Schlagwort: Antisemitismus

  • Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Der Kalauer, der unbedingt ne Satire sein möchte

    Ich liebe Lisa Eckhart.
    Also nicht die Kunstfigur, denn mein Bedarf an Femme fatales ist seit der letzten, mit der ich zusammen war, und die mich als geistiges Wrack zurückgelassen hatte, wovon ich mich immer noch nicht ganz erholt habe, restlos gedeckt, und ob ich mich in die Privatperson verliebe, würde erstmal voraussetzen, dass wir uns real treffen, was aber aus zahlreichen Gründen heraus sehr unwahrscheinlich ist, weil uns zum einen dreißig Lebensjahre trennen (was bei einem Date schon ne Menge ist), und wir zum anderen doch recht weit auseinander wohnen, um nur die zwei wichtigsten Gründe für diese Unwahrscheinlichkeit hier anzuführen. Ich liebe sie aber dafür, dass sie uns Kolumnisten derart VIEL Gesprächsstoff liefert, dass wir seit Tagen Seite um Seite mit der Debatte über ihr Bühnenprogramm füllen können. Sie enthebt mich seit zwei Wochen des anstrengenden Nachdenkens, worüber ich heute einen Text schreiben könnte. Ich wache auf und lese Lisa Eckhart-Kolumnen in Facebook, gehe aufs Klo und lese dort die dazugehörigen Lisa-Eckhart-Kommentare, beim Mittagessen springt sie mir aus dem Feuilleton der Zeitung entgegen, am Nachmittag packt der Fischhändler den von mir gekauften Hering in Zeitungspapier ein, auf dem mir das Lisa-Eckhart-Gesicht entgegenlächelt, und abends ist das gesamte Netz mit Lisa-Eckhart-Pro-&-Contra geflutet. Die Dame ist omnipräsent. Genießt zur Zeit einen Starrummel wie Trump, Drosten und Nordkorea-Kim zusammenaddiert.

    Ich setz mich an die Tastatur und sage fröhlich zu mir: heute schreibe ich mal wieder über Lisa Eckhart. Und nichts anderes!
    Dafür bin ich ihr dankbar.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Stimmt.

    Replik auf die Replik

    Der werte Kolumnistenkollege Heinrich Schmitz hat am vergangenen Samstag einen Text Lisa Eckhart – und? veröffentlicht, der eine Replik auf meinen, eine Woche zuvor erschienenen Text „Antisemitismus als Geschäftsmodell?“ war. Das macht Heinrich Schmitz eher selten, also Repliken zu anderen Kolumnisten verfassen – zuletzt geschah das vor eineinhalb Jahren, als wir beim Thema „Dschungelcamp“ unterschiedliche Auffassungen zur erzieherischen Notwendigkeit solcher Formate vertraten – und nun mal wieder bei Lisa E. Da ich finde, dass Heinrich Schmitz für diese Replik eine Antwort verdient hat und ich zudem eine Woche Urlaub und Zeit & Muße habe, werde ich nun die Replik der Replik zu Papier bringen.

    Es ist alles schon gesagt worden, aber noch nicht von jedem, sagen Sie?
    Das haben Sie weiter oben schon gesagt, antworte ich.

    Heinrich Schmitz, der im realen Leben seine Brötchen als Strafverteidiger verdient*, baut seinen Text wie ein juristisches Plädoyer auf. Er zimmert für seine Mandantin Lisa E. Verteidigungslinien. Und beginnt den gerichtlichen Vortrag sofort mit einem Paukenschlag: Lisa E. ist KEINE Antisemitin. Und wer was anderes behauptet, muss ihr das erstmal nachweisen. Solange dieser Nachweis nicht gelingt, gilt die Unschuldsvermutung.

    * womit ich meine Brötchen verdiene, wollen Sie wissen? Scrollen Sie runter zu meinem Kurzlebenslauf. Da wird’s erklärt.

    Klingt gut, klingt plausibel, klingt nach Rechtsstaat.
    Bloß hat gar kein ernstzunehmender Kritiker der Schmitzschen Mandantin Antisemitismus vorgeworfen. Der Vorwurf lautet auf „Nutzung antisemitischer Klischees als Geschäftsmodell“.
    Das ist doch dasselbe, sagen Sie?
    Hören Sie jetzt auf zu lesen, erwidere ich. Wir verschwenden hier beide nur unsere Lebenszeit, wenn wir noch länger zusammenbleiben.

    Lisa E. gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz zu nehmen, ist so, als ob der Verteidiger eines in eine Wirthausprügelei verwickelten Raufbolds den Gerichtssaal mit den Worten betritt: »Mein Mandant hat keinen Mord begangen. Es liegen keinerlei aussagekräftige Beweise gegen ihn vor«. Woraufhin der Richter antwortet: »Mord wird im ersten Stock verhandelt. Bei mir geht’s heute um Körperverletzung«.

    Damit dürfte diese irrtümliche Falschbehauptung gegen die Lisa E.-Kritiker hoffentlich vom Tisch sein. Denn noch geben sich ja die meisten Kritiker der vagen Hoffnung hin, dass Lisa Lasselsberger, wie sie im realen Leben heißt, anders denkt, als ihre Kunstfigur spricht.

    Die Show live erleben und die Künstlerin dabei riechen können

    Schau’n wir mal, welche weiteren Verteidigungslinien wir in Heinrich Schmitz‘ Kolumne entdecken. Denn ein guter Anwalt hält natürlich einen bunten Strauß Argumente bereit, um seine Mandantin möglichst unbeschadet aus dem Gerichtssaal wieder nach draußen ans Sonnenlicht zu führen.

    In der Strafprozessordnung gibt es den Grundsatz der Unmittelbarkeit der Hauptverhandlung, insbesondere der Beweisaufnahme. Ein Zeuge ist live und in Farbe zu vernehmen.

    Bin ich grundsätzlich d’accord. Würde aber im Umkehrschluss bedeuten, dass wir die Hälfte unserer Texte in die Tonne kloppen können, weil wir der Mehrzahl der Prominenten, die wir in unseren Kolumnen aufs Korn nehmen, in der analogen Welt nie begegnet sind. Weder Heinrich Schmitz noch ich waren bspw. bisher realiter im Dschungelcamp dabei. Und trotzdem schreiben wir darüber. Ich bin mir auch sehr unsicher, ob ich Lisa E. live riechen muss, wie in der Replik gefordert, um mir ein Urteil über ihren Auftritt bilden zu können. Ich hab mir den Clip 3x auf Youtube angeschaut. Das reichte mir.

    … entscheidend ist aber der gesamte Auftritt. Es ist schon falsch, – wie geschehen – sich nur eine Passage aus einem Programm herauszupicken …

    Auch hier bin ich grundsätzlich einverstanden; jedoch es geht halt nun mal um diese EINE 5-Minuten-Sequenz. In der übrigens – jenseits der antisemitischen – genügend andere dumpfe Klischees bedient werden, um als Gut(un)mensch-Zuschauer spontan nervösen Schluckauf zu bekommen. Wenn ich EINE Geschichte von Bukowski bespreche, bespreche ich eben diese EINE Geschichte. Es kann nicht schaden, noch weitere Geschichten dieses Autors oder sogar sein gesamtes Œuvre zu kennen. Aber das ist nicht zwingend notwendig, um die EINE Geschichte zu kritisieren. Wichtig ist hingegen, die monierte Stelle exakt beim Namen zu nennen. Und das tun die Kritiker ja auch. Es handelt sich um „Mitternachtsspitzen im WDR. Programmpunkt ‚Die heilige Kuh hat BSE‘. Ausgestrahlt im September 2018“. Und anlässlich dieses EINEN Auftritts fielen die toxischen Sätze. Und genau diese Sätze werden kritisiert. Hat niemand behauptet, dass Lisa E. durchgängig bei ALLEN Bühnenauftritten antisemitische Klischees bemüht, um billige Lacher zu erzielen. Es geht erstmal nur um diesen EINEN Auftritt.

    Hinsichtlich der Beurteilung des Handwerklichen liegen Heinrich Schmitz und ich also gar nicht so weit auseinander. Wenngleich ich zu bedenken gebe, dass eine Kolumne einen (schnellen) Meinungsbeitrag und keine Diplomarbeit, darstellt. Die Erstgenannte nimmt kurz und knapp was aufs Korn, während die wissenschaftliche Analyse mehr Recherche, mehr Einordnung in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang, mehr Abwägung sämtlicher Pros & Cons erfordert, weshalb man eine Kolumne im mittleren Durchschnitt in zwei, drei Stunden getippt hat, während man an der Diplomarbeit ein halbes Jahr sitzt.

    Was, um Himmelswillen, ist gedrehter Antisemitismus?

    Kommen wir aber nun zur inhaltlichen Beurteilung dessen, was Lisa E. auf der Bühne darbietet. Und da tun sich jetzt doch größere Satiregräben zwischen Heinrich Schmitz und mir auf.

    … tatsächlich wunderbar herausgekitzelt wird, ist das Dilemma derjenigen, die alle Juden für grundsätzlich immer ganz tolle Menschen, alle Schwarzen, alle Flüchtlinge und alle Frauen für immer nur bedauernswerte Opfer halten, die ihres immerwährenden Schutzes bedürfen, die nie und nimmer etwas Böses tun, ja nicht einmal tun könnten […]Und wenn sich nun herausstellt, dass auch ein Jude, ein Schwarzer, ein Flüchtling, ein Schwuler ein Verbrechen begehen kann, dann führt das genau zu dem, was Lisa Eckhart „BSE bei der heiligen Kuh“ nennt. Es hilft weder den Juden, noch den Schwarzen, den Flüchtlingen, den Schwulen, noch den Frauen, so zu tun, als seien sie anormalerweise per se besser als der Rest der Menschheit. Auch das ist eine Form von gedrehtem Antisemitismus, Rassismus, Fremden-, Frauenhass und Homophobie, wenn denjenigen wieder einmal aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, die in diesem Fall ausschließlich positiv sind.

    ei ei ei, sage ich hier nur. Ist das nicht genau die neurechte Denke, die wir Kolumnisten in vielen Texten anprangern? Denn dass Flüchtlinge, Schwarze, Frauen, Schwule und Juden ebenfalls Verbrechen begehen, weiß wirklich auch der letzte Gut(un)mensch, und ist schon alleine aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit, dass es in jedem Obstkorb auch wurmstichige Äpfel gibt, eine Binse. Sogar das merkwürdige (um ein harmloses Adjektiv zu benutzen. Mir fielen auch heftigere ein) Argument, dass, wer für vorsichtigen Umgang bei der Zuschreibung diskriminierender (Minderheiten-) Klischees eintritt, in der Konsequenz nichts anderes als ein „gedrehter“ Antisemit, Rassist etc. sei, wird hier bemüht. Oha! Man ist jetzt also ein gequirlter (pardon: gedrehter) Antisemit, wenn man das platte Erzählen antisemitischer Kalauer nicht superlustig findet? Falls ja, dann stimmt mMn irgendwas nicht mit der (gedrehten) Antisemitismusdefinition. Diese Definition ist aber auch gar keine wissenschaftliche, sondern wird einfach seit Jahren von den Neurechten (vermutlich ebenfalls von den Altrechten und was es sonst noch alles für Rechte gibt) unters Volk gestreut in der Gewissheit, wenn man den Unsinn nur oft und lange genug wiederholt, wird schon irgendwas haften bleiben. In Heinrich Schmitz Lisa-E.-Kolumne blieb es augenscheinlich haften, was mich zwar wunderte; aber ich nahm es zur Kenntnis.

    Künstlich konstruierter Zusammenhang zwischen sexueller Übergriffigkeit und Religionszugehörigkeit

    Hier geht es um das Aufdröseln von Widersprüchen auch und gerade innerhalb derjenigen, die sich stets auf der richtigen Seite wähnen. Den Fundamentalismus der guten Absicht vorzuführen, ist bei Lisa Eckhart Programm.

    Was für Widersprüche dröselt Lisa E. denn auf? Etwa denjenigen, dass ich bei Weinstein, Allen und Polanski als Gut(un)mensch sofort gedacht habe: Typisch, das sind Juden?
    Es aber nur gedacht und nicht gesagt habe, weil Gut(un)menschen sowas nicht offen aussprechen?

    Ich muss Sie enttäuschen. Ich habe bei allen drei oben genannten Herren nie gedacht, dass sie übergriffig aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit sind, sondern war immer davon ausgegangen, dass sie  sexuelle Gewalt ausgeübt haben, weil sie ihre männliche Machtposition schamlos ausnutzten* und bei ihrem Tun ein Schweigekartell um sich herum wussten. Mir braucht also keine affektierte Kabarettistin mit einem von ihr künstlich hergestellten Konnex den Spiegel vorzuhalten. Was nicht bedeutet, dass man nicht ebenfalls links-grün-versifften, großstädtischen Vernissagen- & Kleinkunstbühnen-Besuchern wie mir (wobei ich mir weder aus Vernissagen noch aus Kleinkunstbühnen allzu viel mache, sondern mich lieber beim Effzeh in den Unterrang West setze. Oberrang ist echt teuer, und für die Südkurve bin ich mittlerweile zu alt) den Spiegel vorhalten kann. Auch in dieser Gruppe gibt es jede Menge Verlogenheiten und Absurditäten zu persiflieren. Aber es müsste halt ein anderer Spiegel sein als derjenige, den Lisa E. nutzt bzw. es müsste sich ein anderes Bild darin spiegeln. Gerhart Polt mit ‚Mai Ling‘ kam der Sache da sehr viel näher als die österreichische Kalauer-Tante.

    * wobei die sexuelle Übergriffigkeit bei Allen sehr viel strittiger ist als bei Weinstein und Polanski. Das muss der Fairness halber schon auch erwähnt werden.

    „Der Fundamentalismus der guten Absicht“: wow!
    Waren also meine Eltern und Großeltern Fundamentalisten, weil sie ihre Kinder dazu erzogen, manche Sachen nicht zu sagen? Meine Großmutter väterlicherseits war da sehr rigoros. Die wusch uns den Mund mit Seife aus, wenn ich böse Sachen sagte, die auf ihrer Tabuliste ganz oben standen. Würde man heute nicht mehr tun – also Kindern den Mund mit Seife auswaschen –, aber nach wie vor gilt: Wer böse Tabubrüche begeht, muss sich im Gegenzug auch (z.T. harsche) Kritik anhören.

    Satire muss das nicht, weil Satire ALLES darf, meinen Sie?
    Selbst wenn Satire alles dürfte (was sie ganz sicher nicht darf), entrückt sie das nicht völlig der Kritik.

    IQ 140 notwendig, um diese Art Satire zu verstehen?

    Man muss aber auch nicht alles schlecht machen, nur weil man es nicht versteht oder weil man es nicht mag.

    Die alte Leier. Gähn. Sobald man was kritisiert, was einem anderen gefällt, hat man es als Kritiker angeblich nicht verstanden. Nun muss man aber nicht Atomphysik studiert haben oder Stephen Hawking heißen, um die platten Jokes der Lisa E. zu begreifen. Sie bewegt sich – auch außerhalb ihrer Kunstfigur-antisemitischen-Rhetorik – halt durchgängig auf Fips-Asmussen-Niveau. Das ist ja auch okay, solange es nicht justiziabel wird. Bloß anmerken muss es der Kritiker dürfen, genauso wie die Künstlerin unappetitliche Sottisen erzählen darf. Wer diese grobschlächtigen Kalauer für Satire hält, die zum Nachdenken anregt, der hätte wahrscheinlich ebenfalls hinter Goebbels Sportpalastrede eine satirische Botschaft vermutet. Vielleicht ist ja auch all das, was Beatrix v. Storch und Kohorten (pardon: Konsorten) uns erzählen, letztlich bloß Satire? Gloria v. T. und ihre dauer-schnackselnden Schwarzen: Satire? Wer außer dem Absender weiß das schon so genau? Warum, um Himmelswillen, vermuten einige hinter jedem Unsinn, bloß weil er auf einer Bühne zum Besten gegeben wird, immer gleich ne tiefere Botschaft? Begleiten Sie mich in den Kölner Karneval. Da gibt’s jedes Jahr aufs Neue hunderte botschaftsbefreite Kalauer zu hören. Die teilweise auch ganz lustig sind. Unter der Voraussetzung natürlich, Sie verstehen unseren Kölner Dialekt. Käme kein Jeck (hier iSv. Zuschauer) auf die Idee, neben jedem Büttenredner gleich einen Spiegel zu sehen, der aufs Publikum gerichtet ist, damit es sich darin selbst erschrocken erblickt. Und was anderes als ne Büttenrede konnte ich in dem kritisierten Mitternachtsspitzenauftritt von Lisa E. echt nicht erkennen. Es gibt sogar zuhauf bessere Büttenreden als die, die Lisa E. im September 2018 ihrem Publikum darbot.

    Satire, die alles darf, sich abgenudelter Plattitüden bedient, Satire, die, sowohl was ihre Stilmittel als auch den von ihr transportierten Inhalt angeht, beliebig wird, ist aus meinem Verständnis heraus keine Satire mehr, sondern nichts anderes als ein Schenkelklopfer, wie man ihn in jeder Dorfkneipe spätabends am Urinal belauschen kann. Dann, wenn die sechste halbe Bier den PoC-Schutzwall aufweicht, den wir in der linken Nebenhirnrinde errichtet haben, weil wir ja heutzutage nicht mehr straffrei sagen können, was unsere Eltern noch völlig straffrei sagen konnten, und der Mann neben uns – während er die letzten Tropfen auf den Boden ausschüttelt und den Reißverschluss wieder hochzieht – mit leicht gerötetem Kopf und einem feinen Lächeln auf den Lippen zu uns sagt: »Es war nicht alles schlecht damals. Wissen’s, mit den Juden …«, und dann kommt etwas, wogegen sich meine Finger sträuben, es in die Tastatur zu tippen, bevor der Urinalnachbar mit einem Ha-ha-der-war-lustig-Grinsen im Gesicht und, »Pst, das war Satire, das versteh’ns schon, oder?«, zurück zu seinem Stammtisch schwankt, wo die anderen Dorfhonoratioren und die siebte Halbe auf ihn warten.

    Und damit soll es an dieser Stelle auch wieder genug sein mit meiner Replik auf Heinrich Schmitz Replik zu meiner Lisa-E.-Kolumne. Vielleicht gibt’s ja in ein paar Tagen wieder ne Replik auf diese Replik und das Ganze entwickelt sich zu einem Kolumnistenstreit historischen Ausmaßes. Schau’n wir mal.

    PAUSE

    Im zweiten Teil dieser Kolumne wollen wir uns mit dem Thema „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“ beschäftigen. Lisa E. also verlassen und sie nur noch als Sprungbrett nutzen, um uns unsere Sprache, die ständig weiter nach rechts driftet, etwas näher anzuschauen. Diesen Text gibt’s aber wie gewohnt erst am nächsten Wochenende zu lesen.

  • Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

    Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

    „Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig“, twittert der dauertwitternde Dieter Nuhr.

    Und obwohl mir Dieter Nuhr noch egaler ist als die tägliche Kijimea-Werbung vor der Tagesschau bzw. ich beide vom Nervtöt-Niveau her auf demselben Level ansiedele, will ich an dieser Stelle ein paar Überlegungen einbringen. ‚Der Hirsch und denken: wie soll das zusammengehen?‘, wird der ein oder andere Leser jetzt sagen. Also zu seiner Frau am Frühstückstisch sagen, weil mir kann er es ja nicht persönlich sagen, denn ich sitze alleine an meinem Schreibtisch und das Telefon ist auf stumm geschaltet. Okay, ich versuch’s.

    Ich möchte der Klarheit halber vorausschicken, dass ich mir aus Comedy nicht allzu viel mache. Weder aus politischer noch aus ballermann-artiger. Früher, in der Zeit als es bloß drei Fernsehsender gab, schaute mein Vater gerne Notizen aus der Provinz, ein Format mit Dieter Hildebrandt, das in die Comedy-Richtung ging. Mein Vater schaute es gerne, um sich über den Linken Hildebrandt aufzuregen – denn mein Vater liebte es, sich über linke Politik aufzuregen –, und ich schaute es, weil gerade nichts anderes im Fernsehen lief, und ich um diese Uhrzeit nicht mehr mit Freunden telefonieren durfte. Also schaute ich Notizen aus der Provinz und auch noch ein paar andere Sendungen, die ähnlich waren wie Notizen aus der Provinz, deren Namen ich jedoch vergessen habe, und wurde dadurch mittels der in den 70er Jahren marktüblichen Satire sozialisiert. Für meinen Vater waren die damaligen Comedians – die sich selbst natürlich nie so bezeichnet hätten, denn den Begriff kannte vor 50 Jahren außer ein paar polyglotten Weltenbummlern niemand bei uns – alle links, für mich waren es alte Männer, die ständig über langweilige Politik redeten. Aber – und das soll dann doch schon bereits an dieser frühen Stelle der Kolumne erwähnt werden – bei diesen prähistorischen Comedians war immer klar, WO sie politisch standen. Auch wenn sie, um einen Punkt von der entgegengesetzten Seite zu beleuchten, in die Gestalt eines Reaktionärs schlüpften, ahnte man: dieser Kniff dient dazu, den Wahnsinn einer Sache (also Wahnsinn aus ihrer linken Perspektive heraus) auf die Spitze zu treiben. Im Traum wäre niemand auf die Idee gekommen, Heinz Schubert mit seiner Rolle Alfred Tetzlaff aka Ekel Alfred zu identifizieren. Wir wussten also bei all diesen älteren Herren, woran wir waren. Der Humor kam mitunter bemüht daher, manchmal langweilig, in der Retrospektive betrachtet geradezu bieder mit Tendenz hin zum erhobenen Zeigefinger. So ging’s halt in den braven 70er-TV-Jahren auf bundesdeutschen Bildschirmen zu.

    Dürfen Deutsche (inkl. Österreicher) Judenwitze erzählen?

    Ich überspringe die Transformationsphase mit Harald Schmidt als deutschem Klon von David Letterman und gelange direkt zur heutigen Comedian-Generation und hier speziell zur (angeblichen) Femme fatale Lisa Eckhart. Das heißt wir lassen die Ballermann/ Ischgl-Artisten Atze Schröder, Olli Dittrich, Matze Knop und – last but not least – Mario Barth links liegen und kümmern uns ebenfalls nicht um Volker Pispers. Ottfried Fischer, Herbert Feuerstein & Kabarett-Konsorten. Heute geht’s einzig um Lisa Eckhart und das, was sie auf deutschen Kleinkunstbühnen verkörpert.

    Hier als Appetizer ein paar Bonmots aus ihrem Wiener-Schmäh-Mund:

    Am meisten enttäuscht es von den Juden; da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.

    Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen aufzugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben … Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? … Die heilige Kuh hat BSE.

    Ich habe drei Jahre in Paris gelebt, um dort Germanistik zu studieren … Ich wollte dort als sprachliches Wunderkind gelten undhab mich als Polin ausgegeben, da sind sie mir dann aber dahinter gekommen und sagten: „Na, das ist aber schon sehr einfach, DU studierst Deutsch als Fremdsprache“, und letztlich wurde ich mehr gehänselt als der Jude in BWL.

    Das ist klar antisemitisch, empören Sie sich , Frau Müller?
    Das ist ein ganz eindeutiges Statement gegen Antisemitismus, widersprechen Sie sofort, Herr Meier?
    Woody Allen hat sowas auch erzählt, wirft nun Herr Schmitz in unsere Runde hinein.
    Es ist halt überhaupt nicht klar, was es sein soll, sage ich und mache die Sache damit völlig konfus.

    Beginnen wir mit Woody Allen. Wenn ein Jude einen Judenwitz erzählt, geht das völlig in Ordnung. Weshalb sollte ein Jude auch keine jüdischen Witze reißen dürfen? Ich mein, ich als Kölner mache gerne Witze über Kölner, manchmal auch über Düsseldorfer, aber die Geschichten über Kölner sind echt lustiger. Wenn aber ein Stuttgarter mit seinem komischen Akzent Witze über Kölner macht, finde ich das schon mäßig erheiternd. Falls es ein Sachse mit seinem noch komischeren Akzent tun sollte: oh weh! Um wie viel schlimmer muss es also in jüdischen Ohren klingen, wenn eine junge Deutsche Judenwitze zum Besten gibt? Lisa Eckhart ist Österreicherin, machen Sie mich auf meinen regionalen Zuordnungsfehler aufmerksam? Dann darf sie das natürlich. Denn die Österreicher waren ja qua Eigendefinition ebenfalls Opfer der Nazi-Barbarei gewesen. Ob aber die Juden an diese österreichische Eigendefinition glauben, glaube ich wiederum nicht. Es macht also einen Riesenunterschied, WER einen Judenwitz erzählt. Es gilt die einfache Faustregel: Deutsche (inkl. Österreicher) sollten es vernünftigerweise nicht tun. In 99.9 Prozent der Fälle geht der Schuss (pardon: Witz) nach hinten los. Sie fordern also ein die Meinungsfreiheit einschränkendes Witzverbot, Herr Kolumnist, fragen Sie mich? Ich fordere es nicht, ich gebe bloß einen unverbindlichen Tipp, antworte ich Ihnen.

    Aber Lisa Eckhart erzählt doch ihre Witze, um uns Deutschen den Spiegel vorzuhalten, uns unsere hässliche antisemitische Fratze mittels satirischer Überspitzung plakativ vor Augen zu führen, wenden Sie nun ein? Das mag zwar sein, erwidere ich – obwohl ich diese hehre Absicht eher bezweifele –, aber so eine Zielsetzung funktioniert nur dann, wenn ich als Zuschauer weiß, wo Frau Eckhart politisch steht. Und diesbezüglich hüllt sie sich in beharrliches Schweigen. Wir tappen hinsichtlich ihrer persönlichen Beweggründe im Dunkeln. Sie ist eine Kunstfigur. Sie muss ÜBERHAUPT nichts erklären, sagen Sie? Okay, falls Frau Eckhart eine reine Kunstfigur darstellt, deren private Standpunkte strikter Geheimhaltung unterliegen, dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie missverstanden wird. Nur Banausen verstehen diese Art von Humor nicht, schauen Sie mich nun böse an? Ich habe kein Problem damit, ein Banause zu sein, und dass ich vieles nicht verstehe, zieht sich wie ein roter Faden seit früher Kindheit durch mein Leben.

    Kunstfigur vom Künstler trennen?

    Sie halten Lisa Eckhart für eine Antisemitin? Nicht Ihr Ernst, Herr Kolumnist, oder?
    Nein, tue ich nicht. Bzw. ich weiß es nicht so genau, denn sie äußert sich zu dieser Problematik ja nie außerhalb ihrer grellen Bühnenauftritte. Ich habe einen ganz anderen Verdacht: Lisa Eckhart hat den unappetitlichen Tabubruch einfach als Geschäftsmodell erkannt und verdient ihr Geld damit, Judenwitze auf der Bühne zu erzählen. Bar jeglicher inhaltlicher Botschaft. Die Pointe um der Pointe willen. Selbst wenn sie es täte; das tun doch viele andere ebenfalls. Auch Sie als Kolumnist sind ja nicht frei von dieser Attitüde, geben Sie zu bedenken? Für einen guten Witz würden Sie doch das Grab Ihrer Eltern verpfänden, oder? Das stimmt, allerdings mit zwei Einschränkungen: ich würde nie Witze über Stuttgarter und Leipziger (und über Juden schon gar nicht) zum Besten geben und bei mir ist dem Leser halbwegs präsent, wo ich politisch stehe. Ob der Leser meinen politischen Standpunkt teilt, ist dabei nebensächlich. Ihm ist aber klar, wo er mich in etwa zu verorten hat. D.h. es existiert zwar die Kunstfigur Kolumnist, die ist jedoch nicht komplett von der Privatperson Henning Hirsch abgekoppelt. Auch beim Auslöser dieses Beitrags, Dieter Nuhr, ahnen wir, dass seine wiederholten Polemiken gegen Greta Thunberg und die FfF-Bewegung nicht ein reiner Kunstkniff sind, sondern der Privatmeinung des Privatmanns Nuhr entspringen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieser der Bewahrung des gepflegten Altherren-Kalauers verpflichtete Kabarettist das Theater verlässt, auf ein Fahrrad steigt, zu seinem Grünen-Ortsverein strampelt und dort über die Abstandsregeln von Windrädern diskutiert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bringt er sein Klimawandel-skeptisches Weltbild eins zu eins auf die Bühne. Vermutlich ist die Kunstfigur Nuhr sogar der ehrlichere Mensch als die Privatperson. Was das für Lisa Eckhart bedeutet, fragen Sie mich? Sagen Sie es mir, erwidere ich. Was es für Schröder, Dittrich, Knop u Barth bedeutet? Bei denen ist es egal.

    Komplett wurscht, meinen Sie jetzt, Satire darf alles?
    Sehe ich nicht so. Satire darf vieles, aber halt nicht alles. Bei Böhmermanns Entgleisungen gegenüber Erdogan war für mich vor ein paar Jahren bspw. ein Punkt erreicht, wo ich den Tatbestand der Beleidigung als erfüllt ansah. Und nein, ich bin kein Fan des türkischen Präsidenten. Aber eine ehrabschneidende Beleidigung erkenne ich auch jenseits meiner politischen Präferenzen. Was hat Erdogan mit Lisa Eckhart zu tun, fragen Sie mich? Ja ja, ich bin ein bisschen vom Thema abgewichen, ein Wesenszug alter Männer, die am Sonntagmorgen beim Tippen der Kolumne noch nicht richtig wach sind. Deshalb schnurstracks zurück zur (angeblichen) Femme fatale der deutschsprachigen Kleinkunst: Lisa Eckhart darf alles auf die Bühne bringen, was sich im Rahmen der gesetzlich festgeschriebenen Meinungsfreiheit bewegt. Sie darf dabei Tabus brechen. Sie darf Judenwitze erzählen, antisemitische Klischees bedienen. Sie muss uns nicht erklären, wie sie persönlich dazu steht. Sie kann sich einzig auf ihre (angebliche) Kunstfigur zurückziehen. Sie (und ihre Fans) können jeden, der Fragen hinsichtlich der Ethik dieses kommerzialisierten Tabubruchs formuliert, als Nicht-Checker oder Kunstbanausen titulieren.

    Aber mir als Nicht-Checker steht es vice versa natürlich zu, mich über anti-jüdische Klischees, die erklärungsfrei auf deutsche Kleinbühnen zum Gaudium des Publikums transportiert werden, zu wundern und anzuraten, in Interviews ab und an eine Erklärung hinterherzuschieben. Denn spätestens an dem Punkt, an dem man (breiten) Applaus von der falschen Seite erhält, sollte man als Künstler hellhörig werden und seine Inhalte kritisch hinterfragen. Gar NICHTS muss Frau Eckhart! Kann keiner was dafür, wenn die Falschen Beifall klatschen, sagen Sie? Davor sei keiner gefeit? Stimmt, kann jedem Künstler passieren. Trotzdem finde ich es grenzwertig, wenn ich plötzlich lauten Beifall von der Seite gespendet bekomme, deren charakterliche Defizite ich ja mit meiner Darbietung offenlegen möchte. Der stramme Antisemit gratuliert der antisemitischen Kunstfigur? Da scheint offensichtlich was schief zu laufen. Oder doch nicht? Vielleicht ist es ja völlig egal, von wem der Applaus stammt. Hauptsache, die Kasse klingelt am Ende des Abends.

    Tabubruch bloß, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

    Kann keiner was dafür, dass Sie ein humorloser Nicht-Checker sind, Herr Hirsch, sagen Sie? Diese Frau ist das Beste, was die deutsche Comedy zu bieten hat. Ei ei ei, antworte ich. Dann kann es mit der Qualität der deutschen Comedy ja nicht allzu weit her sein. Das inhaltleere Zurschaustellen anti-jüdischer Klischees, also den Tabubruch bloß um des Tabubruchs willens, finde ich unappetitlich. Was nützt die geschliffenste Rhetorik, wenn das, was auf der Bühne präsentiert wird, über Weimarer-Republik-Stammtischhumor nicht hinausreicht? Dinge, die man heute wieder sagt, weil man das ja schließlich noch unzensiert wird sagen dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden, oder?

    Muss man wirklich jeden Tabubruch ausprobieren? JA!, rufen Sie, denn sonst wird man heutzutage gar nicht mehr gehört. Nur dem Tabubrecher ist mediale Aufmerksamkeit garantiert. Und zudem herrscht Meinungsfreiheit. Wäre ja noch schöner, wenn wir uns keine antisemitischen Klischees mehr anhören dürfen. Und wenn die (angebliche) Satire nur eine Mogelverpackung ist, um ungestraft antisemitische Klischees unters Volk zu bringen, frage ich? So dumm können doch selbst Sie sich nicht stellen, als dass Sie es nicht verstehen. Doch SO dumm bin ich, dass ich die Beweggründe, antisemitische Klischees als Geschäftsmodell auf die Bühne zu bringen, nicht in Gänze nachvollziehen kann. Halt wie so oft böswillig von Ihnen, meinen Sie? Nennen Sie es, wie Sie wollen, sage ich.

    Ob jemand, der den unappetitlichen Tabubruch als sein Alleinstellungsmerkmal erkannt hat, trotzdem auftreten darf, stellen Sie mir jetzt eine letzte Fangfrage? Auf jeden Fall, antworte ich. Denn es herrscht ja Meinungsfreiheit, und es handelt sich schließlich um Satire, die alles darf. Ich werd’s mir aber nicht anhören und verstehe jeden, der BUH! im Zuschauerraum ruft. Denn auch für die Zuhörer gilt Meinungsfreiheit; oder für die dann doch nicht?

    Heute möchte ich mit einem Witz von Woody Allen schließen:
    Immer wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, Polen zu überfallen.

    Woody Allen darf den erzählen?
    JA, Woody Allen darf den erzählen.

  • Die ewige Bestie in uns

    Die ewige Bestie in uns

    Nach dem Attentat in Halle diskutiert Deutschland mal wieder über seinen Antisemitismus. Das ist zum einen begrüßenswert, zum anderen staune ich oft, wie erstaunt manche Bürger tun, wenn solch eine Tat wie die vom vergangenen Mittwoch von einem Judenhasser mit biodeutschen Wurzeln verübt wird. Denn wir haben uns ja angewöhnt, den Antisemitismus – unter der Voraussetzung, dass er in unserem schönen und aufgeklärten Land überhaupt existiert – den Flüchtlingen aus dem arabischsprachigen Raum in die Schuhe zu schieben. Wir Deutschen selbst sind seit dem 8ten Mai 1945 geläutert und tolerieren von Stund an und in alle Ewigkeit sämtliche Glaubensbekenntnisse. Gemäß dem Fritzschen Credo: „Soll jeder nach seiner Façon selig werden“.

    Antisemitismus mit der Muttermilch

    Dass wir aufgrund der leidvollen Erfahrungen mit zwei Weltkriegen und den beiden Diktaturen von NSDAP und SED von unserer wilhelminischen Zwangsvorstellung nach autoritärer politischer Führung ein für alle Mal kuriert sind – diesem Irrglauben habe ich mich lange Zeit hingegeben. Mit jedem weiteren Erstarken der AfD wird mir jedoch immer klarer, dass unsere repräsentative, Minderheiten respektierende und schützende, Demokratie nicht ewig halten muss. Vielleicht erträgt sie die Schläge, die ihr täglich von Rechtsaußen zugefügt werden, vielleicht auch nicht. Wohin die Reise geht, hängt stark davon ab, in welche Richtung das Gros der Wähler – auch unter der Bezeichnung „die bürgerliche Mitte“ geläufig – tendieren wird. Wenn man den Menschen jeden Tag einen Cocktail gemixt aus Zukunftsangst und Kulturparanoia serviert, wird es erfahrungsgemäß nicht allzu lange dauern, bis die Sehnsucht nach einem starken Führer, die in vielen von uns schlummert, wieder erwacht. »Jetzt übertreiben Sie maßlos, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Mag sein, dass ich an dieser Stelle etwas übertreibe und zu schwarz male. Mit zunehmendem Alter stelle ich leider pessimistische Anwandlungen bei mir fest.

    Kam der Wunsch weiter Bevölkerungskreise nach Stärkung der Exekutive, bei gleichzeitiger Schwächung von Parlament und Judikative, zugegebenermaßen überraschend für mich, so habe ich mir seit früher Jugend nie Illusionen über unseren angeborenen Antisemitismus gemacht. Er wird uns mit dem Christentum in die Wiege gelegt (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass nicht auch Atheisten üble Judenhasser sein können), wir saugen ihn mit Muttermilch und Religionsunterricht ein. An unseren Stammtischen philosophieren wir mal weniger, mal mehr alkoholisiert über die geradezu unanständige Finanzmacht der Rothschilds und halluzinieren in den einschlägigen Foren eine jüdische Weltverschwörung herbei. All das ist nicht neu, gibt es seit zweihundertfünfzig Jahren, als man begann, die ursprünglich auf das Gebetsbuch zielende Abneigung auf zusätzliche Bereiche auszudehnen.

    Was die Großeltern erzählten

    Dass die Juden immer viel Geld hatten, knauserig waren und stets abgeschottet unter sich blieben, wussten bereits meine Großeltern hinter vorgehaltener Hand zu berichten, weshalb sie nicht ganz unschuldig an ihrem, im Rückblick zugegebenermaßen nicht so erfreulichen, Schicksal in den Jahren zwischen 33 und 45 gewesen seien. Mit der Frage konfrontiert, ob all das – falls es denn überhaupt jemals zugetroffen hatte – den Holocaust rechtfertigte, lautete die Antwort sofort: NEIN! Man sei damals sowieso unwissend über all die Gräueltaten gewesen, denn der Genozid lief streng geheim ab. Und überhaupt hatte man mit dem eigenen Überleben in dieser schrecklichen Zeit, als die Bomben auf unsere Städte prasselten wie Konfetti aus dem Kölner Prinzenwagen an Rosenmontag, derart viel um die Ohren, dass man nicht jeder Schauergeschichte, die aus dem Osten zu einem drang, in Ruhe zuhören konnte. »Ihr, die ihr zwanzig Jahre später geboren seid, habt gut reden«, hieß es. »Als ob wir uns das alles freiwillig ausgesucht hätten.«

    Während mir als 14-Jährigem durchaus einleuchtete, dass man sich nach der dreißigsten Nacht im Luftschutzbunker vor allem um die eigene Existenz sorgte, begriff ich trotzdem nicht, wie man Abtransport und Vernichtung von sechs Millionen Menschen bis zum bitteren Ende streng geheim halten konnte. Dass niemand außer Hitler, Himmler und den SS-Wachleuten über den Massenmord informiert gewesen sei. Ich sortierte diesen Teil der Weltkriegserzählung in die Kategorie Märchen ein. Gleich neben die Mär vom flächendeckenden deutschen Widerstand. Es lässt sich nicht beschönigen: Die Generation meiner Großeltern trägt ein gehöriges Maß an Mitschuld an der Barbarei, die sich in den zwölf Jahren des 1000-jährigen Reichs in Deutschland und in den von uns besetzten Gebieten zugetragen hat. So gerne ich meine Großeltern mochte – in Punkto Antisemitismus traute ich ihnen nie so richtig über den Weg. Nicht, weil ich speziell sie im Verdacht hatte, sondern da ich ihre gesamte Generation in der Verantwortung dafür sah, dass am 30. Januar 1933 ein Verbrecherregime an die Macht gelangte. Und wenn auch die Hälfte der Wahlberechtigten ihr Kreuz damals nicht bei der NSDAP gesetzt hatte, so waren sie spätestens bis 1938 alle auf Parteilinie gebracht worden. Die Mischung „Nationalismus & Wirtschaftsaufschwung“ verfing bei einem Großteil der Bevölkerung. Die Zustimmungsraten für Hitler und seine Politik waren kurz vor Kriegsbeginn enorm. Dass nebenbei immer mehr Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwanden – ach, du meine Güte. Keine Staatsform ist perfekt.

    Relativierung des Nicht-Relativierbaren

    Froh war ich deshalb, dass meine Eltern die Zeitspanne von 33 bis 45 als Kinder und Jugendliche erlebt hatten, sie sich also in meiner Teenagerlogik die Hände nicht mit Blut befleckt haben konnten. Ein Umstand, den Helmut Kohl viele Jahre später als Gnade der späten Geburt umschrieb. Ins Grübeln geriet ich allerdings, als mein Vater auf seine alten Tage von einer Israelreise (seiner ersten und einzigen) zurückkehrte und plötzlich das Leid der Palästinenser beklagte. Dieselben Palästinenser, die er bis vor kurzem als ewige Aufrührer und notorische Terroristen angesehen hatte. Sein Reisebericht gipfelte in: »Sie stecken die Menschen in Lager, die unseren KZs ähneln«. Auf meinen Einwand hin, »Du willst doch jetzt nicht allen Ernstes unsere KZs mit den Einrichtungen in Israel vergleichen?«, schwieg er beschämt. Und auch ich schwieg, denn ich wollte mich mit dem alten Mann nicht streiten. Erst nach seinem Tod begriff ich, dass die Schuldfrage, die er für sich persönlich vermutlich nie eindeutig lösen konnte, ihn hin und wieder dazu trieb, abstruse Vergleiche anzustellen und das relativieren zu wollen, was man niemals wird relativieren können. Im Gegensatz zur Generation seiner Eltern – falls Sie jetzt mit meiner vielen Verwandtschaft durcheinanderkommen, erkläre ich es an dieser Stelle lieber nochmal: die Eltern meines Vaters sind meine Großeltern –, für die der Nazifuror einen bedauerlichen Zwischenfall in der ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte darstellte, und die nach 1945 schnell zum bundesrepublikanischen Tagesgeschäft überging, ließ mein Vater nie einen Zweifel aufkommen, dass Ausmaß und Organisation des staatlich gelenkten Terrors zwischen 1933 und 45 einmalig in der, an Grausamkeiten nicht armen, Weltgeschichte sind; auch wenn ab und an Sätze wie dieser, »In Russland unter Stalin war’s um keinen Deut humaner als bei uns«, fielen. Seiner Verantwortung für das, was den Juden in unserem Land angetan worden war, war sich mein Vater, obwohl er beim aktiven Mitmachen nicht übers Jungvolk hinausgelangte, bis ans Lebensende bewusst. Wir haben das oft miteinander diskutiert.

    Verantwortungsethik vs. Vogelschiss

    Und bei diesem – zugegebenermaßen nicht ganz einfachen – Begriff Verantwortung scheiden sich in Deutschland mittlerweile die Geister. Während sich die einen auf ihre ganz späte Geburt berufen, »Was habe ich mit der uralten Sache zu tun?«, ist den anderen weiterhin klar, dass wir uns nach wie vor in einer Bringschuld gegenüber den Juden und ihrem neuen Staat Israel befinden, und sich die Stigmatisierung von Minderheiten bei uns nie mehr wiederholen darf. »Holocaust verjährt nicht«, sagte einer meiner Geschichtslehrer treffend dazu. Äußerungen wie, „Diese zwölf Jahre sind ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“, „Überwindung unseres Schuldkults“ oder „Der moderne Antisemitismus wird importiert“ wirken hingegen wie Tranquilizer auf überhitzte Gehirne: Alles nicht so schlimm, was hier geschehen ist. Deutscher Patriot, kannst ruhig schlafen; die anderen sind um keinen Deut besser als wir. Und vor allem muss endlich Schluss damit sein, dass wir uns ständig in unserer Schuld suhlen wie Schweine im Dreck. Lasst uns die kurze Zeitspanne zwischen 33 und 45 abhaken und stattdessen pragmatische Gegenwartspolitik betreiben. Ein alter, neuer Feind steht vor der Tür und bedroht mal wieder das Abendland: der Islam. Sobald die Wirkung des den ruhigen Patriotenschlaf fördernden Verbalvaliums verpufft, kann es in Einzelfällen zwar passieren, dass zornige weiße Männer zum Sturmgewehr greifen und Juden und Moslems ins Jenseits befördern. Aber ein paar Spinner gibt’s ja immer.

    Unser angeborener Antisemitismus, von dem laut Studien durchgängig 25 bis hin zu 40 Prozent der Bevölkerung infiziert sind, nährt sich zwar immer aus der weiter oben geschilderten generellen Abneigung gegen das Judentum und seine religiösen Gebräuche, jedoch leiten Rechte und Linke unterschiedliche Vorgehensweisen daraus ab. Während die Erstgenannten keine Skrupel zeigen, Juden physisch – sogar während ihrer Gebetszeit in der Synagoge – zu eliminieren , beschreiten die Zweitgenannten einen Umweg, indem sie das Existenzrecht Israels grundlegend in Frage stellen, was konsequent zu Ende gedacht in einer neuen Diaspora mündet. Gemeinsam ist rechten und linken Antisemiten, dass sie kruden Weltverschwörungstheorien anhängen und sich einer ans Manische grenzenden Israelkritik hingeben. Jede neu errichtete Kleinstsiedlung im Westjordanland erfährt mehr Aufmerksamkeit als die chinesischen Umerziehungslager in Xinjiang und die massenhafte Verhaftung von Oppositionellen in Russland. Dieselben Kritiker fordern interessanterweise häufig einen vorurteilsfreien Dialog mit Peking und ein rasches Ende der Wirtschaftssanktionen gegenüber Moskau. »Das ist böser Whataboutismus«, sagen Sie? Stimmt. Deshalb höre ich auch schon wieder auf damit.

    Die Bestie erwacht

    Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: Die Bestie Antisemitismus schlummert seit zweitausend Jahren in uns Christen. Im einen mehr, im anderen weniger. Mal schläft sie, mal rumort sie, mal bricht sie eruptiv aus. Sobald sie von politischer Seite aus Nahrung erhält – und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, dass vom Islam- zum Judenhass nur ein kleiner Schritt notwendig ist –, brechen Stück für Stück die jahrzehntelang mühsam errichteten Dämme. Dann resultieren aus alkoholisiertem Stammtischgeschwafel und aufgeheizten Internetdiskussionen schnell blutgetränkte Massaker. Während die geistigen Brandstifter gerne auf die Gefahr des importierten Antisemitismus verweisen – der ohne jeden Zweifel existiert –, ist ein Viertel der Deutschen anfällig für den Gedanken, man sei aufgrund zufälliger Geburt, damit einhergehender zufälliger Hautfarbe und Religionszugehörigkeit anderen Religionen und Kulturen überlegen. Tendenz steigend. So lange wir Schuldkult-Gequatsche, Nazi-Hetze im Internet, Fascho-Demos und die ständige Verschiebung des Sagbaren nach rechts sanktionslos dulden, die Antifa wiederum für eine linksterroristische Vereinigung einstufen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich die Bestie heute immer dreister im Tageslicht zeigt und in Zukunft dem wieder nachgeht, was sie am besten beherrscht: Lügen verbreiten, stigmatisieren, einschüchtern und töten.

    Ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages Hobbes in seiner Auffassung, „Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf“*, beipflichte. Ereignisse wie das von Halle und der geschichtsvergessene, verantwortungslose Quark, der seit einigen Jahren von den Rechten ungeniert unters Volk gebracht wird, lassen mich im Moment allerdings eher pessimistisch in die Zukunft blicken.

    * das Original stammt von Plautus. Danke, dass Sie mich darauf hinweisen. Komplett lautet das Zitat so: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist“.

  • Klartext

    Klartext

    HIR: Herr Mansour, herzlich willkommen in Düsseldorf und danke, dass Sie sich vor Buchpräsentation und Podiumsdiskussion Zeit für uns nehmen. Dürfen wir mit unseren Fragen beginnen?

    Mansour
    : Sehr gerne.

    Viersprachig, drei Schriften beherrschend und in Deutsch träumend

    REI: Wo sind Sie geboren?

    Mansour: In Tira, Israel. 30 Kilometer nördlich von Tel Aviv.

    REI: Wo wohnen Sie heute?

    Mansour: Seit 2004 in Berlin

    REI: Wo sind Sie zur Schule gegangen?

    Mansour: In Tira. 13 Jahre bis zum Abitur.

    REI: Wo und was haben Sie studiert?

    Mansour: Psychologie, Philosophie und Soziologie bis zum Bachelor in Tel Aviv. Im Anschluss Psychologie mit Abschluss Diplom in Berlin.

    REI: Ihre Familie lebt in?

    Mansour: Frau und Tochter mit mir in Berlin.

    REI: Welche Sprachen beherrschen Sie?

    Mansour: Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch.

    REI: Welchen Stellenwert hat Sprache für Sie?

    Mansour: Einen sehr emotionalen. Bis zum 18ten Lebensjahr war Arabisch meine emotionale Sprache, in der ich auch träumte. Als ich nach Tel Aviv umzog, erlernte ich Hebräisch so gut, dass ich es in dieser Phase meines Studiums als meine Muttersprache ansah. Nach dem Wechsel nach Berlin bemühte ich mich darum, möglichst schnell Deutsch zu verstehen und zu reden. Mittlerweile betrachte ich Deutsch als meine Muttersprache, in der ich sogar manchmal träume.

    REI: Sie beherrschen alle drei Schriften: Arabisch, Hebräisch, Lateinisch?

    Mansour: Ja.
    Ahmad Mansour, Henning Hirsch, Bernhard Reiter (v.l. im Uhrzeigersinn) am 10. April 2019 in Düsseldorf-Benrath

    Aufwachsen in patriarchalen Strukturen

    HIR: Glauben Sie, dass Flüchtlinge aus arabischsprachigen/ muslimischen Staaten dieselben Integrationsprobleme haben wie Menschen bspw. aus Osteuropa, Südeuropa, Südosteuropa, West-/ Nordeuropa, Afrika, Asien (Fernost), Süd- u Mittelamerika?

    Mansour: Wenn das eine Prüfungsfrage wäre, dann ist die Antwort nein. Die Frage ist etwas undifferenziert formuliert, wenn ich das so sagen darf. Es gibt auch in Europa bestimmte Leute, die hier in Deutschland Schwierigkeiten haben werden. Genauso wie in anderen Ländern auch. Es gibt aber auch genug Leute, die nach Deutschland kommen und keinerlei Schwierigkeiten haben, sich zu integrieren. Die Frage muss eher lauten: Ist es viel schwerer für Leute, die aus patriarchalischen Strukturen kommen, hier anzukommen? Und die Antwort wäre: ja. Aber so allgemein nach Völkern kann man das nicht sagen. Ich war heute beispielsweise in einer Schule zu Besuch, wo ich einer Klasse mit Schülern aus Afrika, Afghanistan und Syrien begegnet bin. Da merkte man, dass es sowohl Kinder gibt, die angekommen sind und in Freiheit leben wollen als auch welche, mit denen wir einen sehr langen Weg gehen werden.
    Ahmad Mansour während des Interviews

    HIR: Kann man in etwa festlegen, wie viele davon Schwierigkeiten bei der Integration haben?

    Mansour: kann ich nicht sagen, es hängt davon ab ob die Jugendlichen alleine nach Deutschland gekommen sind oder mit ihrer Familie. Jugendlichen, die alleine hierher kommen, fällt es leichter, sich aus patriarchalischen Strukturen zu lösen. Es kommt darauf an, ob sie z.B. in einer deutschen Pflegefamilie leben oder in einer Gruppe mit anderen Jugendlichen. Abgesehen davon, kommt es auch darauf an, wo die Jugendlichen leben. Ob man auf der Sonnenallee in Berlin Neu Köln wohnt oder in einem kleinen Dorf in Bayern, spielt eine sehr große Rolle.

    REI: Wenn ich noch einmal auf das Schlagwort patriarchalische Strukturen zurückkommen darf, was auch einen Kern Ihrer ganzen Arbeiten darstellt: Integration ist immer schwierig, ich habe auch viele ostdeutsche Freunde, die sagen, dass das Zusammenwachsen von Ost und West noch nicht abgeschlossen ist, und es oft nicht mit dem Herkunftsland zu tun hat, sondern mit dem Staatssystem.

    Mansour: Naja die Frage ist, was Sie unter Integration verstehen. Der vollkommen Angekommene ist in Ostdeutschland natürlich anders zu bewerten als derjenige, der von Düsseldorf nach Berlin zieht. Wenn Sie aber Integration als eine gewisse Teilung von bestimmten Werten sehen, dann kann man diesen Vergleich zwischen Ostdeutschen und Leuten die bspw. aus Afghanistan kommen, nicht machen.

    Integration: vier Haupthindernisse

    HIR: Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Integrationsprobleme, die insbesondere junge Menschen in ihrer neuen Heimat bewältigen müssen?

    Mansour: Ich habe im Buch vier Schwerpunkte festgelegt, wo meiner Meinung nach die größten Schwierigkeiten liegen. Das ist zum einen die patriarchalische Struktur, und damit ist nicht nur die Gleichberechtigung von Mann und Frau gemeint, sondern auch der Umgang mit Sexualität, Umgang mit sexueller Orientierung, oder die sexuelle Selbstentfaltung vor allem von Frauen. Diese ist in arabischen Familien ganz anders zu bewerten als bei Männern.

    Thema Nummer zwei ist für mich Meinungsfreiheit, also die Fähigkeit zu streiten, die Fähigkeit eine andere Meinung zu akzeptieren, die ich selbst bspw. nicht teile. Zu akzeptieren, dass meine Religion oder meine Strukturen kritisiert werden. Ich erkenne dahingehend große Abwehrmechanismen vor allem bei denjenigen, die sich ihrer Identitäten unsicher sind. Dies ist übrigens nicht nur bei Flüchtlingen der Fall, sondern auch bei Leuten, die seit Generationen hier leben.

    Das Thema Religion kann eine Inspiration sein, die Menschen einerseits hilft, den Alltag zu bewältigen, gleichzeitig kann Religion aber auch ein Hindernis der Integration darstellen, wenn sie so gelebt wird, dass sie den Menschen nicht erlaubt, hierher zu kommen. Wenn Integration zu einer Sünde wird, durch das Ankommen, durch neue Freundschaften, durch neue Werte. Auch zu akzeptieren, dass wir in einem Land leben, wo verschiedene Religionen nebeneinander existieren.

    Nicht zu vergessen das Thema Antisemitismus, also zu verstehen, dass Deutschland eine gewisse historische Verantwortung trägt. Genau da liegen die größten Schwierigkeiten in meinen Workshops.
    Buchpräsentation. (von links) Ahmad Mansour, Bundesjustizministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Daniel Schönwitz, Prof. Dr. Julius Reiter

    HIR: Sie reden vom importierten Antisemitismus?

    Mansour: Ich würde das nicht „importierter Antisemitismus“ nennen, weil mit „importiert“ meint man z.B die Flüchtlinge, die 2015 kamen. Ich beobachte dieses Phänomen jedoch, seitdem ich in Deutschland bin. Das hat mehrere Gründe: Es gibt Verschwörungstheorien, die hier in Europa entstanden sind und in die arabische Welt verbreitet werden. In Gaza gehört Hitlers „Mein Kampf“ mittlerweile zu den Bestsellern. Der religiös argumentierende Antisemitismus – also alles im Koran oder in den Aussagen des Propheten Mohammed, die sich auf das Judentum beziehen –: Wenn man das nicht in einem lokal historischen Kontext interpretiert, dann läuft man sehr schnell Gefahr, antisemitische Bilder zu reproduzieren.

    HIR: Welche Migrationsgruppe hat Ihrer Einschätzung nach die zurzeit größten Integrationsprobleme in Deutschland?

    Mansour: Die arabische.

    HIR: Kann man das etwas enger fassen oder ist das allgemein gültig?

    Mansour: Allgemein, weil wenn ich mir jetzt die Palästinenser in Berlin anschaue, die in den 80er Jahren gekommen sind, dann sehe ich ein Riesengewaltpotenzial, welches zum einen mit kleinen Gruppen bzw. Clans zu tun hat, aber auch mit Duldungspolitik. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Kritik gegenüber der türkischen Gemeinschaft habe, vor allem ihr Umgang mit Erdogan zeigt, dass man da auch viel nachzuholen hat. Man darf nicht vergessen, dass Ehrenmorde von türkischstämmigen Menschen zweiter/dritter Generation begangen werden. Die arabische Gemeinschaft beschäftigt mich zwar am meisten. Aber das bedeutet nicht, dass die türkische oder afghanische hier bereits angekommen ist.

    HIR: Welche Altersgruppe/n insbesondere?

    Mansour: Ich würde sagen bei den Jugendlichen ist es viel sichtbarer, ob sie sich integrieren, weil sie die Sprache lernen und sich entsprechend artikulieren können. Die Eltern sind hingegen weitaus stiller. Das beobachte ich auch in meinen Workshops. Ich kenne ebenfalls Jugendliche, die aus der zweiten Generation stammen und absolut angekommen sind; aber genauso gut kenne ich Erwachsene, die absolut integriert sind.

    Zu viel Relativierung

    HIR: Sie schildern in Ihrem neuen Buch den Fall eines muslimischen Kindes, das an Ramadan in der Schule beinahe dehydriert ist. Sind ähnlich gelagerte Fälle aber nicht auch bei streng gläubigen, christlichen Familien möglich?

    Mansour: Ich habe ein Problem damit, einen Vergleich zu machen. Der kommt immer wieder, und ich nenne das Relativierung, weil uns das kein Stück weiter bringt in der Debatte. Es geht hier um bestimmte Gruppen, mit denen ich im Alltag zu tun habe. Die Probleme, die hier auftauchen, sind keine Einzelfälle. Diese häufen sich in bestimmten Schulennwie in Berlin, Düsseldorf oder Köln. Und die brauchen unsere Aufmerksamkeit. Natürlich gibt es auch bestimmte kleine christliche Gruppen, die ihre eigenen Einstellungen haben und bestimmtes Verhalten von der Schule fordern, aber man kann das nicht vergleichen. Nicht Quantität und nicht Qualität. Ich möchte all das nicht relativieren, sondern über das Problem reden und nach Lösungen suchen. Das bedeutet aber nicht, dass ich ein anderes Problem kleiner mache. Wenn ich z.B. über Ehrenmorde spreche, dann sagt jemand anderes, dass es aber auch in Deutschland patriarchalische Strukturen gäbe, wie z.B. dass Frauen weniger verdienen als Männer. Das stimmt zwar, aber bringt uns das in der Debatte weiter, das ständig zu relativieren? Wir reden hier davon, dass Frauen in Deutschland sterben, weil sie ihre Sexualität frei leben wollen.

    HIR: Dann lassen Sie mich die Frage anders stellen: Ist der Fall des dehydrierten Mädchens ein Einzelfall oder symptomatisch für die Erziehungspraktiken religiöser, muslimischer Eltern?

    Mansour: Das kann ich nicht sagen. Allerdings kenne ich kaum Eltern, die ihre Kinder so dermaßen gefährden. Man muss in solchen Fällen erstmal mit den Eltern über die Gesundheit ihrer Kinder reden. Jedoch kann ich Ihnen ein anderes Beispiel geben. Betrachten wir den Schwimmunterricht in Schulen: es gibt tausende Schülerinnen die dort nicht mehr teilnehmen, weil es ihnen ihre Eltern nicht erlauben, obwohl das zum Pflichtunterricht zählt. Es gab in Hessen einen Fall, bei dem eine Familie ihr Kind nicht in die Schule schicken wollte. Das Jugendamt hat schnell reagiert, die Polizei informiert, die kurz darauf vor der Tür stand und die Eltern auf die Schulpflicht hingewiesen hat. Das würde bei den muslimischen Schwimmverweigerern so nicht angeordnet werden.

    Wie viele muslimische Familien haben überhaupt irgendein Problem, diese patriarchalischen Strukturen und Vorstellungen in zweiter und dritter Generation weiter zu leben? Wahrscheinlich kaum welche. Und das ist mein Problem.

    Rückbesinnung auf traditionelle Werte

    HIR: Ich bin in Köln in einem Viertel mit in den 70er Jahren schon recht hohem Anteil türkischstämmiger Menschen großgeworden. Damals hatte ich das das Gefühl, dass viele von ihnen, speziell die in meiner eigenen Altersgruppe, so sein wollten wie wir Westler. Heute hingegen sehe ich im selben Stadtteil viel mehr traditionell gewandte türkische Frauen als zur Zeit meiner Kindheit und Jugend. Wann und weshalb kam es zu dieser Rückwärtsbewegung?

    MAN: Das sehe ich nicht nur in Deutschland, sondern auch in meiner Heimatstadt Tira in Israel, aber auch in Syrien, Ägypten und Jordanien und das hat mehrere Gründe. Wir dürfen nicht die Missionierungsarbeit des politischen Islams vergessen, der massiv in vielen arabischen Ländern in den letzten 30, 40 Jahren dazu beigetragen hat, damit solche Verhältnisse herrschen. Und des Weiteren dürfen wir insgesamt nicht vergessen, dass sich weltweit die dritte Generation immer anders verhält als die erste und zweite.

    Man merkt bei den türkischstämmigen Menschen in der dritten Generation, dass sie traditioneller und religiöser werden. Sie machen die Identität sichtbar, die sie eigentlich nie gelebt haben. Das ist aber kein Phänomen, was man nur hier sieht. Auch die Italiener der dritten Generation in den USA verhalten sich anders als ihre Eltern und Großeltern, um mal ein Beispiel von der anderen Seite des Atlantiks heranzuziehen.
    Podiumsdiskussion. (von links) Ahmad Mansour, Sabine Leutheuser-Schnarrenberger, Daniel Schönwitz

    HIR: Wie erklären Sie die hohe Zustimmungsquote in Deutschland lebender Türken zu Erdogan?

    Mansour: Das ist für mich ein Zeichen für gescheiterte Integration, für Menschen, die hier leben aber noch nicht angekommen sind und die die Werte unseres Grundgesetzes nicht teilen; und das hat damit zu tun, dass Erdogan bestimmte Grundbedürfnisse bei diesen Menschen auslöst. Die suchen nach diesem starken autoritären Führer, der seine Meinung frei äußert und es ist genau das, was diese Menschen brauchen. Dieses Phänomen beobachten wir weltweit. Genau wie Trump, Putin oder andere autoritäre Menschen. Und wenn das auf eine patriarchalisch unsichere Gemeinschaft trifft, die sich auf der Suche nach Selbstwertgefühl und Zugehörigkeit befindet, dann sollte uns das nicht wundern.

    Radikalität hat diese Suche nach einer neuen Vaterfigur, nach Orientierung, Halt und Sicherheit geprägt.

    Was muss die Politik tun?

    HIR: Was muss Politik tun, um Integration reibungslos über die Bühne gehen zu lassen?

    Mansour: Ich denke dass einigen Politikern die Dimension des Problems nicht bekannt ist. In unserer heutigen Gesellschaft, fällt es uns nicht, leicht Probleme anzusprechen.

    Die Reaktion auf das zweite Buch hat mich total überrascht, da diese doch sehr heftig war. Nicht auf der muslimischen Seite, sondern auf der Seite der Linken. Und das hat mit dem Phänomen zu tun, dass diese Debatte mittlerweile moralisch geführt wird. Auf der einen Seite sind die Guten, die Probleme nicht ansprechen, die Probleme verharmlosen. Und auf der anderen Seite bin ich, der ein Problem damit hat, dass eine Lehrerin nicht als Autoritätsperson wahrgenommen werden kann, weil sie eine Frau ist.

    Wir müssen einen Weg finden, Probleme anzusprechen mit dem Ziel, Lösungen zu finden. Es geht mir nicht darum, nur aufzuzeigen, was alles nicht funktioniert, sondern nach Lösungen zu suchen, um diese Menschen für uns zu gewinnen. Wir müssen den Menschen, die zu uns kommen, klar machen, was wir von ihnen erwarten. Es gibt viele Flüchtlinge, die nicht einmal wissen, was wir von ihnen erwarten; keiner hat je mit ihnen kommuniziert.

    Ich nenne Ihnen ein passendes Beispiel: Wenn ein Mädchen in Deutschland 18 Jahre alt wird, dann darf sie aus ihrem Elternhaus ausziehen und mit ihrem Freund zusammenziehen. Auch wenn der Vater dies nicht gutheißt, darf er sie nicht einsperren, sie zwangsverheiraten oder ihr gegenüber gewalttätig werden, weil sie Geschlechtsverkehr gehabt hat. Kommunizieren Sie das einem arabischstämmigen Erwachsenen, der in einer patriarchalischen Umgebung aufgewachsen ist und nach Deutschland kommt. Wenn Sie ihm das mitteilen, dann wird er einen Schock bekommen. Wissen Sie, was die Syrer gerade beschäftigt? Dass Deutschland ihre Frauen dazu bringt, ihre Männer zu verlassen. Die Scheidungsrate von Syrern in Deutschland ist viel größer geworden. Nicht, weil die Frauen ihre Männer nicht mehr lieben, sondern weil es vorher unmöglich war, sich von seinem Partner zu trennen und es mit sozialem Druck und Angst verbunden ist. Die Frauen bekommen hier das Gefühl, Rechte zu haben. Und es gibt in Deutschland Frauen, die gestorben sind, die mit Deutschland Freiheit verbunden haben und von ihren syrischen Männern hier umgebracht wurden. Dies wurde in dutzenden Fällen sogar live auf Facebook übertragen. Und wir waren nicht in der Lage, den Männern aufzuzeigen, dass es hier ein Grundrecht der Frau ist, sich scheiden zu lassen. Und wir waren nicht in der Lage, diese Frauen zu beschützen. Wir müssen klar kommunizieren, wie das Zusammenleben hier in Deutschland aussieht. Ich gebe den Menschen Zeit und begleite sie dabei, ich mache ihnen klar, was es bedeutet, hier zu leben. Deswegen brauchen wir bessere Integrationskurse. Die meisten Kurse, die ich besucht habe, haben nur wenig Sprache vermittelt. Frauen und Männer sind mit ihrem Handy beschäftigt, die Lehrer haben keine Zeit oder keine Lust, etwas zu vermitteln. Teilweise sitzen hochgebildete Frauen, die einen akademischen Abschluss besitzen, mit Analphabeten zusammen. Das funktioniert so nicht. Wir vermitteln keine Werte. Wir reden lieber über Mülltrennung als über die Werte unserer Gesellschaft.

    HIR: Ist das Thema Integration so wichtig, dass wir dafür ein eigenes Ministerium benötigen?

    Mansour: Ich bin nicht der Meinung, dass man alle Probleme mit einem Ministerium lösen kann. Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft. Die Angelegenheit ist so wichtig, dass wir sie zur Chefsache im Kanzleramt erklären müssen. Es wird teuer werden. Aber das ist immer noch viel günstiger, als wenn wir den Scherbenhaufen einer gescheiterten Integration bezahlen müssten. Denn der würde sicher unseren Finanzrahmen sprengen.

    HIR: Herr Mansour, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

    Interview wurde geführt von Henning Hirsch und Bernhard Reiter am 10. April 2019 in den Räumen der Kanzlei baum, reiter & collegen in Düsseldorf-Benrath

    Fotos: Lucia Tremolaterra
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    Ahmad Mansour: geboren 1976, ist arabischer Israeli und lebt seit 2004 in Berlin. Er ist Diplom-Psychologe und arbeitet für Projekte gegen Extremismus. Zum Beispiel begleitet er Familien von radikalisierten Jugendlichen, Aussteiger und verurteilte Terroristen. 2015 erschien sein Buch Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Zum Thema Salafismus und Antisemitismus hat er zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt und in vielen Talkshows mitdiskutiert. Anfang 2018 gründete er Mind Prevention (Mansour Initiative für Demokratieförderung und Extremismusprävention). Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz sowie den Carl-von-Ossietzky-Preis (entnommen dem Klappentext von Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache)
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    Dr. Bernhard F. Reiter, Berlin

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    Mit besonderem Dank an Diana Zulfoghari, Köln, für ihre wertvollen journalistischen Tipps im Vorfeld des Interviews.

  • Schuld und Verantwortung

    Schuld und Verantwortung

    Im Mai nimmt der Antisemitismus-Beauftragte des Bundes, Felix Klein (50), seine Arbeit auf. Zu diesem Zweck wird eine neue Stelle im Innenministerium geschaffen.  Klein war bisher im Auswärtigen Amt verantwortlich für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen. Der Zentralrat der Juden befürwortet sowohl Aufgabe als auch Personalie.

    Erstes Zwischenfazit ganz früh in der Kolumne: Das ist gut und war (leider) auch dringend notwendig.

    Als eine seiner ersten Amtshandlungen fordert er eine realistische Abbildung von muslimischem Antisemitismus in der Kriminalstatistik. Diese weise 90 Prozent der antisemitischen Taten Rechtsradikalen zu.

    Von Juden in Deutschland höre ich aber etwas anderes. Vor allem der muslimische Antisemitismus ist stärker, als es in der Statistik zum Ausdruck kommt.
    © Felix Klein in der WELT (nachgedruckt im Bonner General-Anzeiger, 20.04.2018)

    Ebenfalls hier völlige Zustimmung meinerseits. Eine Statistik ist nur so gut wie Infos, mit denen sie gefüttert wird. Durch eine peniblere Erfassung muslimisch initiierter Gewalt gegen Juden wird man ein exakteres Bild der Situation erhalten. Ich wage aber zu bezweifeln, dass der oben genannte Wert von 90 deutlich unter 80 fallen wird. Soll heißen: Zwei Drittel bis vier Fünftel aller antisemitischen Vorfälle sind auch bei verfeinerter Messmethode weiterhin (christlichen oder atheistischen) Deutschen zuzuordnen. Bevor wir also über „importierten Antisemitismus“ lamentieren – der ist genauso übel wie der heimische –, sollten wir deshalb erstmal unser eigenes Verhältnis zum Judentum unter die Lupe nehmen.

    Das Märchen vom christlich-jüdisch geprägten Abendland

    Das Abendland – der Ober-Antijude Luther sprach in seiner Bibelübersetzung noch von „Abend“ – hat sich, seit es christianisiert war, NIE als Nachfolger der jüdischen Glaubenslehre empfunden. Ganz im Gegenteil bildeten Christen- und Judentum stets scharf voneinander abgegrenzte Antagonisten. Dass der größte Teil der Bibel aus dem Alten Testament besteht, hinderte unsere Ururgroßväter und -mütter nicht daran, den Juden stets als fremd und unheimlich anzusehen, der älteren Religion gar okkulte Praktiken zu unterstellen. Juden wohnten in separaten Stadtvierteln, ein Großteil der Handwerke und sonstigen Berufsfelder des Mittelalters war ihnen verwehrt. Es reichten kleinste Anlässe, um den christlichen Mob in Pogromstimmung zu versetzen. Hervorragend geschildert in Feuchtwangers Romanen „Die Jüdin von Toledo“ und „Die hässliche Herzogin“. Die hatte ich Ihnen kürzlich schon zum Lesen empfohlen? Ja ja, ich weiß: Ich wiederhole mich mitunter. Aber, haben Sie es getan: also die beiden Bücher bei Amazon bestellt? Nein?! Dann sollten Sie es heute endlich tun.

    Sie wurden, weil sie den Fernhandel und das Bankwesen beherrschten, geduldet. Für die Ausstellung der Toleranzedikte ließen die ständig am Rande der Insolvenz wandelnden Fürsten und Könige sie allerdings teuer bezahlen. Selbst der angeblich so liberale Alte Fritz duldete seine Juden bloß gegen Bares. Der Antijudaismus war sowohl im Katholizismus als auch im Protestantentum fest verwurzelt. Emanzipation und schrittweise Gleichberechtigung der mitteleuropäischen Juden setzten sich erst um die Mitte des 19ten Jahrhunderts durch. Allerdings startete nahezu zeitgleich die Rassenlehre ihres Siegeslauf. Dass die rein wissenschaftlich betrachtet völliger Bullshit ist, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Die Erweiterung des seit anderthalb Jahrtausenden existierenden religiösen Vorbehalts um die Komponente des rassisch minderwertigen, semitisch Orientalen führte dazu, dass Juden nunmehr selbst durch Übertritt zum Christentum nicht mehr vom Stigma des qua vererbter Gene immerwährend böse Ränke schmiedenden Geheimbündlers loskamen. Und die neue Irrlehre wirkte schnell. Die kurze Periode der Weimarer Republik genügte, um weite Teile der deutschen Bevölkerung mit dem Bazillus des rassistisch aufgeladenen Antijudaismus, der nun endgültig zum Antisemitismus-Virus mutierte, zu infizieren. Was danach von 1933 bis 45 folgte, war gruseliger als jede Hollywood-Zombie-Apokalypse.

    Zwischenfazit 2: Bis 1945 wäre niemand auf die Idee gekommen, von gemeinsamen jüdisch-christlichen Wurzeln des Abendlands zu sprechen. Die es aber trotzdem gibt. Ohne AT kein NT. Ohne Jahwe/ Adonai/ Elohim kein „lieber Gott“ und „Vater unser“.

    Schuld ist endlich: Die Schlussstrichdebatte

    Während meinen vier Großeltern – geboren zwischen 1890 und 1910 – zumindest unterschwellig klar war, dass sie durch ihr Wegschauen Schuld auf sich geladen hatten, sie aber nicht gerne über dieses heikle Thema redeten, ging mein Vater, der das Ende von WK2 als Hitlerjunge an der Flak erlebt hatte, offen damit um. Er erzählte mir, dass er nach jahrelanger Indoktrination in Schule und beim Jungvolk wiederum einige Jahre benötigt hatte, um das gesamte Ausmaß der Nazibarbarei zu begreifen und für sich die deutsche Schuld anzuerkennen. In der damals flügge werdenden Bundesrepublik war die Aufarbeitung der Verbrechen lausig, mit Ausnahme der obersten Führungsgarnitur landete kaum jemand vor Gericht oder wurde gar zu langer Haft verurteilt.
    Zahlreiche alte Kader fanden nach schneller Entnazifizierung neue Jobs in Ministerialbürokratie, Judikative und Wissenschaft. Die Beschäftigung mit der unappetitlichen Nazi-Materie nahm erst Anfang der 60er – bewirkt durch die Hartnäckigkeit des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer – endlich Fahrt auf. In der Folge kam es zu Prozessen gegen Täter aus der zweiten und dritten Reihe, wurden auch langjährige Gefängnisstrafen verhängt. Knapp zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis man in Deutschland bereit war, die Schuld nicht nur Hitler und seinen engsten Mitstreitern zuzuordnen, sondern den Kreis derer, die sich die Hände schmutzig gemacht hatten, schrittweise zu erweitern.

    Wir haben von nichts gewusst

    Ohne sich hier nun in juristischen Spezialfragen – wie ist beispielsweise die Tätigkeit eines Personalsachbearbeiters im Reichssicherheitshauptamt im Gegensatz zur Aktivität eines SS-Wachtmanns in Bergen-Belsen zu bewerten – verlieren zu wollen, muss für die gesamte damalige Generation festgestellt werden: Schuld hatten sie ALLE auf sich geladen. »MEIN Großvater gehörte der Widerstandsgruppe Schwäbisch Hall an!«, rufen Sie mir entgegen? Noch nie davon gehört. »Die Großmutter versteckte Juden im Keller«, sagt die Dame, die neben Ihnen sitzt? Hören Sie auf damit. Wären all diese Juden tatsächlich versteckt und auf verschlungenen Pfaden außer Landes gebracht worden, hätten die Konzentrationslager leergestanden. Der deutsche Widerstand war – von den Geschwistern Scholl mal abgesehen – ein Witz. Bis auf einige wenige mutige Deutsche hat kein Mensch den verfolgten Juden Unterschlupf gewährt. Als sie abgeholt wurden, sah man wahlweise weg oder genauer hin, ob’s in ihren Häusern noch was für den armen deutschen Nachbarn zu holen gab. Die meisten waren informiert über die Internierung und was den Juden dort blühte. Wie sollte man den Holocaust auch jahrelang geheimhalten können?

    Da die deutsche Seele ja empfindsamer ist als die anderer Völker, will sie von Schuld heute nichts mehr wissen. Ich kann diese Abwehrhaltung psychologisch nachvollziehen. Wer von uns möchte schon auf ewig mit dem Stigma „Feigling, der tatenlos zusah, wie Millionen unschuldige Menschen. ermordet wurden“ gebrandmarkt sein? In den 70ern bekam ich ab der Mittelstufe durchgängig bis zum Abitur eine Megadröhnung in Faschismustheorie und -praxis verabreicht. Bis mir das leidige Thema Anfang der 80er dermaßen zum Hals raushing, dass ich damals jedem, der mit »Es muss endlich Schluss sein!« um die Ecke gekommen wäre, Applaus gespendet hätte. Ich war fürs Erste restlos bedient von all der Verantwortung, die mir die linksgrünversifften Oberstudienräte aufoktroyieren wollten. Ich war jung, wollte Party feiern und nicht 24/7 als schuldbeladener Trauerkloß mit gesenktem Kopf durchs Leben laufen. Nachdem ich als Student an einer Führung durch die Gedenkstätte Dachau teilgenommen und dort all die Bilder des Grauens gesehen hatte, setzte Mitte der 80er rasch der Prozess des Umdenkens ein. Mir war erneut bewusst geworden, welch riesige Schuld wir auf uns geladen hatten. »Schuld ist was persönliches», sagen Sie? »Kann einzig für die aktiven Täter gelten. Nicht aber für die Mitläufer und auf keinen Fall für uns Spätergeborene«, schießen Sie noch hinterher? Nun ja, hinsichtlich der jahrelangen Wegschauer sehe ich das anders, und für uns Jüngere können wir das zentnerschwere Wort Schuld gerne in Verantwortung umwandeln. Die wiegt ein bisschen leichter im Gepäck und währt dafür im Gegenzug länger. »ICH habe damit Nullkommanix zu tun. Mit der blöden Verantwortung können Sie mir den Buckel runterrutschen«, kommt nun noch aus Ihrem Mund hinterher? Spätestens jetzt haben wir einen Dissens. Denn aus seiner Verantwortung kann man sich nicht einfach davonstehlen wie ein Dieb. Wer bei der WM freudetrunken Deutschlandwimpel schwenkt, sich nach jedem Sieg hupend in den Autokorso einreiht, und es sich ansonsten auch ganz komfortabel in unserer freundlichen Republik eingerichtet hat, muss im Gegenzug auch die Schattenseite der Historie akzeptieren. Es gab halt nicht nur Goethe, Schiller und Beethoven, sondern ebenfalls Hitler, Himmler und Heydrich. »Das ist aber nicht so schön«, seufzen Sie? Klar, sind die drei Letztgenannten die Verwandten, für die man sich schämt und die man bei Uropas 100stem geflissentlich übersieht. Trotzdem gehören sie zur Familie.

    Vor der Shoa verblassen alle Vergleiche

    »Die Juden waren ja auch ein bisschen selbst Schuld an ihrem Schicksal», raunte die Generation meiner Großeltern manchmal hinter vorgehaltener Hand. »Wollten sich nicht integrieren. kontrollierten unser Finanzsystem. Kein Wunder, dass es da irgendwann krachen musste.« WAS? Die deutschen Juden hatten sich nach der Reichsgründung 1871 bis zum Ausbruch von WK1 nahezu vollständig integriert. Bürgerlicher als diese Gruppe war kaum ein anderer Bürger. Die Sache mit der Kontrolle über das Finanzsystem: Damals und heute eine frei erfundene, verleumderische Nachrede. Als ob es nicht ebenfalls jede Menge katholisch und evangelisch getaufte Bankiers und Börsianer gegeben hätte. Gesetzt den Fall: die Juden hätten sich doch nicht vollständig in den deutschen Volkskörper assimiliert: Das würde als Begründung ausreichen, sie ausrotten zu wollen? Die Argumente der Tätergeneration überzeugten mich bereits als Jugendlicher nicht. Schwieriger war es da schon mit den Relativierungen meines Vaters: »Stalin hat mehr Menschen töten lassen als die Nazis. Und auch unsere Befreier, die Amerikaner, gingen ja nun nicht gerade zimperlich mit ihren Indianern um«. Oder die Begründungen eines Onkels: »Ist dir – der du nur Frieden und Wohlstand kennst. – klar, wie sehr wir damals gelitten haben? Die ständigen Bombardements, die vielen Gefallenen an der Front, der Hunger der Nachkriegszeit?« Das fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Wir hatten furchtbare Verbrechen begangen, aber wir standen damit nicht alleine. Viele andere Nationen, die mit dem Finger auf uns zeigten, wiesen in ihrer Geschichte ebenfalls tiefschwarze bzw. blutrote Flecken auf. Ein schönes Gefühl: Man ist plötzlich nicht mehr alleine mit seinem schlechten Gewissen.

    Jahre später, im Verlauf eines politischen Seminars an der LMU München zum Thema Faschismus & Nationalsozialismus wurde mir allmählich die Einzigartigkeit der deutschen Barbarei bewusst. Sämtliche Vergleiche des Unvergleichbaren mit anderen Gräueltaten laufen ins Leere. Selbst wenn sie ansatzweise vergleichbar wären, greift hier die alte Regel: Kümmere dich zuerst um den Dreck im eigenen Stall, bevor du den Nachbarn ermahnst, bei sich auszumisten!

    Ob wir es nun Schuld oder Verantwortung nennen: die Shoa kann man nicht einfach ausschwitzen wie eine lästige Erkältung. Sie wird uns noch viele Jahrzehnte, eventuell sogar Jahrhunderte begleiten. Das Anerkennen unserer Schuld und der darauf aufbauenden Erinnerungskultur bildet einen integralen Bestandteil der bundesrepublikanischen DNA. Wer die Verantwortung über Bord werfen möchte, will ein anderes Deutschland. Eines, in dem der braune Bodensatz und der mit ihm sympathisierende reaktionäre Teil des Bürgertums endlich ungeniert das sagen dürfen, was Gottseidank seit 1945 nicht gesagt werden durfte.

    Nicht totzukriegende Märchen

    Wir müssen uns von drei Mythen lösen:
    (a) Dem christlich-jüdischen Abendland
    (b) Unsere Großeltern befanden sich alle im Widerstand
    (c) Dass die Juden, bevor die Flüchtlinge kamen, hier sicher lebten

    Solange ich zurückdenken kann, wurde die Kölner Synagoge von Sicherheitsdiensten – und bei Gottesdiensten zusätzlich von Polizei – bewacht. Jüdische Mitschüler und Mitstudenten fühlten sich nie hundert Prozent wohlbehütet in unserem Land, lebten ihre Religion eher diskret. Wie oft haben Sie schon Kippa und Schläfenlocken auf unseren Straßen gesehen? Nie, selten? Ich wage zu behaupten: Die meisten von uns nie. Während diese Symbole in Städten wie Antwerpen, London, New York und Chicago mit großer Selbstverständlichkeit offen zur Schau getragen werden. Machen wir uns nichts vor: Deutschland wird nach 1945 nie mehr ein Land sein, in dem sich Juden 24/7 sicher und stets willkommen fühlen. Wäre ich Jude, würde ich nach Israel auswandern bzw. hätte es schon längst getan. Und das hat nur am Rande mit dem durch die Flüchtlinge importierten arabischen Antisemitismus zu tun.

    Es ist fadenscheinig, wenn die deutsche Rechte sich einerseits den Schutz der Juden vor (muslimischen) Übergriffen auf die Fahnen schreibt, während sie andererseits den raschen Schlussstrich unter den Schuldkult fordert und Holocaust-Leugner in ihren Reihen duldet. Nicht viel besser die Linken, die unter dem Deckmantel ihrer pathologischen Israelkritik die Grenze vom Antizion- zum Antijudaismus längst überschritten haben. Klar, ist es praktikabel, den eigenen kleinen Judenhass nun auf die Flüchtlinge zu projizieren und ihnen die Schwarze-Peter-Karte unterjubeln zu wollen. Wir instrumentalisieren also die Muslime, um von unseren eigenen Versäumnissen ablenken zu wollen. Die traurige Wahrheit lautet jedoch: Wir haben seit Jahrzehnten intern ein massives Antisemitismus-Problem. Ein nicht geringer Prozentsatz der Bevölkerung glaubt mittlerweile wieder an krude Verschwörungsszenarien, in denen jüdische Unternehmen von Rothschild bis Soros weltweit die Finanzströme lenken, Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen, Kriege anzetteln, Nationen in den Ruin treiben und insgeheim Umvolkungspläne schmieden. Zulasten der braven, hart arbeitenden Deutschen. Das ist in leicht abgewandelter Form die Denke unserer Weimarer Großeltern. Was im Anschluss geschah – bitte scrollen Sie fünfzig Zentimeter zurück im Text.

    Bleibt zu hoffen, dass dem neuen Antisemitismus-Beauftragten auch Befugnisse eingeräumt werden, damit dieser neugeschaffene Posten keine Placebo-Veranstaltung wird. Mir schwebt fürs Erste sowas vor wie das Recht, Bußgelder verhängen zu dürfen. Beispielsweise für geschmacklose Liedzeilen wie diese hier: „Mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen“. Der Griff ins Portemonnaie tut solchen Leuten mehr weh als mediale Empörung, die sie ja ohnehin in Publicity ummünzen. Lasst Farid Bang & Kollegah eine Mio Euro Strafe für den textlichen Ausflug ins Klo zahlen. Und den doppelten Betrag vom Musiklabel beitreiben. So lernen die kleinen Gangsta-Rap-Aluhutträger, die zielgenau die antijüdischen Ressentiments ihrer Fans bedienen, am schnellsten.

    Fazit: Einerseits begrüßenswert: Das seit vielen Jahren schwelende Problem des Antisemitismus wird von Seiten der Bundesregierung endlich Ernst genommen und angepackt. Andererseits tieftraurig, dass dies überhaupt notwendig wurde.

    Weiterführende Literatur
    Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus, von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts (1901. Neu aufgelegt: 1992)