Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Heißen alle alten Krauts Heinrich? – Kapitel 6

    Heißen alle alten Krauts Heinrich? – Kapitel 6

    »Auf einem Vegetariano ist kein Hackfleisch, sonst wär’s ja kein Vegetariano«, meint Jose.

    »Doch, da ist Hackfleisch drauf«, schreit Betsy.

    »Lass mal schauen.« Jose beugt sich über Betsy Burrito, mustert den zehn Sekunden lang fachmännisch und sagt: »Kein Hackfleisch. Nicht mal im Nanogrammbereich.«

    »Es schmeckt und riecht wie Hackfleisch«, murmelt Betsy, nun aber doch etwas kleinlaut klingend.

    »Auch eine vegetarische Soße kann nach Fleisch schmecken«, klärt Jose sie auf.

    »Nun lasst uns den Abend doch nicht mit einer Diskussion über vegetarisches Junkfood verplempern«, sagt Hank, greift sich ihren Teller, geht in die Küche und wirft alles in den Mülleimer.

    »Was tust du da, Idiot?«, jammert Betsy, »ich bin noch nicht satt.«

    »Willst du meinen haben?«, frage ich und schiebe meine nach wie vor unausgepackte Portion zu ihr rüber.

    »Du bist nicht hungrig?«

    »Ich besorg mir was nach dem Interview.«

    »Bist ein Schatz.« Betsy starrt mich verliebt an. Ich tue so, als ob ich es nicht bemerke.

    »Jose, stimmt das, was Hank eben behauptet hat: ihr kommt mittlerweile in Hundertschaften über die Grenze?«

    »Gibt viele Wege, von Süd nach Nord zu gelangen. Und der Weg bestimmt dann wieder die Anzahl der Teilnehmer. «

    »Gib mir mal ein paar plakative Beispiele«

    »Meine Cousine Blanca. Die ist im vergangenen Jahr zusammen mit ihrem kleinen Sohn östlich von Monterrey rüber nach Brownsville. Kostete 3000 Dollar der Spaß. Eine Gruppe von zwölf Personen. Zwei Wochen Warten in einer Wellblechhütte auf der mexikanischen Seite, bis der Kojote die Luft für rein hielt. Er hat sie bloß bis zu einer unbewachten Furt am Fluss geführt und ihnen grob erklärt, wie es auf der anderen Seite weitergeht. Ist dann natürlich schon nach wenigen Meilen von einer Patrouille geschnappt worden. Ein Monat in einer Auffangeinrichtung in der Nähe von Corpus Christi. Wir haben alle zusammengelegt, ihr einen Anwalt besorgt, der sie aus dem Lager rausholte. Hat Glück gehabt, muss keine Fußfessel tragen. Wohnt jetzt in L.A., hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Gültige Papiere hat sie bisher keine.«

    »Ist das die Kleine, die abends deinen Laden putzt?«, will Hank wissen.

    »Zwei Mal die Woche.«

    »Zahlst du sie dafür?«

    »Über Tarif. Und ich gebe ihr die Lebensmittel mit, bei denen das Haltbarkeitsdatum bald abläuft.«

    »Großzügig von dir. Hatte dich bis eben noch für einen habgierigen, kleinen Kaufmann gehalten.« Hank formt die Lippen zu einem O und pfeift anerkennend.

    »Wäre das ein Problem, wenn du dabei erwischt wirst, dass du eine Illegale beschäftigst?«

    »Theoretisch schon. Die Strafen können mehrere tausend Dollar pro Einzelfall betragen. In der Praxis kommt es jedoch eher selten vor, dass die Einwanderungsbehörde Razzien in Kiosken unternimmt. Die nehmen lieber Großwäschereien und Reinigungsservices aufs Korn, wo sie in einem Schwung sofort fünfzig Papierlose hops nehmen.«

    »Papierlose nennt man die hier?«

    »Ja.«

    »Blanca ist durch den Rio Grande gewatet. Was ist mit den anderen Wegen?«

    »Meine Cousine Herlinda hat’s weiter westlich probiert. Hinter Juarez. Auch mit kleinem Sohn. Drei Tage zu Fuß durch die Wüste. Die Gruppe war größer: circa dreißig Leute. Bunt gemischt: Männer, Frauen, Kinder; alle Altersgruppen.«

    »Wie viele Cousinen hast du, Joey?«. Hank mustert Joey mit einem neugierigen Blick.

    »Unsere Familie ist groß. Wenn ich die zweiten Grades hinzuzähle, sind’s sicher drei Dutzend, vielleicht auch vier.«

    »Sie sind so viele!«, ruft Bukowski theatralisch. »Ich habe nicht mal einen einzigen Verwandten.«

    »Stimmt«, sage ich. »Bis auf Onkel Heinrich in Bad Neuenahr sieht’s mau bei dir aus … was passierte mit Herlinda? Wurde sie aufgegriffen?«

    »Ja, die meisten Frauen werden gefasst. Sind nur wenige, die an der Grenzpolizei vorbeikommen.«

    »Und dann?«

    »Ein Monat Dilley.«

    »Was ist Dilley?«

    »Ein Internierungslager für Frauen und Kinder. Aber eins aus der Kategorie „echt übel“: jeweils zehn Frauen und Kinder in einem Raum, manche haben keine Fenster. Die Kinder, die von den Strapazen der Reise oft krank sind, stecken sich gegenseitig an, die medizinische Betreuung lässt stark zu wünschen übrig. Manchmal werden Mutter und Kind getrennt, das Kind in eine andere Einrichtung gebracht. Labile Frauen drehen durch, Selbstmordversuche an der Tagesordnung. Eine von Herlindas Zimmergenossinnen hat sich in der zweiten Woche die Pulsadern geöffnet, wäre beinahe verblutet.«

    »Hört sich wirklich hart an. Wo ist deine Cousine im Moment?«

    »Ebenfalls in L.A. Derselbe Anwalt wie bei Blanca hat sie freigeboxt. Ohne Papiere. Geduldet. Kann also jede Minute abgeschoben werden.«

    »Kein schönes Leben. Was macht sie?«

    »Engagiert sich als unbezahlte Freiwillige in einer Hilfseinrichtung für illegale Migrantinnen.«

    »Die Blinde hilft den Lahmen.« Buk lacht über seinen eigenen Witz, der Tequila gerät dabei in seine Luftröhre, er verschluckt sich, hustet, läuft kurz dunkelrot an, ich klopfe ihm kräftig auf den Rücken, er beruhigt sich.

    »Lustig ist das nicht«, sage ich.

    »Natürlich ist es nicht lustig. So todtraurig, dass wir eigentlich alle zusammen weinen müssten, wären wir nicht so verdammt abgebrüht und desillusioniert.« Hank sitzt eingefallen auf seinem Stuhl, wirkt erschöpft und aufgedunsen.

    »Wenn du möchtest, kann ich dich mit beiden Cousinen bekannt machen. Sie sind heute Abend alle zwei in meinem Laden und gehen Eduardo zur Hand«, bietet Jose – dem augenscheinlich das unaufgeräumte Ambiente in Bukowskis Apartment missfällt – nun an.

    »Warum nicht? Tapetenwechsel. Was ist mit dir Hank, kommst du mit?«

    »Und Betsy?«

    »Die natürlich auch …lasst mich aber bitte schnell noch ein kurzes Telefonat mit Deutschland führen.« Ich springe auf und stelle mich ans Fenster, weil ich dort besseren Empfang vermute.

    »Wie spät ist es da?«, fragt Betsy.

    »8 Uhr morgens sein.«

    »Wen willst du denn um diese unmenschliche Uhrzeit erreichen?«

    »Die Redaktion.«

    »Die arbeiten schon?«

    »Ulf wird noch pennen. Aber Heinrich müsste wach sein.«

    »Heißen alle alten Krauts Heinrich?« Betsy gluckst und wiegt ihren Kopf neckisch hin und her.

    »Ich bin hier an einer Bombenstory dran«, sage ich am Telefon, als ich Heinrich endlich mit der fünften Durchwahlnummer in der Redaktion an den Apparat bekomme.»…..«

    »Ob Bukowski mir die Tür aufgemacht hat? Klar, war sogar happy, mich zu sehen.«

    »…..«

    »Wie lange ich noch benötigen werde? Drei, vier Tage, bis ich alle Antworten im Sack habe. Das ist ja kein normales Interview, bei dem wir mehrere Stunden am Stück konzentriert zusammensitzen. Ständig platzt jemand dazwischen und stört den Flow. Aber so wird’s Hank auf jeden Fall nicht zu schnell langweilig.«

    »…..«

    »Wann ich die ersten Seiten liefern werde? Heute Abend meine Zeit. Also bei euch morgen früh.«

    »…..«

    »Wenn ich es dir doch sage: hundertpro. Zum ersten Kaffee im Büro kannst du die Rohfahne lesen.«

    »…..«

    »Ob ihr was für mich tun könnt? Macht Bukowskis Onkel in Bad Neuenahr ausfindig und lasst euch von dem eine Liste geben, was er seinem Neffen zum Geburtstag und zu Weihnachten schenkt. Und schickt mir dann ein Expresspaket davon ins Hotel. Damit kann ich sicher Eindruck bei ihm schinden.«

    »…..«

    »Melde mich morgen wieder bei euch. Versprochen. Muss jetzt los, bin mit zwei hübschen Mexikanerinnen verabredet. Ciao!«

    »Was meint dein Chef?«, fragt Hank, der sich in der Zwischenzeit ein frisches Hemd angezogen hat.

    »Alles okay für ihn. Er lässt euch herzlich grüßen, wünscht uns einen schönen Abend und freut sich schon auf den Text unseres Interviews.«

    »Was für ein Stress. Immer möchten sie alles ganz schnell haben. Na ja, du schaffst das sicher … Joey, genug zu trinken gibt’s ja in deinem Laden; ich brauche also keinen Stoff von hier mitzunehmen? …

    »Betsy, zieh dir was an, oder willst du im Pyjama auf die Straße?« Bukowski hat es sichtbar eilig.

    »Hetz mich nicht. Muss vorher noch ins Bad, mich frisch machen.«

    »Das dauert zu lange, bis du dich komplett restauriert hast, altes Mädchen. Wir gehen vor, uns mit Joeys Cousinen anfreunden. Vielleicht ist eine von denen ganz hübsch und will sich bei mir mit Haushaltspflege ein bisschen Geld dazu verdienen. Obwohl ich mir bei der Visage des Kioskbesitzers da jetzt keine allzu großen Hoffnungen mache.«

    »Pass auf den senilen Lustgreis auf, Henning. Nicht, dass er allzu peinlich mit ihm wird … wie die Geschichte mit Javier weitergeht, interessiert anscheinend niemanden«, sagt Betsy uns zu, während sie ihre riesige Handtasche nach Make-up und Kajakstift durchsucht.

    »Doch, doch, erzähl sie nachher in Joeys Laden zu Ende. Bin echt gespannt, wie es weitergeht.«

    »Er war ein übler Trigamist!«, höre ich sie noch durch die geschlossene Badezimmertür rufen, bevor Jose, Hank und ich uns auf den Weg zu den Cousinen machen.

    Im nächsten Teil stellt sich heraus, dass der alte Eduardo nicht nur die besten Burritos in East-Hollywood zubereitet, sondern auch eine spannende Vorgeschichte hat, in deren Verlauf er drei Finger verlor. Und die eine Cousine von Joey ist wirklich hübsch.

    Hier geht’s zurück an den Anfang der Geschichte: Das Wiedersehen

  • Von Kolumnisten und Pferdewetten – Kapitel 5

    Von Kolumnisten und Pferdewetten – Kapitel 5

    »Wie geht die Geschichte mit Javier weiter?«, frage ich, »Hast du ihn abblitzen lassen, oder war sein Werben erfolgreich?«

    »Er hat mich ins Tokyo Hibachi eingeladen.«

    »Ist das ein guter Laden? Habe keine Ahnung. Bin nicht so oft in L.A.«

    »Ein überteuerter Schuppen für Vorstadtzuhälter und Touristen aus der Provinz, die Fischstäbchen mit Sushi verwechseln«, ätzt Hank, während er eine Flasche Wein entkorkt.

    »War bestimmt nicht billig«, sage ich. »Konnte Javier denn die Rechnung bezahlen?«

    »Natürlich! Er war ja durchaus wohlhabend. Fuhr mit einem niegelnagelneuen Ford Shelby vor.«

    »Du hast also erstmal keinen Verdacht geschöpft?«

    »Ich war zu Anfang, als ich ihn im Fahrstuhl kennenlernte, zugegebenermaßen misstrauisch. Wer ist das nicht bei einem Mexikaner? Aber er sprach nahezu akzentfreies Englisch, immer elegant gekleidet, auf Hochglanz polierte Schuhe, weiße Zähne, gepflegte Hände, tadellose Manieren. Ging drei Mal mit mir aus, bevor wir nach dem Besuch von High School zum ersten Mal bei ihm auf dem Sofa landeten, wo wir harmlos wie Teenager ein bisschen aneinander rumfummelten.«

    »High School?«

    »Ein superdämliches Musical. Von allen Musicals, die ich kenne, das dämlichste. Mir unbegreiflich, dass ich mich mit einer Frau, die auf solch einen musikalischen Dreck abfährt, einmal die Woche in meiner Wohnung treffe.« Hank schüttelt seinen riesigen Kopf wild hin und her, spielt den Entrüsteten.

    »Typ Gentleman der alten Schule«, sage ich.

    »Typ elender Schmierlappen«. Hank wieder.

    »Ja, ich habe mich blenden lassen. Ich war damals so naiv.«

    »Du warst nie naiv«, sagt Hank, »hattest vielmehr gehofft, du würdest dir einen solvent-potenten Latino-Millionario angeln. Berechnend nennt man so ein Verhalten da, wo ich herkomme.«

    »Er sah wirklich hollywoodmäßig aus«, seufzt Betsy. »Wie hätte ich ahnen können, dass sich hinter Javiers hoher, kluger Stirn dieses ungeheure Ausmaß an Verkommenheit verbirgt?«

    »Du warst damals schon das dumme Landhuhn aus Iowa, das du immer noch bist. Allerdings jünger und knackiger. Nicht so eine aufgetakelte, dicke Henne wie heute.«

    »Hank, lass das. Du siehst doch, wie sehr ihr die Geschichte mit Javier noch an die Nieren geht.« Ich habe Null Bock auf Zoff zwischen Buk und seiner Mittwochabendbraut.

    »Er ist eifersüchtig auf Javier«, sagt Betsy.

    »Ich bin was? Mach dich nicht lächerlich.«

    »Doch, eifersüchtig bist du, weil Javier im Gegensatz zu dir charmant und ein hervorragender Liebhaber war.«

    »Warum bist du dann nicht bei ihm geblieben? Das hätte dir und mir eine Menge Kopfschmerzen erspart.«

    »Wird Betsy uns gleich erzählen.« Ich versuche, den Druck im Kessel, der beim Thema Javier langsam aber stetig ansteigt, gering zu halten. »Einen Job und gültige Papiere hatte er?«

    »Ja«, antwortet Betsy, »habe ich mir alles zeigen lassen.«

    »Was machte er?«

    »Key Account Manager bei einem großen Versicherungsmakler. Schwerpunkt: Brandschutz für Gewerbeimmobilien. Er kümmerte sich um den Vertrieb in Lateinamerika.«

    »Klingt nicht schlecht«, sage ich.

    »Riecht nach Betrug und Brandstiftung«, ergänzt Hank.

    »Was von beiden trifft zu, Betsy?«, frage ich. »Javier war ein Ehrenmann, der dir das Herz gebrochen hat oder ein Hochstapler à la Felix Krull?«

    »???«

    »Eine Figur aus einem Roman von Thomas Mann. Warum bist du nur so unglaublich ungebildet? … ein Kerl wie Raymond Fernandez in Lonely Heart Killers. Den kennst du, oder?« Jetzt bin ich erstaunt, dass Bukowski Filme mit John Travolta anschaut.

    »Javier hat doch keine Frauen umgebracht.«

    Bevor Betsy mit ihrer Geschichte fortfahren kann, werden wir durch ein Klopfen unterbrochen. »Jemand da?«, ruft eine männliche Stimme vom Flur aus in Hanks Apartment hinein.

    »Klar, bin ich da. Sonst stünde die Tür ja nicht sperrangelweit offen.«

    »Ich bringe euch die Burritos.« Joey taucht plötzlich im Wohnzimmer auf. Klein und gedrungen, reicht mir kaum über die Schultern. Wirkte hinter der Theke in seinem Kiosk größer, geht es mir durch den Kopf.

    »Der Chef persönlich liefert abends das Junkfood aus.« Hank will aufstehen, schafft es nicht, bleibt sitzen. »Hat dein pakistanischer Hilfskoch Schiss gekriegt, als er meinen Namen hörte?«

    »Wir haben heute alle Hände voll zu tun. Die ganze Stadt ordert Burritos. Kamal kommt nicht weg vom Telefon.«

    »Die ganze Stadt will DEINE Burritos? Mach dich nicht lächerlich. Die schmecken bestenfalls mittelmäßig, häufig sogar richtig mies. Hast du an den Tequila gedacht?«

    »Welchen Tequila? Steht nichts von auf dem Bestellzettel.«

    »Joey, mach uns beide nicht unglücklich. Die Burritos kannst du sofort im Klo runterspülen, wenn du den Schnaps nicht dabei hast.« Hank stützt sich mit beiden Armen auf die Tischplatte, stemmt seine hundert Kilo nach oben, schwankt ein bisschen, bleibt aber aufrecht, geht auf Joey zu, baut sich vor dem auf.

    »Ist doch nur ein Scherz, Hank. Klar habe ich an den Tequila gedacht.« Joey packt in die große Plastikbox, die er in der rechten Hand trägt und fingert die Burritos und den Schnaps heraus.

    »Die Hausmarke, du Gauner?«

    »Natürlich. Eine andere trinkst du doch nicht.«

    »Jose, Jose, für einen kurzen Augenblick dachte ich, du willst unsere Freundschaft aufs Spiel setzen.« Hank öffnet den Drehverschluss und genehmigt sich einen kräftigen Schluck direkt aus der Flasche.

    »Joey heißt Jose?«, frage ich.

    »Joey ist sein amerikanisierter Name.«

    »Auch Mexikaner?«

    »Mexikaner, Nicaraguaner, Kolumbianer, San Salvadorianer wie alle in dieser Straße. Die einzigen Nicht-Latinos in gesamt East-Hollywood sind Betsy, ich und der alte Bob, der den Schuhladen an der Romaine, Ecke Mariposa betreibt. Der ganze Rest mittlerweile Tacos. America quo vadis?«

    »Hank, du übertreibst mal wieder«, sagt Betsy, während sie ihren Burrito mit Messer und Gabel in kleine Teile zerlegt.

    »Natürlich übertreibe ich. Aber nur durch diese Zuspitzung wird Henning die Dramatik der aktuellen Situation verstehen. Diese verdammten europäischen Liberalen leugnen doch, dass überhaupt ein Migrationsproblem besteht. Und wenn sie damit konfrontiert werden, erzählen sie was von größeren Anstrengungen, die die einheimische Bevölkerung unternehmen muss, um all die Fremden hier zu integrieren. Dabei wollen die meisten von euch doch gar nicht so sein wie wir, oder Joey?«

    »Joey wahrscheinlich schon. Sonst würde er sich nicht Joey nennen«, sage ich.

    »Okay, Joey ist ein schlechtes Beispiel. Aber Kamal , seine pakistanische Allzweckwaffe, der trabt, wenn er mit dem Job fertig ist, den er ja nun mal ausüben muss, um seine riesige, sich im Neun-Monats-Rhythmus reproduzierende Familie durchzufüttern, sofort nach Hause, erstmal seine Alte verprügeln und dann in die Moschee, um dort mit seinen Kumpels einen Terroranschlag auszubaldowern.«

    »Kamal ist ein nicht praktizierender Hindu aus der Kaste der Unberührbaren und SEHR liebevoller Ehemann und Familienvater. Das weißt du, Hank.« Joey redet mit sanfter Stimme, nahezu liebevoll auf Bukowski ein. Ich empfinde mit einem Mal Sympathie für den amerikanisierten Mexikaner.

    »Wollen Sie sich einen Moment zu uns gesellen, Jose?«, frage ich ihn.

    »Bin heute Abend wirklich superbusy. Sind noch ein Dutzend Bestellungen in der Pipeline, die ich ausliefern muss. Ein anderes Mal gerne.«

    »Die Burritos haben Zeit. Taugen eh bloß als Futter für rumstreunende Köter. Los, setz dich zu uns!« Hank drückt Joey runter auf einen Stuhl. »Mein Freund Henning ist ein berühmter Journalist, der in Deutschland für die Kolumnisten schreibt.«

    »Was sind Kolumnisten? Irgendeine extreme politische Sekte? Damit möchte ich nichts zu tun haben. Ich bin Demokrat.« Jose schaut mich skeptisch von der Seite an.

    »Ähnlich wie Zeitungskommentatoren, aber schlauer«, antwortet Hank. »Und sie arbeiten gratis, was bei uns in Kalifornien ein triftiger Grund wäre, sie psychologisch untersuchen zu lassen.«

    »Gratis?« Joeys Augen weiten sich, er starrt mich jetzt an wie einen armen Irren.

    »Alles halb so wild«, sage ich. »Wir betreiben das als Hobby. So wie Hank zum Pferderennen geht. Soll Spaß machen.«

    »Pferdewetten sind kein Spaß, sondern ein todernstes Geschäft«, brummt Hank.

    »Dann eben kein Pferdewettenvergleich. Ist doch jetzt auch völlig egal. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, Jose, wenn Sie mir aus erster Hand über Ihre Erfahrungen mit der Integration hier berichteten. Dauert auch nicht lange. In einer Stunde bin ich durch mit meinen Fragen. Dann entlassen wir Sie in die Freiheit, zurück zu Ihren Burritos.«

    »Was habe ich davon? Wir können uns nicht alle ein zeitaufwändiges Hobby wie Sie leisten.«

    »Die amerikanische Geschäftstüchtigkeit haben Sie ja schon prima verinnerlicht. Ich biete Ihnen an, dass ich Sie an prominenter Stelle zitiere und ein Foto von Ihnen in Ihrem Laden mitten im Text platziere.«

    »Wie hoch ist die Auflage?«

    »Ist eine Online-Publikation. Kann also weltweit gelesen werden.«

    »Auch in East-Hollywood?«

    »Klar. Speziell in East-Hollywood. Werbeeffekt für Joeys Tacodienst dürfte groß sein. Und das alles für sechzig Minuten, die Sie investieren.«

    »Okay, ich mach’s. Aber bitte sagen Sie „du“ zu mir.«

    »Kein Problem. Lass uns zum „du“ wechseln. Das lockert unser Frage-Antwort-Spiel sofort auf … Jose, ich darf dich doch bei dem Namen nennen, auf den du getauft wurdest, oder? Jose, du bist erste oder zweite Generation?«

    »Erste. Aber schon als Kind in die USA gekommen. Mitte der 70er Jahre.«

    »Joey gehört noch der Generation an, die nachts durch den Rio Grande geschwommen ist, um ins gelobte Land zu gelangen«, unterbricht Hank. »Heute werden sie in LKW-Ladungen angekarrt. Jede Stunde überqueren hunderte Bohnenfresser die Grenze. So schnell kannst du die gar nicht einfangen und zurückbefördern, wie sie hinter deinem Rücken wieder reinschleichen.«

    »Du bist also ein Befürworter der großen Mauer?«, frage ich.

    »Ach die Mauer ist ein Riesenhaufen Scheiße. Ausgeheckt von einem Bauunternehmer, der nun unser Präsident ist, um ein Megakonjunkturprogramm aufzulegen. Nützt einzig und alleine der Bauindustrie. Wird aber das eigentliche Problem Nullkommanull lösen.«

    »Warum?«

    »Weil die Mexikaner und ihre Schleuser, die sie korrekterweise als Kojoten bezeichnen, denn nichts anderes sind diese Menschenhändler: armselige Kojoten, clever agieren. Sie werden drüber wegfliegen, in Massen an Fallschirmen abspringen wie damals unsere Jungs in der Normandie, Tunnel drunter durch buddeln, mit Schiffen an den Stränden landen, uns überfluten und in nicht allzu ferner Zukunft mit ihrer schieren Masse erdrücken. Sie sind so erfindungsreich, wenn es darum geht, ihr von Drogenkrieg und Korruption zerfressenes Land zu verlassen, dass ich manchmal glaube, es ist vernünftiger, die Schlagbäume komplett hochzuziehen und abzuwarten, was dann passiert, als sich jeden Tag aufs Neue über diesen Wahnsinn aufzuregen.«

    »Wie kommt Hackfleisch in meinen Burrito? Ich hatte ausdrücklich einen Vegetariano bestellt. Das kann ich nicht essen. Mir wird es speiübel«, kreischt plötzlich Betsy.

    Im nächsten Teil wird die Geschichte mit Javier endlich aufgelöst, und Jose stellt uns seinen Cousinen vor.

  • Die pakistanische Burrito-Hotline – Kapitel 4

    Die pakistanische Burrito-Hotline – Kapitel 4

    Betsy ist von unserem Gerede wach geworden, hat sich einen von Hanks alten Pyjamas angezogen und setzt sich zu uns an den Tisch. »Ich habe mordsmäßigen Hunger, Jungs. Hat jemand von euch Lust auf leckere Burritos?«, fragt sie.

    »Ich kann gerne was für uns bestellen«, biete ich an. »Gibt’s hier einen Lieferservice?«

    »Einen? Zweihundert. Jeder Mexikaner in dieser Straße betreibt Minimum drei Tacodienste«, sagt Hank und drückt mir einen Stapel bunter Flyer, die aus der Küche geholt hat, in die Hand.

    »Wunderbar. Welchen nehmen wir?«

    »Die besten Burritos macht Joeys Cousin aus Tijuana.«

    »Der alte Eduardo. Nur noch ein funktionierendes Auge, drei steife Finger und zieht das rechte Bein nach. Aber wie man einen verdammt guten Burrito zubereitet , das weiß er. Für mich den Diablo vegetariano, Kingsize. Mit extra viel Chili.«

    »Den nehme ich ebenfalls. Und du Hank?«

    »Ich probiere bei euch. Mir reichen heute ein, zwei Bissen.«

    »Irgendwas dazu? Salat, ein Dessert?«

    »Er soll uns eine Pulle Tequila einpacken. Und zwar den für die Stammkunden, nicht den selbstgebrannten Fusel, mit dem er seine eigenen Landsleute schleichend vergiftet.«

    Betsy kritzelt die Nummer auf den Rand der Sportseite der Tageszeitung von gestern, ich tippe die Ziffern in mein Handy, lasse zwanzig Mal klingeln, bis endlich jemand am anderen Ende an den Apparat geht.

    »Joeys Lieferservice«, meldet sich eine Stimme, die nicht Joey gehört. Klingt eher indisch als mexikanisch.

    »Ich möchte zwei Burritos bestellen«, sage ich.

    »Bitte die Zahl wiederholen.«

    »ZWEI!«

    »Danke für Ihre Mithilfe. Zwei Burritos. Welche?«

    »Diablo vegetariano. Kingsize.«

    »Bitte wiederholen Sie den Namen.«

    »Diablo vegetariano Kingsize!«

    »Danke für Ihre Mitarbeit. Mit extra Zwiebeln und Bohnen?«

    »Keine Sonderwünsche. So wie Sie die normalerweise im Angebot haben.«

    »Bitte wiederholen Sie Ihre Sonderwünsche.«

    »KEINE! Oh, warten Sie: mit extra viel Chili.«

    »Also mit extra Chili. Danke. Noch eine weitere Bestellung? Wir haben heute hausgemachten Zitronenpudding im Angebot.«

    »Eine Flasche Tequila.«

    »Bitte wiederholen.«

    »TEQUILA!«

    »Danke. Welchen?«

    »Den für Stammkunden.«

    »Sind Sie Inhaber eines VIP-Ausweises?«

    »Hank, der Mann vom Lieferservice fragt, ob du einen VIP-Ausweis besitzt.«

    »Wozu brauche ich den beschissenen Ausweis?«

    »Für den Tequila.«

    »Ist das Joey am Telefon? Richte ihm aus, dass ich seinen Ausweis letzte Woche aus Verzweiflung über seine Habgier zerrissen, unter meine Cornflakes gemischt und runtergewürgt habe.«

    »Ist nicht Joey, irgendein Mitarbeiter, der dich vermutlich nicht kennt.«

    »Das pakistanische Ölauge? Sag ihm, dass der Schnaps für mich ist. Und dass er mit der Lieferung nicht trödeln soll, sonst besuche ich ihn nämlich gleich in seinem Bretterverschlag, den er hochtrabend Call Center nennt, und hole mir die Pulle persönlich ab.«

    »Der Tequila ist für Mister Bukowski«, sage ich. Fünf Sekunden lang Schweigen, dann: »Sie sind ein Freund von Mister Bukowski?«

    »Ja, stehe direkt neben ihm. Möchten Sie ihn sprechen?«

    »Nein nein! Ich wiederhole Ihre Bestellung: zwei Burritos Diablo vegetariano, Kingsize, extrascharf und eine Flasche Tequila.«

    »Den guten«, ergänze ich.

    »Natürlich den guten.«

    »Wie lange wird das in etwa dauern?«

    »40 Minuten. Wir beeilen uns.«

    »Adresse haben Sie?«

    »5124 De Longpre Avenue.«

    »Und bei Bukowski klingeln.«

    »Mister Bukowski hat kein Klingelschild. Aber wir kennen seine Wohnungstür. Wer zahlt?«

    »Ich.«

    »Bar oder Kreditkarte?«

    »Gerne bar.«

    »Danke für Ihre Bestellung, und dass Sie sich für Joeys Tacodienst entschieden haben«, nuschelt der Pakistaner und legt auf.

    »In vierzig Minuten können wir essen«, sage ich.

    »Bis dahin bin ich verhungert«, jammert Betsy.

    »Du bist ein gefräßiges Luder«, meint Hank. Dann geht er zum Regal, sucht in seinem uralten Radio nach dem Klassiksender, und wir hören das zweite Pianokonzert von Rachmaninoff mit Anna Federova am Flügel und Martin Panteleev als Dirigent.

    »Schauderhafte Mucke«, schimpft Betsy, »kannst du nicht mal was Fröhliches auflegen?«

    »Sei still!«, antwortet Hank.

    »Er ist so ein Griesgram. Und es wird ständig schlimmer mit ihm.« Betsy schaut in meine Richtung, möchte, dass ich ihr beipflichte.

    »Ich mag die Russen«, sage ich.

    Wir sitzen nun schweigend zu dritt am Tisch, lauschen Federovas virtuosem Spiel, Hank und Betsy trinken süßen Müller-Thurgau, ich transpiriere, weil die Klimaanlage nicht funktioniert, die Fenster wegen des ohrenbetäubenden Straßenlärms geschlossen sind, und die Raumtemperatur deshalb gefühlte fünfzig Grad beträgt. Nach zehn Minuten knarzt das Radio, wird leiser, hat Aussetzer, bis es kurz danach völlig verstummt.

    »Drecktsteil«, flucht Hank.

    »Kauf dir mal ein neues«, meint Betsy.

    »Wollen wir mit dem Interview weitermachen?«, frage ich.

    »Von mir aus«, brummt Hank, »wo waren wir stehengeblieben?«

    »Wir sprachen über die Behandlung der Mexikaner hier und die der Flüchtlinge bei uns in Europa. Dass wir da viele Parallelen sehen.«

    »Ist das eine exklusive Unterhaltung zwischen euch zwei Supergehirnen, oder darf ich als Frau, die ihren gesunden Menschenverstand noch nicht versoffen hat, auch meinen Senf dazu geben?«

    »Betsy, klar mich interessiert ebenfalls dein Standpunkt.«

    »Tut er nicht«, sagt Hank.

    »Doch, er will auch meine Meinung hören.«

    »Ich schalte die Diktierfunktion jetzt wieder an, und dann können wir sofort loslegen. Also Betsy, wie ist das für dich mit den Mexikanern?«

    »Es gibt zu viele von ihnen.«

    »Das sagte Hank vor einer Stunde ebenfalls.«

    »Er sagt vieles, wenn der Tag lang ist. Aber er meint es nicht so. Hank liebt die Tacos genauso wie die Spaghettis und die Reisfresser.«

    »Ist er nicht ein bekennender Menschenhasser?«

    »Alles bloß Fassade. Tief drinnen ist er ein Sensibelchen, das nach außen gerne den harten Mann markiert, aber jedem bei ihm anklopfenden Schnorrer sein letztes Hemd schenken würde.«

    »Das ist ja nicht unsympathisch«, sage ich.

    »Hey, wenn ihr dummes Zeug über mich quatschen wollt, geht nach draußen auf den Flur. Ich will das nicht hören.« Hank springt auf, läuft vom Tisch zur Wand, zurück zum Tisch, Wand, dann wieder Tisch, er lässt sich auf den Stuhl fallen, seufzt, das alte Möbel ächzt.

    »Du hast Recht. Wir wollen ja nicht über dich, sondern über die Mexikaner reden.« Ich schaue kurz zur Decke, weil ich leicht genervt bin.

    In der jetzigen Dreierkombi wird es eine Ewigkeit dauern, bis ich das Interview im Sack habe. Innerlich fluche ich, dass sich die zickige Betsy mit an Bord befindet, lasse mir meinen Unmut aber hoffentlich nicht anmerken. Ich werde nachher in der Redaktion anrufen und um ein paar Tage Aufschub bitten. Kann ja niemand von mir ernsthaft verlangen, dass ich mal kurz nach L.A. fliege, unangemeldet bei Bukowski aufkreuze, ihn sofort am ersten Abend interviewe und zwei Stunden später einen fertigen Artikel nach Hause schicke. Falls sie das glauben, dann sind sie bei den Kolumnisten noch verrückter als ich es befürchtet hatte, bevor ich den Job annahm.

    »Es gibt also zu viele Mexikaner in L.A.«, sage ich.

    »Natürlich«, schreit Betsy und schlägt dabei kräftig mit der Faust auf die Tischplatte.

    »Unterstellen wir mal, dass es sich tatsächlich so verhält – Hank meinte vorhin, dass 99% von ihnen friedliche Menschen sind, die rund um die Uhr arbeiten. Worin also besteht das Problem mit den Mexikanern?«

    Betsy überlegt einige Sekunden lang, schaut dann erst mich, dann Hank, dann wieder mich an, räuspert sich und sagt: »Sie sind unehrlich. Ja, unehrlich sind sie. Das ist es, was mich am meisten stört.«

    »???«

    »Ich kannte mal einen aus Juarez, der sich Javier nannte und mir schöne Augen machte. Ein bildhübscher Kerl, Typ Antonio Banderas. Im selben Stockwerk wie ich, schräg gegenüber. Allerdings nicht in diesem abgefuckten Stadtteil East Hollywood, sondern in Westlake , wo ich früher gelebt habe.«

    »Das muss lange her sein, Baby«, meint Hank, »du wohnst doch schon seit einer Ewigkeit hier.«

    »Elf Jahre«, antwortet Betsy. »Wollt ihr die Geschichte mit Javier nun hören oder nicht?«

    »Doch, ist spannend«, sage ich.

    »Also, Javier ist vom ersten Tag an scharf auf mich, wirft mir vieldeutige Blicke zu, hält die Türen auf, schleppt meine Einkäufe nach oben, redet mich stets mit Mademoiselle an, fährt voll auf mich ab.«

    »Und?«

    »Ich ignoriere ihn, tue so, als ob er Luft für mich sei.. Er ist ein Taco, wenn auch ein verdammt gut aussehender, ich bin die dritte Tochter einer nicht unvermögenden Familie aus Cedar Rapids, Iowa Das gehört sich nicht, da zu schnell Interesse zu signalisieren.«

    »Verstehe ich. Und dann?«

    »Na ja, er lässt nicht locker, schickt mir Blumen, macht mir tausend Komplimente, wenn wir uns im Lift oder draußen auf der Straße treffen, schreibt kleine Liebesgedichte, die er unter meine Fußmatte klemmt, fragt mich hundert Mal, ob wir zusammen ausgehen wollen. Das komplette Programm.«

    »Und: seid ihr?«

    »Ich habe ihn zwei Wochen lang zappeln lassen.«

    »So lange? Glaube ich kein Wort von«, unterbricht Hank den Redeschwall. »Maximal 48 Stunden, dann lagst du mit dem Mariachi in der Kiste.«

    »Vielleicht war’s auch nur eine Woche«, zischt Betsy, »das ist superlange her, und ich erinnere mich jetzt nicht mehr an jedes Detail. Das ist doch auch nicht so wichtig, oder?«

    »Ist es nicht«, sage ich.

    Im nächsten Teil bringt Joey die Burritos höchstpersönlich vorbei, und Betsy bricht beim dramatischen Finale der Geschichte mit Javier in Tränen aus.

    Hier geht’s zurück an den Anfang der Geschichte: Das Wiedersehen 

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum

  • Jetzt bloß nicht so kartoffelernst – Kapitel 3

    Jetzt bloß nicht so kartoffelernst – Kapitel 3

    Hank schweigt und wartet. Ich warte ebenfalls. Aus dem Schlafzimmer kann ich Betsys gleichmäßiges Atmen hören.

    »Was hast du dir für Themen auf deinem Zettel notiert?«, fragt Hank.

    »Alles Mögliche querbeet.«

    »Querbeet?«

    »Halt wild durcheinander gemischt. So wie es mir auf dem langen Hinflug und vorhin im Hotel in den Sinn kam.«

    »Kein Schwerpunkt?« Er schaut mich etwas verwundert an.

    »Kein Schwerpunkt.«

    »Wie wär’s, wenn wir mit euren Syrern und Afrikanern starten und die mit unseren Mexikanern vergleichen?«

    »Du weißt über unsere Syrer Bescheid?«

    »Hältst du mich für einen ungebildeten Idioten, bloß weil ich mit der Sportseite der Zeitung beginne? Ich lese auch den politischen Teil. Obwohl der mich oft in eine melancholische Stimmung versetzt.«

    »Ich wollte dir nichts unterstellen, Hank. Ist mir bloß so rausgerutscht. Sorry!«

    «Schleim dich jetzt nicht künstlich ein bei mir. Klar bist du erstaunt, dass ein altes East-Hollywood-Wrack wie ich sich für europäische Politik interessiert. Tue ich aber. Und wenn ich nicht in der Zeitung drüber stolpere, berichtet mir Onkel Heinrich in seinen Briefen darüber.«

    »Der Onkel, der dir zum Geburtstag und an Weihnachten den Müller-Thurgau schickt?«

    »Genau der.«

    »Syrer und Mexikaner. Warum nicht? Wie siehst du das?«, stelle ich endlich meine erste Frage.

    »Ein geübter Journalist bist du nicht«, sagt Hank.

    »Wie kommst du denn darauf?«

    »Weil du fragst wie ein kleines Mädchen.«

    »Wie soll ich es deiner Meinung nach anders tun?«

    »Mir direkt eine Behauptung an den Kopf werfen. Beispielsweise: Herr Bukowski, Sie sind ein stadtbekannter Rassist, dessen Geschichten sich nur deshalb verkaufen, weil wir darin in den Abgrund einer Säuferseele starren … oder so ähnlich. Verstehst du? Mehr Dampf rein in das Interview. Gerade der Beginn ist wichtig. Da müssen die Funken fliegen, damit der Leser Lust bekommt, sich den kompletten Text reinzuziehen. Magie des ersten Satzes nennt man das.«

    »Ist es dir lieber, wenn ich dich beschimpfe? Kommst du dann besser in Fahrt?«

    »Unsinn. Das tut schon Betsy zur Genüge, wenn ich sie nicht so vögele, wie sie das gerne möchte. Aber halt nicht so ein blutleeres Frage-Antwort-Spiel. Herr Bukowski, könnten Sie sich eventuell vorstellen, dass … ? Nein! Es muss kontrovers sein, damit sich jemand erbarmt, es abzudrucken. Du sagst: Hank, findest du nicht auch, dass die geplante Mauer zu Mexiko Riesenscheiße ist? Und ich antworte: Keinesfalls. Von mir aus kann sie noch viel höher gebaut werden. Und dann nimmst du mich mit den nachfolgenden Fragen so auseinander, bis ich am Ende weinend auf meinem Sofa sitze und schwöre, sofort drei mexikanische Waisenkinder zu adoptieren.«

    »Hank, wir schreiben hier kein Drehbuch. Ich will dir nur ein paar Fragen stellen.«

    »Okay, okay. Aber bitte nicht durchgängig deutsch bierernst. Bierernst, so sagt man doch bei euch? Warum eigentlich? Hast du dir darüber mal Gedanken gemacht?«

    »Nein.«

    »Kartoffelernst würde besser passen. Schreib in deinen Text unbedingt hinein, dass Bukowski als neues Wort „kartoffelernst“ vorschlägt.«

    »Tue ich … wie sieht es jetzt mit den Mexikanern bei euch aus?«

    »Es sind viele«, antwortet Hank, »täglich strömen tausende neu zu uns herein, und ein Ende der Flut ist nicht in Sicht.« Er räuspert sich. »Weißt du«, fährt er fort, »als ich mit meinen Eltern Mitte der 20er Jahre von Deutschland nach L.A. zog, gab’s hier Spaghettis, Iren, Russen, Froschfresser, Schwarze, Schlitzaugen und ein paar Krauts wie meine Mutter, aber kaum Mexikaner. Was ja eigentlich komisch ist, denn die Grenze verläuft bloß 140 Meilen entfernt. Sie arbeiteten auf den Feldern, in den Obstplantagen, wohnten aber in Baracken auf dem Land, kamen nicht bis in die Stadt. Und heute wimmelt es hier von ihnen. Jeder Zweite in diesem Viertel ist ein Latino. Und das bereitet den anderen Bewohnern unterschwellig Angst.«

    »Weil diese Menschen krimineller sind als die restliche Bevölkerung?«

    »Keineswegs. 99% der Mexikaner sind friedfertig und Arbeitsbienen.«

    »Angst dann wovor?«

    »Nun stell dich nicht so blöde an. Angst vor Überfremdung. Zur Minderheit im eigenen Land zu werden. Der Anteil Latinos in den USA beträgt mittlerweile knapp ein Fünftel, in Kalifornien schon die Hälfte; bei schnell steigender Tendenz.«

    »Angst vor Überfremdung im Melting Pot of Nations?«

    »Der Melting Pot ist eine fromme Legende. Sonst nichts.«

    »Wie meinst du das?«

    »Weil dieses Land tief in seinen Eingeweiden immer noch weiß, angelsächsisch und protestantisch geprägt ist. Und JEDE neue Einwanderergruppe sich ihre Rechte erstmal hart erkämpfen muss. Die Iren, die Italiener, die Farbigen, die Koreaner und nun eben die Mexikaner.«

    »Das heißt, die Integration funktioniert bei euch nicht?»

    »Ja und nein. Wenn eine Gruppe neu ist, beuten wir sie zuerst einmal schamlos aus. Wir erzählen diesen armen Schweinen, dass sie sich jetzt im von Gott am meisten geliebten Land der Welt mit einer Milliarde ihnen offenstehenden Möglichkeiten befinden. Und sie glauben uns den Scheiß. Wir erlauben ihnen, zu Dumpinglöhnen ohne Krankenversicherungsschutz zu arbeiten. Rechte genießen sie so gut wie keine. Solange sie sich unauffällig benehmen, haben sie in der Regel nichts zu befürchten. Aber beim kleinsten Furz, den sie lassen, und sei es, dass sie versehentlich bei Rot über die Straße gehen, droht ihnen die Abschiebung. Es ist eine stille Armee moderner Arbeitssklaven. Sie unterscheiden sich bloß dadurch von den früheren Baumwollsklaven, dass sie jederzeit gehen können. Aber genau das wollen sie ja nicht. Denn zu Hause erwarten sie entweder Diktatur oder Armut oder beides. Und so fügen sie sich, in der Hoffnung, nie einem Rollkommando der Einwanderungsbehörde zu begegnen; und wir beuten sie ohne jede Skrupel munter weiter aus.«

    »Hört sich unfair an«, sage ich.

    »Unfair, unfair«, ruft Hank, »willst du mir jetzt allen Ernstes weismachen, dass es bei euch in Europa fairer abläuft als bei uns?« Er springt auf, läuft zum Kühlschrank, kommt mit einer neuen Flasche Wein zurück, entkorkt die, schüttet sich ein Wasserglas voll und stürzt die Flüssigkeit in einem Zug hinunter.

    »Ihr behandelt die Flüchtlinge genauso mies, wie wir das mit den Mexikanern tun. «

    »Ihnen droht zumindest nicht die sofortige Ausweisung«, sage ich.

    »Es dauert bei euch eben etwas länger als bei uns, bis ihr sie rauswerft. Aber ihr tut es. Sogar nach Afghanistan schickt ihr sie zurück, obwohl ihr wisst, dass das ein Ticket in die Hölle ist. Und ihr lasst sie nicht arbeiten. Stattdessen hängen die jungen Männer monatelang in Turnhallen und ranzigen Pensionen rum. Eingepfercht auf engem Raum, den ganzen Tag nur mit sich selbst beschäftigt. Und wenn sie sich dann aus Langweile und Frust gegenseitig aufs Maul hauen, jammert ihr sofort rum, dass Ausländer mehr kriminelle Energie besitzen als die Deutschen. Alles Bullshit. Ihr seid um keinen Deut besser als wir.« Hank hat sich in Fahrt geredet, ich überprüfe das Smartphone, ob es das Gespräch auch tatsächlich aufzeichnet.

    »Was tust du da?«, fragt er.

    »Checke, ob die Diktier-App funktioniert.«

    »Schmeiß die Diktier-App in den Papierkorb und hör mir einfach zu. Ist doch völlig egal, ob du jedes Wort korrekt zitierst. Mir ist wichtig, dass du den Kerngedanken unserer Unterhaltung verstehst und richtig wiedergibst. Dafür benötigst du nur deine Ohren und ein halbwegs funktionierendes Gedächtnis. Also schalt das Ding aus. Sonst werfe ich es in die Mülltonne.« Hank macht Anstalten, das Handy tatsächlich aus dem Fenster zu feuern; ich nehme es rasch vom Tisch und stecke es in meine Hosentasche.

    »Schon besser so«, brummt er. »Wo ist eigentlich Betsy?«

    »Lass sie pennen«, sage ich.

    »Dass mir das Biest bloß nicht durchschläft. Will sie morgen auf keinen Fall am Frühstückstisch sitzen sehen.«

    »Klingt undankbar. Eben hast du noch mit ihr in der Kiste gelegen und eine Nummer geschoben.«

    »Na und? Das berechtigt sie nicht dazu, gleich bei mir einzuziehen.«

    »Einfach ist es nicht mit dir«, sage ich.

    »Hat auch niemand behauptet.«

    In der Fortsetzung wird Betsy von Hanks Geschrei wach, setzt sich mit an den Tisch und erklärt, dass man Mexikanern – speziell den gutaussehenden – nicht trauen kann, weil sie alle Heiratsschwindler sind.

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum

  • Die dicke Betsy – Kapitel 2

    Die dicke Betsy – Kapitel 2

    Als ich gegen kurz nach acht zurückkehre, steht die Tür von Hanks Apartment sperrangelweit offen. Von drinnen höre ich Tschaikowskys 5te und eine tiefe Frauenstimme:

    »Kommt dein Kumpel noch, oder lässt du mich hier heute Abend verdursten?«

    Ich zögere einen Augenblick, dann trete ich ein. Hank immer noch im Bademantel auf dem Sofa, jetzt allerdings mit T-Shirt und Unterhose darunter, neben ihm eine 60jährige Brünette, die ich auf 85 Kilogramm taxiere, mit speckiger Baseballkappe auf dem Kopf, die sie weit nach hinten gezogen hat, sodass ich die tiefen Furchen auf ihrer Stirn trotz fett aufgetragenen Make-ups erkenne. »Ich bin Henning«, stelle ich mich ihr vor, »der Kumpel, auf den ihr wartet.«

    »Hast du was zu Trinken mitgebracht?«, fragt sie und mustert mich dabei von oben bis unten. Ich stelle zwei Flaschen Weißwein auf den Tisch. »Viel ist das nicht«, sagt Hank.

    »Ich weiß, aber wir wollen ja ein Interview führen und uns nicht die Birne zuknallen.«

    »Du gibst ihm ein Interview?« Die Brünette tut erstaunt. »Hast du mir gar nichts von erzählt. Zu welchem Thema?«

    »Ich habe ein paar politische Fragen zusammengestellt, die ich gerne mit Hank diskutieren möchte.«

    »Politik finde ich superspannend.« Sie klatscht erfreut in die Hände.

    »Du hast Null Ahnung von Politik, Betsy. Willst nur gratis mit uns saufen«, sagt Hank und entkorkt die erste Pulle. »Was ist das für ein Zeug?«

    »Müller-Thurgau.«

    »Den mag ich gerne.«

    »Weiß ich.«

    »Lass mich mal probieren«, sagt Betsy.

    »Ein Glas und dann verschwindest du. Wir wollen uns gleich ernsthaft unterhalten.« Hank’s Stimmung scheint nicht die beste zu sein. Entweder ist sein Pegel zu weit abgefallen, oder Betsy hat ihn zu lange hingehalten.

    »Ich will aber bleiben. Wenn du mich jetzt wegschickst, brauchst du mir nachher nicht wieder was vorzuheulen, dass du dich einsam fühlst«, mault sie.

    »Stört dich das?«, fragt mich Hank.

    »Alles okay für mich.« Ich war innerlich darauf eingestellt gewesen, Hank heute Abend nicht solo anzutreffen. Am späten Nachmittag überkommt ihn regelmäßig der Blues, und er ruft dann kreuz und quer seine Frauen an, bis er eine auftreibt, die ihm spontan Gesellschaft leistet. Sobald er ihnen sein Säuferleid geklagt und sie gevögelt hat, schickt er sie wieder nach Hause. Nicht weil er ein Chauvinist ist, sondern einzig aus dem Grund heraus, dann in Ruhe schreiben zu können. Und das kann man am besten alleine. Sobald eine Braut hinter dir auf dem Sofa wartet oder nackt auf der Tastatur sitzt, ist es aus mit der Schaffenskraft. Das heißt, Betsy würden wir spätestens bis Mitternacht quitt sein, denn dann wird Hank sie vor die Tür setze. Solange halte ich es mit ihr aus.

    »Und du, trinkst du nichts?«, fragt sie, während sie sich einen großen Schluck vom Müller-Thurgau genehmigt.

    »Hab’s mir abgewöhnt«, antworte ich. »Besser für meine Leber und die Konzentration.«

    »Da solltest du alter Spritkopp dir eine Scheibe von abschneiden«, giftet Betsy in Richtung Hank.

    »Wenn dir was nicht passt, kannst du auch sofort verschwinden. Zwingt dich keiner hier zu bleiben.«

    »Du wirst im Alter immer unausstehlicher.«

    Vor mir läuft ein kleines Theaterstück ab. Sie will partout nichts verpassen, spielt aber die Rolle der Ich-kann-jederzeit-nach-Hause-gehen-und-mich-mit-einem-anderen-Kerl-vergnügen-Braut. Er tut so, als ob er sie rauswerfen will, würde dann aber auf seinen Abendfick verzichten, sodass uns allen klar ist, dass wir in den kommenden drei, vier Stunden zu dritt in Hanks Wohnzimmer beisammen bleiben werden.

    Eine Flasche ist geleert, die zweite bereits zur Hälfte durch Betsys Speisröhre gelaufen, die einen ordentlichen Zug am Leib hat. »Ich geh zu Joey und besorge neuen Vorrat«, sage ich. »Irgendein spezieller Wunsch?«

    »Spendabler Typ, dein kleiner deutscher Freund. Nicht so knickrig wie du«, giftet sie.

    »Wir bleiben beim Wein. Aber die liebliche Sorte. Nicht so was Saures, mit dem wir uns die Magenschleimhaut verätzen. Und für die Lady ein paar Süßigkeiten.«

    »Du auch was zu Essen, Hank?«, frage ich.

    »Nein, bin pappsatt.«

    »Wovon denn? Seit ich hier bin, hast du keinen einzigen Bissen zu dir genommen«, sagt Betsy.

    »Bin nicht hungrig.« Wie bei allen Hardcoretrinkern hat der Alkohol für Hank mittlerweile die feste Nahrung ersetzt. Wenn man lange säuft, verspürt man oft einen richtigen Ekel auf alles, was nicht flüssig ist.

    »Sechs Flaschen Wein. Falls möglich lieblich. Und fünf Schokoriegel«, sage ich zu Joey und gebe ihm Zeichen, die für mich zu holen, denn ich bin zu faul, um mir das alles in seinen Regalen zusammenzusuchen. Da ich Sofortzahler bin, genieße ich in seinem Kiosk eine VIP-Behandlung.

    »Hat Hank Besuch?«

    »Warum?«

    »Weil er nie Schokoriegel kauft. Oder futtern Sie die alle?«

    »Jap, Besuch.«

    »Die dicke Betsy?«

    »So heißt Sie, glaube ich. Habe mir den Namen nicht gemerkt.«

    »Ist sein Mittwochabendfick. Aber ausschließlich mittwochs. Öfter erträgt er sie nicht. Wohnt einen Block entfernt. Wenn sie blau ist, muss er immer ein Taxi bestellen, weil die Alte dann nicht mehr geradeaus laufen kann, und Hank ums Verrecken nicht will, dass sie bei ihm über Nacht bleibt.«

    »Mag sein. Noch ist alles im grünen Bereich.«

    »Will Ihnen einen guten Tipp geben, weil Sie mir sympathisch sind: Betsy wird oft verbal aggressiv bis hin zu handgreiflich. Dann ist es vernünftig, wenn Sie Hank die Prügel einstecken lassen. Und bloß nicht dazwischengehen. Dann fangen Sie sich von beiden was ein.«

    »Danke für den Hinweis«, sage ich. »Werd schon auf mich aufpassen.«

    Joey stopft Wein und Schokoriegel in zwei braune Papiertüten, ich lege einen Fünfziger auf die Theke. »Schreiben Sie mir den Rest gut. Werde in den nächsten Tagen öfter vorbeikommen.«

    Auf dem Rückweg trödele ich, um Hank und Betsy noch ein paar Minuten Zeit zu geben. Als ich das Apartment betrete, ist das Wohnzimmer verwaist, Grabesruhe. Ich stelle die Tüten auf den Küchentisch und rufe: »Hank, der Nachschub ist da. Aber zieh dir um Himmelswillen was an.« Es ist nicht nett von mir, den Trinker mit Alkohol zu ködern. Aber anders werde ich ihn nicht aufs Sofa bekommen, und ich will auf jeden Fall heute noch mit dem Interview starten.

    »Bring mir ein Glas ans Bett«, grunzt er aus dem Schlafzimmer.

    »Liegst du alleine drin?«

    »Natürlich nicht.«

    »Die Flaschen habe ich in den Kühlschrank getan. Musst schon aufsteh’n, wenn du was haben willst.«

    »Hatte dich gar nicht als derart sexuell verklemmt in Erinnerung«, sagt er und stürzt zwei Wassergläser Wein in sich rein. Er ist nun völlig nackt und trotz seines selbstzerstörerischen Lebenswandels kann ich immer noch die Muskeln des früheren Amateurboxers unter der faltigen Haut erkennen.

    »Lass uns langsam loslegen. Wird sonst zu spät für eine vernünftige Unterhaltung.« Ich tippe auf meine Armbanduhr.

    »Hat dieses Scheißinterview nicht bis morgen Zeit?«

    »Nein. Ich muss morgen den ersten Text abliefern. Sonst feuern sie mich.«

    »Sei doch froh, wenn sie dich rauswerfen. Die zahlen dir doch eh nichts …. hast du an Betsy’s Süßigkeiten gedacht?«

    »In der Tüte vor dir.«

    »Bringe ich ihr, und dann können wir von mir aus starten.«

    »Du weißt, dass ich kein Snickers esse. Vertrage die Erdnüsse nicht«, höre ich Betsy’s knatschige Stimme aus dem Schlafzimmer.

    »Ich weiß es, aber Henning wusste es nicht. Musst du beim nächsten Mal eben eine konkrete Bestellung aufgeben.«

    »Sag ihm, er soll nochmal loslaufen.«

    »Sag’s ihm selber. Und nun sei leise, weil wir mit dem Interview beginnen.«

    Hank kehrt nach einigen Minuten zurück und hat sich in Schale geworfen: Hemd, Anzug, Schuhe, allerdings eine schwarze und eine graue Socke.

    »Wow!«, pfeife ich leise. »Krawatte hast du keine?«

    »Wir wollen es am ersten Abend nicht direkt übertreiben. Welche Themen hast du auf deiner kleinen Liste notiert? Ich bin dafür, wir fangen mit was Einfachem an und steigern uns im Laufe des Abends.«

    »Komplett in Ordnung für mich. Macht’s dir was aus, wenn ich unser Gespräch aufzeichne? Für mich bequemer, als alles mitzuschreiben.« Ich lege mein Smartphone auf den Tisch und verkabele es mit einem winzigen, externen Mikrofon.

    »Mit dem Handy?« Er schaut mich verwundert an.

    »Die Dinger sind mittlerweile Allzweckwaffen. Habe eine Diktier-App installiert.«

    »Eine was?«

    »Diktier-App. Ein digitales Diktafon.«

    »Süße, Henning hat eine Diktier-App mitgebracht. Hast du davon schon mal was gehört?« Aus dem Schlafzimmer erfolgt keine Reaktion. Seine Mittwochabendbraut ist nach Wein, Sex und den Idaho-Spud-Riegeln – waren zwei in der Tüte gewesen. Übrigens nur ein Snickers – eingeschlafen. Ich bin ganz froh darüber, dass ich mit Hank alleine starten kann. Reicht völlig, wenn Betsy erst in zwei Stunden dazukommt.

    »Ich klicke nun auf „on“. Du bist bereit?«

    »Quatsch nicht so viel«, sagt Hank. »Wir könnten schon längst zur Hälfte fertig sein.«

     

    Im nächsten Teil geht’s endlich los mit dem Interview, und Hank erzählt vom Leben der Mexikaner in Südkalifornien. Halt das, was er von ihrem Leben so mitbekommt.

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum

  • Das Wiedersehen – Kapitel 1

    Das Wiedersehen – Kapitel 1

    Ich sitze im Wohnzimmer eines kleinen Bungalows in East Hollywood, 5124 De Longpre Avenue. Zwölf Uhr mittags, der Kerl auf dem Sofa gegenüber schnarcht und schläft seinen Rausch von gestern Nacht aus. Er sitzt nahezu aufrecht, Kopf auf die Brust gesunken, geöffneter Bademantel, keine Unterhose, ich kann seine riesigen Klöten erkennen. In der Küche suche ich nach was zu Trinken; im Kühlschrank bloß leere Schnapspullen und Bierdosen, ein verschimmeltes Stück Käse. »Dasselbe traurige Bild wie immer in diesem Laden«, fluche ich.

    »Steh auf, Mann!«, sage ich. »Bin doch nicht den weiten Weg von Europa gekommen, um dir beim Pennen zuzusehen.«

    »Hau ab!«, krächzt er. Ich fahre ihm mit einem nassen Handtuch durchs Gesicht.

    »Bist du völlig übergeschnappt?«, schreit er nun.

    »Komm endlich in die Gänge und dusch dich«, sage ich. »Du siehst Scheiße aus und riechst unangenehm.«

    »Ich kenne nur einen Motherfucker, der diesen komischen Akzent spricht: mein Kumpel Henning aus Germany. Bist du es tatsächlich, oder habe ich eine Wahnvorstellung?«

    »Keine Sorge. Ich bin’s.«

    »Wie bist du reingekommen?«

    »Durch die Tür. Stand offen.«

    »Sie werden mir nochmal die komplette Bude leerräumen, wenn selbst ein Amateur wie du hier einfach so reinspaziert.«

    »Was sollen die Einbrecher mitnehmen: deinen Müll?«

    »Hol mir einen Drink aus der Küche!«

    »Nix da. Alles leergesoffen.«

    »Besorg was an der Ecke bei Joey. Sag ihm, dass Hank dich schickt. Dann weiß er schon Bescheid.«

    Joeys Laden sieht nicht viel einladender aus als Hanks Wohnzimmer. Kiosk spezialisiert auf Trinker und Zehndollar-Huren. Vier Regalreihen vollgestopft mit Fusel, Haargel und Billig-Make-up. Ich greife einen Sixpack Budweiser und eine Flasche Bourbon, für mich zwei Flaschen Coke Zero. Frage an der Kasse, ob’s Schinken-Käse-Sandwiches gibt. »Für Hank?«, will der untersetzte Typ mit Halbglatze und verwaschenem T-Shirt wissen, der bestimmt Joey ist. »Für mich«, antworte ich. »Ist ja gut«, sagt er und schaut mich misstrauisch an. »Willst du trotzdem seinen Deckel übernehmen?«

    »Wie viel?«

    »Mit dem Zeug von heute ein Hunderter.«

    »Okay.« Ich lege zwei Fünfziger auf den Tresen und gehe zurück in Hanks Wohnung. Auf der Straße L.A.-Sommerwetter: heiß, die Sonne versteckt sich hinter einem schmierigen Dunstschleier, Geruch von verschmortem Gummi und verbranntem Rasen liegt in der Luft. Nicht die beste Zeit für eine Stippvisite; ich mag die Stadt im Frühling lieber. Aber man kann sich seine Termine nicht immer frei auswählen.

    »Hat dir der habgierige Gauner Joey was verkauft?«, empfängt mich Hank, der mittlerweile geduscht hat, aber wieder in seinem alten Bademantel steckt.

    »Zieh dir was anderes an!«

    »Warum? Was ist verkehrt mit dem Dress?«

    »Das Teil ist scheußlich, und du bist darunter nackt.«

    »Bist du auf deine alten Tage zum Klemmhoden mutiert?«

    »Dann bleib eben so wie du bist«

    »Was willst du von mir?«, fragt er und zwingt sich dabei die zweite Dose Bud rein. Er japst nach Luft, läuft dunkelrot im Gesicht an, einen Augenblick lang befürchte ich, dass er abnippelt. Dann rülpst er laut, schüttet ein Wasserglas Bourbon hinterher, seine Gesichtszüge glätten sich, er lächelt. Das Problem aller Säufer: morgens den Pegel wieder auffüllen.

    »Ich will dich interviewen.«

    »Bist du jetzt Journalist geworden?«

    »So was ähnliches.«

    »Und zahlt Sowasähnliches auch für ein Gespräch mit einem berühmten Autor, wie ich einer bin?«

    »Wir sind ein Start-Up, noch in der Experimentierphase. Jeder von uns arbeitet gratis.«

    »Für lau mach ich nix mehr.« Die sechs Dosen Bier sind weggeputzt, Hank gähnt.

    »Du wirst dich doch jetzt nicht schon wieder hinlegen?«

    »Warum nicht? Heute ist, wenn ich richtig liege, Mittwoch. Ein Scheißtag, an dem man sich eigentlich nur besaufen und schlafen kann.«

    »Ich war vergangene Woche in Andernach«, sage ich.

    »Du warst in Andernach? Was hast du da gemacht?«

    »Einen Kumpel in der Entzugsklinik besucht.«

    »In Andernach gibt’s eine Entzugsklinik?«

    »Witzigerweise nur 400 Meter von deinem Geburtshaus entfernt. Der Stadtplaner scheint Humor zu haben.«

    »Hast du dir das auch angeschaut?«

    »Jap.«

    »Und?«

    »Hängt eine Plakette dran: hier wurde 1920 Charles Bukowski geboren.«

    »Mehr nicht?«

    »Das Erdgeschoss hat vor einigen Jahren ein Karnevalsshop angemietet. Der öffnet allerdings nur, wenn du vorher anrufst und einen Termin vereinbarst.«

    »So ein Mardi-Gras-Ding wie in New Orleans?«

    »Geht in die Richtung. In Andernach verkaufen sie allerdings Uniformen, wie sie die Soldaten im 18ten Jahrhundert trugen und weiße Perücken.«

    »Hört sich Kacke an.«

    »Ist es auch.«

    »Wusstest du, dass ich 1978 in Andernach zu Besuch war und dort eine hervorragend besuchte Lesung gehalten habe?«

    »Hast du mir schon mal von erzählt.« Die Lesung hatte zwar in Hamburg stattgefunden, aber solche Details sind im Moment nicht wichtig. Will hier auf keinen Fall klugscheißend rüberkommen.

    »Und der Weißwein war super. Habe damals den gesamten Vorrat des Hotels leergesoffen. Bis sie mir mit den Bullen drohten, wenn ich nicht damit aufhöre.« Hanks Augen schimmern. Wie alle alten Säufer ist er ein Romantiker und sentimental.

    »Und, hast du damals aufgehört?«

    »Natürlich nicht. Habe den Manager angeschrien, dass man mit dem berühmtesten Sohn der Stadt so nicht umgeht und mir den Wein dann von der nächsten Tankstelle anliefern lassen. Das waren schöne Tage in der Heimat.« Mit Andernach habe ich ihn an den Eiern gepackt. Den Vater hatte er gehasst. Aber an seine Mutter, die vom Mittelrhein stammte, hegt er zärtliche Erinnerungen. Andernach ist mein Türöffner in Hanks Apartment.

    »Bekomme ich nun das Interview oder nicht?«, frage ich.

    »Du selbst verdienst auch nichts dran? Oder versuchst du mich über den Tisch ziehen?«

    »Keinen müden Cent. Habe sogar den Flug selbst bezahlt.«

    »Das soll ich glauben?«

    »So wahr ich hier sitze.«

    »Warum machst du so‘ nen Scheiß? Gratisschreiben ist ja noch dämlicher, als sich eine enge Deadline aufschwatzen zu lassen. «

    »Ist eine Ich-hab’s-einem-Kumpel-versprochen-Nummer.«

    »Kenne ich. Das sind die schlimmsten Nummern. Wenn’s gut läuft, klopfen sie dir freundlich auf die Schulter. Und falls es schlecht ausgeht, musst du dir auch noch Vorwürfe anhören. Ich mach sowas schon seit vielen Jahren nicht mehr.«

    »Ich eigentlich auch nicht. Hab mich hinreißen lassen und komm jetzt nicht mehr raus aus der Sache. Was kostet es dich schon, Hank? Wir quatschen ein bisschen, ich kritzel ein paar Notizen in meinen Block und versuche, daraus was Lesbares zusammenzubasteln. Mir tätest du damit einen Riesengefallen.«

    »Okay, ich tu’s. Unserer alten Freundschaft wegen, und weil du in Andernach warst.«

    »Danke! Wann legen wir los?«

    »Ich leg mich jetzt zwei, drei Stunden aufs Ohr. Entweder am frühen Abend oder morgen.«

    »Früher Abend passt wunderbar.«

    »Da hat’s jemand aber eilig. Wie heißt das Blatt, für das du schreibst?«

    »Die Kolumnisten.«

    »Kommunisten?«

    «KOLUMNISTEN.«

    »Besser. Kommunisten gebe ich nämlich keine Interviews.«

    »Warum das denn?«

    »Geizige Typen. Die letzte Kommunistin, mit der ich was hatte, ließ immer mich löhnen, obwohl sie auf drei abbezahlten Immobilien und vier fetten Festgeldkonten saß. Die Kohle aber immer schön beisammenhalten. Geldgeiles Luder. Und die davor war auch nicht besser. Mir sind Republikanerinnen mittlerweile die liebsten. Wenn du denen den Patrioten vorspielst, übernehmen sie jede Rechnung, und im Bett sind diese Damen auch nicht verkehrt.«

    »Da hätten wir ja schon ein erstes Thema.«

    »Nymphomane Republikanerinnen?«

    »Die konservative Revolution in den USA.«

    »Klingt kompliziert. Aber von mir aus. Und nun lass mich pennen.» Bier und Bourbon sind geleert, Hanks mächtiger Kopf knickt nach links weg, er schnarcht. Bademantel geöffnet, ich blicke wieder auf seine Klöten. Dasselbe Bild wie vor zwei Stunden.

    Ich stehe auf und gehe zu meinem Mietwagen. Ein weinroter Toyota Camry, Baujahr 14. Will zurück ins Hotel und ein paar Runden im Swimmingpool drehen, bevor ich nachher Hank interviewe. Unten fängt mich ein hagerer Kerl in verschwitztem hellblauen Oberhemd ab, der sich als Verwalter der Wohnanlage vorstellt.

    »Sind Sie ein Verwandter von Herrn Bukowski?«

    »Nein, bin ich nicht.«

    »Ein Freund?«

    »Ich würde mich als guten Bekannten bezeichnen.«

    »Könnten Sie sich vorstellen, für ihn die Miete zu übernehmen?«

    »Wieviel ist er im Rückstand?«

    »Drei Raten. Wenn er nicht wenigstens eine davon bis heute Abend begleicht, muss ich ihn am Wochenende vor die Tür setzen. So leid es mir persönlich auch täte; ich mag den saufenden Menschenhasser wirklich gerne. Vor allem, wenn er abends laut Mahler hört. Aber so sind nun mal die Vorschriften.«

    »Ich sehe zu, was ich auf die Schnelle auftreiben kann.«

    »Freunde wie Sie sind Gold wert.« Er verzieht seinen Mund zu einem Grinsen und signalisiert, dass er mich für einen Trottel aus Übersee hält.

    Während ich auf dem Santa Monica Boulevard Richtung Venice fahre, wo ich mich einquartiert habe, überlege ich, dass mich der Spaß mit den Kolumnisten viel Geld kosten wird. Andererseits: wer hat schon das Glück, Hank im Bademantel in dessen Wohnzimmer interviewen zu dürfen, während er sich die nackten Eier krault? Ich werde gleich im Hotel eine kleine Liste der Themen zusammenstellen, über die wir unbedingt reden müssen, damit ich die Reise als Erfolg verbuchen kann. Ob sich der Alte allerdings an das Programm halten wird, hängt stark von den Alkoholvorräten und den Bräuten, die zwischendurch anklopfen werden, ab. Werde mich nachher bei Joey ordentlich eindecken.

    Hier geht’s zur Fortsetzung: Die dicke Betsy

    Empfohlene Literatur:
    Der Mann mit der Ledertasche
    Faktotum