Kategorie: Henning Hirsch: Bei Hank im Wohnzimmer

  • Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden …

    Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden …

    Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden

    … lautet der Titel einer Kurzgeschichtensammlung aus der Feder von Raymond Carver, die mir vor ein paar Tagen mal wieder in die Hände fiel.

    In 17 Short Stories schildert der Autor alle möglichen Irrungen und Wirrungen, die sich aus intimen zwischenmenschlichen Beziehungen ergeben können. In lakonischer Sprache und minimalistischen Sätzen. Geschichten, die oft kein richtiges Ende haben, weil unsere Liebe eben auch nie so ganz endet.

    Raymond Carver, geboren 1938 in Oregon, gestorben 1988 im Nachbarstaat Washington, hat in seinem kurzen Leben ein paar Erzählbände und einige Gedichte hinterlassen. Als langjähriger Alkoholiker lenkt er das Augenmerk seiner Texte oft auf die Themen Sucht, damit verbundener Wahnsinn, Verarmung und Verwahrlosung.

    Das Personal der 17  Geschichten, das Carver in seinem dritten Band Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden vereinigte, ist dasselbe wie in allen zuvor veröffentlichten Geschichten: Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben, Arbeitslose, Säufer.

    Die Stories beginnen so:

    Ich hab so einiges gesehen. Ich wollte zu meiner Mutter und ein paar Nächte bei ihr in der Wohnung bleiben. Aber als ich oben am Treppenabsatz ankam, guckte ich, und sie saß auf dem Sofa und küsste einen Mann. Es war Sommer. Die Tür stand offen. Der Fernseher lief. Das ist eine von den Sachen, die ich gesehen habe. (Mr. Coffee und Mr. Fixit)

    oder so:

    Bill Jamison war mit Jerry Roberts immer eng befreundet gewesen. Die beiden wuchsen im Südteil der Stadt auf, nahe dem alten Messegelände, besuchten zusammen die Grundschule und die Junior High School und wechselten dann über auf die Eisenhower High School, wo sie, soweit sie konnten, dieselben Lehrer wählten; sie trugen einer des anderen Pullover und abgetragene Hosen und gingen mit denselben Mädchen, bumsten sie auch – was immer sich so ergab. (Sag den Frauen, dass wir wegfahren)

    oder so:

    Veras Auto stand da, sonst keines, und Burt war dankbar dafür. Er bog in die Einfahrt und hielt neben der Torte, die er am Abend zuvor hatte fallen lassen. Sie lag immer noch da, mit der Aluminiumform nach oben und mit einem Hof von Kürbisfüllung ringsherum auf dem Pflaster. Es war der Tag nach Weihnachten. (Ein ernstes Gespräch)

    Und immer geht es dabei um alle möglichen Facetten von Liebe:

    Terri sagte, der Mann, mit dem sie zusammenlebte, bevor sie mit Mel zusammenlebte, habe sie so sehr geliebt, dass er versucht habe, sich umzubringen. Dann sagte Terri: »Er hat mich eines Abends zusammengeschlagen. Er hat mich an den Fußgelenken durchs Wohnzimmer geschleift. Er sagte immer wieder: Ich liebe dich, ich liebe dich, du Drecksstück. Er schleifte mich weiter im Wohnzimmer herum. Mein Kopf schlug dauernd gegen Dinge. Terri blickte in die Runde am isch. Was machst du mit so einer Liebe?« (wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden)

    »Holly, du bist immer noch eine stolze Frau«, sag ich. »Du bist immer noch die Nummer eins. Komm schon, Holly.«
    Sie schüttelt den Kopf.
    »Etwas ist in mir gestorben«, sagt sie. »Es hat lange gedauert, bis es so weit war, aber es ist tot. Du hast etwas getötet, so als hättest du mit der Axt draufgeschlagen. Alles ist nur noch Schmutz.« (Pavillon)

    Nun ja, und da hab ich sie geküsst. Ich drückte ihren Kopf zurück aufs Sofa und küsste sie, und ich spürte, dass ihre Zunge es ziemlich eilig hatte, in meinen Mund zu kommen. Verstehst du, was ich meine? Da kann einer dauernd alle Regeln beachten, und auf einmal zählt das alles nicht mehr. Sein Glück verlässt ihn einfach, verstehst du? Aber es war im Nu vorbei. Und danach sagt sie: »Du musst denken, dass ich eine Hure bin oder so was«, und dann geht sie einfach. (Tüten)

    Die Stories sind wenig spektakulär und verzichten auf äußerliche Effekte. Carvers Thema, das sich durch sämtliche Erzählungen zieht, sind die Alltagsbanalitäten; unter dem zuweilen sehr amerikanischen Kolorit schimmert oft eine existentielle Leere durch. Der Autor ist ein Meister des ersten Satzes, mit dem der Leser oft mitten ins Geschehen springt.

    Ein Mann ohne Hände kam an meine Tür und wollte mir ein Foto von meinem Haus verkaufen. (Sucher)

    Die eigentlichen Erzählungen sind häufig die Tragödien, die sich hinter der vordergründigen Handlung abspielen. Dabei enthält sich Carver jeglichen Kommentars oder gar einer Wertung. Manchmal ist eine geschilderte Nebensächlichkeit das eigentlich Wichtige in der Geschichte.

    Carvers Stories werden von geborenen Verlierern bevölkert, denen es unmöglich ist, ihrem Schicksal zu entrinnen. Sobald sich ein Protagonist aus seinem gewohnten Umfeld heraus wagt, lauert an der nächsten Ecke schon die Katastrophe. Unheimlich sind diese Texte, und am unheimlichsten wirken die Geschichten, die auf geradezu rabiate Kürze reduziert sind. Auf die Frage nach dem Warum darf man keine Antwort erwarten.

    Und so enden die Kapitel oft, wie sie begonnen haben: unspektakulär.

    Mein Dad starb im Schlaf, betrunken, das ist fast acht Jahre her. Es war ein Freitagmittag, und er war vierundfünfzig. Er kam von der Arbeit in der Sägemühle nach Hause, holte sich zum Frühstück ein Stück Wurst aus dem Kühlschrank und kippte einen Liter Four Roses. (Mr Coffee und Mr Fixit)

    Aber Holly sitzt nur da, auf dem Bett, mit ihrem Glas in der Hand.
    Ich seh ihr an, dass sie es nicht begreift. (Pavillon)

    Mel stieß sein Glas um. Der Gin lief über den Tisch.
    »Gin ist alle«, sagte Mel.
    Terri sagte: »Und jetzt?«
    Ich hörte mein Herz schlagen. Ich hörte die Herzen der anderen. Ich hörte das Menschengeräusch, das wir machten, während wir dasaßen, ohne dass sich einer von uns rührte; auch nicht, als der Raum dunkel wurde.« (Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden)

    Carvers Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden ist ein Buch für Leser, die sich nicht scheuen, mehr über die teils glitschigen, teils tiefmorastigen Pfade der Liebe in US-amerikanischen Vororten erfahren zu wollen. Der emotionale Wahnsinn, der hinter der Kleinstadtidylle lauert. Erzählt in kurzen, knappen Sätzen. Stets sachlich, nie auf die Tränendrüse drückend.

    Ich habe mich vor allem in seinen minimalistischen Satzbau verliebt.

    PS. von einem Interviewer darauf angesprochen, weshalb er stets so kurze Stories zu Papier bringe, antwortete Carver, dass er keine Zeit und Lust für lange Geschichten habe.

    Raymond Carver: Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden (What we talk about when we talk about love, 1981, aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus. Fischer Taschenbuch Verlag. 2. Auflage 2013. ISBN: 978-3-596-90388-7)

  • Das Tannhäuser Tor zum zweiten Mal geöffnet

    Das Tannhäuser Tor zum zweiten Mal geöffnet

    »Du schaust doch gerne Science Fiction«, sagt meine Bekannte gestern Abend am Telefon.
    »Ja. Muss aber ein guter sein.«
    »Dann empfehle ich dir den Blade Runner. Der ist wirklich super.«
    »Den habe ich schon ein Dutzend Mal gesehen.«
    »Nicht den alten. Den neuen. Der ist spitze. Tolle Bilder, düstere Atmosphäre: Der wird dir gefallen.«

    Nun ist das mit Fortsetzungen erfolgreicher Filme so ne Sache. In 95% der Fälle geht der Versuch schief, und Teil 2 reicht nicht annähernd an das Original heran. Gibt Ausnahmen, aber nur sehr wenige. Spontan kommen mir einzig Alien und Terminator in den Sinn. Auch der Pate, klar. Aber der war als Familienepos von vornherein als Trilogie angelegt gewesen.

    Ich zappe in Amazon hinein, und das System – so als ob es unsere Unterhaltung belauscht hat – schlägt mir sofort Blade Runner 2049 vor. Aktuell im Angebot: 4.99 Euro. Für einen recht neuen Film ist das wirklich nicht teuer, ich klicke spontan drauf, mache es mir mit Coke Zero und belegten Broten auf dem Sofa bequem und registriere noch, während die Titelmelodie ertönt, dass der Streifen knapp drei Stunden dauert. Das ist lang, überlege ich, der Vorgänger kam mit zwei aus. Dann lasse ich mich in die Handlung reinziehen.

    Die Jagd auf die Androiden geht weiter

    Die ist schnell erzählt: Los Angeles 2049. 25 Jahre nach dem Kollaps der Ökosysteme sind Flora und Fauna von unserem Planeten verschwunden. Kein Sonnenstrahl durchdringt die dichte Wolkendecke. Abwechselnd ist es staubig, oder es regnet oder Schnee fällt vom Himmel. Die Menschen ernähren sich mittels eines Proteinpulvers, das man durch industrielles Zermahlen von Insekten gewinnt. Überbevölkerung, Wohnungsnot, Elendskriminalität, an jeder Ecke verfügbarer schneller Sex prägen das Stadtbild. Die Highways sind verwaist und verrotten, da die Fortbewegung seit vielen Jahren auf dem Luftweg erfolgt.

    Bisher nichts Besonderes denke ich. Wurde alles schon hundert Mal in anderen Filmen thematisiert.

    Nach wie vor gibt es Replikanten, die für die Menschen die Drecksarbeit erledigen. Hergestellt von der Wallace Corporation, die ebenfalls die Nahrungsmittelproduktion kontrolliert. Im Unterschied zu ihren Vorläufern aus der Zeit vor der Apokalypse sind die modernen Kunstwesen jedoch friedliebend und mit einem automatischen Time Out versehen. Da einige der älteren Modelle (Nexus 8S) untergetaucht waren, denen man jedoch nach wie vor Umsturzpläne zutraut, wird Jagd auf die gemacht. Das LAPD hat dafür eine Sondereinheit gegründet. Ryan Gosling spielt den Blade Runner 2.0 mit Namen Officer K, spürt die Rentnerandroiden auf und eliminiert sie. Tut also exakt dasselbe wie sein Vorgänger Deckard (Harrison Ford) mit dem Unterschied, dass K selbst kein Mensch ist. Bei einem Einsatz entdeckt K eine geheimnisvolle Kiste, in der menschliche Knochen aufbewahrt werden. Die Analyse im Polizeilabor führt zu der Vermutung, dass es sich bei dem Skelett-Puzzle um eine vor dreißig Jahren bei der Geburt ihres Kindes gestorbene Replikantenfrau handelte. Fortpflanzung dieser Spezies war nie vorgesehen gewesen, wurde von der Wissenschaft auch als unmöglich angesehen. Um hier keinen Präzedenzfall zu schaffen, erhält K den Auftrag, Vater und Kind zu finden und beide zu liquidieren.

    Er beginnt seine Ermittlungen im Archiv des Wallace-Konzerns, wo man ihm aufgrund der dürftigen Aktenlage – nahezu sämtliche Informationen aus der Zeit vor der großen Naturkatastrophe sind zerstört – nicht weiterhelfen kann. Firmenchef Wallace interessiert sich ebenfalls für die Angelegenheit, verspricht sich von sich selbst reproduzierenden Replikanten ein Milliardengeschäft. Er setzt seine beste Agentin auf die Sache an.

    Über die Zwischenstationen Kinderfabrik und Erinnerungslabor kommt K dem potenziellen Vater auf die Spur. Er stöbert ihn in einem Hotel in Las Vegas auf, wo er endlich dem seit über zwei Jahrzehnten verschollenen Deckard gegenübersteht. Ein typischer Harrison Ford: grantig, misstrauisch, rauf- und schießlustig. Synthetischen Whiskey trinkend und dabei Elvis-Presley-Schnulzen hörend.

    Mehr soll an dieser Stelle nicht berichtet werden, denn vielleicht will der ein oder andere Leser den Film ja noch anschauen und da ist es immer blöde, wenn man das Ende schon vorher verraten bekommt.

    Zu viel Atmosphäre, zu wenig Story

    Als nach knapp drei Stunden endlich Schluss ist, gähne ich herzhaft, denn ich fand den Streifen langweilig. Das Original kam mit 117 Minuten aus, wurde flotter erzählt und war vor allem eins: innovativ. Das Replikantenthema – entnommen dem Roman „Träumen Androide von elektrischen Schafen?“ aus der Feder von Philip K. Dick – war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten, 1982, noch neu und unverbraucht. Regisseur Ridley Scott übernahm dabei Elemente des Film noir, zeichnete eine düstere Dystopie. Das Werk gilt als Geburtsstunde des Genres Cyberpunk.

    Unvergessen die darin gesprochenen Sätze:

    Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Tannhäuser-Tor. All diese Momente werden verloren sein… in der Zeit, so wie… Tränen im Regen.

    Wenn du mit deinen Augen sehen könntest, was ich gesehen habe, mit deinen Augen.

    Wir wussten nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Aber egal, wer tut das schon.

    Harrison Ford als kauziger Blade Runner, der sich in die Replikantin Rachel verliebt. Rutger Hauer in der Rolle seines Lebens als den Menschen den Krieg erklärender, wasserstoffblondgefärbter Androidenrebell Roy, die an eine Punk-Barby erinnernde Daryl Hannah als seine Geliebte Pris. Joe Turkel spielt den profitorientierten und skrupellosen Unternehmer Tyrell, der Kunstmenschen erschafft und sie im Bedarfsfall emotionslos eliminieren lässt. Eine schnörkellose Geschichte, linear erzählt, ohne philosophischen Schnickschnack, spannend von der ersten bis zur letzten Minute.

    Was man vom Nachfolger jetzt nicht behaupten kann. Der zieht sich arg in die Länge, schwelgt in dunklen Bildern, lässt Ryan Gosling ungezählte Male schweigend in die Kamera schauen, zeigt in Großaufnahme seine Hände im Regen, im Schnee, arbeitet mit Erinnerungen und Traumsequenzen, versucht krampfhaft, mehrere mögliche Zukunftsprobleme unter einen Hut zu bekommen, und verliert bei der Überbetonung des Atmosphärischen das Wichtigste aus dem Auge: eine gute Story auf Zelluloid zu bannen. Die Handlung plätschert dahin, und auch das Ende befriedigt nicht. Der groß angekündigte Aufstand der Replikanten bleibt aus. Entweder vor lauter anderen wichtigen Themen vergessen, oder weil noch ein Teil 3 nachgeschoben werden soll. Falls dies der Plan sein sollte: bloß nicht!

    Film ohne individuelles Profil

    Innovationen in Blade Runner 2049: Fehlanzeige. Insektenpaste kennt man aus 2022, die überleben wollen. Die ökologische Apokalypse ist nun auch nicht gerade neu.  Überbevölkerung und Wohnungsnot werden in zahllosen Scifi-Streifen abgefrühstückt. Manipulierte Erinnerungen und mit Raumschiffen durchs Fenster reinsegelnde Polizisten gibt’s in Total Recall zu bestaunen.

    Bis gestern noch nicht gesehen hatte ich eine Liebesbeziehung zwischen einem Androiden und einem Hologramm. Dieses Gimmick wird allerdings gnadenlos ausgeschlachtet, in ständig neuen Variationen präsentiert, sodass es bei der dritten Einblendung völlig seinen Reiz verliert.

    Von Regisseur Denis Villeneuve (Enemy, Prisoners, Sicario) hätte ich mir ein besseres Produkt versprochen als sowas Halbgares wie Blade Runner 2049. Ob am Drehbuch gespart wurde, man sich zu sehr auf die Überzeugungskraft der Bilder verließ, Ridley Scott als Produzent Einfluss auf die Arbeit nahm und kontraproduktive Anleihen beim Original vorschrieb? Mir ohnehin nicht klar, was den Altmeister seit einiger Zeit reitet, die Qualität seiner in den späten 70ern und frühen 80ern erfolgreichen Werke Alien und Blade Runner nun durch vierzig Jahre später auf den Markt kommende Prequels und Sequels zu verwässern. Angst vor Altersarmut wird ihn nicht treiben. Vermutlich gibt er sich der irrigen Annahme hin, dass die Kinogänger seit Jahrzehnten danach fiebern, endlich erfahren zu dürfen, wie die Geschichte weitergeht. Nein, haben wir nie getan. Für mich waren sowohl Alien als auch der Blade Runner damals in sich abgeschlossene Stories gewesen.

    Blade Runner 2049 fällt deshalb in die Kategorie: Fortsetzung, die besser nie gedreht worden wäre. Jetzt muss ich das bloß noch meiner Bekannten erklären, denn die war ja von dem (Mach-) Werk total begeistert .

  • Wer nen Puff sucht, wird einen finden

    Wer nen Puff sucht, wird einen finden

    »Du schreibst doch gerne schlaue Sachen«, meinte Vera, als wir uns vergangene Woche mal wieder auf eine Tasse Kaffee im La Strada am Kölner Hohenzollernring trafen.
    »Was genau willst du von mir?«, fragte ich vorsichtig; denn an ihrem Blick konnte ich erkennen, dass sie mir einen Auftrag erteilen wollte.
    »Wie wär’s zur Abwechslung mit einer Kolumne zum Thema Prostitution? Mal was anderes als ständig dieses Wie-werde-ich-Abstinenzler-Mimimi. Ich würde dich auch mit Infos versorgen.«
    »Ich überleg’s mir«, sagte ich.

    Vera und ich kennen uns seit unserer Schulzeit. Genau genommen Herbst 75 aus der Pfarrdisco Sankt Joseph, die jeden Sonntagnachmittag im Kellerraum unter dem Gemeindezentrum an der Venloerstraße stattfand. Ich hatte mich als damals Dreizehnjähriger nach dem zweiten I’m-not-in-love-Engtanzblues unsterblich in sie verliebt. Vera ließ mich abwechselnd ein bisschen an ihr rumfummeln, dann wieder zappeln, und als ich 14 Tage später meinen ganzen Mut zusammennahm und ihr meine Gefühle gestand, schaute sie mich erst erstaunt, dann lächelnd an, bevor sie erklärte: »Das ist echt lieb von dir. Aber du bist ein 8t-Klässler, pickelübersät und kannst noch nicht mal richtig küssen. Was soll ich mit dir?«. Danach streichelte sie mir wie einem kleinen Bruder über den Kopf und stieg auf den Rücksitz eines von einem Abiturienten gesteuerten Mopeds. Das war meine erste Lektion in Punkto unerwiderte Liebe gewesen. Ich schlief ein paar Nächte unruhig und bekam Vera lange nicht aus meinem Kopf heraus. Ihr und mein Weg kreuzten sich Anfang der 80er Jahre erneut im Kölner Eroscenter, wo sie am Tresen des Kontakthofs auf Kunden wartete, um sich Geld fürs Jurastudium dazuzuverdienen. Aber davon berichte ich ein anderes Mal, denn dieser Text soll ja eine Kolumne und keine Autobiografie werden.

    Männliche Promiskuität als Auslöser

    Prostitution ja oder nein? Diese Frage scheidet seit Jahrhunderten die Geister. Nachdem Frankreich vor zwei Jahren beschloss, die Kunden mit hohen Geldstrafen zu belegen, gibt es auch bei uns immer lauter werdende Stimmen, die dasselbe fordern. Gemäß dieser Vorstellung stellt der Freier die Ursache allen Übels dar. Drosselt man die Nachfrage, sinkt in der Konsequenz ebenfalls das Angebot. Klingt beim ersten Zuhören plausibel, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als populistische Scheinlösung.

    Das Verlangen nach Sex und Intimität ist ein menschliches Grundbedürfnis. Zwar weniger stark ausgeprägt als Essen, Trinken und Schlafen; aber sicher auf derselben Ebene wie der Wunsch nach dem Freitagabendrausch anzusiedeln. Reduziert man nun die Möglichkeiten, diesem Trieb nachzugehen, was passiert dann? Bzw. wird Prohibition zum gewünschten Ergebnis führen?

    Der norwegische Historiker Nils Johan Ringdal führt in seinem hochinteressanten Buch  „Die neue Weltgeschichte der Prostitution“ einige Aspekte ins Feld, über die es nachzudenken gilt, bevor man zum abschließenden Urteil „ja oder nein“ gelangt:

    Männer sind von Natur aus promisker als Frauen … in den Hochkulturen des Westens wie des Ostens ist Prostitution die vorherrschende Lösung des gesellschaftlichen Dilemmas männlicher Promiskuität gewesen.

    Prostitution ist nicht universell, es gibt sie nicht in allen Gesellschaften. Dennoch gab es für den Verkauf von Sex immer schon einen breiten Kundenstamm.

    Etwas weiter im Text stellt der Historiker die Frage:

    Ist Bertolt Brechts Definition, Prostitution sei sexuelle Sklaverei wirklich so zutreffend, wie es zunächst scheint?

    Als Ringdahl seine Huren- & Bordell-Weltgeschichte im Jahr 1997 veröffentlichte, ahnte er vermutlich bereits, was bloß zwei Jahre danach im schwedischen Riksdag auf der Tagesordnung stand und mit großer Mehrheit des Parlaments beschlossen wurde: Unter Strafe stellen des Sexkaufs, was einem Prostitutionsverbot gleichkam. Ausgehend von zwei Annahmen:
    (1) Die Frauen werden zu diesem Job gezwungen, entscheiden sich nicht freiwillig für das Gewerbe
    (2) Keine Nachfrage mehr -> Angebot wird hinfällig.

    Feministinnen Hand in Hand mit bibeltreuen Christen

    So weit, so gut bzw. schlecht. Denn was passiert, wenn eine Institution (Staat, Kirche) versucht, ein menschliches Grundbedürfnis mit einem Komplettbann zu belegen? Es wird sich andere Möglichkeiten zur Befriedigung suchen. Die können heißen: Kontaktanbahnung im Internet, Hinterhofbordelle, Kauf der Dienstleistung im Ausland. Alle drei für Polizei, Gesundheitsamt und Streetworker sehr viel schwerer zu überblicken, als wenn die Angelegenheit legal geblieben wäre. Obwohl man sich an den Fingern einer Hand zusammenzählen kann, dass genau das die Konsequenzen der Puffschließungen sein werden, lässt sich Schweden von Abolitionisten und Frauenrechtlern gerne für seine Vorreiterrolle bei der Schleifung der geschlechtsbedingten Ungerechtigkeiten abfeiern, veröffentlicht jedoch keine belastbaren Zahlen, die einen tatsächlichen Rückgang der Prostitution bzw. dem Bedürfnis, diese in Anspruch zu nehmen, belegen. Ich persönlich halte das für neovictorianische Doppelmoral.

    Hydra, BesD und BSD: Expertinnen melden sich zu Wort

    Sehr viel sinnvoller ist der Weg, den die drei deutschen Interessenvertretungen Hydra, Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen und der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen einschlagen. Die Kernanliegen lauten:
    – Beendigung der Stigmatisierung
    – Gewalt gegen Sexarbeiterinnen ist genauso strafrechtlich zu verfolgen, wie das auch bei anderen Bürgern geschieht
    – Selbstbestimmte Berufswahl
    – Maßnahmen gegen Menschenhandel
    – Entwicklung von Berufsstandards
    – Hygienische und gesundheitliche Rahmenbedingungen
    – Arbeitsschutz
    – Gleichstellung mit anderen Gewerbetreibenden
    – Aktive Beteiligung der Sexarbeiterinnen an gesellschaftlichen Debatten, bei denen über das Thema Prostitution diskutiert wird.

    Anders als in Schweden nahmen die Sexarbeiterinnen bei uns Einfluss auf sie betreffende Entscheidungen der Legislative. In der Folge wurden zwei Gesetze verabschiedet:
    (a) Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz/ ProstG), 2002
    (b) Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen (Prostitutionsschutzgesetz/ ProstSchG), 2017.

    Abgesehen von Streitpunkten wie beispielsweise der Anmeldepflicht unter Klarnamen und dem ständigen Mitführen der behördlichen Anmeldebescheinigung (im Milieu auch „Hurenausweis“ genannt), bedeuten die beiden o.g. Gesetze v.a. die Stärkung der sozialen Situation von Prostituierten. Praktisch ausgedrückt: die Möglichkeit, in die Sozialsysteme einzuzahlen, Krankenversicherung, regelmäßige Gesundheitschecks, Kondompflicht, der Sorge entbunden sein, bei einer Razzia ständig mit einem Bein im Knast zu stehen, Berufsausübung ohne Zuhälterbeteiligung. Ob das immer und überall funktioniert, sei jetzt mal dahingestellt. Die Zielrichtung ist jedoch die richtige: Normalisierung der (freiwilligen) Dienstleistung Sex.

    Der Einwand, dass Prostitution mit Zwang und Menschenhandel zu tun hat, ist ein gravierender. Denn natürlich darf niemand zu diesem Beruf gezwungen oder gar aus seiner Heimat hierhin verschleppt werden, um schlecht bezahlt in einem Bordell oder auf dem Straßenstrich anzuschaffen. Allerdings sind diese beiden Tatbestände ohnehin verboten (StGB: §232, speziell: 232a), gibt es ebenfalls eine Menge Sexarbeiterinnen, die diese Profession freiwillig und gerne ausüben; und außerdem ist überhaupt nicht sichergestellt, dass die Prohibition den (unfreiwilligen) Zustrom von Frauen aus Osteuropa, Afrika und Fernost unterbindet. Das Gegenteil steht zu befürchten: Die Zwangsprostitution wird sich bei einem Komplettbann noch tiefer in den Untergrund zurückziehen, noch unsichtbarer machen, und ist in der Konsequenz kaum überwachbar. M.E. erweisen die Befürworter des Prostitutionsverbots der berechtigten Sache der in diesem Metier arbeitenden Damen einen Bärendienst. Die Folge werden zunehmende Kriminalisierung des Gewerbes und ein Anstieg sexueller Übergriffe im Alltagsleben sein, weil das Regulativ (legaler) Bordellbesuch fehlt.

    Verengter Prostitutionsbegriff führt zu voreiligen Schlussfolgerungen

    Mir persönlich leuchtet auch nicht ein, weshalb sich der Kampf gegen die Prostitution stets auf Bordelle und den Straßenstrich verengt. Was ist mit Teilzeit-Escort-Callgirls/ -boys, Frauen & Männern, die einen vermögenden Witwer/ eine reiche Witwe heiraten, obwohl sie ihn/ sie überhaupt nicht lieben, Mitarbeitern, die mit dem Chef/ der Chefin ins Bett gehen, um sich berufliche Vorteile zu verschaffen, dem Mann, der einer Frau für eine gemeinsame Nacht einen Diamantring in Aussicht stellt? Ist nicht all das ebenfalls Prostitution? Falls ja: weshalb erachten wir diese Varianten für legal, während das schnelle Geschäft Blowjob für einen Fuffi unter Strafe gestellt werden soll?

    Die Bezahlsex-Prohibition ist ein Placebo. Entwickelt, um dogmatische Feministinnen und lustfeindliche Kirchenkreise zu beruhigen. Allerdings wird dadurch weder das Grundbedürfnis auf „Ich möchte heute Abend einen Orgasmus haben, mir fehlt jedoch der Partner dafür“ obsolet, noch lässt sich die Zwangsprostitution deutlich eindämmen. Vom Aspekt der ständig überbuchten Charterflüge nach Bangkok, wo man dann in thailändischen Clubs die Puppen tanzen lässt, ganz zu schweigen.

    Um mit den Worten Veras zu schließen: »Wer nen Puff sucht, wird einen finden«.

    PS. über die Idee, kommunal betriebene Etablissements einzurichten, ist bisher viel zu wenig nachgedacht worden. Sicherheit und Sauberkeit wären garantiert. Und ich bringe mein Erspartes ja sehr viel lieber zu einer Sexamtsfrau, als es bei einer Steuerinspektorin zu lassen.

    Weiterführende Literatur:
    Nils Johan Ringdahl: Die neue Weltgeschichte der Prostitution, 1997 (in Deutschland 2006 beim Piper Verlag erschienen).

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  • Blaue Perücke – eine Karnevalskolumne

    Blaue Perücke – eine Karnevalskolumne

    Während um mich herum entweder alle noch schlafen oder kotzend über der Kloschüssel hängen, die Nachbarn mir mit eineinhalb Promille Restalkohol im Treppenhaus entgegentorkeln, und am Hals der hübschen Kassiererin vom Aldi zwei fette Knutschflecke prangen, die sie gestern Morgen hundertpro noch nicht besaß, beschließe ich, den Freitagmittag nach der langen Weiberfastnachtsparty bestmöglich zu nutzen und was zum Thema Karneval zu Papier zu bringen. Dass dieses schöne Fest vor allem in katholischen Regionen gefeiert wird, sechs Tage dauert und an Aschermittwoch endet, wissen sicher auch die protestantischen Griesgrame und In-den-Skiurlaub-Flüchter.

    Antike: einmal im Jahr ordentlich die Sau rauslassen

    Die Wurzeln dieses schönen Brauchs, bei dem einige Tage lang die Klassengrenzen aufgehoben sind, reichen weit zurück. Waltari erzählt uns in seinem Roman Sinuhe vom Fest des falschen Königs, das alljährlich am Tag des Frühlings-Äquinoktiums in Babylon begangen wurde, an dem ein zufällig ausgewählter Fremder 24 Stunden lang den Platz des angestammten Herrschers einnahm und seinem Leih-Volk allerlei merkwürdige Aufträge erteilte, die ohne Murren zu erfüllen waren, was die Zuschauer sehr erheiterte. In dieser kurzen Zeitspanne war nahezu alles erlaubt, der Alkohol floss in Strömen, jede kopulierte mit jedem, ohne dabei einen Gedanken an Moral und Standeszugehörigkeit zu verschwenden. Beim ersten Hahnenschrei des darauffolgenden Morgens wurde der falsche König getötet, die Klassengrenzen wieder hochgezogen, alle kehrten verkatert an ihre Arbeitsplätze zurück und amüsierten sich prächtig darüber, wie verdattert der 24h-Monarch geschaut hatte, als ihn die Leibgarde zum Schafott führte, wo der Scharfrichter ihm mit einem sauberen Hieb den Kopf vom Rumpf abtrennte. Die Szene spielt im 14ten Jahrhundert vuZ. Eine Inschrift aus dieser Zeit lautet: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet“.

    Die Ägypter berauschten sich zu Ehren der Isis, die alten Griechen tanzten auf dionysischen Kostümpartys. Die Römer wiederum kannten die mehrtägigen Saturnalien, an denen man sich verkleidete, Schabernack und allerlei nicht jugendfreie Sachen trieb. All diesen Festen war eins gemeinsam: das unbedingte Gleichheitsprinzip, Mummenschanz, saufen und hemmungsloser Sex. Also die Aktivitäten, die der Kölner Volksmund mit „suffe, poppe, danze“ umschreibt.

    Mit dem aufkeimenden Christentum war erstmal Schluss mit lustig. Der sittenstrenge Kirchenlehrer Augsutinus – der in seiner Jugend ein partyfeiernder Strolch gewesen war, bevor ihm wie Saulus die Erleuchtung kam, und er sich fortan mit Haut und Haaren der Verbreitung des neuen Glaubens verschrieb – wetterte unablässig gegen sämtliche weltlichen Vergnügungen und verdammte mit Inbrunst die Kostümorgien als besonders schlimmes Werk des Teufels. Dieses Verdikt hinderte die Menschen natürlich nicht daran, sich anlässlich der Vertreibung des Winters weiterhin zu verkleiden und „viel Unzucht zu begehen“. Bloß tat man das ohne den Segen der Kirche und riskierte viele Rosenkränze und im Wiederholungsfall sogar die Exkommunikation, wenn man sich dabei erwischen ließ.

    Vom mittelalterlichen Mummenschanz zur Parodie auf Preußens Militär

    Über die Zwischenstufen Narrenfeste/ Mummenschanz, Fasnaht und die während des Barocks in Mode kommende  Freude am Tragen italienischer Masken, die an die Figuren der Commedia dell‘ arte angelehnt waren, gelangen wir im Schweinsgalopp zum Karneval der Neuzeit. Dessen Geburtsstunde in Deutschland schlug im Jahre 1823, als  sich in Köln das Festordnende Comite zusammenfand mit dem Ziel, den lange Zeit verbotenen Straßenkarneval neu zu beleben und humorvolle Kritik an der fremden Obrigkeit (das Rheinland war 1815 Preußen zugeschlagen worden) zu üben.

    Die Tage des rheinischen Frohsinns – und sämtlicher anderer Karneval, von Rio mal abgesehen, ist völlig uninteressant – heißen:

    Weiberfastnacht/ Wieverfasteleer: die Frauen übernehmen die Macht. Schlipse werden als männliches Herrschaftssymbol gestutzt. Worüber sich einige Ortsfremde zwar aufregen. Ich wiederum bin der Meinung, dass eine beschnittene Krawatte weniger schmerzvoll ist als eine Zirkumzision. Um 11.11 reißen sich die Frauen die Mützen vom Haupt (sind dann nicht mehr unter der Haube) und erlauben sich bis weit nach Mitternacht allerlei Freiheiten.

    Der Freitag dient der Erholung von Altweiber und hat – wie der Samstag und der Sonntag – keinen extra Namen erhalten. Am Sonntag laufen in Köln die Schull- un Veedelszöch, deren schönste Wagen und Truppen prämiert werden und als unmittelbare Belohnung am Rosenmontagszug teilnehmen dürfen.

    Rosenmontag/ Rusemondaach. Die Herkunft dieses Namens ist bisher nicht abschließend geklärt. Am plausibelsten klingt die Rückführung auf das Kölner Verb „rosen“, das nichts anderes als „rasen, tollen“ bedeutet. Also: die am Montag losgelassenen/ rasenden Narren.

    Der Dienstag heißt in Köln bloß Dienstag, während er in anderen Städten, die einzig an diesem Tag feiern, unter Namen wie Veilchendienstag, Mardi Gras oder Pancake day begangen wird. Am Abend verbrennen die Kölner den Nubbel (eine mannsgroße, bekleidete Strohpuppe), beerdigen den Karneval; die Hartgesottenen tanzen noch bis in die frühen Morgenstunden des Aschermittwochs, bevor sie sich entweder in der Kirche das Aschekreuz abholen oder in hausärztliche Behandlung begeben.

    Als in Bonn geborener, in Köln aufgewachsener Rheinländer habe ich an schätzungsweise zwei Dutzend Karnevalssessionen teilgenommen, die – mit leichten Abweichungen – alljährlich wie folgt abliefen:

    Blaue Perücke – ein Rosenmontagsgedicht

    | Blaue Perücke
    Stirn auf dem Tresen
    vier Tage durch gefeiert
    die Perücke verklebt
    das Hemd voller Flecken
    Hose zerrissen
    ungeduscht
    Bartstoppeln im Gesicht

    Vor mir Bier und Schnaps
    die ich ineinander mische
    mit bleischweren Lidern glotze ich
    ins prallgefüllte Dekolleté meiner Begleiterin
    versuche, sie zu küssen
    sie entwindet sich wie eine Schlangentänzerin
    der Umarmung

    Noch ein Jägermeister, mein Großer?
    fragt sie mit hartem Akzent
    ich nicke stumm
    denn ich weiß
    dass ich nicht mehr sprechen kann

    Sie schmiegt sich an meine Schulter
    drückt mir das Glas in die Hand
    in einem Schluck stürze ich es runter
    ihr Lächeln gefriert plötzlich
    zu einem Raubtiergrinsen
    ich tauche mit der Nase
    in eine Bierpfütze
    Dunkelheit

    Als ich erwache
    liege ich auf einem alten Grab
    die Buchstaben längst verwittert
    Stein halb im Boden versunken
    ein Daunenanorak über dem
    Piratenkostüm
    damit ich nicht erfriere
    blaue Perücke in einem
    Azaleenstrauch

    Schwerfällig rappele ich mich auf
    durchwühle meine Taschen
    Kohle weg, Kreditkarte futsch
    ich kann mich nur schwach
    an ihre grünen Haare
    schwarz bemalte Lippen
    und die schmale Reptilienzunge
    erinnern
    ansonsten: kompletter Filmriss

    Soll ich die Bullen informieren?
    wozu?
    die können mir eh nicht helfen
    ist halt dumm gelaufen um drei Uhr nachts
    im Tiffanys

    Welchen haben wir heute?
    Rosenmontag
    noch 36 Stunden Karneval
    langsam setzte ich mich in Bewegung
    wische die Friedhofserde von den Klamotten
    stülpe die Perücke
    über die fettglänzenden Haare
    zu Hause habe ich zwei Hunderter
    unter der Kaffeemaschine deponiert
    die müssen reichen bis Aschermittwoch

    Und dann?
    schnelles Aschekreuz
    und erstmal auspennen

    © H.H.// 2010

    Kurzer Karnevals-Knigge

    Wenn man als zugereister Partytourist im Rheinland nicht ins Fettnäpfchen treten möchte, gilt es folgende Dinge UNBEDINGT zu beachten:

    In Köln und Bonn ruft man Alaaf, während Düsseldorf und Mainz (das zwar am Rhein, jedoch nicht im Rheinland liegt) Helau brüllen. Alaaf kann man übersetzen mit: „Erst kommt Köln und dann kommt lange gar nichts“, was jedem Kölner sofort einleuchtet. Den Bonnern ist die wahre Bedeutung wahrscheinlich nicht präsent. Helau wiederum klingt eher dämlich.

    Bonn und Düsseldorf haben ein Prinzenpaar, in Köln jubelt man dem Dreigestirn zu: Prinz, Jungfrau und Bauer … Weshalb im Jungfrauenkostüm ein Mann steckt, wollen Sie wissen? Keine Ahnung. Et is einfach esu. Man muss ja nun nicht alles und jeden hinterfragen.

    Vorne auf dem Podium sitzt der Elferrat. Typen mit komischen Mützen, die den Charme von übermüdeten Taxifahrern versprühen und deren vier Hauptaufgaben darin bestehen, die Büttenredner anzukündigen, den Funkemariechen auf deren Knackärsche zu starren, Orden zu verleihen und das Publikum aufzufordern, „Alaaf“ zu schreien. Wären die elf Figuren alle gleichzeitig krank und verhindert, würde es niemandem großartig auffallen. Die Elf als Ziffer „1 neben der 1“ versinnbildlicht übrigens das Prinzip der Gleichheit. Falls das an dieser fortgeschrittenen Stelle der Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.

    Liedgut und Büttenreden sind Legion. Hierauf im Einzelnen einzugehen, würde den Text sprengen. Man unterscheidet grob in die Kategorien „hervorragend/ Dauerbrenner“, „mittelmäßig/ Schenkelklopfer“ und „schlecht/ nur unter Zufuhr von ständig neuem Alkohol zu ertragen“. Karnevalssongs für die Ewigkeit sind beispielsweise:  „Die Hüs’cher bunt om Aldermaat“ (Willi Breuer), „En d’r Kayjass Nummero Null“ (De vier Botze), „En de Weetschaff op d’r Eck“ (Bläck Fööss).

    Während man bei „Mainz bleibt Mainz“ über weite Strecken meint, versehentlich einem Kostümtermin des rheinland-pfälzischen Landtags zugeschaltet zu sein, geht es auf den  Sitzungen zwischen Rodenkirchen und Worringen schon derber zur Sache. Wer den kölschen Dialekt nicht beherrscht, tut sich schwer, den Witz der Redner zu verstehen und muss sich notgedrungen mit den Tanz- und Musikeinlagen begnügen. Und worüber die Düsseldorfer an Karneval lachen? Keine Ahnung. Fragt die Düsseldorfer.

    Die Korps – oft Funken oder Garden heißend – kleiden sich überwiegend in Uniformen des späten 18ten Jahrhunderts und reiben beim Aufmarsch auf der Bühne gerne in Hockstellung ihre Hintern aneinander – nennt sich: „Stippeföttche“ oder „wibbeln“ –; eine Persiflage auf den preußischen Militärdrill. Der Tanzmajor stemmt seine Partnerin, die verniedlichend Funkemariechen genannt wird – obwohl sie eine ausgewachsene Jessica ist – , im Verlauf seiner Karriere 50.000 Mal in die Höhe, bevor er mit 35 den ersten Bandscheibenvorfall erleidet.  Et jitt zodäm Speelmaanszöch, Akrobaten, Pantomimen  und so weiter und so fort.

    Wir halten fest:
    ▪ Die Ursprünge des Karnevals reichen bis in die Anfangszeit der menschlichen Zivilisation zurück
    ▪ Der Kerngedanke des Fests liegt in der zeitweiligen Gleichheit ALLER Bürger begründet
    ▪ Die Freude am Verkleiden wird stets begleitet von (übermäßigem) Alkoholgenuss und (promiskuitivem) Sex
    ▪ In der Neuzeit splittet sich der Karneval in vier Regionen auf: Alaaf, Helau, Rio und sonstige
    ▪ An Aschermittwoch ist alles wieder vorbei.

    Dass sich Karneval von „carne vale (Fleisch lebe wohl!)“ ableitet, wussten vermutlich alle Leser schon. Falls nein, erwähne ich es der guten Ordnung halber am Ende der Kolumne.

    Und nun schließe ich mit einem getippten 3x Kölle Alaaf!!!!

    PS. dass die Kölner Geburtenrate im Spätherbst signifikant nach oben steigt, hat sich mittels einer vom Statischen Landesamt in Auftrag gegebenen Langzeituntersuchung als falsche Hypothese erwiesen, hält sich aber als Gerücht weiterhin hartnäckig.
    PPS. Clownskostüme gehören im 21sten Jahrhundert verboten.

  • Die Bayern raus aus der BuLi!

    Die Bayern raus aus der BuLi!

    »Ihr schreibt immer so superintelligentes Zeug«, sagt mein alter Kumpel Jupp, mit dem ich mich an jedem zweiten Wochenende in einer Sky Sportsbar in Troisdorf treffe, wo wir uns gemeinsam die Bundesligaspiele anschauen.
    »Wen meinst du?«, frage ich.
    »Na, dich und deinen Kolumnistenverein.«
    »DU liest das?«
    »Hältst du mich für einen kompletten Banausen? Aber ständig Politik. Kultur, Jura und all so ein hochgestochener Kram. Macht doch mal was anderes.«
    »Was schwebt dir denn da vor?«
    »Fußball.«
    »Fußball?«
    »Hast du was an den Ohren? JA: Fußball!! Damit ihr auch die breite Masse erreicht und nicht auf immer und ewig eine Nischenpublikation bleibt.«
    »Okay, ich überlege mir was.«

    Jupp hat völlig Recht. Die Rubrik Sport existiert bisher nicht bei uns. Keine Ahnung, weshalb sich keiner darum kümmert. War auch nie Thema auf einer Redaktionssitzung. Also werde ab sofort ich das tun. Eigentlich wollte ich heute was über Catherine Deneuves Frauenbild und Eugen Gomringers konkrete Poesie schreiben. Das Hohe Lied der plumpen Anmache und die Blume-Straße-Frau-Fantasie in einen Kontext setzen. So in die Richtung: wer avenidas & mujeres gut findet, grapscht auch gerne ungefragt an den Arsch der Sekretärin. Ich hatte sogar schon eine moderne Version des altväterlichen Gedichts vorbereitet:

    Dosen
    Dosen und Ravioli

    Ravioli
    Ravioli und Titten

    Dosen
    Dosen und Titten

    Dosen und Ravioli und Titten und
    ein alter Sack

    Früher war mehr Straßenfußball

    Ich werde diesen Gedanken jedoch auf eine spätere Kolumne verschieben und mich heute stattdessen auf den Fußball konzentrieren. Muss da aber etwas weiter ausholen und erzählen, wie Jupp und ich uns kennengelernt hatten. Das war Mitte der 70er Jahre in der Pfarrdisco gewesen, die am frühen Sonntagabend im Keller unter dem Gemeindesaal von St. Josef stattfand. Wir balzten beide um dasselbe Mädchen herum, kamen jedoch nicht zum Zuge, weil Angelika, so hieß sie, sich für einen Jungen aus der Oberstufe entschied, der ihr mit einem Ford Granada und Karten für ein Bay-City-Rollers-Konzert imponierte. Jupp und ich hatten uns bis zu diesem Zeitpunkt in einem erbitterten Wettbewerb um die Gunst Angelikas befunden, waren, als wir die Neuigkeit mit dem Abiturienten erfuhren, ein paar Tage lang zu Tode betrübt, kamen allerdings beide unabhängig voneinander zu dem Resultat, dass tagelanges Zu-Hause-Grübeln bei gleichzeitigem Hören von Uriah Heeps „Lady in Black“ den Schmerz bloß künstlich verlängerte, anstatt ihn zu beseitigen. Eine Woche später reichten wir uns auf dem Schulhof die Hand, begruben unsere Rivalität und schlossen Freundschaft. Jupp ging in die Parallelklasse, war ein pfeilschneller Rechtsaußen, hatte sein Zimmer mit Bravo-Starschnitt-Postern zugekleistert, sprach am liebsten über Fußball und am allerliebsten über den FC. Meine Ballkünste waren seinen weit unterlegen, ich galt jedoch als solider Verteidiger, der in Zeiten, als die variable Raumdeckung noch nicht erfunden worden war, seinem Gegenspieler neunzig Minuten lang kreuz und quer über den Platz folgte. In dieser prähistorischen Epoche ohne Computerspiele, Internet und mit streng reglementiertem Fernsehkonsum verbrachten wir unsere Freizeit oft draußen auf der Straße. Und auf der Straße war zu 90 Prozent gleichzusetzen mit Fußballspielen. Jupp und ich verbredeten uns nun oft nach der Schule auf einen Kick im nahegelegenen Blücherpark oder auf der Jahnwiese. Er war es auch, der mich zum ersten Mal zum FC mitnahm, der damals noch in der Radrennbahn logierte und kurz darauf ins neu erbaute Müngersdorfer Stadion umzog.

    Das erste Match, das ich damals sah, war gegen den HSV. Ein mageres 1 zu 1; aber für einen 13-jährigen schon ein Erlebnis, seine Idole Overath, Flohe und Dieter Müller unten auf dem Rasen wirbeln zu sehen. Die Stehplatzkarte Südkurve kostete für einen Schüler vier Mark. Zwar das Taschengeld einer gesamten Woche. Das war mir der im Abstand von 14 Tagen stattfindende Spaß jedoch wert.

    70er und 80er Jahre: Titelrennen offen und spannend

    Es war dies überhaupt eine schöne Fußballepoche, weil die Bundesliga spannend war. Nahezu jede Mannschaft die andere schlagen konnte. Okay, jetzt nicht unbedingt Uerdingen die Bayern, aber die im oberen Drittel der Tabelle platzierten Teams waren alle gut für den Titel. Die Liste der Meister von 1975 bis 1984 liest sich so: Gladbach, Gladbach, Gladbach, Köln, HSV, Bayern, Bayern, HSV, HSV, Stuttgart. Die Pokalsieger in derselben Dekade hießen: Frankfurt, HSV, Köln, Köln, Düsseldorf, Düsseldorf, Frankfurt, Bayern, Köln, Bayern. Für meinen Kölner Geschmack ein bisschen viel Gladbach bei den Meistern und definitiv zu viel Düsseldorf im Pokal; ABER weit entfernt von der heutigen Monotonie, die da lautet: München ist beim Double gesetzt, und wenn eine Saison mal superspannend verläuft, verlieren die Bayern das Pokalfinale im Elfmeterschießen. Die BuLi ist aufgrund der bajuwarischen Vorherrschaft stinklangweilig geworden. Es sei denn, man interessiert sich für solche Feinheiten wie: wer wird Vizemeister? (in 80% der Fälle der BVB), welche Teams erreichen die Europa League, wer wird absteigen, welcher Verein rettet sich durch die Relegation ? (immer der HSV). Was ist daran unklar, sorgt für Nervenkitzel? Eigentlich nur noch die Frage, ob die Münchner mit zehn, zwanzig oder dreißig Punkten Vorsprung die Meisterschale holen.

    Nun kann man ja den Bayern keinen Vorwurf daraus machen, dass sie jedes Spiel gewinnen wollen. Auch das Die-Münchner-kaufen-der-Konkurrenz-die-guten-Spieler-weg-Mimimi zieht nicht. Die Wir-bedienen-uns-beim-Nachwuchs-des-Nachbarn-Philosophie praktizieren ja alle Clubs. Die einen räubern bei den Bochumern, die anderen plündern Mainz. Fragt mal die Freiburger, wie die sich fühlen, wenn ihnen jedes Jahr der halbe Kader weggekauft wird.  Die Bayern können es sich aufgrund solider Haushaltsführung und genügend Kohle in der Kriegskasse eben leisten, Hummels aus Dortmund und Goretzka von Schalke wegzulotsen. Zumal es sich unter dem blauen Münchner Himmel eh angenehmer leben lässt als im wolkenverhangenen Ruhrgebiet. Aber für das bessere Klima kann man die Bayern ebenfalls nicht zur Rechenschaft ziehen. Ist halt so.

    Seit zwei Jahrzehnten: Langeweile pur in den nationalen Ligen

    Ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass die BuLi, was die Frage der Meisterschaft angeht, mittlerweile zur langweiligsten Liga der Welt degeneriert ist. In Spanien kommen immerhin noch zwei Teams (Real und Barca) dafür in Frage, in England ist es ein Quintett, das um den Lorbeerkranz streitet, in Italien stehen zumeist Juve, Inter oder die Roma oben auf dem Siegertreppchen, einzig in Frankreich mit dem Milliardärsverein PSG ist es mittlerweile genauso öde wie bei uns in Deutschland.

    Jupp und ich fantasieren deshalb mitunter am Rande der FC-Spiele über die Einführung einer europäischen Supermeisterschaft. Die Fantastilliontruppen aus den nationalen Ligen rauslösen und für die einen neuen Wettbewerb ins Leben rufen. Sowas wie die CL an jedem Wochenende. Aus Deutschland kämen als Teilnehmer einzig Bayern und der BVB in Frage. Der Rest ist zu arm und zu schwach, um dort mithalten zu können. Unsere Clubs schaffen es ja noch nicht mal mehr, die Gruppenphase der EL zu überstehen. Was natürlich ebenfalls eine Folge der mittlerweile zwei Jahrzehnte andauernden Dominanz der Münchner ist. Wenn es mir von vornherein ausreicht, punktemäßig weit abgeschlagen auf den Rängen 5 bis 7 in der BuLi zu landen, bin ich einfach nicht stark genug, mich mit den Teams aus enger ablaufenden Ligen zu messen. Kein Wunder, dass Spanier und Engländer das unter sich ausmachen.

    Im Zeitraum 1975 bis 1984 holten deutsche Teams drei Mal den UEFA- und einmal den Pokal der Pokalsieger, standen häufig in den Endspielen und in den Halbfinals (1980 gar vier heimische Mannschaften im HF des UEFA Cups: Bayern, Frankfurt, Gladbach und Stuttgart. Die Eintracht hatte am Ende knapp die Nase vorn). Die Bayern errangen von 74 bis 76 durchgängig die Krone der europäischen Landesmeister, der HSV gewann diesen Wettbewerb 1983. Soll heißen: Länder, in denen die Meisterschaft bis zum Ende hart umkämpft ist, gebären mehr international wettbewerbsfähige Teams als die Monokulturligen.

    Und da es bis 2099 nicht absehbar ist, dass die Bayern mal nicht deutscher Meister und Pokalsieger werden und jedes Jahr aufs Neue den nationalen Spielermarkt leerfegen – was ja deckungsgleich ebenfalls in England, Spanien, Italien und Frankreich geschieht –, leuchtet die Idee einer neu zu gründenden Superclubliga jedem Fußballexperten sofort ein. Die zu Hause gebliebenen Vereine machen wie bisher weiter in der BuLi, Premier League, Serie A, Ligue 1, und wir werden dann sogar den Tag erleben, an dem die Schale in Gelsenkirchen und Leverkusen (wenngleich mir als Kölner alleine die Vorstellung eines B04-Titels schon sauer aufstößt) in die Höhe gestemmt wird. Die Bayern messen sich ganzjährig mit Chelsea, Madrid, Turin und Paris. Und schicken ihre dritte Mannschaft – also die Spieler, die nicht mal auf der Ersatzbank sitzen – ins nationale Rennen. Für Platz vier müsste diese Truppe allemal ausreichen. Je länger Jupp und ich über unseren Geistesblitz nachdenken, desto logischer, ja geradezu zwingend notwendig erscheint er uns. Wer die gähnende Langweile aus der Bundesliga vertreiben will, der muss die Bayern aus Deutschland wegloben. Anders wird es nicht funktionieren.

    Nun möchten wir uns aber wieder auf das heutige Spiel konzentrieren. Der FC zu Hause gegen Augsburg, und der Kleinstadtverein hat gerade den späten Ausgleich erzielt. Jupp flucht laut und trinkt sein Kölsch in einem Zug leer, ich fluche leiser und verschütte vor Schreck meinen Kaffee. Für uns ist die Mission Klassenerhalt im Moment eh die einzig spannende.

    In der Fortsetzung wird ein wehmütiger Blick zurück auf die Zeit geworfen, als Fußballer noch Fußball spielten und sich nicht mit Kinkerlitzchen wie der Farbe ihrer Schuhe und ihrer 30sten Tätowierung beschäftigten.

  • Konservative Revolution: wtf ist das?

    Konservative Revolution: wtf ist das?

    Revolution = „auf radikale Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteter, (gewaltsamer) Umsturz[versuch]“,
    sagt der Duden

    Als Alexander Dobrindt am Morgen des 4. Januar 2018 die Revolution ausruft, sitze ich zu Hause auf dem Klo, informiere mich im Sportteil des Kölner Stadtanzeigers über den aktuellen Trainingsstand des FC und bekomme von der ganzen Sache erstmal gar nichts mit. Da es den gesamten Tag über sehr ruhig im Rheinland zugeht, von Aufruhr und Revolte nullkommanix zu spüren ist, reagiere ich umso erstaunter, als ich den ehemaligen Verkehrsminister abends im Heute Journal erblicke, in dem er von der Moderatorin nicht etwa zu seiner dubiosen Rolle im Dieselskandal, sondern zum Thema konservativer Widerstand interviewt wird. Macht der Dobrindt jetzt auf Freiheitskämpfer, überlege ich und spitze die Ohren.

    TV-Interview fördert bloß Worthülsen zutage

    Slomka startet zahm, erinnert an die bereits 1982 von Altkanzler Kohl proklamierte geistig-moralische Wende und weist darauf hin, dass die Alt-68er mittlerweile alle pensioniert sind und sich kopfwackelnd im Altersheim befinden, sodass von ihnen keine große Gefahr für unser Gemeinwesen mehr ausgeht, weshalb sie sich frage, mit welcher Begründung diese Gruppe heute immer noch als Feindbild tauge. Dobrindt erwidert darauf, es sei im vergangenen Jahr offensichtlich geworden, dass sich eine Menge Menschen nicht verstanden fühlten und daraus dann Protest entstehe. Es gebe eine bürgerlich-konservative Mehrheit in Deutschland, die das Gefühl habe, sie würde im linken Meinungs-Mainstream nicht berücksichtigt.

    Wann sich FAZ, WELT und BILD dem linken Pressespektrum angeschlossen haben, weiß ich nicht, aber der CSU-Landesgruppenchef ist diesbezüglich sicher besser informiert als ich. Sonst würde er ja nicht von linker Meinungsdiktatur reden, auch wenn er diesen Begriff auf konkrete Nachfrage hin sofort wieder einkassiert. Er betont nochmal das diffuse Gefühl, nämlich die Sorge der Bürger, von der Medienlandschaft nicht mehr wahrgenommen zu werden. Wenn ich Angstgefühle habe, die ganz offensichtlich nicht der Realität entsprechen, lege ich mich beim Psychologen auf die Couch, denke ich, sage aber nichts, weil ich mir den Fortgang des Interviews nicht entgehen lassen möchte.

    Ob ihm denn klar sei, was der Begriff Revolution bedeute, nämlich grundlegender Wandel mittels Aufstand, erkundigt sich Slomka. Und wie stark er davon überzeugt sei, dass die deutsche Bevölkerung tatsächlich eine komplette Systemveränderung wolle. Er sei überinterpretiert worden, entgegnet der Exminister. Es ginge ihm bloß darum, dem bürgerlich-konservativen Wähler eine Stimme zu verleihen.

    Was willst du, schießt es mir durch den Kopf. Kann doch nicht wahr sein, dass du morgens zur Revolution aufrufst und bereits am Abend die Gewehre wieder einsammelst. Du bist ja kein AfD-Trompeter, der hin und wieder ein garstiges Lied spielt, sondern Spitzenrepräsentant einer seit Ewigkeiten in Bonn, Berlin und München (mit-) regierenden Partei. War es nicht möglich, sich vorher darüber klar zu werden, ob man das Volk nun zu einer Revolution aufruft oder doch bloß eine partielle konservative Renaissance beabsichtigt?

    Auch auf die restlichen Fragen Slomkas antwortet der CSU-Mann ausweichend, flüchtet sich in das altbekannte Mantra, er sei absichtlich falsch verstanden und von der Moderatorin viel zu hart in die Mangel genommen worden. Das übliche Männer-Mimimi, sobald eine Frau uns mal härter auf den faulen Zahn fühlt.

    Okay, denke ich, Slomka hat Dobrindts konservative Revolution als das entlarvt, was sie anscheinend ist: inhaltsleeres Geschwurbel, ein Mini-Tsunami entstanden in einem Seminarraum am Ufer des Chiemsees. In Umlauf gebracht Anfang Januar statt – wie man es sonst von der CSU gewohnt ist – an Aschermittwoch. Aufmerksamkeit erheischen um jeden Preis und ohne Rücksicht darauf, dass der Begriff kontaminiert ist. Der Historiker Armin Mohler fasste darunter republikfeindliche Strömungen innerhalb der Weimarer Republik zusammen, während sein französischer Kollege Louis Dupeux darin sogar die dominierende deutsche Ideologie der 20er Jahre verstand, für die er als Synonym das Wort Präfaschismus wählte. Kein Wunder, dass die Denker der Neuen Rechten schon Einsatzpläne in ihren Schreibtischschubladen liegen haben, wie man die revolutionäre Theorie am besten in die die bundesdeutsche Praxis umsetzen kann. Ob Dobrindt die Herkunft des Begriffs kannte? Falls nein, wird sie ihm sicher ein Referent, der schnell in Wikipedia nachgeschaut hat, verraten haben. Man darf die Widerstandsrhetorik nicht einzig der extremen Linken und Rechten überlassen, sondern muss die Revolution dem Bürgertum zurückgeben, hat er noch ergänzt. Wow!

    Spott im Netz

    Nun tue ich mich zugegebenermaßen generell schwer damit, mir einen Konservativen als Revolutionär vorzustellen. Vor meinem geistigen Augen entstehen da Bilder vom über Landkarten vertieften Fidel Castro, Che Guevara mit locker um die Schulter gehängtem MG, Mao auf seinem langen Marsch, Lenin während einer Protestkundgebung. Vier Herren, die viele Jahre ihres Lebens von den Behörden verfolgt, bekämpft und ständig vom Tod bedroht wurden. Während Dobrindt den Systemwechsel nun per Zeitungsbeitrag in die Wege leitet. Wird er im Anschluss an das ZDF-Interview wie seine Vorgänger in den Untergrund abtauchen und mit seinen Getreuen einen Partisanenkampf gegen die Merkeldiktatur beginnen?

    Die digitale Gemeinde reagierte umgehend. Gab da lustige Sachen zu lesen. Vom Aufstand der 3er-BMW-Fahrer ist die Rede. Ein durch den Bayerischen Wald geisterndes Freicorps wurde nahe der tschechischen Grenze gesichtet. Er wird auf die Feldherrnhalle zumarschieren, befürchtet ein User. Und die Kastelruther Spatzen machen jetzt auf Hip-Hop, schreibt der Nächste darunter. Dobrindt begreift sich als Che Guevara der bürgerlichen Reihenhaussiedlung, weiß ein Kommentator zu berichten, während ein anderer behauptet, dass die konservative Revolution die letzte Wunderwaffe der CSU ist, die vor der Landtagswahl im Herbst gezündet wird.

    Als ich mich am Tag darauf im Netz danach erkundige, worin die Kerninhalte einer grundlegenden bürgerlichen Wende eigentlich bestehen, werde ich auf die Familienpolitik verwiesen. Hier wären die 68er und Rot-Grün eindeutig zu weit nach vorne geprescht. Homoehe auf den Prüfstand, Kampf dem Genderwahnsinn, die traditionelle Rollenverteilung Mann & Frau ist naturgegeben, Kinder benötigen ein intaktes Elternhaus und keine Patchworkfamilien, erhalte ich als Antworten. Da werden sich einige schwule und geschiedene Unionspolitiker sicher freuen, wenn sie erfahren, worauf Dobrindt und seine Gefolgsleute zielen, denke ich.

    Was sonst noch dahinterstecken könnte

    Und damit wäre das Thema für mich abgehakt gewesen, wenn ich nicht am Folgetag in Facebook zufälligerweise über den 10-Punkte-Plan („Warum die Union eine bürgerlich-konservative Erneuerung braucht“) der CSU, den sie im Vorfeld der Jamaika-Sondierungsgespräche aufgestellt hatte, gestolpert wäre, aus dem ich die wichtigsten Passagen zitiere:

    Will die Union weiterhin Taktgeber für das gesamte bürgerliche Lager sein, muss sie ihren angestammten Platz Mitte-Rechts ausfüllen. Zehn Gründe, warum die Union dem Land das schuldig ist:

    1. Weil die Menschen eine bürgerlich-konservative Politik wollen. Seit dem 24. September ist klar: Es gibt keine linke Mehrheit mehr. Die Wähler setzen auf die Werte und Prägung des Landes, wollen Recht und Ordnung, wünschen Sicherheit und Wohlstand für alle. Das war immer Markenkern der Union. Und das muss immer Unionspolitik bestimmen!
    5. Weil man bei großen Aufgaben auch an die kleinen Leute denken muss. Deutschland hat viel Verantwortung in Europa und der Welt übernommen. Aber es darf nie der Eindruck entstehen, dass die eigene Bevölkerung zu kurz kommt. Bürgerliche Politik ist, sich gerade auch für die Anliegen der kleinen Leute einzuspreizen: bei Rente und Pflege ebenso wie bei Mieten und Jobs.
    6. Weil zu Offenheit und Freiheit auch Obergrenze und Leitkultur gehören. Grenzenlose Freiheit macht Angst. Und Angst ist der größte Feind einer offenen Gesellschaft. Deshalb brauchen wir eine bürgerliche Ordnung der Freiheit: das heißt einen durchsetzungsfähigen Staat, eine klare Begrenzung der Zuwanderung und einen Richtungspfeil für die Integration.
    7. Weil gesunder Patriotismus und Liebe zur Heimat wichtig sind. Wir können stolz sein auf das, was Deutschland in den letzten 70 Jahren erreicht hat. Die Werte und Prägung unserer Heimat sorgen für Identität und Zusammenhalt. Nur wer der eigenen Sache sicher ist, kann anderen offen und tolerant begegnen. Dagegen müssen wir klarmachen: Wer Kreuze abnehmen, Schweinefleisch verbannen und Martinsumzüge in Lichterfest umbenennen will, ist nicht tolerant, sondern betreibt gefährliche Selbstverleugnung.
    8. Weil es die konservative Stimme braucht gegen Denkverbote und Meinungspolizei. Genauso gefährlich wie ein radikaler Populismus von rechts ist der blinde Populismus gegen rechts. Alles, was nicht im Geist der Alt-68er steht, gilt als rechts und damit schlecht. Debatte muss wieder in der ganzen Breite stattfinden, nicht nur hinter vorgehaltener Hand oder in den Meinungshöhlen im Internet. Das ist das beste Rezept gegen Radikalisierung.

    Anbahnung einer Koalition Schwarz-Hellblau?

    »Daher weht der Wind«, pfeife ich durch die Zähne. Bürgerlich wird also uminterpretiert in konservativ-bürgerlich, ist der liberalen Freiheitsrechte überdrüssig, sehnt sich stattdessen nach deutlich erhöhter Sicherheit. Alarmstufe dunkelrot in Bayern, Deutschland und Europa. Die nicht so denkenden Bürger werden in die linke Ecke gedrängt, von der seit Jahren die Meinungsdiktatur ausgeht. D.h. die CSU-Revolution treibt einen Keil zwischen konservatives und liberales Bürgertum, erklärt das Erstgenannte zur unterdrückten und bisher schweigenden Mehrheit, der nun endlich eine laute Stimme verliehen werden muss. Eine Replik auf die Passage mit den Martinsumzügen und dem Schweinefleisch erspare ich mir. Sonst würde ich, während ich diese Zeile heute Abend tippe, Gefahr laufen, ausfallend zu werden.

    Die CSU als kommende Speerspitze des konservativen Bürgertums und der Reaktionäre. Cum grano salis sowas wie die DNVP der Neuzeit. Rolle rückwärts in der Gesellschaftspolitik, Absage an ein vereintes Europa bei gleichzeitiger Betonung des Primats nationalstaatlicher Interessen, Flüchtlingsströme gen Null reduzieren, Zero-Toleranz-Politik bei Gesetzesverstößen. Dazu passt ja ebenfalls die Affinität zu Autokraten wie Orban, Kaczyński und Putin. Auch wenn ich nicht glaube, dass sich diese – vermutlich vom ÖVP/ FPÖ-Wahlsieg in Österreich befeuerte – neue bayerische Linie bundesweit durchsetzen lässt, ich gar bezweifele, dass es den Christsozialen bei der kommenden Landtagswahl gelingt, die 40%-Marke zu knacken, so beschleicht mich doch die Sorge, dass bei derart vielen Anleihen aus der AfD-Giftküche hier unausgesprochen eine zukünftige Koalition mit den Hellblauen vorbereitet wird.

    Zugegebenermaßen bin ich ob der schwammigen Begrifflichkeit nach wie vor mehr verwirrt als erhellt, aber zumindest eines weiß ich sehr genau: eine konservative Revolution, proklamiert von einer Partei, die – ausgehend vom Referenzpunkt 1968 – seit dreißig Jahren (davon seit 2005 bis heute durchgängig) in Bonn und Berlin mit am Kabinettstisch sitzt und dort die Leitlinien der Politik maßgeblich bestimmt, wirkt TOTAL unglaubwürdig.

  • Null Uhr fünf Domplatte

    Null Uhr fünf Domplatte

    Mer kann och üvverdrieve

    sagt der Kölner Volksmund und mir klingen dabei Sätze wie:
    „Gefährlichste Stadt Deutschlands“
    „Man kann in Köln abends nicht mehr auf die Straße gehen“
    „Der Innenstadtbereich ist eine einzige No-Go-Area geworden“
    „Politik und Verwaltung tun Nullkommanichts gegen die ständig steigende Kriminalität“
    im Ohr.

    Ist das noch die Stadt, in der ich in den 70er und 80er Jahren meine Kindheit und Jugend verbracht habe, überlege ich oft, wenn ich die entsprechenden Beiträge und Kommentare in der Boulevardpresse und in Facebook überfliege.

    Die Party im Kölner Süden, auf der ich mich seit 20 Uhr befinde, hält nicht das, was ich mir von ihr versprochen hatte. Zu wenig Frauen und die drei, die mir hätten gefallen können, werden argwöhnisch von ihren Begleitern bewacht. Gegen elf entschließe ich mich deshalb, mein Glück woanders zu versuchen. Ich sage der Gastgeberin Adieu, die meine spontanen Abschiede kennt und bloß fragt, »kommst du später nochmal zurück?«. »Mal schau’n«, antworte ich, gehe zu meinem Auto und fahre über Universitätsstraße und Innere Kanal Richtung Norden bis zum Fernsehturm. Dort parke ich den Wagen, wende mich nach rechts, marschiere über Subbelrather und Venloer zum Friesenplatz. Ein paar frühe Betrunkene torkeln mir entgegen, einer erbricht sich quer über den Bürgersteig. Auf Höhe der Ringe wird das Treiben bunter, ne Menge Volk unterwegs, lange Schlangen vor den Diskotheken. Ich laufe weiter die Magnus- und Zeughausstraße entlang, erreiche auf Höhe Sankt Andreas die Sicherheitszone. Zwei junge Polizisten taxieren mich, lassen mich unkontrolliert durch. Ich entspreche offensichtlich nicht dem Gefährderprofil. Mit jedem weiteren Meter wird es nun anstrengender, mich vorwärts zu bewegen. Körper dicht an dicht wie beim Rosenmontagszug. Die Luft vibriert von Stimmen, der Lärm von zischenden Raketen und Musikfetzen vermischt sich zu einem zähen Klangbrei. Ein paar Sekunden lang wünsche ich mich auf die ruhige Party zurück, wo sich meine Bekannten jetzt vermutlich mit Bleigießen beschäftigen.

    Als ich vor den Stufen, die zur Domplatte hinaufführen, angelange, zeigt meine Uhr Null Uhr fünf. Feuerwerk steigt in die Luft, Menschen umarmen und küssen sich, der Platz von einer Lichtshow in grelle Farben getaucht. Ich bin fünf Minuten zu spät gekommen, habe den Jahreswechsel auf der Straße spazierend irgendwo zwischen Stadtmuseum und McDonald‘s erlebt, ohne den mitternächtlichen Glockenschlag zu bemerken. Ich zwänge mich weiter bis zum Eingangsportal des Doms, von dort nach links, lehne mich mit dem Rücken an die Nordfassade, lasse meine Augen über die Szene schweifen. Bahnhofsvorplatz und die große Treppe: Gedränge, aber nicht proppenvoll, viele junge Leute, Geschlechterverteilung geschätzt 70% männlich zu 30 weiblich. Stimmung ausgelassen, angeheitert, betrunken, laut, ich vernehme ein paar Flüche, „fick dich du Hurensohn!“ … „selber Hurensohn“ … „willst du eine aufs Maul bekommen? … „verpiss dich, du Opfer!“, das übliche Imponiergehabe junger Männer an Silvester und Karneval. Überall Uniformierte, teils in Signalwesten gekleidet, die damit beschäftigt sind, größere Gruppen aufzulösen und Streithähne voneinander zu trennen.

    »Hey Kumpel, willst’n Schluck?« Ein Typ mit Kapuzenjacke und schlechten Zähnen hält mir eine Flasche mit einem selbstfabrizierten Cola-Captain-Morgan-Gemisch vor die Lippen. »Nein danke. Hab’s mir abgewöhnt«, antworte ich. »Was bist du denn für ein Penner?«, lallt er und torkelt weiter. Während unserer kurzen Unterhaltung sehe ich, wie die Polizei eine circa dreißig Kopf große Gruppe nordafrikanisch anmutender junger Männer beim Verlassen des Bahnhofes anhält und sich von jedem einzelnen die Papiere zeigen lässt. Eine Handvoll von ihnen wird von den Beamten zurück zu den Bahnsteigen eskortiert, der Rest darf passieren. Warum erscheinen sie immer in Pulks, überlege ich. Kein Türsteher wird so viele Kerle, egal welcher Nationalität sie angehören, in seinen Laden reinlassen. Der Anteil Nafris, wie sie im internen Behördenjargon genannt werden, scheint mir in dieser Neujahrsnacht bei weitem nicht so hoch zu liegen wie in den beiden vorangegangenen Jahren. Ob sie sich eine alternative Feiermeile ausgesucht haben oder lieber zu Hause in ihren Unterkünften geblieben sind?

    Das Feuerwerk, das links und rechts des Rheins abgebrannt wurde, ebbt ab. Die Schaulustigen strömen von der Uferpromenade und den Brücken Richtung Innenstadt, um dort weiterzufeiern oder mit der U-Bahn zurück in ihre Vororte zu fahren. An einigen Handgelenken entdecke ich das Armband mit der Aufschrift „Respekt!“ Neben mir gerät der Kapuzenmann mit einem Jogginganzug-Russen in Streit über die nahezu geleerte Rum-Cola-Pulle. Bevor sie sich gegenseitig an der Gurgel packen können, gehen zwei hünenhafte Bullen dazwischen, zerren die beiden auseinander. Sie sind heute echt überall und superaufmerksam, denke ich. Schaue auf die Uhr: eins. Die Party vor dem Dom ist gelaufen, das Aggressionslevel ist geringer als beim Sommerfest des Gymnasiums am Hansaring; wird Zeit, dass ich die Platte putze und mir auf dem Rückweg zum Auto überlege, ob ich nochmal bei der Gastgeberin im Kölner Süden vorbeischaue oder eins der Striplokale im Friesenviertel besuche, wo heute sicher ganz ordentlich die Post abgeht, als plötzlich ein junger Mann an meine rechte Schulter tippt und fragt: »Rauchen Sie?« Ich schaue ihn an und erkenne in ihm einen der Nordafrikaner, die vor einigen Minuten am Fuß der Treppe von der Polizei kontrolliert worden waren, der mir freundlich lächelnd eine Packung Marlboro entgegenstreckt.

    An dieser Stelle stoppt der Autor übermüdet aufgrund zu wenig Schlafs am Neujahrsmorgen. In der Fortsetzung erzähle ich die Geschichte von Hassan dem Marokkaner, der im Sommer 2016 mit seinem Bruder und zwei Cousins nach Deutschland aufgebrochen war, um hier Arbeit und – falls es gut läuft – auch Ehefrauen zu finden.

  • Jahresendkolumne

    Jahresendkolumne

    Viele hassen das Neue auf der Welt nur, weil sie schon mit dem Alten nicht wirklich zurecht gekommen sind
    © Andreas Bechstein

    Kaum ist die letzte Feiertagsmarzipankugel verdaut und die Toilette runtergespült worden, geht es in Facebook sofort wieder rund. Die Deutschen wollen gemäß topaktueller repräsentativer Weihnachtsumfrage Merkel nicht mehr sehen, lese ich am 27sten. Prompt gibt FDP-Kubicki ein Interview, in dem er behauptet, nicht die Liberalen hätten dem Land das Scheitern von Jamaika beschert, sondern alleine die Kanzlerin trüge Verantwortung dafür, dass Dreierkoalitionen nicht zustandekommen, weil sie von vornherein der Sache keine Chance gab.  Die Grünen möchte er zwar weiterhin nicht mit an Bord haben; dafür kann er sich jedoch eine schwarz-gelbe Regierung unter Spahn durchaus vorstellen. Nach Neuwahlen sowieso, und falls es keine Neuwahlen gibt vielleicht auch. Hauptsache, Merkel ist weg. Die SPD streitet intern, ob Groko oder Koko oder gar nichts. Es wird wohl auf Groko mit vorprogrammiertem Zwei-Jahre-Time-Out hinauslaufen, denn Koko klingt stark wie Kokolores und gar nichts wäre am Ende von Sondierungen auch nicht gut. Die CSU pendelt zwischen Seehofer-Renaissance und Söderismus und buhlt mit den Liberalen um den Platz rechts von der CDU, aber noch haarscharf links neben der AfD. Die Grünen suchen dringend nach einem zündenden Thema, mit dem sie die kommenden vier Jahre auf der harten Oppositionsbank punkten können. Die Linken müssen sich irgendwann entscheiden, ob sie Wagenknecht auf deren Marsch in den nationalen Sozialismus oder Ramelows mehrheitsfähigem Kurs folgen wollen. Und die Hellblauen: was soll man zu dieser Truppe groß schreiben, ohne als Kolumnist Gefahr zu laufen, in Facebook für dreißig Tage gesperrt zu werden? 92 Abgeordnete im Bundestag bar jeder Zukunftsidee, die darauf hoffen, irgendwann als Zünglein an der Waage für die Regierungsbildung benötigt und hofiert zu werden.

    Flüchtlinge sind sowieso immer zu viele, völlig gleichgültig welche Zahl als Obergrenze angesetzt wird. Familiennachzug auf keinen Fall, obwohl alle Experten sagen, dass man sich mit Familie schneller und besser integriert als ohne. Egal, was interessieren schon die Meinungen von Fachleuten? Alle Routen schließen, und die EU soll Orban Geld für dessen Mauerbau überweisen. „Macht’s wie die Österreicher“, lese ich in vielen Threads, „junge Kanzler braucht das Land“. Was Kurz im Verein mit der FPÖ an Raubbau am Sozialsystem plant: wer will das so genau wissen? Hauptsache jung und unverbraucht und schneidig. Einige freuen sich schon auf die Silvesternacht in Köln und hoffen, dass es dann auf der Domplatte wieder hoch hergehen wird. Um im Anschluss mit dem Finger auf die Oberbürgermeisterin – das ist die Dame, die Fairness-Armbänder verteilen lässt – und die Kanzlerin, denn die ist sowieso immer Schuld, zeigen zu können. Merkel ist derweil zum Wintersport nach Südtirol aufgebrochen und denkt beim Rutschen auf Langlaufskiern darüber nach, wer in der Zeit ihrer Abwesenheit aus den Reihen der CDU am cleversten an ihrem Thron sägen wird. Spahn vermutlich nicht; denn dessen Streben ist zu offensichtlich. Eher eine der bisher ruhigen und unauffälligen Damen aus der zweiten Reihe der Union. Auch nach Weihnachten also alles wie gehabt in Berlin und in den sozialen Netzwerken. Die Hass- und Gemeinheitsposts kennen keine Pause. Die Botschaft, der Untergang ist nah, muss unablässig unters Volk gestreut werden. Wo sind Moral und Humanismus geblieben, fragen Sie. Die haben in nationalstaatsorientierter Politik nichts zu suchen, wurde ich unlängst von einem Liberalen belehrt. Das ist was für Romantiker und die Kirche. Aha, antwortete ich. Da hat jemand den Erasmus beiseitegelegt und durch den Machiavelli ersetzt.

    Ulfs Evangelium

    Apropos Kirche: Ein besonderes Highlight an Weihnachten war das Gezwitscher eines Herrn Poschardt. Der tweetete im Anschluss an seinen Heiligabend-Gottesdienstbesuch folgende Botschaft an die Follower:

    Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?

    Ups, denke ich. Das erinnert mich an meinen Vater. Der ärgerte sich in den 70er und 80er Jahren derart über die Predigten der linken Pastoren, dass er beschloss, die Gottesdienste nur noch an Weihnachten, zu Hochzeiten und anlässlich von Taufen und Konfirmationen zu besuchen. Auch dann konnte er sich im Anschluss oft über das in der Kirche gesprochene Wort aufregen; aber er tat das einzig im Umfeld der Familie und trompetete seine Fundamentalkritik nicht ungefiltert in die sozialen Netzwerke hinein. Wäre Herr Poschardt ein x-beliebiger Twitter- und Facebook-Nutzer: geschenkt! Ich stolpere dort täglich über hunderte von idiotischen Posts. Aber der Chefredakteur einer renommierten deutschen Tageszeitung veröffentlicht so einen Text, und dann noch 24sten Dezember? Was hatte er vermutet, worüber der Pfarrer anlässlich der Geburt unseres Erlösers reden wird: die Notwendigkeit der schwarzen Null im Bundeshaushalt, die Rückabwicklung der EU zur EWG, die Vorteile von TTIP und CETA? Verwechselte er eventuell die Heilig-Abend-Predigt mit dem Neujahrsempfang im Wirtschaftsministerium?

    Da die Netzgemeinde überaus kreativ sein kann, entstand im Anschluss binnen weniger Stunden das Evangelium nach Ulf Poschardt, aus dem ich hier sehr gerne ein paar Passagen zitiere:

    Und Jesus traf auf die Alten, die in den Scheunen hausten, und sprach: „Hättet ihr euch mal Eigentum angeschafft!“

    Denn dein sei die steueroptimierte immobilienfinanzierung und führe uns nicht in den Sozialen Wohnungsbau denn auch wir streben nach Gewinnmaximierung.

    Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin und behalte alles, was du hast, und gib bloß nichts den Armen! Nur so wirst du einen Schatz haben, den du vererben kannst; und komm und folge mir nach.

    Es waren etwa fünftausend Männer. Dann nahm Jesus die Brote, teilte sie in kleine Stückchen und wurde durch den Verkauf sehr reich, denn die Nachfrage war groß und das Angebot klein; ebenso machte er es mit den Fischen.

    Und Jesus kam in das Haus des Petrus und sah dessen Schwiegermutter am Fieber krank darniederliegen. Da ergriff er ihre Hand und sprach „Warum hast Du nicht privat vorgesorgt?

    Und Jesus sagte zu seinen Jüngern: Gebt den Armen nichts, denn das sind nur Fehlanreize, die dazu führen, dass sie selbst nicht wirtschaftlich tätig werden. Sorgt lieber für Deregulierung – und euch ist das Wirtschaftswachstum.

    Und wer einem dieser Geringen auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist, wahrlich, der betreibt Wettbewerbsverzerrung.

    Dieses und noch viel mehr unter dem Hashtag: #PoschardtEvangelium.

    Nicht lustig, sagen Sie? Also ich finde es echt witzig und behaupte schon seit Jahren, dass für die Neoliberalen die seriöse Bibelexegese erst mit Calvin begann, bevor Hayek in die Rolle des neuen Messias schlüpfte.

    Mehr Silvesteroptimismus!

    Na ja, noch drei Tage, dann ist 2017 eh vorbei, und wir können uns mit 2018 beschäftigen. Über die Hälfte der Deutschen blickt sorgenvoll ins Neue Jahr, lese ich irgendwo zwischen Schneerekord in Pennsylvania und Hongkong plant virtuelle Bestattungen. Nix Neues, geht es mir durch den Kopf. Wann war der Großteil der Deutschen schon mal positiv gestimmt? Irgendwas läuft immer schief und was zum Meckern findet man auch an jeder Ecke. Ich persönlich rege mich beispielsweise darüber auf, dass ich seit Wochen so viele stark übergewichtige Menschen im Supermarkt sehe, deren Hauptlebenszweck darin zu bestehen scheint, sich mit Gänsekeulen, Preiswert-Champagner und belgischem Konfekt einzudecken. Ich fantasiere davon, Sport und Ernährungskunde als tägliche Pflichtfächer an allen Schulen zu etablieren und Betriebssportgruppen mit öffentlichen Geldern zu fördern. Wenn wir das nicht schleunigst tun, wird dick das neue Orange werden.

    Aber das macht mich noch nicht automatisch zum Jahreswechselpessimisten. Ganz im Gegenteil erwarte ich von jedem neuen Jahr, dass es besser wird als das vorangegangene. Falls ich das nicht tue, kann ich mich ja gleich erschießen. Das deutsche Dauerlamento über eventuell sinkende Realeinkommen, die zu langen Wartezeiten für Kassenpatienten beim Hausarzt, die Langeweile in der Bundesliga wegen der Bayern und nun die in Kürze bevorstehende Islamisierung bei gleichzeitig gesetzlich verpflichtender Vollverschleierung unserer Frauen ist mir immer schon übel aufgestoßen. Muss ja jetzt nicht jeder gleich in Jubelstürme ausbrechen, weil 2018 vor der Tür steht. Aber nun schon wieder sorgenvoll in die Zukunft blicken, falls vielleicht der Dieselmotor ab 2040 verboten und die Bürgerversicherung 2050 eingeführt wird? Und gleichzeitig den Syrern empfehlen, in ihr zerbombtes Land zurückzukehren, da sie dort dringend beim Wiederaufbau unter dem Tyrannen Assad gebraucht werden. Oh weh!

    Mein Vater war übrigens ein notorischer Silvesteroptimist, und meine zwei Großmütter, die beide Weltkriege miterlebt hatten, konnten dem bundesdeutschen Gejammer nie was abgewinnen. Die lehrten mich folgenden Satz: „Wer wirkliche Sorgen hat, geht still und leise zum Arzt, Therapeuten oder zur Schuldnerberatung; er jammert darüber aber nicht laut in der Öffentlichkeit wie ein altes Waschweib.“

    Gemäß dem Kölner Motto, Et hätt noch emmer joot jejange, werde ich deshalb am 31sten Punkt Mitternacht eine Rakete (ja ja, ich weiß, dass die Feinstaub verursacht und sensible Haustiere davon um den Schlaf gebracht werden) gen Sternenhimmel aufsteigen lassen und mich auf 2018 freuen. Und wünsche allen Abonnenten unserer Kolumnen, dass sie – ob mit oder ohne Feuerwerk, nüchtern oder leicht angeschackert – ebenfalls gut und positiv gestimmt hinüberkommen.

    In diesem Sinne: wir lesen uns wieder im Neuen Jahr!

  • Kolumne, die ich gar nicht schreiben wollte (1)

    Kolumne, die ich gar nicht schreiben wollte (1)

    Ich sitze am Schreibtisch und zermartere mir den Kopf, worüber ich meine neue Kolumne schreiben soll. Die nicht-zahlende Kundschaft stellt sich das immer so einfach vor: der Autor spuckt pünktlich am Stichtag einen neuen Text aus. Der wird von den Lesern kurz überflogen, dann beifällig oder ablehnend mit dem Kopf geschüttelt, bevor der Artikel in die digitale Mülltonne verschoben wird. Niemand aber macht sich Gedanken darüber, woher die Ideen für die wöchentlichen Beiträge stammen. Man kann als Kolumnist eine Rubrik beackern. Musik, Literatur, Kino und Politik bieten sich hier an. Ich hab’s mit Alkoholismus probiert. Aber mittlerweile wissen wirklich alle  darüber Bescheid, dass sich zu viel Saufen schädlich auf die Leber und das Urteilsvermögen auswirkt. Und wer es partout nicht wissen will, dem ist sowieso nicht zu helfen. Ich blättere in der Tageszeitung in der Hoffnung, dort auf was Interessantes und Vertiefenswertes zu stoßen. Komplette Fehlanzeige. Was soll ich über Lindners selbst verschuldeten Popularitätssturzflug berichten, oder Schulz‘ Beleidigte-Würselener-Diva-Attitüde oder Dobrindts ständige Pöbeleien, mit denen er jeden potenziellen Koalitionspartner in die Flucht schlägt? Das verwursten die Redaktionen ja zu eigenen Kommentaren. Einen zweiten Aufguss durch mich braucht’s nicht. Stöger gewinnt wieder. Nun allerdings mit dem BVB und nicht mit dem FC. Der verkackt weiterhin Spiel auf Spiel, worüber ich mich als Köln-Fan seit Geburt zwar jedes Mal so aufrege, dass die Nachbarn unter mir mit dem Besenstil gegen die Decke hämmern, damit ich mich wieder einkriege. Aber für den traurigen Niedergang dieses Traditionsvereins interessiert sich außerhalb des Rheinlands kein Schwein. Sophia Thomalla lässt sich ans Kreuz nageln, und ich frage mich, ist das ein Erotikbild, bei dem der Autokühler durch ein Kruzifix ausgetauscht wurde, oder hat das was mit Weihnachten zu tun? Habe ich allerdings ebenfalls keinen Bock drauf, mich damit zu beschäftigen. Eigentlich bin ich völlig bock- und ideenlos und werde deshalb in dieser Woche meine Kolumne einfach sausen lassen. Fällt eh keinem auf.

    Schwierige Fragen, unbedachte Antworten

    Früher Abend, bereits dunkel, ich gehe raus auf meine Terrasse, um mein träges Hirn durch frischen Sauerstoff auf Touren zu bringen. Es stürmt, Wolkenfetzen jagen an einem fahlen Halbmond vorbei, zu meiner Rechten, dort wo auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses die Eifel beginnt, braut sich ein Unwetter zusammen. Geruch von Lagerfeuer und gleich einsetzendem Schneefall liegt in der Luft. Stille um mich herum. Außer der dumpfen Sirene eines Schiffs auf dem Rhein kein Geräusch zu hören. Als ob der Stadtteil von den Einwohnern fluchtartig verlassen wurde; und nur ich alleine bin zurückgeblieben. Die Szene hat was Unwirkliches. Obwohl mich fröstelt, bleibe ich am Geländer stehen. Meine Gedanken schweifen zurück an einen Dezemberabend Anfang der 70er Jahre in Regenburg, wo unsere Familie eine Zeit lang wohnte. Im Süden der Stadt am steil aufsteigenden Hang einer Anhöhe. Oberhalb unseres Hauses verlief ein schmaler Weg, den mein Vater liebte. Drei Mal in der Woche brach er nach der Tagesschau auf, um seine Runde zu drehen. Bei jedem Wetter. Zumeist solo, denn weder meine Mutter noch wir Kinder verspürten große Lust auf späte Spaziergänge.

    An diesem Dezemberabend begleitete ich ihn. Von der Kuppe ein schöner Blick auf den illuminierten Dom, dahinter sind die ersten Ausläufer des Bayerischen Walds zu erahnen. Sternenklarer Himmel. Mein Vater zeigt mir den großen und den kleinen Wagen, den Polarstern. Was ein Vater halt so tut, wenn er mit seinem 10jährigen Sohn unterwegs ist.

    Ich fragte: »Gibt es Leben irgendwo da draußen?«
    Mein Vater antwortete: »Weiß niemand so genau. Ist aber unwahrscheinlich.«
    Ich fragte: »Gibt es Gott dort oben?«
    Mein Vater antwortete: »Auch das ist eher unwahrscheinlich.«
    »Aber uns gibt es doch?«
    »Wir sind eine Laune der Natur.«
    Dann setzten wir den Rundgang schweigend fort.

    In diesem kurzen Moment hatte mein Vater in mir die Pflanze des Zweifels gesät. Nicht mit Absicht, sondern spontan aus einer sich zufällig ergebenden Situation heraus. Hätten wir nicht gemeinsam in den Sternenhimmel geschaut, wäre es vielleicht nie zu meinen Fragen gekommen. Er wird seine Antworten auch nicht groß überlegt haben. Er teilte einfach mit, wie er die Dinge sah: nämlich materialistisch. Was man nicht sehen und anfassen kann, existiert nicht. Und weil er Wissenschaftler war und wusste, dass ein hundertprozentiges Nein zu dogmatisch klingt, sagte er „eher unwahrscheinlich“. Meine Mutter, wäre ihr die Sache zu Ohren gekommen, hätte mit ihm geschimpft. Sie glaubte zwar ebenfalls nicht an UFOs und Aliens, war jedoch auf eine kindlich-naive Weise von der Allmacht Gottes überzeugt, weshalb sie uns Kinder anhielt, wenigstens einmal im Monat mit ihr in die Kirche zu gehen und im Religionsunterricht zwar kritische Fragen zu stellen, aber stets gut aufzupassen.

    Die Nicht-Existenz Gottes und der Mensch als Laune der Natur schlummerten von nun an in meiner Kinderseele. Die Krankheit Nihilismus brach zwar nicht sofort aus, es würde noch ein Jahrzehnt vergehen, bis ich die Frage nach dem Sinn als die sinnloseste von allen Fragen erkannte, jedoch war der Samen gelegt.

    Kritzelei an der Schultafel sorgt für Ärger

    Einige Monate später zeichnete ich vor dem Religionsunterricht eine untersetzte Frau mit monströsen Hängetitten und gespreizten Beinen auf die Tafel und legte ihr die Sprechblase „Ich bin die dümmste Fotze von allen“ in den Mund. Eine Kritzelei wie man sie ähnlich auch an den Höhlenwänden in Altamira und Lascaux findet. Dann setzte ich mich auf meinen Platz und wartete darauf, was nun geschehen würde. Die von der Frühstückspause zurückkehrenden Mitschüler gafften, feixten und johlten. »Die sieht aus wie die Frau Sedlmayr «, sagte einer aus der Fraktion der nicht besonders Schlauen und lachte dreckig. Als Frau Sedlmayr das Klassenzimmer betrat, wurde es schlagartig ruhig. 39 Paar Augen starrten erwartungsvoll auf sie, ich schaute derweil aus dem Fenster. »Wer war das?«, fragte sie. Niemand antwortete, jedoch wanderten die 39 Augenpaare nun zu mir, sodass es für Frau Sedlmayr einfach war, mich als Täter zu identifizieren. »Komm nach vorne zu mir, Bürscherl!«, rief sie, wartete mein Aufstehen jedoch gar nicht erst ab, sondern zerrte mich aus meiner Bank heraus zur Tafel. »Warst du das?« Leugnen war zwecklos, also antwortete ich wahrheitsgemäß: »Ja«. Das Nächste, was ich spürte, war eine unangenehm brennende linke Wange. Ich ließ mir den Schmerz nicht anmerken, wollte Frau Sedlmayr nicht die Genugtuung verschaffen, mich vor Publikum in die Knie zu zwingen. »Tut es dir jetzt leid?«, hakte sie nach. »Nein.« Sie verpasste mir eine zweite Ohrfeige an exakt dieselbe Stelle, meine Wange fühlte sich jetzt taub an und im linken Ohr hörte ich ein Pfeifen. »Wir gehen jetzt zur Rektorin«, schrie Frau Sedlmayr und schleifte mich aus der Klasse hinaus.

    Als ich drei Tage danach gemeinsam mit meinen Eltern und Frau Sedlmayr im Zimmer der Rektorin saß, vereinbarten die Parteien folgendes: man suspendierte mich für den Rest des Schuljahres vom Religionsunterricht, und ich besuchte in diesen 3x 45 Minuten die zeitgleich stattfindende Mathestunde der Parallelklasse. Ich würde Frau Sedlmayr einen zwei Seiten langen Entschuldigungsbrief schreiben – diese Maßnahme fuckte mich am meisten ab –, und meine Eltern sagten zu, bei der nächsten Schulfeier aktiv bei Organisation und Durchführung mitzuhelfen. »Reden Sie Ihrem Sohn ins Gewissen«, verabschiedete uns die Rektorin, »Irgendwas scheint da momentan aus dem Ruder zu laufen«. Auf dem Rückweg nach Hause drohte meine Mutter an, mich von – aus ihrer Sicht falschen – Freunden zu trennen, während sich mein Vater darüber wunderte, seit wann ich so gut zeichnen konnte, dass Frau Sedlmayr sich in meinem Werk sofort wiedererkannte. Vielleicht käme ich als Maler eines Tages groß raus. Ich grinste, meine Mutter fand das hingegen überhaupt nicht lustig.

    Gott ist tot

    Am darauffolgenden Abend ging ich in die Küche, um mir dort aus dem Kühlschrank eine Limonade zu besorgen, als ich durch die halb geöffnete Tür von draußen Stimmen hörte und Zeuge einer Unterhaltung wurde, die meine Eltern auf dem Balkon führten:
    »Woher kennt er Worte wie Fotze?«, fragte mein Vater.
    »Bestimmt durch die Eisenmenger-Söhne«, antwortete meine Mutter. »Diese Verbindung werde ich jetzt kappen. Die Jungs sind kein Umgang für ihn.«
    »Und seit wann zeichnet er nackte Frauenkörper? Ist dir da schon mal was in seinem Zimmer aufgefallen?«
    »Nein.«
    »Wir sollten das im Auge behalten. Nicht, dass er jetzt schon mit pornografischem Material rumhantiert.«
    »Natürlich passe ich da auf.«

    Die typische Besorgte-Eltern-Platte. Sie stellten die verkehrten Fragen, wussten keine Antworten, zogen deshalb voreilige Schlüsse. Für sie kam als Auslöser einzig Frühsexualisierung aufgrund falscher Freunde in Betracht. Als ob ich oder einer meiner Kumpels so blöde gewesen wäre, unsere Pimmelzeig- und Pimmelreibspiele in großer Runde auszuposaunen. Diese Dinge blieben geheim, und wer sie zu Hause oder in der Schule ausgetratscht hätte, wäre von uns windelweich geprügelt worden.

    Die einzig richtige Frage kam meinen Eltern und der Rektorin überhaupt nicht in den Sinn: WESHALB kritzelt ein 10jähriger so ein Bild auf die Tafel? Welchen Beweggrund hat ein Viertklässler für solch eine Tat? Die Antwort, die die Erwachsenen sicher verstört zurückgelassen hätte, lautete: ich drückte auf meine Art aus, dass Gott für mich tot war. Die Schuld für mein Abfallen vom Glauben trugen zu gleichen Teilen Frau Sedlmayr mit ihrer nicht zu ertragenden Frömmelei und buchstabengetreuen Bibelauslegung und mein Vater mit seinem Satz vom vergangenen Dezember: „Dass es Gott gibt, ist eher unwahrscheinlich“. Selbstverständlich hatte ich vorher mit ein paar Freunden gewettet, die darauf spekulierten, ich würde in letzter Minute doch noch kneifen, unserer Religionslehrerin das Wort Fotze in den Mund zu legen. So waren knapp zehn Mark zusammengekommen, die ich mir in der zweiten Pause ausbezahlen ließ. Damals viel Geld für mich.

    Nun bin ich bereits bei 1500 Wörtern angelangt, was für eine Kolumne, die ich eigentlich nicht schreiben wollte, erstmal völlig ausreicht.

    In Teil 2 geht es um das schleichende Gift der Skepsis, und mit welchen Mitteln ich versuchte, meinem galoppierenden Glaubensverlust entgegenzuwirken

  • Schopenhauers Stachelschweine

    Schopenhauers Stachelschweine

    Misanthropie oder: im Spannungsfeld von Menschenflucht und Humanismus

    So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab,

    lautet Schopenhauers Gleichnis von den Stachelschweinen. Klingt nicht schön. Steckt aber viel Wahrheit drin. Und bereits an dieser frühen Stelle des Textes müssen wir eine Entscheidung treffen: Wollen wir lieber  ungeachtet der oben zitierten Widrigkeiten – dauerhaft mit anderen zusammenleben, oder ziehen wir das Alleinsein einer schlechten Gesellschaft vor?

    Jeder von uns hat einen Kumpel, der abends gerne daheim bleibt und an der Playstation zockt, während die anderen ins Nachtleben aufbrechen und eingezwängt zwischen hunderte schwitzender Körper in einem Club die Sau rauslassen. Man nennt die Zuhause-Fraktion: Stubenhocker, Eigenbrötler, Einzelgänger, Sonderling, Außenseiter; wenn man es nett umschreiben will auch Individualist. Im Alter mit zunehmender Tendenz zum Nörgeln und Granteln, ihr trauriges Umfeld nur durch galligen Humor ertragend. Alles Untergruppen aus der Gattung Misanthrop. Ein Kunstwort, abgeleitet von den altgriechischen Wurzeln „misein = hassen“ und „ánthrōpos = Mensch“. Ein Misanthrop ist also ein Menschenhasser oder Menschenfeind. Oh weh! Wer möchte das schon gerne sein?

    Was sind das für Menschen, denen es zuwider ist, auf Partys zu gehen, im Treppenhaus Nachbarn zu begegnen oder auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt in Unterhaltungen verwickelt zu werden? Wird man als Misanthrop geboren, zu einem erzogen, oder kann ein traumatisches Erlebnis einen derart aus der Bahn werfen, dass man im Nachgang zum Menschenfeind mutiert?

    Hierzu ein anonymer Autor: „Niemand wird als Misanthrop geboren. Weder ist es eine Persönlichkeitseigenschaft noch eine Krankheit. Man wird zum Misanthropen durch eigene Erlebnisse und Urteile, die man über diese Erlebnisse fällt“ (aus: „Wie wird man ein Misanthrop?“, in: Geist und Gegenwart, 23. Aug. 2014).

    Das ist ja schon mal ein für alle werdenden Mütter tröstlicher Gedanke: sie werden keinen durch Erbmaterial prädisponierten Menschenfeind in die Welt setzen. Falls Sohn oder Tochter sich zu einem entwickeln, dann liegt es an Erziehung und Erfahrungen, die er/ sie im Berufs- und Liebesleben sammelt.

    Geisteshaltung und nicht Handlungsweise

    Nun behaupten zahlreiche Psychologen, dass Misanthropie gar keine konkrete Handlungsweise charakterisiert, sondern einzig eine Geisteshaltung. Ein Misanthrop muss also weder gewalttätig, aggressiv noch arrogant sein. Ganz im Gegenteil neigen viele dieser Menschen sogar zu altruistischem Verhalten. Wie ist dieses Paradoxon zu erklären?

    Der weit überwiegende Teil der Misanthropen verachtet nicht den Menschen als Individuum, sondern den traurigen Zustand der Menschheit als Ganzes. Oft misst der Misanthrop seine Umgebung an der Elle eines Ideals (das utopisch sein kann), registriert die häufigen Abweichungen und gelangt so im Lauf der Jahre zu der Überzeugung, dass die meisten Menschen Mittelmaß darstellen oder gar boshaft sind. Sich selbst nimmt er von dieser Beobachtung nicht aus. Ein Misanthrop geht des Weiteren davon aus, dass der Anteil Idioten global gleichverteilt ist: und zwar auf alle Geschlechter, Alters- und Einkommensgruppen, Länder und Hautfarben. Einige Misanthropen sehen sich als Nihilisten und vertreten die Auffassung, dass der Mensch zwangsläufig die kosmische Sinnlosigkeit widerspiegelt. Wenn schon das Universum nicht weiß, wozu es gut sein soll, wie kann man dann vom Menschen verlangen, dass er sich zu mehr aufschwingt, als bloß seine tierischen Bedürfnisse zu befriedigen? Da die Welt aber nun mal nicht aus ihm alleine, sondern sieben Milliarden zusätzlichen Bewohnern besteht, ist der Misanthrop zu gewissen Kompromissen bereit und versucht, den Hass auf die eigene Spezies zumindest tagsüber, wenn er mit fünfzig Kollegen im Großraumbüro sitzt, auszublenden. So er noch kein Soziopath ist, gelingt ihm die Mimikry mühelos. Aber die freundliche Fassade ist halt antrainiert.

    Denkt der Misanthrop tatsächlich so, wie E.A. Poe es ausdrückte?

    Die angenehmsten Menschen sind jene, die nie gelebt haben.

    Vor einigen Jahren schrieb ich eine Kurzgeschichte, der ich den Titel Misanthropie am Donnerstagabend gab, in der sich ein notorischer Eigenbrötler zum zigten Mal die Frage stellt, ob sein Widerwillen gegen näheren Kontakt mit den Nachbarn nicht doch auf galoppierender Menschenfeindlichkeit gründet. Hieraus eine kurze Passage:

    Misanthropie am Donnerstagabend

    Im Moment spüre ich nichts. Bloß Zufriedenheit mit der Einsamkeit. Vielleicht ist ein langes Leben ja gar nicht erstrebenswert. Jeden Tag ab 7 Uhr derselbe, in dumpfer Regelmäßigkeit wiederkehrende Stumpfsinn. Nahezu alles ist Routine: sich waschen, Zähne putzen, kochen, essen, arbeiten, schlafen. Die Höhepunkte bestehen aus Sex, Kino, teuren Restaurants und in Urlaub fahren. Habe ich das nicht schon zehntausend Mal absolviert? Mittlerweile ist mir alles fade geworden. Zeit, endlich auszusteigen? Zwei Kilometer weiter marschieren , mich auf die Bahngleise legen und auf die nächste S-Bahn warten, die mich zu Brei zerquetscht. Dann verbrennen und die Asche über dem Fluss verteilen. Ob es aber in der Hölle so viel abwechslungsreicher zugehen wird, überlege ich. Wahrscheinlich nicht. Auch der Satan wird monotone Arbeit von mir fordern. Von fern kräht ein früher Hahn. Ich schaue auf die Uhr: vier Uhr vorbei. Mit leicht schmerzendem Rücken stehe ich auf und trotte zurück in unsere Siedlung. Neben der auf Blinklicht geschalteten Ampel hat sich in der Zwischenzeit jemand übergeben. Die Kotze stinkt erbärmlich. Der Westwind bläst immer noch stürmisch. Leere Kartons und Zeitungsseiten wirbeln über den Asphalt.

    Ich schließe die untere Haustür auf. Lass sie alle noch bis zum Morgengrauen im Koma liegen, denke ich. Nur kein weiteres Gekläffe und Gesabber. Grabesstille im gesamten Haus, während ich die Treppen langsam nach oben steige. Wären sie alle von Andromeda-Killerviren getötet worden und ich hätte als einziger überlebt, weil ich mich zwei Stunden im Wald aufgehalten habe: würde mir das was ausmachen, geht es mir durch den Kopf. Nein! Völlig egal. Es gibt so viele von ihnen. Wen jucken da hundert weniger?

    Du bist ein emotionsloser Menschenfeind geworden. Nichts berührt dich mehr, meldet sich das stets nervende Gewissen.  Ich schweige schuldbewusst, denn die innere Stimme hat recht. Einzig der Verlust Ludmillas täte mir ein wenig weh. Aber die liegt vermutlich nackt neben ihrem schnarchenden, viel zu alten Ehemann und träumt von der Schönheit Russlands. Ich werfe mich in voller Montur aufs Bett und starre an die dunkle Decke.

    Auch als Misanthrop ist man nicht einzigartig

    Etwas Linderung verschafft das Wissen, mit der Einstellung „lasst mich bloß alle in Ruhe mit eurem Mist!“ nicht völlig alleine auf diesem Planeten zu sein. Es gab und gibt viele Millionen Exemplare der Gattung „Haltet Abstand von mir!“:

    Dass andere anders sind, anders denken, anders handeln, ist nur halb so schlimm wie die Tatsache, dass sie überhaupt da sind.
    (c) Simone de Beauvoir

    Charles Bukowski beschrieb den Zustand auf die für ihn typische Weise: „Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen“. Ein User eines Misanthropen-Forums erklärt in einem Kommentar: „Zu langfristiger Beziehung bin ich nicht fähig. Meine, oft bloß gespielte, Zuneigung zu den Menschen schwindet immer mehr. Am liebsten würde ich mich in eine Höhle verkriechen“. Sind Misanthropen enttäuschte Liebende? Verhält es sich tatsächlich so, dass der Misanthrop erst seine Eltern und dann die Arbeitskollegen hasst, bevor er sich in ein weit entferntes Dschungelcamp zurückzieht? Glücklich nur in der selbstgewählten Einsiedelei? Ja und nein. Insofern es sich bei ihm um einen 80%-Misanthrop handelt – und die stellen bei weitem die Mehrheit dieser Gattung – legt er durchaus Wert auf Tuchfühlung mit der Außenwelt. Allerdings konzentriert er seine Kontakte auf ein, maximal zwei Handvoll Personen. Zeitgenossen, deren Nähe und Urteil er schätzt: Lebenspartner, nahe Verwandte, ein paar Freunde. Deutlich mehr an zwischenmenschlicher Interaktion benötigt und verkraftet er jedoch nicht.

    Diejenigen, die im Alter nicht zynisch werden, können lieben, Mitgefühl zeigen, helfen und trauern. Viele versuchen, bessere Menschen zu sein, weil sie zu überwinden trachten, was ihre Abscheu der Menschheit gegenüber verursacht. Den Unmut, den ein anderer User des Forums so in Worte kleidet: „Manchmal bin ich angeekelt von der Gier der anderen, von ihrem Egoismus, der Kurzsichtigkeit, dem Konsumwahn. Ich messe sie alle an einem Ideal. Wissend, dass ich genauso fehlerbehaftet bin wie sie. Ich hasse keine einzelnen Menschen, wohl aber die Abgründe der menschlichen Natur“.

    Die Erkenntnis, dass wir alle aufgrund unseres angeborenen Egoismus in unserem Wollen und Können begrenzt sind, ist schon beinahe als weise zu bezeichnen. Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass nicht alle Misanthropen Mordgedanken hegen oder sich auf eine einsame Insel sehnen, sondern sich bloß im Gegensatz zu den anderen mit einer reduzierten Dosis Kommunikation zufriedengeben. Was fehlt, ist ein neuer Fachbegriff. Denn Menschenfeind trifft es nicht richtig.

    Stachelschweine gelten übrigens innerhalb ihrer kleinen Rudel als gesellige Tiere.