Schlagwort: Corona

  • Corona und der Krieg. Eine persönliche Kolumne

    Corona und der Krieg. Eine persönliche Kolumne

    Eine Liedzeile von Hans-Eckardt Wenzel, die mich seit Jahrzehnten begleitet, lautet „Nur im Vergang’nen waren wir uns einig, was kommen würde, wird uns entzwei’n“. In den letzten Jahren, zwischen Nachdenken über Corona und Fragen nach der Möglichkeit von Krieg, muss ich wieder verstärkt daran denken.

    Zwischen Corona und Krieg

    2020, in der Pandemie, bin ich zum „Maßnahmenkritiker“ geworden. Ich habe vor allem in der WELT viele engagierte Artikel geschrieben, die Leopoldina kritisiert, Wissenschaftler, das Bundesverfassungsgericht und die Rolle des Virologen Christian Drosten – was mir eine Erwähnung in seinem Podcast und eine Unterlassungsklage eingebracht hat. Es hat mir aber auch eine gewisse Fangemeinde gebracht, vor allem bei X, das da zu Beginn noch Twitter hieß, aber auch im realen Leben.

    Nun erlebe ich, dass ich diese Fans verliere, wenn ich über den Ukraine-Krieg oder über die Auseinandersetzung mit Russland und die Konsequenzen für die europäische Verteidigungsfähigkeit schreibe. Ich erlebe das nicht zum ersten Mal. „Nur im Vergang’nen waren wir uns einig“. Die Argumentationsweise meiner Unterstützer bei Pandemie-Themen hat sich eigentlich gar nicht geändert. Sie bezweifeln die Verlautbarungen der Politiker, der Journalisten, der Mehrheit der Wissenschaftler, sie sehen Interessen und Vorurteile der Akteure als handlungstreibend an.

    Misstrauen oder Vertrauen?

    Deshalb trauen sie auch weder den verantwortlichen Politikern des eigenen Landes noch den Medien, die in diesem Land im grundsätzlichen Konsens mit den Institutionen der Politik agieren und auch nicht den Wissenschaftlern, die in staatlichen Universitäten ebenfalls im prinzipiellen Einverständnis mit den politischen Institutionen arbeiten und von den Medien gern als Experten befragt werden. Dieses Misstrauen war womöglich schon länger vorhanden, hat sich im Verlauf der Pandemie gefestigt, und wird nun auch in den Fragen von Krieg und Frieden und wohl auch beim Thema Klimawandel praktiziert.

    Ich hingegen traue eher den Menschen. Genauer: Ich glaube, dass Politiker, Wissenschaftler und Journalisten ungefähr genauso ehrlich, selbstlos, berechnend und eigennützig sind wie ich selbst und meine Freunde. Ich denke, dass auch Drosten und Merkel im Wesentlichen nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben, natürlich auch immer mit Blick auf ihre Reputation und ihren Einfluss und ihre Gestaltungs- oder Machtoptionen. Und ich denke, dass auch die Leute, die heute in Verantwortung sind oder als Experten gefragt sind, genauso sind.

    Aber warum war ich dann ein Kritiker der Corona-Maßnahmen und bin heute kein Gegner der Maßnahmen zur Kriegstüchtigkeit und zur Aufrüstung?

    Freiheit und Würde oder Leben um jeden Preis?

    Erstaunlicherweise gibt es dafür eine Antwort, die tatsächlich so einfach ist, dass ich selbst überrascht war, als sie mir klar als Gedanke im Kopf erschien: weil für mich in letzter Konsequenz Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenwürde wichtiger ist als das Leben. Genauer: das bloße Überleben, das aber durch Unfreiheit und unwürdige Lebensbedingungen erkauft wird, erscheint mir wertlos. Keine Maßnahme zur bloßen Lebenserhaltung darf letztlich in einem Leben enden, das von Zwang, Fremdbestimmung und Unterdrückung geprägt ist. Das wäre für mich nicht akzeptabel.

    Das hat mich zum Maßnahmengegner bei Corona gemacht, weil die Maßnahmen menschenunwürdige Konsequenzen hatten, weil die Freiheit der Menschen, ihre Möglichkeit, sich zu entwickeln und ihr Leben selbst zu gestalten, unzumutbar und auf absurde Weise beschnitten wurden. In so einer Welt würde ich nicht leben wollen, dann lieber an einem Virus zugrunde gehen. Und das macht mich heute zum entschiedenen Putin-Gegner und zum Unterstützer einer starken NATO und einer gut gerüsteten Bundeswehr, die dafür sorgen, dass sich Leute wie Putin nicht weiter vorwagen, und deshalb bin ich dafür, die Ukraine militärisch zu unterstützen, damit sie Putin möglichst irgendwann zurückdrängen und der es unterlässt, andere Nachbarn anzugreifen.

    Nun mag man sagen: Deine Prämissen nehmen auch den Tod von Menschen in Kauf, die das vielleicht anders sehen. Voraussetzung für Freiheit ist Leben und überhaupt kannst du das doch nicht für alle entscheiden. Letzteres ist richtig, aber ich kann mich in den gesellschaftlichen Diskurs einmischen und meine Position verteidigen. Und nicht jedes Leben ist Voraussetzung für Freiheit, es gibt auch Lebensbedingungen, die keine Freiheit und Selbstbestimmung zulassen und deshalb unwürdig sind.

    Und das macht mich jetzt auch zum Unterstützer einer starken NATO, der Investition in Waffentechnik, der Pflicht zum Dienst für die freiheitliche Gesellschaft. Ich bin vollkommen überzeugt davon, dass ein Leben unter einer Putin-Diktatur mit Verletzungen der Menschenwürde verbunden ist, und dass allen geholfen werden muss, die sich zu Recht davor fürchten, von diesem Diktator angegriffen zu werden. Mir schiene ein Leben unter solchen Bedingungen wert- und sinnlos und auch wenn ich mich selbst, hier in Münster, nicht fürchten muss, denke ich, dass ich diejenigen unterstützen muss, die sich da nicht so sicher sein können.

    Irrtum nicht ausgeschlossen, weder in der Kriegs- noch in der Corona-Frage

    Aber, so könnte man sagen, was ist, wenn du dich nun irrst, wenn du den Politikern, Medien und Wissenschaftlern gar nicht trauen kannst? Hat das die Pandemie nicht bewiesen? Glaubst du wirklich, dass die da alle ehrlich waren und nur die falsche Balance zwischen Freiheit und Leben gewählt haben?

    Ja, das weiß ich nicht, weder für die Frage nach Corona noch bei der nach dem Krieg. Ich kann dazu nur sagen, dass ich diese Maßnahmen während der Corona-Zeit eben auch nicht plausibel und sinnvoll fand, und dass ich das aber mit der Hilflosigkeit und dem Bedürfnis nach Handlungssicherheit bei den Verantwortlichen, verbunden mit dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit erklären konnte. Heute, wo ein Krieg wieder denkbar wird, finde ich die Notwendigkeit von Aufrüstung und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit plausibel und sehe auf der anderen Seite keinen vergleichbaren öffentlichen Handlungsdruck.

    Aber ich kann mich irren, so, wie ich mich schon manches Mal im Laufe meines Lebens geirrt habe.

  • Freedom Day: Wer, um Himmelswillen, braucht den heute?

    Freedom Day: Wer, um Himmelswillen, braucht den heute?

    Zum 20. März endeten mit der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes die meisten, bundeseinheitlich vorgeschriebenen, Corona-Schutzmaßnahmen. Mit 14-tägiger Übergangsfrist liefen sie nun heute um Mitternacht definitiv aus. Pandemie-Skeptiker und notorische Optimisten bejubeln das als Freedom Day, an dem wir alle unsere Freiheit zurückerhalten. Ist das wirklich so?

    Freedom Day: Was zur Corona-Hölle soll das sein?

    Freedom Day: Das klingt nach Abzug sämtlicher russischer Streitkräfte aus der Ukraine, zumindest aber nach Palastrevolutionen gegen Baschar al-Assad oder Kim Jong-un. Gemeint ist jedoch bloß der weitgehende Wegfall der Covid-19–Prävention in Deutschland an diesem Sonntag. Was für ein hochtrabender Begriff für einen Federstrich!

    Ich geb’s zu: Auch ich bin Corona-müde, bin froh, meine Homeoffice-Höhle, in die ich mich in den vergangenen zwei Jahren zurückgezogen hatte, wieder verlassen zu dürfen. Bin glücklich, mich mit Freunden zu treffen, ohne dabei abzuzählen: 1,2,3 und zu viel bist du. Freue mich darüber, Urlaubspläne schmieden zu können, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Und fühle mich, da geimpft und geboostert, einigermaßen geschützt gegen die Seuche. Das normale Leben, so wie wir es bis zum Ausbruch der Pandemie führten, kehrt langsam zurück, und das ist auch gut so.

    Und trotzdem befällt mich ein ungutes Gefühl, dass nun nahezu sämtliche Schutzmaßnahmen, inklusive Maskenpflicht, plötzlich purzeln. „Du bist ein Hypochonder, geradezu hysterisch“, sagt meine alte Schulfreundin. „Weshalb bin ich hysterisch, wenn ich den Sinn der Maske anerkenne?“, frage ich zurück. „Weil der Schutz der Maske nur ein fiktiver ist, und du das Ding ja freiwillig weiterhin aufsetzen kannst. Hindert dich niemand daran, damit ins Bett zu gehen, falls du dich dann besser fühlst“, antwortet sie. „Und die megahohe Inzidenz? Was ist mit der?“, sage ich. „Was soll mit der schon sein? Die wäre mit oder ohne Maske genauso hoch. Zudem ist Omnikron harmlos, maximal wie ne mittelschwere Erkältung. Mach dir also nicht gleich in die Hose, wenn du es bekommst“, erwidert sie und legt auf.

    Ich sollte also eigentlich beruhigt sein: Omnikron harmlos, ich geimpft und geboostert, und es droht maximal eine mittelschwere Erkältung. Aber irgendwie bin ich ganz und gar nicht happy über den sogenannten Freedom Day. Warum ist das so?

    Omnikron: Tatsächlich so harmlos?

    Zum einen gilt Omnikron zwar als harmloser als sein Vorgänger Delta, was den Krankheitsverlauf anbelangt; im Gegenzug ist die erstgenannte Mutation des Virus sehr viel ansteckender. Täglich infizieren sich 100.000 Menschen alleine in Deutschland damit (vor kurzem lag die Zahl bei >200.000), kommen hunderte ins Krankenhaus und sterben 50 bis 100 daran (aktuell insgesamt: 130.000 in D, was in etwa der Größe von Regensburg oder dem 3x ausverkauften Weserstadion in Bremen entspricht). Umgerechnet auf 1 Jahr bedeutet dies rd. 50.000 bis 70.000 Tote (die es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch 2022 erwischen wird). Von den Long-Covid-Folgen, die bisher noch nicht so richtig erforscht sind, will ich hier gar nicht erst anfangen. Harmlos stelle ich mir anders vor. Dass die AHA-Regeln vor Übertragung schützen – und zwar mich selbst und ebenfalls die anderen, die sich mit mir in einem Raum befinden – sah man lange Zeit als Stand der Wissenschaft an. Weshalb das plötzlich ab dem 3. April nicht mehr so sein soll, erschließt sich Hypochondern wie mir Nullkommanull.

    Zum anderen ist das mit der Freiwilligkeit so ne Sache. Auf freiwilliger Basis sind zu wenig Mitbürger geimpft, halten sich zu wenige an die Schutzmaßnahmen, fahren zu viele im Sommer an den Ballermann, um sich da ordentlich zuzuballern und stecken dabei sich und die anderen Ballermänner an. Dass der Staat bei einer großflächigen Bedrohungslage regulatorisch eingreift, ist vernünftig und erwarte ich sogar von ihm. Würden wir uns im Krieg befinden – und letztlich sind wir im Krieg mit Covid-19 –, kann auch nicht jeder individuell entscheiden, ob er bei der Verteidigung seines Landes mitmacht oder stattdessen lieber in Urlaub fährt. Mit der Begründung, der Eingriff stehe in keinem Verhältnis zum Nutzen, könnten wir ebenfalls die Gurtpflicht aufheben, das Tempolimit in geschlossenen Ortschaften abschaffen und die Ampeln auf Dauer-Grün schalten.

    Maskenpflicht entfällt weitgehend

    Man (in diesem Falle: ich) kann sich mithin des Eindrucks nicht erwehren, dass der weitgehende Wegfall(*) der verpflichtenden Schutzmaßnahmen weniger mit wissenschaftlicher Erkenntnis – die (seriösen) Experten raten weiterhin dringend zum Befolgen von AHA. Das RKI spricht im jüngsten Wochenbericht von ungebrochen sehr hohem Infektionsdruck – zu tun hat und stattdessen mehr auf einem vulgär-liberalen Weltbild gründet, das jeden staatlichen Eingriff, und sei er auch noch so klein wie eine Maske, als sozialistisch-paternalistisches Teufelswerk ansieht. Wer dieser Ideologie huldigt, der nimmt schulterzuckend auch ein paar Tote in Kauf, denn ein bisschen Risiko ist eben immer, sobald man den Safe space der eigenen 4 Wände verlässt. Dass dieses Risiko vor allem die Alten und vulnerablen Gruppen trifft – geschenkt. Das ist aus vulgär-liberaler Perspektive ein kleines Statistikproblem, für dessen Lösung es keinerlei regulatorischen Rahmens bedarf. Motto: lieber freiwillig tot als staatlich bevormundet ins Homeoffice.

    (*) Masken sind gem. Neufassung des Infektionsschutzgesetzes bundesweit weiterhin verpflichtend im Flug- und Personenfernverkehr. Über alles andere entscheiden ab 20. März (mit Übergangsfrist bis zum 2. April) die Länder gem. sogenannter Hotspot-Regeln. Die gesetzliche Pflicht, Masken beim Einkaufen zu tragen, entfällt. Es sei denn, die Ladeninhaber machen von ihrem Hausrecht Gebrauch … weshalb Masken in Flugzeug und Bahn (Fernverkehr) schützen, im Supermarkt jedoch nicht – diese Logik erschließt sich dem Laien nicht … zu erwarten ist ein regionaler Flickenteppich an Maßnahmen, wo man sich vor jedem Grenzübertritt (NRW nach RLP, Hessen nach Bayern, Sachsen nach Brandenburg) vorher schlau machen muss, was im jeweiligen Bundesland gerade erlaubt ist und was nicht geht. Klarheit sieht anders aus. Der Bund stiehlt sich aus der Verantwortung.

    Tragischste Figur in diesem Spiel: Karl Lauterbach

    Dass nun ausgerechnet der Mahner und von mir lange Zeit hochgeschätzte Experte Karl Lauterbach den Freedom Day verkünden und in der Öffentlichkeit verteidigen muss, ist tragisch und gehört in die Rubrik: falsch verstandene Kabinettsdisziplin. Besser wäre es gewesen, der Gesundheitsminister hätte eine Pressekonferenz abgehalten, in der er erklärt, weshalb er den Öffnungsbeschluss nicht mitträgt, warum er sich mit seinen vernünftigen Argumenten in der Ampel nicht durchsetzen konnte und hätte zum Schluss sein Ministeramt mit den Worten, „Macht euren Freedom-Day-Mist ab sofort ohne mich“, an den Nagel gehängt. Das hätte auf mich überzeugend gewirkt. So, wie es jetzt gelaufen ist, bleibt bei mir der schale Eindruck des Klebens-am-Job zurück.

    Beim Freedom Day hat der Schwanz (FDP) mit dem Hund (SPD & Grüne) gewedelt. Kann man, wenn man FDP-Anhänger ist und Corona für eine mittelschwere Erkältung hält, gut finden, kann man aber auch, wenn man ein hysterischer Hypochonder so wie ich ist, Scheiße finden. Bei einer Inzidenz jenseits der 1500, wo gesamt Deutschland einen einzigen Hotspot darstellt, nun auch noch die Maskenpflicht großenteils aufzuheben, halte ich für grob fahrlässig. Die Konsequenz werden volllaufende Krankenhäuser & Intensivstationen sein, die Todeszahlen bleiben hoch und im kommenden Herbst stehen wir ungeschützt vor der nächsten Mutation, die dann eventuell gefährlicher sein wird als das „harmlose“ Omnikron.
    +++

    Jetzt malen Sie aber SEHR schwarz, Herr Kolumnist, sagen Sie?
    Mag sein, antworte ich. Ich bin halt nicht nur ein Hypochonder, sondern in Blickrichtung auf die menschliche Freiwilligkeit/Dummheit auch ein Pessimist.

    Und nun bestelle ich 100 FFP2-Masken; bevor es demnächst keine mehr gibt.

  • Deutsche Corona-Netiquette

    Deutsche Corona-Netiquette

    Nachdem #allesdichtmachen in den vergangenen Tagen ne Menge Staub in den sozialen Netzwerken aufgewirbelt hat und die Kritiker auf teils massive Gegenkritik gestoßen waren – worüber sich die Kritiker wunderten, was ihnen aber jeder Facebook-Hilfsschüler vorher hätte sagen können –, wollen wir uns mit der aktuellen deutschen Corona-Netiquette beschäftigen: Was darf man kritisieren, ab welchem Grad der Kritik ist man als Querdenker anzusehen, ist Gegenkritik zulässig, wie hart darf diese formuliert sein?

    15 einfache Fragen + 15 schlichte Antworten

    (1) Sind Menschen – bspw. Tatort-Kommissare – rechts oder gar Nazis, wenn sie gegen die Corona-Maßnahmen satirisieren?

    Antwort: Nein, sind sie nicht (es sei denn, sie sind trotzdem rechts, reden aber in der Öffentlichkeit nicht darüber, weshalb hier die Unschuldsvermutung gilt).

    (2) Bewegen sich Menschen – bspw. Tatort-Kommissare – in die Nähe von Querdenkern, wenn sie gegen die Corona-Maßnahmen satirisieren?

    Antwort: Hängt davon ab, wie viele u.v.a. welche Argumente der Querdenker 1 zu 1 übernommen werden. Bei einigen Videos wähnte man sich, sobald man die Augen schloss, auf einer Stuttgarter Ohne-Masken-Demo, was zwar durchaus ein Indikator für fortgeschrittenes Querdenken wäre, jedoch juristisch als gerichtsfester Beweis nicht ausreicht. Zumal alle Kommissare, als sie auf ihre Nähe zu den Querdenkern hingewiesen wurden, sich tags darauf empört davon distanzierten.

    (3) Darf man Menschen – bspw. Tatort-Kommissare –, wenn sie ähnlich wie die Querdenker argumentieren (in den sozialen Medien wird diese, die Coronagefahren leugnende, Argumentation auch als „schwurbeln“ bezeichnet), in der Konsequenz mit „Das ist bedrohlich nahe am Querdenkertum dran“ charakterisieren?

    Antwort: Ja, darf man.

    (4) Sind Querdenker alle rechts?

    Antwort: Nein, sind sie nicht. Einige von ihnen stehen halt (weit) rechts. Andere sind Yogalehrer, gehören fundamentalen christlichen Endzeit-Gruppen an, sind besorgt/verwirrt, haben schlichtweg keine Ahnung, wollen bloß mal auf ner Demo ohne Maske ordentlich Dampf ablassen.

    (5) Darf man einzelne Präventionsmaßnahmen kritisieren?

    Antwort: Ja, darf man.

    (6) Darf man sich über die Maßnahmen lustig machen?

    Antwort: Kann man machen. Darf sich dann aber nicht wundern oder gar jammern, wenn als Reaktion kräftiger Gegenwind entsteht.

    (7) Darf man gegen ALLE Maßnahmen polemisieren?

    Antwort: Ja, ist zulässig. Man bewegt sich dann aber gefährlich nah an den Querdenkern (siehe oben 3).

    (8) Ist Kritik an der Kritik erlaubt?

    Antwort: Unbedingt! Die Kritik an der Kritik sollte aber – Shitstorm hin, Shitstorm her – halbwegs zivilisiert ausfallen und die Grenze des guten Geschmacks nicht unterschreiten. Wobei sich Shitstorms erfahrungsgemäß um diese Grenze wenig scheren. Deshalb nennt man sie ja auch Shitstorms. Das sollte man als sensibler Coronamaßnahmen-Satirisierer rechtzeitig ins Kalkül ziehen, bevor man sein Video übereilt in Youtube hochlädt. Ein veritabler Shitstorm ist nichts für Zartbesaitete.

    (9) Und wie sieht es bei Ihnen persönlich aus, Herr Hirsch?
    Nervt Sie Corona nicht auch?

    HIR: Mir geht Corona mittlerweile tierisch auf den Sack.

    (10) Bezweifeln Sie die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen?

    HIR: Ja, tue ich. Beispielsweise ist mir nicht klar, weshalb die Außengastronomie geschlossen bleibt, während Friseure öffnen dürfen. Auch an der Sinnhaftigkeit der (durchlöcherten) Ausgangssperre sind durchaus Zweifel angebracht. Dass der ÖPNV weiter unterwegs ist, ist nichts anderes als eine 24/7 Viren-Großschleuder auf Rädern.

    (11) Bezweifeln Sie die Präventionspolitik der Regierung in Gänze?

    HIR: Nein, tue ich nicht. Ich bin ganz im Gegenteil der festen Überzeugung, dass unsere Regierung die Sache überwiegend gut gemanagt hat und v.a. nicht künstlich in die Länge ziehen will, sondern möglichst bald in den Corona-freien Normalbetrieb zurückwechseln möchte.

    (12) Sehen Sie Grundrechte u Demokratie in Gefahr?

    HIR: Nein.

    (13) Halten Sie sich an alle Maßnahmen?

    HIR: Ja. Hin u wieder vergesse/übersehe ich schon mal was; aber über den Zeitraum der letzten 12 Monate betrachtet habe ich mich zu 98% daran gehalten.

    (14) Werden Sie sich impfen lassen?

    HIR: JA! Egal mit was. Notfalls auch Sputnik oder das chinesische Zeug. Hauptsache, ich kann demnächst wieder sorgenfrei vor die Haustür.

    (15) Obwohl Sie einzelne Maßnahmen in Zweifel ziehen, befolgen Sie sie dennoch.
    Warum? Liegt’s an einem neuen Untertanengeist?

    HIR: Leck mich!
    *****

    Falls Ihnen noch Fragen fehlen sollten, oder Sie mit einigen Antworten nicht einverstanden sind, wenden Sie sich bitte an den Autor. Zivilisiert bevorzugt, Shitstorm ginge aber notfalls auch.

    PS. Die Rolle des Gerichtsmediziners in Tatorten ist mMn nicht essenziell. Gibt tausende Krimis, die ohne Gerichtsmedizin-Prota auskommen, und in denen der Mörder am Ende dennoch gefunden wird. Alternativ könnte man über die Neubesetzung der Rolle nachdenken. Wie wär’s zur Abwechslung mit ner sexy (und selbstverständlich blitzgescheiten) Gerichtsmedizinerin?
    PPS. dieser Text ist Teil der Kampagne #allesschlichtmachen
  • Impfen in Deutschland = ein Trauerspiel

    Impfen in Deutschland = ein Trauerspiel

    Die Inzidenz klettert munter gen 200, wenn’s so weitergeht, sind im April auch 500 drin. Falls 500 dann nicht das neue 35 wird, ist mit schärferen Maßnahmen zu rechnen. Seit vergangener Woche herrscht bei uns im Bonner Süden eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr. Woher ich das weiß? Von meinen Söhnen. Und woher die das wissen? Aus einer Facebookgruppe. Mein sofortiger Check auf der Seite der Kreisverwaltung ergab: Information stimmt. Soll noch mal einer sagen, Facebook würde uns einzig verblöden. Ne AUSGANGSSPERRE! Militärjeeps rollen durch die Straßen, Luftkavallerie seilt sich aus Helikoptern ab, Sondereinsatzkommandos der Polizei brechen Türen auf und kontrollieren, wer sich alles berechtigt und unberechtigt am Abendessentisch befindet. Ich klebe mir vorsichtshalber einen Post-it ans Küchenfenster: Den Müll spätestens um 20.55 rausbringen!

    Softlockdown & Ausgangssperre light

    Jetzt ist es mir als Eigenbrötler, der seit einem Jahr abends die Zeit mit Netflix, ARD-Sondersendungen zum Thema Covid, Facebook und Ratgebern à la „Auch im Lockdown in 30 Tagen zur Bikinifigur. Die Power-Corona-Diät“ totschlägt, eigentlich egal, ob ich ohne oder mit Ausgangssperre um 21 Uhr auf meinem Sofa sitze. Trotzdem: Ne Ausgangssperre hat schon was. Die kannte ich bisher nur von Weltkriegserzählungen meiner Eltern und Großeltern und aus Hollywood-Katastrophenfilmen.

    Da geht aber bestimmt noch was on top: Supermarkt bloß 1x/Woche mit Berechtigungsschein, tanken einzig am Freitag, fürs Joggen muss ich vorher einen Online-Antrag bei der Gemeindeverwaltung stellen etc. etc. Am Ende dann 24/7-Ausgangssperre mit Drohnen, die mir die Lebensmittel über dem Balkon abwerfen und ganz nebenbei kontrollieren, ob ich mich tatsächlich am Homeoffice-Schreibtisch oder auf dem Klo befinde.

    Und so folgt ein Lockdown dem nächsten Lockdown, der wiederum in einen neuen Lockdown mündet, um von einem leicht gemilderten Lockdown (ich darf bis auf Weiteres 2x/ Woche zum Lidl u mir im Kiosk eine Zeitung besorgen) abgelöst zu werden, bis die Lockerung 14 Tage später wieder zurückgenommen wird, denn die Inzidenz liegt jetzt bei 5000. Und aus 5000 eine 35 zu machen: das traut sich dann doch keiner. Lockdown als neue Normalität bis zum Frühjahr 2023, bis das Virus endlich von selbst schlapp macht. Am Ende zählen wir ne Menge Tote, Ärzte & Pfleger, die binnen 24 Monaten um 24 Jahre gealtert sind, Kultur u Gastronomie haben sich halbiert, Insolvenzen u Arbeitslosigkeit sind so hoch, dass die Regierung beschließt, die Zahlen erstmal unter Verschluss zu halten, um Unruhen zu vermeiden. Aber wir dürfen ab sofort wieder 6x/ Woche zum Lidl u 7x zur Tanke, und bei der WM in Katar sind Fans im Stadion zugelassen. Das ist die Hauptsache.

    Nun rächt sich bitter, dass wir im Herbst vergangenen Jahres keinen harten Lockdown praktiziert haben gemäß der alten ABC-Schutz-Seuchen-Verordnung: ALLE 4 Wochen zu Hause bleiben. KEINE Ausnahmen. Dann wird’s dem Virus normalerweise langweilig und es zieht ein Land oder gar einen Kontinent weiter. Oder – noch besser – es verhungert. Wollte sich keiner unserer Politiker zu entschließen und jetzt haben wir halt den Dauer-Softlockdown-Salat. Ob ich „wäre, wäre, Fahrradkette“ kenne? Ja, kenne ich.

    Wer spät geimpft wird, kann sich länger drauf freuen

    Und das Impfen, was ist mit dem Impfen, fragen Sie mich? Was soll mit dem Impfen schon sein, antworte ich Ihnen. Erst ging’s im Januar langsam los, dann blieb‘s im Februar gemächlich, um in einen zögerlichen März überzugehen. Aber immerhin diskutieren wir jetzt schon darüber, ob auch Hausärzte impfen können und dürfen, und ob die Arbeitszeitverordnung es zulässt, dass die Impfzentren ebenfalls am Wochenende geöffnet sind. Und auch die Sache mit AstraZeneca soll bis spätestens Jahresende ’22 geklärt sein. Bis dahin gilt: Mit AZ geimpft werden bloß Jüngere, die nicht schwanger sind. Oder waren es Ältere, die nicht schwanger sind? Oder Single-Männer ohne Familie? Egal, auf jeden Fall ist bei AstraZeneca durchgängig Vorsicht geboten, bis die Ständige Impfkommission Entwarnung gibt. Dass die Ständige Impfkommission v.a. für ständige Verwirrung sorgt: geschenkt.

    Das Land des selbsternannten Organisationsweltmeisters rangiert bei der Impfgeschwindigkeit knapp oberhalb des Levels von Kasachstan, der Fidschi-Inseln und Paraguays. In den USA, in Großbritannien und Israel werden sie Covid-19 nur noch aus den Erzählungen der Großeltern kennen, da darf bei uns der erste Hausarzt endlich zur Spritze greifen. Und lassen Sie mich hier gar nicht erst von den Hotlines anfangen, bei denen man 20 Minuten lang in einer nervtötenden Warteschlange ausharrt, bis ein finales Tuten ertönt, weil das System einen rausgeworfen hat. Oder die Warn-App, die aufgrund unseres sakrosankten Datenschutzes für Amazon-Bestellungen besser taugt als für die Nachverfolgung der Infektionsketten. Und die Beschlüsse der nächtlichen Kanzlerin-Ministerpräsidenten-Candy-Crush-Runden, deren Haltbarkeitsdauer kürzer währt als die 15-minütige Sondersendung, die im Anschluss in der ARD ausgestrahlt wird. So blättert der Nimbus des Organisationsweltmeisters noch schneller, als die Fußball-Nati unter dem ewigen Löw ihren Ruf ramponiert. Es ist beides ein Trauerspiel. Zu ertragen einzig mit Netflix und Alkohol.

    Impfzwang: daran darf man nicht mal denken

    Ob wir so jemals die notwendige Herdenimmunität erreichen werden? Keine Ahnung. Ich bin kein Virologe oder Epidemiologe oder Lungenarzt oder Vorsitzender der Vereinigung der Intensivmediziner oder oder oder, sondern bloß treuer Corona-Sondersendungen-Zuschauer. Meine Vermutung: Das Virus wird schon von selbst gestorben sein, bis wir AstraZeneca eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen. Nur vorübergehend (also die Unbedenklichkeitsbescheinigung), denn was eine ordentliche deutsche Behörde ist, die lässt auf die 23-ste natürlich noch eine 24-ste Prüfung folgen. Nicht, dass EINER aus 3 Millionen eventuell eine Erektionsstörung durch die Impfung erleidet. Eventuelle Nebenwirkungen müssen KOMPLETT ausgeschlossen werden. Im Zweifelsfall noch eine 25-ste Prüfung dranhängen.

    Jetzt malen Sie aber SEHR schwarz, Herr Hirsch, meinen Sie? Lassen Sie es mich so sagen: Nach 1 Jahr Homeoffice und abends alleine auf dem Sofa abhängen bin ich etwas Lockdown-müde. Das mag mein objektives Urteilsvermögen trüben; gebe ich unumwunden zu. Aufgrund dieser Trübung sehe ich für einige Branchen bei uns im Land des entzauberten Organisationsweltmeisters mittlerweile allerdings nicht nur schwarz, sondern blicke in ein zappendusteres Insolvenzloch. Sobald die Überbrückungshilfen und das Kurzarbeitergeld wegfallen, werden wir vor einem gewaltigen Scherbenhaufen an Firmenpleiten und explodierender Arbeitslosigkeit stehen. Jeder Tag, den das Impf-Schneckentempo weiter anhält, vernichtet ein paar tausend Existenzen. Viele davon unwiderruflich.

    Nachts träume ich manchmal von Impfzwang – pardon: Impfpflicht – und mobilen Einsatzkommandos, die die Leute in ihren Wohnzimmern verarzten. Als ich das vor ein paar Tagen mal in Facebook vorschlug, erhob sich sofort Protest: Nicht vom Grundgesetz gedeckt, würde vom Verfassungsgericht umgehend gekippt, und überhaupt sei es entlarvend, sowas wie einen Impfzwang überhaupt nur zu denken. Fiele in die Kategorie: paramilitärische Feuchtfantasien eines alten Mannes, der zu viel Katastrophenfilme auf Netflix schaut und sich nach klarer Führung sehnt. In Ordnung, dann werde ich ab sofort nicht mehr von Impfzwang (pardon: Impfpflicht) träumen. Und was ist mit der Idee, dass Geimpfte mehr dürfen als Ungeimpfte? Wäre das eventuell ein Instrument, um Impfbereitschaft und Geschwindigkeit zu erhöhen? Das sei nichts anderes als ZWANG(!) durch die Hintertür, sagen Sie? Okay okay, ich höre schon wieder damit auf.

    Hauptsache, Netflix & Alkohol gehen uns nicht aus

    So bleibt mir also in den kommenden Monaten nichts weiter übrig, als:
    (a) geduldig auf meinen Impftermin zu warten (ich akzeptiere auch Sputnik oder das chinesische Zeug)
    (b) zu hoffen, dass ich als notorischer Schwarzseher für Gastro, Fitness, Kunst & Event viel zu schwarz sehe und am Ende von Corona alles genauso heiter weitergeht, als habe es das Virus vom Wuhaner Großmarkt nie gegeben
    (c) mich bei Netflix zu erkundigen, ob eine neue Staffel „The walking dead“ in Arbeit ist.

    Und vor allem werde ich mir ein zweites Post-it an die Haustür kleben:

    Müll spätestens um 20.55 Uhr rausbringen!

    #impfenindeutschland=eintrauerspiel

  • Von Kolumnen und Fake News

    Von Kolumnen und Fake News

    »Ihr Deutsche seid ein Volk von üblen Klugscheißern«, sagte meine englische Bekannte oft, wenn sie mich in Köln besuchte. Lange vor dem Brexit.
    »Klugscheißer gibt es in jedem Land der Erde«, antwortete ich.
    »Aber nirgendwo so flächendeckend und dermaßen humorlos wie bei euch«, legte sie nach, und dann wechselten wir das Thema und sprachen über das Wetter.

    Die nächste Sau im digitalen Dorf

    An Weihnachten ging es in den sozialen Netzwerken zur Abwechslung mal ein paar Tage beschaulich zu, Bilder von Weihnachtsbäumen und freizügigen Heiligabend-Dekolletés gefolgt von Leichte-Küche-Tipps für 2021 bestimmten die Szene. So ruhig kann’s durchaus weitergehen, dachte ich am Silvesterabend, überlegte, ob ich am Morgen darauf ein Katzenbild oder einen Poesiealbumspruch poste, legte mich schlafen, erwachte ausgeruht und friedlich, wollte gerade meinen Poesiealbumspruch hochladen, als ich feststellte, dass die alte Jauchegrube Facebook direkt nach dem Jahreswechsel erneut zu brodeln und rumoren begann. Also alles wie immer. Ich packte das Poesiealbum wieder in die Schublade und informierte mich erstmal, welche Sau nun durch digitale Dorf getrieben wurde, und weshalb man sie trieb.

    Es ging/ geht um den (angeblich) schleppenden Impfstart in Deutschland. Viel zu langsam, andere Länder seien da weitaus schneller als wir. Na ja, was erwarten die Superschlauen nach drei, vier Tagen: Dass wir da schon das gesamte Land geimpft haben?, dachte ich. Aller Anfang ist schwer und holprig. Hauptsache, wir werden bis zum Sommer damit fertig. Woche 1 finde ich persönlich da völlig uninteressant.

    Schaut auf Israel, Bahrein, Singapur, Liechtenstein, Tuvalu und die Marshallinseln; da sind sie überall schon viel weiter als bei uns, hielt mir die Superschlau-Fraktion entgegen, als ich meinen Einwand, den Erfolg bei einem Marathon nicht schon nach den ersten 400 Metern prognostizieren zu können, in diversen Threads platzierte. Wenn man sich die Zahlen der o.g. Länder dann anschaut, stellt man zwar fest, dass sie bereits ein paar Kilometer des Marathons absolviert haben, jedoch z.T. früher mit dem Impfen begannen und vom Ziel der Flächendeckung auch noch (sehr) weit entfernt sind. Abgerechnet wird am Ende und nicht, wenn das Rennen sich noch im absoluten Anfangsstadium befindet.

    Und was ist mit der Einkaufspolitik, kommt dann.
    Was soll mit der Einkaufspolitik sein, frage ich zurück.
    Die war grob fahrlässig verfehlt, Herr Kolumnist!
    Verfehlt, und dann auch noch grob fahrlässig??
    Lesen Sie denn keine Zeitung, Herr Hirsch?

    !!Was für’n Superlativ im Focus!!

    Auslöser für das Verfehlte-Einkaufspolitik-Gerücht war wohl eine Focus-Kolumne von Jan Fleischhauer, die den schönen Titel „Merkels Impfstoff-Versagen: Die verheerendste Entscheidung der Kanzlerin in 15 Jahren Amtszeit“ trägt. Wow! denke ich, das ist ja mal ein Superlativ, verheerendste Entscheidung, der Kanzlerin, in 15 Jahren und hänge direkt noch ein weiteres Wow! dran.

    Es folgen Sätze wie:

    Deutschland hat es leider versäumt, beizeiten ausreichend Impfstoff zu ordern.
    „Beziehungsweise die Regierung hat diese für die Gesundheit der Bürger zentrale Aufgabe nach Brüssel delegiert, wo man leider auch in Gesundheitsdingen zunächst die politischen Aspekte in den Blick nimmt und dann erst die pragmatischen.

    Satz 1 ist Unfug, Satz 2 trifft bis zum Komma zu; danach wird auch er zu Unfug.

    Hier die offiziellen (bisherigen) Bestellmengen der EU (in Mio. Dosen):
    (1) CureVac: 405
    (2) AstraZeneca: 400
    (3) Johnson & Johnson: 400
    (4) Sanofi-GSK: 300
    (5) BioNTeck/Pfizer: 300
    (6) Moderna: 160

    Ergibt in der Addition 1.965 Mio. (also knapp 2 Mrd.) Impfdosen.

    Damit könnte jeder der 450 Mio. Einwohner der EU 4.5x geimpft werden (was eine 100%-ige Impfbereitschaft unterstellt, die ja ohnehin nicht gegeben ist).

    Dass die nationalen Regierungen sich für eine Zentralisierung der Beschaffung entschlossen: dafür gab es gute Gründe. Z.B.
    (a) Risikosplitt (6 potenzielle Lieferanten sind besser als 3 oder gar nur 1)
    (b) Verhinderung eines nationalen Wettlaufs (der vermutlich schlecht für die ärmeren EU-Mitglieder ausgegangen wäre) -> Verteilungsgerechtigkeit
    (c) Konzentration der Expertise in Brüssel
    (d) Heraushandeln besserer Konditionen.

    Praktiziert jeder Konzern genauso. Die Beschaffung strategisch wichtiger Produkte ist bei der Mutter zentralisiert, die diese dann wieder an die Töchter anhand vorher vereinbarter Schlüssel verteilt. Das ist jetzt wahrlich keine EU-spezifische oder gar sträflich falsche Vorgehensweise.

    Dass es so gemacht wird, stand seit Juni 2020 fest. Nachzulesen bspw. in der öffentlich zugänglichen Presse-Ecke der Europäischen Kommission.

    Haben die SPD-Minister geschlafen, als im Kabinett über die Beschaffung diskutiert wurde?

    Wo waren die ganzen Besserwisser damals?
    Wo war die SPD, die sich heute über die (angeblich) verfehlte Einkaufspolitik der Regierung (der sie selbst seit drei Jahren angehört) beschwert? Haben deren Minister, als das im Kabinett diskutiert wurde, allesamt geschlafen? Haben sie – was noch schlimmer wäre – evtl. überhaupt nicht verstanden, worüber der Gesundheitsminister und die Kanzlerin redeten? Und dann die Entscheidung einfach stumm abgenickt? Müßig, sich darüber Gedanken zu machen. Es gilt weiterhin die Feststellung meiner englischen Bekannten: »Ihr Deutsche seid ein Volk von üblen Klugscheißern.«
    In diesem Fall mal nicht von Bundestrainer-Klugscheißern, sondern von Einkaufspolitik-Amateuren, die es (im Nachhinein) besser wissen als die Profis im ungeliebten Brüssel.

    Bleiben wir bei der auslösenden Fleischhauer-Kolumne:

    Bereits im Sommer hatte sich abgezeichnet, dass der aussichtsreichste Kandidat aus Mainz kam und nicht aus Paris. Dennoch schloss die EU-Kommission ausgerechnet mit Sanofi einen der beiden ersten Verträge ab, also dem französischen Pharmakonzern, der für seine Unzuverlässigkeit bekannt ist.

    Das sind Sätze aus der Abteilung Propaganda. Niemand konnte im vergangenen Sommer wissen, welcher Hersteller bis zum Jahresende das Rennen machen wird. Niemandem war klar, wer eine schnelle Zulassung erhält. Und bei Unsicherheit ist ein Risiko-Splitt – in diesem Fall die Verteilung der Bestellung auf 6 mögliche Lieferanten – immer eine kluge Option. Würde jeder andere (Profi-!) Einkäufer ebenfalls so handhaben. Kein Profi (!) verlässt sich auf einen einzigen Zulieferer, so lange überhaupt nicht absehbar ist, ob der mit der Entwicklung rechtzeitig fertig wird und wenn er irgendwann fertig wird, jemals die notwendige Menge bereitstellen kann. Für die Behauptung, Sanofi sei bekanntermaßen unzuverlässig, bleibt Fleischhauer den Beweis schuldig. Für mich klingt das stark nach germanischer Überheblichkeit: Was jenseits von Spaghetti Carbonara, Rotwein und Bœuf bourguignon aus romanischen Ländern kommt, taugt nichts. Typische deutscher Porschefahrer-Dünkel.

    Die Wahrheit ist: Gegen Biontech sprach zweierlei, die deutsche Herkunft und die Allianz mit Pfizer, dem großen Rivalen aus New York. Wenn man sich bei Leuten umhört, die mit den Verhandlungen vertraut sind, hört man, dass die Franzosen die Impfstoffbestellung als eine Frage des Ansehens betrachteten. Deshalb war auch klar, dass die Bestellung bei Biontech niemals über die 300 Millionen Impfdosen hinausgehen durfte, die man im September bei Sanofi geordert hatte. Das sei eine Sache der nationalen Ehre. Man glaubt es sofort.

    Auch hier wieder Blabla bar jeglicher belastbarer Quelle. Gegen BionTech sprach u.a., dass das Vakzin durchgängig bei minus 70° kühl gelagert werden muss. Soviel ich weiß, kann die EU jederzeit in Mainz nachordern. Wie bei den anderen Herstellern ebenfalls. Die Frage ist bloß: kann BioNTech auch innerhalb vertretbarer Fristen so viel liefern wie Deutschland, die EU, letztlich die gesamte Welt gerne kaufen würden? Schnelle Antwort: mit hoher Wahrscheinlichkeit Nein. Weshalb – ich wiederhole mich – es eine kluge Entscheidung der EU war, die Beschaffung auf ein halbes Dutzend Produzenten zu streuen.

    Die Trennlinie zwischen Kolumne und Fake News muss scharf bleiben

    Und an dieser Stelle habe ich keine Lust mehr, noch weitere Sätze aus der Fleischhauer-Kolumne zu zitieren und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Auch wenn Kolumnen keine wissenschaftlichen Aufsätze und keine neutralen Artikel im Nachrichtenteil sind, sie bei psychologischer Betrachtung nichts anderes darstellen als das wöchentliche Lamento alter Männer, denen zu Hause keiner mehr zuhören mag, weshalb sie ihren Weltschmerz und/oder Weltzorn halt notgedrungen im Abstand von 7 Tagen in die Laptop-Tastatur hämmern müssen. Geht mir ja genauso. Kolumnisten dürfen ungeprüfte Hypothesen aufstellen, sticheln, reizen und am Ende des Textes was anderes behaupten als zu Beginn. Alles möglich. Niemand mag eine 100 Prozent politisch-korrekt-langweilige Kolumne lesen. Es kann munter nach links und rechts ausgeteilt werden, und der Kolumnist darf nie Angst vor einem Shitstorm haben. Trotzdem sollten auch Kolumnen einen gewissen Wahrheitskern enthalten bzw. die Wahrheit nicht dermaßen verdrehen, bis sie keine Kolumnen mehr sind, sondern an Fake News heranreichen.

    Und Sätze wie dieser (okay, ich zitiere doch noch einen):

    Was, wenn sich herausstellen sollte, dass ihre [gemeint ist die Kanzlerin. Anm. des Verf.] Unachtsamkeit das Sterben verlängert? Dass es ihre Fehlentscheidung war, die jeden Monat Menschenleben kostet, die andernfalls hätten gerettet werden können?

    sind zum einen mega-übel und befördern zum anderen die Fakenews-Produktion in den sozialen Medien, wo dann – ohne die konkreten Zahlen zu kennen – bloß noch davon geschwafelt wird, Deutschland hätte sträflich zu wenig Impfdosen geordert.

    Ich will hier nicht langweilen mit Notfallzulassung, Rüstzeit, Logistik, Kühlketten, Nachfrager, die den doppelten Preis zahlen, werden bevorzugt behandelt u.ä.; denn auch das hier ist eine Kolumne und kein Fachaufsatz über professionelles (!) Beschaffungswesen, sondern schließe mit einem Kommentar den ich in einer Facebook-Diskussion aufgestöbert habe:

    Ich kann auch am Donnerstag die Lottozahlen vom Mittwoch sagen und Herrn Fleischhauer dafür kritisieren, dass er falsch getippt habe.

    Mehr gibt’s zu dieser elenden Klugscheißer-Debatte von meiner Seite aus nicht zu sagen.

  • Nie war ich so fett wie heute oder …

    Nie war ich so fett wie heute oder …

    2020 war das Corona-Jahr. Nicht nur draußen in der realen Welt, sondern ebenfalls ganz heftig in den beiden virtuellen Paralleluniversen Facebook & Twitter und natürlich auch bei uns Kolumnisten. Es verging seit Februar kaum ein Monat, in dem wir uns nicht aus dem ein oder anderen Blickwinkel mit Covid-19 beschäftigten. Ging es am Anfang noch darum, das Problembewusstsein für diese neue Form der Bedrohung zu wecken und zu schärfen, handelten unsere späteren Artikel von Grundrechten in Zeiten von Corona über Nachhilfe für den Corona-Widerstand, gefolgt von Aus deutschen Schlachthöfen bis hin zu aktuell Impfpflicht?. Grob geschätzt zwei Dutzend Beiträge kann man finden, wenn man bei den Kolumnisten das Schlagwort Corona in die Suchmaske tippt. in Man sollte also meinen, zu Sars-CoV-2 wurde mittlerweile ALLES gesagt, was es dazu zu sagen gibt. Stimmt auch nahezu. Einzig ein wichtiger Aspekt scheint mir bisher völlig zu kurz gekommen zu sein.

    Welcher wichtige Aspekt soll das denn sein, fragen Sie mich?
    Moment, ich erkläre es gleich.

    Stay (dauerhaft) at home -> Gewichtsexplosion

    An Heiligabend, 16 Uhr war es mal wieder so weit: Ich passte nicht mehr in den Heiligabend-Anzug, den ich in den vergangenen Jahren getragen hatte, hinein. Das war mir zuletzt 1997 oder 98 passiert. Da es am Heiligabend um 16 Uhr erfahrungsgemäß schwierig ist, einen Ersatzanzug zu kaufen oder zu leihen und die Änderungsschneiderin, die das Problem 1997 (oder 98) gelöst hatte, mittlerweile verstorben ist, bot sich die beste aller Töchter an, den Knopf so weit zu versetzen, dass ich für die Zeitdauer eines Abends eine geschlossene Hose zumindest simulieren konnte. Beim Jackett, das ebenfalls arg spannte, half der Tipp eines Facebook-Bekannten: „Sakkos immer offen tragen.“ Mit diesen kleinen Tricks kam ich durch den Heiligabend, besorgte mir an Silvester eine neue Batterie für meine Waage, die ich allerdings erst am Neujahrstag bestieg, um mir den Jahreswechsel nicht unnötig zu versauen, und siehe da, wenig erstaunlich, die Nadel zeigte 8 (!!) Kilo mehr als am Jahresbeginn 2020. Kein Wunder, dass viele meiner Hosen und Hemden mittlerweile arg zwickten, was ich bisher stets auf zu heiß eingestellte Programme in der Waschmaschine zurückgeführt hatte. Mich zugegebenermaßen hin und wieder darüber wunderte, weshalb ebenfalls Hosen und Hemden, die vorher gar nicht in der Waschmaschine gewesen waren, ebenfalls arg zwickten; aber lieber ein paar Stunden lang die Luft anhielt und den Bauch einzog, als mich mit dem immer offensichtlicher aus dem Hosenbund quellenden Thema des Corona-bedingten Aus-dem-Leim-gehens auseinanderzusetzen.

    Eine nicht ganz repräsentative telefonische Umfrage unter meinen Freunden und Bekannten ergab, dass 37 Prozent der in etwa gleich alten (also: gleich alt wie ich) Männer und sogar 42 der Frauen vom selben Phänomen berichteten: überproportionale Gewichtszunahme in Corona-Jahr 1. Und da natürlich nicht alle bei einer Telefonbefragung, zumal bei solch einer heiklen Sache wie dem Gewicht, ehrlich antworten, selbst wenn man ihnen komplette Anonymisierung der Daten garantiert, ist die Dunkelziffer hoch und es steht mithin zu befürchten, dass zu den eben genannten 37 und 42 Prozent jeweils nochmal ne Kalorien- bzw. Kilo-Schippe draufgelegt werden muss. Nicht wenige meiner Interview-Partner berichteten zudem von gravierenden Fitness-Einbußen. Einige, die vorher mühelos zehn Treppen steigen konnten, nehmen nun den Lift, um in den ersten Stock zu gelangen.

    Isolierung ja, aber mit Verstand

    An dieser Stelle wollen wir das individuelle Der-Hirsch-bekommt-den-Reißverschluss-seiner-Hose-nicht-mehr-zu-Thema verlassen und versuchen, die Problematik der Gewichtszunahme im Verein mit gleichzeitiger Fitness-Reduktion aus der Meta-Perspektive der nationalen Gesundheit (das ist nicht dasselbe wie die nationale Sicherheit, die in Hollywood-Filmen ständig bedroht wird; aber alles, wo national davor steht ist auf jeden Fall von großer Bedeutung) zu betrachten. Denn um unsere Gesundheit dreht sich seit 9 Monaten ja beinahe alles. Was auch vollkommen richtig ist. Gesundheit ist wichtiger als im Homeoffice kratze ich so langsam den Kitt aus den Fensterritzen und ich hasse es, beim Bäcker 20 Minuten draußen zu warten, bis ich endlich meine 3 Brötchen bekomme oder gar was mache ich mit meinen Fingernägeln, wenn das Nagelstudio wochenlang geschlossen ist?

    Was mir jedoch völlig schleierhaft ist: Warum sorgt sich der Corona-Nanny-Staat nicht ebenfalls um den Fitness-Zustand seiner Bevölkerung? Er sorgt sich mittlerweile um so VIELES, aber ausgerechnet die physische Kondition der Menschen ist ihm wurscht? Und das, obwohl ein guter Fitnessgrad neben Vereinzelung (sprich: alleine zu Hause auf dem Sofa hocken und 24/7 Paprikachips in sich reinstopfen), Maske tragen und 2m-Abstandsregel einhalten sicher eine veritable Krankheitsprophylaxe (iSv. milderer Verlauf bei Infektion) bedeutet? Woran liegt die beinahe schon grob fahrlässige Vernachlässigung dieses Aspekts? Weil unsere Politiker selber alle keinen Sport treiben? Weil sich der Staat aus unserer individuellen Fitness heraushalten möchte; die sei Privatsache? Derselbe Staat, der mir an Weihnachten und Silvester vorschreibt, wie viele Verwandte ich treffen darf? Weil das Geld für eine bundesweite Trimm-dich-Kampagne fehlt? Falls ja: dann sollte es schleunigst im Haushalt bereitgestellt werden.

    Mal wieder meine Großmutter väterlicherseits

    Es wird ständig gepredigt, was wir alles NICHT tun dürfen. Bin ich d’accord: In Zeiten einer Pandemie darf man halt einiges bis hin zu vieles nicht machen. Bis das Virus abebbt und/ oder Herdenimmunität qua Impfung erreicht ist. Es wird jedoch viel zu wenig gesagt, was wir alternativ tun können, um gesund durch die harten Lockdown-Wochen zu kommen. Kann ja nicht sein, dass Aerobic mit Pamela Reif und Peloton-Ergometer-strampeln die einzigen vernünftigen Indoor-Fitness-Angebote darstellen.

    Weshalb bieten unsere Öffentlich-Rechtlichen nicht 3x täglich ein kleines Zirkeltraining für die Couch-Kartoffeln an? Fände ich in Corona-Zeiten sinnvoller, als eine dumme Vorabendserie gefolgt von einer noch dümmeren Spiel-Show nach der anderen über den Äther zu jagen. Und der größte Irrsinn von allem: Wir schließen sämtliche Sportstätten und Fitnessstudios. Einrichtungen, die sich seit Monaten an sämtliche Hygienekonzepte halten und dafür Sorge tragen, dass zumindest der Teil der Bevölkerung, der sich fit halten will, das auch tun kann. Stattdessen beordern wir alle in die häusliche Isolation und wundern uns im nächsten Frühjahr darüber, dass der durchschnittliche Body-Mass-Index um 3 Punkte angestiegen und die Hälfte der ü50-Jungsenioren ohne Treppenlift alsbald nicht mehr in der Lage ist, vom Wohnzimmersofa aus das Schlafzimmer zu erreichen.

    Meine Großmutter väterlicherseits, die die Spanische Grippe, zwei Weltkriege und die Hungerjahre nach WK2 durchgemacht hatte, gab mir folgenden Ratschlag mit fürs Leben: Ernähre dich gesund und maßvoll (was ich in Corona-Jahr 1 ganz augenscheinlich nicht getan habe), beweg dich oft an der frischen Luft, lauf die Treppe hoch, so lange du kannst, geh vor Mitternacht schlafen und halte dich von Drogen fern, dann wirst du selten krank und wenn du zwischendurch nicht versehentlich vor eine Straßenbahn läufst, dann erlebst du wahrscheinlich sogar deinen 90-sten Geburtstag. Sie selbst wurde 97, war so gut wie nie krank und schlief an einem sonnigen Samstagmittag friedlich im Kreis ihrer Kinder ein.

    Mehr Sport ist auch ne Form der Prophylaxe

    Bei allem Respekt, aber Ihre Großmutter väterlicherseits hatte Null Ahnung von Sars-CoV-2, sagen Sie? Stimmt; jedoch hatte Sie ne Menge Ahnung von der Vorteilhaftigkeit eines intakten Immunsystems und hielt Sport – so lange man ihn in Maßen betreibt – für eine vernünftige Sache. Und Sie war dabei NIE eine Verfechterin von Bachblüten-Therapien und ähnlichem esoterischen Unfug. Sie würde sich – so sie heute noch lebte – auch an sämtliche Vorgaben halten gem. dem Motto, „In Zeiten einer Pandemie ist Vorsicht eine Tugend“. Was allerdings als Gegenbeweis, dass ein mittels sportlicher Aktivität und gesunder Ernährung gewappneter Körper dem Virus genauso schutzlos ausgeliefert ist wie alle anderen übergewichtigen und Fitness-verwahrlosten Körper auch, nicht taugt. Man kann ja durchaus beides tun – also AHA-Regeln befolgen und zusätzlich aufs Ergometer steigen –, anstatt mit der Chipstüte auf dem Sofa zu sitzen und 24/7 durch Netflix zu zappen.

    Deshalb mein Appell: Sportstätten und Fitnessstudios sollten schnell wieder geöffnet werden. Die sind Minimum genauso systemrelevant wie Friseure und Blumenläden. Wenn nicht sogar systemrelevanter.

    Was mit meiner eigenen Gewichtsreduktion ist, wollen Sie noch wissen?
    Eineinhalb Kilo sind schon runter – was evtl. an ner kräftigen Morgenverdauung heute Morgen liegen kann –, 4 weitere sollen bis Ende Januar purzeln. Ich habe es vor ein paar Jahren geschafft, auf zwei Pullen Wodka am Tag zu verzichten, da werde ich doch auch noch mit Nutellabrötchen, Keksen, Sonntagnachmittag-gedeckter-Apfelkuchen und Dosenravioli mit Extrasahne fertig werden. Andernfalls lasse ich mir den Magen verkleinern, denn so kann es auf keinen Fall in Corona-Jahr 2 weitergehen, sonst bin ich im nächsten Winter dreistellig auf der Waage. Eine post-apokalyptische Horrorvorstellung!

  • Corona und kein Ende?

    Corona und kein Ende?

    Die Zahlen steigen, steigen und steigen. Ob es sich dabei nun um die zweite, die Verlängerung der ersten oder den Vorboten der dritten Welle handelt, ist völlig egal. Ob die Zahlen exponentiell explodieren oder nur temporär nach rechts gekrümmt linear anwachsen, ist eigentlich auch nicht so superwichtig. Ob es daran liegt, dass heute mehr getestet wird als noch vor Wochen oder Monaten, interessiert mich als Laien ehrlich gesagt ebenfalls nur am Rande. Fakt ist: Die Gesundheitsämter melden jeden Tag neue Höchststände an Infizierten, die Belegung der Betten auf den Intensivstationen mit Covid-19-Patienten nimmt wieder zu. Wenn die Entwicklung weiter so voranschreitet wie im September und Oktober gehen wir einem äußerst ungemütlichen Spätherbst entgegen. Karl Lauterbach, den die einen für einen notorischen Schwarzseher, die anderen für die sozialdemokratische Reinkarnation der trojanischen Kassandra ansehen, prognostiziert für diesen Fall einen zweiten Lockdown. Und man mag zu Karl Lauterbach stehen wie man will: Er hat sich bisher in Bezug auf Corona so gut wie nie mit seinen Vorhersagen geirrt.

    Lockdown: Da war doch mal was in ferner Vergangenheit?
    Ich frische gerne Ihre Erinnerung auf:

    Lockdown = Ausgangssperre oder auch eine Absperrung bzw. Versiegelung von Gebäuden und Bereichen.

    Shutdown = Situation, in der ein Unternehmen (vorübergehend) seinen Betrieb einstellt.

    Lock- & Shutdown = mittelschwere Katastrophen

    Beides wäre eine mittelschwere Katastrophe. Und zwar sowohl für viele Familien, die dann wieder beginnen müssten, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten und zu bespaßen als auch für große Teile unserer Wirtschaft. Bis weit in den Oktober hinein habe ich deshalb gedacht: Ein neues Herunterfahren des öffentlichen Lebens wird es nicht geben. Wir sind weiter, haben gelernt, mit dem Virus zu leben, uns vor ihm zu schützen. Hin und wieder gibt es lokale Ausbrüche und lokale Hotspots, bei denen es völlig reicht, sie lokal zu bekämpfen. Anscheinend war das aber Wunschdenken meinerseits gewesen. Denn falls die Zahlen weiter so in die Höhe schnellen, wie sie es seit Wochen tun, ist binnen Monatsfrist Gesamt-Deutschland als Hotspot zu betrachten. Von unseren europäischen Nachbarn, wo es im Moment noch schlimmer aussieht als bei uns, brauchen wir hier erst gar nicht zu reden. Horrorbilder wie die vom März in Bergamo tauchen plötzlich vor meinem geistigen Auge auf. Nur dass diese Szenen dann in Köln und Castrop-Rauxel spielen.

    „Ist bei uns in Deutschland nicht möglich“, sagen Sie?
    „Ich klopfe abergläubisch 3x auf meine hölzerne Tischplatte“, sage ich.

    Falls einige sich im Juli und August in bierseliger Stimmung an dichtgedrängten Ostseestränden der Illusion hingegeben haben sollten, ‚aus und vorbei‘, so werden wir nun, wo draußen die Temperaturen sinken, schnell wieder mit der harten Realität konfrontiert: Das Virus war nie weg. Es hat eine kurze Verschnaufpause eingelegt und macht sich nun frisch erholt daran, uns ein weiteres Mal heimzusuchen. Ob es noch exakt derselbe Erreger wie im Frühjahr ist oder das Ding in den Sommerferien ein-, zwei-, dreimal mutierte: Wen, außer den Experten, juckt das? Es handelt sich nach wie vor um ein hochansteckendes Virus, das, wenn es schlecht läuft, den Infizierten ins Krankenhaus und, wenn es noch schlechter läuft, von dort in die Kühlkammer befördert.

    „Es sind doch aber nur wenige, die daran sterben und die, die sterben, sind alt und waren vorerkrankt. Wir können doch nicht ein ganzes Volk in Sippenhaftung für eine kleine Risikogruppe nehmen“, sagen Sie nun?
    „Sie mich auch“, erwidere ich.

    Ansteckungsgefahr wächst täglich

    Die Wahrscheinlichkeit, mit Covid-19 persönlich Bekanntschaft zu machen, wächst von Tag zu Tag. Kannte ich Corona bis in den Spätsommer hinein nur vom Hörensagen – z.B. der Kindergarten im Nachbarviertel schließt für zwei Wochen, weil eine Erzieherin sich angesteckt hatte –, so kommen die Einschläge nun im Herbst näher. Erst gestern wurde mir von einer befreundeten Familie berichtet, bei der fünf Personen gleichzeitig erkrankt sind und der Mann, jünger als ich, wegen schwerer Symptome bereits nach 48 Stunden ins Krankenhaus abtransportiert wurde, während sich Mutter und Kinder in strenger häuslicher Quarantäne befinden. Oha, dachte ich, so schnell kann’s gehen und überlegte, wann statistisch gesehen ich selbst an der Reihe bin.

    Nun neige ich weder zu Schwarzmalerei, noch zu Alarmismus. Lag selbst 10x auf der Intensivstation und weiß, dass es auch von dort wieder einen Weg nach draußen gibt. Das Virus wird uns nicht alle killen; dafür ist die Mortalität Gottseidank zu gering. Es wird uns jedoch nicht so schnell in Ruhe lassen und uns, falls wir nicht energisch gegensteuern, in den kommenden Monaten einige zehntausend vermeidbare Todesfälle bescheren.

    Die effektivste Methode, SARS-CoV-2 zu stoppen, bestünde darin, dass wir ALLE vier Wochen lang zu Hause bleiben. Vorher ordentlich Klopapier, Dosenravioli und Corned Beef hamstern und dann mit dem Arsch festgetackert auf dem Sofa kreuz und quer durch Netflix zappen. Dem Erreger keine Chance bieten, vom einen zum anderen Wirt weiterzuspringen, der biologischen Malware den humanen Nährboden entziehen, das Teil schlichtweg aushungern. Ob’s dann jedoch tatsächlich für immer und ewig vorbei ist, oder uns eventuell im März eine neue Welle von Asien oder Afrika oder vom Nordpol herkommend überrollen wird, weiß allerdings auch niemand so genau.

    Deshalb bleibt es beim weiter oben Gesagten: ein zweiter bundesweiter Lock-/ Shutdown kann nur die allerletzte Möglichkeit sein, falls alle anderen, weniger invasiven Maßnahmen versagen sollten. Denn ein erneuter Shutdown würde ein Branchensterben bisher nicht gekannten Ausmaßes nach sich ziehen. Hand aufs Herz: Wann sind Sie das letzte Mal ins Kino, zu einer Musikveranstaltung, ins Theater gegangen? Haben Sie sich mit einem Gastronomen oder Hotelbesitzer darüber unterhalten, was die für Umsatzeinbrüche in diesem Jahr verkraften müssen? Wissen Sie, wie viele Clubs & Nachtlokale in den vergangenen Monaten ihre Pforten für immer schließen mussten? Haben nicht zahlreiche Arbeitgeber Corona als willkommenen Vorwand genommen, um Belegschaft, die sie eh schon länger loswerden wollten, erst in Kurzarbeit und im Anschluss in die Jobcenter zu schicken? Der Kitt der Kurzarbeit verstellt im Moment den klaren Blick auf das wahre Ausmaß der sich in Bälde anbahnenden ökonomischen Katastrophe. 2021, sobald die Maßnahme ausläuft, wird als das Jahr mit DEN Rekord-Arbeitslosenzahlen in die Geschichtsbücher eingehen.

    Lieber arbeitslos als tot?

    „Lieber arbeitslos als tot“, meinen Sie?
    „Habe ich im Frühjahr noch genauso gesehen“, antworte ich. Heute hingegen graut mir manchmal vor einer Depression, wie wir sie Ende der 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts schon mal erlebt haben. Auch wenn man die Situationen damals und heute nicht 1 zu 1 miteinander vergleichen kann, so ähneln sich ökonomische Depressionen doch darin, dass sie sich oft als hartnäckig erweisen und als unappetitliche Folge das Erstarken der radikalen politischen Ränder im Schlepptau haben.

    So lange die Inzidenzwerte nicht in die Stratosphäre schießen, die Krankenhäuser nicht am Limit arbeiten u.v.a. die Mortalitätsrate nicht explodiert, sollten wir deshalb ALLES versuchen, die Pandemie mit hausärztlichen Mitteln (i.e. Maske beim Einkaufen und auf der Straße tragen, Abstand halten, Menschenmengen meiden, lieber einmal zu oft als einmal zu wenig zu Hause bleiben, die Möglichkeiten von Homeoffice und Homeschooling umfangreich nutzen etc. etc.) in den Griff zu bekommen, als Gefahr zu laufen, dass wir qua Gesetz/ Verordnung pünktlich zum Start der Adventszeit unsere vier Wände bis zum Frühjahr nicht mehr verlassen dürfen und Gastronomie & Hotellerie der endgültige Todesstoß versetzt wird. Der leicht erkältete Patient Deutschland, der sich im Moment noch mit Mitteln aus der Hausapotheke selbst kurieren kann, würde dann mit dauerhaft 40° Grad Fieber auf die ökonomische Intensivstation verfrachtet. Länge des Aufenthalts und Rückkehr zu alter Stärke völlig ungewiss.

    Der Optimist in mir sagt, wir werden es mit Masken und Rückzug auf die Wohnzimmercouch schaffen, weil wir Menschen vernünftige und soziale Wesen sind. Der Pessimist hält dagegen: „Vernünftig und sozial? Vergiss es! Das klappt nie und nimmer. Es gibt immer noch ne Menge Leute, die sich störrisch und grob fahrlässig der Prävention verweigern. Spätestens an Weihnachten wird der nationale Infektions-Notstand ausgerufen.“

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich möglichst viele am eindringlichen Appell der Kanzlerin ausrichten. Denjenigen, die der Kanzlerin, egal was die gerade empfiehlt, grundsätzlich misstrauen, sei zusätzlich ein Tipp meiner Großmutter väterlicherseits ans Herz gelegt: Im Krieg und bei Seuchen ist Vorsicht eine Tugend. Die Dame hat mit diesem Motto zwei Weltkriege und die Spanische Grippe relativ unbeschadet überlebt und wurde knapp 100 Jahre alt, weshalb mir der Ratschlag vernünftig zu sein scheint. Ich jedenfalls habe mir zusätzlich zum Netflix- jetzt auch noch ein Maxdome-Abo zugelegt und ein Dutzend Romane in Amazon bestellt, damit mir beim (noch freiwillig) Zu-Hause-bleiben auch bestimmt nicht langweilig wird.

    Und wie lange soll das (freiwillige) Zu-Hause-bleiben dauern, wollen Sie abschließend wissen? Halt so lange, bis die Werte wieder absinken und ein Impfstoff zur Verfügung steht. Und der Impfstoff wird kommen. Da bin ich SEHR zuversichtlich.

  • Ne Unterhosen-Kolumne

    Ne Unterhosen-Kolumne

    »Du hast schon lange nichts mehr geschrieben«, sagt sie.
    »Es ist heiß und alles Mitteilenswerte wurde schon tausend Mal geschrieben, bevor ich auch nur darüber nachdenke, was dazu zu schreiben«, sage ich.
    »Du bist halt ein langsamer Schreiber«, sagt sie.
    »Stimmt«, sage ich.
    »Willst du jetzt den gesamten Corona-Sommer in ner Unterhose auf deinem Balkon rumsitzen?«, fragt sie.
    »Was ist verkehrt daran, in einem Corona-Sommer in ner Unterhose auf dem Balkon zu sitzen?«, frage ich.
    »Nichts ist verkehrt daran, in einem Corona-Sommer in ner Unterhose auf dem Balkon zu sitzen. Aber du solltest trotzdem mal wieder was schreiben. Das wird dir gut tun«, sagt sie und legt auf.

    In Facebook auch nichts Neues

    Und nun sitze ich in Unterhose an meinem Schreibtisch und überlege, was ich schreiben soll, worüber andere nicht schon viel früher und viel Schlaueres, als ich es gleich tun werde, geschrieben haben. Ich meine, heute ist es doch so: Sie klappen das Internet morgens auf, und PENG werden Sie mit einer Million Informationen, die binnen Nanosekunden über Ihren Bildschirm flimmern, reizüberflutet. Eine chronische Reizüberflutung, die beim Ersten einen chronischem Reizdarm, beim Zweiten chronische Migräne und beim Dritten chronisch schlechte Laune auslöst. Die Kunst besteht also nicht darin, möglichst viele Nachrichten aufzunehmen, sondern zu erkennen, welche 99.9 Prozent man gar nicht erst lesen sollte, um nicht unnötig Lebenszeit mit dem Studium von Infomüll zu vergeuden und chronischen Reizdarm zu vermeiden, denn der ist das schlimmste von allen.

    Also, wofür lohnt es sich, am Sonntagmorgen zwei Stunden in Unterhose am Schreibtisch zu sitzen und eine Kolumne zu tippen? Ich schaue kurz in Facebook vorbei, weil dort alles, was auch nur den leisesten Hauch einer Nachricht aufweist, über den Newsfeed gejagt wird. Facebook ist neben meinen nächtlichen Albträumen die beste Inspirationsquelle für neue Texte. Ich lese, „DFG will Dieter Nuhr nicht mehr als Markenbotschafter haben“, und gähne. Das ist ein komplettes Nicht-Thema. Zum einen hat die DFG völlig Recht damit, Dieter Nuhr den Youtube-Stuhl vor die Tür zu setzen, zum anderen ist ein Tag ohne Dieter-Nuhr-alter-weißer-Mann-Kalauer eh immer ein guter Tag. Bloß keine Kolumne über inhaltlich ausgezehrte Comedians, die im Alter den rechten Rand als neue Zielgruppe für sich entdeckt haben. Die gestrige Demo in Berlin wäre vielleicht was: 20.000 Freiheitsbewegte, die gegen Corona, unsere Regierung und die Wissenschaft protestieren. Masken sind schädlicher als das Virus – falls es das überhaupt gibt –, Viren gab es immer schon, wer sich gesund ernährt, wird an Covid-19 nicht sterben, wir lassen uns das Recht auf Massentourismus nicht nehmen, Impfen ist Teufelszeug, die ganze Pandemie ist der größte Schwindel seit Apollo 11 und der Einführung der Sommerzeit etc. etc. Jetzt alles nichts unbedingt Neues; die verquere Diskussion kennt jeder, der in den sozialen Netzwerken unterwegs ist. Aber aufgrund der 20.000-maskenbefreiten-Personen-Haufenbildung mitten im Machtzentrum der Republik doch irgendwie spooky, selbst für Horrorfilm-gewöhnte Netflix-Kunden wie mich.

    Am besten gefällt mir ein Video, in dem eine Gruppe Entrückter (was sprachlich eng an ‚verrückt‘ dran ist. Falls diese sprachliche Verwandtschaft jemanden interessieren sollte) den Jesus tanzt. Nun ist den Jesus tanzen sicherlich politisch korrekter als den Mussolini tanzen; ich überlege dabei jedoch fieberhaft, was Jesus wohl zu SARS-CoV 2, den Wissenschaftlern, die vor einer zweiten Welle warnen und den Corona-weg-Tänzern gesagt hätte. Wäre er der Meinung gewesen, dass wir mittlerweile eh alle aufgrund des eitlen medizinischen Fortschritts viel zu alt werden, weshalb eine periodische Reduktionsnummer ab und an notwendig ist, um uns Menschen vom Irrglauben an unsere immerwährende irdische Existenz zu befreien? Ich meine, Gott war im Alten Testament nie zimperlich, wenn es darum ging, seinen Kindern die Grenzen aufzuzeigen. Denken Sie bloß an die zehn Plagen, die er über Ägypten sandte. Dagegen ist Corona ein kleiner Sonntagsspaziergang. Oder hätte Jesus, der ja chronologisch nicht mehr dem Alten, sondern dem Neuen Testament angehört, sich auf die Seite der Alten und Schwachen (neudeutsch = Risikogruppen) gestellt und uns aufgetragen, auf diese Mitbürger besondere Rücksicht zu nehmen? Und zu dieser Rücksichtnahme gehören eben auch zwingend Masken und Mindestabstand. Was mich zu dem Schluss gelangen lässt, dass jemand, der auf einer Corona-ist-auch-nur-ein-Schnupfen-Demo den Jesus tanzt, näher an ver- als an entrückt dran ist.

    Und bevor Sie jetzt sagen, der Hirsch wird im Alter wunderlich und sucht verzweifelt Gott – das hier zur Klarstellung: das letzte Mal gebetet habe ich auf Geheiß meiner Mutter – die legte da abends vor dem Zubettgehen Wert drauf – mit 10, und in die Kirche gehe ich nur anlässlich von Beerdigungen, die allerdings mit steigendem Alter meiner Verwandten und Freunde seit ein paar Jahren zunehmen.

    Über die wohlstandsverwahrloste Asozialität der Teilnehmer von Anti-Corona-Aufläufen hatte ich allerdings schon mal im Mai diesen Jahres eine Kolumne geschrieben, weshalb ich das heute nicht alles nochmal wiederholen möchte.

    Das gute alte Zigeunerschnitzel

    Das Thema ‚Rassismus‘ böte sich evtl noch an. Dass es in den sozialen Netzwerken (dort trauen sie es sich, oft unter Pseudonym und mit nem Tierbild im Profil) immer noch ne Menge Sprachnostalgiker gibt, die dem guten alten Zigeunerschnitzel hinterhertrauern, Negerküsse und Mohrenköpfe niedlich finden, die Mohrenapotheke fälschlich vom heiligen Mauritius herleiten und bei der geforderten Umbenennung von Mohrenstraßen meinen, dass es wirklich wichtigere Probleme gibt (z.B. die Beschäftigung mit der in Kürze mal wieder anstehenden Umsatzsteuervorauszahlung oder -rückzahlung oder sonstwas anderes Wichtiges mit der Umsatzsteuer), als alte Straßen umzubenennen (zumal die neuen Schilder ja auch wieder Geld kosten. Geld des Steuerzahlers!), brauche ich Ihnen als altgedientem Facebook-Kämpen nicht zu erzählen. Das lesen Sie ja alles selber in den Beiträgen, die Sie täglich überfliegen. Dass manche Übereifrige nun allerdings auch noch alte Kinderbücher von ‚bösen‘ Begriffen säubern wollen, erfüllt mich dann doch ein wenig mit Sorge. Hier gilt der Grundsatz: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch immer gut durchdacht oder gar gut gemacht. Nachträglicher Furor gegen Jim Knopf und Pippi Langstrumpf schadet der notwendigen Rassismus-Debatte eher, als dass er ihr nützt.

    Nicht jeder, der Negerkuss sagt und gerne Zigeunerschnitzel isst, ist deshalb gleich ein Rassist, Herr Sprachpolizist-Autor, wenden Sie ein?
    Das stimmt, antworte ich Ihnen. Jedoch ist die Korrelation zwischen Negerkuss, und „ich würde meine Tochter auf keinen Fall mit einem Afrikaner verheiraten wollen“, groß.
    Das soll Rassismus sein? Sie kennen weder mich noch meine Tochter, sagen Sie jetzt?
    Genau DAS ist Rassismus, erwidere ich.
    Anzeige raus, kommt nun noch von Ihnen, und dann blockieren Sie mich.

    Letztlich aber auch ein alter Hut. Darüber wurden schon tonnenweise Kolumnen geschrieben. Selbst von einem faulen Schreiber wie mir. Lohnt nicht, das heute alles ein weiteres Mal durchzukauen. So langsam gehen mir die mitteilenswerten Themen aus, merke ich. Soll ich deshalb an dieser Stelle den finalen Punkt setzen und vom Schreibtisch auf den Balkon wechseln? Halb elf morgens und schon knapp 30 Grad in meiner Bude. Das hält man wirklich nur in Unterhose auf dem Balkon aus.

    Aerodynamische Särge und Katzen

    Was gäb‘s sonst noch an diesem Sonntag, 2. August 2020, zu berichten? Heute wäre beispielsweise der 92ste Geburtstag von Luigi Colani gewesen. Sie wissen nicht, wer das ist? Schlagen Sie bitte unter „C“ in Ihrer Brockhaus-Taschenbuchausgabe nach. Colani, der nicht nur ein eigenwilliger und erfolgreicher Designer war, hat der Nachwelt neben dem aerodynamischen Sarg und der Küche, in der man jedes Gerät im Sitzen bedienen kann, auch einige durchaus zitierenswerte Sätze hinterlassen. Bspw. diesen hier:

    Die Autoproduktion muss weg! Sie muss anderen Verkehrsphilosophien Platz machen.

    Bereits in den 80er Jahren getätigt. Ähnliches äußerte in etwa zeitgleich ein Kumpel von mir, der von einem Zentralcomputer gelenkte Kugeln als PKW-Ersatz vorschlug. Wir hielten ihn damals alle für etwas weltentrückt (nicht verrückt, obwohl er unter Alkoholeinfluss stundenweise auch dazu neigte) und empfahlen ihm, weniger Perry-Rhodan-Hefte zu lesen; aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er doch Recht behalten.

    Oder den hier:

    Das Bauhaus ist out. Outer geht’s gar nicht mehr.

    Ich wiederum sage: Lieber Bauhaus als andere bauliche Scheußlichkeiten. Aber ich bin halt bloß ein architektonischer Laie und nicht Colani.

    Besonders gefällt mir allerdings diese Reflexion:

    Die Nierentische, das war ein geniales Design, das den Menschen einbezog in eine Kommaform.

    Und ich überlege, was genau mir der geniale Designer mit ‚einbeziehen in eine Kommaform‘ sagen will. Ist das eine Anspielung auf meine am Schreibtisch vom orthopädischen Blickwinkel aus schlechte Körperhaltung (die man sich wie einen Hybrid zwischen Scheuermann und Bandscheibenvorfall vorstellen muss), ein Plädoyer für mehr runde Ecken in meiner Wohnung, die Erkenntnis, dass es im Leben keine Punkte gibt, sondern unsere irdische Existenz bloß eine zufällige Abfolge von durch Kommas abgetrennten Ereignissen darstellt? Falls ja, dann setze ich an dieser Stelle zur Abwechslung mal ein Semikolon; denn der Strichpunkt läuft seit Jahren Gefahr, in Vergessenheit zu geraten, bis er eines nicht mehr fernen Tages aufhört zu existieren. Dass ich vor einigen Jahren eine Facebookgruppe ‚Rettet das Semikolon!‘ gegründet habe, hatte ich Ihnen schon mal erzählt? Egal, ist auch nicht so wichtig. Mehr als fünf Mitglieder, die sich erbittert über die Notwendigkeit von Strichpunkten im 21. Jahrhundert stritten, hatte die eh nie, und in der Konsequenz lösten wir die Gruppe sechs Monate später wieder auf.

    Am 2. August wurden ebenfalls Jonas Blue, Katrin Müller-Hohenstein und Ruth Maria Kubitschek geboren, die bisher allerdings keine zitierenswerten Sätze hinterließen. Deshalb zitiere ich sie in dieser Kolumne auch nicht, denn ich möchte Ihre wertvolle Zeit keinesfalls mit nicht-zitierenswerten Sätzen verplempern.

    An einem 2. August gestorben ist u.a. William S. Burroughs, der – bevor Sie jetzt wieder mühsam in Ihrer Lexikon-Taschenbuchausgabe blättern müssen und ihn dort nicht finden, weil Ihre Lexikon-Taschenbuchausgabe der letzte Dreck ist, verrate ich es Ihnen – der Autor von Romanen wie ‚Naked lunch‘ und der ‚Nova-Trilogie‘ und zudem der Erfinder des – mittels vorheriger Drogenzufuhr stimulierten – automatischen Schreibens ist. Wenn ich mir anschaue, wie mühsam ich mit meinem 4-Finger-Suchsystem die Seiten fülle, träume ich manchmal von der Gabe des Maschinengewehr-artigen Tippens. Als ich das aber früher hin und wieder unter massivem Wodkazufluss ausprobierte, betrug der Output jedoch nie mehr als maximal zwanzig Zeilen, die zudem am Morgen danach allenfalls unter Hinzuziehung eines Kryptologen dechiffrierbar gewesen wären. Weshalb ich das Schreiben unter Wodkazufluss irgendwann ganz sein ließ. Das ist aber eine separate Geschichte, die ich heute nicht erzählen will. Vielleicht ein anderes Mal. Erinnern Sie mich aber bitte daran. Ich bin vergesslich.

    Diese Erkenntnis von Burroughs möchte ich Ihnen aber heute unbedingt noch mit auf den Weg geben:

    Meine Beziehung zu Katzen hat mich davor bewahrt, ein kompletter Ignorant zu werden.

    Denken Sie gleich, wenn Sie Ihren Hund Gassi führen, mal darüber nach.

    An dieser Stelle setze ich nun tatsächlich den finalen Punkt. Mein Rücken schmerzt, mir fällt partout nichts mehr ein, und ich muss die Unterhose dringend mal wechseln. Zudem ist mir Handlungsfaden zwischendurch irgendwo abhandengekommen.

    Dieser Text besaß nie einen Handlungsfaden, geschweige denn einen Spannungsbogen, meinen Sie mit strenger Stimme? Das trifft leider zu, erwidere ich; aber es ist heiß, und die Unterhose ist vom stundenlangen am Schreibtischsitzen komplett durchgeschwitzt und zwickt mittlerweile gewaltig, was den nicht-existenten Spannungsbogen hoffentlich ein wenig entschuldigt.

    PUNKT

  • Aus deutschen Schlachthöfen

    Aus deutschen Schlachthöfen

    Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt. Das wird überall passieren,

    antwortete NRWs Ministerpräsident Armin Laschet Mitte vergangener Woche auf die Frage, was der Corona-Ausbruch im Schlachtbetrieb Tönnies über die bisherigen Lockerungen aussage.

    Tags darauf ruderte Laschet zurück und erklärte:

    Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben, verbietet sich.

    Womit wir es auch fürs Erste gut sein lassen wollen. Jedem von uns rutscht ja hin und wieder ein politisch unkorrekter Satz raus, von dem er im Nachhinein wünscht, dass er ihm nie über die Lippen gekommen wäre. Jedoch offenbart obige unbedachte Äußerung doch Folgendes:

    (a) einreisende Saisonarbeiter werden anscheinend immer noch nicht richtig auf Covid-19 getestet
    (b) Rumänen und Polen scheinen in unserer Wertschätzung auf einer niedrigeren Stufe als bspw. Franzosen und Schweden zu stehen. Oder könnten Sie sich den Laschet-Satz auch mit Franzosen und Schweden vorstellen? Also ich ehrlich gesagt nicht.

    Corona offenbart schonungslos Schwachstellen

    Corona legt schonungslos die Schwachstellen in jeder Gesellschaft offen. Sei es ein marodes Gesundheitssystem, sei es ein zu großer informeller Sektor, der den notwendigen Lockdown nahezu unmöglich macht, seien es die Schulen, die noch nicht ausreichend auf Homelearning eingestellt sind, oder seien es eben ausbeuterische Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie.

    Gemäß den zwei spätkapitalistischen Mantras:
    (1) Geiz ist geil
    (2) Bei kleiner Gewinnmarge muss eben die Menge kontinuierlich gesteigert werden …
    … lassen wir ausländische Leiharbeiter zu Bedingungen bei uns schuften, die im Falle, dass wir Deutsche davon betroffen wären, zu monatelangen Streiks bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Aufständen führen würden. Wir entschuldigen die Zweiklassen-Arbeitsgesellschaft damit, dass diese Menschen (zum überwiegenden Teil Osteuropäer) zum einen von zu Hause her nichts anderes gewohnt und die niedrigen Herstellkosten v.a. deshalb notwendig sind, um die riesige Fleischnachfrage der Nation sicherstellen zu können. Ein Tag ohne Billig-Schweinenackensteak ist kein deutscher Tag.

    Dass die niedrigen Lohnkosten in Kombination mit den überhöhten Mieten für verschimmelte Schrottwohnungen auch dazu dienen sollen, dem Unternehmer ein schönes Leben zu ermöglichen – geschenkt. Wer auf den zweitgenannten Aspekt hinweist, ist eh ein Neider und hat nicht verstanden, dass die Fleischproduktion binnen Wochen ins Ausland abwandern kann, sobald wir es den Produzenten hier unnötig schwer machen. Wobei ich mich frage – unterstellt, das mit der Abwanderung binnen Wochenfrist funktionierte –, welche Arbeitsplätze würden dann bei uns verlorengehen? Die unterbezahlten, die eh nur von Osteuropäern wahrgenommen werden, weil wir Deutsche zu verwöhnt dafür sind, und uns unsere Hände nicht mit Tierblut besudeln wollen? Falls ja: dann wäre diese Art des Arbeitsplatzverlustes ja zu verkraften.

    Und die Gewerbesteuer, was ist mit der Gewerbesteuer, fragen Sie mich nun? Stimmt, die würde bei einer Fleischfabrikverlagerung natürlich entfallen. Aber die entgeht uns ebenfalls in vielen anderen möglichen, aber aus gutem Grund nicht erlaubten, Gewerben: z.B. der Herstellung von Koks und Heroin. Nicht alles, was die Verbraucher ständig haben wollen, muss deshalb auch ständig produziert werden. Es gibt Entscheidungsfaktoren, die sich außerhalb rein betriebswirtschaftlicher Überlegungen befinden.

    Betriebswirtschaft contra ethische Überlegungen

    Losgelöst von der ethischen Problematik, Tiere millionenfach bis zur Schlachtreife aufzuziehen, hunderte von Kilometern eng zusammengepfercht in LKWs und Zugwaggons zu transportieren und am Ende der Reise im Sekundentakt zu bolzen, erschießen und zu vergasen, nur um den junkie-artigen Heißhunger des Volkes auf Currywurst und panierte Lendenkoteletts 365/24/7 just in time zu obszön niedrigen Preisen zu befriedigen, was nicht mehr weit entfernt vom Kannibalismus ist, wie wir ihn aus Zombiefilmen kennen, müssen die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter DRINGEND auf den Prüfstand. Es kann nicht sein, dass hier mit zweierlei Vertragsmodellen hantiert wird: Die einen, die das Glück haben, einen deutschen Pass zu besitzen und die anderen, die dummerweise in Osteuropa das Licht der Welt erblickten.

    Wer auf deutschem Boden arbeitet, für den müssen exakt dieselben Bedingungen herrschen wie für deutsche Staatsbürger. Völlig egal, ob der Vertrag mit dem deutschen Betrieb direkt oder via Subunternehmer geschlossen wurde. Es darf nicht sein, dass osteuropäische Saisonarbeiter zum einen weniger verdienen als ihre deutschen Kollegen und zum anderen bei den Mieten für die ranzigen Massenunterkünfte in nahezu betrügerischer Weise über den Tisch gezogen werden. Und natürlich gilt das für sämtliche Branchen. Also ebenfalls die Landwirtschaft. Und wenn dann der Spargel nicht mehr gestochen wird, dann ist es eben so. Ist noch keiner gestorben, bloß weil im Frühjahr kein frischer Spargel serviert wurde.

    Sollten wir diese seit langem überfällige Gleichstellung nicht hinbekommen, dann handeln wir auch nichts anders als die Golf-Araber, die ihre philippinischen Hausangestellten schikanieren, die Kataris, bei denen die pakistanischen Bauarbeiter entkräftet von den Fußball-WM-Stadiondächern fallen und die Amerikaner, die die Mexikaner für die Orangenernte reinlassen und sobald die letzte Apfelsine gepflückt ist, sofort wieder über den Rio Grande nach Süden verjagen. Nur weil die Ausbeutung in Deutschland geschieht, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass es sich hierbei auf keinen Fall um Ausbeutung handeln kann. Denn wir Deutsche sind ja qua Geburt und Erziehung immer gut. Nein, sind wir, was die Bedingungen in unserer Fleischindustrie anbelangt, ganz und gar nicht. Die Politik hat jahrzehntelang weggeschaut. Wird jetzt wirklich allerhöchste Bratwurst, dass sich bei Tönnies & Co. ZEITNAH was ändert. Und zwar nachprüfbar was ändert. Reine Lippenbekenntnisse à la:

    So werden wir nicht weitermachen. Wir werden die Branche verändern
    © Clemens Tönnies

    … verpuffen schneller, als Sie Ihr Rumpsteak medium verputzen.

    Kein Grundrecht auf Billigfleisch

    Und die Fleischpreise, was ist mit den Fleischpreisen, löchern Sie mich? Die werden ja in der Konsequenz durch die Decke schießen. Wer soll sich denn dann noch ein Schnitzel und ne Scheibe deutsche Mortadella leisten können? Zum einen werden die Preise nicht durch die Decke schießen, sondern nur ein paar Prozentpunkte nach oben gehen, zum anderen kenne ich keinen Artikel im Grundgesetz, der uns den täglichen Verzehr von Billigfleisch garantiert, erwidere ich Ihnen.

    Ausbeutung von Arbeitskraft bei gleichzeitig fragwürdigen Hygienebedingungen darf es im Kernland der Europäischen Union nicht mehr geben. Oder sind wir wohlstandsmäßig bereits dermaßen verderbt, dass es uns nicht mehr interessiert, wie die Produkte in unseren Fabriken hergestellt werden? Hauptsache, das (heute mal wieder im Sonderangebot-) Schweinenackensteak steht pünktlich um 12.30 auf dem Mittagstisch?

    Geiz und Habsucht stellen eine der sieben Todsünden dar, wurde mir früher im Religionsunterricht beigebracht. Sehe ich mittlerweile genauso.

    PS. der Autor dieser Zeilen ist weder Vegetarier noch gar Veganer. Und bei seinem bescheidenen Kolumnisten-Salär ist es ihm auch nicht völlig egal, ob die Fleischpreise demnächst durch die Decke schießen. Aber lieber einen Tag lang keine Currywurst als täglich nen Billig-Döner auf dem Teller

  • Corona als Charaktertest

    Corona als Charaktertest

    Pfingsten steht vor der Tür, die Sonne scheint, mein monatelang sich in freiwilliger Selbstisolation kasteiender Nachbar steckt seine blasse Nase aus dem Fenster, schnuppert, ob die Luft noch nach Sars-CoV-2 riecht, entscheidet für sich, und weil Herr Ramelow das auch so sieht, dass die Gefahrenlage eine beherrschbare, wenn nicht sogar bereits obsolete, ist, steigt in sein Auto und fährt endlich mal raus aufs Land. Mit kurzem Stopp an der ESSO. Alles rein in den leeren Tank, denn der Sprit ist günstig. Wenigstens diesen kleinen Vorteil hat Corona uns beschert, sagt er. Und dann düst er ab in Richtung Vulkaneifel. Zwar nur ein kurzer 48h-Urlaub und ungewohnterweise in der Heimat, weil die Grenzen ja noch zu sind; jedoch dringend notwendig. „Ist ja nun schon wieder zwölf Wochen her mit den Skiferien. Eine Ewigkeit!“, seufzt mein Nachbar, der jedes Jahr 5x verreist. Im Sommer gerne nach Ko Samui. „Aber das wird 2020 schwierig werden. Vielleicht geht alternativ Mallorca. Zwar nicht dasselbe wie Thailand. Aber besser als nichts“.

    Das große Gewimmel

    Auf den Straßen wimmelt es, in den Innenstädten wimmelt es, in den Geschäften wimmelt es aufgrund der noch gültigen Abstandsregeln und Hygienevorschriften noch nicht ganz so wie früher; allerdings wird’s ebenfalls dort – dem oben erwähnten Herrn Ramelow sei Dank – alsbald auch wieder fröhlich wimmeln. Wie überhaupt das Wimmeln ein urmenschlicher Trieb zu sein scheint. Ich behaupte mittlerweile sogar, dass die Menschen in der Periode ihrer Bleibt-zu-Hause-Kasernierung das Wimmeln am meisten vermisst haben. Das ständige Alleinsein in der 3-Zimmer-Wohnung und die Ruhe auf den Autobahnen sind zugegebenermaßen nicht jedermanns Sache. Dafür, dass wir notorische Wimmler sind, haben wir uns in den ersten vier Wochen der Pandemie gut geschlagen. Sagen alle Politiker, und mein Nachbar sagt’s auch. Also wird es stimmen.

    Der Wendepunkt war um Ostern herum erreicht. Mehr als ein Monat Homeoffice war dem postmodernen Wimmler schlichtweg nicht zuzumuten. Die Politiker mit ihren feinen Antennen für jedes neue Magengrummeln ihres Wahlvolks empfingen die Wir-haben-die-Schnauze-voll-von TK-Pizza-und-jeden-Abend-ne Serie-auf Netflix-Signale der zunehmend frustrierteren Bürgerinnen und Bürger und kalibrierten umgehend ihren Corona-Kompass neu: 16 Ministerpräsidenten rückten von der Kanzlerin ab, die Kanzlerin mahnte ihren Chef-Virologen, nicht ständig alles allzu Schwarz zu sehen, der Boulevard nahm sich die Wissenschaft im Allgemeinen und den Drosten im Speziellen zur Brust. Und vorneweg marschierte Herr Laschet, dem es mit den Lockerungen gar nicht schnell genug gehen kann, nachdem er im März noch von der dringend notwendigen Entschleunigung aufgrund der immensen Gefährdungslage gesprochen hatte. Aber weshalb sollte Adenauers Einsicht, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, nicht ebenfalls für andere gelten? Wir sind alle Rheinländer (also Adenauer, Laschet und ich) und reden heute so, morgen so und übermorgen wieder so oder auch schon mal komplett andersherum. Bei Adenauer, der ist lange tot, und mir, ich bin bloß ein kleiner Kolumnist, ist das allerdings weniger folgenschwer als bei Laschet, der noch Großes vorhat, wobei ihm sein Corona-Schlingerkurs eventuell noch gehörig auf die Füße fallen könnte. Aber das ist ein anderes Thema.

    Corona ist auch nur ein Schnupfen

    Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, beim Wendepunkt um Ostern herum. Quasi über Nacht wurde Covid-19 von tödlicher Gefahr auf Grippe und wiederum zwei Nächte später auf „auch nicht schlimmer als ein Schnupfen“ runtergestuft. In der Art eines Tornados, wie er periodisch die Südküste der USA heimsucht, von dort aus eine Spur der Verwüstung von Louisiana bis Arkansas hinterlässt, dabei an Kraft verliert, bis er schließlich in Missouri nur noch als laues Lüftchen wahrgenommen wird. Was ist das denn für ein Vergleich, fragen Sie mich? Ein Tornado ist doch was völlig anderes als ein Virus. Stimmt, antworte ich. Wir benehmen uns aber im Moment trotzdem dergestalt, als verhalte sich Corona wie ein Wirbelsturm: weitergezogen, Gefahr vorüber. Dass es nicht so ist, wissen die Virologen, die Freimaurer, Bill Gates und die, die 1918 – Die Welt im Fieber (*) gelesen haben. Die zweite Welle lauert irgendwo da draußen in den Weiten des Atlantiks oder im Dickdarm einer Wildente.

    Dass die Menschen wieder wimmeln wollen – geschenkt. Gemäß einer nicht-repräsentativen Umfrage in meiner Nachbarschaft vermissen 40 Prozent den regelmäßigen Friseurbesuch, ein Drittel will zu McDonald’s und die Hälfte möchte endlich mal wieder an den Strand. Das sind aufaddiert mehr als 100 Prozent, sagen Sie? Stimmt: Mehrfachantworten waren möglich. Sind alles urmenschliche Sehnsüchte, das sehe ich ein. Was jedoch im Wimmeltrieb-Zusammenhang verstört, ist der Umstand, mit welcher Vehemenz bis hin zu verbaler Brutalität diese Wünsche vorgetragen werden. Die wohlstandsverwahrlosten Anti-Corona-Demonstranten agieren ja nicht im luftleeren Raum. Das, was sie auf ihre Plakate schreiben und maskenbefreit quer über unsere Marktplätze grölen, ist nichts anderes als das, was man vorher schon tausendfach auf den digitalen Plattformen lesen konnte. Wenn man Facebook & Twitter für ein 1-zu-1-Abbild der realen Welt hält – was sie beide glücklicherweise (noch) nicht sind –, dann kann einem an manchen Tagen Angst und bange werden; dermaßen empathielos und voller Häme wird dort, nachdem wir das Schlimmste überstanden haben (ich klopfe 3x auf Holz), gegen die noch fortbestehenden Corona-Vorsichtsmaßnahmen gehetzt. Weshalb es unzumutbar sein soll, beim Einkaufen eine Maske aufzuziehen, 1.5m Abstand einzuhalten und sich hin und wieder die Hände zu waschen – keine Ahnung. Und dass wir die Krankheit nicht in Altersheime einschleppen sollen, müsste ebenfalls einleuchten. Tut es aber nicht jedem. Man liest im Netz auch solche Sätze: „Meine Oma stirbt lieber in Würde als würdelos eingesperrt zu sein.“ Was soll man darauf erwidern? Am besten nichts und still hoffen, dass die besagte Oma den Besuch ihres Enkels unbeschadet überstehen wird.

    Politik muss manchmal schnell entscheiden

    Wie Covid-19 letztlich einsortiert werden muss, wie groß die reale Gefahr für Leib und Leben tatsächlich war, ob unser Gesundheitssystem ohne Staythefuckathome kollabiert wäre, werden wir erst in ein, zwei Jahren abschließend beurteilen können. Politik muss jedoch manchmal im Hier und Heute eine Entscheidung treffen und kann sich den Luxus des Aussitzens nicht immer leisten. Und dass bei Ausbruch einer globalen Seuche mit ungewissem Ausgang der Aspekt der sofortigen Gefahrenabwehr unbedingten Vorrang vor allen anderen Betrachtungsweisen genießt, scheint mir ein Ding der Selbstverständlichkeit zu sein. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass man Politik im Sinne der Allgemeinwohlverpflichtung begreift; was natürlich nicht in jedem Land selbstverständlich ist. Wer davon faselt, dass Gesundheit und Leben bloß zwei Faktoren unter vielen im Grundrechte-Kanon darstellen, der sieht das mit der Notwendigkeit eines solidarischen Shutdowns folgerichtig anders. Für den sind die Öffnungszeiten des lokalen Baumarkts wichtiger als die ausreichende Bettenkapazität im Kreiskrankenhaus. Von da bis zum Gedanken, dass wir – und vor allem die alten Leute – eh irgendwann sterben müssen, ist es erfahrungsgemäß nur ein kleiner Schritt. Eugenik light im 21sten Jahrhundert. Der Primat der Wirtschaft endet für mich allerdings dort, wo es um lebensrettende Maßnahmen geht.

    Ich habe vollstes Verständnis für die Nöte von Branchen, die wegen des Lockdowns in Existenznot geraten sind: z.B. Gastronomie, Kulturbetriebe, Fitnessstudios. Hier geht es oft um’s blanke wirtschaftliche Überleben. Und deshalb müssen zum einen schnelle finanzielle Hilfen angeboten und zum anderen Fortführungsperspektiven aufgezeigt werden. Weshalb in manchen Bundesländern der Aufenthalt in einem Sportstudio strenger beurteilt wird als bspw. der Besuch eines Gottesdienstes, erschließt sich dem nicht-virologisch-geschulten Betrachter nicht immer. Warum in NRW Sachen erlaubt sind, die Bayern weiterhin verbietet, begreift auch nicht jeder. Dass die betroffenen Wirtschaftszweige darüber ihren Unmut äußern – völlig legitim. Weniger Verständnis habe ich hingegen für diejenigen, die jammern, dass sie ein paar Wochen lang nicht ins Sportstudio durften. So what? Mach jeden Morgen ein paar Kniebeugen und Sit-ups auf dem Wohnzimmerteppich, und gut ist es. Und am wenigsten Verständnis habe ich für die Gruppe von Schreihälsen, die sich lautstark über den Wegfall von Trainingsmöglichkeiten beschweren, ohne je ein Fitnessstudio von innen gesehen zu haben.

    Hauptsache, dagegen gestänkert

    Und ebenfalls die Äußerungen mancher Politiker – auch jenseits der dauerstänkernden Fundamentaloppositionisten von der AfD – lassen mich abwechselnd ratlos und verstört zurück. Was einen Herrn Lindner reitet, wenn er von Corona-Maulkörben spricht oder seinen Parteikollegen Kubicki antreibt, der mal ganz salopp die Sinnhaftigkeit der R-Zahl in Zweifel zieht, oder auf welcher Grundlage Frau Sudings Warnruf, durch die temporären Schulschließungen stünden die Lebenschancen mehrerer (!) Generationen auf dem Spiel, erfolgt, wissen vermutlich die drei Genannten selbst nicht so genau. Hauptsache, mal wieder einen rausgehauen und der Kanzlerin und ihrem Rasputin (pardon: Drosten) ordentlich was eingeschenkt. Für mich hat dieser faktenfreie Beißreflex schon was Pawlowartiges. Aber auch das ist ein anderes Thema.

    Politik ist ein undankbares Geschäft, wie blauäugig sind Sie denn, Herr Kolumnist, fragen Sie? Ich weiß, dass Politik ein undankbares Geschäft ist. Mache aber der guten Ordnung halber hin und wieder trotzdem darauf aufmerksam. Ich wiederum behaupte, bei der Einsicht bzw. der Nicht-Einsicht in die Notwendigkeit solidarischen Handelns zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Wer zwingend gebotene Vorsichtsmaßnahmen als Panikmache verunglimpft und sich gar zu der Behauptung versteigt, eine Gesundheitsdiktatur stünde kurz bevor, ist bestenfalls verstrahlt. Vermutlich gehört er aber der Glaubensrichtung an, die von der unbedingten Vorteilhaftigkeit individueller Entscheidungen und singulären Tuns überzeugt ist. Gemäß dieser Doktrin muss halt jeder für sich selbst wissen, wie er mit einer Seuche umgeht. Der Staat hat sich da rauszuhalten. Kann man mögen und dran sterben. Und wenn man dran stirbt, ist es auch nicht weiter tragisch, denn man hat sich das ja freiwillig ausgesucht. Da ergibt der Spruch, „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, gleich einen ganz anderen Sinn.

    Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einem leisen Das-haben-Sie-gut-gemacht-Frau-Bundeskanzlerin?

    Ob es eine gute Idee war, einen Großteil unserer Präventionsregeln über Bord zu werfen und von nun an so zu tun, als ob Covid-19 eine vorübergezogene, kleine Wintergrippe gewesen sei, werden die kommenden Monate erweisen. Der Optimist in mir hofft: Ja, das war’s. Der Pessimist im schräg gegenüberliegenden Hirnlappen raunt hingegen: Es kommt oft heftiger, als man denkt. Unterm Strich lässt sich aber festhalten, dass Deutschland aufgrund raschen Handelns halbwegs glimpflich aus der Sache rausgekommen ist. Zumindest halbwegs glimpflich aus der ersten Welle der Sache rausgekommen ist. Wie man die Auswirkungen einer Pandemie durch anfängliches Verharmlosen und zu lange mit der Entscheidung warten verschlimmert – dafür brauchen wir bloß nach USA, UK und Brasilien zu schauen. Deshalb wäre an dieser Stelle ein leises Danke-Frau-Merkel-das-haben-Sie-gut-gemacht durchaus angebracht. Ich bedank mich doch nicht bei ner Kanzlerin dafür, dass die ihren Job ausübt. Dafür wird die doch fürstlich bezahlt, sagen Sie? Ich weiß, dass Sie das nicht tun, antworte ich. Mir würd’s schon reichen, wenn Sie sich nicht ständig über Ihre Phantomschmerzen wegen des Baby-Lockdowns beklagen würden. Und Frau Merkel würde das ebenfalls reichen. Da bin ich mir sicher.
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    (*) Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte