Schlagwort: Hank Chinaski

  • Bei Hank im Wohnzimmer

    Bei Hank im Wohnzimmer

    „Du feierst alsbald ein Jubiläum“, sagt Gisela, unsere virtuelle Redaktionsassistentin.
    „Was für’n Jubiläum?“, frage ich verwundert.
    „Deine 250-ste Kolumne.“
    „WAS??? SO VIELE???“
    „Ja. Wir sind so stolz auf dich.“

    „Und nun soll ich bestimmt ne Jubiläums-Kolumne schreiben, mit ner Menge unsinnigem Jubiläumskram drin.“
    „Du könntest dich auf deine Wurzeln rückbesinnen.“
    „Das Bonner Westend, wo ich aufgewachsen bin?“
    „Nein, deine allererste Kolumne.“
    „Die ist lange her. Hilf mir auf die Sprünge.“

    „Du hast dich bei Bukowski ins Wohnzimmer gesetzt und mit deinem literarischen Idol unterhalten.“
    „Stimmt, erinnere mich dunkel. Hab ich damals noch getrunken?“
    „Du warst schon ein paar Jahre trocken.“
    „Dann waren weniger Tippfehler drin.“

    „Die Redaktion hat den Hut rumgehen lassen und zusätzlich die Kaffeekasse geplündert und spendiert dir 1 Nacht im Tropicana Motel. Das gefiel dir doch so gut.“
    „Damit ich mich nach all den Jahren wieder mit Hank verabrede? Wahrscheinlich hat der kurzfristig gar keinen Termin frei.“
    „Längst alles arrangiert. Du triffst dich übermorgen mit ihm in East Hollywood. Touristenvisum habe ich ebenfalls klargemacht … jetzt benötige ich bloß noch deine Kreditkarte“, flötet Gisela.
    „???“
    „Um die Flugtickets und den Mietwagen zu bezahlen. Für eine eventuell zweite Übernachtung müsstest selbstverständlich auch du aufkommen.“
    „War klar.“

    „Und lösche vor deiner Abreise vorsichtshalber alle Posts in Facebook, in denen du dich negativ über den US-Präsidenten geäußert hast. Andernfalls riskierst du …“
    „… 4 Wochen in einem ICE-Internierungslager … könntest du das bitte für mich tun? Bin in Eile: Will mir noch ein paar schlaue Fragen fürs Interview überlegen und muss vorher dringend zum Friseur.“
    „Ich lösche ALLE kritischen Posts von Henning“, sagt Gisela. Dann legt sie auf.
    +++

    In Hank’s Wohnzimmer

    48 Stunden plus 2 Dutzend Coke Zero & 5 Liter Kaffee und 1 AUSGIEBIGE Einreisekontrolle später: 5124 De Longpre Avenue, Los Angeles, CA 90027.

    Ich sitze wieder bei Hank.
    Im Wohnzimmer.
    East Hollywood.

    Der Bungalow döst in der Hitze wie ein altes Krokodil, das auf seine Verdauung wartet.

    Drinnen riecht es nach billigem Alkohol, Papier und schlechten Entscheidungen.

    Ein kleines Jubiläum

    Ich sehe mich um.
    Bierdosen.
    Papierstapel.
    Die alte Schreibmaschine.
    Alles noch da.

    Hank liegt auf dem Sofa.
    Bademantel.
    Offen.

    Er sitiert mich an.

    „Du siehst aus, als wärst du falsch abgebogen.“

    „Ich habe ein Jubiläum.“

    „Klingt nach 20 Jahre mit der falschen Frau zusammen.“

    „Meine 250ste Kolumne.“

    Er nimmt einen Schluck Bier.

    „Du zählst die?“

    „Manche Leute zählen Schritte. Unsere Redaktionsassistentin zählt Texte.“

    „Hübsch?“

    „Wer?“

    „Eure Redaktionsassistentin.“

    „Ist eine Maschine.“

    „Krasser Scheiß!“

    Was ist eigentlich eine Kolumne?

    „Als ich angefangen habe“, sage ich, „wusste ich nicht mal, was eine Kolumne ist.“

    „Das merkt man vielen Autoren auch nach Jahrzehnten noch an.“

    „Ich habe damals einen Kollegen gefragt.“

    „Das war dein erster Fehler.“

    „Ich fragte: Was ist eine Kolumne?“

    „Und?“

    „Der Kollege sagte: Eine Kolumne ist das, was du darunter verstehst.“

    Hank nickt.

    „Gute Antwort. Heißt: Keiner weiß es so genau.“

    Zwischen einem und einer Million Wörter

    „Dann fragte ich: Wie lang muss so ein Text sein?“

    „Du bist ganz offensichtlich Deutscher.“

    „Er sagte: Zwischen einem und einer Million Wörter.“

    Hank grinst.

    „Das nenne ich mal genügend Spielraum für kreative Freiheit.“

    Der Kerl, der sich bezahlen ließ

    „Ich fragte ihn: Welches Thema?“

    „Jetzt kommt der Teil, wo alles schiefgeht.“

    „Er antwortete: Schreib zuerst über Bukowski. Davon hast du doch ein bisschen Ahnung.“

    Hank setzt sich auf.

    Der Bademantel klafft weit auseinander. Ich bemühe mich, nicht hinzuschauen.

    „Ein bisschen Ahnung“, knurrt er.

    Er zeigt auf sich.

    „Ich habe jahrelang Kolumnen geschrieben.“

    „Ich weiß.“

    „Woche für Woche. „Notizen eines schmutzigen alten Mannes“ …

    … „Ich habe den Dreck aufgeschrieben.
    Die Bars.
    Die Pferde.
    Die Frauen.
    Die Rechnungen …

    … und weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist?“

    „Du hast dich bezahlen lassen.“

    „Verdammt richtig.“

    Du sitzt seit Jahren in meinem Wohnzimmer

    „Nach meinem ersten Besuch hier“, sage ich, „habe ich meiner Kolumne eine Rubriküberschrift gegeben.“

    „Hoffentlich nicht was Deutsch-Verkopftes.“

    „Ich taufte sie: Bei Hank im Wohnzimmer.“

    Mein Gegenüber lässt den Blick durch den Raum wandern.

    Die Dosen.
    Das Sofa.
    Den Teppich.

    „Du sitzt also seit Jahren literarisch in meinem Wohnzimmer.“

    „So ungefähr.“

    Er hebt die Augenbraue.

    „Und ich sehe keinen Cent Miete.“

    Nach fünfzig Texten erlischt das anfängliche Feuer

    Ich zögere kurz, bevor ich weiterrede: „Spätestens nach der fünfzigsten Kolumne merkte ich, dass ich mich geirrt hatte.“

    „Womit?“

    „Mit der Vorstellung, dass man mit Texten die Welt besser machen kann.“

    Hank lacht.

    Es ist kein freundliches Lachen.

    „Du dachtest ernsthaft, Kolumnen retten die Welt?“

    „Vielleicht ein bisschen.“

    „Junge, was für ein romantischer Bullshit.“

    Er lehnt sich zurück.

    „Die Welt ist ein schmutziger Boxring. Und Kolumnisten sind bloß die Leute mit Notizblock am Rand.“

    Idealismus zahlt keine Rechnungen

    „Warum hast du deine Kolumnen geschrieben?“, frage ich.

    Er zuckt mit den Schultern, leert eine Dose warmes Bier auf ex.

    „Weil ich Material hatte. Und Rechnungen. Du hast mit Idealismus angefangen“, sagt er, „Ich mit Existenzangst.“

    „Und wer hatte Recht?“

    „Keiner. Aber ich wurde bezahlt.“

    Warum man trotzdem weiterschreibt

    Stille.

    Die Hitze hängt im Raum.

    „Was würdest du im 250sten Text schreiben?“, frage ich.

    Bukowski denkt kurz nach.

    „Schreib, dass du keine Ahnung hattest, was eine Kolumne ist. Schreib, dass man dir sagte: zwischen einem und einer Million Wörter. Schreib, dass du dachtest, du könntest mit deinen Texten etwas verändern. Und schreib, dass du nach fünfzig gemerkt hast, dass das kompletter Unsinn ist.“

    „Mehr hast du nicht auf Lager? Ich jette 12 Stunden oneway nach L.A., nur um von dir wiederholt zu bekommen, was ich dir selbst vor 5 Minuten erzählt habe? Da hätte ich mir die Reise echt sparen können für dieses  dünne Gelaber.“

    „Ja, du hättest stattdessen einen Zoom-Call vereinbaren können. Wäre kostengünstiger gewesen. Aber eure virtuelle Assistentin bestand auf einem persönlichen Treffen. Das wäre wichtig für dich, damit du mal rauskommst aus deinem eigenen Wohnzimmer. Von wegen Luftveränderung täte dir gut. Sehr charmant übrigens, die Dame; weshalb ich ihr den Wunsch nicht abschlagen wollte …  aber einen Hinweis habe ich noch für dich. Den wichtigsten.“

    „Welcher wichtige Hinweis soll das sein?“

    „Schreib, dass du trotzdem weitergemacht hast.“

    „Warum?“

    Er lehnt sich zurück, schließt die Augen.

    „Weil Schreiben nicht dazu da ist, die Welt zu retten. Die Welt hört sowieso nicht zu. Schreiben ist nur dafür da, dass du selbst nicht völlig verrückt wirst. Das ist der wahre Grund, weshalb du 250 Kolumnen geschrieben hast und nichts anderes.“

    „Da ist was dran“, sage ich.

    „Natürlich ist da was dran. Ich mach das seit über 80 Jahren. Und nun entschuldige mich: Ich muss meinen Rausch ausschlafen, mir dann Nachschub besorgen und will heute Abend noch 2 Kurzgeschichten tippen. 1 wird von einem orientierungslosen deutschen Kolumnisten handeln, der nach L.A. fliegt, um sich dort Rat von einem Profi zu holen und am Ende doch nichts verstanden hat … du weißt, wo die Tür ist .“ … „Hol dir unbedingt Hilfe, wenn du wieder in Deutschland bist! Das geht sonst nicht gut aus“, ruft er mir zum Abschied hinterher.
    +++

    Zurück am Schreibtisch in Bonn stelle ich fest, dass Gisela ALLE meine Posts in Facebook gelöscht hat.
    Ich rufe in der Redaktion an: „WO IST GISELA?“
    „Die hat sich diese Woche freigenommen. Dringende Wartungsarbeiten am System.“
    „Wusstet ihr, dass sie ALLE Posts von mir gelöscht hat?“
    „Sie sagte, du hättest ihr diesen Auftrag kurz vor deiner Abreise erteilt.“
    „Sie sollte bloß die kritischen Beiträge rausnehmen.“
    „Aus ihrer Sicht waren wahrscheinlich alle deine Beiträge kritisch.“
    „Was für eine Scheiße!“
    „Ärger dich nicht. Schreibst du halt neue Posts. Wofür bist du sonst Autor? … Wie war’s übrigens in L.A.? Hast du ein paar Tipps von Hank bekommen? Wäre schön, wenn du uns die in unserer internen Gruppe mitteilen würdest. Davon können wir alle profitieren und nicht nur du alleine. Sei zur Abwechslung mal ein Teamplayer und nicht das übliche Ich-hasse-meine-Kollegen-Arschloch.“
    „Ihr könnt mich alle mal!“
    +++

    Lesen Sie auch: Das Wiedersehen – Kapitel 1
    Das Wiedersehen
    Ein Interview mit Charles Bukowski für DieKolumnisten? Geht doch gar nicht, der ist doch tot? Natürlich geht das bei Henning Hirsch. (erschienen am 21. Jul 2017).

    Die beste Einstiegslektüre für Charles Bukowski ist sein Debütroman Post Office (dt. Der Mann mit der Ledertasche)

  • Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe

    Die Kolumne, von der manche irrtümlich glaubten, dass ich wie Bukowski schreibe

    Hast du die Kommentare unter deiner letzten Kolumne gelesen, will die Chefredaktion von mir wissen.
    Ja, habe ich.
    Du musst dich da mehr zügeln.
    ICH muss mich mehr zügeln?
    Das ist zu hart, was du manchen Kommentatoren antwortest.
    Auf einen groben Klotz ein grober Keil oder so ähnlich. Hätte meine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt.
    Mich interessiert nicht, was deine Großmutter mütterlicherseits dazu gesagt hätte. ICH sage: ZÜGELE dich!! Wir sind ein seriöses Medium und beleidigen unsere Leser nicht.
    Gilt das auch für dämliche Leser?
    JA, auch für die gilt das!
    Okay, okay, ich hab’s verstanden.

    Schreib was über Bukowski.
    Warum? Da gibt’s aktuell kein Jubiläum. Also keinen konkreten Anlass.
    Weil von den Kommentatoren ein paar Mal Bukowski unter deiner letzten Kolumne erwähnt wurde. Deshalb.
    Das reicht als Grund?
    Ja, das reicht. Und dieses Mal weniger Schwänze und Titten. Damit hattest du es in deinem letzten Text übertrieben.
    Manchmal echt schwer, es euch Recht zu machen.
    Jammer nicht, sondern setz dich dran. Schaffst du das bis Sonntag?
    Ich versuch’s.

    Titten & Schwänze machen noch keinen Bukowski

    Ich nehm mir also nochmal meine letzte Kolumne vor und überfliege die darunter stehenden Kommentare. Ich entdecke insgesamt 7 Sätze, in denen das Wort Bukowski vorkommt:

     Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski
     Ganz entfernt an Bukowski
     Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann – offen für alles
     Bukowski lässt grüßen
     du tust Bukowski Unrecht
     Bukowski war ein Genie seiner Zeit
     Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.

    Alles ein bisschen richtig, aber alles auch völlig verkehrt.
    Fangen wir der Reihe nach an.

    Erinnert mich irgendwie an Die Taschenbücher von Charles Bukowski.
    Bukowski lässt grüßen.

    Wahrscheinlich, weil ich 7x Titten und 9x Schwanz in dem kleinen Text untergebracht habe (ein Kommentator hatte sich die Mühe gemacht, das durchzuzählen). Des Weiteren kam eine Transe drin vor und ich berichtete davon, wie wir – also die Transe und ich – uns nach einer langen Partynacht im Hochsommer 1982 gegenseitig die Schwänze lutschten.

    Ob das schon Bukowski ist?
    Ja und nein.
    Von seinem Schwanz – den er, um nicht immer Schwanz zu sagen, was auf Dauer dann nämlich ermüdend wirkt, abwechselnd auch Ding und Prügel nennt – und Titten berichtet er viel in seinen Stories. So viel, dass mir als Leser mitunter Zweifel kommen, ob er tatsächlich so viele verschiedene Titten zu Gesicht bekommen hat, wie er in seinen Geschichten behauptet. Denn wenn mal eins bei einem Schriftsteller quasi ein Naturgesetz ist, dann die Tatsache, dass er VIELE Stunden ALLEINE am Schreibtisch sitzt und Buchstabe auf Buchstabe in seine Tastatur reinhämmert. Aus den Buchstaben formen sich Worte, die reihen sich zu Sätzen, die häufen sich zu Passagen, bis dann endlich ein Stapel Papier mit ner fertigen Geschichte drin (oder: drauf) sich vor dem Autor türmt. Einen Schreiber erkennt man zum einen an seiner Kurzsichtigkeit und zum anderen an den Schwielen an seinem Hintern. Zwischen all den Worten und Geschichten bleibt echt nicht viel Zeit für ständig neue Titten. Die Quantität der sich in seinem Bett abwechselnden Frauen ist was, das ich bei Bukowski immer schon leicht in Zweifel gezogen habe. Aber vielleicht stimmt’s auch und meine Zweifel sind falsch oder entspringen bloß meinem Neid auf sein ausuferndes Sexleben. Wobei ich, seitdem ich die 50 überschritten habe, ganz froh bin, dass der Sexualtrieb jetzt nicht mehr der stärkste meiner Triebe ist und abgelöst wurde von der Hantelbank im Fittie und Facebook.

    Ne Story mit ner Transe kenne ich übrigens nicht von Bukowski. Wobei ich zugegebenermaßen viele, aber nicht alle, Stories von ihm kenne. Eventuell gibt’s doch eine, die ich auch schon mal gelesen habe. Falls ja, dann hab‘ ich die Bukowski-Transen-Story jedoch wieder vergessen. Ebenfalls das, also das Vergessen, passiert mir, seitdem ich die 50 überschritten habe, ständig.

    Also: nur, weil in einem Text 9x Schwanz + 7x Titten + 1 Transe vorkommt, ist es noch kein Bukowski.

    Man kann gute Autoren nicht plagiieren

    Ganz entfernt Bukowski.
    Du tust Bukowski Unrecht.
    Bukowski war ein Genie seiner Zeit.
    Nicht jeder, der Titten und Ärsche schreibt, ist ein verkannter Bukowski.

    Alle 4 Kommentare sind Binsen, treffen aber zu. Man kann einen Autor nicht plagiieren. Das gelingt vielleicht für die Textlänge von zwei, drei Seiten; aber niemand schafft das ne komplette Geschichte oder gar einen Roman lang. Der Stil eines Autors ist unverwechselbar und macht das Abkupfern unmöglich. Zumindest für die guten Schriftsteller gilt das. Versuchen Sie mal, einen Henry Miller oder einen Raymond Carver zu kopieren. Länger als 1 Seite werden Sie das nicht durchhalten. Und an dieser 1 Seite werden Sie LANGE sitzen und die Experten werden trotzdem merken, dass es sich um eine mittelmäßige Fälschung handelt. Wenn Sie also unbedingt was kopieren wollen, dann kaufen Sie sich ne Fahrkarte nach Paris, setzen sich im Louvre vor die Mona Lisa und malen die ab. Ist einfacher, als den Stil von Bukowski zu imitieren.

    Was man tun kann – sich als Schreiber von seinen Inhalten inspirieren lassen. In Der Mann mit der Ledertasche (im Original: Post Office) – seinem Roman-Erstling – geht’s ja nicht nur um Schwänze, Titten, Geschlechtsverkehr, Jeden-Abend-saufen-bis-die-Lichter-ausgehen und Wetten auf der Pferderennbahn; zusätzlich nimmt die Schilderung des monotonen Arbeitsalltags im Innendienst der US-amerikanischen Post großen Raum in diesem Buch ein. Wenn man den Innendienst der US-Post der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit den heutigen Billiglohn-Jobs im Hartz4-Deutschland vergleicht (z.B. der Arbeit in einem Callcenter), bemerkt man, dass es zahlreiche Parallelen gibt. Aus Pferderennbahn macht man 1-Euro-Wettbüros (Huren, Geschlechtsverkehr und Saufen waren vor 60 Jahren dasselbe wie heute) und schon hat man die Originalstory einzig durch Veränderung der Schauplätze auf den aktuellen Stand gebracht. Und kann diese „neue“ Geschichte in seinen eigenen Worten erzählen = erinnert ganz entfernt an Bukowski.

    +++
    Kurzer Einschub an dieser Stelle zum Kommentar „Bukowski war ein Genie seiner Zeit“. Ohne jetzt lang und breit darüber zu philosophieren, was ein Genie ausmacht (dazu gibt’s mehr Definitionen als Genies in Facebook), fällt auf, dass der Schreiber die Einschränkung „seiner Zeit“ hinterhergeschoben hat. Wäre er also nach den Maßstäben der heutigen, politisch SEHR korrekten, Zeit nicht mehr als Genie zu betrachten? Ist das Wesen eines Genies jedoch nicht u.a. dadurch bestimmt, dass es zeitlos ist? Oder wäre bspw. das renaissancistische (dieses Adjektiv musste ich googlen) Universalgenie Leonardo da Vinci im März 2023 gar kein Genie mehr? Geniestatus also mittlerweile nur noch mit Verfalldatum? Ich hege, was die Vergänglichkeit angeht, große Zweifel und gehöre zur Fraktion „1x Genie, dann auf ewig Genie“. Gehe deshalb sparsam mit diesem Begriff um und sage in Bezug auf Bukowski auch nur, dass er ne verdammt gute Schreibe hatte und ich ihn echt gerne lese. Ob ne verdammt gute Schreibe gleichbedeutend mit Genie ist, mögen diejenigen beurteilen, die sich berufsmäßig mit Genie-Definitionen beschäftigen. Vorgezogenes PS. es ging diesem Kommentator natürlich nur vordergründig darum, Bukowski den Geniestatus zu gewähren (wenn auch limitiert auf seine Zeit), sondern vielmehr, ihn meiner letzten Kolumne abzusprechen. Und auch das ist natürlich eine Binse, denn wenn meine Texte 1 NICHT sind, dann genial. Hin und wieder sind sie ganz vergnüglich – zumindest ich vergnüge mich beim Tippen –, aber das ist von Genie genauso weit entfernt wie mein aktueller körperlicher Zustand von Arnold Schwarzenegger, als der in „Conan, der Barbar“ mitspielte. Ende des kurzen Einschubs.
    +++

    Sind alle Säufer zwangsläufig Arschlöcher?

    Bukowski war ein versoffenes Arschloch. Aber er war etwas was man HH nicht sagen kann – offen für alles.

    Über diesen Satz (ja ja, es sind 2) habe ich länger nachdenken müssen. Obwohl in klaren Worten formuliert, ist mir der dahintersteckende Sinn nicht ganz klar. Es gibt für Satz 1 nämlich 2 Deutungsweisen:

    (a) versoffen & Arschloch gehören zusammen. D.h. jemand, der säuft, mutiert zwangsläufig zum Arsch
    (b) versoffen und Arschloch stehen nur zufällig (bzw. individuell auf seine Person bezogen) nebeneinander, sind aber ansonsten als 2 separate Phänomene zu betrachten. Man kann also – wenn man nicht Bukowski heißt – zwar saufen, ohne ein Arsch zu sein und es gibt zusätzlich noch die Variante des nicht-trinkenden Arschlochs.

    Mal völlig losgelöst davon, dass die obige Behauptung für Bukowski nicht durchgängig zutrifft – in den 80er Jahren wurde er trocken –, wäre sie in Variante (a) zudem Blödsinn. Denn ich kenne ne Menge recht netter Säufer und ich kenne zudem jede Menge nicht-trinkender Arschlöcher. Und glauben Sie mir – wenn ich von 1 Ahnung habe, dann vom Trinken, von Alkoholikern und von Arschlöchern. Die Mehrzahl der Säufer ist friedlich und will ihre Ruhe haben. Zu dieser Gruppe gehörte ganz sicher auch Charles Bukowski. Denn ohne Ruhe hätte er nie seine VIELEN Kurzgeschichten, Gedichte und Romane schreiben können. Er war also hundertpro nicht der Trinker, der ständig auf Krawall gebürstet seine Umwelt schikaniert und Frauen verprügelt. In der Realität wird er ein zurückgezogen lebender, leicht menschenscheuer Mann gewesen sein, der am liebsten vor seiner Schreibmaschine saß und die größte Befriedigung darin empfand, wenn ihm ein neuer Text gut gelungen war.

    Nun kann aber die Typisierung „Arschloch“ von der Kommentatorin auch dahingehend gemeint gewesen sein, dass sie mit den Inhalten seiner Stories nicht d’accord geht. Zu viel Schmuddelsex drin, zu viele obszöne Worte, zu viel Trinkerei, zu viel Gewette auf Pferde. Ein Frauenbild, das zu wünschen übrig lässt plus eine politische Einstellung, die man nicht exakt verorten kann, was vor allem Linke überhaupt nicht mögen. Linke lesen am liebsten linke Autoren. Und wenn sie mal versehentlich nen konservativen Autor lesen und den, weil sie nicht wissen, dass der eigentlich konservativ ist, gut finden, werden sie ihn sofort verleugnen, sobald ihnen einer steckt, dass sie nen konservativen Autor in den Händen gehalten haben. Linke sind da simpel gestrickt (sie selbst würden das als ideologisch-gefestigt bezeichnen), weshalb ihnen in der Konsequenz ne Menge guter Literatur von konservativen Autoren durch die Lappen geht. Als ich in einer Gruppentherapie in der Suchtklinik Andernach, wo ich nach einem vorangegangenen Besäufnis in Koblenz mal wieder zum Entzug gestrandet war, anregte, eine kleine Exkursion zum 500 Meter entfernt liegenden Geburtshaus von Bukowski zu unternehmen, wurde dieser Vorschlag von der Psychologin mit dem Satz „Der ist doch bloß ein Autor von Trivialliteratur“ abgelehnt. Stattdessen machten wir im Anschluss irgendwas mit Speckstein.

    TRIVIALLITERATUR!!

    Was ist das überhaupt? Warum ist Bukowski trivial, Thomas Mann hingegen nicht? Geht’s da um die verwendeten Wörter, die Länge der Sätze, die Leichtigkeit bzw. Mühsal, die man beim Lesen empfindet? Gilt die Formel: anstrengend zu lesen + überwiegend langweiliger Inhalt -> es muss sich um Hochliteratur handeln? Falls dem so sein sollte, dann bevorzuge ICH eindeutig das Triviale. 5 Seiten Thomas Mann hatten auf mich immer schon dieselbe sedierende Wirkung wie 1 Flasche Rotwein. Während ich „Der Mann mit der Ledertasche“ in einem Rutsch durchlesen kann.

    Aber zurück zum versoffenen Arschloch. Denn dieser Einwand ist ja, wenn wir vom unter Alkoholeinfluss prügelnden (was er nicht getan hat) zum aufgrund literweise Bier und Schnaps völlig enthemmt formulierenden Autor weiterziehen, nicht völlig von der Hand zu weisen. Bukowski hat politisch komplett unkorrekt geschrieben. Speziell sein Frauenbild müsste heutigen Feministinnen den Blutdruck in die ungesunde Höhe von 180 zu 120 schnellen lassen, bevor sie sich mit Benzinkanistern bewaffnet in die Büchereien begeben, um dort seine Romane zu verbrennen. Die Frauen kommen echt nicht gut weg in seinen Geschichten: irgendwas ist immer verkehrt an denen. Zu dauerhafter Liebe ist er – zumindest sein Alter Ego Hank Chinaski – nicht fähig. Es reicht für Sex und gemeinsames Trinken, aber nie hat eine Beziehung auch nur die leiseste Aussicht auf länger anhaltenden Erfolg. Alles währt kurz, ständig werden die Partnerinnen gewechselt und am Ende bleibt der Protagonist alleine vor seiner Schreibmaschine zurück. Was dieses deprimierende Bild abmildert, ist die Fähigkeit des Autors zur Selbstironie. Er sucht die Fehler vor allem bei sich und ist zudem in der Lage, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Nichtsdestotrotz treibt einem die schiere Anzahl der Bettgeschichten – ob die nun alle tatsächlich passiert sind oder in weiten Teilen seiner Fantasie entspringen, ist hier nebensächlich – mitunter den Angstschweiß auf die Stirn. Gut, dass AIDS damals kein Thema war, denkt man als in den 60er Jahren geborener Leser, sonst hätte HIV meinen Lieblingsautor höchstwahrscheinlich frühzeitig dahingerafft. Denn von Kondomen und Verhütung hielt er anscheinend nicht allzu viel. Zumindest erwähnt er solche Vorsichtsmaßnahmen so gut wie nie.

    Frauenbild lässt stark zu wünschen übrig

    Wenn sich jetzt noch zusätzlich zum misogynen Frauenbild herumspricht, dass Bukowski in der Jugend Sympathien für den Faschismus äußerte, ihm linksliberale Intellektuelle noch mehr auf den Sack gingen als republikanisch wählende Rednecks und er, wenn er von Schwarzen spricht, oft das böse N-Wort verwendet, würde sich heute kein Verlag mehr finden, der seine Manuskripte 1 zu 1 abdruckt. Ohne STRENGES Lektorat hätte er im politisch hyperkorrekten Literaturbetrieb keine Chance. Dabei leben seine Texte natürlich jenseits des Inhalts (also der erzählten Story) ganz stark von der politisch unkorrekten Sprache. Ob er in seiner Jugend mit dem Faschismus sympathisierte – drauf geschissen. Was er von linksliberalen Intellektuellen hält – wahrscheinlich dasselbe wie ich. Ob er das N-Wort nutzt: muss man nicht tun, er hat’s aber getan. Und hatte an 1 Tag im Post-Innendienst vermutlich mehr freundschaftlichen Kontakt mit Afroamerikanern als der deutsche linksintellektuelle Durchschnittsleser im gesamten Leben. Und sein Frauenbild – oh jeh, das ist schlimmer als meins. V.a. an der Austauschbarkeit, der Beliebigkeit störe ich mich. Kommt einem nicht irgendwann der Gedanke, dass Quantität auf Dauer nicht glücklich macht? Was bringt der 10.000ste Orgasmus mit der 1000sten Frau, wenn man nicht in der Lage ist, 1 davon rauszupicken, von der man sich vorstellen kann, gemeinsam mit ihr alt zu werden? Bzw. ist es dann nicht schlauer, sich seine eigene Beziehungsunfähigkeit einzugestehen und ins Zölibat zurückzuziehen? Wobei wir hier von der fiktiven Figur Hank Chinaski reden. Der reale Charles Bukowski hatte zwei länger anhaltende Partnerschaften. Aber auch beim vordergründig misogynen Hank schimmert oft durch, dass er ein nach Liebe Suchender ist. Er sie jedoch aus diversen Gründen nie findet. Die Ruppigkeit ist vor allem Selbstschutz aus ständiger Sorge vor dem Verlassenwerden – ein Schicksal, das ihn wie eine Self fulfilling prophecy in beinahe schon monoton zu nennender Frequenz alle paar Wochen aufs Neue ereilt.

    Gedichte als Ausweg aus der schriftstellerischen Geschwätzigkeit

    Dass Bukowski ein hervorragender Schriftsteller ist bzw. war – das steht für mich als Boomer fest, seit ich das erste Buch von ihm Anfang der 80-er Jahre in den Händen hielt. Ich hab damals direkt 3 Romane von ihm hintereinander gelesen. Dann stellte sich ein gewisser Sättigungsgrad ein, weil er begann, sich zu wiederholen. Was viele Autoren tun. Man kann ja nicht jeden Tag was völlig Neues aufs Papier zaubern. Aber nach 3 Büchern war mein Bedarf an Schwänzen, Titten, saufen, bis der Rettungswagen kommt, Pferdewetten und Schilderungen des Lebens am Rande der Gesellschaft erst mal gedeckt. In den 90-er Jahren kaufte ich mir ein paar Bände seiner Kurzgeschichten und in den 2000-ern kamen die Gedichte hinzu. Mit den Letztgenannten fremdelte ich anfangs, denn ich dachte: nicht alles, was im Schüttelsatz daherkommt, ist zwangsläufig Poesie. Ein Mitpatient erklärte mir im Raucherzimmer einer Suchtklinik, dass man sich darauf einlassen müsse (eigentlich eine Binse), dann würden einem die Gedichte irgendwann am besten gefallen. Und da man in nem Alkoholentzug außerhalb der täglichen Gruppentherapie vor allem eins hat – nämlich massig Zeit, ließ ich mich 14 Tage lang darauf ein. Und ja, der Mitpatient hatte Recht gehabt: die Schüttelsatz-Gedichte von Bukowski fingen an, mich zu faszinieren. Weil da viel Wahres auf knappem Raum konzentriert war. Jahre später entdeckte ich eine Aussage von Bukowski dazu – die ich, weil ich nicht mehr weiß, wo ich die gefunden habe, hier bloß noch sinngemäß wiedergebe: „Meine Gedichte sind mir von allen Texten die liebsten, weil ich gezwungen bin, mich kurz zu fassen und jede Geschwätzigkeit vermeide.“ Ja, so ist es! Romane sind geschwätzig und Kolumnen sind es sowieso. Die Kurzgeschichte ist ein Hybrid, Bloß das Gedicht schafft es, eine Sache präzise und knapp auf ihren wesentlichen Kern zu reduzieren. Der Gedanke gefiel mir außerordentlich. Seitdem lese ich abends oft Gedichte, schreibe aber selbst so gut wie keine. Ich bin halt ein notorisch geschwätziger Kolumnist.

    Moralischer Spagat der Facebook-Zeitgeistavantgarde

    Was mich oft erstaunt, ist die Wertschätzung, die Bukowski bei der linksliberalen Facebook-Zeitgeistavantgarde erfährt. Er schreibt ja durchgängig so, dass er nicht nur Radikal-Feministinnen die Zornesröte ins Gesicht treiben müsste. Hätte man vor einigen Jahren 1 seiner Gedichte an die Außenwand der Berliner Uni gehängt (statt die stinklangweilige Frauen-sind-wie-Blumen-Poesie), ohne drunter zu erwähnen, dass es von ihm stammt – die Studenten hätten nicht bloß die sofortige Entfernung gefordert, sondern in einem Aufwasch gleich noch den Rektor und den Hausmeister gelyncht. Dieselben Leute, die im virtuellen Raum Amok laufen, sobald sie da Zigeunerschnitzel und Mohren-Apotheke lesen, drücken bei Hank beide Augen zu, streicheln verträumt über ihren Hoden und sagen dann so Sachen wie: „Bukowski war ein Prophet des anderen Amerika.“ Verstehen Sie das? Ich tu’s nicht. Aber ich bin auch kein linksliberaler Intellektueller.

    Ich kann mir diesen moralischen Spagat nur so erklären, dass die Zeitgeist-Avantgarde ihn zum einen mag, weil er seit knapp 30 Jahren unter der Erde liegt und man zum anderen bei ihm die Vulgarität und das Obszöne als reine Stilmittel ansieht, mit deren Hilfe der Autor einen tieferen Inhalt transportiert. Das stimmt, aber ist trotzdem nur die halbe Wahrheit. Gibt ne Menge Stories von Bukowski, die sind einfach nur vulgär, bar jeder dahinterstehenden Botschaft. Es sei denn, man interpretiert die Depression, die den Protagonisten pünktlich nach jedem Orgasmus überkommt, bereits als bedeutsame tiefenpsychologische Erkenntnis. Ansonsten tut Bukowski das, was jeder gute Schriftsteller am liebsten macht: er hämmert spontan eine Geschichte in die Tastatur, ohne sich vorher großartig Gedanken über darin eventuell zu transportierende Botschaften zu machen und erfreut sich an seiner Fähigkeit, Worte so aneinanderzureihen, dass der Leser sich dadurch unterhalten fühlt. Wenn das trivial ist – von mir aus. Erfrischender als vieles von dem, was die deutsche Schriftstellerzunft hervorbringt, ist es allemal.

    Um ihn richtig zu verstehen, muss man wahrscheinlich selbst Alkoholiker sein. Dann kann man seine chronische Menschenscheu (was nicht dasselbe wie Misanthropie ist), die Unfähigkeit, sich auf längere Beziehungen einzulassen, die ständige Flucht in Bier & Schnaps, das Hinübergleiten in Parallelwelten (bei ihm die Symphonien von Mahler), die Verachtung dem Dasein gegenüber – ohne allerdings Selbstmord als Ausweg zu wählen, weil sich ein letzter Funke Verstand doch beharrlich am Überleben festklammert – aufgrund eigener, ähnlich gelagerter Gefühle gut nachvollziehen. Und während des Rausches wird dem Trinker bewusst, dass all sein Tun eitel und nichtig ist. Wie winzig und irrelevant wir aus dem Blickwinkel des Universums doch sind: Weltraum-Amöben, die niemand vermisst, wenn unser Planet uns eines Tages um die Ohren fliegt.

    Stünde Bukowski morgen aus dem Grab auf und wir legten ihm seine Bücher zur Überarbeitung (z.B. das böse N-Wort ausmerzen) vor, dann würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Verbrennt alles und behaltet bloß 1 Dutzend Gedichte. Der ganze Rest war eitles Geschwätz. Und jetzt entschuldigt mich bitte; ich habe Durst und will mir ordentlich einen hinter die Binde kippen, denn in der Säuferhölle gibt’s leider nichts zu trinken.

    Lassen Sie uns zum Schluss dieser Jammer-Boomer-Kolumne ein paar Sachen festhalten:
     Bukowski ist vom Standpunkt des heutigen Zeitgeistes aus betrachtet völlig unkorrekt
     Seine Leserschaft wird überwiegend männlich sein (altersmäßig möchte ich mich nicht festlegen. Vermutlich mehr Boomer als Generation Z)
     Er ist einer der schärfsten Beobachter der dunklen Seiten des American way of lifes und der dazugehörigen Abgründe der menschlichen Natur, den ich kenne (und damit wir als Deutsche nicht sofort wieder in unseren Reflex „klar, die bösen Amis“ verfallen: es gibt selbstverständlich auch genügend dunkle Seiten unserer eigenen Lebensweise)
     Bukowski gehört zu den Top-5-Autoren des US-Literaturbetriebs des 20sten Jahrhunderts
     Dass er jahrzehntelang zu viel getrunken hat, hat seiner Schaffenskraft nicht groß geschadet. Sein Œuvre ist echt enorm
     Und – um den Bogen zurückzuschlagen zum Ausgangspunkt dieser Kolumne: NIEMAND kann ihn kopieren.

    Ein paar Lesetipps

    Hier der guten Ordnung halber noch seine Romane in chronologischer Reihenfolge (in Klammern dahinter, wie ich sie ranke):
     Post Office/ Der Mann mit der Ledertasche (1)
     Factotum/ Faktotum (5)
     Women/ Das Liebesleben der Hyäne (4)
     Ham on Rye/ Das Schlimmste kommt noch (2)
    Hollywood (6)
     Pulp/ Pulp – ausgeträumt (3)

    Als Einstieg in seine Kurzgeschichten empfehle ich: Fuck Machine (entnommen aus dem größeren Band: Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness). Und wer wissen will, was für Gedichte der alte Mann aus East Hollywood schrieb, dem sei Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang ans Herz gelegt.

    Und nun möchte ich mit diesen 2 Zitaten schließen:

    Neulich Abend habe ich mit einem Freund getrunken, der meinte, oder vielleicht sagte ich es auch selbst: „Es ist schwer, den Geruch der eigenen Kacke nicht zu mögen“. Wir unterhielten uns darüber, wie wir nach getaner Arbeit unsere Haufen betrachten und der Anblick uns mit Stolz erfüllt.
    © Bukowski über Bukowski, in: Held außer Betrieb, Stories und Essays 1946 bis 1992

    Er schaufelte sich Kohle in den Schädel und Diamanten sprühen aus seinen Fingern.
    © Tom Waits (auf dem Buchdeckel von: Held außer Betrieb)

    +++

    Charles Bukowski
    * 16. August 1920 als Heinrich Karl Bukowski in Andernach; † 9. März 1994 in San Pedro, Los Angeles.

    C.B. wuchs während der Wirtschaftskrise in Los Angeles auf. Schon als Kind ein Außenseiter, fand er früh Halt bei Literatur und Alkohol. Unzählige schlecht bezahlte Jobs und ein Leben in billigen Absteigen, erste Short Story mit 24, lebensgefährliche Magenblutung mit 35. Erst mit 50 konnte er vom Schreiben leben, wurde auch in Deutschland Kultautor. Seit seinem Tod wird weiter aus dem Nachlass veröffentlicht, eine literarische Gesellschaft, die seinen Namen trägt, gegründet und sein alter Hinterhof zum Kulturerbe erklärt. Heute ist Bukowski ein moderner Klassiker.
    © Kurz-Cv in: Held außer Betrieb

  • Eine weißhaarige Fut

    Eine weißhaarige Fut

    »Charles Bukowski ist ein Trivialautor. Seine Bücher sind schmuddelig«, sagte die Oberschwester der Andernacher Suchtklinik, als Herbert und ich von unserem Abendspaziergang zurückkamen.
    »Sie haben keine Ahnung!«, sagte Herbert, der ein großer Fan von Bukowski war und zehn Bücher des Trivialautors mit in den Entzug genommen hatte. Ich bewunderte Menschen wie ihn. Wenn ich in den Entzug ging, hatte ich außer den Klamotten, die ich am Körper trug, nichts dabei und musste mir die Zahnbürste vom Klinikpersonal leihen.
    »Sie haben echt KEINE Ahnung, Schwester«, sagte Herbert nochmal. »Bukowski ist der GRÖßTE US-amerikanische Schriftsteller nach dem zweiten Weltkrieg. Wer was anderes behauptet, hat von Literatur keine Ahnung.«
    »Wie viele Distra bekommen Sie zur Nacht?«, erkundigte sich die Oberschwester bei Herbert.
    »Noch 4.«
    »Komisch, auf meinem Plan stehen bloß 2.«
    »Das kann nicht sein. Hundert Prozent sind es 4.«
    »Wenn auf dem Plan nur 2 draufstehen, darf ich Ihnen auch nur 2 geben. Tut mir leid.«
    »Rufen Sie den Arzt vom Dienst. Sofort!«, schrie Herbert.
    »Der ist unterwegs. Kommt frühestens in 5, 6 Stunden zurück. Bis dahin schlafen Sie schon«, sagte die Oberschwester und gab Herbert die 2 Distra.

    »Und Sie, Herr Hirsch, was halten Sie von Bukowski?«, wandte sich die Oberschwester nun an mich.
    »Ein interessanter Autor«, sagte ich, »aber ich kenne ehrlich gesagt nicht allzu viel von ihm. Das was ich bisher gelesen habe, ließ sich recht einfach lesen. Ist halt großenteils trivial und an manchen Stellen wirklich schmuddelig.«
    »Wie viele Pillen bekommen Sie heute Abend?«
    »4.«
    »Stimmt: 4. Steht so auch im Plan drin«, sagte die Oberschwester und drückte mir 4 Distra in die Hand.

    »Du bist ein Arsch«, sagte Herbert, als wir wieder draußen auf dem Flur standen. Er war das erste Mal im Entzug und musste die Spielregeln der Klinik noch lernen. Heute Nacht, zitternd, mit zu wenig Pillen im Bauch, würde er sie begreifen.

    Von Andernach nach L.A.

    Henry Charles – ursprünglich getauft auf die schönen deutschen Vornamen Heinrich und Karl – Bukowski wurde am schwül-heißen 16. August 1920 – übrigens ein Montag –, Uhrzeit von der Hebamme nicht protokolliert, in Andernach geboren. Ein beschauliches Städtchen , malerisch gelegen am Fuß der Vulkaneifel mit sehenswertem Blick über den Rhein – der hier Stromkilometer 612 durchfließt – auf die am jenseitigen Ufer schroff ansteigenden Hügel des Westerwalds. In der Aktienstraße 12 (keine Ahnung, welche Aktien dort jemals gehandelt wurden) in einer Erdgeschosswohnung, in der heute ein Karnevalsshop traditionelle Prinzengarde- & Funkemariechenkostüme und Fastnachtsorden vertreibt, was dem großen Dichter sicher sehr gefallen hätte. Vater Henry Bukowski sen. war als Besatzungssoldat nach WK1 für ein paar Jahre im Rheinland stationiert worden, patrouillierte tagsüber den Fluss entlang und stellte abends den einheimischen Mädchen nach. Wie man es als anständiger Besatzungssoldat halt so tut. Dabei verguckte er sich in die damals reizend anzusehende und mit ihren Reizen nicht geizende Andernacherin Katharina Fett, schwängerte und – auf sanften Druck der zukünftigen Schwiegerfamilie hin – ehelichte diese. Die Romantischer-Mittelrhein-Periode währte nur kurz. 1923 übersiedelte die Familie nach Los Angeles. Heinrich Karl – mittlerweile zu Charles Henry amerikanisiert –, der zeitlebens gerne deftig nach Hausfrauenart aß und sich von seinem Onkel (mütterlicherseits) Heinrich jede Weihnachten ein paar Pullen Müller-Thurgau (lieblich) aus dem Ahrtal nach East Hollywood schicken ließ, wird seine Heimat nun für lange Zeit nicht wiedersehen. Ein einziges Mal anlässlich einer Deutschlandtournee, die er auf Einladung seines Übersetzers und engen Freunds Carl Weissner absolvierte, kehrte er Ende der 70er Jahre für 24 Stunden in seine Geburtsstadt zurück.

    Klein-Charles spricht anfangs Englisch mit einem starken deutschen Akzent, wird deshalb – und wegen seiner starken Akne – von den anderen Kindern gehänselt, begreift schnell, dass er anders ist, sondert sich ab. Seinen Vater schildert er in Briefen und einzelnen Textfragmenten als sehr streng, teils cholerisch mit Hang zu häuslichen Prügelorgien. Es gibt sogar eine Kurzgeschichte – Titel ist mir leider entfallen – in der der junge Charles seinen Vater krankenhausreif schlägt, bevor er das Elternhaus für immer verlässt. Wie viel daran Realität ist, und wie viel dazu erfunden wurde? Keine Ahnung. Die Mutter beschreibt er als still, genau wie er unter der Tyrannei des Vaters leidend. Charles verbringt viel Zeit in der kommunalen Bibliothek, kommt dort mit den Werken von Sinclair Lewis, D.H.Lawrence, John Dos Passos, Sherwood Anderson, Ernest Hemingway und den russischen Autoren in Berührung, verschlingt deren Bücher. 1939 schreibt er sich am Los Angeles City College für das neue Fach Journalistik ein, bricht das Studium jedoch nach kurzer Zeit wieder ab, beginnt seine Wanderjahre, die ihn kreuz und quer durch die USA führen. Er jobbt als Briefträger, Verkäufer in einem Antiquitätenshop, hängt im Akkord Schweinehälften im Schlachthof an Eisenhaken, macht die Tür in nem Striplokal in Texas, pflückt Äpfel und Pfirsiche auf südkalifornischen Obstplantagen. Allein die Liste seiner Hilfstätigkeiten würde eine komplette Kolumne füllen.

    Nach ner Magenblutung beginnt Bukowski mit dem Gedichteschreiben

    1943 wird er gemustert und aufgrund physischer sowie mentaler Unzulänglichkeiten als untauglich für den Militärdienst eingestuft, weshalb ihm ein Einsatz an den Fronten des Zweiten Weltkrieges erspart bleibt. Hat ihm vielleicht das Leben gerettet. Denn von diesen Fronten im Pazifik und in Europa sind viele G.I.s gar nicht oder als Krüppel zurückgekehrt.

    Ab 1952 probiert er sich drei Jahre lang als Briefträger. 1954 wird er wegen einer Magenblutung, die beinahe tödlich verläuft, in ein Krankenhaus eingeliefert und beginnt danach mit dem Gedichteschreiben. 1958 erneut zur Post, diesmal im Innendienst. Elf stupide Jahre als Briefsortierer. Diese Erlebnisse verarbeitet er in seinem ersten – 1971 erschienenen – Roman Der Mann mit der Ledertasche. Er schreibt nachts und am Wochenende für diverse Magazine, die Namen tragen wie: Sparrow Press, Harlequin, Open City und The Outsider.

    Er gilt als ungeschliffenes Juwel, ist bekannt bei Underground-Insidern, befindet sich jedoch von literarischem Ruhm noch so weit entfernt wie Wladimir Putin vom Friedensnobelpreis.

    Seit den frühen 70er Jahren konzentriert sich Bukowski nur noch aufs Schreiben, mit dem er sich anfangs mehr schlecht als recht über Wasser hält. Die Schilderungen seiner verschimmelten Apartments in East Hollywood, in denen die Farbe von der Decke bröckelt, die Wasserhähne chronisch lecken und die Klospülungen nie funktionieren, sind Legion. Der schriftstellerische Erfolg mitsamt den dazugehörigen Tantiemen stellt sich erst in den 80ern ein. Bukowski zieht nun von Downtown nach San Pedro. Vom Kiez in einen noblen Vorort. Böse Zungen behaupten, dass von diesem Moment an auch seine Schreibe zahmer, müder, beinahe altersmild wird. Auf seiner klapprigen Olympia Traveller de Luxe tippt er ohne Unterlass bis kurz vor seinem Tod, der ihn im März 1994 ereilt. Ein unglaubliches Œuvre, das er hinterlassen hat: 6 Romane, hunderte Kurzgeschichten, tausende Gedichte, mehrere Regalmeter voller Briefe.

    Bukowski war einige Male fest liiert – davon zweimal verheiratet – und hat eine Tochter, Marina Louise (*1964), an der er sehr hing, und die in Interviews zärtlich von ihm als liebevollem Vater spricht.

    Beim Dichten und wenn ihn der Blues packte – was häufig gemeinsam passierte – hörte er gerne Musik von Mahler, Beethoven, Schumann, Wagner, Bruckner und in späteren Jahren Bach.

    Mit diesem soliden Hintergrundwissen ausgestattet wollen wir uns nun einige seiner Texte zu Gemüte führen.

    Nichts riecht so fein wie guter, sauberer Schweiß

    Beginnen wir mit zwei, qua Zufallsstichprobe ausgewählten, kurzen Passagen aus seinen Romanen:

    Sie hatten diese Sache, die sie Schulung nannten, dreißig Minuten in jeder Nacht, und in der Zeit brauchten wir wenigstens keine Post zu sortieren
    […]
    »Nichts riecht so fein wie guter sauberer Schweiß, doch nichts riecht schlimmer als alter, abgestandener Schweiß.«
    […]
    »Ich möchte, daß Sie verstehen, daß wir unter allen Umständen sparen müssen! Über eines müssen Sie sich im klaren sein: JEDER BRIEF, DEN SIE VERTEILEN – JEDE SEKUNDE, JEDE MINUTE, JEDE STUNDE, JEDEN TAG, JEDE WOCHE – JEDER BRIEF, DEN SIE ZUSÄTZLICH ZU DER VORGESCHRIEBENEN ANZAHL VERTEILEN, TRÄGT DAZU BEI, DIE RUSSEN ZU BESIEGEN! So, das ist alles für heute. Bevor Sie weggehen, bekommen Sie noch Ihre Tabelle mit den Zustellbezirken.
    Tabelle mit den Zustellbezirken. Was war denn das?
    Einer ging herum und teilte diese Listen aus.
    »Chinaski?«, sagte er.
    »Ja?«
    »Sie haben Bezirk 9.«
    »Danke«, sagte ich.
    © Der Mann mit der Ledertasche, Kap. 18

    Können Sie den Schweiß, der aus 50 Briefsortierer-Achselhöhlen während der mitternächtlichen Unterrichtseinheit durch den Schulungsraum wabert, förmlich riechen? Also, ich kann es. Und dass die Russen alsbald kommen, wusste noch mein Vater bis weit in die 80er Jahre hinein zu berichten.

    Der Mann mit der Ledertasche war Bukowskis erster Roman. Nix Langes: 200 Taschenbuchseiten. Ginge auch noch für ne Novelle durch. Die Rohfassung angeblich binnen vier Wochen zu Papier gebracht. Kann man, wenn man vier Wochen lang nicht kocht, duscht und staubsaugt sicher schaffen. Danach sieht man aus wie der Penner, der einen immer am Eingangsportal der S-Bahnstation um nen Euro anhaut, und riecht auch nicht besser. Aber man hält stolz 200 Seiten Manuskript in den Händen. Sein Erstling ist mMn der beste Roman von Bukowski. Weil er hier halt seine sonst manchmal etwas ermüdende Sauf-Fick-Rennbahn-Kohle-im-Striplokal-verprassen-Handlung mit einer ordentlichen Portion Sozialkritik anreichert. Wer Mann mit der Ledertasche gelesen hat, möchte ums Verrecken nicht bei der Post arbeiten. Weder als Briefträger noch als Sortierer im Innendienst.

    Ich war 50 und hatte seit vier Jahren keine Frau mehr im Bett gehabt. Es ergab sich einfach nichts mit Frauen. Ich sah sie an, wenn sie mir auf der Straße oder sonstwo begegneten, doch ich sah sie ohne Verlangen an und mit einem Gefühl von Vergeblichkeit. Ich onanierte viel, doch die Vorstellung, ein Verhältnis mit einer Frau zu haben, selbst ohne Sex, war für mich in weite Ferne gerückt.
    © Das Liebesleben der Hyäne, Kap. 1

    Liebesleben der Hyäne war übrigens der erste Roman, den ich – auf Empfehlung eines Kumpels hin – von Bukowski las. Muss so um 1985 herum gewesen sein. Wie ich das damals als viel Zeit habender Student gerne mit Büchern, die mir gefielen, tat: an einem verregneten Wochenende in einem Rutsch durch. Wow!, sagte ich im Anschluss zu mir selbst, dieser Autor hat’s drauf. Und ich besorgte mir umgehend den zweiten Roman, Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend, dem ich noch ein drittes Buch, Faktotum, folgen ließ. Danach hatte ich erstmal genug von Bukowski. Mich faszinierte seine schnörkellose Sprache, sein Mut, Obszönes und Unappetitliches unbeschönigt zu Papier zu bringen, sein sich in den Dunkelgrau-Bereichen der menschlichen Existenz Bewegen. Aber dieses beständige Sich-in-den-Dunkelgrau-Bereichen-Bewegen ließ mich nach diesen drei Büchern auch an meine Sättigungsgrenze geraten. Ich wusste nun – oder glaubte als Student, der noch nicht richtig trocken hinter den Ohren war, zu wissen – was Bukowski mir und der Welt mitteilen wollte: Das Leben ist eines der härtesten, zu ertragen bloß mit Unmengen Alkohol, Verachtung jeglichen Konsums, der über die rein primäre Bedürfnisbefriedigung hinausgeht, und Frauen bumst man, man verliebt sich aber nicht in sie. Botschaft, die ich zwar zu 50 Prozent damals teilte, deren häufige Wiederholung in den drei o.g. Romanen mich jedoch alsbald langweilte. Ich legte Bukowski beiseite, las andere Autoren, verliebte mich ein paar Mal, versuchte eine Zeit lang, ein erfolgreicher und gut verdienender Geschäftsmann zu werden, heiratete, beschäftigte mich mit Ehefrau und Kindern, sorgte mich um die Liquidität auf unserem Bankkonto und die pünktliche Ratenzahlung fürs kleine Haus, das wir uns gekauft hatten, und verlor bei dieser täglichen Ameisentätigkeit den Grantler aus East Hollywood komplett aus den Augen.

    Buk hätte dazu gesagt:

    Manchmal muss man einfach ins Waschbecken pinkeln.

    Die Stripperin, die sich die Mösenhaare weiß färbte

    Ich begegnete ihm tatsächlich erst zwanzig Jahre später wieder, als Herbert, von dem Sie – falls Sie die Kolumne bis hierhin aufmerksam gelesen haben – bereits erfuhren, dass er ein Riesen-Fan des sMn größten US-amerikanischen Schriftstellers nach dem Zweiten Weltkrieg war, mit zehn Bukowski-Büchern im Gepäck in der Andernacher Suchtklinik aufschlug. Begleitet von seiner Mutter, was ich damals als etwas unmännlich empfand, denn ein richtiger Kerl wie ich ging mutterselenallein in die Klinik. Wobei ich der Ehrlichkeit halber zugeben muss, dass ich so oft in der Klinik war, dass ich beim besten Willen nicht mehr sagen kann, ob ich tatsächlich jedes Mal solo dort aufkreuzte. Die statistische Wahrscheinlichkeit legt nahe, dass ich bei insgesamt rund dreißig Aufenthalten 3x von irgendjemand dorthin begleitet worden war. Aber das ist an dieser Stelle unwichtig und nur nebenbei erzählt. Zurück zu Bukowski. Herbert, nachdem er sich tränenreich von seiner Mutter getrennt und in einem Dreierzimmer eingecheckt und erstmal seinen Rausch ausgeschlafen hatte, entpuppte sich am darauffolgenden Tag beim Mittagessen als netter und sehr belesener Mensch, mit dem man sich auch mal über was anderes als den Krankenhausfraß, die Tablettenration, die von Abteilung zu Abteilung variierte, was einige Patienten als himmelschreiende Ungerechtigkeit ansahen, und den Knackarsch der jungen Therapeutin unterhalten konnte. Er gab mir einen Band mit Kurzgeschichten und sagte: »Lies die. Die sind zum einen besser als die Romane und zum anderen im Alkoholentzug leichter verdaulich«.

    Und ich las so Sachen wie: Knochenarbeit mit einem 45er Colt, Der Tag, als wir über James Thurber sprachen, Irrenhaus in East Hollywood, Der große Kiffer-Schwindel und Eine weißhaarige Fut.

    Sie lacht und geht rüber, um das Gift zu mixen. Ich drehe mich um, damit sie’s leichter hat. Sie stellt das Glas vor mich hin.
    »Ich mag dich«, sagt sie. »Mit dir fick ich jederzeit nochmal. Für’n alten Mann bringst du ganz gute Tricks auf die Matratze.«
    »Danke. Deine weiße Perücke bringt immer das Beste aus mir raus. Ich bin abartig veranlagt. Ich steh auf junge Weiber, die so tun, als wären sie alt. Und auf alte, die so tun, als wären sie jung. Ich steh auf Strumpfhalter, Strapsen, hochhackige Latschen, hauchdünne rosarote Slips, auf das ganze geile Drumherum.«
    »Ich hab ne Nummer drauf, wo ich mir die Mösenhaare weiß färbe.«
    »Hervorragend.«
    »Trink dein Gift.«
    »Oh ja, danke.«
    »Nichts zu danken.«

    Ich trinke den Mickey und lege sie alle rein.
    © Eine weißhaarige Fut, in: Schlechte Verlierer

    Ist das obszön, ist das trivial, ist das (zu) leicht verdauliche Literatur? Keine Ahnung. Sagen Sie es mir. mMn ist es eine hervorragend dargestellte, leicht ins Groteske gesteigerte, Szene, die in nem abgeranzten Stripschuppen in der Nähe des L.A.-Güterbahnhofs spielt, in dem die Kerle entweder an der Bar über Pferdewetten diskutieren, den Stripperinnen beim Strippen zuschauen und hin und wieder mit ner Stripperin in deren verschimmeltes Zimmer verschwinden. Mehr an Botschaft steckt nicht dahinter? Nein, mehr an Botschaft steckt nicht dahinter. Muss ja nicht hinter jeder Güterbahnhof-Stripschuppen-Barszene immer gleich ne Riesenbotschaft verborgen sein. Mir persönlich reicht mitunter ne Stripperin, die sich die Möse weiß färbt, um mich gut unterhalten zu fühlen.

    Großmeister des spontanen Zeilenumbruchs

    Die Kurzgeschichten, die mir Herbert in die Hand gedrückt hatte, gefielen mir außerordentlich gut. Binnen eines Tages war ich damit durch und verlangte Nachschub. Nun gab er mir einen Band mit Bukowski-Gedichten: Nicht mit sechzig, Honey – Gedichte vom südlichen Ende der Couch.

    Und hier könnten wir nun einen uferlosen literaturtheoretischen Diskurs über das Wesen von Gedichten starten. Ist das, was uns Bukowski als Gedicht kredenzt, überhaupt ein Gedicht im strengen Deutschlehrer-Sinn? Also reimt sich, verfügt über Versmaß und Rhythmus und all solche, aus Sicht von Deutschlehrern essenzielle, Bestandteile, die Lyrik von der Prosa unterscheiden? Vergessen Sie all das, was Sie im Deutschunterricht über Poesie gelernt haben, wenn Sie Bukowski lesen. Bei ihm ähneln die Gedichte eher Kurzgeschichten und Textsplittern, bei denen die einzelnen Sätze mittels unergründlichen Zeilenumbrüchen voneinander getrennt werden. Habe darüber in den vergangenen Jahren endlose und zu keinem Ergebnis führende Diskussionen in diversen Autorenforen geführt. Wer sich streng am Wilhelm-Busch-Versmaß orientiert und alles andere für schlechte Lyrik einschätzt, wird mit Bukowski nicht glücklich werden. Für alle anderen, die es nicht so Wilhelm-Busch-dogmatisch sehen wie ihr Deutschlehrer, hier drei – wiederum zufällig ausgewählte – Gedichte vom Großmeister des Spontanzeilenumbruchs:

    DOCH EIN GUTER HAUFEN
    Ich höre immer noch von den
    alten Hunden: Männer, die
    seit Jahrzehnten schreiben
    alles Dichter, sie sitzen
    weiter an ihren Maschinen
    und schreiben
    besser denn je
    trotz Ehefrauen und Kriegen
    und Jobs und allem
    was so passiert.
    Viele konnte ich als Menschen
    oder Künstler nicht leiden
    doch ich übersah ihr
    Stehvermögen und
    ihre Fähigkeit
    sich zu verbessern.

    Diese alten Hunde
    die in verräucherten
    Buden hausen und zur
    Flasche greifen …

    Sie dreschen auf das
    Farbband – sie sind da
    um zu kämpfen.
    © aus: Roter Mercedes, Gedichte 1984-86

    EIN GENIE
    Heute hab ich im Zug einen
    genialen Jungen
    kennengelernt.
    Er war ungefähr 6 Jahre alt,
    saß direkt neben mir,
    und als der Zug an der Küste
    entlangfuhr
    sah man das Meer
    und wir schauten beide aus dem
    Fenster
    und sahen das Meer an
    und dann drehte er sich
    zu mir um
    und sagte,
    „Das is nich schön.“

    Da ging mir das zum
    ersten Mal
    auf.
    © u.a. in: Charles Bukowski, 439 Gedichte

    Bei all seiner vordergründigen Misanthropie, Bärbeißigkeit und offenkundigem Hang zu Alkohol und schnellem Sex hat Bukowski auch wunderschöne Liebesgedichte hinterlassen, von denen ich nun eins im englischen Original vorstellen werde:

    FOR JANE
    225 days under grass
    and you know more than I.
    They have long taken your blood,
    you are a dry stick in a basket.
    Is this how it works?
    In this room
    the hours of love
    still make shadows.

    When you left
    you took almost
    everything.
    I kneel in the nights
    before tigers
    that will not let me be.

    What you were
    will not happen again.
    The tigers have found me
    and I do not care.
    © in: The days run away like wild horses over the hills

    Nach 225 Tagen unter Dauerstrom verlässt sie ihn Hals über Kopf. Und er, alleine zu Hause in der ausgeräumten Wohnung sagt: „In diesem Raum werfen die Stunden unserer Liebe immer noch lange Schatten“: Wow! Prägnanter kann man Schmerz und Leere nicht ausdrücken. „Die Tiger haben mich gefunden, und mir ist es egal.“ Genau so fühlt sich Liebeskummer an, der einer mittelschweren Depression gleicht.

    Und damit soll es in dieser Kolumne genug sein mit Passagen aus Romanen & Kurzgeschichten und Bukowski-Gedichten. Was ist mit seinen Briefen, sagen Sie? Er hat doch auch ne Unmenge an Briefen hinterlassen. Ja, hat er, antworte ich. Aber Briefe sind aus meinem Verständnis heraus was Bilaterales und gemäß meiner Erziehung etwas, dessen Inhalt vertraulich ist und außer Sender und Empfänger niemand anderen was angeht. Weshalb ich fremder Leute Briefe weder lese, noch aus ihnen hier zitieren will.

    Der Misanthrop aus East Hollywood  war zeitlebens ein Liebender

    Ich möchte die Stories und Gedichte auch nicht langatmig interpretieren oder gar totanalysieren, sondern einzig auf mich und Sie wirken lassen. Wer noch über einen letzten Rest Empathie verfügt, spürt, dass sich hinter dem ganzen Dreck, dem Suff, dem häufig miesen Lyrischen Ich ein hochsensibler Mann verbirgt, der zeitlebens auf der verzweifelten Suche nach Nähe war. Ein kalifornischer Steppenwolf. Ein LIEBENDER! Es ging ihm niemals darum, sich in billigen Absteigen von fetten Nutten das Gehirn aus dem Schädel vögeln zu lassen; er will uns mit diesen grellen Bildern bloß das Dasein mit all seiner Härte aufzeigen. Niemand beschreibt den tristen Alltag der Menschen und ihre widersprüchlichen Gefühlslagen so exakt wie der misanthrope Schriftsteller aus East Hollywood. Wenn ihn die Traurigkeit ergriff – und die hätte ihn heute bei all den Trumps, Johnsons, Le Pens, Salvinis und Gaulands ganz sicher oft gepackt –, zog er sich in sein kleines Arbeitszimmer zurück und dichtete die Nächte durch. Von ihm stammt das Bonmot:

    Das Leben ist eine Illusion, hervorgerufen durch Alkoholmangel.

    Wobei dieses Zitat mittlerweile inflationär von Leuten verwendet wird, die den monatlichen Absacker mit den Kollegen aus der Buchhaltungsabteilung bei der Happy Hour in der Eckkneipe bereits als eine wilde Alkoholsause à la Barfly einstufen, bevor sie sich am Morgen danach erst zu Hause die Seele aus dem Leib kotzen, und danach ab 9h wieder brav vor ihren Bildschirm setzen, wo sie mit schmerzendem Schädel Zahlenreihen im Akkord eintippen und miteinander abgleichen. Bis zur nächsten Happy-Hour-Alkoholsause mit den Kollegen im kommenden Monat. Aber dafür kann Bukowski ja nichts.

    Besser gefällt mir dieser Spruch hier:

    Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen.

    Mein Ehrgeiz wird ständig durch meine Faulheit behindert

    Bukowskis Werk ist rein mengenmäßig betrachtet enorm. Alle Seiten ausgedruckt und übereinander gelegt erhielte man vermutlich einen Stapel in der Größenordnung des Kölner Fernsehturms. Sie kennen den Kölner Fernsehturm nicht? Ist völlig okay. Lohnt auf jeden Fall nicht, nur für diesen architektonisch belanglosen Fernsehturm nach Köln zu fahren. Hoch ist er übrigens 266 Meter.

    Solch ein Output ist schon erstaunlich für einen Mann, der einst sagte:

    My ambition is handicapped by my laziness.

    Ich behaupte, dass ICH, was tägliches Schreiben anbelangt, SEHR viel fauler bin als Bukowski. Schon das Tippen dieser mittlerweile 3000 Wörter langen Kolumne bereitet mir so langsam schlechte Laune. Mehr als zwei Stunden sitze ich nicht gerne an einem Text. Aber wie viele Stunden, Nächte – und das über Jahrzehnte hinweg – muss Bukowski vor seiner Schreibmaschine verbracht haben? Zum einen der kreative Schaffensakt, zum anderen die Korrekturen am Morgen darauf. Und das immer mit 2 bis 3 Promille in der Blutbahn? Ich kann das nicht so richtig glauben. Wenn man säuft, dann säuft man. Wenn man säuft und dabei noch was schreibt, dann schreibt man erfahrungsgemäß nicht allzu viel. Ne Seite max. Und diese Seite ist am Morgen darauf oft so fehlerbehaftet bis hin zu unverständlich, dass man sie in 95 Prozent der Fälle in die Mülltonne schmeißt, statt sie mühsam zu korrigieren. Soll heißen: kreativ sein unter Alkoholeinfluss ist möglich, der Output dürfte jedoch bei täglicher Zufuhr eher nach unten gehen und nicht ansteigen. Was mich vermuten lässt, dass Bukowski zwar trinken konnte wie Spencer Tracey und Harald Juhnke, wenn die zusammen Party feierten, allerdings zwischendurch auch längere trockene Perioden kannte, in denen er seine Stories produzierte. Gibt auch böse Zungen, die behaupten, dass er die Trunkenheit bei Lesungen nur spielte, in der Whiskeyflasche vor ihm gar kein Whiskey, sondern Kamillentee drin war. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Ich war zu jung, um Bukowski-Lesungen zu besuchen, und den Trick mit dem Kamillentee hätte ich vor vierzig Jahren eh noch nicht gekannt. Die letzten Jahre seines Lebens war Bukowski abstinent. Ein Umstand, der in seiner Rezeption erstaunlicherweise wenig Beachtung findet.

    Alter-Sack-Geschichten für Alte-Sack-Leser?

    Bukowski mag man entweder und erkennt in seinen Geschichten den fortwährenden Stachel im Arsch der amerikanischen Gesellschaft, oder man hält ihn für einen Trivialautor. Etwas dazwischen ist aus meiner Beobachtung heraus nicht möglich. Wobei es vielleicht auch irgendwas dazwischen gibt. Keine Ahnung.

    Kann durchaus sein, dass Bukowski Alter-Sack-Autor-Geschichten für Alte-Sack-Leser geschrieben hat. Kann ich als Alter-Sack-Leser nicht beurteilen. Vielleicht gibt’s aber auch junge Säcke und Frauen und Transen, die seine Stories lieben. Ihm wär‘s wahrscheinlich egal gewesen, wie sich seine Zielgruppe altersmäßig und geschlechterseitig zusammensetzt. In seiner frühen Phase hätte er sich vor allem dafür interessiert, von seinem Agenten nen schnellen Hunderter für eine Geschichte zu bekommen und später wollte er vor allem seine Ruhe haben.

    Ich lese 2 oder 3, max. 5 Stories von ihm, klappe das Buch zu, lese einen Monat später wieder ein paar Geschichten. Bei den Gedichten schaffe ich mehr am Stück, aber auch bei denen ist mein Tagesquantum irgendwann erreicht. Von den Romanen – Ausnahme sein Erstling (Der) Mann mit der Ledertasche lasse ich die Finger weg. Die sind nicht so meins. Zu viel Text für unterm Strich zu wenig Handlung. Aber das ist natürlich alles individuelle Geschmackssache.

    Und damit möchte ich nach knapp 4000(!!) Wörtern zum Ende dieser Kolumne kommen. Bukowski ist für mich der wahrhaftigste und unprätentiöseste Erzähler banaler und häufig ordinärer Alltagsgeschichten, den ich kenne. An ihn heran reicht noch Carver, aber danach kommt lange nichts.

    Happy birthday, Mr. Bukowski!

    Habe die Story mit der Stripperin, die sich die Möse weiß färbt, heute wieder mit Vergnügen gelesen. Und aufs Vergnügen kommt es ja beim Lesen auch an, oder?

    PS. Die organisierte deutsche Fan-Dependance, die sich den schönen Namen Charles-Bukowski-Gesellschaft gegeben hat, plante ursprünglich für das Jubiläumsjahr eine Menge Lesungen kreuz und quer über die Republik verstreut und Gastauftritte von noch lebenden Wegbegleitern des großen Dirty old man der US-Literatur. Diese fielen nun Corona-bedingt allesamt ins Wasser, sollen aber 2021 nachgeholt werden unter dem Motto: Bukowski wird 100+1 — Wir feiern!