Autor: Jörg Phil Friedrich

  • Finnland, Russland und die NATO

    Finnland, Russland und die NATO

    Wenn man Anfang Januar in Nordfinnland eine Backcountry-Ski-Tour von einer Wildnishütte zur anderen macht, dann hat man viel Zeit. Auch wenn die Sonne nicht aufgeht, bewegt man sich etwa 5 Stunden im Licht der Bürgerlichen Dämmerung, in der man keine Stirnlampen braucht, dazu kommt, in den klaren, kalten Tagen der letzten Woche, das Licht des allmählich abnehmenden Mondes. Die helle Zeit reicht, wenn man kurz vor der Dämmerung startet, um die nächste Hütte nach ca. 20 km zu erreichen, dort die Ausrüstung von der Pulka ins Haus zu tragen, Schnee für das benötigte Wasser zu sammeln, Holz zum Heizen aus dem nahen Schuppen zu holen. Und wenn die Hütte dann warm ist, dann hat man vor allem viel Zeit zum Reden. Über das, was man redet, kann man dann am nächsten Tag auf der Tour nachdenken, um abends weiterzureden.

    Man redet über Politik

    Man trifft natürlich nicht viele Menschen, abgesehen von den wenigen, mit denen man gemeinsam unterwegs ist. Mit ein paar Leuten aus Norwegen oder Finnland, die gerade ähnliches tun, sitzt man abends auf Bänken zusammen und isst die schlichten, aber energiereichen Malzeiten, deren Zutaten man auf der Pulka hierhergebracht hat.

    Dann fängt man an zu reden, und irgendwann, meist dauert es nicht lange, kommt man auf politische Dinge zu sprechen. Oft geht es zuerst um Geschichte, denn wenn man als Deutscher in Finnland unterwegs ist – ich war es nun zum dritten Mal – merkt man schnell, dass Finnen und Deutsche eine Menge Geschichte verbindet, vor allem eine Menge Kriegsgeschichte. Und das wiederum vor allem mit Bezug auf den Nachbarn im Osten. Schon im Dreißigjährigen Krieg waren es vor allem finnische Kavalleristen, die für Schweden in Europa kämpften. Im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen wurde Finnland Teil des russischen Reiches, versuchte aber immer wieder, größtmögliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Das gelang 1907.

    Finnland zwischen Deutschland und Russland

    1917 organsierten die Deutschen Lenins Reise durch Deutschland, Schweden und schließlich Finnland nach Russland mit dem Ziel, Russland zu destabilisieren. Nach der Oktoberrevolution versuchten die Bolschewiki dann, auch in Finnland das sowjetische Rätesystem einzuführen, was nach einem erbitterten Bürgerkrieg allerdings misslang.

    Als Hitler und Stalin ihren Pakt schlossen, teilten sie Finnland dem sowjetischen Einflussbereich zu, aber im Winterkrieg 1939 kamen Stalins Truppen erst mal nicht weit. Im Fortsetzungskrieg kämpften die Finnen deshalb zusammen mit Deutschland gegen die Sowjetunion, um die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Als sich allerdings die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg allmählich abzeichnete, musste Finnland sich im Lapplandkrieg wiederum auf die Seite der sowjetischen Truppen stellen. All dies kann man an Abenden in einer finnischen Wildnishütte lernen, während das Birkenholz im Ofen verbrennt und allmählich den Raum erwärmt.

    Finnland ist vielleicht dasjenige Land, das seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs am meisten und am nachhaltigsten aus seiner Geschichte gelernt hat. Es entzog sich geschickt den Bestrebungen Moskaus, es in den Ostblock zu integrieren, blieb parlamentarisch-demokratisch und marktwirtschaftlich, verstand sich immer als Teil der westlichen Welt, blieb aber politisch neutral und hatte im RGW, dem osteuropäischen Gegenstück zur EWG, sogar einen Beobachterstatus.

    Mit dem russischen Angriff änderte sich alles

    Umso interessanter ist es, den Stimmungsumschwung im Lande zu betrachten, den der Angriff Russlands auf die Ukraine ausgelöst hat. Mein abendlicher Gesprächspartner in der von arktischer Kälte umgebenen Wildnishütte am Polarkreis erzählte, dass bis zum russischen Überfall auf den Nachbarn 80% der Finnen gegen einen NATO-Beitritt und für die Neutralität des Landes gewesen seien, und dass dann innerhalb weniger Wochen die Meinung dazu völlig umgekippt sei und seitdem 80% den NATO-Beitritt des Landes forderten und zu dem inzwischen vollzogenen Beitritt weiterhin stehen würden.

    Eine Recherche stützt das, auch wenn die Zahlen nicht ganz so dramatisch sind. Über Jahrzehnte beantworteten stabil rund sechzig Prozent der Finnen die Frage, ob das Land der NATO beitreten solle, mit „Nein“, je zwanzig Prozent antworteten „Ja“ oder „Weiß nicht“. In den ersten Monaten des Jahres 2022 drehte sich das um. Im April 2022 sagten dann 68%, das Land solle NATO-Mitglied werden, nur noch 12% sagten „Nein“.

    Wahrscheinlich hat kaum ein Land aus eigenen Erfahrungen so klare Vorstellungen von den Bestrebungen und Plänen der russischen Machthaber wie Finnland. Es sollte wohl jedem, der denkt, Putin habe ganz sicher keine Pläne über die Ukraine hinaus, zu denken geben, wie die Menschen in Finnland das sehen – und dass sie zugleich ihre eigene Sicherheit und Zukunft keineswegs in der Neutralität oder gar in einer größeren Nähe zu Russland, sondern in der engeren Bindung an das westliche Verteidigungsbündnis sehen.

    Wird die NATO Finnland beschützen?

    Als ich am nächsten Tag wieder durch die weite arktische Landschaft Nordfinnlands stapfte, ließ mich allerdings die Frage nicht los, ob wir, die westeuropäischen NATO-Länder, wirklich in der Lage sind, den Finnen die Sicherheit zu geben, die sie bei uns suchen. Man stelle sich vor, Russland würde tatsächlich die finnische Grenze verletzen, würde in dieses weite, dünn besiedelte Land vorrücken – was könnte die NATO dem schnell und energisch entgegensetzen? Und würde sich die mitteleuropäische Bevölkerung, von der ein beachtlicher Teil nicht mal bereit ist, das eigene Land zu verteidigen, dazu bringen lassen, eine Politik zu unterstützen, die Geld, Waffen und womöglich Soldaten zur Verteidigung der finnischen Seenlandschaft, über deren Eis- und Schneeflächen ich gerade glitt, zu senden?

    Vielleicht dreht sich aber auch hierzulande die Stimmung unter denen, die nach Diplomatie und Verhandlungen mit Putin rufen, wenn es für Finnland bedrohlich wird. Das wäre zu hoffen, denn es ist ein schönes Land mit freundlichen, klugen und kreativen Menschen. Sie bauen auf unseren Beistand und wir sollten sie darin sicher machen, dass wir den auch leisten würden, wenn es nötig wäre.

  • Die Eule der Minerva oder vom Sinn des Fliegens in der Dämmerung

    Die Eule der Minerva oder vom Sinn des Fliegens in der Dämmerung

    Vor über 200 Jahren hat Hegel die berühmten Worte über die Philosophie notiert, nach der „die Eule der Minerva […] erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt, denn die Vorrede zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts wurde im Mai 1820 geschrieben. Seitdem ich diesen Satz, der zum Sprichwort geworden ist, zum ersten Mal gelesen habe, frage ich mich: warum fliegt die Eule dann überhaupt noch los? Warum bleibt sie nicht sitzen? Natürlich war Hegel kein Ornithologe sondern Philosoph, die Gründe, die die Eule hat, in der Dämmerung zu fliegen, waren ihm wahrscheinlich egal. Was er ja sagen wollte: Die Philosophie findet erst zu ihrer Sprache, wenn die Ereignisse, die die Menschen aufwühlen und umhertreiben, schon wieder der Ruhe der Müdigkeit gewichen sind. Die Philosophie kommt mit ihrem Nachdenken immer zu spät, und was sie dann vielleicht herausfindet, interessiert am nächsten, neuen Tag niemanden mehr. Vielleicht auch: die Philosophie redet, wenn niemand zuhört, weil alles schläft.

    Zweierlei kann man sich nun fragen: erstens: Ist das wirklich so? Warum sollte die Philosophie nicht in die Ereignisse hineinreden, die gerade stattfinden? Ist es wirklich ausgeschlossen, dass sie zum aktuellen Geschehen etwas beizutragen hätte? Zweitens: welchen Sinn hat das philosophische Reden, wenn es nicht bei dem hilft, was die Menschen gerade umtreibt?

    Beide Fragen könnten helfen, eine Antwort zu finden auf die Frage „Was ist der Mensch?“, und das ist bekanntlich eine philosophische Frage, was man schon daran merkt, dass man mit ihrer Antwort praktisch vermutlich nichts anfangen kann.

    Wer handelt, denkt nicht nach

    Die Eule der Minerva handelt nicht, solange handeln geboten ist. Wer handelt, denkt nicht nach, darf nicht nachdenken und sollte besser nicht zu viel nachdenken, denn das Nachdenken hält immer vom Handeln ab. Das klingt abwegig, weil wir ja ständig, schon von den kleinen Kindern, verlangen, erst nachzudenken, bevor sie etwas tun. „Denk doch erst mal nach, bevor du etwas tust!“ – wer hätte diese Forderung noch nicht gehört? Und wurde nicht die Bundeskanzlerin Merkel dafür gelobt, dass sie erst ganz genau nachgedacht hat, die Wissenschaft befragt, abgewogen, bevor sie – wie man gern anerkennend gesagt hat – rational (also nachdenkend) entschieden hat?

    Ich weiß nicht, wie es genau abgelaufen ist, wenn Angela Merkel zu ihren Entscheidungen gekommen ist. Ich weiß auch nicht, ob je ein Kind oder ein junger Erwachsener auf die Ermahnung zum Nachdenken gehört hätte. Aber probehalber kann ich mich an Situationen erinnern, bei denen ich selbst Entscheidungen zum Handeln zu treffen hatte. Wie sah das dann aus? Ich habe Informationen eingeholt, Handlungsalternativen ausfindig gemacht, vielleicht sogar abgewogen – und dann eben entschieden.

    Was hieße „Nachdenken“ in einer solchen Situation? Die Konsequenzen der Alternativen zu ermitteln, gegeneinander abzuwägen, dabei Maßstäbe für die Abwägung zu suchen, diese Maßstäbe wiederum zu befragen, die Gründe für die Bewertung der Maßstäbe zu finden, diese Gründe wieder zu bewerten…

    Kein Mensch kann das tun, wenn er entscheiden muss. Was man da vernünftigerweise tut, ist, sich möglichst unterschiedliche Informationen und Varianten „anzusehen“, Aspekte wenigstens zu benennen, Risiken auszumachen – und dann eben zu entscheiden.

    Wer entscheiden und handeln muss, sollte mit dem Nachdenken möglichst bald aufhören, und wer das Nachdenken bevorzugt, sollte sich aus Entscheidungen raushalten und nicht versuchen, Entscheider in ihrem Handeln zu beeinflussen. Über „den Menschen“ sagt uns das: Wir sind viel zu schwach im Denken, um bei komplizierten, neuen Fragen, die eigentlich Nachdenken erfordern würden, wirklich nachzudenken. Die Frage ist, warum wir trotzdem halbwegs erfolgreich durchs Leben kommen.

    Das Gute ist, dass wir eigentlich meistens nicht entscheiden und handeln, aber auch nicht nachdenken müssen. Meistens leben wir in der Dämmerung. Wir leben so vor uns hin und alles läuft wie gewohnt, und wir machen, ohne groß nachzudenken, das, was gestern schon funktioniert hat, oder was bei anderen auch funktioniert – wir also nachmachen können.

    Hier könnte nun die Philosophie ins Spiel kommen, die Eule der Minerva, die in der Dämmerung ihren Flug beginnt. Sie nutzt die Ruhe, um das zu durchdenken, was in der Hektik der Entscheidungen nicht durchdacht werden kann. Sie fragt nach den Maßstäben, sie weist darauf hin, dass wir oft ohne Gründe entscheiden, sie überlegt, wie Moral und Essen zusammenpassen. Das tut sie nicht, wenn das Böse uns attackiert oder das Essen knapp ist, sie tut es, wenn wir gerade weder gut noch böse sein müssen und auch halbwegs satt sind.

    Nachdenken im Nachhinein

    Was nützt das? Die Entscheidungen, die einmal getroffen sind, werden morgen nicht wieder zu treffen sein, für die durch Nachdenken im Nachhinein die „richtigen Lösungen“ zu finden, ist müßig.

    Allerdings könnte es sein, dass das Nachdenken der Philosophie das Handeln und das Entscheiden auf eine subversive Weise doch beeinflusst, und dass das beharrliche philosophische Denken und Reden das erfolgreiche Handeln und Entscheiden mit vorbereiten kann, weil als Basis der Entscheidungen dann das Wissen um Gründe, Abgründe, Maßstäbe und Maßlosigkeiten mit eingeht. Unsere Zeit braucht insofern den Flug der Eule der Minerva, sie braucht mehr Philosophie, aber nicht für die täglichen Entscheidungen, sondern für die Vorbereitung eines Entscheidens, das die Fragilität seiner Begründung kennt.

  • Im Alten Griechenland

    Im Alten Griechenland

    Das Schwierige

    Ich hatte mich auf eine lange Reise begeben. Mein Ziel war der Anfang, die Quelle des Stroms, von dem wir uns heute noch ernähren. Die Gegend, die ich erkunden wollte, deren Bewohner ich kennenlernen wollte, lag ganz im fremden Inneren unserer Welt, die Reise war zugleich eine Wanderung auf höchste Berge wie sie eine Erkundung tiefster Erdschichten war.

    Die Leute, die ich treffen wollte, sprachen eine fremde Sprache, auch wenn mir viele Worte, die sie hatten, vertraut vorkamen, wusste ich doch, dass ich den Bedeutungen, die ich kannte, nicht trauen konnte. Zwar gab es viele freundliche Dolmetscher, aber ich hielt es für klug, mir ein paar dicke Wörterbücher einzupacken, mit deren Hilfe ich den Sinn dessen erkunden wollte, was mir die Weisesten der Leute dort, wie ich hoffte, anvertrauen würden.

    Ohne Halt hatte ich mich fast bis ganz in den innersten und ältesten Bezirk dieses Landes begeben. In Milet traf ich einen einsilbigen, mürrischen Alten, den sie als einen der Weisesten bezeichneten. Er hieß Thales. Er schaute nicht auf, als ich sein Haus betrat und ihn ehrfurchtsvoll grüßte.

    Was sollte ich ihn fragen? Was könnte die erste, wichtigste Frage sein, die ich auf meinem Weg als Antwort bräuchte. Diese Frage zu finden, schien mir das schwierigste überhaupt zu sein. Was mochte wohl für Thales das Schwierigste sein? Ohne noch länger weiterzugrübeln, fragte ich ihn genau das: Was ist für Dich, Thales, das Schwierigste?

    Er schaute hoch, sah mich an und lächelte. Dann antwortete er:

    Τὸ ἑαυτὸν γνῶναι.
    To heauton gnonai.

    Mein erster Versuch, diesen Satz zu verstehen, ergab „Das Sich-selbst-Erkennen“. Allerdings konnte ich das Verb γιγνώσκω (gignósko), zu dem γνῶναι gehörte, auch mit „kennen“ oder „kennenlernen“ übersetzen. Es geht also nicht um Erkenntnis im Sinne der Wissenschaften, für das es ja das Wort επιστήμη (epistéme) gab, das mit dem Verb ἐπίσταμαι (epistamai) zusammengehört, das erkennen, sich-auskennen, sich-auf-etwas-verstehen bedeutet.

    Ich beschloss, die Bemerkung von Thales so zu verstehen, dass er es für das Schwierigste ansah, sich selbst zu verstehen, sich selbst kennenzulernen, mit sich selbst vertraut zu sein. Vielleicht in dem Sinne, dass es kaum möglich sei, nicht von sich selbst, seinen eigenen Wünschen und Handlungen überrascht zu sein? Meinte er, dass es schwierig sei, die eigenen Gründe für Hoffnungen oder Ängste zu durchschauen?

    Aber wenn das so schwierig wäre, wenn es sogar das Schwierigste wäre, wie sollte man dann andere verstehen? Oder die Welt da draußen, mit den vielen unbekannten Dingen und Ereignissen, die alle miteinander zusammenhängen?

    Der Alte schwieg. Na, das war ja ein gelungener Anfang meiner Reise. Vielleicht sollte ich doch irgendwo anders beginnen? Ich beschloss, ein bisschen in der Nähe zu bleiben, über die Antwort von Thales weiter nachzudenken und andere Weise in der Umgebung aufzusuchen.

    Eine lakonische Aufforderung

    In Sparta traf ich einen weisen Mann, der auch nicht viel gesprächiger war als Thales. Er hieß Chilon. Die Einsilbigkeit war in diesem Landstrich, der Lakonien genannt wurde, typisch. Die Leute lebten spartanisch und gaben lakonische Auskünfte.

    Chilon war einer von ihnen und er sagte nicht viel. Als ich ihn fragte, was ich tun sollte, um ein weiser Mensch zu werden und die Welt zu verstehen, antwortete er nur:

    Γνῶθι σαυτόν
    Gnothi sauton!

    Auch wenn Chilon einen anderen Dialekt als Thales sprach, brauchte ich gar nicht ins Wörterbuch zu schauen, um ihn zu verstehen. Γνῶθι gehört auch zum Verb γιγνώσκω (gignósko), das mich schon seit meinem Treffen mit Thales beschäftigte. „Verstehe oder erkenne dich selbst!“, „Lerne dich selbst kennen!“ – das war der Rat des weisen Chilon. Also genau das, was Thales als das Schwierigste bezeichnet hatte, sollte die Aufgabe sein?

    So sehr ich überlegte, ich kam immer wieder zu dem Ergebnis, dass es eigentlich doch das Einfachste sein müsste, sich selbst kennenzulernen. Schließlich habe ich zu mir selbst den besten Zugang, ich kann mich am besten bei allem beobachten. Es ist allerdings kein Kinderspiel, denn man konnte sich über sich selbst täuschen, man konnte sich selbst etwas über sich selbst vormachen. Aber wenn man nur ehrlich zu sich selbst war – warum sollte es so schwer sein, sich selbst zu verstehen?

    Als ich mich von Chilon verabschiedet hatte und ich mich gerade wieder auf den Weg machen wollte, sah ich zwei Leute, von denen der eine zum andren sagte

    Γνῶθι καιρός
    Gnothi kairós!

    Ich wusste, dass es sich um eine Redewendung handelte, mit der der eine den anderen ermahnen wollte, den richtigen Zeitpunkt für eine Handlung oder Entscheidung nicht verstreichen zu lassen. Man könnte sie mit „Erkenne die Gelegenheit!“ übersetzen. Da wurde mir klar, dass γιγνώσκω (gignósko), als „erkennen“ natürlich einen etwas anderen Bedeutungs-Schwerpunkt hat als das Erkennen bei der Erkenntnis! Es ist z.B. das Erkennen einer anderen Person, einer Gelegenheit, eines Umstandes.

    Sollte ich den Rat „Erkenne dich selbst“ eher so deuten, dass er mich auffordert, mich als mich selbst wahrzunehmen? Geht es gar nicht in erster Linie um die Ausforschung meiner Beweggründe und der Struktur meines „Selbst“, sondern eben erst mal darum, mit mir selbst so vertraut zu werden, dass ich mich in dem, was ich tue, denke, wünsche und fürchte, selbst erkenne? Natürlich ist das dann auch ein Verstehen, ein Selbst-Verstehen entsprechend meines richtig erkannten Selbstverständnisses. Irgendwie passte das auch wieder zu dem, was ich schon bei Thales gedacht hatte.

    Auf jeden Fall war mir Chilons Rat nun sympathisch und plausibel. Wenn ich mich selbst verstehe, so dachte ich, dann verstehe ich ja schon mal einen Menschen, und da ich ein Mensch wie jeder andere bin, verstehe ich auf diese Weise auch die Menschen überhaupt besser. Das machte mir Mut, voller Vorfreude auf weitere Begegnungen setzte ich meine Reise fort.

    Bei Heraklit

    Ich entschied mich, einen Philosophen aufzusuchen, von dem ich schon viel gehört hatte: Heraklit. Mir war zu Ohren gekommen, dass er gesagt haben soll, dass alles fließt und dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Der konnte ja unmöglich nur über sich selbst nachdenken, vermutete ich. Ich traf ihn als alten, offenbar ziemlich wohlhabenden Mann in Ephesos.

    Da ich ihn nicht gleich mit der Sache mit dem Fluss behelligen wollte, fragte ich ihn – auch wenn ich schon befürchtete, dass seine Antwort der von Thales und Chilon ähneln würde – doch als erstes danach, womit er sich in seinem Philosophenleben denn am meisten beschäftigt hätte.

    ἐδιζησάμην ἐμεωυτόν
    edizesámen emeouton

    Das war seine Antwort. Ich hatte es ja befürchtet. Wieder tauchte dieses „ich selbst“ in dem Satz auf: ἐμεωυτόν bedeutete, wenn auch wieder in einem etwas anderen Dialekt, „mich selbst“ oder „mir selbst“. Aber was ist die Bedeutung von ἐδιζησάμην? Schnell schlug ich in meinen Wörterbüchern nach und fand, dass es zu διζημαι gehört, also bedeutet, dass man nach etwas sucht, indem man etwas ausforscht, durchsucht. Heraklits Antwort könnte also bedeuten, dass er sich selbst immer gesucht hat, oder auch, dass er sich selbst durchsucht, durchforscht hat. Oder beides, er hat sich selbst durchforscht und dabei sich selbst gesucht.

    Aber warum waren die Philosophen alle so sehr an sich selbst interessiert? Ich fragte Heraklit einfach danach. Er antwortete bereitwillig

    Ψυχῆζ ἐστι λογος ἑαυτὸν αὔξον
    Psyches esti logos heauton auxon.

    Oh je! Da steckten nun gleich zwei besonders wichtige Wörter drin, die nicht so einfach zu verstehen waren, wie man auf den ersten Blick meinen konnte. Ψυχη kann man natürlich prima übersetzen, man muss es nur aussprechen: Psyche! Aber ich wusste, dass es für die Griechen eine umfassendere Bedeutung hatte: es war die Lebenskraft, der Lebensatem überhaupt. Eigentlich, wenn man genau darüber nachdenkt, genau in dem Sinne, wie wir noch heute von Lebenskraft oder Lebensfreude sprechen: das Seelische, das uns im Leben hält, das uns Mut macht und dazu bringt, unser Leben zu gestalten. Man sagt auch, dass einer seine Lebenskraft eingebüßt hat, wenn er mutlos geworden ist. Diese Lebenskraft sahen die Alten Griechen aber nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren und anderen Lebewesen.

    Das andere Wort, bei dem man sich leicht irren kann, ist λογος – wieder kann man es einfach aussprechen und meint schon, es zu verstehen: Logos. Aber sooft es einem begegnet, sooft merkt man, dass es eine ziemlich umfassende Bedeutung hat. Vielleicht war ich vor allem hierhergekommen, um herauszufinden, was Logos ist. Die Wörterbücher boten so vieles an: Rede, Erklärung, Begründung, Wort, Gedanke, Lehre, Argument.

    Im Zusammenhang damit, dass mir Heraklit zuvor gesagt hatte, dass er sich als Philosoph vor allem selbst durchforscht, um sich zu suchen, schien mir der Satz aber plötzlich ganz verständlich: Er sagt doch, dass seine Lebenskraft sich dadurch mehrt (ἑαυτὸν αὔξον bedeutet ja „sich selbst mehren“), dass er sie durchdenkt, dass er sie zu erklären versucht, dass er sich Gedanken über sie macht!

    Welche Psyche liegt näher als die eigene, um sie zu durchdenken? Und wenn das wiederum diese Psyche stärkt und mehrt, dann ist es natürlich eine gute Idee, genau das zu tun.

    Ich beschloss, länger bei Heraklit zu bleiben und meine Seelenkraft bei ihm zu mehren – zumal ich ihn ja noch gar nicht nach diesem Fluss gefragt hatte, in den man angeblich nicht zweimal steigen konnte.

    Unerreichbare Grenzen

    Am Abend nach meinem ersten Gespräch mit Heraklit hatte ich noch eine Weile über die Psyche nachgedacht, diese Lebenskraft, deren Bedeutungsvielfalt sich selbst mehrt. Umso mehr ich darüber nachdachte, desto undeutlicher wurde mir wieder der Sinn des Satzes. Ich wollte Heraklit am nächsten Tag erneut danach fragen, was es mit dem Logos der Psyche, also der begrifflichen Vorstellung von dieser Lebenskraft auf sich hat.

    Heraklits neue Auskunft war nicht viel klarer als die, die er mir beim ersten Mal gegeben hatte. Er sagte:

    Ψυχῆς πείρατα ἰων οὐκ ἄν ἐχεύροιο·
    Psyches peirata ion ouk án echeúroio.

    Die Konstruktion ἄν ἐχεύροιο war neu für mich, ich verstand sie nicht gleich. ἐχεύροιο ist ein Optativ, ein Modus von Verben, den wir im Deutschen nicht haben, er drückt einen Wunsch aus. Mit ἄν zusammen drückt er aber eine Möglichkeit, eine Macht aus. Wörtlich genommen bedeutete Heraklits Satz also: Psyches Grenzen gehend nicht kannst herausfinden – wobei mir schon klar war, dass ich „Psyche“ nicht im modernen Sinn verstehen durfte. Aber ich konnte das Wort hier als meine geistige, seelische Kraft auffassen, die mich zum Denken und Handeln befähigt und antreibt. Dann bedeutete Heraklits Satz, dass es nicht möglich wäre, dieses Psychische ganz auszuloten, je bis in den letzten Winkel zu verstehen. Das passte natürlich gut mit seinem ersten Satz zusammen, den er an mich gerichtet hatte, nämlich das die Psyche eine Bedeutungsvielfalt hat, die sich dadurch vermehrt, dass man sie zu erfassen versucht. Wenn das so wäre, meinte ich, dann ist es auch verständlich, dass man die Grenzen dieser Psyche nie erreichen kann.

    Plötzlich sprach Heraklit weiter:

    Οὕτω βαθὺν λόγον ἔχει
    Hoúto bathyn logon échei.

    Das konnte ich einfach Wort für Wort übersetzen und verstehen, wenn ich daran dachte, das Logos eine vielgestaltige Bedeutung hatte: „So tiefen Logos hat sie“.
    Was also die Psyche so interessant für Heraklit machte, das verstand ich nun, war, dass sie immer vielfältiger, tiefer und weiter wurde, je mehr er darüber nachdachte. Sie zu erforschen war also eine unendliche Aufgabe! Und natürlich war es ganz naheliegend, die eigene Psyche immer neu denkend zu durchwandern, weil sie ja die einzige ist, die im Denken unmittelbar gegeben ist.

    Aber, so fragte ich mich, würde das denn auch noch gelten, wenn ich aus der tiefen Vergangenheit der alten Griechen wieder in meine moderne Gegenwart zurückgekehrt wäre? Schließlich haben wir doch inzwischen eine richtige eigene Wissenschaft entwickelt, die Psyche und Logos zusammen im Namen hat, die Psychologie. Brauchte es denn da noch die denkende Durchforschung der eigenen Seelenwelt, um sie zu verstehen? Vor allem – konnte das Ergebnis noch philosophisch von Interesse sein?

    Andererseits: Vielleicht kann die moderne Psychologie vieles erklären, aber was sie überhaupt erklären soll, das muss man ja zuvor als Gegenstand bestimmt haben. Um zu wissen, ob die Psychologie auch meine Seele mit ihren Begierden, Wünschen, Handlungsantrieben, mit ihrer Vorsicht und ihrem Übermut, mit ihren Konflikten und Sorgen erklärt, muss ich sie erst einmal kennengelernt und irgendwie denkend erfasst haben. Und da ich ein Mensch wie andere Menschen bin, konnte das, was ich auf diese Weise über mein eigenes Seelenleben, meine Weise, die Welt zu erleben, zu gestalten und in ihr zurechtzukommen, herausfinden und beschreiben kann, auch für andere interessant sein. Die eigene Seele zu durchforschen und in allgemeinen Begriffen zu beschreiben (das wäre der Logos meiner Psyche) – das ist also auf jeden Fall ein interessantes philosophisches Ziel.

    Mit Heraklit am Fluss

    Nun war ich schon eine Weile bei Heraklit und endlich wollte ich ihm die Frage stellen, was es nun mit dem Fließenden auf sich hatte. Anderswo hatte ich gehört, dass der Satz

    πάντα ῥεῖ (pánta rhei – „alles bewegt sich / alles fließt“)

    von ihm stammen würde, ein Satz, der es ja als „geflügeltes Wort“ bis in unsere Zeit geschafft hatte. Der Satz klang natürlich irgendwie richtig, aber ich mochte nicht glauben, dass schon ein Denker aus dem alten Griechenland zu dieser Einsicht gekommen sein sollte. Selbst für uns heutige gab es doch vieles, was unveränderlich schien, die astronomischen Prozesse etwa, aber auch die Gebirge und die wichtigen Formen der Landschaften veränderten sich kaum.

    Wir brauchen Geschichtsbücher und die Wissenschaften, um davon überzeugt zu sein, dass auch in diesen Gegebenheiten stetiger Wandel stattfand. Wie sollte jemand, der keine moderne Naturwissenschaft kannte und für den auch die Lehren aus der Geschichte noch nicht unbedingt auf stetige Veränderung der Welt hinweisen mussten, zu einer solchen Einsicht kommen? Gerade die Flüsse zeugten doch in ihren Flussbetten von einer bemerkenswerten Konstanz und Stabilität, da wo der Fluss vor vielen Jahren gewesen war, ist er auch heute noch und da wird er wohl auch in vielen Jahren noch sein. Ich fragte Heraklit, ob der Fluss, in dem ich heute badete, nicht der gleiche sei wie der von gestern?

    Ποταμος τοῖς αὐτοῖς ἐμβαίνομέν τε και ουκ ἐμβαίνομεν
    Potamos tois autois embainomen te kai ouk embainomen.

    Ποταμος ist der Fluss, Ποταμος τοῖς αὐτοῖς ist also „derselbe Fluss“, ἐμβαίνομέν bedeutet „wir steigen hinein“, και ist „und“ und ουκ bedeutet „nicht“ – somit konnte ich Heraklits Satz übersetzen mit „in den selben Fluss steigen wir hinein und steigen wir nicht hinein“. Was meinte er damit? Ich bat ihn, mir das genauer zu erklären. Er antwortete

    Ποταμοῖσι τοῖσιν αὐτοῖσιν ἐμβαίνουσιν ἔτερα και ἔτερα ὕδατα ἐπιρρεῖ
    Potamoisi toisin autoisin embainousin etera kai etera hydata epirrei

    ἔτερα bedeutet „andere“, ὕδατα ist Wasser in der Mehrzahl, also so etwa „die Wassermassen“ oder „die Gewässer“ und ἐπιρρεῖ enthielt ja wieder das ρεῖ, das „fließen“, bedeutete also soviel wie „zuströmen“ oder „entgegenfließen“. Somit konnte ich den Satz übersetzen mit „Den in die gleichen Flüsse steigenden andere und andere Gewässer entgegenfließen“ oder etwas moderner: Denen, die in dieselben Flüsse steigen, fließen immer wieder andere Gewässer entgegen.

    So allmählich verstand ich den Sinn und die Weisheit, die in Heraklits Gedanken vom Fließen steckte. Es bedeutete gar nicht unbedingt, dass alles veränderlich ist. Die Erkenntnis von Heraklit war, dass der selbe Fluss immer wieder aus anderem Wasser bestand. Der Fluss ist zwar das Wasser, das ihn bildet, aber es ist immer wieder anderes Wasser. Im Wechsel der Materie bleibt der Fluss eben doch derselbe, auch wenn das Wasser immer wieder ein anderes ist. Das Strömen immer wieder anderer Wassermassen macht sogar die Identität des Flusses aus.

    Heraklits Einsicht war also gar nicht, dass sich alles ständig verändert, sondern vielmehr, dass in der ständigen Veränderung und im Wechsel der Bestandteile, des Materials eines Dinges eine Stabilität und Identität des Dings selbst möglich ist. So, wie der selbe Fluss immer aus anderem Wasser besteht, setzt sich dieselbe Gesellschaft aus immer anderen Menschen zusammen. Diese Stabilität ist es allerdings, die Veränderung im wirklichen Sinn erst möglich macht. Denn Veränderung ist nicht Chaos oder eine regellose Abfolge von ganz unterschiedlichen Zuständen.

    Veränderung ist eine allmähliche Variation und Verschiebung, in der man die Identität des Dings immer noch wiedererkennt. Wenn ich einen Fluss nach langer Zeit wieder sehe, erkenne ich vielleicht, dass sich sein Flussbett verlagert hat, dass er hier breiter und dort schmaler geworden ist. Aber ich erkenne ihn doch als den gleichen Fluss noch wieder.

    Heraklit war also nicht der Philosoph der ständigen Veränderung, er hat nicht behauptet, dass nichts so bleibt, wie es war. Aber er hat erkannt, warum Wandel überhaupt möglich ist: weil die Dinge in ihrem Innern „im Fluss sind“, weil alles, was uns als gleichbleibend erscheint, ein ständiger Wechsel der Bestandteile ist.

    Dass Identität und Wandel zusammengehören, gehört vielleicht zu den wichtigsten Einsichten der Philosophie. Es ist das Grundprinzip unserer Welt: im Kleinen findet ein ständiger Austausch statt, aber dieser Austausch sichert doch die gleichbleibende Fortexistenz des Großen, und ist zugleich Voraussetzung dafür, dass dieses Große sich verändert.

    Parmenides, Denken und Sein

    Meine Reise durch das Alte Griechenland führte mich nun weit nach Westen und mir wurde klar, dass die Heimat der ersten Philosophen, die ich bisher nur auf den griechischen Halbinseln vermutet hatte, viel größer war. Im Osten gehörten Teile des Landes dazu, das ich als die Türkei kannte, und nun kam ich nach Süditalien, sozusagen an das Schienbein des italienischen Stiefels – nach Elea. Hier wollte ich mich länger aufhalten, denn als Zeitreisender wusste ich schon, dass ich an diesem Ort nicht nur Parmenides antreffen würde, sondern etwas später auch Zenon, den Hegel den „Anfänger der Dialektik“ genannt hatte.

    Auf meiner langen Schiffsreise vom Osten in den Westen dachte ich darüber nach, wie wunderbar es doch ist, zu philosophieren. Alles konnte ich zum Gegenstand des Nachdenkens machen – das, was mich direkt umgab, was ich vor mir sah, das, was ich noch nicht kannte, aber kennenzulernen hoffte, aber auch die Dinge, die es vielleicht gar nicht gab, die gar nicht existierten.

    Aber kann man überhaupt über Dinge nachdenken, die es nicht gibt? Kaum hatte ich bei Parmenides Platz genommen, fragte ich ihn, ob es möglich sei, Dinge denkend zu analysieren, die gar nicht existierten.

    Parmenides reagierte so empört, dass ich schon befürchtete, er würde mich sofort wieder hinausjagen.

    οὔτε γὰρ ἂν γνοίης τό γε μὴ ἐὸν οὔτε φράσαις·
    Oúte gar an gnoies tó ge mè eòn oúte frásais

    rief er. Ich hatte keine große Mühe, ihn zu verstehen: Weder kann man erforschen, was nicht ist, noch kann man es aussprechen!

    Aber warum sollte das nicht möglich sein? Ich kann mir doch auch etwas ausdenken, etwas „frei erfinden“ – wie etwa eine Romangestalt, einen fiktiven Charakter, und dann kann ich doch auch über ihn nachdenken und auch darüber sprechen. Zumal ich ja auch über Dinge nachdenken könnte, von denen ich gar nicht weiß, ob sie existieren, von denen ich es nur vermutete. Wenn ich Parmenides recht verstand, war er der Meinung, dass ich das nur könnte, wenn diese Dinge wirklich existierten! Vorsichtig fragte ich nach. Parmenides antwortete:

    τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῖν ἐστίν τε καὶ εἶναι.
    Tò gàr aútò noein te kai einai.

    Das verwirrte mich noch mehr. Auch wenn ich noch nicht ganz sicher war, wie ich das νοεῖν verstehen sollte, schien mir die Aussage ziemlich abwegig: „Nämlich dasselbe sind Denken und Sein!“ oder wie wir heute sagen würden: „Denken und Sein sind nämlich dasselbe!“

    νοεῖν (noein) konnte ich natürlich nicht nur als „denken“ übersetzen, sondern auch als „wahrnehmen“ – allerdings dann als „denkend wahrnehmen“ als „bewusst wahrnehmen“. Ein bisschen erinnerte mich der Satz von Parmenides dann an das berühmte „esse est percipi“ (Sein ist Wahrgenommenwerden) von George Berkeley, der im 17. Jahrhundert lebte – die Idee schien also durch die Jahrhunderte Bestand zu haben und konnte dementsprechend nicht ganz abwegig sein.

    Das würde ja bedeuten, dass alles, was ich denke, auch existiert! Also auch Romangestalten, Fabelwesen, auch die Strings der theoretischen Physiker, egal, ob sie jemals wirklich nachgewiesen werden können. Das Denken würde die Dinge ins Sein bringen.

    Ich wollte Parmenides nicht weiter mit meinen Fragen aufregen, zumal ich erschöpft von der Reise war. Also zog ich mich zur Nachtruhe zurück. Auf meinem harten Nachtlager konnte ich aber lange nicht einschlafen. Gegenüber rauschten die Blätter eines Baums im Wind – oder war es das Meer? Ich dachte über den Baum nach, der das Geräusch machte – existierte er schon, indem ich an ihn dachte?

    Plötzlich, vielleicht schlief ich schon, kam mir eine Idee: Natürlich gab es den Baum in meinem Denken, er war ja da, er stand mir ganz klar vor meinem geistigen Auge, und ich meinte sogar, dass das Rauschen, das ich hörte, von ihm herkam. Die Dinge in meinem Geist sind ja auch real, eben als Gegenstände meines Denkens. Und wenn ich es genau bedachte, konnte ich nur über diese Dinge, die ich in meinem Geist hatte, richtig nachdenken. Ob da draußen irgendwas war, das ein Geräusch machte, war dafür nicht nötig.

    Oft ist es ja sogar so, sinnierte ich weiter, dass ich über die Realität gar nicht nachdenken kann. Sie ist viel zu kompliziert. Ich sage: Da ist etwas, es ist ein Baum. Über den kann ich nachdenken. Wenn jemand kommt und sagt, dass da kein Baum ist, was dann? Ist da „nichts“? das kann nicht sein. Vielleicht sagt er: „Das ist ein Strauch, oder ein Gebüsch!“ Denken, dass da etwas ist, bedeutet immer, darüber nachzudenken, was es ist. Aber wenn ich keinen Begriff davon habe, wenn ich keinen Begriff davon haben kann? Dann kann ich auch nicht darüber nachdenken. Aber wenn ich wirklich gar keinen Begriff davon haben kann – ist dann da überhaupt etwas?

    Vielleicht hat der Parmenides doch recht, dachte ich noch. Dann schlief ich ein.

  • Macht Feuerwerk!

    Macht Feuerwerk!

    Alle Jahre wieder, dieses Wortspiel muss erlaubt sein, kehrt pünktlich nach Weihnachten die Diskussion um das Böllerverbot in die deutschen Medien zurück. Kurz nach Neujahr hat sie nun auch die Kolumnisten erreicht, die Kollegin Cythia Tschoëk findet, die Tradition brauche ein Update und das Böllern gehöre endlich verboten, weil wir ja schließlich auch andere Dummheiten schon lange nicht mehr machen würden, etwa genüsslich bei der Vollstreckung von Todesurteilen zuschauen.

    Das Tierschutz-Argument

    Es sind immer die gleichen drei Argumente, die vorgetragen werden, in den letzten Jahren sind alledings die armen Haustiere, die so sehr unter der Silvester-Feuerwerkerei leiden würden, in den Mittelpunkt gerückt. Tierleid zieht schon lange am besten gegen jeden Spaß, den sich Menschen gern erlauben würden. Im Falle des Böllerns zu Silvester ist das allerdings besonders makaber: Diejenigen, die das ganze Jahr über Hunde und Katzen in engen Wohnungen und in Städten, die für Tiere nun wirklich nicht gemacht sind, halten, die, die ihre Tiere 365 Tage im Jahr wegsperren oder an einer Leine durch den Straßenverkehr führen, die, die sich für Exemplare von Tierrassen entscheiden, die künstlich gezüchtet sind und nur unter extrem künstlichen Bedingungen halbwegs überleben können, die ihre Tiere mit hochgradig denaturiertem Futter ernähren, das als Menschennahrung mit Sicherheit verboten wäre, die erregen sich darüber, dass andere an einem Tag im Jahr, konzentriert auf wenige Stunden, etwas tun, was diesen Tieren Angst macht und was sie dazu bringt, dass sie sich notdürftig unter einem Tisch oder einem Sofa verstecken, die mit ihren natürlichen Verstecken nichts gemein haben.

    Dass Tiere sich erschrecken, wenn was knallt und blitzt, ist übrigens nicht so unnatürlich, bei weitem nicht so unnatürlich wie ein beliebiges „Gespräch“, das Katzen- und Tierhalter mit ihren „Schützlingen“ führen, wenn sie sie an der Leine führen, in den Kofferraum sperren oder auf ihren Schoß zwingen. In der Natur, das wissen vielleicht die wenigsten dieser besorgten Tierhalter, blitzt, kracht und brennt es immer wieder, nicht nur ein Mal im Jahr. Tiere verstecken sich dann, das ist in Ordnung und völlig natürlich. Allerdings bieten die Wohnungen der Tierhalter leider weder gute Verstecke noch Fluchtmöglichkeiten. Und ja, manche Tiere sterben auch, wenn sie sich erschrecken und in Panik geraten. Dass Tiere, die weitab vor der Natur leben müssen und gezüchtet wurden, um menschlichen Spiel- und Geselligkeitsbedürfnissen zu genügen, da besonders anfällig sind, ist tragisch, aber sicherlich nicht die Schuld von Feuerwerks-Liebhabern.

    Umwelt- und Gesundheitsschutz

    Das zweite Argument ist natürlich der Umweltschutz. Dass das Silvester-Feuerwerk eine größere Umweltsünde ist als einige andere menschliche Rituale, wie etwa das Osterfeuer, Kreuzfahrtschiffe, Lagerfeuer am Strand und vieles mehr, ist nicht bekannt. Es wäre natürlich nicht überraschend, wenn Leute, die gern das Feuerwerk in der Neujahrsnacht verbieten würden, auch gleich noch das Osterfeuer und die Kreuzfahrtschiffe mit verbieten würden. Dem Verbieten unvernünftiger menschlicher Handlungen kann man kein Ende setzen, das ist das Tolle daran, man findet immer noch was, was unvernünftig und irgendwie sogar gefährlich ist, was man noch verbieten könnte. Das Menschen Freude daran haben, ist egal, denn auf Freude kommt es nicht an, wenn man vernünftig sein will, koste es, was es wolle.

    Damit sind wir auch schon beim dritten Argument, der Unfallgefahr. Denn es ist ja so gefährlich, in betrunkenem Zustand Feuerwerk zu zünden, es belastet die Feuerwehren und die Rettungsdienste. Das ist korrekt, aber der Mensch ist nun mal kein vernünftiges Wesen. Der Schreiber dieses Textes wird sich, kaum ist dieser Text erschienen, auf dem Weg in den hohen Norden befinden, mit einem Flugzeug wird er an die Nordspitze Skandinaviens reisen um dort sechs Tage auf Schi bei -25°C durch die Wildnis zu stapfen, von einer Wildnishütte zur anderen, die übrigens selbst mit Holz beheizt werden müssen, das ist auch irgendwie gefährlich und zudem völlig sinnlos – es ist unvernünftig. Wenn da was schief geht, rücken Rettungskräfte aus und sammeln ihn hoffentlich lebend wieder ein, um ihn dann in einem modernen Krankenhaus gesund zu pflegen, damit er schon bald wieder ärgerliche Kolumnen schreiben kann. Sollte man das nicht auch verbieten, so wie Bergsteigerei, übermäßigen Sport, Marathonläufe?

    Das Unvernünftige ist das Sinnvolle

    Wenn die Menschen nur noch vernünftige Dinge tun, dann stellt sich die Frage, wozu sind sie überhaupt da? Welchen Sinn hat ein vernünftiges Leben? Das, was wir uns erzählen, ist immer das Unvernünftige, das hat Bedeutung für uns.

    Und dazu gehört auch ein buntes, glitzerndes, leuchtendes und ja, auch geräuschvolles Feuerwerk. Wir stehen da und staunen und sind begeistert. Das Wort Feuerwerk ist ja geradezu ein Synonym für den Rausch, nach dem wir uns sehnen und den wir genießen, weil wir wissen, dass er vergänglich ist. Ein Feuerwerk der Farben, ein Feuerwerk der Gefühle, selbst die Erklärung der Neurobiologen für das, was da geschieht, heißt Neuronenfeuerwerk.

    Natürlich gäbe es auch Alternativen zu einem vollständigen Verbot, und an einigen wird ja schon lange gearbeitet. Feuerwerkskörper werden immer sicherer, und daran kann man weiter arbeiten. Es gibt Feuerwerke, die leuchtende Effekte erzielen ohne viel Krach zu machen. Man kann daran arbeiten, Schadstoffe zu reduzieren. Aber leider kennt die öffentliche Debatte, wie so oft, nur die Extreme, alles oder nichts. Es wird kein Konsens oder gar Kompromisse gesucht, es wird nur nach Verboten gerufen.

    Deshalb ist zu befürchten, dass es mit dem Feuerwerk bald vorbei ist. Umfragen wollen ermittelt haben, dass 60% der Deutschen dafür sind, das Silvesterfeuerwerk zu verbieten oder allenfalls noch ein gesittetes, zentrales, offizielles Feuerwerk zu gestatten. Wie das den Hunden und Katzen hilft und warum es weniger umweltbelastend ist, bleibt das Geheimnis derer, die so etwas als „Kompromiss“ vorschlagen. Aber es wäre natürlich ein geschickter Schritt zum Komplettverbot: Hat man das Feuerwerk erstmal in städtische Hand gegeben, kann man im nächsten Schritt darauf hinweisen, dass die Städte doch viel zu wenig Geld haben, sowas zu finanzieren. Und denen, die Feuerwerke lieben, weil sie es auch gern selbst machen und in der Nähe erleben wollen, wird es bald egal sein, weil ein zentrales Feuerwerk an einem Platz eh nicht das gleiche Erlebnis ist.

    Den 60% angeblichen Feuerwerks-Gegnern stehen zwar die steigenden Umsätze des Feuerwerkshandels entgegen, aber es ist zu befürchten, dass die Politik schon bald erwacht und verkündet, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Nichts ist bekanntlich einfacher als etwas zu verbieten, von dem Umfragen behaupten, dass die Mehrheit der Menschen dagegen sei, und was zudem noch mit dem Vorwand des angeblichen Tier-, Umwelt- und Gesundheitsschutzes versehen werden kann. Wir sehen trostlosen, grauen Zeiten entgegen, in denen wir sehr sehr lange leben können, wenn man das dann noch Leben nennen mag.

  • Alice und Bob philosophieren

    Alice und Bob philosophieren

    In die Natur

    „Lass uns hinaus in die Natur fahren!“ hatte Bob am Morgen vorgeschlagen. Alice war skeptisch: „Wo soll denn das sein?“ fragte sie. Bob, der auf schwierige Fragen beim Frühstück noch keine Lust hatte, antwortete einfach: „Lass dich überraschen!“

    Nun radelten sie über schmale Straßen durch Felder und Wälder, Bob genoss die Luft und den Anblick der Bäume und Pflanzen. An einer Bank, die am Wegesrand stand, machten sie Rast.

    Bob wollte wissen, wie Alice die Landschaft gefiel. „Ganz schön“ antwortete diese, dann fragte sie mit spöttischem Lächeln: „… und wann kommt die Natur?“

    Bob hoffte noch, der philosophischen Diskussion entgehen zu können: „Schau dich um, die Wälder, die Bäume, das alles ist doch Natur!“

    Natürlich ließ Alice nicht locker: „Natur? Das ist doch alles künstlich angelegt, der Wald ist ein Forst, die Bäume sind gezüchtet, die Felder sind auf hohen Ertrag optimiert. Daran ist nichts natürliches!“

    „Was ist denn für dich ‚Natur‘?“ wollte Bob wissen, der natürlich schon beim Frühstück geahnt hatte, dass er um diese Diskussion nicht herumkommen würde.

    „Natur, das ist all das, was unabhängig vom Menschen gewachsen ist. Wilde Pflanzen und Tiere, Urwälder! Alles andere ist Kultur, eine künstlich vom Menschen geschaffene Welt.“ dozierte Alice.

    „Hm, du meinst die unberührte Natur, die Wildnis?“

    „Ja natürlich!“ Alice war sich sicher. „Natur ist das Natürliche, das unbearbeitete, ursprünglich Gewachsene und Entstandene.“

    „Aber warum“ sinnierte Bob, „brauchen wir dann noch den Begriff der Wildnis?“

    „Wildnis oder Natur, das ist doch das selbe!“ erwiderte Alice schnell. „Das Wort Wildnis verwenden wir nur, um die Natur zu kennzeichnen, die uns unbekannt ist und vor der wir uns zu recht fürchten.“

    „Also ist Natur die bekannte, verstandene Wildnis?“

    „Genau!“

    „Hm. Aber es gibt nichts, was wir kennen, was wir verstanden haben, und was wir sozusagen beim Kennenlernen nicht umgestaltet hätten. Also könnte es Natur gar nicht geben, weil wir ja beim Kennenlernen die Wildnis schon verändern. Schon dadurch, dass wir einen Weg durch die Wildnis schlagen, machen wir sie – nach deiner Vorstellung – zur Kulturlandschaft!“

    Alice dachte nach: „Vielleicht hast du recht. Wir könnten den Begriff der Natur auch anders von der Wildnis trennen. Das Wort stammt ja von einem lateinischen Wort ab, das „geboren werden“ und „wachsen“ bedeutet. Das entsprechende altgriechische Wort φυσιζ (physis) bedeutet „das Gewachsene“ oder „Gewordene“. Natur – damit könnten wir z.B. eine Pflanze bezeichnen, die sozusagen entsprechend ihrer eigenen Anlagen gewachsen ist, ob sie nun vom Menschen angebaut wurde, oder nicht. Ein Baum im Wald und sogar das Korn auf dem Feld wachsen ziemlich natürlich. Ein Baum im Garten, der jedes Jahr beschnitten wird, ist eher Kultur…“

    „Aber das hieße, dass auch eine ganz künstliche Züchtung Natur ist…“

    „Wenn sie ohne menschliche Unterstützung wachsen kann, warum nicht? Aber wenn sie nur im Glashaus gedeihen kann, und unter freiem Himmel sofort eingehen würde, dann würde ich sie nicht zur Natur rechnen…“

    Bob sah nachdenklich zum Himmel – und sprang plötzlich auf: „Schau nur, da braut sich ein Regenschauer zusammen. Lass uns schnell nach Hause fahren! Ich bin nicht so ein Naturbursche, wenn ich nass werde, erkälte ich mich!“

    Im Nebel

    Alice und Bob joggten am Strand entlang und Bob sann noch ihrem letzten Gespräch über die Natur nach. Er sagte sich, dass dieser Strand und das Meer, wie sie waren, ganz sicher zur Natur zählten, denn auch sie waren ja im Laufe der Zeit so geworden, wie sie jetzt waren, ganz ohne (oder wenigstens fast ohne) Zutun der Menschen.

    Plötzlich wurde es neblig, der Nebel war wohl unmerklich vom Wasser aufgestiegen und waberte nun über das Land.

    Bob griff nach Alices Hand: „Ich sehe nichts!“. Spöttisch zog Alice ihre Hand zurück: „Du siehst noch den Sand zu deinen Füßen, und da, die Wellen siehst du auch noch. Sand und Wellen sind nicht Nichts.“

    Bob ahnte schon, was kommen würde, trotzdem wandte er ein: „Ja, ich sehe noch ein bisschen vom Strand und vom Wasser, aber wenn ich weiter schaue, dann sehe ich sonst – Nichts!“

    Alice lachte: „So so, du siehst also das Nichts. Wie sieht es denn aus, das Nichts?“

    Bob hatte keine Lust auf philosophische Spitzfindigkeiten: „Ich rede nicht von ‚dem Nichts‘ – ich sage, ich sehe nichts!“

    Alice ließ natürlich nicht locker: „Also du sagst, du siehst – nichts. Du kannst es sogar sehen!“

    „Das Nichts kann man nicht sehen! Weil es das Nichts nämlich nicht gibt!“

    Plötzlich blieb er stehen: „Guck mal da, da war was! Ich habe einen Schatten im Nebel gesehen!“

    Alice schaute in die Richtung, in die Bob gezeigt hatte: Sie konnte aber nur milchig-trübes Einerlei entdecken, wie in allen anderen Richtungen auch: „Da ist nichts“ sagte sie „ich sehe jedenfalls nichts“. Sie stutzte kurz und lachte: „Ich habe das Nichts entdeckt, da ist es!“

    Bob ließ sich nicht beirren: „Klar war da was, ich habe deutlich einen Schatten gesehen!“

    „Hm… wie bekommen wir nun raus, ob du recht hast? Gehen wir hin, und schauen wir nach?“

    „Selbst wenn wir da nichts finden, heißt das nicht, dass da nichts war!“ erwiderte Bob.

    „Schon wieder ein neues Problem, das heben wir uns für die nächste Gelegenheit auf. Bleiben wir mal beim Nichts. Du sagst, dass es das Nichts nicht gibt. Aber warum redest du dann immer so, als ob es da ist? Du sagst: Da ist Nichts. Du sagst: Du siehst Nichts. Du sagst: Ich finde Nichts. Du sagst: Vielleicht war da Nichts! Immerzu redest du vom Nichts, als ob es existiert, und doch sagst du, es gäbe kein Nichts!“

    Bob grübelte: „Neulich hab ich durch ein Fernrohr in den Sternenhimmel geschaut. Meistens waren Sterne zu sehen, aber dazwischen war es wirklich dunkel. Da war dann, dachte ich, wirklich nichts! Aber vielleicht stimmt das ja auch nicht. Schließlich sind diese ganzen elektromagnetischen Felder ja auch irgendwie da. Dass es das Nichts nicht gibt, bedeutet vielleicht, dass immer und überall irgendwas ist, auch wenn wir nichts erkennen. So wie her jetzt im Nebel. Schließlich ist wenigstens der Nebel da.“

    Alice meinte: „Aber dann wäre es völlig sinnlos, vom Nichts zu reden. Wir müssten das Wort aus unserem Wortschatz streichen, weil es nichts bedeutet.“
    Bob lachte: „Nichts bedeutet nichts! Was für ein philosophischer Satz!“

    Alice blieb ernst: „Und wie vieldeutig dieser kleine Satz ist. Denk mal drüber nach!“

    In diesem Moment lichtete sich der Nebel, und alles, was gerade verschwunden war (oder verschwunden zu sein schien), tauchte wieder auf: Die Schiffe auf dem Wasser genauso wie die Dünen dort, wo der Strand aufhörte.

    „Ich kann auf das Wort ‚nichts‘ nicht verzichten. Es sagt etwas über mich und meine Fähigkeit, die Welt zu verstehen, aus. ‚Da ist nichts‘ bedeutet, ich kann dem, was ich wahrnehme, keinen Sinn geben, weil ich nichts erkenne.“ – Wer das gesagt hat, Alice oder Bob? Was täte es zu Sache, das zu wissen? Nichts!

    Eine Notiz

    Beim Aufräumen fand Bob einen Zettel, auf dem eine 3 notiert war. Nichts weiter als eine Drei. Alice musste sie bei ihrem letzten Besuch da draufgeschrieben haben und das Blatt dann wohl vergessen haben. Sogleich rief er sie an, denn es konnte ja sein, dass die Drei auf diesem Zettel eine wichtige Bedeutung hatte.

    Alice allerdings war verwundert: „Ich habe keine Drei auf einen Zettel bei dir geschrieben, ganz sicher! Warum sollte ich das tun?“

    „Das weiß ich doch nicht,“ antwortete Bob, „wahrscheinlich wolltest du dir etwas wichtiges merken. Vielleicht, dass du noch drei Äpfel kaufen wolltest…“

    Plötzlich lachte Alice: „Dreh das Blatt mal um. Das ist keine Drei. Das ist ein E! Mir war plötzlich eingefallen, dass ich meiner Freundin Eva noch ein Geschenk machen muss!“

    „Für mich ist das kein E. Das ist eine Drei,“ gab Bob zurück.

    „Hör mal, das ist Unsinn, Bob. Für dich ist das gar nichts. Du hast dir nur eingebildet, dass es eine Drei sei. Ich hab es ja aufgeschrieben, ich weiß, was es ist: ein E!“

    „Du meinst, für mich ist das, was du geschrieben hast, nichts, nur weil du es geschrieben hast?“

    „Genau, für dich hat das keine Bedeutung, ich habe die Bedeutung festgelegt, als ich den Stift aufs Papier gesetzt habe.“

    Bob überlegte: „Aber es ist auch für mich nicht nichts, ich sehe, dass es eine Notiz ist, ich habe dich angerufen, weil ich dachte, dass es wichtig sein könnte. Es hatte Bedeutung für mich, weil ich wusste, dass es Bedeutung für dich hat!“

    Alice lachte, und wieder einmal kam dieser spöttische Tonfall in ihre Stimme: „Nein, das hast du nur vermutet. Es hätte auch sein können, dass ich diese Linie nur aus Langweile aufs Papier gemalt habe, weil du so lange im Keller warst, um Wein zu holen.“

    „Du malst aus Langweile eine Drei aufs Papier?“

    „Es ist ein E! Aber es könnte auch sein, dass ich einfach mit dem Stift gekritzelt habe! Du konntest nicht einmal wissen, dass es ein Symbol für irgendwas ist. Für dich war es nichts. Du hast nur eine Bedeutung da hineingedichtet…“

    Bob widersprach: „Ich hatte aber Recht mit meiner Vermutung, dass es sich eben nicht um irgendein Gekritzel handelt, sondern um ein Symbol, das eine Bedeutung hat. Und wenn es ein A gewesen wäre, oder eine 7, dann hätte ich auch recht gehabt, wenn ich gesagt hätte ‚Da steht ein A, oder eben eine 7, auf dem Papier.“

    Alice schwieg, und Bob fuhr fort: „Du kannst eben nicht allein festlegen, was von dem Bedeutung hat, was du machst, und was nicht. Schließlich weiß ich auch, wie Buchstaben und Zahlen aussehen, und wie es aussieht, wenn du kritzelst!“

    „Aber du kannst dich auch irren, du hast dich geirrt. Ich hatte ein E aufgeschrieben, und du hast es für eine Drei gehalten!“

    „Ich hab mich vielleicht darin geirrt, was es genau für ein Symbol ist, aber das es ein Symbol ist, dass es etwas bedeutet, darin habe ich Recht gehabt. Also war es auch für mich nicht ‚Nichts‘.“

    Alice schwieg wieder. Bob hatte ein Argument auf seiner Seite, und das mochte sie nicht. Ich muss mich endlich um das Geschenk für Eva kümmern, dachte sie, und verabschiedete sich schnell von Bob. Natürlich nicht, ohne sich bei ihm dafür zu bedanken, dass er sie wegen dieses E, oder wegen der Drei, angerufen hatte.

    Ein gutes Messer

    Wieder einmal war Bob bei Alice zu Besuch, und wieder einmal war sie mit dem Essen, das sie vorbereiten wollte, noch nicht fertig. Bob dachte „Eigentlich ist Alice keine gute Gastgeberin“ bevor er sich – wie immer – daran machte, ihr zu helfen. Ganz selbstverständlich griff er in die Schublade mit den Messern und begann, Salat zu schneiden. Gutes Werkzeug hat Alice, das musste man ihr lassen. Gerade wollte er das aussprechen, als Alice sagte: „Du bist wirklich ein guter Freund, du beschwerst dich nicht, dass ich noch nicht fertig bin, sondern hilfst einfach mit!“

    Bob ließ das Messer sinken und erwiderte „Gerade wollte ich sagen, dass du gute Messer hast, denn dieses Messer schneidet wirklich wunderbar. Aber nun frage ich mich, ob ich als Freund genauso gut bin wie dieses Ding hier als Messer gut ist…“

    Alice musste lachen und goss Wein in die Gläser: „Schneid ruhig weiter Salatblätter, ich erkläre dir inzwischen, was es mit dem Gut-Sein auf sich hat: Gut – das bedeutet eigentlich nichts anderes als: es entspricht der Idee von dem Begriff, den man verwendet, ideal. Ein Messer ist ein Schneide-Ding, und ein gutes Messer schneidet eben so, wie man es sich vom Messer nur wünschen kann. Übrigens bist du kein guter Koch, sonst würdest du den Salat gar nicht schneiden, sondern zupfen, schau…“ sagte sie und riss ein bisschen am Salat herum. Bob fand die geschnittenen Blätter schöner, außerdem ging es mit dem Schneiden schneller, aber er antwortete nur „Und ein Freund ist so ein Helfer-Ding und wer immer hilft, ist ein guter Freund?“

    „Genau so ist es!“ rief Alice.

    „Und wenn ich dir jetzt nicht geholfen hätte, wäre ich kein guter Freund? Was, wenn ich dir nur helfe, damit wir schneller fertig werden, weil du, als nicht ganz so gute Gastgeberin, nie mit dem Essen fertig bist, wenn ich komme – obwohl du weißt, dass ich Hunger habe!“

    „Du findest, ich sei keine gute Gastgeberin, nur, weil das Essen noch nicht fertig ist?“ Alice war nun doch ein bisschen empört.

    „Nein nein,“ versuchte Bob sie zu beruhigen, „Aber mit Begriffen wie ‚Freund‘ oder ‚Gastgeber‘ scheint mir die Sache mit dem ‚Gut-sein‘ eben nicht so einfach zu sein, wie mit dem Messer. Vielleicht bedeutet ‚Gut‘ ja bei Menschen was ganz anderes, als bei Gegenständen?“

    „Nein, das glaube ich nicht. ‚Gut‘ – das ist immer: der Ideal-Vorstellung von dem Begriff entsprechen. Nur sind die Ideale, was Menschen betrifft, eben komplexer als die von Gegenständen. Bei Werkzeugen ist es ja ganz einfach, die sollen einen Nutzen haben, und was diesen Nutzen hat, ist gut, Nutzen und Ideal sind da dasselbe.“
    „Stimmt, aber wenn du sagst, ich bin ein guter Freund, weil ich dir helfe, und weil Freund-Sein so ein Helfer-Ding ist, dann bestimmst du mein Gut-Sein eben doch über meinen Nutzen!“

    „Ach Bob, du bist mein Freund, weil ich dich mag, und weil wir zusammen streiten und lachen, egal ob es Nutzen hat. Weil du mich anrufst, wenn ich bei dir eine Notiz vergessen habe. Klar, auch weil ich dir vertraue und dir manches anvertrauen kann – und da kann man natürlich wieder sagen, dass das für mich nützlich ist… Es ist kompliziert.“

    So saßen sie wieder lange zusammen, der Salat war gut, der Wein war gut, die Stimmung war gut – es war überhaupt ein guter Abend.

    Die Gartenlaube

    Letzten Samstag besuchte Bob Alice in ihrem Garten. Die war gerade dabei, ihre Gartenlaube neu zu streichen.

    „Du werkelst ja schon wieder an deinem Schuppen herum“ rief er.

    „Das ist schon lange kein Schuppen mehr, das ist eine Gartenlaube“ erwiderte Alice mit gespielter Empörung.

    „Du hast recht. Ich glaube, in den letzten Jahren hast du alle Wände erneuert und auch der Fußboden und das Dach sind neu. Wahrscheinlich ist kein Brett von dem Schuppen übrig geblieben, der da früher stand!“

    „Das stimmt. Und das Häuschen ist geräumiger geworden, die Fenster größer, die Tür breiter!“

    „Wenn ich das richtig sehe“ meinte Bob, „hast du im Laufe der Zeit sogar das ganze Haus ein Stück zur Seite gerückt?“

    „Gut erkannt!“ Alice lachte. „Ich hab erst an der einen Seite einen Meter angebaut und später, als ich die andere Seite erneuern wollte, hab ich mich entschlossen, das Häuschen doch wieder etwas schmaler zu machen. So ist es ein bisschen gewandert.“

    „Genau genommen ist es gar nicht mehr das gleiche Haus,“ sinnierte Bob, indem er sich auf der Terrasse in die Sonne setzte. „Es steht nicht am selben Fleck, kein einziges Brett ist vom alten Haus übrig, und es ist auch kein Schuppen mehr,“ setzte er spöttisch hinzu „sondern eine Gartenlaube!“

    „Was für ein Unsinn!“ Alice schien ärgerlich zu werden: „Natürlich ist es das selbe Haus! Ich bin jedes Jahr in dieses Haus hineingegangen und aus ihm herausgekommen. Es ist dasselbe Haus geblieben, es hat sich nur verändert!“

    „Wie kann eine Gartenlaube mit großem Fenster und breiter Tür, sauber verarbeitetem dickem Holz, glattem Boden und regendichtem Dach das selbe Haus sein wie der windschiefe Schuppen, der vor Jahren hier stand?“ fragte Bob.

    Alice erklärte: „Es kommt für die Identität gar nicht darauf an, dass alle Eigenschaften übereinstimmen. Es kommt auf die Kontinuität in der Veränderung an. Ich habe jedes Jahr an diesem Schuppen irgendetwas verändert, aber es war immer mein Gartenhäuschen, an dem ich gearbeitet habe. Und weil es immer das selbe Häuschen war, ist es auch noch dasselbe wie am ersten Tag.“

    „Aber wenn wir Identität überprüfen, dann prüfen wir das an den Merkmalen, die wir jetzt feststellen. Wenn der Beamte an der Grenze in meinen Ausweis schaut, dann muss ich darin so aussehen, wie ich eben jetzt aussehe, deshalb brauche ich ja auch alle paar Jahre einen neuen Ausweis! Und wenn du jemandem ein Foto von dem Schuppen zeigst, der hier vor Jahren stand, dann wird der dir nie glauben, dass das der selbe ist wie der, der jetzt da steht. Wir können die Identität eines Dings nur an den Eigenschaften prüfen, die es jetzt hat!“

    „Das Problem ist, dass wir das so sehen, ja.“ Antwortete Alice „Wir könnten ja auch die Geschichte des Dings erzählen, um seine Identität mit sich selbst zu belegen.“

    Bob schwieg, schloss die Augen und genoss die Frühlingssonne. Er dachte, dass er früher, als Kind, nicht einfach so daliegen mochte, da wäre er durch den Garten getobt, hätte mit Alice gerauft… er hatte sich ganz schön verändert.

    Alice hantierte mit ihrem Werkzeug, sie schlug schon wieder irgendwo einen Nagel ein: „Du bist auch nicht mehr derselbe wie früher! Früher hättest du mich gefragt, ob du mir helfen kannst!“

    Die Warteschlange

    Fast wäre Bob zu seiner letzten Verabredung mit Alice zu spät gekommen, denn er hatte wirklich lange an der Supermarktkasse anstehen müssen. Dennoch, so berichtete er Alice gleich nach der Begrüßung, hatte er eigentlich eine müde alte Dame noch vorlassen wollen, die er ganz am Ende der Warteschlange erspäht hatte als er gerade dabei war, seine eigenen Einkäufe aufs Band zu legen. Freundlich hatte er ihr zugerufen, sie solle doch nach vorn kommen und sich vor ihm selbst einreihen, dann wäre sie direkt als nächste Kundin an der Kasse gewesen.

    Alice lächelte wissend, denn sie ahnte schon, was dann passiert war: „Das haben sich die anderen Kunden natürlich nicht gefallen lassen, stimmt’s?“

    „So ist es,“ antwortete Bob aufgeregt, „manche Leute haben sich so empört, dass die arme Frau ganz eingeschüchtert in der Reihe stehen geblieben ist. Sie hat sich fast entschuldigt für meinen Vorschlag!“

    „Du weißt natürlich nicht, wie es den Leuten ging, die selbst in der Schlange standen. Vielleicht war jemand krank, hatte Fieber und musste aber dringend was einkaufen? Vielleicht war eine alleinstehende Mutter dabei, deren Kinder zu Hause warteten? Vielleicht kam jemand von einer anstrengenden Schicht und brauchte noch etwas zum Abendbrot…“

    Bob war unzufrieden: „Gut gut gut, mag alles sein. Aber wenn man so denkt, kann man nie einem Menschen gegenüber was Gutes tun! Es kann ja immer sein, dass man irgendwem anderes damit ein Leid zufügt, ohne es zu wissen.“

    Alice überlegte: „Na, es gibt schon Situationen, in denen klar ist, dass du jemandem helfen kannst, ohne dass jemand anders betroffen ist. Wenn die Frau direkt hinter dir in der Schlange gewesen wäre, hättest du sie natürlich vorlassen können, das hätte niemanden gestört.“

    „Aber selbst dann könnte man sagen, dass ich die Zeit, die ich selbst dabei verloren hätte, eher für jemanden anders hätte einsetzen sollen…“ antwortete Bob „auf jeden Fall aber bleiben nur wenige und sehr unbedeutende Momente übrig, in denen ich etwas Gutes tun könnte, wenn ich ständig über die Konsequenzen für andere nachdenke, bevor ich überhaupt etwas tue. Das kann nicht richtig sein.“

    „Da hast du recht“ musste Alice zugeben. „Außerdem klingt das auch nach einer Ausrede, man überlegt so lange, ob es richtig wäre, zu handeln, bis die Situation vorbei ist. Irgendwie habe ich ja auch das Gefühl, dass es richtig war, dass du die alte Frau nach vorn durchlassen wolltest.“

    Bobs Gesicht hellte sich auf: „Vielleicht liegt unser Denkfehler ganz woanders. Natürlich war es richtig, die Frau nach vorn zu bitten. Meine moralische Intuition hat es mir gesagt, und alle rationalen Erwägungen verwässern das nur. Aber es war falsch, über die anderen zu richten, die sich aufgeregt haben. Denn vielleicht waren sie auch im Recht, ich kannte ja ihre Gründe nicht.“

    „Das hieße,“ antwortete Alice, „dass man eigentlich immer im Dilemma ist, wenn man moralisch handeln will. Man kann nicht alles richtig machen, und man hat nicht genug Zeit, alle Informationen zu beschaffen und alles zu erwägen. Man muss eben seiner Intuition, seinem Gewissen folgen. Aber man sollte auch nachsichtig mit denen sein, die meinen, dass diese Handlung falsch war.“

    Buridans Bergsteiger

    In diesem Sommer verbrachten Alice und Bob eine Woche gemeinsam in den Bergen. Nach einer langen und anstrengenden Tour durch unwegsames Gelände und mit einiger Kletterei sagte Alice Abends lachend zu Bob: „Du hast mich heute manchmal an Buridans Esel erinnert, der vor zwei gleich großen Heuhaufen stand, sich nicht entscheiden konnte, von welchem er fressen sollte und schließlich verhungert ist. So hast du manchmal fast ewig vor schwierigen Kletterstellen gestanden und konntest dich nicht entscheiden, ob du hier- oder dorthin trittst.“

    „So eine Entscheidung ist ja auch schwierig,“ erwiderte Bob, „hier ist der Griff besser zu erreichen, dort kann man besser Tritt fassen. Da ist der Stein feucht und rutschig, dort ist das Gestein locker und bietet keinen sicheren Halt. Wie soll man da die beste Entscheidung für den richtigen Weg treffen?“

    „Wichtig ist, dass du dich überhaupt entscheidest, sonst kommst du nie ans Ziel!“ lachte Alice.

    Bob überlegte: „Und überhaupt, was heißt denn ‚Entscheidung‘? Die meiste Zeit bin ich ja einfach geklettert und gestiegen und getreten ohne zu überlegen. Ohne Abwägung und Überlegung gibt es gar keine Entscheidung!“

    „Da gebe ich dir mal Recht.“ Alice wurde ernst. „Entscheidung bedeutet, dass man abwägt und Gründe für den einen oder den anderen Weg angeben und bewerten kann. Auch, dass man über Konsequenzen der einen oder anderen Variante nachdenkt – und dann die auswählt, die einem als beste Lösung erscheint.“

    „Das würde aber heißen,“ meinte Bob, „dass ich zumeist gar keine Entscheidungen treffe, wenn ich etwas tue. Die meisten Dinge mache ich ohne darüber nachzudenken: gehen, essen, an der Kreuzung bei Rot stehen bleiben… und auch beim Bergsteigen greife ich doch meistens automatisch nach dem richtigen Felsvorsprung. Ich handle intuitiv, nicht überlegend!“

    „Jede Erfahrung, die du machst, trägt dazu bei, dass du später weniger entscheiden musst, du hast sozusagen mit jeder guten Entscheidung schon für viele spätere Situationen, die ähnlich sind, mit entschieden.“ Alice liebte es, wenn sie Bob etwas erklären konnte.

    „Gut, das klingt plausibel. Das erklärt auch, warum ich früher viel länger überlegt habe und viel unsicherer war, wenn ich in den Bergen unterwegs war – und warum du viel sicherer und schneller entscheidest, wo du lang gehst, denn du hast mehr Erfahrung.“
    Alice lächelte zustimmend, sie liebte es auch, wenn Bob ihr Komplimente machte.

    Bob fuhr fort: „Aber wenn ich es mir recht überlege, hat die Sache einen Haken: meistens könnte ich dir nämlich nicht sagen, warum ich mich gerade so und nicht für einen anderen Weg entschieden habe. Ich schaue hier hin und dort hin, sehe diese Möglichkeit und jenes Risiko, und am Ende handle ich dann einfach irgendwie.“

    Alice überlegte. „Ist das wirklich so? Vielleicht kannst du dich im Nachhinein nur nicht erinnern, warum du dich so und nicht anders entschieden hast…“. Aber Bob unterbrach sie: „Vielleicht haben ja doch diejenigen recht, die sagen, dass es gar keine Entscheidungsfreiheit und keinen freien Willen gibt! Ich bilde mir nur ein, dass es meine Entscheidung wäre, wie ich handle, aber in Wirklichkeit bin ich ein Automat, der aus Erfahrungen lernt und sich einfach nach Programmen bewegt! Und meine Entscheidungsfreiheit ist vielleicht nur Einbildung!“

    „Beruhige dich!“ Alice lächelte wieder. „Es wird wohl eher so sein, dass deine Prüfung der verschiedenen Möglichkeiten ergeben hat, dass beide Wege möglich sind und dass du nicht genug Informationen hast, um eine besser zu bewerten als die andere. Und dann entscheidest du dich, den Zufall entscheiden zu lassen: Da, wo du gerade hinschaust, trittst du auch hin. Trotzdem basiert also deine Handlung auf einer echten Entscheidung. Und deine Entscheidungsfreiheit ist davon nicht beeinträchtigt. Würdest du nicht Gründe haben, die dich vermuten lassen, dass beide Wege gangbar sind, dann würdest du keinen von beiden nehmen.“

    „Das stimmt.“ Bob war zufrieden. „Manchmal stehe ich da und überlege hin und her. Und dann sage ich mir plötzlich: Ist doch egal, ob links oder rechts, Hauptsache ich gehe endlich weiter. Weil du ja nie wartest!“

    „Meine Ungeduld ist eben auch ein Umstand, der deine Entscheidung beeinflusst. Sie sorgt dafür, dass du dich entscheidest, etwas zu tun, auch wenn du noch nicht ganz sicher bist, den besten Weg gefunden zu haben. Aber bei unserer nächsten Tour schau bitte einfach, wo ich langgehe. Du weißt ja, ich hab mehr Erfahrung als du.“

    Wann ist ein Berg ein Berg?

    Wenn die Wanderung nicht ganz so anstrengend war, sprang Bob gern von einer kleinen Anhöhe zur nächsten und stieg auf jeden Stein am Wegesrand. Jedes Mal rief er „Schon wieder bin ich auf einen Berg gestiegen“ oder „Ich habe schon wieder einen Gipfel erklommen!“ Alice lächelte nachsichtig und sagte: „Das sind weder Berge noch Gipfel. Du kannst nicht jede kleine Erhebung als Gipfel oder gar als Berg bezeichnen!“

    „Aber warum nicht? Gibt es eine allgemeine Definition, die ich anerkennen müsste?“

    Am Abend recherchierte Alice im Internet und kam zu dem Schluss: „Eine allgemeine Definition gibt es wohl nicht. Aber man versucht schon, festzulegen, wann eine Erhebung als Berg oder als Gipfel zählt.“

    „Das ist doch aber merkwürdig, findest du nicht?“ fragte Bob. „Ich meine, wir reden so sicher davon, dass der Watzmann z.B. ein Berg ist, der drei Gipfel hat. Man weiß sogar ganz genau, wie viele 8.000er es gibt, obwohl da bestimmt mehr einzelne Felsspitzen stehen. Aber es gibt keine genaue Definition?“

    „Selbst wenn es eine gäbe,“ erwiderte Alice, „warum solltest du sie für dich anerkennen? Wer soll uns beiden vorschreiben, wann wir etwas als Berg anerkennen? Schließlich gibt es kein objektives Kriterium, so etwas ist immer Verabredung. Denk an die Sache mit den Planeten, da wurde entschieden, dass Pluto kein Planet mehr ist, nur, weil er ein bisschen zu klein ist!“

    „Aber wenn in den Zeitungen steht, dass eine Bergsteigerin alle 8.000er bestiegen hat, dann muss es doch eine allgemeine Bestimmung geben, nach der man festlegen kann, dass genau diese Gipfel als 8.000er gelten!“

    „Na klar, das wird festgelegt, und wenn alle sich an die Festlegung halten, dann ist es eben so. Da wird dann eben gesagt, dass im Himalaja alle Erhebungen mit einer Schartenhöhe von mindestens 500 m eigenständige Berge sind, und schon kannst du durchzählen, wie viele davon über 8.000 m hoch sind.“

    „Vorausgesetzt, man einigt sich auch noch darüber, wo genau die Null-Höhe ist, von der aus man misst…“

    Beide schwiegen. Dann sagte Bob: „Meistens ist es also bloße Verabredung, eine Festlegung von irgendeiner Autorität, wenn wir in der Natur ein einzelnes Ding als Individuum ansehen und von anderen abgrenzen. Und man benötigt das nur, weil man irgendwas bewerten oder vergleichen will. Das würde bedeuten, dass die Natur gar nicht aus Einzeldingen besteht! Es gibt gar keine Berge, auch keine Ozeane oder Kontinente, was genau dazu gehört oder ob nicht alles fließend ineinander übergeht, ist irgendwie nur willkürlich festgelegt. Und nur, weil wir das in der Praxis akzeptieren, wird es ‚real‘. Was für eine merkwürdige Realität!“

    Alice sinnierte: „Ganz so kann es auch nicht sein. Schau, wir standen gestern vor einem Berg, auf den wir steigen wollten, wir konnten darauf zeigen, und waren einig, dass das ein Berg ist. Und als wir oben waren, waren wir auch sicher, dass wir auf einen richtigen Berg gestiegen waren.“

    „Stimmt,“ antwortete Bob, „wir können uns sozusagen an sicheren Beispielen sicher darauf einigen, dass das wirklich so ein Ding von der Sorte ist, wie unser Begriff es sagt. Aber es hängt dann doch immer noch von unserer Sprache und unserer Verständigung ab. Als ob das Ding dadurch zum Berg würde, dass wir es so nennen!“

    „Und dadurch, dass wir draufsteigen und übers Land schauen und uns über die Aussicht freuen, denn man von dieser Höhe aus hat. Das ist es ja auch, was den Berg zum Berg macht: Die Möglichkeit, hochzusteigen, sich dabei anzustrengen und dann die Aussicht zu genießen.“

    „Und stolz darauf zu sein, was man gemacht hat! Was scheren uns die Definitionen der Autoritäten? Ein Berg ist die Anstrengung beim Hochsteigen und die Freude beim weiten Blick übers Land und der stolz auf das, was man da getan hat.“

  • Welche Gefahr geht von Putin aus?

    Welche Gefahr geht von Putin aus?

    Ein oft gehörtes Gegenargument gegen die gegenwärtige Verteidigungspolitik der NATO, die zu einer Stärkung der militärischen Kraft des Bündnisses führen soll, ist, dass Russland doch auf keinen Fall den Plan habe, Europa zu unterwerfen, in Berlin einzumarschieren und einen großen Krieg gegen die Nato zu führen. Man stellt sich dabei auf den Standpunkt, dass Deutschland, Frankreich, Italien oder das Vereinigte Königreich sich doch nur bedroht fühlen müssten, wenn Putin den Plan hätte, ganz Mittel- und Westeuropa mit einem Krieg zu überziehen und unter seine Vorherrschaft zu bringen. Dabei denkt man offenbar in Kategorien der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als Militärbündnisse um die Vorherrschaft über ganz Europa kämpften oder das nationalsozialistische Deutschland plante, den Großteil Europas und zumindest den europäischen Teil der damaligen Sowjetunion zu unterwerfen.

    Da dieses Szenario unwahrscheinlich ist, so die Argumentation, ist eine militärische Stärkung der NATO, insbesondere seiner mittel- und westeuropäischen Mitglieder keineswegs notwendig. Untermalt wird diese Sicht wahlweise mit den Thesen, dass Putin an den rohstoffarmen westeuropäischen Regionen kein Interesse hätte, dass Westeuropa wirtschaftlich und militärisch schon heute ein viel zu starker Gegner für Russland wäre oder dass Russland in der Geschichte niemals nach Macht in Europa gestrebt hätte.

    Will Putin Westeuropa unterwerfen?

    Nun behauptet allerdings auch niemand, dass Putin und seine Militärs und Komplizen derzeit einen Angriff auf Deutschland oder Frankreich planen würden. Wenn von einem möglichen Angriff auf die Nato die Rede ist, dann geht es um die östlichen Mitglieder, jene Länder, die sich erst vor wenigen Jahrzehnten aus der Vorherrschaft der russischen Machthaber befreit haben. Diese Länder haben sich der Nato als einem Verteidigungsbündnis angeschlossen, um sich vor dem Zugriff russischer Herrschaftsbestrebungen in Sicherheit zu bringen. Die Pflicht und Verantwortung der anderen Nato-Mitglieder ist es, diese Sicherheit zu bieten.

    Für Putin ist der Zerfall der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Zwar behauptete er vor 10 Jahren, nachdem Russland die ukrainische Krim bereits besetzt hatte, dass er die Sowjetunion nicht wieder herstellen wolle, und er beklagte sich, dass niemand ihm glauben würde, aber im August provozierte sein Außenminister dann die Welt, indem er beim Treffen in Alaska ein T-Shirt mit der russischen Abkürzung der Sowjetunion (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – UdSSR, kyrillisch СССР) trug.

    Worauf sich der Westen einstellen sollte

    Zumindest mit dem Szenario, dass Putin versuchen könnte, die geopolitische Katastrophe rückgängig zu machen, muss man sich also als verantwortungsvoller Politiker beschäftigen. Und auch die Möglichkeit, dass er, sollte er damit erfolgreich sein, einen Schritt weitergehen könnte und versuchen könnte den russischen Herrschaftsbereich auf den ehemaligen Ostblock, also wenigstens Richtung Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die Slowakei, womöglich auch auf Polen und Tschechien auszudehnen, darf man nicht völlig abtun. Dabei könnte er eine Strategie der Destabilisierung der noch relativ fragilen staatlichen Strukturen, der Unterstützung russlandfreundlicher Regierungen, aber auch des militärischen Eingreifens unter dem Vorwand, russische Minderheiten schützen oder angebliche Gefahren für Russland abwenden zu müssen, verfolgen.

    Das muss nicht in jedem Fall mit einem militärischen Angriff Russlands auf das betreffende Land und mit dem Einmarsch und der Besetzung des Landes durch Putins Truppen verbunden sein. Auch für Putin dürfte diese Option die letzte und nicht die erste Wahl sein. Ihm wird es genügen, wenn in den betreffenden Ländern Diktatoren an die Macht kommen, die eine gelenkte Demokratie nach russischem Vorbild errichten und sich der Vormacht Russlands unterordnen, so, wie es etwa der weißrussische Diktator vorgemacht hat. Nur dort, wo das nicht gelingt, wird Russland zunächst versuchen, die Demokratie zu destabilisieren, als letzter Schritt kommt dann der Einmarsch in Frage.

    Die größte Gefahr nach einem Ende der russischen Aggression in der Ukraine wird vermutlich für Länder bestehen, die nicht zur Nato gehören, allen voran vermutlich Georgien, wenn es dort nicht ohnehin gelingt, dauerhaft eine Regierung zu implementieren, die sich ähnlich russlandtreu wie die weißrussische verhält. Aber das größte Interesse dürften Putin und seine Leute wohl am Baltikum haben. Dort ist es auch am einfachsten, Vorwände zu konstruieren, die auch russlandfreundlichen und Nato-kritischen Gruppen in West- und Mitteleuropa plausibel erscheinen werden. Man wird eine Gefahr für die russische Enklave von Kaliningrad behaupten, man kann zudem, ähnlich wie in der Ukraine, eine Unterdrückung russischer Minderheiten in den baltischen Republiken herbeireden. Da ließen sich auch auf einfache Weise Probleme inszenieren und Anlässe für eine Eskalation provozieren.

    Die Frage ist, wie die russische Führung die Bereitschaft der Nato-Länder einschätzt, diese Mitglieder tatsächlich in einem Konflikt zu verteidigen, wie konsequent sie das tun würden – und wie schnell und effektiv sie dazu in der Lage wären. Wer die Gefahr gern kleinredet, argumentiert etwa so: Diese Länder sind ja Nato-Mitglieder, also muss und wird die Nato jeden Angriff einfach zurückschlagen, und da die Nato militärisch doch viel stärker ist, wird Russland einen solchen Angriff niemals wagen, da müsse man sich doch gar keine Sorgen machen.

    Die Sache könnte aber auch anders aussehen: Die Verteidigung gegen einen Angriff auf Nato-Länder ist kein Automatismus. Jeder Einsatz muss jeweils national beschlossen werden, das kostet Zeit und ist zudem nicht sicher. Wenn ein Land tatsächlich den Einsatz seiner Truppen zusagt, müssen die koordiniert, verlegt und einsatzfähig gemacht werden. Zugleich muss es in parlamentarischen Demokratien wenigstens eine gewisse Zustimmung in der Bevölkerung und der Öffentlichkeit zu solchen Einsätzen geben.

    Wenn man bedenkt, wie laut derzeit die Stimmen derer sind, die nicht einmal bereit sind, das eigene Land gegen einen Aggressor zu verteidigen, dann kann man sich leicht ausrechnen, wie gering die Bereitschaft sein könnte, eine Politik zu unterstützen, die Bodentruppen und die Luftwaffe für eine Verteidigung baltischer Republiken in den Kampf schickt. Zumal die russische Desinformation, Zersetzungs- und Spaltungspolitik bis dahin weitergehen dürfte. Man kann schon heute darauf wetten, welche Parteien und Experten sich hierzulande Putins Geschichten über Gefahren für seine „Landsleute“ im Baltikum, über „faschistische“ Regierungen und aggressives Verhalten der Nato in der Nähe der russischen Grenze zu eigen machen werden. Das wird Diskussionen und Abstimmungen in West- und Mitteleuropa in die Länge ziehen und die Verteidigungsfähigkeit der betroffenen Länder schwächen.

    Es kommt nun nicht einmal darauf an, wie es um diese Bedingungen tatsächlich bestellt ist, es kommt darauf an, wie Russland, wenn es solche Ziele verfolgt, die Situation einschätzt. Wenn der innere Zirkel um Putin zu der Überzeugung kommt, dass der Rückhalt für eine Verteidigung Estlands, Litauens oder Lettlands in den westeuropäischen Ländern gering ist, wenn sie zu dem Urteil kommen, dass die Nato schwerfällig entscheidet, träge handelt und die Truppen schlecht koordiniert zum Einsatz bringt, dann können diese Leute sich ermutigt fühlen, auszutesten, wie weit sie gehen können.

    Was wäre ein mögliches Szenario?

    Zunächst wird es zu weiteren Luftraumverletzungen kommen, die von Russlands Unterstützern in Westeuropa kleingeredet und von Putins Medien geleugnet werden. Zugleich wird man versuchen, durch Provokationen und Zusammenstöße zwischen Gruppen der russischen Minderheiten und russlandfeindlichen Gruppen in den baltischen Ländern die Lage zu destabilisieren. Die Frage ist dann, wie lange die Nato zuschaut, zumal jede Antwort von Putin und seinen Freunden in Westeuropa als die eigentliche unangemessene Provokation und Einmischung dargestellt werden wird. So kann der russische Machthaber austesten, wie weit er gehen kann und wie schnell, wie konsequent und mit welchen innenpolitischen Konsequenzen der Westen reagieren kann.

    Putin und die Chancen der Diplomatie

    Was daraus entsteht, ist heute nur spekulativ zu beurteilen. Klar sollte aber sein, dass der Westen versuchen muss, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Viele meinen, man müsse deshalb die diplomatischen Bemühungen verstärken. Aber wie soll Diplomatie wirken, wenn man einer Macht gegenüber steht, die es darauf absieht, ihren Machtbereich auszudehnen? Manche Menschen scheinen zu denken, Diplomatie würde irgendwie so funktionieren, dass man einem aggressiven Gegenspieler erklärt, es sei doch viel schöner, friedlich miteinander zu verkehren und von Ausdehnungen des Machtbereichs abzusehen. Diplomatie funktioniert aber nur, wenn man dem Gegner entweder entgegenkommt oder ihm klarmachen kann, dass seine Vorhaben für ihn selbst zu gefährlich sind. Entgegenkommen gibt es aber im Falle der russischen Pläne nicht.

    Kein Land, das sich aus der Vorherrschaft Russlands in der Sowjetunion, dem Warschauer Vertrag oder dem „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, kurz gesagt, aus dem russisch dominierten Ostblock befreit hat, will wieder unter irgendeine Kontrolle dieses Machtzentrums geraten, vielleicht mit Ausnahme der Führungen von Ungarn und der Slowakei. Das aber ist es, was Putin und seine Leute wollen. Da kann es keine Kompromisse und kein Entgegenkommen geben, die Putin davon abhalten. Deshalb muss die Voraussetzung von Diplomatie Klarheit, Bereitschaft zur Konsequenz und zur Verteidigung jedes Nato-Partners und Stärke sein.

  • Framing und Dialektik

    Framing und Dialektik

    Framing ist in den letzten Jahren zu einem Begriff geworden, an dem sich die Gemüter erhitzen. Gemeint ist mit diesem Begriff eine Methode, Aussagen durch geschickte Auswahl von Begriffen und Formulierungen in einen Kontext zu rücken, der eine gewünschte emotionale und moralische Bewertung des Sachverhalts provoziert. Politiker verwenden bestimmte Wörter in ihren Aussagen, die das, was sie sagen, in einen bestimmten Kontext schieben, die eine gewisse Einfärbung zur vermeintlichen Aussage hinzufügen. Die verwendeten Wörter geben der Aussage einen Rahmen, der die Deutung des gesagten in eine bestimmte gewünschte Richtung lenkt.

    Vor ein paar Jahren hat ein Dokument für großes Aufsehen und auch für empörte Kritik gesorgt, in dem die Sprachforscherin Elisabeth Wehling der ARD Empfehlungen für den Einsatz von Framing formuliert. Es geht vor allem um die Eigendarstellung der Sendeanstalt im Vergleich und in Abgrenzung zu anderen Medien.

    Die Empörung war deshalb so groß, weil „Framing“ bisher immer als Vorwurf der Manipulation durch geschickte Einbindung einer sachlich korrekten Information in einen moralischen oder ideologischen Kontext verurteilt wurde. Dass nun die ARD-Mitarbeiter Framing sozusagen für einen guten Zweck verwenden sollen, stößt bei denen, die Framing vor allem als Methode politisch extremer Akteure bekämpft haben, auf erbitterte Ablehnung.

    Aber gibt es Framing überhaupt?

    Wer eine Aussage unter die Leute bringen will, muss dazu Wörter verwenden, die die Leute schon kennen. Die gleiche Aussage lässt sich mit verschiedenen Wörtern formulieren, deren Bedeutung mehr oder weniger voneinander abweicht. Insbesondere kann ich die gleiche Sache mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnen. Wenn ich etwa sagen will, dass die Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten zumeist irrational sind, kann ich sagen „Trumps Entscheidungen sind schwer nachvollziehbar“, ich kann aber auch sagen „Ich verstehe überhaupt nicht, wie Trump denkt“ – schließlich kann ich auch schlicht sagen „Trump ist ein Idiot“. Statt „Idiot“ kann ich auch „Trottel“, „Dummkopf“, FIFA-Pisspreisträger und Horrorclown oder „Geisteskranker“ sagen. Statt „Trump“ kann ich auch sagen „Der amerikanische Präsident“ oder „der alte Mann im Weißen Haus“ oder „der Typ mit der XY-Frisur“. Meine Aussage wird jedesmal in einen anderen Rahmen des  Sprechens eingebaut, mal ist sie moralisch wertend, mal klingt sie medizinisch, in einer anderen Form sachlich analytisch, dann wieder politisch-verurteilend. Framing bedeutet, sich zu überlegen, welchen begrifflich-sprachlichen Rahmen man verwenden will, um der Aussage den gewünschten Effekt zu geben.

    Die Idee des Framings setzt allerdings eine undialektische Weltsicht voraus. Sie funktioniert nur, wenn man annimmt, dass die Begriffe feste und klare Bedeutungen unabhängig von der Aussage haben, die ich gerade mache. Die Bedeutungen sind schon vor dem Aussprechen der Aussage da und sie sind anschließend immer noch die gleichen. Ein begrifflicher Rahmen rahmt in diesem Vorstellung ein Aussage-Bild und verändert damit das Ausgesagte. Er wird von diesem Bild selbst aber nicht verändert.

    Dieses Modell des Sprechens ist völlig untauglich für die Beschreibung oder gar die Gestaltung einer öffentlich geäußerten Aussage. Natürlich bindet sich jede Aussage durch die verwendeten Begriffe und Formulierungen in den Diskurs der Gesellschaft ein, und sie erhält ihre Bedeutung auch durch das, was an Bedeutungen schon vorher im Diskurs da war. Gleichzeitig verändert jede Aussage aber auch diesen Diskurs und die Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Die Gleichzeitigkeit ist wichtig, denn die tatsächlichen Bedeutungen der Begriffe entstehen auch erst durch die Aussage. Wenn ich sage „Trump ist ein Idiot“, definiere ich dadurch mit, was ein „Idiot“ ist – ich knüpfe zwar an das Vorverständnis dieses Begriffs an, aber zugleich sage ich auch, was ich mit „Idiot“ meine, wenn ich zugleich auf Trump zeige. Die Bedeutung des verwendeten Wortes ist von seiner Verwendung nicht unabhängig, auch wenn zugleich die Möglichkeit, dass mein Satz verstanden wird, von der Vor-Bedeutung des Wortes abhängt. Mit jeder Verwendung eines Wortes entsteht seine Bedeutung neu.

    Framing entsteht erst, wenn jemand „Framing!“ ruft

    Es ist aber noch dramatischer: Dass die Verwendung des Wortes „Idiot“ in diesem Fall womöglich als Framing verstanden werden kann, fällt erst dann auf, wenn jemand „Framing!“ ruft. Die Rahmung entsteht erst, wenn jemand an dem Satz „Rahmen“ und „Bild“ voneinander unterscheidet. Man stelle sich einen Menschen Bob vor, der Bilder betrachtet, ohne eine Vorstellung davon zu haben, dass sie aus einem „Rahmen“ und einem „eigentlichen Bild“ bestehen. Für Bob gibt es nur Bilder, die ihm gefallen oder missfallen. Wenn nun Alice kommt und den Rahmen vom Bild trennt und sagt, das eine sein ja nur der Rahmen, der dem Bild eine gewisse Wirkung verleiht, das das Bild ohne den Rahmen nicht hätte, dann wird Bob vermutlich zunächst Alice verständnislos ansehen. Natürlich, so wird Bob sagen, ist es ein anderes Bild, wenn man es in seine Teile zerlegt. Erst durch Alices Zergliederung ist der Rahmen überhaupt entstanden.

    Jedes Äußern von Aussagen ist ein dialektisches Spiel, in dem Bedeutungen entstehen und sich verschieben, Bedeutungen, die merkwürdigerweise aber schon „da sein müssen“, damit sie sich überhaupt verändern können. Dieses Dasein der Bedeutungen entsteht aber erst dadurch, dass sie festgestellt werden, aber dieses Feststellen funktioniert nur für einen kurzen flüchtigen Moment, denn jede neue Verwendung löst den Begriff wieder aus seinem Bedeutungsrahmen. Alle Bedeutungen sind zugleich Bild und Rahmen füreinander, und jedes reden ist ein Umgestalten von Bildern zu Rahmen und von Rahmen zu Bildern. Ein gutes Gespräch sollte nicht krampfhaft die einen Begriffe als Rahmen und die anderen als Bilder festzuhalten versuchen, sondern das Spiel der Bedeutungen, die sich dynamisch aneinander binden und verändern, sichtbar machen.

  • Die NATO – Stärker als Russland?

    Die NATO – Stärker als Russland?

    Kritiker der derzeitigen europäischen Verteidigungspolitik argumentieren gern mit der vermeintlichen militärischen Überlegenheit der NATO gegenüber Russland. Tatsächlich ist es so, dass die NATO, egal welche Kennzahl man nimmt, deutlich stärker dasteht. So hat das westliche Militärbündnis mehr als drei Mal so viele aktive Soldaten wie Russland, und auch bei vielen weiteren Zahlen übertrifft die NATO Russland jeweils um das Mehrfache. Auch wenn man naheliegenderweise die USA einmal aus der Rechnung herausnimmt, bleiben die NATO-Staaten den russischen Truppen weit überlegen.

    Heißt das, dass all die Ausgaben für neue Rüstungsprojekte sowie die Verstärkung des Personals der Streitkräfte in Europa gar nicht nötig sind und tatsächlich nur von Kriegstreiberei und der Macht der Rüstungskonzerne zeugen?

    Was ist Verteidigungsfähigkeit?

    Verteidigungsfähigkeit besteht allerdings nicht nur in einer rechnerischen Überzahl an Soldaten und Gerät. Die Frage ist, in welchem Umfang sich Soldaten, Flugzeuge, Panzer, Schiffe und andere Waffen an einer konkreten Stelle eines möglichen Angriffs tatsächlich mobilisieren lassen. Um diese Frage zu beantworten, muss man bedenken, dass die NATO keineswegs ein straff organisiertes und geführtes Militärbündnis ist, im Gegensatz etwa zu den russischen Streitkräften. Zwar haben sich die Mitglieder mit Artikel 5 des NATO-Vertrages verpflichtet, jeden Angriff auf ein Mitgliedsland als einen Angriff auf alle zu betrachten, aber Artikel 5 sagt auch, dass jeder Staat für sich entscheidet, welche Mittel und Kräfte er für die Verteidigung im konkreten Fall bereitstellen will. Das heißt, es stehen keineswegs alle Streitkräfte und Waffensysteme zur Verfügung, nicht nur aus logistischen Gründen, sondern weil jedes Land erst einmal bereit sein muss, seine Truppen im konkreten Fall zum Einsatz zu bringen. Würde Russland etwa im Baltikum die Grenze der NATO überschreiten, wäre sehr fraglich, ob sich etwa die Türkei oder Ungarn an der Verteidigung von Estland oder Litauen beteiligen würden. Und gerade die Türkei hat an der militärischen Stärke der NATO wiederum einen bedeutenden Anteil.

    Neben der politischen Frage der Bereitstellung von Truppen und Gerät spielen natürlich auch die logistischen Möglichkeiten eine große Rolle. Selbstverständlich kann auch Russland nicht alle seine Truppen, etwa aus den fernen Osten, kurzfristig an der Grenze zu einem NATO-Staat zusammenziehen. Ein Blick auf die Karte zeigt aber, dass es für Putins Streitkräfte viel einfacher ist, an der Grenze zum Baltikum aufzumarschieren, als es für die NATO möglich ist, dort zu verteidigen. Natürlich ist es denkbar, dass die NATO sich in einem solchen Fall zu Gegenangriffen an anderen Grenzabschnitten entschließt, das wiederum würde aber voraussetzen, dass die betreffenden NATO-Mitglieder, die Grenzen zu Russland haben, bereit wären, ihr Territorium für einen solchen Angriff zur Verfügung zu stellen.

    Insofern stellt sich nicht die Frage, ob die NATO allgemein ausreichend Waffen und Soldaten hat, sondern ob die Länder, die bereit und in der Lage sind, auf einen Angriff zu reagieren, diese Ressourcen haben.

    Russland steht nicht allein da

    Überhaupt muss man natürlich die Frage stellen, ob die Gegenüberstellung Russland-NATO nicht in die Irre führt. Denn Russland steht ja keineswegs allein da, auch wenn es derzeit kein festes Militärbündnis gibt, in dem Russland die führende Kraft wäre. Aber es hat militärische Partner, und die Bereitschaft dieser Partner, in einem Konflikt mit der NATO an der Seite Russlands zu stehen, ist vielleicht größer als die mancher NATO-Mitglieder, sich bei der Verteidigung des Baltikums, Finnlands oder Polens zu engagieren. Da wäre natürlich zuerst der feste Verbündete Belorus zu nennen, sodann Nordkorea, das schon Truppen in den Ukraine-Krieg geschickt hat. Unter den ehemaligen Sowjetrepubliken sind vor allem Kasachstan und Turmenistan zu nennen. Auch in Europa hat Putin Verbündete, etwa Serbien sowie bosnische Separatisten, und selbst bei NATO-Mitgliedern wie Ungarn und der Slowakei kann man bekanntlich nicht sicher sein, auf welcher Seite sie im Konfliktfall stünden. Auch wenn ihre militärische Kraft vergleichsweise gering ist, könnten sie die politische und militärischen Entscheidungsfähigkeit der NATO im Ernstfall schwächen.

    Die globale Perspektive

    Bei der Militärparade 2025 zum Tag des Sieges in Moskau marschierten neben turkmenischen Einheiten auch Soldaten aus Laos. Auch Vietnam zählt zu den festen Verbündeten, dazu weitere asiatische, afrikanische und lateinamerikanische Staaten.

    Nun kann man einwenden, dass die aber im Falle einer militärischen Eskalation etwa im Baltikum oder an der finnischen Grenze sehr weit weg wären – obwohl andererseits eben nordkoreanische Soldaten schon beim Angriff gegen die Ukraine zum Einsatz kamen. Der Blick auf diese weltweiten Verbündeten bringt aber zugleich die globale Perspektive ins Spiel. Und da sind natürlich vor allem China und Indien zu berücksichtigen. Wenn man sich fragt, ob die NATO, insbesondere ihr europäischer Teil, auch langfristig militärisch stark genug ist, sich zu verteidigen, muss man nicht nur auf die Grenze zu Russland schauen. Was, wenn es zu einer globalen Zuspitzung der Konfrontationen kommt? Ist Europa stark genug, um ein Bündnis, das von Russland und China angeführt wird und in dem ehemalige Sowjetrepubliken und frühere „sozialistische Staaten“ wie Vietnam, Kuba und Nicaragua, zudem womöglich Südafrika, Ägypten und Indien militärische Unterstützung bereitstellen würden, von einem Angriff abzuschrecken?

    Das mag nach einer weit entfernten Dystopie klingen, aber wenn man fragt, was die europäischen Länder heute für ihre Verteidigungsfähigkeit und ihre militärische Sicherheit tun müssen, dann mus man auch solche Szenarien betrachten. Eine rechnerische militärische Überlegenheit der NATO gegenüber Russland mag kurzfristig beruhigend klingen. Fragt man aber, wie sicher der Kern des Bündnisses, die Länder, die tatsächlich bereit sind, füreinander einzustehen, gegen die mittel- und langfristigen Bedrohungen ist, die sich abzeichnen, dann sieht die Lage anders aus. Und dann wird schnell klar, dass es für dieses Europa notwendig ist, in Verteidigungsfähigkeit zu investieren, um auf für die nächsten Jahrzehnte die Freiheit zu sichern, die uns über Jahrzehnte so selbstverständlich geworden ist.

     

  • Mehr Denkmäler bitte!

    Mehr Denkmäler bitte!

    Immer wenn Denkmäler gestürzt oder abmontiert werden, wenn Straßen, Plätze oder Universitäten umbenannt werden, regt sich Widerstand. Reden wir nicht von den Ewiggestrigen, die die alten Kaiser, Sklavenhändler und sonstigen Größen vergangener Zeiten immer noch verehren, denen die Denkmäler und Benennungen gewidmet waren. Gegen das „Ausradieren der Vergangenheit“ wenden sich auch diejenigen, die befürchten, dass auch die Erinnerung an die dunkle Vergangenheit verschwindet, wenn man die Namen der früheren Helden aus der Öffentlichkeit verbannt. Wir sollten dazu stehen, so das Argument, dass diese Männer einmal verehrt wurden, wir sollten ihre Abbilder und Namen als verstörende Erinnerung in der Öffentlichkeit bewahren, damit wir immer an die Zeiten erinnert werden, in denen diese Leute als Vorbilder und Lichtgestalten verehrt wurden.

    Denkmäler einreißen als Befreiung

    Das ist ein gutes Argument, und es gibt sicher auch andere Möglichkeiten, zu zeigen, dass wir inzwischen anders über diese Menschen denken als zu der Zeit, als ihnen Denkmäler gebaut wurden.

    Andererseits kann das Einreißen von Denkmälern, das Austauschen von Straßennamen, das Umbenennen von Institutionen auch ein Akt der Befreiung sein. „Jemanden vom Sockel stoßen“, dass ist sogar ein geflügeltes Wort, das bedeutet, sich mit Kraft und Gewalt von einer Last zu befreien. Der Akt des öffentlichen Vernichtens von Symbolen der Verehrung ist selbst eine Form der Umgestaltung der Gesellschaft, des Diskurses, des Kampfes mit der Vergangenheit, der Neubestimmung. Die zivilisierte Gesellschaft ist in der Lage, dem Sturz des Denkmals selbst einen Erinnerungsort zu schaffen, sie hat Museen, in denen die gestürzte Statue ihren Platz finden kann, sie kann die Geschichte der Straßennamen dokumentieren und den Befreiungsaktion selbst in der Erinnerung bewahren. Insofern wäre es gut, wenn an jedem neuen Namensschild eine Erinnerungsplakette angebracht würde, die auf den alten Namen hinweist und an den Moment der Umbenennung erinnert.

    Erinnerung wird vermieden

    Bedenklich ist, dass wir in einer Zeit leben, die die Erinnerung an Personen und an Ereignisse, auf die die Gesellschaft stolz sein könnte, vermeidet. Als der Hindenburgplatz in Münster zu Recht umbenannt wurde, hätte man ihn z.B. nach der ersten Frau, die in Münster promoviert hat, „Johanna-Richter-Platz“ nennen können. Statt dessen heißt er jetzt Schlossplatz. Die Umbenennung der Westfälischen Wilhelms-Universität brachte der Hochschule den wenig kreativen Namen „Universität Münster“. Gerade einmal Hamburg und München haben es gewagt, ihre Flughäfen nach Politikern zu benennen. Und wo stehen die Denkmäler für die Helden unserer Zeit? Wenn Denkmäler gebaut werden, sind sie selten großen Ereignissen und schon gar keinen verehrungswürdigen Personen gewidmet. Abstrakten Idealen werden Denkmäler gesetzt, die in Zukunft kaum Anstoß erregen werden, weil sie je nach politischer Lage auch umgedeutet werden können.

    Unseren Nachkommen nehmen wir so die Chance, über unsere Zeit zu streiten, sich an unseren Denkmälern abzuarbeiten und sie womöglich zu stürzen. Wie wird man in späteren Jahren über uns diskutieren können, wie wird man sich von unseren Fehlern distanzieren können, wenn wir keine Denkmäler für die Menschen errichten, die wir als Symbole unserer Ideale verehren? Wir brauchen mehr Straßen und Plätze mit den Namen der „Großen unserer Zeit“, Denkmäler für unsere Helden – damit unsere Nachfahren sie stürzen können, wenn sie meinen, dass sie gestürzt werden müssen.

  • Logik, die Kunst des vernünftigen Sprechens

    Logik, die Kunst des vernünftigen Sprechens

    Was ist Logik? Heute herrscht allgemein die Vorstellung, Logik sei die Lehre vom formal korrekten Sprechen und Schließen. In der Logik, so meint man, treffen sich die Philosophie und die Mathematik. In dieser Sicht hat die Logik von der Mathematik das formal Exakte, während sie von der Philosophie das grundsätzliche Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit des richtigen Urteilens und Schlussfolgern habe.

    In dieser Partnerschaft von Mathematik und Philosophie ist ein weit verzweigtes Wissenschaftsgebiet entstanden, in dem es nicht nur um die einfache Verknüpfung von schlichten Aussagen über Tatsachen geht, sondern auch um Urteile über Mögliches und Notwendiges, um Erlaubtes und Verbotenes oder um Erwünschtes und Unerwünschtes geht. Und trotzdem umfasst all das nur einen ganz kleinen Teil dessen, worum es in der Logik von ihrem Ursprung her geht und gehen kann.

    Denn Logik ist, von ihrem griechischen Ursprung her gedacht, die Lehre vom vernünftigen Sprechen. Vernünftig ist Sprechen nicht unbedingt dadurch, dass es formal korrekt ist. Im Gegenteil, die Forderung, dass ein Sprechen, um vernünftig zu sein, den formalen Regeln einer mathematisierbaren Wissenschaft folgen müsste, ist eine Norm, die sich selbst der philosophischen Reflexion stellen müsste.

    Vernünftig ist das, was jemand sagt, wenn es verständlich und begründet ist, und wenn die Begründungen von denen, die verstehen, auch akzeptiert werden. Logik im allgemeinen, wirklich philosophischen Sinne steht vor dem Rätsel, dass verständliches und begründetes Sprechen auch möglich ist, wenn es nicht formalen Regeln folgt, ja, dass es gute Gründe gibt, dass ein formal richtiges Sprechen gerade nicht eine Wahrheit zum Ausdruck bringen kann, die in einer weniger formalen Sprechweise, etwa in einem Roman oder in einem Gedicht, deutlich sichtbar wird. Jeder merkt im täglichen Gespräch, dass eine Sache oft dann klar und verständlich wird, wenn sie durch Aussagen erläutert wird, die sich im streng formalen Sinne widersprechen. Eine Logik, die den Namen verdient, muss auch solche Erfahrungen verständlich machen.

    Wittgenstein und Heidegger

    Mit seinem Buch „Das sprachbegabte Tier“, das 2017 erschienen ist, hat der kanadische Philosoph Charles Taylor, ohne es ausdrücklich zu versprechen, einen unschätzbaren grundsätzlichen Beitrag zu einem solchen Projekt geleistet. Wie richtungsweisend sein Buch für die Zukunft des Philosophierens werden kann, spürt man schon, wenn man liest, mit welcher atemberaubenden Selbstverständlichkeit Taylor sich im gleichen Satz auf Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger beziehen kann. Er tut dies nicht, um zwei Denkrichtungen, die sich nach allgemeinem Verständnis weit voneinander entfernt haben, zu vereinigen. Im Gegenteil, er tut es, weil Wittgenstein und Heidegger sich in ihrem Denken über die Sprache eben im Grunde viel näher stehen, als es vor allem den Vertretern der Analytischen Philosophie, die gern an Wittgenstein anschließen, genehm sein dürfte.

    Hier wird zusammen genannt, was zusammen gehört. Wittgenstein und Heidegger haben beide die schöpferische Kraft der Sprache und die ganze Vielfalt des wirklichen, alltäglichen Sprechens gesehen, und jeder von ihnen hat auf seine Weise davon gesprochen, dass diese Vielfalt, die sich in kein Korsett der formalen Logik zwängen lässt, das menschliche Sprechen, Denken und Weltverstehen ausmacht – mehr noch, dass es gerade dieses schöpferische, vielfältige Denken ist, das die Welt nicht nur verstehbar macht, sondern eine völlig neue Welt, in der der Mensch zu Hause ist, erst schafft.

    Das systematisch zu begründen, zu erläutern und zu beschreiben, ist der Anspruch von Charles Taylor.

    Gegen den Mainstream der Analytischen Philosophie

    Überhaupt, der „Mainstream der Analytischen Philosophie“: Ihm gilt Taylors grundsätzliche Kritik. Den Versuchen der Philosophen dieser Richtung, das Sprechen in formale Regeln zu zwängen, weist er den Platz zu, der ihnen gebührt. Sie können zwar einen gewissen Bereich des Sprechens im Umfeld des naturwissenschaftlichen Denkens richtig beschreiben, sie können vielleicht sogar Normen identifizieren, die einen erfolgreichen Informationsaustausch und eine effiziente Argumentation in diesem Bereich ermöglichen – aber für andere Bereiche des Sprechens sind ihre Modelle und Regelwerke schlicht nicht anwendbar.

    Um das zu begründen, stellt Taylor die Geschichte und die wesentlichen Argumentationslinien der Analytischen Sprachphilosophie kenntnisreich dar. So kann er sehr schön zeigen, wo die Grenzen dieses philosophischen Denkstils liegen. Vor allem kann er der Anmaßung begegnen, die Hauptfeinde dieser normierenden Sprachtheorie, nämlich das Nutzen von Metaphern und anderen rhetorischen Stilmitteln, aus der Sprache zu verbannen oder ihnen wenigstens einen untergeordneten Platz zuweisen zu wollen.

    Taylor zeigt, dass die Fähigkeit des Menschen, eine bildhafte, metaphorische Sprache zu verwenden und zu verstehen, überhaupt die Voraussetzung jeglicher wirklich menschlicher, gesellschaftlicher Sprache ist. Gerade unser Vermögen, die neuen Bedeutungen zu verstehen, die aus dem „Verstoß“ gegen Regeln und der kreativen Erweiterung und Verlagerung von Wortbenutzungen entstehen, macht uns zu Menschen, die sich mit der Sprache eine Welt schaffen. Unsere menschliche Gesellschaft wäre ohne diese konstitutive Kraft der Sprache gar nicht möglich.

    Es gibt kein richtiges Sprechen

    Der Mainstream der Analytische Philosophie hat heute eine gewaltige normative Kraft entwickelt – gepaart mit dem naturwissenschaftlich-technischen Weltverständnis, welches unsere moderne Gesellschaft bis in die letzten Winkel prägt. Da werden Regelwerke geschaffen, die vorgeben, richtige und falsche Argumentationen in Diskussionen auseinanderhalten zu können. Ganze Kataloge von angeblich falschen Argumenten werden publiziert – und wer sich in einer Diskussion äußert, findet sich schnell in einer Schublade wieder. Allein die mal mehr und oft weniger plausible Klassifizierung einer Meinungsäußerung als „Fehlschluss“, als „Unlogisch“ oder als „Verstoß gegen die richtigen Argumentationsregeln“ soll reichen, um einen Diskutanten oder seine Wortmeldung aus der weiteren Diskussion auszuschließen.

    Dabei ist eine jede Meinungsäußerung immer mehr als ein „objektiv gültiges“ Argument, gesetzt, es gäbe so etwas überhaupt. Und es muss auch mehr sein, damit es überhaupt zur Verständigung kommen kann. In jedem Diskussionsbeitrag, sei es im direkten Gespräch, sei es bei Facebook, schwingen immer persönliche Erfahrungen, Überzeugungen und Wünsche mit, sind die aktuelle Umgebung und die ganze Herkunft des Sprechers mit enthalten – auch in denen, die das formal richtige Sprechen und Argumentieren für sich reklamieren. Wir sind, das macht unsere soziale Sprachbegabung aus, auch in der Lage, all das zu erfassen, zu verstehen und zu berücksichtigen. Und das ist auch gut so, denn nur so kann es in Diskussionen wirklich Überzeugen und gemeinsames Umdenken geben.

    Wer auf formalen Regeln beharrt, der kann vielleicht gewinnen, aber der kann keinen gemeinsamen Denkraum schaffen, in dem neues Denken und damit eine neue Welt entsteht. Das kann man bei Charles Taylor sehr gut lernen, und deshalb gehört sein Buch zu den wichtigsten, die in letzter Zeit erschienen sind.

    (Werbung in eigener Sache: Zu diesem Thema ist im vergangenen Jahr mein Essay Richtig streiten als Buch beim Claudius-Verlag erschienen.)