Kategorie: Gesellschaft

  • Mal wieder ne teutonische Neiddebatte

    Mal wieder ne teutonische Neiddebatte

    Was spricht eigentlich dagegen, Kindergeld ins Ausland zu überweisen? Unter der Voraussetzung, dass diese Kinder real – also nicht erfunden – sind.

    Gibt mMn wirklich blödere Verwendungszwecke für Geld, als es in Kinder zu investieren. Völlig egal, wo die aufwachsen,

    fragte ich gestern in einem Facebook-Post und erhielt binnen weniger Stunden mehr als hundert Kommentare zur Antwort. Die streuten breit von:

    Facebook-Reaktionen

    Versteh ich auch nicht. Es steht doch jedem Arbeitnehmer in Deutschland für seine Kinder zu. Oder nicht?

    über:
    Es geht wohl darum, dass unser Kindergeld in armen Ländern dort in etwa einem normalen Monatseinkommen entsprechen dürfte. Das animiert dazu viele Kinder zu haben

    oder:
    Kindergeld nur für die, die hier arbeiten und Steuern zahlen !

    bis hin zu:
    Der Kindergeldanspruch sollte sich grundsätzlich am Bedarf orientieren. Leben die Kinder im Ausland, dann sollten die dortigen Lebenshaltungskosten zugrunde gelegt sein, und nicht hiesige. Ich denke aber auch, dass es vornehmlich um die Eindämmung des Bandenmäßigen Betruges gehen sollte. Und der ist nunmal real existierend. Da hat nicht „der Staat Vertrauen zu haben“, sondern gegebenenfalls ist das (auch vor Ort) zu überprüfen. Wozu finanzieren wir eigentlich sowas wie Steuerfahndung?

    Kindergeld: legitimer Anspruch für ALLE Eltern

    Wenn man die Sache nüchtern – also losgelöst von der Polemik der Bild-Zeitung – betrachtet, handelt es sich um einen legitimen Anspruch sämtlicher hier tätiger Arbeitnehmer, die Steuern berappen und in das Sozialsystem einzahlen. Unabhängig davon, aus welchem EU-Mitgliedsland sie stammen.

    Polen, Rumänen, Bulgaren – wohl die Hauptgruppen der ausländischen Kindergeldempfänger – sind bei uns vor allem in der Pflege und auf dem Bau beschäftigt. Oft schlecht bezahlt, häufig mit Wochenstundenzeiten, die die einheimischen Arbeitnehmer als unmenschlich ablehnen; sind sich auch für niedere Tätigkeiten nicht zu schade. Jammern nicht rum, sondern packen an. Migrieren zu uns, weil es in ihren Regionen keine Jobs gibt, und die EU nun mal Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsortes garantiert. Sie wohnen in überteuert vermieteten Schrottimmobilien, lassen Ehepartner und Kinder in der Heimat zurück, um im „Paradies“ Deutschland tagein, tagaus schuften zu dürfen. Zahlen hier Steuern; und zwar sowohl direkte als auch indirekte. Den Rest, der ihnen vom kläglichen Lohn übrigbleibt, schicken sie an die Daheimgebliebenen. Und falls sie Töchter und Söhne haben, können sie für die auch Kindergeld beantragen. Alles geregelt im BKGG.

    Staatsangehörige eines EU-/EWR-Staates benötigen keine Niederlassungserlaubnis oder Aufenthaltserlaubnis. Für sie gilt das Recht der Freizügigkeit. Sie haben unter denselben Voraussetzungen Anspruch auf Kindergeld wie Deutsche.
    Quelle: www.kindergeld.org

    „Betrug!“, schreien die Wutbürger, die mittlerweile pawlowartig schreien, sobald sie das Wort „Ausland“ hören. „Die Höhe des Kindergelds muss an die Lebenshaltungskosten im Heimatland angeglichen werden“, fordern die etwas Schlaueren; weil das ja moderater klingt; ungeachtet der Tatsache, dass die EU sofort ein Veto aufgrund des Diskriminierungsverbots einlegen würde.

    Unterschiedliche Kostenindizes innerhalb Deutschlands?

    Von flächendeckendem Betrug kann natürlich keine Rede sein. Experten taxieren den Anteil kriminell erschlichener Kindergeldtransfers im kleinen einstelligen Prozentbereich. Interessanter und perfider ist deshalb der vordergründig logisch klingende Einwand der Kopplung an den Lebenshaltungsindex. Dahinter steckt die Überlegung: Warum sollte sich eine rumänische Familie mehr vom Kindergeld kaufen dürfen als Familie Müller in Leipzig? Das sei maßlos ungerecht, meinen Sie? Die bekommen bloß so viele Kinder, um sich an unseren deutschen Sozialleistungen zu bereichern, schieben Sie noch hinterher?

    Das ist boshafter Bullshit, antworte ich Ihnen. Zum einen war und ist die Systematik des Kindergelds an die Anzahl der Kinder gekoppelt und verläuft leicht progressiv: 194€ jeweils für Kind 1 und 2, 200€ Kind 3, 225€ für jedes weitere Kind. Zum anderen variieren die Lebenshaltungskosten ebenfalls innerhalb Deutschlands stark. In Sachsen auf dem platten Land wird Wohnraum um Faktor X billiger zu kaufen und zu mieten sein als in München und Düsseldorf. Weshalb also nicht weniger Auszahlung an Familie Meier in Crimmitschau oder höhere Transfers an die Schmitz in Köln? Jetzt übertreiben Sie aber, Herr Kolumnist, sagen Sie, wenn Sie aus Crimmitschau stammen? Wieso, antworte ich. Man könnte den Gedanken noch weiter spinnen und fragen, weshalb Besserverdiener diese, das Existenzminimum des Kindes sicherstellende, Sozialleistung in Form eines steuerlichen Freibetrags erhalten. Aber: geschenkt. Das Kindergeld ist verknüpft mit der Kopfzahl und eben nicht mit Einkommen der Eltern oder den Verbraucherpreisen am Wohnort.

    Wenn wir also nicht gewillt sind, die unterschiedlichen Indizes innerhalb der Republik als Bemessungsgrundlagen heranzuziehen – weshalb sollte diese Verschlechterung dann für Arbeitnehmer aus dem EU-Ausland gelten? Die zwei Antworten, die ich Ihnen nun gebe, werden Ihnen vermutlich nicht gefallen:
    (a) Teutonische Missgunst: Weshalb kann der sich mehr dafür kaufen als ich?
    (b) Fremdenfeindlichkeit: Denn die richtet sich ja nicht einzig auf Mitbürger mit türkischem oder arabischem Hintergrund, sondern ebenfalls auf Menschen aus dem ost- und südosteuropäischen Raum. Auffallend oft fallen im Zusammenhang mit bandenmäßigem Betrug die beiden Worte „Sinti“ und „Roma“. Obwohl deren überproportionale Beteiligung an dieser kriminellen Aktivität gar nicht statistisch belegt ist. Der Antiziganismus lässt grüßen.

    (leider mal wieder) Neid gepaart mit Fremdenfeindlichkeit

    Unterm Strich bleibt festzuhalten: Es handelt sich um eine Neiddebatte, in die sich xenophobe Elemente mischen. Wir gönnen der lausig bezahlten polnischen Pflegerin und dem sechzig Stunden auf dem Bau malochenden bulgarischen Hilfsarbeiter noch nicht mal die paar Kröten, die sie für ihre Kinder erhalten und in die Heimat überweisen. Diese Denke ist asozial, und ich schäme mich ein bisschen dafür, dass gewählte deutsche Volksvertreter jenseits der AfD sowas ernsthaft propagieren.

    Ich schließe mit einem Zitat eines Facebook-Freundes, das er mir gestern in den o.g. Thread reintippte:

    Hey ich bins, der deutsche Mehrheitsotto, ich find 0,99 € für Hähnchen bei Lidl eigentlich ok, nur halt die armen Hähnchen. Aber wenn die Leute die für 3,99 € Stundenlohn hunderttausende Hühner pro Tag für mich über den Jordan schicken etwas zu viel Kindergeld bekommen hört der Spaß auf!

  • Anti-Egoismus-Jahr: eine Bananenidee?

    Anti-Egoismus-Jahr: eine Bananenidee?

    Seit Wochen ist es heiß, Sommerferien, die Menschen sind beschäftigt mit Schwimmbad, Eisdiele und Grillwürstchen, hin und wieder ein für Stirnrunzeln sorgender Post aus den Reihen der AfD, des DFB und von Christian Lindner; also alles wie immer, nur ein bisschen langsamer. Da meldet sich plötzlich die Generalsekretärin der CDU zu Wort, zaubert überraschend eine Allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen aus der Programmkommission-Schublade und binnen weniger Stunden streitet die Republik landauf, landab über Bundeswehr und Zivildienst.

    Endlich mal wieder ein neues Thema

    Vorab: Ich bin Annegret Kramp-Karrenbauer wirklich dankbar, dass wir jetzt mal ein anderes Thema als ständig die Flüchtlinge diskutieren. Bei aller Wichtigkeit der Debatte: die Argumente sind mittlerweile in extenso ausgetauscht worden. Man wird notorisch linksgrünversiffte Gutmenschen wie mich nicht davon überzeugen können, dass Seenotrettung gleichbedeutend mit Ermunterung des Schlepperwesens und Afghanistan ein sicheres Herkunftsland ist. So wie die andere Seite halt stur auf „Unser Land ist voll. Kein Platz und Geld da für Neuankömmlinge“ sowie der Notwendigkeit von Ankerzentren beharrt. Wahrscheinlich vernünftig, wenn sich beide Parteien mal eine Auszeit gönnen, und im Hochsommer inhaltlich mit was Neuem auseinandersetzen.

    Wobei: neu ist die Wehrpflicht ja nun nicht.

    In der Bundesrepublik nach kontroverser Debatte eingeführt im Sommer 1956. Vorausgegangen waren im Mai 55 der Beitritt Westdeutschlands zur NATO und im November desselben Jahres Wiederbewaffnung und Gründung der Bundeswehr. In Kraft trat die Wehrpflicht im April 57. Die Ausweichmöglichkeit Zivildienst stand ab 1961 offen.

    Gesetzlich geregelt im Wehrpflichtgesetz sowie im dafür erweiterten Artikel 12 GG:

    12.a.: (1) Männer können vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden.
    (2) Wer aus Gewissensgründen den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert, kann zu einem Ersatzdienst verpflichtet werden. Die Dauer des Ersatzdienstes darf die Dauer des Wehrdienstes nicht übersteigen.

    Bundeswehr ist heute eine Berufsarmee

    Ausgesetzt – nicht: abgeschafft! – wurde die Wehrpflicht im Jahre 2011. Das geschah unter der Ägide des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg. Und zwar mit folgenden Begründungen:
    ♦ Nach der Bundeswehrplanung und den derzeit vorliegenden Reformvorschlägen dienen Streitkräfte nicht mehr länger der Landesverteidigung, sondern vor allem der Krisenreaktion außerhalb Zentraleuropas.
    ♦ Das zukünftige erweiterte Aufgabenspektrum der Bundeswehr erfordert eine größere Professionalität der Soldaten. Dies ist mit kurzzeitig dienenden Wehrpflichtigen nicht zu gewährleisten.
    ♦ Die politischen Umwälzungen seit 1989/1990 haben in Europa eine völlig neue sicherheitspolitische Lage entstehen lassen. Heute haben wir zum ersten Mal in unserer Geschichte nur Freunde, Verbündete und Partner als Nachbarn. Deutschland hat also am meisten davon profitiert, kann seine Streitkräfte entsprechend umstrukturieren und auf die Wehrpflicht verzichten.
    ♦ Eine Massenarmee würde weder gegen internationale politische Instabilität noch gegen Massenvernichtungswaffen helfen.
    ♦ Der Friedensumfang der Bundeswehr und damit der Bedarf an Wehrpflichtigen unterschreitet die Anzahl der zu Verfügung stehenden Männer eines Jahrganges erheblich. Wenn nur noch eine Minderheit eines Jahrgangs damit rechnen muss, zum Dienst an der Waffe herangezogen zu werden, wird die Wehrungerechtigkeit zur Regel.

    Die Gründe leuchteten mir 2011 zwar ein. Trotzdem war ich damals hin- und hergerissen, ob ich den Wegfall vollumfänglich begrüßen sollte. Denn mit dem Einkassieren der Wehrpflicht entfiel ja ebenfalls der Zivildienst. Von dessen Sinnhaftigkeit und erzieherischer Wirkung ich immer überzeugt gewesen war. Ne Menge meiner Kumpels leisteten ihre 15 Monate (so lange dauerte das Anfang der 80er) in Altersheimen, Jugendeinrichtungen und Sportvereinen ab. Und das waren beileibe nicht alles „niedere“ Tätigkeiten, die sie dort ausübten. Einige gingen zur Bundeswehr, ich wiederum entschied mich für die Variante „Zehn Jahre Katastrophenschutz“: ca. 20 Samstage im Jahr (hin und wieder kam der Sonntag dazu) bei den Berufsfeuerwehren in Köln und später in München und „diente“ dort als Funker bei Brandeinsätzen, schleppte Sandsäcke bei Hochwasser und beschäftigte mich mit Evakuierungsplanspielen, um den eventuellen ABC-Ernstfall zu proben.

    Ich empfand, das, was wir taten, stets als wertvollen (damals übrigens lausig bezahlten) Beitrag für unser Gemeinwesen und wäre im Traum nicht auf die Idee gekommen, diese Aktivität als Zwangsarbeit, die mich meines grundgesetzlich verbrieften Rechts auf Freiheit beraubt oder gar gegen die Menschenrechtscharta verstößt, anzusehen. Ab und an war’s schon nervig, nach langer Freitagpartynacht am Morgen darauf um 7 Uhr in einem Bunker ABC-Alarm zu proben. Aber mit viel Kaffee ließen sich auch solche Samstage überstehen. Deshalb fällt mein persönliches Fazit positiv aus, und ich hätte als Vater kein Problem damit gehabt, wenn meine beiden Söhne für ein paar Monate zu solch einem Dienst verpflichtet worden wären. Kontakt mit alten Menschen in einem Seniorenstift oder Noteinsätze mit dem Technischen Hilfswerk haben noch niemandem geschadet. Das ist verklärter Nostalgie-Kitsch eines alten Mannes, sagen Sie? Mag schon sein. Mit 56 bin ich ja tatsächlich nicht mehr der Jüngste.

    Wehrpflicht: mittlerweile obsolet

    „Wat fott es, es fott un kütt nit widder“, weiß der Kölner und dieses Schicksal ereilt wohl nun auch die vor sieben Jahren ausgesetzte Wehrpflicht. 2018 ist nicht 2011, die Dinge haben sich weiterentwickelt. So hat sich beispielsweise die Bundeswehr von einer Mitmach-Armee zu einem Berufsheer gewandelt.

    Der Wieder- bzw. Neueinführung einer Allgemeinen Dienstpflicht stünden ohnehin viele Hürden entgegen. Da sei zuallererst Art. 12 Grundgesetz genannt:

    (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
    (2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

    Das GG kann man zwar anpassen. Dafür sind jedoch Zweidrittelmehrheiten sowohl in Bundestag als auch Bundesrat notwendig. Und selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass dies bei Artikel 12 gelingen sollte, bliebe dann immer noch die Hürde des Bundesverfassungsgerichts, das die Änderung – weil eventuell der Europäischen Menschenrechtskonvention zuwiderlaufend – flugs einkassieren könnte.

    Die Bundeswehr als moderne Berufsarmee mit knapp 200.000 Soldaten ist auf Amateur-Rekruten ohnehin nicht mehr ausgerichtet und schon gar nicht, wenn komplette Jahrgänge absorbiert werden müssen. Dann können die anderen ja in der Pflege arbeiten, regen Sie an? Das war ebenfalls mein erster Gedanke gewesen; jedoch habe ich mir von Experten folgendes anhören dürfen:

    Heutzutage sind die Voraussetzungen/Qualifikationen meist auch „härter“.

    Überall Personalmangel, da wird nicht mehr viel erklärt und aufgepasst.

    Es wäre eher eine Belastung. Eine Entlastung wären ausgebildete Fachkräfte und attraktive Löhne.

    Sowas wie die Berufsfeuerwehr wird übrigens auch nicht überall gehen, Henning: Die werden sich oft eher verarscht fühlen, wenn sie statt richtigen Planstellen dann Hilfsarbeiter bekommen auf die sie aufpassen müssen. Das ist heute nicht so wie früher.

    Was für eine Bananenidee!!

    (c) Teilnehmer unterschiedlicher Diskussionen zum Thema „Allgemeine Dienstpflicht“ vorgestern in Facebook

    Die Freiwilligen Dienste

    Die Freiwilligen Dienste – z.B. Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Freiwillige Feuerwehr (gab’s allerdings schon früher) – sind mittlerweile an die Stelle des Zivildienstes getreten, nehmen diejenigen auf, die sich – bspw. zwischen Abitur und Universität – sozial engagieren und/oder im Vorfeld des Studienbeginns schon mal in einem Krankenhaus umsehen möchten. Die Freiwilligkeit bietet unbestreitbar den Vorteil, dass sie zu größerem Engagement bei und gewissenhafterer Erledigung der Arbeit führt. Macht ja schon einen Unterschied, ob man Betten aus Pflichtgefühl oder Überzeugung heraus frisch bezieht. Oder doch nicht? Allerdings sind die Kapazitäten der Freiwilligendienste begrenzt. Wir reden von rund 50.000 Teilnehmern (ohne die Feuerwehren).

    Die Diskussion wird also über kurz oder lang damit enden, dass man aus den oben genannten Gründen heraus auf die Einführung der Allgemeinen Pflicht verzichtet. Mit einiger Wahrscheinlichkeit einigt man sich dahingehend, die Kontingente der Freiwilligen aufzustocken, die Organisationen mit größeren Budgets auszustatten und geeignete Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung der Dienste zu ergreifen. Was ja als durchaus vernünftiges Ergebnis der von Kramp-Karrenbauer angestoßenen Debatte einzustufen wäre.

    Anti-Egoismus statt Ego-Shooting

    Womit ich mich allerdings schwertue, ist die Verunglimpfung des Vorschlags als Wiederbelebung des Reichsarbeitsdienstes oder gar Anschlag auf die Menschenrechte. Hallo – geht’s eventuell auch ne Nummer kleiner? Niemand von uns fühlte sich damals grundlegend in seiner Freiheit eingeschränkt, bloß weil wir einige Monate lang zu einer Gemeinwohl-Tätigkeit verpflichtet wurden. Und wir waren 19, als wir unser Abitur machten und studierten deutlich länger bis zum Diplom, Magister oder Staatsexamen als die heutige Turbobildungsgeneration. Der Wahn „Ich muss mit 25 Vollzeit arbeiten, damit ich mit 60 in Rente gehen kann, ohne Gefahr zu laufen, dann von Altersarmut betroffen zu sein“ war in den 70ern und 80ern unbekannt. Mehr Geld hätten wir damals natürlich gerne für den „Zwangs-“ Dienst erhalten. Aber darüber ließe sich heutzutage sicher reden.

    Heribert Prantl sieht es so:

    Das soziale Pflichtjahr für alle … ist ein Beitrag für eine starke Demokratie. Warum? Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet. Dafür braucht man Menschen, nicht Narzissten. Man braucht Menschen, die wissen und erfahren haben, dass es eine Gesellschaft gibt und dass für deren Nöte nicht ein abstrakter Staat, sondern eine konkrete Gemeinschaft zuständig ist. Ein soziales Pflichtjahr tut den jungen Menschen gut, es tut dem Gemeinwesen gut, es tut dem Land gut. Es ist ein Einstieg in die soziale Wirklichkeit, es ist ein soziales Erfahrungsjahr … das Pflichtjahr ist ein Anti-Egoismus-Jahr.
    In: Süddeutsche Zeitung, 07. August 18

    Oder, um es in den Worten J.F. Kennedys zu sagen:

    Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.

    Auf jeden Fall keine Bananenidee

    Die Debatte um einen Gemeinwohl-Dienst ist in einer Zeit zunehmender Individualisierung durchaus notwendig. Die Allgemeine Dienstpflicht wird zwar aufgrund ihr entgegenstehender rechtlicher und organisatorisch-technischer Hürden nicht kommen. Trotzdem zeigt der Vorstoß in die richtige Richtung: weg von der bereits mit 17 in Angriff genommenen Karriereplanung und stattdessen Hinwendung zu (zeitlich begrenzten) sozialen Aktivitäten – ob man die nun freudig oder nicht so gerne ausführt, ist zweitrangig –, von denen die Gesellschaft profitiert. Mehr WIR und weniger ICH. So lautet der simple Kerngedanke hinter Kramp-Karrenbauers Vorschlag. Diese Grundidee ist positiv zu sehen und weit entfernt von Banane.

  • Patriotismus 4.0 – brauchen wir den?

    Patriotismus 4.0 – brauchen wir den?

    Die WM ist vorbei, die Fahnen wurden eingerollt, die dreifarbigen Präservative von den Autorückspiegeln gepellt, das Deutschland-Make-up verschwindet in der untersten Schublade der Badezimmerkommode. Der Spuk ist vorbei. Auf ein Neues zur EM 2020.

    Seit dem Sommermärchen 2006 kennen wir nun das Phänomen des Party-Patriotismus. Die Nati spielt – bis 2016 recht ansehnlich, dieses Mal ziemlich schlecht –, und die Menschen landauf, landab, völlig egal, ob sie von Fußball Ahnung haben oder nicht, geraten für einige Wochen in einen schwarz-rot-goldenen Rausch. Public Viewing, Fanmeilen, TV-Werbung: alles kommt plötzlich patriotisch daher. Ob die Mannschaft mitreißend oder mittelmäßig kickt, sie im 4-4-2- oder 4-2-3-1-System aufläuft, Hector oder Plattenhardt hinten links verteidigen: alles egal, solange das Team gewinnt und eine Runde weiterkommt. Im Anschluss gibt’s einen Autokorso und ein Besäufnis mit den Kumpels in der Eckkneipe.

    Ich denke abwechselnd: gut, dass mich dieses Virus nicht befallen hat oder: Boh, was bin ich schon alt und griesgrämig, dass ich mich nicht mehr so ausgelassen über ein Riesendusel-Last-Minute-Tor gegen Schweden freuen kann.

    Ist das also der neue deutsche Patriotismus? Im Abstand von 24 Monaten ein Flaggen- und Wimpelmeer, Bitburger trinken, grölen, abfeiern und am Ende entweder über den Titel jubeln oder verkatert die Scherben aufkehren? Falls ja: Ist zwar nicht meins; allerdings auf den ersten Blick nicht weiter gefährlich anmutend.

    Patriotismus: Die Römer haben ihn erfunden?

    Um den deutschen Patriotismus 4.0 zu würdigen, kann ich Ihnen einen kleinen Ausflug in die Historie leider nicht ersparen. Ich werde mich kurz fassen. Versprochen!

    Wo dieses merkwürdige Gefühl zum ersten Mal ein menschliches Herz schneller schlagen ließ, kann mit abschließender Sicherheit nicht bestimmt werden. Übersetzen wir den Begriff mit „Liebe zum Vaterland“, setzt es ein solches eigentlich zwingend voraus. Weshalb sich die Gelehrten darüber streiten, ob bereits die alten Römer – weil die ewig hungrige Wölfin ja ein Stadtstaat mit hinzu erobertem riesigen Weltreich, aber kein Land im modernen Sinne war – dem Patriotismus frönten. Da aber von den Römern erbauliche Sprüche wie „Dulce et decorum est pro patria mori“ überliefert sind, sie keinerlei Berührungsängste mit unbedingtem Glauben an den Staat, strenger Gesetzlichkeit und militärischer Unterordnung zeigten, will ich sie in meiner kleinen und ganz und gar nicht wissenschaftlichen Kolumne als Erfinder des Patriotismus ansehen. In der zweiten Hälfte des Textes benötige ich sie ohnehin noch als wichtige Bezugsgröße; weshalb es für mich praktisch ist, so zu verfahren.

    Die drei deutschen Patriotismus-Experimente endeten blutig

    Im nach-napoleonischen Deutschland, das allerdings noch gar kein Deutschland, aber auch kein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation mehr, sondern ein bunter Flickenteppich kleiner bis hin zu winzigen Fürsten- und Herzogtümer war – von Hohenzollern und Habsburg mal abgesehen –, regte sich die damals noch zarte Pflanze des Nationalgefühls zum ersten Mal während der Märzrevolution 1848, als sich Teile des Bürgertums nach einem demokratisch verfassten Nationalstaat – in Abgrenzung zum real existierenden Feudalismus – sehnten. Das war eine kurze Episode, die bereits im Sommer 1849 blutig, weil von preußischen und österreichischen Truppen gewaltsam niedergeschlagen, endete.

    Die Neuauflage, die unsere Ururgroßelten im Nachgang zur Gründung des Zweiten Reichs im Januar 1871 erlebten, kam schon nicht mehr so bescheiden und friedlich daher. Zu „Von der Maas bis an die Memel“ gesellte sich nun: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Die Liebe zur eigenen Nation bedeutete im Umkehrschluss, dass man die Nachbarn nicht als Nachbarn, sondern als potenzielle Feinde wahrnahm. Bündnisse wurden geschmiedet, bei Bedarf auch mal gewechselt, ständige Wachsamkeit war notwendig, um nicht von einem Stärkeren gefressen zu werden. Als der Lotse Bismarck 1890 von Bord ging (genaugenommen: gegangen wurde), agierten seine Nachfolger nicht immer glücklich und häufig ohne Augenmaß. Das Reich strebte nach kontinentaler Hegemonie, sah sich bereits als Weltmacht, und die deutsche Außenpolitik verirrte sich dabei im Spannungsfeld zwischen Ost und West. Im Spätsommer 1914 waren die europäischen Mächte allesamt derart hochgerüstet, sich einander spinnefeind und nicht mehr willens, Deeskalation mittels Verhandlungen zu betreiben, dass die Urkatatastrophe des – an Katastrophen nicht armen – 20sten Jahrhunderts ihren Lauf nahm. Besoffen von Patriotismus und der Gewissheit, dass nur ein kurzer Waffengang bevorstünde, brach die deutsche Jugend singend in Richtung Schlachtfelder auf, verblutete in Flandern, an der Somme und in Tannenberg.

    Bei meinem Großvater väterlicherseits erwischte es bereits im Herbst und Winter 14 die drei älteren Brüder, Der Erste saß in einem Zeppelin, als ihn die Briten über dem Kanal abschossen, der Zweite ritt an der Marne in den ausgestreckten Säbel eines Rifkabylen hinein, während der Dritte bei Gumbinnen seinen letzten Atem aushauchte. Er selbst meldete sich 17jährig freiwillig zur Armee, kämpfte in fauligen Sümpfen irgendwo im Niemandsland zwischen Bulgarien und Makedonien gegen die Engländer, den einen Tag eine Wiese vor, den nächsten Tag dieselbe Wiese retour, handelte sich dort einen zehn Meter langen Bandwurm und Malaria ein und kehrte 1918 mehr tot als lebendig in sein Elternhaus zurück. Der Krieg hatte ihn hart gemacht. Wie so viele aus seiner Generation hielt er ne Menge von dienen und Pflichtgefühl. Jammerei war ihm ein Graus. Eine Träne in seinem Auge sah ich bloß einmal – als ich ihn an einem glutheißen Augusttag 1985 als ältester Enkel mit meinem hellblauen VW-Käfer nach Verdun chauffierte, wo wir auf einem riesigen Soldatenfriedhof mit tausenden Kreuzen vor dem Grab eines seiner Brüder standen. Drei Monate später starb mein Großvater. Der Roman Im Westen nichts Neues, den ich ihm ein paar Jahre zuvor zu Weihnachten geschenkt hatte, stand unberührt in seinem Bücherschrank.

    Die Unternehmung Patriotismus 2.0 endete mit zwanzig Millionen Toten. Der Kaiser wurde abgedankt und zog sich ins holländische Exil zum Holzhacken zurück.

    Der dritte Aufguss bescherte uns den größten Führer aller Zeiten, ein tausendjähriges Reich, Rassismus, Antisemitismus, Brutalität und staatlich organisierte Bestialität bisher ungekannten Ausmaßes und noch mehr Leichen als WK1. Damit war das Konzept Patriotismus an sein vorläufiges Ende gelangt. Niemand, der in den 50er, 60er und 70er Jahren seine fünf Sinne beisammen hatte, wollte die mühsam verschlossene Büchse der Pandora wieder öffnen. Patriotismus und Nationalismus waren in Deutschland zu eng miteinander verwoben, die Trennlinie nicht scharf genug, als dass man das Experiment freiwillig ein weiteres Mal wiederholen wollte. Für mich war Patriotismus während meiner gesamten Schulzeit (1968-81) kein Thema gewesen. Ich war Kölner, liebte den FC und die blonde Birgit aus der Klasse unter mir, jeder wohlproportionierte Frauenarsch faszinierte mich mehr als Schwarz-Rot-Gold. Die Bundesrepublik war ein kleines Land mit der beschaulichen Hauptstadt Bonn, die Staatsfahne wurde an manchen Feiertagen gehisst und flatterte in ein paar Schrebergärten. Die Nati spielte überaus erfolgreich; aber kein Kicker wäre auf die Idee gekommen, die Hymne laut mitzusingen. Man blickte ernst oder schloss die Augen, sobald die melancholische Melodie erklang. Europa lautete die Vision, Deutschland ein verstaubtes Relikt aus der Vergangenheit. Hin und wieder Gesprächsthema mit dem o.g. Großvater, der WK1 knapp überlebt hatte.

    Neu entdeckte Heimatduselei

    Da aber der Mensch wohl eine Heimat braucht, auf die er stolz sein kann, die wir in der kleinen Bundesrepublik anscheinend nicht besaßen, klopfte der Patriotismus Mitte der 80er von unten an den Sargdeckel, wollte wieder auferstehen aus dem Müllhaufen der Geschichte, auf den wir ihn 1949 geworfen hatten. 1986 entbrannte im Rahmen der als Historikerstreit bekannt gewordenen geschichtspolitischen Kontroverse, die in den Feuilletons der großen Tageszeitungen geführt wurde, eine hitzige Debatte über die Frage, ob wir als Deutsche ein neues Nationalbewusstsein benötigen. Die Fraktion um Nolte, Stürmer und Hillgruber bejahte das, während Habermas prophetisch davor warnte, dieses alleine durch Abschütteln der jüngsten Vergangenheit entwickeln zu wollen.

    Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker versuchte sich an einer positiven Deutung des bis dahin übel beleumundeten Begriffs:

    Patriotismus ist Liebe zu den Seinen; Nationalismus ist Hass auf die anderen.
    Staatsakt, Vierzig Jahre Grundgesetz, Beethovenhalle, Bonn, 24.5.1989

    Verfassungspatriotismus: Lösung oder Placebo?

    Ein schlauer Mann namens Sternberger erfand in etwa zeitgleich zur o.g. Diskussion den Verfassungspatriotismus. Was ist denn das schon wieder, wollen Sie von mir wissen. Klingt irgendwie blutleer, schieben Sie noch hinterher. Voilà, hier ist die Definition:

    Identifikation des Bürgers mit den Werten und Institutionen des demokratischen Verfassungsstaates. Über den Verfassungspatriotismus können sich die universalen Prinzipien der Menschenrechte mit nationalpatriotischen Elementen verbinden.

    Hört sich an wie Doppelkorn ohne Alkohol und wirkt sicher auch ähnlich. Also bloß bei politischen Esoterikern und Liebhabern von Vanilletee. Wir sind stolz auf unser Grundgesetz und speziell auf die darin enthaltenen (universellen) Menschenrechte. Mal abgesehen davon, dass ich – mit Ausnahme meines früheren Geschichtslehrers aus der Oberprima – niemanden kenne, der das Grundgesetz mehr als einmal im Leben in die Hand genommen hat, und 95% der Bevölkerung keinen blassen Dunst davon haben, was in den ersten zehn Artikeln – von den nachfolgenden ganz zu schweigen – überhaupt drinsteht, birgt die Allgemeingültigkeit für den aufrechten Vaterländler die Gefahr, dass er die Menschenrechte in der Konsequenz nicht nur sich und seinen Landsleuten, sondern ebenfalls Fremden – z.B. Flüchtlingen – zugestehen muss. Hier bisse sich der Patriotismus jedoch in den eigenen Hintern, wird obsolet, denn die Ausdehnung auf alle Menschen widerspricht diametral dem Vaterlandsgedanken. Verfassungspatriotismus ist mithin ein theoretisches Konstrukt, anwendbar von maximal fünf Prozent erleuchteten Philanthropen, aber ganz sicher nicht massentauglich.

    Das Volk, einmal vom Bazillus des Nationalen infiziert, will natürlich mehr: Stolz, Ruhm, Spektakel, Einzigartigkeit, Abgrenzung gegenüber Zuwanderern, um die eigene Wesensart nicht zu verwässern. Hinfort mit den dunklen Stellen der Vergangenheit, die Zeit von 33 bis 45 ein Vogelschiss, was haben wir Spätergeborenen überhaupt mit den Taten unserer Großeltern zu tun? Siege müssen her, zuerst im Sport, und später schau’n wir mal, was uns dazu noch einfällt. Weltoffen ist nett, aber bitte nicht zu viel davon. Das Erscheinungsbild auf unseren Straßen sollte schon sauber und gepflegt aussehen. Am Mittwoch wird das Treppenhaus geputzt und am Samstag das Auto gewaschen. Wer kein Schweinefleisch isst, Alkohol verschmäht und Jungs die Vorhaut abschneidet, hat in unserem schönen Land nichts zu suchen. Wir brauchen dringend eine Kanon für eine verbindliche Leitkultur, rufen Sie. Was soll da drin stehen? Nun schweigen Sie, weil Ihnen außer Bratwurst und Bitburger auch nichts Gescheites einfällt. Ja ja, Goethe und Schiller waren große Dichter und Denker. Wissen wir doch. Aber die beiden Nationalheiligen liegen nun auch schon seit zweihundert Jahren unter der Erde.

    Patriotismus ist kein Chauvinismus sagen Sie? Unsere Nachbarn machen es genauso. Warum darf ich nicht dasselbe tun wie der Franzose und der Brite, fragen Sie mich? Weil die beiden keine Weltkriege angezettelt haben, und wir ja nicht alles eins zu eins nachahmen müssen, antworte ich. Oder, um es mit einem Zitat von Maxim Biller zu sagen:

    Wer über Deutschland räsoniert, wer es intellektuell bestimmen und somit auch feiern und konstituieren will, wird jedes Mal als Brandstifter und Mörder enden.

    Muss man Patriot sein, um seine Heimat zu lieben?

    Der Hirsch ist ein übellauniger Spielverderber und hasst Deutschland, flüstern Sie nun Ihrem Nachbarn – der mit den fünf schwarz-rot-goldenen Wimpeln am VW-Passat – zu. Das stimmt zur Hälfte. Übellaunig: geschenkt. Deutschland hassen: nein. Übermäßig lieben tue ich es allerdings auch nicht. Ich mag die Gegend, in der ich wohne, recht gerne. Hin und wieder stellt sich in romantischen Momenten sogar eine Ahnung von Heimat ein, wenn ich auf den Kölner Dom oder das Siebengebirge blicke. Aber (1): ich könnte auch jederzeit woanders leben und würde mich dort nach kurzer Eingewöhnungsphase ebenfalls wohl fühlen. Aber (2): Heimat ist was Regionales, kein die gesamte Nation umspannender Gedanke. Kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Oberbayer, den es beruflich in die Lausitz verschlägt, dort Heimatgefühle entwickelt.

    An dieser Stelle bemerke ich, dass ich bereits zwei Stunden an dieser Kolumne sitze und immer noch kein Ende in Sicht ist. Ich werde deshalb ein bisschen mehr Geschwindigkeit in den Text reinbringen. Was Patriotismus ist, und wo seine historischen Keimzellen zu verorten sind, dürfte ja nun jeder Leser, so er mir überhaupt bis hierher gefolgt ist, verstanden haben.

    Von Big Macs und altrömischer virtus

    Ich will nochmal zurückkehren zu den altrömischen Wurzeln der Vaterlandsliebe. Und in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam machen, dass Patriotismus – wie die meisten Dinge, die einem kindliche Freude bereiten – zwei Seiten aufweist: Die blankgewienerte, strahlende. Partyfeiern, stolz sein, sich in der großen Welt endlich verstanden und gleichberechtigt fühlen, naiv glauben, dass wir im Konzert der Großmächte mitspielen dürfen, wir wieder wer und wichtig sind. Dann drehen wir die Münze um und betrachten die verwitterte, mit blutroter Patina überzogene Kehrseite, auf die in altertümlicher Schrift der bereits zu Anfang zitierte Spruch eingraviert steht: „Dulce et decorum est pro patria mori“. Oh weh!
    Ein wahrer Patriot fährt halt nicht nur hupend nach einem Fußballsieg durch die Stadt und beschränkt sich darauf, eine Flagge im Vorgarten aufzustellen und laut die Hymne mitzusingen. Das reicht nicht. Im Verteidigungsfall eilt ein Patriot freudig zu den Waffen und kämpft für sein Vaterland. Meine beiden Großväter wussten das noch und handelten entsprechend. Ob der heutigen Spaßpatriotismus-Generation klar ist, dass man als Patriot im Ernstfall auch sterben kann?

    Fernau macht in diesem Zusammenhang in seinem unterhaltsamen Buch Cäsar lässt grüßen – die Geschichte der Römer auf die Virtus aufmerksam. Dieses mythenbehaftete Wort lässt sich übersetzen mit: Tugend, Stolz, Mannhaftigkeit, Selbstdisziplin, ständige Identifizierung des einzelnen mit dem Staat. Und er beklagt bereits Anfang der 70er, dass es diesen Menschenschlag in Westeuropa nicht mehr gibt. Für ihn sind wir verweichlicht. Das wollen Sie nicht glauben?  Folgen Sie mir bitte an einem Hochsommernachmittag in eine Fußgängerzone in einer x-beliebigen deutschen Stadt. Was sehen Sie dort?

    Zu fünfzig Prozent übergewichtige, kurzatmige, geschmacklos gekleidete, immerzu auf das Smartphone starrende Bürger beiderlei Geschlechts, über sämtliche Altersgruppen verteilt. Alle im Konsumrausch und auf ständiger Nahrungssuche. Sagen Sie mal einem von denen: »Heute gibt es nichts zu essen.« Er/ sie wird Sie zuerst fassungslos anschauen und dann in Tränen ausbrechen. Die alten Römer konnten locker drei Tage ohne Big Macs, Bounty-Eis und Cherry Coke auskommen, sie schliefen auf dem harten Boden, benötigten für ihren Stuhlgang keine beheizten Klobrillen und kein Dulcolax, und Sex funktionierte bei ihnen jederzeit ohne Viagra. Sobald der Senat sie zu Wurfspieß und Kurzschwert rief, ließen sie alles stehen und liegen und zogen in die Schlacht. Sie gewannen oft, verloren jedoch auch häufig. Es gab immer viele Tote zu betrauern. Man opferte sich und seine Söhne gerne fürs Vaterland.

    Das ist kein Plädoyer für den altrömischen Patriotismus; verstehen Sie mich jetzt bloß nicht falsch. Die Wölfin war grausam, verschlagen und gierig. Aber: die Bürger – zumindest gilt das für die Phase der Republik – waren so erzogen worden, dass Krieg, Entbehrungen und Tod auf sie keinen größeren Schrecken ausübten als der Verlust der SIM-Karte für den modernen Kevin-Normalverbraucher. Unsere komplett individualisierte und verzärtelte Gesellschaft ist derart weit entfernt von diesem Aspekt des Patriotismus, dass es beinahe schon lächerlich wirkt, ihn nun ein viertes Mal aus seinem Grab wieder auferstehen lassen zu wollen. Erkundigen Sie sich mal bei jungen Leuten, ob die freiwillig Wehr- oder Zivildienst leisten möchten. Als Reaktion werden Sie verständnisloses Kopfschütteln und ein, »Nimm dir ne Wurst vom Grill«, ernten.

    Deutschlands Zukunft liegt in Europa

    Vaterlands-Heroismus wirkt sexy auf junge Nationen und Mel Gibson in Der Patriot. Für die alte Dame Bundesrepublik ist Patriotismus hingegen ein zu flotter Tanz, der nicht zu ihr passt und bei dem sie Gefahr läuft, sich gründlich zu blamieren.

    Patriotismus 4.0 ist so erstrebenswert wie ein Tripper oder eine Zahnwurzelentzündung. Braucht kein Mensch. Deutschland sollte sich auf das konzentrieren, was es von 1955 bis 2000 war: Motor der europäischen Bewegung und Stimme der politischen Vernunft in einer an den Rändern bereits zerfasernden EU. Die Vision für uns Deutsche besteht weiterhin im geeinten Europa und nicht in einem Starker-Nationalstaat-Revival.

  • Ciao Mesut!

    Ciao Mesut!

    Nein, man muss das Erdogan-Foto vom Mai nicht gutheißen, wenn man in dieser Sache Partei für Mesut Özil ergreift. Niemand – es sei denn Verwandten in der Türkei droht Ungemach, falls man sich dem Schnappschuss verweigert – ist gezwungen, sich gemeinsam mit einem Autokraten ablichten zu lassen und dem ein handsigniertes Trikot zu überreichen. Von daher war der Termin entweder notwendig – um eben Familie in der Heimat zu schützen – oder aber ein Affront gegen das demokratische Eigenbild des deutschen Fußballs oder, in der abgemilderten Variante, eine Dummheit. Die Wogen der medial angefeuerten Empörung zwischen Garmisch und Flensburg schlugen hoch, die beteiligten Spieler Özil, Gündogan und Tosun gerieten in Erklärungsnot.

    Die Vorgeschichte

    Dem DFB, in seiner Funktion als Sommer-Arbeitgeber während der Vorbereitungsphase für die Weltmeisterschaft in Russland, standen mehrere Optionen der Reaktion offen: (a) die beiden Akteure Ö und G mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendieren (b) eine überzeugende Aussage mit gegebenenfalls nachfolgender reumütiger Entschuldigung einfordern (c) die Aktion zur Privatangelegenheit der Spieler erklären. Man entschied sich für einen Hybrid: Besuch bei BP Frank-Walter Steinmeier zuzüglich kleines Statement von Gündogan. Nachhakende Journalisten wurden mit „Den Fauxpas nicht überbewerten. Wir befinden uns kurz vor dem Turnier“, abgespeist. Es galt die Devise: Augen zu und durch.

    Als nach drei mittelmäßigen und großenteils lustlos abgespulten Partien die WM für die deutsche Mannschaft bereits in der Vorrunde zu Ende war, entluden sich Volkes Zorn und Häme in voller Wucht über Özil. Anstatt den 10er – 2009 U-21 Europa- und Weltmeister 2014 – in Schutz zu nehmen, rührte kein Übungsleiter oder Funktionär auch nur den kleinen Finger, um dem einstigen Vorzeige-Integrationsschüler beizuspringen. Nach einigen Wochen der Grabesruhe dann plötzlich Bierhoff: „Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.“. Grindel setzt noch einen drauf und fordert per Ultimatum eine tiefschürfende Erklärung vom Spieler.

    Der öffentliche Pranger

    Und hier packt mich nun die Wut. Anstatt offen und ehrlich zuzugeben, „Wir haben durch die Bank weg Fehler gemacht. Und zwar sowohl die Teamleitung als auch die Spieler“ oder alternativ weiter zu schweigen, greift man sich einen heraus, versteigt sich gar zu der Behauptung, das Londoner Treffen hätte große Unruhe ins Team hineingebracht. Was für ein Bullshit!! Als ob Kimmich, Hector und Reus nicht schlafen, essen und trainieren konnten, weil Kollege Mesut Präsident Erdogan die Hand geschüttelt hatte.

    Özil, derart in die Ecke gedrängt, hält ein paar Tage die Füße still und hämmert dann gestern eine dreiteilige Generalabrechnung in die Tastatur. Auch dieser Text ist nicht glücklich gelungen – einer meiner Facebookfreunde bezeichnete das Konvolut als Leberwurstbriefe –: viel zu lang, viel zu vieles miteinander vermischt, keinerlei Eigenkritik. Aber zwei Sätze haben es in sich: „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren… Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle?“

    Verbaler Sprengstoff – Wie lange hält sich Grindel noch?

    Das ist verbaler Sprengstoff. Eine Lunte, die, kaum dass sie angezündet wurde, bereits droht, große Teile der selbstgerechten Funktionärsriege in die Luft zu jagen. Der DFB, der gerne Werbung mit dem Motto „Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit!“ macht, liefert ausgerechnet einen türkischstämmigen Spieler ans Messer? Warum nicht Kroos, weshalb nicht Müller, wo war Hummels? Sie spielten ALLE weit unterhalb ihrer Möglichkeiten. Was war mit der veralteten Ballbesitzstrategie, die zu ermüdendem Schlafwagenfußball führte? Dauernder Veränderung der Startelfformation, Einwechslungen, die Nullkommanichts brachten, guten Stürmern, die man zu Hause ließ? Alles nebensächlich? Die alleinige Schuld fürs Scheitern trägt Özil??

    Was sich in den sozialen Medien und den Leserbriefspalten der Zeitungen über dem Gelsenkirchener an Häme entlud, kann mit einem einzigen Wort beschrieben werden: Alltagsrassismus. Auch ich habe ihn ab und an als Schönwetterspieler tituliert, der in engen Matches gerne abtaucht, die Ärmel nicht hochkrempelt, sich auf seinem unbestreitbaren Talent ausruht. Aber: dasselbe gilt für Kroos. Letztlich gilt es für die gesamte Generation der Nivea- und Nutellakicker. Und dass es diesen stromlinienförmigen Spielertypus gibt – dafür trägt der DFB die Verantwortung.

    Der Fußballforen- und Facebook-Lynchmob schießt sich auf einen – von insgesamt 23 – Akteuren ein und niemand aus der Führungsriege springt ihm bei. Bierhoff und Grindel gießen zusätzlich Öl ins Feuer, geben Özil somit zum Abschuss frei, der um seinen Job bangende Bundestrainer hält sich bedeckt. Das ist erbärmlich.

    Jetzt hat sich der Verband die – vorhersehbare und unnötige – Diskussion „Wie Ernst ist es dir mit dem Kampf gegen den Rassismus?“ ins Haus geholt. Weil der Manager seinen eigenen Hintern aus der Schusslinie bringen will und der Oberfunktionär lieber eitle Pressekonferenzen abhält, statt das persönliche Gespräch mit dem Spieler zu suchen. Grindel und Bierhoff zerdeppern in Rekordzeit, was tausende Vereine in Jahren aufgebaut haben: Fußball als Integrationsprojekt für Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien.

    Und deshalb müssen auf Özil nun schnell die beiden Brandstifter folgen, will der DFB glaubwürdig bleiben. In der Hoffnung, dass endlich ein Profi auf dem Chefsessel des größten Sportverbands der Welt Platz nimmt. Jemand, der Krisenmanagement beherrscht und der im Sinne der Gleichberechtigung ebenfalls Matthäus zur Ordnung ruft, sobald sich der Ehrenspielführer bei Putin einschleimt. Jemand, der sich kritisch zu Austragungsorten wie Katar äußert und der es nicht lustig findet, wenn Beckenbauer behauptet, auf den dortigen Baustellen keine Sklaven gesehen zu haben. Es ist elende Doppelmoral, an Özil ein Exempel zu statuieren und in anderen, ähnlich gelagerten Fällen, inaktiv zu bleiben.

    Ciao Mesut!

    Dem scheidenden Mittelfeldstrategen rufe ich ein wehmütiges „Ciao Mesut!“ hinterher. „Du hast uns ne Menge schöner Momente beschert“. Bester 10er seit Uwe Bein, der im linken kleinen Zeh mehr Ballgefühl besitzt als die meisten seiner Kollegen in zwei Füßen. Mögest du in Zukunft besser beraten werden, dich von Erdogan-Terminen fernhalten und im Herbst deiner Karriere nochmal Erfolge mit Arsenal feiern. Der deutsche Fußball verliert mit dir einen seiner wenigen Künstler.

  • Und täglich grüßt der Islam

    Und täglich grüßt der Islam

    Ich hätte eine Wette drauf abschließen sollen: nach Burka, Kopftuch, (angeblicher) Gewaltbereitschaft arabischer, junger Männer und der Causa Özil & Gündogan geht’s nun los mit dem Thema „Ramadan für Jugendliche“ … als ob Muslime ihre Kinder verhungern und verdursten lassen.

    Mir geht diese dummdreiste Islamophobie des deutschen Spießbürgers, der seinen eigenen Nachwuchs mit Fastfood vergiftet, mittlerweile derartig auf den Sack. Ich kann’s gar nicht in den passenden Worten ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, von Facebook für mehrere Monate gesperrt zu werden

    schrieb ich am Samstagmittag in meinem Facebookprofil und erntete binnen weniger Stunden mehr als 200 Kommentare, die vom Tenor her weit streuten:

    (a) Und dann wird sich im zweiten Atemzug drüber aufgeregt, dass der Islam dauerpräsent ist und man das Thema nicht mehr sehen, lesen, hören mag. Ja, warum bloß, ihr Idioten!

    (b) Nur, dass Dehydratation und in der Folge Exsikkose, besonders bei Kindern und Jugendlichen, rein gar nichts mit Religion zu tun haben.

    (c) Fasten für Kinder ist Affenscheiße. Vegane Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Einseitige Fast Food Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Wer so etwas macht? Keine Ahnung. Wenn aber, dann Sorgerecht entziehen.

    (d) Es fasten nur die Eltern: Kinder, Kranke, Schwangere fasten nicht, jedenfalls nicht bei den Muslimen in meinem Umfeld.

    (e) Ganz ehrlich, es geht doch ohnehin keinem davon wirklich um die Kinder. Das sind meist genau die Menschen, die jubeln wenn ein solches Kind sterben würde.

    (f) Nun aber es geht auch darum das diese Kinder sich nicht im Unterricht konzentrieren können und man Rücksicht nehmen soll … keine Prüfungen (ab Mai sind aber alle Prüfungen), Kein Sport usw.

    (g) Ist doch ganz einfach geht doch in die Türkei oder einengenderen Islamischen Staat, dann müsst ihr angeblichen nicht Spießer das nicht mehr hören.

    (h) Vielleicht machst du es dir doch ein bisschen einfach , das Thema scheint doch etwas komplexer zu sein !

    (i) Und Kinder mit Nahrungsmittelentzug zu quälen ist Kindesmisshandlung. Für diese Erkenntnis muss man nicht im Gesamtpaket des braunen Dreckspacks stecken. Dafür reicht schlichter Humanismus.
    (a) bis (i) FB-User

    (j) Lieber Henning, sprich mal mit Lehrer/Innen an Schulen, an denen immer mehr Kinder und Jugendliche fasten, an denen Eltern fordern, im Ramadan keine Sportfeste zu veranstalten, keine Klassenarbeiten zu schreiben und auch ansonsten einen Monat lang auf alles zu verzichten, was ihre fastenden Kinder zusätzlich belasten könnte, an denen Kinder attackiert werden, die in den Pausen ihr Brot auspacken und an denen es – wie in diesem Jahr – fast zu Schlägereien kam, weil die türkischen Kinder schon am 16. fasteten, während die tschenischen erst am 17. mit dem Fasten begannen und am 16. noch genüßlich ihre Pausenbrote gegessen haben. Es ist nicht die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, die solche Themen in die Öffentlichkeit trägt, sondern eine wachsende Gruppe identitärer Muslime, die den Rest der Gesellschaft mit ihren religiösen Forderungen belästigt.
    (c) Mit-Kolumnist Heiko Heinisch

    Ein Kommentator verstieg sich zu der Behauptung, ich würde mit meinem Post Volksverhetzung betreiben, da ich alle, die anders denken als ich, in die Fascho-Ecke stelle. Was natürlich voraussetzt, dass Spießer immer rechts zu verorten sind.

    Islam zieht immer

    Islam zieht halt immer. Keine andere Materie schafft es, so viel Aufmerksamkeit und Empörung zu generieren. Kein anderes Thema – hier in Köln selbst der FC nicht – wird mit dieser Hartnäckigkeit und Penetranz bespielt. Gut für uns Kolumnisten, weil wir ständig was darüber schreiben können, allerdings schlecht für die Gesellschaft. Denn losgelöst vom hellblau-braunen Wir-brauchen-einen-Sündenbock-Mantra schwappt die trübe Der-Islam-gehört-nicht-hierher-Brühe mittlerweile weit ins bürgerliche Lager hinein.

    Da erklären dann in Facebook der brandenburgische Sanitärtechniker Hubert K., der am Samstagabend betrunken gerne mal seine Familie verprügelt, dem türkischstämmigen Mehmet, weshalb das patriarchale Menschenbild des Islam nicht zum christlich-jüdischen Abendland passt. Die ihre Kinder mit Fastfood und Schokoriegeln vergiftende Hausfrau Magdalene B. aus Gelsenkirchen-Buir regt sich im Thread nebenan über die Knabenbeschneidung und das an Ramadan geltende Fastengebot auf. Ehepaar Huber aus Traunstein, sie zu Hause in Schürze und draußen im Dirndl unterwegs, weil ihr Mann das schön findet, weiß zu berichten, dass das Kopftuch ein Unterdrückungssymbol darstellt, während Oberstudienrat Meier, der im vergangenen Jahr seinen Sommerurlaub im Heiligen Land verbrachte, darauf hinweist, dass der Islam von den drei Buchreligionen die jüngste und damit zwangsläufig intoleranteste ist, was logischerweise bei seinen Anhängern zu hohem Aggressionspotenzial führt. Weshalb diese Glaubensrichtung nicht kompatibel mit unserem Grundgesetz sei. Heinz W. aus Köln-Nippes macht sich große Sorgen wegen des importierten Antisemitismus, vertritt aber im kleinen Kreis hinter vorgehaltener Hand die Meinung, dass die Juden schon auch selbst ein bisschen Schuld an ihrem Schicksal haben, weil sie sich halt partout nicht assimilieren wollen, gerne geheimbündeln und mit den Rothschilds das internationale Finanzkapital dominieren und dies zum Nachteil des deutschen Sparbuch- und Reihenhausbesitzers perfide lenken. Von den hochwissenschaftlichen Facebook-Debatten zur Burka, dem Halal-Schlachten und dem Wunsch einiger muslimischer Frauen, von Männerblicken ungestört in deutschen Hallenbädern zu schwimmen, will ich gar nicht erst anfangen. Dieser textliche Wahnsinn würde den Umfang der Kolumne sprengen.

    Deutschland: unselige Tradition von Kulturkämpfen

    Es geht den Islam-Bashern, und das sind mittlerweile erschreckend viele, allerdings gar nicht ums Einzelthema. Über das man unter vernünftigen Leuten durchaus diskutieren kann. Beispielsweise ist es wirklich übel, wenn Kinder im Hochsommer weder essen noch trinken und in der Folge in ihren schulischen Leistungen abfallen. Aber: es ist nur eine kleine Minderheit der Muslime, die so verfährt. Der Großteil liebt seine Kinder genauso wie wir Christen, Juden, Atheisten etc. es tun und lässt sie selbstverständlich auch während des Ramadans Nahrung zu sich nehmen. Aber das interessiert den gemeinen Durchschnitts-Islamophoben gar nicht. Die einzelnen Aspekte der Kritik dienen bloß dazu, negative Stimmung gegenüber einer Volksgruppe zu schüren und durch ständiges Zündeln einen Keil in die Gesellschaft hineinzutreiben. In der unseligen Tradition der Kultur- und Religionskämpfe, wie sie Bismarck gegen die Katholiken, die Nazis gegen die Juden und die Adenauer-CDU gegen die Sozialisten betrieben. Am Ende nie ein Sieger, nur Verlierer.

    Ich frage mich deshalb manchmal: Welches Ziel, abgesehen von der Lust am hemmungslösen Pöbeln und faktenfreien Diskutieren, steckt dahinter? Alle Muslime raus aus Deutschland oder gar Europa? Gute Türken sind nur diejenigen, die schweigend für wenig Geld die Arbeiten erledigen, auf die wir selbst keine Lust haben? Und sobald sie das Rentenalter erreichen, verschwinden sie wieder ohne zu murren zurück in ihre ostanatolischen Bergdörfer. Ist es das, was wir wollen? Falls ja: es wird nicht funktionieren.

    Strategischer Unsinn

    Es ist, strategisch betrachtet, kompletter Unfug, den Islam und die Umma zu künstlichen Feindbildern hochzujazzen. Sie sind viele, bekommen mehr Kinder als wir, sind fleißig, genügsam, zäh, noch fähig, an irgendwas jenseits des Bruttoinlandsprodukts zu glauben und werden uns verweichlichte und einem ungesunden Individualismus frönende Westler sicher überleben. Aber: Menschen, die an Phobien leiden oder sich gar in ihrer Politik davon leiten lassen, denken nie strategisch. Meist beschränken sie sich auf das Operative (z.B. Bau von Ankerzentren oder „ab sofort nur noch Sachleistungen für Flüchtlinge“), hin und wieder begegnet man einem Taktiker, der die negative Stimmung auffängt, kanalisiert und zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Einige Innenminister praktizieren das im Moment so. Das war’s dann aber auch schon mit Überlegungen zu diesem Thema. Über die größeren Zusammenhänge, wie schafft man es, die beiden – räumlich eng beieinander liegenden – Kulturkreise miteinander in Einklang zu bringen, darf sich dann der Papst Gedanken machen. Aber den mögen die Hardliner ja ebenfalls nicht, weil er ständig zu Versöhnung an Stelle von Spaltung aufruft.

    Anstatt also jeden Tag aufs Neue mit irgendeinem frisch aus dem hellblauen Zylinder gezauberten Thema knapp fünf Millionen Menschen, von denen 99.9% friedfertig unter uns leben, hart arbeiten und genau wie der deutsche Michel pünktlich ihre Steuern zahlen, zu belehren und deren Glauben zu beleidigen, sollten wir uns den wirklich drängenden Problemen in unserem Land zuwenden. Sie kennen kein dringenderes als den Islam? Tut mir echt leid für Sie. Ich schon.

  • No go nach Godesberg?

    No go nach Godesberg?

    »Noh Jodesbersch kanns do nit mih fahre«, sagt Jupp.
    »Warum das denn?«, frage ich.
    »Es en Nu-gu-Veedel jewode.«
    »Woher stammt diese Information?«
    »Hann ich vürgester Ovend am Stammdesch jehürt. En Trauerspill, dat mir No-go jetz och bei uns han.« Jupp betont „No go“ abwechselnd mit Doppel-O wie in Logo oder mit zweifachem U wie in Uhu.

    Ein paar Definitionen vorab

    Am Beginn dieser Kolumne kommen wir nicht drum herum, uns mit ein paar Definitionen vertraut zu machen. Was genau ist eigentlich eine No go Area?

    Der Begriff stammt aus dem militärischen Sprachgebrauch und bezeichnet eine Zone, die vom Feind kontrolliert wird und deshalb nicht betreten werden kann … in Deutschland sind es Gebiete, in denen Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung einem hohen Risiko rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt sind
    (c) Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

    Örtlichkeiten mit (angeblich) rechtsfreien Räumen und mit (gefühlt) erhöhter Kriminalität
    (c) Wikipedia

    Stadtteil/ Bezirk, in dem es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, und wo die öffentliche Sicherheit nicht gewährleistet ist
    (c) Duden

    Was um Himmelswillen ist nun wieder ein rechtsfreier Raum? Hier liefert Wikipedia folgende Erklärung:

    Ein räumlich begrenzter Bereich, in dem keine Gesetze wirken, vorhanden sind, beachtet oder durchgesetzt werden. Als Synonym wird auch von Angstraum gesprochen.

    Vor meinem geistigen Auge erscheinen Bilder von Straßenschlachten in Harlem, Bandenkriegen in Rio de Janeiros Armenvierteln oder die Szene, als Snake Plissken im hermetisch abgeriegelten Manhattan gegen eine Armee Outlaws kämpft. Und so was soll es neuerdings auch in unserer beschaulichen, überregulierten Bundesrepublik, dem Land mit der höchsten Politessendichte weltweit, geben? Falls ja: wo?

    Exkursion 1: Bad Godesberg

    »Schau nach Godesberg!«, rufen Sie mir zu? »Da traut sich kein anständiger Bürger mehr hin.« Also schaue ich über den Rhein, erblicke die Godesburg im abendlichen Dämmerlicht und beschließe spontan, einen kleinen Ausflug ins Bonner Hochrisikogebiet zu unternehmen. Da es bereits viertel nach neun ist, und die letzte Fähre um 21 Uhr ablegt, nehme ich den Weg über die Bonner Südbrücke und gelange gegen kurz nach halb zehn ins Zielgebiet. Ich parke meinen Wagen in einer kleinen, von herrschaftlichen Villen links und rechts gesäumten Straße und spaziere ins Zentrum. Es ist ruhig.

    Bonns größtes Kino befindet sich hier. In dessen Eingangsbereich lümmeln ein paar Jugendliche, rauchen, nuckeln an Dosenbier, hin und wieder weht ein Lachen zu mir rüber. Die früher mondäne Fußgängerzone ist nach dem Wegzug der Diplomaten nicht mehr ganz so mondän, wirkt allerdings alles andere als runtergekommen. Ein lauer Frühlingsabend. Die Straßencafés sind gut gefüllt. Bisher das mir seit Jahrzehnten vertraute, friedliche Godesbergbild. Wo sind die Banden, die das Viertel in Angst und Schrecken versetzen? In der Zeppelinstraße die Polizeiwache. Ein rechtsfreier Raum, in dem die Polizei eine große Dependance unterhält? Wie geht das zusammen? Verlassen die Beamten  das Gebäude nicht?

    Ich stoppe am Alibaba-Grill, bestelle einen Dönerteller mit Salat, keine Fritten. Während ich warte, schaue ich mich um: ein halbes Dutzend arabisch anmutender junger Männer, die Tee trinken, drei Frauen in Burka mit Sehschlitzen, die am Nachbartisch sitzen. Wirken fremdländisch. Klar. Aber nicht Gefahr ausströmend.

    Zwischenfazit Godesberg an einem Donnerstagabend im Mai: ruhig mit Tendenz hin zu schläfrig. Die bösen Jungs sind entweder alle zu Hause und zocken an der Playstation oder befinden sich auf einer Fachtagung für Kleinkriminelle in der Nachbarstadt.

    Exkursion 2: Köln-Ehrenfeld

    »Dann fahr nach Köln! Dort wirst du dein blaues Wunder erleben. Domplatte und so«, sagen Sie jetzt, nachdem sich Godesberg als Reinfall entpuppt hat? Okay, dann tue ich Ihnen den Gefallen und mache mich auf den Weg gen Norden. Ist ja über die A555 ein Katzensprung. Die Gegend um das Kneipenviertel in Ehrenfeld sei supergefährlich? Ich stoppe Freitagabend in der Lichtstraße. Viele Menschen unterwegs. Die Hälfte davon vermutlich nicht mehr nüchtern. Einige sogar sehr angetrunken. Da gibt’s bestimmt gleich ne Massenprügelei, meinen Sie? Ich muss Sie enttäuschen. Bisher bleibt alles im grünen Bereich. Allerdings wurde hier geschlägert, seitdem ich denken kann. Bin zufälligerweise ein paar Blocks entfernt aufgewachsen.  Meine Mutter ermahnte mich häufig, dass ich mich von dieser Straße – vor allem in den Abendstunden – fernhalten solle. »Du fängst dir da sonst eine Tracht Prügel ein«, sagte sie. Dasselbe galt für den Park, in dem ich nachmittags mit ein paar Kumpels Fußball spielte. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelte der sich tatsächlich in einen dunklen Angstraum, in dem dunkle Gestalten ihren dunklen Geschäften nachgingen. Und diese Gestalten sprachen oft tiefes Kölner Platt, was auf einheimische Ganoven schließen ließ. Wenn ich heute durch Ehrenfeld und Kalk, auch die früher übel beleumundeten Straßen, laufe, kommen mir die beiden Viertel sehr viel friedlicher vor als in der Zeit meiner Jugend. Was ist mit Domplatte, Wiener Platz und Chorweiler, fragen Sie? Was soll da sein? Im Umfeld des Doms kann es passieren, dass Ihnen ein Taschendieb die Brieftasche klaut, am Wiener Platz wird gedealt und in Chorweiler werden schon mal Autos geknackt und Müllcontainer angezündet. Aber Gefahr für Ihre bürgerliche Gesundheit besteht in allen bisher aufgezählten Gebieten wirklich nicht.

    Das Risiko, abends beim Spiegeleibraten mit der linken Gesichtshälfte an der heißen Herdplatte kleben zu bleiben, ist um einiges größer, als in Ehrenfeld, Kalk oder Chorweiler ausgeraubt, niedergeknüppelt oder vergewaltigt zu werden.

    Zwischenfazit Köln: Die Stadt wirkt weitaus friedlicher, als es uns Boulevardblätter und aufgeregte Facebookschreiber Glauben machen wollen. Es gibt gefährliche Orte – gemäß NRW-Innenministerium sind es 13 –, aber deren Existenz ist zum einen ein alter Hut und zum anderen besteht auch in denen keine akute Lebensgefahr. Dass auf den Ringen am Wochenende Party gefeiert und vor mancher Kneipentür gerauft wird, ist nun wahrlich nichts Neues.

    Exkursion 3: Duisburg-Marxloh

    Wir wechseln die Stadt, machen uns auf ins dritte Hochrisikogebiet – Marxloh im Duisburger Norden – und lassen einen Anwohner berichten:

    „Vor einigen Jahren konnte ich noch darüber schmunzeln, wenn man mich fragte, ob ich nicht Angst hätte, nach Marxloh zu fahren, um meinen ‚Stammtürken‘ auf der Weseler Straße, die Magistrale des Viertels, zu besuchen. Heute machen mich solche Fragen nur noch wütend. Allerorts wird vor dieser angeblichen No-Go-Area gewarnt, besonders in den sozialen Netzwerken tummeln sich vermeintliche Experten, die sich beim Faktencheck als Provinzprinzen ohne Kenntnisse entpuppen.

    Romantisieren sollte man dieses Viertel nicht – ja, es ist ein sozialer Brennpunkt. Während in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts dort noch Manager und Abteilungsleiter umliegender Hüttenwerke wohnten, zogen in den 60er und 70er Jahren viele Gastarbeiter in dieses Viertel, prägten es ebenso wie die Alteingessenen, brachten mit ihren Gemüseläden, Restaurants und Teestuben ein wenig Heimat in den Pott. Der soziale Abstieg begann mit den Schließungen der Zechen und Krupp. Menschen verloren ihre Arbeit, Perspektiven und ihre Hoffnungen und wurden von der Politik vergessen. Einst Arbeiterviertel, prägen heute Arbeitslosigkeit und Armut das Bild, zusätzlich kommen erschwerend die unsäglichen Mythen von der No-Go-Area und den marodierenden Ausländerclans hinzu. Ich kenne Marxloh seit 30 Jahren, habe 20 Jahre meines Lebens im Duisburger Norden, auch Marxloh, verbracht und gewohnt. Nie habe ich mich unsicher gefühlt, nie hatte ich Angst um meine weiblichen Begleitungen, nie kam es zu Übergriffen durch bewaffnete Banden, denn es ist nicht gefährlicher als in anderen Großstädten. Natürlich gibt es Kleinkriminelle, natürlich wird auch hier und dort gedealt, kommt es zu Streitigkeiten oder zu Massenaufläufen, wenn es mal einen Unfall oder einen Polizeieinsatz wegen einer Schlägerei gibt – die Menschen dort sehen es als willkommene Abwechslung ihres oft sehr tristen Alltags; sodass sogar ein negatives Ereignis dort zum Event wird. Aber No-Go-Area? In welcher No-Go-Area der Welt gibt es Polizeistationen, ist das Ordnungsamt mit Knöllchenschreiben aktiv, sind unzählige tolle Restaurants und noch kleine familiengeführte Lädchen, wo jeder, ob Migrant oder Deutscher, freundlich bedient wird? In welcher No-Go-Area siedeln sich Filialisten wie Media Markt, Deichmann und Co an?

    Milch und Honig ist es wahrlich nicht, mit der europäischen Öffnung nach Osteuropa und dem Zuzug von Bulgaren und Rumänen kamen zusätzliche Probleme ins Viertel – von den Sprachproblemen der neuen Mitbürger, über Immobilienhaie die sich mit überbelegten Wohnungen eine goldene Nase verdienen bis zu Scheinselbständigkeiten im Niedriglohnbereich. Diese Probleme gilt es zu bewältigen, es ist aber nicht abzusehen, dass die Politik, die die Stigmatisierung und die damit verbundenen Probleme für dieses Viertel über Jahrzehnte gekonnt ignoriert hat, dies wirklich will und kann.

    So werde ich mich auch in Zukunft über Fragen ärgern und in Zeitungen und in den sozialen Netzwerken lesen müssen, von Menschen die es nur vom Hörensagen kennen, wie gefährlich es dort ist. Aber dass dies ein Schlag ins Gesicht derer ist, die dort täglich etwas bewirken (wollen), sozial engagiert sind und es die Existenzgrundlage meines Stammtürkens und der vielen anderen Geschäftsleute entziehen kann, weil sie um jeden Gast und gegen all die Vorurteile ankämpfen müssen, wird die Provinzprinzen, Schubladendenker, Schwarzseher nicht interessieren, denn nach unten treten ist so viel einfacher als offen und engagiert zu agieren.“
    © Daniel Patrick Burgdorf

    Zwischenfazit Marxloh: Der Döner beim Stammtürken ist heißer als die Atmosphäre draußen auf der Straße.

    Exkursion 4: Berlin-Neukölln

    Nun ein weiter Sprung Richtung Nordosten in den kriminellen Abgrund Berlins – Neukölln –, wo der rechtsfreie Raum mittlerweile so groß ist, dass er droht, die gesamte Hauptstadt zu verschlingen.
    Und wieder berichtet ein Anwohner:

    „Neukölln hat ein gewisses Image und wird gerne „No Go-Area genannt, in die sich angeblich die Polizei nicht mehr hintraut. Das ist aber mehr oder weniger eine subjektive Wahrnehmung, die eher absurd ist. Und als „ewiger Neuköllner“ muss ich darüber oft schmunzeln.

    Nimmt man als Beispiel den Hermannplatz, der ja gerne als besonderer Kriminalitätsschwerpunkt genannt wird, weiß eigentlich jeder, der dort schon mal nachts war, dass dort eigentlich eine nahezu dauerhafte Polizeipräsenz in Form eines Mannschaftswagens vorhanden ist.

    In anderen „verrufenen Zonen“ befinden sich Polizeireviere. Beispielsweise Abschnitt 54 auf der Sonnenallee, Abschnitt 55 in der Rollbergstraße, direkt zwischen Karl-Marx-Straße und Hermannstraße.

    Damit ist die Legende von der angeblichen „No-Go-Area, in die sich die Polizei nicht traut“ also eigentlich schon widerlegt, denn ausgerechnet in dieser Zone ist die Polizei stark präsent. (Und kommt deshalb auch logischerweise relativ schnell, wenn sie gerufen wird).

    Da ich mich kurz fassen sollte: Die vermeintlichen No-Go-Areas in Berlin sind eigentlich lediglich kriminalitätsbelastete Orte. Und diese Bezeichnung der Polizei erhalten Sie durch unterschiedliche Straftaten. Orte wie die U-Bahnhöfe Hermannplatz in Neukölln, oder Kotbusser Tor in Kreuzberg haben starken Drogenhandel, da sie Verkehrsknotenpunkte sind, Orte wie die Warschauer Brücke und das RAW-Gelände in Friedrichshain, aber ganz besonders der Alexanderplatz, sind wegen der hohen Frequentierung durch Touristen und Partygänger bei Taschendieben sehr populär.

    Der große Witz ist, dass gerade diese Orte eben speziell am Wochenende eher Go- als No-Go-Gebiete sind.

    Es ist eine Legende, dass man dort ständig überfallen und ausgeraubt wird. Natürlich gibt es dort Raubüberfälle, aber speziell Schlägereien und Drogenhandel oder Bandenkriminalität betreffen meist keine Außenstehenden.

    Solche Vorfälle wie der „U-Bahntreter von der Hermannstraße“, der dann monatelang in den Medien herhalten musste, sind eben deshalb spektakulär, weil sie tatsächlich, gerade gemessen an der Zahl der Menschen, die dort alltäglich unterwegs sind, nicht häufig vorkommen.
    © Freddy Groeger im Mai 2018

    Zwischenfazit Neukölln: Die Polizei ist schneller vor Ort als in vielen gutsituierten Wohngegenden.

    Wer profitiert vom Geschwätz über No-Go-Areas?

    Nachdem die Exkursion in vier Hochrisikogebiete, deren bloße namentliche Erwähnung die Hälfte der Facebookleser nicht ruhig durchschlafen lässt, bei den Reisenden keine bleibenden Schäden an Leib und Seele hinterließ, kann aufgrund dieser – zugegebenermaßen kleinen – Stichprobe durchaus der Schluss gezogen werden, dass es No go Areas in Deutschland nicht gibt.  Von der Existenz rechtsfreier Räume, in die sich die Polizei nicht hineintraut, sind ohnehin nur die Zeitgenossen überzeugt, die v. Dänikens Spekulationen über die Präsenz außerirdischen Lebens auf unserem Planeten für seriöse Wissenschaft halten.

    Es wird natürlich nicht in Abrede gestellt, dass täglich Gewalttaten – auch in den o.g. Bezirken – verübt werden. Die Frage ist aber, ob die sich an einem bestimmten Ort derart häufen, dass man diesen mit Fug und Recht als Angstraum titulieren kann. Reviere, die man nur als Lebensmüder betritt. Und hier kommt eine weitere Unschärfe des No-Go-Area-Begriffs zutage. Denn es sind ja nie gesamte Stadtviertel betroffen, sondern allenfalls kleine Areale innerhalb einzelner Gebiete. Zumeist eine dunkle Straße, Ecke, Bahnunterführung, in/ an der gedealt oder vor Kneipentüren geschlägert wird. Das sind aber nun echt uralte Kamellen. Gab es bereits im Köln meiner Kindheit und Jugend und vermutlich auch schon davor. Ich kann mich sowieso des Eindrucks nicht erwehren, dass es heutzutage in vielen Städten sehr viel friedlicher zugeht als in den 60ern und 70ern, als man häufig Gefahr lief, eine aufs Maul zu bekommen, wenn man sich dummerweise zur falschen Uhrzeit am falschen Ort aufhielt.

    Wenn also No-go-Areas in Deutschland nicht existieren – welchem Zweck dient es, den Begriff dennoch inflationär zu verwenden?

    Mir kommen zwei Erklärungen in den Sinn:
    (1) Im Land der Gelbe-Westen- und Fahrradhelm-Träger fällt das Thema „mangelhafte Sicherheit“ stets auf einen lüsternen Resonanzboden. Es befeuert Ängste und Phobien, steigert Zeitungsauflagen und die Umsätze von Firmen, die Alarmanlagen und einbruchsichere Haustüren verkaufen. Es dient Politikern dazu, immer strengere Überwachungsregeln zu fordern und unsere individuellen Freiheiten häppchenweise einzukassieren. Und das nicht in Köln, Godesberg, Marxloh oder Neukölln wohnende Publikum fläzt sich zu Hause auf dem Sofa, während es in den RTL-Nachrichten mal wieder voyeuristisch einem Gruselbericht über Massenprügeleien im Ehrenfelder Kneipenviertel lauscht, bevor es zur Vorabendserie in Pro 7 weiterzappt.

    (2) Der im Vorfeld der WM 2006 als Reisewarnung für dunkelhäutige Menschen eingeführte Begriff soll nun umgewidmet werden in Gefahrenzonen, die für die weiße Mehrheitsbevölkerung nicht mehr betretbar sind. Weil von libanesischen, ghanaischen, ivorischen – Hauptsache exotisch klingenden –  Clans regiert. Komischerweise verspürt aber niemand Angst, wenn er eine Pizzeria betritt, die Abgaben an die Camorra zahlt. Es ist die übliche Begriffsverwirrung durch die Rechten, die ja auch die Faschisten rotlackiert auf der linken Seite verorten und behaupten, dass die Nazis primär Sozialisten waren. So was nennt man: Desinformation.

    Als Fazit bleibt festzuhalten: die Bundesrepublik ist eines der sichersten Länder weltweit. No Go Areas gibt es nicht. Die Gewalt-Fallzahlen sind seit Jahren rückläufig. Wer ständig von Panikattacken geritten wird, wenn er an Godesberg, Ehrenfeld, Marxloh und Neukölln denkt, obwohl es an diesen Orten genauso beschaulich zugeht wie in seiner eigenen Nachbarschaft, muss zum Psychologen. Diejenigen, die wider besseren Wissens von No-Go-Bezirken sprechen, wollen damit ihr eigenes – zumeist xenophobes – Süppchen am Kochen halten.

    P.S. Das ganze No-Go-Gequatsche hält Jupp übrigens nicht davon ab, wöchentlich drei Mal mit der kleinen Fähre von Dollendorf nach Godesberg überzusetzen, denn seine Lebensgefährtin Nummer 27 lebt dort. Das ist aber wieder eine neue Geschichte.

  • Mit Rechten reden?

    Mit Rechten reden?

    »Der grundlegende Fehler besteht darin, dass wir zu wenig mit diesen Menschen reden«, sagt mein alter Schulfreund Peter, als wir im Anschluss an eine Beerdigung mit Canapés, Prosecco und Espresso in einem Kölner Restaurant beisammenstehen.
    »Wen meinst du?«, frage ich und versuche dabei, so in das Schinkenröllchen reinzubeißen, dass der Gemüseinhalt nicht auf den Boden fällt.
    »Na ja, die Politiker der etablierten Parteien haben die AfD lange Zeit wie Aussätzige behandelt. Das Resultat siehst du.«
    »Du glaubst, dass der rechte Haufen nur deshalb ins Parlament eingezogen ist, weil wir diese Leute nicht ernst genug nehmen?«
    »Nicht nur, aber natürlich auch deshalb. Es ist nie gut, das Gespräch zu verweigern.« Peter trinkt den Prosecco aus und schnappt sich nun ein frisch gezapftes Kölsch vom Tablett.
    »Aber wir reden doch dauernd mit denen«, mischt sich Martin ein, der im Geschichts-LK neben mir gesessen und von der 5ten bis zum Abitur das Tor unseres Fußballteams gehütet hatte.
    »In jeder Talkshow quatschen die mit«, ergänze ich.
    »Ja schon; aber der seriöse Dialog, das Eingehen auf ihre Sorgen, den verweigern wir nach wie vor.« Peter lässt sich nicht beirren.
    »Im Bundestag wird die Truppe doch täglich mittlerweile argumentativ auseinandergenommen«, sage ich.
    »Und trotzdem bleibt die Arroganz der Liberalen und Linken.« Peter hat das Kölsch geext und wir wechseln das Thema.

    Der verlorene Kumpel

    Auf der Rückfahrt erinnere ich mich daran, wie ich vor zwei Jahren vergeblich versuchte, einen anderen Kumpel davon abzuhalten, in die AfD einzutreten. Er hatte im Zeitraum von vier Jahrzehnten eine Parteien-Odyssee hinter sich gebracht, war vom Juso und SPD über die Zwischenstationen Union und FDP vor einigen Jahren bei der Linken gelandet. Dort fühlte er seine revolutionären Ideen nicht genügend gewertschätzt und nun also der Schwenk nach Ganzrechtsaußen.

    »Was willst du bei denen?«, hatte ich ihn gefragt. »Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
    »Die haben ein ganz hervorragendes Papier zur Energiepolitik. Sprechen als einzige klar aus, dass Atomkraft klimafreundlich ist. Und du weißt ja, wie ich die Grünen hasse.«
    »Und die ganzen fremdenfeindlichen Ausfälle: die sind dir egal?«
    »Ich habe so viele ausländische Freunde und Bekannte. Du hältst mich doch jetzt nicht allen Ernstes für einen Rassisten, oder?«
    Als ich ihn ein paar Monate später zufällig im Supermarkt wiedertraf, hörte er sich schon anders an. Über zu schnell geöffnete Grenzen, auf Gutmenschentum gründende Willkommenskultur, Verfassungsbruch und „Merkel muss vor Gericht gestellt werden“ dozierte er auf dem Weg von der Käsetheke bis zum Regal mit den Haarfärbemitteln.
    »Ich wusste, dass das toxisch ist«, sagte ich.
    »Ach was«, antwortete er. »Ich bin derselbe Menschenfreund wie eh und je geblieben. Jetzt aber halt eine Spur realistischer als Traumtänzer wie du. Komm doch mal zu einer unserer Versammlungen. Du wirst erstaunt sein, wie viele vernünftige und anständige Leute du dort triffst. Alles keine Fanatiker. Aber zu Recht besorgt um die Zukunft unseres Landes … Weißt du eigentlich, dass ich für den nächsten Kreistag kandidiere? Du wirst mir doch deine Stimme geben, oder?«
    Seitdem ist der Kontakt auf Eis gelegt.

    Nun kann man natürlich schlussfolgern, dass sowohl meine Überredungskünste als auch Geduld begrenzt sind. Jedoch: Weshalb muss ich als normaler Bürger und Hobby-Kolumnist Energie und Zeit darauf verwenden, Dritte, die zur dunklen Seite der Macht streben, zurück ans Licht zu holen? An wie vielen Facebook-Debatten habe ich teilgenommen, in denen versucht wurde, AfD-Sympathisanten mittels sachlicher Argumente von der Unhaltbarkeit ihrer Behauptungen zu überzeugen? Es waren viele. Und jedes Mal mit demselben ernüchternden Ergebnis: Falschinformationen werden als Fakten verkauft, Andersdenkende erst als Ahnungslose und von den Medien manipuliertes Stimmvieh bezeichnet, bevor dann herzhaft gepöbelt und am Ende blockiert wird. Es wird auch nie eine Position der Mitte angestrebt, mit der beide Diskussionspartner leben könnten. Entweder akzeptiere ich den Standpunkt des AfD-Jüngers in toto, oder ich bin linksgrünversifft bzw. mir ist sowieso nicht mehr zu helfen.

    AfD: Im Bundestag oft vorgeführt und prozentual dennoch stabil

    Wie oft werden den AfD-MdBs mittlerweile im Bundestag die argumentativen und rhetorischen Grenzen aufgezeigt? SEHR oft. Vor einigen Tagen mal wieder eindrucksvoll demonstriert bei der Replik einiger Parlamentarier auf den Antrag der Rechtsaußenfraktion, Paragraf 130 StGB (Volksverhetzung) umschreiben zu lassen.

    Sie plärren über Meinungsfreiheit, wenn sie nicht unwidersprochen rechte Propaganda verbreiten dürfen … So lange sie und ihresgleichen Brandreden halten, brauchen wir ein Gesetz, das Opfer gegen sie verteidigt.
    MdB Martina Renner (Die Linke)

    Und wie wirkt sich das auf die Prozentzahlen der Partei aus? Die bewegen sich seit vielen Monaten – bei sämtlichen Forschungsinstituten – stabil im Intervall zwischen 12 und 14 Prozent. Komplett egal, welche Schoten die Herren Höcke und Poggenburg vorher mal wieder rausgehauen haben. Kann es also sein, dass die AfD genau wegen – und nicht trotz – ihrer grenzwertigen Inhalte und Pöbeleien gewählt wird? Dass es völlig gleichgültig ist, ob Frau v. Storch mal wieder peinlich auf der Maus ausrutschte? Und dass es noch irrelevanter ist, ob sich anders denkende Zeitgenossen vorher die Mühe gemacht haben, den Rechten argumentativ beizukommen?

    Haben Sie schon einmal erlebt, dass die AfD in einer Frage zurückruderte? Sie eine Position geräumt hat? Oder beobachten wir nicht seit Jahren staunend das Phänomen, dass auf einen kleinen Ruck nach rechts ein paar Wochen danach die nächste Koordinatenverschiebung noch weiter nach rechts erfolgt? Falls es sich tatsächlich so verhält – also: zementierte Beratungsresistenz von politisch ohnehin Verlorenen –: Was genau soll der freundliche Plausch mit den Rechten bringen?

    Wir müssen uns von der trügerischen Illusion lösen, man bräuchte bloß bei Hartz 4 nachzubessern und die Arbeitslosigkeit noch weiter runterzufahren, und schwups löste sich der hellblaue Spuk in Wohlgefallen auf. Nein, das täte er auf keinen Fall. So sinnvoll es wäre, das Problem der Altersarmut endlich beherzt anzupacken, würde es in Punkto Schwächung des Rechtspopulismus Nullkommanichts bringen. Die AfD ist stark, weil sie nationalistisch und völkisch ausgerichtet ist. Dieses altbackene Geschwisterpaar bildet ihren Markenkern. Alles andere drumherum in ihrem Programm ist Bei- und Blendwerk. Die Marschrichtung lautet: Verrohung und Dezivilisierung. Wie von Mitkolumnist Wolfgang Brosche in mehreren Texten eindrucksvoll analysiert und beschrieben.

    Rechte benötigen IMMER Sündenböcke

    Verließen sämtliche Muslime über Nacht unser Land, zögen sich die AfD-Funktionäre 48 Stunden lang zu einer Klausurtagung zurück und zauberten im Anschluss das nächste Volksfeindkarnickel aus ihrem hellblauen Zylinder hervor. Da böten sich beispielsweise an: Schwule & Lesben, Behinderte, Langzeitarbeitslose, Genderisten, Kleriker, die die christliche Botschaft noch ernst nehmen etc. pp.
    Es geht den Rechten immer um Erhöhung der eng definierten Volksgemeinschaft gegenüber einer schwächeren – und für schädlich bis hin zu minderwertig erklärten – Minderheit. Die Problemlösung besteht nie im konstruktiven Überwinden des Gegensatzes, sondern stets in Unterdrückung, Vertreibung bis hin zur körperlichen Liquidation. Wer das nicht sieht, hat das Wesen des Faschismus nicht begriffen.

    Katja Thorwarth drückt es in einer ihrer Kolumnen so aus:

    Die zwanghafte Suche nach Berührungspunkten um des Diskurses Willen weicht im Zweifel nur die eigene moralische Haltung auf und stellt humanistische Prinzipien zur Diskussion … entsprechend geht das Miteinander-Reden immer mit der Tolerierung eines fremdenfeindlichen Status Quo einher.
    in: Frankfurter Rundschau, 27. Nov. 2017

    Eher überredet man Boris Johnson dazu, den Friseur zu wechseln, als einen aufrechten deutschen Patrioten davon zu überzeugen, der aktuellen Kriminalstatistik mit ihren in vielen Bereichen sinkenden Zahlen Glauben zu schenken. »Gefälscht. Und zwar seit Jahren«, wird er entgegnen. Ohne selber andere Zahlen präsentieren zu können. Ihm reicht sein Bauchgefühl, um die Gefahrenlage zu erkennen. Mit Verschwörungstheorien untermauerte Xenophobie und Abendlanduntergangsstimmung argumentativ entkräften zu wollen, ist eine Mission impossible.

    Wer als an humanistischen Werten ausgerichteter Demokrat seine Zeit und Energie sinnvoll nutzen will, der kann sich die Unterhaltung mit den AfD-Jüngern schenken. Außer resignativem Schulterzucken und Verdruss gibt’s bei solchen Gesprächen nichts zu gewinnen.

  • Schuld und Verantwortung

    Schuld und Verantwortung

    Im Mai nimmt der Antisemitismus-Beauftragte des Bundes, Felix Klein (50), seine Arbeit auf. Zu diesem Zweck wird eine neue Stelle im Innenministerium geschaffen.  Klein war bisher im Auswärtigen Amt verantwortlich für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen. Der Zentralrat der Juden befürwortet sowohl Aufgabe als auch Personalie.

    Erstes Zwischenfazit ganz früh in der Kolumne: Das ist gut und war (leider) auch dringend notwendig.

    Als eine seiner ersten Amtshandlungen fordert er eine realistische Abbildung von muslimischem Antisemitismus in der Kriminalstatistik. Diese weise 90 Prozent der antisemitischen Taten Rechtsradikalen zu.

    Von Juden in Deutschland höre ich aber etwas anderes. Vor allem der muslimische Antisemitismus ist stärker, als es in der Statistik zum Ausdruck kommt.
    © Felix Klein in der WELT (nachgedruckt im Bonner General-Anzeiger, 20.04.2018)

    Ebenfalls hier völlige Zustimmung meinerseits. Eine Statistik ist nur so gut wie Infos, mit denen sie gefüttert wird. Durch eine peniblere Erfassung muslimisch initiierter Gewalt gegen Juden wird man ein exakteres Bild der Situation erhalten. Ich wage aber zu bezweifeln, dass der oben genannte Wert von 90 deutlich unter 80 fallen wird. Soll heißen: Zwei Drittel bis vier Fünftel aller antisemitischen Vorfälle sind auch bei verfeinerter Messmethode weiterhin (christlichen oder atheistischen) Deutschen zuzuordnen. Bevor wir also über „importierten Antisemitismus“ lamentieren – der ist genauso übel wie der heimische –, sollten wir deshalb erstmal unser eigenes Verhältnis zum Judentum unter die Lupe nehmen.

    Das Märchen vom christlich-jüdisch geprägten Abendland

    Das Abendland – der Ober-Antijude Luther sprach in seiner Bibelübersetzung noch von „Abend“ – hat sich, seit es christianisiert war, NIE als Nachfolger der jüdischen Glaubenslehre empfunden. Ganz im Gegenteil bildeten Christen- und Judentum stets scharf voneinander abgegrenzte Antagonisten. Dass der größte Teil der Bibel aus dem Alten Testament besteht, hinderte unsere Ururgroßväter und -mütter nicht daran, den Juden stets als fremd und unheimlich anzusehen, der älteren Religion gar okkulte Praktiken zu unterstellen. Juden wohnten in separaten Stadtvierteln, ein Großteil der Handwerke und sonstigen Berufsfelder des Mittelalters war ihnen verwehrt. Es reichten kleinste Anlässe, um den christlichen Mob in Pogromstimmung zu versetzen. Hervorragend geschildert in Feuchtwangers Romanen „Die Jüdin von Toledo“ und „Die hässliche Herzogin“. Die hatte ich Ihnen kürzlich schon zum Lesen empfohlen? Ja ja, ich weiß: Ich wiederhole mich mitunter. Aber, haben Sie es getan: also die beiden Bücher bei Amazon bestellt? Nein?! Dann sollten Sie es heute endlich tun.

    Sie wurden, weil sie den Fernhandel und das Bankwesen beherrschten, geduldet. Für die Ausstellung der Toleranzedikte ließen die ständig am Rande der Insolvenz wandelnden Fürsten und Könige sie allerdings teuer bezahlen. Selbst der angeblich so liberale Alte Fritz duldete seine Juden bloß gegen Bares. Der Antijudaismus war sowohl im Katholizismus als auch im Protestantentum fest verwurzelt. Emanzipation und schrittweise Gleichberechtigung der mitteleuropäischen Juden setzten sich erst um die Mitte des 19ten Jahrhunderts durch. Allerdings startete nahezu zeitgleich die Rassenlehre ihres Siegeslauf. Dass die rein wissenschaftlich betrachtet völliger Bullshit ist, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Die Erweiterung des seit anderthalb Jahrtausenden existierenden religiösen Vorbehalts um die Komponente des rassisch minderwertigen, semitisch Orientalen führte dazu, dass Juden nunmehr selbst durch Übertritt zum Christentum nicht mehr vom Stigma des qua vererbter Gene immerwährend böse Ränke schmiedenden Geheimbündlers loskamen. Und die neue Irrlehre wirkte schnell. Die kurze Periode der Weimarer Republik genügte, um weite Teile der deutschen Bevölkerung mit dem Bazillus des rassistisch aufgeladenen Antijudaismus, der nun endgültig zum Antisemitismus-Virus mutierte, zu infizieren. Was danach von 1933 bis 45 folgte, war gruseliger als jede Hollywood-Zombie-Apokalypse.

    Zwischenfazit 2: Bis 1945 wäre niemand auf die Idee gekommen, von gemeinsamen jüdisch-christlichen Wurzeln des Abendlands zu sprechen. Die es aber trotzdem gibt. Ohne AT kein NT. Ohne Jahwe/ Adonai/ Elohim kein „lieber Gott“ und „Vater unser“.

    Schuld ist endlich: Die Schlussstrichdebatte

    Während meinen vier Großeltern – geboren zwischen 1890 und 1910 – zumindest unterschwellig klar war, dass sie durch ihr Wegschauen Schuld auf sich geladen hatten, sie aber nicht gerne über dieses heikle Thema redeten, ging mein Vater, der das Ende von WK2 als Hitlerjunge an der Flak erlebt hatte, offen damit um. Er erzählte mir, dass er nach jahrelanger Indoktrination in Schule und beim Jungvolk wiederum einige Jahre benötigt hatte, um das gesamte Ausmaß der Nazibarbarei zu begreifen und für sich die deutsche Schuld anzuerkennen. In der damals flügge werdenden Bundesrepublik war die Aufarbeitung der Verbrechen lausig, mit Ausnahme der obersten Führungsgarnitur landete kaum jemand vor Gericht oder wurde gar zu langer Haft verurteilt.
    Zahlreiche alte Kader fanden nach schneller Entnazifizierung neue Jobs in Ministerialbürokratie, Judikative und Wissenschaft. Die Beschäftigung mit der unappetitlichen Nazi-Materie nahm erst Anfang der 60er – bewirkt durch die Hartnäckigkeit des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer – endlich Fahrt auf. In der Folge kam es zu Prozessen gegen Täter aus der zweiten und dritten Reihe, wurden auch langjährige Gefängnisstrafen verhängt. Knapp zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis man in Deutschland bereit war, die Schuld nicht nur Hitler und seinen engsten Mitstreitern zuzuordnen, sondern den Kreis derer, die sich die Hände schmutzig gemacht hatten, schrittweise zu erweitern.

    Wir haben von nichts gewusst

    Ohne sich hier nun in juristischen Spezialfragen – wie ist beispielsweise die Tätigkeit eines Personalsachbearbeiters im Reichssicherheitshauptamt im Gegensatz zur Aktivität eines SS-Wachtmanns in Bergen-Belsen zu bewerten – verlieren zu wollen, muss für die gesamte damalige Generation festgestellt werden: Schuld hatten sie ALLE auf sich geladen. »MEIN Großvater gehörte der Widerstandsgruppe Schwäbisch Hall an!«, rufen Sie mir entgegen? Noch nie davon gehört. »Die Großmutter versteckte Juden im Keller«, sagt die Dame, die neben Ihnen sitzt? Hören Sie auf damit. Wären all diese Juden tatsächlich versteckt und auf verschlungenen Pfaden außer Landes gebracht worden, hätten die Konzentrationslager leergestanden. Der deutsche Widerstand war – von den Geschwistern Scholl mal abgesehen – ein Witz. Bis auf einige wenige mutige Deutsche hat kein Mensch den verfolgten Juden Unterschlupf gewährt. Als sie abgeholt wurden, sah man wahlweise weg oder genauer hin, ob’s in ihren Häusern noch was für den armen deutschen Nachbarn zu holen gab. Die meisten waren informiert über die Internierung und was den Juden dort blühte. Wie sollte man den Holocaust auch jahrelang geheimhalten können?

    Da die deutsche Seele ja empfindsamer ist als die anderer Völker, will sie von Schuld heute nichts mehr wissen. Ich kann diese Abwehrhaltung psychologisch nachvollziehen. Wer von uns möchte schon auf ewig mit dem Stigma „Feigling, der tatenlos zusah, wie Millionen unschuldige Menschen. ermordet wurden“ gebrandmarkt sein? In den 70ern bekam ich ab der Mittelstufe durchgängig bis zum Abitur eine Megadröhnung in Faschismustheorie und -praxis verabreicht. Bis mir das leidige Thema Anfang der 80er dermaßen zum Hals raushing, dass ich damals jedem, der mit »Es muss endlich Schluss sein!« um die Ecke gekommen wäre, Applaus gespendet hätte. Ich war fürs Erste restlos bedient von all der Verantwortung, die mir die linksgrünversifften Oberstudienräte aufoktroyieren wollten. Ich war jung, wollte Party feiern und nicht 24/7 als schuldbeladener Trauerkloß mit gesenktem Kopf durchs Leben laufen. Nachdem ich als Student an einer Führung durch die Gedenkstätte Dachau teilgenommen und dort all die Bilder des Grauens gesehen hatte, setzte Mitte der 80er rasch der Prozess des Umdenkens ein. Mir war erneut bewusst geworden, welch riesige Schuld wir auf uns geladen hatten. »Schuld ist was persönliches», sagen Sie? »Kann einzig für die aktiven Täter gelten. Nicht aber für die Mitläufer und auf keinen Fall für uns Spätergeborene«, schießen Sie noch hinterher? Nun ja, hinsichtlich der jahrelangen Wegschauer sehe ich das anders, und für uns Jüngere können wir das zentnerschwere Wort Schuld gerne in Verantwortung umwandeln. Die wiegt ein bisschen leichter im Gepäck und währt dafür im Gegenzug länger. »ICH habe damit Nullkommanix zu tun. Mit der blöden Verantwortung können Sie mir den Buckel runterrutschen«, kommt nun noch aus Ihrem Mund hinterher? Spätestens jetzt haben wir einen Dissens. Denn aus seiner Verantwortung kann man sich nicht einfach davonstehlen wie ein Dieb. Wer bei der WM freudetrunken Deutschlandwimpel schwenkt, sich nach jedem Sieg hupend in den Autokorso einreiht, und es sich ansonsten auch ganz komfortabel in unserer freundlichen Republik eingerichtet hat, muss im Gegenzug auch die Schattenseite der Historie akzeptieren. Es gab halt nicht nur Goethe, Schiller und Beethoven, sondern ebenfalls Hitler, Himmler und Heydrich. »Das ist aber nicht so schön«, seufzen Sie? Klar, sind die drei Letztgenannten die Verwandten, für die man sich schämt und die man bei Uropas 100stem geflissentlich übersieht. Trotzdem gehören sie zur Familie.

    Vor der Shoa verblassen alle Vergleiche

    »Die Juden waren ja auch ein bisschen selbst Schuld an ihrem Schicksal», raunte die Generation meiner Großeltern manchmal hinter vorgehaltener Hand. »Wollten sich nicht integrieren. kontrollierten unser Finanzsystem. Kein Wunder, dass es da irgendwann krachen musste.« WAS? Die deutschen Juden hatten sich nach der Reichsgründung 1871 bis zum Ausbruch von WK1 nahezu vollständig integriert. Bürgerlicher als diese Gruppe war kaum ein anderer Bürger. Die Sache mit der Kontrolle über das Finanzsystem: Damals und heute eine frei erfundene, verleumderische Nachrede. Als ob es nicht ebenfalls jede Menge katholisch und evangelisch getaufte Bankiers und Börsianer gegeben hätte. Gesetzt den Fall: die Juden hätten sich doch nicht vollständig in den deutschen Volkskörper assimiliert: Das würde als Begründung ausreichen, sie ausrotten zu wollen? Die Argumente der Tätergeneration überzeugten mich bereits als Jugendlicher nicht. Schwieriger war es da schon mit den Relativierungen meines Vaters: »Stalin hat mehr Menschen töten lassen als die Nazis. Und auch unsere Befreier, die Amerikaner, gingen ja nun nicht gerade zimperlich mit ihren Indianern um«. Oder die Begründungen eines Onkels: »Ist dir – der du nur Frieden und Wohlstand kennst. – klar, wie sehr wir damals gelitten haben? Die ständigen Bombardements, die vielen Gefallenen an der Front, der Hunger der Nachkriegszeit?« Das fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Wir hatten furchtbare Verbrechen begangen, aber wir standen damit nicht alleine. Viele andere Nationen, die mit dem Finger auf uns zeigten, wiesen in ihrer Geschichte ebenfalls tiefschwarze bzw. blutrote Flecken auf. Ein schönes Gefühl: Man ist plötzlich nicht mehr alleine mit seinem schlechten Gewissen.

    Jahre später, im Verlauf eines politischen Seminars an der LMU München zum Thema Faschismus & Nationalsozialismus wurde mir allmählich die Einzigartigkeit der deutschen Barbarei bewusst. Sämtliche Vergleiche des Unvergleichbaren mit anderen Gräueltaten laufen ins Leere. Selbst wenn sie ansatzweise vergleichbar wären, greift hier die alte Regel: Kümmere dich zuerst um den Dreck im eigenen Stall, bevor du den Nachbarn ermahnst, bei sich auszumisten!

    Ob wir es nun Schuld oder Verantwortung nennen: die Shoa kann man nicht einfach ausschwitzen wie eine lästige Erkältung. Sie wird uns noch viele Jahrzehnte, eventuell sogar Jahrhunderte begleiten. Das Anerkennen unserer Schuld und der darauf aufbauenden Erinnerungskultur bildet einen integralen Bestandteil der bundesrepublikanischen DNA. Wer die Verantwortung über Bord werfen möchte, will ein anderes Deutschland. Eines, in dem der braune Bodensatz und der mit ihm sympathisierende reaktionäre Teil des Bürgertums endlich ungeniert das sagen dürfen, was Gottseidank seit 1945 nicht gesagt werden durfte.

    Nicht totzukriegende Märchen

    Wir müssen uns von drei Mythen lösen:
    (a) Dem christlich-jüdischen Abendland
    (b) Unsere Großeltern befanden sich alle im Widerstand
    (c) Dass die Juden, bevor die Flüchtlinge kamen, hier sicher lebten

    Solange ich zurückdenken kann, wurde die Kölner Synagoge von Sicherheitsdiensten – und bei Gottesdiensten zusätzlich von Polizei – bewacht. Jüdische Mitschüler und Mitstudenten fühlten sich nie hundert Prozent wohlbehütet in unserem Land, lebten ihre Religion eher diskret. Wie oft haben Sie schon Kippa und Schläfenlocken auf unseren Straßen gesehen? Nie, selten? Ich wage zu behaupten: Die meisten von uns nie. Während diese Symbole in Städten wie Antwerpen, London, New York und Chicago mit großer Selbstverständlichkeit offen zur Schau getragen werden. Machen wir uns nichts vor: Deutschland wird nach 1945 nie mehr ein Land sein, in dem sich Juden 24/7 sicher und stets willkommen fühlen. Wäre ich Jude, würde ich nach Israel auswandern bzw. hätte es schon längst getan. Und das hat nur am Rande mit dem durch die Flüchtlinge importierten arabischen Antisemitismus zu tun.

    Es ist fadenscheinig, wenn die deutsche Rechte sich einerseits den Schutz der Juden vor (muslimischen) Übergriffen auf die Fahnen schreibt, während sie andererseits den raschen Schlussstrich unter den Schuldkult fordert und Holocaust-Leugner in ihren Reihen duldet. Nicht viel besser die Linken, die unter dem Deckmantel ihrer pathologischen Israelkritik die Grenze vom Antizion- zum Antijudaismus längst überschritten haben. Klar, ist es praktikabel, den eigenen kleinen Judenhass nun auf die Flüchtlinge zu projizieren und ihnen die Schwarze-Peter-Karte unterjubeln zu wollen. Wir instrumentalisieren also die Muslime, um von unseren eigenen Versäumnissen ablenken zu wollen. Die traurige Wahrheit lautet jedoch: Wir haben seit Jahrzehnten intern ein massives Antisemitismus-Problem. Ein nicht geringer Prozentsatz der Bevölkerung glaubt mittlerweile wieder an krude Verschwörungsszenarien, in denen jüdische Unternehmen von Rothschild bis Soros weltweit die Finanzströme lenken, Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen, Kriege anzetteln, Nationen in den Ruin treiben und insgeheim Umvolkungspläne schmieden. Zulasten der braven, hart arbeitenden Deutschen. Das ist in leicht abgewandelter Form die Denke unserer Weimarer Großeltern. Was im Anschluss geschah – bitte scrollen Sie fünfzig Zentimeter zurück im Text.

    Bleibt zu hoffen, dass dem neuen Antisemitismus-Beauftragten auch Befugnisse eingeräumt werden, damit dieser neugeschaffene Posten keine Placebo-Veranstaltung wird. Mir schwebt fürs Erste sowas vor wie das Recht, Bußgelder verhängen zu dürfen. Beispielsweise für geschmacklose Liedzeilen wie diese hier: „Mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen“. Der Griff ins Portemonnaie tut solchen Leuten mehr weh als mediale Empörung, die sie ja ohnehin in Publicity ummünzen. Lasst Farid Bang & Kollegah eine Mio Euro Strafe für den textlichen Ausflug ins Klo zahlen. Und den doppelten Betrag vom Musiklabel beitreiben. So lernen die kleinen Gangsta-Rap-Aluhutträger, die zielgenau die antijüdischen Ressentiments ihrer Fans bedienen, am schnellsten.

    Fazit: Einerseits begrüßenswert: Das seit vielen Jahren schwelende Problem des Antisemitismus wird von Seiten der Bundesregierung endlich Ernst genommen und angepackt. Andererseits tieftraurig, dass dies überhaupt notwendig wurde.

    Weiterführende Literatur
    Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus, von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts (1901. Neu aufgelegt: 1992)

  • Rhetorik oder Argument

    Rhetorik oder Argument

    Manchmal lauscht man einem Vortrag und fühlt sich mehr und mehr unwohl. So ging es mir heute beim Vortrag von Christoph Türcke beim Philosophicum Lech, den er unter dem Titel „Wir kommen nicht von Gott los, solange wir mit Geld hantieren“ hielt. Ich hatte den Eindruck, da reiht einer eine unbegründete These an die andere, ich wollte bei jedem zweiten Satz aufbegehren, widersprechen, nach Belegen fragen, Ungereimtheiten aufzeigen. Das Publikum um mich herum aber war begeistert, beifälliges Gelächter und Zwischenapplaus zeigten, dass Türcke rhetorisch gekonnt und inhaltlich erwartbar die Meinungen der Zuhörer über den Gegenstand seines Vortrags bestätigte.

    Aber was war eigentlich der Gegenstand? Christoph Türcke erzählte eine Geschichte des Geldes, genauer, seine Geschichte des Geldes. Klug ist es immer, das habe ich inzwischen gelernt, wenn man zu diesem Zweck eine Behauptung über die bisherigen Vorstellungen von dieser Geschichte in die Welt setzt, um diese sodann als Märchen abzutun und die eigenen Geschichte als den neuen, plausiblen, nachweisbaren tatsächlichen Verlauf des Geschehens hinzustellen.

    Märchen und Gegenmärchen

    Das Märchen ist nach Türcke, dass das Geld aus dem Tausch entstanden sei, dass es sozusagen aus allen Tauschgegenständen wegen seiner besonderen Fähigkeit, bloßer Tauschgegenstand sein zu können, hervorgegangen sei.
    Es ist natürlich für das freie Denken ertragreich, einer bekannten und weitgehend akzeptierten Geschichte eine andere, wenigstens ebenso plausible Geschichte entgegenzusetzen. Wenn man die eine aber als Märchen, die eigene jedoch als Tatsache hinstellt, dann muss mehr kommen, Belege, die die eine verwerfen und die eigene stützen.

    Türckes Geschichte ist, dass das Geld aus der Schuld stammt. Das ist nun noch nicht so spektakulär. Dass das Wort Geld auch nicht von Gold kommt, sondern von Gilt, was irgendwie eben Schuld bedeutet, ist auch keine große Sache, schließlich steckt ein solcher Wortstamm auch noch im „Vergelten“ der Schuld.

    Der große Wurf, den Christoph Türcke machen will, ist, dass es nicht um eine Schuld gegenüber jemanden anders, etwa für eine erhaltene Leistung oder Wäre, geht, sondern um eine Schuld gegenüber Göttern, und dass die Schuldzahlung das Opfer an diese Gottheiten ist. Wobei Türcke, rhetorisch geschickt gespickt mit launigen Bemerkungen und Anspielungen, eine für mich ziemlich krude Geschichte darüber erzählt, dass die Menschen irgendwie mit der Gewalt beim Schlachten klarkommen wollten, indem sie sie immer wieder erneut wiederholten, und dann im Verlaufe der Jahrtausende durch Opferungen von immer kleineren Tieren und schließlich nur noch Abbildungen von Tieren (goldenes Kalb) ersetzten. Ich gebe zu, dass das jetzt deshalb unverständlich ist, weil ich es wirklich nicht verstanden habe.

    Metaphorisches Argumentieren

    Aber durch diese Umstellung der Opferung auf Metallgegenstände kommt es eben zur ersten Kapitalakkumulation, und zwar in den Tempeln, und die Priester konnten, gegen Gebühr, die Opfer erneut herausgeben, damit sie wieder geopfert werden konnten. Damit kann Christoph Türcke dann geschickt einen metaphorischen Bogen spannen zu den heutigen Geldtempeln (Zentralbanken) und den heutigen Priestern, deren Oberpriester der Zentralbankchef Draghi ist.
    Wozu eine plausibel nachvollziehbare Erklärung liefern, wo die Metapher doch so schön ist und beim Publikum auf freudige Begeisterung stößt? Da macht es dann auch nichts, dass Christoph Türcke für seine Initialerzählung keinen Beleg beibringt, was er natürlich auch nicht kann, weil man eine so anspruchsvolle Erzählung über Geschehnisse, die viele Jahrtausende zurückliegen und Jahrtausende gedauert haben sollen, nicht wirklich aus ein paar prähistorischen Funden herausdeuten kann. In der Diskussion vertritt Türke die These, es gäbe keine frühe Kultur, in der es keine Opfer gäbe. Zutreffend wäre vielleicht, dass Christoph Türcke keine Kultur kennt, in deren Überreste er nicht irgendwie irgendetwas wie ein Opfer hineindeuten könnte.

    Technik als Selbstzweck

    Auch Käte Meyer-Drawe setzte sich in ihrem Vortrag „Im Anfang war Technik“ mit einer bekannten und weit akzeptierten Deutung auseinander, der sie eine eigene Deutung entgegensetzte. Sie zeigte aber, dass das auch anders geht, weniger rhetorisch brillant, weniger spektakulär, dafür mit Belegen und plausiblen Rekonstruktionen.

    Die These, gegen die Meyer-Drawe sich wendet, ist die, dass Technik immer etwas Instrumentelles ist, dass sie Mittel zum Zweck sei. Vielmehr, so könnte man sagen, ist Technik immer selbst Zweck, ist Selbstzweck.

    Dazu zeigt sie zunächst, dass schon in den ersten Schöpfungsgeschichten immer Technik im Spiel war. Gott schuf den Menschen, ebenso wie es Prometheus tat, aus Erde, er war quasi ein töpfernder Gott. Hier könnte man mit einem Augenzwinkern einwenden, dass Technik im Sinne einer regelgeleiteten beherrschten Herstellungsprozesses etwas ist, was Übung und Erfahrung, in jedem Falle Wiederholung verlangt. Das wievielte Exemplar in der Töpferei Gottes mag der Mensch gewesen sein? Beherrschte er die Technik des Menschenmachens bereits? Oder ist der Mensch sein erster Versuch? Das würde manches erklären.

    Zwecklose Maschinen

    Doch Spaß beiseite. Das zentrale Argument Meyer-Drawes ist, dass der Mensch immer Maschinen gebaut hat, die keinen Zweck erfüllen, oder die einen Zweck erfüllen, den man mit geringerem Aufwand auch ohne diese Technik erfüllen kann. Dafür bringt sie eine Vielzahl von Beispielen aus verschiedenen Jahrhunderten, vom Bratenwender im Mittelalter bis zum Raketenauto. Jeder im Publikum hätte danach aus eigenem Erleben weitere Beispiele nennen können.

    Meyer-Drawe zeigt Bilder von Höllenmaschinen und verweist darauf, dass diese weit vielfältiger und spannender waren als die Himmelsmaschinen. Man ist mit ihr fasziniert von der Phantasie, welche die Menschen darauf verwendet haben, solche Maschinen auszudenken.

    All das macht plausibel, dass Technik eben zunächst nicht ein Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke ist, sondern dass Technik oft, vielleicht sogar in erster Linie, um ihrer selbst Willen erdacht und realisiert wird. Die instrumentelle Bestimmung der Technik kann weit weniger erklären, als es zunächst scheint. Vielmehr scheint Technik tatsächlich einem kreativen Spieltrieb des Menschen zu entspringen. Eine These, die, wenn man genau darüber nachdenkt, eigentlich gar nicht so umwerfend ist. Eigentlich, so denkt man am Ende, habe ich das doch schon zuvor gewusst, es war von der herrschenden Deutung nur verdeckt.

    Was würde Heidegger antworten?

    Für mich ist diese Idee die plausibelste Technikdeutung seit Heideggers Gestell, und es wäre reizvoll, diese beiden Deutungen einmal miteinander ins Gespräch zu bringen. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Ihnen hat dieser Artikel gefallen? Sie möchten die Arbeit der Kolumnisten unterstützen? Dann freuen wir uns über Ihre Spende: