Schlagwort: Entgiftung

  • Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Mit Bukowski bei der Darmspiegelung

    Von allen traurigen Suchtkliniken, in die ich eingeliefert wurde, war Andernach die mit Abstand traurigste. Als ich im Raucherzimmer auf einem Holzstuhl hockte, von dem die Farbe abplatzte und auf die ersten Tabletten wartete, wusste ich nicht so genau, weshalb ich überhaupt hier gelandet war. Ich konnte mich schemenhaft an Rosi erinnern, die mein Kumpel Rolf für mich in einer Singlebörse aufgegabelt hatte, die in Koblenz eine schöne Wohnung am Rheinufer mit Blick auf den Ehrenbreitstein und einen gut bestückten Spirituosenschrank besaß, mit der ich mich 48 oder 72 Stunden lang vergnügt hatte. Rolf hatte mir sogar das Bahnticket spendiert. »Damit du mal rauskommst aus Köln und deinem Trott«, hatte er dazu gesagt. Das war wirklich nett von ihm gewesen. Na ja, Rolf konnte neben seiner nervigen Klugscheißerei auch nett sein. Als ich in der Provinz ankam, und Rosi nicht wie vereinbart am Bahnsteig stand, wollte ich schon wieder zurückfahren, denn ich hatte keine große Lust, sie nun suchen zu müssen. Ich ging zum Kiosk, um mir einen Flachmann zu besorgen, als mich eine rothaarige Frau, die vor zwanzig Jahren sicher mal gut ausgesehen hatte, deren beste Tage allerdings definitiv lange zurücklagen, von der Seite ansprach: »Bist du Henning?« – »Ja. Und du vermutlich Rosi. Bist unpünktlich. Wollte schon retour nach Köln.«
    »Nun hab dich mal nicht so wegen zehn Minuten. Scheinst ein Pedant zu sein.«
    »Alles Schnee von gestern, wenn’s bei dir zu Hause was zu trinken gibt.«
    »Keine Sorge, habe jede Menge für uns eingekauft.«

    In den nächsten 48 oder 72 Stunden taten wir nichts anderes als abwechselnd saufen und vögeln und zwischendurch dummes Zeug zu reden. Halt so ein typisches ü45-Hetero-Sexwochenende. Sie war im Bett nicht schlecht, beherrschte einige Nummern, die ich nicht kannte, und ich war Rolf dankbar, dass er die Sache für mich arrangiert hatte. Das pausenlose Gerammel wurde mir allerdings nach einem Tag schon etwas fade, und ich wollte nur noch in Ruhe weitertrinken und dabei das schöne Panorama genießen. Aber Rosi maulte, nannte mich mehrmals einen impotenten, faulen Sack, und ich überlegte, Rolf anzurufen und darum zu bitten, mich bei dieser Nymphomanin abzulösen. Ob wir uns am Ende gestritten haben, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Eigentlich macht mich Alkohol eher friedlich und freundlich. Kann aber sein, dass ich Rosi als dauergeile, alte Schlampe beschimpft habe. Falls ich es getan haben sollte, dann tut’s mir natürlich leid und ich entschuldige mich an dieser Stelle dafür. Nach 48 oder 72 Stunden neigten sich ihre Alkoholvorräte dem Ende zu, weshalb ich anbot, Nachschub zu besorgen. Auf dem Weg zum Supermarkt gingen bei mir die Lampen aus, und ich kam erst wieder an Bord eines Rettungswagens zu mir. Um mich herum zwei junge Sanitäter. Keine Bullen. Das war schon mal positiv. »Wohin fahren wir?«, fragte ich. – »Andernach«, antwortete der Kleinere der beiden  »Warum nicht Köln?«, hakte ich nach. – »Weil Köln hundert Kilometer entfernt liegt.«

    Und so saß ich nun mit 3.8 Promille, einem Kasten Wasser neben mir und schlechter Laune im Raucherzimmer der Andernacher Klinik. »Pillen gibt’s erst bei 0.8«, hatte der Aufnahmearzt gesagt. »WAS?? In Köln bekomme ich die bei 1.5.« – »Wir sind aber hier nicht in Köln«, raunzte er mich an.
    Ich kippte Flasche um Flasche Mineralwasser in mich rein, rülpste, ging zum Pissen aufs Klo, trank Wasser, rülpste wieder. Die übliche Vorgehensweise, um schnell runterzukommen. Im Abstand von sechzig Minuten lief ich ins Schwesternzimmer, pustete dort ins Testgerät. »Jetzt sind Sie bei 3.2. Dauert noch eine Weile bis 0.8. Immerhin bauen Sie 0.3 pro Stunde ab.«

    Bei Unterschreiten der 3.0 setzte der Entzug ein: Herzrasen, Schwindelgefühl, Schweißausbrüche. Und es war noch elend lange hin, bis ich den vom Arzt festgelegten Schwellenwert erreichen würde. Klaglos nur deshalb zu ertragen, weil ich die Prozedur aus dem Effeff beherrschte.

    Ich weiß auch nicht, weshalb sie immer so ein Theater mit den 0.8 und 1.5 veranstalten, und uns das Zeug nicht sofort geben. Sei zu gefährlich, behaupten sie. Ich vermute ja, dass sie uns Säufer quälen wollen. So nach dem Motto: Wer viel trinkt, muss dann eben in der Konsequenz auch Schmerzen ertragen. Vielleicht soll es auch der Abschreckung dienen. Was weiß ich, was in den Köpfen der Ärzte und Pfleger vor sich geht, wenn sie den 5000sten unheilbaren Alki erblicken. Resignation, Zynismus oder gar zum Sadisten werden. Ich will’s ihnen gar nicht übel nehmen. An ihrer Stelle würde ich genauso denken.

    Ich glotzte an die Tapete, hasste Rolf, der mich mit Rosi verkuppeln wollte und hasste mich, weil ich auf seinen Vorschlag eingegangen war. Ganz besonders hasste ich Andernach und die Gestalten im Raucherzimmer. Rosi hingegen hasste ich nicht, die war mir egal.

    Die Tür schwenkte auf, ein 100-Kilo-Kerl mit Aktentasche in der Hand und verlegenem Grinsen im Gesicht kam herein. »Ist hier noch ein Platz frei?«, erkundigte er sich. Niemand würdigte ihn eines Blickes, was mich mutmaßen ließ, dass er hier zum ersten Mal aufschlug. In der Geschlossenen ist es ein bisschen wie im Knast: es gibt eine Hackordnung, und du giltst erst dann als vollwertiges Mitglied der Säuferfamilie, wenn du deinen zwanzigsten Entzug absolviert hast.
    Der Koloss ließ sich auf den Stuhl neben mir fallen. »Ist das genehm?«, fragte er.
    »Ja ja, ist okay.«
    Er öffnete die Tasche und holte eine Plastikdose mit belegten Stullen heraus. »Möchtest du ein Butterbrot? Meine Frau hat mir ein paar geschmiert, bevor sie mich hierhin gebracht hat.«
    »Nein.«
    »Vielleicht einen Schokoriegel?«
    »Nein!«
    »Ich heiße Matthias und du?«
    »Matthias, tu mir einen Gefallen und rede nicht so viel.«
    »Gedrückte Stimmung hier drinnen«, sagte er.
    »Die war ganz okay, bis du aufgetaucht bist.« Mir brach erneut der Schweiß aus, mein Hemd war klitschnass und auch unter Matthias Achselhöhlen zeichneten sich fette Kränze ab. Ich stand auf, schnorrte mir von einem Typen, der vor dem vergitterten Fenster lehnte, eine Zigarette, war kaum in der Lage, die mit meinen zitternden Fingern festzuhalten, machte drei Züge, ließ den Rest auf den Boden fallen, wo ein anderer Patient den Stummel sofort gierig aufklaubte.

    »Schlimm, der Entzug bei dir?«, fragte Matthias.
    »Genauso beschissen wie die dreißig Mal vorher.«
    »So oft warst du schon hier?«
    »Nein, in diesem traurigen Laden bin ich heute das allererste Mal.«
    »Verstehe«, sagte er.
    »Was verstehst du? Überhaupt nichts verstehst du.«
    Matthias schwieg fünf Minuten lang, dann griff er erneut in seine Tasche hinein und zog ein Buch heraus. »Weißt du, was das ist?«
    »Was soll das schon sein? Ein Buch halt.«
    »Ja, aber ein besonderes Buch.»
    »Mit Zaubersprüchen drin?«
    »Nein, von Bukowski
    »Von wem?«
    »Ein amerikanischer Schriftsteller. Kennst du den nicht?«
    »Schon mal von gehört. Der schreibt so Pornogeschichten.«
    »Vordergründig Porno. Aber eigentlich Kritik am American way of life.«
    »Klingt langweilig«, sagte ich. »Porno mit Bildern und ohne Text finde ich spannender«. In den vergangenen vier Jahren hatte ich keinen einzigen Roman in die Hand genommen. Mehr als der Sportteil des Express war nicht drin. Hatte echt große Konzentrationsschwierigkeiten.

    »Probier dieses aus. Ist ein Band mit Kurzgeschichten. Die eine, in der er von seinen Hämorrhoiden und der nachfolgenden Darmspiegelung berichtet, ist echt witzig. Wird dir gefallen.«
    »Sehe ich aus wie jemand, der sich auf eine Darmspiegelung freut?« Ich ließ mir das Buch trotzdem von ihm aufschwatzen und machte mich auf den Weg zum Schwesternzimmer. Dort war gerade Schichtwechsel gewesen. Statt der griesgrämigen Ordensfrau vom frühen Abend erwartete mich nun eine attraktive Blondine mit enormer Oberweite.
    »Ist der alte Drachen weg?«, fragte ich.
    »Ja«, antwortete sie. »Ich bin Schwester Beate. Sie sind zum ersten Mal bei uns?«
    »Nur aus Versehen. Sonst entgifte ich in Köln.«
    »Ah, Köln. Da haben wir ja was gemeinsam. Ich stamme aus Nippes.« Sie reichte mir das Testgerät. Ich blies hinein: 1.5.
    »Ich habe meine Brille verlegt. Könnten Sie für mich den Wert ablesen?«
    »0.8«, sagte ich und drückte sofort auf den Ausknopf.
    »0.8«, notierte sie laut in den vor ihr liegenden Protokollzettel. »Das ist schön. Dann können wir Ihnen ja endlich was gegen Ihre Entzugsschmerzen geben. Ich habe Distraneurin, Rivotril und Diazepam im Angebot.«
    »Mir völlig egal. Aber zwei Pillen.«
    »Ich verabreiche Ihnen Rivotril. In Ordnung für Sie?«

    Ich ließ mich auf das Sofa im Aufenthaltsraum fallen und wartete auf die Wirkung der Benzos. Die Sache mit der Brille war echt nett von Beate gewesen. Hatte mir zweieinhalb Stunden Quälerei erspart. Nach 15 Minuten beruhigte sich mein Kreislauf, das Würgegefühl ebbte ab, in den Beinen spürte ich wieder Kraft. Eine Stunde später holte ich mir zwei weitere Tabletten. »Und nun sollten Sie schlafen«, sagte Beate. »Es ist weit nach Mitternacht.«
    »Ich versuch’s«, antwortete ich.

    Im Türrahmen stand ein circa 30jähriger Galgenvogel und versperrte mir den Weg. »Was willst du?«, fragte er mit slawischem Akzent.
    »Was wohl? Pennen.« Ich schob ihn zur Seite.
    »Das ist mein Zimmer«, erwiderte er.
    »Und deshalb sind drei Betten drin.« Ich warf mich in voller Montur auf das neben der Heizung und starrte an die Decke. Das Buch hielt ich immer noch in der Hand. Der Russe oder Kasache oder Usbeke marschierte in dem kleinen Raum auf und ab, legte Kilometer um Kilometer zwischen Waschbecken und Fenster zurück, redete mit sich selbst, fuckte mich ab. Als er seine Notdurft ins Waschbecken verrichtete, war die rote Linie überschritten. »Das kannst du zu Hause machen, aber nicht hier«, sagte ich.
    »Willst du Ärger haben?«, schrie er. Dann fiel er mit geöffneter Hose auf den Linoleumboden und begann zu schnarchen. Ich ließ ihn dort liegen und versuchte, selbst zur Ruhe zu kommen.

    Als ich die Augen aufschlug, war der Russe verschwunden und Bukowski, den ich seit Studentenzeit gut kannte, saß auf meiner Bettkante.
    »Was machst du in diesem Rattenloch?«, fragte er.
    »Dasselbe wie du: einen Entzug.«
    »Entzüge sind ein großer Selbstbetrug«, antwortete er. »Weil wir danach erfahrungsgemäß weitertrinken.«
    »Stimmt. Aber für ein paar Tage fühlt man sich körperlich wieder hergestellt.«
    »Das ist aber auch das einzige, was man positiv darüber berichten kann … Hast du sie gefickt?«
    »Wen?«
    »Na, wen wohl: Rosi.«
    »Ich glaube schon.«
    »Du glaubst, du hättest sie gefickt??«
    »Am ersten Tag bestimmt. Aber danach erinnere ich mich an nichts.«
    »Es ist ein großes Elend mit der Sauferei. Selbst das Vögeln bereitet einem keinen richtigen Spaß mehr. Und jetzt laufen wir uns ausgerechnet in Andernach über den Weg. Schon komisch.« Bukowski betrachtete mich argwöhnisch mit seinen Alligatoraugen und fletschte die Krokodilszähne; als ob er mich gleich zerfetzen wollte.
    »Was ist mit Andernach?«
    »Ich bin hier geboren. Hast du das etwa vergessen?«
    »Ich weiß doch nicht von jedem Schreiber, in welchem Kaff der das Licht der Welt erblickt hat.«
    »Solltest du aber. Steht in meinen Büchern hinten in der Kurzvita drin.« Wie jeder Starautor war er eitel und erwartete von Leuten wie mir, dass ich sowohl seine Geschichten als auch die Details seines Lebenslaufs auswendig runterbeten konnte.
    »Den Abspann lese ich nie.«

    »Lass uns zu Schwester Beate gehen; neue Pillen einwerfen. Die gefällt dir, oder?«`
    »Sie ist ganz okay«, antwortete ich.
    »Du hast ihr vorhin ganz schön auf die Titten geglotzt. Aber gib dich keinen Illusionen hin. Zwischen Personal und Patienten läuft nichts. Auch wenn ich in meinen Stories was anderes erzähle. Aber das sind bloß Trinkerfantasien.«
    »Weiß ich selber.«

    Wir verließen unser Zimmer und marschierten durch den neonbeschienen Korridor in Richtung Schwester Beate.

    An dieser Stelle stoppe ich, denn Texte, die 1500 Wörter überschreiten, werden so gut wie nie bis zum Ende gelesen. In Facebook liegt die Grenze ohnehin noch deutlich darunter.

    In der Fortsetzung müssen sich Bukowski und ich bei Beate einer Darmspiegelung unterziehen, und ich erfahre nebenbei allerlei Wissenswertes über Andernach.

    PS. das ist – falls es überhaupt jemanden interessiert – meine 50ste Kolumne, wofür ich die bronzene Kolumnistennadel zugeschickt bekomme

  • Mal wieder auf der Intensiv

    Mal wieder auf der Intensiv

    aus der Serie: Gesoffen wird immer

    Ein besonders trauriges Kapitel im Säuferleben stellen die Aufenthalte auf der Intensivstation dar. In die wird man immer dann gelegt, sobald der gemessene Promillegehalt die magische Zahl 4 überschreitet. Und zwar aus dem Grund heraus, weil für 80% der Menschen ab diesem Level akute Lebensgefahr – z.B. Organversagen – besteht. Für den geübten Trinker zwar nicht; aber das ist den Ärzten egal. Sie verfrachten uns trotzdem dorthin. Vermutlich auch aus einem erzieherischen Aspekt heraus, weil sie glauben, wer einmal eine Nacht fixiert auf der Intensiv verbracht hat, wird danach für immer dem Alkohol abschwören. Da irren sie sich allerdings gewaltig. Davon aber später. Erstmal will ich eine kleine Geschichte erzählen:

    Mal wieder auf der Intensiv

    Schläuche, überall Schläuche. Ich weiß, wo ich bin. Zwar nicht Ort und Zeit; aber den Raum erkenne ich sofort: eine verschissene Intensivstation. Stockdunkel, zweihundert LED-Lämpchen blinken nervös, ein Dutzend Apparate fiepen entsetzlich. Vermutlich mitten in der Nacht.

    Mein Schädel dröhnt, das Herz rast wie bei einem nicht enden wollenden 400-Meter-Lauf. Ich würde mich am liebsten übergeben. Den ganzen Dreck in einem Schwall auskotzen, mich sofort besser fühlen, aufstehen und nach Hause gehen. Das klappt nicht. Ich spüre noch nicht einmal das allergeringste Würgegefühl. Mann, ist mir elend zumute. Wie lange habe ich durchgesoffen: eine Woche, vierzehn Tage? Am Anfang war es Bier, danach Wodka und Doppelkorn. Zwischendurch mal ein Joint mit Tina. Süßer Qualm, der mich zum Husten reizt und Durchfall verursacht. Wo ist Tina überhaupt abgeblieben: liegt sie im Bett neben mir? Ich kann meinen Kopf nicht bewegen, um nachzuschauen. Alles dreht sich, wirbelt bunt durcheinander. Völlig egal. Tina ist ein zähes Mädchen. Die wird’s schon selbst packen; braucht keinen Aufpasser. Wir saufen manchmal zusammen, knutschen und fummeln ein bisschen und dann geht jeder von uns seiner Wege. Ist völlig autark, die Gute. Entwickelt sich nie zur nervenden Klette. Deshalb mag ich sie. Den Rest hat mir der Jägermeister gegeben. Widerliches Zeug. Die vierzig Kräuter sind es, die einen umhauen.

    Wie mag ich hierher gekommen sein: liegend oder zu Fuß? Hin und wieder schaffe ich es ja, mich bis ins nächste Krankenhaus zu schleppen. Ich kann mich an nichts erinnern. Kompletter Filmriss. Jetzt erstmal alles wurscht: Ich habe Durst, entsetzlichen Durst. Wo ist die gottverdammte Krankenschwester? Wollen sie mich hier heute Nacht einsam sterben lassen? Irgendwo muss der Alarmknopf sein. Normalerweise hinter mir. Ob ich es packe, Kopf und Arm in die Höhe zu hieven? Ich bin so platt, als ob mich ein Zehntonner überfahren hätte. Links schwillt irgendwas an. Die blöde Blutdruckmanschette. Ich hasse dieses Teil. Warntöne erklingen. Das ist gut, brauche ich nicht mehr nach dem dämlichen Schalter zu suchen. Ein Pfleger hastet herein, schaut auf das Messgerät: »170 zu 100. Puls 160 … Sind Sie endlich wach?«

    »Ja.«
    »Wie geht es Ihnen?«
    »Scheiße.«
    »Kann ich mir vorstellen.«
    »Kriege ich was?«
    »Was denn?«
    »Pillen.«
    »Nein, noch nicht.«
    »Was soll das heißen: noch nicht?«
    »Sie haben zu viele Promille. Frühestens in acht Stunden.«
    »Wollen Sie mich verarschen? Dann bringen Sie mir eine Pulle Wodka.«
    »Sie scheinen ein Spaßvogel zu sein. Das mag ich an euch Alkoholikern: Ihr seid immer zum Scherzen aufgelegt.«
    »Sehe ich aus, wie jemand, der einen Clown spielen will? Ich krepiere gleich, wenn Sie mir kein Valium bringen.«
    »So schnell sterben Sie nicht. Keine Sorge. Sind ja mit über fünf Promille zu Fuß hier reinmarschiert.«
    »Und dann?«
    »Haben Sie sich vor der Rezeption auf den Teppich gelegt.«
    »Oh weh.«
    »Ist Ihnen das peinlich?«
    »Nein. Völlig scheißegal. Ich will nur Tabletten gegen den Entzug haben. Alles andere interessiert mich nicht.«
    »Hat der Arzt nicht verordnet. Tut mir leid.«
    »Dann rufen Sie ihn. Schnell!«
    »Der schläft und will sicher nicht wegen zwei Pillen geweckt werden. Gedulden Sie sich ein paar Stunden und trinken Sie in der Zwischenzeit viel Wasser. Das reinigt den Körper.«
    »Ja ja. Schon gut. Hab’s verstanden.«

    Der bullige Kerl verschwindet im Dunkel des Korridors und lässt mich alleine zurück.

    Ich fühle mich entsetzlich. Der Schweiß bricht mir aus und läuft in dicken Bahnen vom Hals über die Brust bis zum Bauchnabel. Das Herz pumpt wie bei einem Triathlon. Mein Nervensystem ist derart gereizt, dass ich ein Wasserglas in der Hand zerspringen lassen würde. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn man in die Hölle einfährt. Haben sie mich fixiert? Ich bewege vorsichtig Hände und Füße. Nein. Das ist sehr erfreulich. Im Zeitlupentempo stemme ich meinen Kopf nach oben. Ich habe noch Jeans und T-Shirt an. Und trage nicht das entwürdigende blaue Hemdchen. Sehr gut. Weiß der Himmel, weshalb sie mich nicht umgezogen haben. Mir soll es recht sein. Irgendjemand schnarcht im Nachbarbett. Ob das Tina ist? Nein, das Grunzen klingt männlich. Sie wartet wahrscheinlich draußen auf mich. Ich beginne, mich zu entstöpseln und die Schläuche rauszureißen. Kleine Blutfontänen spritzen. Alles halb so wild. Wird in einigen Minuten wieder aufhören. Mache ich ja schließlich nicht zum ersten Mal. Gleich werden Alarmglocken schrillen. Dann will ich aber schon auf dem Fußboden stehen und nicht mehr auf der Matratze liegen. Meine rechte Seite schmerzt höllisch. Ob ich da drauf gefallen bin? Fühlt sich an wie eine Mischung aus Schlag mit einem Baseballknüppel und Mega-Hexenschuss. Egal, ich muss raus aus diesem Bett.

    Die Sirenen heulen auf. Der Pfleger kommt erneut herein gespurtet.

    »Was tun Sie da, um Gottes Willen?«
    »Seh’n Sie doch. Ich verabschiede mich.«
    »Das können Sie nicht tun.«
    »Aber sicher doch. Mir geht’s schon wieder ausgezeichnet.«
    »Ohne Arzt lasse ich Sie nicht raus.«
    »Ich denke, der pennt. … Dann wecken Sie ihn. Sonst bin ich durch die Tür.«
    »Warten Sie bitte.«

    Er sprintet nach links. Ich zähle bis zehn und wanke nach rechts. Die Türen sind alle geöffnet. Glück gehabt: kein Hochsicherheitstrakt. So schlimm kann es nicht gewesen sein. Sonst hätten sie mich angebunden. Ich kenne das Spiel zur Genüge. In diesem Krankenhaus war ich schon mal. Eine Treppe runter, dann geradeaus, nach links und nun ohne Aufsehen durchs Foyer. Irgendjemand schreit, ich schaue nicht nach hinten. Ich bin im Freien. Niemand hat mich angehalten. Sehr gut! Jetzt rasch weg vom Gelände. Die rufen sofort die Polizei, wenn einer stiften geht. Ich stehe in verdreckter Jeans und kurzärmligen Shirt auf dem Parkplatz. Über und über mit Blut besudelt. Barfuß. Mist, habe die Schuhe in der Eile vergessen. Nicht mehr zu ändern. Stecken Kanülen im Handrücken? Daran erkennen sie einen nämlich schnell. Nein, alles oben schon abgerissen. Was für ein Glück, dass sie keinen Harnkatheter gesetzt hatten. Den hätte ich selber nicht entfernen können. Ich humpele fort in Richtung Fluss. Vom Ufer aus kann ich mich schlafwandlerisch orientieren.

    In meiner Hosentasche entdecke ich einen zerknüllten Zwanziger. Was für ein unglaubliches Schwein ich habe. Das sind locker fünf Bier und drei Flachmänner an der Nachttanke. Der Abend ist gerettet. Die Vorfreude auf den Alkohol vertreibt die schlimmsten Schmerzen. Mich fröstelt. Mitte Januar wird es abends ohne Jacke und Schuhe verdammt kalt. Besser frei und frieren als warm in Gefangenschaft. Ich beschleunige meine Schritte. Ich schiebe den Schein in den Schlitz und der Kassierer legt im Gegenzug Hansa-Pils und Billigfusel in die Metallklappe. Den ersten Nullzweier leere ich neben Zapfsäule 4. Binnen Sekunden durchströmt ein wohliges Wärmegefühl meinen Körper. Ausgehend vom Magen flutet es in die Adern und erreicht meine überreizten Synapsen im Gehirn. Das Zittern stoppt. Die Finger gehorchen wieder meinem Willen. Ich kippe zwei Dosen hinterher und spare mir den Rest für den langen Weg auf. Sind schätzungsweise drei Kilometer bis zu Tinas Wohnung quer durch den dunklen Park. Ob sie sich freut, mich wiederzusehen? Ich werde ihr einen Flachmann als Geschenk mitbringen. Und morgen: Wie soll es dann weitergehen? Egal, morgen ist morgen. Was soll ich mir jetzt den Kopf über die Zukunft zerbrechen? In einer Stunde werde ich auf Tinas Sofa liegen, zusammen mit ihr saufen und eine Runde vögeln.

    Ich werde auf einmal müde und setze mich auf eine Bank. Die Lider klappen runter. Bloß nicht im Freien einpennen, schwirrt es durch meinen Schädel: »Du wirst bei diesen Temperaturen erfrieren.« Letztlich alles egal. Irgendwann geht es eben zu Ende. Keine Party dauert ewig. Ich kippe seitlich weg ins feuchte Gras. In fünf Sekunden schlafe ich ein. Scheiße, nicht mehr bis zu Tina geschafft. Ob sie mich suchen und rechtzeitig finden werden? Mir wird schwarz vor Augen.

    Der Säufer gewöhnt sich im Verlauf seiner Trinkerkarriere an vieles, so auch an die Intensiv. Rund ein Drittel meiner klinischen Entzüge begann ich mit dem Umweg über diese Station. Die Aufenthaltsdauer dort schwankte zwischen einer Nacht, 24 Stunden bis hin zu drei Tagen. Festgebunden ans Bettgestell, Notdurftpfanne unter dem Hintern, gefüttert werden wie ein 100jähriger: Es gibt schönere Plätze als den Vorhof ins Jenseits. Und trotzdem schreckte mich die Aussicht auf diesen schauderhaften Ort nicht davon ab, weiter zu konsumieren und beim nächsten Absturz eventuell ein weiteres Mal hier aufzuwachen. Ich kam erst dann ins Grübeln, als mir die Ärzte glaubhaft versicherten, dass …*

    * davon berichte ich in der nächsten Kolumne (ja ja, ist ein fieser Cliffhanger)