Schlagwort: Frauen

  • Wann endet das Patriarchat?

    Wann endet das Patriarchat?

    Es trifft zu: die ganz überwiegende Zahl der Mächtigen ist männlich. Auch die überwiegende Zahl der Gewalttäter ist männlich, die der Experten, die ins Fernsehen geholt werden, die der bestbezahlten Fußballspieler, die der Professoren aller Fachrichtungen. Es sind Männer, die herrschen, die dominieren, die vorschreiben, wo es langgeht.

    Aber leben wir deshalb unter einer Männerherrschaft, in einem Patriarchat?

    Mächtige und ohnmächtige Männer

    Wechseln wir die Perspektive: die überwiegende Zahl der Männer, wie auch der Frauen, herrscht nicht, ist nicht gewalttätig, sitzt nicht als Experte im Fernsehen, verdient keine Millionen mit Fußballspielen, ist kein Professor und keine Führungskraft. Die meisten Männer haben mit den meisten Frauen gemeinsam, dass ihnen einer, meistens ein Mann, sagt, wo es langgeht.

    Es gibt plausible Gründe, die sich wissenschaftlich belegen lassen, wie es dazu gekommen ist, dass die Machtpositionen heute von Männern besetzt sind. Manche dieser Gründe liegen offen zutage, andere mögen verdeckt sein. Man weiß heute auch schon, wie man diese Gründe beseitigen kann, auf dass mehr Frauen an die Macht gelangen. Das wird nichts daran ändern, dass es nur wenige Mächtige gibt – und dass diese wenigen in ihrem Machtdenken gefangen sind und nach den Prinzipien des Machtstrebens entscheiden und handeln, seien sie Männer oder Frauen.

    Und zweifelsohne gab es einmal ein Patriarchat. Es gab Zeiten, in denen Frauen der Zugang zur Universität versagt war, in denen sie den Mann um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie eine Arbeit annehmen wollten, in denen jeder Mann, der selbst im Job, im Verein, bei der Armee einem anderen untergeordnet war, zu Hause in der Familie zum Ausgleich den Herrscher geben konnte. Das ist noch nicht lange her – aber das ist hierzulande heute nur noch in Resten vorhanden. Und die beseitigt man gerade nicht, indem man die heutige Gesellschaft noch vehementer und immer radikaler als Patriarchat bekämpft. Im Gegenteil.

    Zwei Fehler beim Kampf gegen das Patriarchat

    Die Rede vom Patriarchat, der Kampf gegen die angebliche Männerherrschaft, macht zwei entscheidende Fehler: erstens – die Machtstrukturen werden gar nicht angetastet, sie werden nicht verstanden, nicht analysiert. Man versucht stattdessen, auch Frauen in diesen Strukturen zu etablieren. Mittelfristig wird es vermutlich genug Frauen geben, denen das gelingt, sie erlernen die Taktiken des Machterwerbs, sie richten ihr Leben genau so ein, wie es die Männer tun, die in die Führungspositionen gelangen wollen. Genau besehen ist es völlig unwichtig, ob die Frauenquote irgendwann 50% beträgt, denn der Typus des Machtmenschen hat kein Geschlecht.

    Zweites – der kompromisslose Kampf gegen das vermeintliche Patriarchat macht potentielle Verbündete zu Gegnern. Indem jeder Mann zur Gruppe der Herrschenden gerechnet wird, auch wenn er wie die Frau neben dem Beruf die Kinder und die alten Eltern betreut und versorgt, zudem den Kampf mit dem Vermieter führt und die Gardinenstange repariert, verliert man ihn im Kampf gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft und riskiert, dass er sich mit denen solidarisiert, deren Herrschaftsposition eigentlich ins Wanken geraten sollte.

    Nur noch Reste

    Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten bereits gewandelt, vom Patriarchat, das Männer allein deshalb besser stellte als Frauen, weil sie eben Männer sind (was sie darüber hinwegtröstete, dass sie sonst trotzdem wenig zu sagen hatten) sind nur noch Reste geblieben. Wenn man da so tut, als sei es noch immer der ungeheure mächtige Gegner, den man radikal bekämpfen muss, provoziert man die Frage: wann soll dieser Kampf denn zu Ende sein? Wenn Zorn und Empörung über die Männer nicht nachlassen mit den Verbesserungen, die doch zweifellos erreicht wurden, sondern immer lauter, immer unerbittlicher werden, je kleiner und schwächer der Gegner wird, dann fragt man sich: werden die, die da kämpfen, je sagen: wir haben unser Ziel erreicht? Aber die Gesellschaft sollte ja friedlicher werden mit dem Niedergang des Patriarchats. Wie soll das dann gelingen?

  • Jahresend-Kolumne

    Jahresend-Kolumne

    »Du bist eine gottverdammte Facebook-Hure«, sagt Toni, der begnadetste, brotlose Dichter unserer Stadt.
    »Stimmt«, sage ich.
    »Hast du mir was mitgebracht?«, fragt er.
    »Habe ich«, antworte ich und stelle ne Pulle Cognac zwischen uns auf den Tisch.
    »Oh, ein Remy!«, sagt er, »da hast du dich aber zur Abwechslung mal in Unkosten gestürzt.«
    »Nachträglich zu Weihnachten«, sage ich.
    »Du willst bestimmt was von mir, wenn du nen Remy springen lässt«, sagt Toni und schüttet sich ein halbes Wasserglas voll mit dem Zeug.
    »Ich brauch dringend ne Idee«, sage ich.
    »Du warst doch früher nicht so ideenlos, aber da warst du ja auch noch keine Facebook-Hure und hast hin und wieder mal ein halbwegs passables Gedicht geschrieben. Heute hingegen nur noch Posts. Dass du dich nicht selbst für das schämst, was du da im Minutentakt raushaust. Wenn’s wenigstens richtig schlecht wär und zur Spontan-Darmentleerung nützte. Aber nicht mal das ist es, sondern bloß ödes Mittelmaß. Und jetzt brauchst du ne Idee, denkst, der alte Toni sitzt auf nem Berg Ideen und dem kann ich billig mit ner Pulle Cognac einen Geistesblitz abkaufen.«
    »So in etwa«, sage ich.
    »Das kostet extra.«
    »Wie viel?«
    »Nen weiteren Remy und einen Moet zu Silvester. Kannst du dir das leisten?«
    »Schaffe ich«, sage ich.

    »Gut«, sagt Toni, »dann sind wir im Geschäft. Ich nenn dir zwei Top-Begriffe, und du machst was draus.«
    »Was für Top-Begriffe sollen das denn sein?«
    »Facebook und Thunberg.«
    »Facebook und Thunberg: mehr kommt von dir nicht?»
    »Ganz genau: Facebook und Thunberg. Mehr braucht man nicht, um das in drei Tagen ablaufende Jahr zu charakterisieren. Da müsste selbst ein mittelmäßig begabter Schreiber wie du ne Kolumne drüber schreiben können.«
    »Das sind teuer eingekaufte Begriffe«, seufze ich.
    »Jammer nicht rum. Tipp den Scheißtext und komm vorbei, wenn du damit fertig bist. Und vergiss bloß den Cognac und den Moet nicht.«

    2019 = Greta-Thunberg-Jahr

    Und nun sitze ich am Tag vor Silvester zu Hause und zermartere mir das Hirn, was es Sinnvolles über Facebook und zu Greta Thunberg zu schreiben gibt, was in den vergangenen Monaten nicht schon Minimum zwanzigtausend Mal veröffentlicht wurde. Lieber wär’s mir ehrlich gesagt gewesen, Toni hätte als Top-Begriff den FC genannt. Denn was gab es in 2019 schon Wichtigeres als den direkten Wiederaufstieg der Geißböcke? Und meine Hauptsorge für das kommende Jahr gilt dem Klassenerhalt der ewigen Fahrstuhlmannschaft. Vor dem Hintergrund der instabilen Viererkette und der Sturmspitzen mit chronischer Ladehemmung verblassen alle anderen Dinge; Facebook und Greta Thunberg mit eingeschlossen. Allerdings versteht außerhalb Kölns niemand meine panische Angst vor dem erneuten Abstieg, und selbst im Schatten der Domtürme ist nicht jeder eingefleischter FC-Fan seit Geburt. Es gibt sogar (zugezogene) Kölner, die es mit den Bayern oder Dortmundern halten oder sich überhaupt nicht für Fußball, sondern für Musicals, Stummfilme und Mittelalter-Flohmärkte interessieren. Deshalb ist es vielleicht doch vernünftig, wenn ich den FC bei meinem Jahresrückblick außen vor lasse und mich stattdessen auf Greta Thunberg konzentriere.

    Person des Jahres. Gekürt vom renommierten Time-Magazin. Und das bereits mit 16. Wow! Das waren Hitler und Stalin ebenfalls, schreibt ein Kommentator in Facebook. Mag sein, antwortete ich damals, aber Greta strebt nicht die Weltherrschaft an. Es ist keine Auszeichnung, sondern bloß eine Feststellung, fuhr der Kommentator fort; den Unterschied verstehen Sie doch hoffentlich? Keine Ahnung, ob ich den Unterschied zwischen Auszeichnung und Feststellung richtig verstehe. Viele würden sich auf jeden Fall ganz ausgezeichnet fühlen, wenn sie als Person des Jahres auf dem Time-Cover abgelichtet wären. So unter anderem Donald Trump, der sich bitterlich darüber beschwerte, dass dieser publizistische Sonnenplatz der jungen Schwedin und nicht ihm eingeräumt worden war. Anscheinend hat auch der US-Präsident den feinen Unterschied nicht verstanden, womit er und ich mal einen seltenen Berührungspunkt aufweisen. Wobei, eine weitere wichtige Gemeinsamkeit des Greatest POTUS of all time und mir liegt in Geschlecht und sexueller Orientierung: wir sind beide alte, weiße, der Mehrheitsgesellschaft angehörende Hetero-Männer. Das war’s dann aber mit den Entsprechungen. Nur nicht übertreiben bei den Schnittmengen.

    Alte Männer = politisch überrepräsentiert

    Wenn man die politische Weltkarte mit einem Aufklärungssatelliten überfliegt, stellt man schnell fest, dass der Globus zu 95 Prozent von Männern regiert wird. Nicht alle weiß, nicht alle hetero, aber viele alt, ne Menge übergewichtig und in der Regel aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft entsprungen. Und wie die meisten alten Männer – ja ja, mich eingeschlossen – dazu tendierend, von sich, ihrer Klug- und Weisheit über alle Maßen überzeugt zu sein. Es wimmelt von Alte-Männer-Kotzbrocken, Alte-Männer-Irrlichtern, Alte-Männer-Diktatoren, Alte-Männer-Kriegstreibern, Alte-Männer-Fake-News-Verbreitern, Alte-Männer-Intriganten, alten Männern, die mit entblößtem Oberkörper auf Pferden sitzen und alten Männern, die am liebsten mit jungen Referentinnen ins Bett steigen, obwohl ihre Potenz gerade mal für ne 5-Minuten-Nummer ausreicht. Hin und wieder trifft man tatsächlich einen alten Mann, der trotz seiner XY-first-Rhetorik witzig und halbwegs sympathisch rüberkommt. Der ständig zerzauste Boris Johnson fällt in diese Kategorie. Aber unterm Strich gehören die meisten der Alten-Männer-Regierungschefs doch der altbackenen Sorte Jetzt-komm-ich-und-basta an.

    Stellt sich die grundlegende Frage: Würden wir besser regiert werden, wenn (junge) Frauen an den Schalthebeln der Macht säßen? Schnelle Antwort: Ja, würden wir. Und zwar aus simplen, in Biologie und Sozialisation verwurzelten Gründen heraus: Frauen neigen weniger zur Klugscheißerei, haben kein Problem damit, einen gemachten Fehler einzugestehen und zu korrigieren, umgeben sich mit intelligenten Beratern, sind empathischer unterwegs als ihre männlichen Kollegen, benötigen keine Muskel- und Schwanzvergleichspiele, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich kann Ihnen ein Dutzend Gegenbeispiele aufzählen, schreien Sie sofort los? Natürlich können Sie das, aber es sind halt bloß ein Dutzend, während es bei den alten Männern hunderte sind, die täglich an den Balken sägen, die unsere Welt zusammenhalten. Angela Merkel hat es in den vergangenen 14 Jahren nicht schlecht – auf jeden Fall leiser und weniger divenhaft als ihre Vorgänger – angestellt, Hillary Clinton würde den Job besser als Trump machen, die österreichische Übergangskanzlerin biegt ruhig und ohne begleitendes Publicity-Tamtam das gerade, was die männerdominierte ÖVP-FPÖ-Koalition in der kurzen Zeit ihres Bestehens verbockt hatte. In Skandinavien werden vier (aus fünf) Regierungen solide und geräuscharm von Frauen geführt. Müsste ich mich zwischen der taktvollen und menschenfreundlichen Neuseeländerin Ardern und dem Klimawandel-leugnenden, auf Hawaii urlaubenden, während sein Land in Flammen steht, Australier Morrison entscheiden, fiele mir die Wahl leicht. Nicht auszumalen, falls im Nahen Osten, wo sich seit Jahrzehnten alle Spinnefeind sind und beim kleinsten Anlass an die Gurgel fahren, kompromissbereite Frauen die Ruder in die Hand nähmen. Das würde die Region ganz sicher dem Frieden näherbringen als die ständigen Provokationen, Drohungen und Kleinkriegvorbereitungen, die in den männlichen Regierungspalästen in Teheran, Riad, Damaskus und Jerusalem ausgeheckt werden.

    20er Jahre = mehr Frauen an die Macht!

    Wenn Greta Thunberg mich eins gelehrt hat, dann dass weibliche Beharrlichkeit bei gleichzeitigem Sich-selbst-als-Person-zurücknehmen eine wichtige Sache weiter voranbringen als männliches Gepolter. Hätte anfangs ein Lars Frederikson (Name völlig frei erfunden) vor den Stufen des schwedischen Parlaments gesessen und hätte schlaue Interviews gegeben – die Fridays-for-future-Bewegung wäre nie über Malmö und den Öresund hinausgelangt. Ich bewundere Ruhe und Gelassenheit dieser jungen Frau, die sich selbst durch wüsteste Beschimpfungen und hektoliterweise über sie gekübelte Häme nicht aus dem Konzept bringen lässt. Die von ihr initiierten Umweltdemonstrationen sind ein Meilenstein auf dem Weg, die sich anbahnende Katastrophe ins Bewusstsein der Menschheit zu bringen. Und selbst, wenn FfF sich eines Tages totlaufen sollte oder in ein RTL-Heidi-Klum-Format mutiert, wird Greta Thunberg doch für immer in den Geschichtsbüchern stehen als diejenige, die es rechtzeitig gepredigt und ein Umdenken bewirkt hat. Und genau dafür hassen viele Alte-Männer-Narzissten die Schwedin. Was wird später Gutes über Trump, Johnson, Putin, Erdogan und wie die alten Machos sonst noch alle heißen mögen, im Geschichtsunterricht gelehrt werden? Gar nichts. Eine Ansammlung von Herrschern, die außer dem unbedingten Willen zur Macht und der Ansicht, dass ihre Staaten Selbstbedienungsläden seien, Nullkommanull auf der Habenseite vorzuweisen haben. Von zukunftsorientierten Visionen ganz zu schweigen. Wer Visionen hat, muss dringend zum Arzt, sagen Sie? Sie am besten gleich hinterher, antworte ich.

    Facebook = Tittenphobie und Nonchalance bei Häme & Hass

    Von daher ist es richtig, wenn mein Kumpel Toni meint, dass Greta Thunberg der Top Act des in 24 Stunden zu Ende gehenden Jahres war. Da kann der FC nicht mitstinken und die weiter oben aufgezählten Herren schon gar nicht. Und Facebook, was ist mit Facebook, das hatte Toni auch genannt, fragen Sie? Ach, was soll mit Facebook sein? Es ist Jahr für Jahr dieselbe stinkende Kloake, über die wir die Nase rümpfen, um uns trotzdem jeden Morgen aufs Neue in die morastigen Fluten hineinzustürzen. Ein unbarmherziger Moloch, der Tittenbilder und Anti-Nazi-Kommentare frisst, Hetze und Häme hingegen nahezu sanktionslos durchgehen lässt, uns mit Katzen- und Hundebildern eine heile Kitschwelt vorgaukelt und uns hintenrum intensiver ausspioniert als NSA, die CIA, der FSB und MI6 gemeinsam es zustande brächten. Eine Plattform, die Arschlöcher anzieht wie ein frisch ausgeschiedener Haufen Kuhscheiße die Schmeißfliegen. Aber ebenfalls ein Forum, in dem man mitunter Gleichgesinnte und nette Leute trifft und hin und wieder Spaß haben kann. Alles das war Facebook in 2019 und wird es auch nicht anders in 2020 sein. Wer Facebook ein paar Jahre überlebt, ohne Schaden an Geist und Seele zu nehmen, dem muss vor nichts mehr bange sein, sagt der Volksmund. Ich überlebe Facebook seit nunmehr zehn Jahren. Ob ohne bleibende Schäden an Geist und Seele – darüber sind meine Psychologin und ich geteilter Meinung.

    Das war mein Alter-weißer-Mann-Lamento zum 2019-Finale. Für das in ein paar Stunden startende Neue Jahr wünsche ich mir, dass Greta Thunberg ruhig und besonnen bleibt, die FfF-Jugend weiter auf die Straße geht und mehr Frauen an die Macht (das vor allem). Bei Facebook wäre ich schon zufrieden, wenn die Nippel- und Tittenphobie auf ein vernünftiges Maß reduziert wird, und die Admins (so es die denn überhaupt gibt) schneller und strikter bei Verstößen gegen die Political Correctness einschreiten. Nicht jeder hingerotzte Hasskommentar verdient es, zur Meinungsfreiheit geadelt zu werden. Und (ganz wichtig) möge der FC die Liga halten!!

    2020 = auf ein Wiedersehen mit uns Kolumnisten

    Ihnen als Lesern wünsche ich Erfolg, Glück und Gesundheit und bedanke mich dafür, dass Sie so geduldig mit uns Kolumnisten – speziell mit mir – waren und hoffe, dass wir uns in 2020 wieder an den bekannten Distributionsstellen begegnen.

    Und nun wird es Zeit, den Remy und den Schampus für Toni, den begnadetsten, brotlosen Künstler der Stadt, zu besorgen, damit der mit sich und seinen drei kastrierten Katern Silvester feiern kann. Ob Toni böllert, wollen Sie noch wissen? Nein, tut er nicht.

  • Mansplaining – Nur für Männer!

    Mansplaining – Nur für Männer!

    Diese Kolumne richtet sich ausschließlich an Männer, Frauen sollten ab dieser Stelle nicht weiterlesen. Er schadet ihrer Gesundheit. Insbesondere diejenigen Frauen, die beim Lesen der Überschrift und nachdem sie bemerkt haben, dass der Autor ein Mann ist, ein gewisses Grummeln verspürt und kritisch die Augenbrauen hochgezogen haben, seien gewarnt: All Ihre Befürchtungen werden sich bestätigen.

    Also, liebe Männer, nachdem wir jetzt so ganz unter uns sind, möchte ich euch zwei Tipps geben: Wenn Ihr so Typen seid, die gern mal anderen Menschen was erklären, z.B. den Unterschied zwischen Web-App und nativer App oder ähnlich schwerwiegende Dinge, auch wenn die das vielleicht gar nicht erklärt haben wollen oder es vielleicht sogar selbst besser wissen: Schaut genau hin, ob euch ein Mann oder eine Frau gegenüber ist.

    Ist es ein Mann, macht ruhig weiter. Vielleicht schaut der euch genervt an und sagt: „Halt die Klappe, ich weiß das selbst.“ Oder er sagt: „Behalt deine Schlauheit für dich, mich interessiert das nicht!“ Zu mir hat sogar mal einer gesagt: „Hast du keinen Friseur? Erzähl dem das!“ – aber mehr passiert nicht.

    Wenn es aber eine Frau ist, der ihr euer Wissen aufdrängt, dann ist das, was ihr da macht „Mansplaining“ und das ist nicht nur nervig, sondern politisch, jawohl. Ihr seid dann nicht nur Besserwisser, sondern extrem reaktionär, fast AfD, oder so.

    Oder wenn ihr mal eine Person seht, die irgendwas macht, und ihr habt das Gefühl, sie stellt sich ungeschickt an, und ihr denkt, ihr könntet das schneller und besser und wollt gar helfen – oder nur zeigen, was ihr für geschickte Leute seid. Bevor ihr diese Person beiseiteschiebt und ihr das Werkzeug aus der Hand nehmt, schaut genau, ob es eine Frau oder ein Mann ist.

    Bei einem Mann, kann euch nicht viel passieren. Vielleicht schubst er euch zurück und sagt: „Ich will das selbst hinkriegen“ oder „Lass mich in Ruhe, ich kann das schon.“ Im schlimmsten Fall, wenn ihr es dann selbst nicht hinbekommt, werdet ihr ausgelacht. Bei einer Frau ist das auch Mansplaining. Da kann es euch passieren, dass ihr bei ihrem als Beispiel für diese schreckliche Sorte Männer herhalten müsst, die das Patriarchat aus dem vorletzten Jahrhundert wiederhaben wollen, die das Frauenwahlrecht ablehnen und überhaupt finden, dass Frauen besser zu Hause bleiben sollen. Denn was ihr dann macht, ist eben dieses Mansplaining, und das ist viel schlimmer, als einfach nur zu nerven.

    Wer als Mann als fortschrittlich und zeitgemäß gelten will, beherzigt am besten folgende Grundregeln: Helft keiner Frau, wenn sie nicht ausdrücklich darum bittet. Und macht nie mehr als wirklich nötig. Erklärt einer Frau nichts, wonach sie euch nicht explizit gefragt hat. Und kein Wort mehr als unbedingt erforderlich. Dann seid ihr moderne Männer. Eure Freude am Erklären und am Helfen lebt besser unter Männern aus.

  • Frauenquote in der Politik? Wie soll das gehen?

    Frauenquote in der Politik? Wie soll das gehen?

    Seit der Bundestagswahl wird allenthalben beklagt, dass der Frauenanteil im Parlament zu niedrig ist, ja, dass er sogar zurückgeht. Nun fordert sogar ein Liberaler eine Frauenquote, um den Anteil von Frauen bei politischen Ämtern und Mandaten zu erhöhen.

    Aber wie soll das gehen? Wie hoch sollte eine solche Frauenquote sein?

    Wonach soll die Frauenquote sich berechnen?

    Man könnte natürlich sagen, dass Frauen einen Anteil von mehr als 50% der Bevölkerung haben, und da die ganze Bevölkerung von politischen Entscheidungen betroffen ist, müssten Frauen auch rund die Hälfte der Mandate und Ämter in politischen Entscheidungsinstitutionen haben. Aber so einfach ist das nicht. Das politische Engagement ist freiwillig, und jeder, der sich im politischen System, also verfassungsgemäß in den Parteien, engagiert, sollte die gleiche Chance haben, ein politisches Amt zu besetzen. Also wäre es gerecht, wenn Frauen in den Parlamenten so vertreten sind, wie sie auch in den politischen Parteien vertreten sind.

    Und das ist ziemlich genau der Fall. Aufgrund der Frauenquote bei den Grünen sind die Frauen dort, gemessen am Anteil der Frauen in der Partei, sogar überrepräsentiert. Bei den anderen Parteien stimmt der Frauenanteil in der Partei insgesamt etwa mit dem in den Parlamenten überein.

    Das Problem des geringen Frauenanteils in den Parteien ist also nicht, dass Frauen etwa bei der Besetzung von Ämtern oder bei der Kandidatenwahl benachteiligt würden – es gibt einfach prozentual weniger Frauen in den Parteien als Männer. Und das gilt für alle Parteien, auch wenn das Phänomen bei den Linken und den Grünen schwächer ausgeprägt ist als bei der FDP und der CSU.

    Daran wird sich, wie es aussieht, in nächster Zeit auch nichts ändern. Zwar nimmt der Frauenanteil in fast allen Parteien nach und nach zu, aber erstaunlicherweise liegt das nicht daran, dass mehr Frauen in die Parteien eintreten als Männer. Vielmehr scheint es sich um einen Nebeneffekt des allgemeinen Mitgliederrückgangs in den Parteien zu handeln. Während nämlich der Anteil der Frauen bei den Neueintritten konstant ist, nimmt ihr Anteil in den Parteien etwas zu, mit anderen Worten, Frauen treten seltener aus Parteien aus, als Männer.

    Das bedeutet aber, dass auf lange Sicht in allen Parteien weniger Frauen als Männer Mitglied sein werden, das Interesse, sich in einer politischen Partei zu engagieren, ist bei Frauen offenbar noch geringer als bei Männern.

    Müssen Parteien „attraktiver“ für Frauen werden?

    Jetzt könnte man sagen, dass die Parteien dann eben für Frauen „attraktiver“ werden müssten. Aber ob das wirklich helfen würde? Die Parteien tun ja schon vieles, um deutlich zu machen, dass auch Frauen politisch mitgestalten können, wenn sie sich engagieren. Bei den Linken und den Grünen sind die Spitzen paritätisch mit starken Frauen und Männern besetzt, sowohl in der Partei als auch in den Fraktionen. In der CDU gibt es die Bundeskanzlerin und die Verteidigungsministerin, bei der FDP haben Frauen in den vergangenen Jahren entscheidende Wahlen gewonnen. Das alles sollte deutlich machen, dass jede Person, unabhängig vom Geschlecht, in politischen Parteien die Chance hat, mitzugestalten – und wie gesagt, die tatsächlichen Anteile der Frauen in den Parlamenten zeigen auch, dass diese Chancengleichheit faktisch gegeben ist. Außerdem ist es nicht die vorrangige Aufgabe von Parteien, für bestimmte Bevölkerungsgruppen „attraktiv“ zu sein – da hätten alle Parteien dann auch noch ganz andere Aufgaben, etwa, für Menschen ohne Hochschulabschluss oder für jüngere Personen attraktiv zu werden. Auch diese Gruppen sind in allen Parteien nämlich „unterrepräsentiert“.

    Man muss konstatieren, dass das Engagement in einer politischen Partei, der Wettbewerb um politische Mandate, das verantwortliche Mitgestalten politischer Entscheidungen offenbar für die meisten Menschen nicht interessant genug ist, um sich dafür in einer politischen Partei zu betätigen. Und offenbar ist es für Frauen in der statistischen Betrachtung noch uninteressanter als für Männer. Das scheint in gewissem Umfang mit Politikfeldern zu tun zu haben, die ja von verschiedenen Parteien unterschiedlich besetzt werden, aber es gilt unterm Strich offenbar für alle politischen Themen.

    Ist das schlimm? Schwer zu sagen. Letztlich kann niemand gezwungen werden, sich für Politik zu interessieren und sich gar politisch zu engagieren. Und natürlich gibt es auch noch andere Möglichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Engagements. Menschen können in Vereinen der Zivilgesellschaft tätig werden, können politische Kolumnen schreiben, können auf den Straßen demonstrieren – ob da mehr Frauen als Männer unterwegs sind, kann hier nicht mit Zahlen belegt werden.

    Die Frauenquote dringt nicht zu den Ursachen vor

    Gibt es noch andere Gründe für Frauen, nicht in politische Parteien einzutreten, als das geringere politische Interesse oder das geringere Interesse, an politischen Entscheidungen aktiv mitzuwirken? Sind sie vielleicht durch Familie und Beruf mehr eingespannt als Männer? Dazu liegen mir keine Zahlen vor. Allerdings ist auch der Anteil der Frauen in den Parteien in den Altersgruppen, in denen familiäre Verpflichtungen nicht mehr oder noch nicht so eine große Rolle spielen, nicht höher als bei Frauen in der Familienphase. Und überhaupt, das zeigen mir jedenfalls meine Erfahrungen, denken die wenigsten schon beim Parteieintritt über zeitliche Belastung und Politikerkarriere nach.

    Die meisten Menschen interessieren sich nicht für Politik, genauer, sie haben keine Lust, sich zu engagieren und im wahrsten Sinn des Worts „Partei zu ergreifen“. Wie es scheint, ist diese Lust bei Frauen noch weniger verbreitet als bei Männern. Ich bedaure das sehr, weil ich glaube, dass verschiedene Ansätze zur Problemlösung, verschiedene Denkstile, verschiedene Diskussionskulturen und verschiedene soziale Kompetenzen letztlich zu besseren Lösungen führen würden, und weil ich auch glaube, dass diese verschiedenen Fähigkeiten bei Männern und Frauen auch unterschiedlich verteilt sind. Mehr Frauen in den politischen Parteien würden dem politischen System sicher gut tun – aber das müsste damit beginnen, dass mehr Frauen in die Parteien kommen. Und diese Entscheidung trifft jede Frau und jeder Mann nun mal für sich. Eine Frauenquote hilft da nicht.

  • Männer und Frauen sind das nackte Grauen

    Männer und Frauen sind das nackte Grauen

    Nicht genug Papier in der Schreibmaschine – Teil 1 (mehr …)

  • Der Wehrpflicht-Artikel

    Der Wehrpflicht-Artikel

    Die Diskussion um das Zivilschutzkonzept der Bundesregierung hat wieder in Erinnerung gerufen, dass die Wehrpflicht in Deutschland nur ausgesetzt und nicht abgeschafft ist. In der Tat regelt Artikel 12a des Grundgesetzes die Wehrpflicht in Deutschland so, dass der Staat nicht zwangsläufig Personen zum Wehrdienst heranziehen muss – er ist sozusagen nicht zur Durchsetzung der Wehrpflicht verpflichtet.

    Der Artikel 12a ist ohnehin ein recht lustiger Artikel, der eigentlich dringend geändert werden muss – allerdings nicht, um die Wehrpflicht abzuschaffen. Das Wort „Wehrpflicht“ taucht darin streng genommen gar nicht auf, nur einmal, in Satz 3, ist von den „Wehrpflichtigen“ die Rede. Ansonsten spricht der Artikel vom Wehrdienst, aber auch das erst im Satz 2.

    Von Dienst ist hingegen viel die Rede in diesem Artikel, und zwar von einem Dienst, zu dem manche Menschen verpflichtet sind. Eigentlich ist er ein Dienstpflicht-Artikel, der regelt, wer wann zum Dienst für die Allgemeinheit verpflichtet werden darf. Da geht es um Wehrdienst, um Kriegsdienst, um Ersatzdienst, um „zivile Dienstleistungen“ und um „öffentlich-rechtliche Dienstverhältnisse“, zu denen manche Menschen verpflichtet werden können. Im Satz 1 wird dieser Dienst (vermutlich ist das die indirekte Definition von Wehrdienst) benannt als „Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband“.

    Eigentlich geht es also um viel mehr, als um die Pflicht, das Land gegen Feinde zu verteidigen. Wehrpflicht – das ist die Pflicht, Gefahren für alle abzuwehren.

    Wer ist zu diesem Dienst verpflichtet, der ja immerhin auch den Dienst im Zivilschutz, mithin also das, was uns im aktuellen Zivilschutzkonzept interessiert, umfasst?

    Männer

    Ja, das allererste Wort in diesem Grundgesetz-Artikel lautet Männer. Gut, das haben wir irgendwie schon lange gewusst, denn ausschließlich junge Männer wurden ja tatsächlich zum Wehrdienst verpflichtet, mussten, im Gewissenskonfliktfall, den Kriegsdienst verweigern, um dann Ersatzdienst zu leisten – wobei man sich da schon wieder fragt, warum die nicht einfach ihren „Wehrdienst“ in einem „Zivilschutzverband“ geleistet haben – aber das ist eine andere Geschichte.

    Wenn man jedenfalls heute diesen Artikel mit dem Abstand eines guten halben Jahrzehnts von der letzten Dienstverpflichtung junger Männer liest, fragt man sich vor allem: Warum Männer?

    Das zeugt natürlich von einem sehr altmodischen, veralteten Geschlechterbild aus der Zeit, in der dieser Artikel ins Grundgesetz kam, das ist jetzt fast 60 Jahre her. Eigentlich müssten Feministinnen heute Sturm laufen gegen diese Ungleichberechtigung.

    Frauen

    Widerstand hat es tatsächlich schon gegeben gegen diese Benachteiligung der Frauen. Im Absatz 4 des Artikels kommen Frauen nämlich von Anfang an vor: Sie können, wenn es im Verteidigungsfalle nicht genug Männer in für den Sanitätsdienst- und Heildienst gäbe, schon immer zum Pflastern und Spritzen herangezogen werden. Aber das Ergreifen und Benutzen einer Waffe war ihnen bis zum Jahre 2000 grundgesetzlich untersagt. Erst nachdem der Europäische Gerichtshof darin einen Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz entdeckt hatte, wurde das Verbot gelockert – nun heißt es ausdrücklich, dass niemand die Frauen zum Schießen und Kämpfen verpflichten darf.

    Das Recht zur Pflicht

    Aber ist nicht auch das Verwehren einer Pflicht eine Art mangelnde Gleichberechtigung? Nicht von Ungefähr steht der Artikel 12a bei den Grundrechten, und nicht bei den Pflichten im Grundgesetz. Man könnte sich fragen, wer hier mehr diskriminiert wird, die Männer, die ihre gewissensbedingte Unfähigkeit zum Kämpfen erst einmal nachweisen müssen, oder die Frauen, denen man implizit unterstellt, dass sie es wohl eh nicht fertigbringen, einen anderen Menschen im Ernstfall und im Einsatz für das Mutterland zu töten.

    Auch die Unterstellung, dass man bestimmten Menschen auf Grund ihres Geschlechts eine bestimmte Pflicht auf keinen Fall zumuten darf, diskriminiert. Und warum sollten Frauen nicht wie Männer zum „Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband“ verpflichtet werden können? Trauen wir ihnen die pflichtgemäße Ausführung eines solchen Dienstes nicht zu?

    Deshalb, liebe Feministinnen und Männerrechtler, lasst uns jetzt, wo es ohnehin gerade nicht ernsthaft um Einberufungen zur Wehrpflicht geht, gemeinsam für eine Änderung des Artikels 12a des Grundgesetzes kämpfen. Wir könnten ihn ordentlich kürzen, ihn klar und einfach schreiben, wie es sich für einen Grundrechtsartikel gehört. Und er sollte deutlich zu einem allgemeinen Dienstpflicht-Artikel werden, der regelt, wann wir als Bürger verpflichtet sind, unsere eigenen Ziele hintenan zu stellen  und Dienst für die Allgemeinheit zu leisten.