Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Bordellverse

    Bordellverse

    Hineingeschlittert in das Gedicht, mit dem Dichter durch die Gassen und Spelunken gezogen, mit ihm getrunken und getanzt, nicht an morgen gedacht
    Gabriele Prade

    In einer Kolumne, die mit Bordellverse überschrieben ist, kann man als Autor Gedanken darüber anstellen, weshalb Männer einen Puff betreten: weil sie im normalen Leben keine Frauen kennenlernen, die schnelle Außerhaus-Nummer oder den bizarren Mitternachtskick suchen? Vielleicht arbeitet eine Bekannte dort, mit der sie in der Mittagspause eine Tasse Kaffee trinken wollen, oder sie haben ihr Herz – und in der Konsequenz das Bankkonto – an eine Hure verloren. Alles schon zigmillionenfach passiert. Man kann aber auch einfach ein Gedicht darüber schreiben und das von einer Künstlerin illustrieren lassen.

     

    Die zeichnerische Interpretation des Gedichtes „Bordellverse“ von Henning war mir ein großes Vergnügen. Seine direkte Sprache führt mich Zeile für Zeile in seine Welt. Die Bilder, die dabei entstehen, schaffen eine magische Verbindung zwischen Künstler und Poeten.
    Gabriele Prade

    Bordellverse

    Um drei Uhr nachts
    wimmelten noch zwanzig Huren
    im Kontakthof des Eroscenters rum
    taxierten jeden Neuankömmling
    mit professionellem Geierschnabelblick
    auf die Dicke der Brieftasche
    und seine möglichen sexuellen Wünsche

    Eine Gruppe besoffener Vorstadtbewohner
    in bunten Windjacken lümmelte an der Bar
    rief den vorübergehenden Frauen
    Pöbeleien zu und lachte laut
    eine fette Nutte im pinken Badeanzug
    kippte dem Anführer
    einem feisten, aknezerfressenen Fünfundvierzigjährigen
    ihren Piccolo ins Gesicht

    Bevor er Luft holen
    und die Kumpels ihm zu Hilfe eilen konnten
    waren sie bereits von zehn Huren umringt
    die schworen, ihre Pfennigabsätze
    in die Augen der Männer zu dreschen
    wenn diese nicht in derselben Minute
    den Kontakthof verließen

    Trotz ihrer Beschränktheit begriffen die Idioten
    den Ernst der Lage und wankten
    sich gegenseitig unterhakend
    aus dem Raum , während sie
    mehrmals wiederholend riefen
    dass sie sich in diesen abgefuckten Laden
    bloß versehentlich
    verirrt hätten und die hässlichen Weiber
    nicht mit der Kneifzange anpacken würden

    Ich setzte mich auf einen der freigewordenen Hocker
    bestellte beim dürren Pitter
    einen Filterkaffee, der hier noch
    übler schmeckte als die Plörre, die ich
    in meiner eigenen Küche aufsetzte
    und beobachtete die Szene

    Um diese fortgeschrittene Stunde
    bevölkerten noch zwei Dutzend Freier
    den Kontakthof. Die Hälfte glotzte auf
    einen TV-Apparat in der linken Ecke
    in dem asiatische Pornos liefen
    die restlichen zwölf unterhielten sich mit den Nutten
    und feilschten um die Preise
    das altgewohnte Bild

    »Willst du mit hochkommen, Junge?«,
    eine schwere Hand mit fleischigen Fingern
    an denen billige Ringe prangten, legte sich
    von hinten auf meine Schulter
    ich drehte mich um. »Nein danke«, sagte ich
    leise lächelnd und schaute die Frau,
    die den fünf Schwachköpfen
    vor wenigen Minuten noch Prügel angedroht hatte
    freundlich an

    Sie blinzelte und fauchte: »du bist der Kleine,
    der vier Klassen unter mir auf der Schule
    war; stimmt‘s?«
    ich nickte stumm mit dem Kopf
    »wartest du auf sie?«
    »ja«
    »sie wird bestimmt gleich kommen. Ist schon vor
    über einer Stunde mit einem alten Sack aufs Zimmer.
    ewig kann es nicht mehr dauern.«
    »danke. Dann werde mich noch ein wenig gedulden«

    Pitter stellte einen doppelten Jägermeister vor mich hin
    in dem zwei bläuliche Eiswürfel klimperten
    »ist nicht gut, so’n später Kaffee«
    einen Moment zögerte ich, dann schüttete ich
    die braunklebrige Flüssigkeit in einem Schwung
    in meine gierige Kehle
    es brannte kurz in der Speisröhre
    dann verbreitete sich eine angenehme Wärme
    vom Bauch ausgehend durch meine Adern

    Ich wollte nicht besoffen vor ihr erscheinen
    bei jeder anderen wäre es mir egal gewesen
    nicht jedoch mit ihr
    deshalb hatte ich bereits um Mitternacht
    mit dem Trinken aufgehört
    eine Flasche Bourbon musste ausreichen
    später zu Hause konnte ich nachtanken

    »Bist du schon lange hier?«
    unbemerkt wie ein leichter Lufthauch
    hatte sie neben mir Platz genommen
    und strich wie zufällig mit ihrem Lackstiefel
    über meine Wade
    »ein paar Minuten … möchtest du was haben?«
    »nein, von dem vielen Sekt wird mir sonst noch schlecht«
    »ich bin auch nicht so durstig«
    »tatsächlich? Mal ganz was Neues«. Sie heftete
    Ihren spöttischen Blick auf meinen Mund
    und ich hätte ihr in dieser Sekunde am
    liebsten die Lippen blutig geküsst

    »Bist du hier, um zu labern oder
    lässt du ein paar Mäuse für eine Nummer springen?«
    ihre Augen funkelten jetzt kalt
    »reden ist völlig okay für mich«
    »such dir eine andere. Meine Zeit ist
    dafür zu kostbar«
    sie tat so, als ob sie aufspringen wollte
    blieb jedoch sitzen
    »ich zahle«
    »ein Fuffi wird nicht ausreichen«
    ich legte schweigend drei blaue Scheine auf die Theke
    »tu noch einen drauf und ich gebe dir eine
    komplette Therapiestunde«

    »Wirklich nur quatschen? Gefalle ich dir nicht mehr?«
    »doch. Aber du wurdest heute schon zu oft angerührt«
    »etwa eifersüchtig?«
    »nein«
    »hast Probleme mit meinem Job?«
    »auch nicht«
    »sondern?«
    »das was ich suche, willst du mir nicht geben.
    Also unterhalten wir uns. Das reicht mir«
    »bist ein komischer Vogel. Aber von mir aus«

    Der dürre Pitter rief uns hinterher:
    »wenn’s spät wird, wisst ihr, wo der Notausgang ist«
    auf der schmalen Treppe roch es nach Linoleum
    und Desinfektionsmittel
    ein grimmiger Herkules mit ölpolierter Glatze
    in körperbetontem, schwarzen Lederjackett
    stierte uns nach, als wir
    in Zimmer 348 verschwanden

    An der Wand Lederkorsagen, Peitsche,
    Hundeleine, die ich nicht kannte
    auf dem Bett drei Teddybären
    »neue Sachen?«, fragte ich
    »wie lange warst du nicht mehr hier?«
    »vier, fünf Wochen«
    »vor einem Monat angeschafft.
    die alten Herren fahren voll darauf ab.
    willst du es ausprobieren?«
    »nein«
    »bist immer noch derselbe kleine Schisser
    wie früher in der Pfarrdisco«,
    höhnte sie
    ihre Stimme klang allerdings
    zärtlich, als sie mich
    zu ihr runter
    aufs Sofa zog

    Als ich ihre Lippen berührte
    leckte sie genießerisch über meine Zähne
    bevor sie sie mir ihre Katzenzunge
    weit in den Rachen hineinsteckte
    nachdem sie die Glut in mir entfacht hatte
    stoppte sie nach dreißig Sekunden
    schob mich von ihrer Schulter weg
    sagte geschäftsmäßig:
    »küssen ist im Preis nicht enthalten«
    ich seufzte: »Leider«
    »du weißt, was dann mit dir passiert«
    »jap. Schon tausendmal gespürt«

    Sie zündete sich eine Zigarette an
    »du liebst mich immer noch?«
    »so halb«
    »erzähl keinen Scheiß. Du tust es seit
    unserer Tanzstundenzeit«
    »versuche, es mir abzugewöhnen«
    »indem du säufst und andere Frauen
    unglücklich machst. Eine Kack-Methode«
    »was soll ich machen? Du hältst mich
    seit Jahren auf Abstand. In ein Kloster gehen?«
    »wäre vielleicht eine gute Idee für einen
    kaputten Typen wir dich. Müsste ein
    weltabgeschiedener Ort ohne Bier und Whiskey sein«
    »jetzt bloß keine Moralpredigt!«
    »du willst es einfach nicht verstehen: in der Schule
    warst du zu jung. Und jetzt bist du ein armer Student
    der sein bisschen Kohle nachts
    beim Backgammon verzockt.
    was soll ich mit einem Loser wie dir anfangen?«

    Erregt sprang ich auf
    lief zur Wand
    schnappte mir in einer Übersprunghandlung
    die Peitsche, mit der ich kräftig
    auf den Tisch schlug
    »so gefällst du mir besser«, lächelte sie
    »möchtest du es ausprobieren?«
    »was?«
    »wirst schon sehen. Vertrau mir«
    sie ging ins Bad
    während ich in ihrem kleinen Kühlschrank
    nach Bier forschte

    Als sie zurückkam
    hatte sie sich umgezogen
    steckte jetzt obenrum in einer Art Uniform
    die mich an Rommels Afrikakorps erinnerte
    »was soll das werden«, fragte ich
    und schüttete eine Dose Carlsberg in mich rein
    »was wohl? Ich werde dich erziehen«
    »das hat schon meine Mutter nicht geschafft«
    »dann wird es höchste Zeit dafür«
    »ist jetzt nicht so mein Ding«
    »entspann dich. Es wird dir gefallen«

    Sie fingerte eine Phiole aus ihrer Handtasche
    zerbrach das dünne Glas
    und verrührte die klare Flüssigkeit
    in einem Zahnputzbecher Wasser
    »trink das!
    bei Drogen bist du ja experimentierfreudiger
    als mit neuen Lusterfahrungen«
    ich schluckte die geschmacklose Medizin 
    und wartete auf die Wirkung
    nach fünf Minuten trübte sich mein Blick
    der ohnehin spärlich beleuchtete Raum
    verwandelte sich in eine neblige Herbstlandschaft
    in meinem Kopf erhob sich ein leichtes Brausen
    ähnlich einem Wasserfall, wie ich ihn mal in
    den Dolomiten bestaunt hatte
    und aus weiter Ferne hörte ich ihre metallene Stimme:
    »zieh dich aus!«
    in diesem Moment wurde mir alles egal

    Ich führte ihre Befehle
    jetzt wie in Trance aus
    kniete nieder
    ließ mich an den Händen fesseln
    küsste ihre Stiefel
    die sie unendlich langsam auszog
    und leckte ihre dunkelrot lackierten
    Zehen ab
    sie stellte ihren Fuß
    auf meine Schulter
    grinste
    drückte mich nach hinten
    so dass ich rücklings
    auf den hellgrauen Filzteppichboden
    fiel
    und mich wie ein flügelloses Insekt
    fühlte

    Mein Gehirn arbeitete weiter
    jedoch in Zeitlupe
    zudem war ich völlig
    willenlos
    hätte sie befohlen
    mir ein Stück Fleisch aus
    dem Oberschenkel zu schneiden
    und es roh zu verzehren
    ich hätte es getan
    »möchtest du mit mir schlafen,
    du geiler Bock?«
    »ja«
    »und wirst alles tun,
    was ich von dir verlange?«
    »ja«
    »sehr schön«
    sie schlüpfte aus ihrem
    kurzen Latexrock
    ich glotzte auf ihre
    penibel rasierte Scham
    dann öffnete sie meine Hose
    und zog mich aus

    Meine Erregung steigerte sich
    ins Unermessliche
    sie stand kurz auf
    wühlte in einer Schublade
    und kehrte mit einer
    transparenten Plastiktüte zurück
    die sie mir über den Kopf stülpte
    »was machst du, Wahnsinnige?«, rief ich
    »lass dich überraschen.
    das wird der beste Fick deines Lebens werden«
    ich versuchte, mich zu wehren,
    nach ihr zu schlagen
    allerdings vergeblich
    Arme und Beine waren schwer
    wie Blei
    und ließen sich nicht einen Millimeter
    bewegen

    Sie nahm breitbeinig Platz
    und ritt mich
    erst behutsam
    dann immer schneller werdend
    mein Atem ging stoßweise
    denn viel Luft bekam ich nicht
    ich hörte mich selbst wie durch
    eine Wattewand hindurch
    schreien
    Lust gepaart mit Todesangst
    sekundengleich mit der
    letzten Zuckung des Orgasmus
    der eine Stunde zu dauern schien
    schwand mir das Bewusstsein

    Als ich wieder zu mir kam
    befand ich mich schweißgebadet
    auf dem roten Sofa
    sie hatte mich wohl
    dorthin verfrachtet
    auf der Stirn ein mit Eiswürfeln
    gefüllter Waschlappen
    sie saß im weißen Trainingsanzug
    und Badelatschen daneben
    rauchte

    »Hältst ja nicht allzu viel aus, mein
    kleiner Tanzstundenpartner«,
    lächelte sie
    »für den Anfang war es aber ganz okay.
    du musst noch viel lernen. Vor allem
    wie man eine Frau wie mich befriedigt«
    ich richtete meinen Oberkörper auf
    vor meinen Augen kreisten
    weiße Spiralen und Sterne
    auf gummiweichen Beinen
    stand ich auf und zog mich an
    »das war heute ein Freundschaftspreis.
    beim nächsten Mal musst du
    mehr Kohle mitbringen«
    »leck mich«, flüsterte ich
    und schlich den stockdunklen
    Korridor entlang
    in Richtung Treppe
    »du bist ein undankbares
    Arschloch. Zu nichts zu
    gebrauchen. Ich hasse dich«,
    kreischte sie mir hinterher.
    ….

    Eventuell werden die Beweggründe eines Freiers für den sporadischen oder häufigen Bordellbesuch auf lyrischem Weg [streng genommen handelt es sich bei den Zeilen oben um ein Hybrid zwischen Gedicht und Short Story] besser verständlich als in einem Prosatext. Aber auch hier gilt: irgendwann wird’s selbst dem treusten Kunden fad.

    Illustration: Gabriele Prade (Team Prade – Kunst im Raum), Nov. 2017

  • Abruptes Ende einer Kreuzfahrt

    Abruptes Ende einer Kreuzfahrt

    [Achtung: die folgende Kolumne basiert einzig auf der Auswertung von Sekundärquellen: Tageszeitung, TV-Nachrichten, Brennpunkten und Talk Shows. Obwohl ich jemanden kenne, der jemanden kennt, der in Berlin wohnt, war es mir bisher leider nicht möglich, an die Originalunterlagen heranzukommen]

    Die FDP hat den Dampfer verlassen, und Jamaika liegt nun wieder dort, wo es sich seit Jahrhunderten befindet: weit hinterm Horizont, irgendwo westlich von Madeira und den Kanaren in der Karibik. Und das ist auch gut so. Denn: was soll Jamaika in Berlin? Obwohl, vielleicht ist es doch gar nicht so gut, dass wir es nicht geschafft haben, die Flagge dieses sympathischen Inselstaats über dem Reichstag zu hissen.

    Aber der Reihe nach oder Chronologie eines Scheiterns. Da der Souverän – gemeint sind wir alle – mittlerweile vogelwild wählt, flimmerte am Abend des 24. Septembers ein Ergebnis über den Bildschirm, das allen politisch Interessierten sofort signalisierte: es wird kompliziert werden. Um 18.03 erklärten die Sozialdemokraten, dass sie das Votum selbstverständlich respektierten, für eine Neuauflage der Großen Koalition nicht zur Verfügung stünden und sich auf die harten Bänke der Opposition zurückziehen. Ein echt schnell gezogenes Fazit, ging es mir durch den Kopf, als ich erstaunt den definitiven Groko-Exit aus dem Mund von Martin Schulz vernahm. Zielte in die Richtung: Wir Sozialdemokraten haben verstanden. Schulz zog aus der krachenden Niederlage jedoch nicht den Schluss, sich vom Parteivorsitz zu verabschieden. Soweit reichte sein Verständnis dann doch nicht.

    Die AfD darf dieses Mal noch nicht mitspielen, also lief die Entwicklung bereits am Wahlabend auf Koalitionsverhandlungen in der Farbkombi Schwarz, Grün, Gelb hinaus. Keiner der Beteiligten schien darauf richtig große Lust zu verspüren. Die Kanzlerin richtete deshalb in der 20-Uhr-Elefantenrunde die Bitte an ihren unterlegenen Kontrahenten, sein 18.03-Njet nochmal zu überschlafen. Vergeblich, die SPD blieb stur: Wir gehen in die Opposition. „Wat will’ste da jroß machen?“, fragt sich in so einem Fall der Rheinländer und schwenkt um zu Plan B: Jamaika. Das werden muntere Gespräche, zäh, lang andauernd, aber vielleicht wird am Ende doch was Vernünftiges bei rauskommen, überlegten die potenziellen Delegationsteilnehmer, bevor …: ja, bevor was geschah? Es passierte nämlich einige Wochen lang gar nichts. Die beiden in treuer Hassliebe verbandelten Unionsschwestern mussten sich erstmal intern finden, dann sollte bloß nichts Falsches gesagt oder getan werden, bevor die Niedersachsenwahl unter Dach und Fach gebracht worden war. Und so verstrich wertvolle Zeit, die Gunst des zügigen Beginns wurde vertan, die Skepsis der Teilnehmer – vor allem bei FDP und CSU – wuchs täglich an. Und noch war kein einziges Wort miteinander gewechselt worden.
    Zwischenfazit 1: Ouvertüre vermasselt.

    Am 18. Oktober starteten endlich die Sondierungsgespräche. Die sind den Koalitionsverhandlungen vorgeschaltet, dienen dem gegenseitigen Beschnuppern und dem Abstecken der Claims. Sowas wie die ersten 15 Minuten beim Date: Ich mag dich, kann mir vorstellen, gemeinsam mit dir ins Bett zu gehen oder: sorry, du bist doch nicht mein Typ. Könnte an einem Tag erledigt sein. Aus Gründen, die in unserem Naturell begründet sein müssen, dauerte dieser Warm-up jedoch viereinhalb Wochen. Die typisch deutsche Vorgehensweise, alles minutiös zu organisieren, Gruppen, Untergruppen und Spezialgruppen zu bilden und jeden gesprochenen Satz haarklein zu protokollieren und ihn abends zurück in der Parteizentrale ein weiteres Mal mit Referenten und Kollegen durchzukauen. Um dann am Morgen darauf Bedenken anzumelden, weil der Lektor ein paar Kommafehler entdeckt hat. In solch einer arbeitsdurchtränkten Atmosphäre ist es natürlich schwierig, sich auf das zu konzentrieren, worum es in Phase 1 eigentlich primär gehen sollte: Vertrauen zu- und Gefallen aneinander finden. Selbst der ausdauerndste Verhandler wird müde und gereizt, wenn er nur millimeterweise Fortschritte registriert in dem Wissen, dass er das alles in den richtigen (Koalitions-) Verhandlungen erneut durchdeklinieren muss.
    Zwischenfazit 2: ungenügende Teambuilding-Maßnahmen.

    Die drei dicksten Brocken bestanden in: (1) Migration/ Flüchtlingsfrage, (2) Klima/ Energiepolitik und (3) Finanzen/ Steuern/ Solidarzuschlag. Hier war klar, dass alle Beteiligten sich bewegen mussten, um in den Bereich der gemeinsamen Schnittmengen zu gelangen. Anstatt die Manövriermassen und roten Linien in den Wochen zwischen BTW und Niedersachsenwahl zu definieren, loteten die Parteien ihre Schmerzgrenzen wohl erst im Verlauf der Sondierungen aus, was ein zähes Ringen um jedes Detail zur Folge hatte. Mitunter wurden ausgehandelte Kompromisse am Tag darauf wieder einkassiert und mit dem Gefeilsche von vorne begonnen. Einige Teilnehmer gaben tägliche Wasserstandsmeldungen ab, andere twitterten munter aus den Tagungsräumen. Die Presse wurde über Dinge informiert, die vorher von den Delegationen als vertraulich eingestuft worden waren. Diskretion schien für manche ein Fremdwort zu sein. Kein Wunder, dass die Nerven nach spätestens 14 Tagen zum Reißen gespannt waren, und viele lieber schnell weg als weiter bleiben wollten.
    Zwischenfazit 3: Es wurde zu lange und mit zu wenigen Spielregeln sondiert.

    In der Nacht vom 19. auf den 20. November lässt die FDP die Gespräche platzen. Großer Auftritt von Lindner und Kubicki vor laufenden Kameras kombiniert mit einem prägnanten Spruch: Besser nicht regieren, als falsch regieren. Zurück bleiben eine konsternierte Union und verblüffte Grüne. Am Morgen darauf werden wir mit Erklärungsversuchen und Schuldzuweisungen überflutet: „Es war kein Entgegenkommen der anderen erkennbar“, „das zukünftige Regierungsprogramm hätte einzig schwarze und grüne – jedoch keine gelbe – Tinte enthalten“, „wir waren Lichtjahre von einem tragfähigen Zukunftsprogramm entfernt“, so die Liberalen. Während CDU/ CSU und die Grünen betonen: „Eine Einigung lag greifbar vor uns. Es fehlten einzig ein paar Stunden, um weißen Rauch aufsteigen zu lassen“ und: „Wir sind der FDP in so vielen Punkten entgegengekommen“. Schnell reden die einen von Dolchstoßlegende und die anderen von einer seit langem geplanten Exit-Inszenierung. Die Wahrheit findet man vermutlich irgendwo in der Mitte: Weder stapelten sich am Sonntagabend unterschriftsreife Dokumente auf dem Tisch, noch schien das Durchhauen des Knotens zu einem späteren Zeitpunkt unmöglich. Als 08/15-Zuschauer des Spektakels gewann man den Eindruck, dass Lindner und Kubicki schlichtweg keine Lust mehr auf die Nonstop-Party verspürten und sich endlich ausschlafen wollten. Und wie prinzipientreu alle plötzlich sind. Die FDP, da sie die Interessen ihrer Wähler nicht verrät, die Grünen, weil sie viele Forderungen durchgesetzt haben, die CSU hat sowieso immer Recht, und die CDU behält stets das Wohl des Landes im Auge.
    Zwischenfazit 4: Alle vier beteiligten Parteien weben nun an ihren eigenen Legenden.

    Die Reise nach Jamaika ist zu Ende. Am Zwischenstopp baden-württembergische Landesvertretung ging ein wichtiger Teil der Mannschaft von Deck, und der Dampfer muss zurück ins Trockendock. Einerseits okay. Wer nicht mitfahren möchte, löst eben kein Ticket für die vierjährige Kreuzfahrt. Tut die SPD ja auch nicht, und AfD und Linke werden gar nicht erst an Bord gebeten. Andererseits stellen sich jedoch ein paar Fragen zum missglückten Probelauf: Weshalb dauerte es viereinhalb Wochen, um festzustellen, dass weder die Inhalte noch die Chemie für eine gemeinsame Regierung taugen? Kann man sowas nicht wesentlich schneller bemerken? Warum war es nicht möglich, gemeinsame Berührungspunkte zu finden? Alle vier beteiligten Parteien verstehen sich als Vertreter der bürgerlichen Mitte. Und die sind nicht in der Lage, Kompromisslinien auszuhandeln? Oh weh! Welche Dämonen trieben Lindner und Kubicki dazu, den Versammlungsort nahezu fluchtartig zu verlassen? Weil eine – selbst gesetzte – Deadline verstrichen war? Hätte dieser Rückzug nicht in geordneteren Bahnen ablaufen können? Falls keinerlei liberale Handschrift in den Dokumenten zu erkennen war: Was um Himmelswillen haben die FDP-Vertreter da die ganze Zeit getrieben? Videospiele auf ihren Tablets gezockt, anstatt sich an den Diskussionen zu beteiligen? Fragen über Fragen.
    Zwischenfazit 5: Der Wille, sich zu einigen, war von Anfang an schwach ausgeprägt.

    Was für Auswirkungen hat das Scheitern? Es zeigt dem Bürger, dass Dreier- bzw. Viererkoalitionen auf Bundesebene zur Zeit noch nicht möglich sind. Es demonstriert des Weiteren den Egoismus der Parteien: Erst die Wünsche der eigenen Wähler befriedigen, bevor an das Land gedacht wird. Klar galt es für alle Beteiligten, Schmerzgrenzen vor allem bei Migration, Klima und Steuern zu überwinden. Schwierig, aber nicht unmöglich. Ob nun zehn oder fünfzehn Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, die Obergrenze der Flüchtlinge fix ist oder einen atmenden Deckel erhält, der Soli bereits in dieser oder erst in der nächsten Legislaturperiode abgeschafft wird: Darüber hätte man sich einigen können, wenn man denn gewollt hätte. Und das eigentlich Fatale: Es entsteht der Eindruck, dass einige Teilnehmer lieber auf Neuwahlen spekulieren, als sich auf die steinige Koalitionsarbeit einlassen zu wollen. Eventuell  – und das wäre der Worst case – beschleicht den Wähler das Gefühl, dass mit den altvertrauten Fraktionen Stillstand und Unregierbarkeit drohen. Was in der Konsequenz zu einem Erstarken der extremen Ränder führt.

    Dem Bundespräsidenten ist deshalb zuzustimmen, wenn er sagt: „Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt, der darf sich nicht drücken, wenn er sie in den Händen hält“. Ob seine klugen Worte bei den adressierten Parteiführern Gehör finden, ist – Stand Mittwochmittag – völlig ungewiss, darf aber bezweifelt werden.

    Fazit: das Platzenlassen von Jamaika war keine notwendige Heldentat, sondern ein Bärendienst an unserer Demokratie. Zumindest wenn man sich eine Regierung mit stabiler Mehrheit im Parlament wünscht.

  • Pippi und der Negerkönig

    Pippi und der Negerkönig

    Nachträgliche Revision von kritischen Formulierungen in Kinderbüchern: Zensur oder notwendige Korrektur?

    „Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!“, pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. „Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich Negerprinzessin.“
    Pippi in Taka-Tuka-Land (1948)

    Wer spontan Lust auf eine lange und kontroverse Diskussion verspürt, der braucht in Facebook bloß die Frage zu stellen, ob alte Begriffe wie Neger, Mohr und Zigeuner aus unserem Sprachschatz eliminiert werden sollen. In wenigen Minuten ist der digitale Teufel los. Die Gemüter erhitzen sich schneller als ein Cerankochfeld auf Stufe 12, die Tastaturen laufen heiß. Die Standpunkte reichen von „ich lasse mir doch den Mund nicht verbieten“, „das ist Gehirnwäsche“ über „es hängt vom Kontext ab“ bis hin zu „ihr seid alle Sprachfaschisten“. Da kommen binnen weniger Stunden schon mal vier-, fünfhundert Kommentare zusammen.

    Falls man es bereits als vergebliche Liebesmühe ansieht, seine Zeitgenossen davon überzeugen zu wollen, in der Kantine eine Portion Schweinefleisch mit Paprikasoße statt eines Zigeunerschnitzels zu bestellen, oder Schaumkuss für Mohrenkopf zu sagen, dürfte man sich an das Thema „nachträgliche Textkorrektur“  gar nicht erst heranwagen. Denn hier drohen sofort Keulen wie Zensur, „Kunst darf niemals von Fremden angetastet werden“ und „Orwells Neusprech lässt grüßen“. Trotzdem soll in dieser Kolumne der Versuch unternommen werden, Pro & Contra-Argumente zur Revision kritischer Begriffe in KINDERbüchern gegenüberzustellen und zu einer vernünftigen Vorgehensweise zu gelangen.

    N- und Z-Worte waren nie neutral

    Zuerst muss allerdings mit einem Irrglauben aufgeräumt werden: Neger, Mohr und Zigeuner waren im Deutschen NIE neutral oder gar positiv besetzt gewesen. So leitet sich Neger zwar – über die Zwischenstationen negro und nègre – vom lateinischen Adjektiv niger (schwarz) ab, zielt also bei oberflächlicher Betrachtung einzig auf die Hautfarbe. Erfunden wurde der Ausdruck im 16ten Jahrhundert und diente als Produktbezeichnung für Menschen, die von Westafrika verschleppt und in die neuen amerikanischen Kolonien verkauft wurden. Neger war also ein Synonym für Sklave. Diesen Zusammenhang kannten die Deutschen, als sie den Begriff mit ein paar Jahrzehnten Verspätung von den Franzosen übernahmen und die ältere Vokabel Mohr dafür über Bord warfen. Mohr wiederum geht auf die Wurzeln moros (altgriechisch = töricht, dumm) und maurus (lateinisch = schwarz, dunkel) zurück, was in der Kombination der beiden Eigenschaftsworte einen stark abwertenden Beigeschmack erhält und in der Konsequenz dazu führte, Schwarze vor allem als Diener ihrer weißen Herren zu betrachten. Die genaue Herkunft von Zigeuner ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Die seit Mitte des 19ten Jahrhunderts betriebene – auf völlig irrigen Annahmen beruhende – und achtzig Jahre später von den Nationalsozialisten in barbarische Ausrottungsorgien umgesetzte Rassenlehre bedeutete den endgültigen Todesstoß für die oben genannten, diskriminierenden Kennzeichnungen. Sollte man meinen. Dem war aber nicht so. Es dauerte weitere dreißig Jahre, bis endlich eine flächendeckende Sensibilisierung für diese Problematik eintrat.

    Denn – und das ist wichtig und entscheidend –: schwarze Menschen möchten nicht als Neger und Mohren tituliert und Sinti & Roma keinesfalls als Zigeuner verunglimpft werden. Tun wir es dennoch, obwohl wir um die negative Konnotation der Worte wissen, reden wir in diskriminierender Weise. Die Argumente, „das haben wir immer schon so gesagt“ und „ich sag’s zwar, meine es aber nicht böse“, ziehen nicht bei Ausdrücken, deren herabsetzende  Zielrichtung seit Jahrzehnten klar erkannt und benannt ist.  Da hilft auch nicht, irgendeinen nebulösen Kontext bemühen zu wollen.

    Wenn also unsere Großeltern noch nach Kriegsende die Vokabeln Neger und Zigeuner in den Mund nahmen, war ihnen durchaus bewusst, dass sie sich unkorrekt ausdrückten. Es ist ein frommes Märchen, dass ihnen keine freundlicheren Beschreibungen zur Verfügung gestanden hätten. Afrikaner und Schwarzer waren auch damals schon als Synonyme im Umlauf. Sobald Oma und Opa von Neger sprachen, dann meinten sie es latent abwertend. Es herrschte bis weit in die 70er Jahre die Denkweise vor: „Schau, was aus den ehemaligen Kolonien geworden ist, seitdem die Neger auf sich alleine gestellt sind. Nichts außer Tohuwabohu und Mord und Totschlag“. Insofern jedoch bereits meiner Großmutter halbwegs klar war, dass man das N-Wort besser nicht sagen sollte, um wie viel schwerer wirkt der Gebrauch wider besseren Wissens in Blickrichtung auf Autoren, denen diese Formulierung ja nicht spontan im Verlauf einer Konversation herausrutschte, sondern die alle Zeit der Welt besaßen, sich über die von ihnen fabrizierten Sätze Gedanken zu machen? Der Vorwurf des Rassismus ist bei Lindgren, Preußler, Ende – um nur drei prominente Beispiele aufzuzählen – sicher etliche Nummern zu hoch gegriffen. Kinderbuchschreiber, die Neger, Negerlein, Mohren und Zigeuner in ihre Geschichten integrieren, müssen sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, fahrlässig mit diesen Worten hantiert zu haben. Speziell Negerlein – für das kein Pendant bei anderen Hautfarben existiert – erweckt in mir die Assoziation nach putzigen Haustieren. Sie tanzen, trommeln, pfeifen immer gerne die Negerlein in ihren bunten Baströckchen und sind dabei so erfrischend natürlich, was nichts anderes als naiv bedeutet. Während die weißen Helden der Geschichten stets klug, abenteuerlustig und mutig gezeichnet werden.

    Nachträgliche Anpassung: pro & contra

    So weit, so gut bzw. schlecht. Wie soll nun ein Verlag im Jahre 2017 bei der Neuauflage von Taka-Tuka-Land verfahren? Die mittlerweile indizierten Wendungen unangetastet lassen oder durch politisch korrekte Termini ersetzen? An dieser Stelle muss mit einem weiteren Mythos aufgeräumt werden: Neubearbeitungen von Texten gab es immer schon. Wie oft sind Altes und Neues Testament in verschiedene Sprachen übersetzt und der Wortlaut dem jeweils geltenden Sprachgebrauch angepasst worden? Wer will schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sämtliche ausländischen Romane eins zu eins ins Deutsche übertragen wurden und werden? Wie viel Gestaltungsspielraum genießt eigentlich ein Übersetzer? Wie häufig kommt es vor, dass Filmhelden in der synchronisierten Fassung andere Sätze in den Mund gelegt werden, als sie sie im Original von sich geben? Sehr oft!

    Sören Heim erklärt dazu in seiner Kolumne Politische Korrektheit – in Literatur immer fehl am Platz? (Okt. 2015):

    Schauen wir lieber darauf, was die Bearbeitung mit dem Werk macht, ob sie es verbessert, bereichert, ihm etwas wegnimmt, oder ob sie es kaum berührt.

    Solange frühere Versionen nicht unzugänglich gemacht werden, ist gegen künstlerische Bearbeitungen auch im Sinne politisch korrekter Vorstellungen nichts einzuwenden. Nur wäre die Diskussion darüber, ob das Werk dadurch gewinnt oder verliert, nicht mit einem Tabu zu belegen.

    Preußler zeigte sich kompromissbereit, Lindgren blieb bis zum Tod stur, Ende war zu Lebzeiten nicht mehr gefragt worden. Trotzdem wurde der Negerkönig in Taka-Tuka-Land nachträglich in Südseekönig abgewandelt. Die Beibehaltung des Negers in Jim Knopf hingegen soll gemäß Erklärung des Verlags dazu dienen, den so redenden Fotografen Ärmel als Besserwisser darzustellen.

    Auch wenn ich künstlerische Freiheit als hohes und schützenswertes Gut erachte, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass sämtliche Literatur sakrosankt ist und nicht kritisch hinterfragt und in bestimmten Fällen sogar korrigiert werden darf. Welche Vorgehensweisen bieten sich an?

    (1) Gar nichts tun. Alles so lassen, wie es einst zu Papier gebracht wurde
    (2) Wie (1), jedoch einen Erklärtext voranstellen
    (3) Die Worte austauschen.

    Die Befürworter von (1) stellen sich auf den Standpunkt, dass diskriminierende Formulierungen am besten durch den vorlesenden Elternteil erklärt und mit dem zuhörenden Kind diskutiert werden. Das sei sinnvoller als reines Window dressing. Klingt plausibel, entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als fromme Absichtserklärung.  Die meisten Bücher liest man als Kind und Jugendlicher alleine und erkundigt sich auch im Nachgang nicht bei Vater und Mutter, ob bestimmte Vokabeln vom Autor richtig oder falsch eingesetzt wurden. (2) ist eine Totgeburt. Denn – Hand aufs Herz – wer studiert schon ein Vorwort oder gar eine Gebrauchsanweisung fürs korrekte Verständnis eines Textes? Niemand! Dann also doch (3) Auswechseln der Begriffe?

    Ich bin da zwiegespalten. Zum einen verstehe ich den Wunsch der betroffenen Gruppen, die monierten Bezeichnungen in sämtlichen Werken zu eliminieren, frage mich aber zum anderen: wo anfangen und wo aufhören?  Was ist mit älteren Büchern? Muss der Mohr im Struwwelpeter raus, sind sämtliche Märchen von Grimm, Andersen und Hauff zu entrümpeln, soll untersucht werden, ob sich Dickens, Stevenson, Cooper, Defoe und Karl May durchgängig politisch korrekt ausdrückten? Was passiert, wenn neue kritische Wendungen auftauchen, über die sich beispielsweise Feministinnen empören? Wie soll verfahren werden, falls es sich nicht bloß um einzelne Worte, sondern um längere Textabschnitte handelt, die vom heutigen Blickwinkel aus als diskriminierend einzustufen sind? Pippis Vater als weißer Südseekönig ließ die schwarzen Insulaner für sich arbeiten und begründete so den Reichtum, von dem auch seine Tochter im weit entfernten Schweden prima leben konnte. Liegt hier nicht ein verklärendes Kolonialklischee vor? Fragen über Fragen.

    Phase 1: Konzentration auf Nachkriegsliteratur

    Bevor dem Lektor über diesem Problem graue Haare wachsen, und er aus Verzweiflung zur Flasche greifen muss – hier ein Lösungsvorschlag zur Güte: Kinderliteratur, die nach 1945 entstand, wird ausnahmslos auf den aktuell politisch korrekten Stand gebracht. Denn spätestens mit Beendigung von WK2 war klar, dass die Begriffe Neger, Mohr und Zigeuner in den Mülleimer der Geschichte gehören. Wer sie als Autor trotzdem verwendete, handelte fahrlässig. Bei älteren Werken kann – muss aber nicht – angepasst werden. Diese Forderung gilt einzig für den Austausch einzelner Worte, nicht hingegen fürs nachträgliche Umschreiben ganzer Kapitel. Die Transformation von Neger in Insulaner berührt den Inhalt nur marginal, während das Herausnehmen der Taka-Tuka-Land-Passage die gesamte Pippi-Langstrumpf-Geschichte ad absurdum führen würde. Schulen können wertvolle flankierende Aufklärungsarbeit leisten. Zwar wird ein Kind durch das ungefilterte Lesen von diskriminierenden Bezeichnungen nicht zwangsläufig zum Rassisten; es reicht aber mMn alleine der Wunsch der betroffenen Gruppen nach Anpassung des antiquierten Vokabulars an die aktuelle Sprachregelung aus, um die nachträglichen Korrekturen zu rechtfertigen.  Die künstlerische Freiheit eines Kinderbuches endet dort, wo sich Menschen berechtigterweise (!) durch die Wortwahl diskriminiert fühlen. Stellten wir uns taub, würden wir damit demonstrieren, dass uns die Anliegen von Minderheiten völlig egal sind, und wir lieber aufgrund eines falsch verstandenen Kunstbegriffs an kontaminierten Ausdrücken festhalten, als uns als Mehrheitsgesellschaft auf diese Personenkreise zuzubewegen.

    Und das hat alles nicht das Geringste mit Orwells Neusprech zu tun!!

  • Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Die USA werden im Moment von einem Opium-Tsunami (NZZ, 6. Juni 2017) überflutet. Die Auslöser für die beängstigende Zunahme auf der anderen Seite des Atlantiks sind vielfältig: von (legalen) Schmerzmitteln zu Heroin und Crack gewechselt, Synthetisierung des Stoffs, Verdrängungs- und Preiswettbewerb der Anbieter, Internet als neuer Verkaufskanal, Flucht in den Rauschzustand, um dem Elend des Alltags zu entkommen. Donald Trump hat deshalb vor einigen Tagen die akute Drogenkrise zum nationalen Gesundheitsnotstand erklärt. „2016 sind 64.000 Amerikaner an einer Überdosis gestorben; das sind mehr, als im Vietnam- und in den beiden Irak-Kriegen zusammen gefallen sind“ (FAZ vom 10. Nov. 2017). In den Vereinigten Staaten reift langsam die Erkenntnis, dass der 1972 vom damaligen Präsidenten Nixon ausgerufene War on Drugs mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu gewinnen ist. In einigen Bundesstaaten ist der Konsum von Marihuana mittlerweile straffrei.

    Wie sieht die Lage in Deutschland aus? Bei uns oszillieren die Zahlen der Drogenopfer seit Jahren zwischen den Werten 1000 und 1300 (hierin circa 70% Opiatmissbrauch). Tote aufgrund Cannabiskonsums: 0. Zum Vergleich Alkohol in Kombination mit Tabak: 75.000 (hierin 30-50% durch Alkohol alleine), Tabak: 120.000. Die Anzahl der Alkoholkranken übersteigt die der Opiatabhängigen um ein Vielfaches.

    Drogenbeauftragte stellt sich taub

    Cannabis scheint also kein allzu großes Problem darzustellen, könnte man meinen. Dann lasst die Kiffer doch friedlich an ihren Joints nuckeln. Wozu muss die Polizei ausrücken, wenn es irgendwo leicht nach schwarzem Afghanen riecht? Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) stellt sich jedoch quer: „Es muss endlich Schluss sein mit der Lifestyle-getriebenen Legalisierungsdebatte, mit der die Gefahren des Kiffens permanent heruntergespielt werden … von keiner anderen Droge sind hierzulande so viele Menschen abhängig, keine andere füllt derart Suchtkliniken und Therapieeinrichtungen. Cannabis ist alles andere als ein harmloses Suchtmittel.“ (Tagesspiegel vom 18. Aug. 2017).

    Mit dieser Äußerung beweist Mortler, dass sie entweder noch nie eine Suchtklinik von innen gesehen hat oder gar mit falschen Angaben operiert. Denn die weit überwiegende Anzahl der Patienten in stationären Einrichtungen sind Alkoholiker. Mit (großem) Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatabhängigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten an.

    Wenn schon die nationale Drogenbeauftragte so spricht, verwundert es nicht, dass die Regierung weiterhin am restriktiven Kurs des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) von 1981 (Neubekanntmachung: 1994) festhält, in dem Erwerb, Besitz, Anbau und Handel von illegalen Substanzen verboten und strafbewehrt sind. Das BKA verzeichnete im vergangenen Jahr in seiner Statistik 300.000 registrierte Drogendelikte, darin häufig Pillepalle wie ein paar Krümel Hasch in der linken Hosentasche.

    Juristen machen Front gegen das verstaubte Gesetz

    Mittlerweile zweifeln allerdings immer mehr Experten die Wirksamkeit der Kriminalisierung von Konsum und Handel an und empfehlen eine Verlagerung vom strafrechtlichen in den medizinischen Bereich. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Schildower Kreis – einem informellen Zusammenschluss deutscher Strafrechtsprofessoren – zu, der in einer Resolution an die Abgeordneten des Bundestags im November 2013 ausführt:

    … zeigt sich weltweit die Erfolglosigkeit strafrechtlicher Bekämpfung von Drogennachfrage und -angebot

    Demgegenüber zeigen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Gefährdungen durch bislang illegale Drogen ebenso wie solche durch Medikamente und Alkohol besser durch gesundheitsrechtliche Regulierung … zu bewältigen wären.

    Die Strafrechtler fordern die Einsetzung einer Enquête-Kommission zum Thema Reformierung des BtMGs, auf die Mortler zuletzt im Oktober 2017 – nachdem bereits vier Jahre verstrichen waren – wie folgt reagierte: „Die Diskussion muss beendet werden, weil sie zur Verharmlosung des Drogenkonsums beiträgt. … Wir sagen: Es gibt so viele Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Konsumverbot von Cannabis, und es gibt so wenig einfache Lösungen, dass wir eine konzertierte Aktion im Sinne einer Enquête-Kommission brauchen, um einen Konsens herzustellen.“ (ZEIT-Online vom  28.10.17). Getan hat sich bisher jedoch Nullkommanichts. Drogenbeauftragte und Regierung spielen auf Zeit.

    In Heinrich Schmitz sehr lesenswertem Beitrag „Legalize it – Kiffen in Deutschland (Dez. 2015)“ gibt mein hochgeschätzter Mitkolumnist, der im realen Leben als Strafverteidiger seine Brötchen verdient, zu bedenken:

    Bei den Drogenkonsumenten ist der Begriff des Kriminellen allerdings völlig daneben. Insbesondere bei den Kiffern … könnte ich beim besten Willen nicht erklären, weshalb das Kriminelle sein sollten. Die tun ja keinem was und nehmen auch keinem was weg.

    Das Strafrecht dient dem Rechtsgüterschutz … aber welches Rechtsgut wird dadurch geschützt, dass man den Kiffern ihren Joint verbietet?

    Einfach irgendwas verbieten, weil es ihm Spaß macht, darf also auch der Gesetzgeber nicht.

    Hierzu das Bundesverfassungsgericht in seiner Cannabis-Entscheidung von 1994:

    Der Gesetzgeber verfolgt mit dem derzeit geltenden Betäubungsmittelgesetz ebenso wie mit dessen Vorläufern den Zweck, die menschliche Gesundheit sowohl des Einzelnen wie der Bevölkerung im Ganzen vor den von Betäubungsmitteln ausgehenden Gefahren zu schützen und die Bevölkerung, vor allem Jugendliche, vor Abhängigkeit von Betäubungsmitteln zu bewahren.

    Schmitz kontert:

    Aufgrund von Art. 2 GG steht es jedem Menschen frei, seine Gesundheit zu schädigen. Der Staat ist nicht Herr meiner Gesundheit.

    Entkriminalisierung: Pro & Contra

    Ich unterschreibe jeden seiner Sätze, will aber in dieser Kolumne noch einen Schritt weitergehen: wir müssen nicht nur Marihuana endlich legalisieren, sondern SÄMTLICHE (bisher als illegal deklarierten) Drogen entkriminalisieren. Es kann einfach nicht sein, dass ein aufgrund von in fahrlässiger Menge vom Hausarzt verschriebener Schmerzmittel im Lauf der Jahre opiatabhängig gewordener Mensch nun 24/7 mit einem Bein im Knast steht, bloß weil sein Körper ständig Nachschub verlangt. Weshalb muss ein Gelegenheitskonsument von Koks oder Ecstasy befürchten, hops genommen zu werden, wenn er mal 48 Stunden am Stück wachbleiben möchte? Welcher Dritte wird geschädigt, wenn sich ein Student einen Joint reinzieht? Warum will mich der Staat qua Strafandrohung vor den schädlichen Auswirkungen von THC und Opium schützen, während er das bei Alkohol und Tabak nicht tut? Weshalb stellt mein Konsum überhaupt ein strafrechtliches – und kein medizinisch-therapeutisches – Problem dar?

    Nach den negativen Erfahrungen, die die USA mit der (Alkohol-) Prohibition, die dort in den Jahren von 1919 bis 33 herrschte, gesammelt hatten, hätte man in Blickrichtung auf die kriminellen Konsequenzen, die Total-Verbote nach sich ziehen, eigentlich klüger werden müssen. Die im  Schildower Kreis organisierten Strafrechtsprofessoren stellen in diesem Zusammenhang fünf Kernthesen auf:

    (1) Mit der Drogenprohibition gibt der Staat seine Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf: die überwiegende Zahl der Drogenkonsumenten lebt ein normales Leben. Selbst abhängige Konsumenten bleiben oftmals sozial integriert.
    (2) Der Zweck der Prohibition wird systematisch verfehlt: Prohibition soll den schädlichen Konsum bestimmter Drogen verhindern. Tatsächlich kann sie dieses Ziel nicht erreichen … sie schreckt zwar einige Menschen ab, verhindert aber Aufklärung und vergrößert gleichzeitig dramatisch die gesundheitlichen und sozialen Schäden für diejenigen, die nicht abstinent leben wollen. Selbst in totalitären Regimen und Strafanstalten kann Konsum nicht verhindert werden.
    (3) Die Prohibition ist schädlich für die Gesellschaft: sie fördert die organisierte Kriminalität und den Schwarzmarkt. Sie schränkt Bürgerrechte ein und korrumpiert den Rechtsstaat …
    (4) Die Prohibition ist unverhältnismäßig kostspielig: jedes Jahr werden Milliardenbeträge für die Strafverfolgung aufgewendet, welche sinnvoller für Prävention und Gesundheitsfürsorge eingesetzt werden könnten. Der Staat verzichtet auf Steuereinnahmen, die er bei einem legalen Angebot hätte.
    (5) Die Prohibition ist schädlich für die Konsumenten: sie werden diskriminiert, strafrechtlich verfolgt und in kriminelle Karrieren getrieben … normales jugendliches Experimentierverhalten wird kriminalisiert und das Erlernen von Drogenmündigkeit erschwert.

    Die Befürworter der harten Gangart führen drei Hauptargumente gegen die Entkriminalisierung ins Feld:
    (A) Der Konsum von weichen Drogen führt unweigerlich in die Kokain- und Opiatabhängigkeit
    (B) Der heutige THC-Gehalt ist höher – und damit gesundheitsschädigender – als vor dreißig Jahren
    (C) Die Freigabe bedeutet eine Ausweitung des Konsums.

    zu:
    (A) ist ein Schauermärchen. Die Korrelation zwischen Marihuana und Opiaten liegt im kleinen einstelligen Prozentbereich. Eher steigt man von Alkopops auf Wodka als von einem Joint auf Heroin um
    (B) trifft – v.a. bei Indoor-Produkten – zu; ist aber kein Grund, dem Käufer mit Strafe zu drohen. Er schädigt seine eigene Gesundheit; nicht die eines Dritten
    (C) die Erfahrungen in Ländern mit liberaler Drogenpolitik (z.B. Niederlande, Schweiz, Spanien, Portugal, Uruguay, einige US-Bundesstaaten) haben kein Ansteigen des Konsums – oder gar der krankhaften Abhängigkeit – aufgrund der Legalisierung gezeigt.

    Legalisierung: jetzt!

    Die Schildower gelangen deshalb zu dem Ergebnis: Menschen mit problematischem Suchtverhalten brauchen Hilfe. Die Strafverfolgung hat für sie und alle anderen nur negative Folgen … der Staat darf die Bürger durch die Drogenpolitik nicht schädigen.

    Es muss also darauf gehofft werden, dass die in den nächsten Wochen in Berlin zusammenfindende neue Koalition endlich Ernst macht mit der Ankündigung, das antiquierte BtMG einer dringenden Revision zu unterziehen und dabei als erste Sofortmaßnahme das Kiffen straffrei zu stellen, bevor in weiteren Schritten der Konsum sämtlicher Substanzen legalisiert wird. Runter vom strafrechtlichen Kopf auf die medizinisch-therapeutischen Füße, wo die, Gesundheit und Wohlbefinden des Einzelnen betreffenden Angelegenheiten definitiv besser aufgehoben sind als bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

    Das Schlusswort gebührt Heinrich Schmitz:

    Es ist höchste Zeit, dass dieses unsinnige und schädliche Gesetz in Rauch aufgeht.

    Dem ist von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

    Weiterführende Literatur:
    // Schildower Kreis: Resolution deutscher Strafrechtsprofessorinnen und -professoren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages (Nov. 2013)
    // Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Jahrbuch Sucht
    // Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und Suchtbericht
    // UNODC: zahlreiche Untersuchungen. U.a. 100 years of drug control (2009)
    // WHO: u.a. zur Entkriminalisierung von harten Drogen, um HIV-Ansteckungen zu reduzieren (2014)

  • Die Magie des ersten Satzes

    Die Magie des ersten Satzes

    Nachdem Sören Heims Beitrag „Die Austreibung der Schönheit“, in der er die Reduktion der Sprache auf die reine Informationsvermittlung beklagt, am vergangenen Wochenende auf großes Interesse bei den Lesern stieß und im Anschluss kontrovers über die optimale Länge von Sätzen und den vibrierenden Sound einzelner Textpassagen diskutiert wurde, hatte ich das Thema für meine neue Kolumne gefunden: die Magie des ersten Satzes.

    Vor einigen Jahren trieb ich mich mehr in Autorenforen als in Facebook rum. Dort stellen Nachwuchs- und Hobbyschriftsteller Kurzgeschichten und Gedichte vor und lassen ihre (Mach-) Werke von anderen Usern beurteilen. Gibt dabei Rechtschreibungs-, Grammatik-, Füllwort-, Inhalts-, Logik- und Spannungsexperten. Die Bandbreite der Bewertungen reicht von „Super. Du findest bestimmt einen Verlag“ über „noch bist du nicht so weit. Stete Übung macht den Meister“ bis hin zu „kompletter Schrott“ oder „tu uns bitte allen einen Gefallen und lade keine neuen Stories von dir hoch“. Ein harter, teils grausamer, aber unterm Strich lehrreicher Ausleseprozess. Neben den beiden Hauptrubriken Prosa und Lyrik existiert ein weiterer Bereich: Kreatives Schreiben. Hier wird so spannenden Fragen wie „Kann mir jemand dabei helfen, eine Fantasywelt zu entwickeln?“ oder „Wie viele Wörter hast du heute aufs Papier gebracht?“ nachgegangen. Eines Morgens stand da folgende Behauptung zu lesen: „Ich lasse mich bei der Auswahl eines Romans einzig vom ersten Satz leiten. Ist der sexy, dann kaufe ich das Buch; andernfalls stelle ich es sofort ins Regal zurück“. Daraus resultierte eine der längsten Diskussionen in dieser – an ausufernden Debatten wahrlich nicht armen – Schreibwerkstatt. Schnell standen sich zwei Lager unversöhnlich gegenüber: die Befürworter der Ausgangsthese, die sich auf die Erste-Satz-Magie versteiften und die Gegner, die die Ad-hoc-Entscheidung nicht nur für unsinnig, sondern sogar als Frontalangriff auf das Wesen der Belletristik ansahen.

    Ich gehörte anfangs zu den Opponenten, empfand die Erste-Satz-Dogmatik als engstirnig bis hin zu realitätsfremd, freundete mich jedoch im Lauf der Monate immer stärker mit der Position der Befürworter an. Ein attraktiver Einstiegssatz hat ja was. Von der Funktion her ähnelt er einem bunten Plakat, das uns zu einem Museumsbesuch überreden, einem spannenden Trailer, der mich ins Kino lotsen soll, David Beckham mit entblößtem Oberkörper, der mir ein After Shave andrehen, einer barbusigen Blondine im schummrigen Kontakthof des Bordells, die mich gleich um 200 Euro erleichtern will, der Frau, der wir nach zehn Sekunden verfallen und bereits beim ersten Date einen Heiratsantrag stellen. Bei allen fünf Beispielen wissen wir nicht, ob das Produkt den im Teaser vorgegaukelten Erwartungen entspricht. Eventuell ist der Film todlangweilig, das Rasierwasser riecht nach gegorenem Moschus, die Hure entpuppt sich im Neonlicht ihres Zimmers als alt und habgierig, die blitzgeheiratete Angebetete macht uns das Leben bis zur nächsten Scheidung richtig sauer. Trotzdem lassen wir uns oft aufgrund eines Spontaneindrucks zum Kauf animieren. Warum sollte dieses Phänomen nicht auch für Romane gelten?

    Ich durchforstete die kleine Bibliothek in meinem Wohnzimmer auf der Suche nach Büchern mit sexy Einstiegssätzen – Sätze, die sofort ins Auge springen und dem Leser suggerieren: in dieser Art wird es bis zum finalen Punkt auf der letzten Seite weitergehen – und wurde tatsächlich fündig. Im Folgenden eine Auswahl attraktiver Einleitungen. Und zwar allesamt aus Romanen, die mich derart in ihren Bann zogen, dass ich sie binnen weniger Tage und Nächte nahezu rauschartig, dabei Essen, Trinken und Körperhygiene vergessend, durchlas.

    Preisgekrönte Sätze

    Beginnen möchte ich mit einem prämierten Beispiel: „Ilsebill salzte nach“. Der Anfang des „Butt“ von Günter Grass war gemäß einem im Jahre 2007 gefällten Urteil der Experten von Initiative Deutsche Sprache sowie Stiftung Lesen der schönste Einstiegssatz der deutschsprachigen Literatur. Und ich fragte mich damals – und tue es heute noch – warum? Was um Himmelswillen ist an diesem Satz attraktiv, abgesehen davon, dass er leicht verständlich ist? Ich finde ihn komplett fade. Was übrigens für den gesamten „Butt“ gilt, weshalb ich ihn damals nach dreißig Seiten wieder beiseite legte. Großartig hingegen Kafkas Start in „Die Verwandlung“: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Belegte aus Gründen, die niemand außer den oben genannten Fachleuten kennt, nur Rang 2. Vielleicht weil Grass damals noch lebte, Kafka jedoch schon lange tot war. Auf Platz 3 landete Siegfried Lenz: „Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging.“ (So zärtlich war Suleyken). Ganz okay, aber sexy geht anders.

    Aus meinem Bücherregal gegriffen

    Nun aber endlich zu den Romanen in meinem Bücherregal.

    Während ich schreibe, bricht die Dunkelheit herein, und die Leute gehen zum Abendessen.
    Henry Miller: Stille Tage in Clichy

    Leicht melancholischer Start in einen kurzen Roman, 1956 in der englischen Originalfassung „Quiet days in Clichy“ erschienen. Spielt im Paris des Jahres 1933. Die Geschichte erzählt von den schriftstellernden Bohemiens Carl und Joey, die ein ausschweifendes Leben führen. Ihr weniges Geld geben sie am liebsten für Nutten und Partys aus. Gilt als Meilenstein der erotischen Literatur. Aufgrund des teils pornografischen Inhalts in den USA erst 1965 und in Deutschland 1968 veröffentlicht.

    Dieses schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa – nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig –, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde; sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.
    Mika Waltari: Sinuhe der Ägypter (1948)

    DER Ägyptenroman schlechthin. Erzählt vom Leben des Arztes Sinuhe, der, aus bescheidenen Verhältnissen stammend, bis zum Leibarzt des Ketzer-Pharaos Echnaton aufsteigt, bevor er von den Amun-Priestern den Auftrag erhält, den König zu vergiften. Verbittert zieht er sich in die Einsamkeit der Wüste zurück und kritzelt dort in jahrelanger Arbeit seine Geschichte auf hunderte Papyrusrollen.

    Achtzig Jahre nach dem Tod ihres Propheten Mohammed hatten die Moslems ein Weltreich aufgebaut, welches sich von der indischen Grenze ununterbrochen durch Asien und Afrika die südlichen Gestade des Mittelmeers entlang bis zur Küste des Atlantischen Ozeans dehnte.
    Lion Feuchtwanger: Die Jüdin von Toledo (1955)

    Von den vielen guten historischen Romanen Feuchtwangers sticht die Jüdin von Toledo wegen der bittersüßen Love Story, die sich zwischen Raquel und dem kastilischen König Alfonso entwickelt, nochmals heraus. Als Raquel vom wütenden Mob erschlagen wird, wandelt sich der trauernde Herrscher vom Kriegsherrn zum friedliebenden Landesvater.

    Der Knabe war klein, die Berge waren ungeheuer.

    So startet Heinrich Mann in das Epos Die Jugend des Königs Henri Quatre. Erzählt wird in zwei Bänden (Nr.2.: Die Vollendung des Königs Henri IV) der Werdegang des Herzogs von Bourbon, der als Protestant im letzten Viertel des 16ten Jahrhunderts auf den französischen Thron gelangen will. Diesen kann er jedoch erst besteigen, als er zum Katholizismus konvertiert. Seine Einsicht, „Paris ist eine Messe wert“, wird auch heute noch zitiert, wenn man eine überraschende 180-Grad-Kehrtwende in Angelegenheiten der Politik und des Glaubens mit einem Bonmot umschreiben möchte. Erschienen 1935.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt.
    Charles Bukowski: Das Liebesleben der Hyäne (1978)

    „Was Sie schreiben, ist so roh und direkt. Wie ein Schlag mit dem Hammer auf den Kopf. Und doch steckt so viel Humor und Zärtlichkeit dahinter“, sagte die Kritikerin, als sie den Roman studiert hatte.
    „Yeah“, antwortete Bukowski.

    Der Morgen dämmerte. Der große Caddy schoss durch die Straßen der Stadt. Meine fünf Huren schnatterten wie eine Horde betrunkener Affen.
    Iceberg Slim: Pimp

    Hier ausnahmsweise drei Sätze. Icebergs Slims – im Gefängnis getippte – Lebensbeichte. Die ungeschminkte, grausame Story eines Zuhälters, der seine Mädchen auf den Straßenstrich schickt. Veröffentlicht 1969; diente als Vorlage für zahlreiche Rap- und Hip-Hop-Texte.

    Mein Chef sagte mir: „Ich behalte Sie nur aus Rücksicht auf Ihren ehrenwerten Herrn Vater, sonst wären Sie schon längst hinausgeflogen.“
    Anton Tschechow: Der Taugenichts (1890)

    Eine der vielen schönen Novellen Tschechows, in denen er die Flucht eines Sohns aus gutbürgerlicher Familie aufs Land schildert. Als er glaubt, endlich alle einengenden Konventionen hinter sich gelassen zu haben, verlässt ihn seine Frau, und er kehrt reumütig in die Stadt zurück.

    Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch.
    Aldous Huxley: Schöne neue Welt (1932)

    Eine Wohlstandsgesellschaft im Jahre 632 nach Ford. Unruhe, Elend und Krankheit sind überwunden. Eine totalitäre Herrschaft mit einer strengen Drei-Klassen-Gesellschaft garantiert genormtes Glück. Jede Form von Individualismus wird als asozial gebrandmarkt. Eines der wenigen Pflichtbücher im Schulunterricht, das ich mit Begeisterung las.

    Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr’s genau wissen wollt.
    J.D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1951)

    Braucht man nichts weiter drüber zu sagen. Kennt jeder. Und wer von diesem Roman bisher tatsächlich noch nichts gehört hat, sollte ihn sich spätestens jetzt sofort besorgen.

    Das Städtchen Holcomb liegt auf der Weizenhochebene von West-Kansas, eine weite einsame Gegend, die selbst für die anderen Kansaner hinter dem Mond liegt.
    Truman Capote: Kaltblütig (1965)

    Beruht auf einer wahren Geschichte: eine dreiköpfige Familie wird bei einem Raubüberfall ermordet. Die zwei männlichen Täter werden schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Der Autor besucht die beiden regelmäßig in ihren Zellen, führt zahlreiche Interviews mit ihnen und begleitet sie bis zum Galgen. Aus diesen Notizen entstand der erste sogenannte Tatsachenroman der Weltgeschichte.

    Mittlerweile war klar, dass die Zeiten des Wassers vorbei waren, erinnerte sich der alte Qfwfq; die Zahl derjenigen, die sich entschlossen, den großen Schritt zu tun, wurde immer größer, es gab kaum noch eine Familie, die nicht einen ihrer Lieben auf dem Trockenen hatte, und alle erzählten sich Wunderdinge vom Leben dort und holten ihre Verwandten nach.
    Italo Calvino: Das Gedächtnis der Welten/ Bd. 1 der Cosmicomics (1965)

    Fantastische Geschichte der Entstehung des Lebens von seinen Anfängen im Ozean über die Zwischenstation Amphibien und Dinosaurier bis hin zu den ersten rattenartigen Säugern. Und immer mittendrin der unsterbliche Held mit dem unaussprechlichen Namen: Qfwfq.

    Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war … ich hatte gerade eine schwere Krankheit hinter mir, von der ich nicht groß reden will, bloß dass sie mit dem Tod meines Vaters zu tun hatte und mit dem scheußlichen Gefühl, dass alles tot war.
    Jack Kerouac: On the Road (1958)

    In der Urfassung 1951 binnen drei Wochen auf eine vierzig Meter lange Papierrolle getippt. Atemloser Bericht vom Leben eines Hobos: Natur, Drogen, Jazz und Sex bestimmen die Handlung. Ständig auf der Suche nach Glück. Freiheit, der großen Liebe und der ultimativen Party. Meilenstein der Beat-Literatur.

    Erster Satz: wichtig, aber für sich alleine nicht kaufentscheidend

    Das war nun ein Dutzend willkürlich zusammengestellter Kostproben aus meinem Bücherregal für magische erste Sätze, die den Leser mühelos in den Roman hineinziehen, und bei denen die nachfolgende Handlung qualitativ und vom Spannungsaspekt her auch das hält, was auf Seite 1 versprochen wird. Die Geschmäcker sind unterschiedlich: das was mich in Schwärmerei versetzt, bewirkt bei anderen vielleicht nur ein müdes Lächeln oder gar ein Gähnen. Es existieren tausend weitere Beispiele für attraktive Einstiege. Und natürlich stoppt auch niemand nach der ersten Zeile eines Buchs. Das Auge überfliegt eine Drittel bis halbe Seite, bevor im Gehirn die Entscheidung „weiterlesen oder weglegen“ getroffen wird. Das wissen auch die Anhänger der Sexy-Satz-These. Die Auswahl eines Romans geschieht in der Regel anhand der Kriterien: Genre, kenne ich den Autor?, ist es eine Empfehlung eines Freundes?, steht das Buch in einer Bestsellerliste?, Klappentext, Studium Seite 1 und einer zufällig ausgewählten Passage im Mittelteil. Auf diesen Parametern fußt die Kaufentscheidung. Trotzdem ist die Beschäftigung mit dem Startsatz aus Autorensicht sinnvoll. Denn falls dieser bereits mit der 08-15-Schablone fabriziert wurde, wird auch der Rest des Textes Standardware sein.

  • Wodka pur

    Wodka pur


    Illustration: Gabriele Prade
    Text: Henning Hirsch
    Basierend auf der Story: Am Stadtrand (in: Halbes Kilo Hackfleisch,
    85 Gedichte, von: Henning Hirsch, 2016)
    +++

    | Am Stadtrand
    Ich kannte Manu aus der Therapiegruppe die jeden Donnerstag
    im Westflügel der Klinik stattfand eine zierliche Person
    mit lebhaften Augen die jeden Satz
    mit einem Lachen beendete obwohl ich damals
    nicht so super drauf war denn ich verbrachte
    meine 15te oder 20ste Entgiftung in dem Laden
    ließ ich mich gerne
    von ihrer guten Laune anstecken sie sei seit sechs Monaten Abstinenzlerin
    das Nicht-Trinken eröffne ihr völlig neue Perspektiven
    und ein positives Lebensgefühl erzählte sie
    Rolf und ich gähnten denn diese Stories
    hatten wir schon tausend Mal

    gehört
    ich fragte Manu nach ihrer Telefonnummer
    und als ich nach drei Wochen endlich rauskam
    rief ich sie an
    bring Soave und Bier mit sagte sie
    vorsichtshalber packte ich am Bahnhofskiosk zusätzlich eine Flasche Wodka ein
    Manu wohnte weit draußen in einem Stadtteil
    den ich bisher nicht kannte Reihenhaus an Reihenhaus
    10qm-Vorgarten neben 10qm-Vorgarten Jägerzäune, Kiesbeete, Kirschlorbeer Hecken akkurat gestutzt
    ich wollte schon umkehren als Manu vom Balkon rief da bist du ja endlich komm hoch
    ich verdurste, empfing sie mich steckte ihre Zunge in meinen Mund zog mich in ihre Wohnung rein
    schenk mir ein Glas ein, randvoll

    Eis ist im Kühlschrank, sagte sie und verschwand im Bad
    ich trank eine Dose Bier um in Stimmung zu geraten Manu kam zurück: nackt
    trug nur noch ihre oberschenkelhohen Stiefel
    das gefiel mir
    wir vögelten ein paar Stunden in einem Riesenbett
    und ich vermutete
    dass ich an diesem Tag nicht der erste war der darin lag
    zwischendurch tankten wir und erzählten uns belanglose Klinikgeschichten Manu warf Pillen ein
    willst du welche?
    nein danke; der Wodka reicht sie wurde nun zügellos verlangte Sex ohne Atempause ich keuchte und ächzte schwitzte aus allen Poren
    mein Unterleib schmerzte
    die Bandscheiben meldeten sich

    was ist los, fragte ich
    warum bekomme ich dich nicht befriedigt? gib mir den Wein!
    sie leerte die halbe Flasche in einem Schluck und jetzt schlag mich
    was soll ich tun? mich schlagen
    ist das so schwer zu verstehen? egal wohin?
    auf die Augen, in den Bauch, auf den Mund völlig wurscht
    es muss wehtun das kann ich nicht
    wie: du kannst das nicht? jeder Mann kann das obwohl betrunken und müde begriff ich
    dass ich nicht der richtige Kerl war um Manu heute glücklich zu machen ich stand auf
    und suchte meine Klamotten zusammen was tust du?
    ich gehe
    es ist Mitten in der Nacht bin nicht ängstlich

    scher dich zum Teufel du Schlappschwanz
    wenn ich geahnt hätte, was für eine Nullnummer du bist
    wärst du hier nie reingekommen
    in der Küche standen noch zwei Dosen Bier die nahm ich als Proviant mit
    denn der Weg zurück war lang
    und um diese Uhrzeit fuhren weder Busse noch Bahnen
    vielleicht entdeckte ich ein Nachtlokal wo ich ein paar Kurze kippen konnte aber so viel Glück hat man selten.

  • Männer und Frauen sind das nackte Grauen (2)

    Männer und Frauen sind das nackte Grauen (2)

    Parshipen oder in der Kantine flirten?

    Ich gewöhnte mir beizeiten ab, nach der Traumfrau zu suchen. Ich wollte nur eine, die kein Albtraum war.
    © Charles Bukowski

    Männer und Frauen passen Null zusammen. Auf jeden Fall nicht dauerhaft und schon gar nicht, wenn sie mit 45 die zweite Scheidung und fünfte Trennung hinter sich gebracht haben. Anstatt nun das Alleinsein zu genießen und endlich ohne familiäre Störgeräusche im Beruf durchzustarten oder sich ungestört neuen Hobbys zu widmen, begeben sich 80% der Kurzzeit-Einsamen sofort wieder auf die Partnersuche. Ohne Verschnaufpause melden sie sich – zumeist auf gut gemeinte Empfehlung einer Freundin hin: »Wie lange willst du solo bleiben? Denk dran: jünger wirst du auch nicht« – in einer Singlebörse an. »Wo sonst triffst du so viele Gleichgesinnte?« Von diesen Plattformen gibt es jede Menge im Internet. Sie locken mit Gratisschnupperangeboten, ködern mit einem schier unerschöpflichen Reservoir beziehungswilliger Mitglieder, versprechen schnelle Reaktionszeiten und raschen Erfolg. »Alle elf Minuten verliebt sich ein Single in Parship«. Na super; bloß ob sich der andere reziprok verknallt: dazu wird geschwiegen.

    Die grundlegende Frage lautet: will ich mich aktiv in einem Forum ins Schaufenster stellen, oder vertraue ich lieber auf den Zufall und warte darauf, dass mir die Traumfrau/ der Märchenprinz im Sportstudio oder in der Eckkneipe über den Weg läuft? Die Meinungen sind gespalten, viele lehnen den digitalen Flirt ab, vertrauen auf die klassische Methode und baggern weiterhin die Arbeitskollegen in der Kantine an. Nicht wenige begeben sich jedoch mittlerweile in die Onlinebörsen, der Markt wächst rasant, umfasst alleine in Deutschland mittlerweile zwischen zehn und zwanzig Millionen User. Nicht alle Anbieter sind seriös, weshalb man vernünftigerweise Testergebnisse und Erfahrungsberichte studiert, bevor man sich für ein Portal entscheidet. Zur Auswahl stehen drei Kategorien:

    • Kontaktanzeigen
    • Partnervermittlungen
    • Schmuddelkram: Seitensprungportale, schnelle Sexabenteuer u.ä.

    Während es für die Kontaktanzeigen reicht, sich selber zu präsentieren, wird bei den Partnervermittlungen Wert auf den (pseudo-) wissenschaftlichen Anstrich gelegt: der Nutzer füllt einen ellenlangen Fragebogen aus, beschreibt sich darin minutiös und formuliert seine Wünsche. Anhand der Antworten filtert die schlaue Maschine im Hintergrund passende Profile aus dem Pool heraus und unterbreitet die dem Mitglied zwecks schneller Tuchfühlung. Ob diese Methode unterm Strich tatsächlich erfolgversprechender ist, als wenn der User aktiv stöbert: dazu existieren keine verlässlichen Statistiken. Die „akademische“ Recherche ist doppelt bis dreifach so teuer wie das gemeine Kontakten, weshalb 70% der Singles mit der zweitgenannten Möglichkeit Vorlieb nehmen, und ich im Folgenden von meinen Erfahrungen mit LoveScout24 & Collegen berichte.

    Fürs Anlegen des Profils Zeit nehmen

    Für die Anmeldung reicht ein Mailaccount. Man wählt ein Pseudonym – das nicht zu dämlich klingen sollte. Z.B. Rock’n’Rollforever –, und schon ist man drin. Also viertel drin; denn nun müssen ein Foto hochgeladen, ein Profil angelegt und ein paar Fragen beantwortet werden: „Stell dir vor, du hast ein spontanes Date bei dir zu Hause. Welches Gericht würdest du für sie kochen? Oder ist es doch besser, beim ersten Mal ins Restaurant einzuladen? Dann lieber zum Italiener, Asiaten oder doch was bodenständig Rustikales?“ Oder: „Ein Tag gemeinsam am Strand: womit würdest du deine Partnerin überraschen?“ Getoppt von: „Ein Trip durch die Wüste oder ein gemeinsames Wochenende im Club Med: wohin lädst du deine Traumfrau ein?“. Lass dir ruhig Zeit fürs Ausfüllen der Felder. Du solltest dich textlich von deinen Mitbewerbern abheben (ohne zu stark auf den Putz zu hauen). Für die Fotos gilt: die vom Profi gemachten hinterlassen einen besseren Eindruck als wacklige und schlecht ausgeleuchtete Selfie-Schnappschüsse.

    Jetzt kann es eigentlich losgehen. Tut es aber nicht so richtig, weil die meisten Features in der Gratisvariante gesperrt sind. Was bringt es mir, wenn ich Profile durchscrolle, nach einstündiger Suche endlich fündig werde, jedoch der digital Angebeteten keine Nachricht schicken kann? Also muss ich mich für die PN-Funktion freischalten lassen. Die ist natürlich kostenpflichtig. Das System empfiehlt sofort das Upgrade auf die Vollversion. Ich kann dann noch mehr Bilder anschauen, darf in unbegrenzter Anzahl kontakten, die Moderation schlägt mir jeden Morgen fünf Traumfrauen vor, ich erhalte Einladungen zu Single-Events und ab 20 Uhr kann bilateral gechattet werden.

    Bevor das Portemonnaie gezückt wird, ist es ratsam, ein paar Überlegungen anzustellen: bin ich überhaupt der digitale Flirt-Typ? Kann ich Absagen gut wegstecken? Wie ist es um meine Geduld bestellt? Suche ich was Dauerhaftes oder nur jemanden für den temporären Zeitvertreib? Bin ich, falls es ernst werden sollte, überhaupt in der Lage, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen? Wer hier 1x mit Nein antwortet oder von Anfang an den Erfolg bezweifelt, der sollte die Finger vom digitalen Parshipen weglassen und das eingesparte Geld besser in ein Jahresticket für die Oper investieren. Denn wie für jedes Abonnement gilt ebenfalls für dieses: die Ausgabe ergibt bloß dann Sinn, wenn man das Angebot auch intensiv und ohne Scheu nutzt.

    Unabdingbar: Geduld, Teflon und Humor

    Ohne Geduld und Teflonschicht wird man in einer digitalen Plattform nicht glücklich werden. Denn die häufigste Reaktion ist die Nicht-Reaktion. Die kann unterschiedliche Ursachen haben:
    1 du bist vom Bild her (obwohl du das schönste von dir hochgeladen hast) einfach nicht ihr Typ
    2 sie interessiert sich für 2m Riesen. Du misst jedoch mit Plateauabsätzen gerade mal 1.75
    3 sie ist auf der Suche nach einem Ernährer. Du gibst als Beruf „freier Autor“ an, was sie wiederum mit Hungerleider gleichsetzt
    4 sie lebt in Hamburg, möchte max. eine halbe Stunde pendeln. Du wohnst in Bonn
    5 du verfasst grottenschlechte Anschreiben
    6 du verwendest abgeschmackte Textbausteine, die nun wirklich auch die letzte Hinterwäldlerin schon ein Dutzend Mal gelesen hat
    7 ihre Hobbys lauten: Free Climbing und Drachenfliegen. Du schreibst was von ins Kino gehen und zu Hause DVDs anschauen
    8 sie erhält pro Tag 100 Mails und wirft 99 davon sofort in den Papierkorb
    9 sie war das letzte Mal vor drei Monaten online
    10 es handelt sich um ein Fakeprofil.

    Übung macht den Meister. Nach dem 50sten fruchtlosen Kontaktanschreiben versteht man so langsam die Mechanismen der digitalen Balz, formuliert flotter, grenzt den Suchradius auf die eigene Region ein und konzentriert sich auf in etwa gleichaltrige Mitglieder, bei denen die gelisteten Freizeitaktivitäten zu den eigenen passen. Und plötzlich zappelt eines Morgens die erste Antwort im Postfach. Die kann durchaus ablehnend sein: „Danke für dein Anschreiben. Aber du bist vom Foto her nicht der Mann, den ich mir vorstelle“. Egal, endlich reagieren sie. Jetzt gilt es, am Ball zu bleiben: weiter die Profile durchforsten, Mails schreiben (in denen man tunlichst auf das eingeht, was die Damen veröffentlichen). Z.B. „Du schaust dir gerne Splatterfilme an. Toll! Ich liebe es, wenn Blut aus dem Bildschirm tropft“. Damit demonstrierst du zweierlei: (a) du hast ihren Text gelesen (b) du teilst ihre Vorlieben. Du solltest allerdings keine Seminararbeiten verfassen, denn: in der Kürze liegt die Würze. Die maximale Aufmerksamkeitsspanne beträgt 3 Twitter = 420 Zeichen. Halte dich daran, sonst schaffst du auch nicht das erforderliche Pensum. Nach wie vor gilt: 80% werden nicht reagieren, selbst wenn du einen von dir gesungenen, ihnen gewidmeten, Karaokesong per Videoclip verschickst. Beim restlichen Fünftel sind Absagen dabei. Faustregel: zehn Anschreiben abends raus, zwei Antworten am Morgen danach, davon eine positiv.

    Hier ein paar Beispiele für weibliche Reaktionen:
    • Ich bin jetzt ganz frech: weißt du, wie Küsse schmecken?
    • Speziell von dir hätte ich mehr erwartet
    • Schreibst du deine Mails bloß, weil dir langweilig ist, oder willst du eine Botschaft senden?
    • Sind deine Bilder tatsächlich aktuell? Ich hasse Lügen!
    • Ich bin ein sehr aktiver Mensch, liebe die Natur und besuche zweimal die Woche einen Sambakurs. Bevor wir beide unsere Zeit mit einem unnützen Treffen vergeuden, kläre mich bitte auf: bist du eher ein Nerd oder vllt doch der lebenslustige Typ, den ich mir erhoffe? Die Anmeldung im Tanzkurs ist zwar kein Muss; ich fänd’s aber schön, wenn wir dieses Hobby gemeinsam ausüben. Freue mich auf deine Antwort!
    •  Männer ü50 sind schwierig. Entweder sind sie notorische Fremdgeher oder eigenbrötlerische Singles. Sie tragen komische Frisuren und neigen im letzten Lebensdrittel zu übertriebenem Hedonismus. Zudem lügen sie oft und urteilen vollkommen oberflächlich einzig nach Äußerlichkeiten
    •  Schreiben ist kein ordentlicher Beruf
    •  Du siehst aus wie ein Stubenhocker
    •  Würdest du morgens früh um sechs spontan Blumen vor meine Haustür legen?
    •  Wenn Schmetterlinge singen können. Ich lache gerne und viel. Morgens bin ich sofort bei 100 Prozent und freue mich darauf den Tag zu nutzen. Ich mag es gemeinsam mit Dir die Welt zu entdecken.

    Sie nennen sich: Sommerbrise, Lotosblume, Freiwiederwind, Scherzkeks, Piratenbraut, Hexe64 oder Ichversuchsnochmal.

    Nicht zu viel Zeit mit Hin- und Herschreiben verschwenden

    Wenn du ihnen antwortest, bedenke zweierlei: (1) lass dir nicht zu viel Zeit dafür. Du bist nur einer von VIELEN, mit denen sie digital flirten. Spätestens übermorgen haben sie dich, dein schönes Bild und das intelligente Anschreiben schon wieder vergessen. (2) weise deutlich darauf hin, dass du dich zeitnah mit ihr unterhalten möchtest. Als recht praktikabel hat sich dieser Textbaustein erwiesen: „Ich bin hier, um reale Kontakte zu knüpfen und suche keine Brieffreundin. Lass uns telefonieren. Vielleicht schon heute Abend. Meine Mobilnummer lautet: 0183-xyxyxyx. Freue mich auf deine Stimme!“

    Nun trennt sich sofort die Spreu vom Weizen: diejenigen, die gar nicht aus der digitalen Deckung kommen wollen, werden die Kommunikation an dieser Stelle abbrechen. Der Rest der Damen – die 50%-Faustregel passt immer – reagiert so: „Hervorragende Idee. Mittwoch, 20 Uhr klappt bei mir. Hoffe, das geht von der Zeit her für dich in Ordnung“.

    In der Fortsetzung dreht sich alles ums Telefonieren mit einer Unbekannten, und was einem dabei so alles passieren kann

    Die Topanbieter auf dem deutschen Markt heißen:
    Kontaktanzeigen
    (1) LoveScout24 (früher. FriendScout24): 6 Mio Mitglieder aus Deutschland
    (2) Zoosk: 1 Mio aus Deutschland
    (3) Neu.de: 6 Millionen (kooperiert eng mit LoveScout)
    (4) DatingCafe: knapp 2 Mio
    Partnervermittlung
    (5) Parship: 5.2 Mio
    (6) ElitePartner: 3.8 Mio
    (7) eDarling: 2.8 Mio aus Deutschland.

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  • Waltari lesen (2)

    Waltari lesen (2)

    Der Mann, der Pate stand für eine Rockband und einen Asteroiden

    Turms der Unsterbliche

    »Jetzt wissen wir, was ein Waltari ist«, sagten sie auf der letzten Redaktionssitzung, die dieses Mal in Heinrichs Gartenlaube stattfand. »Hat der denn noch mehr als den Sinuhe geschrieben? Ein Roman alleine reicht nicht aus, um als Stern am Himmel der Histo-Autoren zu gelten.«
    »Klar«, antwortete ich, »bestimmt ein Dutzend.«
    »Dann tipp eine weitere Rezi bis Mittwochabend«, lautete der neue Auftrag an mich.
    »Immer dieser Zeitstress. Ich gebe Gas.«
    »Tu das.« Mit diesen Worten endete unsere wöchentliche Konferenz.


    Mika Waltari im Jahr 1935 
    (Quelle: Wikipedia. Foto gemeinfrei)

    Die bereits ihren Zeitgenossen etwas unwirklich erscheinenden Etrusker

    Welchen Roman sollte ich nun auswählen? Ich erinnerte mich daran, dass ein Facebookfreund mir den Turms ans Herz gelegt hatte. Ich durchforstete mein kleines Bücherregal und entdeckte dort – eingezwängt zwischen Geschichte der O und dem alten Schulatlas von Diercke – die Etruskerstory in einer Weltbild-Verlagsausgabe von 1995. Gekauft vermutlich bei einem Flohmarktbesuch vor vielen Jahren. Ich schlage die leicht vergilbten Seiten auf und freue mich bereits über den ersten Satz:

    Ich, Lars Turms, der Unsterbliche, erwachte dem Frühling entgegen und sah, dass die Erde zu grünen begonnen hatte.

    Sofort erinnere ich mich an den Rest der Erzählung, denn wie nahezu alle Romane Waltaris habe ich auch diesen bestimmt schon drei Mal gelesen.

    Mittelmeerantike an der Wende des sechsten zum fünften vorchristlichen Jahrhundert. Griechische Hochblüte in Athen, Korinth, Theben und Süditalien; das persische Großreich hat sich Ionien einverleibt und bedroht das griechische Mutterland; in Tunesien sitzen die phönizischen Karthager, die sich vor allem für freie Handelswege interessieren, Rom entwächst langsam den Kinderschuhen  und  testet die Schlagkraft seiner Nachbarn. Nördlich der immerfort hungrigen Wölfin stoßen wir auf eine Kultur, von der man lange gar nicht so genau wusste, ob es sie überhaupt jemals gegeben hatte, und die bis zu ihrem Ende stets etwas unwirklich blieb: die Etrusker.

    Die eine Theorie besagt, dass sie um 1000 vuZ von Kleinasien herkommend in Mittelitalien einsickerten. These 2 lässt dieses Volk autochthon – also: aus sich selbst heraus an Ort und Stelle – entstehen. Ihre Sprache, soweit man sie bisher rekonstruieren konnte, ähnelt einem auf der Insel Lemnos gesprochenen Idiom; die Schrift – von rechts nach links geschrieben – basiert auf dem griechischen Alphabet. Sie gründeten Stadtstaaten, die miteinander einen heiligen Zwölfbund schlossen. Die wichtigsten hießen: Veji, Tarquinia, Arezzo, Perugia, Cortona und Clusium. Die Blütezeit dauerte von 600 bis 480 vuZ.  Danach Niedergang und ständige Territorialverluste an Rom. 79 vuZ kapitulierte als letzte Stadt Volterra; Etrurien hörte auf zu existieren und ging im Imperium Romanum auf.

    Kleine Odyssee von Ionien bis Sizilien

    Turms wird als Kind von Clusium (heute: Chiusi. Provinz Siena) nach Milet verschleppt, wo er beim Philosophen Heraklit in die Schule geht, bevor er aufgrund eines Blitzschlags, den er wie durch ein Wunder überlebt, sein Gedächtnis verliert und sich beim Erwachen aus der Ohnmacht nicht mehr an seine etruskischen Wurzeln erinnern kann. Von nun an glaubt er sich als einen gebürtigen Ionier, dem die Geister der Vergangenheit allerdings hin und wieder in seinen Träumen erscheinen. Er nimmt am Aufstand der Lydier gegen die persische Besatzung teil – der niedergeschlagen wird –, steckt dabei versehentlich einen Tempel in Brand und muss das Land fluchtartig verlassen. Seine kleine Odyssee führt ihn über zahlreiche ägäische Inseln, mit Zwischenstopp auf dem griechischen Festland schließlich nach Sizilien: Drehkreuz des antiken Fernhandels, bereits im 5ten vorchristlichen Jahrhundert Kornkammer und heißumkämpfte Grenze der Einflusssphären zweier Großmächte: Griechenland und Karthago, die dort beide Stützpunkte unterhalten. Die einheimische Bevölkerung wird entweder von fremden Statthaltern regiert, oder ist ins unwegsame Inland geflüchtet. Turms strandet in Himera: an der Nordküste gelegene dorische Kolonie. Hier beginnt nun die eigentliche Geschichte.

    Wir aber starrten vor Schmutz, stanken und waren krank, vom Salzwasser zerfressen, mit Quetschwunden übersät und so erschöpft, dass wir Trugbilder in Form von gehörnten Seeungeheuern und Nymphen des Poseidon sahen. Als wir endlich den blauen Schatten des Festlandes im Westen entdeckten und von der Wirklichkeit der nahen Küsten überzeugt waren, brachen wir in Tränen aus, und die Männer begannen zu fordern, dass Dionysios an der nächstliegenden Küste an Land gehen sollte, gleichgültig, ob es Afrika oder Italien wäre, ob es von Karthagern oder Griechen bewohnt sei.

    In Himera lernt Turms Kumpel Dorieus eine wohlhabende Witwe kennen, die die beiden jungen Männer bei sich aufnimmt. Schnell werden Hochzeitspläne geschmiedet, die von den Priestern der Aphrodite im Tempel zu Eryx (heute: Erice am äußersten Westzipfel der Insel) besiegelt werden sollen. Turms lernt dort das bildhübsche Medium der Göttin kennen, verliebt sich in die Dame und entführt sie nach Himera. Der frischvermählte Dorieus bekommt einen Höhenflug, hält sich plötzlich für den Urenkel des Herakles, finanziert mit dem Vermögen der Witwe eine kleine Armee und bricht zur Eroberung der Nachbarstadt auf. Die Sache scheitert, Dorieus stirbt, Turms und Arsinoe – die frühere Priesterin der Aphrodite – fliehen ins Landesinnere, wo sie einem Stamm Sikanen – Ureinwohner – in die Hände fallen und die nächsten fünf Jahre in bescheidenen Verhältnissen in der sizilischen Wildnis verbringen. Turms, der ohnehin schon über die Gabe des Zweiten Gesichts verfügt, lässt sich von Schamanen in die Geheimnisse der Naturpharmazie einweihen. Arsinoe bringt einen Sohn zur Welt. Vater ist allerdings nicht Turms sondern Dorieus. Zwei Jahre später wird eine Schwester geboren. Ein griechischer Händler, der bei den Sikanen Waffen gegen Felle eintauscht, überredet Arsinoe, mit ihm in die Zivilisation zurückzukehren. Turms erklärt sich einverstanden, will aber nach Norden in Richtung Etrurien aufbrechen, während Arsinoe dem Griechen nach Ionien folgen möchte. Es entbrennt ein Streit, die beiden trennen sich, Turms besteigt wutentbrannt ein Schiff, betrügt auf der Überfahrt zum ersten und einzigen Mal seine Frau mit dem Hausmädchen Hannah und landet einige Wochen später in Ostia, wo er erstaunt feststellt, dass Arsinoe ihn dort bereits erwartet.  Es beginnt jetzt der römische Abschnitt des Romans.

    Dann sah ich mit eigenen Augen die Hügel Roms, die auf ihren Gipfeln entstandenen Dörfer, die Mauer, die Brücke und einige Tempel. Die Brücke war geschickt aus Holz gebaut, und die längste Brücke, die ich jemals gesehen, wenn auch eine Insel im Fluss sie stützte. Die Etrusker hatten sie gebaut, um ihre durch den Strom getrennten unzähligen Städte durch Landwege zu verbinden. Die Römer hielten diese Brücke für so wichtig, dass ihr oberster Priester noch den aus der Zeit der Etrusker überlieferten Titel Oberbrückenbauer führte. Die Rohheit der Sitten beweist vermutlich am besten die Tatsache, dass die Römer die Instandhaltung der Brücke ihren obersten Priestern übertrugen, wenn auch die Etrusker mit dem Namen Brückenbauer einen Mann meinen, der ein Mittler zwischen den Menschen und den Göttern war. Die Holzbrücke war lediglich das äußere Symbol der unsichtbaren Brücke. Aber die Römer verstanden alles, was die Etrusker sie lehrten, wörtlich.

    Die stets hungrige Wölfin

    Rom um 485 vuZ: junge Republik, der letzte König (ein Etrusker) 25 Jahre zuvor vertrieben, Auseinandersetzungen zwischen Aristokratie und Plebejern bestimmen das Geschehen. Stadtstaat mit eng begrenzter Herrschaftsfläche. Ständig bedroht von Volskern, Sabinern und Veji. Patriarchalische Gesellschaftsform, die Aristokraten mit ihrem Pflichtgefühl ähneln preußischen Landjunkern, (nach außen hin) hohe Moralstandards, drakonische Strafen drohen bereits bei kleinen Gesetzesverstößen, Geringschätzung von Kultur und Bildung, Misstrauen gegenüber Fremden, andauernder latenter Kriegszustand. Unsere beiden Protagonisten finden Unterschlupf bei einem verwitweten Senator. Turms unterrichtet die Kinder in Griechisch, Arsinoe begleitet den Alten auf dessen Geschäftsreisen. Da der Held keinerlei Anstalten zeigt, Karriere machen zu wollen, sondern sich mit dem Job des Hauslehrers begnügt, kommt es, wie es kommen muss: Arsinoe entscheidet sich für den Senator, verlässt Turms und verkauft kurz vorher Hannah an einen phönizischen Sklavenhändler.

    Wenn sie lieber Reichtum, Sicherheit und eine gehobene Stellung in Rom an der Seite eines freundlichen Greises statt meiner wählte, warum sollte ich ihre Ruhe stören? Der Krug war zerschlagen und der Wein ausgelaufen.

    Turms kehrt gemeinsam mit der kleinen Tochter Misme Rom den Rücken und wandert Richtung Norden. In Veji taucht er ein in die Welt der Etrusker, die ihn sofort als einen der ihren erkennen.

    Die geheimnisvoll wunderbaren und mit warmen Farben bemalten Tonfiguren auf dem Tempeldach stellten Artemis dar, wie sie ihren Hirsch gegen Herakles verteidigt. Die anderen Götter hatten sich mit ihren göttlichen Gesichtern lächelnd um sie versammelt, um diesem Kampf zuzusehen. Ich stieg die Treppe empor und trat durch den Säulengang und das Tor ein. Ein schläfriger Tempeldiener bespritzte mich mit seinem Weihwasserwedel. Immer sicherer wurde in mir das Gefühl, dass ich den gleichen Augenblick schon einmal erlebt hatte.

    Heimkehr nach Etrurien

    Wir sind jetzt im letzten Viertel der Erzählung angelangt: Turms langsames Begreifen, dass seine Wiege nicht in Ionien sondern in der Toscana stand. Xenodotos, der griechische Händler erscheint plötzlich wieder auf der Bildfläche, entpuppt sich als persischer Spion und überzeugt Turms und dessen etruskische Freunde davon, sich gemeinsam mit den Karthagern der von Xerxes gegen Athen geschmiedeten Allianz anzuschließen. Der als Schlacht von Himera – 480 vuZ – in die Geschichtsbücher eingegangene Versuch, Sizilien den Griechen zu entreißen, scheitert. Die Phönizier müssen sämtliche Stützpunkte auf der Insel räumen, die Etrusker verlieren ihre Flotte. Der gleichzeitige persische Vormarsch im griechischen Mutterland gerät bei den Thermopylen ins Stocken. An dieser Stelle weht kurz ein Hauch von Weltgeschichte durch den Roman. Turms schlägt sich bis nach Rom durch, wird dort verhaftet und wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt. In letzter Minute rettet ihn die mittlerweile ergraute Arsinoe und verhilft ihm zur Flucht. Vorher gesteht sie ihm, dass weder Sohn noch Tochter von ihm stammen, während das verkaufte Hausmädchen seinen Samen im Leibe trug. Gebrochenen Herzens kehrt er nach Etrurien zurück, wo er in Clusium als seit vierzig Jahren vermisster Erbe des kürzlich verstorbenen Königs bereits erwartet und von der Bevölkerung frenetisch gefeiert wird. Die Priester hatten die Wiederkunft des verlorengegangenen Sohns schon seit langem vorhergesagt.

    »Unser Augur begrüßte dich bereits bei deiner ersten Ankunft in Rom, deutete dir die Omina und gab sie den Geweihten bekannt. Von der Insel, vom obersten Blitzpriester, erhielten wir die Nachricht, dass du ankämst. Der Blitz schlug aus Freude über deine Ankunft einen geschlossenen Kreis für dich. Sage, bist du unser neuer Lukumo?«

    Der Held beansprucht jedoch keinerlei weltliche Gewalt, will sich nicht mit Tagespolitik beschäftigen, sondern begnügt sich mit dem Amt des obersten Priesters und Repräsentanten der Stadt. Während Rom langsam von Süden her in Etrurien vordringt, erlebt Clusium unter Turms milder Regentschaft seine letzte Blüte.

    Melancholischer Grundton und immerwährende Liebe

    Mit Turms zeichnet Waltari einen anderen Helden, als es der Sinuhe war. Der Ägypter Arzt und als solcher vor allem auf das vertrauend, was er sehen und anfassen konnte. Der Etrusker bereits in jungen Jahren mit den Gaben der Prophezeiung und des Entfesselns von Wind – sehr nützlich bei seinen vielen Schiffsreisen – vertraut, ist halb Krieger, halb Mystiker. Beide lieben unglücklich, sind am Schluss alleine – Sinuhe in der Verbannung, Turms in seinem Palast – und bringen in jahrelanger Arbeit ihre Lebensgeschichte zu Papier. Da Waltari den auktorialen Stil – also: die Ich-Form – wählt, müssen die Protagonisten notgedrungen am Ende ihres Lebens viel Zeit mit sich selbst verbringen. Andernfalls hätten die Berichte ja nicht entstehen können. Als studierter Theologe stellt der Autor immer wieder die Frage nach den letzten Dingen. Im Turms klingt sie so:

    Aber ich bin des Gefängnisses meines Körpers überdrüssig und müde, und der anbrechende Tag ist der helle Tag meiner Befreiung … während der Todesschweiß mir auf der Stirn perlt, während die schwarzen Schleier des Todes vor meinen Augen flattern, muss ich mir die Tänze der Götter ansehen und am Göttermahl vor den Augen meines Volks teilnehmen. Dann erst wird der Vorhang geschlossen. Ich bleibe allein, um den Göttern zu begegnen und den Wein der Unsterblichkeit zu trinken … aber mehr als nach ihnen sehne ich mich nach meiner himmlischen Beschützerin. Als Lichtgestalt, als Feuergestalt wird sie ihre Flügel über mich breiten und den Atem aus meinem Mund küssen. In jenem Augenblick wird sie endlich ihren Namen mir ins Ohr flüstern, und ich werde sie erkennen … dann werden meine Ruhe und Vergessen kommen. Ein Jahrhundert, ein Jahrtausend, das ist gleichgültig. Einmal werde ich wiederkehren, ich, Turms, der Unsterbliche.

    Sinuhe befindet sich von Anfang bis Ende an den Hotspots der damaligen Weltgeschichte, ist den Mächtigen nahe, während Turms sich in der Peripherie aufhält. Sizilien ist nicht Ägypten, Rom damals noch ein unbedeutender Fleck auf der Landkarte, Etrurien hat den Höhepunkt seiner Macht bereits überschritten. Die Grundmelodie im Turms ist deshalb oft melancholisch, streckenweise morbide, der Held wird im Abstand einiger Monate von Todessehnsucht übermannt. Die zwei Jahrzehnte anhaltende Liebe zu Arsinoe, die ihn betrügt, sobald er das Haus verlässt, hat was. Als er sich endgültig von ihr trennt, rührt er im Nachgang nie mehr eine andere Frau an.

    Wie bei jedem seiner historischen Romane betrieb Waltari auch hier ein intensives Quellenstudium, sodass der Leser einen hervorragenden Einblick in die antike Welt des fünften vorchristlichen Jahrhunderts erhält. Wir begegnen Heraklit aus Milet, dem Feldherrn Hamilkar aus Karthago, den sizilischen Tyrannen Gelon und Theron, dem römischen Patrizier Coriolanus sowie dem etruskischen König Lars Porsenna. Interessant sind die fließenden Übergänge zwischen griechischer, römischer und etruskischer Götterwelt. So lässt Waltari die Aphrodite durch Arsinoe ins sittenstrenge Rom importieren, wo sie als Venus ins lokale Pantheon aufgenommen wird. Turms hingegen glaubt einzig an EINE Göttin, die sich allerdings in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigt.

    Schön ist die Idee, Turms zu Beginn des Romans ein Gefäß mit glattpolierten Kieseln in die Hand zu drücken, aus dem er für jedes neue Kapitel einen Stein entnimmt. Mit dem letzten Kiesel enden Buch und Leben des Helden.

    Für alle Historienfans ist auch dieser Roman ein Muss. Flott geschrieben, gute Mischung aus Abenteuer, Liebe, Tragödie und Suche nach den Dingen hinter den Dingen. Nie langweilig. Kann man an einem Wochenende – Voraussetzung: man tut nichts anderes – in einem Rutsch durchlesen.

    Das finnische Original (1955): Turms kuolematon.
    Ins Deutsche übertragen von: Wini v. Werner.

    PS. die Sache mit dem Hausmädchen Hannah geht gut aus. Sie wird aus den Fängen des Sklavenhalters befreit und reist viele Jahre später nach Clusium, wo sie Turms – der bereits als Lukomon (König) regiert – seinen Sohn vorstellt.

    In Teil 3 unternehmen wir einen Zeitsprung ins Zeitalter der Reformation und begegnen dort Karl V, Luther, Paracelsus und einer Hexe: Michael der Finne.

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  • Waltari lesen (1)

    Waltari lesen (1)

    Der Mann, der Pate stand für eine Rockband und einen Asteroiden

    Sinuhe der Ägypter

    Nachdem wir uns bei der letzten Sonntagabendredaktionssitzung darauf verständigt hatten, dass ich neben „Hank im Wohnzimmer“ und „Gesoffen wird immer“ zwischendurch auch mal eine Kolumne zu einem seriösen Thema einreichen darf und um einen Vorschlag gebeten wurde, antwortete ich spontan: Mika Waltari und erntete von den Kollegen bloß ein verständnisloses Schulterzucken: »Hä, was ist das denn? Ein neues Möbel von IKEA?« … »Ich erklär’s euch bis Dienstag«, rief ich und lief zur Tür, denn es war weit nach Mitternacht, und ich wollte zurück nach Hause, wo noch hundert unbeantwortete Facebook-Kommentare auf mich warteten.

    Mika Waltari im Jahr 1935
    (Quelle: Wikipedia. Foto gemeinfrei)

    Vor und nach Waltari

    In Anlehnung an Clemens Haas‘ Einteilung der Musikgeschichte in Vorbach, Bach und Nachbach unterscheidet man bei historischen Romanen ebenfalls drei Epochen: Vorwaltari, Waltari und Nachwaltari. Beginnen wir, weil das gut an den Anfang passt, mit seinem Kurzlebenslauf: Geboren im September 1908 als jüngster von drei Söhnen eines Pfarrers in Helsinki. Gestorben im August 1979 ebenda. Er schrieb sich an der Universität für Theologie, Literatur und Philosophie ein, beendete die Studien bereits als 21-jähriger und startete in seine Berufskarriere als Journalist, Übersetzer und Literaturkritiker. 1938 gab er sein festes Arbeitsverhältnis auf und widmete sich von nun an ausschließlich der Schriftstellerei. Er übte mit Gedichten, Erzählungen und Kriminalgeschichten, bevor er ins historische Genre wechselte. Bereits sein erster Roman, veröffentlicht 1945, bedeutete den Durchbruch: Sinuhe der Ägypter.

    Ägypten im 14ten vorchristlichen Jahrhundert, Neues Reich, 18-te Dynastie, Amenophis III stirbt, sein Sohn und Nachfolger schwört dem alten Götterglauben ab, huldigt einzig der Sonnenscheibe, nimmt den Namen Echnaton an und heiratet die bildhübsche Nofretete. Die fettgewordenen Amunpriester werden entmachtet, wandern in den Untergrund, von wo aus sie Ränke und Intrigen gegen den neuen Pharao spinnen. Der verlässt Theben, baut sich eine neue Hauptstadt 500 Kilometer flussabwärts, vernachlässigt die Außenpolitik, im Inneren bricht Bürgerkrieg zwischen den Anhängern Amuns und denen Atons aus, Hungersnöte und Seuchen breiten sich aus, die Feinde Ägyptens scharren mit den Hufen, bereiten sich auf die Invasion vor. Und von Anfang an immer dabei und mittendrin: der Arzt Sinuhe.

    Die Faszination, die Sinuhe auf den Leser ausübt, hängt stark davon ab, in welchem Alter man ihn das erste Mal in die Hand nimmt. Ich war 15, als ich das Buch von einem Mitschüler mit den Worten ausgeliehen bekam: »Da sind ein paar ganz schön schweinische Szenen drin, hö hö«. Meine Neugier war sofort geweckt. Wer aber nun auf einen Roman à la Josefine Mutzenbacher oder gar was Pornografisches spekuliert, den muss ich bereits an dieser Stelle der Kolumne enttäuschen: nichts von alledem. Hin und wieder eine kleine Orgie und einer meiner Lieblingssätze, um demokratischen Sex zu beschreiben: legten wir uns gemeinsam auf eine Matte, um uns miteinander zu erfreuen. Das war’s schon in Punkto Erotik. Geschildert werden Kindheit, Jugend, Ausbildung, Wanderjahre, Tätigkeit als königlicher Schädelbohrer und Verbannung des Protagonisten Sinuhe, der als Baby wie Moses in einem Binsenboot auf den Wellen des Nils dümpelte, wo er von seinen zukünftigen Adoptiveltern am Ostufer Thebens aus dem Fluss gefischt wird.

    Wer noch fähig ist, heiligen Schauer beim Lesen eines Textes zu empfinden, der wird schon von der Magie des ersten Satzes eingefangen:

    Dies schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa, nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde, sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.

    Während er bei seinem Adoptivvater Senmut, einem Armenarzt, in die Lehre geht, streunt der junge Sinuhe durch das Nachtleben der 24/7 pulsierenden Hauptstadt. Dort lernt er Nefernefernefer, die Oberpriesterin der Katzengöttin Bastet kennen und verfällt dem doppelt so alten und völlig gefühlskalten Biest mit Haut und Haaren. Als Student versuchte ich mich daran, einzelne Kapitel neu zu schreiben. Hier Auszüge seiner Begegnung mit der Femme fatale:

    Im Tempel der Katzenpriesterin

    Nefer hatte mich zu einem Gastmahl geladen, das sie zu Ehren syrischer Kaufleute heute Abend in ihrem Tempel gab. Die Händler waren mit einer Karawane auf der langen Pharaonenstraße von Gaza über  Tanis und Memphis bis nach Theben gereist. Sie hatten Kupfer aus Zypern, schwere Stoffe aus Sidon, gewürzten Wein aus Ugarit, silberne Gefäße aus Babylon und das wertvolle hethitische Eisen geladen. Nach der wochenlangen Wanderung durch die Wüste und den Nil hinauf wollten sie heute Abend feiern und der Bastet ein Opfer bringen. Nefer als die oberste Priesterin der Katzengöttin hatte sie bei ihrer Ankunft in unserer Stadt herzlich willkommen geheißen. Als schlaue Krämer ehrten die Syrer sowohl ihre eigenen Götzen als auch die alten und ewigen Schutzherren Ägyptens.

    Der Verschnittene führte mich über mehrere Stufen und verwinkelte Flure in einen von zahllosen Kerzen beleuchteten Saal. Fremde Laute drangen in meine Ohren. Syrische Musiker spielten unbekannte Waisen auf ihren mitgebrachten Instrumenten. Sklavinnen in unterschiedlichen Hautfarben tanzten in feinen, nahezu durchsichtigen Gewändern. Darunter Schwarze aus dem Lande Kusch, Hellhäutige von den Meeresinseln und eine Gelbe aus einem fernen Gebiet am Ende der Welt weit hinter Euphrat und Tigris. Die vogelnasigen Kaufleute lärmten und zechten. Sie zupften an den Röcken der Mädchen und rissen ihnen die Kleider vom Leib. Die Frauen hockten sich kichernd auf die Knie der Männer und kraulten deren langen Bärte. Sie fütterten sich gegenseitig mit Trauben und kleinen Kuchenstücken. Eine berauschte Tänzerin hatte sich ihrer Kleider entledigt und Wein zwischen ihre Brüste gegossen, die sie mit beiden Händen zusammenpresste, damit die Flüssigkeit nicht herauslaufen konnte. Dann bot sie sich den Gästen an. Die tranken gierig und legten der Sklavin zur Belohnung Kupfermünzen auf die Zunge. Die fremde Musik wurde schneller. Das Blut stieg mir zu Kopf und hämmerte in meinen Schläfen.

    Wo war Nefer? Ich konnte die Priesterin nicht entdecken. Ich leerte Krug um Krug. Meine anfängliche Schwerelosigkeit verwandelte sich allmählich in eine bleierne Müdigkeit. Die ersten Syrer waren von ihren Polstern herabgesunken und schliefen auf dem harten Steinboden. Einige Kaufleute erbrachen sich und torkelten nach draußen. Die nackte Tänzerin taumelte weinend durch den Saal und suchte nach einem Mantel, um ihre Blöße zu bedecken.

    »Nefer, bist du es?«
    »Wer wagt es, das Wort an die Hohe Priesterin der Bastet zu richten?«
    »Dein Freund Sinuhe.«
    »Ich kenne keinen Sinuhe. Nur einen Knaben mit diesem Namen aus dem Tempel Amuns, der dort den Dreck vom Boden vor der göttlichen Statue aufwischen musste.«
    »Das war ich.« Meine Stimme zitterte.
    »Jetzt erinnere ich mich. Du sahst süß aus mit deinen braunen Locken. Es war ein Bild, wie es der Göttin gefiel.«
    »Du hast dich mit mir auf meine Matte gelegt.«
    »Ich tat es, um Bastet zu gehorchen. Die Katzengöttin hat meinen Körper benutzt. Und dir Sinuhe ist eine hohe Ehre zuteilgeworden, indem du mit mir schliefst. Wolltest du deine Jungfernschaft etwa für eine schmutzige Hafenhure aufbewahren? Du scheinst mir äußerst undankbar zu sein.«
    »Du hattest mich zu deinem heutigen Fest eingeladen.«
    »Wirklich? Ich kann mich nicht erinnern. Nun, du bist hier. Damit habe ich mein Versprechen eingelöst.«
    »Mehr ist es nicht? Ich verzehre mich nach dir, Nefer.«
    »Sinuhe, du bist ein dummer Junge. Deine Liebeskünste waren kläglich. Deine spitzen Knochen haben mir böse Flecken auf meiner Haut verursacht. Selbst dieser betrunkene Haremhab hat mir mehr Befriedigung verschafft als du. Und ihr seid im selben Alter.«
    »Du hast dich mit Haremhab ergötzt?«
    »Warum nicht? Ich bin die oberste Katzenpriesterin. Ich teile mein Lager, mit wem ich es möchte. Und nun nimm deinen nach Wein und Erbrochenem stinkenden Freund mit, bevor meine Diener ihn in den Fluss werfen, wo ihn die Krokodile fressen werden.«
    »Kann ich morgen wiederkommen, Nefer?«
    »Du langweilst mich, Sinuhe. Frage in drei Tagen nach mir. Am frühen Abend. Denn ich schlafe gewöhnlich bis in die Nachmittagsstunden hinein. Das Amt als Stellvertreterin der Bastet ist sehr kräfteraubend. Vielleicht kannst du mir einen Gefallen tun.«

    ….

    [zwei Seiten später]
    Die Wächter erkannten mich dieses Mal sofort und öffneten mir stumm das schwere bronzene Tor des Heiligtums. Ein feister schwarzer Sklave führte mich in die Gartenanlage des Tempels. In der Mitte, umgeben von künstlich bewässerten Blumenbeeten, befand sich ein kleines Schwimmbassin. Darin badete Nefer. Ihr glattrasierter Schädel glänzte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Die wohlgeformten Brüste wiegten sich an der Oberfläche des in goldenen Tönen leuchtenden Wassers. Der sorgfältig enthaarte Körper schimmerte alabasterfarben. Aus ihrem Katzengesicht lächelte mir ein kirschroter Mund entgegen.
    »Sinuhe, du glotzt wie ein dummer Karpfen. Zieh dich aus und spring zu mir ins kühle Wasser.«
    »Gerne«, stammelte ich.
    »Du bringst mich zum Lachen mit deinem kindlichen Ungestüm. Fass mich nicht an! Du versündigst dich an der Göttin.«
    »Nefer, ich verglühe. Du musst mich erhören!«
    »Die Freuden, die die Katzenpriesterin dir verschaffen kann, sind nicht umsonst.«
    »Ich bin ein armer Schüler. Mehr als ein paar Kupfermünzen kann ich dir nicht geben.«
    »Du beleidigst mich. Hältst du mich für eine alte, hässliche Dirne? Meine Dienste werden in Gold aufgewogen.«
    »Über einen solchen Reichtum verfüge ich nicht«. Meine Augen füllten sich mit Tränen der Enttäuschung.
    »Du kannst mir etwas anderes verschaffen, Sinuhe. Du bist der Assistent von Ptahor, dem königlichen Schädelbohrer?«
    »Ja, der bin ich.«
    »Er operiert hin und wieder bei euch im Haus des Lebens; oder?«
    »Ja, das tut er.«
    »Dann besorge der Göttin das Gehirn eines Patienten.«
    »Das kann ich nicht. Du verlangst zu viel von mir, Nefer.«
    »Dann wirst du mein Lager nicht teilen können. Gute Nacht. Ich habe zu tun. Neue Gäste mit wertvollen Geschenken für Bastet erwarten mich.«

    In meiner Version lässt Nefer den jungen Sinuhe das Gehirn vor ihren Augen verzehren, bevor er sich entschließt, sie zu töten. In Waltaris Original zwingt sie ihn dazu, das Haus und die Grabstelle seiner Eltern zu verkaufen, woraufhin sich die beiden Alten umbringen, ihrem missratenen Sohn jedoch einen Brief hinterlassen, in dem sie Verständnis für seinen jugendlichen Leichtsinn äußern und ihm alles verzeihen. Tief zerknirscht schuftet Sinuhe neunzig Tage lang als Helfer im Haus des Todes, wo er die Leichen der Eltern selbst ausweidet, balsamiert und für die Reise gen Westen ins Totenreich des Osiris vorbereitet. Nachdem er sie in einer Nacht- und Nebelaktion im Tal der Könige verscharrt hat, verdingt er sich als ägyptischer Spion und beginnt ein unstetes Wanderleben, das ihn an alle Hot Spots der damaligen Welt führt: Babylon, Wassukanni (Hauptstadt Mitannis. Geburtsort Nofretetes), Hattusa (Reich der Hethiter. Schlimmste Widersacher Ägyptens), Kreta, Simyra (Phönizien) und die Stadt der Himmelshöhe (Jerusalem).

    Der Roman lässt nicht mehr los

    Wer den Roman einmal in die Finger bekam, den lässt die Handlung nicht mehr los, er wird ihn mehrmals lesen, denn das Buch entwickelt Suchtcharakter. Ich habe Menschen getroffen, die in der Lage waren, einzelne Passagen wortgetreu nachzuerzählen. Jeder treue Fan weiß, dass Sinuhe am Ende der Wanderjahre, zurückgekehrt in seine Heimatstadt, dort zum königlichen Schädelbohrer und engen Vertrauten Echnatons aufsteigt. Wir lachen über den pfiffigen Diener Kaptah, wissen, dass die schmackhaftesten gebratenen Gänse in Theben serviert werden, Krokodilschwanz für die antike Variante eines Doppelkorns steht, weinen über den frühen Tod seiner Verlobten Minea, die auf Kreta dem falschen Minotaurus zum Opfer fällt, freuen uns über die späte Liebe Merit, die gemeinsam mit dem kleinen Sohn vor seinen Augen vom Pöbel erschlagen wird. Alles, was Sinuhe anfasst, endet für diejenigen, die er liebt, tragisch. Einzig er überlebt und zieht am Ende desillusioniert an einen gottverlassenen Ort am Ufer des Roten Meers, wo er seine Geschichte in jahrelanger Arbeit auf Papyrus kritzelt.

    Waltari wählte als Hintergrund seiner Erzählung einen Meilenstein der Weltgeschichte: den abrupten Übergang von der Vielgötterei zum Monotheismus. Auch wenn der Versuch damals scheiterte – Echnaton über drei Jahrtausende der Damnatio memoriae anheimfiel, bis ihn die Archäologen wieder ans Tageslicht beförderten -, die Idee blieb erhalten. Freud weist in seiner Abhandlung „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ an zahlreichen Stellen auf die Wurzeln Jahwes im alten Ägypten hin. Angeregt wurde Waltari durch den sogenannten Sinuhe-Papyrus. Dieser Text aus der Zeit der 12-ten Dynastie (Mittleres Reich) schildert zwar ebenfalls Flucht und Rückkehr eines Höflings, weist aber sonst bis auf den identischen Namen des Protas keine weiteren Parallelen zu unserem Sinuhe auf.

    Mit dem Arzt Sinuhe hat Waltari einen neuen Heldentyp geschaffen: nicht stark, nicht zornig (wie Achill), nicht gebrochen, sondern schwach. Ein Held wider Willen. Ein Held, der nur dann zum Held wird, wenn die äußeren Umstände ihm keine andere Wahl mehr lassen. Der sich aus Heldentum nichts macht, sich im Anschluss an seine Taten bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, über Selbstmord nachdenkt, dann aber – nachdem er aus der Melancholie erwacht – sofort wieder Party feiert. Ein Held, der mit Geld nicht umgehen kann, es verprasst und verschenkt. Ein Held, der sich gegen sein Gewissen zur Beteiligung an einem Giftkomplott breitschlagen lässt. Ein Held, der von den Armen keine Bezahlung verlangt, wenn er sie als Arzt behandelt. Ein Held, der manchmal feige ist, der weint und am Schluss die Schnauze gestrichen voll hat vom Leben am Hof, den ständigen Intrigen, der Schlechtigkeit der Menschen und nunmehr die Einsamkeit der Wüste der schlechten Gesellschaft Thebens vorzieht.

    Einige Kritiker glaubten, im Setting Parallelen zur finnischen Gegenwart der frühen vierziger Jahre zu erkennen. Finnland war aufgrund des deutsch-russischen Nichtangriffspakts in weiten Teilen von der Roten Armee erobert, bevor 1941 die Wehrmacht einrückt und die Sowjets zurückdrängt. Die Anhänger Amuns als Faschisten und die Atonjünger als Kommunisten. Das Volk Ägyptens wie die Finnen jahrelang unentschlossen, zu welcher Partei man halten soll. Kann man sicher tun, schmälert jedoch meiner Meinung nach eher das Vergnügen, als dass diese Betrachtungsweise den Lesegenuss steigert. Was nützt es, im obersten Amunpriester Hitler und in Echnaton Stalin zu erblicken? M.E. wenig bis gar nichts. Ich sehe in Echnaton den religiös eifernden, aber letztlich unglücklichen König, in Haremhab den anfangs treuen General, der – als die Situation ausweglos erscheint – zum Verräter wird und in Eje den habgierigen Greis, der gerne Pharao anstelle des Pharao werden möchte. Im Hintergrund die stets undurchsichtige Nofretete. Und Sinuhe ist und bleibt Sinuhe. Für ihn gibt es sowieso kein entsprechendes Pendant in der Moderne.

    Die Übersetzungen

    Waltari schrieb in Finnisch. Und da dieses Idiom außer fünf Millionen Finnen und einer netten Kölner Bekannten von mir niemand beherrscht, wurde der Roman binnen kurzer Zeit in dreißig Sprachen übersetzt. Der lakonische Stil gewürzt mit Melancholie und einer guten Prise Humor blieb im Deutschen Gottseidank erhalten. Allerdings erfolgte die Übertragung, die Charlotte Lilius vornahm, nicht aus dem finnischen Original Sinuhe egyptiläinen, sondern beruht auf der leicht gekürzten schwedischen Übertragung des Publizisten Ole Torvalds.

    Waltari beherrschte die Kunst, großes Detailwissen so locker aufzubereiten und in eine spannende Handlung einzuweben, dass man das Buch – 600 bis 800 Seiten je nach Ausgabe – in einem Rutsch binnen weniger Tage verschlingt. 2014 erschien bei Bastei Lübbe endlich die vollständige Version des Romans, was ein guter Anlass ist, ihn demnächst mal wieder in die Hand zu nehmen.

    PS.: Die Verfilmung 1954 durch Regisseur Michael Curtiz mit Edmund Purdom als Sinuhe und Peter Ustinov in der Rolle des Kaptah flimmert zwar aufgrund viel Cinemascope schön bunt, ist aber im Stil eines typischen 50er-Jahre-Hollywood-Sandalenstreifens gedreht und hat mit dem Roman einzig den Titel gemeinsam.

    In Teil 2 tauchen wir ein in die stets etwas unwirkliche Welt der Etrusker: Turms der Unsterbliche

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