Schlagwort: Charles Bukowski

  • Bei Hank im Wohnzimmer

    Bei Hank im Wohnzimmer

    „Du feierst alsbald ein Jubiläum“, sagt Gisela, unsere virtuelle Redaktionsassistentin.
    „Was für’n Jubiläum?“, frage ich verwundert.
    „Deine 250-ste Kolumne.“
    „WAS??? SO VIELE???“
    „Ja. Wir sind so stolz auf dich.“

    „Und nun soll ich bestimmt ne Jubiläums-Kolumne schreiben, mit ner Menge unsinnigem Jubiläumskram drin.“
    „Du könntest dich auf deine Wurzeln rückbesinnen.“
    „Das Bonner Westend, wo ich aufgewachsen bin?“
    „Nein, deine allererste Kolumne.“
    „Die ist lange her. Hilf mir auf die Sprünge.“

    „Du hast dich bei Bukowski ins Wohnzimmer gesetzt und mit deinem literarischen Idol unterhalten.“
    „Stimmt, erinnere mich dunkel. Hab ich damals noch getrunken?“
    „Du warst schon ein paar Jahre trocken.“
    „Dann waren weniger Tippfehler drin.“

    „Die Redaktion hat den Hut rumgehen lassen und zusätzlich die Kaffeekasse geplündert und spendiert dir 1 Nacht im Tropicana Motel. Das gefiel dir doch so gut.“
    „Damit ich mich nach all den Jahren wieder mit Hank verabrede? Wahrscheinlich hat der kurzfristig gar keinen Termin frei.“
    „Längst alles arrangiert. Du triffst dich übermorgen mit ihm in East Hollywood. Touristenvisum habe ich ebenfalls klargemacht … jetzt benötige ich bloß noch deine Kreditkarte“, flötet Gisela.
    „???“
    „Um die Flugtickets und den Mietwagen zu bezahlen. Für eine eventuell zweite Übernachtung müsstest selbstverständlich auch du aufkommen.“
    „War klar.“

    „Und lösche vor deiner Abreise vorsichtshalber alle Posts in Facebook, in denen du dich negativ über den US-Präsidenten geäußert hast. Andernfalls riskierst du …“
    „… 4 Wochen in einem ICE-Internierungslager … könntest du das bitte für mich tun? Bin in Eile: Will mir noch ein paar schlaue Fragen fürs Interview überlegen und muss vorher dringend zum Friseur.“
    „Ich lösche ALLE kritischen Posts von Henning“, sagt Gisela. Dann legt sie auf.
    +++

    In Hank’s Wohnzimmer

    48 Stunden plus 2 Dutzend Coke Zero & 5 Liter Kaffee und 1 AUSGIEBIGE Einreisekontrolle später: 5124 De Longpre Avenue, Los Angeles, CA 90027.

    Ich sitze wieder bei Hank.
    Im Wohnzimmer.
    East Hollywood.

    Der Bungalow döst in der Hitze wie ein altes Krokodil, das auf seine Verdauung wartet.

    Drinnen riecht es nach billigem Alkohol, Papier und schlechten Entscheidungen.

    Ein kleines Jubiläum

    Ich sehe mich um.
    Bierdosen.
    Papierstapel.
    Die alte Schreibmaschine.
    Alles noch da.

    Hank liegt auf dem Sofa.
    Bademantel.
    Offen.

    Er sitiert mich an.

    „Du siehst aus, als wärst du falsch abgebogen.“

    „Ich habe ein Jubiläum.“

    „Klingt nach 20 Jahre mit der falschen Frau zusammen.“

    „Meine 250ste Kolumne.“

    Er nimmt einen Schluck Bier.

    „Du zählst die?“

    „Manche Leute zählen Schritte. Unsere Redaktionsassistentin zählt Texte.“

    „Hübsch?“

    „Wer?“

    „Eure Redaktionsassistentin.“

    „Ist eine Maschine.“

    „Krasser Scheiß!“

    Was ist eigentlich eine Kolumne?

    „Als ich angefangen habe“, sage ich, „wusste ich nicht mal, was eine Kolumne ist.“

    „Das merkt man vielen Autoren auch nach Jahrzehnten noch an.“

    „Ich habe damals einen Kollegen gefragt.“

    „Das war dein erster Fehler.“

    „Ich fragte: Was ist eine Kolumne?“

    „Und?“

    „Der Kollege sagte: Eine Kolumne ist das, was du darunter verstehst.“

    Hank nickt.

    „Gute Antwort. Heißt: Keiner weiß es so genau.“

    Zwischen einem und einer Million Wörter

    „Dann fragte ich: Wie lang muss so ein Text sein?“

    „Du bist ganz offensichtlich Deutscher.“

    „Er sagte: Zwischen einem und einer Million Wörter.“

    Hank grinst.

    „Das nenne ich mal genügend Spielraum für kreative Freiheit.“

    Der Kerl, der sich bezahlen ließ

    „Ich fragte ihn: Welches Thema?“

    „Jetzt kommt der Teil, wo alles schiefgeht.“

    „Er antwortete: Schreib zuerst über Bukowski. Davon hast du doch ein bisschen Ahnung.“

    Hank setzt sich auf.

    Der Bademantel klafft weit auseinander. Ich bemühe mich, nicht hinzuschauen.

    „Ein bisschen Ahnung“, knurrt er.

    Er zeigt auf sich.

    „Ich habe jahrelang Kolumnen geschrieben.“

    „Ich weiß.“

    „Woche für Woche. „Notizen eines schmutzigen alten Mannes“ …

    … „Ich habe den Dreck aufgeschrieben.
    Die Bars.
    Die Pferde.
    Die Frauen.
    Die Rechnungen …

    … und weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?“

    „Du hast dich bezahlen lassen.“

    „Verdammt richtig.“

    Du sitzt seit Jahren in meinem Wohnzimmer

    „Nach meinem ersten Besuch hier“, sage ich, „habe ich meiner Kolumne eine Rubriküberschrift gegeben.“

    „Hoffentlich nicht was Deutsch-Verkopftes.“

    „Ich taufte sie: Bei Hank im Wohnzimmer.“

    Mein Gegenüber lässt den Blick durch den Raum wandern.

    Die Dosen.
    Das Sofa.
    Den Teppich.

    „Du sitzt also seit Jahren literarisch in meinem Wohnzimmer.“

    „So ungefähr.“

    Er hebt die Augenbraue.

    „Und ich sehe keinen Cent Miete.“

    Nach fünfzig Texten erlischt das anfängliche Feuer

    Ich zögere kurz, bevor ich weiterrede: „Spätestens nach der fünfzigsten Kolumne merkte ich, dass ich mich geirrt hatte.“

    „Womit?“

    „Mit der Vorstellung, dass man mit Texten die Welt besser machen kann.“

    Hank lacht.

    Es ist kein freundliches Lachen.

    „Du dachtest ernsthaft, Kolumnen retten die Welt?“

    „Vielleicht ein bisschen.“

    „Junge, was für ein romantischer Bullshit.“

    Er lehnt sich zurück.

    „Die Welt ist ein schmutziger Boxring. Und Kolumnisten sind bloß die Leute mit Notizblock am Rand.“

    Idealismus zahlt keine Rechnungen

    „Warum hast du deine Kolumnen geschrieben?“, frage ich.

    Er zuckt mit den Schultern, leert eine Dose warmes Bier auf ex.

    „Weil ich Material hatte. Und Rechnungen. Du hast mit Idealismus angefangen“, sagt er, „Ich mit Existenzangst.“

    „Und wer hatte Recht?“

    „Keiner. Aber ich wurde bezahlt.“

    Warum man trotzdem weiterschreibt

    Stille.

    Die Hitze hängt im Raum.

    „Was würdest du im 250sten Text schreiben?“, frage ich.

    Bukowski denkt kurz nach.

    „Schreib, dass du keine Ahnung hattest, was eine Kolumne ist. Schreib, dass man dir sagte: zwischen einem und einer Million Wörter. Schreib, dass du dachtest, du könntest mit deinen Texten etwas verändern. Und schreib, dass du nach fünfzig gemerkt hast, dass das kompletter Unsinn ist.“

    „Mehr hast du nicht auf Lager? Ich jette 12 Stunden oneway nach L.A., nur um von dir wiederholt zu bekommen, was ich dir selbst vor 5 Minuten erzählt habe? Da hätte ich mir die Reise echt sparen können für dieses  dünne Gelaber.“

    „Ja, du hättest stattdessen einen Zoom-Call vereinbaren können. Wäre kostengünstiger gewesen. Aber eure virtuelle Assistentin bestand auf einem persönlichen Treffen. Das wäre wichtig für dich, damit du mal rauskommst aus deinem eigenen Wohnzimmer. Von wegen Luftveränderung täte dir gut. Sehr charmant übrigens, die Dame; weshalb ich ihr den Wunsch nicht abschlagen wollte …  aber einen Hinweis habe ich noch für dich. Den wichtigsten.“

    „Welcher wichtige Hinweis soll das sein?“

    „Schreib, dass du trotzdem weitergemacht hast.“

    „Warum?“

    Er lehnt sich zurück, schließt die Augen.

    „Weil Schreiben nicht dazu da ist, die Welt zu retten. Die Welt hört sowieso nicht zu. Schreiben ist nur dafür da, dass du selbst nicht völlig verrückt wirst. Das ist der wahre Grund, weshalb du 250 Kolumnen geschrieben hast und nichts anderes.“

    „Da ist was dran“, sage ich.

    „Natürlich ist da was dran. Ich mach das seit über 80 Jahren. Und nun entschuldige mich: Ich muss meinen Rausch ausschlafen, mir dann Nachschub besorgen und will heute Abend noch 2 Kurzgeschichten tippen. 1 wird von einem orientierungslosen deutschen Kolumnisten handeln, der nach L.A. fliegt, um sich dort Rat von einem Profi zu holen und am Ende doch nichts verstanden hat … du weißt, wo die Tür ist .“ … „Hol dir unbedingt Hilfe, wenn du wieder in Deutschland bist! Das geht sonst nicht gut aus“, ruft er mir zum Abschied hinterher.
    +++

    Zurück am Schreibtisch in Bonn stelle ich fest, dass Gisela ALLE meine Posts in Facebook gelöscht hat.
    Ich rufe in der Redaktion an: „WO IST GISELA?“
    „Die hat sich diese Woche freigenommen. Dringende Wartungsarbeiten am System.“
    „Wusstet ihr, dass sie ALLE Posts von mir gelöscht hat?“
    „Sie sagte, du hättest ihr diesen Auftrag kurz vor deiner Abreise erteilt.“
    „Sie sollte bloß die kritischen Beiträge rausnehmen.“
    „Aus ihrer Sicht waren wahrscheinlich alle deine Beiträge kritisch.“
    „Was für eine Scheiße!“
    „Ärger dich nicht. Schreibst du halt neue Posts. Wofür bist du sonst Autor? … Wie war’s übrigens in L.A.? Hast du ein paar Tipps von Hank bekommen? Wäre schön, wenn du uns die in unserer internen Gruppe mitteilen würdest. Davon können wir alle profitieren und nicht nur du alleine. Sei zur Abwechslung mal ein Teamplayer und nicht das übliche Ich-hasse-meine-Kollegen-Arschloch.“
    „Ihr könnt mich alle mal!“
    +++

    Lesen Sie auch: Das Wiedersehen – Kapitel 1
    Das Wiedersehen
    Ein Interview mit Charles Bukowski für DieKolumnisten? Geht doch gar nicht, der ist doch tot? Natürlich geht das bei Henning Hirsch. (erschienen am 21. Jul 2017).

    Die beste Einstiegslektüre für Charles Bukowski ist sein Debütroman Post Office (dt. Der Mann mit der Ledertasche)

  • Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Der Ersatzreifen, den auch Bukowski nie montiert hat

    Ich trage den Gedanken an Selbstmord immer bei mir wie einen Ersatzreifen. Das gibt mir ein seltsames Gefühl von Sicherheit.
    (c) Charles Bukowski

    Der ultimative Ausgang

    Bukowski saß in billigen Zimmern und starrte Löcher in die Wand. Nicht, weil er auf Erleuchtung wartete, sondern weil da nichts mehr war, was sich lohnte, angeschaut zu werden. In solchen Momenten kam der Gedanke. Nicht laut. Kein Drama. Einfach da. Der Gedanke an den Ausgang.

    Der Poet aus East-Hollywood nannte ihn den Ersatzreifen. Kein Symbol der Hoffnung, sondern der nüchterne Beweis, dass man nicht ausgeliefert ist. Wer weiß, dass er anhalten könnte, fährt ruhiger. Man fährt weiter, nicht weil man muss, sondern weil man es gerade noch will.

    Der Gedanke an den Selbstmord ist selten der Wunsch zu sterben. Meist ist es der Wunsch, dass etwas aufhört. Der Lärm. Die Rechnungen. Die immer gleichen Gesichter. Das ewige Sich-Zusammenreißen. Es ist kein Todestrieb. Es ist Erschöpfung.

    Das Problem beginnt dort, wo wir diesen Gedanken entweder dämonisieren oder verklären. Die einen rufen sofort den Arzt, die anderen die Moral. Beide hören nicht zu. Dabei ist der Gedanke oft nur ein Signal: So geht es nicht weiter. Noch kein Plan. Noch keine Entscheidung. Nur ein inneres Aufleuchten der Möglichkeit.

    Die offene Tür

    Lange vor Bukowski saßen die Stoiker da und dachten nüchtern über dasselbe nach. Seneca. Epiktet. Männer, die wussten, dass Würde nichts mit Durchhalten um jeden Preis zu tun hat. Seneca sprach von der offenen Tür. Wenn der Raum zu verraucht ist, geht man. Nicht aus Schwäche, sondern aus Klarheit.

    Das Leben war für sie kein Gefängnis. Es war ein Aufenthalt. Und jeder Aufenthalt darf beendet werden. Wer diese Möglichkeit kennt, ist kein Opfer. Er ist anwesend aus Entscheidung.

    Der Zwang zum Leben

    Heute nennen wir das krank. Wer sagt, dass er nicht mehr will, wird verwaltet. Überwacht. Korrigiert. Der moderne Staat liebt das Leben, solange es funktioniert. Abweichung gilt als Störung.

    Ich bin fast blind, meine Augen verdrehen sich nach hinten in die dunklen Höhlen meines Schädels und halten Ausschau nach einem gnädigen Tod.
    (c) Charles Bukowski: Die letzten Tage des Suicide Kid

    Aber was, wenn das Weiterleben um jeden Preis selbst die Störung ist? Was, wenn ein Mensch klar sieht, dass das, was er lebt, nur noch eine Gewohnheit ist? Bukowski wusste: Das Normale ist oft wahnsinniger als der Wunsch nach Ruhe.

    Wenn der Gedanke kippt

    Gefährlich wird es nicht durch den Gedanken, sondern durch sein Alleinsein. Wenn er keine Sprache mehr findet. Wenn aus „Ich könnte gehen“ ein „Ich sollte gehen“ wird. Dann wird aus dem Ersatzreifen eine Wand.

    Deshalb geht es nicht darum, den Gedanken zu verbieten oder zu feiern. Es geht darum, ihn auszuhalten, ohne sofort ernst zu machen. Denken ist noch kein Handeln. Zwischen beidem liegt Zeit. Und Zeit ist manchmal alles.

    Das falsche Heldentum

    Wir lieben Durchhalteparolen. Kämpfen. Stark sein. Funktionieren. Das klingt gut und hilft niemandem. Es macht aus Erschöpfung ein Versagen.

    Manchmal steigst du morgens aus dem Bett und denkst, ich schaffe das nicht, aber du lachst innerlich – erinnerst dich an all die Male, als du dich so gefühlt hast.
    (c) Charles Bukowski

    Vielleicht reicht es manchmal, nicht zu sterben. Nicht heroisch zu sein. Einfach einen weiteren Tag zu verbrauchen. Bukowski wusste: Man muss das Leben nicht lieben. Es reicht, wenn man es aushält.

    Die letzte Freiheit

    Das Paradox ist simpel: Erst wer gehen dürfte, kann bleiben. Wer gezwungen lebt, ist ein Gefangener. Wer bleiben kann, obwohl er gehen dürfte, handelt.

    Bukowski ist nicht durch Suizid gestorben. Er starb alt, krank, widerspenstig. Aber er lebte mit dem Wissen um den Ausgang. Vielleicht hat ihn genau das am Leben gehalten.

    Der Ersatzreifen ist keine Einladung zum Tod. Er ist eine Erinnerung daran, dass niemand uns besitzen darf. Nicht der Staat. Nicht die Moral. Nicht die Angst der anderen.

    Man darf über den Ausgang nachdenken. Man sollte ihn nur nicht verwechseln mit Freiheit. Die beginnt oft niedriger. In einem Glas Bourbon (oder für Abstinenzler: Coke Zero). In einem weiteren Morgen. In dem Gedanken: Heute noch nicht.

    Schlechte Tage sind kein Argument

    Es gibt Tage, an denen alles falsch sitzt. Der Körper. Die Gedanken. Die Art, wie das Licht durchs Fenster fällt. Tage, an denen selbst das Atmen wie eine Beleidigung wirkt. Bukowski kannte diese Tage. Er hat sie nicht therapieren lassen. Er hat sie aufgeschrieben oder weggesoffen. Beides keine Lösung, aber immerhin ehrlich.

    Das Schlimmste ist nicht der Tod, sondern das Leben, das die Leute bis zu ihrem Tod führen.
    (c) Charles Bukowski

    Das Problem unserer Zeit ist nicht, dass Menschen zu früh an den Tod denken. Das Problem ist, dass sie glauben, jeder schlechte Tag müsse sofort eine Diagnose sein. Dabei sind viele Tage einfach nur schlecht. Sie wollen nicht analysiert, sondern überlebt werden.

    Die Buchhaltung des Lebens

    Irgendwann beginnt jeder Mensch zu rechnen. Was habe ich gegeben, was habe ich bekommen? Wie viel Kraft steckt noch drin? Bukowski hat diese Rechnungen nie schön gerechnet. Meist stand da ein Minus. Und trotzdem blieb er sitzen.

    Vielleicht, weil er wusste: Solange man noch rechnet, ist man nicht fertig. Der gefährliche Moment ist nicht der Gedanke an den Ausgang. Es ist der Moment, in dem einem alles egal wird. Auch der Gedanke.

    Das Gerede der Anderen

    Es sind selten die eigenen Gedanken, die einen töten. Es ist das Gerede. Die Erwartungen. Die Sätze wie: Reiß dich zusammen. Andere haben es schlimmer. Sei dankbar.

    Bukowski hätte darüber gelacht. Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie kommt oder sie kommt nicht. Wer sie fordert, hat meistens keine Ahnung vom Gewicht fremder Tage.

    Der Körper lügt nicht

    Vieles, was wir Todessehnsucht nennen, ist schlicht Überforderung des Körpers. Zu wenig Schlaf. Zu viel Druck. Zu lange funktioniert. Der Körper zieht dann die Notbremse. Der Kopf nennt das Suizidgedanken.

    Vielleicht müsste man öfter fragen: Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wann hast du zuletzt nichts leisten müssen?

    Bleiben ist Arbeit

    Bleiben ist keine romantische Entscheidung. Es ist Arbeit. Jeden Tag neu. Oft ohne Applaus. Man bleibt nicht, weil es schön ist, sondern weil man es noch aushält.

    Bukowski wusste das. Er hat das Bleiben nie gefeiert. Er hat es dokumentiert. Zeile für Zeile. Bier für Bier.

    Kein Schlusswort

    Diese Kolumne ist kein Plädoyer für den Tod. Sie ist auch keines fürs Leben. Sie ist ein Text über Wahlmöglichkeiten. Über Würde. Über das Recht, müde zu sein, ohne gleich verschwinden zu müssen.

    Der Ersatzreifen ist kein Versprechen. Er ist nur ein Gegenstand im Kofferraum. Man hofft, ihn nie zu brauchen.
    Aber man fährt anders, wenn man weiß, dass er da ist.

    Und manchmal reicht genau das, um weiterzufahren.
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    Lesen Sia auch: Warten auf die Schlangengrube

    Warten auf die Schlangengrube
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  • Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr Trump II – (mein) Abschied von Amerika

    Ein Jahr, das alles verändert hat

    Heute vor einem Jahr trat Donald Trump seine zweite Amtszeit an. Was seither geschehen ist, sprengt selbst die Prognosefähigkeit eines notorischen Pessimisten, wie ich einer bin. Damals, am 20. Januar 2025, hätte ich nicht gedacht, dass schon zwölf Monate später ein wehmütiger Abschied notwendig sein würde. Ein Abschied nicht nur von einer Regierung, sondern von einem Land, wie ich es seit früher Kindheit wahrgenommen, erlebt und – ja – geliebt habe.

    Dieser Text ist kein politikwissenschaftlicher Lagebericht. Er ist auch keine Chronik aller Verwerfungen, die diese zwölf Monate hervorgebracht haben. Er ist persönlicher. Vielleicht auch sentimentaler. Denn es geht um den Verlust eines inneren Bildes: der USA als moralischem Bezugspunkt, als Freund, als Beschützer – als Sehnsuchtsort.

    Wie Amerika Teil meines Lebens wurde

    Meine Amerika-Sozialisation begann früh. 1968 lernte ich lesen mit Donald Duck und Micky Maus. Keine Helden mit Übermenschlichkeit, sondern Figuren mit Fehlern, Humor und einem unerschütterlichen Glauben daran, dass es am Ende irgendwie gut ausgeht. 1969 saß ich gebannt vor dem Fernseher und fieberte bei der Mondlandung mit. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit“ – das war nicht nur Technikgeschichte, das war ein Versprechen.

    1978 ging ich als Schüler nach New York. Die Stadt war schmutzig, laut, manchmal beängstigend – und elektrisierend. Freiheit hatte hier einen Geruch, einen Soundtrack, eine Geschwindigkeit. 1990 durfte ich mit einem Promotionsstipendium nach Washington, D.C. Ich lernte Archive kennen, Debatten, die Ernsthaftigkeit eines Systems, das sich seiner Verantwortung bewusst war. Bis 2010 folgten immer wieder Aufenthalte in den USA. Teile meiner Familie leben bis heute über das Land verstreut – von der Ost- bis zur Westküste.

    Als Student in den 1980er-Jahren entdeckte ich meine Liebe zu Charles Bukowski. Seine brutale Ehrlichkeit, die Lakonie, der Trotz gegen jede Form von Selbstbetrug – all das war für mich eine andere, dunklere Variante des amerikanischen Way of Life. Allein seinetwegen hätte ich mir vorstellen können, die letzten Lebensjahre, die mir als Alsbald‑Rentner bleiben, in East Hollywood zu verbringen: nicht aus Nostalgie, sondern aus Nähe zu einer Wahrheit, die sich nichts vormacht. Dieser Traum ist nun ebenfalls geplatzt. Nicht weil Bukowski verschwunden wäre, sondern weil das Land, das solche Stimmen aushielt, sich selbst nicht mehr erträgt.

    Das amerikanische Versprechen

    Bei aller – oft berechtigten – Kritik und bei allen Schattenseiten waren die USA für mich immer vier Dinge zugleich: Erstens die Guten. Zweitens unser Freund. Drittens der Beschützer des Westens. Und viertens ein Traumziel.

    Nach einem Jahr Trump II haben sich diese Vorstellungen beim Blick über den Atlantik nahezu verflüchtigt.

    Die Erosion begann früher

    Natürlich begann dieser Prozess nicht erst 2025. Wer ehrlich ist, muss einräumen: Die Erosion setzte früher ein. Spätestens mit der ersten Trump-Präsidentschaft, vielleicht schon mit dem Irakkrieg, mit Guantánamo, mit der Finanzkrise. Aber es gab immer die Hoffnung auf Korrektur. Auf das berühmte amerikanische Pendel. Auf Institutionen, die stärker sind als ein Mann.

    Diese Hoffnung ist in den vergangenen zwölf Monaten in Siebenmeilenstiefeln zerstört worden, bis von ihr kaum noch was übrigblieb.

    Trump II: Kein Chaos mehr, sondern Programm

    Trump II ist nicht Trump I. Was in der ersten Amtszeit noch wie Chaos, Inkompetenz und Eitelkeit wirkte, erscheint heute als Generalprobe. Die zweite Amtszeit begann vorbereitet, organisiert, entschlossen. Loyalisten statt Fachleute. Dekrete statt Debatten. Drohungen statt Diplomatie.

    Der Ton hat sich verändert – und mit ihm die Substanz. Verbündete werden nicht mehr brüskiert, sondern offen verachtet. Internationale Abkommen gelten als Schwäche. Demokratie wird zur Verhandlungssache erklärt, abhängig vom eigenen Wahlergebnis. Medien sind nicht mehr nur Fake News, sondern konkrete Zielscheiben politischer Repression.

    Die gefährliche Normalisierung

    Was mich dabei am meisten erschüttert, ist nicht Trump selbst. Er ist, bei allem Entsetzen, eine bekannte Größe. Er tut, was er immer getan hat. Er sagt, was er immer gesagt hat. Er meint es diesmal nur ernster.

    Erschütternd ist etwas anderes: die Normalisierung. Die Normalisierung der Grenzüberschreitung. Die Normalisierung der Lüge. Die Normalisierung der offenen Verachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Und vor allem: die Normalisierung der Gleichgültigkeit. Ein Land, das einst stolz darauf war, „a city upon a hill“ zu sein, wirkt müde. Abgekämpft. Zynisch. Die großen Worte – Freiheit, Verantwortung, Führung – sind zu Requisiten in einem innenpolitischen Kulturkampf verkommen. Außenpolitik dient der Kränkung, nicht mehr der Ordnung der Welt.

    Europas strategische Zäsur

    Für Europa ist das mehr als ein Stimmungsproblem. Es ist eine strategische Zäsur. Jahrzehntelang konnten wir uns – manchmal bequem, manchmal naiv – darauf verlassen, dass im Ernstfall jemand da ist, der es gut meint mit dem Westen. Nicht immer klug, nicht immer selbstlos, aber im Kern verlässlich.

    Diese Verlässlichkeit ist weg. An ihre Stelle ist eine transaktionale Logik getreten: Was bringt es uns? Wer zahlt? Wer ordnet sich unter? Freundschaft wird bilanziert, Sicherheit privatisiert, Solidarität verspottet.

    Und ja, Europa hätte früher erwachsen werden müssen. Ja, wir haben uns zu lange in moralischer Überlegenheit eingerichtet. Aber all das ändert nichts an der Tatsache, dass der Verlust der USA als stabilisierender Faktor ein historischer Einschnitt ist.

    Abschied von einem alten Freund

    Für mich persönlich fühlt es sich an wie der Abschied von einem alten Freund, den man nicht wiedererkennt. Jemand, mit dem man Erinnerungen teilt, gemeinsame Werte, gemeinsame Siege und Niederlagen – und der nun in einer Sprache spricht, die einem fremd geworden ist.

    Ich weiß, dass es die anderen USA noch gibt. Die Professorin in Boston. Den Erdnussfarmer in Georgia. Die Krankenschwester in Seattle. Die Studentinnen in Yale und Stanford. Menschen, die verzweifelt zusehen, wie ihr Land sich resend schnell von etwas entfernt, das sie selbst verkörpern: Toleranz und Weltoffenheit. Aber sie sind leiser geworden. Oder wurden leise gemacht.

    Vielleicht ist das der schmerzhafteste Punkt: Nicht der Aufstieg des Autoritären, sondern der Rückzug des Liberal-Demokratischen aus dem öffentlichen Raum. Aus Angst. Aus Erschöpfung. Aus dem Gefühl heraus, ohnehin nichts mehr ändern zu können.

    Ein Richtungsentscheid

    Ein Jahr Trump II reicht, um zu verstehen: Dies ist kein Betriebsunfall. Es ist ein Richtungsentscheid.

    Ob er irreversibel ist, weiß ich nicht. Geschichte kennt Wendungen, Überraschungen, Comebacks. Aber sie kennt auch Kipppunkte. Momente, nach denen nichts mehr so wird wie zuvor.

    Der 20. Januar 2025 könnte ein solcher Moment gewesen sein.

    Ich schreibe diese Zeilen nicht aus antiamerikanischem Affekt. Im Gegenteil. Sie kommen aus einer tiefen Verbundenheit heraus. Aus Dankbarkeit für das, was dieses Land einmal war – und für das, was es mir gegeben hat.

    Gerade deshalb schmerzt der Abschied. Vielleicht ist es kein endgültiger. Vielleicht ist es nur ein langes, trauriges Auf Wiedersehen. Aber im Moment fühlt es sich an, als müsste ich ein inneres Kapitel schließen.

    Die USA waren für mich die Guten. Unser Freund. Der Beschützer des Westens. Eine feste positive Größe in meinem Weltbild.
    Heute, ein Jahr nach Trumps zweiter Amtseinführung, bleibt davon vor allem die Erinnerung.
    +++

    Lesen Sie auch: Der Untergang des Abendlandes – Trump und wie er Europa sieht

  • Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe

    Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe

    Hast du die Kommentare unter deiner letzten Kolumne gelesen, will die Chefredaktion von mir wissen.
    Ja, habe ich.
    Du musst dich da mehr zügeln.
    ICH muss mich mehr zügeln?
    Das ist zu hart, was du manchen Kommentatoren antwortest.
    Auf einen groben Klotz ein grober Keil oder so ähnlich. Hätte meine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt.
    Mich interessiert nicht, was deine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt hätte. ICH sage: ZÜGELE dich!! Wir sind ein seriöses Medium und beleidigen unsere Leser nicht.
    Gilt das auch für dämliche Leser?
    JA, auch für die gilt das!
    Okay, okay, ich hab’s verstanden.

    Schreib was über Bukowski.
    Warum? Da gibt’s aktuell kein Jubiläum. Also keinen konkreten Anlass.
    Weil von den Kommentatoren ein paar Mal Bukowski unter deiner letzten Kolumne erwähnt wurde. Deshalb.
    Das reicht als Grund?
    Ja, das reicht. Und dieses Mal weniger Schwänze und Titten. Damit hattest du es in deinem letzten Text übertrieben.
    Manchmal echt schwer, es euch Recht zu machen.
    Jammer nicht, sondern setz dich dran. Schaffst du das bis Sonntag?
    Ich versuch’s.

    Titten & Schwänze machen noch keinen Bukowski

    Ich nehm mir also nochmal meine letzte Kolumne vor und überfliege die darunter stehenden Kommentare. Ich entdecke insgesamt 7 Sätze, in denen das Wort Bukowski vorkommt:

     Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski
     Ganz entfernt an Bukowski
     Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann – offen für alles
     Bukowski lässt grüßen
     du tust Bukowski Unrecht
     Bukowski war ein Genie seiner Zeit
     Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.

    Alles ein bisschen richtig, aber alles auch völlig verkehrt.
    Fangen wir der Reihe nach an.

    Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski.
    Bukowski lässt grüßen.

    Wahrscheinlich, weil ich 7x Titten und 9x Schwanz in dem kleinen Text untergebracht habe (ein Kommentator hatte sich die Mühe gemacht, das durchzuzählen). Des Weiteren kam eine Transe drin vor und ich berichtete davon, wie wir – also die Transe und ich – uns nach einer langen Partynacht im Hochsommer 1982 gegenseitig die Schwänze lutschten.

    Ob das schon Bukowski ist?
    Ja und nein.
    Von seinem Schwanz – den er, um nicht immer Schwanz zu sagen, was auf Dauer dann nämlich ermüdend wirkt, abwechselnd auch Ding und Prügel nennt – und Titten berichtet er viel in seinen Stories. So viel, dass mir als Leser mitunter Zweifel kommen, ob er tatsächlich so viele verschiedene Titten zu Gesicht bekommen hat, wie er in seinen Geschichten behauptet. Denn wenn mal eins bei einem Schriftsteller quasi ein Naturgesetz ist, dann die Tatsache, dass er VIELE Stunden ALLEINE am Schreibtisch sitzt und Buchstabe auf Buchstabe in seine Tastatur reinhämmert. Aus den Buchstaben formen sich Worte, die reihen sich zu Sätzen, die häufen sich zu Passagen, bis dann endlich ein Stapel Papier mit ner fertigen Geschichte drin (oder: drauf) sich vor dem Autor türmt. Einen Schreiber erkennt man zum einen an seiner Kurzsichtigkeit und zum anderen an den Schwielen an seinem Hintern. Zwischen all den Worten und Geschichten bleibt echt nicht viel Zeit für ständig neue Titten. Die Quantität der sich in seinem Bett abwechselnden Frauen ist was, das ich bei Bukowski immer schon leicht in Zweifel gezogen habe. Aber vielleicht stimmt’s auch und meine Zweifel sind falsch oder entspringen bloß meinem Neid auf sein ausuferndes Sexleben. Wobei ich, seitdem ich die 50 überschritten habe, ganz froh bin, dass der Sexualtrieb jetzt nicht mehr der stärkste meiner Triebe ist und abgelöst wurde von der Hantelbank im Fittie und Facebook.

    Ne Story mit ner Transe kenne ich übrigens nicht von Bukowski. Wobei ich zugegebenermaßen viele, aber nicht alle, Stories von ihm kenne. Eventuell gibt’s doch eine, die ich auch schon mal gelesen habe. Falls ja, dann hab‘ ich die Bukowski-Transen-Story jedoch wieder vergessen. Ebenfalls das, also das Vergessen, passiert mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, ständig.

    Also: nur, weil in einem Text 9x Schwanz + 7x Titten + 1 Transe vorkommt, ist es noch kein Bukowski.

    Man kann gute Autoren nicht plagiieren

    Ganz entfernt Bukowski.
    Du tust Bukowski Unrecht.
    Bukowski war ein Genie seiner Zeit.
    Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.

    Alle 4 Kommentare sind Binsen, treffen aber zu. Man kann einen Autor nicht plagiieren. Das gelingt vielleicht für die Textlänge von zwei, drei Seiten; aber niemand schafft das ne komplette Geschichte oder gar einen Roman lang. Der Stil eines Autors ist unverwechselbar und macht das Abkupfern unmöglich. Zumindest für die guten Schriftsteller gilt das. Versuchen Sie mal, einen Henry Miller oder einen Raymond Carver zu kopieren. Länger als 1 Seite werden Sie das nicht durchhalten. Und an dieser 1 Seite werden Sie LANGE sitzen und die Experten werden trotzdem merken, dass es sich um eine mittelmäßige Fälschung handelt. Wenn Sie also unbedingt was kopieren wollen, dann kaufen Sie sich ne Fahrkarte nach Paris, setzen sich im Louvre vor die Mona Lisa und malen die ab. Ist einfacher, als den Stil von Bukowski zu imitieren.

    Was man tun kann – sich als Schreiber von seinen Inhalten inspirieren lassen. In Der Mann mit der Ledertasche (im Original: Post Office) – seinem Roman-Erstling – geht’s ja nicht nur um Schwänze, Titten, Geschlechtsverkehr, Jeden-Abend-saufen-bis-die-Lichter-ausgehen und Wetten auf der Pferderennbahn; zusätzlich nimmt die Schilderung des monotonen Arbeitsalltags im Innendienst der US-amerikanischen Post großen Raum in diesem Buch ein. Wenn man den Innendienst der US-Post der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit den heutigen Billiglohn-Jobs im Hartz4-Deutschland vergleicht (z.B. der Arbeit in einem Callcenter), bemerkt man, dass es zahlreiche Parallelen gibt. Aus Pferderennbahn macht man 1-Euro-Wettbüros (Huren, Geschlechtsverkehr und Saufen waren vor 60 Jahren dasselbe wie heute) und schon hat man die Originalstory einzig durch Veränderung der Schauplätze auf den aktuellen Stand gebracht. Und kann diese „neue“ Geschichte in seinen eigenen Worten erzählen = erinnert ganz entfernt an Bukowski.

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    Kurzer Einschub an dieser Stelle zum Kommentar „Bukowski war ein Genie seiner Zeit“. Ohne jetzt lang und breit darüber zu philosophieren, was ein Genie ausmacht (dazu gibt’s mehr Definitionen als Genies in Facebook), fällt auf, dass der Schreiber die Einschränkung „seiner Zeit“ hinterhergeschoben hat. Wäre er also nach den Maßstäben der heutigen, politisch SEHR korrekten, Zeit nicht mehr als Genie zu betrachten? Ist das Wesen eines Genies jedoch nicht u.a. dadurch bestimmt, dass es zeitlos ist? Oder wäre bspw. das renaissancistische (dieses Adjektiv musste ich googlen) Universalgenie Leonardo da Vinci im März 2023 gar kein Genie mehr? Geniestatus also mittlerweile nur noch mit Verfalldatum? Ich hege, was die Vergänglichkeit angeht, große Zweifel und gehöre zur Fraktion „1x Genie, dann auf ewig Genie“. Gehe deshalb sparsam mit diesem Begriff um und sage in Bezug auf Bukowski auch nur, dass er ne verdammt gute Schreibe hatte und ich ihn echt gerne lese. Ob ne verdammt gute Schreibe gleichbedeutend mit Genie ist, mögen diejenigen beurteilen, die sich berufsmäßig mit Genie-Definitionen beschäftigen. Vorgezogenes PS. es ging diesem Kommentator natürlich nur vordergründig darum, Bukowski den Geniestatus zu gewähren (wenn auch limitiert auf seine Zeit), sondern vielmehr, ihn meiner letzten Kolumne abzusprechen. Und auch das ist natürlich eine Binse, denn wenn meine Texte 1 NICHT sind, dann genial. Hin und wieder sind sie ganz vergnüglich – zumindest ich vergnüge mich beim Tippen –, aber das ist von Genie genauso weit entfernt wie mein aktueller körperlicher Zustand von Arnold Schwarzenegger, als der in „Conan, der Barbar“ mitspielte. Ende des kurzen Einschubs.
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    Sind alle Säufer zwangsläufig Arschlöcher?

    Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann – offen für alles.

    Über diesen Satz (ja ja, es sind 2) habe ich länger nachdenken müssen. Obwohl in klaren Worten formuliert, ist mir der dahintersteckende Sinn nicht ganz klar. Es gibt für Satz 1 nämlich 2 Deutungsweisen:

    (a) versoffen & Arschloch gehören zusammen. D.h. jemand, der säuft, mutiert zwangsläufig zum Arsch
    (b) versoffen und Arschloch stehen nur zufällig (bzw. individuell auf seine Person bezogen) nebeneinander, sind aber ansonsten als 2 separate Phänomene zu betrachten. Man kann also – wenn man nicht Bukowski heißt – zwar saufen, ohne ein Arsch zu sein und es gibt zusätzlich noch die Variante des nicht-trinkenden Arschlochs.

    Mal völlig losgelöst davon, dass die obige Behauptung für Bukowski nicht durchgängig zutrifft – in den 80er Jahren wurde er trocken –, wäre sie in Variante (a) zudem Blödsinn. Denn ich kenne ne Menge recht netter Säufer und ich kenne zudem jede Menge nicht-trinkender Arschlöcher. Und glauben Sie mir – wenn ich von 1 Ahnung habe, dann vom Trinken, von Alkoholikern und von Arschlöchern. Die Mehrzahl der Säufer ist friedlich und will ihre Ruhe haben. Zu dieser Gruppe gehörte ganz sicher auch Charles Bukowski. Denn ohne Ruhe hätte er nie seine VIELEN Kurzgeschichten, Gedichte und Romane schreiben können. Er war also hundertpro nicht der Trinker, der ständig auf Krawall gebürstet seine Umwelt schikaniert und Frauen verprügelt. In der Realität wird er ein zurückgezogen lebender, leicht menschenscheuer Mann gewesen sein, der am liebsten vor seiner Schreibmaschine saß und die größte Befriedigung darin empfand, wenn ihm ein neuer Text gut gelungen war.

    Nun kann aber die Typisierung „Arschloch“ von der Kommentatorin auch dahingehend gemeint gewesen sein, dass sie mit den Inhalten seiner Stories nicht d’accord geht. Zu viel Schmuddelsex drin, zu viele obszöne Worte, zu viel Trinkerei, zu viel Gewette auf Pferde. Ein Frauenbild, das zu wünschen übrig lässt plus eine politische Einstellung, die man nicht exakt verorten kann, was vor allem Linke überhaupt nicht mögen. Linke lesen am liebsten linke Autoren. Und wenn sie mal versehentlich nen konservativen Autor lesen und den, weil sie nicht wissen, dass der eigentlich konservativ ist, gut finden, werden sie ihn sofort verleugnen, sobald ihnen einer steckt, dass sie nen konservativen Autor in den Händen gehalten haben. Linke sind da simpel gestrickt (sie selbst würden das als ideologisch-gefestigt bezeichnen), weshalb ihnen in der Konsequenz ne Menge guter Literatur von konservativen Autoren durch die Lappen geht. Als ich in einer Gruppentherapie in der Suchtklinik Andernach, wo ich nach einem vorangegangenen Besäufnis in Koblenz mal wieder zum Entzug gestrandet war, anregte, eine kleine Exkursion zum 500 Meter entfernt liegenden Geburtshaus von Bukowski zu unternehmen, wurde dieser Vorschlag von der Psychologin mit dem Satz „Der ist doch bloß ein Autor von Trivialliteratur“ abgelehnt. Stattdessen machten wir im Anschluss irgendwas mit Speckstein.

    TRIVIALLITERATUR!!

    Was ist das überhaupt? Warum ist Bukowski trivial, Thomas Mann hingegen nicht? Geht’s da um die verwendeten Wörter, die Länge der Sätze, die Leichtigkeit bzw. Mühsal, die man beim Lesen empfindet? Gilt die Formel: anstrengend zu lesen + überwiegend langweiliger Inhalt -> es muss sich um Hochliteratur handeln? Falls dem so sein sollte, dann bevorzuge ICH eindeutig das Triviale. 5 Seiten Thomas Mann hatten auf mich immer schon dieselbe sedierende Wirkung wie 1 Flasche Rotwein. Während ich „Der Mann mit der Ledertasche“ in einem Rutsch durchlesen kann.

    Aber zurück zum versoffenen Arschloch. Denn dieser Einwand ist ja, wenn wir vom unter Alkoholeinfluss prügelnden (was er nicht getan hat) zum aufgrund literweise Bier und Schnaps völlig enthemmt formulierenden Autor weiterziehen, nicht völlig von der Hand zu weisen. Bukowski hat politisch komplett unkorrekt geschrieben. Speziell sein Frauenbild müsste heutigen Feministinnen den Blutdruck in die ungesunde Höhe von 180 zu 120 schnellen lassen, bevor sie sich mit Benzinkanistern bewaffnet in die Büchereien begeben, um dort seine Romane zu verbrennen. Die Frauen kommen echt nicht gut weg in seinen Geschichten: irgendwas ist immer verkehrt an denen. Zu dauerhafter Liebe ist er – zumindest sein Alter Ego Hank Chinaski – nicht fähig. Es reicht für Sex und gemeinsames Trinken, aber nie hat eine Beziehung auch nur die leiseste Aussicht auf länger anhaltenden Erfolg. Alles währt kurz, ständig werden die Partnerinnen gewechselt und am Ende bleibt der Protagonist alleine vor seiner Schreibmaschine zurück. Was dieses deprimierende Bild abmildert, ist die Fähigkeit des Autors zur Selbstironie. Er sucht die Fehler vor allem bei sich und ist zudem in der Lage, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Nichtsdestotrotz treibt einem die schiere Anzahl der Bettgeschichten – ob die nun alle tatsächlich passiert sind oder in weiten Teilen seiner Fantasie entspringen, ist hier nebensächlich – mitunter den Angstschweiß auf die Stirn. Gut, dass AIDS damals kein Thema war, denkt man als in den 60er Jahren geborener Leser, sonst hätte HIV meinen Lieblingsautor höchstwahrscheinlich frühzeitig dahingerafft. Denn von Kondomen und Verhütung hielt er anscheinend nicht allzu viel. Zumindest erwähnt er solche Vorsichtsmaßnahmen so gut wie nie.

    Frauenbild lässt stark zu wünschen übrig

    Wenn sich jetzt noch zusätzlich zum misogynen Frauenbild herumspricht, dass Bukowski in der Jugend Sympathien für den Faschismus äußerte, ihm linksliberale Intellektuelle noch mehr auf den Sack gingen als republikanisch wählende Rednecks und er, wenn er von Schwarzen spricht, oft das böse N-Wort verwendet, würde sich heute kein Verlag mehr finden, der seine Manuskripte 1 zu 1 abdruckt. Ohne STRENGES Lektorat hätte er im politisch hyperkorrekten Literaturbetrieb keine Chance. Dabei leben seine Texte natürlich jenseits des Inhalts (also der erzählten Story) ganz stark von der politisch unkorrekten Sprache. Ob er in seiner Jugend mit dem Faschismus sympathisierte – drauf geschissen. Was er von linksliberalen Intellektuellen hält – wahrscheinlich dasselbe wie ich. Ob er das N-Wort nutzt: muss man nicht tun, er hat’s aber getan. Und hatte an 1 Tag im Post-Innendienst vermutlich mehr freundschaftlichen Kontakt mit Afroamerikanern als der deutsche linksintellektuelle Durchschnittsleser im gesamten Leben. Und sein Frauenbild – oh jeh, das ist schlimmer als meins. V.a. an der Austauschbarkeit, der Beliebigkeit störe ich mich. Kommt einem nicht irgendwann der Gedanke, dass Quantität auf Dauer nicht glücklich macht? Was bringt der 10.000ste Orgasmus mit der 1000sten Frau, wenn man nicht in der Lage ist, 1 davon rauszupicken, von der man sich vorstellen kann, gemeinsam mit ihr alt zu werden? Bzw. ist es dann nicht schlauer, sich seine eigene Beziehungsunfähigkeit einzugestehen und ins Zölibat zurückzuziehen? Wobei wir hier von der fiktiven Figur Hank Chinaski reden. Der reale Charles Bukowski hatte zwei länger anhaltende Partnerschaften. Aber auch beim vordergründig misogynen Hank schimmert oft durch, dass er ein nach Liebe Suchender ist. Er sie jedoch aus diversen Gründen nie findet. Die Ruppigkeit ist vor allem Selbstschutz aus ständiger Sorge vor dem Verlassenwerden – ein Schicksal, das ihn wie eine Self fulfilling prophecy in beinahe schon monoton zu nennender Frequenz alle paar Wochen aufs Neue ereilt.

    Gedichte als Ausweg aus der schriftstellerischen Geschwätzigkeit

    Dass Bukowski ein hervorragender Schriftsteller ist bzw. war – das steht für mich als Boomer fest, seit ich das erste Buch von ihm Anfang der 80-er Jahre in den Händen hielt. Ich hab damals direkt 3 Romane von ihm hintereinander gelesen. Dann stellte sich ein gewisser Sättigungsgrad ein, weil er begann, sich zu wiederholen. Was viele Autoren tun. Man kann ja nicht jeden Tag was völlig Neues aufs Papier zaubern. Aber nach 3 Büchern war mein Bedarf an Schwänzen, Titten, saufen, bis der Rettungswagen kommt, Pferdewetten und Schilderungen des Lebens am Rande der Gesellschaft erst mal gedeckt. In den 90-er Jahren kaufte ich mir ein paar Bände seiner Kurzgeschichten und in den 2000-ern kamen die Gedichte hinzu. Mit den Letztgenannten fremdelte ich anfangs, denn ich dachte: nicht alles, was im Schüttelsatz daherkommt, ist zwangsläufig Poesie. Ein Mitpatient erklärte mir im Raucherzimmer einer Suchtklinik, dass man sich darauf einlassen müsse (eigentlich eine Binse), dann würden einem die Gedichte irgendwann am besten gefallen. Und da man in nem Alkoholentzug außerhalb der täglichen Gruppentherapie vor allem eins hat – nämlich massig Zeit, ließ ich mich 14 Tage lang darauf ein. Und ja, der Mitpatient hatte Recht gehabt: die Schüttelsatz-Gedichte von Bukowski fingen an, mich zu faszinieren. Weil da viel Wahres auf knappem Raum konzentriert war. Jahre später entdeckte ich eine Aussage von Bukowski dazu – die ich, weil ich nicht mehr weiß, wo ich die gefunden habe, hier bloß noch sinngemäß wiedergebe: „Meine Gedichte sind mir von allen Texten die liebsten, weil ich gezwungen bin, mich kurz zu fassen und jede Geschwätzigkeit vermeide.“ Ja, so ist es! Romane sind geschwätzig und Kolumnen sind es sowieso. Die Kurzgeschichte ist ein Hybrid, Bloß das Gedicht schafft es, eine Sache präzise und knapp auf ihren wesentlichen Kern zu reduzieren. Der Gedanke gefiel mir außerordentlich. Seitdem lese ich abends oft Gedichte, schreibe aber selbst so gut wie keine. Ich bin halt ein notorisch geschwätziger Kolumnist.

    Moralischer Spagat der Facebook-Zeitgeistavantgarde

    Was mich oft erstaunt, ist die Wertschätzung, die Bukowski bei der linksliberalen Facebook-Zeitgeistavantgarde erfährt. Er schreibt ja durchgängig so, dass er nicht nur Radikal-Feministinnen die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste. Hätte man vor einigen Jahren 1 seiner Gedichte an die Außenwand der Berliner Uni gehängt (statt die stinklangweilige Frauen-sind-wie-Blumen-Poesie), ohne drunter zu erwähnen, dass es von ihm stammt – die Studenten hätten nicht bloß die sofortige Entfernung gefordert, sondern in einem Aufwasch gleich noch den Rektor und den Hausmeister gelyncht. Dieselben Leute, die im virtuellen Raum Amok laufen, sobald sie da Zigeunerschnitzel und Mohren-Apotheke lesen, drücken bei Hank beide Augen zu, streicheln verträumt über ihren Hoden und sagen dann so Sachen wie: „Bukowski war ein Prophet des anderen Amerika.“ Verstehen Sie das? Ich tu’s nicht. Aber ich bin auch kein linksliberaler Intellektueller.

    Ich kann mir diesen moralischen Spagat nur so erklären, dass die Zeitgeist-Avantgarde ihn zum einen mag, weil er seit knapp 30 Jahren unter der Erde liegt und man zum anderen bei ihm die Vulgarität und das Obszöne als reine Stilmittel ansieht, mit deren Hilfe der Autor einen tieferen Inhalt transportiert. Das stimmt, aber ist trotzdem nur die halbe Wahrheit. Gibt ne Menge Stories von Bukowski, die sind einfach nur vulgär, bar jeder dahinterstehenden Botschaft. Es sei denn, man interpretiert die Depression, die den Protagonisten pünktlich nach jedem Orgasmus überkommt, bereits als bedeutsame tiefenpsychologische Erkenntnis. Ansonsten tut Bukowski das, was jeder gute Schriftsteller am liebsten macht: er hämmert spontan eine Geschichte in die Tastatur, ohne sich vorher großartig Gedanken über darin eventuell zu transportierende Botschaften zu machen und erfreut sich an seiner Fähigkeit, Worte so aneinanderzureihen, dass der Leser sich dadurch unterhalten fühlt. Wenn das trivial ist – von mir aus. Erfrischender als vieles von dem, was die deutsche Schriftstellerzunft hervorbringt, ist es allemal.

    Um ihn richtig zu verstehen, muss man wahrscheinlich selbst Alkoholiker sein. Dann kann man seine chronische Menschenscheu (was nicht dasselbe wie Misanthropie ist), die Unfähigkeit, sich auf längere Beziehungen einzulassen, die ständige Flucht in Bier & Schnaps, das Hinübergleiten in Parallelwelten (bei ihm die Symphonien von Mahler), die Verachtung dem Dasein gegenüber – ohne allerdings Selbstmord als Ausweg zu wählen, weil sich ein letzter Funke Verstand doch beharrlich am Überleben festklammert – aufgrund eigener, ähnlich gelagerter Gefühle gut nachvollziehen. Und während des Rausches wird dem Trinker bewusst, dass all sein Tun eitel und nichtig ist. Wie winzig und irrelevant wir aus dem Blickwinkel des Universums doch sind: Weltraum-Amöben, die niemand vermisst, wenn unser Planet uns eines Tages um die Ohren fliegt.

    Stünde Bukowski morgen aus dem Grab auf und wir legten ihm seine Bücher zur Überarbeitung (z.B. das böse N-Wort ausmerzen) vor, dann würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Verbrennt alles und behaltet bloß 1 Dutzend Gedichte. Der ganze Rest war eitles Geschwätz. Und jetzt entschuldigt mich bitte; ich habe Durst und will mir ordentlich einen hinter die Binde kippen, denn in der Säuferhölle gibt’s leider nichts zu trinken.

    Lassen Sie uns zum Schluss dieser Jammer-Boomer-Kolumne ein paar Sachen festhalten:
     Bukowski ist vom Standpunkt des heutigen Zeitgeistes aus betrachtet völlig unkorrekt
     Seine Leserschaft wird überwiegend männlich sein (altersmäßig möchte ich mich nicht festlegen. Vermutlich mehr Boomer als Generation Z)
     Er ist einer der schärfsten Beobachter der dunklen Seiten des American way of lifes und der dazugehörigen Abgründe der menschlichen Natur, den ich kenne (und damit wir als Deutsche nicht sofort wieder in unseren Reflex „klar, die bösen Amis“ verfallen: es gibt selbstverständlich auch genügend dunkle Seiten unserer eigenen Lebensweise)
     Bukowski gehört zu den Top-5-Autoren des US-Literaturbetriebs des 20sten Jahrhunderts
     Dass er jahrzehntelang zu viel getrunken hat, hat seiner Schaffenskraft nicht groß geschadet. Sein Œuvre ist echt enorm
     Und – um den Bogen zurückzuschlagen zum Ausgangspunkt dieser Kolumne: NIEMAND kann ihn kopieren.

    Ein paar Lesetipps

    Hier der guten Ordnung halber noch seine Romane in chronologischer Reihenfolge (in Klammern dahinter, wie ich sie ranke):
     Post Office/ Der Mann mit der Ledertasche (1)
     Factotum/ Faktotum (5)
     Women/ Das Liebesleben der Hyäne (4)
     Ham on Rye/ Das Schlimmste kommt noch (2)
    Hollywood (6)
     Pulp/ Pulp – ausgeträumt (3)

    Als Einstieg in seine Kurzgeschichten empfehle ich: Fuck Machine (entnommen aus dem größeren Band: Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness). Und wer wissen will, was für Gedichte der alte Mann aus East Hollywood schrieb, dem sei Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang ans Herz gelegt.

    Und nun möchte ich mit diesen 2 Zitaten schließen:

    Neulich Abend habe ich mit einem Freund getrunken, der meinte, oder vielleicht sagte ich es auch selbst: „Es ist schwer, den Geruch der eigenen Kacke nicht zu mögen“. Wir unterhielten uns darüber, wie wir nach getaner Arbeit unsere Haufen betrachten und der Anblick uns mit Stolz erfüllt.
    © Bukowski über Bukowski, in: Held außer Betrieb, Stories und Essays 1946 bis 1992

    Er schaufelte sich Kohle in den Schädel und Diamanten sprühen aus seinen Fingern.
    © Tom Waits (auf dem Buchdeckel von: Held außer Betrieb)

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    Charles Bukowski
    * 16. August 1920 als Heinrich Karl Bukowski in Andernach; † 9. März 1994 in San Pedro, Los Angeles.

    C.B. wuchs während der Wirtschaftskrise in Los Angeles auf. Schon als Kind ein Außenseiter, fand er früh Halt bei Literatur und Alkohol. Unzählige schlecht bezahlte Jobs und ein Leben in billigen Absteigen, erste Short Story mit 24, lebensgefährliche Magenblutung mit 35. Erst mit 50 konnte er vom Schreiben leben, wurde auch in Deutschland Kultautor. Seit seinem Tod wird weiter aus dem Nachlass veröffentlicht, eine literarische Gesellschaft, die seinen Namen trägt, gegründet und sein alter Hinterhof zum Kulturerbe erklärt. Heute ist Bukowski ein moderner Klassiker.
    © Kurz-Cv in: Held außer Betrieb

  • Eine weißhaarige Fut

    Eine weißhaarige Fut

    »Charles Bukowski ist ein Trivialautor. Seine Bücher sind schmuddelig«, sagte die Oberschwester der Andernacher Suchtklinik, als Herbert und ich von unserem Abendspaziergang zurückkamen.
    »Sie haben keine Ahnung!«, sagte Herbert, der ein großer Fan von Bukowski war und zehn Bücher des Trivialautors mit in den Entzug genommen hatte. Ich bewunderte Menschen wie ihn. Wenn ich in den Entzug ging, hatte ich außer den Klamotten, die ich am Körper trug, nichts dabei und musste mir die Zahnbürste vom Klinikpersonal leihen.
    »Sie haben echt KEINE Ahnung, Schwester«, sagte Herbert nochmal. »Bukowski ist der GRÖßTE US-amerikanische Schriftsteller nach dem zweiten Weltkrieg. Wer was anderes behauptet, hat von Literatur keine Ahnung.«
    »Wie viele Distra bekommen Sie zur Nacht?«, erkundigte sich die Oberschwester bei Herbert.
    »Noch 4.«
    »Komisch, auf meinem Plan stehen bloß 2.«
    »Das kann nicht sein. Hundert Prozent sind es 4.«
    »Wenn auf dem Plan nur 2 draufstehen, darf ich Ihnen auch nur 2 geben. Tut mir leid.«
    »Rufen Sie den Arzt vom Dienst. Sofort!«, schrie Herbert.
    »Der ist unterwegs. Kommt frühestens in 5, 6 Stunden zurück. Bis dahin schlafen Sie schon«, sagte die Oberschwester und gab Herbert die 2 Distra.

    »Und Sie, Herr Hirsch, was halten Sie von Bukowski?«, wandte sich die Oberschwester nun an mich.
    »Ein interessanter Autor«, sagte ich, »aber ich kenne ehrlich gesagt nicht allzu viel von ihm. Das was ich bisher gelesen habe, ließ sich recht einfach lesen. Ist halt großenteils trivial und an manchen Stellen wirklich schmuddelig.«
    »Wie viele Pillen bekommen Sie heute Abend?«
    »4.«
    »Stimmt: 4. Steht so auch im Plan drin«, sagte die Oberschwester und drückte mir 4 Distra in die Hand.

    »Du bist ein Arsch«, sagte Herbert, als wir wieder draußen auf dem Flur standen. Er war das erste Mal im Entzug und musste die Spielregeln der Klinik noch lernen. Heute Nacht, zitternd, mit zu wenig Pillen im Bauch, würde er sie begreifen.

    Von Andernach nach L.A.

    Henry Charles – ursprünglich getauft auf die schönen deutschen Vornamen Heinrich und Karl – Bukowski wurde am schwül-heißen 16. August 1920 – übrigens ein Montag –, Uhrzeit von der Hebamme nicht protokolliert, in Andernach geboren. Ein beschauliches Städtchen , malerisch gelegen am Fuß der Vulkaneifel mit sehenswertem Blick über den Rhein – der hier Stromkilometer 612 durchfließt – auf die am jenseitigen Ufer schroff ansteigenden Hügel des Westerwalds. In der Aktienstraße 12 (keine Ahnung, welche Aktien dort jemals gehandelt wurden) in einer Erdgeschosswohnung, in der heute ein Karnevalsshop traditionelle Prinzengarde- & Funkemariechenkostüme und Fastnachtsorden vertreibt, was dem großen Dichter sicher sehr gefallen hätte. Vater Henry Bukowski sen. war als Besatzungssoldat nach WK1 für ein paar Jahre im Rheinland stationiert worden, patrouillierte tagsüber den Fluss entlang und stellte abends den einheimischen Mädchen nach. Wie man es als anständiger Besatzungssoldat halt so tut. Dabei verguckte er sich in die damals reizend anzusehende und mit ihren Reizen nicht geizende Andernacherin Katharina Fett, schwängerte und – auf sanften Druck der zukünftigen Schwiegerfamilie hin – ehelichte diese. Die Romantischer-Mittelrhein-Periode währte nur kurz. 1923 übersiedelte die Familie nach Los Angeles. Heinrich Karl – mittlerweile zu Charles Henry amerikanisiert –, der zeitlebens gerne deftig nach Hausfrauenart aß und sich von seinem Onkel (mütterlicherseits) Heinrich jede Weihnachten ein paar Pullen Müller-Thurgau (lieblich) aus dem Ahrtal nach East Hollywood schicken ließ, wird seine Heimat nun für lange Zeit nicht wiedersehen. Ein einziges Mal anlässlich einer Deutschlandtournee, die er auf Einladung seines Übersetzers und engen Freunds Carl Weissner absolvierte, kehrte er Ende der 70er Jahre für 24 Stunden in seine Geburtsstadt zurück.

    Klein-Charles spricht anfangs Englisch mit einem starken deutschen Akzent, wird deshalb – und wegen seiner starken Akne – von den anderen Kindern gehänselt, begreift schnell, dass er anders ist, sondert sich ab. Seinen Vater schildert er in Briefen und einzelnen Textfragmenten als sehr streng, teils cholerisch mit Hang zu häuslichen Prügelorgien. Es gibt sogar eine Kurzgeschichte – Titel ist mir leider entfallen – in der der junge Charles seinen Vater krankenhausreif schlägt, bevor er das Elternhaus für immer verlässt. Wie viel daran Realität ist, und wie viel dazu erfunden wurde? Keine Ahnung. Die Mutter beschreibt er als still, genau wie er unter der Tyrannei des Vaters leidend. Charles verbringt viel Zeit in der kommunalen Bibliothek, kommt dort mit den Werken von Sinclair Lewis, D.H.Lawrence, John Dos Passos, Sherwood Anderson, Ernest Hemingway und den russischen Autoren in Berührung, verschlingt deren Bücher. 1939 schreibt er sich am Los Angeles City College für das neue Fach Journalistik ein, bricht das Studium jedoch nach kurzer Zeit wieder ab, beginnt seine Wanderjahre, die ihn kreuz und quer durch die USA führen. Er jobbt als Briefträger, Verkäufer in einem Antiquitätenshop, hängt im Akkord Schweinehälften im Schlachthof an Eisenhaken, macht die Tür in nem Striplokal in Texas, pflückt Äpfel und Pfirsiche auf südkalifornischen Obstplantagen. Allein die Liste seiner Hilfstätigkeiten würde eine komplette Kolumne füllen.

    Nach ner Magenblutung beginnt Bukowski mit dem Gedichteschreiben

    1943 wird er gemustert und aufgrund physischer sowie mentaler Unzulänglichkeiten als untauglich für den Militärdienst eingestuft, weshalb ihm ein Einsatz an den Fronten des Zweiten Weltkrieges erspart bleibt. Hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Denn von diesen Fronten im Pazifik und in Europa sind viele G.I.s gar nicht oder als Krüppel zurückgekehrt.

    Ab 1952 probiert er sich drei Jahre lang als Briefträger. 1954 wird er wegen einer Magenblutung, die beinahe tödlich verläuft, in ein Krankenhaus eingeliefert und beginnt danach mit dem Gedichteschreiben. 1958 erneut zur Post, diesmal im Innendienst. Elf stupide Jahre als Briefsortierer. Diese Erlebnisse verarbeitet er in seinem ersten – 1971 erschienenen – Roman Der Mann mit der Ledertasche. Er schreibt nachts und am Wochenende für diverse Magazine, die Namen tragen wie: Sparrow Press, Harlequin, Open City und The Outsider.

    Er gilt als ungeschliffenes Juwel, ist bekannt bei Underground-Insidern, befindet sich jedoch von literarischem Ruhm noch so weit entfernt wie Wladimir Putin vom Friedensnobelpreis.

    Seit den frühen 70er Jahren konzentriert sich Bukowski nur noch aufs Schreiben, mit dem er sich anfangs mehr schlecht als recht über Wasser hält. Die Schilderungen seiner verschimmelten Apartments in East Hollywood, in denen die Farbe von der Decke bröckelt, die Wasserhähne chronisch lecken und die Klospülungen nie funktionieren, sind Legion. Der schriftstellerische Erfolg mitsamt den dazugehörigen Tantiemen stellt sich erst in den 80ern ein. Bukowski zieht nun von Downtown nach San Pedro. Vom Kiez in einen noblen Vorort. Böse Zungen behaupten, dass von diesem Moment an auch seine Schreibe zahmer, müder, beinahe altersmild wird. Auf seiner klapprigen Olympia Traveller de Luxe tippt er ohne Unterlass bis kurz vor seinem Tod, der ihn im März 1994 ereilt. Ein unglaubliches Œuvre, das er hinterlassen hat: 6 Romane, hunderte Kurzgeschichten, tausende Gedichte, mehrere Regalmeter voller Briefe.

    Bukowski war einige Male fest liiert – davon zweimal verheiratet – und hat eine Tochter, Marina Louise (*1964), an der er sehr hing, und die in Interviews zärtlich von ihm als liebevollem Vater spricht.

    Beim Dichten und wenn ihn der Blues packte – was häufig gemeinsam passierte – hörte er gerne Musik von Mahler, Beethoven, Schumann, Wagner, Bruckner und in späteren Jahren Bach.

    Mit diesem soliden Hintergrundwissen ausgestattet wollen wir uns nun einige seiner Texte zu Gemüte führen.

    Nichts riecht so fein wie guter, sauberer Schweiß

    Beginnen wir mit zwei, qua Zufallsstichprobe ausgewählten, kurzen Passagen aus seinen Romanen:

    Sie hatten diese Sache, die sie Schulung nannten, dreißig Minuten in jeder Nacht, und in der Zeit brauchten wir wenigstens keine Post zu sortieren
    […]
    »Nichts riecht so fein wie guter sauberer Schweiß, doch nichts riecht schlimmer als alter, abgestandener Schweiß.«
    […]
    »Ich möchte, daß Sie verstehen, daß wir unter allen Umständen sparen müssen! Über eines müssen Sie sich im klaren sein: JEDER BRIEF, DEN SIE VERTEILEN – JEDE SEKUNDE, JEDE MINUTE, JEDE STUNDE, JEDEN TAG, JEDE WOCHE – JEDER BRIEF, DEN SIE ZUSÄTZLICH ZU DER VORGESCHRIEBENEN ANZAHL VERTEILEN, TRÄGT DAZU BEI, DIE RUSSEN ZU BESIEGEN! So, das ist alles für heute. Bevor Sie weggehen, bekommen Sie noch Ihre Tabelle mit den Zustellbezirken.
    Tabelle mit den Zustellbezirken. Was war denn das?
    Einer ging herum und teilte diese Listen aus.
    »Chinaski?«, sagte er.
    »Ja?«
    »Sie haben Bezirk 9.«
    »Danke«, sagte ich.
    © Der Mann mit der Ledertasche, Kap. 18

    Können Sie den Schweiß, der aus 50 Briefsortierer-Achselhöhlen während der mitternächtlichen Unterrichtseinheit durch den Schulungsraum wabert, förmlich riechen? Also, ich kann es. Und dass die Russen alsbald kommen, wusste noch mein Vater bis weit in die 80er Jahre hinein zu berichten.

    Der Mann mit der Ledertasche war Bukowskis erster Roman. Nix Langes: 200 Taschenbuchseiten. Ginge auch noch für ne Novelle durch. Die Rohfassung angeblich binnen vier Wochen zu Papier gebracht. Kann man, wenn man vier Wochen lang nicht kocht, duscht und staubsaugt sicher schaffen. Danach sieht man aus wie der Penner, der einen immer am Eingangsportal der S-Bahnstation um nen Euro anhaut, und riecht auch nicht besser. Aber man hält stolz 200 Seiten Manuskript in den Händen. Sein Erstling ist mMn der beste Roman von Bukowski. Weil er hier halt seine sonst manchmal etwas ermüdende Sauf-Fick-Rennbahn-Kohle-im-Striplokal-verprassen-Handlung mit einer ordentlichen Portion Sozialkritik anreichert. Wer Mann mit der Ledertasche gelesen hat, möchte ums Verrecken nicht bei der Post arbeiten. Weder als Briefträger noch als Sortierer im Innendienst.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt. Es ergab sich einfach nichts mit Frauen. Ich sah sie an, wenn sie mir auf der Straße oder sonstwo begegneten, doch ich sah sie ohne Verlangen an und mit einem Gefühl von Vergeblichkeit. Ich onanierte viel, doch die Vorstellung, ein Verhältnis mit einer Frau zu haben, selbst ohne Sex, war für mich in weite Ferne gerückt.
    © Das Liebesleben der Hyäne, Kap. 1

    Liebesleben der Hyäne war übrigens der erste Roman, den ich – auf Empfehlung eines Kumpels hin – von Bukowski las. Muss so um 1985 herum gewesen sein. Wie ich das damals als viel Zeit habender Student gerne mit Büchern, die mir gefielen, tat: an einem verregneten Wochenende in einem Rutsch durch. Wow!, sagte ich im Anschluss zu mir selbst, dieser Autor hat’s drauf. Und ich besorgte mir umgehend den zweiten Roman, Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend, dem ich noch ein drittes Buch, Faktotum, folgen ließ. Danach hatte ich erstmal genug von Bukowski. Mich faszinierte seine schnörkellose Sprache, sein Mut, Obszönes und Unappetitliches unbeschönigt zu Papier zu bringen, sein sich in den Dunkelgrau-Bereichen der menschlichen Existenz Bewegen. Aber dieses beständige Sich-in-den-Dunkelgrau-Bereichen-Bewegen ließ mich nach diesen drei Büchern auch an meine Sättigungsgrenze geraten. Ich wusste nun – oder glaubte als Student, der noch nicht richtig trocken hinter den Ohren war, zu wissen – was Bukowski mir und der Welt mitteilen wollte: Das Leben ist eines der härtesten, zu ertragen bloß mit Unmengen Alkohol, Verachtung jeglichen Konsums, der über die rein primäre Bedürfnisbefriedigung hinausgeht, und Frauen bumst man, man verliebt sich aber nicht in sie. Botschaft, die ich zwar zu 50 Prozent damals teilte, deren häufige Wiederholung in den drei o.g. Romanen mich jedoch alsbald langweilte. Ich legte Bukowski beiseite, las andere Autoren, verliebte mich ein paar Mal, versuchte eine Zeit lang, ein erfolgreicher und gut verdienender Geschäftsmann zu werden, heiratete, beschäftigte mich mit Ehefrau und Kindern, sorgte mich um die Liquidität auf unserem Bankkonto und die pünktliche Ratenzahlung fürs kleine Haus, das wir uns gekauft hatten, und verlor bei dieser täglichen Ameisentätigkeit den Grantler aus East Hollywood komplett aus den Augen.

    Buk hätte dazu gesagt:

    Manchmal muss man einfach ins Waschbecken pinkeln.

    Die Stripperin, die sich die Mösenhaare weiß färbte

    Ich begegnete ihm tatsächlich erst zwanzig Jahre später wieder, als Herbert, von dem Sie – falls Sie die Kolumne bis hierhin aufmerksam gelesen haben – bereits erfuhren, dass er ein Riesen-Fan des sMn größten US-amerikanischen Schriftstellers nach dem Zweiten Weltkrieg war, mit zehn Bukowski-Büchern im Gepäck in der Andernacher Suchtklinik aufschlug. Begleitet von seiner Mutter, was ich damals als etwas unmännlich empfand, denn ein richtiger Kerl wie ich ging mutterselenallein in die Klinik. Wobei ich der Ehrlichkeit halber zugeben muss, dass ich so oft in der Klinik war, dass ich beim besten Willen nicht mehr sagen kann, ob ich tatsächlich jedes Mal solo dort aufkreuzte. Die statistische Wahrscheinlichkeit legt nahe, dass ich bei insgesamt rund dreißig Aufenthalten 3x von irgendjemand dorthin begleitet worden war. Aber das ist an dieser Stelle unwichtig und nur nebenbei erzählt. Zurück zu Bukowski. Herbert, nachdem er sich tränenreich von seiner Mutter getrennt und in einem Dreierzimmer eingecheckt und erstmal seinen Rausch ausgeschlafen hatte, entpuppte sich am darauffolgenden Tag beim Mittagessen als netter und sehr belesener Mensch, mit dem man sich auch mal über was anderes als den Krankenhausfraß, die Tablettenration, die von Abteilung zu Abteilung variierte, was einige Patienten als himmelschreiende Ungerechtigkeit ansahen, und den Knackarsch der jungen Therapeutin unterhalten konnte. Er gab mir einen Band mit Kurzgeschichten und sagte: »Lies die. Die sind zum einen besser als die Romane und zum anderen im Alkoholentzug leichter verdaulich«.

    Und ich las so Sachen wie: Knochenarbeit mit einem 45er Colt, Der Tag, als wir über James Thurber sprachen, Irrenhaus in East Hollywood, Der große Kiffer-Schwindel und Eine weißhaarige Fut.

    Sie lacht und geht rüber, um das Gift zu mixen. Ich drehe mich um, damit sie’s leichter hat. Sie stellt das Glas vor mich hin.
    »Ich mag dich«, sagt sie. »Mit dir fick ich jederzeit nochmal. Für’n alten Mann bringst du ganz gute Tricks auf die Matratze.«
    »Danke. Deine weiße Perücke bringt immer das Beste aus mir raus. Ich bin abartig veranlagt. Ich steh auf junge Weiber, die so tun, als wären sie alt. Und auf alte, die so tun, als wären sie jung. Ich steh auf Strumpfhalter, Strapsen, hochhackige Latschen, hauchdünne rosarote Slips, auf das ganze geile Drumherum.«
    »Ich hab ne Nummer drauf, wo ich mir die Mösenhaare weiß färbe.«
    »Hervorragend.«
    »Trink dein Gift.«
    »Oh ja, danke.«
    »Nichts zu danken.«

    Ich trinke den Mickey und lege sie alle rein.
    © Eine weißhaarige Fut, in: Schlechte Verlierer

    Ist das obszön, ist das trivial, ist das (zu) leicht verdauliche Literatur? Keine Ahnung. Sagen Sie es mir. mMn ist es eine hervorragend dargestellte, leicht ins Groteske gesteigerte, Szene, die in nem abgeranzten Stripschuppen in der Nähe des L.A.-Güterbahnhofs spielt, in dem die Kerle entweder an der Bar über Pferdewetten diskutieren, den Stripperinnen beim Strippen zuschauen und hin und wieder mit ner Stripperin in deren verschimmeltes Zimmer verschwinden. Mehr an Botschaft steckt nicht dahinter? Nein, mehr an Botschaft steckt nicht dahinter. Muss ja nicht hinter jeder Güterbahnhof-Stripschuppen-Barszene immer gleich ne Riesenbotschaft verborgen sein. Mir persönlich reicht mitunter ne Stripperin, die sich die Möse weiß färbt, um mich gut unterhalten zu fühlen.

    Großmeister des spontanen Zeilenumbruchs

    Die Kurzgeschichten, die mir Herbert in die Hand gedrückt hatte, gefielen mir außerordentlich gut. Binnen eines Tages war ich damit durch und verlangte Nachschub. Nun gab er mir einen Band mit Bukowski-Gedichten: Nicht mit sechzig, Honey – Gedichte vom südlichen Ende der Couch.

    Und hier könnten wir nun einen uferlosen literaturtheoretischen Diskurs über das Wesen von Gedichten starten. Ist das, was uns Bukowski als Gedicht kredenzt, überhaupt ein Gedicht im strengen Deutschlehrer-Sinn? Also reimt sich, verfügt über Versmaß und Rhythmus und all solche, aus Sicht von Deutschlehrern essenzielle, Bestandteile, die Lyrik von der Prosa unterscheiden? Vergessen Sie all das, was Sie im Deutschunterricht über Poesie gelernt haben, wenn Sie Bukowski lesen. Bei ihm ähneln die Gedichte eher Kurzgeschichten und Textsplittern, bei denen die einzelnen Sätze mittels unergründlichen Zeilenumbrüchen voneinander getrennt werden. Habe darüber in den vergangenen Jahren endlose und zu keinem Ergebnis führende Diskussionen in diversen Autorenforen geführt. Wer sich streng am Wilhelm-Busch-Versmaß orientiert und alles andere für schlechte Lyrik einschätzt, wird mit Bukowski nicht glücklich werden. Für alle anderen, die es nicht so Wilhelm-Busch-dogmatisch sehen wie ihr Deutschlehrer, hier drei – wiederum zufällig ausgewählte – Gedichte vom Großmeister des Spontanzeilenumbruchs:

    DOCH EIN GUTER HAUFEN
    Ich höre immer noch von den
    alten Hunden: Männer, die
    seit Jahrzehnten schreiben
    alles Dichter, sie sitzen
    weiter an ihren Maschinen
    und schreiben
    besser denn je
    trotz Ehefrauen und Kriegen
    und Jobs und allem
    was so passiert.
    Viele konnte ich als Menschen
    oder Künstler nicht leiden
    doch ich übersah ihr
    Stehvermögen und
    ihre Fähigkeit
    sich zu verbessern.

    Diese alten Hunde
    die in verräucherten
    Buden hausen und zur
    Flasche greifen …

    Sie dreschen auf das
    Farbband – sie sind da
    um zu kämpfen.
    © aus: Roter Mercedes, Gedichte 1984-86

    EIN GENIE
    Heute hab ich im Zug einen
    genialen Jungen
    kennengelernt.
    Er war ungefähr 6 Jahre alt,
    saß direkt neben mir,
    und als der Zug an der Küste
    entlangfuhr
    sah man das Meer
    und wir schauten beide aus dem
    Fenster
    und sahen das Meer an
    und dann drehte er sich
    zu mir um
    und sagte,
    „Das is nich schön.“

    Da ging mir das zum
    ersten Mal
    auf.
    © u.a. in: Charles Bukowski, 439 Gedichte

    Bei all seiner vordergründigen Misanthropie, Bärbeißigkeit und offenkundigem Hang zu Alkohol und schnellem Sex hat Bukowski auch wunderschöne Liebesgedichte hinterlassen, von denen ich nun eins im englischen Original vorstellen werde:

    FOR JANE
    225 days under grass
    and you know more than I.
    They have long taken your blood,
    you are a dry stick in a basket.
    Is this how it works?
    In this room
    the hours of love
    still make shadows.

    When you left
    you took almost
    everything.
    I kneel in the nights
    before tigers
    that will not let me be.

    What you were
    will not happen again.
    The tigers have found me
    and I do not care.
    © in: The days run away like wild horses over the hills

    Nach 225 Tagen unter Dauerstrom verlässt sie ihn Hals über Kopf. Und er, alleine zu Hause in der ausgeräumten Wohnung sagt: „In diesem Raum werfen die Stunden unserer Liebe immer noch lange Schatten“: Wow! Prägnanter kann man Schmerz und Leere nicht ausdrücken. „Die Tiger haben mich gefunden, und mir ist es egal.“ Genau so fühlt sich Liebeskummer an, der einer mittelschweren Depression gleicht.

    Und damit soll es in dieser Kolumne genug sein mit Passagen aus Romanen & Kurzgeschichten und Bukowski-Gedichten. Was ist mit seinen Briefen, sagen Sie? Er hat doch auch ne Unmenge an Briefen hinterlassen. Ja, hat er, antworte ich. Aber Briefe sind aus meinem Verständnis heraus was Bilaterales und gemäß meiner Erziehung etwas, dessen Inhalt vertraulich ist und außer Sender und Empfänger niemand anderen was angeht. Weshalb ich fremder Leute Briefe weder lese, noch aus ihnen hier zitieren will.

    Der Misanthrop aus East Hollywood  war zeitlebens ein Liebender

    Ich möchte die Stories und Gedichte auch nicht langatmig interpretieren oder gar totanalysieren, sondern einzig auf mich und Sie wirken lassen. Wer noch über einen letzten Rest Empathie verfügt, spürt, dass sich hinter dem ganzen Dreck, dem Suff, dem häufig miesen Lyrischen Ich ein hochsensibler Mann verbirgt, der zeitlebens auf der verzweifelten Suche nach Nähe war. Ein kalifornischer Steppenwolf. Ein LIEBENDER! Es ging ihm niemals darum, sich in billigen Absteigen von fetten Nutten das Gehirn aus dem Schädel vögeln zu lassen; er will uns mit diesen grellen Bildern bloß das Dasein mit all seiner Härte aufzeigen. Niemand beschreibt den tristen Alltag der Menschen und ihre widersprüchlichen Gefühlslagen so exakt wie der misanthrope Schriftsteller aus East Hollywood. Wenn ihn die Traurigkeit ergriff – und die hätte ihn heute bei all den Trumps, Johnsons, Le Pens, Salvinis und Gaulands ganz sicher oft gepackt –, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und dichtete die Nächte durch. Von ihm stammt das Bonmot:

    Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.

    Wobei dieses Zitat mittlerweile inflationär von Leuten verwendet wird, die den monatlichen Absacker mit den Kollegen aus der Buchhaltungsabteilung bei der Happy Hour in der Eckkneipe bereits als eine wilde Alkoholsause à la Barfly einstufen, bevor sie sich am Morgen danach erst zu Hause die Seele aus dem Leib kotzen, und danach ab 9h wieder brav vor ihren Bildschirm setzen, wo sie mit schmerzendem Schädel Zahlenreihen im Akkord eintippen und miteinander abgleichen. Bis zur nächsten Happy-Hour-Alkoholsause mit den Kollegen im kommenden Monat. Aber dafür kann Bukowski ja nichts.

    Besser gefällt mir dieser Spruch hier:

    Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen.

    Mein Ehrgeiz wird ständig durch meine Faulheit behindert

    Bukowskis Werk ist rein mengenmäßig betrachtet enorm. Alle Seiten ausgedruckt und übereinander gelegt erhielte man vermutlich einen Stapel in der Größenordnung des Kölner Fernsehturms. Sie kennen den Kölner Fernsehturm nicht? Ist völlig okay. Lohnt auf jeden Fall nicht, nur für diesen architektonisch belanglosen Fernsehturm nach Köln zu fahren. Hoch ist er übrigens 266 Meter.

    Solch ein Output ist schon erstaunlich für einen Mann, der einst sagte:

    My ambition is handicapped by my laziness.

    Ich behaupte, dass ICH, was tägliches Schreiben anbelangt, SEHR viel fauler bin als Bukowski. Schon das Tippen dieser mittlerweile 3000 Wörter langen Kolumne bereitet mir so langsam schlechte Laune. Mehr als zwei Stunden sitze ich nicht gerne an einem Text. Aber wie viele Stunden, Nächte – und das über Jahrzehnte hinweg – muss Bukowski vor seiner Schreibmaschine verbracht haben? Zum einen der kreative Schaffensakt, zum anderen die Korrekturen am Morgen darauf. Und das immer mit 2 bis 3 Promille in der Blutbahn? Ich kann das nicht so richtig glauben. Wenn man säuft, dann säuft man. Wenn man säuft und dabei noch was schreibt, dann schreibt man erfahrungsgemäß nicht allzu viel. Ne Seite max. Und diese Seite ist am Morgen darauf oft so fehlerbehaftet bis hin zu unverständlich, dass man sie in 95 Prozent der Fälle in die Mülltonne schmeißt, statt sie mühsam zu korrigieren. Soll heißen: kreativ sein unter Alkoholeinfluss ist möglich, der Output dürfte jedoch bei täglicher Zufuhr eher nach unten gehen und nicht ansteigen. Was mich vermuten lässt, dass Bukowski zwar trinken konnte wie Spencer Tracey und Harald Juhnke, wenn die zusammen Party feierten, allerdings zwischendurch auch längere trockene Perioden kannte, in denen er seine Stories produzierte. Gibt auch böse Zungen, die behaupten, dass er die Trunkenheit bei Lesungen nur spielte, in der Whiskeyflasche vor ihm gar kein Whiskey, sondern Kamillentee drin war. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Ich war zu jung, um Bukowski-Lesungen zu besuchen, und den Trick mit dem Kamillentee hätte ich vor vierzig Jahren eh noch nicht gekannt. Die letzten Jahre seines Lebens war Bukowski abstinent. Ein Umstand, der in seiner Rezeption erstaunlicherweise wenig Beachtung findet.

    Alter-Sack-Geschichten für Alte-Sack-Leser?

    Bukowski mag man entweder und erkennt in seinen Geschichten den fortwährenden Stachel im Arsch der amerikanischen Gesellschaft, oder man hält ihn für einen Trivialautor. Etwas dazwischen ist aus meiner Beobachtung heraus nicht möglich. Wobei es vielleicht auch irgendwas dazwischen gibt. Keine Ahnung.

    Kann durchaus sein, dass Bukowski Alter-Sack-Autor-Geschichten für Alte-Sack-Leser geschrieben hat. Kann ich als Alter-Sack-Leser nicht beurteilen. Vielleicht gibt’s aber auch junge Säcke und Frauen und Transen, die seine Stories lieben. Ihm wär‘s wahrscheinlich egal gewesen, wie sich seine Zielgruppe altersmäßig und geschlechterseitig zusammensetzt. In seiner frühen Phase hätte er sich vor allem dafür interessiert, von seinem Agenten nen schnellen Hunderter für eine Geschichte zu bekommen und später wollte er vor allem seine Ruhe haben.

    Ich lese 2 oder 3, max. 5 Stories von ihm, klappe das Buch zu, lese einen Monat später wieder ein paar Geschichten. Bei den Gedichten schaffe ich mehr am Stück, aber auch bei denen ist mein Tagesquantum irgendwann erreicht. Von den Romanen – Ausnahme sein Erstling (Der) Mann mit der Ledertasche lasse ich die Finger weg. Die sind nicht so meins. Zu viel Text für unterm Strich zu wenig Handlung. Aber das ist natürlich alles individuelle Geschmackssache.

    Und damit möchte ich nach knapp 4000(!!) Wörtern zum Ende dieser Kolumne kommen. Bukowski ist für mich der wahrhaftigste und unprätentiöseste Erzähler banaler und häufig ordinärer Alltagsgeschichten, den ich kenne. An ihn heran reicht noch Carver, aber danach kommt lange nichts.

    Happy birthday, Mr. Bukowski!

    Habe die Story mit der Stripperin, die sich die Möse weiß färbt, heute wieder mit Vergnügen gelesen. Und aufs Vergnügen kommt es ja beim Lesen auch an, oder?

    PS. Die organisierte deutsche Fan-Dependance, die sich den schönen Namen Charles-Bukowski-Gesellschaft gegeben hat, plante ursprünglich für das Jubiläumsjahr eine Menge Lesungen kreuz und quer über die Republik verstreut und Gastauftritte von noch lebenden Wegbegleitern des großen Dirty old man der US-Literatur. Diese fielen nun Corona-bedingt allesamt ins Wasser, sollen aber 2021 nachgeholt werden unter dem Motto: Bukowski wird 100+1 — Wir feiern!

  • Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

    Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

    »Sie sind ein Riesenarschloch«, schreibt der eine.
    »Das müssen ausgerechnet Sie Vollpfosten mir sagen«, schreibt der andere zurück.
    »Vollpfosten ist justiziabel«, kommt’s nach wenigen Sekunden vom Ersten.
    »Und Riesenarschloch sowieso. Klage schon raus«, reagiert der Zweite.
    »Blockiert euch gegenseitig. Dann braucht ihr euch nicht mehr zu lesen und an die Gurgel zu gehen. Ist zudem gesünder für den Blutdruck«, versucht ein Dritter zu schlichten. Allerdings vergeblich. Einen Tag später sind beide Kontrahenten von den Admins jeweils für eine Woche aus dem Verkehr gezogen. Zwangsferien statt freiwilliger Mäßigung. (*)

    »Facebook ist für einige der Ersatz für die Südkurve. Digitaler statt analoger Frustabbau«, erklärt mir eine Bekannte. Das ist ein Seitenhieb auf mich, weil ich früher treuer Besucher des FC war und mich hin und wieder (aus purer Notwehr!!) in der Südkurve ein bisschen geprügelt habe. LANGE her. Mittlerweile rege ich mich über die ewige Fahrstuhlmannschaft nur noch allein zu Hause – bei geschlossenen Fenstern und Türen – auf.

    Losgelöst von den ewigen Fragestellungen, nach welchen Kriterien Facebook sperrt, ob die Admins Menschen oder Maschinen sind – und falls Menschen: welchen IQ sie aufweisen –, ob die Sperrungen automatisch erfolgen oder der (angebliche) Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards vorher von einem User gemeldet werden muss, soll im folgenden Text der Versuch einer Ehrenrettung des völlig zu Unrecht in die Kategorie „justiziable Beleidigung“ einsortierten Begriffs Arschloch unternommen werden.

    (*) Der obenstehende Dialog ist komplett frei erfunden und beruht einzig auf der Fantasie des Autors. Spielt sich jedoch so ähnlich täglich zigtausendfach in den sozialen Gladiatorenarenen ab.

    Schon die Sumerer schimpften auf den Darmausgang

    Die Wortherkunft ist nicht eindeutig geklärt.

    Herkunft: Unbekannt. Doch vermutlich stammt es aus dem sumerischen Haak’tablamarama‘, das übersetzt so viel bedeutet wie Schuld der Unverdaulichen, das von den Sumerern als Wort für den Darmausgang aber auch als Schimpfwort für eine missliebige Person verwendet.
    © pipere

    Unnötig zu sagen, dass mir Schuld der Unverdaulichen sprachlich außerordentlich gut gefällt. Aber ich will hier nicht abschweifen, sondern möglichst nah am Arschloch dranbleiben und bloß noch anmerken, dass die sumerische Herkunft aufgrund der schwierigen 1-zu-1-Transkription der Keilschrift ins lateinische Alphabet zu 70 Prozent pure Spekulation bleibt. Historisch belegt ist der Begriff aber auf jeden Fall fürs Mittelalter, in dem bekanntermaßen herzhaft und oft geflucht wurde, woran auch die danach fälligen obligatorischen Rosenkränze und Ave Maria nichts änderten. Allerdings wohl begrenzt aufs deutsche und englische Sprachgebiet. Romanen, Slawen, Araber können den anatomischen Ort des Arschlochs zwar korrekt lokalisieren, haben die Vokabel jedoch nicht in ihren Schimpfwortkanon aufgenommen. Die Italiener behelfen sich mit Stronzo, das übersetzt „Haufen Scheiße“ bedeutet, was zwar ähnlich klingt, aber halt nicht dasselbe ist. Wie es die Russen oder Ägypter nennen oder gar schreiben, weiß ich nicht und bin ehrlich gesagt auch zu faul, das jetzt zu recherchieren.

    Arschloch: justiziabel und Sperren verursachend

    Zurück zum deutschen Arschloch: die Verwendung dieses Worts in Blickrichtung auf einen Dritten ist justiziabel. Die grundlegende Norm hierfür ist §185 StGB:

    Beleidigung
    Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

    Dazu existieren behördeninterne Listen – die von Bundesland zu Bundesland variieren –, in denen die indizierten Wörter gesammelt und – sobald neue Schmähbegriffe auf den Markt kommen – aktualisiert werden.

    Die Strafbewehrtheit gilt sowohl für das gesprochene als auch geschriebene Arschloch, des Weiteren ebenfalls für dessen visuelle Demonstration (Daumen und Zeigefinger werden soweit gekrümmt, bis sie sich an den Spitzen berühren und ein O bzw. ein Loch bilden). Einige besonders Schlaue geben sich dem Irrglauben hin, das Setzen des Begriffs in Anführungszeichen könne sich strafmildernd auswirken. Jedoch: Was sollen die Gänsefüßchen fürs Arschloch ausdrücken? Dass es sich beim derart Titulierten nur um ein kleines – und kein riesiges – handelt? Oder dass der Schreiber es scherzhaft meint? Bei Bildungsbürgern beliebt ist die Variante, das Wort, wenn es sich denn überhaupt nicht vermeiden lässt, so zu schreiben: A-loch. Aber das sieht für meine Augen genauso dämlich aus wie es in meinen Ohren klingt, wenn eine erwachsene Frau „Töpfchen“ sagt, wenn sie Klo meint.

    Während in den Generationen meines Vaters und Großvaters weitgehend Konsens darüber herrschte, dass Arschloch eine No-go-Vokabel darstellt, bei deren In-den-Mund-nehmen man als Kind abwechselnd mit Hausarrest, Taschengeldreduktion oder den Mund-mit-Seife-auswaschen bestraft wurde – in der Schule drohten Klassenbucheinträge, Herbeizitieren der Eltern und seitenlange Strafarbeiten –, gelang dem damals jungen Bundestagsabgeordneten Joschka Fischer im Herbst 1984 mit dem legendären Zwischenruf:

    Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch,

    der Beginn der schrittweisen Entstigmatisierung des Begriffs.

    Kein Tag ohne 10x Arschloch in Kino und TV

    Seit diesem historischen Datum sickert der einstmals übel beleumundete Begriff immer mehr in unsere Alltagskonversation ein. Wir werden mittlerweile in TV, Kino und Literatur mit Arschlöchern geradezu überflutet. Das Kleine Arschloch von Walter Moers hat Kultstatus erreicht. »Du bist echt ein Arschloch, weißt du selber« – wie viele Ehefrauen das wohl schon ihren Männern an den Kopf geworfen haben, wenn sie diese beim Seitensprung ertappten oder ihnen das Kreditkartenlimit gekürzt wurde? MILLIONEN an JEDEM Tag des Jahres. Regen sich die Ehemänner groß darüber auf, drohen sie ihren Frauen mit Klage oder gar mit Sperrung (bspw. des gemeinsamen Kontos)? In 99,9% der Fälle lautet die Antwort: Nein. Nur in Facebook und Twitter laufen alle gleich Amok, wenn sie in der Hitze des Gefechts mal so tituliert werden. Dieselben, die sich vorher Faschist, Kommunist, bildungsferner Analphabet, Insasse der geschlossenen Psychiatrie um die Ohren gehauen haben, mutieren binnen Sekunden zu ehrpuseligen Mimosen, sobald das Wort Arschloch erschallt. Da werden dann Screenshots angefertigt, die man Minuten später im eigenen Profil demonstriert, um von den Followern eine Portion Mitgefühl einzuheimsen. „Wie unfair du mal wieder von deinen bösen Kontrahenten behandelt wirst, du Armer. Und dabei bist du selbst doch eine Ausgeburt des Friedens und der Harmonie“. Stinklangweilige Selbstbemitleidungsarien. Interessant einzig für Menschen, die Miniaturskandale lieben und beim Friseur die In Touch der Tageszeitung vorziehen.

    Warum das so ist, wollen Sie wissen? Weil’s juristisch möglich ist, lautet die simple Antwort. Und weil es für die Admins einfacher ist, eine Sperre aufgrund eines indizierten Begriffs auszusprechen, als sich mühsam in die vorangegangene Kommunikation – in der mit 99%iger Wahrscheinlichkeit schon jede Menge niederschwellige Gemeinheiten enthalten waren – einlesen zu müssen.

    Arschloch kann, bei allen negativen Attributen, die diesem Menschentyp zugeschrieben werden, mitunter auch durchaus bewundernd gemeint sein. Nicht zu Unrecht fragt der Prota in Bukowskis Der Mann mit der Ledertasche: »Was hast du denn gegen Arschlöcher, Baby?«, als die Frau, mit der er den gesamten Nachmittag gevögelt hat, sich im Nachgang darüber beschwert, dass er sich ihr gegenüber emotional zu wenig öffne. Und Jack Nicholson wird folgendes Zitat zugeschrieben:

    Ich vermute, ich bin ein Arschloch. Aber man könnte Schlechteres über mich sagen, meinen Sie nicht auch?

    Arschloch: es kommt immer auf Betonung und Uhrzeit an

    Wenn eine Frau ihren Partner abends nach 20 Uhr drei Mal mit, »Du bist das größte Arschloch, dem ich in meinem ereignisreichen Leben je begegnet bin, und das waren viele, das kannst du mir glauben«, beschimpft, steigt die Chance auf eine sich anschließende heiße Liebesnacht um den Faktor 5. Wussten Sie das? Es kommt beim Arschloch eben immer auf Uhrzeit und Betonung an.

    Es wird also höchste Zeit, den sprachlich nicht unschönen (gibt echt hässlichere Worte als dieses) Begriff Arschloch samt seiner kleinen Schwester Arsch zu entkriminalisieren. Mich persönlich juckt es Null, wenn jemand in Facebook „Sie Arschloch“ zu mir sagt. Die Erfahrung lehrt aber, dass er mich, sobald ich mit, „Sie sind auch nur ein Kleinstadtidiot“, reagiere, erst screenshoten und dann bei den Admins verpetzen wird. Die dann der Einfachheit halber mich, und nicht ihn als Verursacher, sperren. Weshalb ich mich, solange bei Facebook Maschinen und denkfaule Human-Admins beschäftigt werden, bei der Verwendung von justiziablen Beleidigungen weiterhin vorsichtig verhalte. Einige Sachen kann man prima denken, ohne sie gleich in die Tasten hämmern zu müssen.

    Kleine Statistik am Ende des Textes: In dieser Kolumne wurde der Begriff Arschloch insg. 25x verwendet (zzgl. 1 Arsch).

    PS. die Auswahl des Zebrafotos geschah in Ermangelung anderer, den Begriff plakativer demonstrierender, Bilder. Von gestreiften Arschlöchern ist dem Autor, der in seinem Leben viele Schimpfworte gehört hat, bisher nichts zu Ohren gekommen

  • Drei und ein Liebesgedicht

    Drei und ein Liebesgedicht

    Der Sommer ist heiß, ich schwitze tagsüber, wälze mich nachts im Bett, höre den Mücken zu, wie sie um mich herum schwirren, bevor sie zur Landung ansetzen, zähle morgens die Einstiche, der Kaffee kälter als die Temperatur in meiner Küche, duschen verschafft Linderung für maximal dreißig Minuten, dann klebt das Hemd schon wieder wie Neopren am Oberkörper. Ich bewege mich langsam, esse wenig – allerdings zu viele Zitronenbällchen in der Eisdiele Belluno –, schütte literweise Wasser, Coke Zero, Grapefruitlimo in mich rein, denke jenseits der 35 Grad bloß noch im Zeitlupentempo, habe Mühe, mehrere zusammenhängende Sätze aneinanderzureihen, stelle Wortfindungsschwierigkeiten bei mir fest. Eigentlich sollte die Republik für sechs Wochen komplett schließen und ans Meer fahren. Aber wir Kolumnisten lassen uns ja vom Wetter – oder ist es das Klima? Komme da ständig durcheinander – nicht unterkriegen und hauen sogar unter extremen Witterungsbedingungen unsere Texte raus.

    Sie wollen heute mal wieder einen politischen Beitrag von mir lesen, damit Sie sich im Anschluss in den Kommentarspalten so richtig auskotzen können? Ich muss Sie enttäuschen. Jetzt gerade ist mir mehr nach Liebesgedichten. Über die können Sie sich gerne ebenfalls auskotzen, wobei ich vermute, dass Sie einen Jambus nicht von einem Trochäus unterscheiden können, und Songtexte von DJ Ötzi für hohe Poesie halten.

    Bukowski liegt schon lange unter der Erde

    Vor drei Tagen hatte übrigens Bukowski Geburtstag. Ja ja, ich weiß, dass der schon seit zweieinhalb Jahrzehnten unter der Erde liegt. Wäre sein 98ster gewesen. Geboren am 16. August 1920 im beschaulichen Andernach, malerisch gelegen am Fuß der Vulkaneifel mit schönem Blick über den Rhein, der hier Stromkilometer 612 durchfließt, auf die am jenseitigen Ufer schroff ansteigenden Hügel des Westerwalds. Als Sohn eines polnischstämmigen US-Besatzungssoldaten und der reizenden Bürgerstochter Katarina Fett. 1923 bestieg die kleine Familie in Bremerhaven ein Schiff – Namen des Kahns habe ich vergessen – und übersiedelte nach Los Angeles, wo der Autor den Großteil seines restlichen Lebens verbrachte. An Ort und Haus seiner Geburt, in dem heute ein Karnevalsshop untergebracht ist, kehrte Bukowski erst in den späten 70ern für eine kurze Stippvisite zurück. Der alten Heimat verbunden blieb er vor allem durch den Kontakt zu seinem Onkel Heinrich – Bruder der Mutter –, der ihm jede Weihnachten einen Kasten Müller-Thurgau (lieblich) aus dem Ahrtal nach East Hollywood schickte.

    Bukowskis Œuvre ist gewaltig: vierzig Bücher und Bände mit Short Stories und Gedichten entstanden im Zeitraum von 1960 bis 94. Hinzu kommen drei Romane, von denen der erste  Der Mann mit der Ledertasche (1971) mein persönlicher Liebling ist.

    Bei all seiner vordergründigen Misanthropie, Bärbeißigkeit und offenkundigem Hang zu Alkohol und schnellem Sex hat er wunderschöne Liebesgedichte hinterlassen, von denen ich nun drei vorstellen werde. Auf Englisch, weil Sprachmelodie und Gedanken im Original klarer herauskommen als im Deutschen. Wäre heute ohnehin zu faul, die Texte zu übersetzen. Kolumnistentum ist übrigens unbezahlte Arbeit am Wochenende. Wussten Sie das überhaupt?

    3 love poems

    LAYOVER
    Making love in the sun, in the morning sun
    in a hotel room
    above the alley
    where poor men poke for bottles;
    making love in the sun
    making love by a carpet redder than our blood,
    making love while the boys sell headlines
    and Cadillacs,
    making love by a photograph of Paris
    and an open pack of Chesterfields,
    making love while other men – poor fools –
    work.

    That moment – to this …
    may be years in the way they measure,
    but it’s only one sentence back in my mind –
    there are so many days
    when living stops and pulls up and sits
    and waits like a train on the rails.
    I pass the hotel at 8
    and at 5; there are cats in the alleys
    and bottles and bums,
    and I look up at the window and think,
    I no longer know where you are,
    and I walk on and wonder where
    the living goes
    when it stops.

    Liebe auf einem Teppich roter als unser Blut, hat was. Starkes Bild.
    Uns lieben, während andere – arme Idioten – arbeiten müssen: Die kalifornische Art und Weise, La dolce vita zu sagen.

    RAW WITH LOVE
    Little dark girl
    kind eyes
    when it comes time to
    use the knife
    I won’t flinch and
    I won’t blame
    you,
    as I drive along the shore alone
    as the palms wave,
    the ugly heavy palms,
    as the living does not arrive
    as the dead do not leave,
    I won’t blame you,
    instead
    I will remember the kisses
    our lips raw with love
    and how you gave me
    everything you had
    and how I
    offered you what was left of
    me,
    and I will remember your small room
    the feel of you
    the light in the window
    your records
    your books
    our morning coffee
    our noons our nights
    our bodies spilled together
    sleeping
    the tiny flowing currents
    immediate and forever
    your leg my leg
    your arm my arm
    your smile and the warmth
    of you
    who made me laugh
    again.
    Little dark girl with kind eyes
    you have no
    knife. The knife is
    mine and I won’t use it
    yet.

    Hat er sie getötet?
    Sie ihn?
    Er sich selbst, nachdem die Liaison endete?
    Dient das Messer einzig dazu, das Band der Liebe zu zerschneiden?

    Dein Lächeln und die Wärme, die mir ein Lachen auf die Lippen zaubern: Wunderschöne Liebeserklärung.

    FOR JANE
    225 days under grass
    and you know more than I.
    They have long taken your blood,
    you are a dry stick in a basket.
    Is this how it works?
    In this room
    the hours of love
    still make shadows.

    When you left
    you took almost
    everything.
    I kneel in the nights
    before tigers
    that will not let me be.

    What you were
    will not happen again.
    The tigers have found me
    and I do not care.

    Nach 225 Tagen unter Dauerstrom verlässt sie ihn Hals über Kopf. Und er, alleine zu Hause in der ausgeräumten Wohnung sagt: „In diesem Raum werfen die Stunden unserer Liebe immer noch lange Schatten“: Wow!  Prägnanter kann man Schmerz und Leere nicht ausdrücken.
    „Die Tiger haben mich gefunden, und mir ist es egal.“ Genau so fühlt sich Liebeskummer an, der einer mittelschweren Depression gleicht.

    Ich möchte die Gedichte weder langatmig interpretieren, noch totanalysieren, sondern einzig auf mich wirken lassen. Wer noch über einen letzten Rest Empathie verfügt, spürt, dass sich hinter dem ganzen Dreck, dem Suff, dem häufig miesen Lyrischen Ich ein hochsensibler Mann verbirgt, der zeitlebens auf der verzweifelten Suche nach Nähe war. Ein kalifornischer Steppenwolf. Ein LIEBENDER! Es ging ihm niemals darum, sich in billigen Absteigen von fetten Nutten das Gehirn aus dem Schädel vögeln zu lassen; er will uns mit diesen grellen Bildern bloß das Dasein mit all seiner Härte zeigen. Niemand beschrieb den tristen Alltag der Menschen und ihre widersprüchlichen Gefühlslagen so exakt wie der misanthrope Schriftsteller aus East Hollywood. Wenn ihn der Blues packte – und der hätte ihn heute bei all den Trumps, Johnsons, Le Pens, Salvinis und Gaulands ganz sicher gepackt –, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und dichtete die Nächte durch. Von ihm stammt das Bonmot:

    Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.

    Noch ein Gedicht

    Zum Schluss noch ein (Liebes-?) Gedicht aus meiner Feder:

    TACHYKARDIE
    Wenn du liebst … richtig liebst
    Herzrhythmusstörungen … Tachykardie
    Magen verkrampft … in die Toilette gekotzt
    Schweißausbrüche bei minus 20 Grad
    spring aus dem Bett und hau ab
    ihr Lächeln spiegelt in jeder Pfütze
    alle Stimmen sind ihre Stimme
    du kannst keinen anderen Mund küssen
    pack deine Sachen und verschwinde

    Die Welt ist voller Russinnen,
    Griechinnen, Äthiopierinnen
    schau dir die vollen Lippen an
    sieh, wie ihre Brüste trommeln
    im Takt der Meteoreinschläge
    stell den Koffer ins Hotelschließfach
    tanz mit dir selbst
    lass keine an dich ran
    sei wie Packeis an Grönlands Küste

    Die Milchstraße wie ein Supermarkt
    lerne zu kaufen
    biete dich an
    gib, nimm … nimm, gib
    verhandele
    laufe, kämpfe
    trinke, esse, verdaue
    mach es dir nicht in fremden Kissen bequem
    fahr mit einer Harley durch die Kalahari

    Wenn du liebst … richtig liebst
    musst du immer auf der Flucht sein
    Glut erkaltet
    Lächeln gefriert
    Sex fade wie Tütensuppe
    Schwäche wird sofort bestraft
    verlass das Haus
    atme tief ein und aus
    weine erst, sobald du alleine bist

    Und nun stoppe ich abrupt, weil mir nichts Gescheites mehr einfällt, und ich vor lauter Tipperei vergessen habe, zu duschen, mir die Zähne zu putzen, und Brötchen muss ich auch noch an der Tankstelle kaufen.

  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung (2)

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung (2)

    Bevor die Story mit Buk und der Darmspiegelung gleich weiter geht, unterbreche ich an dieser Stelle kurz, um einen Einschub zu Andernach zu machen. Andernfalls heißt es: Der Hirsch nutzt nun schon die Kolumnen, um uns seine ollen Kurzgeschichten unterzujubeln.

    Schon Cäsar gefiel es hier. Und den Wikingern so gut, dass sie mehrmals anreisten

    Also jetzt was zu Andernach: knapp 30.000 Einwohner, landschaftlich hübsch zu Füßen der Vulkaneifel am Mittelrhein gelegen. Allerdings an dessen nördlichem Abschnitt. Das ist der ohne die Ritterburgen. Zwanzig Kilometer bis Koblenz, vierzig nach Bonn. Besitzt einen zu groß geratenen Dom aus der spätromanischen Epoche und eine gut sortierte Eisdiele mit freundlicher Bedienung in der Fußgängerzone. Cäsar ließ hier im Verlauf der gallischen Feldzüge von seinen Pionieren binnen zehn Tagen eine Pfahlbrücke über den Fluss schlagen, um den auf der anderen Seite lagernden Sueben (vielleicht waren es aber auch die Tenkterer oder Usipeter. Diese Stämme waren ja dauernd in Bewegung. Da verliert man schnell den Überblick) einen kurzen Besuch abzustatten und ihnen dabei die Überlegenheit römischer Ingenieurskunst und Kriegsführung zu demonstrieren. Im frühen Mittelalter gab’s zwei Schlachten vor den Stadtmauern. Bei der ersten verlor Karl der Kahle sowohl das Gefecht als auch große Teile seines Westreichs (heute Frankreich) an den Osten (heute: Deutschland). Zwischendurch schipperten immer mal wieder die stets beutehungrigen Wikinger den Rhein hinauf, plünderten und brandschatzten und schleppten alles an beweglicher Hehlerware (schöne und gebärfähige Frauen inklusive) fort, was sie in ihren kleinen Booten verstauen konnten.. Das war’s, was mir zur Andernacher Historie einfällt. Die Stadt befindet sich unmittelbar südlich der westgermanischen Dialektgrenze, die durch den Vinxtbach markiert wird. Von dieser Grenze haben Sie noch nie gehört? Sie sollten entweder mehr lesen oder einen Vater wie meinen gehabt haben, der mich jedes Mal, wenn wir den Vinxtbach passierten, der unterhalb der A61 in etwa auf Höhe der Ausfahrt Bad Breisig plätschert, über dessen linguistische Wichtigkeit aufklärte. Weshalb in Andernach ein moselfränkisches Idiom – im Unterschied zum ripuarischen Kölner Singsang – geredet wird. An berühmten Söhnen listet Wikipedia auf: Adolf Kolping jr., die Renaissance-Humanisten Omphalius, Winter, Hillesheim und den Profifußballer Markus Pazurek. Die kennen Sie alle nicht? Ich muss zugeben, dass ich – bis auf Kolping – von den anderen heute ebenfalls zum ersten Mal erfahre. Aber sie stammen halt aus Andernach. Der bei weitem interessanteste Spross der Stadt ist jedoch sowieso Heinrich Karl Bukowski. Hier geboren an einem schwülheißen Augusttag im Jahre 1920 als Sohn eines US-amerikanischen Besatzungssoldaten und der reizenden bzw. mit ihren Reizen nicht geizenden lokalen Bürgerstochter Katarina, die vor der Hochzeit den stolzen Nachnamen Fett trug. Die Andernacher Periode währte nur kurz. 1923 übersiedelte die Familie nach Los Angeles. Heinrich Karl – mittlerweile zu Charles Henry amerikanisiert –, der zeitlebens gerne deftig nach Hausfrauenart aß und sich von einem Onkel mütterlicherseits jede Weihnachten ein paar Pullen Müller-Thurgau aus dem Ahrtal nach East-Hollywood schicken ließ, kehrte anlässlich einer Deutschlandtournee, die er in den 70er Jahren auf Einladung seines Übersetzers und engen Freunds Carl Weissner absolvierte, ein einziges Mal für 24 Stunden in seine Geburtsstadt zurück.

    Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, können wir endlich wieder in die gestern abrupt unterbrochene Kurzgeschichte in der Suchtklinik eintauchen.

    Die Geschlossene schläft und im Schwesternzimmer wird ein Schlauch ausgerollt

    Die Uhr im Schwesternzimmer zeigte 4.17. Außer Buk, mir und Beate, die die Nachtschicht innehatte, war niemand auf den Beinen. Die Geschlossene pennte und dämmerte dem nächsten Morgen entgegen.

    »Was kann ich für die Herren tun?« Beate legte ein Sudokuheft beiseite, mit dem sie sich die Zeit vertrieb.
    »Ich nehm nochmal zwei Pillen«, sagte ich.
    »Und Sie, Herr Bukowski? Sie sind doch Herr Bukowski, oder?«
    »Klar, bin ich der. Mich kennt jedes Kind hier in Andernach.«
    »Ich komme, wie Herr Hirsch, aus Köln. Kann mich nicht erinnern, dass wir uns schon Mal begegnet sind.«
    »Was??«
    »Beruhige dich. Nicht jeder liest deine Bücher«, sagte ich.
    »Weiß ich doch. In den USA kennt mich kein Schwein. Dachte aber, hier in meiner Geburtsstadt wäre ich schon berühmter.«
    »Also, womit kann ich Ihnen dienen, Herr Bukowski: Tabletten gegen den Entzug?« Beate ließ ihre Wimpern klimpern und die Augen rollen. Fast schien es mir, sie flirtete mit meinem Kumpel.
    »Wollen Sie mich vergiften? Ich schlucke nie Pillen. Die sind was für Weicheier wie Herrn Hirsch. Aber gegen einen Whiskey hätte ich nichts einzuwenden.«
    »Den bekommen Sie draußen im Rewe, sobald man sie bei uns entlässt.«
    »Für so unbelehrbar halten Sie mich?«
    »Die Statistik besagt, dass die Hälfte der hier behandelten Alkoholiker bereits am ersten Tag rückfällig werden. Wir machen uns da wenig Illusionen.« Beate wollte freundlich sein. Der Prozentsatz lag aus meiner Erfahrung heraus eher bei 70 bis 80 Prozent.

    »Kein Whiskey, keine Weiber. Ein richtiger Scheißladen, den Sie hier managen.«
    »Ich kann gar nichts für Sie tun?«
    »Von Hämorrhoiden haben Sie zufälligerweise Ahnung? Meine schmerzen nämlich ganz fürchterlich.«
    »Sie haben unverschämtes Glück. Bevor ich in der Psychatrie anfing, habe ich in der Proktologie gearbeitet. Lassen Sie mal sehen!«
    »Das muss jetzt wirklich nicht sein, Hank«, sagte ich.
    »Was willst du?«, blaffte er zurück. »Würden deine Hämorrhoiden jucken, hättest du schon längst um Pillen gebettelt.« Er zog die Hose herunter und entblößte seinen Hintern, der dafür, dass er seit Jahrzehnten soff und keinerlei Sport betrieb, noch gut proportioniert war. Ich hatte schon weitaus traurigere Ärsche gesehen. Der von Rosi war jetzt auch nicht der Hit gewesen.
    »Was glotzt du so?«, fragte er. »Bist du im Alter schwul geworden?«

    »Stark entzündet«, sagte Beate, die hinter Bukowski kniete und mit Kennerblick seine Rosette betrachtete. »Bevor ich das in Ordnung bringe, will ich aber noch was anderes überprüfen.« Sie lief nach hinten in ihre medizinische Besenkammer und kehrte mit einem langen, grünen Schlauch zurück.
    »Was soll das werden?«, fragte ich. »Ein Einlauf?«
    »Einläufe sind etwas aus der Mode gekommen«, antwortete sie. »Ich werde jetzt eine Darmspiegelung vornehmen. Denn der Analtrakt von Herrn Bukowski gefällt mir ganz und gar nicht.«

    Buk musste sich bäuchlings auf den Behandlungstisch legen, was er zu meinem Erstaunen ohne Murren tat. Beate gefiel ihm, sonst hätte er ihr spätestens in diesem Moment einen Spruch reingedrückt.
    »Jetzt bitte nicht verkrampfen«, sagte Beate. »Denken Sie an was Schönes. Entspannen Sie sich.«
    »Wenn ich an Ihre Titten denke, bekomme ich einen Steifen«, sagte Bukowski.
    »Denk eben nicht an ihre Titten, sondern was anderes«, sagte ich.
    »Mir fällt aber gerade nichts anderes Schönes ein.«
    »Dann denk mal kurz überhaupt nichts. Das kann doch nicht so schwer sein.«

    Beate rammte ihm ohne Vorwarnung ein keilförmiges Instrument in den Arsch. Das musste höllisch wehtun. Buk stöhnte, zeigte sich aber tapfer und schrie nicht. Sie drehte an einer Kurbel und drückte damit eine Spirale mit vorne drauf installierter Kamera in seinen Dickdarm rein.
    »Ist vermutlich ein bisschen unangenehm«, sagte Beate. »Am besten schnauben Sie laut wie ein Hund. Erleichtert sehr. Das können Sie doch, oder?«
    »Ich hasse Hunde«, antwortete Buk.
    Beate drehte und drehte. Die Kamera musste mittlerweile in Bukowskis Gehirn angekommen sein, so tief steckte die Spirale schon in seinem Hintern.
    »Sie sind ein guter Patient«, lobte Beate. »Es ist gleich vorbei.« Sie kurbelte das Schlangending nun wieder heraus und begutachtete die Filmaufnahme auf ihrem Monitor.
    »Glück gehabt«, sagte sie. »Der Darm scheint in Ordnung zu sein. Aber gegen die Hämorrhoiden sollten Sie was tun. Die sind dick wie die Tentakeln eines Tintenfischs.«
    »Fein«, meinte Buk. »Mit einem gesunden Darm schläft es sich besser.«

    »Und nun Sie, Herr Hirsch!«
    »Was ist mit mir?«
    »Hose runter und mich nachschauen lassen.»
    »Ich habe keine Hämorrhoiden.«
    »Und der Stuhlgang?«
    »Der funktioniert ganz ausgezeichnet.«
    »Irgendwas ist immer in Ihrem Alter. Und wenn es bloß eine ordinäre Fettleber oder die gereizte Bauchspeicheldrüse sind. Ich werde jetzt nachsehen.« Beates Miene signalisierte, dass sie innerhalb der Wände ihres Schwesternzimmers keine Widerworte duldete.
    »NEIN!«
    »Er ist ein Feigling«, sagte Bukowski. »Fürchtet sich vor einem kleinen Schlauch, braucht Pillen gegen den Entzug, erzählt den Ärzten und Psychologen seit Jahren, dass er aufhören wird, um draußen sofort wieder zu saufen. Was für ein erbärmliches Affentheater. Und das Allerbeste: er glaubt ernsthaft, dass er schreiben kann. Dabei sind seine Gedichte allenfalls mittelmäßig.« Er hielt mich nun von hinten festumklammert wie in einem Schraubstock. Beate zog mir die Hose nach unten, grinste, während sie mit dem Schlauch vor meinem Gesicht hin und her wedelte, und ihr Grinsen glich nun aufs Haar dem Alligatorlächeln Bukowskis.

    Ich schlug die Augen auf, mein Herz klopfte mit 150 Sachen die Minute, ich war klitschnass. Neben mir stand die alte Ordensschwester von gestern Abend, kontrollierte Puls und Blutdruck, steckte mir ein Thermometer ins Ohr und fragte: »Alles in Ordnung mit Ihrem Stuhlgang, Herr Hirsch?«
    »JA!«, schrie ich.
    »Kommen Sie bitte vor dem Frühstück zu mir, um sich Ihre Tabletten abzuholen«, sagte sie und verschwand durch die Tür.

    Der Russe oder Kasache oder Usbeke stand vor dem Waschbecken, grinste mich an, drehte sich wieder um und pisste hinein. Auf meinem Bauch lag das Buch, das mir Matthias vor dem Schlafengehen in die Hand gedrückt hatte. Ich spürte plötzlichen Druck auf dem Darm und fühlte mich beschissen.

    In Teil 3 unternehme ich mit Matthias einen Ausflug zu Bukowskis Geburtshaus und mache mir dabei langsam Sorgen um meine Zukunft

    Weiterführende Literatur: Alle Arschlöcher auf der Welt und meines. In: Ein Profi – Stories vom verschütteten Leben. © Charles Bukowski, 1973

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