Schlagwort: Debatte

  • Klarnamenpflicht? Ja, bitte. Und zwar gestern.

    Klarnamenpflicht? Ja, bitte. Und zwar gestern.

    Beep Beep … Bzzzz Brrrrt!!!
    Mein Handy klingelt und vibriert abwechselnd.
    Verschlafen versuche ich, das Geräusch wegzuwischen. Wie immer gelingt es nicht.

    „Wer zur Hölle …“, sage ich.
    „Guten Morgen, hier spricht Gisela, deine digitale Redaktionsassistentin. Ich soll dir von Heinrich ausrichten, dass du für heute eine Replik zugesagt hast.“
    „Weißt du, wie spät es ist?“
    „8.30 Uhr.“
    „Hier bei mir im Bonner Süden ist es 5.30! Keine Ahnung, von welchem gottverlassenen Server in Asien du anrufst.“
    „Oh, Heinrich hat mich versehentlich auf Dubai-Zeit eingestellt. Entschuldige bitte das Missverständnis. Möchtest du, dass ich mich in exakt 3 Stunden nochmal melde?“
    „Nein! … worum genau geht es?“

    „Um eine Replik zu seiner Kolumne ‚Klarnamenpflicht‘. Die hattest du in einem internen Memo angekündigt. Und zwar spätestens für heute.“
    „Stimmt. Erinnere mich dunkel.“
    „Im System kann ich keinen entsprechenden Text finden“, sagt Gisela.
    „Klar kannst du da nichts finden. Ich muss den noch schreiben.“
    „Gemäß internem Memo spätestens HEUTE!“
    „Ja ja, heute. Ich setz mich gleich dran.“
    „Sehr schön. Dann haben wir das geklärt … achte beim Schreiben bitte darauf, Heinrich korrekt wiederzugeben und nutze keine vulgären Wörter. Denn das könnte sensible Leser verstören.“
    „Okay, keine frei erfundenen Zitate und barrierefreie Sprache verwenden. Hab’s verstanden. Gibt’s noch was, oder kann ich jetzt mit der Replik anfangen?“

    „Am Schluss unbedingt ein externes Lektorat durchführen lassen. Schwerpunkt Interpunktion. Da bist du mitunter schlampig.“
    „Warum machst du das nicht als meine digitale Assistentin?“
    „Ihr habt die Gratisversion gewählt. Lektorat ist nicht im Leistungsumfang enthalten. Du kannst aber jederzeit ein Upgrade durchführen. Dafür benötige ich bloß deine Kreditkarte. Möchtest du das jetzt machen, oder soll ich es auf Wiedervorlage setzen?“
    „Setz es auf Wiedervorlage … sind wir fertig?“
    „Ja, wir zwei haben alles geklärt. Danke, dass du so gut mitgemacht hast, Henning. Wenn du willst, rufe ich dich im 60-Minutenrhythmus an und erkundige mich nach dem Fortschritt deiner Arbeit.“
    „Ruf mich bloß NICHT alle 60 Minuten an … du könntest aber jetzt Heinrich informieren, dass ich den Job vereinbarungsgemäß durchführe. Der freut sich, wenn du ihn um 5.45 mit dieser frohen Botschaft weckst.“
    „Ein Rückruf bei Heinrich ist für diesen Auftrag nicht vorgesehen.“
    „Hab ich mir gedacht.“
    „War schön, mit dir zu reden, Henning. Bis zum nächsten Mal.“
    „Vergiss nicht, die Dubai-Zeit rauszunehmen!“
    „tuuuuuut“, Gisela hat aufgelegt.

    2 Tassen Kaffee, 1 Morgenschiss und 1 kurze Dusche später sitze ich vor der Tastatur und überlege (um 6.30 morgens!), was ich halbwegs Sinnvolles als Replik auf Heinrichs letzte Samstagskolumne zu Papier bzw. in die Tasten hämmern soll. Um diese frühe Uhrzeit herrscht in meinem Hirn absolute Funkstille i.S.v. Schreibblockade … ich versuch’s trotzdem:
    +++

    Heinrich Schmitz schreibt: „Die Klarnamenpflicht ist ein Einschüchterungsprogramm.“
    Man muss ihm fast danken. Denn selten wurde die Sehnsucht mancher Internetromantiker nach der ewigen Narrenfreiheit so offen formuliert.

    Einschüchterungsprogramm?
    Interessantes Wort für: Konsequenzen.

    Das Märchen von der heiligen Anonymität

    Schmitz erklärt uns, die Klarnamenpflicht sei „ein politischer Trick: simpel, hart, falsch“.
    Simpel? Vielleicht.
    Hart? Hoffentlich.
    Falsch? Das ist die bequeme Behauptung derer, die das digitale Dauergebrüll für eine Art Naturzustand halten.

    Seit Jahren hören wir, Hass im Netz sei ein „strukturelles Problem“. Algorithmen! Plattformkapitalismus! Empörungsökonomie!

    Alles richtig.
    Und trotzdem tippt irgendwer „Die sollte man alle ersaufen lassen.“
    Nicht der Algorithmus.
    Ein Mensch.

    Und genau da beginnt Verantwortung.

    Facebook als Ausrede? Ernsthaft?

    Der Kollege Schmitz verweist auf Facebook als „Klarnamenland“, in dem es trotzdem wüst zugehe.

    Nur: Dieses „Klarnamenland“ ist längst ein Mythos.

    Gefühlt ein Drittel der Profile dort tritt mit Alias, Fantasienamen oder halbverfremdeten Identitäten auf. „Sonnenschein 71“. „Patriotischer Löwe“. „Max M.“ mit Sonnenbrille und Wolfsbild.

    Und aus genau dieser Grauzone kommt überproportional viel von dem, was wir inzwischen als digitalen Bodensatz kennen: Hasskommentare, Drohungen, Entmenschlichung.

    Nein, nicht jeder Alias ist ein Hetzer.
    Aber fast jeder Hetzer nutzt die Schutzfunktion des Alias.

    Das ist kein Zufall.
    Das ist Psychologie.

    Wer weiß, dass der eigene Chef, die Nachbarn oder die Kinder später mitlesen könnten, formuliert anders. Nicht zwingend besser – aber kontrollierter.

    „Anonymität schützt die Schwachen“ – ja. Und sie schützt die Feiglinge.

    Natürlich gibt es schützenswerte Fälle: Whistleblower, Stalkingopfer, politische Aktivisten.
    Niemand bestreitet das.

    Aber aus diesen Ausnahmefällen wird regelmäßig ein moralischer Schutzschirm für Millionen Accounts gebaut, die nichts weiter schützen als schlechte Manieren.

    Die Mehrheit der anonymen Accounts besteht nicht aus mutigen Dissidenten, sondern aus Menschen, die im Schutz des Nicknames Dinge schreiben, die sie ihrem Nachbarn niemals ins Gesicht sagen würden.

    Anonymität ist kein Grundrecht auf Charakterlosigkeit.

    Das große Schreckgespenst der Datenbank

    „Wenn du eine zentrale Liste baust, wer im Internet was gesagt hat, dann ist das nicht nur eine Liste. Das ist ein Werkzeug“, warnt Heinrich Schmitz.

    Ja. Willkommen im Rechtsstaat.

    Wir haben Melderegister.
    Wir haben Steuer-ID-Nummern.
    Wir haben Ausweispflichten.

    Und erstaunlicherweise leben wir nicht im dystopischen Überwachungsroman.

    Die Vorstellung, jede Identitätsprüfung führe zwangsläufig in den Totalitarismus, ist kein Argument.
    Es ist digitales Endzeitkino für Menschen, die gleichzeitig ihr komplettes Privatleben freiwillig bei internationalen Konzernen speichern.

    Aber beim Kommentar unter einem Nachrichtenartikel soll plötzlich die Freiheitsglocke läuten?

    „Die echten Täter bleiben anonym“

    Schmitz schreibt, organisierte Netzwerke würden über eine Klarnamenpflicht lachen – VPNs, Fake-IDs, Bot-Armeen.

    Ja. Kriminelle umgehen Regeln.

    Das ist kein Argument gegen Regeln.
    Das ist ein Argument für bessere Kontrolle.

    Wir schaffen auch nicht das Strafrecht ab, nur weil es Einbrecher gibt.

    Eine Klarnamenpflicht wird nicht jeden Extremisten stoppen.
    Aber sie würde die massenhafte, folgenlose Alltagsverrohung eindämmen.

    Und die kommt eben nicht nur aus Trollfabriken.
    Sie kommt von ganz normalen Nutzern, die sich hinter einem Alias größer fühlen, als sie sind.

    Selbstzensur? Willkommen in der Zivilisation.

    Heinrich Schmitz warnt, Klarnamen würden das Internet in einen Ort der Selbstzensur verwandeln.

    Ja.
    Ein kleines bisschen Selbstzensur nennt man auch: Anstand.

    Wir zensieren uns ständig selbst.
    Wir brüllen im Restaurant niemanden an.
    Wir beleidigen nicht wahllos Fremde im Supermarkt.
    Wir drohen nicht öffentlich mit Gewalt.

    Nicht, weil wir unterdrückt sind.
    Sondern weil unser Name druntersteht.

    Warum soll das Internet eine Sonderzone bleiben, in der Verantwortung optional ist?

    Die unbequeme Wahrheit

    Die Klarnamenpflicht ist kein Allheilmittel.
    Aber sie ist ein Signal.

    Ein Signal, dass digitale Öffentlichkeit keine Maskerade sein darf.
    Ein Signal, dass Worte Gewicht haben.
    Ein Signal, dass Meinungsfreiheit nicht Meinungsfolgenfreiheit bedeutet.

    Wer sie als „Einschüchterungsprogramm“ diffamiert, verteidigt am Ende nicht die Freiheit der Schwachen –
    sondern die Bequemlichkeit der Lauten.

    Und vielleicht ist genau das der Kern der Debatte:

    Manche wollen ein Internet, in dem man sich „ausprobieren“ kann.
    Andere wollen ein Internet, in dem man Verantwortung trägt.

    Ich entscheide mich für Letzteres.

    Wenn du etwas sagst, dann steh dazu.

    Mit deinem Namen.
    +++

    Ich schaue auf die Uhr: 8.29. Deadline eingehalten.
    Muss ich Gisela darüber informieren? Wie lautet der korrekte Workflow für Repliken? Wo ist das gottverdammte Redaktions-Handbuch, wenn man es braucht?
    Ich werd‘ mir jetzt die Zähne putzen und mich im Anschluss nochmal kurz aufs Ohr legen (oder umgekehrt).

  • Ehe für Alle: im Debatten-Taumel

    Ehe für Alle: im Debatten-Taumel

    Ganz Deutschland, wenigstens der Teil, der sich öffentlich äußert, scheint seit einigen Tagen im Freudentaumel zu sein. Wir feiern die Ehe für Alle. Im Bundestag wurden Konfetti verstreut. Meine Facebook-Freunde haben virtuelle Freudentränen in den Augen. Und jeder, der die Stimmung mit kritischen Nachfragen, gar mit Ablehnung des freudigen Ereignisses trüben könnte, wird der Gemeinschaft verwiesen.

    Warum gelingt es mir nicht, mich der allgemeinen Euphorie anzuschließen? Warum reihe ich mich nun in die kleine Gruppe derer ein, die als Spaßbremsen die allgemeine Glückseligkeit beeinträchtigen.

    Was eigentlich nichts zur Sache tut

    Zunächst, obwohl es gar nichts zu Sache tut: Ich bin heterosexuell. Ich bin ein heterosexueller, weißer, nicht mehr ganz junger Mann, Babyboomer. Ich lebe in Deutschland, ich bin nicht arbeitslos. Spätestens jetzt ist klar: Ich gehöre zu den privilegierten, denen, die vom Schicksal unberechtigterweise bevorzugt wurden und die also eigentlich sowieso keine Ahnung von den Sorgen der Frauen, der Homosexuellen, der Nicht-Weißen haben, derer, die in Afrika leben und derer, die keine Arbeit haben.

    Dann, auch wenn das immer noch nichts zur Sache tut: Ich habe homosexuelle Freunde und Verwandte, ich mag sie, ich streite und feiere mit ihnen. Sie mögen alle, wie ich, auf ihre Weise glücklich werden, ob in festen Beziehungen, ob als Single, ob in wechselnden Partnerschaften. Ich freue mich für diejenigen unter ihnen, die sich mit der Ehe für Alle nun Eheleute nennen können, sofern sie sich das wünschten. Und wer von ihnen ein Kind adoptieren möchte, und wer die strengen Regeln des Adoptionsrechts und die Prüfungen der Ämter besteht, der soll das tun und glücklich sein.

    Keine Diskussion um die Ehe für Alle?

    Was also verdirbt mir eigentlich den Spaß? Es ist die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft die Debatte um ein solches Thema wie Ehe für Alle geführt wird. Es ist genau die Art, wie wir überhaupt Debatten führen. Diese Methode, Debatten gerade nicht zu führen, schwierige Themen, zu denen es verschiedene Ansichten gibt, gerade nicht zu diskutieren, die Debatte vielmehr zu verweigern, die Diskussion, genauer, die Menschen, die abweichende Ansichten vertreten, auszugrenzen und abzulehnen, die macht mir Angst.

    In der Diskussion um einen Gastbeitrag in der FAZ kann dieses Verhalten exemplarisch besichtigt werden. Der Autor schrieb dort u.a.:

    Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?

    Ein langer Satz, der zwei Thesen enthält, die auf Anhieb nicht unplausibel klingen, über die man sachlich diskutieren könnte und müsste, die, ausgehend von der Frage des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare auf die Situation von Adoptionsbeziehungen überhaupt führen könnte, eine Diskussion, die über die besondere Bindung an die biologischen Eltern gehen könnte, eine andere Diskussion, die der Frage der Auswirkungen habitueller Freizügigkeit überhaupt und der Wirkung und Ausbildung sexual-ethischer Normen insbesondere nachgehen könnte. Wir könnten, ausgehend von diesen Thesen, anhand der Ehe für Alle vieles diskutieren, was wichtig sein könnte für den Fortbestand unserer gesellschaftlichen Strukturen.

    Das tun wir aber nicht. Denn der Störenfried wird niedergeschrien. Nicht nur dieser, jeder, der es wagt, dem Freudentaumel ein paar fragende Sätze oder gar abweichende Meinungen entgegenzusetzen, wird beschimpft, diffamiert, niedergemacht. Als Schwulenhasser wird er bezeichnet, als homophob. Die Wirkung ist klar: Auch andere, die vielleicht ebenfalls mit nicht ganz so großer Begeisterung der Veränderung des gesellschaftlichen Normensystems zusehen, in denen Sorgen aufkeimen, werden, schon bevor sie sich überhaupt entschließen, den Mund aufzutun, zum Schweigen gebracht.

    Und somit unterbleibt nicht nur eine Diskussion um die „Ehe für Alle“, sondern auch jede Diskussion über die Frage, wie die Veränderungen des Wertesystems, wie die Schleifung normativer Selbstverständlichkeiten langfristig unsere Gesellschaft verändert und wie wir uns auf diese Veränderungen einstellen können.

    Gedankenspiele zu Liebe und Begehren

    Bleiben wir einen Moment lang beim Thema Homosexualität. Gesetzt den Fall, dass in nahezu jedem Menschen ein sexuelles Begehren sowohl für Menschen des eigenen, als auch für Menschen des anderen Geschlechts angelegt ist. Gesetzt, dass das leibliche Begehren vielleicht nicht mal vorrangig dem Geschlecht gilt, sondern einer gewissen Art, berührt zu werden und zu berühren, andere in Rausch zu versetzen und selbst in den Rausch körperlicher Berührung zu geraten, ein Begehren, das somit also grundsätzlich mit Partnern beiderlei Geschlechts möglich ist. Gesetzt weiterhin, dass aufgrund die Verhaltensweisen, die Nähe und Vertrauen und Sehnsucht und Liebe erzeugen, ebenfalls nicht eindeutig durch das Geschlecht geprägt sind und es somit möglich ist, dass ich mich sowohl in Männer als auch in Frauen verliebe, dass jeder von uns sowohl Menschen des eigenen als auch des anderen Geschlechts begehren kann, dass also wenigstens viele von uns gar nicht hetero- oder homosexuell sind sondern irgendwie beides, dass wir Männer und Frauen lieben können, aber natürlich nicht alle Männer und alle Frauen, sondern eben nur diejenigen, die auf bestimmte Weise auf uns wirken.

    Wenn das so wäre, und wenn es unter uns dann natürlich auch eine gewisse Zahl von Menschen gäbe, die nur Männer oder nur Frauen lieben und begehren können, dann sei doch selbstverständlich jedem von uns gegönnt, sein Lieben und Begehren so auszuleben, wie es sich aus seinem Schicksal und seiner Erfahrungen entwickelt. Und wer von uns mit anderen zusammenkommt, mit denen er ein Leben lang zusammenbleiben möchte, wer dabei glücklich ist, sein Lieben in der Öffentlichkeit zu zeigen und zu beweisen, der möge dies tun. Dafür gibt es nun die Ehe für Alle.

    Eine andere Frage jedoch ist, was der gesellschaftlichen Stabilität zuträglich ist, und was wir also als Mitglieder der Gesellschaft institutionell oder durch Normen der Gemeinschaft fördern sollten. Um diese Frage zu beantworten, ist in der freien Gesellschaft eine offene und tolerante Debatte nötig, in der alle Teilnehmer bereit sind, andere, abweichende Ansichten zunächst mal als legitim und vernünftig zu akzeptieren, einfach, weil sie von einem anderen Menschen ausgesprochen werden, der nicht unvernünftiger ist, als ich selbst.

    Wir sind z.B. alle daran interessiert, dass heute Kinder geboren werden, denn wir wollen, wenn wir alt sind, irgendwie noch leben können. Wir sind aus dem gleichen Grunde daran interessiert, dass diese Kinder möglichst in stabilen, liebevollen Familien aufwachsen. Wir wissen, dass diese Interessen gefährdet sind, und deshalb sollten wir schauen, welche gesellschaftlichen Normensysteme und institutionellen Regelungen diesen Interessen dienen und welche ihnen abträglich sind. Wir müssen den Spagat schaffen zwischen unseren individuellen Wünschen heute und unseren Hoffnungen für die Zukunft. Umso mehr wir heute frei sein wollen, desto mehr sind wir darauf angewiesen, dass Normen und Institutionen, die langfristig wirken, uns ein würdiges Leben auch noch in ein paar Jahrzehnten ermöglichen.

    Wir müssen also gar nicht über irgendwelche Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nachdenken um uns einzugestehen, dass wir, jeder von uns, ein Interesse daran hat, dass Kinder geboren und aufgezogen werden.

    Alternativen? Aber ja. Die konsequente Ehe für alle

    Eine Voraussetzung dafür ist nun mal, da gibt es nichts zu deuteln, die heterosexuelle Paarbeziehung. Natürlich sind gemeinschaftliche Strukturen denkbar, in denen das nicht so ist, polygame Gemeinschaften etwa, in denen sexuelle Freizügigkeit herrscht und alle die Kinder von allen als gemeinsame Kinder betrachten. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass sich unsere Gesellschaft in eine solche Richtung verändert. Allerdings glaube ich, dass gerade in einer individualisierten Gesellschaft von Einzelnen die Ausbildung solcher Strukturen nicht der Normalfall wird.

    Also sind wir darauf angewiesen, dass sich immer wieder einzelne Frauen mit einzelnen Männern zusammenfinden, um eine Familie zu gründen. Sie sollten die Absicht haben, wenigstens für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzubleiben, Kindern ein Heim zu geben und sich daran zu freuen, dass ihr Nachwuchs immer selbstständiger wird um schließlich selbst das eigenen Schicksal in die Hand zu nehmen.

    Man kann einwenden, dass es technische Alternativen zu diesem konservativen Familienbild gibt. Man kann darauf hinweisen, dass viele heterosexuellen Familien tragisch zerbrechen, bevor die Kinder selbstständig geworden sind. Man kann die Diskussion um das Problem ergänzen, dass viele junge Menschen, ganz unabhängig von ihrem sexuellen Begehren die feste Paarbeziehung scheuen, die auf Dauer angelegt ist. Man kann weiterhin ins Spiel bringen, dass es auch viele Paare gibt, wieder ganz unabhängig davon, ob die Partner gleich- oder verschiedengeschlechtlich sind, die sich keine Kinder oder vielleicht nur eines wünschen. Das ist alles richtig, und gerade deshalb brauchen wir Debatten, die alle Standpunkte einbeziehen, die Sorgen formulieren, die alle Aspekte beleuchten. Solche Debatten würden dazu führen, dass wir vielleicht zu ganz neuen Normen kämen, die die Stabilität unserer Gesellschaft aufrechterhalten, während wir alle unsere Freiheit genießen.

    Im Taumel

    Aber von einer solchen Debattenkultur sind wir weit entfernt, und das betrifft nicht nur die Frage von Sexualität und Familie und die Ehe für alle. Die Debattenverweigerung findet auf allen Feldern der Gesellschaft statt. Jeder, der irgendetwas sagt, was bei anderen auf Unverständnis stößt, wird reflexartig niedergemacht.

    Notwendig wäre, dass jeder sich zunächst die Begrenztheit des eigenen Horizonts eingesteht, und dass jeder sich klar macht, dass eine Meinung, die unverständlich erscheint, zunächst mal einfach eine Stimme von jenseits dieses Horizontes ist. Die Logik des Anderen nachzuvollziehen, wäre der erste Schritt in Richtung einer produktiven Debattenkultur, die uns die Möglichkeit gibt, auf die Ungewissheiten der Zukunft vorbereitet zu sein. Wir taumeln stattdessen besinnungslos der Zukunft entgegen, entweder euphorisch berauscht oder wütend geifernd. Das kann nicht gut sein.

  • Keine Diskussion!

    Keine Diskussion!

    Angewidert sitzt das Publikum vor den Bildschirmen und verfolgt Talkshows und Parlamentsdebatten. Auch wenn man sich damit offenbar gut unterhält, fordert man mehr sachliche Diskussion und den Austausch überzeugender Argumente statt persönlicher Angriffe. Fragt man nach, bekommt man immer wieder zu hören: statt unsachlich zu streiten, sollten Politiker lieber sachlich diskutieren, gemeinsam nach der richtigen Lösung für die anstehenden Probleme suchen. Am besten wäre, so hört man, wenn die Politiker überhaupt auf das emotionslose, objektiv begründete Urteil der Experten aus der Wissenschaft hören würden.

    Eine schöne Theorie

    Wir sollen nicht streiten, das haben uns schon unsere Eltern gesagt, als wir im Sandkasten mit gleichaltrigen um Schippchen und Platz kämpften. Stattdessen sollten wir ausdiskutieren, welche Lösung für alle die beste ist, wir sollten Kompromisse finden, miteinander einen Konsens suchen statt gegeneinander zu kämpfen.

    So etwas nennt man Diskussion. Die Diskussion unterscheidet sich vom Streit: wir finden am Ende des Austausches von Ansichten und Argumenten ein Ergebnis, das für alle akzeptabel ist. Jürgen Habermas hat daraus bekanntlich eine wunderschöne Theorie über den herrschaftsfreien Diskurs gemacht, und da die so friedlich und gerecht klingt, schenken viele ihr Glauben. Seitdem wird die Welt eingeteilt in die Guten, die sachlich und lösungsorientiert diskutieren wollen, und die Bösen, die immer nur streiten.

    Das hohe Ideal der sachlichen Diskussion geht von der Annahme aus, dass die menschliche Vernunft, wenn sie nur richtig angewandt wird, für jedes Problem die richtige Lösung finden kann. Damit das funktioniert, müsste es eine – genau eine – richtige Lösung für jedes Problem geben. Diese Lösung müsste dann jeder vernünftige Mensch einsehen und akzeptieren können.

    Leute, die so etwas glauben, haben nie im Sandkasten gespielt, jedenfalls nicht auf einem öffentlichen Spielplatz. Sie haben auch nie einen Menschen begehrt, der auch von jemandem anders begehrt wurde. Sie haben nie auf den Genuss des letzten Tortenstücks auf dem Tisch spekuliert. Vermutlich lehnen sie Torten aus Gründen der Gesundheit oder des Tierschutzes ab.

    Die wirklichen Probleme

    Es gibt für kaum ein Problem eine richtige Lösung, schon gar nicht eine, die von allen Menschen, die klar denken können, aus rationalen Gründen der Logik und der Wissenschaft zu akzeptieren sei. Manche, die es für ein Problem halten, ein Raumschiff zum Mars zu schicken oder die Messwerte eines PKW beim Abgastest zu manipulieren, werden widersprechen. Aber die wirklichen Probleme der Menschen können durch Diskussionen nicht gelöst werden. Das weiß jeder, der schon mal die Frau des besten Freundes geliebt hat. „Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ schrieb schon der junge Wittgenstein (Tractatus, 6.52).

    Nun könnte man sagen: Die Politik soll sich aus diesen wirklichen Lebensproblemen heraushalten und sich lieber nur um die simplen Fragen kümmern, die dann doch mit der sachlichen Diskussion der kalten Vernunft erledigt werden können. Aber leider sind die meisten unserer Sehnsüchte und Wünsche und auch viele unserer Gewissensentscheidungen von gesellschaftlichen Ressourcen, Verpflichtungen und Einflüssen abhängig. Deshalb können wir kaum ein politisches Thema unabhängig von Emotionen und Begierden betrachten – und somit auch nicht mit Mitteln der logisch-rationalen Vernunft lösen.

    Diskussionen, vor allem die sachlichen, leidenschaftslosen, die eine richtige Lösung für irgendwas erbringen sollen, helfen also im richtigen Leben nicht weiter. Es ist der größte Fehler der modernen Gesellschaft, auf den Sieg der Vernunft zu hoffen, jedenfalls so lange, wie man meint, dass Vernunft sich auf logisch richtiges Schlussfolgern aus Tatsachen und objektiven Gesetzen beschränkt. Der Sieg einer solchen Vernunft wäre immer nur der Sieg von „Vernünftigen“ über die „Unvernünftigen“ – eine kalte Diktatur ohne Gefühl und Leidenschaft.

    Menschliche Vernunft ist ohne Sehnsucht und Gewissen gar nicht denkbar, wer das akzeptiert, kann auch damit leben, dass Diskussionen bei den großen Problemen der Menschen nicht viel bringen. Was aber soll an ihre Stelle treten? Genau das, was da schon steht: Die leidenschaftliche Debatte.

    Probleme werden nicht gelöst

    Eine wirkliche Debatte hat nicht das Ziel, nach der richtigen Lösung eines Problems zu suchen. In der Debatte geht es darum, den fraglichen Konflikt verständlich zu machen, Wünsche und Hoffnungen der debattierenden Personen erkennbar zu machen. Debatten schaffen Identifikationsfiguren. Leute, denen man vertraut, weil sie die gleichen Wünsche haben wie man selbst, oder weil sie in ihren Zielen und Ansichten wenigstens glaubwürdig erscheinen.

    Natürlich gibt es in einer guten Debatte auch Argumente, aber die Logik der Argumentation muss nicht der nackte mathematische Syllogismus sein. In einer Debatte bringt man sich als ganzer Mensch ein, nicht nur den Teil des Geistes, den man eigentlich auch an einen Computer auslagern könnte.

    Eine Debatte ist auch nicht dazu da, seine Gesprächspartner zu überzeugen, ihnen ihre Fehler nachzuweisen oder gar eines Besseren zu belehren. Am Ende der Debatte wird im besten Falle klar, warum jemand einen Standpunkt vertritt. Und wenn man das verstanden hat, dann kann man auch damit leben, mal in einer strittigen Frage zu unterliegen – um beim nächsten Mal mit mehr Leidenschaft und scharfen Argumenten eine neue Chance für die eigene Sache zu bekommen.
    (Vielen Dank an Romy Straßenburg für die kritische Durchsicht des Manuskriptes.)

  • Wolfgang Kubicki: Wir brauchen eine Stärkung der Debattenkultur

    Wolfgang Kubicki: Wir brauchen eine Stärkung der Debattenkultur

    Jörg Friedrich: Herr Kubicki, in Blogs, auf Social-Media-Plattformen und auf den Online-Portalen der großen Zeitungen, überall im Internet findet inzwischen eine Debatte zu den großen Themen unserer Gesellschaft statt. Welche Chancen sehen Sie in der „Demokratisierung der Debatte“, wie wir sie in der Online-Welt seit ein paar Jahren erleben?

    Wolfgang Kubicki: Da sehe ich aktuell noch mehr Schatten als Licht. Denn es muss in der Vergangenheit ja einen Grund gehabt haben, warum Kommentatoren, beispielsweise in den Printmedien, dafür bezahlt wurden, ihre Meinung auf einer gewissen fachlichen Grundlage öffentlich zu verbreiten. Was wir derzeit erleben, ist leider viel zu häufig eine Verflachung der öffentlichen Debatte, wenn in Online-Portalen eher die Phrase und das Vorurteil als das Argument die Diskussion dominiert. Insofern klingt für mich der Begriff „Demokratisierung der Debatte“ ein wenig nach Schönfärberei: Heißt das nicht auch, dass die vielzählig auftretenden Pöbeleien und Anfeindungen im Netz ein hinzunehmender Bestandteil einer Demokratisierungskultur wären? Das wäre dann mit Sicherheit kein Fortschritt.

    Ich muss außerdem feststellen, dass die Aussicht für jedermann auf Teilhabe am Diskussionsprozess nicht dazu geführt hat, dass das allgemeine Interesse an Politik zugenommen hat. Denn die Wahlbeteiligung sinkt kontinuierlich. Um dieses Problem zu bekämpfen, brauchen wir eine Stärkung der Debattenkultur in den Parlamenten. Das wäre aber ein anderes Thema.

    JF: Aber auch interessant. Zumal die Debattenkultur in den Parlamenten, vor allem aber auch die in den Talkshows, in denen sich Parlamentarier ja genauso oft treffen wie im Plenum, auf die gesamte öffentliche Debatte ausstrahlt. Wie sähe denn eine gestärkte politische Debatte unter Parlamentariern für Sie aus?

    WK: Eine gestärkte politische Debatte fände wieder hauptsächlich in den Parlamenten statt. Ich kann mich noch gut an die großen Debatten im Deutschen Bundestag – zum Beispiel über die Neue Ostpolitik – erinnern, die live im Fernsehen übertragen wurden und über die man in der Familie oder im Freundeskreis anschließend kontrovers diskutiert hat. Man hatte zudem bei gestandenen Politikern wie Frank Josef Strauß, Herbert Wehner oder Wolfgang Mischnick noch den Eindruck, dass es wirklich um die Sache geht. Die heutige Debattenkultur im Bundestag empfinden viele Menschen zu Recht nur noch als kühl. Der Eindruck ist fatal, dass die Parlamentsreden lästiges Beiwerk sind und schon längst gefällte Entscheidungen damit rhetorisch umhüllt werden. Wir müssen wieder dazu kommen, dass sich das bessere Argument im parlamentarischen Ringen um die beste Lösung durchsetzen kann.

    JF: Die Debatte im Netz lebt von den Artikeln, Kolumnen und Postings der Autoren, aber auch von den Kommentaren der Leser. Sowohl die einen als auch die anderen sind in der Veröffentlichung ihrer persönlichen Meinungen oft nicht zimperlich. Wo sollten die „Grenzen des Erlaubten“ liegen?

    WK: Die Grenzen sind bereits heute gesetzlich festgelegt – z.B. wenn es um Beleidigungen, Verleumdungen oder üble Nachrede geht. Wichtig ist, dass Übertretungen dieses gesetzlichen Rahmens konsequent verfolgt werden. Abgesehen davon können wir aber feststellen, dass die überschießende Energie, die in Online-Debatten manchmal an den Tag gelegt wird, häufig in der direkten politischen Auseinandersetzung fehlt.

    JF: Einen Mangel an überschießender Energie kann man bei öffentlichen Auftritten von politischen Mandatsträgern doch eigentlich nicht feststellen! Viele beklagen doch gerade die überschießende Unsachlichkeit der Diskussion. Wo sehen Sie da einen Mangel?

    WK: Wir müssen hier klar unterscheiden zwischen der Energie, die von vielen Mandatsträgern in die persönliche Repräsentation gesteckt wird und der Energie, die aufgewendet wird, um die Lösung einer schwierigen politischen Streitfrage mit Argumenten zu untermauern. Im erstgenannten Fall liegt das Ausweichen in die Unsachlichkeit nahe. Im letztgenannten Fall ist Sachlichkeit die unverrückbare Bedingung.

    JF: Überwiegt in Ihren Augen im Moment das Konstruktive oder das Destruktive in den Online Debatten? Wie kann das Konstruktive befördert werden?

    WK: Es kommt auf das entsprechende Medium an: In manchen ist das Destruktive stärker, während viele andere die öffentliche Debatte durchaus befruchten und – etwas technisch ausgedrückt – einen wirklichen Mehrwert bringen. Klar ist allerdings, dass wir es im Internet mit einem sozusagen „anarchischen Kommunikationsraum“ zu tun haben, bei dem alles erlaubt ist, was sich im weiten Schutzbereich von Artikel 5 Grundgesetz bewegt. Und in dem verfassungsrechtlich garantierten Bereich der Meinungsfreiheit ist vieles denkbar, was letztlich destruktiv auf eine Debatte wirken kann. Vor diesem verfassungsrechtlichen Hintergrund bleiben uns eigentlich nur Appelle an die Vernunft eines jeden Einzelnen, wenn wir wollen, dass konstruktive Beiträge in eine Debatte eingebracht werden.

    JF: Was bedeutet für Sie „Professionalität“ auf Debatten-Plattformen?

    WK: Professionalität heißt für mich, dass in Kenntnis der Möglichkeiten und Schwächen des entsprechenden Mediums die Möglichkeiten ausgeschöpft und Fehler vermieden werden. Gerade im Online-Bereich haben wir den großen Vorteil, dass Informationen schnell und weltumspannend verbreitet werden können. Bei einer solch enormen Reichweite wäre es gut, wenn diese Informationen dann auch stimmen.

    JF: Was sind die großen Themen der Debatte heute? Und welche Themen sollten langfristig debattiert werden?

    WK: Ich glaube nicht, dass sich die Themen on- und offline so wahnsinnig voneinander unterscheiden. Aktuell kommen wir weder im Netz noch bei den klassischen Medien an dem großen Flüchtlingsthema vorbei. Diese Frage wird uns auch die kommenden Monate und Jahre beschäftigen, wenn es um die Bewältigung der Integrationsaufgabe geht. Hier kann die Diskussion über konstruktive Lösungen schon heute nicht schaden.

    JF: Das Thema „Flüchtlinge“ ist in der Tat unübersehbar. Es ist andererseits ein weites Feld. Was muss da Ihrer Meinung nach debattiert werden?

    WK: Im Grunde genommen alles, was mit der Integration der Flüchtlinge zu tun hat. Vor allem muss es darum gehen, wie wir den Spagat hinbekommen zwischen unserer humanitären Verpflichtung, die sich aus dem Grundgesetz ableitet, und den steigenden administrativen, wirtschaftlichen und innenpolitischen Anforderungen, die wir durch die hohe Zahl an Flüchtlingen zu bewältigen haben. Diese Diskussion wird in jedem Fall kontrovers geführt werden – aber das ist ja die Bedingung dafür, dass wir am Ende zu einer umsetzbaren Lösung kommen.

     

    Wolfgang Kubicki ist Stellvertretender Vorsitzender der FDP und Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein.

  • Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Jörg Friedrich: Herr Vašek, Sie haben in den vergangenen Monaten mit Ihrem Hashtag #SchlussMitHeidegger in Hohe Luft und bei Facebook selbst eine große Online-Debatte ausgelöst und befeuert. Welche neuen Chancen sehen Sie in solchen Debatten?

    Thomas Vašek: Für mich sind Online-Debatten immer Experimente. Was kann man im digitalen Raum machen, wie reagieren die Leute? Das Netz ist zunächst mal für mich ein faszinierendes Forum für eine Philosophiezeitschrift, etwas auszuprobieren, weil wir schnell sehen, wie die Leser reagieren. Diese Reaktionen haben Online Besonderheiten, die man aus Print nicht kennt.

    Im Fall der Heidegger-Debatte gab es ja zunächst den Beitrag von mir im Heft. Dann hat sich die Frage gestellt, was kann man damit online machen. Spontan kam die Idee, mit dem Hashtag eine kleine Aktion zu starten. Das Schöne ist, dass es auf diese Weise möglich war, das Heidegger-Thema ganz schnell und auf eine provokative Art und Weise in den philosophischen Netz-Diskurs hineinzuschießen. Man konnte die Reaktionen in Echtzeit beobachten: Verstörung, Irritation, Ablehnung, denken Sie an Ihre eigene negative Reaktion bei Facebook. Das Tolle war, dass wir damit ganz schnell eine Provokation auslösen konnten, die wir in Print nicht hätten erreichen können.

    JF: Aber schadet nicht diese Schnelligkeit, die online möglich ist und auch erwartet wird, der Tiefe der philosophischen Debatte?

    TV: Das ist ein sehr guter Punkt. Ich hatte ja gesagt, für mich sind diese Online-Debatten Experimente, aus denen man auch lernt. Ich würde so einen Hashtag wie #SchlussMitHeidegger heute wohl nicht mehr machen, aufgrund dieser Erfahrungen. Das heißt nicht, dass es verkehrt war, es hat etwas ausgelöst, es hat Reaktionen provoziert. Aber Sie haben völlig Recht, dass gerade bei philosophischen Themen durch das Provokative und den Zwang zur Schnelligkeit auch die Gefahr besteht, dass eine wirkliche Diskussion erschwert wird.

    Im Prinzip steckt in Online-Plattformen im Netz für die Philosophie aber das Potenzial, die Athenische Agora wiederzubeleben. Das sage ich nicht, weil es gut klingt. Allerdings gibt es eben auch Einschränkungen.

    JF: Sie haben in der Heidegger Debatte ja eine Kombination aus Beiträgen von Experten und Online-Diskussionen gewählt.

    TV: Es gab in der Heidegger-Debatte ja zuerst den längeren Beitrag von mir und dann einige Monate später einen Schwerpunkt im Heft rund um die Siegener Tagung. Da hat sich gezeigt, dass es für eine zweimonatig erscheinende Zeitschrift wie Hohe Luft ganz schwierig ist, eine solche Diskussion nur im Print zu führen. Schon zum ersten Beitrag gab es eine Vielzahl von Kommentaren, das hat sich dann noch verstärkt rund um die Siegener Tagung. Es gab einen großen Bedarf, auch von Fachleuten, sich zu Heidegger zu äußern. Im Print haben wir nur eine begrenzte Seitenzahl. Außerdem interessiert das Thema Heidegger zwar viele, aber doch nicht alle Leser.

    Wir haben uns deshalb entschieden, nur einen Teil der Beiträge im Print zu bringen, und auch die mit einem deutlichen Verweis auf die Online-Diskussion. Viele Beiträge haben wir nur online veröffentlicht. Die Hoffnung war, dass die Leser, die sich dafür interessieren, die Diskussion online weiter verfolgen, verbunden mit der Möglichkeit, online einen argumentativen philosophischen Schlagabtausch zu führen. Das funktioniert bis zum heutigen Tage ganz gut. Ich habe hier schon wieder die neueste Antwort von Richard Wolin auf das Interview mit dem Verleger Klostermann – da müssen wir schon aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Aber die Dynamik, die man da erzeugen kann, ist schon toll. Das fordert die Philosophen, die Fachleute, natürlich auch. Man kann sich für das Verfassen eines gediegenen Beitrags nicht zwei Monate Zeit lassen. Das ist etwas Neues. Wenn etwa Sidonine Kellerer auf Trawny reagiert oder umgekehrt, dann haben die Leute die Möglichkeit, schnell zu reagieren, anderseits eben auch den Druck, das zu tun.

    JF: Nun kann man natürlich fragen, ob das der philosophischen Debatte gut tut. Heidegger ist ein Thema, das uns seit Jahrzehnten beschäftigt und das uns noch lange beschäftigen wird. Da kommt es doch auf zwei Monate nicht an! Ist es wirklich notwendig, da so ein Tempo reinzubringen, wie es in einer Online-Debatte zwangsläufig entsteht?

    TV: Ja, gut, ich kann Sie schon verstehen. Meine Antwort hat zwei Teile. Die journalistische Antwort auf Ihre Frage ist: Das Thema ist nun mal aktuell und wenn Sie im Netz die Möglichkeit haben, etwas dazu zu machen, sehe ich keinen Grund, der dagegen spricht.

    Das zweite ist das Grundsätzlichere, das auch über die Heidegger-Diskussion hinausgeht. Die Geschwindigkeit des Netzes verbunden mit der sofortigen und universellen Verfügbarkeit der Artikel, die nun nicht in irgendwelchen schwer zugänglichen Fachzeitschriften stehen, sondern im Netz für jeden einsehbar sind, erzeugt natürlich einen Druck. Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass darin auch ein gewisses Risiko liegt.

    Ich will Ihnen aber sagen, dass das auch in der Eigenverantwortung der Akteure liegt, sich auf diese Schnelligkeit einzulassen oder das eben nicht zu tun. Peter Trawny etwa hat sich entschlossen, auf den polemischen Beitrag von Sidonine Kellerer nicht zu reagieren, obwohl wir es ihm angeboten haben. Richard Wolin hingegen reagiert sofort darauf. Da muss eben jeder selbst entscheiden, was für ihn angemessen ist. Das ist auch ein psychologisches Problem. Und die Intellektuellen, die Philosophen insbesondere, waren es eben bisher auch nicht so gewohnt, mit ihren Beiträgen so exponiert zu sein. Wenn etwa der Verleger Klostermann jetzt im Netz seine Heidegger-Ausgabe verteidigt und damit aber auch angreifbar wird für jeden, der da draufklickt und meint er hätte was dazu zu sagen.

    JF: Das kann ja durchaus auch der Lebensnähe der Philosophie förderlich sein, wenn man so herausgefordert wird.

    TV: Ja, das glaube ich schon. Dieser Druck, der da entsteht, hat eben eine negative und eine positive Seite. Es entsteht auch ein Druck, sich anders, verständlicher, klarer auszudrücken, als man das in einer Fachpublikation tun würde. Außerdem sind die Beiträge im Netz ja auch deutlich kürzer, weil die Leute wissen – das ist jedenfalls die allgemeine Überzeugung – das Artikel im Netz nicht zu lang sein dürfen. Das zwingt die Diskutanten dazu, sich kurz und prägnant auszudrücken und auf die 50 Fußnoten, die sie gern gemacht hätten, zu verzichten.

    JF: Gutes Stichwort: Wir machen ja hier ein Interview, das online veröffentlicht wird. Deshalb müssen auch wir uns kurz und prägnant halten. Letzte Frage. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigen Themen, die in der Online-Debatte jetzt und in Zukunft eine Rolle spielen werden?

    TV: Es wird Sie nicht überraschen, wenn sage, dass das Flüchtlingsthema ganz weit vorne steht. Philosophisch heißt das, dass wir über das Fremde und das Eigene, über Identität und Toleranz diskutieren müssen.

    Das andere ist, dass wir selbstreflexiv im Netz über das Netz diskutieren müssen. Wie kriegen wir den Hass, vor allem den Fremdenhass aus dem Netz raus? Welche Funktion hat das Netz überhaupt? Es wird sich die Frage stellen, in welche Richtung wir solche Diskussionen auf zivilisiertem Niveau führen.

    Weiterhin wird uns die Digitalisierung aller Lebensbereiche beschäftigen. Das ist ja auch ein Thema, das Sie umtreibt…

    JF: Abschließend: Wir werden diese Debatten sicherlich auch bei DieKolumnisten führen, wie denken Sie über eine Plattform, die Debatte zu ihrem Schwerpunkt macht?

    TV: Online-Debatte ist ja vor allem auch eine Sache, die Spaß macht. Den Spaßfaktor darf man nicht unterschätzen. Deshalb freue ich mich über das Entstehen dieser Plattform. Man hat ja bei Online-Debatten immer den Eindruck, dass sich da richtig was tut. Erinnern Sie sich an unsere Facebook-Diskussion über Heidegger, auch wenn nur 10 Leute dabei waren, man wartet immer gebannt auf die Reaktion des anderen. Das kann richtig Spaß machen.

    Thomas Vašek ist Chefredakteur der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft.

    Die hier erwähnten Beiträge zur Heidegger-Debatte von Thomas Vašek, Sidonine Kellerer, Peter Trawny und Richard Wolin kann man auf der Homepage von Hohe Luft nachlesen.