Schlagwort: Historischer Roman

  • Waltari lesen (2)

    Waltari lesen (2)

    Der Mann, der Pate stand für eine Rockband und einen Asteroiden

    Turms der Unsterbliche

    »Jetzt wissen wir, was ein Waltari ist«, sagten sie auf der letzten Redaktionssitzung, die dieses Mal in Heinrichs Gartenlaube stattfand. »Hat der denn noch mehr als den Sinuhe geschrieben? Ein Roman alleine reicht nicht aus, um als Stern am Himmel der Histo-Autoren zu gelten.«
    »Klar«, antwortete ich, »bestimmt ein Dutzend.«
    »Dann tipp eine weitere Rezi bis Mittwochabend«, lautete der neue Auftrag an mich.
    »Immer dieser Zeitstress. Ich gebe Gas.«
    »Tu das.« Mit diesen Worten endete unsere wöchentliche Konferenz.


    Mika Waltari im Jahr 1935 
    (Quelle: Wikipedia. Foto gemeinfrei)

    Die bereits ihren Zeitgenossen etwas unwirklich erscheinenden Etrusker

    Welchen Roman sollte ich nun auswählen? Ich erinnerte mich daran, dass ein Facebookfreund mir den Turms ans Herz gelegt hatte. Ich durchforstete mein kleines Bücherregal und entdeckte dort – eingezwängt zwischen Geschichte der O und dem alten Schulatlas von Diercke – die Etruskerstory in einer Weltbild-Verlagsausgabe von 1995. Gekauft vermutlich bei einem Flohmarktbesuch vor vielen Jahren. Ich schlage die leicht vergilbten Seiten auf und freue mich bereits über den ersten Satz:

    Ich, Lars Turms, der Unsterbliche, erwachte dem Frühling entgegen und sah, dass die Erde zu grünen begonnen hatte.

    Sofort erinnere ich mich an den Rest der Erzählung, denn wie nahezu alle Romane Waltaris habe ich auch diesen bestimmt schon drei Mal gelesen.

    Mittelmeerantike an der Wende des sechsten zum fünften vorchristlichen Jahrhundert. Griechische Hochblüte in Athen, Korinth, Theben und Süditalien; das persische Großreich hat sich Ionien einverleibt und bedroht das griechische Mutterland; in Tunesien sitzen die phönizischen Karthager, die sich vor allem für freie Handelswege interessieren, Rom entwächst langsam den Kinderschuhen  und  testet die Schlagkraft seiner Nachbarn. Nördlich der immerfort hungrigen Wölfin stoßen wir auf eine Kultur, von der man lange gar nicht so genau wusste, ob es sie überhaupt jemals gegeben hatte, und die bis zu ihrem Ende stets etwas unwirklich blieb: die Etrusker.

    Die eine Theorie besagt, dass sie um 1000 vuZ von Kleinasien herkommend in Mittelitalien einsickerten. These 2 lässt dieses Volk autochthon – also: aus sich selbst heraus an Ort und Stelle – entstehen. Ihre Sprache, soweit man sie bisher rekonstruieren konnte, ähnelt einem auf der Insel Lemnos gesprochenen Idiom; die Schrift – von rechts nach links geschrieben – basiert auf dem griechischen Alphabet. Sie gründeten Stadtstaaten, die miteinander einen heiligen Zwölfbund schlossen. Die wichtigsten hießen: Veji, Tarquinia, Arezzo, Perugia, Cortona und Clusium. Die Blütezeit dauerte von 600 bis 480 vuZ.  Danach Niedergang und ständige Territorialverluste an Rom. 79 vuZ kapitulierte als letzte Stadt Volterra; Etrurien hörte auf zu existieren und ging im Imperium Romanum auf.

    Kleine Odyssee von Ionien bis Sizilien

    Turms wird als Kind von Clusium (heute: Chiusi. Provinz Siena) nach Milet verschleppt, wo er beim Philosophen Heraklit in die Schule geht, bevor er aufgrund eines Blitzschlags, den er wie durch ein Wunder überlebt, sein Gedächtnis verliert und sich beim Erwachen aus der Ohnmacht nicht mehr an seine etruskischen Wurzeln erinnern kann. Von nun an glaubt er sich als einen gebürtigen Ionier, dem die Geister der Vergangenheit allerdings hin und wieder in seinen Träumen erscheinen. Er nimmt am Aufstand der Lydier gegen die persische Besatzung teil – der niedergeschlagen wird –, steckt dabei versehentlich einen Tempel in Brand und muss das Land fluchtartig verlassen. Seine kleine Odyssee führt ihn über zahlreiche ägäische Inseln, mit Zwischenstopp auf dem griechischen Festland schließlich nach Sizilien: Drehkreuz des antiken Fernhandels, bereits im 5ten vorchristlichen Jahrhundert Kornkammer und heißumkämpfte Grenze der Einflusssphären zweier Großmächte: Griechenland und Karthago, die dort beide Stützpunkte unterhalten. Die einheimische Bevölkerung wird entweder von fremden Statthaltern regiert, oder ist ins unwegsame Inland geflüchtet. Turms strandet in Himera: an der Nordküste gelegene dorische Kolonie. Hier beginnt nun die eigentliche Geschichte.

    Wir aber starrten vor Schmutz, stanken und waren krank, vom Salzwasser zerfressen, mit Quetschwunden übersät und so erschöpft, dass wir Trugbilder in Form von gehörnten Seeungeheuern und Nymphen des Poseidon sahen. Als wir endlich den blauen Schatten des Festlandes im Westen entdeckten und von der Wirklichkeit der nahen Küsten überzeugt waren, brachen wir in Tränen aus, und die Männer begannen zu fordern, dass Dionysios an der nächstliegenden Küste an Land gehen sollte, gleichgültig, ob es Afrika oder Italien wäre, ob es von Karthagern oder Griechen bewohnt sei.

    In Himera lernt Turms Kumpel Dorieus eine wohlhabende Witwe kennen, die die beiden jungen Männer bei sich aufnimmt. Schnell werden Hochzeitspläne geschmiedet, die von den Priestern der Aphrodite im Tempel zu Eryx (heute: Erice am äußersten Westzipfel der Insel) besiegelt werden sollen. Turms lernt dort das bildhübsche Medium der Göttin kennen, verliebt sich in die Dame und entführt sie nach Himera. Der frischvermählte Dorieus bekommt einen Höhenflug, hält sich plötzlich für den Urenkel des Herakles, finanziert mit dem Vermögen der Witwe eine kleine Armee und bricht zur Eroberung der Nachbarstadt auf. Die Sache scheitert, Dorieus stirbt, Turms und Arsinoe – die frühere Priesterin der Aphrodite – fliehen ins Landesinnere, wo sie einem Stamm Sikanen – Ureinwohner – in die Hände fallen und die nächsten fünf Jahre in bescheidenen Verhältnissen in der sizilischen Wildnis verbringen. Turms, der ohnehin schon über die Gabe des Zweiten Gesichts verfügt, lässt sich von Schamanen in die Geheimnisse der Naturpharmazie einweihen. Arsinoe bringt einen Sohn zur Welt. Vater ist allerdings nicht Turms sondern Dorieus. Zwei Jahre später wird eine Schwester geboren. Ein griechischer Händler, der bei den Sikanen Waffen gegen Felle eintauscht, überredet Arsinoe, mit ihm in die Zivilisation zurückzukehren. Turms erklärt sich einverstanden, will aber nach Norden in Richtung Etrurien aufbrechen, während Arsinoe dem Griechen nach Ionien folgen möchte. Es entbrennt ein Streit, die beiden trennen sich, Turms besteigt wutentbrannt ein Schiff, betrügt auf der Überfahrt zum ersten und einzigen Mal seine Frau mit dem Hausmädchen Hannah und landet einige Wochen später in Ostia, wo er erstaunt feststellt, dass Arsinoe ihn dort bereits erwartet.  Es beginnt jetzt der römische Abschnitt des Romans.

    Dann sah ich mit eigenen Augen die Hügel Roms, die auf ihren Gipfeln entstandenen Dörfer, die Mauer, die Brücke und einige Tempel. Die Brücke war geschickt aus Holz gebaut, und die längste Brücke, die ich jemals gesehen, wenn auch eine Insel im Fluss sie stützte. Die Etrusker hatten sie gebaut, um ihre durch den Strom getrennten unzähligen Städte durch Landwege zu verbinden. Die Römer hielten diese Brücke für so wichtig, dass ihr oberster Priester noch den aus der Zeit der Etrusker überlieferten Titel Oberbrückenbauer führte. Die Rohheit der Sitten beweist vermutlich am besten die Tatsache, dass die Römer die Instandhaltung der Brücke ihren obersten Priestern übertrugen, wenn auch die Etrusker mit dem Namen Brückenbauer einen Mann meinen, der ein Mittler zwischen den Menschen und den Göttern war. Die Holzbrücke war lediglich das äußere Symbol der unsichtbaren Brücke. Aber die Römer verstanden alles, was die Etrusker sie lehrten, wörtlich.

    Die stets hungrige Wölfin

    Rom um 485 vuZ: junge Republik, der letzte König (ein Etrusker) 25 Jahre zuvor vertrieben, Auseinandersetzungen zwischen Aristokratie und Plebejern bestimmen das Geschehen. Stadtstaat mit eng begrenzter Herrschaftsfläche. Ständig bedroht von Volskern, Sabinern und Veji. Patriarchalische Gesellschaftsform, die Aristokraten mit ihrem Pflichtgefühl ähneln preußischen Landjunkern, (nach außen hin) hohe Moralstandards, drakonische Strafen drohen bereits bei kleinen Gesetzesverstößen, Geringschätzung von Kultur und Bildung, Misstrauen gegenüber Fremden, andauernder latenter Kriegszustand. Unsere beiden Protagonisten finden Unterschlupf bei einem verwitweten Senator. Turms unterrichtet die Kinder in Griechisch, Arsinoe begleitet den Alten auf dessen Geschäftsreisen. Da der Held keinerlei Anstalten zeigt, Karriere machen zu wollen, sondern sich mit dem Job des Hauslehrers begnügt, kommt es, wie es kommen muss: Arsinoe entscheidet sich für den Senator, verlässt Turms und verkauft kurz vorher Hannah an einen phönizischen Sklavenhändler.

    Wenn sie lieber Reichtum, Sicherheit und eine gehobene Stellung in Rom an der Seite eines freundlichen Greises statt meiner wählte, warum sollte ich ihre Ruhe stören? Der Krug war zerschlagen und der Wein ausgelaufen.

    Turms kehrt gemeinsam mit der kleinen Tochter Misme Rom den Rücken und wandert Richtung Norden. In Veji taucht er ein in die Welt der Etrusker, die ihn sofort als einen der ihren erkennen.

    Die geheimnisvoll wunderbaren und mit warmen Farben bemalten Tonfiguren auf dem Tempeldach stellten Artemis dar, wie sie ihren Hirsch gegen Herakles verteidigt. Die anderen Götter hatten sich mit ihren göttlichen Gesichtern lächelnd um sie versammelt, um diesem Kampf zuzusehen. Ich stieg die Treppe empor und trat durch den Säulengang und das Tor ein. Ein schläfriger Tempeldiener bespritzte mich mit seinem Weihwasserwedel. Immer sicherer wurde in mir das Gefühl, dass ich den gleichen Augenblick schon einmal erlebt hatte.

    Heimkehr nach Etrurien

    Wir sind jetzt im letzten Viertel der Erzählung angelangt: Turms langsames Begreifen, dass seine Wiege nicht in Ionien sondern in der Toscana stand. Xenodotos, der griechische Händler erscheint plötzlich wieder auf der Bildfläche, entpuppt sich als persischer Spion und überzeugt Turms und dessen etruskische Freunde davon, sich gemeinsam mit den Karthagern der von Xerxes gegen Athen geschmiedeten Allianz anzuschließen. Der als Schlacht von Himera – 480 vuZ – in die Geschichtsbücher eingegangene Versuch, Sizilien den Griechen zu entreißen, scheitert. Die Phönizier müssen sämtliche Stützpunkte auf der Insel räumen, die Etrusker verlieren ihre Flotte. Der gleichzeitige persische Vormarsch im griechischen Mutterland gerät bei den Thermopylen ins Stocken. An dieser Stelle weht kurz ein Hauch von Weltgeschichte durch den Roman. Turms schlägt sich bis nach Rom durch, wird dort verhaftet und wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt. In letzter Minute rettet ihn die mittlerweile ergraute Arsinoe und verhilft ihm zur Flucht. Vorher gesteht sie ihm, dass weder Sohn noch Tochter von ihm stammen, während das verkaufte Hausmädchen seinen Samen im Leibe trug. Gebrochenen Herzens kehrt er nach Etrurien zurück, wo er in Clusium als seit vierzig Jahren vermisster Erbe des kürzlich verstorbenen Königs bereits erwartet und von der Bevölkerung frenetisch gefeiert wird. Die Priester hatten die Wiederkunft des verlorengegangenen Sohns schon seit langem vorhergesagt.

    »Unser Augur begrüßte dich bereits bei deiner ersten Ankunft in Rom, deutete dir die Omina und gab sie den Geweihten bekannt. Von der Insel, vom obersten Blitzpriester, erhielten wir die Nachricht, dass du ankämst. Der Blitz schlug aus Freude über deine Ankunft einen geschlossenen Kreis für dich. Sage, bist du unser neuer Lukumo?«

    Der Held beansprucht jedoch keinerlei weltliche Gewalt, will sich nicht mit Tagespolitik beschäftigen, sondern begnügt sich mit dem Amt des obersten Priesters und Repräsentanten der Stadt. Während Rom langsam von Süden her in Etrurien vordringt, erlebt Clusium unter Turms milder Regentschaft seine letzte Blüte.

    Melancholischer Grundton und immerwährende Liebe

    Mit Turms zeichnet Waltari einen anderen Helden, als es der Sinuhe war. Der Ägypter Arzt und als solcher vor allem auf das vertrauend, was er sehen und anfassen konnte. Der Etrusker bereits in jungen Jahren mit den Gaben der Prophezeiung und des Entfesselns von Wind – sehr nützlich bei seinen vielen Schiffsreisen – vertraut, ist halb Krieger, halb Mystiker. Beide lieben unglücklich, sind am Schluss alleine – Sinuhe in der Verbannung, Turms in seinem Palast – und bringen in jahrelanger Arbeit ihre Lebensgeschichte zu Papier. Da Waltari den auktorialen Stil – also: die Ich-Form – wählt, müssen die Protagonisten notgedrungen am Ende ihres Lebens viel Zeit mit sich selbst verbringen. Andernfalls hätten die Berichte ja nicht entstehen können. Als studierter Theologe stellt der Autor immer wieder die Frage nach den letzten Dingen. Im Turms klingt sie so:

    Aber ich bin des Gefängnisses meines Körpers überdrüssig und müde, und der anbrechende Tag ist der helle Tag meiner Befreiung … während der Todesschweiß mir auf der Stirn perlt, während die schwarzen Schleier des Todes vor meinen Augen flattern, muss ich mir die Tänze der Götter ansehen und am Göttermahl vor den Augen meines Volks teilnehmen. Dann erst wird der Vorhang geschlossen. Ich bleibe allein, um den Göttern zu begegnen und den Wein der Unsterblichkeit zu trinken … aber mehr als nach ihnen sehne ich mich nach meiner himmlischen Beschützerin. Als Lichtgestalt, als Feuergestalt wird sie ihre Flügel über mich breiten und den Atem aus meinem Mund küssen. In jenem Augenblick wird sie endlich ihren Namen mir ins Ohr flüstern, und ich werde sie erkennen … dann werden meine Ruhe und Vergessen kommen. Ein Jahrhundert, ein Jahrtausend, das ist gleichgültig. Einmal werde ich wiederkehren, ich, Turms, der Unsterbliche.

    Sinuhe befindet sich von Anfang bis Ende an den Hotspots der damaligen Weltgeschichte, ist den Mächtigen nahe, während Turms sich in der Peripherie aufhält. Sizilien ist nicht Ägypten, Rom damals noch ein unbedeutender Fleck auf der Landkarte, Etrurien hat den Höhepunkt seiner Macht bereits überschritten. Die Grundmelodie im Turms ist deshalb oft melancholisch, streckenweise morbide, der Held wird im Abstand einiger Monate von Todessehnsucht übermannt. Die zwei Jahrzehnte anhaltende Liebe zu Arsinoe, die ihn betrügt, sobald er das Haus verlässt, hat was. Als er sich endgültig von ihr trennt, rührt er im Nachgang nie mehr eine andere Frau an.

    Wie bei jedem seiner historischen Romane betrieb Waltari auch hier ein intensives Quellenstudium, sodass der Leser einen hervorragenden Einblick in die antike Welt des fünften vorchristlichen Jahrhunderts erhält. Wir begegnen Heraklit aus Milet, dem Feldherrn Hamilkar aus Karthago, den sizilischen Tyrannen Gelon und Theron, dem römischen Patrizier Coriolanus sowie dem etruskischen König Lars Porsenna. Interessant sind die fließenden Übergänge zwischen griechischer, römischer und etruskischer Götterwelt. So lässt Waltari die Aphrodite durch Arsinoe ins sittenstrenge Rom importieren, wo sie als Venus ins lokale Pantheon aufgenommen wird. Turms hingegen glaubt einzig an EINE Göttin, die sich allerdings in unterschiedlichen Erscheinungsformen zeigt.

    Schön ist die Idee, Turms zu Beginn des Romans ein Gefäß mit glattpolierten Kieseln in die Hand zu drücken, aus dem er für jedes neue Kapitel einen Stein entnimmt. Mit dem letzten Kiesel enden Buch und Leben des Helden.

    Für alle Historienfans ist auch dieser Roman ein Muss. Flott geschrieben, gute Mischung aus Abenteuer, Liebe, Tragödie und Suche nach den Dingen hinter den Dingen. Nie langweilig. Kann man an einem Wochenende – Voraussetzung: man tut nichts anderes – in einem Rutsch durchlesen.

    Das finnische Original (1955): Turms kuolematon.
    Ins Deutsche übertragen von: Wini v. Werner.

    PS. die Sache mit dem Hausmädchen Hannah geht gut aus. Sie wird aus den Fängen des Sklavenhalters befreit und reist viele Jahre später nach Clusium, wo sie Turms – der bereits als Lukomon (König) regiert – seinen Sohn vorstellt.

    In Teil 3 unternehmen wir einen Zeitsprung ins Zeitalter der Reformation und begegnen dort Karl V, Luther, Paracelsus und einer Hexe: Michael der Finne.

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  • Waltari lesen (1)

    Waltari lesen (1)

    Der Mann, der Pate stand für eine Rockband und einen Asteroiden

    Sinuhe der Ägypter

    Nachdem wir uns bei der letzten Sonntagabendredaktionssitzung darauf verständigt hatten, dass ich neben „Hank im Wohnzimmer“ und „Gesoffen wird immer“ zwischendurch auch mal eine Kolumne zu einem seriösen Thema einreichen darf und um einen Vorschlag gebeten wurde, antwortete ich spontan: Mika Waltari und erntete von den Kollegen bloß ein verständnisloses Schulterzucken: »Hä, was ist das denn? Ein neues Möbel von IKEA?« … »Ich erklär’s euch bis Dienstag«, rief ich und lief zur Tür, denn es war weit nach Mitternacht, und ich wollte zurück nach Hause, wo noch hundert unbeantwortete Facebook-Kommentare auf mich warteten.

    Mika Waltari im Jahr 1935
    (Quelle: Wikipedia. Foto gemeinfrei)

    Vor und nach Waltari

    In Anlehnung an Clemens Haas‘ Einteilung der Musikgeschichte in Vorbach, Bach und Nachbach unterscheidet man bei historischen Romanen ebenfalls drei Epochen: Vorwaltari, Waltari und Nachwaltari. Beginnen wir, weil das gut an den Anfang passt, mit seinem Kurzlebenslauf: Geboren im September 1908 als jüngster von drei Söhnen eines Pfarrers in Helsinki. Gestorben im August 1979 ebenda. Er schrieb sich an der Universität für Theologie, Literatur und Philosophie ein, beendete die Studien bereits als 21-jähriger und startete in seine Berufskarriere als Journalist, Übersetzer und Literaturkritiker. 1938 gab er sein festes Arbeitsverhältnis auf und widmete sich von nun an ausschließlich der Schriftstellerei. Er übte mit Gedichten, Erzählungen und Kriminalgeschichten, bevor er ins historische Genre wechselte. Bereits sein erster Roman, veröffentlicht 1945, bedeutete den Durchbruch: Sinuhe der Ägypter.

    Ägypten im 14ten vorchristlichen Jahrhundert, Neues Reich, 18-te Dynastie, Amenophis III stirbt, sein Sohn und Nachfolger schwört dem alten Götterglauben ab, huldigt einzig der Sonnenscheibe, nimmt den Namen Echnaton an und heiratet die bildhübsche Nofretete. Die fettgewordenen Amunpriester werden entmachtet, wandern in den Untergrund, von wo aus sie Ränke und Intrigen gegen den neuen Pharao spinnen. Der verlässt Theben, baut sich eine neue Hauptstadt 500 Kilometer flussabwärts, vernachlässigt die Außenpolitik, im Inneren bricht Bürgerkrieg zwischen den Anhängern Amuns und denen Atons aus, Hungersnöte und Seuchen breiten sich aus, die Feinde Ägyptens scharren mit den Hufen, bereiten sich auf die Invasion vor. Und von Anfang an immer dabei und mittendrin: der Arzt Sinuhe.

    Die Faszination, die Sinuhe auf den Leser ausübt, hängt stark davon ab, in welchem Alter man ihn das erste Mal in die Hand nimmt. Ich war 15, als ich das Buch von einem Mitschüler mit den Worten ausgeliehen bekam: »Da sind ein paar ganz schön schweinische Szenen drin, hö hö«. Meine Neugier war sofort geweckt. Wer aber nun auf einen Roman à la Josefine Mutzenbacher oder gar was Pornografisches spekuliert, den muss ich bereits an dieser Stelle der Kolumne enttäuschen: nichts von alledem. Hin und wieder eine kleine Orgie und einer meiner Lieblingssätze, um demokratischen Sex zu beschreiben: legten wir uns gemeinsam auf eine Matte, um uns miteinander zu erfreuen. Das war’s schon in Punkto Erotik. Geschildert werden Kindheit, Jugend, Ausbildung, Wanderjahre, Tätigkeit als königlicher Schädelbohrer und Verbannung des Protagonisten Sinuhe, der als Baby wie Moses in einem Binsenboot auf den Wellen des Nils dümpelte, wo er von seinen zukünftigen Adoptiveltern am Ostufer Thebens aus dem Fluss gefischt wird.

    Wer noch fähig ist, heiligen Schauer beim Lesen eines Textes zu empfinden, der wird schon von der Magie des ersten Satzes eingefangen:

    Dies schreibe ich, Sinuhe, der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa, nicht um die Götter Kemets zu preisen, denn der Götter bin ich überdrüssig, nicht um Pharaonen zu verherrlichen, denn auch ihrer Taten bin ich müde, sondern um meiner selbst willen schreibe ich es.

    Während er bei seinem Adoptivvater Senmut, einem Armenarzt, in die Lehre geht, streunt der junge Sinuhe durch das Nachtleben der 24/7 pulsierenden Hauptstadt. Dort lernt er Nefernefernefer, die Oberpriesterin der Katzengöttin Bastet kennen und verfällt dem doppelt so alten und völlig gefühlskalten Biest mit Haut und Haaren. Als Student versuchte ich mich daran, einzelne Kapitel neu zu schreiben. Hier Auszüge seiner Begegnung mit der Femme fatale:

    Im Tempel der Katzenpriesterin

    Nefer hatte mich zu einem Gastmahl geladen, das sie zu Ehren syrischer Kaufleute heute Abend in ihrem Tempel gab. Die Händler waren mit einer Karawane auf der langen Pharaonenstraße von Gaza über  Tanis und Memphis bis nach Theben gereist. Sie hatten Kupfer aus Zypern, schwere Stoffe aus Sidon, gewürzten Wein aus Ugarit, silberne Gefäße aus Babylon und das wertvolle hethitische Eisen geladen. Nach der wochenlangen Wanderung durch die Wüste und den Nil hinauf wollten sie heute Abend feiern und der Bastet ein Opfer bringen. Nefer als die oberste Priesterin der Katzengöttin hatte sie bei ihrer Ankunft in unserer Stadt herzlich willkommen geheißen. Als schlaue Krämer ehrten die Syrer sowohl ihre eigenen Götzen als auch die alten und ewigen Schutzherren Ägyptens.

    Der Verschnittene führte mich über mehrere Stufen und verwinkelte Flure in einen von zahllosen Kerzen beleuchteten Saal. Fremde Laute drangen in meine Ohren. Syrische Musiker spielten unbekannte Waisen auf ihren mitgebrachten Instrumenten. Sklavinnen in unterschiedlichen Hautfarben tanzten in feinen, nahezu durchsichtigen Gewändern. Darunter Schwarze aus dem Lande Kusch, Hellhäutige von den Meeresinseln und eine Gelbe aus einem fernen Gebiet am Ende der Welt weit hinter Euphrat und Tigris. Die vogelnasigen Kaufleute lärmten und zechten. Sie zupften an den Röcken der Mädchen und rissen ihnen die Kleider vom Leib. Die Frauen hockten sich kichernd auf die Knie der Männer und kraulten deren langen Bärte. Sie fütterten sich gegenseitig mit Trauben und kleinen Kuchenstücken. Eine berauschte Tänzerin hatte sich ihrer Kleider entledigt und Wein zwischen ihre Brüste gegossen, die sie mit beiden Händen zusammenpresste, damit die Flüssigkeit nicht herauslaufen konnte. Dann bot sie sich den Gästen an. Die tranken gierig und legten der Sklavin zur Belohnung Kupfermünzen auf die Zunge. Die fremde Musik wurde schneller. Das Blut stieg mir zu Kopf und hämmerte in meinen Schläfen.

    Wo war Nefer? Ich konnte die Priesterin nicht entdecken. Ich leerte Krug um Krug. Meine anfängliche Schwerelosigkeit verwandelte sich allmählich in eine bleierne Müdigkeit. Die ersten Syrer waren von ihren Polstern herabgesunken und schliefen auf dem harten Steinboden. Einige Kaufleute erbrachen sich und torkelten nach draußen. Die nackte Tänzerin taumelte weinend durch den Saal und suchte nach einem Mantel, um ihre Blöße zu bedecken.

    »Nefer, bist du es?«
    »Wer wagt es, das Wort an die Hohe Priesterin der Bastet zu richten?«
    »Dein Freund Sinuhe.«
    »Ich kenne keinen Sinuhe. Nur einen Knaben mit diesem Namen aus dem Tempel Amuns, der dort den Dreck vom Boden vor der göttlichen Statue aufwischen musste.«
    »Das war ich.« Meine Stimme zitterte.
    »Jetzt erinnere ich mich. Du sahst süß aus mit deinen braunen Locken. Es war ein Bild, wie es der Göttin gefiel.«
    »Du hast dich mit mir auf meine Matte gelegt.«
    »Ich tat es, um Bastet zu gehorchen. Die Katzengöttin hat meinen Körper benutzt. Und dir Sinuhe ist eine hohe Ehre zuteilgeworden, indem du mit mir schliefst. Wolltest du deine Jungfernschaft etwa für eine schmutzige Hafenhure aufbewahren? Du scheinst mir äußerst undankbar zu sein.«
    »Du hattest mich zu deinem heutigen Fest eingeladen.«
    »Wirklich? Ich kann mich nicht erinnern. Nun, du bist hier. Damit habe ich mein Versprechen eingelöst.«
    »Mehr ist es nicht? Ich verzehre mich nach dir, Nefer.«
    »Sinuhe, du bist ein dummer Junge. Deine Liebeskünste waren kläglich. Deine spitzen Knochen haben mir böse Flecken auf meiner Haut verursacht. Selbst dieser betrunkene Haremhab hat mir mehr Befriedigung verschafft als du. Und ihr seid im selben Alter.«
    »Du hast dich mit Haremhab ergötzt?«
    »Warum nicht? Ich bin die oberste Katzenpriesterin. Ich teile mein Lager, mit wem ich es möchte. Und nun nimm deinen nach Wein und Erbrochenem stinkenden Freund mit, bevor meine Diener ihn in den Fluss werfen, wo ihn die Krokodile fressen werden.«
    »Kann ich morgen wiederkommen, Nefer?«
    »Du langweilst mich, Sinuhe. Frage in drei Tagen nach mir. Am frühen Abend. Denn ich schlafe gewöhnlich bis in die Nachmittagsstunden hinein. Das Amt als Stellvertreterin der Bastet ist sehr kräfteraubend. Vielleicht kannst du mir einen Gefallen tun.«

    ….

    [zwei Seiten später]
    Die Wächter erkannten mich dieses Mal sofort und öffneten mir stumm das schwere bronzene Tor des Heiligtums. Ein feister schwarzer Sklave führte mich in die Gartenanlage des Tempels. In der Mitte, umgeben von künstlich bewässerten Blumenbeeten, befand sich ein kleines Schwimmbassin. Darin badete Nefer. Ihr glattrasierter Schädel glänzte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Die wohlgeformten Brüste wiegten sich an der Oberfläche des in goldenen Tönen leuchtenden Wassers. Der sorgfältig enthaarte Körper schimmerte alabasterfarben. Aus ihrem Katzengesicht lächelte mir ein kirschroter Mund entgegen.
    »Sinuhe, du glotzt wie ein dummer Karpfen. Zieh dich aus und spring zu mir ins kühle Wasser.«
    »Gerne«, stammelte ich.
    »Du bringst mich zum Lachen mit deinem kindlichen Ungestüm. Fass mich nicht an! Du versündigst dich an der Göttin.«
    »Nefer, ich verglühe. Du musst mich erhören!«
    »Die Freuden, die die Katzenpriesterin dir verschaffen kann, sind nicht umsonst.«
    »Ich bin ein armer Schüler. Mehr als ein paar Kupfermünzen kann ich dir nicht geben.«
    »Du beleidigst mich. Hältst du mich für eine alte, hässliche Dirne? Meine Dienste werden in Gold aufgewogen.«
    »Über einen solchen Reichtum verfüge ich nicht«. Meine Augen füllten sich mit Tränen der Enttäuschung.
    »Du kannst mir etwas anderes verschaffen, Sinuhe. Du bist der Assistent von Ptahor, dem königlichen Schädelbohrer?«
    »Ja, der bin ich.«
    »Er operiert hin und wieder bei euch im Haus des Lebens; oder?«
    »Ja, das tut er.«
    »Dann besorge der Göttin das Gehirn eines Patienten.«
    »Das kann ich nicht. Du verlangst zu viel von mir, Nefer.«
    »Dann wirst du mein Lager nicht teilen können. Gute Nacht. Ich habe zu tun. Neue Gäste mit wertvollen Geschenken für Bastet erwarten mich.«

    In meiner Version lässt Nefer den jungen Sinuhe das Gehirn vor ihren Augen verzehren, bevor er sich entschließt, sie zu töten. In Waltaris Original zwingt sie ihn dazu, das Haus und die Grabstelle seiner Eltern zu verkaufen, woraufhin sich die beiden Alten umbringen, ihrem missratenen Sohn jedoch einen Brief hinterlassen, in dem sie Verständnis für seinen jugendlichen Leichtsinn äußern und ihm alles verzeihen. Tief zerknirscht schuftet Sinuhe neunzig Tage lang als Helfer im Haus des Todes, wo er die Leichen der Eltern selbst ausweidet, balsamiert und für die Reise gen Westen ins Totenreich des Osiris vorbereitet. Nachdem er sie in einer Nacht- und Nebelaktion im Tal der Könige verscharrt hat, verdingt er sich als ägyptischer Spion und beginnt ein unstetes Wanderleben, das ihn an alle Hot Spots der damaligen Welt führt: Babylon, Wassukanni (Hauptstadt Mitannis. Geburtsort Nofretetes), Hattusa (Reich der Hethiter. Schlimmste Widersacher Ägyptens), Kreta, Simyra (Phönizien) und die Stadt der Himmelshöhe (Jerusalem).

    Der Roman lässt nicht mehr los

    Wer den Roman einmal in die Finger bekam, den lässt die Handlung nicht mehr los, er wird ihn mehrmals lesen, denn das Buch entwickelt Suchtcharakter. Ich habe Menschen getroffen, die in der Lage waren, einzelne Passagen wortgetreu nachzuerzählen. Jeder treue Fan weiß, dass Sinuhe am Ende der Wanderjahre, zurückgekehrt in seine Heimatstadt, dort zum königlichen Schädelbohrer und engen Vertrauten Echnatons aufsteigt. Wir lachen über den pfiffigen Diener Kaptah, wissen, dass die schmackhaftesten gebratenen Gänse in Theben serviert werden, Krokodilschwanz für die antike Variante eines Doppelkorns steht, weinen über den frühen Tod seiner Verlobten Minea, die auf Kreta dem falschen Minotaurus zum Opfer fällt, freuen uns über die späte Liebe Merit, die gemeinsam mit dem kleinen Sohn vor seinen Augen vom Pöbel erschlagen wird. Alles, was Sinuhe anfasst, endet für diejenigen, die er liebt, tragisch. Einzig er überlebt und zieht am Ende desillusioniert an einen gottverlassenen Ort am Ufer des Roten Meers, wo er seine Geschichte in jahrelanger Arbeit auf Papyrus kritzelt.

    Waltari wählte als Hintergrund seiner Erzählung einen Meilenstein der Weltgeschichte: den abrupten Übergang von der Vielgötterei zum Monotheismus. Auch wenn der Versuch damals scheiterte – Echnaton über drei Jahrtausende der Damnatio memoriae anheimfiel, bis ihn die Archäologen wieder ans Tageslicht beförderten -, die Idee blieb erhalten. Freud weist in seiner Abhandlung „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ an zahlreichen Stellen auf die Wurzeln Jahwes im alten Ägypten hin. Angeregt wurde Waltari durch den sogenannten Sinuhe-Papyrus. Dieser Text aus der Zeit der 12-ten Dynastie (Mittleres Reich) schildert zwar ebenfalls Flucht und Rückkehr eines Höflings, weist aber sonst bis auf den identischen Namen des Protas keine weiteren Parallelen zu unserem Sinuhe auf.

    Mit dem Arzt Sinuhe hat Waltari einen neuen Heldentyp geschaffen: nicht stark, nicht zornig (wie Achill), nicht gebrochen, sondern schwach. Ein Held wider Willen. Ein Held, der nur dann zum Held wird, wenn die äußeren Umstände ihm keine andere Wahl mehr lassen. Der sich aus Heldentum nichts macht, sich im Anschluss an seine Taten bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, über Selbstmord nachdenkt, dann aber – nachdem er aus der Melancholie erwacht – sofort wieder Party feiert. Ein Held, der mit Geld nicht umgehen kann, es verprasst und verschenkt. Ein Held, der sich gegen sein Gewissen zur Beteiligung an einem Giftkomplott breitschlagen lässt. Ein Held, der von den Armen keine Bezahlung verlangt, wenn er sie als Arzt behandelt. Ein Held, der manchmal feige ist, der weint und am Schluss die Schnauze gestrichen voll hat vom Leben am Hof, den ständigen Intrigen, der Schlechtigkeit der Menschen und nunmehr die Einsamkeit der Wüste der schlechten Gesellschaft Thebens vorzieht.

    Einige Kritiker glaubten, im Setting Parallelen zur finnischen Gegenwart der frühen vierziger Jahre zu erkennen. Finnland war aufgrund des deutsch-russischen Nichtangriffspakts in weiten Teilen von der Roten Armee erobert, bevor 1941 die Wehrmacht einrückt und die Sowjets zurückdrängt. Die Anhänger Amuns als Faschisten und die Atonjünger als Kommunisten. Das Volk Ägyptens wie die Finnen jahrelang unentschlossen, zu welcher Partei man halten soll. Kann man sicher tun, schmälert jedoch meiner Meinung nach eher das Vergnügen, als dass diese Betrachtungsweise den Lesegenuss steigert. Was nützt es, im obersten Amunpriester Hitler und in Echnaton Stalin zu erblicken? M.E. wenig bis gar nichts. Ich sehe in Echnaton den religiös eifernden, aber letztlich unglücklichen König, in Haremhab den anfangs treuen General, der – als die Situation ausweglos erscheint – zum Verräter wird und in Eje den habgierigen Greis, der gerne Pharao anstelle des Pharao werden möchte. Im Hintergrund die stets undurchsichtige Nofretete. Und Sinuhe ist und bleibt Sinuhe. Für ihn gibt es sowieso kein entsprechendes Pendant in der Moderne.

    Die Übersetzungen

    Waltari schrieb in Finnisch. Und da dieses Idiom außer fünf Millionen Finnen und einer netten Kölner Bekannten von mir niemand beherrscht, wurde der Roman binnen kurzer Zeit in dreißig Sprachen übersetzt. Der lakonische Stil gewürzt mit Melancholie und einer guten Prise Humor blieb im Deutschen Gottseidank erhalten. Allerdings erfolgte die Übertragung, die Charlotte Lilius vornahm, nicht aus dem finnischen Original Sinuhe egyptiläinen, sondern beruht auf der leicht gekürzten schwedischen Übertragung des Publizisten Ole Torvalds.

    Waltari beherrschte die Kunst, großes Detailwissen so locker aufzubereiten und in eine spannende Handlung einzuweben, dass man das Buch – 600 bis 800 Seiten je nach Ausgabe – in einem Rutsch binnen weniger Tage verschlingt. 2014 erschien bei Bastei Lübbe endlich die vollständige Version des Romans, was ein guter Anlass ist, ihn demnächst mal wieder in die Hand zu nehmen.

    PS.: Die Verfilmung 1954 durch Regisseur Michael Curtiz mit Edmund Purdom als Sinuhe und Peter Ustinov in der Rolle des Kaptah flimmert zwar aufgrund viel Cinemascope schön bunt, ist aber im Stil eines typischen 50er-Jahre-Hollywood-Sandalenstreifens gedreht und hat mit dem Roman einzig den Titel gemeinsam.

    In Teil 2 tauchen wir ein in die stets etwas unwirkliche Welt der Etrusker: Turms der Unsterbliche