Schlagwort: Bukowski

  • Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Zur Abwechslung mal Liebesgedichte

    Nachdem ich mich seit Wochen über Hartz 4, Flüchtlinge, No-Go-Areas und den Islam auslasse, werde ich heute zur Abwechslung mal eine Kolumne über Liebesgedichte zu Papier bringen. Schont die Nerven der Kommentatoren. Und natürlich auch meine eigenen. Obwohl ich mich an Kommis wie diesen:

    Meine Güte, hätte der Hirsch wenigstens einen blassen Schimmer von dem, über das er schreibt

    schnell gewöhnt habe, weil ich solche und artverwandte Sätze früher oft aus dem Mund meiner Deutschlehrer zu hören bekam.

    Heute geht’s um Poesie. Und zwar um die Spezialgattung: Liebeslyrik. Ich lese die abends nach dem Job gerne zur Entspannung, lege mich danach mit einem wohligen Gefühl ins Bett und träume angenehm. Andere tun das mit Rotwein oder einem Joint, aber meine Drogenphase habe ich vor vielen Jahren hinter mich gebracht. Ich probier’s seitdem mit Rilke, Williams (nicht die Birne, sondern der Autor) und Bukowski. Lassen Sie uns die Illias, Ovid und Walther von der Vogelweide als zu weit zurückliegend überspringen, den Barock- und Rokoko-Kitsch meiden, uns ebenfalls an Goethe, Schiller und Lessing – denn von diesen drei gab’s ja in der Schule schon eine Überdosis – vorbeilavieren und auch die, mir persönlich zu schwärmerische und mit teils komischen Worten operierende, Romantik links liegen. Dann landen wir ziemlich genau an der vorletzten Jahrhundertwende und damit bei Rilke. Für mich DER Großmeister der deutschsprachigen Lyrik.

    Rilke: filigranes Versmaß

    Geboren 1875 in Prag, Böhmen. Damals noch Bestandteil des Gebiets der KuK-Monarchie. Gestorben 1926 in einem Sanatorium in der Nähe von Montreux.

    Hier meine zwei Lieblingsgedichte aus seiner Feder:

    Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
    und keine Heimat haben in der Zeit.
    Und das sind Wünsche: leise Dialoge
    täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

    Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
    die einsamste von allen Stunden steigt,
    die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
    dem Ewigen entgegenschweigt

    Bei mir bringt vor allem die Zeile „und keine Heimat haben in der Zeit“ irgendwas, was ich aber nicht konkret in Worte fassen kann, zum Schwingen: Einsamer Wanderer, nirgendwo zu Hause, Sonderling, beschäftigt sich lieber mit seiner Kunst als mit anderen Menschen. So in diese Richtung; aber vielleicht auch komplett anders.

    | Die Kurtisane
    Venedigs Sonne wird in meinem Haar
    ein Gold bereiten: aller Alchemie
    erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
    den Brücken gleichen, siehst du sie

    hinführen ob der lautlosen Gefahr
    der Augen, die ein heimlicher Verkehr
    an die Kanäle schließt, so daß das Meer
    in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer

    mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
    weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
    die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,

    die unverwundbare, geschmückt, erholt -.
    Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
    gehen wie an Gift an meinem Mund zugrund

    Was für ein Finale furioso: Gehen wie Gift an meinem Mund zugrund. Wow!

    Interessantes Versmaß: a-b-b-b/ a-c-c-c-/ d-e-f-/ f-e-d.
    Rhythmus nicht ohne: überwiegend 10-Silber, ein eingestreuter 8er und am Schluss zwei 11er. Das ist – wenn es sich reimen soll – echt schwierig, hier durchgängig den Takt zu halten und nicht zwischendurch die Balance zu verlieren. Rilke, der natürlich über jahrzehntelange Übung in der Disziplin Liebeslyrik verfügte, gelingt dieses Kunststück schlafwandlerisch.

    Die schwermütige Russin

    Wir bewegen uns auf dem Zeitstrahl ein paar Jahre nach vorne und räumlich 1500 Kilometer Richtung Osten: Anna (Andrejewna) Achmatowa. Geboren 1889 in der Nähe von Odessa. Gestorben 1966 in Domodedowo bei Moskau. Wurde in der langen stalinschen Schreckensperiode zeitweise mit Schreibverbot belegt und dichtete in diesen Jahren privat für sich selbst:

    Als alle Welt mir ihn verhieß
    der Horizont, der trüb umsäumte
    die Brise, die zu Ostern blies
    der Traum, den ich zur Christnacht träumte

    die Rebenzweige rötlich braun
    der Park mit seinen Wasserfällen
    und auf dem rostgen Gartenzaun
    die beiden riesigen Libellen

    wie könnte ich zu jener Zeit
    an seiner Freundschaft Zweifel hegen?
    da schritt ich mit Gelassenheit
    auf brennendheißen Felsenwegen

    Ich kann mir die alleine in einer winzigen Wohnung in einer Moskauer Vorort-Mietskaserne bei flackerndem Glühbirnenlicht einen fiktiven Geliebten herbeisehnende Dichterin (bzw. ihr Lyrisches ich) lebhaft vorstellen. „Auf brennendheißen Felsenwegen“ umschreibt entweder die sie verzehrende Glut der Liebe oder verheißt ein ungutes Ende derselbigen.

    Gedicht, das auch ein Porno sein könnte

    Weiter geht es zu William Carlos Williams. In etwa zeitgleich mit der unglücklich schmachtenden Anna Achmatowa lebend. Allerdings am entgegengesetzten Ende der nördlichen Halbkugel: Rutherford, New Jersey. Jim Jarmusch hat ihm mit dem Film Paterson ein kleines Denkmal gesetzt.

    Nackte Leiber wie geschälte Stämme
    geben mitunter süßesten
    Geruch von sich. Mann und Frau

    unter den Bäumen in voller Extase
    im Einklang mit dem Kissen aus
    duftenden Kiefernadeln
    mit Fäden aus Geißblatt durchwachsen
    der Stoff für ein Sonett

    ja, Stoff für ein Sonett! Geruch von Extase
    Geruch von Kiefernadeln, Geruch
    geschälter Stämme, Geruch von keinem Geruch
    als dem des Geißblatts, das

    ohne Geruch ist, Geruch einer nackten Frau
    mitunter Geruch eines Mannes

    „Das ist als Lyrik verkleidete Pornografie, die sich nicht reimt“, sagen Sie? Stimmt. Porno ist es, und reimen tut es sich ebenfalls nicht. Und trotzdem ist es Poesie. „Geruch von Extase“ (warum auch immer in der deutschen Übersetzung mit X geschrieben) gefällt mir beinahe genauso gut wie „Geruch von keinem Geruch“. Apropos: reimen. In den Autorenforen tobt seit vielen Jahren die Diskussion, ob sich „richtige“ Poesie reimen muss. Die einen sagen apodiktisch ja, die anderen nicht weniger dogmatisch: nein. Ich oszilliere diesbezüglich in der Mitte. Soll heißen: mir ist es egal, ob sich die Zeilen eines Gedichts reimen oder nicht. Die Worte müssen was in mir zum Klingen bringen. Und das passiert mit mir sowohl beim reimenden Rilke als auch beim nicht-reimenden Williams. Ich bevorzuge allerdings klar guten Nicht-Reim vor trivialen Reim-Viersilbern, wie man sie gerne auf Hochzeiten und runden Geburtstagen serviert bekommt. Sobald ich mir einen dümmlichen Vers im Wilhelm-Busch-Gedächtnis-Rhythmus anhören muss, lasse ich den Rest des Essens stehen, weil mir der Appetit sofort vergeht.

    Und nun noch Enzensberger, Brett und Buk

    Zum Schluss der Kolumne noch Kostproben dreier (halbwegs) zeitgenössischer Lyriker:

    Später, als sich das unabsehbare Zimmer
    vollkommen verdunkelt hatte
    war niemand mehr da
    außer dem toten Mann
    und einer Unbekannten

    Freundin und Feindin
    waren zusammengeschmolzen
    zu einer Anderen

    die Unbekannte vernahm seine ruhigen Atemzüge
    beugte sich über ihn in der Dunkelheit
    verschloss ihm den Mund, küsste ihn
    und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund
    © H.M. Enzensberger

    Was da gerade los war in dem „unabsehbaren Zimmer“? Flotter Dreier, Orgasmus mit Todesfolge, geschah ein Mord aus Eifersucht? Keine Ahnung. Ist mir auch wurscht. Ich find’s ohnehin mühsam, Gedichte tot zu analysieren. Sowas tun die Oberstudienräte im Fach Deutsch und verderben mit dieser Vorgehensweise Generationen von Schülern den spielerischen Umgang mit Poesie. „Und nahm ihn mit, mit ihrem einzigen Mund“ ist super. Das reicht mir schon, um dieses kleine Meisterwerk zu mögen.

    Manchmal lässt sich
    eine schreckliche Traurigkeit
    auf mir nieder

    sie ist gewichtig
    diese Traurigkeit
    und bedeckt Gräber
    und Friedhöfe

    sie ist so schwer
    wie Quecksilber
    und flink

    sie klebt
    an meiner Haut
    und füllt
    meine Eingeweide

    sie ist dicht
    diese Traurigkeit
    als ob sich

    all die
    trostlosen Splitter

    und die entmutigten Partikel
    in
    der Luft
    verbunden hätten

    ich sitze inmitten
    dieser Traurigkeit
    und vermisse dich
    © Lily Brett

    Sie kennen das Gefühl der Traurigkeit, die ihre Eingeweide füllt, gar nicht? Sie Glücklicher. Allerdings vermute ich, dass Sie bisher noch nie richtig geliebt haben.

    Sie hat schon 200 Männer
    gehabt, in zehn Bundesstaaten
    fünf haben sich umgebracht
    drei sind durch und durch
    wahnsinnig geworden. Jedesmal
    wenn sie in eine neue Stadt zieht
    folgen ihr zehn Männer
    jetzt sitzt sie auf meiner Couch
    in einem blauen Minikleid
    sie wirkt ganz gesund und
    kregel: sogar unschuldig
    „ich verliere das Interesse an
    einem Mann“, sagt sie, „sobald
    er anfängt, was für mich zu
    empfinden“
    ich gieße ihr nach
    sie zieht das Kleid hoch und
    zeigt mir ihren schwarzen Slip
    „sexy, nicht?“, sagt sie
    „ja“, sage ich, „sexy“
    Sie steht auf, geht durchs
    Zimmer, in mein Schlafzimmer
    und von dort ins Bad
    nach einer Weile höre ich
    die Klosettspülung
    ihr Name ist Nana, und sie
    bewohnt die Erde schon seit
    5000 Jahren
    © Charles Bukowski

    „Das ist überhaupt kein Gedicht!“, sagen Sie? „Allenfalls eine Ultra-Kurzgeschichte mit komischen Zeilenumbrüchen“. DOCH, es ist ein typisches (Bukowski-) Gedicht!! Das war die Art, wie der große Alte aus East-Hollywood Lyrik interpretierte. Wem’s nicht gefällt, der lese halt Max und Moritz. Zumal Hank – so lautet sein Alter-Ego-Pseudonym – mit der 5000jährigen Nana voll ins Schwarze trifft. Wie oft bin ich solchen Frauen schon begegnet? Die Finger beider Hände reichen nicht aus, um sie zu zählen.

    Tun Sie es selbst. Also Gedichte schreiben

    Nachdem ich Ihnen in dieser Kolumne über ein halbes Dutzend teils gereimter, teil ungereimter Gedichte vorgestellt habe, sollten sie Geschmack an der Sache finden, sich heute Abend hinsetzen und selbst ein paar Strophen zu Papier bringen. Ist keine Hexerei. Ihr Partner wird sich freuen, wenn sie ihn demnächst mit selbst produzierten Versen überraschen, anstatt ständig langweilige Blumen oder noch langweiligere Küchengeräte anzuschleppen.

    Fürs Finale habe ich noch eins meiner kleinen Amateurwerke vorgesehen. Mit dem ich vor einigen Jahren bei der Adressatin allerdings keinen Erfolg erzielte.

    | Halbes Kilo Hackfleisch
    Verlieb dich nicht in hundertzehn Pfund blonde Frau
    verlieb dich nicht in weiche Kissen, Satinlaken, pinke Dildos
    die sie mit zarten Fingern berührt hat triefend von teurer Maniküre gefrorene Maracujasorbet-Lippen gebleichte Traumstrandzähne Instant-Gefühle
    verlieb dich nicht in ihre Sätze
    die sie wie Textbausteine sprudeln lässt jeder Discountfuselrausch schmeckt besser als dieses fade Blond
    verlieb dich nicht in den Gesang einer Schwänin verlieb dich nicht in durchsichtige Nylons
    unter denen blaue Adern schimmern in das Fleisch der Schenkel
    dieses stets verlockende Fleisch verlieb dich nicht in die Taxifahrerin die dich nachts nach Hause bringt aber verlieb dich auch nicht
    in Zölibat, Onanie, abstruse Fetische
    die Einsamkeit schmeichelt deiner Eitelkeit
    dabei würde jede kleine Umarmung gesünder sein als die Tonnen Pornografie, die du täglich durchblätterst
    bloß, um heuchlerisch zu sagen: „brauche ich nicht“ verlieb dich nicht in Stundenhotels, grüne Perücken Push-BHs und schwarzglänzende Nuttenstiefel verlieb dich nie in die Vergangenheit, denn sie ist unwiderruflich Geschichte
    deine Gegenwart so öde wie die graugesichtige Sekretärin
    die du jeden Morgen gedankenlos grüßt fürchte die Zukunft, die den Tod bringt panische Angst vor braunen Augen Erschrecken bei einem zarten Lächeln du hast zu lange auf der Straße gelebt
    als dass du noch Vertrauen fassen könntest verlieb dich nie in einen anderen
    es wird dein Verderben sein
    ein halbes Kilo Hackfleisch bei McDonalds stillt den Appetit für ein paar Stunden bevor der unersättliche Hunger nach Liebe von neuem in dir wütet
    hundertzehn Pfund balancierend auf High Heels können dein Ende bedeuten
    also: Mann mit der verdorrten Seele verliebe dich nie mehr
    wenn du an deinem billigen Frieden hängst wie ein Morphinist an der Nadel.

    Unmittelbar nach Erhalt dieser Zeilen brach der Kontakt mit der damals Angebeteten sang- und klanglos ab. Die Dame stand vermutlich eher auf Küchengeräte, bzw ich hatte im voreiligen Verliebtheitswahn die Situation falsch eingeschätzt.

  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Von allen traurigen Suchtkliniken, in die ich eingeliefert wurde, war Andernach die mit Abstand traurigste. Als ich im Raucherzimmer auf einem Holzstuhl hockte, von dem die Farbe abplatzte und auf die ersten Tabletten wartete, wusste ich nicht so genau, weshalb ich überhaupt hier gelandet war. Ich konnte mich schemenhaft an Rosi erinnern, die mein Kumpel Rolf für mich in einer Singlebörse aufgegabelt hatte, die in Koblenz eine schöne Wohnung am Rheinufer mit Blick auf den Ehrenbreitstein und einen gut bestückten Spirituosenschrank besaß, mit der ich mich 48 oder 72 Stunden lang vergnügt hatte. Rolf hatte mir sogar das Bahnticket spendiert. »Damit du mal rauskommst aus Köln und deinem Trott«, hatte er dazu gesagt. Das war wirklich nett von ihm gewesen. Na ja, Rolf konnte neben seiner nervigen Klugscheißerei auch nett sein. Als ich in der Provinz ankam, und Rosi nicht wie vereinbart am Bahnsteig stand, wollte ich schon wieder zurückfahren, denn ich hatte keine große Lust, sie nun suchen zu müssen. Ich ging zum Kiosk, um mir einen Flachmann zu besorgen, als mich eine rothaarige Frau, die vor zwanzig Jahren sicher mal gut ausgesehen hatte, deren beste Tage allerdings definitiv lange zurücklagen, von der Seite ansprach: »Bist du Henning?« – »Ja. Und du vermutlich Rosi. Bist unpünktlich. Wollte schon retour nach Köln.«
    »Nun hab dich mal nicht so wegen zehn Minuten. Scheinst ein Pedant zu sein.«
    »Alles Schnee von gestern, wenn’s bei dir zu Hause was zu trinken gibt.«
    »Keine Sorge, habe jede Menge für uns eingekauft.«

    In den nächsten 48 oder 72 Stunden taten wir nichts anderes als abwechselnd saufen und vögeln und zwischendurch dummes Zeug zu reden. Halt so ein typisches ü45-Hetero-Sexwochenende. Sie war im Bett nicht schlecht, beherrschte einige Nummern, die ich nicht kannte, und ich war Rolf dankbar, dass er die Sache für mich arrangiert hatte. Das pausenlose Gerammel wurde mir allerdings nach einem Tag schon etwas fade, und ich wollte nur noch in Ruhe weitertrinken und dabei das schöne Panorama genießen. Aber Rosi maulte, nannte mich mehrmals einen impotenten, faulen Sack, und ich überlegte, Rolf anzurufen und darum zu bitten, mich bei dieser Nymphomanin abzulösen. Ob wir uns am Ende gestritten haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Eigentlich macht mich Alkohol eher friedlich und freundlich. Kann aber sein, dass ich Rosi als dauergeile, alte Schlampe beschimpft habe. Falls ich es getan haben sollte, dann tut’s mir natürlich leid und ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür. Nach 48 oder 72 Stunden neigten sich ihre Alkoholvorräte dem Ende zu, weshalb ich anbot, Nachschub zu besorgen. Auf dem Weg zum Supermarkt gingen bei mir die Lampen aus, und ich kam erst wieder an Bord eines Rettungswagens zu mir. Um mich herum zwei junge Sanitäter. Keine Bullen. Das war schon mal positiv. »Wohin fahren wir?«, fragte ich. – »Andernach«, antwortete der Kleinere der beiden  »Warum nicht Köln?«, hakte ich nach. – »Weil Köln hundert Kilometer entfernt liegt.«

    Und so saß ich nun mit 3.8 Promille, einem Kasten Wasser neben mir und schlechter Laune im Raucherzimmer der Andernacher Klinik. »Pillen gibt’s erst bei 0.8«, hatte der Aufnahmearzt gesagt. »WAS?? In Köln bekomme ich die bei 1.5.« – »Wir sind aber hier nicht in Köln«, raunzte er mich an.
    Ich kippte Flasche um Flasche Mineralwasser in mich rein, rülpste, ging zum Pissen aufs Klo, trank Wasser, rülpste wieder. Die übliche Vorgehensweise, um schnell runterzukommen. Im Abstand von sechzig Minuten lief ich ins Schwesternzimmer, pustete dort ins Testgerät. »Jetzt sind Sie bei 3.2. Dauert noch eine Weile bis 0.8. Immerhin bauen Sie 0.3 pro Stunde ab.«

    Bei Unterschreiten der 3.0 setzte der Entzug ein: Herzrasen, Schwindelgefühl, Schweißausbrüche. Und es war noch elend lange hin, bis ich den vom Arzt festgelegten Schwellenwert erreichen würde. Klaglos nur deshalb zu ertragen, weil ich die Prozedur aus dem Effeff beherrschte.

    Ich weiß auch nicht, weshalb sie immer so ein Theater mit den 0.8 und 1.5 veranstalten, und uns das Zeug nicht sofort geben. Sei zu gefährlich, behaupten sie. Ich vermute ja, dass sie uns Säufer quälen wollen. So nach dem Motto: Wer viel trinkt, muss dann eben in der Konsequenz auch Schmerzen ertragen. Vielleicht soll es auch der Abschreckung dienen. Was weiß ich, was in den Köpfen der Ärzte und Pfleger vor sich geht, wenn sie den 5000sten unheilbaren Alki erblicken. Resignation, Zynismus oder gar zum Sadisten werden. Ich will’s ihnen gar nicht übel nehmen. An ihrer Stelle würde ich genauso denken.

    Ich glotzte an die Tapete, hasste Rolf, der mich mit Rosi verkuppeln wollte und hasste mich, weil ich auf seinen Vorschlag eingegangen war. Ganz besonders hasste ich Andernach und die Gestalten im Raucherzimmer. Rosi hingegen hasste ich nicht, die war mir egal.

    Die Tür schwenkte auf, ein 100-Kilo-Kerl mit Aktentasche in der Hand und verlegenem Grinsen im Gesicht kam herein. »Ist hier noch ein Platz frei?«, erkundigte er sich. Niemand würdigte ihn eines Blickes, was mich mutmaßen ließ, dass er hier zum ersten Mal aufschlug. In der Geschlossenen ist es ein bisschen wie im Knast: es gibt eine Hackordnung, und du giltst erst dann als vollwertiges Mitglied der Säuferfamilie, wenn du deinen zwanzigsten Entzug absolviert hast.
    Der Koloss ließ sich auf den Stuhl neben mir fallen. »Ist das genehm?«, fragte er.
    »Ja ja, ist okay.«
    Er öffnete die Tasche und holte eine Plastikdose mit belegten Stullen heraus. »Möchtest du ein Butterbrot? Meine Frau hat mir ein paar geschmiert, bevor sie mich hierhin gebracht hat.«
    »Nein.«
    »Vielleicht einen Schokoriegel?«
    »Nein!«
    »Ich heiße Matthias und du?«
    »Matthias, tu mir einen Gefallen und rede nicht so viel.«
    »Gedrückte Stimmung hier drinnen«, sagte er.
    »Die war ganz okay, bis du aufgetaucht bist.« Mir brach erneut der Schweiß aus, mein Hemd war klitschnass und auch unter Matthias Achselhöhlen zeichneten sich fette Kränze ab. Ich stand auf, schnorrte mir von einem Typen, der vor dem vergitterten Fenster lehnte, eine Zigarette, war kaum in der Lage, die mit meinen zitternden Fingern festzuhalten, machte drei Züge, ließ den Rest auf den Boden fallen, wo ein anderer Patient den Stummel sofort gierig aufklaubte.

    »Schlimm, der Entzug bei dir?«, fragte Matthias.
    »Genauso beschissen wie die dreißig Mal vorher.«
    »So oft warst du schon hier?«
    »Nein, in diesem traurigen Laden bin ich heute das allererste Mal.«
    »Verstehe«, sagte er.
    »Was verstehst du? Überhaupt nichts verstehst du.«
    Matthias schwieg fünf Minuten lang, dann griff er erneut in seine Tasche hinein und zog ein Buch heraus. »Weißt du, was das ist?«
    »Was soll das schon sein? Ein Buch halt.«
    »Ja, aber ein besonderes Buch.»
    »Mit Zaubersprüchen drin?«
    »Nein, von Bukowski
    »Von wem?«
    »Ein amerikanischer Schriftsteller. Kennst du den nicht?«
    »Schon mal von gehört. Der schreibt so Pornogeschichten.«
    »Vordergründig Porno. Aber eigentlich Kritik am American way of life.«
    »Klingt langweilig«, sagte ich. »Porno mit Bildern und ohne Text finde ich spannender«. In den vergangenen vier Jahren hatte ich keinen einzigen Roman in die Hand genommen. Mehr als der Sportteil des Express war nicht drin. Hatte echt große Konzentrationsschwierigkeiten.

    »Probier dieses aus. Ist ein Band mit Kurzgeschichten. Die eine, in der er von seinen Hämorrhoiden und der nachfolgenden Darmspiegelung berichtet, ist echt witzig. Wird dir gefallen.«
    »Sehe ich aus wie jemand, der sich auf eine Darmspiegelung freut?« Ich ließ mir das Buch trotzdem von ihm aufschwatzen und machte mich auf den Weg zum Schwesternzimmer. Dort war gerade Schichtwechsel gewesen. Statt der griesgrämigen Ordensfrau vom frühen Abend erwartete mich nun eine attraktive Blondine mit enormer Oberweite.
    »Ist der alte Drachen weg?«, fragte ich.
    »Ja«, antwortete sie. »Ich bin Schwester Beate. Sie sind zum ersten Mal bei uns?«
    »Nur aus Versehen. Sonst entgifte ich in Köln.«
    »Ah, Köln. Da haben wir ja was gemeinsam. Ich stamme aus Nippes.« Sie reichte mir das Testgerät. Ich blies hinein: 1.5.
    »Ich habe meine Brille verlegt. Könnten Sie für mich den Wert ablesen?«
    »0.8«, sagte ich und drückte sofort auf den Ausknopf.
    »0.8«, notierte sie laut in den vor ihr liegenden Protokollzettel. »Das ist schön. Dann können wir Ihnen ja endlich was gegen Ihre Entzugsschmerzen geben. Ich habe Distraneurin, Rivotril und Diazepam im Angebot.«
    »Mir völlig egal. Aber zwei Pillen.«
    »Ich verabreiche Ihnen Rivotril. In Ordnung für Sie?«

    Ich ließ mich auf das Sofa im Aufenthaltsraum fallen und wartete auf die Wirkung der Benzos. Die Sache mit der Brille war echt nett von Beate gewesen. Hatte mir zweieinhalb Stunden Quälerei erspart. Nach 15 Minuten beruhigte sich mein Kreislauf, das Würgegefühl ebbte ab, in den Beinen spürte ich wieder Kraft. Eine Stunde später holte ich mir zwei weitere Tabletten. »Und nun sollten Sie schlafen«, sagte Beate. »Es ist weit nach Mitternacht.«
    »Ich versuch’s«, antwortete ich.

    Im Türrahmen stand ein circa 30jähriger Galgenvogel und versperrte mir den Weg. »Was willst du?«, fragte er mit slawischem Akzent.
    »Was wohl? Pennen.« Ich schob ihn zur Seite.
    »Das ist mein Zimmer«, erwiderte er.
    »Und deshalb sind drei Betten drin.« Ich warf mich in voller Montur auf das neben der Heizung und starrte an die Decke. Das Buch hielt ich immer noch in der Hand. Der Russe oder Kasache oder Usbeke marschierte in dem kleinen Raum auf und ab, legte Kilometer um Kilometer zwischen Waschbecken und Fenster zurück, redete mit sich selbst, fuckte mich ab. Als er seine Notdurft ins Waschbecken verrichtete, war die rote Linie überschritten. »Das kannst du zu Hause machen, aber nicht hier«, sagte ich.
    »Willst du Ärger haben?«, schrie er. Dann fiel er mit geöffneter Hose auf den Linoleumboden und begann zu schnarchen. Ich ließ ihn dort liegen und versuchte, selbst zur Ruhe zu kommen.

    Als ich die Augen aufschlug, war der Russe verschwunden und Bukowski, den ich seit Studentenzeit gut kannte, saß auf meiner Bettkante.
    »Was machst du in diesem Rattenloch?«, fragte er.
    »Dasselbe wie du: einen Entzug.«
    »Entzüge sind ein großer Selbstbetrug«, antwortete er. »Weil wir danach erfahrungsgemäß weitertrinken.«
    »Stimmt. Aber für ein paar Tage fühlt man sich körperlich wieder hergestellt.«
    »Das ist aber auch das einzige, was man positiv darüber berichten kann … Hast du sie gefickt?«
    »Wen?«
    »Na, wen wohl: Rosi.«
    »Ich glaube schon.«
    »Du glaubst, du hättest sie gefickt??«
    »Am ersten Tag bestimmt. Aber danach erinnere ich mich an nichts.«
    »Es ist ein großes Elend mit der Sauferei. Selbst das Vögeln bereitet einem keinen richtigen Spaß mehr. Und jetzt laufen wir uns ausgerechnet in Andernach über den Weg. Schon komisch.« Bukowski betrachtete mich argwöhnisch mit seinen Alligatoraugen und fletschte die Krokodilszähne; als ob er mich gleich zerfetzen wollte.
    »Was ist mit Andernach?«
    »Ich bin hier geboren. Hast du das etwa vergessen?«
    »Ich weiß doch nicht von jedem Schreiber, in welchem Kaff der das Licht der Welt erblickt hat.«
    »Solltest du aber. Steht in meinen Büchern hinten in der Kurzvita drin.« Wie jeder Starautor war er eitel und erwartete von Leuten wie mir, dass ich sowohl seine Geschichten als auch die Details seines Lebenslaufs auswendig runterbeten konnte.
    »Den Abspann lese ich nie.«

    »Lass uns zu Schwester Beate gehen; neue Pillen einwerfen. Die gefällt dir, oder?«`
    »Sie ist ganz okay«, antwortete ich.
    »Du hast ihr vorhin ganz schön auf die Titten geglotzt. Aber gib dich keinen Illusionen hin. Zwischen Personal und Patienten läuft nichts. Auch wenn ich in meinen Stories was anderes erzähle. Aber das sind bloß Trinkerfantasien.«
    »Weiß ich selber.«

    Wir verließen unser Zimmer und marschierten durch den neonbeschienen Korridor in Richtung Schwester Beate.

    An dieser Stelle stoppe ich, denn Texte, die 1500 Wörter überschreiten, werden so gut wie nie bis zum Ende gelesen. In Facebook liegt die Grenze ohnehin noch deutlich darunter.

    In der Fortsetzung müssen sich Bukowski und ich bei Beate einer Darmspiegelung unterziehen, und ich erfahre nebenbei allerlei Wissenswertes über Andernach.

    PS. das ist – falls es überhaupt jemanden interessiert – meine 50ste Kolumne, wofür ich die bronzene Kolumnistennadel zugeschickt bekomme

  • Heißen alle alten Krauts Heinrich? – Kapitel 6

    Heißen alle alten Krauts Heinrich? – Kapitel 6

    »Auf einem Vegetariano ist kein Hackfleisch, sonst wär’s ja kein Vegetariano«, meint Jose.

    »Doch, da ist Hackfleisch drauf«, schreit Betsy.

    »Lass mal schauen.« Jose beugt sich über Betsy Burrito, mustert den zehn Sekunden lang fachmännisch und sagt: »Kein Hackfleisch. Nicht mal im Nanogrammbereich.«

    »Es schmeckt und riecht wie Hackfleisch«, murmelt Betsy, nun aber doch etwas kleinlaut klingend.

    »Auch eine vegetarische Soße kann nach Fleisch schmecken«, klärt Jose sie auf.

    »Nun lasst uns den Abend doch nicht mit einer Diskussion über vegetarisches Junkfood verplempern«, sagt Hank, greift sich ihren Teller, geht in die Küche und wirft alles in den Mülleimer.

    »Was tust du da, Idiot?«, jammert Betsy, »ich bin noch nicht satt.«

    »Willst du meinen haben?«, frage ich und schiebe meine nach wie vor unausgepackte Portion zu ihr rüber.

    »Du bist nicht hungrig?«

    »Ich besorg mir was nach dem Interview.«

    »Bist ein Schatz.« Betsy starrt mich verliebt an. Ich tue so, als ob ich es nicht bemerke.

    »Jose, stimmt das, was Hank eben behauptet hat: ihr kommt mittlerweile in Hundertschaften über die Grenze?«

    »Gibt viele Wege, von Süd nach Nord zu gelangen. Und der Weg bestimmt dann wieder die Anzahl der Teilnehmer. «

    »Gib mir mal ein paar plakative Beispiele«

    »Meine Cousine Blanca. Die ist im vergangenen Jahr zusammen mit ihrem kleinen Sohn östlich von Monterrey rüber nach Brownsville. Kostete 3000 Dollar der Spaß. Eine Gruppe von zwölf Personen. Zwei Wochen Warten in einer Wellblechhütte auf der mexikanischen Seite, bis der Kojote die Luft für rein hielt. Er hat sie bloß bis zu einer unbewachten Furt am Fluss geführt und ihnen grob erklärt, wie es auf der anderen Seite weitergeht. Ist dann natürlich schon nach wenigen Meilen von einer Patrouille geschnappt worden. Ein Monat in einer Auffangeinrichtung in der Nähe von Corpus Christi. Wir haben alle zusammengelegt, ihr einen Anwalt besorgt, der sie aus dem Lager rausholte. Hat Glück gehabt, muss keine Fußfessel tragen. Wohnt jetzt in L.A., hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Gültige Papiere hat sie bisher keine.«

    »Ist das die Kleine, die abends deinen Laden putzt?«, will Hank wissen.

    »Zwei Mal die Woche.«

    »Zahlst du sie dafür?«

    »Über Tarif. Und ich gebe ihr die Lebensmittel mit, bei denen das Haltbarkeitsdatum bald abläuft.«

    »Großzügig von dir. Hatte dich bis eben noch für einen habgierigen, kleinen Kaufmann gehalten.« Hank formt die Lippen zu einem O und pfeift anerkennend.

    »Wäre das ein Problem, wenn du dabei erwischt wirst, dass du eine Illegale beschäftigst?«

    »Theoretisch schon. Die Strafen können mehrere tausend Dollar pro Einzelfall betragen. In der Praxis kommt es jedoch eher selten vor, dass die Einwanderungsbehörde Razzien in Kiosken unternimmt. Die nehmen lieber Großwäschereien und Reinigungsservices aufs Korn, wo sie in einem Schwung sofort fünfzig Papierlose hops nehmen.«

    »Papierlose nennt man die hier?«

    »Ja.«

    »Blanca ist durch den Rio Grande gewatet. Was ist mit den anderen Wegen?«

    »Meine Cousine Herlinda hat’s weiter westlich probiert. Hinter Juarez. Auch mit kleinem Sohn. Drei Tage zu Fuß durch die Wüste. Die Gruppe war größer: circa dreißig Leute. Bunt gemischt: Männer, Frauen, Kinder; alle Altersgruppen.«

    »Wie viele Cousinen hast du, Joey?«. Hank mustert Joey mit einem neugierigen Blick.

    »Unsere Familie ist groß. Wenn ich die zweiten Grades hinzuzähle, sind’s sicher drei Dutzend, vielleicht auch vier.«

    »Sie sind so viele!«, ruft Bukowski theatralisch. »Ich habe nicht mal einen einzigen Verwandten.«

    »Stimmt«, sage ich. »Bis auf Onkel Heinrich in Bad Neuenahr sieht’s mau bei dir aus … was passierte mit Herlinda? Wurde sie aufgegriffen?«

    »Ja, die meisten Frauen werden gefasst. Sind nur wenige, die an der Grenzpolizei vorbeikommen.«

    »Und dann?«

    »Ein Monat Dilley.«

    »Was ist Dilley?«

    »Ein Internierungslager für Frauen und Kinder. Aber eins aus der Kategorie „echt übel“: jeweils zehn Frauen und Kinder in einem Raum, manche haben keine Fenster. Die Kinder, die von den Strapazen der Reise oft krank sind, stecken sich gegenseitig an, die medizinische Betreuung lässt stark zu wünschen übrig. Manchmal werden Mutter und Kind getrennt, das Kind in eine andere Einrichtung gebracht. Labile Frauen drehen durch, Selbstmordversuche an der Tagesordnung. Eine von Herlindas Zimmergenossinnen hat sich in der zweiten Woche die Pulsadern geöffnet, wäre beinahe verblutet.«

    »Hört sich wirklich hart an. Wo ist deine Cousine im Moment?«

    »Ebenfalls in L.A. Derselbe Anwalt wie bei Blanca hat sie freigeboxt. Ohne Papiere. Geduldet. Kann also jede Minute abgeschoben werden.«

    »Kein schönes Leben. Was macht sie?«

    »Engagiert sich als unbezahlte Freiwillige in einer Hilfseinrichtung für illegale Migrantinnen.«

    »Die Blinde hilft den Lahmen.« Buk lacht über seinen eigenen Witz, der Tequila gerät dabei in seine Luftröhre, er verschluckt sich, hustet, läuft kurz dunkelrot an, ich klopfe ihm kräftig auf den Rücken, er beruhigt sich.

    »Lustig ist das nicht«, sage ich.

    »Natürlich ist es nicht lustig. So todtraurig, dass wir eigentlich alle zusammen weinen müssten, wären wir nicht so verdammt abgebrüht und desillusioniert.« Hank sitzt eingefallen auf seinem Stuhl, wirkt erschöpft und aufgedunsen.

    »Wenn du möchtest, kann ich dich mit beiden Cousinen bekannt machen. Sie sind heute Abend alle zwei in meinem Laden und gehen Eduardo zur Hand«, bietet Jose – dem augenscheinlich das unaufgeräumte Ambiente in Bukowskis Apartment missfällt – nun an.

    »Warum nicht? Tapetenwechsel. Was ist mit dir Hank, kommst du mit?«

    »Und Betsy?«

    »Die natürlich auch …lasst mich aber bitte schnell noch ein kurzes Telefonat mit Deutschland führen.« Ich springe auf und stelle mich ans Fenster, weil ich dort besseren Empfang vermute.

    »Wie spät ist es da?«, fragt Betsy.

    »8 Uhr morgens sein.«

    »Wen willst du denn um diese unmenschliche Uhrzeit erreichen?«

    »Die Redaktion.«

    »Die arbeiten schon?«

    »Ulf wird noch pennen. Aber Heinrich müsste wach sein.«

    »Heißen alle alten Krauts Heinrich?« Betsy gluckst und wiegt ihren Kopf neckisch hin und her.

    »Ich bin hier an einer Bombenstory dran«, sage ich am Telefon, als ich Heinrich endlich mit der fünften Durchwahlnummer in der Redaktion an den Apparat bekomme.»…..«

    »Ob Bukowski mir die Tür aufgemacht hat? Klar, war sogar happy, mich zu sehen.«

    »…..«

    »Wie lange ich noch benötigen werde? Drei, vier Tage, bis ich alle Antworten im Sack habe. Das ist ja kein normales Interview, bei dem wir mehrere Stunden am Stück konzentriert zusammensitzen. Ständig platzt jemand dazwischen und stört den Flow. Aber so wird’s Hank auf jeden Fall nicht zu schnell langweilig.«

    »…..«

    »Wann ich die ersten Seiten liefern werde? Heute Abend meine Zeit. Also bei euch morgen früh.«

    »…..«

    »Wenn ich es dir doch sage: hundertpro. Zum ersten Kaffee im Büro kannst du die Rohfahne lesen.«

    »…..«

    »Ob ihr was für mich tun könnt? Macht Bukowskis Onkel in Bad Neuenahr ausfindig und lasst euch von dem eine Liste geben, was er seinem Neffen zum Geburtstag und zu Weihnachten schenkt. Und schickt mir dann ein Expresspaket davon ins Hotel. Damit kann ich sicher Eindruck bei ihm schinden.«

    »…..«

    »Melde mich morgen wieder bei euch. Versprochen. Muss jetzt los, bin mit zwei hübschen Mexikanerinnen verabredet. Ciao!«

    »Was meint dein Chef?«, fragt Hank, der sich in der Zwischenzeit ein frisches Hemd angezogen hat.

    »Alles okay für ihn. Er lässt euch herzlich grüßen, wünscht uns einen schönen Abend und freut sich schon auf den Text unseres Interviews.«

    »Was für ein Stress. Immer möchten sie alles ganz schnell haben. Na ja, du schaffst das sicher … Joey, genug zu trinken gibt’s ja in deinem Laden; ich brauche also keinen Stoff von hier mitzunehmen? …

    »Betsy, zieh dir was an, oder willst du im Pyjama auf die Straße?« Bukowski hat es sichtbar eilig.

    »Hetz mich nicht. Muss vorher noch ins Bad, mich frisch machen.«

    »Das dauert zu lange, bis du dich komplett restauriert hast, altes Mädchen. Wir gehen vor, uns mit Joeys Cousinen anfreunden. Vielleicht ist eine von denen ganz hübsch und will sich bei mir mit Haushaltspflege ein bisschen Geld dazu verdienen. Obwohl ich mir bei der Visage des Kioskbesitzers da jetzt keine allzu großen Hoffnungen mache.«

    »Pass auf den senilen Lustgreis auf, Henning. Nicht, dass er allzu peinlich mit ihm wird … wie die Geschichte mit Javier weitergeht, interessiert anscheinend niemanden«, sagt Betsy uns zu, während sie ihre riesige Handtasche nach Make-up und Kajakstift durchsucht.

    »Doch, doch, erzähl sie nachher in Joeys Laden zu Ende. Bin echt gespannt, wie es weitergeht.«

    »Er war ein übler Trigamist!«, höre ich sie noch durch die geschlossene Badezimmertür rufen, bevor Jose, Hank und ich uns auf den Weg zu den Cousinen machen.

    Im nächsten Teil stellt sich heraus, dass der alte Eduardo nicht nur die besten Burritos in East-Hollywood zubereitet, sondern auch eine spannende Vorgeschichte hat, in deren Verlauf er drei Finger verlor. Und die eine Cousine von Joey ist wirklich hübsch.

    Hier geht’s zurück an den Anfang der Geschichte: Das Wiedersehen