Kategorie: Gesellschaft

  • Hartz 4 gehört in den Mülleimer

    Hartz 4 gehört in den Mülleimer

    Eins muss man dem neuen grünen Spitzenduo lassen: PR kann es.

    Aktuelle Kostprobe:

    Wir müssen das Garantieversprechens des Sozialstaats erneuern,

    erklärt Parteichef Robert Habeck in einem Interview mit der ZEIT, und schon ist das seit Jahren stiefmütterlich behandelte Thema Hartz 4 wieder in aller Munde.

    Agenda 2010: Schlankere Statistik und Dauer-Prekariat

    Zur Erinnerung: ALG 2 wurde im Januar 2005 als direkter Ausfluss der Agenda 2010 eingeführt. Diese sah vor: Halbierung der – Anfang der 2000er chronisch hohen – Arbeitslosenzahl u.a. mittels folgender Maßnahmen: Lockerung des Kündigungsschutzes, Senkung der Sozialabgaben der Arbeitgeber, Reduzierung des Bezugs von ALG 1 auf ein Jahr, Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln, Förderung der Zeitarbeit.

    Die Arbeitslosenstatistik verschlankte man tatsächlich drastisch, im Gegenzug bildete sich jedoch schnell ein postindustrielles Prekariat bestehend aus Dauer-ALG 2-Beziehern, Minijobbern, Aufstockern und Mikro-Scheinselbständigen heraus. Menschen, die es selbst mit zwei Jobs kaum schaffen, ihre monatlichen Fixkosten zu begleichen. Menschen, die sich ihre Klamotten in Sozialkaufhäusern besorgen. Menschen, die Restaurant-, Theater- und Kinobesuche nur aus der Werbung kennen. Menschen, die im Abstand von vier bis acht Wochen bei ihrem Betreuer im Jobcenter antanzen müssen, um dort die eigene Nase zu zeigen, sich über irgendwas belehren zu lassen, an einem Training teilzunehmen oder ein lausig bezahltes Jobangebot präsentiert zu bekommen. Versäumen sie mal einen Termin oder wagen sie es gar, einen – in 90 Prozent der Fälle befristeten – Vermittlungsvorschlag abzulehnen: dann drohen sofort Kürzungen der Grundsicherung. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb ein arbeitsloser Literaturwissenschaftler sich über die Möglichkeit, für 2€ in der Stunde einen Monat lang bei der Spargelernte mithelfen zu dürfen, freuen soll. In derselben Zeit kann er auch drei gute Bücher lesen und Rezensionen dazu tippen.

    Die aktuelle Kopfstärke der Hartz 4-Empfänger beträgt 4.2 Millionen Personen. Mit zwei Millionen Kindern im Schlepptau. Kinder, die in Dauerarmut aufwachsen, nach dem Unterricht durchs TV zappen, statt Hausaufgaben zu machen, schlecht bekocht werden, sich zu wenig bewegen, von allem, was Geld kostet – beispielsweise ein Sportverein – ausgeschlossen sind, in der Schule zurückbleiben, keine Ausbildungsstelle finden, bis sie mit 18 dann endlich selbst ALG 2 beantragen. Das System schafft sich seinen eigenen Nachwuchs, der euphemistisch Kunden genannt wird, obwohl Bittsteller es weitaus besser trifft.

    Liberales Bürgergeld, BGE und nun auch noch die Garantiesicherung

    Nun mangelte es in den vergangenen Jahren nicht an Ideen, Hartz IV zu reformieren oder gar abzuschaffen. Die Liberalen pochen auf ihr Bürgergeld, die Linken fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen. Während das erstgenannte Modell in der Funktionsweise einer negativen Einkommensteuer eine Bündelung unterschiedlicher Leitungen zu einer einzigen Transferzahlung bedeutet, irgendwo im Bereich von 700 Euro für Alleinstehende gedeckelt ist,  Sanktionierung bei Nicht-Arbeitsaufnahme und Prüfung sowie Auszahlung durch das jeweilige Finanzamt vorsieht – einer Institution, die bisher nicht unbedingt durch soziale Kompetenz auffällt –, scheitert Variante 2 an ihrer (angeblichen) Nicht-Finanzierbarkeit. Die beiden (Volks-) Parteien CDU und SPD, die seit 2005 beinahe jede Regierung stellen, waren bisher nicht willens, das Armut-Verewigungs-Monster ALG II anzutasten. Die Sozialdemokraten, da sie es erschaffen hatten. Die Union, weil sie froh ist, dass es Hartz 4 gibt und die Sozis so dumm sind, die Elternschaft für sich zu proklamieren. Und als die FDP von 2009 bis 13 mit am Kabinettstisch saß, hörte man interessanterweise wenig bis überhaupt nichts vom geplanten Bürgergeld; stattdessen verstieg sich ihr damaliger Vorsitzender zur Warnung vor anstrengungslosem Wohlstand, falls Hartz 4 sanktionsfrei gewährt würde und prägte den Vergleich mit der spätrömischen Dekadenz. Wobei ich ja mit spätrömischer Dekadenz eher Gruppensexorgien in Sandalen und flambierte Flamingozungen als RTL2 und Dosenravioli verbinde. Aber die Liberalen waren noch nie gut darin, zu erkennen, wo die Menschen außerhalb ihrer Stammwählerschaft der Schuh drückt.

    Unterm Strich passierte deshalb – von Mikro-Korrekturen wie der periodischen Erhöhung des Satzes um fünf Euro mal abgesehen – in den vergangenen 13 Jahren Nullkommanichts. Weiterhin pilgern monatlich Millionen Leistungsbezieher aufs Amt, betteln um Wohn-, Heiz- und alle möglichen sonstigen Zuschüsse, werden in Umschulungsmaßnahmen geparkt, plagen sich mit immer wieder neuen Antragsformularen. Eine erniedrigende Prozedur, einer wohlhabenden Nation wie unserer unwürdig.

    Das grüne Konzept

    Habecks Vorschlag einer Garantiesicherung fußt auf folgenden Parametern:

    ■ Erhöhung des Satzes
    ■ Fusion von ALG 2, Sozialhilfe, Wohngeld und Bafög in einem System
    ■ Höhe des zulässigen Schonvermögens wird angehoben. Erst ab einem Vermögen von über 100.000 Euro wird dies auf staatliche Leistungen angerechnet. Geförderte Altersvorsorge und selbstgenutztes Wohneigentum fallen komplett raus aus der Betrachtung
    ■ Ausgezahlt wird die Garantiesicherung durch eine neu zu schaffende  Behörde
    ■ Die Sanktionen gegen Leistungsbezieher fallen weg
    ■ Verbesserung der Situation für Aufstocker. Verdient ein Leistungsbezieher zusätzliches Geld, darf er davon mindestens 30 Prozent behalten.

    Die Kosten des Garantiesicherungsmodells schätzt der Grünen-Vorsitzende auf 30 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Die Große Koalition hat für ihren Bundeshaushalt 36,9 Milliarden Euro für das Hartz-IV-System veranschlagt. Habeck will seine Idee im Rahmen der Debatte um ein neues Grundsatzprogramm zur Diskussion stellen. Dieses soll 2020 beschlossen werden. Zwar fließt bis dahin noch eine Menge Wasser die Spree hinunter; jedoch wird es bis zum Regierungswechsel ja auch noch etwas dauern. Auf jeden Fall genügend Zeit, um sich Gedanken über die solide Budgetierung des Vorhabens zu machen.

    „Das ist nichts grundlegend Neues“, sagen Sie?
    „Was soll es bei diesem Dauerbrenner auch GRUNDLEGEND Neues geben?“, antworte ich.
    Das grüne Konzept vereint harmonisch die drei Säulen Bedürftigkeit, Humanität und Finanzierbarkeit miteinander. Und das reicht mir persönlich erstmal völlig aus, um es den anderen Ideen vorzuziehen.

    Das Konzept gibt es schon seit fast einem Vierteljahrhundert. Aber es ist gut, dass die Grünen das liberale Bürgergeld der FDP kopieren wollen. Denn dann haben wir vielleicht die Chance, endlich eine Mehrheit zu bekommen, um es auch in der Realität umzusetzen.

    Tja, warum hat die famose FDP das nicht realisiert? Ich vermute, es wurde einfach zuviel Zeit für Fallschirmspringen verplempert.

    Hat halt wenig mit dem Bürgergeld zu tun und Kubicki ist ja auch kein Freund davon. Noch schlimmer, er hat den Ansatz der Grünen nicht einmal verstanden.

    Der einzige Unterschied ist, dass Habeck vermutlich ein höheres liberales Bürgergeld will. Aber auch da wird sich ein Kompromiss finden lassen.
    © alle vier Zitate aus einer Facebook-Diskussion

    Zahlung und Vermittlung organisatorisch voneinander trennen

    Die Arbeitsagenturen/ Jobcenter konzentrieren sich wieder auf das, wofür sie einstmals erdacht wurden: Aufspüren und Vermitteln nachhaltiger Stellen. Denn das, was die JCer zur Zeit im Angebot haben, verdient oft noch nicht mal das Wort „Arbeit“. Häufig handelt es sich um befristete Jobs im Billiglohnsektor oder Zeitarbeit mit hohen Abzügen vom Gehalt, sodass die Beschäftigten am Ende des Monats aufstocken und/ oder nebenbei schwarz hinzuverdienen müssen. Das kann auf Dauer wirklich nicht die Ultima ratio der deutschen Arbeitsmarktpolitik sein.

    Sobald wir uns vom antiquierten Mantra „Nimm ohne Murren jeden Job an, sonst giltst du als arbeitsscheu und wirst bestraft“ verabschieden, ist schon viel gewonnen.

    Fazit 1: Hartz 4 gehört in den Mülleimer der Sozialgeschichte und durch ein modernes, menschenfreundliches System ersetzt.

    Fazit 2: Sollte das Konzept „Sanktionsfreie Garantiesicherung“ bei den Bürgern populär werden, erschließen sich die Grünen damit das – nicht kleine – Wählerreservoir der Arbeitslosen, bei denen sie bisher kaum punkten konnten.

  • Spätherbst 18

    Spätherbst 18

    Dank intensivem Facebookstudium habe ich in den vergangenen Wochen einen neuen Begriff kennengelernt: Narrativ. Sinnstiftende Erzählung für eine Kultur oder Gruppe. Also sowas in der Art der Nibelungen-, Artus- und Romulus- & Remus-Sage. Nun allerdings runtergebrochen von Völkern auf kleinere Einheiten.

    Angeregt durch die in diesen Tagen stattfindenden Gedenkfeiern anlässlich des hundertjährigen Endes von WK1 will ich die Gelegenheit nutzen, die Illias meiner Familie väterlicherseits erzählen, die in den Jahren 14 bis 18 spielte. Keine Sorge – ich fasse mich kurz. Länger als zwei Tassen Kaffee wird es nicht dauern, diesen Text zu überfliegen.

    Patriotische Bilderbuchfamilie

    Großvater Arnold wurde kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende als fünftes und jüngstes Kind in einen gutbürgerlichen Akademikerhaushalt hineingeboren. Wobei Vater August, mein Urgroßopa, der erste Studierte der Familie war. Dessen Vorfahren arbeiteten noch in der Landwirtschaft oder im Gastronomiegewerbe, das damals noch nicht so hieß, aber gesoffen wurde früher auch schon ne Menge. 1898: Wilhelm Zwo regiert seit zehn Jahren, das Flottengesetz tritt in Kraft, in Preußen wird SPD-Mitgliedern untersagt, an Universitäten zu unterrichten. Schöne alte, übersichtliche Zeit? Keine Ahnung. Rund um den Globus war bereits damals viel los: In Genf wird Kaiserin Sisi von einem italienischen Anarchisten erstochen, die USA annektieren Hawaii, England und Frankreich streiten sich um die Vorherrschaft in Afrika, in Ostasien tobt der Amerikanisch-spanische Krieg um die Philippinen, auf Kreta gibt’s staatlich organisiertes Gemetzel an der Zivilbevölkerung. Entscheiden Sie selbst, ob’s vor 120 Jahren so viel friedlicher als heute zuging. Ich kümmere mich derweil wieder um meine Familie väterlicherseits.

    Urgroßvater August lehrt als Ordinarius für Wasserbau an der TH Aachen. Auf Bildern im Gehrock, hin und wieder mit Zylinder, rechteckiger Bart, der ihm bis knapp oberhalb des Bauchnabels reicht. Patriot, Teilnehmer am kurzen Deutsch-französischen Krieg 1870/71. Urgroßmutter Wilma, stets sehr streng auf den Fotos dreinschauend; mit ihr war sicher nicht gut Kirschen essen. Vier Söhne, eine Tochter. Für die Jungs sind akademische Berufe vorgesehen, die Tochter besucht eine höhere (?) Haushaltsschule. Es sind die Generationen, die Ciceros „In Catilinam“ noch im Original verstehen und selbst vor altgriechischen Hexametern nicht zurückschrecken. Gedacht und gewählt wird monarchistisch. Liberale sind suspekt, Sozis vaterlandslose Gesellen. Religion ist Aberglaube und Blendwerk, entbehrt jeglicher naturwissenschaftlicher Beweisführung. An den hohen Feiertagen besucht man aus Tradition trotzdem die Gottesdienste. Eine deutsch-akademische Bilderbuchfamilie.

    Mit Hurra in den jungen Tod

    Als im Sommer 14 endlich der lange herbeigeredete und -ersehnte Krieg ausbricht, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnt, dass er sich zur Urkatastrophe des noch jungen Jahrhunderts auswachsen soll, ziehen die älteren Brüder Hans, Fritz und Konrad singend und Fahnen schwenkend an die Front. Die Adventszeit hat noch nicht begonnen, da liegen die drei bereits im Feindesland unter der Erde: Hans sitzt in einem Zeppelin, als ihn die Briten über dem Kanal abschießen. Fritz reitet an der Marne in den ausgestreckten Säbel eines Rifkabylen hinein, Konrad verblutet im Verlauf der Schlacht an den Masurischen Seen.

    Armee und Kriegsministerium schicken Kondolenzbriefe, zwei Brüder erhalten post mortem das Eiserne Kreuz verliehen. Die Legende berichtet, dass Urgroßmutter Wilma, als sie vom Tod des dritten Sohnes erfuhr, binnen einer Nacht die Haarfarbe von Braun zu Schlohweiß wechselt. »Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben«, zitieren Sie Horaz?
    »Na ja«, antworte ich. »In jungen Jahren sterben ist eigentlich nie so schön.«

    Im Elternhaus in Aachen ist es ruhig geworden. Die Familie von sieben auf vier Mitglieder geschrumpft. Es wird weniger gelacht und zwanglos kommuniziert. Trauer mischt sich mit bleierner Stille. Schwester Elisabeth, deren frisch angetrauter Mann mit einem Bauchschuss in einem Feldlazarett im Osten mühsam am Leben gehalten wird, ist auch nicht zum Scherzen zumute. Immerhin sind uns zwei Kinder geblieben, hätte schlimmer kommen können, denken August und Wilma. Und es kommt schlimmer.

    Nesthäkchen Arnold verkürzt eigenmächtig die Schulzeit, nutzt die Möglichkeit des Notabiturs, meldet sich mit 17 freiwillig zum Dienst für Kaiser und Nation. Mutter Wilma, die strenge, pflichterfüllte, beschwört ihren Jüngsten, es nicht zu tun. Vater August schreibt Eingaben ans Ministerium, weist darauf hin, dass die Familie bereits einen großen Blutzoll entrichtet hat. Vergebliche Liebesmühe. Arnold will unbedingt an die Front, die Brüder rächen, das Vaterland retten. Die Behörde bleibt unerbittlich, der Staat benötigt im zweiten Kriegsjahr jeden, der eine Waffe in der Hand halten kann. Im Sommer 15 verlässt Sohn Nummer 4 das Elternhaus. Die Legende berichtet, dass Urgroßmutter Wilma im Anschluss nie mehr als maximal hundert Worte pro Tag sprach.

    Stellungskrieg, Malaria und ein Bandwurm

    Nach einer Grundausbildung zum Infanteristen im – damals bayerischen – Landau/ Pfalz wird Arnold zuerst an die Westfront geworfen. Elende Stellungs- und Grabenkämpfe. Morgens hundert Meter vor und abends hundert Meter zurück. Und diese hundert Meter sind jeden Tag gepflastert mit tausenden Leichen. Arnold ist mutig, aber nicht leichtsinnig oder gar tollkühn, schafft es, in Flandern zu überleben. Sein Bataillon wird verlegt und zwar ans komplett andere Ende des Krieges: Bulgarien, Balkanfront. In Eilmärschen und auf Güterzügen geht es nun in Richtung Mazedonien. Die Alliierten drohen durchzubrechen. Sollte ihnen das gelingen, dann liegen Belgrad, Budapest und Wien wie auf dem Präsentierteller vor ihnen und nichts kann Engländer und Franzosen dann noch vom Durchmarsch bis nach Süddeutschland aufhalten. So lautet das Narrativ der OHL. Das gilt es also mit allen Mitteln zu verhindern. Dieselben Stellungsscharmützel wie vorher. Nun allerdings mit weniger Gräben und in veränderter Landschaft. Die Linie verläuft von Thessaloniki quer über den Balkan bis nach Albanien. Mein Großvater wird im Mittelabschnitt eingesetzt. Sumpfiges Gelände, Milliarden Mücken, ein Viertel der Truppe leidet an Malaria, es gibt Tage, da sterben mehr Soldaten am Fieber als durch Feindeinwirkung. Die Briten werfen ständig neue Divisionen an die Front, während den Mittelmächten langsam das Menschenmaterial ausgeht. Die Linie wackelt bedrohlich, wird aber noch gehalten. Arnold hat es mittlerweile zum Fähnrich gebracht, befehligt ein paar Männer und eine leichte Feldhaubitze. Granaten fliegen hin und her, zerfurchen das Land, töten und entstellen. Zweihundert Kilometer östlich wird mit Giftgas experimentiert. In diesem Stadium des Kriegs ist alles erlaubt. Die armen Teufel, die das überleben, werden für den Rest ihres Lebens entweder blind oder verrückt oder beides sein. Arnold magert ab, klagt über Bauchschmerzen und Verstopfung, bekommt vom Feldscher Rizinus verschrieben. Heraus kommt – hier passt das Verb – ein zehn Meter langer Bandwurm. Der wird mit Formaldehyd in einem Einweckglas konserviert und den feixenden Männern gezeigt: »Der Fähnrich hat den zweitlängsten der Kompanie«. Derbe Scherze unter todgeweihten Infanteristen; ohne einen Rest an Humor ist die sich täglich verschlechternde militärische und Versorgungs-Lage eh nicht zu ertragen.

    Unversehrt kehren nur wenige zurück

    Im Frühjahr 18 ist der Abschnitt nur noch unter Auferbietung der letzten Kräfte zu halten. Bei einem der obligatorischen Hundert-Meter-Vorstöße wird mein Großvater leicht verwundet und erwacht am Tag darauf in einem britischen Gefangenenlager. Behandlung sei in Ordnung gewesen, erzählt er später. Allerdings war die hygienische Situation eine Katastrophe. Zweihundert Soldaten teilen sich eine Latrine. Duschen (gab’s damals sowieso nicht) und Badewannen: Fehlanzeige. Frische Klamotten: ein frommer Wunsch. Dafür weiterhin tausend Billionen Moskitos. Arnold wird gebissen, erkrankt an Malaria, wird von hohem Fieber geplagt, es steht Spitz auf Knopf, ein englischer Arzt – mit dem er später in regem Briefkontakt stehen wird – bemüht sich um ihn, stellt ihn halbwegs wieder auf die Beine. Es ist mittlerweile Frühherbst geworden. Die deutschen Truppenteile wurden schon vor Wochen abgezogen, die bulgarische Armeeführung bittet um eine Verschnaufpause, die Saloniki-Linie ist Geschichte. Der kranke Fähnrich wird im Oktober in Skopje in einen Zug Richtung Norden gesetzt und erreicht Anfang November ausgemergelt und zerlumpt das Elternhaus in Aachen. Dort empfangen ihn Vater August, Mutter Wilma und Schwester Elisabeth. »Was ist mit Schwager Johann?«, fragt er. »Der ist im letzten Winter an den Folgen seiner Verletzung gestorben«, antwortet die Schwester. Der Tod hält reiche Ernte in diesem Krieg, der vier Jahre zuvor so fröhlich begonnen hat.

    Am 11. November schließt Deutschland in einem bei Compiègne stehenden Eisenbahnwaggon den ersten, für die Zeitdauer eines Monats geltenden, Waffenstillstand mit den Alliierten. Dieses Abkommen stoppt endlich die Kampfhandlungen. Es wird dreimal verlängert, bevor der im Sommer 19 ratifizierte Versailler Vertrag den Krieg auch offiziell für beendet erklärt. Die Novemberrevolution stürzt den Adel, Wilhelm Zwo dankt ab und verzieht sich schmollend nach Holland. Beim kurzen Kräftemessen zwischen Rätediktatur und Parlamentarismus siegt der Zweitgenannte. Friedrich Ebert wird neuer Reichspräsident, die Weimarer Republik ist aus dem Taufbecken gehoben. Die militärisch Hauptverantwortlichen für das sinnlose In-die-Länge-ziehen des Krieges, Hindenburg und Ludendorff, kommen völlig ungeschoren aus der Sache raus und basteln ein paar Wochen nach Compiègne bereits eifrig an ihrer fantastischen Version der Ereignisse, die als Dolchstoßlegende traurige Berühmtheit erlangen wird. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

    Einmal Patriot, für immer Patriot?

    »Wie geht es mit dem Großvater weiter?«, wollen Sie wissen. Der Rest ist schnell erzählt. Arnold wird dank fürsorglicher Pflege von Mutter und Schwester und durch deutsche Medizin langsam wieder hochgepäppelt. Er schreibt sich in Aachen für Bauingenieurwesen ein, studiert zügig, wird als Bauassessor nach Bremen geschickt, lernt dort meine Großmutter kennen, die er Ende der 20er Jahre heiratet. Aus dieser Ehe, die knapp sechs Jahrzehnte anhält, entsprießen vier Kinder, dessen ältestes mein Vater ist.

    »Und, war Ihr Großvater von Krieg und Patriotismus geheilt nach all dem Wahnsinn, den er von 1914 bis 18 erlebt hat?«, fragen Sie. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Patriot war er sicher auch im darauf folgenden Wahnsinn geblieben, wenngleich er im März 1945 meinen damals 15jährigen Vater davon abhielt, sich freiwillig für Führer und Reich im nicht mehr zu verteidigenden Stettin zu opfern. Unterm Strich überwogen dann doch Realitätssinn und Pragmatismus.

    Die Story von Saloniki-Linie und Bandwurm habe ich als Kind und Jugendlicher oft erzählt bekommen. Als mein Großvater die 80 überschritt und dement wurde – wir sagten damals noch »Er verkalkt immer mehr« -, gab er manche Gefechtsszene in Dauerschleife zum Besten. Bis ich irgendwann die Namen seiner Infanteriekameraden auswendig runterbeten konnte. Im Sommer 1985 wollte er unbedingt noch einmal nach Verdun reisen. Als ältester Enkel fuhr ich ihn mit meinem hellblauen VW-Käfer dorthin. Inmitten endloser Gräberreihen entdeckten wir das weiße Kreuz mit der Inschrift von Bruder Fritz. Arnold stiegen ein paar Tränen in die Augen. Es war das erste Mal, dass ich den harten Knochen weinen sah. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte. Drei Monate später schlief er zu Hause friedlich auf dem Wohnzimmersofa ein. Auf dem Schoß die ersten hundert, Maschinen getippten Seiten seiner Autobiografie, die er nie zu Ende schrieb, und die bis zu diesem Zeitpunkt auch niemand gelesen hatte. Eine Fotokopie wartet in einem Umzugskarton in meinem Keller immer noch darauf, lektoriert zu werden.

    ENDE meines Familien-Narrativs.

    Sinnloses Kriegsgemetzel kann man entweder so sehen:

    Irgendwie drängt sich auch dem ganz einfachen Gemüt die Ahnung auf, daß sein Leben in einen ewigen Kreislauf geschaltet, und daß der Tod des einzelnen gar kein so bedeutungsvolles Ereignis ist.
    © Ernst Jünger: In Stahlgewittern

    oder es so ausdrücken:

    So ein Blödsinn! Die krepieren alle. Und für was?
    © Der Blonde zu Tuco beim ständigen Hin und Her um die Brücke von Leighton zwischen Nordstaatlern und Konföderierten, in: Zwei glorreiche Halunken (The good, the bad and the ugly)

  • Islamischer Feiertag: Warum nicht?

    Islamischer Feiertag: Warum nicht?

    Der Islam gehört zu Deutschland
    (c) Christian Wulff

    Der Islam gehört nicht zu Deutschland
    (c) Horst Seehofer

    Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas
    (c) Wolfgang Schäuble

    Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland
    (c) Joachim Gauck

    Sie sind verwirrt?
    Ich auch.
    Hat eine Religionsgemeinschaft wie die Muslime denn keinen Anspruch auf einen islamischen Feiertag?

    Islam ist zweitstärkste Religionsgemeinschaft

    Fest steht: In Deutschland leben aktuell knapp 5 Millionen Muslime. Tendenz steigend. Diese verteilen sich auf Sunniten (75%), Aleviten (13%), Schiiten (7%), andere (5%). Setzt man die 5 Millionen in Relation zur Gesamtbevölkerung, dann machen die Muslime 6 Prozent aus. Ins Verhältnis zu den Kirchgängern (also die Konfessionslosen subtrahiert) gebracht, steigt der prozentuale Anteil sogar auf 10. Wir kennen in Deutschland rund ein Dutzend gesetzliche Feiertage, die auf christlicher Tradition gründen. Dem gegenüber stehen Null Festtage für die Korangläubigen. Das ist schon ein ins Auge springendes Missverhältnis.

    Warum ist das so, bzw. weshalb tun wir uns so schwer damit, anderen Religionen ein gewisses Maß an Gleichberechtigung zu gewähren? Begonnen hatte die Sache mit dem Islam im Jahre 1731, als Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I seinen muslimischen Infanteristen gestattete, einen Gebetsraum in Potsdam einzurichten. In der zweiten Hälfte des 18ten Jahrhunderts siedelten bereits einige hundert Familien tatarischer Herkunft innerhalb der preußischen Grenzen. Die Männer verdienten ihre Brötchen als Lanzenreiter im Heer und wurden dort sehr geschätzt. 1866 erfolgte in Berlin die Grundsteinlegung für den ersten türkischen Friedhof auf deutschem Boden. Richtig Fahrt nahm der Zuzug im Anschluss an das im Herbst 1961 mit Ankara ratifizierte Anwerbeabkommen auf. Die Zahl der Türken in Deutschland, die 1960 bei 1500 lag, stieg binnen weniger Jahre auf eine Million Menschen an. Ursprünglich als reine Arbeitsmigranten mit temporär begrenztem Aufenthaltsstatus gedacht, blieben die Männer länger als geplant, holten ihre Frauen nach, gründeten Familien im fremden Land.

    Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen,

    meinte deshalb richtigerweise Max Frisch im Jahr 1965.

    Bürger zweiter Klasse, deshalb kein islamischer Feiertag?

    Was tun wir seitdem für unsere muslimischen Mitbürger? Hand aufs Herz: Wenig bis gar nichts. Am liebsten ist es uns, wenn sie in Schnellimbissen, Änderungsschneidereien, Putzkolonnen und auf dem Bau arbeiten, in abgetrennten Stadtvierteln leben, ihren Glauben im Verborgenen praktizieren und ansonsten möglichst nicht auffallen. Wir mögen es nicht, wenn sie in die für die Mehrheitsgesellschaft reservierten akademischen Berufe aufsteigen, und wir mögen es schon gar nicht, wenn sie sich traditionell kleiden. Nicht so einfach für Menschen aus dem türkischen und arabischen Sprachraum bei uns. Integration ist halt nach wie vor ein Fremdwort für viele Deutsche und ein von den Politikern stiefmütterlich behandeltes Aufgabenfeld.

    Im Rahmen des niedersächsischen Landtagswahlkampfs äußerte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere auf einer Veranstaltung in Wolfenbüttel im Oktober 2017 plötzlich einen klugen Gedanken:

    Ich bin bereit, darüber zu reden, ob wir auch mal einen muslimischen Feiertag einführen.

    Zwar begrenzt auf Regionen mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil. Aber wollen wir hier nicht kleinlich sein. Ein guter Anfang wäre das.

    Der Satz war noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da erklangen bereits die Dementis aus konservativen Unionskreisen:

    Feiertage haben in Deutschland eine lange Tradition; für eine Änderung dieser gewachsenen Strukturen sehe ich keinen Bedarf.
    (c) Bernd Althusmann (damaliger CDU-Spitzenkandidat in Niedersachsen)

    Islam-Feiertage in Deutschland einzuführen, kommt für uns nicht in Frage.
    (c) Alexander Dobrindt

    Und irgendwie war das Thema, gerade erst lauwarm serviert, damit binnen Tagesfrist schon wieder vom Tisch gewischt. De Maiziere ruderte zurück, er sei falsch verstanden worden, und kein Finger rührte sich mehr in der vom Wahlkampf erschöpften und von Flüchtlingsängsten geplagten Republik für dieses sinnvolle Anliegen.

    Ein solcher Feiertag kann integrationsfördernd wirken … Er würde deutlich machen, dass Muslime Teil der Gesellschaft sind und es Verständnis untereinander für ein gutes und friedliches Zusammenleben gibt,

    meldete sich zwar noch Aiman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland) zu Wort. Aber niemand schien das hören zu wollen.

    Islamischer Feiertag: dient der Arbeitsruhe und seelischen Erhebung

    Schlagen wir interessehalber mal nach, was der Gesetzgeber zum Sinn der Feiertage sagt:

    Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt. (Art. 139 WRV, übernommen in 140 GG)

    Gesetzlicher Schutz für Arbeitsruhe und seelische Erhebung also einzig für Christen? Und die fünf Millionen Muslime gehen völlig leer aus? Das hört sich für mich nach (starker) Ungleichbehandlung der Religionen an. Wer Integration befürwortet, der muss auch dem Glauben des Zugezogenen Respekt zollen. Und dieser Respekt drückt sich u.a. darin aus, dass ich ihm einen gesetzlich fixierten Festtag zugestehe. Welcher Tag das nun genau sein soll – anbieten tun sich bspw. Zucker- oder Opferfest – und wie man die unterschiedlichen Berechnungsschablonen der Sunniten, Schiiten, Aleviten dafür auf einen gemeinsamen Nenner bringt: Darüber sollen sich Experten und Muslimverbände Gedanken machen. Bei etwas gutem Willen wird das schon gelingen.

    „Ist Ihnen eigentlich klar, was ein zusätzlicher Feiertag die Wirtschaft kostet?“, fragen Sie mich. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Falls das aber ne teure Nummer sein sollte, wäre ich persönlich gerne bereit, im Gegenzug auf einen christlichen Festtag zu verzichten. Z.B. den Pfingstmontag. Wird, außer im deutschsprachigen Raum und einem halben Dutzend weiterer Länder, nirgendwo gesetzlich vorgeschrieben und ist m.E. entbehrlich.

    „Da kann ja jeder kommen und für sich irgendwas fordern. Was ist mit Juden, Buddhisten, Hindus und Jesiden?“, lassen Sie nicht locker? Die sind, nummerisch gesehen, alle sehr kleindimensionierte Gruppen. Keine davon überschreitet die Kopfstärke 300.000 in Deutschland. Und einer Inflation der Feiertage mochte ich hier keinesfalls das Wort reden. Wobei ich mich mit Jom Kippur durchaus anfreunden könnte. Dafür streichen wir dann Allerheiligen, damit das BIP nicht über Gebühr strapaziert wird.

    „Nicht Ihr Ernst?!“, rufen Sie?
    „Doch!“, antworte ich.

    Denn entweder verabschieden wir uns als aufgeklärte Nation von sämtlichem religiösen Brauchtum und begnügen uns in Zukunft mit dem Tag der Deutschen Einheit, oder wir verteilen die Feiertage halbwegs gerecht auf die bei uns praktizierenden Glaubensgemeinschaften. Bei fünf Millionen Muslimen kann es nicht angehen, dass wir weder den Hintergrund von deren Festtagen kennen, noch ihnen einen einzigen zugestehen wollen. Umsetzen ließe sich das Ganze schnell, und es wäre ein deutliches Signal in Richtung ehrlich gemeinter Integration.

  • Krieg der Welten – Hörspiel mit Nachspiel

    Krieg der Welten – Hörspiel mit Nachspiel

    Niemand hätte in den letzten Jahren des 19ten Jahrhunderts daran geglaubt, dass das menschliche Leben genau und scharf von Wesen, intelligenter als Menschen, aber genauso sterblich, beobachtet würde; dass, während die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen, sie belauscht und erforscht würden, fast ebenso eindringlich, wie ein Mann mit seinem Mikroskop jene vergänglichen Lebewesen erforscht, die in einem Wassertropfen ihr Wesen treiben und sich darin vermehren.
    © H.G. Wells: Der Krieg der Welten, erstes Buch: Die Ankunft der Marsmenschen

    In der Nacht vom 30sten auf den 31sten Oktober 1938 war an der Ostküste der USA plötzlich der Teufel los: Gläubige strömten in die Kirchen zum letzten Gebet, in den Notaufnahmen der Krankenhäuser wurden reihenweise Menschen eingeliefert, die unter schweren Schocks standen, auf den Highways standen die Autos Stoßstange an Stoßstange in endlosen Staus, die Nationalgarde machte mobil, in Pittsburgh konnte ein Ehemann seine Frau im letzter Sekunde mit Gewalt davon abhalten, sich mit Salzsäure zu überschütten. Symptome einer Massenpanik, von der am frühen Abend noch niemand im Entferntesten geahnt hatte, dass sie eintreten würde.

    Neues Medium mit großer Reichweite oder: Hörspiel mit Nachspiel

    Was war geschehen bzw. welches Ereignis hatte Fluchtbewegungen und Sekundenwahnsinn ausgelöst? (Theater-) Schauspieler Orson Welles und Drehbuchautor Howard Koch waren auf die Idee gekommen, im damals noch jungen Medium Radio mit einer fiktiven Horror-Reportage zu experimentieren. Angeregt durch die unter die Haut gehenden Live-Schaltungen vom Absturz des Luftschiffs Hindenburg im Jahr zuvor, verlegte er kurzerhand die im London der Jahrhundertwende angesiedelte Marsmenscheninvasion des Autors H.G. Wells ins New Jersey der Jetztzeit. Und zwar in den kleinen, beschaulichen Ort Grover’s Mill.

    Ihr Körper war wuchtig wie der eines Bären, die Augen tellergroß und glühend, ihr unkontrollierter Speichelfluss immerhin befremdlich. Menschen im Umkreis von dreißig Metern töteten sie augenblicklich durch einen enormen Hitzestrahl. Und ihre dreibeinigen Kriegsmaschinen, die die meisten Häuser um ein Vielfaches überragten, waren vollkommene Städtezerstörer,

    heißt es im Original von Wells.

    Als  CBS gegen 20 Uhr ein Tanzkonzert aus einem New Yorker Hotel angekündigt hatte, unterbrach man die Sendung nach fünf Minuten mit diesem Intro in die nun folgende mehrstündige Schauergeschichte:

    Meine Damen und Herren, das ist der aufregendste Moment, den ich je erlebt habe … da kommt jemand gekrochen. Jemand oder besser: etwas … Ich sehe zwei leuchtende Scheiben, die aus diesem Loch hervorspähen … könnten es Augen sein? Ob das ein Gesicht ist? Es könnte … gütiger Himmel, da windet sich etwas aus dem Schatten, wie eine graue Schlange. Jetzt noch eine zweite. Ich kann kaum hinschauen, es ist so furchtbar!

    Kein Wunder, dass die Hälfte der Zuhörer von Grusel, der sich binnen weniger Minuten zu Schrecken bis hin zu Panik steigerte, erfasst wurde und in den vor der Haustür parkenden Ford, Buick oder Plymouth sprang, um möglichst schnell wegzukommen. Allerdings: wohin? Denn die Marswesen schienen ja bereits die gesamte Ostküste zu kontrollieren. Nach Norden Richtung Kanada, in den Süden, gen Westen? Egal, Hauptsache erstmal weg von zu Hause, wo die Aliens sicher als nächstes auftauchen würden. Was für eine gewaltige Wirkung diese frei erfundene Geschichte ausgelöst hatte … die beiden Macher waren selbst völlig überrascht von der Wucht, die ihr frei erfundenes Märchen entfaltete:

    Das war für uns ein Schock, dass H.G. Wells‘ alter Klassiker, Vorbild für so viele Stories und sogar Comic Strips, bei den Hörern solche Reaktionen auslöste. Die Invasion von Mars-Monstern war für uns nur ein Märchen.“
    Orson Welles

    Dass die Zuhörer Fiktion und Realität nicht mehr unterscheiden konnten, lag u.a. daran, dass Welles eine neue Art der Einspielung benutzte:  Er nahm das Hörstück am Tag vorher auf und ließ es dann mit Musik unterlegen. Dadurch wirkten die Aufnahmen wie das normale Radioprogramm, in dem der Moderator ab und zu unterbricht, um die neusten Nachrichten zur Invasion zu verbreiten. Eine Falschnachricht im Gewand einer fingierten authentischen Reportage.

    Als die restliche Welt am Tag darauf von der Massenpanik erfuhr, schwankten die Reaktionen zwischen Gelächter, Betroffenheit und Schelte über die verlogene (Mainstream-) Presse:

    Der Grund für diese Furcht [vor Kriegen] liegt ausschließlich in einer ungezügelten, ebenso verlogenen wie niederträchtigen Pressehetze, in der Verbreitung übelster Pamphlete über fremde Staatsoberhäupter, in der künstlichen Panikmache, die am Ende so weit führt, daß selbst Interventionen von Planeten für möglich gehalten werden und zu heillosen Schreckensszenen führen.
    (c) Adolf Hitler (in seiner Reichtagsrede vom 28. Apr 1939)

    Fake News: So alt wie die Menschheit

    Nun sind Fake News ja keine Erfindung des Duos Welles und Koch. Die erste Fantasiegeschichte dürfte im Paläolithikum darin bestanden haben, dass unser Ururgroßvater Fred seiner Frau Wilma das unangekündigte Wegbleiben über Nacht gebärdenreich mit dem Satz erklärte: „Ich war da einem Riesenmammut auf der Spur“, anstatt ihr reinen Wein (den es damals natürlich noch nicht gab) einzuschenken: „Ich habe mich mit der hübschen Witwe Betty in der Nachbarhöhle vergnügt“. Diese Falschnachricht kennen wir allerdings einzig aufgrund mündlicher Überlieferung, weshalb wir nicht mit letzter Gewissheit beweisen können, ob sich die Story tatsächlich so oder eventuell doch leicht abweichend zugetragen hat. Etwas anders stellt sich die Sache mit der ersten schriftlich fixierten (Wand-) Zeitungsente der Geschichte dar. Zu bewundern als großformatiges Relief in einem Tempel im oberägyptischen Karnak. Pharao Ramses II widmete seine Niederlage – zumindest war es ein wenig zum Ruhm gereichender Rückzug – in der Schlacht bei Kadesch nachträglich in einen Sieg um. Der gottgleiche König als Bezwinger der barbarischen Hethiter. Ob ihm das die Priester, Generäle und hohen Beamtem abgekauft haben – geschenkt! Das Volk glaubte es. Und einzig darauf kam es bei dieser Realitätsklitterung an. Ramses regierte im Anschluss noch weitere sechs friedliche Jahrzehnte und wurde von der Nachwelt mit dem Titel „Der Große“ geehrt.

    Die Historie kennt zig Fake News, die zu fatal falschen Einschätzungen der Lage führten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang: Cäsars De bello gallico, in dem ein Ausrottungs- in einen Verteidigungskrieg umgewidmet wurde. Die konstantinische Schenkung, Marie-Antoinettes nie getätigter Ausspruch, „Dann sollen sie doch Kuchen essen“, die Protokolle der Weisen von Zion sind weitere bekanntere Beispiele für politische Manipulation und Propaganda. Zum Teil lange her, in dunklen Jahrhunderten geschehen, in Vergessenheit geraten und nur noch dem bekannt, der liest und sich für Geschichte interessiert. Wenn Sie es etwas aktueller haben möchten – voilà: Dolchstoß-Legende und Saddam Husseins nie gefundene Massenvernichtungswaffen.

    Sind wir klüger als unsere Ururgroßeltern?

    Welles‘ Hörstück von den menschenfressenden Marsbewohnern waberte hingegen erst vor achtzig Jahren durch den Äther: 1938. Geburtsstunde von Großtante Hildegard und des VW-Käfers. In der aufgeklärten US-amerikanischen Ostküstengesellschaft. Und selbst die fiel auf das Märchen rein. Befinden wir uns also, trotz Abitur, Studium und zwei Tageszeitungen im Abo, immer noch auf dem Bewusstseinslevel des mittelalterlichen oder gar steinzeitlichen Menschen? Können wir, obwohl wir den halben Tag in TV, Internet und Netflix rumzappen, geschickt zurechtgebogene Lügen nicht von der Wahrheit unterscheiden? Sind wir genauso leicht steuerbar wie der römische Plebs und die Untertanen von Ramses II? Sind wir ein knappes Jahrhundert nach der Alien-Massenpanik und geschult in Faschismus- & Kommunismuspropaganda heute wesentlich immuner gegen – z.T. hanebüchene – Fake News als unsere Vorfahren? Fallen wir nicht mehr auf „falsche“ Bilder und Erzählungen rein? Der Optimist in mir will JA rufen. Mein pessimistisches Ich hingegen sagt: Durchs weltweite Netz und dessen soziale Medien wird es ständig schlimmer mit unserer Leichtgläubigkeit. Und der Pessimist behält leider oft Recht.

    Als mir meine Großmutter – ob es die väterlicher- oder die mütterlicherseits gewesen war, habe ich leider vergessen  – in den 70ern lächelnd von der Naivität der Amerikaner und deren Marsmenschenparanoia erzählte, vergaß sie, von der deutschen Einfalt mit dem frei erfundenen polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz und dem Trugschluss, einem Gefreiten in einen nicht gewinnbaren Weltkrieg zu folgen, zu berichten. So fallen auf Fake News halt immer nur die anderen rein. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Hollywood und eine weitere Falschnachricht

    Den beiden jungen, experimentellen Radio-Machern gelang mit der fiktiven Reportage über eine Invasion, die einzig im Studio stattfand, der große Durchbruch. Orson Welles drehte im Anschluss Citizen Kane und Der dritte Mann. Koch schrieb das Drehbuch für Casablanca.

    Wem der Roman von H.G. Wells zu lang ist, dem empfehle ich die beiden Verfilmungen:
    Kampf der Welten (1953). Regie: Byron Haskin
    Krieg der Welten (2005). Regie: Steven Spielberg. Mit Tom Cruise in der Hauptrolle

    PS. einige Wissenschaftler behaupten übrigens, dass die US-Ostküsten-Alien-Massenpanik genauso frei erfunden sei wie die Handlung des Hörspiels. Da ich nicht dabei war, kann ich das nicht abschließend beurteilen. Sollten die Skeptiker Recht haben, dann würde es sich bei dieser Geschichte um eine doppelte Falschnachricht handeln.

  • Tanzverbot an Halloween?

    Tanzverbot an Halloween?

    »Wusstest du, dass an Halloween neuerdings Tanzverbot herrscht?«, fragt mein ältester Sohn.
    »Bitte?« Ich bin gerade mit dem Samstagmorgenhausputz beschäftigt, und der alte Staubsauger macht einen Höllenlärm.
    »AN HALLOWEEN DÜRFEN WIR NICHT MEHR TANZEN!«
    »Brauchst nicht so zu schreien. Bin ja nicht taub«, antworte ich und stelle den Staubsauer beiseite. »Liegt vermutlich daran, dass wir am Tag darauf Allerheiligen feiern.«
    »Kommt das immer direkt nach Halloween?«
    »Klar. Halloween bedeutet ja nichts anderes als Abend vor Allerheiligen.«
    »Und an Allerheiligen darf nicht getanzt werden?« Mein Ältester schaut mich ungläubig an.
    »Anscheinend nicht.«
    »Dann macht die Party gar keinen Spaß.«
    »Dafür bekommst du einen Feiertag geschenkt und kannst ausschlafen. Auch nicht so schlecht«, sage ich.
    »Warum können wir das nicht selbst bestimmen, ob wir feiern? Was mischt sich der Staat da ein?«

    Das alljährliche Tanzverbotsmimimi

    Nun ist mein Sohn mit seinem Wunsch nach 52×24/7 selbstbestimmtem Tanzen und (LAUT) Musikhören nicht alleine. Erregte Diskussionen über diese Frage kann man vor allem in der Woche vor Ostern verfolgen – das alljährliche Karfreitagstanzverbotmimimi. Und jetzt muss also aufgrund von Allerheiligen ebenfalls in der Nacht vom 31sten Oktober auf den 1sten November irgendwann die Musik runtergedreht werden. Dann ist das eben so. Mich juckt das nicht. Zum einen lege ich mich gewohnheitsmäßig gegen 24 Uhr ins Bett. Zum anderen mache ich mir aus Halloween Nullkommanichts, vom wirklich sehenswerten Carpenterfilm mit Jamie Lee Curtis mal abgesehen. Dieses aus den USA importierte [ich weiß, dass das Original aus Irland stammt. Brauchen Sie mir also nicht langatmig zu erklären] Konsumankurbelungsspektakel rangiert in meiner persönlichen Wertschätzungsskala auf demselben Level wie Cherry Coke und per App fernsteuerbare Jalousien. Braucht alles kein Mensch.

    An dieser Stelle lässt sich gut der Bogen schlagen zum Homo consumens & saltans 2.0. Diese postmoderne Spezies will alles überall verfügbar, zu jeder Tages- und Nachtzeit, schnell zu entsorgen, preiswert und vor allem selbstbestimmt. Als Highlights gelten Wochenendausflüge in Outletcenter, Kindergeburtstage bei McDonalds, All-inclusive-Urlaube an der türkischen Riviera und Flatsaufen in Diskotheken. Versuchen Sie mal, mit diesen Menschen über die Schönheit der Sonntagsruhe zu diskutieren. Die Entschleunigung, die an diesem Tag eintritt. Zeit, um spazieren zu gehen, oder auf einer Parkbank ein Buch zu lesen. »Das können Sie alter Langweiler gerne tun. Aber ich will auch am Wochenende shoppen und nachts sowieso. Damit kurbele ich die Wirtschaft an, wovon Sie keine Ahnung haben«, wird der Homo consumens erwidern. Und ich frage mich wiederum, was um Himmelswillen benötigt man an Feiertagen und nachts so dringend, dass dafür die Supermärkte 24/7 geöffnet haben müssen? Spontan fallen mir nur Präservative und (für Alkoholiker) Wodka ein. Alles andere lässt sich doch prima werktags zwischen 7 und 21 Uhr einkaufen.

    Religion ist Privatsache und tanzen tue ich, wann es mir passt

    Tanzen wiederum dürfen Sie an 360 Tagen/ Jahr. Reicht das nicht? Müssen es tatsächlich 365 sein? Weil Religion Privatsache ist, antworten Sie? Stimmt; aber trotzdem kann man ja aus Rücksicht anderen gegenüber auch mal für kurze Zeit mit Spaß und Lärm innehalten. Warum gönnen Sie sich und uns nicht mal eine kurze Verschnaufpause? Oder geht’s bloß ums Prinzip? Das Ich-bestimme-selbst-was-gut-für-mich-ist-Mantra und lasse mir dabei von niemandem reinreden. Von der Kirche schon gar nicht. Es ist übrigens dieselbe Kirche, die Sie mitunter für Taufe, Kommunion/ Konfirmation, Hochzeiten und die Trauerfeier von Oma Gertrud nutzen. Natürlich selbstbestimmt, sobald es IHNEN in den Kram passt. Das ist was völlig anderes, meinen Sie? Na ja, konsequent wäre es m.E., wenn Sie als aufgeklärter Atheist, der Sie auf die Religion pfeifen, dann auch auf die damit verbundenen Feiertage verzichteten und sich an Ihren Büroschreibtisch setzten, anstatt Allerheiligen bis mittags im Bett rumzulümmeln und im Anschluss in Roermond nach günstigen Weihnachtsgeschenken zu suchen.

    Der Hirsch als übellauniger Misanthrop und Minimalist hat gut reden, sagen Sie? Der braucht ja nichts außer Schreibtisch, Laptop, mittags eine Dose Ravioli, und zum Lachen geht der am liebsten auf den Friedhof. Was versteht der schon vom berauschenden Freiheitsgefühl des 24/7-Shoppens und 365-Tage-Partymarathons? Da haben Sie natürlich Recht. Mir reichen tatsächlich oft Laptop und Ravioli (mit Tabasco verfeinert, schmecken die gar nicht schlecht) Aber ich bin halt auch kein Homo consumens 2.0, und nehme am Sonntag lieber einen guten Roman in die Hand, als im Rewe Zahnpasta und Toastbrot zu besorgen. Das tue ich nämlich bereits am Freitagabend, weil mir Wochenendsupermarktbesuche ein Gräuel sind.

    Um nun zum Schluss der Kolumne Entwarnung zu geben: Das Allerheiligen-Tanzverbot tritt in Rheinland-Pfalz um 4h morgens und in Nordrhein-Westfalen sogar erst um 5h in Kraft. Bis dahin darf also fröhlich gefeiert, Halloween-gelärmt und dem Nachbarn vor die Haustür gekotzt werden.

  • Wiederholt sich 1930?

    Wiederholt sich 1930?

    Vor einigen Tagen habe ich mal wieder Sebastian Haffners kurzes, von Anfang bis Ende knackig formuliertes Buch „Anmerkungen zu Hitler“ in die Hand genommen und an einem verregneten Wochenende in einem Rutsch durchgelesen. Bereits zum dritten Mal. Zuerst zum Abitur hin Anfang der 80er. Erneut vor zehn Jahren in einer Alki-Klinik, wo ich aufgrund von 25 Valium, die wie träge pharmazeutische U-Boote in meiner Blutbahn dümpelten, hinsichtlich Aufnahme- und Merkfähigkeit doch arg verlangsamt war. Es fühlte sich deshalb wie Neuland an, als ich den kleinen Band am vergangenen Samstag aus dem Regal rausfischte, wo er seit meiner Rückkehr aus der Geschlossenen vor sich hinstaubte.

    Die TB-Ausgabe von Kindler umfasst 200 Seiten, gegliedert in sieben Kapitel: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat.

    Aufgrund des seit fünf Jahren zu beobachtenden Aufstiegs einer Rechtsaußengruppierung, die 2013 von ein paar europakritischen VWL-Professoren als Anti-Euro-Partei ins Leben gerufen und kurze Zeit später von konservativ-nationalen bis hin zu völkischen Kräften gekapert wurde, interessierte ich mich besonders für die Passagen, in denen Haffner die der Machtergreifung vorangehenden Jahre seziert. Die Frage – genauer gesagt: die Sorge – die mich umtreibt lautet: Kann sich sowas wie 1933 bei uns in Deutschland wiederholen? Bzw. erleben wir im Moment eine ähnliche Vorgeschichte wie die, die damals das Finale der Weimarer Republik einläutete?

    Groko wackelt – extreme Ränder erstarken

    Im Kapitel „Erfolge“ führt Haffner dazu aus:

    Sie (die stabile Phase der Weimarer Republik … Anm. d. Verf.) hielt vor, solange (von 1925 bis 28) eine Mitte-Rechts-Koalition aus Katholiken, Rechtsliberalen und Konservativen die Reichsregierung bildete. Damit war vorübergehend das staatstragende Parteiensystem zum ersten und einzigen Mal auf die ganze Breite des Rechts-Links-Spektrums ausgedehnt …. denn an der Staatstreue der nunmehrigen Opposition aus Sozialdemokraten und Linksliberalen war ohnehin nicht zu zweifeln.

    Aber das blieb Episode. Als 1928 die Reichsregierung die Wahlen verlor und, zum ersten Mal seit 1920, ein Sozialdemokrat wieder Reichskanzler wurde, war alles schon wieder verloren. Die Konservativen – unter einem neuen Führer Hugenberg – gingen wieder auf stramm antirepublikanischen Kurs … So etwas wie das Wahlergebnis von 1928 sollte der Rechten nie wieder passieren können, die Regierung – eine ewige Rechtsregierung – sollte von Parlament und Wahlen unabhängig gemacht werden … die Parlamentsherrschaft sollte weg, ein Präsidialsystem her.

    Im Zuge der Ende 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise, die Deutschland besonders schwer trifft, zerbricht im März 1930 die Große Koalition (SPD, Zentrum, DVP und DDP) über der Frage, wie die Lasten der unter Kostendruck geratenen Arbeitslosenversicherung gerecht verteilt werden können. Kanzler Müller (SPD) tritt zurück; sein Nachfolger Brüning (Zentrum) regiert mittels Notverordnungen. Bei den vorgezogenen Wahlen im September 30 erzielt die NSDAP mit 18,3 Prozent das zweitbeste Ergebnis aller angetretenen Parteien.* Brüning wurschtelt sich – mal mehr, mal weniger von den konservativen Fraktionen unterstützt – bis zum Mai 1932 durch. Dann ist er mit Latein, Spardiktat und Notverordnungen am Ende.

    Ihm folgen mit jeweils kurzen Gastspielen von Papen und Schleicher, deren Hauptaugenmerk statt auf die Mühen des politischen Tagesgeschäfts vor allem auf den Umbau der parlamentarischen Demokratie in eine Präsidialdiktatur gerichtet ist. Bei der – wiederum vorgezogenen – Wahl im Juli 32 verdoppeln die Nationalsozialisten ihren Stimmenanteil auf 37,3 Prozent und stellen nun die stärkste Fraktion im Reichstag. Ohne die Erzdemokratiehasser geht nichts mehr in Berlin. Papen, der gerade Schleicher gestürzt hat, verfällt auf die glorreiche Idee, sich Hitler als Juniorpartner anzudienen. Allerdings mit der Vorgabe, dass bloß drei Nationalsozialisten dem Kabinett angehören dürfen. Der Rest der Mannschaft solle aus DNVP-Ministern bestehen. Bei diesem Schachzug spekuliert man darauf, Hitler einzurahmen und zu befrieden. Der, wissend, dass er den längeren Atem und die besseren Karten besitzt, lässt sich auf den Deal ein. Hindenburg – zugegebenermaßen etwas widerwillig – ernennt den böhmischen Gefreiten zum Kanzler, zwei Tage darauf wird der Reichstag aufgelöst. Etappe 1 der Machtergreifung erfolgreich abgeschlossen. Der Rest, der jetzt zwölf Jahre lang folgt, ist allseits bekannte Zombieapokalypse.

    Hitler käme heute in modernem Gewand daher

    Das kann man nicht miteinander vergleichen, meinen Sie? Geschichte wiederholt sich nicht, schieben Sie noch hinterher? Ja und nein, antworte ich. Natürlich wiederholt sich Geschichte nie eins zu eins. Auch Hitler, erwachte er morgen aus dem künstlichen Kälteschlaf, in dem er seit 1945 in einem streng geheimen CIA-Labor im paraguayanischen Urwald gehalten wird, ginge im Herbst 2018, nachdem er gefrühstückt und die Tageszeitung gelesen hat, den Sturz der Demokratie auf modernen Wegen an. Allerdings würde er sich bei seiner Mission Tyrannis 2.0 ebenfalls hin und wieder probater Mittel aus Weimar bedienen.

    Zurück zur Ausgangsfrage: Können sich 1930, 32 und 33 in Deutschland wiederholen? Ähneln sich die Umfeldparameter?

    Der damaligen Massenarbeitslosigkeit und den Suppenküchen würden heute Dauer-Hartz4-Prekariat und Discounter-Tiefkühlpizzen entsprechen. Die Wut auf die Versailler Verträge korrespondiert mit dem Hass auf die EU und ihre undurchschaubare Bürokratie. Die Groko lag in Weimar genauso wie heute in Berlin in Scherben. Mit etwas Kopfkino gelingt es mir, Seehofer als Reinkarnation Hugenbergs zu begreifen. Die CSU streift das lästig gewordene C ab und wandelt sich zur DNVP, die endlich keinerlei Berührungsängste mit der extremen Rechten mehr zeigen muss. Sachsens CDU macht ja bereits erste Avancen in Richtung möglicher Koalitionen auf Landesebene. ZU weit hergeholt, unterbrechen Sie mich? Vielleicht haben Sie recht. Aber hin und wieder überkommt mich abgrundtiefer Pessimismus, wenn ich zu lange in Facebook unterwegs bin.

    Wiederholt sich Geschichte?

    Hören wir, was Haffner dazu sagt:

    Man fragt oft: Würde ein Hitler dieselbe Chance wie 1930 haben, wenn er heute in der Bundesrepublik aufträte – besonders wenn Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit ein ähnliches Ausmaß gewönnen wie damals in der Weimarer Republik?

    Die Antwort folgt einen Absatz später:

    Nein, Hitler würde nicht dieselbe Chance haben, und zwar deswegen nicht, weil es in der Bundesrepublik keine staatsablehnende Rechte gibt, die den Staat vorbereitend für ihn zu zerstören bereit wäre.

    Die Erklärung für diesen, uns Wohlstandskindern fremd anmutenden, Gedanken liefert Haffner sofort:

    Ein Staat zerfällt ja nicht ohne weiteres durch Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, sonst hätte zum Beispiel auch das Amerika der Großen Depression … zerfallen müssen. Die Weimarer Republik ist nicht durch Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit zerstört worden, obwohl sie natürlich zur Untergangsstimmung beigetragen haben, sondern durch die schon vorher einsetzende Entschlossenheit der Weimarer Rechten, den parlamentarischen Staat zugunsten eines unklar konzipierten autoritären Staats abzuschaffen. Sie (die Republik) ist auch nicht durch Hitler zerstört worden, Er fand sie schon zerstört vor, als er Reichskanzler wurde, und er entmachtete nur die, die sie zerstört hatten.

    Das ist ja erstmal beruhigend, denke ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. Die Rechten müssen unsere Institutionen entern und die wichtigen Schaltstellen besetzen, bevor sie den Staat von innen heraus zerschreddern können. Das kann ja noch ewig dauern. Bis es soweit ist, liege ich friedlich in einem anonymen Grab auf dem schönen Poppelsdorfer Friedhof in Bonn. Aber, aber, was weiß ich, wie weit die Infiltration inzwischen schon vorangeschritten ist? Lange genug an der Macht waren die Konservativen ja seit Kohls geistig-moralischer Wende 1982. Knapp vier Jahrzehnte müssten reichen, um einige Behörden von links auf rechts umzukrempeln. Unübersehbar ist die Sehnsucht der Spahns, Dobrindts und Kretschmers nach einem kräftigen Rechtsschwenk, sobald die ewige Merkel demnächst Geschichte sein wird. Der Kampfruf lautet: Konservative Revolution. Weg mit den 68ern! Mit Volldampf zurück in die Heile-50er Jahre-Romantik, als Männer noch Männer sein durften, Schwulsein verboten war und man nicht ständig an die Gräuel des Nationalsozialismus erinnert wurde. Weitgehend ungestört von der Opposition, denn die wäre schwach und großenteils mit sich selbst beschäftigt. Darauf zu wetten, dass sich die SPD bei der nächsten Bundestagswahl wieder kraftvoll aus ihrem Jammertal erhebt, ist genauso riskant, wie auf Köln als übernächsten Deutschen Meister zu tippen.

    Wie wär’s für den Übergang mit einem Kabinett der nationalen Wiedergeburt, angeführt von einem Kanzler Spahn, assistiert von einer Innenministerin v. Storch und einem Chefdiplomaten, der gerne Krawatten mit Hundemuster trägt? Jetzt schwelgen Sie aber in Fieberträumen, Herr Kolumnist, rufen Sie? Mag durchaus so sein. Ich messe mir gleich mal vorsichtshalber die Temperatur.

    Von der Vergleichbarkeit des vermeintlich Unvergleichbaren

    Um jetzt aber endlich zum Ende dieser Kolumne zu gelangen, wissend , dass lange Texte die Leser nur unnötig anstrengen – lassen sich die Stationen, die das Ende der Weimarer Republik einläuteten und die Situation heute miteinander vergleichen? Bzw. ähneln sie sich? Vergleichen kann man natürlich beinahe alles miteinander. So auch das Auseinanderbrechen der Groko 1930 mit dem desolaten Zustand der aktuellen Neuauflage, Seehofer oder seinen jüngeren Alter ego Dobrindt mit Hugenberg oder die AfD mit den italienischen Faschisten. Wenngleich der erstgenannten Truppe bisher begnadete Rhetoriker vom Format Mussolinis und Goebbels – vom diabolischen Charisma Hitlers ganz zu schweigen – völlig abgehen. Ein Höcke macht noch keine Machtergreifung. Gottseidank! Ob das bloß fruchtlose Gedankenspiele sind, hängt vom politischen Standpunkt des Betrachters ab. Für die einen bedeuten zwanzig Prozent Rechtspopulisten im Parlament eine erfrischende Abwechslung, für mich hingegen eine tägliche Bedrohung. Halt, wie so vieles im Leben, eine Sache der individuellen Grundausrichtung. Worüber ich mich nämlich keinerlei Illusion hingebe, ist der Umstand, dass ein Fünftel meiner Mitbürger reaktionär und demokratiefeindlich eingestellt ist. Tendenz im Moment weiter steigend.

    Deshalb hier mein Kompromissvorschlag: Ausgangslagen und handelnde Akteure sind bei streng wissenschaftlicher Betrachtung unterschiedlich. Für einen fantasiebegabten Kolumnisten hingegen schimmern jede Menge Parallelen durch. Ich hoffe, Sie können mit diesem Mittelweg leben. Also, ich kann’s.

    Was ich aber genau weiß: Sollte ich eines Morgens aufwachen und im Radio die Nachricht hören: „Kanzler Spahn gestürzt. Weidel folgt ihm nach und löst als erste Amtshandlung zum Schutz des Volkes den Bundestag auf“, werde ich mich noch am selben Tag auf den Weg zur nächstgelegenen Geschäftsstelle der Antifa machen. Wenn es dann dafür nicht bereits zu spät ist.

    * Nachtrag: Gemäß aktueller Sonntagsumfrage erzielt die AfD auf Bundesebene 17%, überholt die SPD und würde mit diesem Stimmenanteil die zweitstärkste Fraktion im BT stellen. Die Groko landet addiert bei 43% und entfernt sich mit jedem Tag ihres Fortbestehens weiter vom Mehrheitswillen der wählenden Bevölkerung.
    ……………………………………………….

    Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. 4te Aufl., 1978, Verlag Kindler.

    Hier geht’s zur Replik von Leonid Luks

  • „Ich trage Kopftuch. Na und?“

    „Ich trage Kopftuch. Na und?“

    Solange unsere Mütter und Großmütter in deutschen Krankenhäusern putzten und in Großküchen Kartoffeln schnibbelten, hat sich kein Mensch für das Kopftuch interessiert. Erst jetzt, wo eine selbstbewusste Generation junger Muslima mit Kopftuch in den Universitätsvorlesungen sitzt und in akademische Berufe drängt, wird dieser kleine Fetzen Stoff zum Riesenthema aufgebauscht.
    (c) Raja A. (33 Jahre, Rechtsanwältin)

    Es ist ein schöner Spätsommertag, an dem Raja A. und ich uns für ein Interview verabreden. Wir arbeiten gemeinsam in einer auf Verbraucherschutz spezialisierten Düsseldorfer Kanzlei. Sie als Anwältin im Bereich Mandanten-Support, ich als Mann fürs Kaufmännische, der für sämtliche Zahlen zuständig ist, auf die Juristen bekanntermaßen keine Lust verspüren. Raja stieß vor zwei Monaten zu uns, ist ein quirliger, fröhlicher Typ. Worte und Sätze sprudeln unaufhörlich aus der zierlichen Person heraus. Ich taxiere sie auf die doppelte Sprechgeschwindigkeit im Vergleich zu meiner. Raja erscheint jeden Tag mit einem andersfarbenen Kopftuch, muss ein paar Dutzend dieser Stoffteile besitzen. Sie trägt es in der Variante Hidschab. Das ist ein langer Schal, der um Hals und Kopf geschlungen wird und dabei Haare, Ohren, Schultern und Ausschnitt bedeckt. Immer modisch abgestimmt auf den Rest der Kleidung. Sie ist Deutsche mit marokkanischen Wurzeln – der Begriff „Migrationshintergrund“ klingt ihr zu bürokratisch –, zweite Generation. Die Familie stammt aus Tanger; mir bestens bekannt als Schauplatz von Teil 3 der Bourne-Trilogie. Raja spricht Deutsch als Muttersprache und beherrscht ebenfalls den marokkanischen Dialekt des Arabischen. In ihrer Freizeit reist sie gerne und hält sich abends nach dem Job in einem Sportstudio fit.

    Wir nutzen die Mittagspause, um uns auf einer Parkbank im Benrather Schlosspark über das Kopftuch, die Beweggründe, es zu tragen und ihre Erfahrungen mit Diskriminierung zu unterhalten.
    —-

    Hir: Raja, lass mich mit dieser Frage beginnen: Trägst du das Kopftuch aus Familientradition oder aus religiöser Überzeugung?

    Raja A.: Das Kopftuch ist für mich kein Symbol, sondern ein Teil meiner religiösen Identität. Ich habe mich mit 23 dafür entschieden, es zu tragen. Vorher hatte ich mich intensiv mit den religiösen Geboten meines Glaubens beschäftigt. Es gab keinerlei familiären Druck, es zu tun. Meine Schwester und meine Schwägerin tragen es nicht. Für mich persönlich hat das nichts mit familiären oder traditionellen Strukturen zu tun, sondern es ist meine freie Entscheidung aufgrund religiöser Überzeugung.

    Hir: Könntest du das bitte nochmal etwas präzisieren. Womit könnte man das bei einem Christen vergleichen?

    Raja A.: Das Kopftuch hat viel mit religiösen Werten zu tun: Frömmigkeit, Zufriedenheit, Bescheidenheit. Das Kopftuch vermittelt diese Werte, gibt mir einen gewissen Schutz, gibt Distanz zu gewissen Sachen.

    Hir: meint genau was?

    Raja A.: Mit einem Kopftuch würde man nicht unbedingt an einer Stange tanzen. Es gibt Schutz vor dem eigenen Ich, bedeutet Keuschheit. Es bedeckt einen Teil meiner Schönheit, gibt mir Respekt vor meiner eigenen Schönheit.

    Hir: Kennst du irgendwas im Christentum, das damit korrespondiert?

    Raja A.: Bei Frauen nein. Im modernen Christentum ist mir kein Gebot bekannt, das Frauen auferlegt, sich zu bedecken. Existiert aber im Judentum. Auch hier bedecken sich die Frauen mitunter mit einem Schleier.

    Hir: Das zugrundeliegende Gebot heißt wie?

    Raja A.: Bedecke deine Haare, Schultern und Brüste mit einem Schleier.

    Hir: Dieses Gebot entstammt direkt dem Koran?

    Raja A.: Ja … in den Hadhiten wird nur beschrieben, wie sich die Frauen in der frühislamischen Zeit kleideten. Das zugrundeliegende Gebot steht aber im Koran selbst.

    Viel freierer Umgang mit dem Thema in Großbritannien

    Hir: Warum hast du diese Entscheidung gerade mit 23 getroffen? Weshalb nicht früher oder später?

    Raja A.: Der Entschluss reifte in mir während meines Jurastudiums. Im Sommer 2008 unternahm ich dann mit einer muslimischen Jugendgruppe eine Reise nach England. Speziell während unseres Aufenthalts in London bemerkte ich, dass dort viel freier mit dem Thema Kopftuch umgegangen wurde als bei uns. Niemand schien sich darum zu scheren. Keine komischen Blicke wie in Deutschland. Sogar auf Plakaten wurde mit Kopftuch tragenden Frauen geworben. Sowas kannte ich aus der Heimat überhaupt nicht. Als gläubige Muslima, die ich damals schon war, war das das letzte Puzzlestück, das mir zu meiner endgültigen Entscheidung gefehlt hatte. Mich überkam während dieser Reise das starke Gefühl: Das ist jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu tragen.

    Hir: Was bedeutet gläubig für dich sonst noch?

    Raja A.: Meine persönliche Interpretation von Glauben lautet: Den Glauben den man gewählt hat ganzheitlich zu leben. Güte, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Zufriedenheit, mit Bedürftigen teilen, Engagement für Tiere … ich bin Vegetarierin.

    Die 5 Pflichtelemente des Islams lauten: Glaube an den einzigen Gott und an seinen letzten Propheten, fünf Mal am Tag beten, Fasten im Ramadan, spenden und pilgern.

    Für mich ist es wichtig, ein ehrlicher Mensch zu sein und durch mein Dasein die Welt etwas besser zu machen.

    Bei diesen Werten gibt es sehr viele Gemeinsamkeiten mit anderen Religionen und Kulturen.

    Ich persönlich habe mich mit 18 für den religiösen Weg entschieden.

    Hir: Deine Mutter trägt Kopftuch?

    Raja A.: Ja. Aber erst seit ihrem 40sten Lebensjahr.

    Hir: Was ist gut am Kopftuch? Bietet es beispielsweise Schutz vor ungewollter männlicher Anmache?

    Raja A.: Das Kopftuch ist eher ein Schutz vor mir selbst als den Männern gegenüber. Das Kopftuch schützt mich nicht davor, ob mich ein Mann attraktiv findet oder nicht. Es ist abhängig von meinem Verhalten – egal, ob ich Kopftuch trage oder nicht – wie ich auf Männer wirke.

    Es ist für mich ein guter Reminder, ich werde täglich daran erinnert, wer ich bin; sicherlich hat es auch Einfluss auf mein Verhalten.

    Hir: Würdest du dich in der Interaktion Frau-Mann anders verhalten, wenn du dein Haar offen trügst?

    Raja A.: Ich glaube nicht. Das Kopftuch entscheidet nicht darüber, wie meine Interaktion mit Menschen geschieht. Meine Werte bestimmen mein Verhalten und die Interaktion mit anderen Menschen.

    Im Referendariat war’s am Schlimmsten

    Hir: Du gibst das Stichwort zu meiner nächsten Frage: Fühlst du dich durch das Kopftuch diskriminiert?

    Raja A.: Ja! Auf vielen Gebieten. Z.B. auf dem Arbeitsmarkt. Viele Arbeitgeber in Deutschland sind nach wie vor nicht bereit, eine Frau mit Kopftuch einzustellen. Und das liegt vor allem daran, dass wir nicht genügend über das Kopftuch aufklären.

    Bei den Vorstellungsgesprächen wird einzig auf das Tuch gestarrt. Und mein Lebenslauf und meine Zeugnisse gar nicht beachtet. Dann wird gesagt: »Das passt nicht zu unserem Frauenbild«. Und das ist patriarchalisches Denken. Es wird nicht mit den Frauen geredet, die Kopftuch tragen, sondern es wird über sie geredet. Es wird mit den Leuten diskutiert, die es nicht tragen, und die keine Ahnung vom Islam haben. Und das kann nicht Sinn der Sache sein.

    Hir: Kannst du das noch etwas detaillierter schildern?

    Raja A.: Ich ernte abwertende Blicke, wenn ich einen Raum betrete. Die Leute schauen erstaunt, weil sie aufgrund des Telefonats eine blonde, blauäugige Deutsche erwartet hatten und nun erscheint eine Kopftuch tragende Frau, der man die ausländische Herkunft ansieht, zum Gespräch. Oder aber man sagt zu mir: »Frau A., gerne können Sie bei uns beginnen. Dann aber ohne Kopftuch«.

    Hir: Hast du ein paar weitere Situationen für uns, in denen du dich wegen des Kopftuchs benachteiligt fühltest?

    Raja A.: Eine Kopftuch tragende Frau erfährt in der deutschen Gesellschaft oft Ablehnung. Sie wird schnell in die schlecht Deutsch sprechende, unterdrückte Schublade einsortiert.

    Mein bisher schlimmstes Erlebnis war die Referendarstation bei der Staatsanwaltschaft. Mein Ausbilder – ein älterer Herr Mitte 50 – empfängt mich mit den Worten: »So nicht!«
    Ich antworte völlig überrascht: »Wie bitte?«
    Darauf er: »Das ist ja eine Frechheit mit Ihrem Kopftuch.«
    Ich antworte: »Das wird schwierig mit uns beiden werden, denn ausziehen werde ich es auf keinen Fall«.

    Er bringt dann das Beispiel mit den Lehrerinnen, denen das ja auch untersagt sei. Woraufhin ich ihm erkläre, dass das überhaupt nicht stimmt. Es gibt eine Gymnasiallehrerin, die heißt Fereshta Ludin, die wegen ihres Berufsverbots bis zum Bundesverfassungsgericht klagte. Das Gericht erklärte, dass ein generelles Verbot einzig für Kopftuchträgerinnen nicht haltbar wäre. Es sei zudem Ländersache, inwieweit Gesetze erlassen werden, um sämtliche religiösen Symbole zu unterbinden.

    Um zum Ausbilder in der Staatsanwaltschaft zurückzukommen: Ich habe dann bei ihm trotzdem meine Wahlstation gemacht. Durfte allerdings nicht vor Gericht plädieren. Als Begründung wurde ich gefragt: »Wie soll sich denn der Angeklagte fühlen, wenn er sich mit einer Staatsanwältin konfrontiert sieht, die Kopftuch trägt?« Was für ein fadenscheiniger Unsinn! Der Angeklagte ist ein Betrüger, Vergewaltiger oder Mörder, eben jemand, dem eine x-beliebige Straftat vorgeworfen wird. Und er bekommt Angst vor einer Kopftuch tragenden Staatsanwältin? Eine völlig willkürliche Argumentation des Chefs, der jede Grundlage in den Verwaltungsvorschriften fehlte.

    Diese Station war für mich damals psychisch sehr belastend, weil ich die Ablehnung dort täglich zu spüren bekam. Jeden Morgen, wenn ich ins Büro aufbrach, wusste ich schon auf der Hinfahrt, dass es ein emotional unschöner Arbeitstag werden würde.

    Hir: Gab’s da nicht auch eine Geschichte im Fitnesscenter?

    Raja A.: (lacht) Du hast ein gutes Gedächtnis. Ja, davon hatte ich dir schon mal erzählt … vor einigen Jahren begleitete ich eine Freundin in deren Sportstudio und wollte ein Probetraining absolvieren. Erst war alles okay mit mir und Kopftuch. Bis sich plötzlich ein älterer Mann bei der Studioleitung über mich beschwerte. Die zitierte mich zu sich und erklärte mir, dass man mit Kopftuch nicht trainieren dürfte. »Warum?«, fragte ich. »Das steht so in der Hausordnung«, bekam ich zur Antwort. »Dann möchte ich diese Hausordnung mal sehen«, verlangte ich. Als Juristin sind solche Sachen ja ein gefundenes Fressen für mich. Es stand natürlich nicht drin. Weshalb auch? Ich wollte daraufhin das Training fortsetzen. Das wurde mir aber nicht gestattet, ich bekam Hausverbot. Das muss man sich mal vorstellen: Rassentrennung in einem deutschen Sportstudio.

    Hir: Wie ging die Angelegenheit aus?

    Raja A.: Ich habe mit Leserbrief an die Zeitung gedroht und das Studio verlassen. Habe den Brief zwar nie geschrieben, mich allerdings in einem anderen Studio, in dem man mit dem Kopftuch keine Probleme hat, angemeldet. Ich meine, es gibt einige Spitzensportlerinnen, die das Tuch sogar bei Wettkämpfen tragen, und da soll es in einem Wuppertaler Fitnesscenter nicht möglich sein? In welchem dunklen Jahrhundert leben wir?

    Der Staat soll sich nicht in die Kleidung seiner Bürger einmischen

    Hir: Was wäre, wenn das Tragen in Deutschland verboten würde? Wie würdest du reagieren?

    Raja A.: Ich würde mich mit allen mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln dagegen wehren.
    Ein Verbot würde für mich bedeuten, dass ich in Deutschland nicht mehr leben kann, da muslimisches Leben eingeschränkt und für mich nicht mehr möglich wäre.

    Artikel 4 unseres Grundgesetzes sichert die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Man darf glauben, was man will und sich natürlich ebenfalls entsprechend kleiden. Das Kopftuchtragen muslimischer Frauen ist von der Verfassung geschützt, und es handelt sich um ein hohes Gut, mit dem wir insbesondere auch die Religionsfreiheit der Minderheiten schützen.

    Hir: Solltest du mal Töchter haben – müssten die das Kopftuch tragen?

    Raja A.: Bei Erziehung denke ich nicht an müssen oder nicht-müssen, sondern an eine Begleitung auf Augenhöhe. Meine Töchter können und sollen sich frei entscheiden. Aber das könnte eventuell auch schon früh passieren. Ich möchte gerne meine Kinder dabei begleiten, selbstbewusste und selbstbestimmte Menschen zu werden.

    Hir: Wenn wir mal an das Mobbing in Kindergarten und Grundschule denken – wäre es nicht besser, falls die Entscheidung erst mit 14, 16 oder 18 fiele?

    Raja A.: Kinder mobben nicht. Sie sind ein Spiegelbild ihrer Eltern. Man kann – auch kleine – Kinder über das Kopftuch sehr gut mit pädagogischen Mitteln aufklären. Dann würde auch nicht gemobbt.

    Der Gesetzgeber soll Kleidung – auch für Kinder – nicht vorschreiben oder verbieten. Der Erziehungsauftrag liegt in erster Linie bei den Eltern.

    Hir: Was ist mit gemeinsamem Sportunterricht?

    Raja A.: Erlaubt. Ich selber mache jeden Sport mit. Ich trage allerdings die Islam-übliche Kleidung dabei.

    Hir: Und das besonders diskutierte gemeinsame Schwimmen?

    Raja A.:Trage ich Kopftuch, dann wähle ich den Burkini. Trage ich keins, dann ist auch ein herkömmlicher Badeanzug in Ordnung.

    Das Kopftuch bedeutet auch Befreiung

    Hir: Siehst du das Kopftuch nicht manchmal insgeheim doch als Symbol männlicher Machtstrukturen?

    Raja A.: Nein ich sehe das nicht so. Das Kopftuch ist Ausdruck individueller Religiosität und hat an sich nichts mit patriarchalischen Machtstrukturen zu tun. Sicherlich kann es wie alle anderen Mittel, Normen oder Haltungen für solche missbraucht werden.

    Die Benachteiligung der Frau, auch im Westen, besteht für mich beispielsweise darin, dass wir Frauen weniger Geld verdienen bei gleicher Arbeit und das völlig unabhängig davon, ob wir ein Kopftuch aufhaben oder nicht.

    Hir: Wie hältst du es mit der Burka?

    Raja A.: Die Burka gründet für mich auf keiner religiösen Pflicht. Sie wirkt auch auf mich befremdlich, bewirkt große Distanz zur Trägerin.

    Trotzdem bin ich gegen ein Verbot. Eine demokratische Gesellschaft muss das aushalten. Es gibt einige, die sich ne Menge ausziehen und andere, die sich viel Stoff anziehen möchten. Beides muss möglich sein.

    Hir: Lass uns zum Schluss hin noch auf einen besonders sensiblen Punkt kommen. Stehen deiner Meinung nach streng religiöse Menschen überhaupt noch auf dem Boden der Verfassung? Überlagern im Zweifelsfall göttliche Gebote die weltliche Gesetzgebung?

    Raja A.: Ich bin stolze deutsche Bürgerin und bin stolz auf unser Grundgesetz. Ich möchte nur in einer Demokratie mit funktionierender Gewaltenteilung leben. Für die verfassungsrechtlichen Werte stehe ich komplett ein. Diese Verfassung gewährt mir, meinen Glauben frei auszuüben und gleichzeitig gebietet mir meine Religion, dass ich die Gesetze des Landes einzuhalten habe, in dem ich lebe.

    Hir: Wie siehst du dich selbst als zweite Genration in unserem Land?

    Raja A. Ich bin Deutsche mit marokkanischen Wurzeln. Den Begriff „Migrationshintergrund“ mag ich nicht. Meines Erachtens ist der Begriff durch die überbordenden Debatten negativ behaftet. Und lass mich zum Schluss noch Folgendes sagen: Wir jungen Muslima fühlen uns mit Kopftuch frei und selbstbestimmt. Unser Gefühl mit dem Tuch weicht stark von der Einstellung unserer Mütter und Großmütter ab.

    Hir: Raja, herzlichen Dank für das ausführliche und sehr offene Gespräch!

    Das Interview wurde geführt am 14. Sept. 2018 in Düsseldorf-Benrath.

    Mit Dank an Katja Thorwarth, die mich bei der Zusammenstellung des Fragenkatalogs beraten hatte

  • Chemnitz – Fanal oder Menetekel?

    Chemnitz – Fanal oder Menetekel?

    Die Szenen, die sich vergangenen Sonntag und Montag in Chemnitz zutrugen, kann man holzschnittartig so beschreiben: Brauner Mob – überwiegend männlich, zum Teil (stark) alkoholisiert – übernimmt für einige Stunden die Regie auf den zentralen Plätzen und Straßen der drittgrößten Stadt Sachsens. Polizei in zu geringer Mannschaftsstärke angerückt lässt die Rechtsradikalen gewähren, ist mit der Situation sichtlich überfordert. Die Hooligans – anscheinend selbst überrascht von der Passivität der Staatsmacht – begnügen sich mit Skandieren rassistischer Parolen, Pöbeln, Zeigen des Hitlergrußes, machohaften Drohgebärden gegenüber Ausländern und einer kleinen Treibjagd auf Migranten. Am Ende des traurigen Schauspiels sind alle froh, dass außer ein paar vollgekotzten Bürgersteigen, angepinkelten Häuserwänden und zerdöpperten Schaufensterscheiben nichts weiter Dramatisches in diesen 48 Stunden passiert ist. Halt eine der im Jahresturnus irgendwo in der Republik aufpoppenden Neonazi-Demos. Schulterzucken, Verweis auf die statistische Wahrscheinlichkeit, Weitermachen im Tagesgeschäft, Sachsen und die Sachsen dürfen in Ruhe weiterwurschteln und wutbürgern. Alles schon erlebt, Heidenau und Hoyerswerda grüßen. Trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück. Irgendwas ist anders als sonst. Aber was?

    Geheuchelte Krokodilstränen – Trauer sieht anders aus

    Über den fadenscheinigen Auslöser brauchen wir nicht zu sprechen. Der gewaltsame Tod eines Deutschen, geschehen am Samstagabend – der Tat dringend verdächtig sind ein Syrer und ein Iraker – am Rande des Chemnitzer Stadtfestes. Die beiden jungen Männer wurden binnen weniger Stunden gefasst und von der Justiz einkassiert. Dass die Behörden nicht rasch handeln oder gar auf dem Flüchtlingsauge blind sind, konnte man also definitiv nicht behaupten. Spontan hochkochender Wunsch nach Selbstjustiz entfällt ebenfalls als Begründung, denn die zwei Messerstecher saßen ja bereits hinter Gittern. Trotzdem rotteten sich am Sonntag 1000 – am Montag zwischen 5 und 6000 – Menschen zusammen, die nach Rache gierten. Warum?

    Die Rechten interessierten sich natürlich Nullkommanull für den Ermordeten selbst. Der war Halb-Kubaner, galt politisch als eher linksstehend. Stille Trauer sieht anders aus. Es ging mal wieder um zu viele Ausländer in Sachsen, importierte Kriminalität und „Merkel trägt die Schuld an unserem Elend“. Eigentlich ein stinklangweiliger Dauergähner, von dem man als unpolitischer Normalbürger hofft, dass er sich irgendwann aufgrund Überstrapazierung des Themas von selbst totläuft. Aber dem ist – wie Chemnitz eindrucksvoll bewiesen hat – nicht so.

    Die Politik jenseits der AfD zeigt sich entsetzt, in den sozialen Medien wird darüber diskutiert, ob Volkes Zorn nicht doch berechtigt gewesen sei, die Presse äußert Abscheu. Altbekannte Reflexe und Rituale. Die Nicht-Distanzierung der Hellblauen war vorherzusehen, überrascht hat ein bisschen das Rumlavieren des Innenministers. Vielleicht hat es auch nicht überrascht, weil die CSU seit Monaten versucht, bei den AfD-Anhängern zu punkten. Es ist halt dumm gelaufen, so was passiert eben hin und wieder, kein Grund zur Besorgnis, wir haben die Lage im Griff, rechte Gewalt ist allenfalls ein winziges Randproblem.

    Die Statistik zeigt Richtung Osten

    Ohne nun aber den Chemnitzern und Sachsen zu nahe treten zu wollen, müssen dennoch ein paar Fragen erlaubt sein:

    (A) Kann es sein, dass die Polizei bei rechten Krawallen weniger scharf einschreitet als bei linken Aufmärschen? Vor allem im Osten der Republik scheint das der Fall zu sein
    (B) Warum diese Häufung in den Neuen Bundesländern?
    (C) Welche Maßnahmen sind geplant, damit sich Vorfälle dieser Größenordnung und Intensität nicht wiederholen?
    (D) Wurden wir Zeugen eines Wendepunkts in der Verharmlosung rechter Gewalt, oder markiert Chemnitz den Auftakt zu weiteren Exzessen?

    Die größere Anzahl an politisch motivierten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund in den Neuen Bundesländern ist nun mal nicht zu leugnen. Die Statistik weist (auf jeweils 100.000 Einwohner bemessen) folgende Zahlen auf:

    5,21 MVP – 4,52 Sachsen-Anhalt – 3,29 Thüringen – 2,80 Brandenburg – 2,80 Berlin – 2,33 Sachsen.

    Dem gegenüber stehen:
    1,50 Ba-Wü – 1,15 NRW – 0,59 Hamburg – 0,53 Bayern – 0,26 Hessen.

    Quelle: Verfassungsschutz, Statista (gefunden in: General-Anzeiger, Bonn: 28.08.2018)

    Die Gründe mögen mannigfaltig sein:

    Dennoch kommt man, spätestens seit der Exzesse von Chemnitz, die aber im Grunde nur überdeutlich sichtbar machen, was in Sachsen schon längst virulent ist, nicht umhin, sich der Frage zu stellen, was dort politisch, institutionell und gesellschaftlich in überproportionaler Häufigkeit völlig aus dem Ruder läuft? Eine seit Jahren erschütternd hohe Zahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten, höchster Stimmanteil der AfD bei der letzen Bundestagswahl, ein an Rechtsdrift nicht zu überbietender CDU-Landesverband, eine immer wieder durch rechte Parteinahme unangenehm auffällig Exekutive, mehrfache pogromähnliche Ausschreitungen an diversen Orten (Heidenau, Freital, Jahnsdorf etc.), ungebrochener Zulauf für hetzerische und auf Spaltung abzielende Initiativen wie PEGIDA und deren wohlwollend-relativierende Begleitung örtlicher Medien und Wissenschaftler etc.pp.
    < aus einer Facebook-Diskussion zum Thema „Chemnitz“ >

    Auffallend ist, dass sich diejenigen am fremdenfeindlichsten gerieren, die den wenigsten Kontakt mit Migranten haben. Vergleichbar einem Abt, der seit Jahrzehnten abgeschieden hinter meterhohen Klostermauern lebt und seinen Mönchen sonntags von der Kanzel über die Verderbtheit und Geilheit des Weibes predigt. Sich über eine Sache aufregen, von der man selbst keinen blassen Dunst hat, damit aber Hexenverfolgung und Pogromstimmung lostreten.

    Fanal oder Menetekel?

    Über (A), (B) und (C) wurde schon eine Menge publiziert, weshalb ich mich hier vor allem auf (D) konzentrieren möchte: Wende- oder Ausgangspunkt (?)

    Es existieren – wiederum holzschnittartig vereinfacht – zwei mögliche Entwicklungspfade post Chemnitz:

    Die Politik fängt endlich an, das Thema Rechtsradikalismus nach ganz oben auf die Agenda zu setzen. Und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern garniert mit konkreten Maßnahmen gegen die – zum Teil den Behörden seit langem bekannte – Szene. Parteien, die sich knapp vor der Grenzlinie zur Staatsfeindlichkeit befinden, – wenn man sie schon nicht verbieten kann – zumindest vom Verfassungsschutz beobachten lassen. Und Inlandsgeheimdienst sowie Polizei konsequent von Kollaborateuren bereinigen. Politiker sollten sich – Wahlkampf hin oder her – hüten, Verständnis für rassistisch motivierten Mob und mitmarschierende Wutbürger zu äußern, und damit den Extremen in die Hände zu spielen. Es muss ein allgemeinverbindlicher Grundkonsens für alle Fraktionen – egal ob schwarz, rot, grün oder gelb – existieren, der besagt: Sobald sich Nazis zusammenrotten und Jagd auf Menschen machen, ist Schluss mit lustig.

    Das wäre die Variante Fanal: Handlung als weithin erkennbares Zeichen, das eine Veränderung angestrebt wird.

    Aber während ich diese Zeilen tippe, merke ich selbst, dass ich mich einer gutmenschlichen Illusion hingebe. Kaum ist der Rauch der Bengalos in Chemnitz verflogen, geht es sofort los mit Schuldzuweisungen:

    Wurzeln für Ausschreitungen liegen im ‚Wir-schaffen-das‘ von Merkel“
    Wo er Recht hat, hat er Recht.
    © Nicola Beer in einem Tweet zu einer Aussage von Wolfgang Kubicki

    Zum einen wird der monokausale Unsinn durch ständige Wiederholung nicht wahrer, zum anderen ist der Gedanke zu kurz gesprungen. Denn der Faschismus klopft beharrlich wie ein winterschlafender Alien in unserer deutschen Brust. Zwanzig Prozent der Bevölkerung gelten als anfällig für braunes Gedankengut. In guten Zeiten schlummert die Bestie, wird Nazikram hinter vorgehaltener Hand geflüstert und spätabends an einigen Stammtischen das Horst-Wessel-Lied gegrölt. Periodisch schlüpft das Ungeheuer, ist anfangs klein, aber bereits äußerst aggressiv und gewalttätig, und es hängt nun von Schnelligkeit und Entschlossenheit der Gegner ab, welches Schicksal es erleidet. Wird zu lange mit wirksamen Abwehrmaßnahmen gezögert, spürt die Mörderspinne, dass Gegenwehr unterbleibt, legt sie ihre Eier in der Nachbarschaft, die Krawalle breiten sich auf weitere Städte aus und binnen weniger Wochen entsteht ein kaum noch zu stoppender Flächenbrand. Teile der Konservativen laufen zu den Rechten über, der Rest des Bürgertums, längst in Schockstarre und in Sorge ums eigene Reihenhaus und den BMW vor der Haustür verfallen, wird überrumpelt. Die zweite Demokratie auf deutschem Boden taumelt ihrem Finale entgegen.

    Das wäre dann die Variante Menetekel: Anzeichen eines drohenden Unheils. Gemäß Altem Testament mit Blut an eine Wand im Palast des babylonischen Königs Belsazar geschrieben.

    51-49-Prognose

    Warum so pessimistisch alter Griesgram, fragen Sie? Die Sonne scheint, das Mittagessen steht auf dem Tisch, danach ein kurzes Verdauungsschläfchen, und die Welt sieht im Anschluss wieder heiter aus. Vielleicht haben Sie Recht. Mit zunehmendem Alter wird man eben schwermütiger und erinnert sich an den im Studium zum ersten Mal gelesenen Spruch von Hobbes – den dieser wiederum von Plautus geklaut hatte –: Homo homini lupus. Aber manchmal, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, wacht man am nächsten Morgen auf, schaltet verpennt das Radio an und erfährt erschrocken, dass es doch noch schlimmer geht.

    Ob wir in Chemnitz den Anfang vom Ende des offen zur Schau gestellten Rechtsradikalismus erleben durften? Nachdem, was ich im Nachgang gelesen, in den Nachrichten an Interviews gehört habe, bin ich da skeptisch. Ich sehe weit und breit keinen Verantwortlichen, der bereit ist, die Axt mit vollem Schwung in die Wurzel des Übels zu schlagen. Es wird bei wohlklingenden Reden und dem Ergreifen einiger kleiner Kurskorrekturen bleiben. Wie schon beim NSU-Prozess lässt sich der Staat von den Rechten und ihren beamteten Sympathisanten auf der Nase rumtanzen.

    Und so schätze ich die Wahrscheinlichkeiten für Menetekel auf 51 und Fanal 49 Prozent ein.

    PS. Und es bedeutet KEIN Sachsen-Bashing, wenn man darauf hinweist, dass dort seit Jahren eine zu laxe Politik in Blickrichtung auf die Aktivitäten der rechten Szene betrieben wird. Dasselbe würde man als Kommentator ebenfalls sagen, wenn die Krawalle vermehrt in Hamburg, Baden-Württemberg oder NRW stattfänden. Der Vorwurf der unzulässigen Pauschalisierung ist nichts anderes als der durchsichtige Versuch, die Angelegenheit kleinzureden

  • Kaffee-Kolumne

    Kaffee-Kolumne

    »Man kann über alles eine Kolumne schreiben«, sagt sie und nippt an einem Glas Apfelwein.
    »Tatsächlich über alles?«, hake ich erstaunt nach.
    »Natürlich. Ich habe schon Texte über nackte männliche Oberkörper und das Dirndl, beides sind übrigens patriarchale Bevormundungsinstrumente, zu Papier gebracht.«

    Wir sitzen in einer Gaststätte im Frankfurter Stadtteil Alt-Sachsenhausen und fachsimpeln übers Kolumnenschreiben. »Der Apfelwein hier ist selbstgekeltert, und den Handkäse musst du UNBEDINGT probieren.« Vom Apfelwein lasse ich als Abstinenzler die Finger weg, bestelle mir alternativ – weil Coke Zero nicht im Angebot ist – eine Apfelschorle. Der Handkäse, der hier Frankfurter und nicht Mainzer heißt, wird in einer Essig-Zwiebel-Kümmel-Tunke serviert – leicht blumig als „mit Musik“ deklariert –, schmeckt ganz okay. Bei mir zu Hause hätte ich noch ein paar Tropfen Tabasco drüber gegeben. Aber sei’s drum.

    »Kolumnen kannst du auch übers Wetter und Kaffee tippen«, sagt sie.
    »Meinst du wirklich?«
    »Klar!«

    25 in meiner Apfelschorle abgesoffene Wespen später trennen wir uns, und auf der Fahrt zurück nach Bonn überlege ich, ob ich mich am Kaffee versuchen soll. Fürs Wetter fühle ich mich definitiv noch ein paar Jahre zu jung. Das ist ein Thema für Rentner und Herrn Kachelmann.
    Also: nun was zum Kaffee.

    Ziegen waren es, die den Kaffee entdeckten

    Dass der Kaffee ursprünglich aus dem abessinischen Hochland stammt, sich das Wort von Kaffa* (Name eines kleinen Königreichs in Äthiopien) herleitet und der Samen (altarabisch Bunn oder Bon, daher rührt wiederum die heutige Bohne) einer roten Frucht von einem immergrünen Strauch ist, der wiederum der Gattung Rubiaceae angehört und am besten zwischen 23° Nord und 25° Süd wächst, weiß jedes Kind.

    Die Legende erzählt, dass Ziegen die ersten waren, die sich an den Kirschen probierten, woraufhin sie wie toll durch die Gegend sprangen und tagelang nicht mehr beruhigten. Einige Wochen danach rasteten die Hirten mit ihrer Herde in einem nahe gelegenen Kloster und erzählten dort von diesem Erlebnis. Die Mönche, neugierig geworden, testeten nun ihrerseits die Beeren und stellten fest, dass man das geschmacklich interessanteste Ergebnis durch Röstung der Kerne erzielt. Sie priesen das neue Getränk, das sie dazu befähigte, nun auch nachts ihre Gebete zu verrichten, ohne dabei einzuschlafen. Die Kunde von der muntermachenden Wirkung des Suds verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der arabischen Welt, wo der Kaffee ab dem 11ten Jahrhundert zum Standardgetränk avancierte, das in keinem Haushalt fehlen durfte.

    Europäische Forscher und Handlungsreisende lernten das Hallo-wach-Rauschmittel am Ende der Renaissance-Epoche bei Ausflügen nach Istanbul und Aleppo kennen und verfrachteten den Stoff auf allerlei Wegen – die oft über Venedig führten – ins christliche Abendland. Die Verbreitung der roten Frucht geschah schnell und folgte den alten Handelsrouten über die Alpenpässe und die Rhone entlang nach Norden. Erste Kaffeehäuser entstanden in Italien, kurz danach in Frankreich, Österreich, Deutschland und England. Der Kaffee trat in Konkurrenz zum Alkohol und schickte sich an, diesem Platz 1 als Volksdroge streitig zu machen. Das war auch dringend nötig, denn der Branntweinkonsum im Europa der frühen Neuzeit hatte in einigen Gebieten beängstigende Ausmaße angenommen, ganze Landstriche drohten, in Suff und Verwahrlosung abzugleiten. Da kam der Kaffee als Antidot gerade recht. Die handelstüchtigen Holländer transportierten die Sträucher nach Indonesien, um die Pflanze dort anzubauen. Dasselbe taten die Portugiesen in Brasilien und die Spanier in Mittelamerika. Das Produktionsmonopol der Araber war zur Mitte des 18ten Jhrd.s gebrochen.

    Kaffee wurde entweder in Apotheken als Arzneimittel

    Belebt den Geist und erfreut das Herz. Ist sehr gut gegen Augenleiden, vertreibt Vapeurs und Kopfschmerzen, beugt Schwindsucht und Lungenentzündung vor, eignet sich vorzüglich zur Heilung von Wassersucht, Gicht, Skorbut, Melancholie, Hypochondrie, verhindert Fehlgeburten. Er wirkt allerdings nicht abführend noch adstringierend
    gefunden in: Kaffee – eine Kulturgeschichte, von Felipe Ferré

    oder in speziellen Lokalen als Modegetränk verkauft. Nicht jeder war jedoch von seiner die Gesundheit fördernden Wirkung überzeugt; es gab durch die Jahrhunderte immer wieder Mahner, die vor Unfruchtbarkeit, Debilität und frühem Tod bei zu häufigem Genuss warnten.

    Das muss jetzt zum historischen Hintergrund reichen. Soll ja eine Kolumne und keine Seminararbeit werden. Nun also zum Abschnitt: Kaffee im Alltag.

    Hilft bei Morgenverdauung und Mittagsschläfrigkeit

    Ich weiß nicht, wofür Sie Kaffee einsetzen, oder ob sie ihn überhaupt zu sich nehmen. Für mich persönlich ist ein Dasein ohne Kaffee zwar theoretisch vorstellbar, jedoch in der Praxis nicht lebenswert.

    Ausgangs der Jugend, kurz vor Eintritt in die Phase des Erwachsenwerdens, trifft jeder Mensch eine Menge wegweisender Entscheidungen: werde ich hetero oder schwul, bin ich ein Kreativer oder gelten meine Neigungen eher Finanzwesen und Buchhaltung, werde ich eine Familie gründen oder besser Single bleiben, will ich Karriere machen oder mich auf die Optimierung meiner Work-Life-Balance konzentrieren, UND: starte ich mit Tee oder Kaffee in den Tag? Meine beiden ersten Gedanken um halb sieben, wenn der Wecker klingelt, lauten: Scheiße, ist die Nacht schon wieder vorüber UND ist noch Kaffee im Haus? Ein  Morgen ohne den Stoff wäre eine mittlere Katastrophe, vergleichbar nur mit Nicht-Funktionieren des Internets oder Explosion des Handy-Akkus.

    Ich trinke Kaffee im Auto, kaufe ihn mir an Tankstellen, im Büro muss stets eine volle Kanne griffbereit auf dem Tisch stehen. Ich kann spätabends kurz vor dem Zubettgehen einen Espresso runterkippen und trotzdem fünf Minuten später komatös einpennen. In jeder Kolumne – die übrigens ohne ihn noch misanthroper ausfallen würden – stecken ungezählte Tassen des von mir hoch geschätzten Heißgetränks. Kaffee dient mir sowohl zur Stimulierung der Verdauung als auch zur Vermeidung des Mittagsschlafs. Er ist aus meinem Leben schlichtweg nicht wegzudenken. Ich bin übrigens der erste Koffeinjunkie in der Familie. Meine Eltern und Großeltern bevorzugten Tee. Kaffee – in der Variante „deutscher Mokka“ – wurde einzig zum Sonntagnachmittagkuchen serviert.

    Für den Hausgebrauch reicht völlig eine 49€-Maschine

    Bei all meinem Konsum bin ich jedoch komplett emotionslos in Blickrichtung auf Herkunft und (angebliche) Qualität der Bohne. Mir völlig wurscht, ob die in Guatemala, Kolumbien oder dem Senegal angebaut, ein-, zwei-, dreimal gebrannt und weiter veredelt wurde. Das Zeug muss dunkelbraun, stark, heiß und leicht gesüßt sein. KEINE Milch!!

    Ein Graus sind mir Szenelokale, in denen Flavored Latte oder Java Chip angeboten werden. Kaffee, der nach Karamell, Vanille, allem Möglichem, aber halt nicht nach Kaffee schmeckt.  Ich käme auch nie auf die Idee, sündhaft teuren Katzenkackekaffee, exotisch klingend als „Kopi Luwak“ angepriesen, zu kaufen. Wozu? Wenn ich Katzenkacke sehen will, besuche ich meine Nachbarin mit ihren zwei Siamkatern. Vollautomaten, die, wenn man sie um 6.30 dringend braucht, beim Einschalten erstmal gereinigt, entkalkt oder entleert werden müssen, hasse ich. Was anderes ist Kaffee aus Hochdruckmaschinen à la Cimbali, die den Dampf mit 15 Bar durch das Pulver jagen, damit ein hocharomatischer Espresso aus dem Siebträger heraustropft. Die Teile sind super und bedeuten tatsächlich eine fulminante Verbesserung der Lebensqualität.

    Als Student fuhr ich Mitte der 80er mit meinem VW Käfer 1302 – Farbe babyblau – von Köln nach Sizilien. Bei einem kurzen Zwischenstopp am malerischen Hafen von Pozzuoli bestellte ich dort einen Espresso und war erstaunt, als die ohnehin kleine Tasse bloß daumennagelhoch gefüllt vor mich auf den Tresen gestellt wurde.
    »Was ist das?«, fragte ich.
    »Un caffèèèèè«, antwortete der Barista.
    Der Stoff schmeckte bitter, brannte beim Runterschlucken leicht in der Speiseröhre, verströmte ein angenehmes Wärmegefühl im Magen, und als ich zwei davon getrunken hatte, war ich so hellwach, dass ich die noch fehlenden 500 Kilometer bis Reggio in einem Rutsch durchraste. Und dieses Ergebnis kann man einzig mit professionellen Apparaten erzielen. Wer anderes behauptet, hat keine Geschmacksnerven.

    Mir zu Hause reichen völlig eine 49€-Melitta- und eine Senseo-Maschine, sowie ein 70er-Jahre-Alu-Espressokocher, die ich täglich oder wöchentlich abwechselnd bediene. Alles andere ist kostspieliger und überflüssiger Schnickschnack. Die Vollautomaten kann man deshalb getrost in die Elektroschrotttonne kloppen.

    Keinerlei Auswirkungen auf die Libido

    Zum Ende der Kolumne hin noch ein brandaktuelles wissenschaftliches Forschungsergebnis: Kaffee verhält sich komplett neutral zur männlichen und weiblichen Libido. Aber Sie bleiben nach einem Mitternachtsespresso beim Sex natürlich länger wach und schlafen nicht wie der gemeine europäische Biertrinker sofort nach dem Orgasmus ein.

    Und nun bekomme ich wirklich Kaffeedurst und werde im Belluno schräg gegenüber einen Espresso trinken.

    * andere Forscher leiten den Begriff Kaffee vom arabischen „Kahwe“ oder „Qahwa“ ab, was so viel wie Lebenskraft oder Stärke bedeutet.

     

  • Sachsen ist eh verloren, oder?

    Sachsen ist eh verloren, oder?

    Sachsen ist eh verloren, oder?

    fragte ich vor zwei Tagen in meinem Facebookprofil. Unterlegt mit dem Hashtag: #pegidawirkt. Auslöser war die Behinderung eines TV-Teams vergangene Woche durch die Dresdner Polizei gewesen. Und ich erntete damit binnen weniger Stunden eine Flut an Kommentaren. Was mir wieder mal vor Augen führte, dass ein kurzer, knackiger Satz deutlich mehr Reaktionen auslöst als eine Kolumne über Bukowski-Gedichte.

    Reaktionen in Facebook

    Die Antworten streuten breit. Reichten von:

    Ja!

    Yep. Wird wohl über kurz oder lang absaufen – und kein Westdeutscher wird Lust haben, die Pegida-Stadt nochmal zu retten. Dresden ist mein erster Gedanke nicht: „Wow, Frauenkirche!“, sondern „Scheiße, Pegida!“

    Ich würde da jedenfalls keinen Urlaub buchen wollen

    über:

    Wegen einer Minderheit?

    Pegida ist ein großes Problem, leider. Rassismus ist immer ein Problem, überall.

    Sachsen ist verloren!? Aus nordrhein-westfälischer Sicht nahezu zynisch.

    bis hin zu:

    NEIN!

    Leipzig ist großartig.

    Ich beobachte fasziniert, wie alternde, westdeutsche Männer sich hier zwischen pauschaler Verurteilung und arroganter Gönnerhaftigkeit ereifern.

    Vorab: niemand bezweifelt ernsthaft, dass im Freistaat nette Menschen leben, mit denen man sich tagsüber auf einen Cappuccino in der Eisdiele und abends zum Bier in der Eckkneipe verabreden kann. Auch soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Mehrheit der Wahlberechtigten dort ihr Kreuz (noch) bei Parteien der Mitte setzt. Allerdings sind seit Jahren besorgniserregende Entwicklungen zwischen Plauen und Görlitz nunmal leider nicht zu leugnen: die AfD stärkste Kraft bei der letzten Bundestagswahl, Pegida marschiert wöchentlich in Dresden, die Kanzlerin benötigt doppelten Personenschutz, wenn sie Frauenkirche und Semperoper besucht, CDU und FDP sind deutlich reaktionärer als im Rest der Republik, Teile von Verwaltung und Polizei gelten als Wutbürger-infiziert.

    Es scheint mir deshalb publizistisch pointiert völlig legitim zu sein, die Frage „Ist Sachsen schon verloren?“ in die mediale Arena zu werfen. Klar, klingt das sehr plakativ, aber ich habe schon weitaus polemischere Sachen in der Presse gelesen.

    Opfersprech ersetzt die Selbstkritik

    Die Antwort kann durchaus „NEIN!“ lauten. „Nein, Sachsen ist keinesfalls verloren, weil …“. Und mit diesem WEIL sollten wir uns nun ein paar Minuten beschäftigen, denn hier wird es spannend. Als mögliche Begründungen fürs Nein erfolgten nämlich nur vereinzelt belastbare Sachargumente.  Argumente, die den „arroganten“ Wessi aufgrund Plausibilität überzeugen. Stattdessen darf man sich folgende Litanei anhören:

    Das Schlimme ist, dass viele Westdeutsche sich arrogant verhalten

    Genau wegen dieser westdeutschen Arroganz sieht es heute im osten so verheerend aus. Das wäre im Westen alles nicht anders, wenn die wirtschaftliche Lage entsprechend schlecht wäre. Weiß nur im fetten Westen niemand- und interessiert keinen

    Aber mancher wird auch zum „Wutbürger“ ob dieser Herrscher Mentalität mit der über den Osten bestimmt und geurteilt wird. Da ist wirklich viel berechtigter Frust im Spiel.

    diese ständige Ost-West-Hetze, denn um was anderes geht es doch gar nicht!

    Du spielst darauf an, dass der Westen den Osten wirtschaftlich bis zum letzten Tropfen gierig ausgesaugt hat und jetzt die leere Hülle verwundert fallen lassen will?

    ja, aber die verbrechen der Treuhand sind nun einmal geschehen

    Das ist – sorry, dass ich das hier so deutlich anmerken muss – typischer Opfersprech. Erinnert mich an die Rechtfertigungen meiner Großeltern, wenn sie mir ihr Denken und Verhalten in den gruseligen zwölf Jahren von 1933 bis 45 nahebringen wollten. Als Jugendlicher, indoktriniert von linksgrün versifften Studienräten, wie es sie in den 70ern zuhauf in den Kölner Gymnasien gab, interessierte ich mich ja schon dafür, wie meine nahen Verwandten das Aufkommen des Nationalsozialismus erklären wollten. Die Antworten lauteten:
    ▪ Das Versailler Friedensdiktat war zu hart
    ▪ Die Reparationen haben uns an den Rand des Ruins gebracht
    ▪ Die bürgerlichen Parteien waren zerstritten, viele Politiker unfähig
    ▪ Es fehlte jegliche Ordnung, wir fürchteten um die innere Sicherheit
    ▪ Unser nationaler Stolz war im Eimer
    ▪ Wir haben während des Kriegs und in den Jahren danach gehungert und gefroren
    ▪ Man hat uns getäuscht.

    Man selbst war nie Täter, allenfalls kleiner Mitläufer, letztlich aber auch nur ein Opfer des Regimes und der unglücklichen Umstände. Kein Wort darüber, ob man persönlich Schuld auf sich geladen hatte. Und sei es nur dadurch passiert, dass man die NSDAP gewählt, die Beseitigung der Demokratie begrüßt und den Eintritt in den Krieg bejubelt hatte. Hatte man zwar alles getan, jedoch aufgrund einer Täuschung. Eigenverantwortung fürs persönliche Tun? Komplette Fehlanzeige.

    Am Ende von Weimar wurde ähnlich argumentiert wie heute in Dresden

    Relativ problemlos ließen sich austauschen: Versailles gegen die Treuhand, zerstrittene Bürgerliche gegen Altparteien sowie gekränkter nationaler Stolz gegen ramponiertes ostdeutsches Selbstbewusstsein.  Die Phobie, 24/7 in einem Vollkasko geschützten Raum leben zu wollen, war damals genauso verbreitet wie heute; hinters Licht geführt wurden wir in den 20ern und werden es weiterhin noch im Sommer 2018. Von wem: Politik, Lügenpresse, dem global agierenden Finanzkapital?

    An den Haaren herbeigezogene Parallelen, meinen Sie? Hoffentlich. Denn mir persönlich bereiten die Ähnlichkeiten schon Sorge. Der Wir-wollen-einfache-Antworten-Wahn ging damals nicht gut aus, ebnete den Weg zu einer Schreckensherrschaft, zog eine Spur der Verwüstung durch den Kontinent, bevor der Spuk zwölf Jahre später von den Alliierten beendet wurde.

    Es steht zu vermuten – auch wenn sich Geschichte nicht eins zu eins wiederholt –. dass wir im Osten der Republik Zeugen der Wiedergeburt einer Entwicklung werden, die wir im Westen seit langem überwunden geglaubt hatten: Rückbesinnung aufs Nationale, Abkapselung, Abwehr von allem, das fremd aussieht, gepaart mit dem Gefühl, ständiger Verlierer zu sein, ausgebeutet und nicht ernst genommen zu werden. Erschwerend kommen aus meiner Beobachtung weitgehende Unfähigkeit zur Selbstkritik und Hyperempfindlichkeit dazu.

    So lange sich Teile der ostdeutschen Bevölkerung in ihrer künstlichen Opferrolle gefallen, jede Frage und jeden Ratschlag als westliche Arroganz brandmarken, von Wahl zu Wahl mehr Kreuze bei der AfD setzen – so lange wird es mit dem emotionalen Zusammenwachsen der beiden Hälften schwierig bleiben.