Schlagwort: Geschlossene Abteilung

  • Der todgeweihte Rotweintrinker

    Der todgeweihte Rotweintrinker

    »Was sitzt du hier seit Stunden so phlegmatisch rum?«, fragt sie.
    »Lass mich doch einfach rumsitzen«, antworte ich.
    »Rumsitzen ist sonntags grundsätzlich okay; aber muss es derart phlegmatisch sein?«
    »Dann sitz ich halt phlegmatisch rum. Na und?«
    »Schreib was. Das heitert dich im Allgemeinen schnell auf«, sagt sie.
    »Was soll ich schreiben? Wurde doch schon alles 1000-mal geschrieben.«
    »Zum Beispiel ne Kolumne. Das hat dir doch immer Spaß gemacht.«
    »Politik, Facebook, Kommentare, antworten auf Kommentare – ständig dasselbe. Stinklangweilig!«
    »Dann schreib was über Dante.«
    »Über Dante: Warum ausgerechnet über Dante?«
    »Weil sich heute zum zehnten Mal sein Todestag jährt.«
    »Ach, den Dante meinst du. Und über den soll ich heute was schreiben?«
    »Ja. Tu das. Und danach gibt’s ein leckeres Abendessen.«

    Also setze ich mich hin und schreibe was über meinen vor zehn Jahren verstorbenen Kumpel Dante.
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    Geschichte vom todgeweihten Rotweintrinker

    »Hast du gesehen, dass Dante wieder bei uns ist, Henning?«
    »Den haben sie vorhin mehr tot als lebendig hier reingeschleppt. Hab’s mitbekommen, Rolf.«
    »Er lag betrunken im Eingangsbereich der Klinik.«
    »So was kommt schon mal vor.«
    »Hoffe, dass er rasch auf die Beine kommt. Er sah gar nicht gut aus dieses Mal.«
    »Wir berappeln uns doch alle spätestens am dritten Tag.«
    »Er hatte dreieinhalb Promille.«
    »Da hat er Schwein gehabt. Ab vier schicken sie dich erst Mal in die Intensivstation.«

    Dante war einer aus der Rotweinfraktion. Nicht so ein elender Wodka-, Doppelkorn- oder Biersäufer wie wir anderen. Nein, er trank ausschließlich Merlot, Cabernet Sauvignon oder Pinot Noir. Notfalls auch einen Dornfelder. Er war angeblich ein Genussmensch. Wenn ich ihn in seinen elenden Zuständen bei den Einlieferungen sah, dann wurde mir bewusst, dass die Grenze zwischen Vergnügen und Sucht fließend war. Ob ich mir nun wie Rolf zwei Pullen Schnaps vom Aldi durch die Gurgel jagte, oder mir stattdessen sechs Flaschen Valpolicella genehmigte; es lief nach spätestens zwei Wochen auf dasselbe Ergebnis hinaus: nämlich den klinischen Entzug. Seinen Spitznamen hatte Dante schon vor langer Zeit erhalten, weil er gerne aus der Göttlichen Komödie rezitierte. Zudem war er Liebhaber italienischer Opern. Früher hatte er mit dem Verkauf und der Restaurierung alter Möbel gutes Geld verdient. Louis XVI, Biedermeier, schelllackpolierte Kommoden, Kirschbaumstühle und all so ein Zeug.

    Unnötig zu sagen, dass er und Rolf dicke Kumpels waren. Zumindest, wenn sie sich in der geschlossenen Abteilung trafen. Da gab’s dann jedes Mal neapolitanische Begrüßungsszenen. Sobald die beiden wieder halbwegs klar in der Birne wurden und die Sprachzentren Fahrt aufnahmen, jagte ein geistreiches Bonmot das andere. Ich verzog mich bisweilen in die Leseecke und studierte den Kicker.

    »Dante sah ziemlich runtergekommen aus, Henning.«
    »Die besten Zeiten hat er halt hinter sich, Rolf.«
    »René hat erzählt, dass er ihn beim Durchstöbern von Papierkörben gesehen hat. Auf der Suche nach Pfandflaschen.«
    »Rotwein ist teuer. Da wird seine Rente nicht für ausreichen.«
    »Mach du nur blöde Witze. Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.«
    »Tja, ist nicht einfach, geeignete Gesprächspartner in dieser Umgebung zu finden.«

    Am Tag darauf. 13.25. Nach dem Mittagessen.
    »Hallo Henning. Lange nicht mehr gesehen.«
    »Ist circa vier Wochen her das letzte Mal, Dante.«
    »So elend wie bei dieser Entgiftung habe ich mich noch nie gefühlt.«
    »Das ist am zweiten Tag nichts Besonderes. Morgen wird es dir besser gehen.«
    »Das ist einfach nicht das richtige Krankenhaus für mich. Ich weiß nicht, weshalb sie mich immer wieder hierher bringen.«

    Dante hatte seinen gesellschaftlichen Absturz nie so richtig verdaut. Sein Geschäft mit den billig bei Hausauflösungen und in Osteuropa eingesammelten Tischen und Schränken, die er in seiner Schreinerei renovierte und dann sündhaft teuer im Ladenlokal seiner Freundin verkaufte, war in den Achtzigern hervorragend gelaufen. Die Frauen aus den sogenannten besseren Kreisen rannten ihm die Bude ein. Zeitweilig beschäftigte er bis zu zehn Restauratoren, die aus vier verrotteten einen neuen Sekretär zusammenbastelten. Sobald ein Möbelstück dreißig Prozent alte Teile aufwies, wurde es als antik deklariert. Da seine Kundschaft aus Laien bestand, fragte auch niemand nach, wie diese wundersame Vermehrung von Rokokomöbeln zustande kam.

    Dante lebte auf großem Fuß. Dicke Villa, schöne Autos, Schmuck, teure Reisen. Alles vom Feinsten. Als Ende der Neunziger das große Sparen begann, verringerte sich sein Umsatz innerhalb eines Jahres schlagartig um achtzig Prozent. Dann folgte das Übliche: Geschäft schließen, Insolvenz, Haus weg, Bentley gegen Golf2 eintauschen, Schmuck verpfänden. Steuernachforderungen im sechsstelligen Bereich zwangen ihn endgültig in die Knie. Aus zwei Flaschen teurem Wein wurden nach einiger Zeit sechs Pullen billiger Fusel. Zwar noch kein Tetra Pack, aber preiswerte Marken von Lidl und Netto.

    »Wo möchtest du denn stattdessen hin, Dante?«
    »Es gibt hervorragende Privatkliniken in Bayern und in der Schweiz.«
    »Und was machen die dort anders?«
    »Die versetzen dich in ein künstliches Koma und wechseln dein Blut aus.«
    »Das ist aber eine kostspielige Sache; oder?«
    »Das würde ich mir den Spaß kosten lassen. Aber ich werde ja immer wieder hier eingeliefert.«
    »Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.«
    »Hast du gehört, dass sie in diesem Krankenhaus eine Geheimstation unterhalten, Henning?«
    »Höre ich zum ersten Mal. Wo soll die sein?«
    »Im sechsten Stock.«
    »Hier gibt’s nur fünf Etagen.«
    »So wird es nach außen hin dargestellt. Weil sie es eben streng vertraulich handhaben. Ist eine strikt abgetrennte Abteilung, die nur für VIPs offensteht. Die verfügen über einen extra Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach.«
    »Aha. Und da bieten sie die Bluttransfusionen und all den Schnickschnack an?«
    »Du hast es erfasst, Henning. Dort wollte ich dieses Mal auch hin. Hatte aber meine Kreditkarte zu Hause vergessen. Deshalb musste ich notgedrungen in die Geschlossene.«
    »Manchmal läuft’s halt dumm, Dante. Aber hier entgiften sie uns ja auch.«

    17.35. Im Raucherzimmer.
    »Was für einen Eindruck macht Dante auf dich, Henning?«
    »Scheint noch etwas verwirrt zu sein, Rolf.«
    »Den hat’s anscheinend übel erwischt.«
    »Er betreibt das Rein-Rausspiel in der Klinik jetzt aber auch schon seit vielen Jahren. Irgendwann, wenn du Pech hast, sind halt die Gehirnzellen dran. Ist doch vor kurzem Joe, dem pensionierten Hells Angel passiert.«
    »Der Terminator mit der Skorpiontätowierung am Hals?«
    »Exakt der. Konnte von einem Entzug zum nächsten nicht mehr laufen und sprechen. Sitzt mit fünfzig im Rollstuhl, sabbert und muss gefüttert werden.«
    »Ich höre auf mit der Sauferei. Melde mich morgen fürs Antabusprogramm.«
    »Tu das, Rolf. Erzählst du mir zum Minimum zwanzigsten Mal.«

    19.05. Nach dem Abendessen.
    »Hallo Henning. Bist du auch wieder hier?«
    »Roswitha, hast du deinen Mann besucht?«
    »Ja, habe ihm was zum Essen gebracht: Antipasti vom Italiener, Cannelloni mit Spinatfüllung und ein Stück Apfeltorte. Du weißt doch, dass er die Krankenhausküche ablehnt.«
    »Vornehm geht die Welt zugrunde. Fehlt noch eine Flasche Montepulciano fürs rundum gelungene Dinner.«

    Roswitha war Dantes Lebenspartnerin. Seit knapp dreißig Jahren. Nicht seine Ehefrau. Auf diese Unterscheidung legte er stets großen Wert. Die hatte mit ihm viel mitgemacht. Ihm auch nach dem Bankrott weiterhin die Stange gehalten. Nicht die Nummer abgezogen: »Du bist ein netter Kerl. Aber ich bin jetzt mal weg.« Sie war stets die Vernünftige in der Beziehung gewesen: Lebensversicherung, Bausparverträge, Konten in der Schweiz und in Luxemburg. War alles futsch. Die Gerichtsvollzieher hatten hart zugeschlagen. Und selbst in diesen schweren Jahren der Alkoholexzesse blieb sie bei ihm. In meinen Augen war das Liebe.

    »Das ist Dantes letzter Aufenthalt in dieser Station.«
    »Habt ihr endlich eine Schweizer Kurklinik ausfindig gemacht?«
    »Mach keine Witze, Henning. Sie werden ihn nach der Entgiftung direkt von hier aus in ein Pflegeheim überstellen. Es geht so nicht mehr weiter. Er kann kaum noch laufen. Vergisst alles. Vor einigen Tagen hat er vom Kiosk nicht mehr nach Hause zurückgefunden.«»Weiß er das schon?«
    »Ja, seit zwei Wochen. Er will es aber partout nicht wahrhaben. Er tut mir auch furchtbar leid. Aber, was soll ich machen? Seine Bauchspeicheldrüse ist auch schon im Eimer. Alleine packe ich das nicht mehr.«
    »Roswitha, du hast alles richtig gemacht. Dante hat mit dir echt Glück gehabt.«

    So langsam dezimierte sich die Hardcorefraktion. Die einen wurden zu irreparablen Pflegefällen, die anderen starben auf Parkbänken oder in den Intensivstationen. Übrig waren noch Rolf, René und ich.

  • Wodka pur

    Wodka pur


    Illustration: Gabriele Prade
    Text: Henning Hirsch
    Basierend auf der Story: Am Stadtrand (in: Halbes Kilo Hackfleisch,
    85 Gedichte, von: Henning Hirsch, 2016)
    +++

    | Am Stadtrand
    Ich kannte Manu aus der Therapiegruppe die jeden Donnerstag
    im Westflügel der Klinik stattfand eine zierliche Person
    mit lebhaften Augen die jeden Satz
    mit einem Lachen beendete obwohl ich damals
    nicht so super drauf war denn ich verbrachte
    meine 15te oder 20ste Entgiftung in dem Laden
    ließ ich mich gerne
    von ihrer guten Laune anstecken sie sei seit sechs Monaten Abstinenzlerin
    das Nicht-Trinken eröffne ihr völlig neue Perspektiven
    und ein positives Lebensgefühl erzählte sie
    Rolf und ich gähnten denn diese Stories
    hatten wir schon tausend Mal

    gehört
    ich fragte Manu nach ihrer Telefonnummer
    und als ich nach drei Wochen endlich rauskam
    rief ich sie an
    bring Soave und Bier mit sagte sie
    vorsichtshalber packte ich am Bahnhofskiosk zusätzlich eine Flasche Wodka ein
    Manu wohnte weit draußen in einem Stadtteil
    den ich bisher nicht kannte Reihenhaus an Reihenhaus
    10qm-Vorgarten neben 10qm-Vorgarten Jägerzäune, Kiesbeete, Kirschlorbeer Hecken akkurat gestutzt
    ich wollte schon umkehren als Manu vom Balkon rief da bist du ja endlich komm hoch
    ich verdurste, empfing sie mich steckte ihre Zunge in meinen Mund zog mich in ihre Wohnung rein
    schenk mir ein Glas ein, randvoll

    Eis ist im Kühlschrank, sagte sie und verschwand im Bad
    ich trank eine Dose Bier um in Stimmung zu geraten Manu kam zurück: nackt
    trug nur noch ihre oberschenkelhohen Stiefel
    das gefiel mir
    wir vögelten ein paar Stunden in einem Riesenbett
    und ich vermutete
    dass ich an diesem Tag nicht der erste war der darin lag
    zwischendurch tankten wir und erzählten uns belanglose Klinikgeschichten Manu warf Pillen ein
    willst du welche?
    nein danke; der Wodka reicht sie wurde nun zügellos verlangte Sex ohne Atempause ich keuchte und ächzte schwitzte aus allen Poren
    mein Unterleib schmerzte
    die Bandscheiben meldeten sich

    was ist los, fragte ich
    warum bekomme ich dich nicht befriedigt? gib mir den Wein!
    sie leerte die halbe Flasche in einem Schluck und jetzt schlag mich
    was soll ich tun? mich schlagen
    ist das so schwer zu verstehen? egal wohin?
    auf die Augen, in den Bauch, auf den Mund völlig wurscht
    es muss wehtun das kann ich nicht
    wie: du kannst das nicht? jeder Mann kann das obwohl betrunken und müde begriff ich
    dass ich nicht der richtige Kerl war um Manu heute glücklich zu machen ich stand auf
    und suchte meine Klamotten zusammen was tust du?
    ich gehe
    es ist Mitten in der Nacht bin nicht ängstlich

    scher dich zum Teufel du Schlappschwanz
    wenn ich geahnt hätte, was für eine Nullnummer du bist
    wärst du hier nie reingekommen
    in der Küche standen noch zwei Dosen Bier die nahm ich als Proviant mit
    denn der Weg zurück war lang
    und um diese Uhrzeit fuhren weder Busse noch Bahnen
    vielleicht entdeckte ich ein Nachtlokal wo ich ein paar Kurze kippen konnte aber so viel Glück hat man selten.