Schlagwort: Drogenbeauftragte

  • Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland

    Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?

    … lautete die Überschrift der jüngsten Talksendung Menschen bei Maischberger, zu der ich gemeinsam mit fünf weiteren Experten als Gast eingeladen war.

    Ausgehend von folgenden Zahlen:
    – Neun bis zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken in riskanter Weise
    – (darin: 1.5 Mio gelten als abhängig)
    – 74.000 Todesfälle/ Jahr, die auf Alkohol zurückzuführen sind
    – Knapp zehn Liter reiner Alkohol/ Kopf/ Jahr (umgerechnet in Liter: 200 Bier, 90 Wein oder 25 Whiskey)

    … diskutierten wir über die Frage, was der Staat sinnvollerweise tun kann, um den hohen Konsum einzudämmen.

    Der Prohibition redete keiner der Teilnehmer das Wort. Niemand fordert ernsthaft, dass die Deutschen in Zukunft auf ihre Lieblingsdroge Alkohol verzichten müssen. Allerdings wäre es schon begrüßenswert, wenn wir im alljährlich veröffentlichten Ranking der Säufernationen nicht ständig eine Position innerhalb der Top 5 einnehmen würden. Neun bis zehn Millionen riskant trinkende Landsleute bedeuten zwar nur zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung; trotzdem entspricht die Menge der Einwohnerzahl Chicagos oder Hongkongs oder 2.8x Berlin, die ja nun alle drei nicht gerade als kleine Provinzstädte gelten.

    Wirksame Instrumente gäbe es schon

    Als schnell greifende Maßnahmen zur Konsumreduktion bieten sich an:
    (a) Preise hoch
    (b) Anzahl Verkaufsstellen reduzieren
    (c) Abgabe nur innerhalb bestimmter Zeitfenster
    (d) Minimumalter Konsum erhöhen
    (e) flankierend: Werbeverbot, Ekelbilder auf Flaschen u Dosen u.ä.

    Dass die Kombi (a) + (b) + (c) – vorausgesetzt, es wird drastisch erhöht, stark ausgedünnt und nur noch vor Einbruch der Dunkelheit verkauft – funktioniert, ist unstrittig. Sobald ich für eine Flasche Bier zehn Euro bezahlen, zwanzig Kilometer bis zur nächstgelegenen Abgabestelle fahren und diese bis spätestens 18 Uhr erreichen muss, werde ich mir im Vorfeld fünf Mal überlegen, ob der Spaß die ganze Mühe wert ist. Als Ausweichalternativen bieten sich an: Bezug im benachbarten Ausland, selber brauen/ destillieren, Umstieg auf Ersatzdroge. Alle drei denkbar; jedoch jeweils nur für eine kleine Anzahl Konsumenten. Nicht für jeden liegen Luxemburg und Tschechien in erreichbarer Nähe, nicht jeder weiß, wie man Wodka herstellt und nicht jeder greift zu anderen Rauschmitteln. Billigen Alkohol per Internet bestellen? Gepanschten Fusel auf dem Schwarzmarkt besorgen? Sicher möglich; würde jedoch ebenfalls nur von einer Minderheit genutzt.

    Zwischenfazit 1: Die Kombi „Preise rauf & Verkaufsstellen reduzieren & Öffnungszeiten limitieren“ erzielt schnelle Wirkung.

    Die Reaktionen der Zuschauer fielen unterschiedlich aus:

    Pro Verschärfung

    Und dass die Ausgabestellen reduziert werden ist sinnvoll. Außerdem sollte das Alkoholausschenken bei Schulfesten(wie es teilweise schon gemacht wird) bei Schulen mit nur unter 16-jährigen Schülern/Schülerinnen verboten werden.

    Und sicher ist auch: die allzeitige Verfügbarkeit der billigen Droge ALK tut ein Übriges.

    Was wichtig ist, Verkaufsstellen reduzieren, gut wären sicher eine Art Liquor Stores wie in den USA.

    Solange ne Flasche Lambrusco mit 2l Inhalt günstiger als viele Säfte mit 1l Inhalt sind, muss man sich nicht wundern, wenn Menschen, vor allem junge, zu diesem Genussmittel greifen. Alkohol ist definitiv zu günstig, die Auswahl im Preissegment von 30 Cent bis 5€ erschreckend groß.

    Contra staatliche Maßnahmen

    Die meisten koennen sich nicht mal Alkohol leisten. Sind froh wenn sie zur Tafel gehen koennen ….

    Und Sie diskutieren ob die Alkoholsteuer erhöht werden soll und somit der Alkohol teurer werden muss, dass ist Diskriminierung derer die damit normal umgehen.

    Ich komme grade aus Australien eine Flasche Vodka kostet da 40Au$ das ist sehr viel Bier im Club 10$ es gibt kein günstiges Nachbarland wo man schnell hin fahren kann und etwas kaufen man muss in „Bottle shops“ was ich festgestellt habe ist das erstens. Das trozdem alle trinken die Australier. Zweitens Drogen in Clubs oder auf Partys viel öfter genommen werden da Alkohol teuer ist

    jeder soll sich sein genussmittel – egal welches – ohne künstliche einmischung des staates a la verteuerung etc beschaffen können nach eigener facon und eigener verantwortung. denn der erziehungsauftrag besteht von staatlicher seite nur gegernüber minderjährigen. alles andere ist allein dem individuum in seiner persönlicheitsrechtssphäre zu zu ordnen.

    Es träfe halt auch wieder ein weiteres „Opium des Volkes“, es wären besonders die Armen die ihren Spaß nicht mehr haben dürfen. Jugendclubs müssten fasst alle schließen, besonders die alternativen denn auch wenn Saufen nicht in Zentrum steht, keiner hat Bock auf Konzerte/Parties ohne Bier (und von Konzerten/Partys kommt oft das Geld für gute Jugendarbeit).

    Ich glaube nicht, dass wenn der Preis für Alkohol steigt, dass es dann weniger Alkoholiker gibt. Bei Zigaretten schreckt der Preis auch nicht ab, und selbst wenn übergewichtige Menschen auf Süßigkeiten abgebildet werden, wird es noch dicke geben.

    Diese und noch mehr Kommentare findet man hier:
    Menschen bei Maischberger
    Henning Hirsch

    Der Vorschlag der (drastischen) Preiserhöhung muss sich fürwahr den Vorwurf gefallen lassen, sozial nicht ausgewogen daherzukommen. Denn nur wenige werden sich dann noch die Zehn-Euro-Flasche Bitburger leisten können. Zu befürchten steht zudem, dass gepanschte Sachen auf den rasch entstehenden Schwarzmarkt gelangen. Von daher bedeuten Preiserhöhung und Verkaufsstellenverknappung ein riskantes Experiment. Niemandem wäre geholfen, wenn in der Konsequenz zwar weniger, aber dafür dreckigerer, Alkohol getrunken würde.

    Gegen die Ausdünnung der Verkaufsstellen spräche hingegen wenig. Mir hat nie eingeleuchtet, weshalb Alkohol 24/7 in jedem Supermarkt, sämtlichen Kiosken und an allen Tankstellen bundesweit verfügbar ist. Allerdings steht zu befürchten, dass sich die Fuß- und Fahrfaulen ihre Wochenration Erdinger, Soave und Jägermeister dann anliefern lassen. Einen Minimumbestellwert von 30 oder 50 Euro bekommt man ja mit Spirituosen schnell zusammen.

    Zwischenfazit 2: Preiserhöhungen träfen v.a. die ärmeren Bevölkerungsschichten. Gefahr von „Erblindungen“ aufgrund billigen selbst hergestellten Schnapses nähme zu. Wegfall von Verkaufsstellen und engere Zeitfenster könnten durch Zunahme der Haustürbelieferung konterkariert werden

    Warum kein Werbeverbot?

    Wenn nun schon die drei sehr konkreten Instrumente (a), (b) & (c) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit als ungewiss eingestuft werden müssen – wie ist dann ein Appell mit Ekelbildern einzuschätzen? Bringt es was, Fotos von Fettlebern, entzündeten Bauchspeicheldrüsen und aufgrund Säuferdiabetes schwarz angelaufenen Füßen auf die Behältnisse zu kleben? Mich persönlich hätte das in meiner trinkenden Zeit nicht großartig gestört. Flasche umdrehen, nicht draufsehen, notfalls die Pulle in eine Verpackung stecken, sodass nur noch der Hals rausschaut. Sprüche wie: „Trinken schadet deiner Gesundheit“ oder „Wer säuft, stirbt früher“ oder gar: „Schnaps macht impotent“: geschenkt. Lässt sich niemand von abhalten.

    Zu diskutieren wäre sicherlich über Werbeverbote und die Raufsetzung des Minimumalters für SÄMTLICHE alkoholhaltigen Getränke auf 18 Jahre. Mir völlig schleierhaft, weshalb so viel Bier-, und zu vorgerückter Stunde sogar Wodka-, -Spots über unsere TV-Mattscheiben flimmern. Krombacher ist die Einstiegsdroge in Gorbatschow. Wenn wir das Zeug schon legalisieren, überall und rund um die Uhr zu Discountpreisen zum Verkauf anbieten, brauchen wir es ja nicht auch noch zusätzlich anzupreisen.

    Freiwilliger Verzicht ist nachhaltiger als staatlich verordnete Abstinenz

    Unterm Strich muss die dringend notwendige Reduktion – zehn Liter reiner Alkohol Kopf/ Jahr ist ein höllenmäßig hoher Durchschnittswert – allerdings auf freiwilliger Basis erfolgen, z.B.:
    ▪Präventionsarbeit bei jungen Menschen
    ▪Kein Bierausschank in Sportvereinen
    ▪Alkoholfreie Betriebsfeiern

    Flankiert von pfiffigen TV-Spots der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die bewusst machen, dass Komasaufen alles mögliche ist, aber bestimmt NICHT cool. Es ist keine Heldentat, ohnmächtig und vollgepisst in der Ecke zu liegen, am Morgen danach auf einer Intensivstation zu erwachen und sich an nichts mehr erinnern zu können. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass Abstinenz – bzw. maßvoller Umgang mit dem Stoff – in jungen Jahren nicht gleichbedeutend ist mit Langweiler oder Partyschreck, werden der Konsum und in der Konsequenz die Anzahl Alkoholkranker nachhaltig sinken.

    Da wir Deutschen seit über zweitausend Jahren saufen, ist der Alkohol bei uns mittlerweile kilometertief in unsere Volks-DNA eingedrungen, aus der er sich mit einer Hauruckaktion nicht wieder entfernen lässt. Aufgrund der vielen Toten und Abhängigen wäre es allerdings grob fahrlässig, das Problem als Gott gegeben anzusehen und lapidar mit den Schultern zuckend zu sagen: „Dagegen kann’ste eh nichts machen“.

    Die Behandlungskosten belaufen sich jährlich auf 24 Milliarden Euro. Zu überlegen wäre, ob man die Industrie prozentual daran beteiligt. Der Verursacher des Dilemmas ist ja nicht nur der Trinker alleine, sondern ebenfalls der Schnapsproduzent. V.a. die Hersteller von Spirituosen müssen härter in die Pflicht genommen werden. Dem einen sein Heroin ist dem anderen die tägliche Pulle Wodka.

    Fazit

    (1) Alle Menschen haben ein Grundbedürfnis nach gelegentlichem  Rausch
    (2) Es wird nach wie vor zu viel gesoffen: Deutschland ist definitiv ein Promille-Paradies
    (3) Bewusstseinswandel wirkt nachhaltiger als Zwangsmaßnahmen
    (4) Das Problem wird weiterhin sowohl durch die Gesellschaft als auch von Seiten des Staats verharmlost

    Weiterführende Literatur und jede Menge Zahlen findet man hier: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen sowie Drogenbeauftragte der Bundesregierung

  • Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Drogenpolitik vom Kopf auf die Füße stellen

    Die USA werden im Moment von einem Opium-Tsunami (NZZ, 6. Juni 2017) überflutet. Die Auslöser für die beängstigende Zunahme auf der anderen Seite des Atlantiks sind vielfältig: von (legalen) Schmerzmitteln zu Heroin und Crack gewechselt, Synthetisierung des Stoffs, Verdrängungs- und Preiswettbewerb der Anbieter, Internet als neuer Verkaufskanal, Flucht in den Rauschzustand, um dem Elend des Alltags zu entkommen. Donald Trump hat deshalb vor einigen Tagen die akute Drogenkrise zum nationalen Gesundheitsnotstand erklärt. „2016 sind 64.000 Amerikaner an einer Überdosis gestorben; das sind mehr, als im Vietnam- und in den beiden Irak-Kriegen zusammen gefallen sind“ (FAZ vom 10. Nov. 2017). In den Vereinigten Staaten reift langsam die Erkenntnis, dass der 1972 vom damaligen Präsidenten Nixon ausgerufene War on Drugs mit den herkömmlichen Mitteln nicht zu gewinnen ist. In einigen Bundesstaaten ist der Konsum von Marihuana mittlerweile straffrei.

    Wie sieht die Lage in Deutschland aus? Bei uns oszillieren die Zahlen der Drogenopfer seit Jahren zwischen den Werten 1000 und 1300 (hierin circa 70% Opiatmissbrauch). Tote aufgrund Cannabiskonsums: 0. Zum Vergleich Alkohol in Kombination mit Tabak: 75.000 (hierin 30-50% durch Alkohol alleine), Tabak: 120.000. Die Anzahl der Alkoholkranken übersteigt die der Opiatabhängigen um ein Vielfaches.

    Drogenbeauftragte stellt sich taub

    Cannabis scheint also kein allzu großes Problem darzustellen, könnte man meinen. Dann lasst die Kiffer doch friedlich an ihren Joints nuckeln. Wozu muss die Polizei ausrücken, wenn es irgendwo leicht nach schwarzem Afghanen riecht? Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) stellt sich jedoch quer: „Es muss endlich Schluss sein mit der Lifestyle-getriebenen Legalisierungsdebatte, mit der die Gefahren des Kiffens permanent heruntergespielt werden … von keiner anderen Droge sind hierzulande so viele Menschen abhängig, keine andere füllt derart Suchtkliniken und Therapieeinrichtungen. Cannabis ist alles andere als ein harmloses Suchtmittel.“ (Tagesspiegel vom 18. Aug. 2017).

    Mit dieser Äußerung beweist Mortler, dass sie entweder noch nie eine Suchtklinik von innen gesehen hat oder gar mit falschen Angaben operiert. Denn die weit überwiegende Anzahl der Patienten in stationären Einrichtungen sind Alkoholiker. Mit (großem) Abstand gefolgt von Tabletten- (Benzodiazepine) und Opiatabhängigen. Cannabis-Junkies trifft man dort nur äußerst selten an.

    Wenn schon die nationale Drogenbeauftragte so spricht, verwundert es nicht, dass die Regierung weiterhin am restriktiven Kurs des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) von 1981 (Neubekanntmachung: 1994) festhält, in dem Erwerb, Besitz, Anbau und Handel von illegalen Substanzen verboten und strafbewehrt sind. Das BKA verzeichnete im vergangenen Jahr in seiner Statistik 300.000 registrierte Drogendelikte, darin häufig Pillepalle wie ein paar Krümel Hasch in der linken Hosentasche.

    Juristen machen Front gegen das verstaubte Gesetz

    Mittlerweile zweifeln allerdings immer mehr Experten die Wirksamkeit der Kriminalisierung von Konsum und Handel an und empfehlen eine Verlagerung vom strafrechtlichen in den medizinischen Bereich. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Schildower Kreis – einem informellen Zusammenschluss deutscher Strafrechtsprofessoren – zu, der in einer Resolution an die Abgeordneten des Bundestags im November 2013 ausführt:

    … zeigt sich weltweit die Erfolglosigkeit strafrechtlicher Bekämpfung von Drogennachfrage und -angebot

    Demgegenüber zeigen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass die Gefährdungen durch bislang illegale Drogen ebenso wie solche durch Medikamente und Alkohol besser durch gesundheitsrechtliche Regulierung … zu bewältigen wären.

    Die Strafrechtler fordern die Einsetzung einer Enquête-Kommission zum Thema Reformierung des BtMGs, auf die Mortler zuletzt im Oktober 2017 – nachdem bereits vier Jahre verstrichen waren – wie folgt reagierte: „Die Diskussion muss beendet werden, weil sie zur Verharmlosung des Drogenkonsums beiträgt. … Wir sagen: Es gibt so viele Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Konsumverbot von Cannabis, und es gibt so wenig einfache Lösungen, dass wir eine konzertierte Aktion im Sinne einer Enquête-Kommission brauchen, um einen Konsens herzustellen.“ (ZEIT-Online vom  28.10.17). Getan hat sich bisher jedoch Nullkommanichts. Drogenbeauftragte und Regierung spielen auf Zeit.

    In Heinrich Schmitz sehr lesenswertem Beitrag „Legalize it – Kiffen in Deutschland (Dez. 2015)“ gibt mein hochgeschätzter Mitkolumnist, der im realen Leben als Strafverteidiger seine Brötchen verdient, zu bedenken:

    Bei den Drogenkonsumenten ist der Begriff des Kriminellen allerdings völlig daneben. Insbesondere bei den Kiffern … könnte ich beim besten Willen nicht erklären, weshalb das Kriminelle sein sollten. Die tun ja keinem was und nehmen auch keinem was weg.

    Das Strafrecht dient dem Rechtsgüterschutz … aber welches Rechtsgut wird dadurch geschützt, dass man den Kiffern ihren Joint verbietet?

    Einfach irgendwas verbieten, weil es ihm Spaß macht, darf also auch der Gesetzgeber nicht.

    Hierzu das Bundesverfassungsgericht in seiner Cannabis-Entscheidung von 1994:

    Der Gesetzgeber verfolgt mit dem derzeit geltenden Betäubungsmittelgesetz ebenso wie mit dessen Vorläufern den Zweck, die menschliche Gesundheit sowohl des Einzelnen wie der Bevölkerung im Ganzen vor den von Betäubungsmitteln ausgehenden Gefahren zu schützen und die Bevölkerung, vor allem Jugendliche, vor Abhängigkeit von Betäubungsmitteln zu bewahren.

    Schmitz kontert:

    Aufgrund von Art. 2 GG steht es jedem Menschen frei, seine Gesundheit zu schädigen. Der Staat ist nicht Herr meiner Gesundheit.

    Entkriminalisierung: Pro & Contra

    Ich unterschreibe jeden seiner Sätze, will aber in dieser Kolumne noch einen Schritt weitergehen: wir müssen nicht nur Marihuana endlich legalisieren, sondern SÄMTLICHE (bisher als illegal deklarierten) Drogen entkriminalisieren. Es kann einfach nicht sein, dass ein aufgrund von in fahrlässiger Menge vom Hausarzt verschriebener Schmerzmittel im Lauf der Jahre opiatabhängig gewordener Mensch nun 24/7 mit einem Bein im Knast steht, bloß weil sein Körper ständig Nachschub verlangt. Weshalb muss ein Gelegenheitskonsument von Koks oder Ecstasy befürchten, hops genommen zu werden, wenn er mal 48 Stunden am Stück wachbleiben möchte? Welcher Dritte wird geschädigt, wenn sich ein Student einen Joint reinzieht? Warum will mich der Staat qua Strafandrohung vor den schädlichen Auswirkungen von THC und Opium schützen, während er das bei Alkohol und Tabak nicht tut? Weshalb stellt mein Konsum überhaupt ein strafrechtliches – und kein medizinisch-therapeutisches – Problem dar?

    Nach den negativen Erfahrungen, die die USA mit der (Alkohol-) Prohibition, die dort in den Jahren von 1919 bis 33 herrschte, gesammelt hatten, hätte man in Blickrichtung auf die kriminellen Konsequenzen, die Total-Verbote nach sich ziehen, eigentlich klüger werden müssen. Die im  Schildower Kreis organisierten Strafrechtsprofessoren stellen in diesem Zusammenhang fünf Kernthesen auf:

    (1) Mit der Drogenprohibition gibt der Staat seine Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit von Drogen auf: die überwiegende Zahl der Drogenkonsumenten lebt ein normales Leben. Selbst abhängige Konsumenten bleiben oftmals sozial integriert.
    (2) Der Zweck der Prohibition wird systematisch verfehlt: Prohibition soll den schädlichen Konsum bestimmter Drogen verhindern. Tatsächlich kann sie dieses Ziel nicht erreichen … sie schreckt zwar einige Menschen ab, verhindert aber Aufklärung und vergrößert gleichzeitig dramatisch die gesundheitlichen und sozialen Schäden für diejenigen, die nicht abstinent leben wollen. Selbst in totalitären Regimen und Strafanstalten kann Konsum nicht verhindert werden.
    (3) Die Prohibition ist schädlich für die Gesellschaft: sie fördert die organisierte Kriminalität und den Schwarzmarkt. Sie schränkt Bürgerrechte ein und korrumpiert den Rechtsstaat …
    (4) Die Prohibition ist unverhältnismäßig kostspielig: jedes Jahr werden Milliardenbeträge für die Strafverfolgung aufgewendet, welche sinnvoller für Prävention und Gesundheitsfürsorge eingesetzt werden könnten. Der Staat verzichtet auf Steuereinnahmen, die er bei einem legalen Angebot hätte.
    (5) Die Prohibition ist schädlich für die Konsumenten: sie werden diskriminiert, strafrechtlich verfolgt und in kriminelle Karrieren getrieben … normales jugendliches Experimentierverhalten wird kriminalisiert und das Erlernen von Drogenmündigkeit erschwert.

    Die Befürworter der harten Gangart führen drei Hauptargumente gegen die Entkriminalisierung ins Feld:
    (A) Der Konsum von weichen Drogen führt unweigerlich in die Kokain- und Opiatabhängigkeit
    (B) Der heutige THC-Gehalt ist höher – und damit gesundheitsschädigender – als vor dreißig Jahren
    (C) Die Freigabe bedeutet eine Ausweitung des Konsums.

    zu:
    (A) ist ein Schauermärchen. Die Korrelation zwischen Marihuana und Opiaten liegt im kleinen einstelligen Prozentbereich. Eher steigt man von Alkopops auf Wodka als von einem Joint auf Heroin um
    (B) trifft – v.a. bei Indoor-Produkten – zu; ist aber kein Grund, dem Käufer mit Strafe zu drohen. Er schädigt seine eigene Gesundheit; nicht die eines Dritten
    (C) die Erfahrungen in Ländern mit liberaler Drogenpolitik (z.B. Niederlande, Schweiz, Spanien, Portugal, Uruguay, einige US-Bundesstaaten) haben kein Ansteigen des Konsums – oder gar der krankhaften Abhängigkeit – aufgrund der Legalisierung gezeigt.

    Legalisierung: jetzt!

    Die Schildower gelangen deshalb zu dem Ergebnis: Menschen mit problematischem Suchtverhalten brauchen Hilfe. Die Strafverfolgung hat für sie und alle anderen nur negative Folgen … der Staat darf die Bürger durch die Drogenpolitik nicht schädigen.

    Es muss also darauf gehofft werden, dass die in den nächsten Wochen in Berlin zusammenfindende neue Koalition endlich Ernst macht mit der Ankündigung, das antiquierte BtMG einer dringenden Revision zu unterziehen und dabei als erste Sofortmaßnahme das Kiffen straffrei zu stellen, bevor in weiteren Schritten der Konsum sämtlicher Substanzen legalisiert wird. Runter vom strafrechtlichen Kopf auf die medizinisch-therapeutischen Füße, wo die, Gesundheit und Wohlbefinden des Einzelnen betreffenden Angelegenheiten definitiv besser aufgehoben sind als bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

    Das Schlusswort gebührt Heinrich Schmitz:

    Es ist höchste Zeit, dass dieses unsinnige und schädliche Gesetz in Rauch aufgeht.

    Dem ist von meiner Seite aus nichts mehr hinzuzufügen.

    Weiterführende Literatur:
    // Schildower Kreis: Resolution deutscher Strafrechtsprofessorinnen und -professoren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages (Nov. 2013)
    // Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Jahrbuch Sucht
    // Drogenbeauftragte der Bundesregierung: Drogen- und Suchtbericht
    // UNODC: zahlreiche Untersuchungen. U.a. 100 years of drug control (2009)
    // WHO: u.a. zur Entkriminalisierung von harten Drogen, um HIV-Ansteckungen zu reduzieren (2014)