Tabubruch?

»Hast du das von dem Tellkamp gelesen?«, fragt Jupp.
»Wer ist das?« Ich fülle gerade einen Tippschein für den kommenden Bundesligaspieltag aus.
»Der Schriftsteller aus Dresden, der … «
»Ach, der.«
»Was hältst du davon, dass er jetzt eine Erklärung zur illegalen Masseneinwanderung abgegeben hat?«
»Keine Ahnung. Ich muss mich hier echt konzentrieren. Wird Köln in Hoffenheim gewinnen oder nicht?«

Was ist eigentlich ein Tabu?

»Über Tabuthemen darf nicht offen geredet werden, sonst läufst du Gefahr, dass der (linke) Mainstream dich zerfetzt«, hört man in letzter Zeit oft. Und zwar nicht mehr bloß aus dem Mund der AfD-Funktionäre und von deren Anhängern, sondern ebenfalls von Intellektuellen, die einen faireren Umgang mit den Sorgen der Bürger anmahnen. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Auch ich habe manchmal Sorgen und bin dann froh, wenn jemand die sich anhört. Zum Beispiel: wird meine kleine Rente in ein paar Jahren ausreichen, um meinen aktuellen Lebensstandard auch nur zur Hälfte aufrecht zu erhalten, was hilft schnell bei Hexenschuss, steigt der FC im Mai in die zweite Liga ab? Aber um so profane Ängste geht es Tellkamp und seinen Mitstreitern natürlich nicht. Sie warnen vor illegaler Masseneinwanderung und der Tabuisierung des Themas.

Was ist überhaupt ein Tabu? Sigmund Freud beschreibt es so:

Das Tabu (-verbot) entbehrt jeder Begründung, ist unbekannter Herkunft, für uns unverständlich, erscheint es jedem selbstverständlich, der unter seiner Herrschaft lebt.
(in: Totem und Tabu, 1913)

Oder andersherum ausgedrückt: Ein Tabu ist etwas Verbotenes, etwas Unausgesprochenes, gar Unaussprechliches. Etwas, über das man sich – falls überhaupt – nur im kleinen Kreis und hinter vorgehaltener Hand unterhält.

Hier ein paar Beispiele für Tabus: Pornos (alle schauen sie, aber niemand will offen zugeben, dass er es tut), die Vielehe (unsere christliche Prägung zwingt selbst Atheisten zur Monogamie), Sex mit Minderjährigen, (bis vor kurzem noch) offen gelebte Homosexualität, die Forderung nach einer flächendeckenden Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Straßen, die Relativierung oder gar Leugnung des Holocausts, der Waffenbesitz in den USA, das deutsche Reinheitsgebot und die Ausschließlichkeit der Verwendung von Hartweizen bei der Herstellung italienischer Pasta.

Gefolgt von Kostproben für Tabubrüche: in der frühen Neuzeit zu behaupten, dass die Erde um die Sonne kreist (Kopernikus und Galileo), die Monarchie abschaffen wollen (Lenin, Trotzki), Anfang des 20sten Jahrhunderts das allgemeine Frauenwahlrecht einfordern (Emmeline Pankhurst), unter McCarthy zu sagen, dass jetzt am Sozialismus nicht alles schlecht ist (Joseph Losey, Carl Foreman, Charles Chaplin, Arthur Miller), den Roman „Die Geschichte der O“ zu Papier zu bringen (Anne Desclos aka Pauline Réage), in den 70er Jahren nackt durch deutsche Innenstädte laufen, Rushdies „Satanische Verse“.

Die oben genannten Tabubrecher waren sofort bedroht von Berufsverbot, Gefängnisstrafen oder gar dem Tod. Weil’s halt richtige – und mutige – Tabubrecher waren.

Nicht alles, wo Tabu draufsteht, ist tatsächlich eines

Zurück zu Tellkamp und seinem Illegale-Masseneinwanderungstabu. Auch über diese Sorge kann man selbstverständlich diskutieren. Warum nicht? Also wollen wir es hier mal tun. Aber wenn ich es mir recht überlege: wir reden doch seit gut zwei Jahren über kaum was anderes als Flüchtlinge und den Islam. Und zwar jeden Tag, in jeder Zeitung und auf jedem Fernsehkanal. Es ist ja nun nicht so, dass der Dresdner Autor der Erste wäre, der die Brisanz des Themas entdeckt und offen anspricht. Das haben vor ihm schon zig tausend andere getan, bis hin zu Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht, das allerdings bis heute keine einzige dieser Eingaben als triftig akzeptiert hat und deshalb alle zurückwies.

Was also meinen Tellkamp und Dobrindt – um zwei der aktuellen Wortführer der konservativen Revolution herauszupicken –, wenn sie vor der Tabuisierung der Islamfrage warnen, sich selbst sogar zu Tabubrechern hochstilisieren? Denn, dass sie uns ihre Meinung nicht mitteilen dürften, ist offenkundiger Unsinn. Sie tun es und zwar sehr viel öfter, als ich persönlich sie lesen und hören möchte. Und ihre Aussagen werden von der Presse auch nicht totgeschwiegen, sondern – ganz im Gegenteil – eifrig publiziert. Andernfalls gelangte ich Durchschnittsrheinländer ja überhaupt nicht in Kenntnis der Ansichten von Herrn Tellkamp, der mir vorher ein völlig Unbekannter war. Ich soll mehr Romane lesen, sagen Sie? Tue ich, aber halt nicht die von Herrn Tellkamp. Dass also vom Mainstream abweichende Meinungen unter den Tisch fallen oder gar Zensur herrscht, ist ein derart hanebüchener Vorwurf, dass es sich für mich nicht lohnt, an dieser Stelle ernsthaft darauf einzugehen.

Die Mär vom (linken) Mainstream

Wer oder was ist eigentlich der (linke) Mainstream, den die Rechten so verachten?

Bei 300 Tageszeitungen, Dutzenden Politmagazinen, jeder Menge TV-Sender, die unterschiedlichen politischen Richtungen angehören, kann von einer staatlich gelenkten Einheitspresse nun wirklich keine Rede sein. Was der Spiegel nicht haben will, veröffentlicht dann eben der Focus, was der FAZ zu links erscheint, wird in der Süddeutschen abgedruckt, wer nicht von ARD-Maischberger eingeladen wird, sitzt zwei Tage später bei ZDF-Lanz etc etc. Dass die AfD nicht zu Worte käme: ein dummes Gerücht. Derart häufig, wie ich Gauland, Weidel, Storch in den Talkshows erblicke, stellt sich bei mir bereits seit Monaten ein Gefühl der ungesunden Übersättigung durch zu viel hellblaues Blabla ein.

Zwischenfazit 1: den (linken) Mainstream gibt es nicht. Er ist ein von den Konservativen konstruiertes Phantom zum Zwecke der generellen Diskreditierung von Andersmeinungen

Was ist dran am Vorwurf der Lückenpresse?

Schwieriger, weil für Außenstehende kaum beweisbar, ist die Klärung des Vorwurfs, dass Vorkommnisse unter den Tisch gekehrt werden – die sogenannte Lückenpresse –, wir also vorsätzlich im Irrglauben belassen werden, die Spitze sei bereits der Eisberg. Oder, um einen Satz des früheren Bundesinnenministers zu zitieren:

Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern

Unterstellt, es gäbe tatsächlich solche Verschleierungsversuche (moslemischer) Straftaten: (a) wer soll die angeordnet haben? (b) halten alle Beteiligte 24/7 dicht? (c) weshalb sollte die Presse, sobald sie Wind davon bekommt, darüber nicht berichten? Als ob sich die Bildzeitung so eine Schlagzeile entgehen ließe.

Ich will gar nicht kategorisch ausschließen, dass manche Organisationen religiöse Konflikte zwischen Mitarbeitern, Studenten, Schülern etc. lieber intern regeln, als die an die große Glocke zu hängen. Aber was, außer der Befriedigung unserer Neugier, wäre gewonnen, wenn sie es täten?

Dass Kapitalverbrechen verschwiegen werden, glaubt außer notorischen Verschwörungsjunkies keiner ernsthaft. Oder mittlerweile doch?

Die bei Tabubruch eventuell drohenden Konsequenzen

Interessanter ist es, sich mit den von den rechten Rebellen befürchteten Konsequenzen ihres publizistischen Tuns zu beschäftigen. Die da lauten:

(1) „Ich werde harten Gegenwind ernten.“ Klar, werden sie das. Passiert allerdings ebenfalls einem Linken, der die Verstaatlichung des Bankenwesens fordert oder einem Fußballspieler, der seinen Trainer disst. Wird auch mir im Anschluss an diese Kolumne widerfahren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekomme ich 50x zu lesen, dass ich entweder naiv, völlig ahnungslos oder ein Islamproblem-Schönredner oder alles drei zusammen bin. Kann ich mit leben. Jeder, der sich in der Öffentlichkeit äußert, sollte sich vorher prüfen, ob er Kritik an seiner Kritik erträgt. Wer das nicht kann: besser die Klappe halten. Man muss nicht in jedes einem hingehaltene Mikrophon reinplappern.

(2) „Man wird mich als Nazi beschimpfen.“ Das ist fürwahr eine Unsitte: die Keule wird zu schnell und zu oft geschwungen. Allerdings zuvorderst im privaten Gespräch und in den sozialen Netzwerken. In den seriösen Medien liest man den Begriff eher selten. Nicht jeder, der einen anderslautenden Standpunkt einnimmt, ist deshalb gleich ein Faschist. Manche sind bloß besorgt, stockkonservativ oder reaktionär. Die rechte Skala weist – wie die linke – Abstufungen auf.  Mir wurde auch schon einige Male „Linksfaschist“ um die Ohren gehauen. Ich zucke dann mit den Schultern und scrolle zum nächsten Kommentar weiter.

(3) „Ich werde Nachteile zu erwarten haben.“ Welche konkret könnten das sein? Dass ein konservativer Tabubrecher ins Gefängnis wanderte, wäre mir neu. Am wahrscheinlichsten wären mithin Berufsverbote. Aktuelles Beispiel sei die Distanzierung Suhrkamps von den Äußerungen Tellkamps, behaupten nicht wenige Kommentatoren in Facebook. Ob es klug war, das zu tun, kann man durchaus diskutieren. Was aber definitiv nicht vorliegt, ist ein Berufsverbot. Denn Suhrkamp als privatwirtschaftlichem Unternehmen steht es selbstverständlich zu, Bücher zu publizieren oder Manuskripte – aus welchem Grund auch immer – abzulehnen. Nennt man: Vertragsfreiheit. Zudem bleibt abzuwarten, ob Suhrkamp einen seiner Starautoren tatsächlich entsorgt, oder es nicht vielmehr bei der kleinen Abmahnung belässt. Sollte sich das Berliner Traditionshaus von Tellkmap trennen, müsste der sich eben einen neuen Verlag suchen. Zwar etwas mühsam, jedoch weit entfernt von einem Berufsverbot. Aber auch hier gilt das weiter oben Gesagte: wenn’s blöde läuft, kann jeder, der sich öffentlich äußert, dafür abgestraft werden. Erkundigt euch mal bei Fußballtrainern, wie schnell die fliegen, wenn sie was sagen, was der Vereinsspitze nicht in den Kram passt. Das ist fürwahr kein Phänomen, das sich auf rechte Rebellen eingrenzen lässt.

Zwischenfazit 2 – Konsequenzen: alles Lichtjahre entfernt von dem, was den weiter oben genannten richtigen Tabubrechern drohte.

Tabubrecher heute: vor allem realitätsleugnende Geschichtenerzähler

So falsch es also ist, von EINEM (linken) Mainstream zu sprechen, so verkehrt ist es, die Flüchtlingsfrage als Tabu zu geißeln, das es zu überwinden gilt. Beides trifft nicht zu. Die Presselandschaft bleibt bunt und der publizistische Umgang mit den beiden großen – und zusammenhängenden – Themen Migration und Islam wird seit Anbeginn von vielen Pro- und Contraargumenten geprägt.

Wer hingegen glaubt, die Verlautbarung, „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird“, sei eine Heldentat, hält es sicher ebenfalls für mutig, wenn man in der Öffentlichkeit vor zu viel Zucker in Nutella warnt oder dem britischen Außenminister einen Friseurbesuch empfiehlt. Nein, all das ist weder draufgängerisch noch gar ein Überschreiten tabuisierter Grenzlinien! Es sind Sätze, die schon tausend Mal vorher ausgesprochen wurden, ohne dass irgendeine Sanktion erfolgte. Rebellentum ist wirklich was anderes als die in ihrer politischen Schlichtheit erschreckende „Gemeinsame Erklärung“ vom 15. März.

Wer ein Tabu bricht, das gar nicht besteht, ist eher ein realitätsleugnender Geschichtenerzähler als ein (konservativer) Revolutionär. Ob uns seine Meinung gefällt oder nicht: sie wird vervielfältigt und in jeden deutschen Haushalt transportiert. So dass nun auch ich – Express- und Bukowskileser – weiß, dass Tellkamp den Roman „Der Turm“ verfasst hat. Das ist Werbung, über die er sich eigentlich freuen sollte.

Kommentare

17 Kommentare zu „Tabubruch?“

  1. Avatar von Jerry Cotton
    Jerry Cotton

    Ich glaube der Wahrheitspresse alles, wirklich alles.

  2. Avatar von Jan Eustergerling
    Jan Eustergerling

    Sehr treffend analysiert. Dem ist nichts hinzu zu fügen, ausser Applaus.
    Aber wenn das gewünscht und erwartet wird, werfe ich gerne noch ein „Du Faschistoider Linksdrehender Nazi und Muslimversteher“ hinterher. Wenns denn sein muss.

  3. Avatar von Wolf-Dieter Busch
    Wolf-Dieter Busch

    „Bei 300 Tageszeitungen, Dutzenden Politmagazinen, jeder Menge TV-Sender, die unterschiedlichen politischen Richtungen angehören, kann von einer staatlich gelenkten Einheitspresse nun wirklich keine Rede sein.“

    Unterschiedliche politische Richtungen? Nicht im Ernst, oder? Regierungsfromm ist jede einzelne.

    Unterschiedliche politische Richtungen? Nicht staatlich gelenkt? Ist auch nicht nötig, da die Eigentümer wenige große Verlage sind, allesamt regierungsnah. (Zur Erinnerung, die Pressefreiheit bedeutet: du kannst ohne Angst vor Repression – ganz frei und offen – die Meinung deines Chefs äußern. Ein großartiges Rechtsgut.)

    „Zwischenfazit 1: den (linken) Mainstream gibt es nicht.“

    Doch, siehe oben. Die Bezeichnung „links“ trifft es zwar nicht, ich bevorzuge „quasi-links“, aber der Mainstream existiert.

    1. Avatar von Petra Ristow

      Lieber Wolf-Dieter,

      Es gibt durchaus eine fest installierte alternative Presse, die ganz und gar nicht links ist.
      Tag24 aus Dresden, Compact, Arcadi, Junge Freiheit, eigentümlich frei… in gedruckten Exemplaren.

      Rechte Medien habe ich inzwischen ein völlig unvollständige Liste von RT Deutsch, Epochtimes, Kopp plus der unzähligen Blogger wie Tichy, Achgut, Klonovsky, Fritz, Janich, Flesch.

      1. Avatar von Wolf-Dieter Busch
        Wolf-Dieter Busch

        Die bloße Existenz von Gegenströmungen ändert nichts am Mainstream.

        Der Mainstream speist sich nicht aus Verboten (laut GG Art. 5 gibt es keine Vorzensur), sondern er speist sich aus Lesegewohnheit. Element des Mainstream ist etwa FAZ oder die Springer-Presse.

        Weiter, alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei: der jetzige Mainstream lebt nicht unendlich, sondern ändert sich – spätestens, wenn alles aufgegessen ist. Wir sprechen aber von der Gegenwart.

  4. Avatar von Otto56
    Otto56

    Ich finde die „Gemeinsame Erklärung“ von Tellkamp und Co. richtig und überfällig.
    Und ich verstehe, das sie Linken, Grünen, Gutmenschen, Multikultifans, Heimatlosen, Weltbürgern und vielen anderen nicht gefällt.
    Ist es denn per se falsch, bürgerlich, national (nicht nationalistisch!), konservativ zu sein.
    Frau Merkel und ihre Berater haben 2015 einen großen Fehler gemacht, den sie bis heute nicht wirklich eingesehen haben, und die CDU muss das seitdem ausbaden. Und ja, leider gab es durch die große Koalition auch keine breite demokratische Opposition, die hier hätte korrigierend eingreifen können.
    Die massenhafte Einwanderung von Flüchtlingen durch die illegale Grenzöffnung 2015 (das war ein Gesetzesbruch, dazu braucht es keine ausdrückliche Bestätigung durch das Bundesverfassungsgericht) hat zunehmend die Gesellschaft gespalten.
    Nun ist es, wie es ist. Deutschland hat sich verändert. Hoffentlich finden wir friedlich und demokratisch einen Kompromiss, um diesen antagonistischen Widerspruch in unserer Gesellschaft zu überwinden. Ich bin skeptisch.

    1. Avatar von Petra Ristow

      Die Erklärung ist der pure Nonsens.

      1. Avatar von Wolf-Dieter Busch
        Wolf-Dieter Busch

        Liebe Petra Ristow, deine Antwort ist … wie sag ichs … bemerkenswert. Auf Argumente hast du verzichtet.

        Hier der volle Text der Erklärung:

        „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“

        Punkt für Punkt:

        1) Haben wir Masseneinwanderung? Ja.

        2) Ist sie illegal? Ja.

        3) Wird das Sozialsystem und die Infrastruktur beschädigt, die ich mit meinen Sozialabgaben sowie Lohn- und Einkommensteuer mitfinanziert habe? Definitiv ja: da kriegen alle möglichen Gemeinden per Order di Mufti einen Schwung Zuwanderer zugewiesen und dürfen schauen, wo sie das Geld für die Wohncontainer her kriegen. Irgendwelche infrastrukturelle oder sonstige Unterstützung? Fehlanzeige.

        Der Aufruf ist die längst überfällige Rechtfertigung und Ehrenrettung für diejenigen FRIEDLICHEN Demonstranten, die von unseren Regierungsdarstellern mit „Pack!“ beschimpft wurden.

        So, liebe Petra Ristow. Jetzt hast du mich tatsächlich dazu gebracht, die Erklärung ausfindig zu machen und durchzulesen. Fühl dich eingeladen, mir zu widersprechen. Ich bin gespannt.

        1. Avatar von Henning Hirsch
          Henning Hirsch

          Dann Punkt für Punkt:

          (a) Masseneinwanderung müsste erstmal quantitativ definiert werden. Sie liegt bei stark rückläufigen Zahlen aktuell sicher nicht vor
          (b) illegal war bisher überhaupt nichts, denn andernfalls wäre das Bundesverfassungsgericht aktiv geworden. Wurde ja in dieser Sache oft genug – allerdings fruchtlos – angerufen
          (c) über die zu große Belastung der Kommunen kann man durchaus reden. Denn hier bin ich der Auffassung, „wer bestellt (in diesem Fall der Bund), muss sich auch an der Begleichung der Rechnung beteiligen“. Da leistet die Bundesregierung bisher zu wenig finanzielle Schützenhilfe. Bin aber sehr zuversichtlich, dass unter der neuen Regierung nachgebessert werden wird.

          Von daher bleibt es bei meiner in der Kolumne geäußerten Einschätzung: diese Erklärung ist in ihrer politischen Schlichtheit schon erschreckend

          1. Avatar von Jerry Cotton
            Jerry Cotton

            Merkel hat, eigenwillig, die Grenzen für Tausende ‚Flüchtlinge‘ geöffnet. Sie hat die Dublin-Regeln faktisch außer Kraft gesetzt. Es gibt ein Urteil d. EuGH v. 20.07.2017: https://bit.ly/2IVX4QP

            Zudem das Oberlandesgericht Koblenz v. 14.01.2017: https://bit.ly/2r8aIvl ‚… die rechtsstaatliche Ordnung in der Bundesrepublik ist in diesem Bereich jedoch seit rund eineinhalb Jahren außer Kraft gesetzt und die illegale Einreise ins Bundesgebiet wird momentan de facto nicht mehr strafrechtlich verfolgt.‘

          2. Avatar von Wolf-Dieter Busch
            Wolf-Dieter Busch

            @Henning Hirsch

            zu (a) dem Argument, die Qualität „massenhaft“ sei zahlenmäßig nicht genau definiert, spreche ich die Ernsthaftigkeit ab. Die Einwanderung ist jedenfalls die zahlenmäßig größte seit 1945.

            zu (b) (illegal) das BVerfG ist deswegen kein Kriterium, weil es nicht ohne Klage aktiv werden darf. — Wusstest du übrigens, dass bei Klagen gegen den Bund das BVerfg den Bund anwaltlich vertritt? Ist so. — Was du wahrscheinlich weißt, ist, dass der Bundesanwalt (als höchster Kläger) dem Justizministerium disziplinarisch unterstellt ist, also im Unterschied zum Richter nicht unabhängig handeln kann. Zu beobachten beim NSU-Prozess, über den alle lachen außer dem deutschen Zeitungsleser.

            zu (c) zur fehlenden Unterstützung — diese müsste, falls doch erfolgt, aus Steuermitteln kommen.

            Was weder infrastrukturell noch finanziell lösbar ist: die eingewanderten jungen Männer haben ihre Sozialisationsphase lange hinter sich. Was dir bekannt sein dürfte: die wichtigste Entwicklungsphase des Menschen sind die ersten drei Lebensjahre; die nächstwichtigste das vierte bis zwölfte (ungefähr das alles). In der Zeit hat sich das christliche Prinzip der Nächstenliebe auch bei unseren Atheisten durchgesetzt. Ich kann als Nicht-Christ ausgezeichnet zwischen Christen leben.

            Gilt das gleiche für eingewanderte Moslems? Die in ihren prägenden Lebensjahren das MissionsGEBOT des Koran mitgenommen haben samt detaillierter Handlungsanweisung beim Ungläubigen? Hilfestellung, sieh dir die Kriminalstatistik auf geschlüsselt nach Herkunftsländern an. (Ich such dir nichts raus, ich erwarte genügend Allgemeinbildung.)

            Mit freundlichen Grüßen, Wolf-Dieter Busch

        2. Avatar von Henning Hirsch
          Henning Hirsch

          Herr Busch, es geht in der Kolumne nur nachrangig darum, ob der Islam zu Deutschland gehört oder Moslems rein oder raus. Ich vertrete diesbezüglich zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit einen anderen Standpunkt als Sie; aber diese beiden Themen werden in meinem Text nicht erörtert. Der Beitrag dreht sich einzig um die Frage: ist es ein Tabubruch, wenn man öffentlich von „unkontrollierter Masseneinwanderung“ spricht? Und den stellt so eine – im März 2018 getätigte – Äußerung schlichtweg nicht dar. Weder war Tellkamp der Erste, der diese Vermutung äußerte, noch hat der angebliche Tabubrecher irgendwelche negativen Konsequenzen aufgrund des Gesagten zu befürchten. Ganz im Gegenteil bedeuten das kleine Scharmützel mit Suhrkamp und die nachfolgende tagelange Erwähnung seines Namens in der Presse sehr willkommene PR für seine Romane. Über die sich der Autor eigentlich freuen sollte, anstatt pawlowartig über den bösen (linken) Mainstream zu jammern

          1. Avatar von Wolf-Dieter Busch
            Wolf-Dieter Busch

            Der Begriff „Tabu“ mag hier zutreffend oder polemische Übertreibung sein. Für beides lassen sich Argumente finden. Ein paar Gedanken, ehe ich mich aus der Diskussion verabschiede:

            Der Konflikt um Einwanderer schwelte schon in den Siebzigern, als der Mainstream noch „rechtsrum“ lief. Die linke Szene solidarisierte sich mit den Zuwanderern. Zur Erinnerung, es ging nur um wenige, verglichen mit heute. Ich fühlte mich damals jedenfalls solidarisch mit denen.

            Wir reden nicht vom politisch Verfolgten (genießt Asyl qua Gesetz) und nicht vom Kriegsflüchtling, sondern von dem, der gekommen ist, um zu bleiben!

            Genau hier scheiden sich die Geister: die einen (etwa ich) sagen, keiner hat was davon, wenn ich daran pleite laufe, am wenigsten der Zuwanderer, dem ich mangels Masse irgendwann das Almosen verweigere; die andern sagen nach wie vor, das arme Kerlchen kann man doch unmöglich hungern lassen.

            Wer hat Recht?

            Tja. Das ist der Konflikt, in dem die eine Seite den Begriff „Tabu“ verwendet.

  5. Avatar von Wolf-Dieter Busch
    Wolf-Dieter Busch

    „Dass Kapitalverbrechen verschwiegen werden, glaubt außer notorischen Verschwörungsjunkies keiner ernsthaft.“

    Sagen wir mal so: über innerdeutsche Vorfälle jeder Art informiere ich mich mittlerweile lieber über die Auslandspresse (NZZ, RT Deutsch, Standard.at).

    Einigen wir uns darauf, dass Kapitalverbrechen nicht verschwiegen werden sollten, aber bitte keinen Vertrauensvorschuss einfordern.

  6. Avatar von Wolf-Dieter Busch
    Wolf-Dieter Busch

    „So falsch es also ist, von EINEM (linken) Mainstream zu sprechen, so verkehrt ist es, die Flüchtlingsfrage als Tabu zu geißeln, das es zu überwinden gilt.“

    Wo soll ich anfangen: „den EINEN Mainstream“? Es gibt grundsätzlich DEN Mainstream – der Quantor Singular (Einzahl) ist schon in der DEFINITION enthalten. Wenn es zwei Mainstreams gäbe, so wären diese eben nicht mehr Hauptstrom, sondern Nebenflüsse.

    Die „Flüchtlingsfrage“ sei kein Tabu? Jede publizistische Kritik am ZUSTROM wird missdeutet als Kritik an den hergelockten INDIVIDUEN. Mehr als nur unsachlich. Die Automatik dieser Reaktion qualifiziert Flüchtlingsfrage als nicht hinterfragbar, also genau als das: ein Tabu.

    1. Avatar von Henning Hirsch
      Henning Hirsch

      Hauptströme kann es mehr als einen geben. In bspw. Deutschland wären das Rhein, Donau, Elbe und Oder. Wer will da entscheiden, welcher der wichtigste von den vieren ist? Übertragen auf die Presselandschaft wären das dann ein linker, ein rechter, ein liberaler, ein grüner, ein Was-auch-immer-sonst-noch-fehlt Mainstream. Aber ganz sicher nicht: EIN linker Mainstream

      1. Avatar von Wolf-Dieter Busch
        Wolf-Dieter Busch

        Unterschiedliche Mainstreams sind denkbar nur in unterschiedlichen Kategorien.

        In der Physik gibt es einen Mainstream (umfasst etwa Relativitätstheorie und das „Teilchen-Standardmodell“). Völlig unabhängig von Gesellschaftspolitischem Mainstream, der etwa Gender Mainstreaming als BESTANDTEIL (also nicht etwa als konkurrierend!) enthält. Weitere Beispiele fallen mir gerade nicht ein, aber sie dürften existieren.

        Thema hier ist Gesellschaftspolitischer Mainstream. Der ist eindeutig und einzig.

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