Schlagwort: Heidegger

  • Richtig streiten #4: Prinzipien und die herrschende Meinung

    Richtig streiten #4: Prinzipien und die herrschende Meinung

    Die Logik des Begründens von Meinungen soll uns in dieser Serie beschäftigen. Dazu müssen jedoch immer noch einige Vorarbeiten geleistet werden, die das Feld, auf dem diese Logik wirkt, genauer beschreiben und damit den Gegenstand, das vernünftige Streiten um Meinungen, erst einmal hinreichend genau bestimmen. Schon diese Beschreibung liefert uns wertvolle Einsichten, auch wenn sie noch nicht die Logik des Streitens sind.

    Im ersten Teil dieser Serie hatte ich das vernünftige Sprechen durch die Bereitschaft des Sprechers bestimmt, für seine Meinung Begründungen anzugeben. Das begründete Sprechen hatte ich mit dem vernünftigen Sprechen identifiziert und die Ablehnung der Angabe von Gründen als unvernünftig gekennzeichnet.
    Allerdings kennen wir im Alltag viele Situationen, in denen eine Person es als absurd empfindet, Begründungen für ihre Meinung angeben zu sollen. Häufig stimmt sie darin mit der Mehrzahl derer überein, die sich an dem Gespräch beteiligen, in welchem die Meinung geäußert wurde.

    Golfspieler vor einem Waldbrand

    Ein aktuelles Beispiel soll das erläutern: Vor einigen Tagen (die Erstveröffentlichung dieses Beitrags war am 10. Dezember 2018) wurde in sozialen Online-Netzwerken häufig ein Bild gepostet, auf dem Personen beim Golfspiel zu sehen waren, während im Hintergrund ein Wald brannte. Ein verlinkter Artikel erläuterte, dass das Bild anlässlich der aktuellen Waldbrände in den USA aufgenommen worden war und dass die Golfspieler durch einen Fluss von dem brennenden Waldgebiet getrennt waren.

    Die Kommentatoren zu diesem Bild waren ziemlich einhellig der Meinung, dass sich die Golfspieler falsch verhalten. Mehr noch: Für viele war das Bild ein klares Symbol dafür, dass auf der Welt, in der Gesellschaft, etwas völlig falsch laufe. Das Golfspielen in Sichtweite eines Waldbrandes wurde einhellig abgelehnt, die Reaktionen reichten von Unverständnis für die Golfspieler bis zu offener Empörung über ihr Verhalten. Diese Meinungen wurden nicht begründet oder erläutert, sondern übereinstimmend und kurz schlicht geäußert.

    Wer in so einer Situation nach Begründungen fragt oder nachfragt, was die Personen auf dem Bild denn besseres tun sollten, muss ebenfalls mit Ablehnung rechnen, die von Unverständnis bis Empörung reicht. Nachfragen dieser Art werden für gewöhnlich nicht beantwortet, vielmehr wird die Beantwortung ausdrücklich abgelehnt.

    Meinungen, die keiner Begründung bedürfen

    Das Beispiel zeigt, dass es Meinungen geben kann, die in den Augen der Person, die sie äußert, keiner Begründung bedürfen. Oft weiß sie sich dabei mit einer Gemeinschaft von Sprechern einig. In dieser Gemeinschaft würde man eher sagen, dass es unvernünftig ist, eine Begründung zu fordern, als dass man es als vernünftig ansieht, hier eine Begründung zu geben.

    Müssen wir die Bestimmung des vernünftigen Sprechens als Bereitschaft zur Angabe von Gründen modifizieren? Oder müssen wir sagen, dass ein solches Verhalten des Sprechers und der Gemeinschaft, zu der er gehört, eben unvernünftig ist? Bevor wir uns leichtfertig dafür entscheiden, die Verweigerung einer Begründung für bestimmte Meinungen als unvernünftig anzusehen, sollten wir uns daran erinnern, dass es wohl für jeden zumindest Überzeugungen gibt, für die er die Angabe von Gründen ablehnt. Ich bin z.B. davon überzeugt, dass ich der Sohn zweier konkreter lebender Personen, meiner Eltern, bin. Wenn das jemand bezweifelt, könnte ich zwar Gründe beibringen, würde das aber normalerweise als absurd und überflüssig ansehen und wohl auch ablehnen. Genauso bin ich gemeinsam mit vielen Menschen in meiner Umgebung davon überzeugt, dass die Erde schon seit einem sehr langen Zeitraum existiert. Auch dafür gilt: Wenn das jemand bestreitet, könnte ich zwar Begründungen heraussuchen und angeben, aber ich würde es doch, wohl in Übereinstimmung mit vielen meiner Freude und Bekannten, als unsinnig ansehen. Vielmehr würden wir uns fragen, was mit demjenigen, der da Zweifel hat, nicht in Ordnung ist.

    Was für solche Überzeugungen gilt, gilt auch für Meinungen. Mit vielen anderen bin ich der Meinung, dass Meinungsfreiheit eine gute Sache ist, und wir machen uns Sorgen, wenn sie eingeschränkt und verletzt wird. Wenn uns jemand nach Begründungen für unsere Sorge um die Meinungsfreiheit fragt, kann es sein, dass wir ihm mit Unverständnis begegnen und eine Begründung ablehnen.

    Schließlich sei erwähnt, dass schon Aristoteles es für einen Mangel an Bildung hielt, für alles Begründungen zu fordern. Zur Vernunft gehört es seiner Meinung nach auch, zu wissen, wann das Fragen ein Ende haben muss.[1] Wir müssen Aristoteles hier nicht zustimmen, aber trotzdem sollten die Beispiele ein Hinweis darauf sein, dass die Ablehnung des Begründens nicht unbedingt unvernünftig ist. Das Prinzip der Nachsichtigkeit sollte uns auf der Suche nach einer vernünftigen Interpretation einer solchen Ablehnung leiten.

    Genau genommen ist das Verhalten unserer Sprecher nämlich gar keine Verweigerung des Begründens. Als Grund wird jeweils eine andere Meinung angegeben, die lautet: „Ich bin sicher, dass diese Überzeugung keiner weiteren Begründung bedarf. Und die Gemeinschaft der Sprecher, zu der ich gehöre, zeigt mir mit ihrer Zustimmung, dass ich damit recht habe. Wenn du da Zweifel anmeldest, müsstest du deinerseits erst einmal sagen, wie du deinen Zweifel begründest.“[2]

    Die Verweigerung einer Begründung für eine Meinung kann also durchaus selbst als Begründung angesehen werden. Sie sagt: Diese Meinung bringt eine grundlegende Überzeugung von mir zum Ausdruck, und die Tatsache, dass andere mit mir diese Grundüberzeugung teilen und dass zudem auch diese anderen der Meinung sind, dass das nicht weiter begründet werden muss, zeigt mir, dass meine Meinung selbst begründet ist: In unserem gemeinsamen Grundverständnis davon, was überhaupt richtig sein kann.

    „Herrscht“ die Meinung?

    Man könnte solche nicht weiter zu begründenden Meinungen als „herrschende Meinungen“ bezeichnen, aber ein solches Verständnis kann auch in die Irre führen. Richtig ist: Wer solche Meinungen nicht anerkennt, wer auch für sie Begründungen fordert, die anders sind als nur Verweise darauf, dass diese Meinung nun mal zu den grundlegenden Überzeugungen der Gemeinschaft gehört, wird zumeist aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. Insofern „herrscht“ die Meinung.[3] Aber diejenigen, die die Meinung „haben“, müssen sich nicht unterworfen fühlen, sie werden also nicht beherrscht – jedenfalls ist das nicht zwingend.

    Das bemerkt man auch, wenn man darüber nachdenkt, was mit einem selbst passiert, wenn eigene grundsätzliche Meinungen in Frage gestellt werden. Wenn Alice eine Meinung vertritt, die etwa mit den moralischen Vorstellungen von Bob nicht übereinstimmt, wird Bob nicht unbedingt sagen können, warum er diese Meinung ablehnt. Schon gar nicht wird er sich auf eine „herrschende Meinung“ berufen. Er weiß aber sicher, dass mit Alices Meinung etwas „nicht stimmt“.

    Solche grundsätzlichen Meinungen können auch mit dem Satz begründet werden: „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der so etwas üblich ist“. Sie haben dann also mit dem moralischen Wertesystem des Sprechers zu tun. Es ist hier nicht der Platz, die Herkunft und die „Wirkungsweise“ sowie die Veränderlichkeit dieses moralischen Kompasses zu untersuchen. Klar ist aber, dass Moral etwas ist, was nicht in jedem Einzelfall begründet werden kann, sondern selbst eine – wenigstens vorläufige – letzte Begründungsinstanz ist.

    Das heißt nicht, dass es nicht auch Meinungen gibt, die nur geäußert werden oder denen nur zugestimmt wird, weil sie in der Gemeinschaft, zu der man gehört und gehören will, allgemeiner Konsens sind. Es ist auch möglich, dass die Begründung der Meinung an diese Gemeinschaft delegiert wird, und dass der einzelne es gar nicht für nötig hält, selbst über Gründe für seine Meinung nachzudenken, weil ihm die Tatsache, dass die Gemeinschaft diese Meinung vertritt, schon Grund genug ist. Dann ist es tatsächlich die Meinung, welche herrscht. Niemand konkretes muss die Meinung wirklich begründbar haben, es genügt, dass jeder weiß, dass die anderen diese Meinung auch vertreten werden. So kann ein jeder die betreffende Meinung äußern und kann sich sicher sein, dass die Bestätigung dieser Meinung durch die anderen die eigene Zugehörigkeit zur Gemeinschaft bestärkt.

    Eine philosophische Unzufriedenheit

    Aus philosophischer Perspektive können wir mit dieser Situation natürlich überhaupt nicht zufrieden sein. Zwar müssen wir zunächst akzeptieren, dass es einerseits Meinungsäußerungen gibt, die sich allein auf grundsätzliche Wertesysteme berufen, und andererseits solche, die sich nur auf den Konsens der Gemeinschaft stützen. Da aber weder die Grundüberzeugungen des Einzelnen noch der Konsens einer Gemeinschaft für einen Dritten überzeugend sein müssen, stellt sich die Frage, wie der Streit mit einem Dritten möglich ist, der diese Überzeugungen und diesen Konsens eben nicht teilt. Der Streit mit einem solchen Dritten führt womöglich dazu, dass der Konsens und die Grundüberzeugungen sich verschieben oder wenigstens fragwürdig werden. Das würde zu einer Logik des Streitens dazugehören.

    Zum anderen haben die Überlegungen dieses Textes gezeigt, dass es offenbar ganz verschiedene Arten des vernünftigen Begründens gibt, die genauer differenziert werden müssen. Es gibt Begründungen, die Gründe für Meinungen geben sollen, die selbst wieder Meinungen sind. Mit diesem Begründen verbleiben wir in der sprachlichen Sphäre. Dann gibt es aber auch Begründungen, die diese Sphäre verlassen: das eigene moralische System, der Konsens der Gemeinschaft. Diese Begründungen verweisen auf noch andere Sphären. So kann es z.B. um die Stabilität der Gemeinschaft oder um das persönliche Wohlbefinden gehen. Außersprachliche Gründe wirken sicherlich auf andere Weise auf den Streit zurück als sprachliche. Das wird noch genauer zu untersuchen sein.

     

    [1] Aristoteles spricht in der Metaphysik (4. Buch, Kapitel 4) über die grundlegendsten Prinzipien der Wissenschaft. Er schreibt: „Manche verlangen nun aus Mangel an Bildung, man solle auch dies beweisen; denn Mangel an Bildung ist es, wenn man nicht weiß, wofür ein Beweis zu suchen ist, und wofür nicht“ (1006a). Das, was Aristoteles (genauer, sein Übersetzer) hier „Bildung“ nennt, könnte man genauer als die Ausbildung und Einübung der Normen einer Gemeinschaft bezeichnen. Für uns interessant ist, dass diejenigen Überzeugungen, die keines Beweises bedürfen, von Aristoteles als die „Prinzipien“ bezeichnet werden. Ein Begriff, der uns im alltäglichen Sprachgebrauch auch heute genau in diesem Sinne begegnet. „Ich habe meine Prinzipien“ ist ein Verweis auf eben solche Grundüberzeugungen, an denen jemand festhält und die er nicht weiterführen begründungsbedürftig hält.

    [2] Wir werden uns mit der Logik des Zweifels später noch genauer beschäftigen. Hier möchte ich schon einmal den Hinweis auf Ludwig Wittgensteins „Über Gewissheit“ geben, von dem ich auch die Art dieser Beispiele übernommen habe.

    [3] Martin Heidegger spricht im §27 von Sein und Zeit von der „Diktatur“ des Man. „Weil Das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, dass ‚man‘ sich ständig auf es beruft.“

  • Lasst uns teilen!

    Lasst uns teilen!

    Wenn der Mensch nicht hungert, nicht Krieg und Not ausgesetzt ist, und wenn er nicht durch Naturkatastrophen, Missgeschick oder Bösartigkeit anderer um Hab und Gut gebracht ist, dann bleibt ihm doch eine große Sorge: sein eigentliches Leben zu verpassen. Andreas Weber will, dass wir deshalb mehr teilen. Manchmal, wenn wir kurz innehalten im Trott oder im Galopp des Alltags, dann fragen wir uns, ob wir unsere Lebenszeit nicht verschwenden, ob wir nicht den falschen Dingen nachjagen oder uns von den falschen Leuten treiben lassen. Und gerade in der modernen westlichen Welt, in der der Hunger und die existenzielle materielle Not selten geworden sind, verdächtigen wir die Ordnung der Gesellschaft selbst, daran schuld zu sein, dass wir ein falsches Leben führen, dass wir uns falsche Prioritäten vorgaukeln lassen und dass wir alle zusammen und jeder einzelne von uns in eine falsche Richtung rennen.

    Andreas Weber: Teilen ist eine hohle Phrase

    Andreas Weber geht in seinem Buch Sein und Teilen genau von dieser Zeitdiagnose aus. Unsere Welt sieht er von einem Kapitalismus beherrscht, dessen Devise ist „Teile nicht! Vernichte!“, wir leben seiner Meinung nach in einer „Gesellschaft zerstörerischer Egoismen“. Der Imperativ des Teilens ist für Weber zu einer „hohlen Phrase“ verkommen und durch den Imperativ des Raffens ersetzt.

    Dem will der Andreas Weber etwas entgegensetzen. Er will das Teilen attraktiv machen, denn er meint, dass moralische Appelle nichts nützen. Stattdessen will Weber ein Umdenken in Gang setzen, das es attraktiv macht, dem Raffen und Vernichten zu entsagen und zu einem teilenden Sein überzugehen.

    Man muss der fundamentalen Kapitalismuskritik nicht folgen um der empathischen Forderung nach einem Überdenken unserer Handlungsprinzipien etwas abzugewinnen. Das, was Andreas Weber hier im Kern diagnostiziert, haben schon Hegel und spätestens Marx als Entfremdung beschrieben, und Heidegger hat mit seinem Fragen nach dem „eigentlichen Seinkönnen“ in „Sein und Zeit“ eine analytische Beschreibung der defizitären Seinsmodi des modernen Menschen beigetragen. Vieles, nicht nur der Titel von Webers Streitschrift, klingt nach Heideggers Kritik der modernen Gesellschaft, die insbesondere im Spätwerk explizit geworden ist. Es ist erstaunlich, dass Weber zwar selbst im Titel seines Buchs auf Heidegger anspielt, diesen aber im ganzen Buch nicht erwähnt – vielleicht ein zeitgemäßes Zugeständnis eines Autors, der doch ganz unzeitgemäß erscheinen will.

    Was hat Andreas Weber uns zu bieten, um das Teilen attraktiv zu machen? Sein Text ist ein Rundgang durch die Möglichkeiten des Teilens. Er beginnt mit der Einsicht, dass alles Leben ein Teilen ist, ein Geben und Nehmen. Dass jeder von uns Teil ist und nur in diesem Teil-Sein auch Selbst sein kann. Das ist zugleich schon die zentrale These, das wichtigste Argument Webers, das er im Verlauf seines Gedankengangs immer aufs Neue stützen und Untermauern möchte: Ein Individuum wird der Mensch nicht durch Abgrenzung und Unterscheidung, sondern durch Teilen und Integration. Sich als Teil eines umfassenden Ganzen zu verstehen, muss nicht bedeuten, in diesem Ganzen unterzugehen oder am Ende nur ein Rädchen im Getriebe zu sein, vielmehr kann dieses Selbstverständnis uns dazu bringen, ein wirkliches individuelles Selbstbewusstsein zu gewinnen.

    Teilen bringt uns zu uns selbst

    Andreas Weber will uns ein Umdenken attraktiv machen, nicht aus einer moralischen Verantwortung heraus, sondern aus dem Argument heraus, dass jeden von uns das Teilen zu sich selbst bringt. Dazu muss aber das Denken selbst sich wandeln, es darf nicht bei der rationalen Logik beginnen, es muss beim Fühlen anfangen. Im Fühlen, sagt Weber, erfahren wir die Welt in existenzieller Betroffenheit. Fühlen ist „die eigentliche Realität des Lebendigen“ und „Lebendigsein heißt Wirklichsein“. Indem wir fühlen, kommen wir mit allem in Verbindung und gewinnen so unsere Identität.

    Das mag etwas blumig klingen und es soll wohl auch so klingen. Man könnte die gleichen Gedanken wohl auch sachlicher ausdrücken, aber möglicherweise denkt Weber, dass er uns nur durch diese Sprache aus der Sachlichkeit des Effizienzdenkens herausreißen und in das Fühlen hineinziehen kann. Dafür wird jede Leserin und jeder Leser unterschiedlich empfänglich sein. Aber wenn man sich auf den Fluss des fühlenden Denkens bei Andreas Weber einlässt, und wenn man seine radikale Kapitalismuskritik teilt oder nachsichtig übersieht, hat man ein anregendes Buch vor sind, nach dessen Lektüre man durchaus einen anderen Blick auf sich selbst und das eigene Sein gewonnen hat.

  • Einfach Hegel lesen?

    Einfach Hegel lesen?

    Über Philosophen wie Heidegger und Hegel kursieren hartnäckige Vorurteile: Sie seien dunkel und schwer verständlich. Manchmal wird sogar behauptet, diese Denker hätten sich absichtlich so unklar ausgedrückt, um nur von wenigen verstanden zu werden.

    Das hält viele davon ab, sich überhaupt mit diesen Philosophen zu beschäftigen. Man meint, man müsse erst ein langwieriges Studium absolviert haben, um eine Chance zu haben, Heidegger oder Hegel „zu verstehen“.

    Aber wer weiß schon, ob man einen Text richtig „verstanden“ hat? Welcher Experte könnte behaupten, zu wissen, was ein Hegel wirklich gemeint hat? Und was wäre damit gewonnen?

    Wer ein philosophisches Problem wälzt, kann in der Lektüre eines Hegel-Werkes Anregung und Hinweise finden, unerwartete Zusammenhänge werden sichtbar, nicht bedachtes wird deutlich. Und darauf kommt es letztlich an.

  • Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Thomas Vašek: Experiment Online-Debatte

    Jörg Friedrich: Herr Vašek, Sie haben in den vergangenen Monaten mit Ihrem Hashtag #SchlussMitHeidegger in Hohe Luft und bei Facebook selbst eine große Online-Debatte ausgelöst und befeuert. Welche neuen Chancen sehen Sie in solchen Debatten?

    Thomas Vašek: Für mich sind Online-Debatten immer Experimente. Was kann man im digitalen Raum machen, wie reagieren die Leute? Das Netz ist zunächst mal für mich ein faszinierendes Forum für eine Philosophiezeitschrift, etwas auszuprobieren, weil wir schnell sehen, wie die Leser reagieren. Diese Reaktionen haben Online Besonderheiten, die man aus Print nicht kennt.

    Im Fall der Heidegger-Debatte gab es ja zunächst den Beitrag von mir im Heft. Dann hat sich die Frage gestellt, was kann man damit online machen. Spontan kam die Idee, mit dem Hashtag eine kleine Aktion zu starten. Das Schöne ist, dass es auf diese Weise möglich war, das Heidegger-Thema ganz schnell und auf eine provokative Art und Weise in den philosophischen Netz-Diskurs hineinzuschießen. Man konnte die Reaktionen in Echtzeit beobachten: Verstörung, Irritation, Ablehnung, denken Sie an Ihre eigene negative Reaktion bei Facebook. Das Tolle war, dass wir damit ganz schnell eine Provokation auslösen konnten, die wir in Print nicht hätten erreichen können.

    JF: Aber schadet nicht diese Schnelligkeit, die online möglich ist und auch erwartet wird, der Tiefe der philosophischen Debatte?

    TV: Das ist ein sehr guter Punkt. Ich hatte ja gesagt, für mich sind diese Online-Debatten Experimente, aus denen man auch lernt. Ich würde so einen Hashtag wie #SchlussMitHeidegger heute wohl nicht mehr machen, aufgrund dieser Erfahrungen. Das heißt nicht, dass es verkehrt war, es hat etwas ausgelöst, es hat Reaktionen provoziert. Aber Sie haben völlig Recht, dass gerade bei philosophischen Themen durch das Provokative und den Zwang zur Schnelligkeit auch die Gefahr besteht, dass eine wirkliche Diskussion erschwert wird.

    Im Prinzip steckt in Online-Plattformen im Netz für die Philosophie aber das Potenzial, die Athenische Agora wiederzubeleben. Das sage ich nicht, weil es gut klingt. Allerdings gibt es eben auch Einschränkungen.

    JF: Sie haben in der Heidegger Debatte ja eine Kombination aus Beiträgen von Experten und Online-Diskussionen gewählt.

    TV: Es gab in der Heidegger-Debatte ja zuerst den längeren Beitrag von mir und dann einige Monate später einen Schwerpunkt im Heft rund um die Siegener Tagung. Da hat sich gezeigt, dass es für eine zweimonatig erscheinende Zeitschrift wie Hohe Luft ganz schwierig ist, eine solche Diskussion nur im Print zu führen. Schon zum ersten Beitrag gab es eine Vielzahl von Kommentaren, das hat sich dann noch verstärkt rund um die Siegener Tagung. Es gab einen großen Bedarf, auch von Fachleuten, sich zu Heidegger zu äußern. Im Print haben wir nur eine begrenzte Seitenzahl. Außerdem interessiert das Thema Heidegger zwar viele, aber doch nicht alle Leser.

    Wir haben uns deshalb entschieden, nur einen Teil der Beiträge im Print zu bringen, und auch die mit einem deutlichen Verweis auf die Online-Diskussion. Viele Beiträge haben wir nur online veröffentlicht. Die Hoffnung war, dass die Leser, die sich dafür interessieren, die Diskussion online weiter verfolgen, verbunden mit der Möglichkeit, online einen argumentativen philosophischen Schlagabtausch zu führen. Das funktioniert bis zum heutigen Tage ganz gut. Ich habe hier schon wieder die neueste Antwort von Richard Wolin auf das Interview mit dem Verleger Klostermann – da müssen wir schon aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Aber die Dynamik, die man da erzeugen kann, ist schon toll. Das fordert die Philosophen, die Fachleute, natürlich auch. Man kann sich für das Verfassen eines gediegenen Beitrags nicht zwei Monate Zeit lassen. Das ist etwas Neues. Wenn etwa Sidonine Kellerer auf Trawny reagiert oder umgekehrt, dann haben die Leute die Möglichkeit, schnell zu reagieren, anderseits eben auch den Druck, das zu tun.

    JF: Nun kann man natürlich fragen, ob das der philosophischen Debatte gut tut. Heidegger ist ein Thema, das uns seit Jahrzehnten beschäftigt und das uns noch lange beschäftigen wird. Da kommt es doch auf zwei Monate nicht an! Ist es wirklich notwendig, da so ein Tempo reinzubringen, wie es in einer Online-Debatte zwangsläufig entsteht?

    TV: Ja, gut, ich kann Sie schon verstehen. Meine Antwort hat zwei Teile. Die journalistische Antwort auf Ihre Frage ist: Das Thema ist nun mal aktuell und wenn Sie im Netz die Möglichkeit haben, etwas dazu zu machen, sehe ich keinen Grund, der dagegen spricht.

    Das zweite ist das Grundsätzlichere, das auch über die Heidegger-Diskussion hinausgeht. Die Geschwindigkeit des Netzes verbunden mit der sofortigen und universellen Verfügbarkeit der Artikel, die nun nicht in irgendwelchen schwer zugänglichen Fachzeitschriften stehen, sondern im Netz für jeden einsehbar sind, erzeugt natürlich einen Druck. Ich gebe Ihnen völlig Recht, dass darin auch ein gewisses Risiko liegt.

    Ich will Ihnen aber sagen, dass das auch in der Eigenverantwortung der Akteure liegt, sich auf diese Schnelligkeit einzulassen oder das eben nicht zu tun. Peter Trawny etwa hat sich entschlossen, auf den polemischen Beitrag von Sidonine Kellerer nicht zu reagieren, obwohl wir es ihm angeboten haben. Richard Wolin hingegen reagiert sofort darauf. Da muss eben jeder selbst entscheiden, was für ihn angemessen ist. Das ist auch ein psychologisches Problem. Und die Intellektuellen, die Philosophen insbesondere, waren es eben bisher auch nicht so gewohnt, mit ihren Beiträgen so exponiert zu sein. Wenn etwa der Verleger Klostermann jetzt im Netz seine Heidegger-Ausgabe verteidigt und damit aber auch angreifbar wird für jeden, der da draufklickt und meint er hätte was dazu zu sagen.

    JF: Das kann ja durchaus auch der Lebensnähe der Philosophie förderlich sein, wenn man so herausgefordert wird.

    TV: Ja, das glaube ich schon. Dieser Druck, der da entsteht, hat eben eine negative und eine positive Seite. Es entsteht auch ein Druck, sich anders, verständlicher, klarer auszudrücken, als man das in einer Fachpublikation tun würde. Außerdem sind die Beiträge im Netz ja auch deutlich kürzer, weil die Leute wissen – das ist jedenfalls die allgemeine Überzeugung – das Artikel im Netz nicht zu lang sein dürfen. Das zwingt die Diskutanten dazu, sich kurz und prägnant auszudrücken und auf die 50 Fußnoten, die sie gern gemacht hätten, zu verzichten.

    JF: Gutes Stichwort: Wir machen ja hier ein Interview, das online veröffentlicht wird. Deshalb müssen auch wir uns kurz und prägnant halten. Letzte Frage. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigen Themen, die in der Online-Debatte jetzt und in Zukunft eine Rolle spielen werden?

    TV: Es wird Sie nicht überraschen, wenn sage, dass das Flüchtlingsthema ganz weit vorne steht. Philosophisch heißt das, dass wir über das Fremde und das Eigene, über Identität und Toleranz diskutieren müssen.

    Das andere ist, dass wir selbstreflexiv im Netz über das Netz diskutieren müssen. Wie kriegen wir den Hass, vor allem den Fremdenhass aus dem Netz raus? Welche Funktion hat das Netz überhaupt? Es wird sich die Frage stellen, in welche Richtung wir solche Diskussionen auf zivilisiertem Niveau führen.

    Weiterhin wird uns die Digitalisierung aller Lebensbereiche beschäftigen. Das ist ja auch ein Thema, das Sie umtreibt…

    JF: Abschließend: Wir werden diese Debatten sicherlich auch bei DieKolumnisten führen, wie denken Sie über eine Plattform, die Debatte zu ihrem Schwerpunkt macht?

    TV: Online-Debatte ist ja vor allem auch eine Sache, die Spaß macht. Den Spaßfaktor darf man nicht unterschätzen. Deshalb freue ich mich über das Entstehen dieser Plattform. Man hat ja bei Online-Debatten immer den Eindruck, dass sich da richtig was tut. Erinnern Sie sich an unsere Facebook-Diskussion über Heidegger, auch wenn nur 10 Leute dabei waren, man wartet immer gebannt auf die Reaktion des anderen. Das kann richtig Spaß machen.

    Thomas Vašek ist Chefredakteur der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft.

    Die hier erwähnten Beiträge zur Heidegger-Debatte von Thomas Vašek, Sidonine Kellerer, Peter Trawny und Richard Wolin kann man auf der Homepage von Hohe Luft nachlesen.