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  • Der Alte aus Rhöndorf

    Der Alte aus Rhöndorf

    Nähe und Distanz

    Gäbe es ein nicht-karnevalistisches rheinisches Dreigestirn des 20. Jahrhunderts, es würde aus Konrad Adenauer, Wolfgang Overath Overath und Willy Millowitsch bestehen. Diese drei gehören zu Köln wie der Dom zur Silhouette, der Rhein zum Lebensgefühl und der Karneval zur Sinnenfreude. Sie stehen für Politik, Fußball und Bühne, für Macht, Leidenschaft und Humor – und damit für jene rheinische Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, ohne die diese Stadt kaum zu denken ist.

    Am 5. Januar jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Ein Datum, das in Geschichtsbüchern fett gedruckt gehört, im Alltag aber leicht untergeht. Und doch: Wer, wie ich, im Bonner Süden lebt, kommt an Adenauer schlicht nicht vorbei. Die Adenauerallee zieht sich wie eine historische Magistrale am Rhein entlang, die Villa in Rhöndorf liegt nur einen kurzen Ausflug entfernt, sein Name prangt an Schulen, Stiftungen, Brücken, Preisen. Adenauer ist hier keine ferne Figur aus dem Schwarzweiß-Fernsehen, sondern Teil der Topografie.

    Und trotzdem ist da eine merkwürdige Distanz. Selbst ich, Ü60, kenne die Geschichten über „den Alten“ vor allem vom Hörensagen. Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, die ihn erlebt haben: als knorrigen Patriarchen, als sturen Rheinländer, als jemanden, der mit 73 Jahren Kanzler wurde und mit 87 immer noch regierte. Adenauer ist für meine Generation weniger Erinnerung als Überlieferung. Vielleicht ist gerade das ein guter Anlass, ihn neu zu betrachten – mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre.

    Der Alte und der Neubeginn

    Adenauer war kein Mann der großen Gesten. Er war kein Charismatiker im modernen Sinne, keiner, der mitreißende Reden hielt oder Visionen in poetische Bilder goss. Seine Stärke lag woanders: im Beharren, im Taktieren, im nüchternen Machtinstinkt. „Keine Experimente“ – dieser Satz bringt nicht nur einen Wahlkampf, sondern eine ganze politische Haltung auf den Punkt. Nach 1945 war das vielleicht genau das, was ein zerstörtes, moralisch diskreditiertes Land brauchte.

    Zu seinen unbestreitbaren Verdiensten gehört die konsequente  Neuorientierung der jungen Bundesrepublik. Adenauer entschied sich früh und klar für die Anbindung an die westlichen Demokratien, für die Integration in europäische und transatlantische Strukturen. Diese Entscheidung war keineswegs alternativlos. Sie bedeutete, die deutsche Teilung zunächst zu akzeptieren und Hoffnungen auf eine schnelle Wiedervereinigung hintanzustellen. Adenauer hat dafür viel Kritik geerntet – und doch zeigt die Rückschau, wie weise diese Weichenstellung war.

    Annäherung an Israel und Grundsteinlegung für ein friedliches Europa

    Zu den leisen, aber historisch besonders gewichtigen Linien seiner Politik gehört die allmähliche Annäherung an Israel. In einer Zeit, in der offene Kontakte politisch wie gesellschaftlich hoch umstritten waren, suchte Adenauer den Weg der Verantwortung. Das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952 war kein Akt der Versöhnung im emotionalen Sinn, sondern ein nüchternes, zugleich mutiges politisches Signal: Deutschland bekannte sich zu seiner Schuld gegenüber den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Diese Annäherung blieb vorsichtig, oft technokratisch, aber sie legte den Grundstein für die späteren diplomatischen Beziehungen – und für ein Verhältnis, das bis heute von besonderer historischer Verpflichtung geprägt ist.

    Die Montanunion, aus der später die Europäische Gemeinschaft und schließlich die Europäische Union hervorgingen, war mehr als ein wirtschaftliches Projekt. Sie war der Versuch, die alten Erbfeindschaften – allen voran zwischen Deutschland und Frankreich – durch gegenseitige Abhängigkeit zu überwinden. Kohle und Stahl, die Grundlage jeder Rüstungsindustrie, sollten gemeinsam verwaltet werden. Frieden durch Verflechtung. Auch das war Adenauer: ein Pragmatiker mit historischem Instinkt.

    Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Bedeutung der Rückholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955. Für viele Familien war das ein zutiefst persönlicher Moment, ein spätes Ende des Krieges. Adenauer reiste nach Moskau, verhandelte zäh und brachte Menschen zurück, die mancher schon abgeschrieben hatte. Politisch mag das Kalkül dahinter nüchtern gewesen sein, menschlich war es für viele ein Akt der Erlösung. Solche Gesten prägen das Bild eines Staatsmannes nachhaltig.

    Der Hobby-Erfinder

    Zu diesem Bild des nüchternen Machtpolitikers passt auf den ersten Blick kaum eine andere, fast liebenswerte Seite Adenauers: seine Leidenschaft fürs Erfinden. Adenauer war ein notorischer Tüftler, ein Hobby-Ingenieur mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Schon als Kölner Oberbürgermeister meldete er Patente an – etwa für eine verbesserte Sojawurst, die in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg Fleisch ersetzen sollte. Später beschäftigte er sich mit energiesparenden Backöfen und alternativen Heizmethoden. Vieles davon war technisch unausgereift oder wirtschaftlich erfolglos, aber es zeigt einen Mann, der Probleme nicht nur politisch, sondern auch praktisch lösen wollte. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein Politikstil: weniger Vision als Konstruktion, weniger Pathos als Funktionsfähigkeit.

    Die blinden Flecken

    Doch Adenauer nur zu würdigen hieße, ihn zu verklären. Gerade eine Kolumne darf – ja muss – die Schattenseiten benennen. Eine der schwersten Hypotheken seiner Kanzlerschaft ist der Umgang mit der NS-Vergangenheit. Adenauer setzte auf Integration statt auf umfassende Aufarbeitung. Das mag aus seiner Sicht staatspolitisch motiviert gewesen sein: Er wollte Stabilität, Funktionsfähigkeit, einen Neuanfang ohne permanente Selbstanklage. Der Preis dafür war hoch.

    Symbolisch dafür steht die Rolle Hans Globkes, Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt. Globke war Mitverfasser der Kommentare zu den Nürnberger Rassengesetzen – ein Faktum, das Adenauer kannte und bewusst in Kauf nahm. Globke galt als effizient, loyal, unersetzlich. Moralische Bedenken traten hinter politische Zweckmäßigkeit zurück. Dass dies bis heute irritiert, ja empört, ist mehr als verständlich.

    Auch insgesamt war Adenauers Interesse an einer tiefgehenden Aufarbeitung der NS-Verbrechen begrenzt. Viele Täter wurden rasch wieder integriert, Entnazifizierungsverfahren abgekürzt, belastete Biografien stillschweigend akzeptiert. Die junge Bundesrepublik funktionierte – aber sie tat es auf einem Fundament des Schweigens. Erst spätere Generationen, vor allem ab den 1960er- und 70er-Jahren, brachen die Grabesstille auf. Adenauer hat diesen Prozess nicht angestoßen, eher gebremst.

    Hier zeigt sich die Ambivalenz seiner Politik: Er war ein Staatsmann der Stabilisierung, nicht der moralischen Erneuerung.

    Alt trifft Jung: Adenauer und Kennedy

    Diese Ambivalenz wurde auch im persönlichen Auftreten sichtbar. Als John F. Kennedy 1963 Berlin besuchte, prallten Welten aufeinander. Hier der junge, dynamische amerikanische Präsident, mediengewandt, lässig, Projektionsfläche einer neuen Generation. Dort Adenauer, inzwischen 87 Jahre alt, misstrauisch gegenüber Kameras, skeptisch gegenüber Charisma und schnellen Bildern. Kennedy sprach zu den Massen, Adenauer dachte in Aktenvermerken und Machtachsen. Für viele Deutsche wirkte dieser Kontrast wie ein Blick in die Zukunft – und zugleich wie ein leiser Abschied von der politischen Ära des „Alten“. Vielleicht konnte er Letzteres auch gar nicht leisten. Vielleicht war seine Generation zu sehr verstrickt, zu sehr geprägt von autoritären Denkweisen und eigenen Verdrängungsmechanismen. Das entschuldigt nichts, erklärt aber manches.

    Macht und Abgang

    Adenauers Verhältnis zur Macht blieb bis zuletzt spannungsgeladen. Er klammerte sich an das Kanzleramt, überging mögliche Nachfolger und verschob seinen Rückzug immer wieder. Als er schließlich 1963 abtrat, wirkte der Abgang unerquicklich und unfreiwillig, eher Ergebnis parteiinterner Ermüdung als souveräner Entschluss. Der große Gestalter fand keinen großen Schlussakkord – vielleicht, weil Macht für ihn nie Mittel, sondern immer auch Zweck gewesen war.

    Wenn man heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, durch den Bonner Süden geht, kann man diese Ambivalenz fast körperlich spüren. Die gepflegten Villen, die ruhigen Straßen, der Blick auf den Rhein – all das atmet den Geist der alten Bundesrepublik: bürgerlich, westlich, stabil. Adenauer hat diesen Geist geprägt wie kaum ein anderer. Er hat dem Provisorium Bonn ein politisches Gewicht gegeben, das weit über seine Größe hinausging.

    Einordnung

    Am Ende bleibt die Frage: Wie ordnet man Adenauer ein? Für mich gehört er – bei aller Kritik – in die Reihe der großen Nachkriegs-Staatsmänner. Neben Charles de Gaulle, der Frankreich neu erfand und versöhnte, neben Alcide De Gasperi, der Italien demokratisch stabilisierte. Männer, die aus Trümmern Staaten formten, nicht perfekt, nicht frei von Fehlern, aber mit historischem Format.

    Adenauer war kein Held im moralischen Sinn. Er war ein Machtpolitiker mit klaren Prioritäten, begrenzter Empathie für Opfer jenseits seines Kalküls und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber allzu viel Selbstkritik. Und doch: Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus. Vielleicht unsicherer, vielleicht weniger fest verankert, vielleicht anfälliger für alte Versuchungen.

    150 Jahre nach seiner Geburt darf man Adenauer würdigen, ohne ihn übermäßig zu feiern. Man darf ihn kritisieren, ohne ihn zu verdammen. Und man darf – gerade hier im Bonner Süden – anerkennen, dass Historie manchmal näher ist, als sie scheint. Sie liegt nicht nur in Archiven, sondern auf unseren täglichen Wegen. Und sie bleibt widersprüchlich, so wie der Mann, der sie geprägt hat.

    Vielleicht liegt darin auch die leise Wehmut dieses Jubiläums: dass mit Adenauer nicht nur die Geschichte der eigenen Kindheit vorüberzieht, sondern eine überwiegend glückliche  politische Epoche immer mehr verblasst, die sich nicht mehr wiederholen lässt.
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  • Die Sonnenmilchpenis-Smoothie-Kolumne

    Die Sonnenmilchpenis-Smoothie-Kolumne

    Ich möchte vorausschicken, dass ich kein Smoothie-Konsument bin. Der Generation der alten, weißen, schlecht gelaunten Cis-Männer angehörend, sind die einzigen Mischgetränke, die ich kenne, Whisky-Cola, Bloody Mary und Gin Tonic. Die trinke ich allerdings bereits seit zwanzig Jahren nicht mehr und alles andere bloß pur. Ich käme nicht im Traum auf die Idee, Drinks, die auf Namen wie Apfelstrudel, Lemon Cheescake oder Triple yellow lauten, in mich reinzukippen. Dies vorangestellt, möchte ich nun mit der eigentlichen Kolumne beginnen.

    True Fruits: betriebswirtschaftliche Erfolgsstory

    Das kleine Bonner Unternehmen True Fruits ist, betriebswirtschaftlich betrachtet, eine Erfolgsstory. Gestartet 2006 als Start-up dreier Bonner Studenten, erwirtschaftet die Firma heute, gemäß eigener Angaben, mit 31 Mitarbeitern einen Jahresumsatz in Höhe von 40 Mio. Euro. Was in Bezug auf die Kennzahl Umsatz pro Mitarbeiter schon bemerkenswert ist. True Fruits setzte von Anfang an auf vegan (keine Stabilisatoren, Farbstoffe oder zugesetzten Zucker) und die Glasflasche, erhielt für deren Formgebung und Beschriftung einen Design Award. Der Vertrieb geschah anfangs über Clubs und Discotheken, dann entdeckte man die pürierten Säfte ebenfalls in den Kühlregalen der regionalen Tankstellen, und mittlerweile gehören die Nicht-Durstlöscher zum Standardrepertoire der LEH-Filialisten.

    Bei der Werbung wurde auf pfiffige Texte geachtet. Wie beispielsweise:

    Man hat Batman und diesen Smoothie noch nie zusammen in einem Raum gesehen

    Grünzeug trinken statt rauchen

    Die Farbe dieses Produkts ähnelt Einhornkotze

    Oralverzehr – schneller kommst du nicht zum Samengenuss

    Bis hierhin alles wunderbar und im grünen Bereich.

    2017: Provokationslevel wird hochgefahren

    Aus Beweggründen, die bisher nicht abschließend erforscht sind, entschied man sich vor zwei Jahren bei einer in Österreich laufenden Kampagne dazu, das Provokationslevel drastisch hochzufahren. Nunmehr gab’s Slogans wie diese:

    Schafft es selten über die Grenze

    Noch mehr Flaschen aus dem Ausland

    Unser Quotenschwarzer

    zu lesen. Bildlich dargestellt mittels einer mit großem rotem X durchgestrichenen schwarzen Flasche (welche Geschmackssorte sich dahinter verbirgt: keine Ahnung).

    Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: die einen jubelten, die anderen schäumten. Von rassistischen Motiven und Flüchtlingsbashing war die Rede. Wir lassen uns von euch den Mund nicht verbieten, kam von der entgegengesetzten Seite zurück. Und die Strategen der Unternehmenskommunikation setzten noch einen drauf, indem sie die Kritiker der Kampagne abwechselnd als Hater oder neunmalkluge Vorverurteiler titulierten.

    Kann man alles machen. Nur fragt man sich als Nicht-Smoothiekonsument: Warum solch einen vorhersehbaren Ärger produzieren? Ist ja jetzt nicht so, dass pfiffige Werbung einzig mittels Tabubruch bei gleichzeitiger Kundenbeschimpfung gelingt. Die zwei trivialen Antworten lauten: Aufmerksamkeit um jeden Preis erzeugen und (eventuell) den Umsatz steigern. Beides für Unternehmen legitim; aber trotzdem bleibt die Frage: Heiligt der Zweck jedes Mittel?

    Werbung, die Tabus bricht oder hart an der Grenzlinie vorbeischrammt, gab es natürlich schon vor True Fruits. Die älteren Leser dieses Textes erinnern sich vielleicht noch an die Anfang der 90er Jahre heiß diskutierten Motive Benettons, die einen ölverschmutzten Vogel oder ein blankes Gesäß mit dem Stempelaufdruck „HIV positiv“ zeigten. Diese Aktion wurde zwischenzeitlich untersagt, bis das Bundesverfassungsgericht in einem Grundsatzurteil zu Gunsten der Presse- und Meinungsfreiheit und damit pro Benetton entschied. Vermutlich stellten die erste Frau im Bikini auf einem Plakat oder die 1983 startende Anti-AIDS-Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, in der teils mit Schockbildern gearbeitet wurde, in den damaligen Jahrzehnten ebenfalls Tabubrüche dar. Allerdings mit dem gravierenden Unterschied zu True Fruits: Man bewarb die Produkte ganz AUGENSCHEINLICH PRO dargestellter (Rand-) Gruppe.

    Sonnenmilchpenis = Sexismus?

    Nachdem die Bonner aufgrund massiven Protests zum Aufreger „Noch mehr Flaschen aus dem Ausland“ werbeseitig zurückgerudert waren, herrschte ein paar Monate Ruhe an der Provokationsfront, bevor die Strategen der PR-Abteilung (in dieser Abteilung müssen wirklich richtige Strategen sitzen) den nächsten Coup für ihr aktuelles Produkt Sun creamy ausheckten:

    Sommer, wann feierst Du endlich Dein Cumback?

    Begleitet von einer nackten Frauenschulter, auf der ein mit Sonnenmilch gezeichneter ejakulierender Penis prangt.

    Darunter klein gedruckt: Achtung: Diese Werbung könnte von dummen Menschen missverstanden werden.

    Der Aufschrei in den sozialen Medien ließ nicht lange auf sich warten. Der Vorwurf lautet nun: fahrlässiges Spiel mit sexistischen Motiven.

    Der Generation alter, weißer, schlecht gelaunter Cis-Männer angehörend (ich wiederhole mich. Weiß ich), habe ich kein Problem mit leicht bekleideten Damen auf Pirelli-Kalendern, atombusigen Dirndl-Münchnerinnen, die mir lächelnd auf einem Plakat eine Maß Bier entgegenstrecken oder Frauen, die außer Strümpfen kein anderes Kleidungsstück am Körper tragen und so logischerweise für eine Strumpfmarke werben. Ich kann mir auch einen Pornofilm anschauen, ohne danach das Gefühl zu haben, dringend duschen zu müssen, um mich vom visuellen Schmutz zu befreien. Nackte Haut und erotische Motive schocken mich jetzt wirklich nicht. Ich bin auch ganz und gar nicht der Meinung, dass jede entblößte Frauenschulter auf einem Plakat gleich mit dem Stempel „Achtung: sexistisch!“ versehen werden muss. Trotzdem akzeptiere ich, dass sensiblere Naturen das anders sehen als ich. Soll heißen: Werbung kann mit erotischen Motiven hantieren, darf sich aber im Zeitalter der ständigen Triggerwarnungen nicht wundern, wenn es Gegenwind gibt.

    Unterirdisches Kommunikationsverhalten

    Und speziell mit dem Gegenwind scheint die Kommunikationsabteilung (also der Ort, an dem bei True Fruits die Strategen sitzen) ihre liebe Mühe zu haben. Hier ein paar Kostproben missratener Schadensbegrenzung:

    Leute malen nun mal mit Sonnencreme Penisse auf Rücken. Auf Männerrücken wie auch auf Frauenrücken. Na und?

    Liebe Freunde, liebe vermeintlich Diskriminierte, liebe Dumme,

    Wir sind diskriminierend gegenüber dummen Menschen, denn dumme Menschen schließt unsere Art der Kommunikation eindeutig aus.

    Klingt ähnlich meschugge wie die beleidigten Tweets des 45sten US-amerikanischen Präsidenten, sobald der sich mal wieder über Äußerungen der Demokraten oder von Menschenrechtlern ärgert.

    Zurück zur Ausgangsfrage: Weshalb tut man als Unternehmen so was? Mir fallen drei mögliche Antworten ein:

    (A)  Man geht insgeheim konform mit den fremdenfeindlichen und frauenverachtenden Parolen, kleidet die aber in witzige Slogans, um – falls der Sturm der Kritik Orkanstärke erreichen sollte – im Nachhinein sagen zu können: „War alles gar nicht so bitterernst gemeint. Wir sind bösartig missverstanden worden“ (ginge in Richtung Mausausrutscher)

    (B)  Die Strategen aus der Kommunikationsabteilung wollen Aufmerksamkeit auf Smoothie komm raus, völlig egal welcher Imageschaden damit angerichtet wird. Und wie trotzige Kinder (und trotzige US-Präsidenten) beharren sie darauf, weiter Tabubruch betreiben zu dürfen. Gemäß dem Motto: So lange es strafrechtlich nicht relevant ist, wissen wir selbst am besten, wie wir uns nach Außen darstellen und pfeifen deshalb auf die Kritik von pissnelkigen Kritikern

    (C)  Es ist genau andersherum: das Unternehmen möchte mittels provozierender Sprüche Botschaften contra Fremdenfeindlichkeit/ Rassismus und Sexismus senden. Sollte dies die Intention gewesen sein, ist sie von 90 Prozent der Konsumenten nicht verstanden worden. Bliebe zu fragen, ob nun die Adressaten zu blöde für Satire sind (so argumentieren die Strategen aus der PR-Abteilung), oder sich das Unternehmen schlichtweg bei den Tabubrüchen verzockt hat. Man kann sich ja auch auf den Standpunkt stellen, dass die Irritationen in der mangelhaften Formulierungskunst des Absenders begründet liegen. Speziell bei Werbung darf man nun keine an der Titanic geschulten Leser erwarten.

    Ich persönlich tendiere dazu, Antwort (B) für die mit dem höchsten Wahrscheinlichkeitsgrad anzusehen: Ein PR-Spiel mit fremdenfeindlichen Motiven.  Und der Applaus kommt folgerichtig oft aus der rechten Ecke. Zynisch? Schnelle Antwort: JA!

    Eier aus Stahl oder doch eher pubertärer Trotz?

    Dazu passt auch der von True Fruits ausgeschriebene Award Eier aus Stahl. Zu verleihen an diejenigen, die ihr eigenes Ding durchziehen und sich nicht verbiegen lassen. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“, lässt grüßen.

    Um zum Ende der Kolumne zu gelangen: Als alter, weißer Mann werde ich weiterhin keine pürierten Säfte kaufen. Falls ich es irgendwann doch mal tun sollte, dann sicher keinen von True Fruits. Obwohl ich als Bonner schon oft Produkte von Bonner Herstellern bevorzuge. Ich ärgere mich aber doch sehr über die Art und Weise, wie das Unternehmen mit seinen Kritikern umspringt:

    Wir leben in einer freien, fröhlichen Konsumwelt. Niemand zwingt euch, unseren Kram zu kaufen oder unseren Unterhaltungskanälen zu folgen … Namaste, ihr süßen Pissnelken.

    Das wirkt auf mich derart pubertätsbehaftet, dass ich inständig hoffe, dass sich jenseits der Kommunikationsabteilung Profis mit Einkauf, Produktion und Qualitätskontrolle beschäftigen. Nicht, dass da Mangos mit Papayas verwechselt werden. Und die Strategen dann auf die Kritik antworten: Ihr dummen Konsumenten. Das haben wir doch absichtlich getan, um euch klarzumachen, dass püriert alles gleich süß schmeckt. Und wenn euch unser Kram nicht passt, dann macht die Smoothies doch selbst.

    PS. Ganz am Schluss sei der guten Ordnung halber noch erwähnt: Es gibt eine Petition auf Change.org, in der zum Boykott der Bonner Smoothies aufgerufen wird. Stand 21. Aug., 15h: 40.000 Unterzeichner. Können sich die Profis aus Einkauf, Produktion und Qualitätskontrolle bei den Strategen aus der Kommunikationsabteilung für bedanken