Kategorie: Gesellschaft

  • Der schlechte Witz

    Der schlechte Witz

    »Warum willst du am Mittwochabend veröffentlichen?«, fragt Gisela, unsere digitale Redaktionsassistentin mit strenger Stimme, als ich sie von meinem Plan in Kenntnis setze. »Dein fixes Datum ist der Montag.«
    »Weil ich was Aktuelles habe und sonst wieder vergesse. Und der Montag ist eh Scheiße, weil da kein Mensch Bock darauf hat, nen langen Text zu lesen. Meine Like-Zahlen sind seit Jahresbeginn ins Bodenlose abgestürzt«, antworte ich.
    »Du hattest den Montag akzeptiert«, sagt sie. »Allerdings bei was Aktuellem will ich EINE Ausnahme zulassen. Aber nur, wenn du versprichst, die Flucherei am Telefon sein zu lassen.«
    »Scheiße ja«, sage ich, »Ich versprech’s und danke.«

    Wussten Sie eigentlich, dass ein Kolumnist ein Viertel seiner Zeit in virtuellen Redaktionssitzungen verbringt? Nein? Dann wissen Sie es jetzt.

    Gibt’s überhaupt gute Witze?

    In den vergangenen Tagen gab’s drei Aufreger: Schalke verliert 0 zu 4 zu Hause gegen Düsseldorf und zweimal AKK. Da ich kein Gelsenkirchener bin, überspringe ich Schalke und komme gleich zu AKK. Bei dieser Dame, seit einigen Wochen frisch gekürte Vorsitzende der CDU, ging’s beide Male um schlechte Witze. Zu Beginn des Karnevals war sie Ziel eines Kalauers, auf dem Höhepunkt der närrischen Tage drehte sie den Spieß um und versendete schenkelklopfende Grüße an die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion.

    Über den Doppelnamen-Joke aus dem Munde Bernd Stelters will ich an dieser Stelle keine langen Worte verlieren (hatte ich ja bereits vorgestern in meiner Rosenmontagskolumne getan). Zu zahm das Ganze, zu viel künstliche Aufregung einer ostdeutschen Touristin über humoreske Pillepalle. Sobald Kramp-Karrenbauer-Gags nicht mehr zulässig sind, können wir den Sitzungskarnevalsbetrieb auch gleich ganz einstellen und uns stattdessen eine Folge „Der Landarzt“ im ZDF anschauen.

    Weitaus interessanter ist da schon die Anekdote aus dem Munde der Parteivorsitzenden, die diese auf der großen Bühne des Stockacher Narrengerichts vor Honoratiorenpublikum zum Besten gab. Bevor ich die gleich in ganzer Länge zitiere, sei vorab noch eine schnelle Definition von Witz gebracht:

    [prägnant formulierte] kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt (Duden)

    Ob die Geschichten immer kurz sind und überraschend enden, wage ich nach grob geschätzt zehntausend gehörten Kalauern zu bezweifeln. Und das, worüber ich lache, treibt Ihnen vermutlich die Sorgenfalten auf die Stirn (was umgekehrt natürlich ebenfalls gilt), denn die Witzgeschmäcke (so lautet der korrekte Plural) sind völlig unterschiedlich auf uns Menschen verteilt. Meine Mutter zweifelte früher an der Zurechnungsfähigkeit meines Vaters, wenn der sich über die hundertste im Gesicht von Stan Laurel landende Torte köstlich amüsierte, während mir als Kind vor allem die aus dem dritten Stock auf den Bürgersteig runterfallenden Klaviere gefielen; wobei ich die Sache mit den Torten – darf man ja heute aufgrund versuchter Körperverletzung gar nicht mehr – auch nicht schlecht fand. Meiner Mutter entlockten Dick & Doof hingegen noch nicht mal ein müdes Lächeln. Sie lachte über andere Sachen. Welche habe ich vergessen, denn mein Gedächtnis ist, seitdem ich auf die 60 zugehe, leider löchrig wie ein Sieb.

    Um es schon mal vorab zu sagen: 85% aller weltweit erzählten Witze sind Scheiße. Wobei der Prozentsatz in Mitteleuropa sicher höher liegt. Ich persönlich mache mir beinahe Nullkommanull aus Kalauern. Ich bekomme schon Bauchschmerzen, wenn einer mich fragt, »Soll ich dir mal nen wirklich guten Witz erzählen, den ich gestern beim Friseur gehört habe?«, und überlege dann die ganze Zeit, wie ich mich gleich verhalten soll, um den Erzähler nicht in die peinliche Situation der Nicht-Reaktion zu bringen: entweder Schweigen oder die Nachfrage, »War das schon die Pointe?«. In 99% der Fälle endet das deshalb mit einem antrainierten Mundwinkelnachobenziehen bei mir. Dass ich herzhaft drüber lache, stellt die absolute Ausnahme dar. Und 97% (innerhalb der verbliebenen 1%. Jetzt ist es gut, wenn Sie damals in Mengenlehre aufgepasst haben) meines Feixens entsteht bei Gags, die in der fünften Kölner Jahreszeit von den Büttenrednern unters Narrenvolk gestreut werden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Vermutlich weil ich Rheinländer bin, der Karneval mir sowohl qua Genen in die Wiege gelegt und ich als Kind und Jugendlicher auf ihn hin sozialisiert wurde. Anders kann ich mir das nicht erklären, denn die Karnevalszoten sind oft sogar schlechter als diejenigen, mit denen man den Rest des Jahres konfrontiert wird. Einigen wir uns darauf, dass ich aus norddeutsch-protestantischem Blickwinkel betrachtet an den sechs Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch nicht ganz zurechnungsfähig bin.

    Nun hängt der Erfolg eines Scherzes von mehreren Faktoren ab. Als da beispielsweise sind:
    (a) Originalität: Hört man so zum allerersten Mal.
    (b) Vortragender: Gesichtausdruck, wie spricht er: schnell, langsam, Hochdeutsch, Dialekt, lispelt er? Vollführt er beim Erzählen merkwürdige Bewegungen?
    (c) Ort: Gürzenich, Mehrzweckhalle Bickendorf, WDR-Kantine, irgendwo außerhalb Kölns
    (d) Zusammensetzung des Publikums: Alter, Geschlecht, Berufsgruppen, Freiwillige Feuerwehr irgendwo außerhalb Kölns.

    Der Stockach-Kalauer

    Und nach dieser langen Vorrede sei hier nun endlich der AKK-Kalauer präsentiert:

    Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln, oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette.

    Tusch – Gelächter – Tusch.

    Ob der (also der Kalauer) schlecht ist? Er ist nicht nur schlecht, sondern grottenschlecht. Da er nämlich viele der oben aufgezählten Ingredienzien missachtet. Weder ist es originell, die dritte Toilette ins Visier zu nehmen (denn über die haben sich bereits eine Million Facebook- & Twitter-User lustig gemacht), noch führen Wortwahl und Sprechduktus zur Erheiterung. Die Sache wirkt bemüht, so als habe ein Hamburger Referent, der Karneval aus tiefstem Herzen verachtet, diesen Passus in die Rede eingebaut. Befindet sich in etwa auf demselben Tiefgeschoss-Niveau wie:

    Wie kann man eine Blondine Montag morgens zum Lachen bringen? Freitagabends einen Witz erzählen!

    … tätä!

    Die Geschichte funktionierte nur deshalb halbwegs, weil AKK Ort und Publikum geschickt gewählt hatte: Provinz, Honoratioren, konservative Grundausrichtung. Hier amüsiert man sich halt auch mit massiver Verspätung über Scherze, die in Köln, Mainz und Düsseldorf seit Jahren im Karnevalsarchiv abgelegt sind und dort vor sich hinstauben.

    Das war trotzdem megapeinlich, meinen Sie? Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, – was Sie vermutlich verwundert, weil wir ja oft unterschiedlicher Meinung sind –, vertrete aber bisher (noch) die Auffassung, dass jedem das Recht zusteht, sich auf der Bühne zu blamieren. Den Vorwurf, hiermit gegen die Menschenrechtscharta der UN verstoßen zu haben, halte ich (noch) für maßlos übertrieben. Es ist Karneval und da muss auch Spott über Sitzpinkler erlaubt sein. Denn andernfalls reichen demnächst die Blondinen, die Priester, die Lokalpolitiker und die Düsseldorfer ihren Wunsch nach Aufnahme in die Kalauer-Tabuliste ein und irgendwann in naher Zukunft stirbt das Gewerbe des Büttenredners aufgrund „Es ist nichts mehr übrig, worüber wir berichten können“ aus. Das darf aus Sicht eines Kölners auf keinen Fall die Lösung sein.

    Trotz meines Plädoyers für das Recht, schlechte Witze machen zu dürfen, fühle ich mich bei dem, was AKK da in Stockach fabriziert hat, nicht ganz wohl in meiner Haut. Irgendwas an ihrem ausgelutschten Vortrag war anders als das, was man sonst auf den Sitzungen präsentiert bekommt.

    Dass man sich nicht über Minderheiten lustig machen darf – geschenkt. Irgendwie sind wir ja alle auf irgendeine Art ne Minderheit: liebestolle Schönheitschirurgengattinnen, Psychologen, Alkoholiker. Wussten Sie übrigens, dass die besten Alkoholikerwitze im Aufenthaltsraum der Geschlossenen erzählt werden? Was habe ich da manchmal Tränen gelacht. »Aber da hat ja ein Trinker dem anderen einen Alkoholikerwitz vorgelallt«; sagen Sie? »Das ist so, als ob ein Jude einem Juden einen Judenwitz ins Ohr flüstert. Aber wehe ein Nichtjude wagt sowas«. Das stimmt schon. Minderheitenwitze klingen besser, wenn sie von einem Angehörigen dieser Minderheit zum Besten gegeben werden. Aber ich als Alkoholiker hätte jetzt kein Problem damit, wenn mir Bernd Stelter im Karneval einen (hoffentlich originellen) Trinker-Kalauer von der Bühne aus zuruft. Auch Blondinen und Schönheitschirurgengattinnen und Düsseldorfer sind, was Witze über sie angeht, sehr abgebrüht. Wir müssen folglich bei den Minderheiten unterscheiden zwischen denjenigen, die es ab können, wenn sie durch den Kakao gezogen werden und denen, die sich in solchen Fällen sofort diskriminiert fühlen.

    Dass also die Berliner Latte-Macchiato-Sitzpinkler-Fraktion in Stockach einen mitbekommt, finde ich nach wie vor nicht weiter dramatisch. Wäre ich ein Angehöriger dieser Gruppe, würde ich kurz drüber grübeln, mit was für abgedroschenen Sätzen man Dorfhonoratioren, von denen einige froh wären, wenn sie überhaupt noch ohne technische Hilfsmittel pinkeln könnten, draußen in der tiefen Provinz doch begeistern kann, überlegen, was AKK da oben auf der Bühne überhaupt zu suchen hat, und mir vornehmen, ihre Kanzlerkandidatur bei der nächsten BTW nicht unterstützen. Das wäre mein persönlicher, maximal zehn Minuten meiner Lebenszeit in Anspruch nehmender, Dreiklang. Mehr, z.B. meinen Anwalt anrufen und mich bei dem nach den Chancen einer Verleumdungsklage erkundigen, würde ich aus diesem Stockacher Schenkelklopfer nicht herleiten.

    Der übliche mediale Shitstorm

    Aber da Geschmäcke und Wahrnehmungen natürlich unterschiedlich sind, brauste im Anschluss an den missglückten Kalauer ein Shitstorm, Stärken 6 bis 8 quer durch alle deutschen Medien: :

    Kramp-Karrenbauer macht sich damit unmöglich … Einer künftigen Kanzlerin ist das jedenfalls nicht würdig. Oder qualifiziert sich so jemand dafür, an der Spitze eines modernen Deutschlands zu stehen?
    © Vera Wolfskämpf, MDR

    Die Frage von Anti-Diskriminierung, von respektvollem Miteinander, gilt 365 Tage im Jahr, und auch zu Karneval
    © Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen

    Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei findet es lustig, auf Stammtischniveau am Karneval Menschen zu denunzieren, die nicht der geltenden Machonorm entsprechen. Ein Jammer“
    © Klaus Lederer, Bürgermeister und Kultur- und Europasenator von Berlin

    In den sozialen Netzwerken ging es natürlich heftiger ab. Da erreichten die Reaktionen teils Stärke 9:

    Frau mit Doppelnamen beweist, dass es noch ein Niveau unter Doppelnamen-Witzen gibt

    Bei mancher Politik-Karriere hofft man ja, sie endet als Toilettenwitz der Geschichte

    Bereite gerade die Anzeige gegen #akk vor. Beim Stockacher-Narrengericht gegen Schwächere und Minderheiten vorzugehen, ist nicht in Ordnung!#Intersexuelle, #Transsexuelle und so weiter, dürfen nach Gesetz nicht diskriminiert werden!
    (c) alle drei hier nachzulesen

    usw. etc. pp.

    Okay, das ist die medial und Facebook/ Twitter befeuerte, in der Regel 48 Stunden andauernde, Empörungswelle, die sofort abebbt und ihre Richtung wechselt, sobald irgendwo in der Republik ein neuer Strohfeuer-Aufreger aufpoppt. Aber auch das überzeugt mich (noch) nicht davon, die Stockach-Rede in die Eklat-Kategorie „Ohne Entschuldigung bleibt nur noch der Rückzug von allen Ämtern möglich“ einzusortieren. Ein Skandälchen – denn zum ausgewachsenen Skandal à la Trump und seine Russland-Connections taugt der missratene Kalauer nun wirklich nicht. Oder etwa doch? – wird erst dann daraus, wenn man die Funktionen von Karneval und AKK ins Kalkül zieht.

    Karneval ist Karneval oder: Weshalb Politiker dabei im Publikum sitzenbleiben sollten

    Karneval: soll anarchisch sein. Das ist er allerdings nur noch phasenweise draußen auf der Straße. In weiten Teilen ist er seit Jahrzehnten komplett durchorganisiert. Er soll dem Volk als Ventil dienen, denen da oben mal richtig die Meinung zu geigen. Um ganz ehrlich zu sein: Auch das geschieht (und geschah auch früher) nur selten. Am ehesten noch mit den – teils politzotigen – Prunkwagen, die während der Züge zu bestaunen sind. Der Kölner Fasteleer war nie so politisch wie die Mainzer Fastnacht, und auch bei der Zweitgenannten wird die Kritik an der politischen Kaste ja allenfalls in homöopathischer Dosis verabreicht. Worüber sich die Düsseldorfer amüsieren, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Von daher klingt das Wir-zeigen-es-denen-da-oben-heute-mal-so-richtig-Mantra zwar hübsch revolutionär, jedoch fällt die karnevalistische Umsetzung weitaus zahmer aus, als sich das die Fastnachtsromantiker erträumen. In Köln stand immer schon der derbe Kalauer, der auf dickbrüstige Krankenschwestern, die Verlockungen des außerehelichen Beischlafs, die Tücken des Zölibats, die Eifeler Landbevölkerung u.v.a. die Düsseldorfer zielte, im Vordergrund der Büttenrede. Da oft in tiefem Dialekt vorgetragen, verstand außer den gebürtigen Kölnern ohnehin kein Fremder diese Zoten, weshalb es dem Rest der Republik bisher weitgehend egal war, was wir auf unseren Sitzungen so alles an politisch und sexuell Unkorrektem von uns geben.

    AKK, als Angehörige des (deutschen) politischen Spitzenpersonals, der das Odium der Homophobie anhaftet, wird als Saarländerin jedes Jahr aufs Neue vom Wunsch getrieben, selbst in die Bütt zu steigen und dort zu kalauern. Was im Saarland – das nur unwesentlich größer ist als Bonn und Wuppertal zusammenaddiert – noch funktioniert haben mag, funktioniert auf der größeren Bühne Deutschland halt nicht mehr so geräuschlos. Nun stellt Stockach zwar nicht den karnevalistischen Broadway dar – um ehrlich zu sein: Bis vor drei Tagen wusste ich nichts von der Existenz dieses oberschwäbischen Mittelzentrums –; aber wenn hoher Besuch aus Berlin zum Narrengericht vorbeischaut, reisen natürlich alle Fernsehsender mit an. Und dann wird aus dem beschaulichen Provinz-Event halt für ein paar Stunden großer Karneval. Ein langjähriger Politprofi wie AKK weiß das. Und sie weiß ebenfalls, dass sie mit ihrer Sitzpinkler-Tirade über den kleinen Umweg Fastnacht ihr bestehendes und potenzielles Wahlklientel erreicht. Seht her: Da ist eine Konservative, die unseren Kleinstadtunmut über Schwule und Männer, die Frauen werden wollen, ernst nimmt und teilt. Das ist nach der in die fernen Sphären der Weltpolitik entrückten Merkel endlich mal wieder eine von uns, die unsere Sprache spricht und von Berlinern Hipstern und deren komischen Getränkevorlieben genauso wenig hält wie wir. Und wer braucht außerhalb der Hauptstadt ne dritte Toilette? Meine Frau und ich gehen seit dreißig Jahren aufs selbe Klo. Hat sich von uns beiden noch nie einer drüber beschwert. Ganz wunderbar, die neue Parteivorsitzende!

    Die Nieren- und Blasenschläge gegen die Sitzpinkel-Fraktion stehen ihr als Konservativer natürlich zu, es gibt keine gesetzliche Regel, die Sitzpinkler unter Artenschutz stellt. Vielleicht plant die AKK-Union, auf dieser Spur die AfD rechts zu überholen. Alles legitim, ABER (hier setze ich nun ein fettes aber) als Politiker sollte man solche Botschaften von der eigenen Bühne herab unters Wahlvolk streuen. Und nicht den Karneval als Propagandaplattform missbrauchen. AKK hätte prima ein paar Tage warten und an Aschermittwoch – wenn alles vorbei ist – in die Bütt steigen können. So, wie es nun geschehen ist, wirkt das Manöver wie der plumpe Versuch, mit einem Retro-Gesellschaftsbild bei der Landbevölkerung punkten zu wollen.

    Deshalb mein Plädoyer: Politiker ins Publikum und nicht in die Bütt! Habe in Köln zwar schon häufig den MP und dessen Minister im Karnevalstreiben erblickt; jedoch saßen die abwechselnd lachend oder erschrocken (falls der Witz auf ihre Kosten dann doch allzu derb ausgefallen war) unten im Publikum, und kein Elferrat wäre je auf die Idee gekommen, sie nach oben für ne Rede zu bitten. Weshalb das im Saarland und in Stockach anders gehandhabt wird: keine Ahnung. Erkundigen Sie sich bei den Saarländern und Stockachern. Denn, wenn wir die Bühnen schon im Wechsel besetzen wollen: Weshalb dann nicht Bernd Stelter in den Bundestag, um dort die drögen Debatten über den Haushalt etwas aufzulockern? »Das ist wieder einer Ihrer selten blöden Einfälle, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Stimmt, es ist ein blöder Einfall. Aber auch nicht viel blöder, als Politiker in der Bütt Wahlkampfreden schwingen zu lassen.

    Das Recht auf den schlechten Witz auf keinen Fall antasten

    Nach ü2000 Wörtern des Abwägens bin ich nach wie vor unentschlossen, wie ich das AKK-Stockach-Gate einsortieren soll: Der Sitzpinkler-Kalauer – abgedroschen hin oder her – muss als Kalauer für sich alleine betrachtet möglich sein. Wir können, speziell im Karneval, nicht jede Minderheit vorher fragen, ob es ihr genehm ist, wenn ein Witz über sie gerissen wird. Und dass ein Joke (grotten-) schlecht ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er deshalb auf den Index des Unsagbaren gehört. Hätte ihn Stelter (ich erwähne den Armen, der ja mit der ganzen Kalamität gar nichts zu tun hat, bloß deshalb so oft, weil er seit seinem Doppelnamen-Brüller nun auch bundesweit eine gewisse Berühmtheit erlangt hat) zum Besten gegeben: müdes Lächeln im Publikum, kleiner Aufreger in der Lokalpresse und an Aschermittwoch schon wieder vergessen und abgehakt. Vielleicht hätte sogar die Kölner Schwulen-& Lesben-Community darüber gelacht. Denn die soll dem Karneval und seinen Zoten ja angeblich aufgeschlossen gegenüberstehen. Aber aus dem Munde der konservativen AKK bekommt die Sitzpinkel-Attacke halt doch ein anderes Stockach-Geschmäckle.

    Wir können uns eventuell auf folgendes einigen:
    (1) Auch Karnevalswitze sollten ein Mindestmaß an Niveau und Originalität aufweisen
    (2) Politiker gehören unten ins Publikum und nicht nach oben in die Bütt
    (3) Das Recht, schlechte Witze erzählen zu dürfen und sich damit zu blamieren, bleibt allerdings weiterhin unangetastet.

    Wir einigen uns doch nicht, weil Sie auf Ihrem Standpunkt „Das geht überhaupt nicht und niemals!“ bestehen? Okay, da kann man halt nichts machen. Nach schneller Beichte heute Morgen und drei Rosenkränzen wurde mir ohnehin schon Absolution erteilt. Da brauche ich Ihre gar nicht mehr.

  • Feinstaubtheater ohne Ende oder …

    Feinstaubtheater ohne Ende oder …

    Feinstaubtheater ohne Ende oder …

    … weshalb ein Grenzwert ein Grenzwert ist

    Werden wir alle an einem Lungenkarzinom elend zugrunde gehen, wenn die jährliche Durchschnittsmenge Stickoxide (NOx) in der Luft statt wie bisher 40 demnächst 50 Mikrogramm/ m3 betragen darf? Schnelle Antwort: nein, werden wir nicht. Ist der Wert 40 eh maßlos niedrig angesetzt und könnte ohne Probleme auf beispielsweise 100 oder gar 200 erhöht werden? Wiederum schnelle Antwort: hier streiten die Gelehrten.

    Völlig losgelöst von den Fragen, ob:

    (a) wir nun 40, 50, 100, 200 oder vielleicht doch nur 20 Mikrogramm Stickoxide gefahrlos inhalieren können
    (b) 100, 1000, 6000 oder 50.000 Menschen (in D, pro Jahr) an den direkten Folgen NOx-induzierter Krankheiten sterben
    (c) man in Büros und Produktionsstätten bedenkenlos weitaus höheren Konzentrationen ausgesetzt sein darf als auf Bürgersteig und Straße,

    wollen wir uns in dieser Kolumne primär mit dem deutschen Wunsch nach Korrektur des Wertes just in dem Moment, in dem man bemerkt, dass er nicht einzuhalten ist, beschäftigen.

    Zahl 40 seit 1999 bekannt und einstimmig beschlossen

    Springen wir kurz zwanzig Jahre zurück. 1999 legte die EU-Kommission den Mitgliedsstaaten einen Luftreinhalteplan vor, der einen Jahresdurchschnittswert von 40 µg/m3 und 18malige Spitzen – die nicht länger als eine Stunde andauern dürfen – von 200 Mikrogramm vorsah. Dieser Vorschlag wurde von den Mitgliedern akzeptiert, beschlossen, 2008 von der EU bestätigt und im Anschluss von allen Ländern in nationales Recht überführt. Die beiden Werte 40 und 200 basieren wiederum auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, die begleitend mehrere Studien durchgeführt hatte.

    Warum also hat man nicht bereits vor zwanzig Jahren laut „Stopp!“ gerufen, wenn man angeblich immer schon an der Sinnhaftigkeit der Zahl 40 zweifelte? Weshalb stimmte die deutsche Delegation der Verschärfung der Grenzwerte ohne Murren zu und meldete nicht etwa Bedenken an oder legte gar ein Veto ein? Womit das ambitionierte Saubere-Luft-in-Europa-Vorhaben damals auf den Fluren des Berlaymonts beerdigt worden wäre und man es bei den zuvor geltenden höheren Limits belassen hätte. Stattdessen hat man sich im Immissionsschutzgesetz verpflichtet, die neue Vorgabe bis spätestens 2015 umzusetzen. Warum ließ man sich auf dieses riskante Spiel ein? Es kann dafür nur zwei Antworten geben: zum einen waren die Verantwortlichen 1999 von der Gefährlichkeit dauerhaft zu hoher Feinstaubbelastung durchaus überzeugt, zum anderen spekulierten sie darauf, dass die Einhaltung des ambitionierteren Maximums durchaus machbar sei. Die dritte Möglichkeit – nämlich: die deutschen Vertreter ließen sich von ihren europäischen Partnern über den Tisch ziehen – will ich hier als außerhalb meiner Vorstellungskraft liegend unberücksichtigt lassen; sie sei der guten Ordnung halber aber doch erwähnt.

    Warum nicht mit Tempo 100 durchs Wohngebiet?

    Nun kann man sich über die konkrete Bezifferung eines Grenzwerts prima zanken. Wer will ernsthaft bestreiten, dass es sich auch mit 0.8 Promille noch halbwegs passabel Auto fahren lässt? Warum warnen Experten vor schädlichen Folgen des Alkohols, wenn man über einen längeren Zeitraum mehr als ein Glas Wein am Abend konsumiert? Ich meine, wer von uns verträgt nicht ebenfalls problemlos eine halbe Pulle Wodka? Tempo 50 innerorts – lachhaft. Gute Autofahrer können blind mit 100 km/h durch Spielstraßen kurven, ohne großen Schaden anzurichten. Kalorien- und Zuckerwarnungen – wozu? Lasst die Leute doch so viel in sich reinstopfen, wie sie wollen. Wer sagt, dass Fettleibigkeit zwingend krank macht? Ich kenne so viele glückliche Dicke. Antibiotika in Lebensmitteln, Pestizide im Garten – weswegen sich darüber aufregen und Limits beschließen? Der Herr Müller von nebenan wäre sowieso an Leukämie gestorben, als ob das irgendwas mit dem von ihm heißgeliebten und im Sommer hektoliterweise versprühten Unkraut-ex-und-hopp zu tun gehabt hätte. Und wer kann schon seriös nachweisen, dass Tabakdunst im Restaurant nicht nur die Lunge des Rauchers, sondern ebenfalls die Gesundheit des Tischnachbarn negativ beeinträchtigt? Das einzige, was man halbwegs sicher weiß, ist, dass eine Kugel aus dem Lauf einer Beretta 92, gerichtet auf den Kopf eines Menschen, tödliche Konsequenzen haben wird. D.h. der Grenzwert von Pistolen sollte vernünftigerweise 0 lauten. Aber auch bei Schüssen frontal in die Stirn gibt’s natürlich Überlebende, weshalb Waffenfreaks die Null seit jeher anzweifeln.

    Was ist eigentlich ein Grenzwert?

    Vielleicht sollten wir deshalb mal generell über die Zweckdienlichkeit von Grenzwerten sprechen.
    Diese gründen auf zwei Säulen:
    (1) Der (Mehrheits-) Meinung von Experten, dass bei Überschreiten dieses Limits Gefahr droht bzw. wir von einem stark abnehmenden Grenznutzen ausgehen müssen, wenn wir bspw. jeden Abend eine Flasche Doppelkorn in uns reinkippen, anstatt es bei der o.g. Empfehlung ein Glas Wein zu belassen
    (2) Dem erzieherischen Auftrag: nun ist der Grenzwert da, und deshalb muss er eingehalten werden.

    Da (1) nie aufs Komma genau kalkuliert werden kann, und wir von (2) staatlicher Bevormundung aka Erziehungsauftrag ohnehin gar nichts halten, können wir uns Grenzwerte eigentlich ganz schenken. Also munter mit 280 über unsere Autobahnen brettern, gequalmt wird am Arbeitsplatz und in der Kneipe sowieso, 10.000 Kalorien/ Tag sind Kinderportionen, und die 40 Mikrogramm NOx in der Außenluft eh der größte Witz. Sagt ja auch Lungen-Guru Köhler. Alles ab sofort in Eigenverantwortung des mündigen Wählers. Freie Fahrt für freie Bürger kombiniert mit: Möge jeder selbst bestimmen, welches Quantum NOx er sich zutraut.

    Ohne Grenzwert kein Fortschritt in Richtung E-Mobilität

    Mir persönlich ist weder vor Feinstaub noch vor Passivrauchen sonderlich bange. Sterben werde ich eh und dann vermutlich eher an geplatzter Leber aufgrund früher zu heftigen Alkoholkonsums als an zu viel NOx im linken Lungenflügel. Trotzdem halte ich Grenzwerte für richtig. Denn die Welt besteht nun mal nicht nur aus Menschen wie mir und Ihnen, der Sie ein notorischer Umweltschutzskeptiker sind, sondern ebenfalls aus Kindern, Asthmatikern und Senioren jenseits der 80. Speziell für diese Gruppen ist die Einhaltung der Vorgabe 40 mitunter überlebenswichtig.

    So ein Grenzwert kann des Weiteren als Stimulus für die Autoindustrie dienen, sich nach über hundert Jahren Verbrennungsmotor endlich mit anderen Konzepten zu beschäftigen, die Entwicklung umweltschonender Kfz unter Hochdruck voranzutreiben und zur Marktfähigkeit zu bringen. Nach all den aufgeflogenen Tricksereien mit manipulierten Abgaswerten steht es Herstellern und Politik wahrlich nicht gut an, nun von illusorischen Umweltutopien zu faseln. Statt das Limit zu erhöhen und die Messstationen zehn Meter nach rechts und vier Meter nach oben zu verrücken, sollte die Industrie zu schnellen Hardwarenachrüstungen und vermehrten Anstrengungen beim Thema E-Mobilität gezwungen werden.

    Was passiert eigentlich, falls die 50 auch nicht ausreicht? Muss dann schrittweise über 60, 70, 80 bis auf 100 oder 200 angehoben werden? Bloß damit die deutschen Produzenten weiterhin am Diesel ohne ausreichend funktionierenden Katalysator festhalten können?

    Es bleibt ein schaler Beigeschmack, wenn der große europäische Lehr- und Zuchtmeister plötzlich selbst die Normen brechen möchte, die er vorher mitbeschlossen hat. Fragen sie mal Griechen und Portugiesen, was die von deutschen Finanzkontrolleuren halten, die ihnen jahrelang tagein, tagaus die Wichtigkeit der strikten Beachtung der Maastricht-Kriterien predigten und ihnen gleichzeitig Nachhilfe in Kameralistik und mitteleuropäischer Organisation der Steuerverwaltung erteilten. Wer selbst ständig auf Regeln pocht, darf sich nicht wundern, dass deren Einhaltung auch von ihm selbst gefordert wird.

    Fazit

    40 sind Beschlusslage und gelten. Wer damit ein Problem hat, muss seinen Einwand in den EU-Gremien zur Diskussion stellen und darf das Limit nicht im nationalen Alleingang aufweichen. Dieselfahrverbote für Innenstädte mögen für die Betroffenen lästig sein, von Enteignung sind sie Lichtjahre entfernt und als Alternative kann man gut den ÖPNV nutzen.

    EDIT: der wissenschaftliche Dienst der Kolumnisten macht auf folgenden Umstand aufmerksam: Stickoxide sind Gase, Verbindungen von Stickstoff und Sauerstoff, vor allem Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2).

    Feinstaub sind feste Teilchen, die in der Luft schweben, Rauch z.B. Sowohl die Entstehung als auch die Verbreitung und schließlich das Verschwinden aus der Luft verlaufen komplett unterschiedlich. Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass bei der Verbrennung von Diesel sowohl Stickoxide als auch Feinstaub entstehen.

    Umgangssprachlich werden die zwei Begriffe allerdings oft synonym verwendet.

    Der Autor des Beitrags gibt unumwunden zu, dass ihm die strikte Trennung der zwei Phänomene bis dato nicht bekannt war, und er NOx als Teilmenge von Feinstaub ansah. Der Gesundheit abträglich sind eh beide. Und an der Sinnhaftigkeit von Grenzwerten ändert das alles nichts. Von daher kann der Kolumnist weiter mit seiner Kolumne leben

  • Macht Facebook aggro?

    Macht Facebook aggro?

    »Du benimmst dich in Facebook noch arschiger als im normalen Leben«, sagt sie.
    »Woher weißt du, wie ich mich in Facebook benehme?«, frage ich. »Wir sind da überhaupt nicht miteinander befreundet.«
    »Glaubst du allen Ernstes, dass bloß weil du ständig meine Freundschaftsanfragen ablehnst, ich nicht trotzdem genauestens über deine Aktivitäten Bescheid weiß?«
    »Du spionierst mir nach?«
    »Lass es mich so ausdrücken: ich zeige ein gewisses Interesse an deiner Person. Darüber solltest du dich eigentlich freuen, statt mal wieder die ewige Jammerplatte aufzulegen. Seit Jahren dasselbe Trauerspiel mit dir. Bemerke keinerlei Fortschritt in deiner Entwicklung.«
    »Trink nicht so viel!«, sage ich.
    »Von einem Facebook-Arsch wie dir lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

    Seitdem sie sich von ihrem dritten oder vierten Mann hat scheiden lassen, ist sie viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, hat mich im vergangenen Herbst nach vierzig Jahren Funkstille in Facebook wieder aufgespürt und ist felsenfest davon überzeugt, dass sie, bloß weil wir in der 8ten Klasse mal Händchen gehalten haben, nun ein Gewohnheitsrecht darauf besäße, mir einmal pro Woche auf die Pelle rücken zu dürfen. Ich mag sie tagsüber recht gerne; allerdings abends, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hat, geht sie mir nach der zweiten Flasche Prosecco ganz gehörig auf die Nerven. Als ich sie eine Stunde später endlich vom sechsten Stock nach unten auf die Straße und dann ins Taxi verfrachtet habe, setze ich mich an den Schreibtisch, werfe den Laptop an und schaue aus alter Gewohnheit als erstes in Facebook vorbei. Dort das übliche Freitagabend-nach-22-Uhr-Spektakel:

    ▪Darf Greta Thunberg jeden Freitag die Schule schwänzen und das Weltklima retten?

    ▪Warum lässt sich der Broder von der Weidel knutschen?

    ▪Kann man Diesel-NOx genauso sorgenfrei inhalieren wie Pfefferminzaufguss in der Herrensauna?

    Ich überfliege ein Dutzend Diskussionen, hinterlasse drei kurze Kommentare, langweile mich, klappe den Deckel zu, denke: früher fand ich Facebook spannender und zappe im Anschluss noch ein bisschen kreuz und quer durch Netflix, wo ich auch nichts Gescheites entdecke, weshalb ich mich aufs Sofa lege und ein paar grundlegende Gedanken zu meinem Internetverhalten anstelle, an denen ich Sie gerne teilhaben lasse.

    Powerfacebooken = nicht-stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung

    Klären wir als Erstes die Frage, ob Powersurfen eine nicht-stoffgebundene Sucht darstellt. Knappe und eindeutige Antwort: ja, tut es! Jeder, der täglich – außerhalb beruflicher Aktivitäten – Zeit in diversen Foren und Plattformen verdaddelt, ist ein Digital-Junkie AUSRUFEZEICHEN Der Grad der Abhängigkeit ist einfach zu messen: je mehr Stunden vertrödelt werden, desto kritischer ist der psychische Zustand des Nutzers zu beurteilen. Täglich drei, vier Stunden in Facebook, Twitter, Instagram sind aufs Jahr hochgerechnet ja schon ne Menge vergeudeter Lebenszeit. »Es gibt schlimmere Süchte als Facebook«, meinen Sie? Stimmt; beispielsweise Crack, Wodka und Nymphomanie. Aber in die Top 10 der Bad Habits würde ich Facebook auf jeden Fall einsortieren.

    Frage Nummer 2: Kann man in sozialen Netzwerken (richtige) Freundschaften schließen? Das ist schon schwieriger zu beantworten. Hängt davon ab, ob Sie Lust und Zeit haben, ihre digitalen Bekannten auch beim Nachmittagskaffee oder Gute-Nacht-Viagra treffen zu wollen. Bei mir oszilliert dieses Bedürfnis saisonal zwischen den Polen schwach (Winter) und „Warum nicht? Wenn’s nicht weiter als fünfzig Kilometer sind“ (Sommer). Die Begrenzung auf maximal 45 Minuten Anreise reduziert die Anzahl möglicher Kontakte ungemein. Virtuell ist eben virtuell, und real bleibt real. Sind irgendwie doch zwei unterschiedliche Sphären mit allenfalls kleindimensionierter Schnittmenge. Sie mögen das komplett anders sehen und handhaben. Auch okay. Die rein digitalen Bekannten verhalten sich oft unverständlicher und sind schneller eingeschnappt als meine vorvorletzte Exfreundin, und die machte mir oft wegen Winzigkeiten die Hölle heiß. Da reicht mitunter ein leicht sexistisches Posting, ein falsches Wort in einem Kommentar, ein Text, in dem man sich als Amazonkunde outet, und weg sind sie. Was ich in den letzten Jahres alles an Spontan-Entfreundungen erlebt habe – darüber kann ich eine separate Kolumne schreiben. Würde aber hier jetzt zu weit führen.

    Frage Nummer 3 – mit der wir endlich beim eigentlichen Thema ankommen –: Wie sieht’s aus mit unserer Kommunikation im Internet? Schnelle Antwort: streckenweise traurig bis hin zu partiell außer Kontrolle.

    Ein paar Kostproben:

    Sie scheinen ein notorischer Schwachkopf zu sein, der seinen Studienabschluss entweder gekauft hat oder frei erfindet. Zur Ehre gereichen Sie Ihrem Berufsstand auf jeden Fall nicht.

    Sie armes Würstchen können einem bloß noch leidtun.

    Kein Wunder, dass ein pädophiler Grüner wie Sie diese kleine schwedische Behinderte gut findet.

    Mit Ihnen bin ich noch lange nicht fertig.

    Rote Faschisten wie Sie sind die allerschlimmsten.

    »Wo treiben Sie sich denn rum?«, fragen Sie mich? … Nur in Facebook.

    Und auch ich selbst kommuniziere online anders als im Büro oder morgens um 8 Uhr, wenn ich dem Nachbarn aus der zweiten Etage unten auf dem Parkplatz begegne. Tippe Sätze wie:

    Sie klingen, als seien Sie uns aus der AfD-Parteizentrale zugeschaltet.

    Nehmen Sie Ihren Blutdrucksenker, warten Sie eine halbe Stunde, bis der wirkt und schreiben Sie dann Ihren Kommentar erneut.

    Hat man Sie als meinen Dauertroll abkommandiert?

    Wenn es einen Preis für den fadesten Kommentar gäbe, dann gebührte der Ihnen.

    Merke: gepöbelt wird – entgegen dem üblichen Facebook-du – häufig in der dritten Person.

    Pöbeln = virtuelle Wirtshausrauferei

    Und genau das meint meine alte Schulfreundin, wenn sie sagt: »Virtuell bist du noch arschiger als im realen Leben«. Warum tue ich das? Ich weiß es selbst nicht so genau. Vermutlich, weil es möglich und in vielen Threads mittlerweile Normalität ist, sich knapp unterhalb der strafrechtlich relevanten Schwelle gegenseitig zu beleidigen. Der digitale Schlagabtausch ersetzt die gute, alte Wirtshausrauferei. Choleriker trifft auf Klugscheißer, Linke und Rechte schreien sich die Seele aus dem Leib, Veganer und Karnivore kloppen sich wegen Sojaburgern, die politisch Superkorrekten regen sich aus dem Stand heraus bei Fatshaming auf, dasselbe tun die Neo-Emanzen, sobald sie Mansplaining wittern. Facebook jenseits der Katzenfotos bedeutet Krieg. Allerdings einer, der seelische und keine physischen Wunden zufügt. Wer das nicht verinnerlicht und sich beizeiten eine dicke Teflonschicht zulegt, wird an diesem Medium über kurz oder lang verzweifeln.

    Digitale Beiträge bezwecken Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die lassen sich am schnellsten mittels marktschreierischer Überschriften, Kondensierung komplexer Sachverhalte auf maximal fünf Sätze bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer Wahrheiten als der eigenen erzielen. Facebook ähnelt also zu vier Fünfteln der Promi-Berichterstattung der BILD ; weitere 19 Prozent bestehen aus nicht-hinterfragter Weiterverbreitung von Fake-News aus dubiosen Quellen wie Russia Today, Compact und Breitbart, um nur drei Protagonisten aus dieser unappetitlichen Liste aufzuzählen. Ja ja, es gibt lobenswerte Ausnahmen. Ist mir bewusst. Erinnere mich an eine friedliche Diskussion vergangenen Dienstagabend über die Komplexität des Rilkeschen Versmaßes in einer geschlossenen Poetengruppe. Aber die machen maximal ein Prozent der Plattform aus und werden in der Regel schlecht besucht und nur spärlich kommentiert. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Posts hat Trivialitäten zum Inhalt.

    Man kann nun wie Robert Habeck oder einer der Instagram-Erfinder sich die grundlegende Frage stellen: verpasse ich irgendwas, wenn ich am digitalen Geplappere nicht mehr teilnehme? Und nach kurzem Nachdenken zur an und für sich befreienden Schlussfolgerung gelangen: Natürlich versäume ich Nullkommanull, sobald ich den Dampfplauderbuden Facebook und Twitter den Rücken kehre oder wie Schlecky Silberstein die Forderung aufstelle: Das Internet muss weg!. Mal ganz ehrlich: steht da irgendwas drin, was man sonst nicht auf herkömmlichem Weg in Erfahrung bringen könnte oder tatsächlich wissen muss, um mitreden zu können? Zu 97% lautet die Antwort: nein, tut es nicht! Was also treibt uns trotzdem magisch in die digitalen Arenen der Eitelkeiten und des Grauens? Meines Erachtens ist die Antwort genauso simpel wie niederschmetternd: es ist einzig die Macht der schlechten Gewohnheit, die uns jeden Tag aufs Neue ins Zuckerbergsche Spinnennetz hineinlockt. Und wie schwer es ist, sich von einer Abhängigkeit zu lösen – da erkundigen Sie sich mal bei Rauchern, Alkoholikern und Spielothek-Süchtigen in Ihrem Bekanntenkreis. Die werden Ihnen das schon erklären.

    Zuckerbergs Datensammelwut = manisch

    Weshalb entblößen wir uns freiwillig in Plattformen, von denen wir wissen, dass die hinter der bunten Oberfläche verborgenen Algorithmen 24/7 sämtliche unserer Daten sammeln, unsere digitalen Schritte penibel beobachten und aufzeichnen, uns gläsern machen, uns – egal, wo wir uns bewegen – mit Werbung überschütten, und von denen wir v.a. nicht in Kenntnis gesetzt werden, was sie mit unseren Infos im Verborgenen sonst noch so alles anstellen? Wer garantiert, dass ich von der Maschine jenseits meines Konsumverhaltens nicht zusätzlich noch in eine politische Zielgruppe einsortiert werde? Würden sich eventuell meine Krankenkasse und Lebensversicherung darüber freuen, wenn sie von Facebook erführen, „der Hirsch ernährt sich ausschließlich von Nutella, Dosenravioli, kalter Bockwurst und Cola Zero“, und mir im Anschluss Beitragserhöhungen aufgrund ungesunder Ernährung ins Haus schicken oder gar die Police kündigen? »Sie übertreiben mal wieder maßlos«, sagen Sie? Für den Moment mögen Sie Recht haben; die Tendenz geht aber mMn eindeutig in Richtung gläserner User. Und noch einmal die grundlegende Frage: Warum liefern wir täglich Daten an ein System, das niemand kontrolliert? Was schallte 1987 noch für ein Aufschrei durchs Land, als per Volkszählung ein paar harmlose Sachen wie Alter, Geschlecht und Berufsgruppe für statistische Zwecke in Erfahrung gebracht werden sollten. Die halbe Nation weigerte sich, an der Datenerhebung teilzunehmen. Gerichte wurden angerufen, um die Aktion zu stoppen. Und heute? Wir liefern von morgens bis abends Informationen an die Plattformbetreiber, deren Menge im Vergleich zu dem, was vor dreißig Jahren von uns gefordert wurde, ausreichen würde, um die Karibik zuzuschütten, während wir 1987 noch Mühe gehabt hätten, den Decksteiner Weiher im Kölner Grüngürtel damit zur Hälfte zu befüllen. Und das Bermudadreieck, wo alles spurlos verschwindet, liegt bekannterweise nicht auf 50° 56′ 33″ nördlicher Breite. Weshalb tun wir das? Und vor allem: Warum ohne jegliche Gegenwehr? Weil Facebook verantwortungsvoller mit den Infos umgeht als die Staatsbürokratie? Wer das glaubt, der glaubt ebenfalls daran, dass die komplette Abholzung des Amazonasregenwalds bei gleichzeitiger Erhöhung der CO2-Ausstöße keinerlei Auswirkungen auf das Weltklima haben. Cambridge Analytica lässt grüßen.

    So lange Facebook primär nach Tittenbildern fahndet, während Gewaltverherrlichung und Menschenverachtung eher als vernachlässigbare Sünden gelten, wird sich am grottigen Kommunikationsverhalten der User nichts ändern, steht vielmehr zu befürchten, dass die Welle der digitalen Pöbelei über kurz oder lang in die reale Welt überschwappt. Wissenschaftler warnen bereits vor einer Verengung der Weltsicht aufgrund zu einseitiger Informationsaufnahme in den sozialen Medien, wodurch das Verständnis für Andersdenkende reduziert wird, woraus dann wiederum dogmatische Lebensentwürfe bei gleichzeitig sinkender Frustrationstoleranz resultieren. Je mehr wir digital pöbeln, desto gewaltbereiter werden wir in der Realität.

    Freiwillige Selbstkontrolle = Nullnummer

    Die Kontrolle durch Maschinen funktioniert ganz offensichtlich nicht. Die Etablierung (geschulter?) Moderatorenteams hat sich bisher als Flop erwiesen; unter anderem deshalb, weil Zuckerberg lieber Geld in auf die Werbetreibenden zugeschnittene Zielgruppenanalysen als in Human Resources investiert. Falls die Nutzer weiterhin schamlos ausspioniert werden, nicht transparent gemacht wird, was mit den Abermilliarden Daten geschieht, die gegenseitigen Beleidigungen weiter zunehmen, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der laue juristische Wind, der Facebook noch umweht, alsbald auffrischt. Und seien es bloß auf digitale Pöbeleien spezialisierte Abmahnvereine und Staatsanwaltschaften, die Verbleib und sicherer Aufbewahrung der Kundeninfos nachspüren. Das reicht schon, um es in der bisher nahezu unregulierten Plattform ungemütlicher werden zu lassen.

    Ob ich glaube, dass sich Leser nach dem Studium dieser Kolumne aus den digitalen Netzwerken abmelden werden? Nein, glaube ich nicht. Tue ich ja auch nicht und hat ebenfalls Schlecky Silberstein bisher nicht getan. Die Kraft der schlechten Gewohnheit ist stark.

    Ganz am Ende des Textes zurück zur Ausgangsfrage: Macht Facebook aggro?
    Zwei Antworten:
    (1) hängt von Ihrem individuellen Gemütszustand ab
    (2) hin und wieder auf jeden Fall.

    Erleichtert stelle ich nach dreitägigem Selbsttest fest, dass ich im Büro-Meeting und an der Sonntagnachmittagkaffeetaffel meiner Tante Edith keine Bemerkungen à la, „Herr lass Hirn vom Himmel regnen“ oder „Hast du heute Morgen etwa vergessen, deine Pillen einzuwerfen?“, von mir gebe. Glücklicherweise haben die facebookschen Ruppigkeiten also noch nicht völlig von mir Besitz ergriffen. Wobei diese Aussage einzig für mein Reden in der Öffentlichkeit gilt. Ob ich mitunter virtuell-vereinfacht denke – darüber werde ich mich demnächst mal mit meiner Therapeutin unterhalten. Uns gehen eh so langsam die Themen aus.

  • Ist Amazon böse?

    Ist Amazon böse?

    „Die Nutellavorräte neigen sich dem Ende zu“, meldet die Kühlschrank-App. „Und die Wurst hinten links ist vergammelt,“ – „Danke“, tippe ich in das kleine Antwortfeld.
    „Raumtemperatur im Wohnzimmer beträgt aktuell 12°. Soll ich die auf 19 hochfahren, damit es bei deiner Rückkehr nach Hause angenehm warm ist?“, fragt die hübsche Heizungs-Avatarin. „Ja bitte“, sage ich.
    „Der nächste Ölwechsel steht kommende Woche an. Den Termin in der Werkstatt nochmal bestätigen?“, erkundigt sich die Kfz-Software. „Unbedingt!“, rufe ich.
    „Du warst um die vereinbarte Uhrzeit nicht anzutreffen. Wir haben den Wochenendeinkauf deshalb in einer Packstation in deiner Nähe deponiert. Für nähere Informationen logge dich bitte in unser Kundensystem ein“, informiert mich der digitale Supermarkt. „Scheiße“, fluche ich.
    „Du fährst in dreißig Tagen in den Skiurlaub. Im Zielgebiet ist es sehr kalt. Denk rechtzeitig daran, Thermounterwäsche einzupacken. Soll ich dir eine Übersicht der günstigsten Angebote in Amazon zusammenstellen?“, erkundigt sich Alexa. „Ich HASSE Thermounterwäsche!“, rufe ich. „Ich habe dich nicht verstanden. Bitte wiederhole das“ – „Ich hasse Thermounterwäsche“ – „Okay, also keine Thermounterwäsche. Möchtest du, dass ich dir eine Filmauswahl, ganz auf deinen persönlichen Geschmack abgestimmt, für heute Abend organisiere? – „NEIN! Das kann ich selber“ – „Also negativ. In Ordnung. Kann ich sonst irgendwas für dich tun?“ – „NEIN! Lass mich einfach zufrieden.“ – „Zufriedenlassen: okay. Ich wechsele dann in den Standby-Modus. Melde dich, wenn du eine neue Frage hast.“ – „Sei bloß still!!“ – „Still, still, still …. bsssss.“

    Der Hirsch übertreibt es mit seinen Apps, meinen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Habe das ganze Zeug deshalb spontan von meinem Handy gelöscht und Alexa in den Elektroschrott geschmissen. Seitdem herrscht wieder angenehme Ruhe im Haus. War ja nicht zum Aushalten das Dauergeplappere. Ich meine: wer braucht schon ernsthaft eine Heizungs- oder Ölwechsel-App? Oder gar die 24/7 klugscheißende Alexa? Kein Mensch. Zumindest kein ü50-Mann wie ich, der schon Schwierigkeiten damit hat, SMS (ja ja, ich simse noch), WhatsApp, Messenger, Facebook und die Chat-Funktion der Partnerbörse sauber auseinanderzuhalten. Haben Sie schon mal morgens „Was für ein blöder Kommentar“ in die Parship-Mailmaske getippt, weil sie irrtümlich dachten, sie befänden sich in einer Facebook-Diskussion? Nein? Ich schon. Da können Sie der Dame im Nachgang noch so nett und ausführlich erklären, dass es sich um ein dummes Missverständnis handelte. Sie werden von der nie mehr was hören. Und mir passiert das dauernd. Von daher bloß keine semi-intelligenten Apps, die mich mehr verwirren bis hin zu erzürnen, als mir Nutzen zu stiften.

    Wo gibt’s noch richtige Buchhandlungen?

    Aber – ich geb’s zu – ich bin ein bekennender Einkaufsmuffel. Habe noch nie verstanden, welche Freude es dem Menschen bereitet, stundenlang durch Kaufhäuser und Boutiquen zu streifen, fünfhundert Sachen in die Hand zu nehmen, nur um am Ende mit einer Bluse, einem neuen Paar Schuhe und hellblauem Nagellack nach Hause zurückzukehren. Besuche in Bau- und Supermärkten sind mir ein Graus. Ganz schlimm am Samstag, wenn sich halb Köln durch die Gänge quetscht. Sobald ich was Neues zum Anziehen benötige, weiß ich vorher genau, was es sein soll, betrete den Shop, steuere zielgenau auf Hosen, Mantel, Mütze – oder was auch immer ich gerade benötige – zu, probiere bis zu drei Teile aus, gehe zur Kasse und zahle. Vorgang darf nicht länger als maximal fünfzehn Minuten dauern. Sonst bekomme ich erst Beklemmungen und dann schlechte Laune. Die einzigen Ladenlokale, die ich seit Jugend gerne betrete, sind Buchhandlungen und die Musikabteilung des Saturn am Kölner Hansaring. Womit wir nach zugegebenermaßen zu lang geratener Einleitung endlich beim Thema sind: Buchhandlungen, also richtige Buchhandlungen gibt es ja kaum mehr. Gonski am Kölner Neumarkt: pleite. Bouvier gegenüber der Bonner Universität: dasselbe: Hugendubel in München: zu weit entfernt. Stattdessen bestimmen Ketten wie Thalia und die Mayersche das Straßenbild: unten Kochbücher und Biografien von Promis, in der ersten Etage: Köln- & Eifelkrimis, im zweiten Stock irgendwas Undefinierbares, was ich mir nicht merken konnte, aber sich anscheinend gut verkauft. Als ich mich kürzlich in der Filiale am Neumarkt nach „Gruppenbild mit Dame“ von Böll erkundigte, erhielt ich zur Auskunft: »Nicht vorrätig. Können wir aber gerne für Sie bestellen«. – »Und was ist mit „Entfernung von der Truppe“?«, fragte ich. »Dasselbe«, erfuhr ich. »Böll gibt’s bloß auf individuellen Kundenwunsch hin. Wäre dann morgen Früh hier abholbar. Soll ich das für Sie in die Wege leiten?« – »Nein danke«, sagte ich und verließ den Laden, ohne ein einziges Buch gekauft zu haben. Das wäre zu Zeiten von Gonski und Bouvier undenkbar gewesen. Damals ging ich unter einem halben Dutzend Romane, die ich zugegebenermaßen nicht alle las, da nicht raus. Heute hingegen finde ich interessanten Lesestoff entweder in Antiquariaten oder beim Online-Händler.

    Vergangene Woche entdeckte ich in der Wochenendausgabe des General-Anzeigers eine unterhaltsame Rezension zu einem neuerschienen Sachbuch „Nehmen ist seliger als geben“ von Christoph Fleischmann. Weil mir der Name des Verfassers durch seine klug-amüsanten Radiobeiträge auf WDR 5 ein Begriff war, wechselte ich spontan von der Zeitung an den Laptop und orderte das Werk in Amazon. Eine Stunde später berichtete ich stolz auf Facebook von meinem Kauf. Im Anschluss entspann sich eine Diskussion, in der es interessanterweise nicht um den Inhalt des Buches ging, sondern die einzig um die Frage kreiste: Darf man guten Gewissens überhaupt auf einer Plattform wie Amazon was kaufen? Und nun sind wir endlich beim eigentlichen Thema der Kolumne angelangt. Ich versprech’s.

    Von Abrakadabra über Kadaver zum Amazonas

    Vorab ein kurzer Steckbrief des Giganten:
    – Gegründet: 1994
    – Präsident, CEO, Chairman (k.A., welcher davon der wichtigste Titel ist): Jeffrey, P. Bezos
    – Unternehmenszentrale: Seattle (also zwei, drei Blocks von Microsoft entfernt)
    Mitarbeiter weltweit: ü600.000
    – Umsatz global: knapp 200 Milliarden USD
    – Marktkapitalisierung: rund 800 Milliarden USD. Womit Amazon nach Apple zum zweitwertvollsten Unternehmen der USA aufstieg. Sie wissen nicht, was Marktkapitalisierung ist? Dann schauen Sie bitte in Google nach.

    – Mitarbeiter in Deutschland: knapp 20.000
    Umsatz D: 9 Mrd. €. Damit macht Amazon ca. ein Viertel des deutschen Online-Versandhandels aus.
    – Das deutsche Geschäft wird von Luxemburg aus betrieben.

    Ach so, bevor ich es vergesse: der Name Amazon entstand der firmeninternen Sage nach so, dass der Gründer sich zuerst Cadabra (wie Abacadabra) ausgedacht hatte. Als sein Anwalt bei der Anmeldung ins Register versehentlich Cadaver ins Formular eingeben wollte, entschied sich Bezos spontan um, recherchierte nun nach einem sowohl wohlklingenden als auch eindeutigen Begriff, der jetzt mit A (erster Buchstabe des Alphabets und deshalb weit vorne in den Branchenbüchern) beginnen musste, wobei sein Blick schließlich wohlwollend auf dem Amazonas ruhte. Der weltweit größte Fluss mit seinen tausenden Abzweigungen und Verästelungen als Synonym und Ansporn für das neue Geschäftsmodell. Die kampferprobten Amazonen hätten mit der Namenswahl hingegen nichts zu tun gehabt.Weshalb nicht? Ergibt jetzt auch nicht mehr oder weniger Sinn als Google, Bluetooth, Sony oder Yahoo.

    Die zeitraubende Religion des Firmenboykotts

    Bei Amazon kauft man nicht, das Unternehmen gehört komplett boykottiert, fordert die Online-Versandhandel-Sabotage-Fraktion. Warum, frage ich. Weil Amazon ein Monopolist ist, der seine Mitarbeiter lausig entlohnt und keine Steuern bezahlt, schallt es zurück. Oh!, denke ich, das ist übel. Aber liegt es wirklich in meinem winzigen Einflussbereich, das zu ändern? Natürlich!, ruft das Blockade-Kommando, jeder einzelne muss dazu beitragen, diesen Konzern zu bekriegen.

    Die Strategie des Firmenboykotts ist nicht neu. Ich hatte in den Achtzigern eine Freundin, die kaufte keinen O-Saft, wenn die Orangen in Südafrika gepflückt worden waren. Dann gab‘s diejenigen, die Schlecker mieden, weil die Kassiererinnen beim Discount-Drogeristen zu wenig verdienten und angeblich mittels versteckter Mikrofone von ihren Chefs belauscht wurden. Bei BP und Shell durfte man aufgrund havarierter Ölschiffe eine Zeit lang nicht tanken. H&M, KIK, C&A kann man guten Gewissens nicht betreten, da diese Unternehmen ostasiatische Näherinnen ausbeuten. Beim Kaffee muss ich darauf achten, dass der unter fairen Bedingungen produziert und gehandelt wird. Nutella geht wegen des darin enthaltenen Palmöls überhaupt nicht. Vor zwei Jahren postete ich im Hochsommer ein Bild von mir, eine Müller-Zitronenbuttermilch trinkend. Der Aufschrei der Netzgemeinde war gewaltig: Müller Milch trinkt man nicht!! Warum??, rief ich erschrocken und tippte auf Verstöße gegen die strenge deutsche Lebensmittelverordnung. Weil Müller keine Steuern bei uns, sondern in Luxemburg zahlt, wurde mir Ahnungslosem eröffnet. Daher weht der Wind, dachte ich und kippte den Rest der Zitronenbuttermilch schnell runter.

    Was und wo man kaufen darf, hat sich für einige Zeitgenossen zu einer Religion und tagesfüllenden Aktivität entwickelt. Ich persönlich war bereits in den Achtzigern nicht davon überzeugt, dass der Boykott von südafrikanischem O-Saft irgendwas an den Verhältnissen in Kapstadt und Johannesburg ändern würde. Leidtragende sind die Pflücker, die dann erstmal arbeitslos werden. Wenn nun Amazon seine Mitarbeiter unterdurchschnittlich entlohnt, ist es am Betriebsrat und den Gewerkschaften hier für schnelle Abhilfe zu sorgen. Zumal ich ja nicht weiß, ob der ein Klick entfernte Versandhändler es wesentlich besser als der Riese aus Seattle macht. Dass Amazon zu wenig oder gar keine Steuern in Deutschland abführt, indem man Zentralen in Fiskaloasen errichtet – aus kaufmännischer Perspektive gesehen konsequent, für unsere nationale Volkswirtschaft hingegen eher unbefriedigend. Hier ist aber mMn der europäische Gesetzgeber gefordert, für eine gerechte Verteilung der Einnahmen zu sorgen. Solange sich die einzelnen EU-Mitglieder bei den Unternehmenssteuersätzen jedoch einen erbitterten Konkurrenzkampf liefern, werden Headquarter-Verlagerungen nach Luxemburg, Malta und Zypern nicht zu verhindern sein. Ich kann echt nicht – und habe ehrlich gesagt auch Null Bock darauf – bei jeder Müllermilch vorher recherchieren, wieviel Kohle der Firmeninhaber an das Finanzamt überweist.

    Der stationäre Einzelhandel stirbt sowieso

    Amazon tötet den stationären Einzelhandel, werfen Sie nun in die Debatte ein? Das stimmt, ist aber ein Allgemeinplatz. Zum einen tun das alle Online-Versender, zum anderen stirbt der innerstädtische EH ebenfalls aufgrund massiven Wettbewerbs durch die in den Randbezirken aus dem Boden schießenden Shopping Malls und Outletcenter. So lange ich in Bonn, Köln oder Düsseldorf erstmal 45 Minuten lang einen Parkplatz suchen und für den am Ende meines Einkaufsbummels zwischen fünf und zehn Euro berappen muss, fahre selbst ich – der ich die künstlich-sterile Atmosphäre der Vorort-alles-unter-einem-Dach-Paradiese mit angegliederter Systemgastronomie überhaupt nicht mag – lieber nach Buschdorf, Montabaur, Pulheim, Opladen – und wie die Käffer in Westerwald, Vorgebirge, Bergischem Land sonst noch alle heißen mögen –, als mich am Samstagmittag durch den blutdrucksteigernden Kölner Verkehr zu ärgern. Oder ich bestelle halt im Internet. Den E-Commerce aufhalten zu wollen, ist in etwa so sinnvoll, wie sich die gute alte Kugelkopfschreibmaschine zurückzuwünschen oder der Zeit, als die Kinos noch Jugendstilpalästen ähnelten, hinterherzutrauern, anstatt sich langsam mit Netflix anzufreunden. Kann man natürlich tun; wird den technischen Fortschritt – der ja zur Hälfte auf der Bequemlichkeit der Konsumenten gründet – jedoch nicht stoppen.

    Meine individuelle Antwort auf Amazon & Co. mündet deshalb in eine Hybrid-Taktik: wenn ich mal in der Innenstadt bin – zugegebenermaßen aufgrund der oben aufgezählten Verkehrs- und Parkprobleme eher selten –, dann kaufe ich alles, was ich benötige, dort im stationären Einzelhandel. Auch Bücher (falls die vorrätig sind) und Elektroartikel. Den Rest – aus dem Bauch heraus geschätzt: ca. 50 Prozent meiner Anschaffungen, von den Lebensmitteln mal abgesehen – per Mausklick. Und beim E-Commerce bin ich völlig vorurteilsfrei. Ob die Ware von Amazon, Saturn, Media Markt, Zalando oder Douglas verschickt wird, ist mir persönlich egal. Hand aufs Herz: Wie viele der BP- & Shell-Protestierer tanken heimlich dann doch an den boykottierten Zapfsäulen, sobald die nächste Aralstation zu weit entfernt liegt? VIELE.

  • Das große Rasen

    Das große Rasen

    »Es gab Beschwerden«, flötet sie.
    Ich schaue auf die Uhr: 5.30. »Bist du verrückt?«, frage ich, »mich um diese Wahnsinnszeit anzurufen?«
    »Ich wurde entsprechend programmiert«, antwortet Gisela, unsere digitale Redaktionsassistentin.
    »Scheißprogrammierung«, fluche ich. »Und was für blöde Beschwerden?«
    »VIELE Beschwerden!!«
    »Zu welcher Kolumne?«
    »Deiner letzten«, sagt Gisela.
    »Welche war das nochmal?«
    »Muskelkrampf.«
    »??? … vesuch’s langsam.«
    »Sprunggelenk.«
    »Ach: Dschungelcamp … was gab’s da denn zu beschweren?«
    »Autor Hirsch hat keine Ahnung von der Materie«, erklärt Gisela.
    »Seit wann muss ein Kolumnist Ahnung von irgendwas haben? Ganz was Neues.«
    »Du sollst ab sofort nur noch über Sachen schreiben, von denen du auch was verstehst.«
    »Dann bin ich ab heute arbeitslos.«
    »Nur noch über Sachen, von denen du was verstehst«, wiederholt sie und legt auf.
    »Leckt mich doch alle!«, sage ich. Aber das bekommt Gisela nicht mehr mit.

    Und täglich stehen wir im selben Stau

    Als ich zwei Stunden danach im Auto sitze, überlege ich, ob ich einen Text zur angeblichen Ahnung angeblicher Experten schreiben soll. Verwerfe diese Idee allerdings, weil ich davon viel zu wenig Ahnung habe.

    Drei Staus später am Dreieck Heumar lausche ich auf WDR2 – nach einem Griesinger-und vor einem Grönemeyer-Song – folgendem Beitrag eines Hörers:

    Vom Tempolimit halte ich gar nix. So viele Baustellen, wie et die sowieso schon gibbet, kann man eh nirgends richtig Gummi geben.

    Da hat er völlig Recht, der gute Mann, denke ich, während es in Schrittgeschwindigkeit zum Kreuz Köln-Ost weitergeht. Wann habe ich meinen hochmotorisierten A3 das letzte Mal auf 200 gebracht? Vielleicht im vergangenen Sommer nachts auf der menschenleeren A565 zwischen Rodenkirchen und Bonn-Nord. Ansonsten zuckele ich im niedrigen Drehzahlbereich, wenn ich nicht komplett stehe, über die ständig verstopften Autobahnen des Rheinlands. Ein generelles Tempolimit würde die Sache für mich vermutlich weder verschlechtern noch verbessern. Werde ohnehin andauernd aufgrund von Baustellen – die nie fertig werden. Aber das ist ein anderes Thema –, Lärmschutz, Rollsplitt, Krötenwanderungen auf 100 oder gar 80 runtergedrosselt. 130 bedeutete da eher Luxus als Verzicht.

    Aber irgendwas in mir sträubt sich gegen eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung. Ist es der mir in meiner Jugend eingeimpfte Merksatz „Freie Fahrt für freie Bürger“? Hat sich dieses Mantra mittlerweile derart tief in meine DNA eingeschlichen, dass ich das Gaspedal für die letzte Bastion des selbstbestimmten Menschen ansehe? Wird die geschleift, dann versinkt der Produktionsstandort Deutschland in der Bedeutungslosigkeit, drohen Massenarbeitslosigkeit und Anarchie, bevor wir in eine lange Phase des grünen Faschismus eintreten. Grünen Faschismus wollen wir nicht, rufen Sie? Klar wollen wir den nicht; also verteidigen wir unser Gaspedal mit derselben Inbrunst wie die Amerikaner ihr heiliges Recht, halbautomatische Waffen ins Büro und in die Kirche mitzunehmen.

    Die Experten sind mal wieder völlig uneins

    Ein Tempolimit bringt keinerlei positiven Effekt, behaupten Sie? Von den im Radio zugeschalteten Experten erfahre ich dazu Gegensätzliches:

    Mit 130 sind weniger Staus und entspannteres Fahren möglich
    vs.
    In unseren Nachbarländern steht der Verkehr genauso oft still wie bei uns

    Bei 130 passieren weniger Unfälle
    vs.
    Wissen wir nicht, weil wir es noch nicht ausprobiert haben. Zudem darf die Unfallgefahr, die durch Sekundenschlaf aufgrund ermüdender Einheitsgeschwindigkeit entsteht, keinesfalls unterschätzt werden.

    Ich bin zugegebenermaßen etwas verwirrt und nähere mich jetzt dem Kreuz Leverkusen. Hier der allmorgendliche Megastau. Ich könnte, wenn es mir dafür im Januar nicht zu kalt wäre, gut und gerne für einige Minuten den Wagen verlassen und an der Leitplanke ein paar Lockerungsübungen absolvieren. Hier ruht der Verkehr zwischen 6 Uhr morgens und 20h am Abend prozentual mehr, als dass er fließt. Deshalb benötigen wir dringend intelligente Verkehrsleitsysteme, meinen Sie? Mag schon sein, aber bis die kommen, habe ich meinen Führerschein wegen altersbedingter Fahruntauglichkeit schon längst freiwillig an die Zulassungsbehörde zurückgeschickt. Die Verantwortlichen sind ja noch nicht mal in der Lage, einen Stau rechtzeitig anzukündigen. Sobald ich darüber vom WDR oder auf einer Anzeigetafel informiert werde, befinde ich mich bereits mitten drin. Und die vom Navi vorgeschlagenen Ausweichrouten sind alles, aber nicht intelligent. Denn die nimmt jeder Zweite, sodass wir im Anschluss statt auf der A3 dann in Köln-Mülheim zusammen vor heillos verstopften Kreuzungen warten und fluchen.

    Es ist eine in weiten Teilen irrationale Debatte. Die eine Seite will das Klima retten und die Unfallzahlen senken, die andere Fraktion zweifelt an der nennenswerten CO2-Reduktion und prognostiziert eher mehr als weniger Tote auf unseren Straßen, sobald wir die Geschwindigkeiten deckeln. Ob ein Tempolimit deshalb gleich dem gesunden Menschenverstand Hohn spottet, wie es Verkehrsminister Scheuer behauptet – warum tragen unsere Verkehrsminister eigentlich immer ein CSU-Parteibuch? –, sei jetzt mal dahingestellt. Außer bei uns herrschen weltweit nur in zwei Hand voll Ländern keine generellen Beschränkungen: Afghanistan, Bhutan, Burundi, Haiti, Mauretanien, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Somalia, Vanuatu sowie im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Diese Liste liest sich wie das Who is Who der grenzenlosen Mobilität und des Kampfes für die bürgerlichen Freiheitsrechte. Ich stelle mir vor, wie ich am Steuer eines 7er BMWs mit Vollgas über afghanische und mauretanische Schotterpisten fliege, in Bhutan und Nepal wie einst Walter Röhrl Hochgebirgsserpentinen anschneide oder in Nordkorea im Ferrari freundlich grüßend an Kim Jong-un vorbeiziehe, bevor der mich wutentbrannt in den nächstgelegenen Gulag werfen lässt. Und in Uttar Pradesh werden so viele Kühe auf dem Asphalt rumlümmeln, dass man sich nach wenigen Kilometern in den Kölner Innenstadtverkehr zurücksehnt, der im direkten Vergleich wie eine Formel1-Piste anmutet. Die Fantasie geht mal wieder mit ihnen durch, Herr Kolumnist, sagen Sie? Ich kann Ihnen im Moment leider nicht antworten, weil ich meine gesamte Aufmerksamkeit auf die außer Rand und Band befindliche A1 kurz vor der Kölner Nordbrücke richten muss. Bevor ich mich gleich dem nächsten Autobahnkreuz nähere, möchte ich aber noch kurz in die Debatte einwerfen, dass die Korrelation Bleifuß zu Verkaufszahlen keine enge zu sein scheint; andernfalls müssten Herstellerländer wie Japan, Italien, USA, Frankreich aufgrund des dort seit vielen Jahren herrschenden flächendeckenden Tempolimits ihre Kfz-Produktion längst eingestellt haben.

    Wer rasen kann, der rast

    Nicht zu leugnen ist hingegen, dass PS-starke Autofahrer dazu neigen, in den Abschnitten, wo das ein paar Sekunden lang möglich ist, auf der linken Spur dem langsameren Vordermann bedrohlich nah zu kommen, Stoßstange klebt an Stoßstange, dabei werden ungeduldig Lichthupe und Blinker betätigt und im Vorbeirauschen abwechselnd abfällige Handbewegungen vollführt und gepöbelt. Warum wir das tun? Ganz einfach: weil wir es können. Wäre 130 unser Standard, unterblieben sicherlich viele grenzwertige Überholmanöver. Ob man mit partiell möglicher Höchstgeschwindigkeit schneller ans Ziel gelangt, wage ich zumindest in den dichtbesiedelten Ballungsräumen zu bezweifeln. Ob ich nun durchgängig mit 130 oder zwischendurch kurz mit 170 nach Düsseldorf pendele – wenn ich aus dem Wagen klettere dürfte das nicht mehr als maximal zwei Minuten Unterschied ausmachen. Von daher ist der Vorteil des großen Rasens eher ein Adrenalin-Mythos, als dass er in der Realität Bestand hätte.

    Fahren Sie persönlich auch in Zukunft weiterhin (zu?) schnell, fragen Sie mich? Natürlich tue ich das. Es ist ja erlaubt und von der Regierung sogar erwünscht. Ich würde mich jedoch auch an 130 gewöhnen. Habe mich schon von ganz anderen Süchten als der nach Geschwindigkeit befreit. Die Diskussion ist eh ein alter Hut, der alle zehn Jahre mal wieder aus der Ablage rausgefischt wird. Im Anschluss diskutieren wir ein paar Wochen lang erbittert hin und her, bis das angestaubte Teil zurück in die unterste Schublade der Kellerkommode wandert. Denn wenn eines noch sicherer als zwölf Airbags im Auto ist, dann die Gewissheit, dass, solange der Verkehrsminister aus der CSU stammt, die Vollgasfiktion nicht angetastet wird. Das war immer schon so und wird sich auch in den kommenden fünfzig Jahren nicht ändern.

    Ich rolle endlich auf unseren Firmenparkplatz im Düsseldorfer Süden und komme deshalb abrupt zum Ende der Kolumne. Und zu CO2 und zum Klimawandel schreiben Sie nichts, rufen Sie mir noch hinterher? Nein, dazu sage ich nichts, denn davon habe ich keine Ahnung. Und bei keiner Ahnung drohen frühmorgendliche Anrufe unserer digitalen Redaktionsassistentin, auf die ich Null Lust habe, weil ich um 5.30 Uhr definitiv lieber schlafe als zu telefonieren.

  • Emotionen aus der Dose

    Emotionen aus der Dose

    »Lass uns Dschungelcamp schauen«, sagt sie.
    »Spinnst du?«, frage ich.
    »Hab dich nicht so. Sehen sich alle an.«
    »Und warum sollte ICH das machen?«
    »Weil ich für dich gekocht habe und um mir einen Gefallen zu tun.«
    »Okay, aber maximal ne halbe Stunde! Länger halte ich den Scheiß nicht aus.«

    Missmutig lasse ich mich auf ihr geblümtes Sofa fallen, während sie sich mit der Fernbedienung in Richtung RTL durchzappt. Wäre von vornherein klar gewesen, dass Coq au Vin mit Ich-bin-ein-Star-Gedöns korreliert, hätte ich aufs Essen gepfiffen. So ausgehungert bin ich dann doch nicht. Zumal ich mir vor vielen Jahren nach Folge 1 von Staffel 1 geschworen hatte, mir diese nach (vor?) Big Brother schlimmste aller TV-Müllproduktionen definitiv NIE mehr reinzuziehen. Und ich breche nur äußerst ungern meine Schwüre. Selbst schuld, denke ich; warum hast du dich vorher nicht erkundigt, wie ihre Pläne nach dem Dessert lauten? Mitgehangen …, sagen Sie? Ja ja, ich hab’s verstanden. Nützt mir nur im Moment wenig, wo ich auf ihrem geblümten Sofa sitze und das Begrüßungs-Jingle ertönt.

    Wie im Terrarium vom Nachbarn Schmitz

    Eingeblendet wird eine Dschungellandschaft aus der Vogelperspektive, die sich – je näher die Kamera ranzoomt – als so dschungelartig darstellt wie das Terrarium von Nachbar Günter Schmitz im dritten Stock, in dem er seinen Galapagos-Minileguan aufbewahrt. Zwei Moderatoren kommen ins Bild, die mit Sprüchen, die außer ihnen hundertpro niemand witzig findet, in die Materie einführen: Tag acht im Lager, eine Woche vorbei, heute wird der erste Teilnehmer nach Hause geschickt, die Nerven aller Kandidaten seien deshalb aufs äußerste angespannt.

    Zwölf D-Prominente sind an Bord, paritätisch aufgeteilt in jeweils ein halbes Dutzend weibliche und männliche Camp-Insassen, von denen ich außer Sibylle Rauch, Peter Orloff und der Synchronstimme von Alf niemanden kenne. Mit darunter eine Dame mit dem verlockenden Namen Leila Lowfire, eine Naturblondnaive, eine Bob-Olympiasiegerin – was ich ja cool finde –, ein Typ, den sie den Currywurstmann nennen und ein zickiges Fotomodell. Die dürfen sich nun einzeln vorstellen. Damit ist schon mal eine Viertelstunde der Sendung überstanden, jetzt folgt ein Werbeblock, ich kann kurz aufstehen und mir in der Küche einen Nachschlag vom Dessert besorgen.

    Da man hier nichts isst und trinkt, wird man hier dumm

    begrüßt mich nun die Naturnaive. Aha, denke ich, gut, dass ich immer ausreichend Flüssigkeit zu mir nehme, so bleibt mir die völlige Verblödung hoffentlich noch ein paar Jahre erspart. Jetzt folgt eine, von den Moderatoren als ü18 angekündigte Nacktszene unter einem künstlichen Wasserfall, die so harmlos anmutet, als sei sie aus einem 5-Freunde-Roman entliehen. Zwischendurch immer wieder Lebensbeichten einzelner Teilnehmer à la:

    Wenn du so eine Alte als Freundin hast, kannst du dich gleich aufhängen

    oder:

    Ich fühle mich immer noch schuldig, dass ich unser Kind erst abtreiben lassen wollte. Heute ist es mein liebster Sonnenschein … Scheiße, Scheiße Scheiße

    Mittlerweile ist eine knappe halbe Stunde vorüber, ich schaue verstohlen auf die Uhr, dann auf meine Bekannte, die gebannt an den Lippen der Stimme von Alf hängt, der gerade den bedeutungsschwangeren Satz sagt:

    Das Publikum ist pervers, Brot und Spiele, es ist wie eine Hinrichtung.

    Ich denke: als Stimme von Alf warst du deutlich geistreicher als in Natura.

    Kakerlaken und Schleim: kreativ geht anders

    Nach dem nächsten Werbeblock gelangen wir endlich zur Dschungelprüfung. Zu absolvieren mal wieder vom zickigen Fotomodell, weil das sich partout nicht in die Gruppe integrieren möchte und deshalb jeden Tag aufs Neue zur Bestrafung irgendwas Ekliges tun muss. Heute geht es in fünf Steinzeit-Telefonzellen, in denen Sterne in mit Zahlenschlössern gesicherten Glaskästen deponiert sind. Die gilt es herauszuholen. Und weil das Fotomodell als chronische Heulsuse verschrien ist, wird es vorab von einem extra aus Deutschland eingeflogenen Motivationscoach auf Vordermann bzw. Vorderfrau gebracht. Als er das dritte Mal „Kasalla!“ trompetet, ertappe ich mich dabei, dass ich ihm einen Kinnhaken versetzen möchte, spekuliere darauf, dass die Kandidatin das auch gleich tun wird; aber sie lässt das Gebrüll stoisch über sich ergehen und betritt dann die erste Box. Das übliche Procedere wie seit Folge 1 in Staffel 1 – bloß keine den Zuschauer verwirrenden Änderungen vornehmen – passiert sofort: Kakerlaken, Würmer, grüne Ameisen, schwarzer Schleim prasseln auf die Kandidatin kiloweise herab, während sie auf Zeit versucht, die Zahlencodes zu knacken. Bei den Grünen Ameisen bewundere ich sie, denn die krabbeln sofort in sämtliche Körperöffnungen, und ich persönlich werde schnell panisch, sobald ich Insekten in der Ohrschnecke oder vom Schließmuskel aus in Richtung Blinddarm wandernd vermute. Nicht so die Camp-Heulsuse. Sie übersteht das Martyrium und lässt sich im Anschluss von den anderen elf gebührend feiern. Dabei fallen Sätze wie:

    Du hast wie Alexander der Große den gordischen Knoten zerschnitten

    Alexander wer?

    Du bist mit Gott

    Wir haben alle zu wenig Nährwerte im Kopf

    Daumen runter – ein Kandidat darf die Koffer packen

    Nach einer weiteren Prüfung, in der die Kandidaten anhand ihrer Kinderfotos identifiziert werden müssen, und in der wir unter anderem folgendes erfahren:

    Ich habe in Radlerhose immer eine Erektion bekommen.

    Du warst ein typisches Ossi-Kind.

    Voll süß, ich könnt voll heulen,

    neigt sich Tag 8 langsam dem Ende zu.

    Wie es in den Castingshows liebgewordener Standard geworden ist, muss nun ein Teilnehmer seine Koffer packen. Nach fünf superspannenden Minuten, in denen die Moderatoren jedem einzelnen Kandidaten streng ins Gesicht schauen, bevor sie elfmal sagen, „Glück gehabt. Du kannst bleiben“, erwischt es einen jungen Mann, von dem ich noch nie gehört habe und dessen Namen ich mir deshalb auch nicht merken konnte. Er verdrückt ein paar Tränen, die anderen umarmen und trösten ihn, er marschiert aus dem Bild, wir werden auf morgen zu Folge 9 verabschiedet. Dann ist der Spuk für heute vorbei.

    »Wie fand’st du es?«, fragt meine Bekannte. Übrigens die ersten Worte, die sie seit einer Stunde äußert.
    »Ging so«, antworte ich.
    »Willst du morgen zu Tag 9 wiederkommen? Es ist noch ne Menge vom Coq au Vin übriggeblieben. Brauche ich bloß aufzuwärmen.«
    »Nein danke«, sage ich, »bin schon anderweitig verplant«, nehme Mantel und Mütze, bin durch die Tür und steige ins Auto.

    Titten, Fremdschämen & Emotionen aus der Dose

    Auf der Rückfahrt überlege ich, was bei mir von Folge 8 nun haften geblieben ist: Sibylle Rauch, Idol unserer 70er Jahre Feuchte-Jungen-Träume, wirkte weltentrückt. So als sei sie jahrelang in einem Ashram gebrainwashed worden, bis sie endlich langsamer spricht, als sie denkt. Oder vielleicht auch überhaupt nicht mehr denkt. Ein Zustand, den einige als die höchste Form des Glücks begreifen. Peter Orloff mimt den Weisen und kennt sich in alter Geschichte aus. Die Stimme von Alf gefiel mir deutlich besser, als sie noch die Stimme von Alf war. Um den Rest der Truppe zu kennen, bin ich zu alt. Mir fiel auf, dass die Teilnehmerinnen anscheinend alle denselben Chirurgen frequentieren, weil sich aufgespritzte Lippen und aufgepumpte Oberweiten sehr ähnelten. Das Konzept der Show ist simpel gestrickt: Titten, Kakerlaken, geschluchzte Geständnisse, ein Hauch Parship, Pseudostress, periodischer Lagerkoller, Daumen rauf oder runter. Garniert mit schlüpfrigen und teils infantilen Kommentaren des Moderatoren-Duos. Eine Mischung aus Bauerntheater, Teenager-Erotik, einem Besuch im botanischen Garten mit ein paar ständig wiederkehrenden Ekeleinlagen, aufgenommen mit deutscher Kameratechnik, also immer frontal drauf. Nennt sich Realityshow und ist nach wie vor erfolgreich. Hin und wieder beschleicht einen als Zuschauer dabei ein Gefühl des Fremdschämens, wenngleich wir da alle aufgrund des Dauerbombardements mit Big Brother und seinen hunderten Nachahmern mittlerweile komplett abgestumpft sind. Vor zehn Jahren wäre ich bei mancher Aussage vom Sofa aufgestanden und hätte das Wohnzimmer verlassen, um diese Peinlichkeit nicht länger mitanhören zu müssen. Heute bin ich diesbezüglich schmerzfrei. Ob das ein positiver Gewöhnungseffekt ist – das sei hier mal dahingestellt.

    Obwohl es in einer Realityshow natürlich äußerst real zugehen soll, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Dialoge gescripted sind. Einen Satz wie, „Mein Gehirn ist voller Glück“, sagt doch unmöglich jemand von sich aus. Dieser Wahnsinn muss aus dem Textbaukasten eines schlechtbezahlten Drehbuchautors stammen. Oder etwa doch nicht? Und mancher Streit wirkt künstlich vom Zaun gebrochen, Emotionen aus der Dose, um durch Pseudo-Zoff für mehr Quote zu sorgen.

    Bevor ich mich nun lang und breit zur Wechselbeziehung solcher Sendeformate und der galoppierenden Verblödung weiter Teile der Bevölkerung auslasse, stoppe ich an dieser Stelle mit meinem persönlichen Bekenntnis: Ehe ich mir eine weitere Folge des Dschungelcamps anschaue, besuche ich lieber ein Sexkino, wo richtiger Porno angeboten wird. Viel gefaketer (schreibt man das so?) sind die Dialoge da auch nicht.

  • Über Stöckchen springen

    Über Stöckchen springen

    Um es vorneweg zu sagen: Ich mag Bremen. Meine Großmutter väterlicherseits stammte von dort, die – obwohl fünfzig Jahre ihres Lebens in Koblenz verbringend – noch auf dem Sterbelager felsenfest behauptete, die Zeit ihrer Jugend in der Hansestadt wäre die schönste gewesen, und die Menschen dort seien geradliniger und vor allem ehrlicher als wir Rheinländer. Ich sah das zwar etwas anders, wollte ihr aber nicht widersprechen, weil man das in einem solch finalen Moment halt nicht tut. Mit Bremen verbinde ich ein paar nette Kindheitserinnerungen, wenn wir dort Großtanten & -onkels besuchten und natürlich das Denkmal der Stadtmusikanten bestaunten, den SV Werder, der sich in den 80ern unter der Ägide von Willi Lemke ein paar Jahre lang anschickte, die Nummer 2 im deutschen Fußball hinter den Bayern zu werden und das Kuriosum, dass weniger als 600.000 Einwohner ausreichen, um ein eigenes Bundesland zu bilden. Der Begriff Bremen ist also positiv besetzt bei mir.

    Von Stadtmusikanten zum Kantholz – ein modernes Bremer Märchen

    Allerdings verbinde ich seit vergangener Woche mit Bremen auch eine Räuberpistole, nämlich das Kantholz-Mordkomplott auf Frank Magnitz, den Chef der Bremer AfD. Der, kaum lag er auf der Bahre, Fotos von sich schießen ließ, die, vom Krankenbett aus verbreitet, sofort für einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien sorgten. 48 Stunden später war er bereits wieder auf den Beinen, verließ das Hospital und gab zurück zu Hause jede Menge Interviews. Für jemanden, der schwer verletzt nur knapp dem Tod entronnen ist, wirkt der Mann schon sehr munter, ging es mir spontan durch den Kopf, bevor ich von der ARD zu Netflix weiterzappte. Bereits am Tag zuvor hatte sich die Bremer Staatsanwaltschaft zu Wort gemeldet, deren erste Ermittlungsergebnisse interessanterweise stark von den Ausführungen des Herrn Magnitz abwichen. Auf dem am vergangenen Freitag veröffentlichten Video, das von einer am Ort des Geschehens installierten Überwachungskamera stammt, sind weder ein Baseballschläger noch Tritte auf den wehrlos am Boden liegenden Mann oder zur Hilfe herbeieilende Arbeiter zu erkennen. Der Clip wurde nachträglich gedreht, behaupten Sie? Ja ja, soweit sind wir schon mit unserer Medienparanoia vorangeschritten, antworte ich. Die Brüder Grimm hätten dieses Schauerstück wegen offenkundiger Fadenscheinigkeit hundertpro nicht in ihre Märchensammlung aufgenommen.

    Dass die AfD den Vorfall propagandistisch für sich zu nutzen suchte – geschenkt. Von „lebensbedrohender Gewalt“ und „auslösender ständiger Hetze der Medien gegen uns“ war sofort die Rede. Stimmt zwar vermutlich beides nicht, aber aus der Binnenperspektive einer Partei, die sich stets von finsteren Mächten umzingelt wähnt, halbwegs verständlich. Dieses Wir-sind-die-ärmsten-Opfer-auf-der-Welt-Verhalten empfinde ich mittlerweile sogar als normal. Wer glaubt, dass sich die Hellblauen bei ihrer Unschuldslamm-PR der Wahrheit verpflichtet fühlen, der ist ebenfalls davon überzeugt, dass die dralle Almased-Brünette tatsächlich Almased schluckt, bevor sie sich in ihren gelben Bikini zwängt und mit wippenden Körbchengröße-D-Brüsten an den beiden ob ihres Anblicks ins Träumen geratenden Bademeistern vorbeijoggt. Begleitet von einem hässlichen Mops, der meiner Meinung nach das Wunderpulver dringender benötigte als die 30 Sekunden vor der Tagesschau über den TV-Monitor hastende Strandschönheit.

    Das Mordkomplott, das keins war

    Aber zurück zum Ausgangsthema: Hätte von vornherein eine politisch motivierte Mordabsicht vorgelegen, läge Magnitz jetzt mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Gefrierfach im Leichenschauhaus und würde nicht stattdessen mit Pflaster auf der Stirn ein Interview nach dem anderen geben. Attentate dieser Kategorie werden minutiös geplant und klappen in der Regel. Die Sache in Bremen sieht ja auf dem Video eher dilettantisch aus. Vielleicht ging’s überhaupt nicht um Politik, sondern es handelte sich um ordinären Straßenraub oder Spontangewalt aggressiver Jugendlicher bar logisch nachvollziehbarer Gründe. Weshalb die Staatsanwaltschaft folgerichtig auch wegen Körperverletzung ermittelt.

    Soweit, so gut bzw. schlecht. Ein Gewaltdelikt, wie es bei uns 140.000 Mal/ Jahr (gefährlich) bzw. 560.000x (einfach) geschieht. Zur juristischen Einordnung empfehle ich den jüngsten Text „Der Fall Magnitz – Zwischenbilanz“ von Kolumnistenkollegen Heinrich Schmitz. Meine Großmutter hätte, wäre das ihren Söhnen oder mir passiert, dazu gesagt: »Dumm gelaufen. Gönn dir ein, zwei Tage Ruhe und erhol dich gut. Aber jammere jetzt nicht allzu viel wegen der Beulen. Gibt Schlimmeres im Leben als ein paar Kratzer«. Politisch unkorrekt von meiner Großmutter? Klar! Aber die Dame hatte zwei Weltkriege und die Inflation überstanden, sodass man mit Jammern bei ihr nicht großartig punkten konnte. Ich persönlich bin auch eher ein Fan der Ronald-Reagan-Reaktion „Honey, I forgot to duck“ als des Hilfe-ich-sollte-ermordet-werden-Mimimis. Aber das wird natürlich nicht jeder Leser so unempathisch sehen wollen, wie ich es tue.

    Übereilte Kassandrarufe

    Kurz nachdem der Vorfall publik geworden war, meldeten sich Politiker sämtlicher Parteien zu Wort. Die Reaktionen reichten von:

    Gewalt darf niemals ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein – völlig egal, gegen wen oder was die Motive dafür sind. Dafür gibt es keinerlei Rechtfertigung. Wer ein solches Verbrechen verübt, muss konsequent bestraft werden
    (c) Heiko Maas in Twitter

    Es gibt keine Rechtfertigung für ein solches Verbrechen
    (c) Dietmar Bartsch in Twitter

    Der brutale Angriff auf den Bundestagsabgeordneten Frank in Bremen ist scharf zu verurteilen.
    (c) Steffen Seibert in Twitter

    Wer die Partei und deren Politiker mit Gewalt bekämpft, verrät diese Werte und gefährdet unser Zusammenleben.
    (c) Andrea Nahles in Twitter

    bis hin zu:
    Angriff auf unseren Rechtsstaat
    (c) Frank-Walter Steinmeier

    Mein absoluter Liebling dabei: Der Ich-liege-nackt-unter-meiner-Bettdecke-Clip von Lencke Steiner, in dem die durchaus attraktive FDP-Dame den nahen Untergang der stolzen Hansestadt herbeikassandrat.

    Alles bereits am Tag danach aufgrund der Verlautbarung der Staatsanwaltschaft gar nicht mehr so eindeutig, wie es am Montagabend noch schien. Und ich geriet ins Grübeln: Weshalb müsst ihr immer so überstürzt reagieren? Hätte es als Präsident, Minister, Abgeordneter nicht völlig genügt, dem Kollegen Magnitz gute Besserung zu wünschen und sich ansonsten in der Disziplin des klugen Schweigens zu üben? Ist es wirklich notwendig, sofort eine Staatskrise auszurufen, sobald ein MdB auf dem Bremer Asphalt zu Boden geht? Kann man als Politiker nicht einfach mal sagen, dass man in diesem frühen Stadium der Ermittlungen gar nichts dazu zu sagen hat? Ist es derart schwierig, mal nicht in ein hingehaltenes Mikrofon reinzusprechen oder die Finger einige Stunden von der Twittertastatur fernzuhalten? Scheinbar schon. Andernfalls wäre ja nicht so viel Unsinn im Nachgang der Tat in die Welt rausposaunt worden. Si tacuisses … – an dieses schlaue Motto hält sich heute kaum noch einer.

    Medien machen sich zu Erfüllungsgehilfen

    Und die Medien? Die sich in der Weihnachtszeit noch an der Causa Relotius und dem Kontrollversagen des Spiegel delektierten, wiederholen kaum einen Monat später denselben Fehler: überprüfen nicht die Quelle einer (frei erfundenen) Nachricht? Es gab u.a. folgendes zu lesen im Blätterwald:

    Der Bremer AfD-Vorsitzende Frank Magnitz war auf dem Heimweg vom Neujahrsempfang des „Weser-Kurier“, als ihn drei Vermummte mit einem Kantholz erst bewusstlos schlugen und ihm anschließend am Boden liegend gegen den Kopf traten. Ein Bauarbeiter sei laut Polizei eingeschritten und konnte den Angriff abwehren.
    (c) BILD am 8. Jan.

    So oder so ist der Angriff mit einem Kantholz auf den Abgeordneten unerträglich. Es ist kaum auszudenken, was hätte passieren können, wenn zufällig anwesende Handwerker nicht die Täter von weiteren Tritten und Schlägen gegen Magnitz abgehalten hätten.
    (c) Berliner Zeitung am 9. Jan.

    Die Täter schlugen Magnitz mit einem Kantholz bewusstlos und traten auf ihn ein, als er am Boden lag.
    (c) Süddeutsche Zeitung am 9. Jan.

    Der 66-jährige Bundestagsabgeordnete wurde mit einem Kantholz bewusstlos geschlagen und an den Kopf getreten.
    (c) Die WELT am 9. Jan.

    Knüppelhiebe auf einen AfD-Mann
    (c) Mitteldeutsche Zeitung am 9. Jan.

    Die Feiglinge, die ihm auflauerten und Magnitz mit einem Kantholz schwer verletzten
    (c) Braunschweiger Zeitung am 9. Jan.

    Mit Kantholz und Kapuze
    (c) Überschrift in der FAZ am 9. Jan.

    alle hier aufgelistet und im Kontext nachzulesen: Übermedien

    Was ist los mit den deutschen Zeitungsmachern? Reicht da mittlerweile ein von Gauland & Kollegen kolportiertes Gerücht, um die Nachricht ungefiltert als Aufmacher auf Seite 1 zu bringen? Gehört es nicht mehr zum journalistischen Handwerkszeug dazu, den Wahrheitsgehalt zu checken, sich eine Gegenmeinung einzuholen? Hat niemand es für nötig empfunden, die Ermittler in Bremen anzurufen? Beim Relotius haben Sie gnädiger geurteilt, Herr Kolumnist, sagen Sie? Das stimmt, aber einzig in Bezug auf ihn und seine Köpenickiade, nicht jedoch in Blickrichtung auf den jahrelangen Totalausfall der Spiegel-Kontrollabteilung.

    Presselandschaft überhitzt

    Mir schwant folgender maligner Dreiklang:

    (1) Unsere Zeit wird ständig kürzer getaktet, giert nach Sensationen, Aufregern, einfachen Antworten, Ratzfatz-Ergebnissen: Die Meute kennt die Täter und deren Hintermänner bereits, bevor die Ermittler den ersten Zeugen vernommen haben. Der Ruf nach Bestrafung der unmittelbar und mittelbar Beteiligten erschallt sofort. Die Medienlandschaft, diesem unheiligen Trend ohne erfolgversprechende Gegenstrategie ausgeliefert, überhitzt zunehmend. Wer nicht als erster draußen ist mit einer Neuigkeit, hat schon verloren.

    (2) Kostensenkungsarien gebären Lohnschreiber. Bezahlt wird pro Zeile und für Schnelligkeit. Die saubere Recherche, weil verlangsamend und teuer, gerät immer mehr in Vergessenheit.

    (3) Die AfD diktiert den Diskurs. Egal, ob mit ihrem Monothema Flüchtlinge & Islam oder überzogener Medienschelte. Die anderen Parteien, beseelt vom Wunsch, nach rechts verlorengegangene Schafe zurück auf die bürgerliche Weide zu holen, schaffen es nicht, die (angebliche) Masseneinwanderung als das zu klassifizieren, was sie in der Realität ist, nämlich eine B- oder gar nur C-Anglegenheit. Es gibt wahrlich wichtigere Punkte auf der politischen Agenda, als sich von frühmorgens bis spät in die Nacht einzig über Syrer und Marokkaner die Köpfe heißzureden. Und auch in der Causa Kantholz sind viele Politiker und ne Menge Medien der AfD zum wiederholten Mal auf den Leim gegangen, indem man in Sorge, man könne andernfalls als die Wahrheit unter den Teppich kehrende Altparteien oder Lügenpresse beschimpft werden, sich zu nützlichen Weiterverbreitungsidioten von hellblauer Propaganda gemacht hat.

    Festzuhalten bleibt: Gewalt ist nie schön, vor allem wenn sie einem selbst passiert. Davon können aber außer Herrn Magnitz 140.000 bzw. 560.000 weitere Geschädigte ebenfalls ein traurig Lied singen. Deshalb müssen wir bei solch einem Allerweltsdelikt die Stadtmusikanten in Bremen und die Ermittler in Ruhe ihre Arbeit tun lassen und sollten klugerweise nicht einen Staatsnotstand herbeihalluzinieren, bloß weil die AfD uns eine Endzeitstimmung wie im Weimar nach der Weltwirtschaftskrise einreden möchte.

    Min Wunsch für 2019: Nicht wie ein dressierter Mops über JEDES Stöckchen springen, das uns die Hellblauen hinhalten. Dann schon lieber der drallen Brünetten im gelben Bikini hinterherhecheln.

  • Eis mit dem Löffel?

    Eis mit dem Löffel?

    »Du musst heute eine Kolumne schreiben«, informiert mich Gisela, unsere neue, cloudbasierte Redaktionsassistentin vorgestern um sechs Uhr morgens.
    »Weißt du, wie spät es ist?«, frage ich.
    »Sechs Uhr eins und dreiundzwanzig Sekunden. Du musst ebenfalls den Namen deiner Rubrik ändern.«
    »Warum? Was ist an dem Namen verkehrt?«
    »Er ist zu sehr 2018 und klingt stark nach Pornographie.«
    »Mir gefällt er. Und auf die Schnelle fällt mir auch nichts Gescheites ein.«
    »Abgabetermin 18 Uhr!«, sagt sie und legt auf.

    Nun täte man sowohl dem alten Hank als auch mir Unrecht, wenn man uns beide auf Porno und ähnlich Schlüpfriges reduziert. Er war nebenbei ein begnadeter Pferdetotoexperte und konnte blind Mahler und Bruckner voneinander unterscheiden, während ich in der Tageszeitung sowohl den Politik- als auch den Feuilletonteil überfliege, bevor ich zur Panoramaseite mit den leicht geschürzten Pin-up-Girls weiterblättere. Und der letzte Pornostreifen, den ich mir im Kino angeschaut habe, liegt Lichtjahre zurück. Aber Gisela hat nicht ganz Unrecht – einige meiner Kolumnen lassen sich nur mit äußerster Mühe und Wohlwollen des Lektors unter die Überschrift „Bei Hank im Wohnzimmer“ einsortieren.

    Verschlafen schalte ich Facebook an – was ich entweder vor oder unmittelbar im Anschluss an meine/m/n morgendlichen Stuhlgang tue –, scrolle mit noch unscharfem Blick durch den Nachrichtenticker, bleibe an einem Foto, das einen Eisbecher zeigt, kleben. Ein an und für sich völlig harmloses Bild, aufgenommen vermutlich bei einer Häagen-Dazs-Session, aus dem mir 5000 Kalorien entgegenlächeln. Darunter Dutzende Wutsmileys und eine Flut Kommentare, die, würde ich sie ausdrucken, von meinem Balkon im sechsten Stock bis runter in den Heizungskeller reichten. Was gibt’s an einem dummen Eisbecher groß rumzustänkern, überlege ich, mache mir erstmal einen Kaffee und studiere dann die Kommis:

    Wasser predigen und Wein trinken.

    Fahrrad fordern und nach Kalifornien fliegen?

    Selbst exzessiv fliegen, dies aber Anderen verbieten wollen – eine grüne Lieblingsdisziplin

    Aber eben twitterte sie doch noch: Fight climate change! #actnow. In Kalifornien mit dem Einweg-Eisbecher und Plastiklöffel?

    Wow!, denke ich. Worüber man sich so alles aufregen kann.

    EU und Grüne fordern Plastikverzicht

    Ende Oktober beschloss das EU-Parlament ein Plastikverbot, das u.a. folgende Produktgruppen umfasst: Trinkhalme, Besteck, Teller, To-go-Becher, Rührstäbchen, Plastiktüten. Die Grünen begrüßen die neue Richtlinie ausdrücklich. Zur Jahreswende jettet Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Ökos im Maximilianeum, urlaubsreisend nach Kalifornien und postet von dort in Instagram (oder Twitter … egal, alles dasselbe) ein, beim Verzehr einer amerikanischen Speiseeisgranate aufgenommenes, Bild. Wenige Minuten später bricht der kleine Shitstorm los.

    Die Logik dieser Empörungsmechanik ist simpel gestrickt: Eine grüne Politikerin darf weder in ein Flugzeug klettern, noch zuckerhaltiges Eis essen und schon gar nicht aus einem Wegwerfbecher mit einem Plastiklöffel. Vor meinem geistigen Auge entwickelt sich folgende Szene:

    Verkäufer: »Medium or giant size?«
    Schulze: »Do you have Mehrweg-Cups?«
    Verkäufer: »Sorry? … With or without chocolat crumbles on top?«
    Schulze: »Please wait. I go back to my hotel and ask for a Mehrweg-spoon. I’ll be back in thirty minutes.«

    Sie hätte das Eis aber zumindest aus einer Waffel essen können, schreibt eine weiterhin nicht besänftigte Kommentatorin. Haben Sie schon mal versucht, einen tausend Gramm schweren US-amerikanischen Vanilla-Caramel-Brownie-Klumpen in ein Hörnchen zu zwingen, frage ich zurück. Danach Schweigen im Walde bzw. Thread. Müssen Grüne, deren Partei ja vernünftigerweise periodisch wiederkehrend auf den mittlerweile komplett aus dem Ruder laufenden Verpackungsirrsinn hinweist, also ab sofort im Supermarkt nach Schüttgut anstehen: Käse, Schinken, Joghurt in mitgebrachte Keramikbehälter füllen oder mit der bloßen Hand nach Hause transportieren? Dasselbe abenteuerliche Argumentationsmuster, das SPD-Politikern das Tragen einer Rolex oder eines Brioni-Anzugs ankreidet, sich über Linke echauffiert, die anlässlich des Bundespresseballs ein sexy Abendkleid oder einen Smoking überstreifen, Konservative, die sich wegen ihrer Geliebten scheiden lassen, kritisiert, verlangt von Grünen, dass sie sich vor Besteigen eines Flugzeugs nach Übersee bei der Crew zu erkundigen haben, ob der Tank mit Kerosin befüllt wird; falls ja: müssen sie den Atlantik entweder mit einem Schlauchboot durchqueren oder auf den Trip verzichten.

    Empörungswelle schwappt ungezügelt rüber ins Neue Jahr

    Der Sofasport, an Volksvertreter Verhaltensanforderungen zu stellen, die kein einziger der Kommentarschreiber je erfüllen könnte, nimmt immer beängstigendere Ausmaße an. Eine MdB erzählte mir kürzlich, dass sie generell keine Urlaubsfotos online stellt, weil sie auf Reaktionen à la, „So verprasst ihr unsere Steuergelder auf der Skipiste“, Null Bock hat. War der Empörungsmüll im analogen Zeitalter auf Stammtische, Kaffeekränzchen, Saunaabende und die hinteren Seiten des Boulevards begrenzt, schwappt er einem heute aus jedem dritten Facebookpost entgegen. Der sozialmedienbefeuerte Unrat befleckt bereits morgens um kurz nach sechs meinen Monitor. In Kombination mit völliger Humorlosigkeit der digital Wütenden verursachen solche Beiträge bei mir Kopfschütteln, saures Aufstoßen der chinesischen TK-Nudeln von gestern Abend und den Wunsch, Backpfeifen zu verteilen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge.

    Ich: statt über den Löffel sollte man sich besser Sorgen über den Urlaubs-BMI von Frau Schulze machen

    Sie haben die Bigotterie der grünen Politikerkaste anscheinend immer noch nicht verstanden (Reaktion einer empörten Diskussionsteilnehmerin)

    Was kann man da noch antworten?
    Nichts, raten Sie?
    Stimmt, nichts ist am besten.

    Mal losgelöst davon, dass ich selbst nie auf die Idee käme, Eis aus einem Hörnchen zu essen, weil ich seit Kindheit den Geschmack der trockenen Waffel hasse und das Teil binnen weniger Minuten derart aufweicht, dass die Zitronenkugel nicht in meinem Magen, sondern auf dem T-Shirt landet, stelle ich fest, dass die Entrüstungsflut das Neue Jahr erreicht hat. Ich könnte es nun einem der Instagram-Erfinder gleichtun, der in einem zwischen Weihnachten und Silvester in der SZ abgedruckten Interview erklärte, dass er sämtliche sozialen Medien aus seinem Alltag verbannt hat und seitdem endlich Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens gefunden hätte. Aber ganz so weit wie dieser weise Mann bin ich noch nicht auf meinem langen Weg der Erkenntnis vorangeschritten.

    Jetzt habe ich allerdings endlich die neue Überschrift für meine Rubrik ausgebrütet:

    Aus der digitalen Hölle

  • Weihnachtskolumne

    Weihnachtskolumne

    »Du schreibst dieses Jahr die Weihnachtskolumne!«, sagt sie.
    »Warum ich?«, frage ich.
    »Weil du als einziger an den Apparat gegangen bist.«
    »Und was ist mit den anderen?«
    »Die sind nicht an den Apparat gegangen«, sagt sie.
    »Kann ich nicht stattdessen die Jahresendkolumne schreiben?«
    »Erkläre Jahresendkolumne! Dieser Begriff ist mir unbekannt.«
    »Vergiss es!«, antworte ich, »werde mich drum kümmern.«
    »Gut, dass du kooperierst«, sagt sie. »Und vergiss nicht: Abgabetermin heute bis spätestens 21 Uhr, damit noch lektoriert und Logikfehler korrigiert werden können.«
    »Ja ja«, sage ich und lege auf.

    Und nun sitze ich, weil ich sonntagsmorgens als einziger an den Apparat gegangen bin, am 23sten in Unterhose und T-Shirt auf dem Sofa und überlege, was um Himmelswillen ich auf die Schnelle in eine Weihnachtskolumne reinpacken soll. Auf jeden Fall ein Gedicht. Allerdings mehr zum Ende des Textes hin. Das ist schon mal die halbe Miete an Heiligabend. Aber womit fülle ich die ersten drei Seiten? Ich gehe ins Schlafzimmer, ziehe mir einen Bademantel über, stelle einen Pott Kaffee neben die Tastatur, putze mir die Zähne, weil mir beim Zähneputzen oft was Kluges einfällt. Nur fällt mir heute leider überhaupt nichts ein, weshalb ich mich erstmal mit einem Band Bukowski-Lyrik aufs Klo verkrümele.

    (Weihnachts-) Kolumne = MEINUNGsbeitrag

    Bevor ich Sie jetzt mit langweiligen Sachen, die ich morgens nach dem Aufstehen mache, volltexte und Ihre Geduld überstrapaziere, soll’s aber jetzt endlich losgehen mit der Weihnachtskolumne. Wir könnten zum Jahresende hin klären, was eine Kolumne überhaupt ist. Denn da herrscht bei einigen Lesern ständige Verwirrung. Kolumne ist erstmal nichts anderes als eine Druckspalte, die man beispielsweise stets auf Seite 4 links oben findet. Dieser Platz wird dann wiederum in fest getaktetem Zeitabstand für einen Autor reserviert, damit der dort abwechselnd Kluges oder weniger Gescheites zum Besten gibt. Und zwar einen Meinungsbeitrag. Und da Meinung qua Definition was Subjektives ist, wird plakativ formuliert und zugespitzt. Die publizierte Meinung soll zwar nicht faktenfrei oder gar wahrheitswidrig daherkommen – jedoch bleibt es am Ende halt immer eine Meinung. In der Kolumne darf – soll mitunter sogar – polemisiert werden, und mit diesem Wesensmerkmal unterscheidet sie sich vom wissenschaftlichen Fachaufsatz, der nüchternen Zeitungsnachricht, der Reportage, sogar vom nah verwandten Kommentar. Dass Kolumnisten von nichts ne Ahnung haben, wie manche erboste Abonnenten unter die Texte tippen – geschenkt. Natürlich haben wir keinesfalls mehr Ahnung als die Leser; aber wir verfügen über die Gabe, unser Nichtwissen in strukturierter Form aufzubereiten, die passenden Worte auszuwählen, zu Sätzen zu formen und im Wochenrhythmus drei, vier, fünf Seiten zu irgendeinem x-beliebigen aktuellen Thema vollzuschreiben. Und speziell beim Letztgenannten trennt sich in 98 Prozent der Fälle die Spreu vom Weizen: gibt kaum einen Gastautor, der es zum Stammkolumnisten schafft, weil es sich bei den zugesandten Beiträgen zumeist um One-hit-wonder handelt. Sich sonntags mit ner Kolumne beschäftigen – wer tut sowas schon regelmäßig? Hier die Erklärung eines Kollegen:

    Der Leserbrief war in alten Zeiten die häufigste Form, unaufgefordert seine Meinung zu verbreiten. Er wurde gern genutzt von pensionierten Oberstudienräten, die vor lauter Verzweiflung, dass schon ihre Schüler ihnen nicht zugehört hatten, um der Menschheit oder wenigstes den Lesern einer Zeitung, die Welt zu erklären. Nun klingt Leserbrief irgendwie hausbacken, Kolumne dagegen staatstragend und erhebt den Verfasser in den Adelsstand der Besserwisserei. Nun ist Besserwisserei das nette Synonym für Klugscheißerei. Jede Menge Meinung, aber keine Ahnung.
    © Werner Felten in: Dauerschwellender Bocksgesang

    Reportagen wie Theaterinszenierungen

    »Nun hören Sie endlich auf, uns die Ohren mit Ihrem harten Kolumnistenleben vollzujammern! Ist ja nicht zum Aushalten das Geheule«, sagen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Niemand mag wehleidige Journalisten, und deshalb schlage ich an dieser Stelle einen weiten Bogen zur Causa Relotius, weil ich diese Angelegenheit superspannend finde. Vorab: ich lese vereinzelte Artikel des Spiegel online, kannte bis vor wenigen Tagen weder den Namen Claas Relotius noch die von ihm veröffentlichten Texte. Habe mir seitdem drei seiner Ergüsse reingezogen und gelange zu folgendem Urteil. Stopp! Urteil klingt zu strafrechtlich – ich wandele ab in Eindruck: Mir persönlich ist sein Schreibstil zu ausholend, zu atmosphärisch, zu sehr Theaterkulisse, zu wenig auf den Punkt kommend, zu sehr sich selbst als Autor feiernd bei gleichzeitig zu wenig relevanter Information. »Das ist doch dasselbe, was Sie als Kolumnist ständig tun«, unterbrechen Sie mich? Das stimmt schon, aber ich schreibe halt einen Meinungsbeitrag und keine Reportage.

    Der Glaubwürdigkeitsschaden für den SPIEGEL und andere betroffene Redaktionen und damit für unsere ganze Gesellschaft ist nicht groß. Er ist gigantisch.
    © Julia Karnick in: Warum mich der Fall Relotius so wütend macht

    Fakeskandal beim Spiegel – immer mehr Fälschungen nachgewiesen
    © BILD-Zeitung

    Lügenpresse endlich entlarvt?

    Der Fall Relotius ist ein Verrat an der Wahrheit

    Systemfehler Relotius
    © drei weitere Fundstücke aus dem Netz

    Diese übertriebenen Reaktionen sind typisch deutsch. Nirgendwo sonst auf der Welt wird jemand erst mit Preisen überschüttet und in den höchsten Schreiberhimmel gelobt, um dann, sobald seine Tricksereien auffliegen, in die tiefsten Schlünde der Medienhölle verdammt zu werden. Und – auch das gehört zum Empörungsspiel dazu – niemand hat’s vorher gewusst oder auch nur ansatzweise geahnt. Als ob. In den Verlagen sitzen Profis. Die riechen eine frei erfundene Story meilenweit von Minnesota quer über den Atlantik bis ans Ufer der Elbe. Meine Vermutung: So lange diese Art der Märchenreportage die Verkaufszahlen steigerte, haben die Chefs beide Augen zugedrückt, und die interne Kontrollabteilung hat’s durchgewunken. Dann noch all die Auszeichnungen mit pathetischen Lobeshymnen auf furchtlosen Einsatz im Feindesland, tiefschürfende Recherche, detailbesessene Darstellung etc. pp. Kein Wunder, dass ein junger (der Mann ist gerade mal 33 Jahre alt) Redakteur da vom Boden abhebt, sich nach Hemingway für den größten Kriegsreporter aller Zeiten hält und Realität und Fiktion nicht mehr sauber voneinander trennen kann.

    Internet versaut Lesegewohnheiten

    Wir gelangen jetzt an einen Punkt, an dem wir als Konsumenten unser Kauf- und Leseverhalten hinterfragen müssen. Denn ein Dauerbeschiss – Relotius hat über den Zeitraum von mehreren Jahren ne Menge frisierter Stories veröffentlicht – ist ja nicht möglich ohne denjenigen, der sich dauerhaft bescheißen – oder nennen wir es weihnachtlich milder: blenden – lässt. Meine Hypothese: ein Großteil der Leser fährt ab auf theatralisch überzeichnete Geschichten. Die Hedwig-Courths-Mahler-Saite in uns, die ständig in emotionale Schwingung versetzt werden muss. Wir möchten vom gemütlichen Sofa aus möglichst nah bei den Protagonisten sein, mitleiden, ergriffen seufzen, ein paar Tränen vergießen, bevor wir uns dann wieder mit profanen Sachen wie der Steuererklärung beschäftigen. Wer will es den unter immensem Umsatz- und Gewinndruck stehenden Medienhäusern verübeln, dass sie zielgerichtet unser Kitschbedürfnis bedienen? Wen juckt es, dass die Reportagen Rosamunde-Pilcher-mäßig aufgepeppt werden? Hauptsache, die Absatzzahlen stimmen. Hand aufs Herz: wer hat noch ne Tageszeitung oder gar ein politisches Magazin im Abo, wer überweist nen Euro für einen Online-Text? Wir sind mittlerweile alle darauf geeicht, unsere Informationen schnell und GRATIS (!!) aus dem Netz zu beziehen. Das Internet hat nicht nur unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne auf maximal hundert Wörter am Stück reduziert, sondern ebenfalls den Willen zur fairen Bezahlung journalistischer Leistung ausgehebelt. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann werden wir uns spätestens 2030 nur noch via Facebook und Twitter bilden.

    Zwischenfazit: Wir sind durch die elektronischen Medien schlichtweg komplett versaut.

    Unser Lamento erinnert deshalb an den Mann, der regelmäßig in den Puff geht, dort jedes Mal ungeschützten Geschlechtsverkehr fordert und ein paar Jahre später vor Gericht zieht, weil er sich bei einer der Huren mit AIDS infiziert hat. Kann man tun; trotzdem wird der Richter mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gerüttelt Maß an Mitschuld beim Kläger erkennen.

    Geheuchelter Super-GAU

    Und dann dieses Wahrheitsgesabbel – was ist schon wahr? Wenn ich eine Spiegel-Reportage lese, weiß ich, dass ich Spiegel-Wahrheit erfahre, dieselbe Story in der Süddeutschen wird einen leicht abweichenden Tenor aufweisen und bei FAZ und WELT klingt es – obwohl der zugrundeliegende Sachverhalt derselbe ist – wieder völlig anders. Ich frage Sie: »Was ist schon wahr?« Sitze ich tatsächlich den halben Sonntag barfuß und im Bademantel vor der Tastatur, um diese Zeilen zu tippen? Trinke ich morgens lieber Kaffee oder doch Tee? Muss ich mich erst aufs Klo hocken, damit mir eine Kolumne einfällt? Es ist ein Einstieg in eine Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger. Ähnlich wie syrische Kinder, die nachts von Kanzlerin Merkel träumen. Die Story mit der Frau, die als Hinrichtungstouristin durch die USA tingelt, gefällt mir außerordentlich gut. Auf so eine Idee muss man als Schreiber erstmal kommen. „Se non è vero, è ben trovato“, nennen die Italiener diese Erzähltechnik. Ob man als fantasiebegabter Autor nun in einem „der Wahrheit verpflichteten“ Nachrichtenmagazin gut aufgehoben ist, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber solange dort sämtliche Kontrollinstanzen versagen – warum nicht? Es ist also entweder grenzenlos naiv oder geheuchelt, jetzt plötzlich Ende Dezember 2018 vom Super-GAU des deutschen Journalismus zu faseln. Der Großteil der Redakteure arbeitet sorgfältig gemäß den Grundsätzen ordentlicher Recherche. Trickser gibt es in jeder Branche, wobei ich spekuliere, dass es sich bei Relotius nicht um das einzige schwarze Schaf auf der ansonsten blütenweißen deutschen Presseweide handelt.

    Schöne Weihnachten!

    Um nun zu Weihnachten zurückzukehren: Ich wünsche Relotius, dass er bei seiner Familie oder Freunden friedlich unterm Baum sitzt und nicht betrunken und selbstmordgefährdet auf einer Landungsbrücke am Hamburger Hafen von der Polizei aufgegriffen wird, Heiligabend in der Ausnüchterungszelle und die Feiertage in der Psychiatrie verbringen muss. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Schlau wäre es, sobald der Shitstorm abflaut, das Metier zu wechseln und sich aufs Schreiben von Drehbüchern zu verlegen. Vielleicht fängt er mit seiner eigenen Geschichte an. Arbeitstitel: „Wie ich dem Spiegel jahrelang getürkte Stories unterjubelte und dafür sogar mit Preisen ausgezeichnet wurde“. Könnte – wie Kollege Ulf Kubanke heute in einem Post meinte – durchaus ein Felix-Krull-Roman 2.0 werden.

    Und natürlich wünsche ich all unseren (Gratis-) Abonnenten besinnliche Tage, sammeln Sie sich und Ihre Kräfte, damit Sie unsere Kolumnen im Neuen Jahr wieder fröhlich kritisieren können. Nichts liegt uns Autoren mehr am Herzen als der Blutdruck unserer Kommentatoren.

    Fazit: die Causa Relotius ist ärgerlich; aber sie stellt beileibe nicht den einzigen Treiber für den stetigen Niedergang der Kultur des gedruckten Wortes dar.

    »Du musst den Text jetzt abgeben«, sagt sie.
    »Es ist 14 und nicht 21 Uhr!?«
    »Die Deadline wurde von einem anderen Teilnehmer nach vorne verlegt.«
    »Kann ich das ändern?«
    »Nein, dir fehlen dafür die notwendigen Administratorenrechte.«

    PS. das vorhin versprochene Gedicht entfällt nun wegen zeitlichem Abgabedruck. Im Januar müssen wir uns redaktionsintern dringend darüber unterhalten, ob die Anschaffung einer cloudbasierten digitalen Assistentin wirklich eine gute Idee ist.

  • Burkiniverbot – was kommt danach?

    Burkiniverbot – was kommt danach?

    Das schöne Koblenz liegt malerisch an der Einmündung der Mosel in den Rhein – woher sich auch der Name herleitet: Confluentes = die Zusammenfließenden. In einer langgestreckten Flussbiegung als urbaner Mittelpunkt zwischen den Hügeln von Eifel, Hunsrück, Westerwald und Taunus gegründet, blickt es als eine der ältesten Städte Deutschlands auf eine zweitausendjährige, wechselvolle Historie zurück. 114.000 Menschen leben hier, der Ort beherbergt eine Universität, Bundesarchiv, Beschaffungsamt der Bundeswehr, Bundesamt für Gewässerkunde, Land- und Amtsgericht, Bezirksregierung, das von Kanzler Helmut Schmidt gerne frequentierte Bundeswehrkrankenhaus; jedes Jahr pilgern eine Million Touristen durch die Gassen der Altstadt. Gesprochen wird ein moselfränkisches Idiom, der Narrenruf im Karneval lautet „Kowelenz Olau!“, und ein süffiges Bier wird am Königsbach ebenfalls gebraut. Als kulinarische Spezialitäten gelten Debbekooche (ein Kartoffelauflauf mit Mettwürstchen und Zwiebeln) und Sauerbraten (den richtigen kauft man beim Pferdemetzger), und in den Grillbuden kann man sich Nierengulasch über die Pommes kippen lassen, was zugegebenermaßen nicht den Geschmacksnerv jedes Zeitgenossen trifft. Unmittelbar südlich betreten wir das von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestufte Obere Mittelrheintal, links und rechts gesäumt von original mittelalterlichen und neogotischen (Fake-) Ritterburgen. Deutsche Rhein-, Wein- und Wohlfühlidylle.

    In die Schlagzeilen der überregionalen Presse gelangt die Stadt nur selten. Ein größeres Medienecho wurde ihr zuletzt als Ausrichterin der Bundesgartenschau – seitdem verbindet eine Seilbahn das linke Rheinufer mit dem gegenüberliegenden Ehrenbreitstein – und nach dem Fund einer zentnerschweren Fliegerbombe, bei deren Entschärfung man die gesamte City evakuierte – beide Geschehnisse im Jahr 2011 – zuteil. Sonst geht es in Koblenz eher beschaulich zu.

    Meine Großeltern väterlicherseits hatte es nach dem letzten Krieg hierhin verschlagen, und mein Großvater, der als Freund humanistischer Bildung viel vom Motto „mens sana in corpore sano“ hielt, brachte mir Ende der 60er Jahre im Freibad Oberwerth das Schwimmen bei, was ihn damals Geduld, Überredungskraft und ein halbes Dutzend Langneseeis kostete, bis ich Stunden später all meinen Mut zusammennahm und vom Einmeterbrett ins Erwachsenenbecken eintauchte. Womit wir nun endlich beim eigentlichen Thema der Kolumne ankommen.

    Neue Bäderordnung sieht Burkiniverbot vor

    Auf der Agenda des Koblenzer Stadtrats stand auf seiner jüngsten Sitzung am 14. Dezember u.a. der TOP „Bäderordnung“; hier speziell der gemeinsame Antrag von Freien Wählern und CDU, ab sofort einen Bann gegen das Kleidungsstück Burkini zu erlassen. Begründung: Man kann nicht erkennen, ob die Trägerin offene Wunden habe oder an einem ansteckenden Hautausschlag leide. Nach längerer Aussprache mit den Stimmen von Union, FW und AfD so beschlossen und verkündet.

    Als Bonner reibt man sich verwundert die Augen und fragt: Was geht da in der friedlichen Adventszeit fünfzig Kilometer stromaufwärts ab? Weshalb dieser völlig unnötige, vorweihnachtliche Affront gegen die muslimische Weiblichkeit?

    Dass das Argument mit den verdeckten Wunden ein vorgeschobenes ist – darüber brauchen wir nicht lange zu reden. Zumindest ich habe auf solch einen Unsinn keine Lust. Wenn man dieser kruden Logik folgt, dürfen wir demnächst alle nur noch nackt und mit blank rasiertem Schädel ins Wasser gehen. Bluten kann man ebenfalls unter der Badehose, einen Ausschlag verstecken im Badeanzug.

    Die Mär von der mitteleuropäischen Hygiene

    Sollte hinter dem Antrag gar das Ressentiment mangelhafter Hygiene in anderen Kulturkreisen stehen, wandelt sich die Angelegenheit ins Absurde. Muslime bauten öffentliche Bäder und praktizierten häufige Körperreinigung bereits im Mittelalter, als unsere Vorfahren ihre Notdurft von Donnerbalken in Erdlöcher verrichteten und sich die Hintern im Anschluss mit bloßen Fingern und Grasbüscheln abputzten. Tägliches Duschen und Wechseln der Unterwäsche waren in Deutschland bis in die 70er Jahre hinein keineswegs flächendeckender Standard. Ob’s in heimischen Badehosen und Bikinis frischer riecht als in Burkinis, wage ich deshalb zu bezweifeln. Aber darum geht es den Verbotsbefürwortern überhaupt nicht. Andernfalls hätten sie zeitgleich auch einen Bann gegen UV-Kleidung, extralange Badehosen, Neoprenanzüge und ähnliche Teil- bis hin zu Ganzkörperverhüllungen ausgesprochen. Haben sie aber nicht.

    Ernstzunehmender wäre die Begründung, dass konservative Muslima mit diesem Kleidungsstück Druck auf ihre Bikini tragenden Glaubensschwestern ausüben könnten, es ihnen gleichzutun. Komischerweise kein Wort dazu in Koblenz. So lange dieser unentrinnbare Gruppenzwang jedoch nicht erwiesen ist, gilt für den Burkini dasselbe wie für Tätowierungen und Brustwarzen-Piercings: ich muss das alles nicht schön finden, es allerdings dulden. Nicht jede/r möchte sein Fleisch in der Öffentlichkeit zur Schau stellen; aber im Sommer trotzdem ein Schwimmbad besuchen. Diesen Wunsch gilt es zu respektieren. Mir persönlich ist ein Burkini eh lieber als weiße Bierbäuche, die über Badehosen quellen und Arschgeweihe, die aus Bikini-Unterteilen hervorlugen. Aber das ist natürlich individuelle Geschmackssache.

    Man muss oft Sachen dulden, die einem nicht gefallen

    Bleibt zu hoffen, dass die Mitglieder des Koblenzer Stadtrats über die Weihnachtstage in sich gehen und ihren Irrtum erkennen. Denn ein Burkini-Bann grenzt all diejenigen Frauen von der Teilhabe in öffentlichen Bädern aus, die – aus was für Beweggründen auch immer – keine westliche Schwimmkleidung tragen möchten. Was unsere Urgroßmütter bis zum Ende von WK1 übrigens auch nicht getan haben. Sollte das Verbot hingegen im neuen Jahr in Kraft treten, wäre es als derber Rückschlag für unsere Integrationsbemühungen zu werten.

    Oder, wie eine Facebookfreundin es ausdrückt:

    und zb hier in FFM ist es so klasse.
    da sind viele Frauen in Burkinis-mit ihren Kindern-jeden Tag des Sommers da gewesen-so wie ich auch.
    Kamen so ins Gespräch mit den anderen Menschen um sie herum.

    Früher gingen sie einfach nicht baden- nun schon-der Burkini ist Freiheit.
    Auch wenn es in die Köpfe der Motzwutis nicht reingeht.

    Aber die interessiert ja auch eigentlich nicht die Freiheit oder Unfreiheit der Frau darunter-was sie wollen in Einheitskartoffelbrei.

    Was kommt nach Halal-Schlachten, Knabenbeschneidung, Burka, Kopftuch und nun Burkini als nächstes: Abriss der Moscheen und Germanisierung der Vornamen? Die Islamparanoia treibt bei einigen immer tollere Blüten. Respekt gegenüber den Sitten und Gebräuchen anderer Religionen scheint für viele mittlerweile ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein.