Güte, hätte der Hirsch wenigstens einen blassen Schimmer von dem, über das er schreibt

    schnell gewöhnt habe, weil ich solche und artverwandte Sätze früher oft aus dem Mund meiner Deutschlehrer zu hören bekam.

    Heute geht’s um Poesie. Und zwar um die Spezialgattung: Liebeslyrik. Ich lese die abends nach dem Job gerne zur Entspannung, lege mich danach mit einem wohligen Gefühl ins Bett und träume angenehm. Andere tun das mit Rotwein oder einem Joint, aber meine Drogenphase habe ich vor vielen Jahren hinter mich gebracht. Ich probier’s seitdem mit Rilke, Williams (nicht die Birne, sondern der Autor) und Bukowski. Lassen Sie uns die Illias, Ovid und Walther von der Vogelweide als zu weit zurückliegend überspringen, den Barock- und Rokoko-Kitsch meiden, uns ebenfalls an Goethe, Schiller und Lessing – denn von diesen drei gab’s ja in der Schule schon eine Überdosis – vorbeilavieren und auch die, mir persönlich zu schwärmerische und mit teils komischen Worten operierende, Romantik links liegen. Dann landen wir ziemlich genau an der vorletzten Jahrhundertwende und damit bei Rilke. Für mich DER Großmeister der deutschsprachigen Lyrik.

    Rilke: filigranes Versmaß

    Geboren 1875 in Prag, Böhmen. Damals noch Bestandteil des Gebiets der KuK-Monarchie. Gestorben 1926 in einem Sanatorium in der Nähe von Montreux.

    Hier meine zwei Lieblingsgedichte aus seiner Feder:

    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    | Die Kurtisane
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    Interessantes Versmaß: a-b-b-b/ a-c-c-c-/ d-e-f-/ f-e-d.
    Rhythmus nicht ohne: überwiegend 10-Silber, ein eingestreuter 8er und am Schluss zwei 11er. Das ist – wenn es sich reimen soll – echt schwierig, hier durchgängig den Takt zu halten und nicht zwischendurch die Balance zu verlieren. Rilke, der natürlich über jahrzehntelange Übung in der Disziplin Liebeslyrik verfügte, gelingt dieses Kunststück schlafwandlerisch.

    Die schwermütige Russin

    Wir bewegen uns auf dem Zeitstrahl ein paar Jahre nach vorne und räumlich 1500 Kilometer Richtung Osten: Anna (Andrejewna) Achmatowa. Geboren 1889 in der Nähe von Odessa. Gestorben 1966 in Domodedowo bei Moskau. Wurde in der langen stalinschen Schreckensperiode zeitweise mit Schreibverbot belegt und dichtete in diesen Jahren privat für sich selbst:

    Als alle Welt mir ihn verhieß
    der Horizont, der trüb umsäumte
    die Brise, die zu Ostern blies
    der Traum, den ich zur Christnacht träumte

    die Rebenzweige rötlich braun
    der Park mit seinen Wasserfällen
    und auf dem rostgen Gartenzaun
    die beiden riesigen Libellen

    wie könnte ich zu jener Zeit
    an seiner Freundschaft Zweifel hegen?
    da schritt ich mit Gelassenheit
    auf brennendheißen Felsenwegen

    Ich kann mir die alleine in einer winzigen Wohnung in einer Moskauer Vorort-Mietskaserne bei flackerndem Glühbirnenlicht einen fiktiven Geliebten herbeisehnende Dichterin (bzw. ihr Lyrisches ich) lebhaft vorstellen. „Auf brennendheißen Felsenwegen“ umschreibt entweder die sie verzehrende Glut der Liebe oder verheißt ein ungutes Ende derselbigen.

    Gedicht, das auch ein Porno sein könnte

    Weiter geht es zu William Carlos Williams. In etwa zeitgleich mit der unglücklich schmachtenden Anna Achmatowa lebend. Allerdings am entgegengesetzten Ende der nördlichen Halbkugel: Rutherford, New Jersey. Jim Jarmusch hat ihm mit dem Film Paterson ein kleines Denkmal gesetzt.

    Nackte Leiber wie geschälte Stämme
    geben mitunter süßesten
    Geruch von sich. Mann und Frau

    unter den Bäumen in voller Extase
    im Einklang mit dem Kissen aus
    duftenden Kiefernadeln
    mit Fäden aus Geißblatt durchwachsen
    der Stoff für ein Sonett

    ja, Stoff für ein Sonett! Geruch von Extase
    Geruch von Kiefernadeln, Geruch
    geschälter Stämme, Geruch von keinem Geruch
    als dem des Geißblatts, das

    ohne Geruch ist, Geruch einer nackten Frau
    mitunter Geruch eines Mannes

    „Das ist als Lyrik verkleidete Pornografie, die sich nicht reimt“, sagen Sie? Stimmt. Porno ist es, und reimen tut es sich ebenfalls nicht. Und trotzdem ist es Poesie. „Geruch von Extase“ (warum auch immer in der deutschen Übersetzung mit X geschrieben) gefällt mir beinahe genauso gut wie „Geruch von keinem Geruch“. Apropos: reimen. In den Autorenforen tobt seit vielen Jahren die Diskussion, ob sich „richtige“ Poesie reimen muss. Die einen sagen apodiktisch ja, die anderen nicht weniger dogmatisch: nein. Ich oszilliere diesbezüglich in der Mitte. Soll heißen: mir ist es egal, ob sich die Zeilen eines Gedichts reimen oder nicht. Die Worte müssen was in mir zum Klingen bringen. Und das passiert mit mir sowohl beim reimenden Rilke als auch beim nicht-reimenden Williams. Ich bevorzuge allerdings klar guten Nicht-Reim vor trivialen Reim-Viersilbern, wie man sie gerne auf Hochzeiten und runden Geburtstagen serviert bekommt. Sobald ich mir einen dümmlichen Vers im Wilhelm-Busch-Gedächtnis-Rhythmus anhören muss, lasse ich den Rest des Essens stehen, weil mir der Appetit sofort vergeht.

    Und nun noch Enzensberger, Brett und Buk

    Zum Schluss der Kolumne noch Kostproben dreier (halbwegs) zeitgenössischer Lyriker:

    Später, als sich das unabsehbare Zimmer
    vollkommen verdunkelt hatte
    war niemand mehr da
    außer dem toten Mann
    und einer Unbekannten

    Freundin und Feindin
    waren zusammengeschmolzen
    zu einer Anderen

    die Unbekannte vernahm seine ruhigen Atemzüge
    beugte sich über ihn in der Dunkelheit
    verschloss ihm den Mund, küsste ihn
    und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund
    © H.M. Enzensberger

    Was da gerade los war in dem „unabsehbaren Zimmer“? Flotter Dreier, Orgasmus mit Todesfolge, geschah ein Mord aus Eifersucht? Keine Ahnung. Ist mir auch wurscht. Ich find’s ohnehin mühsam, Gedichte tot zu analysieren. Sowas tun die Oberstudienräte im Fach Deutsch und verderben mit dieser Vorgehensweise Generationen von Schülern den spielerischen Umgang mit Poesie. „Und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund“ ist super. Das reicht mir schon, um dieses kleine Meisterwerk zu mögen.

    Manchmal lässt sich
    eine schreckliche Traurigkeit
    auf mir nieder

    sie ist gewichtig
    diese Traurigkeit
    und bedeckt Gräber
    und Friedhöfe

    sie ist so schwer
    wie Quecksilber
    und flink

    sie klebt
    an meiner Haut
    und füllt
    meine Eingeweide

    sie ist dicht
    diese Traurigkeit
    als ob sich

    all die
    trostlosen Splitter

    und die entmutigten Partikel
    in
    der Luft
    verbunden hätten

    ich sitze inmitten
    dieser Traurigkeit
    und vermisse dich
    © Lily Brett

    Sie kennen das Gefühl der Traurigkeit, die ihre Eingeweide füllt, gar nicht? Sie Glücklicher. Allerdings vermute ich, dass Sie bisher noch nie richtig geliebt haben.

    Sie hat schon 200 Männer
    gehabt, in zehn Bundesstaaten
    fünf haben sich umgebracht
    drei sind durch und durch
    wahnsinnig geworden. Jedesmal
    wenn sie in eine neue Stadt zieht
    folgen ihr zehn Männer
    jetzt sitzt sie auf meiner Couch
    in einem blauen Minikleid
    sie wirkt ganz gesund und
    kregel: sogar unschuldig
    „ich verliere das Interesse an
    einem Mann“, sagt sie, „sobald
    er anfängt, was für mich zu
    empfinden“
    ich gieße ihr nach
    sie zieht das Kleid hoch und
    zeigt mir ihren schwarzen Slip
    „sexy, nicht?“, sagt sie
    „ja“, sage ich, „sexy“
    Sie steht auf, geht durchs
    Zimmer, in mein Schlafzimmer
    und von dort ins Bad
    nach einer Weile höre ich
    die Klosettspülung
    ihr Name ist Nana, und sie
    bewohnt die Erde schon seit
    5000 Jahren
    © Charles Bukowski

    „Das ist überhaupt kein Gedicht!“, sagen Sie? „Allenfalls eine Ultra-Kurzgeschichte mit komischen Zeilenumbrüchen“. DOCH, es ist ein typisches (Bukowski-) Gedicht!! Das war die Art, wie der große Alte aus East-Hollywood Lyrik interpretierte. Wem’s nicht gefällt, der lese halt Max und Moritz. Zumal Hank – so lautet sein Alter-Ego-Pseudonym – mit der 5000jährigen Nana voll ins Schwarze trifft. Wie oft bin ich solchen Frauen schon begegnet? Die Finger beider Hände reichen nicht aus, um sie zu zählen.

    Tun Sie es selbst. Also Gedichte schreiben

    Nachdem ich Ihnen in dieser Kolumne über ein halbes Dutzend teils gereimter, teil ungereimter Gedichte vorgestellt habe, sollten sie Geschmack an der Sache finden, sich heute Abend hinsetzen und selbst ein paar Strophen zu Papier bringen. Ist keine Hexerei. Ihr Partner wird sich freuen, wenn sie ihn demnächst mit selbst produzierten Versen überraschen, anstatt ständig langweilige Blumen oder noch langweiligere Küchengeräte anzuschleppen.

    Fürs Finale habe ich noch eins meiner kleinen Amateurwerke vorgesehen. Mit dem ich vor einigen Jahren bei der Adressatin allerdings keinen Erfolg erzielte.

    | Halbes Kilo Hackfleisch
    Verlieb dich nicht in hundertzehn Pfund blonde Frau
    verlieb dich nicht in weiche Kissen, Satinlaken, pinke Dildos
    die sie mit zarten Fingern berührt hat triefend von teurer Maniküre gefrorene Maracujasorbet-Lippen gebleichte Traumstrandzähne Instant-Gefühle
    verlieb dich nicht in ihre Sätze
    die sie wie Textbausteine sprudeln lässt jeder Discountfuselrausch schmeckt besser als dieses fade Blond
    verlieb dich nicht in den Gesang einer Schwänin verlieb dich nicht in durchsichtige Nylons
    unter denen blaue Adern schimmern in das Fleisch der Schenkel
    dieses stets verlockende Fleisch verlieb dich nicht in die Taxifahrerin die dich nachts nach Hause bringt aber verlieb dich auch nicht
    in Zölibat, Onanie, abstruse Fetische
    die Einsamkeit schmeichelt deiner Eitelkeit
    dabei würde jede kleine Umarmung gesünder sein als die Tonnen Pornografie, die du täglich durchblätterst
    bloß, um heuchlerisch zu sagen: „brauche ich nicht“ verlieb dich nicht in Stundenhotels, grüne Perücken Push-BHs und schwarzglänzende Nuttenstiefel verlieb dich nie in die Vergangenheit, denn sie ist unwiderruflich Geschichte
    deine Gegenwart so öde wie die graugesichtige Sekretärin
    die du jeden Morgen gedankenlos grüßt fürchte die Zukunft, die den Tod bringt panische Angst vor braunen Augen Erschrecken bei einem zarten Lächeln du hast zu lange auf der Straße gelebt
    als dass du noch Vertrauen fassen könntest verlieb dich nie in einen anderen
    es wird dein Verderben sein
    ein halbes Kilo Hackfleisch bei McDonalds stillt den Appetit für ein paar Stunden bevor der unersättliche Hunger nach Liebe von neuem in dir wütet
    hundertzehn Pfund balancierend auf High Heels können dein Ende bedeuten
    also: Mann mit der verdorrten Seele verliebe dich nie mehr
    wenn du an deinem billigen Frieden hängst wie ein Morphinist an der Nadel.

    Unmittelbar nach Erhalt dieser Zeilen brach der Kontakt mit der damals Angebeteten sang- und klanglos ab. Die Dame stand vermutlich eher auf Küchengeräte, bzw ich hatte im voreiligen Verliebtheitswahn die Situation falsch eingeschätzt.

  • Und täglich grüßt der Islam

    Und täglich grüßt der Islam

    Ich hätte eine Wette drauf abschließen sollen: nach Burka, Kopftuch, (angeblicher) Gewaltbereitschaft arabischer, junger Männer und der Causa Özil & Gündogan geht’s nun los mit dem Thema „Ramadan für Jugendliche“ … als ob Muslime ihre Kinder verhungern und verdursten lassen.

    Mir geht diese dummdreiste Islamophobie des deutschen Spießbürgers, der seinen eigenen Nachwuchs mit Fastfood vergiftet, mittlerweile derartig auf den Sack. Ich kann’s gar nicht in den passenden Worten ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, von Facebook für mehrere Monate gesperrt zu werden

    schrieb ich am Samstagmittag in meinem Facebookprofil und erntete binnen weniger Stunden mehr als 200 Kommentare, die vom Tenor her weit streuten:

    (a) Und dann wird sich im zweiten Atemzug drüber aufgeregt, dass der Islam dauerpräsent ist und man das Thema nicht mehr sehen, lesen, hören mag. Ja, warum bloß, ihr Idioten!

    (b) Nur, dass Dehydratation und in der Folge Exsikkose, besonders bei Kindern und Jugendlichen, rein gar nichts mit Religion zu tun haben.

    (c) Fasten für Kinder ist Affenscheiße. Vegane Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Einseitige Fast Food Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Wer so etwas macht? Keine Ahnung. Wenn aber, dann Sorgerecht entziehen.

    (d) Es fasten nur die Eltern: Kinder, Kranke, Schwangere fasten nicht, jedenfalls nicht bei den Muslimen in meinem Umfeld.

    (e) Ganz ehrlich, es geht doch ohnehin keinem davon wirklich um die Kinder. Das sind meist genau die Menschen, die jubeln wenn ein solches Kind sterben würde.

    (f) Nun aber es geht auch darum das diese Kinder sich nicht im Unterricht konzentrieren können und man Rücksicht nehmen soll … keine Prüfungen (ab Mai sind aber alle Prüfungen), Kein Sport usw.

    (g) Ist doch ganz einfach geht doch in die Türkei oder einengenderen Islamischen Staat, dann müsst ihr angeblichen nicht Spießer das nicht mehr hören.

    (h) Vielleicht machst du es dir doch ein bisschen einfach , das Thema scheint doch etwas komplexer zu sein !

    (i) Und Kinder mit Nahrungsmittelentzug zu quälen ist Kindesmisshandlung. Für diese Erkenntnis muss man nicht im Gesamtpaket des braunen Dreckspacks stecken. Dafür reicht schlichter Humanismus.
    (a) bis (i) FB-User

    (j) Lieber Henning, sprich mal mit Lehrer/Innen an Schulen, an denen immer mehr Kinder und Jugendliche fasten, an denen Eltern fordern, im Ramadan keine Sportfeste zu veranstalten, keine Klassenarbeiten zu schreiben und auch ansonsten einen Monat lang auf alles zu verzichten, was ihre fastenden Kinder zusätzlich belasten könnte, an denen Kinder attackiert werden, die in den Pausen ihr Brot auspacken und an denen es – wie in diesem Jahr – fast zu Schlägereien kam, weil die türkischen Kinder schon am 16. fasteten, während die tschenischen erst am 17. mit dem Fasten begannen und am 16. noch genüßlich ihre Pausenbrote gegessen haben. Es ist nicht die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, die solche Themen in die Öffentlichkeit trägt, sondern eine wachsende Gruppe identitärer Muslime, die den Rest der Gesellschaft mit ihren religiösen Forderungen belästigt.
    (c) Mit-Kolumnist Heiko Heinisch

    Ein Kommentator verstieg sich zu der Behauptung, ich würde mit meinem Post Volksverhetzung betreiben, da ich alle, die anders denken als ich, in die Fascho-Ecke stelle. Was natürlich voraussetzt, dass Spießer immer rechts zu verorten sind.

    Islam zieht immer

    Islam zieht halt immer. Keine andere Materie schafft es, so viel Aufmerksamkeit und Empörung zu generieren. Kein anderes Thema – hier in Köln selbst der FC nicht – wird mit dieser Hartnäckigkeit und Penetranz bespielt. Gut für uns Kolumnisten, weil wir ständig was darüber schreiben können, allerdings schlecht für die Gesellschaft. Denn losgelöst vom hellblau-braunen Wir-brauchen-einen-Sündenbock-Mantra schwappt die trübe Der-Islam-gehört-nicht-hierher-Brühe mittlerweile weit ins bürgerliche Lager hinein.

    Da erklären dann in Facebook der brandenburgische Sanitärtechniker Hubert K., der am Samstagabend betrunken gerne mal seine Familie verprügelt, dem türkischstämmigen Mehmet, weshalb das patriarchale Menschenbild des Islam nicht zum christlich-jüdischen Abendland passt. Die ihre Kinder mit Fastfood und Schokoriegeln vergiftende Hausfrau Magdalene B. aus Gelsenkirchen-Buir regt sich im Thread nebenan über die Knabenbeschneidung und das an Ramadan geltende Fastengebot auf. Ehepaar Huber aus Traunstein, sie zu Hause in Schürze und draußen im Dirndl unterwegs, weil ihr Mann das schön findet, weiß zu berichten, dass das Kopftuch ein Unterdrückungssymbol darstellt, während Oberstudienrat Meier, der im vergangenen Jahr seinen Sommerurlaub im Heiligen Land verbrachte, darauf hinweist, dass der Islam von den drei Buchreligionen die jüngste und damit zwangsläufig intoleranteste ist, was logischerweise bei seinen Anhängern zu hohem Aggressionspotenzial führt. Weshalb diese Glaubensrichtung nicht kompatibel mit unserem Grundgesetz sei. Heinz W. aus Köln-Nippes macht sich große Sorgen wegen des importierten Antisemitismus, vertritt aber im kleinen Kreis hinter vorgehaltener Hand die Meinung, dass die Juden schon auch selbst ein bisschen Schuld an ihrem Schicksal haben, weil sie sich halt partout nicht assimilieren wollen, gerne geheimbündeln und mit den Rothschilds das internationale Finanzkapital dominieren und dies zum Nachteil des deutschen Sparbuch- und Reihenhausbesitzers perfide lenken. Von den hochwissenschaftlichen Facebook-Debatten zur Burka, dem Halal-Schlachten und dem Wunsch einiger muslimischer Frauen, von Männerblicken ungestört in deutschen Hallenbädern zu schwimmen, will ich gar nicht erst anfangen. Dieser textliche Wahnsinn würde den Umfang der Kolumne sprengen.

    Deutschland: unselige Tradition von Kulturkämpfen

    Es geht den Islam-Bashern, und das sind mittlerweile erschreckend viele, allerdings gar nicht ums Einzelthema. Über das man unter vernünftigen Leuten durchaus diskutieren kann. Beispielsweise ist es wirklich übel, wenn Kinder im Hochsommer weder essen noch trinken und in der Folge in ihren schulischen Leistungen abfallen. Aber: es ist nur eine kleine Minderheit der Muslime, die so verfährt. Der Großteil liebt seine Kinder genauso wie wir Christen, Juden, Atheisten etc. es tun und lässt sie selbstverständlich auch während des Ramadans Nahrung zu sich nehmen. Aber das interessiert den gemeinen Durchschnitts-Islamophoben gar nicht. Die einzelnen Aspekte der Kritik dienen bloß dazu, negative Stimmung gegenüber einer Volksgruppe zu schüren und durch ständiges Zündeln einen Keil in die Gesellschaft hineinzutreiben. In der unseligen Tradition der Kultur- und Religionskämpfe, wie sie Bismarck gegen die Katholiken, die Nazis gegen die Juden und die Adenauer-CDU gegen die Sozialisten betrieben. Am Ende nie ein Sieger, nur Verlierer.

    Ich frage mich deshalb manchmal: Welches Ziel, abgesehen von der Lust am hemmungslösen Pöbeln und faktenfreien Diskutieren, steckt dahinter? Alle Muslime raus aus Deutschland oder gar Europa? Gute Türken sind nur diejenigen, die schweigend für wenig Geld die Arbeiten erledigen, auf die wir selbst keine Lust haben? Und sobald sie das Rentenalter erreichen, verschwinden sie wieder ohne zu murren zurück in ihre ostanatolischen Bergdörfer. Ist es das, was wir wollen? Falls ja: es wird nicht funktionieren.

    Strategischer Unsinn

    Es ist, strategisch betrachtet, kompletter Unfug, den Islam und die Umma zu künstlichen Feindbildern hochzujazzen. Sie sind viele, bekommen mehr Kinder als wir, sind fleißig, genügsam, zäh, noch fähig, an irgendwas jenseits des Bruttoinlandsprodukts zu glauben und werden uns verweichlichte und einem ungesunden Individualismus frönende Westler sicher überleben. Aber: Menschen, die an Phobien leiden oder sich gar in ihrer Politik davon leiten lassen, denken nie strategisch. Meist beschränken sie sich auf das Operative (z.B. Bau von Ankerzentren oder „ab sofort nur noch Sachleistungen für Flüchtlinge“), hin und wieder begegnet man einem Taktiker, der die negative Stimmung auffängt, kanalisiert und zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Einige Innenminister praktizieren das im Moment so. Das war’s dann aber auch schon mit Überlegungen zu diesem Thema. Über die größeren Zusammenhänge, wie schafft man es, die beiden – räumlich eng beieinander liegenden – Kulturkreise miteinander in Einklang zu bringen, darf sich dann der Papst Gedanken machen. Aber den mögen die Hardliner ja ebenfalls nicht, weil er ständig zu Versöhnung an Stelle von Spaltung aufruft.

    Anstatt also jeden Tag aufs Neue mit irgendeinem frisch aus dem hellblauen Zylinder gezauberten Thema knapp fünf Millionen Menschen, von denen 99.9% friedfertig unter uns leben, hart arbeiten und genau wie der deutsche Michel pünktlich ihre Steuern zahlen, zu belehren und deren Glauben zu beleidigen, sollten wir uns den wirklich drängenden Problemen in unserem Land zuwenden. Sie kennen kein dringenderes als den Islam? Tut mir echt leid für Sie. Ich schon.

  • Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Die Szene wirkt wie ein Remake des Godfathers: Don Vito Corleone flankiert von seinen drei Söhnen Michael, Santino und Fredo. Nur dass es sich bei der Doublette um den türkischen Präsidenten Erdogan, eingerahmt von den in der Premier League kickenden Spielern Özil, Gündogan und Tosun, handelt. Die vier trafen sich am vergangenen Sonntag in London auf einen kleinen Plausch, schüttelten Hände, überreichten dem Paten handsignierte Trikots und lächelten in die Kamera. So weit, so gut bzw. schlecht.

    Kein Staatsmann ist dem deutschen Facebook-User derart verhasst wie der Herrscher vom Bosporus. Sobald sein Name erwähnt wird, ertönen pawlowartig Schimpfkanonaden, von denen „Erdolf“ und „byzantinischer Despot“ noch zwei der freundlichen darstellen. Jan Böhmermann widmete ihm vor zwei Jahren ein 24 (!!) Verse umfassendes Schmähgedicht, das der Autor dieses Beitrags damals zum Fremdschämen fand. Satire darf bekanntlich alles, und der deutsche Social-Media-Junkie pöbelt ohnehin gerne, solange er sicher ist, dass er für seinen Unflat keinerlei negative Konsequenzen befürchten muss.

    Der Pate und die Nachbarclans

    Natürlich ist das aktuelle Oberhaupt der Osmanen kein lupenreiner Demokrat westlichen Zuschnitts, unterdrückt die Opposition, schränkt die Pressefreiheit ein, hält Wahlen am liebsten dann ab, wenn er sicher ist, sie zu gewinnen, schmeißt Kritiker gerne in den Knast, und führt einen kleinen, schmutzigen Krieg gegen die Kurden. Alles nicht so schön. Klar. Aber im Vergleich zu den Ländern um ihn herum auch nicht großartig anders, als das, was Russland, Saudi-Arabien und Ägypten praktizieren. Der Pate ist in seiner Region wahrlich nicht der einzige Mafioso. Und in der Europäischen Union geht’s östlich der Oder und südlich der Donau ebenfalls nicht immer so pluralistisch-korrekt und weltoffen wie bei uns zu. Ohne dass wir Deutschen deshalb Hasslieder auf Orban und Duda anstimmen.

    Mal ganz kurz zu den Fakten: die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Aufnahmekandidat. Wir überweisen ne Menge Kohle dorthin, damit uns Ankara die Flüchtlinge vom Leib hält und liefern Waffen, die nicht einzig zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Jedes Jahr verbringen vier bis fünf Millionen Touristen aus Castrop-Rauxel und Schwäbisch-Hall ihren preiswerten Pauschalurlaub an den Stränden der anatolischen Riviera. Das ist aus der Sicht des deutschen Steuerzahlers alles in Ordnung; oder doch nicht?

    Reaktionen in den sozialen Medien

    Aber zurück zum Auslöser der Kolumne: dem Bild des Paten mit seinen drei als Fußballlegionären sehr erfolgreichen Söhnen.

    Wer sich mit einem Despoten ablichtet , bekommt die rote Karte

    Wer sich mit solch einem Diktator fotografieren lässt und auf sein Trikot schreibt, „für meinen Präsidenten“, der hat in unserer Nationalmannschaft nichts zu suchen

    Sollen sie doch in der türkischen NM spielen
    © drei Facebook-Nutzer

    Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag
    © Cem Özdemir

    Herr Gündogan ist ein trauriges Beispiel, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist
    © Alice Weidel

    Fußballer sind keine Berufsdiplomaten

    Mal völlig losgelöst vom Unsinn der Forderung, dass Özil und Gündogan das Nationalteam wechseln sollen – denn das ist gemäß FIFA-Statuten gar nicht möglich –, springen zwei Phänomene sofort ins Auge:

    (a) Das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Ich-bin-seit-tausend-Jahren-Deutschen gegenüber Mitbürgern mit Migrationshintergrund und zwei Reisepässen
    (b) Die Illusion, dass Fußballspieler im Nebenjob Diplomaten sind

    Özil singt seit Jahren die Hymne nicht mit, gibt’s dann an jeder zweiten Ecke zu lesen. Na und? Haben Beckenbauer, Netzer und Overath ebenfalls nie getan. Und auch ich habe keine Lust auf die pathetisch-altbackenen Zeilen, und schweige, während das Lied der Deutschen im Stadion ertönt. Ich käme auch nicht auf die Idee, bei Songs der Kastelruther Spatzen mitzuträllern. Geschlossene Lippen und ernster Blick müssen ausreichen, ohne gleich als Vaterlandsverräter einsortiert zu werden.

    Was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit in unserem Land? Können wir uns jetzt nicht mehr gemeinsam mit fremden Staatsoberhäuptern auf einem Foto ablichten lassen, ohne ein Berufsverbot befürchten zu müssen? Wo steht überhaupt geschrieben, dass Fußballer leuchtende Vorbilder und Aushängeschilder zu sein haben? Also ich persönlich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Typen wie Wagner und Petersen mich auf dem internationalen Parkett besser als unser Außenminister und dessen Diplomatisches Corps vertreten. Ich bekomme allerdings auch nicht sofort nervösen Schluckauf, wenn Marco Reus ohne Führerschein im Maserati erwischt wird und Kevin Großkreutz in der Lobby eines Hotels in die Blumenrabatte pinkelt. Effenbergs Stinkefinger bei der WM 94 = Pillepalle. So sind sie halt, die jungen Leute.

    Scheinheiligkeit der Diskussion

    Man kann Erdogan als üblen Autokraten einstufen – ob er bereits ein Diktator ist: diese feine Unterscheidung überlasse ich geschulten Politologen –, sich an seiner Art des Auslandswahlkampfs stören, die PR-Aktion als völlig daneben bezeichnen, und den drei Spielern trotzdem das Recht zugestehen, dem Präsidenten die Hand zu schütteln. Kommt ja auch (noch) niemand auf die Idee, Exkanzler Schröder zum Umzug nach Moskau aufzufordern, weil der sich mit dem lupenreinen Demokraten Putin so ausgezeichnet versteht oder Seehofer ins Altersexil nach Budapest zu seinem Kumpel Orban zu verbannen.

    Es ist hochgradig scheinheilig, Ankara als politischen Partner zu hofieren, sich in Antalya mit klebrigen All-inclusive-Cocktails volllaufen zu lassen, und zurück zu Hause auf dem deutschen Sofa sofort wieder gegen dieses Land und die von dort stammenden Migranten vom Leder zu ziehen.

    Fußballer sollten primär nach ihrem Können am Ball und nicht danach, mit wem sie sich zu einem Fototermin treffen, beurteilt werden. Und da befürchte ich, dass Özil sich bei den wichtigen und engen Partien mal wieder unsichtbar machen wird. Was ich ihm dann mehr ankreide als seinen kurzen Flirt mit Erdogan oder die mangelhaften Sangeskünste. Und sollte Gündogan bei der WM ein Tor erzielen, jubeln darüber sicher auch Cem Özdemir und Alice Weidel. Denn in diesem Moment kollektiver teutonischer Freude ist die Herkunft des Schützen dann plötzlich wieder egal.

    Fazit: auch für Nationalspieler türkischer Herkunft gilt die Meinungsfreiheit. Es war deshalb weise von Bundestrainer Löw, sich von der medial aufgeheizten Stimmung nicht beirren zu lassen und Özil und Gündogan am heutigen Tag in den vorläufigen Kader mit aufzunehmen.

  • „Ich kündige“ – Wenn Deals über Nacht keine mehr sind

    „Ich kündige“ – Wenn Deals über Nacht keine mehr sind

    Die USA steigen aus dem Atomabkommen aus und brüskieren mit dieser einsamen Entscheidung ihre europäischen Alliierten. Die Überredungskünste sowohl Macrons als auch Merkels, die beide Ende April in Washington zu Besuch waren, fruchteten nicht. Präsident Trump blieb bei seiner harten Linie, erklärte den Iran zum bösesten aller bösen Schurkenstaaten weltweit, bezeichnete die Vereinbarung als den schlechtesten Deal, den er je gesehen hätte und kündigte an, die Sanktionen demnächst wieder in Kraft zu setzen. Und da dieses Maßnahmenpaket anscheinend noch nicht ausreicht, drohen die Vereinigten Staaten allen Handelspartnern Teherans ebenfalls mit Liebesentzug, wenn sie den Weg der Amerikaner nicht augenblicklich mitgehen. Als treuer Zeitungsleser und ARD-Tagesschau-Gucker reibt man sich verwundert die Augen und fragt: »Gibt es neue Erkenntnisse? Irgendwas Bedrohliches, das 2015, als die Tinte unter das Dokument gesetzt wurde, noch nicht bekannt war?«

    »Nein«, antworten Sie mir. »Was grundlegend Neues ist seitdem nicht passiert.«
    »Wozu dann der ganze Aufstand?«, hake ich nach.
    »Weil das Abkommen schon zum Zeitpunkt des Abschlusses das Papier nicht wert war, auf dem es gedruckt wurde. Behaupten die Amerikaner.«

    Expertenmeinung unerwünscht

    Ist das wirklich so? Haben nicht die Experten der IAEA. jedes Jahr bestätigt, dass alles sauber abläuft? So erneut in der vergangenen Woche?
    »Also kann man weder Teheran noch der Kontrollbehörde trauen?«, frage ich.
    »So was tun bloß friedensbewegte Ostermarschierer. Und denken Sie auch mal an die ganzen Menschenrechtsverletzungen, die im Iran täglich begangen werden. Gruselig. Alleine dafür muss das Land zur Rechenschaft gezogen werden.«

    Fakt ist: Um die Inhalte des Abkommens wurde 13 Jahre lang gerungen. Die Obama-Administration sah die Ratifizierung als Erfolg an.  Dass der Iran sich nach dem Sturz des Schah – unter dessen Ägide es jedoch alles andere als demokratisch-menschenfreundlich zuging – in eine islamistische Diktatur mit zum Teil bizarrer Rhetorik verwandelt hat, weiß man seit vierzig Jahren. Trotzdem hat das Regime bisher noch nie ein Nachbarland angegriffen. Es unterstützt die Israelfeinde Hisbollah und Hamas, während sein großer Kontrahent Saudi-Arabien sich vor allem auf verdeckte Transfers an den IS spezialisiert hatte und zudem einen schmutzigen Krieg im Jemen führt. Nun soll das schlechte Beispiel des einen auf keinen Fall die üblen Aktivitäten des anderen entschuldigen. Trotzdem springt die ungleiche Bewertung der beiden Terrorfinanzierer ins Auge. Ich habe niemals verstanden, weshalb Riad immer als Good guy, den wir mit modernster Waffentechnologie ausstaffieren, angesehen wird, während man Teheran ständig in die Rolle des Aussätzigen drängt.

    Droht Israel die akute Auslöschung aufgrund Irans Atomprogramm, falls nicht sofort der Schalter umgelegt wird? Trump und Netanjahu sagen: »Ja«, die Europäer: »Nein«. Natürlich stellen die Raketenbeschüsse, die täglich auf Galiläa hageln, eine andauernde Bedrohung für das Land dar. Aber würde es militärisch nicht ausreichen, gezielt gegen die Abschussrampen im syrischen und libanesischen Grenzgebiet einzuschreiten? Muss jetzt die große Keule der Direktkonfrontation mit Teheran ausgepackt werden? Auf die Gefahr hin, dass es dann nicht nur gegen den Iran alleine geht, sondern sich Russland und China contra USA und Israel positionieren? Dass wir nicht einen auf ein Land begrenzten Konflikt haben werden, sondern die gesamte Region in Flammen steht? Und der Triumphator, egal welcher der beiden Blöcke den Sieg davonträgt, am Ende durch Ruinen und über Berge von Leichen marschiert?

    Menschenrechte als fadenscheiniges Alibi

    Die Nicht-Einhaltung der Menschenrechte stellt keinesfalls den primären Auslöser für die Aufkündigung des Abkommens dar. Stünde tatsächlich diese Vision im Vordergrund des Handelns, dürfte sich Trump nicht in ein paar Wochen mit dem Oberschurken Kim Jong-un auf einen freundlichen Plausch in Singapur treffen. Vom Hofieren des Königshauses Saud mal ganz zu schweigen. Dass der Iran heute oder in absehbarer Zukunft über Massenvernichtungswaffen verfügt, ist eine wacklige, bisher nicht auf konkrete Beweise gestützte, Behauptung. Wer will es den Europäern nach den Erfahrungen mit den frei erfundenen Giftküchen im Irak verdenken, wenn sie da lieber auf die Expertise der IAEA vertrauen?

    Das Signal, das die Trump-Administration in die Welt sendet, ist fatal: Internationale Vereinbarungen sind nichts mehr wert. Völlig egal, ob ihr die niedergeschriebenen Bedingungen erfüllt oder nicht – wir als Supermacht Nummer 1 behalten uns das Recht vor, das Papier jederzeit, sobald es uns in den Kram passt, wieder zu zerreißen bzw, nachträglich Verschärfungen zu Lasten  des Vertragspartners zu fordern. Und das, obwohl die NATO-Verbündeten unisono von diesem Schritt abrieten. Wer so handelt, darf sich nicht wundern, wenn er die Führungsrolle verspielt.

    Europa wird sich nicht heraushalten können

    Für Europa würde ein neuer Flächenbrand in Nahost dramatische Konsequenzen haben: Die Entscheidung, ob und inwieweit man sich in die Auseinandersetzung hineinziehen lässt, ein erneutes Anschwellen der Flüchtlingsströme, enorme Unterstützungsleistungen beim Wiederaufbau der zerstörten Gebiete. Hauptnutznießer eines geschwächten Irans wäre Saudi-Arabien, das dann sofort mit großem Elan daranginge, seinen Einfluss in der Region auszubauen. Und ob die Wahhabiten Israel langfristig freundlicher gesonnen sind als die schiitischen Mullahs, wage ich zu bezweifeln.

    Die Konstellation im Nahen Osten ist so vertrackt, und die dort lebenden Menschen sind derart dauererregt, dass ein Zündeln an der Kriegslunte – und nichts anderes stellt die einseitige Kündigung des Abkommens durch die USA dar – mit 50%iger Wahrscheinlichkeit zu weitreichenden Komplikationen führen wird. Sollte der Iran nun ebenfalls aussteigen, im Gegenzug sein militärisches Atomprogramm wieder aufnehmen, wüsste ich nicht, was außer Bombardements seiner Anlagen – die dann den Casus belli bedeuten – helfen sollte, Teheran von seinem Ziel, Nuklearmacht werden zu wollen, noch abbringen kann. Denn Wirtschaftssanktionen alleine werden den Iran nicht in die Knie zwingen.

    Bleibt nur zu hoffen, dass  Rohani und Chamene’i besonnener reagieren, als Trump agiert hat.

    Die Zeit, als sich Washington mit seinen westlichen Partnern beriet und auf deren Einwände hörte, ist definitiv vorbei. Vielleicht die Chance für eine demnächst enger abgestimmte europäische Außen- und Sicherheitspolitik.

  • No go nach Godesberg?

    No go nach Godesberg?

    »Noh Jodesbersch kanns do nit mih fahre«, sagt Jupp.
    »Warum das denn?«, frage ich.
    »Es en Nu-gu-Veedel jewode.«
    »Woher stammt diese Information?«
    »Hann ich vürgester Ovend am Stammdesch jehürt. En Trauerspill, dat mir No-go jetz och bei uns han.« Jupp betont „No go“ abwechselnd mit Doppel-O wie in Logo oder mit zweifachem U wie in Uhu.

    Ein paar Definitionen vorab

    Am Beginn dieser Kolumne kommen wir nicht drum herum, uns mit ein paar Definitionen vertraut zu machen. Was genau ist eigentlich eine No go Area?

    Der Begriff stammt aus dem militärischen Sprachgebrauch und bezeichnet eine Zone, die vom Feind kontrolliert wird und deshalb nicht betreten werden kann … in Deutschland sind es Gebiete, in denen Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung einem hohen Risiko rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt sind
    (c) Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

    Örtlichkeiten mit (angeblich) rechtsfreien Räumen und mit (gefühlt) erhöhter Kriminalität
    (c) Wikipedia

    Stadtteil/ Bezirk, in dem es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, und wo die öffentliche Sicherheit nicht gewährleistet ist
    (c) Duden

    Was um Himmelswillen ist nun wieder ein rechtsfreier Raum? Hier liefert Wikipedia folgende Erklärung:

    Ein räumlich begrenzter Bereich, in dem keine Gesetze wirken, vorhanden sind, beachtet oder durchgesetzt werden. Als Synonym wird auch von Angstraum gesprochen.

    Vor meinem geistigen Auge erscheinen Bilder von Straßenschlachten in Harlem, Bandenkriegen in Rio de Janeiros Armenvierteln oder die Szene, als Snake Plissken im hermetisch abgeriegelten Manhattan gegen eine Armee Outlaws kämpft. Und so was soll es neuerdings auch in unserer beschaulichen, überregulierten Bundesrepublik, dem Land mit der höchsten Politessendichte weltweit, geben? Falls ja: wo?

    Exkursion 1: Bad Godesberg

    »Schau nach Godesberg!«, rufen Sie mir zu? »Da traut sich kein anständiger Bürger mehr hin.« Also schaue ich über den Rhein, erblicke die Godesburg im abendlichen Dämmerlicht und beschließe spontan, einen kleinen Ausflug ins Bonner Hochrisikogebiet zu unternehmen. Da es bereits viertel nach neun ist, und die letzte Fähre um 21 Uhr ablegt, nehme ich den Weg über die Bonner Südbrücke und gelange gegen kurz nach halb zehn ins Zielgebiet. Ich parke meinen Wagen in einer kleinen, von herrschaftlichen Villen links und rechts gesäumten Straße und spaziere ins Zentrum. Es ist ruhig.

    Bonns größtes Kino befindet sich hier. In dessen Eingangsbereich lümmeln ein paar Jugendliche, rauchen, nuckeln an Dosenbier, hin und wieder weht ein Lachen zu mir rüber. Die früher mondäne Fußgängerzone ist nach dem Wegzug der Diplomaten nicht mehr ganz so mondän, wirkt allerdings alles andere als runtergekommen. Ein lauer Frühlingsabend. Die Straßencafés sind gut gefüllt. Bisher das mir seit Jahrzehnten vertraute, friedliche Godesbergbild. Wo sind die Banden, die das Viertel in Angst und Schrecken versetzen? In der Zeppelinstraße die Polizeiwache. Ein rechtsfreier Raum, in dem die Polizei eine große Dependance unterhält? Wie geht das zusammen? Verlassen die Beamten  das Gebäude nicht?

    Ich stoppe am Alibaba-Grill, bestelle einen Dönerteller mit Salat, keine Fritten. Während ich warte, schaue ich mich um: ein halbes Dutzend arabisch anmutender junger Männer, die Tee trinken, drei Frauen in Burka mit Sehschlitzen, die am Nachbartisch sitzen. Wirken fremdländisch. Klar. Aber nicht Gefahr ausströmend.

    Zwischenfazit Godesberg an einem Donnerstagabend im Mai: ruhig mit Tendenz hin zu schläfrig. Die bösen Jungs sind entweder alle zu Hause und zocken an der Playstation oder befinden sich auf einer Fachtagung für Kleinkriminelle in der Nachbarstadt.

    Exkursion 2: Köln-Ehrenfeld

    »Dann fahr nach Köln! Dort wirst du dein blaues Wunder erleben. Domplatte und so«, sagen Sie jetzt, nachdem sich Godesberg als Reinfall entpuppt hat? Okay, dann tue ich Ihnen den Gefallen und mache mich auf den Weg gen Norden. Ist ja über die A555 ein Katzensprung. Die Gegend um das Kneipenviertel in Ehrenfeld sei supergefährlich? Ich stoppe Freitagabend in der Lichtstraße. Viele Menschen unterwegs. Die Hälfte davon vermutlich nicht mehr nüchtern. Einige sogar sehr angetrunken. Da gibt’s bestimmt gleich ne Massenprügelei, meinen Sie? Ich muss Sie enttäuschen. Bisher bleibt alles im grünen Bereich. Allerdings wurde hier geschlägert, seitdem ich denken kann. Bin zufälligerweise ein paar Blocks entfernt aufgewachsen.  Meine Mutter ermahnte mich häufig, dass ich mich von dieser Straße – vor allem in den Abendstunden – fernhalten solle. »Du fängst dir da sonst eine Tracht Prügel ein«, sagte sie. Dasselbe galt für den Park, in dem ich nachmittags mit ein paar Kumpels Fußball spielte. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelte der sich tatsächlich in einen dunklen Angstraum, in dem dunkle Gestalten ihren dunklen Geschäften nachgingen. Und diese Gestalten sprachen oft tiefes Kölner Platt, was auf einheimische Ganoven schließen ließ. Wenn ich heute durch Ehrenfeld und Kalk, auch die früher übel beleumundeten Straßen, laufe, kommen mir die beiden Viertel sehr viel friedlicher vor als in der Zeit meiner Jugend. Was ist mit Domplatte, Wiener Platz und Chorweiler, fragen Sie? Was soll da sein? Im Umfeld des Doms kann es passieren, dass Ihnen ein Taschendieb die Brieftasche klaut, am Wiener Platz wird gedealt und in Chorweiler werden schon mal Autos geknackt und Müllcontainer angezündet. Aber Gefahr für Ihre bürgerliche Gesundheit besteht in allen bisher aufgezählten Gebieten wirklich nicht.

    Das Risiko, abends beim Spiegeleibraten mit der linken Gesichtshälfte an der heißen Herdplatte kleben zu bleiben, ist um einiges größer, als in Ehrenfeld, Kalk oder Chorweiler ausgeraubt, niedergeknüppelt oder vergewaltigt zu werden.

    Zwischenfazit Köln: Die Stadt wirkt weitaus friedlicher, als es uns Boulevardblätter und aufgeregte Facebookschreiber Glauben machen wollen. Es gibt gefährliche Orte – gemäß NRW-Innenministerium sind es 13 –, aber deren Existenz ist zum einen ein alter Hut und zum anderen besteht auch in denen keine akute Lebensgefahr. Dass auf den Ringen am Wochenende Party gefeiert und vor mancher Kneipentür gerauft wird, ist nun wahrlich nichts Neues.

    Exkursion 3: Duisburg-Marxloh

    Wir wechseln die Stadt, machen uns auf ins dritte Hochrisikogebiet – Marxloh im Duisburger Norden – und lassen einen Anwohner berichten:

    „Vor einigen Jahren konnte ich noch darüber schmunzeln, wenn man mich fragte, ob ich nicht Angst hätte, nach Marxloh zu fahren, um meinen ‚Stammtürken‘ auf der Weseler Straße, die Magistrale des Viertels, zu besuchen. Heute machen mich solche Fragen nur noch wütend. Allerorts wird vor dieser angeblichen No-Go-Area gewarnt, besonders in den sozialen Netzwerken tummeln sich vermeintliche Experten, die sich beim Faktencheck als Provinzprinzen ohne Kenntnisse entpuppen.

    Romantisieren sollte man dieses Viertel nicht – ja, es ist ein sozialer Brennpunkt. Während in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts dort noch Manager und Abteilungsleiter umliegender Hüttenwerke wohnten, zogen in den 60er und 70er Jahren viele Gastarbeiter in dieses Viertel, prägten es ebenso wie die Alteingessenen, brachten mit ihren Gemüseläden, Restaurants und Teestuben ein wenig Heimat in den Pott. Der soziale Abstieg begann mit den Schließungen der Zechen und Krupp. Menschen verloren ihre Arbeit, Perspektiven und ihre Hoffnungen und wurden von der Politik vergessen. Einst Arbeiterviertel, prägen heute Arbeitslosigkeit und Armut das Bild, zusätzlich kommen erschwerend die unsäglichen Mythen von der No-Go-Area und den marodierenden Ausländerclans hinzu. Ich kenne Marxloh seit 30 Jahren, habe 20 Jahre meines Lebens im Duisburger Norden, auch Marxloh, verbracht und gewohnt. Nie habe ich mich unsicher gefühlt, nie hatte ich Angst um meine weiblichen Begleitungen, nie kam es zu Übergriffen durch bewaffnete Banden, denn es ist nicht gefährlicher als in anderen Großstädten. Natürlich gibt es Kleinkriminelle, natürlich wird auch hier und dort gedealt, kommt es zu Streitigkeiten oder zu Massenaufläufen, wenn es mal einen Unfall oder einen Polizeieinsatz wegen einer Schlägerei gibt – die Menschen dort sehen es als willkommene Abwechslung ihres oft sehr tristen Alltags; sodass sogar ein negatives Ereignis dort zum Event wird. Aber No-Go-Area? In welcher No-Go-Area der Welt gibt es Polizeistationen, ist das Ordnungsamt mit Knöllchenschreiben aktiv, sind unzählige tolle Restaurants und noch kleine familiengeführte Lädchen, wo jeder, ob Migrant oder Deutscher, freundlich bedient wird? In welcher No-Go-Area siedeln sich Filialisten wie Media Markt, Deichmann und Co an?

    Milch und Honig ist es wahrlich nicht, mit der europäischen Öffnung nach Osteuropa und dem Zuzug von Bulgaren und Rumänen kamen zusätzliche Probleme ins Viertel – von den Sprachproblemen der neuen Mitbürger, über Immobilienhaie die sich mit überbelegten Wohnungen eine goldene Nase verdienen bis zu Scheinselbständigkeiten im Niedriglohnbereich. Diese Probleme gilt es zu bewältigen, es ist aber nicht abzusehen, dass die Politik, die die Stigmatisierung und die damit verbundenen Probleme für dieses Viertel über Jahrzehnte gekonnt ignoriert hat, dies wirklich will und kann.

    So werde ich mich auch in Zukunft über Fragen ärgern und in Zeitungen und in den sozialen Netzwerken lesen müssen, von Menschen die es nur vom Hörensagen kennen, wie gefährlich es dort ist. Aber dass dies ein Schlag ins Gesicht derer ist, die dort täglich etwas bewirken (wollen), sozial engagiert sind und es die Existenzgrundlage meines Stammtürkens und der vielen anderen Geschäftsleute entziehen kann, weil sie um jeden Gast und gegen all die Vorurteile ankämpfen müssen, wird die Provinzprinzen, Schubladendenker, Schwarzseher nicht interessieren, denn nach unten treten ist so viel einfacher als offen und engagiert zu agieren.“
    © Daniel Patrick Burgdorf

    Zwischenfazit Marxloh: Der Döner beim Stammtürken ist heißer als die Atmosphäre draußen auf der Straße.

    Exkursion 4: Berlin-Neukölln

    Nun ein weiter Sprung Richtung Nordosten in den kriminellen Abgrund Berlins – Neukölln –, wo der rechtsfreie Raum mittlerweile so groß ist, dass er droht, die gesamte Hauptstadt zu verschlingen.
    Und wieder berichtet ein Anwohner:

    „Neukölln hat ein gewisses Image und wird gerne „No Go-Area genannt, in die sich angeblich die Polizei nicht mehr hintraut. Das ist aber mehr oder weniger eine subjektive Wahrnehmung, die eher absurd ist. Und als „ewiger Neuköllner“ muss ich darüber oft schmunzeln.

    Nimmt man als Beispiel den Hermannplatz, der ja gerne als besonderer Kriminalitätsschwerpunkt genannt wird, weiß eigentlich jeder, der dort schon mal nachts war, dass dort eigentlich eine nahezu dauerhafte Polizeipräsenz in Form eines Mannschaftswagens vorhanden ist.

    In anderen „verrufenen Zonen“ befinden sich Polizeireviere. Beispielsweise Abschnitt 54 auf der Sonnenallee, Abschnitt 55 in der Rollbergstraße, direkt zwischen Karl-Marx-Straße und Hermannstraße.

    Damit ist die Legende von der angeblichen „No-Go-Area, in die sich die Polizei nicht traut“ also eigentlich schon widerlegt, denn ausgerechnet in dieser Zone ist die Polizei stark präsent. (Und kommt deshalb auch logischerweise relativ schnell, wenn sie gerufen wird).

    Da ich mich kurz fassen sollte: Die vermeintlichen No-Go-Areas in Berlin sind eigentlich lediglich kriminalitätsbelastete Orte. Und diese Bezeichnung der Polizei erhalten Sie durch unterschiedliche Straftaten. Orte wie die U-Bahnhöfe Hermannplatz in Neukölln, oder Kotbusser Tor in Kreuzberg haben starken Drogenhandel, da sie Verkehrsknotenpunkte sind, Orte wie die Warschauer Brücke und das RAW-Gelände in Friedrichshain, aber ganz besonders der Alexanderplatz, sind wegen der hohen Frequentierung durch Touristen und Partygänger bei Taschendieben sehr populär.

    Der große Witz ist, dass gerade diese Orte eben speziell am Wochenende eher Go- als No-Go-Gebiete sind.

    Es ist eine Legende, dass man dort ständig überfallen und ausgeraubt wird. Natürlich gibt es dort Raubüberfälle, aber speziell Schlägereien und Drogenhandel oder Bandenkriminalität betreffen meist keine Außenstehenden.

    Solche Vorfälle wie der „U-Bahntreter von der Hermannstraße“, der dann monatelang in den Medien herhalten musste, sind eben deshalb spektakulär, weil sie tatsächlich, gerade gemessen an der Zahl der Menschen, die dort alltäglich unterwegs sind, nicht häufig vorkommen.
    © Freddy Groeger im Mai 2018

    Zwischenfazit Neukölln: Die Polizei ist schneller vor Ort als in vielen gutsituierten Wohngegenden.

    Wer profitiert vom Geschwätz über No-Go-Areas?

    Nachdem die Exkursion in vier Hochrisikogebiete, deren bloße namentliche Erwähnung die Hälfte der Facebookleser nicht ruhig durchschlafen lässt, bei den Reisenden keine bleibenden Schäden an Leib und Seele hinterließ, kann aufgrund dieser – zugegebenermaßen kleinen – Stichprobe durchaus der Schluss gezogen werden, dass es No go Areas in Deutschland nicht gibt.  Von der Existenz rechtsfreier Räume, in die sich die Polizei nicht hineintraut, sind ohnehin nur die Zeitgenossen überzeugt, die v. Dänikens Spekulationen über die Präsenz außerirdischen Lebens auf unserem Planeten für seriöse Wissenschaft halten.

    Es wird natürlich nicht in Abrede gestellt, dass täglich Gewalttaten – auch in den o.g. Bezirken – verübt werden. Die Frage ist aber, ob die sich an einem bestimmten Ort derart häufen, dass man diesen mit Fug und Recht als Angstraum titulieren kann. Reviere, die man nur als Lebensmüder betritt. Und hier kommt eine weitere Unschärfe des No-Go-Area-Begriffs zutage. Denn es sind ja nie gesamte Stadtviertel betroffen, sondern allenfalls kleine Areale innerhalb einzelner Gebiete. Zumeist eine dunkle Straße, Ecke, Bahnunterführung, in/ an der gedealt oder vor Kneipentüren geschlägert wird. Das sind aber nun echt uralte Kamellen. Gab es bereits im Köln meiner Kindheit und Jugend und vermutlich auch schon davor. Ich kann mich sowieso des Eindrucks nicht erwehren, dass es heutzutage in vielen Städten sehr viel friedlicher zugeht als in den 60ern und 70ern, als man häufig Gefahr lief, eine aufs Maul zu bekommen, wenn man sich dummerweise zur falschen Uhrzeit am falschen Ort aufhielt.

    Wenn also No-go-Areas in Deutschland nicht existieren – welchem Zweck dient es, den Begriff dennoch inflationär zu verwenden?

    Mir kommen zwei Erklärungen in den Sinn:
    (1) Im Land der Gelbe-Westen- und Fahrradhelm-Träger fällt das Thema „mangelhafte Sicherheit“ stets auf einen lüsternen Resonanzboden. Es befeuert Ängste und Phobien, steigert Zeitungsauflagen und die Umsätze von Firmen, die Alarmanlagen und einbruchsichere Haustüren verkaufen. Es dient Politikern dazu, immer strengere Überwachungsregeln zu fordern und unsere individuellen Freiheiten häppchenweise einzukassieren. Und das nicht in Köln, Godesberg, Marxloh oder Neukölln wohnende Publikum fläzt sich zu Hause auf dem Sofa, während es in den RTL-Nachrichten mal wieder voyeuristisch einem Gruselbericht über Massenprügeleien im Ehrenfelder Kneipenviertel lauscht, bevor es zur Vorabendserie in Pro 7 weiterzappt.

    (2) Der im Vorfeld der WM 2006 als Reisewarnung für dunkelhäutige Menschen eingeführte Begriff soll nun umgewidmet werden in Gefahrenzonen, die für die weiße Mehrheitsbevölkerung nicht mehr betretbar sind. Weil von libanesischen, ghanaischen, ivorischen – Hauptsache exotisch klingenden –  Clans regiert. Komischerweise verspürt aber niemand Angst, wenn er eine Pizzeria betritt, die Abgaben an die Camorra zahlt. Es ist die übliche Begriffsverwirrung durch die Rechten, die ja auch die Faschisten rotlackiert auf der linken Seite verorten und behaupten, dass die Nazis primär Sozialisten waren. So was nennt man: Desinformation.

    Als Fazit bleibt festzuhalten: die Bundesrepublik ist eines der sichersten Länder weltweit. No Go Areas gibt es nicht. Die Gewalt-Fallzahlen sind seit Jahren rückläufig. Wer ständig von Panikattacken geritten wird, wenn er an Godesberg, Ehrenfeld, Marxloh und Neukölln denkt, obwohl es an diesen Orten genauso beschaulich zugeht wie in seiner eigenen Nachbarschaft, muss zum Psychologen. Diejenigen, die wider besseren Wissens von No-Go-Bezirken sprechen, wollen damit ihr eigenes – zumeist xenophobes – Süppchen am Kochen halten.

    P.S. Das ganze No-Go-Gequatsche hält Jupp übrigens nicht davon ab, wöchentlich drei Mal mit der kleinen Fähre von Dollendorf nach Godesberg überzusetzen, denn seine Lebensgefährtin Nummer 27 lebt dort. Das ist aber wieder eine neue Geschichte.

  • Mit Rechten reden?

    Mit Rechten reden?

    »Der grundlegende Fehler besteht darin, dass wir zu wenig mit diesen Menschen reden«, sagt mein alter Schulfreund Peter, als wir im Anschluss an eine Beerdigung mit Canapés, Prosecco und Espresso in einem Kölner Restaurant beisammenstehen.
    »Wen meinst du?«, frage ich und versuche dabei, so in das Schinkenröllchen reinzubeißen, dass der Gemüseinhalt nicht auf den Boden fällt.
    »Na ja, die Politiker der etablierten Parteien haben die AfD lange Zeit wie Aussätzige behandelt. Das Resultat siehst du.«
    »Du glaubst, dass der rechte Haufen nur deshalb ins Parlament eingezogen ist, weil wir diese Leute nicht ernst genug nehmen?«
    »Nicht nur, aber natürlich auch deshalb. Es ist nie gut, das Gespräch zu verweigern.« Peter trinkt den Prosecco aus und schnappt sich nun ein frisch gezapftes Kölsch vom Tablett.
    »Aber wir reden doch dauernd mit denen«, mischt sich Martin ein, der im Geschichts-LK neben mir gesessen und von der 5ten bis zum Abitur das Tor unseres Fußballteams gehütet hatte.
    »In jeder Talkshow quatschen die mit«, ergänze ich.
    »Ja schon; aber der seriöse Dialog, das Eingehen auf ihre Sorgen, den verweigern wir nach wie vor.« Peter lässt sich nicht beirren.
    »Im Bundestag wird die Truppe doch täglich mittlerweile argumentativ auseinandergenommen«, sage ich.
    »Und trotzdem bleibt die Arroganz der Liberalen und Linken.« Peter hat das Kölsch geext und wir wechseln das Thema.

    Der verlorene Kumpel

    Auf der Rückfahrt erinnere ich mich daran, wie ich vor zwei Jahren vergeblich versuchte, einen anderen Kumpel davon abzuhalten, in die AfD einzutreten. Er hatte im Zeitraum von vier Jahrzehnten eine Parteien-Odyssee hinter sich gebracht, war vom Juso und SPD über die Zwischenstationen Union und FDP vor einigen Jahren bei der Linken gelandet. Dort fühlte er seine revolutionären Ideen nicht genügend gewertschätzt und nun also der Schwenk nach Ganzrechtsaußen.

    »Was willst du bei denen?«, hatte ich ihn gefragt. »Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
    »Die haben ein ganz hervorragendes Papier zur Energiepolitik. Sprechen als einzige klar aus, dass Atomkraft klimafreundlich ist. Und du weißt ja, wie ich die Grünen hasse.«
    »Und die ganzen fremdenfeindlichen Ausfälle: die sind dir egal?«
    »Ich habe so viele ausländische Freunde und Bekannte. Du hältst mich doch jetzt nicht allen Ernstes für einen Rassisten, oder?«
    Als ich ihn ein paar Monate später zufällig im Supermarkt wiedertraf, hörte er sich schon anders an. Über zu schnell geöffnete Grenzen, auf Gutmenschentum gründende Willkommenskultur, Verfassungsbruch und „Merkel muss vor Gericht gestellt werden“ dozierte er auf dem Weg von der Käsetheke bis zum Regal mit den Haarfärbemitteln.
    »Ich wusste, dass das toxisch ist«, sagte ich.
    »Ach was«, antwortete er. »Ich bin derselbe Menschenfreund wie eh und je geblieben. Jetzt aber halt eine Spur realistischer als Traumtänzer wie du. Komm doch mal zu einer unserer Versammlungen. Du wirst erstaunt sein, wie viele vernünftige und anständige Leute du dort triffst. Alles keine Fanatiker. Aber zu Recht besorgt um die Zukunft unseres Landes … Weißt du eigentlich, dass ich für den nächsten Kreistag kandidiere? Du wirst mir doch deine Stimme geben, oder?«
    Seitdem ist der Kontakt auf Eis gelegt.

    Nun kann man natürlich schlussfolgern, dass sowohl meine Überredungskünste als auch Geduld begrenzt sind. Jedoch: Weshalb muss ich als normaler Bürger und Hobby-Kolumnist Energie und Zeit darauf verwenden, Dritte, die zur dunklen Seite der Macht streben, zurück ans Licht zu holen? An wie vielen Facebook-Debatten habe ich teilgenommen, in denen versucht wurde, AfD-Sympathisanten mittels sachlicher Argumente von der Unhaltbarkeit ihrer Behauptungen zu überzeugen? Es waren viele. Und jedes Mal mit demselben ernüchternden Ergebnis: Falschinformationen werden als Fakten verkauft, Andersdenkende erst als Ahnungslose und von den Medien manipuliertes Stimmvieh bezeichnet, bevor dann herzhaft gepöbelt und am Ende blockiert wird. Es wird auch nie eine Position der Mitte angestrebt, mit der beide Diskussionspartner leben könnten. Entweder akzeptiere ich den Standpunkt des AfD-Jüngers in toto, oder ich bin linksgrünversifft bzw. mir ist sowieso nicht mehr zu helfen.

    AfD: Im Bundestag oft vorgeführt und prozentual dennoch stabil

    Wie oft werden den AfD-MdBs mittlerweile im Bundestag die argumentativen und rhetorischen Grenzen aufgezeigt? SEHR oft. Vor einigen Tagen mal wieder eindrucksvoll demonstriert bei der Replik einiger Parlamentarier auf den Antrag der Rechtsaußenfraktion, Paragraf 130 StGB (Volksverhetzung) umschreiben zu lassen.

    Sie plärren über Meinungsfreiheit, wenn sie nicht unwidersprochen rechte Propaganda verbreiten dürfen … So lange sie und ihresgleichen Brandreden halten, brauchen wir ein Gesetz, das Opfer gegen sie verteidigt.
    MdB Martina Renner (Die Linke)

    Und wie wirkt sich das auf die Prozentzahlen der Partei aus? Die bewegen sich seit vielen Monaten – bei sämtlichen Forschungsinstituten – stabil im Intervall zwischen 12 und 14 Prozent. Komplett egal, welche Schoten die Herren Höcke und Poggenburg vorher mal wieder rausgehauen haben. Kann es also sein, dass die AfD genau wegen – und nicht trotz – ihrer grenzwertigen Inhalte und Pöbeleien gewählt wird? Dass es völlig gleichgültig ist, ob Frau v. Storch mal wieder peinlich auf der Maus ausrutschte? Und dass es noch irrelevanter ist, ob sich anders denkende Zeitgenossen vorher die Mühe gemacht haben, den Rechten argumentativ beizukommen?

    Haben Sie schon einmal erlebt, dass die AfD in einer Frage zurückruderte? Sie eine Position geräumt hat? Oder beobachten wir nicht seit Jahren staunend das Phänomen, dass auf einen kleinen Ruck nach rechts ein paar Wochen danach die nächste Koordinatenverschiebung noch weiter nach rechts erfolgt? Falls es sich tatsächlich so verhält – also: zementierte Beratungsresistenz von politisch ohnehin Verlorenen –: Was genau soll der freundliche Plausch mit den Rechten bringen?

    Wir müssen uns von der trügerischen Illusion lösen, man bräuchte bloß bei Hartz 4 nachzubessern und die Arbeitslosigkeit noch weiter runterzufahren, und schwups löste sich der hellblaue Spuk in Wohlgefallen auf. Nein, das täte er auf keinen Fall. So sinnvoll es wäre, das Problem der Altersarmut endlich beherzt anzupacken, würde es in Punkto Schwächung des Rechtspopulismus Nullkommanichts bringen. Die AfD ist stark, weil sie nationalistisch und völkisch ausgerichtet ist. Dieses altbackene Geschwisterpaar bildet ihren Markenkern. Alles andere drumherum in ihrem Programm ist Bei- und Blendwerk. Die Marschrichtung lautet: Verrohung und Dezivilisierung. Wie von Mitkolumnist Wolfgang Brosche in mehreren Texten eindrucksvoll analysiert und beschrieben.

    Rechte benötigen IMMER Sündenböcke

    Verließen sämtliche Muslime über Nacht unser Land, zögen sich die AfD-Funktionäre 48 Stunden lang zu einer Klausurtagung zurück und zauberten im Anschluss das nächste Volksfeindkarnickel aus ihrem hellblauen Zylinder hervor. Da böten sich beispielsweise an: Schwule & Lesben, Behinderte, Langzeitarbeitslose, Genderisten, Kleriker, die die christliche Botschaft noch ernst nehmen etc. pp.
    Es geht den Rechten immer um Erhöhung der eng definierten Volksgemeinschaft gegenüber einer schwächeren – und für schädlich bis hin zu minderwertig erklärten – Minderheit. Die Problemlösung besteht nie im konstruktiven Überwinden des Gegensatzes, sondern stets in Unterdrückung, Vertreibung bis hin zur körperlichen Liquidation. Wer das nicht sieht, hat das Wesen des Faschismus nicht begriffen.

    Katja Thorwarth drückt es in einer ihrer Kolumnen so aus:

    Die zwanghafte Suche nach Berührungspunkten um des Diskurses Willen weicht im Zweifel nur die eigene moralische Haltung auf und stellt humanistische Prinzipien zur Diskussion … entsprechend geht das Miteinander-Reden immer mit der Tolerierung eines fremdenfeindlichen Status Quo einher.
    in: Frankfurter Rundschau, 27. Nov. 2017

    Eher überredet man Boris Johnson dazu, den Friseur zu wechseln, als einen aufrechten deutschen Patrioten davon zu überzeugen, der aktuellen Kriminalstatistik mit ihren in vielen Bereichen sinkenden Zahlen Glauben zu schenken. »Gefälscht. Und zwar seit Jahren«, wird er entgegnen. Ohne selber andere Zahlen präsentieren zu können. Ihm reicht sein Bauchgefühl, um die Gefahrenlage zu erkennen. Mit Verschwörungstheorien untermauerte Xenophobie und Abendlanduntergangsstimmung argumentativ entkräften zu wollen, ist eine Mission impossible.

    Wer als an humanistischen Werten ausgerichteter Demokrat seine Zeit und Energie sinnvoll nutzen will, der kann sich die Unterhaltung mit den AfD-Jüngern schenken. Außer resignativem Schulterzucken und Verdruss gibt’s bei solchen Gesprächen nichts zu gewinnen.

  • Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

    … lautete die Überschrift der jüngsten Talksendung Menschen bei Maischberger, zu der ich gemeinsam mit fünf weiteren Experten als Gast eingeladen war.

    Ausgehend von folgenden Zahlen:
    – Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken in riskanter Weise
    – (darin: 1.5 Mio gelten als abhängig)
    – 74.000 Todesfälle/ Jahr, die auf Alkohol zurückzuführen sind
    – Knapp zehn Liter reiner Alkohol/ Kopf/ Jahr (umgerechnet in Liter: 200 Bier, 90 Wein oder 25 Whiskey)

    … diskutierten wir über die Frage, was der Staat sinnvollerweise tun kann, um den hohen Konsum einzudämmen.

    Der Prohibition redete keiner der Teilnehmer das Wort. Niemand fordert ernsthaft, dass die Deutschen in Zukunft auf ihre Lieblingsdroge Alkohol verzichten müssen. Allerdings wäre es schon begrüßenswert, wenn wir im alljährlich veröffentlichten Ranking der Säufernationen nicht ständig eine Position innerhalb der Top 5 einnehmen würden. Neun bis zehn Millionen riskant trinkende Landsleute bedeuten zwar nur zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung; trotzdem entspricht die Menge der Einwohnerzahl Chicagos oder Hongkongs oder 2.8x Berlin, die ja nun alle drei nicht gerade als kleine Provinzstädte gelten.

    Wirksame Instrumente gäbe es schon

    Als schnell greifende Maßnahmen zur Konsumreduktion bieten sich an:
    (a) Preise hoch
    (b) Anzahl Verkaufsstellen reduzieren
    (c) Abgabe nur innerhalb bestimmter Zeitfenster
    (d) Minimumalter Konsum erhöhen
    (e) flankierend: Werbeverbot, Ekelbilder auf Flaschen u Dosen u.ä.

    Dass die Kombi (a) + (b) + (c) – vorausgesetzt, es wird drastisch erhöht, stark ausgedünnt und nur noch vor Einbruch der Dunkelheit verkauft – funktioniert, ist unstrittig. Sobald ich für eine Flasche Bier zehn Euro bezahlen, zwanzig Kilometer bis zur nächstgelegenen Abgabestelle fahren und diese bis spätestens 18 Uhr erreichen muss, werde ich mir im Vorfeld fünf Mal überlegen, ob der Spaß die ganze Mühe wert ist. Als Ausweichalternativen bieten sich an: Bezug im benachbarten Ausland, selber brauen/ destillieren, Umstieg auf Ersatzdroge. Alle drei denkbar; jedoch jeweils nur für eine kleine Anzahl Konsumenten. Nicht für jeden liegen Luxemburg und Tschechien in erreichbarer Nähe, nicht jeder weiß, wie man Wodka herstellt und nicht jeder greift zu anderen Rauschmitteln. Billigen Alkohol per Internet bestellen? Gepanschten Fusel auf dem Schwarzmarkt besorgen? Sicher möglich; würde jedoch ebenfalls nur von einer Minderheit genutzt.

    Zwischenfazit 1: Die Kombi „Preise rauf & Verkaufsstellen reduzieren & Öffnungszeiten limitieren“ erzielt schnelle Wirkung.

    Die Reaktionen der Zuschauer fielen unterschiedlich aus:

    Pro Verschärfung

    Und dass die Ausgabestellen reduziert werden ist sinnvoll. Außerdem sollte das Alkoholausschenken bei Schulfesten(wie es teilweise schon gemacht wird) bei Schulen mit nur unter 16-jährigen Schülern/Schülerinnen verboten werden.

    Und sicher ist auch: die allzeitige Verfügbarkeit der billigen Droge ALK tut ein Übriges.

    Was wichtig ist, Verkaufsstellen reduzieren, gut wären sicher eine Art Liquor Stores wie in den USA.

    Solange ne Flasche Lambrusco mit 2l Inhalt günstiger als viele Säfte mit 1l Inhalt sind, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, vor allem junge, zu diesem Genussmittel greifen. Alkohol ist definitiv zu günstig, die Auswahl im Preissegment von 30 Cent bis 5€ erschreckend groß.

    Contra staatliche Maßnahmen

    Die meisten koennen sich nicht mal Alkohol leisten. Sind froh wenn sie zur Tafel gehen koennen ….

    Und Sie diskutieren ob die Alkoholsteuer erhöht werden soll und somit der Alkohol teurer werden muss, dass ist Diskriminierung derer die damit normal umgehen.

    Ich komme grade aus Australien eine Flasche Vodka kostet da 40Au$ das ist sehr viel Bier im Club 10$ es gibt kein günstiges Nachbarland wo man schnell hin fahren kann und etwas kaufen man muss in „Bottle shops“ was ich festgestellt habe ist das erstens. Das trozdem alle trinken die Australier. Zweitens Drogen in Clubs oder auf Partys viel öfter genommen werden da Alkohol teuer ist

    jeder soll sich sein genussmittel – egal welches – ohne künstliche einmischung des staates a la verteuerung etc beschaffen können nach eigener facon und eigener verantwortung. denn der erziehungsauftrag besteht von staatlicher seite nur gegernüber minderjährigen. alles andere ist allein dem individuum in seiner persönlicheitsrechtssphäre zu zu ordnen.

    Es träfe halt auch wieder ein weiteres „Opium des Volkes“, es wären besonders die Armen die ihren Spaß nicht mehr haben dürfen. Jugendclubs müssten fasst alle schließen, besonders die alternativen denn auch wenn Saufen nicht in Zentrum steht, keiner hat Bock auf Konzerte/Parties ohne Bier (und von Konzerten/Partys kommt oft das Geld für gute Jugendarbeit).

    Ich glaube nicht, dass wenn der Preis für Alkohol steigt, dass es dann weniger Alkoholiker gibt. Bei Zigaretten schreckt der Preis auch nicht ab, und selbst wenn übergewichtige Menschen auf Süßigkeiten abgebildet werden, wird es noch dicke geben.

    Diese und noch mehr Kommentare findet man hier:
    Menschen bei Maischberger
    Henning Hirsch

    Der Vorschlag der (drastischen) Preiserhöhung muss sich fürwahr den Vorwurf gefallen lassen, sozial nicht ausgewogen daherzukommen. Denn nur wenige werden sich dann noch die Zehn-Euro-Flasche Bitburger leisten können. Zu befürchten steht zudem, dass gepanschte Sachen auf den rasch entstehenden Schwarzmarkt gelangen. Von daher bedeuten Preiserhöhung und Verkaufsstellenverknappung ein riskantes Experiment. Niemandem wäre geholfen, wenn in der Konsequenz zwar weniger, aber dafür dreckigerer, Alkohol getrunken würde.

    Gegen die Ausdünnung der Verkaufsstellen spräche hingegen wenig. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb Alkohol 24/7 in jedem Supermarkt, sämtlichen Kiosken und an allen Tankstellen bundesweit verfügbar ist. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Fuß- und Fahrfaulen ihre Wochenration Erdinger, Soave und Jägermeister dann anliefern lassen. Einen Minimumbestellwert von 30 oder 50 Euro bekommt man ja mit Spirituosen schnell zusammen.

    Zwischenfazit 2: Preiserhöhungen träfen v.a. die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gefahr von „Erblindungen“ aufgrund billigen selbst hergestellten Schnapses nähme zu. Wegfall von Verkaufsstellen und engere Zeitfenster könnten durch Zunahme der Haustürbelieferung konterkariert werden

    Warum kein Werbeverbot?

    Wenn nun schon die drei sehr konkreten Instrumente (a), (b) & (c) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als ungewiss eingestuft werden müssen – wie ist dann ein Appell mit Ekelbildern einzuschätzen? Bringt es was, Fotos von Fettlebern, entzündeten Bauchspeicheldrüsen und aufgrund Säuferdiabetes schwarz angelaufenen Füßen auf die Behältnisse zu kleben? Mich persönlich hätte das in meiner trinkenden Zeit nicht großartig gestört. Flasche umdrehen, nicht draufsehen, notfalls die Pulle in eine Verpackung stecken, sodass nur noch der Hals rausschaut. Sprüche wie: „Trinken schadet deiner Gesundheit“ oder „Wer säuft, stirbt früher“ oder gar: „Schnaps macht impotent“: geschenkt. Lässt sich niemand von abhalten.

    Zu diskutieren wäre sicherlich über Werbeverbote und die Raufsetzung des Minimumalters für SÄMTLICHE alkoholhaltigen Getränke auf 18 Jahre. Mir völlig schleierhaft, weshalb so viel Bier-, und zu vorgerückter Stunde sogar Wodka-, -Spots über unsere TV-Mattscheiben flimmern. Krombacher ist die Einstiegsdroge in Gorbatschow. Wenn wir das Zeug schon legalisieren, überall und rund um die Uhr zu Discountpreisen zum Verkauf anbieten, brauchen wir es ja nicht auch noch zusätzlich anzupreisen.

    Freiwilliger Verzicht ist nachhaltiger als staatlich verordnete Abstinenz

    Unterm Strich muss die dringend notwendige Reduktion – zehn Liter reiner Alkohol Kopf/ Jahr ist ein höllenmäßig hoher Durchschnittswert – allerdings auf freiwilliger Basis erfolgen, z.B.:
    ▪Präventionsarbeit bei jungen Menschen
    ▪Kein Bierausschank in Sportvereinen
    ▪Alkoholfreie Betriebsfeiern

    Flankiert von pfiffigen TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bewusst machen, dass Komasaufen alles mögliche ist, aber bestimmt NICHT cool. Es ist keine Heldentat, ohnmächtig und vollgepisst in der Ecke zu liegen, am Morgen danach auf einer Intensivstation zu erwachen und sich an nichts mehr erinnern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Abstinenz – bzw. maßvoller Umgang mit dem Stoff – in jungen Jahren nicht gleichbedeutend ist mit Langweiler oder Partyschreck, werden der Konsum und in der Konsequenz die Anzahl Alkoholkranker nachhaltig sinken.

    Da wir Deutschen seit über zweitausend Jahren saufen, ist der Alkohol bei uns mittlerweile kilometertief in unsere Volks-DNA eingedrungen, aus der er sich mit einer Hauruckaktion nicht wieder entfernen lässt. Aufgrund der vielen Toten und Abhängigen wäre es allerdings grob fahrlässig, das Problem als Gott gegeben anzusehen und lapidar mit den Schultern zuckend zu sagen: „Dagegen kann’ste eh nichts machen“.

    Die Behandlungskosten belaufen sich jährlich auf 24 Milliarden Euro. Zu überlegen wäre, ob man die Industrie prozentual daran beteiligt. Der Verursacher des Dilemmas ist ja nicht nur der Trinker alleine, sondern ebenfalls der Schnapsproduzent. V.a. die Hersteller von Spirituosen müssen härter in die Pflicht genommen werden. Dem einen sein Heroin ist dem anderen die tägliche Pulle Wodka.

    Fazit

    (1) Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach gelegentlichem  Rausch
    (2) Es wird nach wie vor zu viel gesoffen: Deutschland ist definitiv ein Promille-Paradies
    (3) Bewusstseinswandel wirkt nachhaltiger als Zwangsmaßnahmen
    (4) Das Problem wird weiterhin sowohl durch die Gesellschaft als auch von Seiten des Staats verharmlost

    Weiterführende Literatur und jede Menge Zahlen findet man hier: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung

  • Schuld und Verantwortung

    Schuld und Verantwortung

    Im Mai nimmt der Antisemitismus-Beauftragte des Bundes, Felix Klein (50), seine Arbeit auf. Zu diesem Zweck wird eine neue Stelle im Innenministerium geschaffen.  Klein war bisher im Auswärtigen Amt verantwortlich für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen. Der Zentralrat der Juden befürwortet sowohl Aufgabe als auch Personalie.

    Erstes Zwischenfazit ganz früh in der Kolumne: Das ist gut und war (leider) auch dringend notwendig.

    Als eine seiner ersten Amtshandlungen fordert er eine realistische Abbildung von muslimischem Antisemitismus in der Kriminalstatistik. Diese weise 90 Prozent der antisemitischen Taten Rechtsradikalen zu.

    Von Juden in Deutschland höre ich aber etwas anderes. Vor allem der muslimische Antisemitismus ist stärker, als es in der Statistik zum Ausdruck kommt.
    © Felix Klein in der WELT (nachgedruckt im Bonner General-Anzeiger, 20.04.2018)

    Ebenfalls hier völlige Zustimmung meinerseits. Eine Statistik ist nur so gut wie Infos, mit denen sie gefüttert wird. Durch eine peniblere Erfassung muslimisch initiierter Gewalt gegen Juden wird man ein exakteres Bild der Situation erhalten. Ich wage aber zu bezweifeln, dass der oben genannte Wert von 90 deutlich unter 80 fallen wird. Soll heißen: Zwei Drittel bis vier Fünftel aller antisemitischen Vorfälle sind auch bei verfeinerter Messmethode weiterhin (christlichen oder atheistischen) Deutschen zuzuordnen. Bevor wir also über „importierten Antisemitismus“ lamentieren – der ist genauso übel wie der heimische –, sollten wir deshalb erstmal unser eigenes Verhältnis zum Judentum unter die Lupe nehmen.

    Das Märchen vom christlich-jüdisch geprägten Abendland

    Das Abendland – der Ober-Antijude Luther sprach in seiner Bibelübersetzung noch von „Abend“ – hat sich, seit es christianisiert war, NIE als Nachfolger der jüdischen Glaubenslehre empfunden. Ganz im Gegenteil bildeten Christen- und Judentum stets scharf voneinander abgegrenzte Antagonisten. Dass der größte Teil der Bibel aus dem Alten Testament besteht, hinderte unsere Ururgroßväter und -mütter nicht daran, den Juden stets als fremd und unheimlich anzusehen, der älteren Religion gar okkulte Praktiken zu unterstellen. Juden wohnten in separaten Stadtvierteln, ein Großteil der Handwerke und sonstigen Berufsfelder des Mittelalters war ihnen verwehrt. Es reichten kleinste Anlässe, um den christlichen Mob in Pogromstimmung zu versetzen. Hervorragend geschildert in Feuchtwangers Romanen „Die Jüdin von Toledo“ und „Die hässliche Herzogin“. Die hatte ich Ihnen kürzlich schon zum Lesen empfohlen? Ja ja, ich weiß: Ich wiederhole mich mitunter. Aber, haben Sie es getan: also die beiden Bücher bei Amazon bestellt? Nein?! Dann sollten Sie es heute endlich tun.

    Sie wurden, weil sie den Fernhandel und das Bankwesen beherrschten, geduldet. Für die Ausstellung der Toleranzedikte ließen die ständig am Rande der Insolvenz wandelnden Fürsten und Könige sie allerdings teuer bezahlen. Selbst der angeblich so liberale Alte Fritz duldete seine Juden bloß gegen Bares. Der Antijudaismus war sowohl im Katholizismus als auch im Protestantentum fest verwurzelt. Emanzipation und schrittweise Gleichberechtigung der mitteleuropäischen Juden setzten sich erst um die Mitte des 19ten Jahrhunderts durch. Allerdings startete nahezu zeitgleich die Rassenlehre ihres Siegeslauf. Dass die rein wissenschaftlich betrachtet völliger Bullshit ist, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Die Erweiterung des seit anderthalb Jahrtausenden existierenden religiösen Vorbehalts um die Komponente des rassisch minderwertigen, semitisch Orientalen führte dazu, dass Juden nunmehr selbst durch Übertritt zum Christentum nicht mehr vom Stigma des qua vererbter Gene immerwährend böse Ränke schmiedenden Geheimbündlers loskamen. Und die neue Irrlehre wirkte schnell. Die kurze Periode der Weimarer Republik genügte, um weite Teile der deutschen Bevölkerung mit dem Bazillus des rassistisch aufgeladenen Antijudaismus, der nun endgültig zum Antisemitismus-Virus mutierte, zu infizieren. Was danach von 1933 bis 45 folgte, war gruseliger als jede Hollywood-Zombie-Apokalypse.

    Zwischenfazit 2: Bis 1945 wäre niemand auf die Idee gekommen, von gemeinsamen jüdisch-christlichen Wurzeln des Abendlands zu sprechen. Die es aber trotzdem gibt. Ohne AT kein NT. Ohne Jahwe/ Adonai/ Elohim kein „lieber Gott“ und „Vater unser“.

    Schuld ist endlich: Die Schlussstrichdebatte

    Während meinen vier Großeltern – geboren zwischen 1890 und 1910 – zumindest unterschwellig klar war, dass sie durch ihr Wegschauen Schuld auf sich geladen hatten, sie aber nicht gerne über dieses heikle Thema redeten, ging mein Vater, der das Ende von WK2 als Hitlerjunge an der Flak erlebt hatte, offen damit um. Er erzählte mir, dass er nach jahrelanger Indoktrination in Schule und beim Jungvolk wiederum einige Jahre benötigt hatte, um das gesamte Ausmaß der Nazibarbarei zu begreifen und für sich die deutsche Schuld anzuerkennen. In der damals flügge werdenden Bundesrepublik war die Aufarbeitung der Verbrechen lausig, mit Ausnahme der obersten Führungsgarnitur landete kaum jemand vor Gericht oder wurde gar zu langer Haft verurteilt.
    Zahlreiche alte Kader fanden nach schneller Entnazifizierung neue Jobs in Ministerialbürokratie, Judikative und Wissenschaft. Die Beschäftigung mit der unappetitlichen Nazi-Materie nahm erst Anfang der 60er – bewirkt durch die Hartnäckigkeit des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer – endlich Fahrt auf. In der Folge kam es zu Prozessen gegen Täter aus der zweiten und dritten Reihe, wurden auch langjährige Gefängnisstrafen verhängt. Knapp zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis man in Deutschland bereit war, die Schuld nicht nur Hitler und seinen engsten Mitstreitern zuzuordnen, sondern den Kreis derer, die sich die Hände schmutzig gemacht hatten, schrittweise zu erweitern.

    Wir haben von nichts gewusst

    Ohne sich hier nun in juristischen Spezialfragen – wie ist beispielsweise die Tätigkeit eines Personalsachbearbeiters im Reichssicherheitshauptamt im Gegensatz zur Aktivität eines SS-Wachtmanns in Bergen-Belsen zu bewerten – verlieren zu wollen, muss für die gesamte damalige Generation festgestellt werden: Schuld hatten sie ALLE auf sich geladen. »MEIN Großvater gehörte der Widerstandsgruppe Schwäbisch Hall an!«, rufen Sie mir entgegen? Noch nie davon gehört. »Die Großmutter versteckte Juden im Keller«, sagt die Dame, die neben Ihnen sitzt? Hören Sie auf damit. Wären all diese Juden tatsächlich versteckt und auf verschlungenen Pfaden außer Landes gebracht worden, hätten die Konzentrationslager leergestanden. Der deutsche Widerstand war – von den Geschwistern Scholl mal abgesehen – ein Witz. Bis auf einige wenige mutige Deutsche hat kein Mensch den verfolgten Juden Unterschlupf gewährt. Als sie abgeholt wurden, sah man wahlweise weg oder genauer hin, ob’s in ihren Häusern noch was für den armen deutschen Nachbarn zu holen gab. Die meisten waren informiert über die Internierung und was den Juden dort blühte. Wie sollte man den Holocaust auch jahrelang geheimhalten können?

    Da die deutsche Seele ja empfindsamer ist als die anderer Völker, will sie von Schuld heute nichts mehr wissen. Ich kann diese Abwehrhaltung psychologisch nachvollziehen. Wer von uns möchte schon auf ewig mit dem Stigma „Feigling, der tatenlos zusah, wie Millionen unschuldige Menschen. ermordet wurden“ gebrandmarkt sein? In den 70ern bekam ich ab der Mittelstufe durchgängig bis zum Abitur eine Megadröhnung in Faschismustheorie und -praxis verabreicht. Bis mir das leidige Thema Anfang der 80er dermaßen zum Hals raushing, dass ich damals jedem, der mit »Es muss endlich Schluss sein!« um die Ecke gekommen wäre, Applaus gespendet hätte. Ich war fürs Erste restlos bedient von all der Verantwortung, die mir die linksgrünversifften Oberstudienräte aufoktroyieren wollten. Ich war jung, wollte Party feiern und nicht 24/7 als schuldbeladener Trauerkloß mit gesenktem Kopf durchs Leben laufen. Nachdem ich als Student an einer Führung durch die Gedenkstätte Dachau teilgenommen und dort all die Bilder des Grauens gesehen hatte, setzte Mitte der 80er rasch der Prozess des Umdenkens ein. Mir war erneut bewusst geworden, welch riesige Schuld wir auf uns geladen hatten. »Schuld ist was persönliches», sagen Sie? »Kann einzig für die aktiven Täter gelten. Nicht aber für die Mitläufer und auf keinen Fall für uns Spätergeborene«, schießen Sie noch hinterher? Nun ja, hinsichtlich der jahrelangen Wegschauer sehe ich das anders, und für uns Jüngere können wir das zentnerschwere Wort Schuld gerne in Verantwortung umwandeln. Die wiegt ein bisschen leichter im Gepäck und währt dafür im Gegenzug länger. »ICH habe damit Nullkommanix zu tun. Mit der blöden Verantwortung können Sie mir den Buckel runterrutschen«, kommt nun noch aus Ihrem Mund hinterher? Spätestens jetzt haben wir einen Dissens. Denn aus seiner Verantwortung kann man sich nicht einfach davonstehlen wie ein Dieb. Wer bei der WM freudetrunken Deutschlandwimpel schwenkt, sich nach jedem Sieg hupend in den Autokorso einreiht, und es sich ansonsten auch ganz komfortabel in unserer freundlichen Republik eingerichtet hat, muss im Gegenzug auch die Schattenseite der Historie akzeptieren. Es gab halt nicht nur Goethe, Schiller und Beethoven, sondern ebenfalls Hitler, Himmler und Heydrich. »Das ist aber nicht so schön«, seufzen Sie? Klar, sind die drei Letztgenannten die Verwandten, für die man sich schämt und die man bei Uropas 100stem geflissentlich übersieht. Trotzdem gehören sie zur Familie.

    Vor der Shoa verblassen alle Vergleiche

    »Die Juden waren ja auch ein bisschen selbst Schuld an ihrem Schicksal», raunte die Generation meiner Großeltern manchmal hinter vorgehaltener Hand. »Wollten sich nicht integrieren. kontrollierten unser Finanzsystem. Kein Wunder, dass es da irgendwann krachen musste.« WAS? Die deutschen Juden hatten sich nach der Reichsgründung 1871 bis zum Ausbruch von WK1 nahezu vollständig integriert. Bürgerlicher als diese Gruppe war kaum ein anderer Bürger. Die Sache mit der Kontrolle über das Finanzsystem: Damals und heute eine frei erfundene, verleumderische Nachrede. Als ob es nicht ebenfalls jede Menge katholisch und evangelisch getaufte Bankiers und Börsianer gegeben hätte. Gesetzt den Fall: die Juden hätten sich doch nicht vollständig in den deutschen Volkskörper assimiliert: Das würde als Begründung ausreichen, sie ausrotten zu wollen? Die Argumente der Tätergeneration überzeugten mich bereits als Jugendlicher nicht. Schwieriger war es da schon mit den Relativierungen meines Vaters: »Stalin hat mehr Menschen töten lassen als die Nazis. Und auch unsere Befreier, die Amerikaner, gingen ja nun nicht gerade zimperlich mit ihren Indianern um«. Oder die Begründungen eines Onkels: »Ist dir – der du nur Frieden und Wohlstand kennst. – klar, wie sehr wir damals gelitten haben? Die ständigen Bombardements, die vielen Gefallenen an der Front, der Hunger der Nachkriegszeit?« Das fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Wir hatten furchtbare Verbrechen begangen, aber wir standen damit nicht alleine. Viele andere Nationen, die mit dem Finger auf uns zeigten, wiesen in ihrer Geschichte ebenfalls tiefschwarze bzw. blutrote Flecken auf. Ein schönes Gefühl: Man ist plötzlich nicht mehr alleine mit seinem schlechten Gewissen.

    Jahre später, im Verlauf eines politischen Seminars an der LMU München zum Thema Faschismus & Nationalsozialismus wurde mir allmählich die Einzigartigkeit der deutschen Barbarei bewusst. Sämtliche Vergleiche des Unvergleichbaren mit anderen Gräueltaten laufen ins Leere. Selbst wenn sie ansatzweise vergleichbar wären, greift hier die alte Regel: Kümmere dich zuerst um den Dreck im eigenen Stall, bevor du den Nachbarn ermahnst, bei sich auszumisten!

    Ob wir es nun Schuld oder Verantwortung nennen: die Shoa kann man nicht einfach ausschwitzen wie eine lästige Erkältung. Sie wird uns noch viele Jahrzehnte, eventuell sogar Jahrhunderte begleiten. Das Anerkennen unserer Schuld und der darauf aufbauenden Erinnerungskultur bildet einen integralen Bestandteil der bundesrepublikanischen DNA. Wer die Verantwortung über Bord werfen möchte, will ein anderes Deutschland. Eines, in dem der braune Bodensatz und der mit ihm sympathisierende reaktionäre Teil des Bürgertums endlich ungeniert das sagen dürfen, was Gottseidank seit 1945 nicht gesagt werden durfte.

    Nicht totzukriegende Märchen

    Wir müssen uns von drei Mythen lösen:
    (a) Dem christlich-jüdischen Abendland
    (b) Unsere Großeltern befanden sich alle im Widerstand
    (c) Dass die Juden, bevor die Flüchtlinge kamen, hier sicher lebten

    Solange ich zurückdenken kann, wurde die Kölner Synagoge von Sicherheitsdiensten – und bei Gottesdiensten zusätzlich von Polizei – bewacht. Jüdische Mitschüler und Mitstudenten fühlten sich nie hundert Prozent wohlbehütet in unserem Land, lebten ihre Religion eher diskret. Wie oft haben Sie schon Kippa und Schläfenlocken auf unseren Straßen gesehen? Nie, selten? Ich wage zu behaupten: Die meisten von uns nie. Während diese Symbole in Städten wie Antwerpen, London, New York und Chicago mit großer Selbstverständlichkeit offen zur Schau getragen werden. Machen wir uns nichts vor: Deutschland wird nach 1945 nie mehr ein Land sein, in dem sich Juden 24/7 sicher und stets willkommen fühlen. Wäre ich Jude, würde ich nach Israel auswandern bzw. hätte es schon längst getan. Und das hat nur am Rande mit dem durch die Flüchtlinge importierten arabischen Antisemitismus zu tun.

    Es ist fadenscheinig, wenn die deutsche Rechte sich einerseits den Schutz der Juden vor (muslimischen) Übergriffen auf die Fahnen schreibt, während sie andererseits den raschen Schlussstrich unter den Schuldkult fordert und Holocaust-Leugner in ihren Reihen duldet. Nicht viel besser die Linken, die unter dem Deckmantel ihrer pathologischen Israelkritik die Grenze vom Antizion- zum Antijudaismus längst überschritten haben. Klar, ist es praktikabel, den eigenen kleinen Judenhass nun auf die Flüchtlinge zu projizieren und ihnen die Schwarze-Peter-Karte unterjubeln zu wollen. Wir instrumentalisieren also die Muslime, um von unseren eigenen Versäumnissen ablenken zu wollen. Die traurige Wahrheit lautet jedoch: Wir haben seit Jahrzehnten intern ein massives Antisemitismus-Problem. Ein nicht geringer Prozentsatz der Bevölkerung glaubt mittlerweile wieder an krude Verschwörungsszenarien, in denen jüdische Unternehmen von Rothschild bis Soros weltweit die Finanzströme lenken, Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen, Kriege anzetteln, Nationen in den Ruin treiben und insgeheim Umvolkungspläne schmieden. Zulasten der braven, hart arbeitenden Deutschen. Das ist in leicht abgewandelter Form die Denke unserer Weimarer Großeltern. Was im Anschluss geschah – bitte scrollen Sie fünfzig Zentimeter zurück im Text.

    Bleibt zu hoffen, dass dem neuen Antisemitismus-Beauftragten auch Befugnisse eingeräumt werden, damit dieser neugeschaffene Posten keine Placebo-Veranstaltung wird. Mir schwebt fürs Erste sowas vor wie das Recht, Bußgelder verhängen zu dürfen. Beispielsweise für geschmacklose Liedzeilen wie diese hier: „Mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen“. Der Griff ins Portemonnaie tut solchen Leuten mehr weh als mediale Empörung, die sie ja ohnehin in Publicity ummünzen. Lasst Farid Bang & Kollegah eine Mio Euro Strafe für den textlichen Ausflug ins Klo zahlen. Und den doppelten Betrag vom Musiklabel beitreiben. So lernen die kleinen Gangsta-Rap-Aluhutträger, die zielgenau die antijüdischen Ressentiments ihrer Fans bedienen, am schnellsten.

    Fazit: Einerseits begrüßenswert: Das seit vielen Jahren schwelende Problem des Antisemitismus wird von Seiten der Bundesregierung endlich Ernst genommen und angepackt. Andererseits tieftraurig, dass dies überhaupt notwendig wurde.

    Weiterführende Literatur
    Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus, von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts (1901. Neu aufgelegt: 1992)