Schlagwort: Ideologie

  • Anti-grüne Beißreflexe

    Anti-grüne Beißreflexe

    »Die Grünen sind eine verfassungsfeindliche Partei«, sagt der Mann links neben mir beim Samstagabendgrill im Garten von gemeinsamen Freunden.
    »Warum das?«, frage ich, während ich darauf achte, dass mir das Curryketchup nicht aufs Hemd läuft. Denn ne Bratwurst mit Kartoffelsalat im Stehen zu essen, sich dabei über Politik zu unterhalten und nicht zu bekleckern, ist eine Kunst für sich.
    »Weil die bei der aktuellen Negativverzinsung auch noch eine Vermögenssteuer fordern. Das geht glasklar gegen Artikel 14 Grundgesetz, der unser aller Eigentum schützen soll.«
    »Aha«, antworte ich. Habe ehrlich gesagt nur Bahnhof verstanden, weil ich mich zu sehr auf die Currywurst konzentriere und Negativzinsen mich eh nicht sonderlich interessieren.
    »Und diese ganze Demonstrierei der Jugend jeden Freitag. Von den Grünen im Hintergrund gelenkt. Die sollen lieber in der Schule aufpassen und was lernen. Wenn sie dann mal ein paar Jahre lang ihr eigenes Geld verdient haben, reden wir erneut darüber, ob die noch all die Klimaflausen im Kopf haben«, meint der Mann zu meiner Rechten.
    »Ich find’s okay, dass sie demonstrieren«, sage ich, bringe den leeren Teller in die Küche, kontrolliere mein Hemd, ob ich mich trotz aller Vorsicht eventuell doch eingesaut habe, mache mir nen Kaffee und geselle mich im Anschluss zu einer anderen Kleingruppe, die sich gerade über den Kodeinkonsum deutscher Rapper und was der für Bilder im Kopf produziert austauscht, was ich echt spannender finde als Negativzinsen.

    „Grüne sind alle Terroristen“

    Das, was meine beiden Kurzzeit-Zufallsbekannten mir bei Bratwurst und Kartoffelsalat erzählten, war allerdings Kinderkacke im Vergleich zu den täglichen, auf die Ökos zielenden Schimpftiraden in den sozialen Medien. Als ich mich vor einigen Tagen in einem Thread, in dem der mir bis dato völlig unbekannte SPD-MdB Helge Lindh abgefeiert wurde, als Wechsel- und in der logischen Konsequenz Hin-und-wieder-Grünen-Wähler outete, wurde mir fünf Minuten später diese Replik vor den Latz geknallt:

    Hm… da stellt sich mir eine Frage hinsichtlich Ihrem Sitz auf hohem moralischen Roß. Weshalb stellen Sie hier eine solch bemerkswerte geistige Schlichtheit öffentlich zur Schau? Etwa deshalb, weil schlichte gestige Struktur und infantile Selbstdarstellung zum Wesen grüner Weltanschauung gehört?

    BÄMM!

    Mein Versuch, die Situation zu entschärfen, indem ich mich sowohl zu meiner (bemerkenswerten) geistigen Schlichtheit als auch zu meinem infantilen Selbstdarstellungstrieb bekannte – trotzdem würde ich halt ab und an mein Kreuz bei den Grünen setzen – fruchtete nicht. Ich bzw. die Grünen bekamen von den jetzt im Rudel jagenden Diskussionsteilnehmern Nettigkeiten wie Ökofaschisten, Ökostalinisten, Ökoterroristen, Ökoglaubenskrieger, Ökosalafisten, Ökototalitaristen und so weiter und so öko zu hören. Nun sind ja sowohl Faschisten als auch Stalinisten nicht dafür bekannt, dass sie Macht, wenn sie die einmal in den Händen halten, freiwillig wieder hergeben, während mir noch nicht zu Ohren gekommen ist, dass die Grünen, sobald sie ne Wahl verlieren, bewaffneten Widerstand leisten oder sich weigern, von der Regierungs- auf die harte Oppositionsbank zu wechseln. Dass in grün regierten Ländern anderslautende Meinungen unterdrückt werden, wäre mir ebenfalls neu. Man muss wirklich nicht alles gut finden, was die Grünen fordern oder tun oder sie gar wählen – trotzdem fällt auf, mit welcher Häme, die sich bei einigen Kommentatoren bis hin zu Hass steigern kann, speziell diese Partei von ihren politischen Gegnern verfolgt wird. Circa ein Fünftel der Facebook-User verfällt in Schnappatmung, sobald die Begriffe Habeck, CO2 oder gar Hofreiter, Roth und Veggieday auf dem Monitor erscheinen. Schnappatmung bei gleichzeitigem Verlust der Impulskontrolle, die, sich ständig wiederholende, Beißreflexe auslösen. Eigentlich stinklangweilig, aber doch störend, weil mit dieser Piranha-Taktik die Debatte über die Klimafrage oft ins Polemische abdriftet, anstatt sie seriös zu führen. Wissenschaftliche Studien, die belegen, dass es beim Klima mittlerweile eher drei als fünf vor Zwölf ist, werden von der digitalen Piranha-Fraktion abwechselnd als Fake News oder von den Grünen verdeckt finanzierte Auftragsarbeiten abgetan.

    Anti-grüne Polemik auch bei den Bürgerlichen

    Die Hetze geht allerdings nicht nur von den üblichen Verdächtigen aus den Reihen der AfD aus, sondern es beteiligen sich ebenfalls ne Menge, sich nach außen hin gemäßigt gebende Politiker am Öko-Bashing. Da ist zum einen die FDP, die die Grünen als für die Ewigkeit fixierten Antipoden genauso zwanghaft benötigt wie Batman den Joker oder Dagobert Duck die Panzerknacker. Kein Parteitag, keine Pressemitteilung, die ohne das Lamento „sie wollen uns den Diesel und das Schnitzel wegnehmen“ auskommen. Die 24/7 Verbote ausbrütenden Ökos als teuflische Widersacher des freiheitsliebenden Helden Lindner, der die grünen Monster täglich aufs Neue bekämpfen muss, um sie an der Weltherrschaft zu hindern. Zum anderen die CDU, die, weil sie die Ökos für eine etwaige zukünftige Koalition in Berlin benötigt, etwas gedämpfter polemisiert, sich allerdings apokalyptische Warnungen à la „Wer mit den Grünen ins Bett geht, wacht mit der Linken auf“ auch nicht ganz verkneifen kann. Und schlussendlich die SPD, die sich nicht zu schade ist, mit folgendem Vergleich aufzuwarten:

    Die Grünen versuchen im Moment, alles Elend dieser Welt zu reduzieren auf die Frage des Klimawandels. Das ist genauso falsch wie die Politik der AfD, die die Migrationsfrage zum Übel der Welt erklärt hat. Beides verkürzt Politik in grotesker Weise.
    © Thorsten Schäfer-Gümbel, z.Zt. kommissarischer SPD-Vorsitzender

    Es gilt nach wie vor der Satz: Mitleid gibt’s gratis, Neid muss man sich verdienen.

    Ideologen gibt’s in jeder Partei

    Nicht totzukriegen die Fama, bei der grünen Programmatik handele es sich um pure Ideologie. Das ist in etwa so richtig wie die Behauptung, alle Liebhaber von Dirty-Harry-Filmen neigen im realen Leben zu Gewalt. Es gibt solche und solche. Also sowohl pazifistische Callahan-Fans als auch pragmatische Grüne. Zumal den drei klassischen bürgerlichen Parteien Ideologie ja selbst nicht ganz fremd ist. Sprechen Sie mal einen aus der FDP auf das Dogma Unsichtbare Hand des Marktes an oder jemanden aus der Union auf den Bereich Innere Sicherheit. Diskutieren Sie mit einem Linken über die Sinnhaftigkeit flächendeckender Enteignungen. Je nachdem, wen Sie da gerade vor sich haben, wird das, womit er Sie als überzeugter Anhänger seiner Heilslehre zutextet, nichts anderes als Ideologie sein. Verengter Tunnelblick aufgrund zu langer Parteizugehörigkeit oder frühzeitiger Verblendung. Ideologen gibt’s in allen Organisationen. Bloß, dass Union, SPD und FDP ihre jeweilige Doktrin als Sachpolitik verkaufen, während es sogar den grünen Oberrealos schwerfällt, das Odium der Weltferne gänzlich aus den Juteklamotten zu schütteln. Alternativloser Pragmatismus als Marketingtrick der bürgerlichen Troika. Dass die Grünen mehr verbieten wollen als die anderen, stammt aus derselben Gerüchtekiste. Als ob nicht auch Union und SPD täglich neue Verbote aushecken. Die Groko erinnert mitunter an ein Verbotsküchenversuchslabor.

    Um so langsam ans Ende der Kolumne zu gelangen, sei hier die grundlegende Frage gestellt: Können wir es uns leisten, die Klimafrage weiterhin auf die leichte Schulter zu nehmen oder die Sorge vor der irreversiblen Zerstörung der Umwelt als Ideologie zu geißeln? Ohne Klima kein Wirtschaften, keine Arbeitsplätze, kein Konsum, kein Fußball und keine Heidi Klum mehr im TV. Man muss bei der Beschäftigung mit dem Problem nicht in Hysterie verfallen und an die Offenbarung des Johannes erinnernde Weltuntergangsszenarien an die Wand malen, aber etwas mehr Respekt vor dem politischen Mitbewerber, der das Thema als Erster besetzt hat, tut dringend Not. Wer das grüne Auge dauerhaft geschlossen hält, wird auch auf dem schwarz-rot-gelben irgendwann erblinden.

  • Terror hat keine religiösen Motive

    Wir können nicht in die Köpfe der Terroristen hineinsehen. Weder können wir die Gedanken derer lesen, die die Befehle für Terroranschläge geben, noch können wir sicher über die Hoffnungen und Überzeugungen der Menschen sein, die die Attentate ausführen. Was sie in Bekennerschreiben und -videos äußern, kann gerade dazu gedacht sein, uns über ihre wirklichen Motive zu täuschen, das, was die Täter schreien, wenn sie schießen oder sich selbst in die Luft sprengen, kann Ergebnis einer Indoktrination sein.

    Schon deshalb sollte man der These, die Terroranschläge, welche den Westen in den letzten Jahrzehnten erschüttern, seien religiös motiviert, kritisch hinterfragen.

    Friedfertigkeit und Aggressivität

    Auf den ersten Blick spricht mehr gegen ein religiöses Motiv, als dafür. Das Motiv für eine Handlung, ihre Motivation, das ist der Handlungsantrieb, die letztliche Begründungsinstanz für das Tun. Betrachten wir Religion als eine charakteristische Menge von Überzeugungsinhalten und Handlungsrichtlinien, die aus dem Glauben an eine transzendente Instanz erwachsen. Dann fällt auf, dass offenbar jede Religion Motive sowohl für hochgradig friedfertiges Handeln als auch für äußerste Aggressivität liefern kann. Eine einzige Religion scheint zudem zu einer Zeit Motive für besondere Friedfertigkeit, zu einer anderen Zeit aber Motivation für besondere Aggressivität bereitzustellen. Das zeigt schon, dass die Motive im Kern eben nicht religiös sein können, sondern dass sie allenfalls in ein religiöses Gewand schlüpfen, dass sie sich der Religion bedienen.

    Hinzu kommt, dass wir die extreme Aggressivität, die sich im Terror äußert, auch in nicht religiösen Kontexten beobachten, und dass diese Aggressivität der so genannten religiös motivierten Aggressivität so aufs Haar gleicht. Das lässt uns vermuten, dass die eigentlichen Motive verwandt sein dürften.

    Wir kennen aus den letzten hundert Jahren den kommunistischen Terror, den faschistischen, den linksextremen und den rechtsextremen Terror. Sie alle beziehen sich nicht auf ein transendentes Wesen, zum Teil scheinen sie sich sogar gegen jede Transzendenz zu positionieren und ihre terroristische Kraft sogar aus der Ablehnung jeder Gottesanbetung zu ziehen. Man könnte natürlich sagen, dass dies alles Ideologien sind und dass Ideologien und Religionen im Wesen das Gleiche sind, oder dass Religionen spezielle Ideologien sind.

    Aber auch bei den Ideologien beobachten wir, dass es sie in sehr friedfertiger Variante als auch in extrem aggressiver Variante gibt. Also können auch die Ideologien im Kern nicht das Motiv für den Terror liefern. Das eigentliche Motiv muss außerhalb des religiös-ideologischen Bezirks liegen.

    Teil eines Ganzen sein

    Gerade wenn wir die Bandbreite der Überzeugungssysteme, die auf den ersten Blick als Motivgeber für Terror herhalten müssen, in den Blick nehmen, bekommen wir eine Spur für die eigentliche Motivation. Alle Ideologien erlauben es dem einzelnen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen, und zwar nicht nur als eines Rädchens im Uhrwerk, schon gar nicht eines unverwechselbaren, einmaligen und verantwortlichen Spielers in einer Mannschaft, sondern als eines Gleichen unter Gleichen in einem Kollektiv aus identischen Mitgliedern, die eine homogene Masse bilden. Das attraktive an solchen Gebilden ist, dass jeder sich genau in den anderen wiedererkennen kann, weil alle auf die gleiche Weise nach den gleichen Leitlinien handeln. Das macht die Welt des Kollektivs extrem einfach – denn solche Regeln müssen naturgemäß einfach zu lernen, zu erkennen und nachzuahmen sein, und die Tatsache, dass alle nach den gleichen Regeln leben, schafft Vertrauen und Stabilität.

    Religionen können auf solche Kollektivregeln reduziert werden, aber jede reale Religion ist das ganze Gegenteil. Jede von ihnen bietet eine Vielzahl von konkreten Lebensmodellen, selbst wenn ein Mensch ein ganz religiöses Leben führt. Er kann ein Mönch in einem Kloster sein, er kann ein Einsiedler sein, aber auch ein Missionar, ein Lehrer, ein Philosoph. Ein terroristisches Motiv ist dabei nicht zu finden.

    Um das Motiv des Terrors zu finden, müssen wir außerhalb der religiösen Systeme suchen, aber an einer Stelle, wo sich ein Mensch einer Religion oder einer Ideologie bedienen kann, um seine eigenen Ziele zu erreichen, die wiederum zum Terror führen.

    Es ist klar: wer sich in kollektiven Strukturen als identisches Mitglied unter gleichen sicher und geborgen fühlt, ist anfällig für Manipulation durch diktatorische Führer. Der machtbesessene Diktator muss nicht viel tun, um diese Menschen zu willigen Werkzeugen zu machen: er muss ihnen nur plausibel machen, dass sie durch die fremde, nicht identische Welt bedroht sind, dass ihre heile, geregelte Gemeinschaft der Gleichen durch die, die fremd sind, bedroht ist. Und er muss ihnen, was auch nicht schwer ist, die Überzeugung vermitteln, dass ihr geschütztes Leben in der Gemeinschaft nicht nur für sie, sondern auch für alle Menschen das eigentlich beste Leben ist, und dass jeder, der dem widersteht, die Gemeinschaft in Wahrheit bedroht.

    Manipulation und Allmachtsphantasien

    Das ist die eigentliche Motivation des Terrors: Allmachtsphantasien diktatorischer Führer, die über die Manipulation von Menschen erfüllt werden, die Angst vor Veränderung, vor dem Fremden überhaupt haben und sich nach Gleichheit und ewiger Wiederkehr des Gleichen sehnen. Das Religiöse ist nicht Motiv, sondern nur Werkzeug des herrschsüchtigen Manipulators, der den Terror als Erfüllung seiner Machtphantasien erlebt.

    Was folgt daraus? Den religiösen Menschen, welchem Glauben auch immer sie anhängen, können wir sagen: Eure Religion ist völlig in Ordnung, sie ist so gut wie jedes andere Überzeugungssystem auch. Natürlich war auch mancher Religionsstifter und manche Autorität in der Geschichte einer Religion ein manipulierender Diktator. Und selbstverständlich können religiöse Institutionen in bestimmten historischen Situationen von totalitären Strukturen durchsetzt sein.

    Man kann die Verbindung zwischen den Terroristen und ihren diffusen Unterstützermilieus nur kappen, wenn man transparent macht, dass die Motive der Terroristen im Kern eben nicht religiös sind, dass es den Terroristen allein um Machtausübung und Manipulation geht, um den Genuss der totalen Beherrschung der Anderen.

    Eine jede Religion ist, wie jedes andere ideologische Gebilde, anfällig für Manipulation. Jede Religion hat einen selbstgenügsamen und einen aggressiven Modus, der im Terror enden kann. Es kommt nicht darauf an, die eigene Religion fragwürdig zu machen, sondern in ihren selbstgenügsamen Modus zu finden, in dem der Gläubige mit anderen Gläubigen in freudiger Übereinstimmung lebt, während er die anderen so leben lässt wie sie es wollen.

    Dass jedes ideologische System letztlich anfällig für Terrorismus ist, sollte uns außerdem eine Warnung sein, gerade wenn wir uns weit entfernt von allen Religionen wähnen. Vielleicht ist niemand frei von Ideologie – vielleicht kann man es gar nicht sein. Damit lauert die Gefahr der manipulativen Verführung, die letztlich zum Terrorismus führt oder ihn rechtfertigt, aber auch überall.

    Lesen Sie auch Jörg Friedrichs Kolumne über das Böse.

  • Was ist das Böse?

    Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 taucht immer wieder „das Böse“ als Erklärungsmuster für Terroranschläge auf, zumindest, wenn sie in der westlichen Welt verübt werden. Auch nach den Anschlägen von Paris am Freitag meldeten sich Stimmen zu Wort, die vom Bösen sprachen, das nun einmal in der Welt sei und dessen Existenz und Wirksamkeit wir nicht verleugnen können. Unter dem Motto Das Gute ist stärker als das Böse riefen die Europäischen Staats- und Regierungschefs zu einer Schweigeminute auf.

    Aber was ist das Böse? Und ist es geeignet, um als Erklärungsansatz für Terror zu dienen, vielleicht sogar, um eine Idee zum praktischen Umgang mit den Gefahren des Terrorismus zu finden?

    Das Böse als politischer Kampfbegriff

    Der Begriff des Bösen ist auch in der modernen Welt nie ganz verschwunden. Er diente natürlich zur Kennzeichnung des Faschismus und des Holocaust. Später wurde, je nach politischer Lage, die Sowjetunion und das „sozialistische Lager“ als „Reich des Bösen“ bezeichnet.

    In diesen Fällen diente der Begriff des Bösen als politischer Kampfbegriff, mit dem Begriff des Bösen soll dann ein politischer Feind charakterisiert werden, mit dem man nicht friedlich verhandeln kann, der keinem Argument der eigenen Rationalität zugänglich ist. Der Feind, der als böse gekennzeichnet wird, gefährdet die eigene Existenz radikal, und muss deshalb ebenso radikal bekämpft und vernichtet werden.

    Umgekehrt wurde im Herrschaftsbereich des Sozialismus während des kalten Kriegs natürlich der „US-Imperialismus“ als böse bezeichnet, insbesondere dort, wo sich die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts militärisch engagierten. Allerdings hatte die Verwendung dort vor allem pädagogische Motive, das Wort fand eher Verwendung in Kindergärten und Grundschulen, wenn es darum ging, Kindern einen „antiimperialistischen Hass“ gegen die USA und ihre Verbündeten anzuerziehen.

    Warum wurde das US-geführte kapitalistische System (wenigstens außerhalb der Kindererziehung) nicht ebenso als böse bezeichnet? Der Grund liegt wahrscheinlich im wissenschaftlichen Erklärungsanspruch für das – vorgeblich oder tatsächlich – aggressive Verhalten des politischen Feindes. Die Gefahr, die vom Kapitalismus und dessen imperialistischer Ausprägung ausging, wurde ja ökonomisch begründet – der einzelne Kapitalist musste nicht als böser Feind angesehen werden – das System als System war bösartig – etwa vergleichbar einem Krebsgeschwür.

    Das Böse ist überall

    Wenn heute Terroristen als böse bezeichnet werden, wenn gesagt wird, dass sich im Terror das Böse zeige, dann ist darin natürlich auch noch eine politische Bedeutung hörbar, insbesondere, wenn der Begriff von Regierungschefs und Präsidenten verwendet wird. Aber wenn der Begriff in der öffentliche Debatte auftaucht und wenn er von Zuhörern akzeptiert wird, dann nicht nur als Werkzeug zur eigenen Radikalisierung der Ablehnung derer, die mit dem Begriff des Bösen charakterisiert werden.

    Wenn wir versuchen, die verschiedenen Verwendungssituationen des Begriffs auf einen Nenner zu bringen, dann fallen zwei Aspekte auf: Zum einen die Irrationalität des Bösen. Dem Bösen ist, wenigstens in seinem bösen Handeln, mit keinem Argument der Vernunft beizukommen. Die Gründe, die er für sein böses Handeln vorbringt, sind innerhalb unserer Vernunft nicht akzeptabel, und zwar absolut nicht akzeptabel. Das zweite, was zum Bösen gehört, ist, dass der Böse dem anderen seinen Willen, seine Macht, sein Weltbild, seine Normen und Verbindlichkeiten aufzwingen will.

    Diese beiden Merkmale finden wir überall, wo wir ein Verhalten intuitiv als Böse bezeichnen: Das schreiende Kind, das sich im Kassenbereich des Supermarkts zornig auf den Boden wirft und von seinen Eltern mit bloßer Körperkraft zum Weitergehen gezwungen werden kann, wird als böse bezeichnet. Linke Aktivisten sehen die US-Regierung, die Wall Street oder überhaupt den Kapitalismus als böse an, wenn sie sagen, dass sie aus bloßer irrationaler Profitgier der ganzen Welt den American Way aufzwingen wollen und dabei die Lebensgrundlagen auf der Erde vernichten.

    In der Tat ist das Böse überall, in fast allen Kulturen und fast allen Epochen gibt es die irrationalen Eiferer, die versuchen, gewaltsam ihre Art zu leben anderen Menschen aufzudrängen. Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein, das Böse scheint zum Menschen dazu zu gehören. Aber warum funktioniert das Böse? Woraus gewinnt es seine Anziehungskraft?

    Die Wirksamkeit des Bösen beruht auf dem Genuss, den es bereitet, wenn man andere Menschen, am besten zunächst gegen ihren Willen, zu einer Handlung bringen kann. Umso mehr Menschen man manipulieren kann, desto höher der Genuss. Dieser Genuss des manipulierenden Führers trifft auf den Genuss der Geführten an der kollektiven Aktion, dem Gemeinschaftserlebnis, dem Rausch der Gleichheit, die den kleinen Einzelnen plötzlich zu einem kollektiven Großen macht.

    Diese Paarung aus Führer und Masse beobachten wir im Rockkonzert ebenso wie auf der politischen Großdemonstration und eben auch im Terrorismus. Zum Bösen wird dieser Genuss dadurch, dass der Führer die manipulierte Gefolgschaft dazu bringt, sich denen gegenüber, die nicht zur Gemeinschaft gehören, als überlegen und hochwertiger anzusehen. Führerschaft und kollektive Aktion allein sind noch nicht böse, wie jedes Rockkonzert zeigt. Wird aber die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit den Anderen gegenüber zum Kitt, der die manipulierte Gemeinschaft zusammenhält, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Bösen. Was nur noch fehlt, ist die Behauptung, dass es die Anderen sind, die mit ihrem Anderssein die überlegene Gemeinschaft bedrohen.

    Religionen sind nicht böse

    Man sieht, dass Religionen zunächst nicht böser sind als Fans einer beliebigen Musikrichtung. Auch die Überzeugung, dass der eigene Glaube besser sei als alle anderen, macht Religionsanhänger noch nicht zu bösen Terroristen.

    Allerdings liefern alle Religionen, wie auch viele andere Ideologien, die meinen, etwas vom guten und richtigen Leben an sich zu wissen, immer einen guten Nährstoff für das Böse. Jeder Anspruch, zu wissen, wie die Menschen richtig leben sollen, lässt sich radikalisieren. Jede solche Idee lässt sich zur Manipulation von Anhängern einsetzen. Und wenn man diesen Anhängern dann noch einredet, dass die Anderen, die ihrem Glauben nicht anhängen, eine Bedrohung für das eigene gute Leben sind, dann ist es zum Bösen nicht mehr weit – denn dann müssen die Anhänger der betreffenden Ideologie versuchen, ihre Lebensweise den anderen aufzudrängen, ein Versuch, der von jenen anderen als irrational empfunden werden muss.

    Böse sind immer nur die anderen

    Damit ist klar: Irrational, unvernünftig und aggressiv bedrängend sind immer nur die Anderen. Und: Die Charakterisierung des Anderen als „das Böse“ kann selbst manipulierend und radikalisierend, mithin böse sein. Allerdings empfinden wir dann nicht nur den radikalisierten Teil der Anderen als bedrohlich-böse, der sich in aggressiver Weise gegen uns selbst wendet, sondern eben auch schon das ideologische Fundament der Anderen, welches von radikalisierenden manipulierenden Führern als Mittel zur Kollektivierung gebraucht wird.

    Diese Ideologie kann aber alles sein, was irgendwie mit normativem Anspruch für die Lebensführung daherkommt – es muss keine Religion sein und jede Religion hat, wie auch alle anderen ideologisch ausgeprägten Normsysteme, das Zeug dazu, zum Bösen zu werden. Deshalb ist es gerade falsch, die Wurzel des Bösen in einer Religion zu suchen. Das Böse sucht sich seine manipulativen Werkzeuge in den Religionen und Ideologien.

    Klar wird somit auch: wer gegen das Böse kämpft, begibt sich immer in die Gefahr, selbst zum Bösen zu werden, insbesondere dann, wenn nicht nur die Bösen bekämpft werden, sondern die Ideologien, derer sie sich bedienen, als Wurzel des Bösen, als Quelle und Fundament der Radikalisierung und Aggressivität der Bösen angesehen werden. Man muss die Bösen radikal bekämpfen – so wie die Nazis bekämpft werden mussten, so müssen auch die Terroristen, ihre Organisationen und Institutionen und ihre Infrastrukturen bekämpft werden.

    Aber diese müssen von den Ideologien unterschieden werden, derer sie sich bedienen. Selbst wenn uns die religiösen Normen und die kulturellen Prägungen anderer Gesellschaften fremd sind und mit unseren eigenen Werten nicht vereinbar scheinen – unsere Ablehnung darf sich immer nur im beispielhaften Vorleben von Alternativen zeigen. Denn der beste Nährboden für das Böse ist, wenn es ihm gelingt, seine Gegner selbst böse werden zu lassen.

    Lesen Sie zu den Terroranschlägen von Paris auf DieKolumnisten auch die Debattenbeiträge von Heiko Heinisch, Sören Heim und Alexander Wallasch.