Schlagwort: Fußball

  • !Fußball around the clock?

    !Fußball around the clock?

    Wieder einmal ist eine Fußball-Weltmeisterschaft fast vorbei. Zeit für einen Rückblick, wobei wir den gar nicht neu schreiben müssen, denn Henning Hirsch hat schon am Ende der WM in Katar einen Rückblick geschrieben, der noch heute aktuell ist und den wir deshalb als Perle des Kolumnismus noch einmal aus dem Archiv geholt haben. Lesen Sie selbst:

    Das Turnier in Katar ist ausgespielt, Messi hat den Titel im fünften Anlauf in einem ab Minute 70 wirklich spannenden bis hin zu hochdramatischen Finale gegen bärenstarke Franzosen geholt, Weihnachten und der Gaspreisdeckel können nun endlich kommen. Der Ball ruht jetzt eine kurze Zeit lang. In vier Wochen geht es weiter mit der Bundesliga, wo wir alle – so wir nicht Bayern-Fans sind – auf ein Überraschungsteam à la Marokko hoffen, das den Münchnern das Dauerabo auf die Meisterschale entreißen könnte. Aber so wie es Marokko nicht über Platz 4 hinaus geschafft hat, wird es auf absehbare Zeit auch niemand in der Buli schaffen, die Münchner vom Thron zu stoßen. Langeweile ist also angesagt in Deutschland, aber zumindest brauchen wir hier nicht darüber zu diskutieren, wie viele Arbeiter beim Bau unserer Stadien vom Gerüst fielen oder ob Mannschaftskapitäne bunte Armbinden tragen dürfen. Gäbe es eine Weltmeisterschaft für tadellose Haltung – Deutschland würde ganz sicher die Vorrunde überstehen. Aber leider geht’s beim Fußball unterm Strich halt immer darum, vorne mehr Tore als der Gegner zu schießen und hinten Tore zu verhindern. Und in diesen beiden klassischen Disziplinen ist das deutsche Team seit einigen Jahren nur noch bedingt wettbewerbsfähig.

    !Beste WM aller Zeiten?

    Die WM in der Wüste ist seit gestern Geschichte, und auch jemand wie ich, der von den Spielern keine Regenbogenbinden und Hand-vor-den-Mund-halte-Gesten verlangt, sondern einfach nur interessiert zuschaut, wie viele Tore vorne erzielt und hinten verhindert werden, ist froh, dass es jetzt vorbei ist. Die Melancholie nach dem Finale, die Angst vor der K.o.-Runden-leeren Zeit, die sich früher bei mir nach dem letzten Schlusspfiff oft einstellte, gibt es dieses Mal nicht. Aus zwei einfachen Gründen: Weder passt eine WM in den Winter – zumal in einen so kalten Winter wie diesen –, noch sollte sie in Ländern, die über Null Fußballhistorie verfügen, abgehalten werden. Weltmeisterschaften spielt man in West- & Südeuropa, Brasilien und Argentinien. Ausnahmsweise auch mal in Mexiko oder Japan. Aber auf gar keinen Fall am Westrand des Persischen Golfs.

    Ob die FIFA das verstanden hat? Deren Chef Gianni Infantino verkündete am vergangenen Freitag auf einer Pressekonferenz in Doha ein paar durchaus staunenswerte Sachen:

    Die WM …
    (A) … in Katar sei das beste Turnier seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte gewesen (Minimum seit der ersten Olympiade 776 vuZ … Frage des Autors dieser Kolumne: Wie wird das überhaupt gemessen?)
    (B) … müsse in noch viel mehr bisher Fußball-freie Länder exportiert werden (ganz aktuell = 2026 in die USA und Kanada)
    (C) … könne locker mit 48 und mehr Teilnehmern ausgespielt werden (das 48er-Feld für 2026 ist bereits beschlossen).
    Und überhaupt bräuchte es (D) sowieso viel mehr FIFA-Wettbewerbe. Weshalb nun eine Klub-WM mit 32 Teams und zusätzliche Interkontinental-Vergleiche zwischen europäischen, südamerikanischen, afrikanischen etc. Mannschaften in Planung sind.

    Mal abgesehen vom Umstand, dass das aktuelle Turnier stets zum besten aller Zeiten erklärt wird, bevor es dann in vier Jahren vom nächsten allerallerbesten abgelöst wird, Infantino diesbezüglich nur guter alter Funktionärseuphemismus-Tradition folgt, lässt der Rest doch aufhorchen. Noch mehr Teams, noch mehr Wettbewerbe, noch mehr Vergaben in (aus Fußballperspektive) exotische Länder? Was kommt als nächstes: die Reduzierung des zeitlichen Abstands zwischen den Weltmeisterschaften? Weshalb sollte der Titel nicht alle zwei Jahre ausgespielt werden? Beim Eishockey beträgt das Intervall nur 12 Monate. Die WM der Geräteturner:innen findet im 24-Monate-Rhythmus statt. Warum müssen ausgerechnet wir Fußballfans immer geschlagene 4 Jahre auf das nächste globale Event warten? Das ist voll unfair.

    Demnächst in Thailand & Malaysia?

    Da tun sich ungeahnte Möglichkeiten auf: 128 Mannschaften kämpfen 2034 in Thailand & Malaysia in einem drei Monate andauernden Turnier um die Krone des Weltfußballs. In FIFA-internen Expertenzirkeln muss bloß noch geklärt werden, ob die Vorrunde aus 32 4er- oder 42+ zwei Drittel 3er-Gruppen bestehen wird. Ins 64stel-Finale gelangen dann die 32 Erst- und Zweitplatzierten bzw. die 42,67 Erstplatzierten sowie 21.33 Zweitplatzierte, die sich in einem kleinen Vorrunden-shoot-out gegeneinander im Elfmeterschießen durchgesetzt haben. Direkt im Anschluss folgt eine Klub-WM, zu der die ersten 5 Vereine sämtlicher nationaler Ligen eingeladen sind u die ein halbes Jahr lang als Wanderzirkus in China abgehalten wird. Kurz darauf EM und Copa América, bevor dann – nunmehr im 2-Jahres-Rhythmus –, die nächste Weltmeisterschaft auf Kuba u Jamaika ihre Stadiontore öffnet. Dort dürfen auch erstmals 10 Frauen-Teams mit dabei sein, von denen die besten 2 auf jeden Fall bis ins VF vorrücken, egal ob sie die Vorrunde überstehen o nicht. So viel Gleichberechtigung u Diversity müssen sein. Die Vision der FIFA lautet: Soccer around the clock (inkl. lebenslange Präsidentschaft für Infantino).

    Und ich, der ich zugegebenermaßen gerne Fußball schaue, frage mich, ob der (zumindest mein eigener) Sättigungsgrad mittlerweile nicht schon erreicht ist, eventuell bereits überschritten wurde. Nie habe ich so wenig Partien angesehen wie bei dieser WM. Ob mein Interesse wieder wächst, wenn der Wettbewerb weiter aufgebläht und vielleicht demnächst im 24-Monatsturnus ausgespielt wird, wage ich zu bezweifeln. Und von Turnieren in Ländern, die über Null Fußballhistorie verfügen, halte ich ohnehin wenig. Soll heißen: das, was Infantino als Vision vorschwebt, sehe ich eher als Albtraum = die 24/7-Berieselung mit Partien wie Singapur vs. Andorra. Wer will so was ansehen? Also ich definitiv nicht.

    Hauptsache, der Effzeh steigt nicht ab

    Jetzt freue ich mich tatsächlich auf vier Fußball-lose Wochen, bevor es Ende Januar mit dem Effzeh (zu Hause gegen Werder Bremen) weitergeht. Köln steckt – mal wieder – mitten im Abstiegskampf und das Mitfiebern, ob’s zum Klassenerhalt reicht, wird mich bis Spieltag 34 voll in Anspruch nehmen. Für andere Sachen wie bspw. Vorbereitungsmatches der Nationalmannschaft oder Qualifikationsspiele zur Asienmeisterschaft bleibt da echt keine Zeit.

    Ob Bayern Meister wird, wollen Sie noch wissen? Ja, Bayern wird zum 123sten Mal Meister. Ob ich mir die EM in anderthalb Jahren anschauen werde? Ja, werde ich. Ob ich den Deutschen da Titelchancen einräume? Nein, tue ich nicht. Und was ich von der nächsten WM mit 48 Teilnehmern in den USA und Kanada halte? Da halte ich recht wenig von. Aber zumindest findet sie im Sommer statt und ein paar Spiele sind in Mexiko. Es besteht also ein bisschen Hoffnung, dass auch die WM 26 zum allerallerbesten Turnier der Menschheitsgeschichte avancieren wird. Fragen Sie mich das bitte erneut im Juli 2026. Aktuell bin ich doch etwas fußballmüde.

    Fazit
    Oft ist weniger (16 Mannschaften, die alle 4 Jahre um den Titel spielen) dann doch mehr.

  • Mal wieder ein Boykott

    Mal wieder ein Boykott

    „WAS trinkst du da?“, fragt meine Freundin.
    „Orangensaft“, sage ich, „Warum?“
    „Hast du auf das Etikett geschaut, wo der herkommt?“
    „Nein.“
    „Aus SÜDAFRIKA!“
    „Stimmt, da steht Südafrika auf dem Etikett“, sage ich.
    „Produkte aus Südafrika kauft man NICHT!“
    „Weshalb das denn?“
    „Weil da Apartheid herrscht. Anständige Menschen boykottieren dieses System.“
    „Indem wir keinen Orangensaft mehr trinken?“
    „KEINEN Orangensaft aus SÜDAFRIKA. Hast du das jetzt verstanden?“
    „Ja, habe ich verstanden.“
    © Dialog, der Mitte der 80-er Jahre in der Küche einer Münchner Studenten-WG stattfand (= mein erster Kontakt mit einem Boykottaufruf)
    +++

    Bevor wir nun gleich etwas tiefer in die wundersame Welt des Boykotts eintauchen, wollen wir kurz die Herkunft dieses Wortes beleuchten. Es stammt nicht aus dem lateinischen, griechischen oder mesopotamischen Sprachraum, sondern ein Engländer des 19. Jahrhunderts fungierte als Namensgeber:

    Das Wort Boykott geht auf Charles Cunningham Boycott zurück, einen in Irland lebenden englischen Grundstücksverwalter. Während des Land Wars nach 1870 rief der irische Nationalistenführer Charles Stewart Parnell seine Landsleute zum gewaltlosen Widerstand auf. Infolge der 1880 von Parnell und der Irischen Landliga organisierten Aktion fand Boycott keine Pächter mehr, er wurde „boykottiert“. Dieser erste erfolgreiche Boykott gab allen anderen den Namen.
    © Wikipedia, Stichwort „Boykott“

    Prall gefüllte Briefumschläge und klimatisierte Stadien

    Nachdem wir das geklärt haben, springen wir 150 Jahre in die Jetztzeit und landen im heißen Wüstensand des kleinen Emirats Katar. Dieses Zwergland erhielt im Jahr 2010 auf einem FIFA-Kongress in Zürich den Zuschlag, die WM-Endrunde 22 austragen zu dürfen. Welche Kriterien damals für diese Entscheidung ausschlaggebend waren, weiß man bis heute nicht genau. Angeblich ging es darum, den Fußball zur Abwechslung auch mal in die arabische Welt zu bringen, eventuell ging’s aber einfach bloß ums Geld. Katar ist reich, besitzt einige europäische Clubs, sponsort die Trikots zahlreicher weiterer Vereine, verfügt über ne Menge Einfluss in der UEFA. Und hatte bei der Abstimmung vielleicht ein paar Stimmen gekauft. Bevor Sie sich jetzt vorschnell über Letztgenanntes empören – das hatte Deutschland bei der Vergabe des Turniers 2006 angeblich auch getan. Dass mit Dollars (oder Euro oder Schweizer Franken) gefüllte Briefumschläge am Vorabend der Entscheidung unter Hoteltüren durchgeschoben werden, ist anscheinend alter FIFA-Brauch.

    Als nächster Kritikpunkt kam das Klima an die Reihe: links und rechts des Persischen Golfs herrschen im Hochsommer mörderische Temperaturen. Hätte man im Juni und Juli gespielt, wären Hitzetote auf dem Spielfeld und auf den Rängen zu befürchten gewesen. Also verschob man das Turnier auf den Winter – wofür die Spielpläne der europäischen und südamerikanischen Ligen geändert werden mussten – und baute klimatisierte Stadien. Was mit diesen Stadien nach der WM passiert, wollen Sie wissen? Die werden entweder wieder abgerissen oder verrotten. Aber ebenfalls hier bitte nicht vorschnell empören: auch das ist guter Brauch bei WM-Ausrichtern. Siehe bspw. Südafrika und Brasilien.

    Aber Katar hat NULL Fußballhistorie, sagen Sie jetzt? Stimmt, jedoch verfügten ebenfalls die USA 1994 (erneut 2026), Japan & Südkorea (2002) sowie Südafrika (2010) über keinerlei Fußballgeschichte. Ginge es einzig um die Historie, dann dürfte das Turnier bloß in Europa und Südamerika stattfinden. Aber es geht halt nicht einzig um die Geschichte, sondern um Teilhabe möglichst vieler Weltregionen an diesem globalen Sportspektakel Nr. 1 und deshalb wird das Event hin und wieder an exotisch anmutende Ausrichter vergeben. Finde ich vom Grundgedanken her auch nicht verkehrt und schlage deshalb für 2030 Thailand & Vietnam vor.

    Zwischenfazit (eventuell) gekaufte Stimmen, mangelnde Fußballhistorie, Hitze und Stadien, die nach Ende des Turniers niemand mehr braucht, reichen für einen Boykott erst mal nicht aus. Da muss also noch was kommen.

    Boykott: die dicken Bretter

    Beginnen wir damit, dass Katar keine Demokratie westlichen Zuschnitts ist. Das ist korrekt, aber das waren Argentinien 1978 (okay, schon was länger her) und Russland (2018) ebenfalls nicht. Vom zweifachen Olympia-Ausrichter China wollen wir hier erst gar nicht anfangen. Dass Sportgroßereignisse nur in Rechtsstaaten stattfinden dürfen, wäre zwar einerseits begrüßenswert, andererseits existiert diese Vorschrift nicht und würde zudem zwei Drittel der Länder auf unserem Planeten von vornherein als potenzielle Veranstalter ausschließen.

    Die Rechte der Schwulen und der Frauen: was ist mit denen, wollen Sie jetzt von mir wissen? Die sind beide prekär (also diese Rechte) in Katar. Wobei es mit den Rechten der Schwulen in Russland ebenfalls nicht allzu weit her ist (China weiß ich nicht. Müsste ich googlen). Das war bei der Vergabe 2010 hinreichend bekannt gewesen. An einen Aufschrei damals kann ich mich jedoch nicht erinnern. Das mit den mangelhaften Schwulen- und Frauenrechten am Persischen Golf scheint mir ein recht neuer Boykottgrund zu sen. Btw. wie ist eigentlich Tourismus in Dubai und Abu Dhabi – wo es um diese Rechte nicht besser bestellt ist – zu bewerten? Das ist was völlig anderes? Weiß nicht. Für mich ist das recht ähnlich gelagert.

    Kommen wir nun zum gravierendsten Boykott-Auslöser: der Todesrate auf den katarischen Baustellen. Hier schwanken die Angaben enorm. Die Bandbereite reicht von 3 über 6.000 bis hin zu 15.000. Experten verweisen darauf, dass es kaum möglich ist, eine belastbare Zahl zu ermitteln, da schlichtweg keine Statistik existiert. Soll heißen: man weiß zwar, wie viele Ausländer/Bauarbeiter in Katar pro Jahr sterben. Woran genau sie sterben bzw. wo sie sterben (Baustelle, Hotelzimmer, Krankenhaus), wird von amtlicher Seite nicht erhoben. Sind sie alle auf den WM-Baustellen verunglückt, oder gab’s weitere Tote bei den anderen Großprojekten, die zeitgleich aus dem Sand der Wüste in die Höhe gestampft wurden? Die Menge der wegen der WM verschiedenen Arbeiter wird sicher nicht 3 sein – wie die Behörden in Doha behaupten –, ob es 6.000 oder gar 15.000 sind, weiß jedoch niemand genau. Aber das ausbeuterische Kafala-System, was ist mit dem, fragen Sie jetzt? Ja, das ist großer Mist, eine Form moderner Sklaverei; allerdings üblich auf der Arabischen Halbinsel. In den VAE und Saudi-Arabien geht es genauso zu: da werden die Pässe der ausländischen Arbeiter ebenfalls einbehalten. Macht’s nicht besser, schon klar. Wurde aber alles bereits zum Zeitpunkt der Vergabe 2010 praktiziert. Die FIFA entschied in vollem Wissen des Kafala-Systems pro Katar. Die berechtigte Kritik daran kommt hauptsächlich aus den westlichen Industrienationen. Dass sich Pakistan, Indien, Bangladesch – also die Länder, aus denen die Arbeiter überwiegend stammen – daran stören – davon hört man so gut wie nichts.

    Wer würde davon getroffen?

    Nachdem wir die Gründe für den Boykott aufgelistet haben, wenden wir uns nun der Frage zu, wen wir mit unserem Ich-schau-mir-diese-WM-nicht-an-Protest treffen wollen. Wir können 3 Zielobjekte unterscheiden:

    (A) Katar
    (B) Die FIFA
    (C) Die Sponsoren

    Für Katar wäre es sicher bedauerlich, wenn weltweit die TV-Geräte ausbleiben. Ist ja schon bitter, wenn man höllenmäßig viel Geld für Einkauf und Organisation eines Events ausgibt, das nachher niemand sehen will. Allerdings bezweifele ich stark, dass das im Nachgang zu einem Umdenkprozess hin in Richtung Demokratie & Gewaltenteilung und mehr Rechte für Frauen und Schwule führen würde. Vielmehr steht zu befürchten, dass Katar den Spieß umdreht und dem (christlichen) Westen Arroganz oder gar Diskriminierung der arabischen Kultur und islamischer Werte vorhält. Ein Vorwurf, der in der muslimischen Welt sicher auf fruchtbaren Boden fallen wird.

    Für die FIFA wäre es SEHR ärgerlich, falls die Einschaltquoten in den Keller gingen. Gemäß der einfachen Formel: kleinere Reichweite = weniger Werbeeinnahmen & reduzierte TV-Gelder. Jedoch wird das so nicht eintreten. Dafür schauen dann doch noch zu viele Menschen aus Ländern zu, die sich für unseren deutschen Boykott Nullkommanull interessieren.

    Und die glorreiche Idee, keine Produkte der Sponsoren mehr zu kaufen, was halten Sie davon Herr Kolumnist? Weiß nicht. Die Liste der Sponsoren ist LANG. Stelle mir das von der praktischen Umsetzung her schwierig vor, bei jedem zukünftigen Besuch im Supermarkt erst mal zu überprüfen, ob ich Coca-Cola in meinen Einkaufswagen legen darf und mir im Anschluss einen Big Mac bei McDonald’s reinziehen kann. Was ist mit meinen Sportschuhen von adidas und dem Hyundai-SUV des Nachbarn? Und meine Visa-Card soll ich ab sofort auch nicht mehr benutzen? Kann man natürlich alles fordern, ob’s in der Realität von Erfolg gekrönt ist, gehört stark in die Rubrik Wunschdenken.

    Boykott: Pro & Contra

    Wollen wir abschließend festhalten: Ja, es existieren gute Gründe, die WM 22 zu boykottieren. Egal, ob dieser Boykott in der Praxis das bewirken wird, was den Boykotteuren damit vorschwebt.

    Es gibt allerdings auch Gründe für den Nicht-Boykott. Z.B.:
     Man sollte das Event vom Ausrichter trennen
     Der Otto-Normalo-Fan muss nicht ausbügeln, was die FIFA-Funktionäre verbockt haben
     Und auch die Spieler, für die die Teilnahme an einem WM-Turnier einen Höhepunkt ihrer Karriere darstellt, sollten nicht durch kollektiven Unsere-Mattscheibe-bleibt-schwarz-Aktionismus bestraft werden.

    Wo ich persönlich zwischen diesen beiden Positionen stehe? Ich werde mir die Spiele angucken. Nicht ALLE, wie ich das bei einigen früheren Turnieren (zuletzt 2014 Brasilien, davor 2006 Deutschland) getan habe, aber schon die, die ich spannend finde. Große Vorfreude spüre ich nicht, das Gefühl des Der-ersten-Partie-entgegenfieberns hat sich bisher nicht eingestellt. Ich sehe zum einen aus Gewohnheit (tue ich seit der EM 72) und zum anderen, weil’s mich tatsächlich interessiert. So wie ich seit 50 Jahren ebenfalls an JEDEM Wochenende die Bundesliga schaue und bei der morgendlichen Zeitungslektüre zuerst den Sportteil mit den aktuellen Fußball-News aufschlage. An wilden Partys u/o Autocorsos nach evtl. deutschen Siegen werde ich mich hingegen nicht beteiligen (bin ich mittlerweile eh zu alt für). Und Fahnen oder Wimpel-schwenken war noch nie meins. Bin mehr der stille Fan (Ausnahme: der Effzeh spielt).

    Den Boykott wahrer Fußballfans (wenn sie ihn denn auch tatsächlich bis zum Finale durchhalten) bewerte ich höher als die Boykottaufrufe derjenigen, die keine Ahnung von diesem Sport haben. Merke: je weniger ich mich für Fußball interessiere, desto einfacher fällt mir natürlich die Verweigerung. Bei den Katar-Gegnern lohnt deshalb immer die Frage: wie viel Ahnung hast du jenseits der WM 22 eigentlich vom Fußball?

    Ich respektiere den Boykott, werde also keinen Protestler davon überzeugen wollen, sich gemeinsam mit mir das Spiel Deutschland vs. Spanien anzugucken. Bin mir auch darüber im Klaren, dass die Boykotteure das andersherum nicht so tolerant auffassen und mich zum Sklavenhalter-Regime-Befürworter stempeln werden. Aber ganz ehrlich: mir ist das völlig wurscht. Mein schlechtes Gewissen, weil ich mir ein paar Partien anschauen werde, tendiert gegen Null.

    Ein gewisses Maß an Scheinheiligkeit

    Am Ende dieser Kolumne kann ich es mir allerdings nicht verkneifen, auf eine gewisse Scheinheiligkeit des WM22-Embargos hinzuweisen: denn mit Öl und Gas aus Katar haben wir keinerlei Problem, betteln förmlich darum, dass wir das dort kaufen dürfen und von Protestaufrufen gegen Russland 2018 und Peking 2022 habe ich nichts mitbekommen. Was mich schlussfolgern lässt, dass wir lieber kleine als große Schurkenstaaten boykottieren. Mit Atommächten wollen wir es uns nicht verscherzen, während wir einem kleinen arabischen Ausrichter mal demonstrieren möchten, wo der westlich-aufgeklärte Hammer hängt?

    Diese WM hätte nie an den Golf vergeben dürfen. Nun ist sie aber dort und sollte halbwegs in Ruhe durchgeführt werden können, ohne Fans und Spieler in Sippenhaft für merkwürdige Entscheidungen der Funktionäre zu nehmen. Und ja: die Vergabepraxis der FIFA gehört dringend auf den Prüfstand.

    Und nun wünsche ich den Boykotteuren eine sinnvolle Alternativbeschäftigung und uns Fans spannende vier Wochen.

    PS. Orangensaft aus Südafrika trinke ich weiterhin nicht. Was aber v.a. daran liegt, dass der Supermarkt, in dem ich meinen Orangensaft kaufe, die Orangen aus anderen Herkunftsländern bezieht.

  • Die große Gier

    Die große Gier

    „Geisterspiele sind besser als gar kein Fußball“, sagt meine alte Schulfreundin.
    „Geisterspiele sind der größte Scheiß“, sage ich.
    „Dir kann man es auch nie recht machen“, sagt sie.

    Der stets lauernde Pleitegeier

    Anders als in anderen Sportarten und in benachbarten Ligen sträubt sich der deutsche Profifußball mit allen ihm zur Verfügung stehenden Torwarthandschuhen und Schienbeinschonern gegen einen vorzeitigen Saisonabbruch. Mit der Begründung, dass bei Wegfall der dritten Tranche der TV-Gelder einem Viertel oder gar Drittel der Vereine der Gang zum Konkursgericht droht. Nicht etwa mit den Argumenten, dass die Spieler ganz heiß darauf sind, endlich wieder auf den Rasen zu dürfen oder die Fans wochenlang ohne Droge Fußball in Depression verfallen. Nein, das Geld muss weiter sprudeln. Erstmal ne ehrliche Aussage. Immerhin. Als langjähriger Bundesligakunde fragt man sich jedoch, ob das tatsächlich eine gute Idee ist, die noch fehlenden neun Spieltage in Zeiten von Corona vor leeren Rängen durchzuziehen. Wer, Hand aufs Herz, mag Derbys in mucksmäuschenstillen Stadien anschauen? Also ich nicht. Und ich schaue mir sonst echt viel Fußball an. Warum nicht Saisonende Mitte März? Warum nicht Meister und Abstieg anhand des aktuellen Tabellenstands? Warum nicht alternativ gar kein Meister und gar kein Abstieg?

    Weil sonst die Kohle nicht reicht, sagen Sie? Schon klar, es geht halt mal wieder um die Kohle. Es geht darum, die astronomischen Spielergehälter zu bezahlen, es geht darum, die Insolvenz zu vermeiden, es geht darum, bis zum 30. Juni mit allem durch zu sein, weil dann viele Verträge auslaufen, es geht darum, im Sommer wieder jede Menge Euros im Transfermarkt versenken zu können. Darum geht es. Aber es geht eben nicht darum, was die Fans von Geisterspielen halten. Es geht nicht darum, ob die Sonderbehandlung des Fußballs ein gutes gesellschaftspolitisches Signal ist. Es geht nicht darum, ob sich einige Akteure eventuell doch auf dem Rasen mit Covid-19 infizieren könnten. Nein, um die letztgenannten drei Dinge geht es ganz und gar nicht.

    Weshalb darf der (Profi-) Fußball etwas, das einigen Branchen nach wie vor verwehrt ist? Weshalb werden Fußballer, die ja bis zum Sommer auch im Home Office trainieren und sich fithalten könnten, mehr getestet als Kranken- und Pflegepersonal? Weil die Liga – im Unterschied zu Krankenhäusern und Altersheimen – genügend Geld hat, um für ihre Leute sowas zu finanzieren, sagen Sie? Jap, antworte ich. Genauso ist es.

    Vom Kapitalismus zum Turbokapitalismus

    Fußball ist Turbokapitalismus. Okay, war er schon in meiner Jugend, als ich noch im Müngersdorfer Stadion in der Südkurve stand und mit meinen Idolen Overath, Flohe und Müller (Dieter, nicht Gerd) mitfieberte und mitlitt.  Aber, es war damals weniger Turbo. Sowohl auf dem Rasen ging es gemächlicher zu – dass Overath ständig aus der Tiefe des Raums kommt, wäre bei all dem Usain-Bolt-Supertempo heute ein Ding der Unmöglichkeit (das war gar nicht Overath, sondern Netzer, sagen Sie? Oh!) –, als auch in Sachen Kapitalismus war man noch nicht so weit wie heute. Wenn man das Geschäftsgebaren, das in den 70ern üblich war, demjenigen von 2020 gegenüberstellt, mutet das an, als ob man den Betrieb in der Schalterhalle einer Kreissparkasse mit der Hektik, die in einem New Yorker Hedgefonds herrscht, kurz bevor die Börse schließt, vergleicht. Profifußball war von Beginn an Kapitalismus. Der dumme 11-Freunde-Scheiß stimmte nie. Stimmte schon nicht, als der Spruch zum ersten Mal über die Lippen von Sepp Herberger, oder wer sonst sich das ausgedacht haben mag, kam. Fußballteams sind Zweckgemeinschaften. Jedoch bestanden die Mannschaften damals zu 80 Prozent aus lokalen/ regionalen Gewächsen, lag die durchschnittliche Verweildauer der Spieler bei den Clubs um 500 Prozent höher, kostete die Schülerkarte Stehplatz Süd 4 Mark und ein FC-Schal nen Zehner, wenn man nicht von seiner Oma einen selbstgestrickten zu Weihnachten geschenkt bekam. Pausenbier und -bratwurst waren erschwinglich. Niemand musste ein Fünftel seines Monatslohns abdrücken, nur um mal ein Stadion von Innen zu sehen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Fans als niedliches Beiwerk für ein Spektakel – und nicht als Fans – zu sehen. Es gab keine rosa und gelben Schuhe an Spielerfüßen, keine Rhetoriktrainer für standardisiertes Gewäsch vor TV-Kameras („Ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen durfte“), keine Spielerberater und keine Spieler, die im 3-Jahres-Rhythmus den Verein wechselten. Hätte uns damals jemand erzählt, dass in einer fernen Zukunft Clubs von kuwaitischen Scheichs, russischen Oligarchen oder US-amerikanischen Pensionsfonds übernommen werden, hätten wir ihn als Spinner ausgelacht. Sie wissen, woran man merkt, dass man alt wird, fragen Sie mich? Indem man anfängt, seine Jugend zu verklären. Stimmt, antworte ich. Deshalb höre ich an dieser Stelle auch schon wieder auf damit. Wobei die Zeit, als Overath, Flohe und Müller (Dieter!) über den Platz liefen und ne Pausenbratwurst 2 Mark kostete, für den FC nicht die schlechteste war.

    Heute, wo man Fans vor allem als Choreographie und das Spiel als Event begreift, Umsätze generiert werden, von denen man damals gar nicht ad hoc gewusst hätte, wie viele Nullen an einer Milliarde dranhängen, 70 Millionen für einen Transfer als Schnäppchen gelten, die Verhandlungen mit der Fernsehindustrie über die Details der Ausstrahlungsrechte länger dauern als die Potsdamer Konferenz 1945, fällt auf, dass die Etats nicht weniger Vereine trotz dieser irrwitzigen Summen auf Kante genäht sind. Woran das liegt? Keine Ahnung; ich bin kein Wirtschaftsprüfer, sondern verdiene meine paar Kröten mit dem Schreiben kleiner Texte. Aber vermutlich wandeln die Clubs deshalb ständig am Rande der Insolvenz, weil die Darsteller gierig sind: exorbitante Spielergehälter, Transfersummen, die ans Obszöne grenzen, Akteure (Spielerberater), die niemand braucht, machen sich die Taschen voll. Und da man diesen Wahnsinn nicht mit Ticketverkauf und Merchandising allein finanzieren kann, hat man sein Überleben vom meistbietenden Bezahlsender abhängig gemacht. Ist halt so, alter Mann, sagen Sie, den Turbokapitalismus in seinem Lauf …? Mag schon so sein, antworte ich, gefallen muss es mir trotzdem nicht.

    NIEMAND will Geisterspiele sehen oder Bescheidenheit wär‘ auch ne Möglichkeit

    Anstatt nun Geisterspiele durchzuführen, die niemand sehen will – auch mein Kumpel Jupp, eingefleischter bis hin zu bisweilen fanatischer Effzeh-Fan seit Geburt, der sich sogar Partien gegen Sandhausen und Heidenheim in Sky anschaut, hat darauf Null Bock –, hätte die Liga ja eventuell auf folgende Lösungsmöglichkeiten kommen können: Reduzierung der Spielergehälter um 50 Prozent, Aufstockung des Solidarfonds für die finanziell besonders gebeutelten Clubs, keine Transfers im Sommer, TV-Gelder fließen anteilig jetzt als Vorschuss auf die kommende Saison. Und als Kirsche auf der Torte hätte die Liga ihre 20.000 Corona-Testsets an Krankenhäuser und Seniorenresidenzen gestiftet. Das wären Signale gewesen, die es rechtfertigen würden, über die gesellschaftspolitische Vorbildfunktion des Profifußballs mal wieder ins Gespräch zu kommen. Denn so, wie es im Moment seit Jahren läuft – welche Vorbildfunktion geht denn vom Fußball noch aus? Wie man in kurzer Zeit möglichst viel Kohle verdient, dazu kann ich mir auch einen Vortrag von Gordon Gekko anhören.

    Niemand, wirklich niemand, hat den Fußball in den vergangenen Wochen derart vermisst, dass er nun nach Geisterspielen lechzt. Geisterspiele sind wie Sex ohne Partner, sind wie ein Joint ohne THC, sind wie Two and a half men ohne Charlie Sheen, sind wie Dosenravioli diavolo ohne Tabasco, sind genauso fade wie Amy-Winehouse-Songs, die nicht von Amy Winehouse gesungen werden. Geisterspiele sind etwas, das niemand braucht außer den Clubs selber, die mittlerweile Sky und DAZN genauso hilflos ausgeliefert sind wie ein Junkie seinem Hinterhof-Dealer.

    Es geht bei den Geisterspielen einzig darum, die Gier einiger privilegierter Akteure zu befriedigen. Akteure, die in Zeiten von Corona alternativ auch gut und sorgenfrei auf die Hälfte ihres Gehalts und ihre Vermittlungsprovisionen hätten verzichten können, um die Saure-Gurken-Phase bis zum Spätsommer, wenn die neue Spielzeit angepfiffen wird,  zu überstehen. Nur darum geht es. Es geht nicht um die Fans oder die Gesellschaft. Richtige Fans tun sich sowas weder in ner TV-Bar noch zu Hause auf dem Sofa an.

    Ich werde mir das FC-Spiel heute Nachmittag gegen Mainz definitiv NICHT anschauen. Und ich habe seit 50 Jahren noch kein einziges FC-Spiel versäumt. Ob mein kleiner Boykott die Verantwortlichen interessiert? Nein, tut er nicht. Aber die Verantwortlichen interessieren sich eh kaum noch für die richtigen Fans.

  • Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Geht’s raus und spielt’s Fußball!

    Als ich schon die CD mit dem Requiem rausgesucht hatte und auf „play“ klicken wollte, erwachte Toni Kroos endlich aus seiner Frühsommerlethargie und schlenzte den Schweden das Ding mit feinem Kunstschuss oben in den rechten Winkel. Die biederen skandinavischen Handwerker, die unserer Elf das (Über-) Leben wirklich schwer gemacht hatten, blickten erst erstaunt hinter sich und dann bedröppelt auf den Rasen. Ich ließ das Requiem Requiem sein, riss beide Arme hoch und brach in Jubel aus. »Nun wird alles gut«, riefen wir aus fünfzig Kehlen. »Die Mannschaft ist im Turnier angekommen.« Aber: Ist das wirklich so, oder drohen jetzt ständige Zitterpartien bis zum frühzeitigen Ausscheiden im Achtel- oder Viertelfinale? In Abhängigkeit vom Ergebnis Mexiko-Schweden sei für Deutschland von Platz 1 bis 3 in Gruppe F noch alles drin. Sollten wir Erster werden, entgehen wir im AF den bärenstarken Brasilianern. Es sei denn, die werden Zweiter in ihrer Gruppe. In diesem Fall würden wir wieder auf sie treffen. Behauptet mein Kumpel Jupp, der sich seit Tagen mit der WM und den damit verbundenen Rechenspielen intensiv beschäftigt. Ich tue das nicht, weil ich denke: das nächste Match ist immer das schwerste, und da es eh ständig anders kommt, als man die Ergebnisse vorher kalkuliert hat. Ich vertraue eher meinem Bauchgefühl, das mich zwar auch oft täuscht; aber zumindest muss ich mich nicht mit all den komplizierten Tabellen und Überkreuzwahrscheinlichkeiten auseinandersetzen.

    1982 startete ebenfalls grauenvoll

    Grottige Vorrunden, nach deren haarscharfem Überstehen das deutsche Team noch sehr weit im Turnier kam, gab’s schon. Ich erinnere mich an die WM 82 in Spanien mit diesen Ergebnissen: Auftaktmatch gegen Algerien 1 zu 2 verloren, darauf folgte ein 4-1-Sieg gegen Chile und im Anschluss das abgekartete Spiel gegen Österreich, das nach früher 1-0-Führung für Deutschland für die restlichen 80 Minuten aus zweikampflosem Rasenschachgeplänkel bestand. Auch in der zweiten Runde wurde es mit 0-0- (England) und 2-1 (Spanien) – Langweilern nicht unbedingt besser. Unvergessen die Kickbox-Einlage Toni Schumachers gegen Frankreichs Patrick Battiston im HF, das die Deutschen knapp im Elfmeter-Showdown für sich entschieden. Endstation erst im Finale, als unseren Kickern eine 1-zu-3-Klatsche von den Italienern verabreicht wurde. »Tu sei Tedesco? …. Rossi, Tardelli, Altobelli«, durfte ich mir in den darauffolgenden Jahren in meinen Sommerurlauben an den Stränden Riminis und Forte dei Marmis ungezählte Male anhören. Dieser Dreiklang hat sich mir für die Ewigkeit ins Gedächtnis eingebrannt.

    Gary Lineker und der verlorengegangene Respekt vor deutschen Teams

    Besteht also Hoffnung, dass auch die 2018er-Mannschaft nun durch den restlichen Wettbewerb marschieren wird? Dabei gemäß der Devise Gary Linekers handelnd: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer stehen auf dem Feld und jagen einem Ball nach. Und am Ende gewinnt Deutschland. Mal abgesehen davon, dass diese Regel schon früher nicht immer zutraf, jede Menge Ausnahmen kannte – ich erinnere mich an das verlorene Finale 86 gegen Argentinien mit dem damals fulminant dirigierenden Maradona –, frage ich mich bereits seit geraumer Zeit, ob den Jungs eventuell die früheren Kardinaltugenden Siegeswille, Kampf und Effizienz abhandengekommen sind. Deutsche Mannschaften spielten häufig nicht schön, mitunter war es grausam, sich das Gebolze 90 Minuten lang anzuschauen, aber sie fighteten bis zum Umfallen, was man der Schmutzkruste ihrer Trikots und Hosen dann auch ansah. Heute hingegen habe ich oft den Eindruck, dass die Wäsche nach dem Schlusspfiff noch genauso sauber aussieht wie beim Münzwurf. Aber vielleicht täusche ich mich auch. Im Alter lässt die Sehschärfe nach.

    Zu viel Analyse tötet das Spiel

    Die NM hinterlässt bisher einen phlegmatischen Eindruck. Jeder kennt seinen Quadranten, hat vom Trainerstab einen Masterplan in die Hand gedrückt bekommen, die Spielzüge wurden vorher tausendfach einstudiert, exakte Videoanalysen jedes Gegners, stündliche Kontrolle der Laktatwerte. Ernährungsexperten, Psychologen, Physiotherapeuten, Personal Coaches alle mit dabei im Riesentross des DFB. Logiert wird nicht mehr in ordinären Trainingslagern wie weiland 1974 in Malente, sondern in 5-Sterne-Tempeln mit vorher ausgesuchten Spitzenköchen. Mancher Feldzug der Antike war weniger minutiös vorbereitet als die Reise der deutschen Mannschaft zu einem Turnier. Und trotz all dieses Heidenaufwands wirken viele Spieler uninspiriert bis hin zu konzeptlos. Wobei: Konzept wurde ihnen ja schon eins eingetrichtert. Bloß ob dieses Konzept immer hinhaut – darüber scheint sich vorher niemand ernsthafte Gedanken zu machen. Heikel wird es nämlich immer dann, sobald sich das andere Team nicht an die ihm theoretisch zugewiesene Rolle hält: Hoch- und nicht tiefsteht, angreift statt verteidigt (oder umgekehrt), 4-4-2 statt 4-3-3 befolgt, oder was sonst noch alles für Abweichungen möglich sind; sich also einen Dreck um den deutschen Masterplan schert. In diesen Fällen – die sich aus meiner laienhaften Beobachtung heraus mittlerweile häufen – weiß auf dem Platz niemand mehr, wie er mit der neuen Situation umgehen soll. Plan A ist sakrosankt, weshalb es Plan B nicht gibt, und den Akteuren, die allesamt seit früher Jugend in DFB-Nachwuchszentren geschult und schablonisiert wurden, fehlt der Instinkt des Straßenkickers. Der es von klein auf gewohnt ist, dass der Gegner prinzipiell das tut, was keiner der schlauen Analysten vorhergesehen hat, die Ärmel hochkrempelt, auf den unnützen Masterplan pfeift und das macht, was Franz Beckenbauer von seinen Teams forderte: »Geht’s raus und spielt‘s Fußball!« Die gemäß dieser simplen Vorgabe erzielte Erfolgsstatistik des Kaisers war nicht schlecht: 1x Vizeweltmeister 86, HF EM 88, Weltmeister 1990. Und das alles ohne Laptop und Sportprofessoren, die die Laufwege und den Kalorienverbrauch der Spieler aufs Komma genau ausrechnen.

    Deshalb mein Wunsch: weniger Mastergedöns und stromlinienförmige Akteure, mehr individuelle Typen, die sich nicht scheuen, vom Plan abzuweichen und, sobald es Spitz auf Knopf steht, die Ärmel hochkrempeln, die lethargischen Kollegen anschreien und am Ende in dreckverschmierten Klamotten das Feld verlassen.

    Bei Reus mache ich mir Hoffnung, dass er die Rolle des Antreibers einnehmen wird. Der Mann wirkt 90 Minuten lang hochmotiviert, was ich bisher von Kroos, Müller, Gündogan, Khedira und Özil nicht behaupten kann.

    Wo ist der neue Schweinsteiger?

    Nach dem glücklichen Ende der gestrigen Partie fachsimpelte ich noch eine halbe Stunde mit dem Mann neben mir – der ein Schweinsteigertrikot trug, weil er irrtümlich annahm, dass der Münchner immer noch mit dabei ist – über die guten alten Zeiten ohne Masterplan. Ich überlege, in welcher Umzugskiste ich meinen 1974 erworbenen Wolfgang-Overath-Dress verstaut habe. Falls ich in dieses Shirt vierzig Jahre später überhaupt noch reinpasse.

  • Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Fußballer sollen Fußball spielen und nicht singen

    Die Szene wirkt wie ein Remake des Godfathers: Don Vito Corleone flankiert von seinen drei Söhnen Michael, Santino und Fredo. Nur dass es sich bei der Doublette um den türkischen Präsidenten Erdogan, eingerahmt von den in der Premier League kickenden Spielern Özil, Gündogan und Tosun, handelt. Die vier trafen sich am vergangenen Sonntag in London auf einen kleinen Plausch, schüttelten Hände, überreichten dem Paten handsignierte Trikots und lächelten in die Kamera. So weit, so gut bzw. schlecht.

    Kein Staatsmann ist dem deutschen Facebook-User derart verhasst wie der Herrscher vom Bosporus. Sobald sein Name erwähnt wird, ertönen pawlowartig Schimpfkanonaden, von denen „Erdolf“ und „byzantinischer Despot“ noch zwei der freundlichen darstellen. Jan Böhmermann widmete ihm vor zwei Jahren ein 24 (!!) Verse umfassendes Schmähgedicht, das der Autor dieses Beitrags damals zum Fremdschämen fand. Satire darf bekanntlich alles, und der deutsche Social-Media-Junkie pöbelt ohnehin gerne, solange er sicher ist, dass er für seinen Unflat keinerlei negative Konsequenzen befürchten muss.

    Der Pate und die Nachbarclans

    Natürlich ist das aktuelle Oberhaupt der Osmanen kein lupenreiner Demokrat westlichen Zuschnitts, unterdrückt die Opposition, schränkt die Pressefreiheit ein, hält Wahlen am liebsten dann ab, wenn er sicher ist, sie zu gewinnen, schmeißt Kritiker gerne in den Knast, und führt einen kleinen, schmutzigen Krieg gegen die Kurden. Alles nicht so schön. Klar. Aber im Vergleich zu den Ländern um ihn herum auch nicht großartig anders, als das, was Russland, Saudi-Arabien und Ägypten praktizieren. Der Pate ist in seiner Region wahrlich nicht der einzige Mafioso. Und in der Europäischen Union geht’s östlich der Oder und südlich der Donau ebenfalls nicht immer so pluralistisch-korrekt und weltoffen wie bei uns zu. Ohne dass wir Deutschen deshalb Hasslieder auf Orban und Duda anstimmen.

    Mal ganz kurz zu den Fakten: die Türkei ist NATO-Mitglied und EU-Aufnahmekandidat. Wir überweisen ne Menge Kohle dorthin, damit uns Ankara die Flüchtlinge vom Leib hält und liefern Waffen, die nicht einzig zur Verteidigung des Landes eingesetzt werden. Jedes Jahr verbringen vier bis fünf Millionen Touristen aus Castrop-Rauxel und Schwäbisch-Hall ihren preiswerten Pauschalurlaub an den Stränden der anatolischen Riviera. Das ist aus der Sicht des deutschen Steuerzahlers alles in Ordnung; oder doch nicht?

    Reaktionen in den sozialen Medien

    Aber zurück zum Auslöser der Kolumne: dem Bild des Paten mit seinen drei als Fußballlegionären sehr erfolgreichen Söhnen.

    Wer sich mit einem Despoten ablichtet , bekommt die rote Karte

    Wer sich mit solch einem Diktator fotografieren lässt und auf sein Trikot schreibt, „für meinen Präsidenten“, der hat in unserer Nationalmannschaft nichts zu suchen

    Sollen sie doch in der türkischen NM spielen
    © drei Facebook-Nutzer

    Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag
    © Cem Özdemir

    Herr Gündogan ist ein trauriges Beispiel, wie gering die Identifikation der türkischstämmigen Jugend in Deutschland mit der Wahlheimat ihrer Eltern ist
    © Alice Weidel

    Fußballer sind keine Berufsdiplomaten

    Mal völlig losgelöst vom Unsinn der Forderung, dass Özil und Gündogan das Nationalteam wechseln sollen – denn das ist gemäß FIFA-Statuten gar nicht möglich –, springen zwei Phänomene sofort ins Auge:

    (a) Das mangelhafte Einfühlungsvermögen der Ich-bin-seit-tausend-Jahren-Deutschen gegenüber Mitbürgern mit Migrationshintergrund und zwei Reisepässen
    (b) Die Illusion, dass Fußballspieler im Nebenjob Diplomaten sind

    Özil singt seit Jahren die Hymne nicht mit, gibt’s dann an jeder zweiten Ecke zu lesen. Na und? Haben Beckenbauer, Netzer und Overath ebenfalls nie getan. Und auch ich habe keine Lust auf die pathetisch-altbackenen Zeilen, und schweige, während das Lied der Deutschen im Stadion ertönt. Ich käme auch nicht auf die Idee, bei Songs der Kastelruther Spatzen mitzuträllern. Geschlossene Lippen und ernster Blick müssen ausreichen, ohne gleich als Vaterlandsverräter einsortiert zu werden.

    Was ist eigentlich mit der Meinungsfreiheit in unserem Land? Können wir uns jetzt nicht mehr gemeinsam mit fremden Staatsoberhäuptern auf einem Foto ablichten lassen, ohne ein Berufsverbot befürchten zu müssen? Wo steht überhaupt geschrieben, dass Fußballer leuchtende Vorbilder und Aushängeschilder zu sein haben? Also ich persönlich habe mich nie der Illusion hingegeben, dass Typen wie Wagner und Petersen mich auf dem internationalen Parkett besser als unser Außenminister und dessen Diplomatisches Corps vertreten. Ich bekomme allerdings auch nicht sofort nervösen Schluckauf, wenn Marco Reus ohne Führerschein im Maserati erwischt wird und Kevin Großkreutz in der Lobby eines Hotels in die Blumenrabatte pinkelt. Effenbergs Stinkefinger bei der WM 94 = Pillepalle. So sind sie halt, die jungen Leute.

    Scheinheiligkeit der Diskussion

    Man kann Erdogan als üblen Autokraten einstufen – ob er bereits ein Diktator ist: diese feine Unterscheidung überlasse ich geschulten Politologen –, sich an seiner Art des Auslandswahlkampfs stören, die PR-Aktion als völlig daneben bezeichnen, und den drei Spielern trotzdem das Recht zugestehen, dem Präsidenten die Hand zu schütteln. Kommt ja auch (noch) niemand auf die Idee, Exkanzler Schröder zum Umzug nach Moskau aufzufordern, weil der sich mit dem lupenreinen Demokraten Putin so ausgezeichnet versteht oder Seehofer ins Altersexil nach Budapest zu seinem Kumpel Orban zu verbannen.

    Es ist hochgradig scheinheilig, Ankara als politischen Partner zu hofieren, sich in Antalya mit klebrigen All-inclusive-Cocktails volllaufen zu lassen, und zurück zu Hause auf dem deutschen Sofa sofort wieder gegen dieses Land und die von dort stammenden Migranten vom Leder zu ziehen.

    Fußballer sollten primär nach ihrem Können am Ball und nicht danach, mit wem sie sich zu einem Fototermin treffen, beurteilt werden. Und da befürchte ich, dass Özil sich bei den wichtigen und engen Partien mal wieder unsichtbar machen wird. Was ich ihm dann mehr ankreide als seinen kurzen Flirt mit Erdogan oder die mangelhaften Sangeskünste. Und sollte Gündogan bei der WM ein Tor erzielen, jubeln darüber sicher auch Cem Özdemir und Alice Weidel. Denn in diesem Moment kollektiver teutonischer Freude ist die Herkunft des Schützen dann plötzlich wieder egal.

    Fazit: auch für Nationalspieler türkischer Herkunft gilt die Meinungsfreiheit. Es war deshalb weise von Bundestrainer Löw, sich von der medial aufgeheizten Stimmung nicht beirren zu lassen und Özil und Gündogan am heutigen Tag in den vorläufigen Kader mit aufzunehmen.

  • Die Bayern raus aus der BuLi!

    Die Bayern raus aus der BuLi!

    »Ihr schreibt immer so superintelligentes Zeug«, sagt mein alter Kumpel Jupp, mit dem ich mich an jedem zweiten Wochenende in einer Sky Sportsbar in Troisdorf treffe, wo wir uns gemeinsam die Bundesligaspiele anschauen.
    »Wen meinst du?«, frage ich.
    »Na, dich und deinen Kolumnistenverein.«
    »DU liest das?«
    »Hältst du mich für einen kompletten Banausen? Aber ständig Politik. Kultur, Jura und all so ein hochgestochener Kram. Macht doch mal was anderes.«
    »Was schwebt dir denn da vor?«
    »Fußball.«
    »Fußball?«
    »Hast du was an den Ohren? JA: Fußball!! Damit ihr auch die breite Masse erreicht und nicht auf immer und ewig eine Nischenpublikation bleibt.«
    »Okay, ich überlege mir was.«

    Jupp hat völlig Recht. Die Rubrik Sport existiert bisher nicht bei uns. Keine Ahnung, weshalb sich keiner darum kümmert. War auch nie Thema auf einer Redaktionssitzung. Also werde ab sofort ich das tun. Eigentlich wollte ich heute was über Catherine Deneuves Frauenbild und Eugen Gomringers konkrete Poesie schreiben. Das Hohe Lied der plumpen Anmache und die Blume-Straße-Frau-Fantasie in einen Kontext setzen. So in die Richtung: wer avenidas & mujeres gut findet, grapscht auch gerne ungefragt an den Arsch der Sekretärin. Ich hatte sogar schon eine moderne Version des altväterlichen Gedichts vorbereitet:

    Dosen
    Dosen und Ravioli

    Ravioli
    Ravioli und Titten

    Dosen
    Dosen und Titten

    Dosen und Ravioli und Titten und
    ein alter Sack

    Früher war mehr Straßenfußball

    Ich werde diesen Gedanken jedoch auf eine spätere Kolumne verschieben und mich heute stattdessen auf den Fußball konzentrieren. Muss da aber etwas weiter ausholen und erzählen, wie Jupp und ich uns kennengelernt hatten. Das war Mitte der 70er Jahre in der Pfarrdisco gewesen, die am frühen Sonntagabend im Keller unter dem Gemeindesaal von St. Josef stattfand. Wir balzten beide um dasselbe Mädchen herum, kamen jedoch nicht zum Zuge, weil Angelika, so hieß sie, sich für einen Jungen aus der Oberstufe entschied, der ihr mit einem Ford Granada und Karten für ein Bay-City-Rollers-Konzert imponierte. Jupp und ich hatten uns bis zu diesem Zeitpunkt in einem erbitterten Wettbewerb um die Gunst Angelikas befunden, waren, als wir die Neuigkeit mit dem Abiturienten erfuhren, ein paar Tage lang zu Tode betrübt, kamen allerdings beide unabhängig voneinander zu dem Resultat, dass tagelanges Zu-Hause-Grübeln bei gleichzeitigem Hören von Uriah Heeps „Lady in Black“ den Schmerz bloß künstlich verlängerte, anstatt ihn zu beseitigen. Eine Woche später reichten wir uns auf dem Schulhof die Hand, begruben unsere Rivalität und schlossen Freundschaft. Jupp ging in die Parallelklasse, war ein pfeilschneller Rechtsaußen, hatte sein Zimmer mit Bravo-Starschnitt-Postern zugekleistert, sprach am liebsten über Fußball und am allerliebsten über den FC. Meine Ballkünste waren seinen weit unterlegen, ich galt jedoch als solider Verteidiger, der in Zeiten, als die variable Raumdeckung noch nicht erfunden worden war, seinem Gegenspieler neunzig Minuten lang kreuz und quer über den Platz folgte. In dieser prähistorischen Epoche ohne Computerspiele, Internet und mit streng reglementiertem Fernsehkonsum verbrachten wir unsere Freizeit oft draußen auf der Straße. Und auf der Straße war zu 90 Prozent gleichzusetzen mit Fußballspielen. Jupp und ich verbredeten uns nun oft nach der Schule auf einen Kick im nahegelegenen Blücherpark oder auf der Jahnwiese. Er war es auch, der mich zum ersten Mal zum FC mitnahm, der damals noch in der Radrennbahn logierte und kurz darauf ins neu erbaute Müngersdorfer Stadion umzog.

    Das erste Match, das ich damals sah, war gegen den HSV. Ein mageres 1 zu 1; aber für einen 13-jährigen schon ein Erlebnis, seine Idole Overath, Flohe und Dieter Müller unten auf dem Rasen wirbeln zu sehen. Die Stehplatzkarte Südkurve kostete für einen Schüler vier Mark. Zwar das Taschengeld einer gesamten Woche. Das war mir der im Abstand von 14 Tagen stattfindende Spaß jedoch wert.

    70er und 80er Jahre: Titelrennen offen und spannend

    Es war dies überhaupt eine schöne Fußballepoche, weil die Bundesliga spannend war. Nahezu jede Mannschaft die andere schlagen konnte. Okay, jetzt nicht unbedingt Uerdingen die Bayern, aber die im oberen Drittel der Tabelle platzierten Teams waren alle gut für den Titel. Die Liste der Meister von 1975 bis 1984 liest sich so: Gladbach, Gladbach, Gladbach, Köln, HSV, Bayern, Bayern, HSV, HSV, Stuttgart. Die Pokalsieger in derselben Dekade hießen: Frankfurt, HSV, Köln, Köln, Düsseldorf, Düsseldorf, Frankfurt, Bayern, Köln, Bayern. Für meinen Kölner Geschmack ein bisschen viel Gladbach bei den Meistern und definitiv zu viel Düsseldorf im Pokal; ABER weit entfernt von der heutigen Monotonie, die da lautet: München ist beim Double gesetzt, und wenn eine Saison mal superspannend verläuft, verlieren die Bayern das Pokalfinale im Elfmeterschießen. Die BuLi ist aufgrund der bajuwarischen Vorherrschaft stinklangweilig geworden. Es sei denn, man interessiert sich für solche Feinheiten wie: wer wird Vizemeister? (in 80% der Fälle der BVB), welche Teams erreichen die Europa League, wer wird absteigen, welcher Verein rettet sich durch die Relegation ? (immer der HSV). Was ist daran unklar, sorgt für Nervenkitzel? Eigentlich nur noch die Frage, ob die Münchner mit zehn, zwanzig oder dreißig Punkten Vorsprung die Meisterschale holen.

    Nun kann man ja den Bayern keinen Vorwurf daraus machen, dass sie jedes Spiel gewinnen wollen. Auch das Die-Münchner-kaufen-der-Konkurrenz-die-guten-Spieler-weg-Mimimi zieht nicht. Die Wir-bedienen-uns-beim-Nachwuchs-des-Nachbarn-Philosophie praktizieren ja alle Clubs. Die einen räubern bei den Bochumern, die anderen plündern Mainz. Fragt mal die Freiburger, wie die sich fühlen, wenn ihnen jedes Jahr der halbe Kader weggekauft wird.  Die Bayern können es sich aufgrund solider Haushaltsführung und genügend Kohle in der Kriegskasse eben leisten, Hummels aus Dortmund und Goretzka von Schalke wegzulotsen. Zumal es sich unter dem blauen Münchner Himmel eh angenehmer leben lässt als im wolkenverhangenen Ruhrgebiet. Aber für das bessere Klima kann man die Bayern ebenfalls nicht zur Rechenschaft ziehen. Ist halt so.

    Seit zwei Jahrzehnten: Langeweile pur in den nationalen Ligen

    Ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass die BuLi, was die Frage der Meisterschaft angeht, mittlerweile zur langweiligsten Liga der Welt degeneriert ist. In Spanien kommen immerhin noch zwei Teams (Real und Barca) dafür in Frage, in England ist es ein Quintett, das um den Lorbeerkranz streitet, in Italien stehen zumeist Juve, Inter oder die Roma oben auf dem Siegertreppchen, einzig in Frankreich mit dem Milliardärsverein PSG ist es mittlerweile genauso öde wie bei uns in Deutschland.

    Jupp und ich fantasieren deshalb mitunter am Rande der FC-Spiele über die Einführung einer europäischen Supermeisterschaft. Die Fantastilliontruppen aus den nationalen Ligen rauslösen und für die einen neuen Wettbewerb ins Leben rufen. Sowas wie die CL an jedem Wochenende. Aus Deutschland kämen als Teilnehmer einzig Bayern und der BVB in Frage. Der Rest ist zu arm und zu schwach, um dort mithalten zu können. Unsere Clubs schaffen es ja noch nicht mal mehr, die Gruppenphase der EL zu überstehen. Was natürlich ebenfalls eine Folge der mittlerweile zwei Jahrzehnte andauernden Dominanz der Münchner ist. Wenn es mir von vornherein ausreicht, punktemäßig weit abgeschlagen auf den Rängen 5 bis 7 in der BuLi zu landen, bin ich einfach nicht stark genug, mich mit den Teams aus enger ablaufenden Ligen zu messen. Kein Wunder, dass Spanier und Engländer das unter sich ausmachen.

    Im Zeitraum 1975 bis 1984 holten deutsche Teams drei Mal den UEFA- und einmal den Pokal der Pokalsieger, standen häufig in den Endspielen und in den Halbfinals (1980 gar vier heimische Mannschaften im HF des UEFA Cups: Bayern, Frankfurt, Gladbach und Stuttgart. Die Eintracht hatte am Ende knapp die Nase vorn). Die Bayern errangen von 74 bis 76 durchgängig die Krone der europäischen Landesmeister, der HSV gewann diesen Wettbewerb 1983. Soll heißen: Länder, in denen die Meisterschaft bis zum Ende hart umkämpft ist, gebären mehr international wettbewerbsfähige Teams als die Monokulturligen.

    Und da es bis 2099 nicht absehbar ist, dass die Bayern mal nicht deutscher Meister und Pokalsieger werden und jedes Jahr aufs Neue den nationalen Spielermarkt leerfegen – was ja deckungsgleich ebenfalls in England, Spanien, Italien und Frankreich geschieht –, leuchtet die Idee einer neu zu gründenden Superclubliga jedem Fußballexperten sofort ein. Die zu Hause gebliebenen Vereine machen wie bisher weiter in der BuLi, Premier League, Serie A, Ligue 1, und wir werden dann sogar den Tag erleben, an dem die Schale in Gelsenkirchen und Leverkusen (wenngleich mir als Kölner alleine die Vorstellung eines B04-Titels schon sauer aufstößt) in die Höhe gestemmt wird. Die Bayern messen sich ganzjährig mit Chelsea, Madrid, Turin und Paris. Und schicken ihre dritte Mannschaft – also die Spieler, die nicht mal auf der Ersatzbank sitzen – ins nationale Rennen. Für Platz vier müsste diese Truppe allemal ausreichen. Je länger Jupp und ich über unseren Geistesblitz nachdenken, desto logischer, ja geradezu zwingend notwendig erscheint er uns. Wer die gähnende Langweile aus der Bundesliga vertreiben will, der muss die Bayern aus Deutschland wegloben. Anders wird es nicht funktionieren.

    Nun möchten wir uns aber wieder auf das heutige Spiel konzentrieren. Der FC zu Hause gegen Augsburg, und der Kleinstadtverein hat gerade den späten Ausgleich erzielt. Jupp flucht laut und trinkt sein Kölsch in einem Zug leer, ich fluche leiser und verschütte vor Schreck meinen Kaffee. Für uns ist die Mission Klassenerhalt im Moment eh die einzig spannende.

    In der Fortsetzung wird ein wehmütiger Blick zurück auf die Zeit geworfen, als Fußballer noch Fußball spielten und sich nicht mit Kinkerlitzchen wie der Farbe ihrer Schuhe und ihrer 30sten Tätowierung beschäftigten.