Schlagwort: Israel

  • Der rote Teppich von Gaza

    Der rote Teppich von Gaza

    (für SEO: Berlinale Staatsgeld Palästina Debatte 🙂  )

    Die Scheinwerfer sind aus, der rote Teppich eingerollt, die letzten Branchen-Visitenkarten längst wieder in zu engen Jacketts verstaut. Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind vorbei. Und wie so oft kam der eigentliche Knall erst mit dem Finale: Die Chefin des Festivals, Tricia Tuttle, soll  – wenn es nach Kulturstaatsminister Wolfram Weimer geht – schnellstmöglich ihren Hut bzw. Palästinaschal nehmen und Platz für einen politisch mit mehr Fingerspitzengefühl ausgestatteten Nachfolger (m/w/d) machen. Quasi ein Abspann mit Personalnote. Fast wirkt es, als gieren diese Festspiele selbst dann noch nach Drama, wenn die Kameras schon längst weitergezogen sind.*

    Wozu das alles?

    Man könnte ohnehin fragen: Wozu benötigt man dieses Festival eigentlich noch? Braucht die Welt wirklich ein weiteres – mit Verlaub – künstlich aufgeblasenes Regional-Event, das sich global geriert, aber im Kern vor allem Berliner Selbstvergewisserung betreibt? Cannes hat das Meer, Venedig die Patina, Hollywood die Industrie. Berlin hat den Diskurs. Und Diskurs, das weiß man hier, ersetzt zur Not auch Glamour.

    Vielleicht liegt genau darin die Daseinsberechtigung: Die Berlinale als moralische Volkshochschule mit Sektempfang. Als Ort, an dem nicht nur Filme laufen, sondern Haltungen. Wo Premieren schneller politisiert werden als sie ausverkauft sind. Wo das Festival weniger Marktplatz des Kinos ist als Marktplatz der Gesinnungen.

    Und als Zuschauer stellt sich noch eine andere Frage: Warum eigentlich wird ein derart hochpolitisches Event mit Staatsgeld gefördert? Wenn auf den Bühnen politische Resolutionen verlesen und außenpolitische Botschaften formuliert werden, ist das dann noch Kultur – oder längst halboffizielle Diplomatie? Und falls es tatsächlich einzig Branche ist: Kann sich eine milliardenschwere internationale Filmindustrie ihre eigenen Festivals nicht selbst leisten? Muss der Steuerzahler das moralische Dauerpanel subventionieren?

    Der rote Teppich als Tribüne

    Und damit wären wir beim zuverlässigsten Programmpunkt der vergangenen Jahre: der wahlweise erstaunlichen oder anstößigen Palästina-Liebe der Kulturschaffenden.

    Kaum ein Panel, kaum ein Empfang, kaum ein improvisiertes Statement vor laufender Kamera, das nicht wenigstens in einem Nebensatz „Gaza“ fallen lässt. Man trägt Kufiya wie andere Leute Seide, man unterschreibt Aufrufe, die klingen, als seien sie zwischen Häppchenbuffet und Branchenempfang entstanden, und man ist sich vor allem in einem einig: Man steht auf der richtigen Seite der Geschichte.

    Das Problem beginnt nicht mit Mitgefühl. Mitgefühl ist nie das Problem. Das Problem beginnt dort, wo Mitgefühl zur Pose gerinnt – und Komplexität als Störgeräusch empfunden wird.

    Projektionsfläche Palästina

    Denn diese merkwürdige Palästina-Liebe ist oft weniger konkrete Solidarität mit real existierenden Menschen als Projektionsfläche. Palästina funktioniert in diesem Milieu wie ein ästhetisch aufgeladenes Symbol: für Widerstand, für das „Globale“, für das romantisierte Narrativ vom edlen Opfer gegen den übermächtigen Westen. Es ist die perfekte Leinwand für die eigene moralische Selbstvergewisserung.

    Israel hingegen taugt in dieser Dramaturgie selten für Zwischentöne. Der jüdische Staat wird – bewusst oder unbewusst – zur Chiffre für Militär, Macht, Westen, Komplizenschaft. Und damit ist die Rollenverteilung im kulturellen Kopfkino schnell geklärt. Dass die Realität vor Ort aus konkurrierenden Traumata, religiösen Radikalisierungen, politischen Sackgassen und einer tragischen Geschichte beider Völker besteht, stört da nur.

    Selektive Empörung

    Was auffällt: Die Leidenschaft ist selektiv. Wo sind die großen Bühnenmomente für die Kurden? Für die Uiguren? Für die Opfer sudanesischer Milizen? Man hört sie gelegentlich, ja. Aber sie erzeugen nicht annähernd dieselbe identitätsstiftende Wucht im Berliner Kulturbetrieb. Palästina ist anschlussfähig – ästhetisch, politisch, biografisch. Es erlaubt maximale Empörung bei minimalem Risiko.

    Denn riskant wäre es, Ambivalenz auszuhalten. Riskant wäre es, zu sagen: Ja, das Leid in Gaza ist entsetzlich – und ja, auch israelische Zivilisten wurden massakriert. Riskant wäre es, die eigene Szene darauf hinzuweisen, dass moralische Eindeutigkeit selten mit analytischer Tiefe korreliert.

    Applaus im eigenen Echo

    Stattdessen erlebt man eine Art performativen Internationalismus. Je globaler das Statement, desto lokaler die Selbstvergewisserung. Man sendet Signale an das eigene Milieu – und bekommt Applaus aus genau diesem Milieu zurück. Es ist ein geschlossener Kreislauf der Bestätigung.

    Natürlich gibt es Ausnahmen. Natürlich gibt es kluge Stimmen, die differenzieren, die historische Verantwortung und gegenwärtiges Leid zusammen denken wollen. Aber sie gehen im Getöse unter. Differenzierung ist kein guter Hashtag.

    Die subversive Zumutung

    Und so wird die Berlinale immer wieder zur Bühne für ein moralisches Schaulaufen, bei dem politische Komplexität auf Festivalformat geschrumpft ist. Drei Minuten Statement, Applaus, weiter zur nächsten Premiere – oder eben weiter zur nächsten Personaldebatte im Nachgang.

    Vielleicht wäre die wirklich subversive Geste nicht die nächste Resolution, sondern ein Satz wie: „Ich weiß es nicht.“ Vielleicht wäre die radikalere Haltung, die eigene Ungewissheit öffentlich zu machen, statt sie mit Parolen zu übertönen.

    Aber Ungewissheit trägt sich schlecht – selbst dann noch, wenn der Teppich längst eingerollt ist.
    +++

    * Wie es mit dem Machtkampf Minister vs. Intendantin ausgegangen ist, stand zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Kolumne (Donnerstagmorgen) noch nicht fest. Wer’s dennoch unbedingt erfahren möchte -> bitte die Feuilletons der einschlägigen Zeitungen auf „Push-Benachrichtigung“ einstellen.
    +++

    Lesen Sie auch: Klartext zur Integration

  • Die ewige Bestie in uns

    Die ewige Bestie in uns

    Nach dem Attentat in Halle diskutiert Deutschland mal wieder über seinen Antisemitismus. Das ist zum einen begrüßenswert, zum anderen staune ich oft, wie erstaunt manche Bürger tun, wenn solch eine Tat wie die vom vergangenen Mittwoch von einem Judenhasser mit biodeutschen Wurzeln verübt wird. Denn wir haben uns ja angewöhnt, den Antisemitismus – unter der Voraussetzung, dass er in unserem schönen und aufgeklärten Land überhaupt existiert – den Flüchtlingen aus dem arabischsprachigen Raum in die Schuhe zu schieben. Wir Deutschen selbst sind seit dem 8ten Mai 1945 geläutert und tolerieren von Stund an und in alle Ewigkeit sämtliche Glaubensbekenntnisse. Gemäß dem Fritzschen Credo: „Soll jeder nach seiner Façon selig werden“.

    Antisemitismus mit der Muttermilch

    Dass wir aufgrund der leidvollen Erfahrungen mit zwei Weltkriegen und den beiden Diktaturen von NSDAP und SED von unserer wilhelminischen Zwangsvorstellung nach autoritärer politischer Führung ein für alle Mal kuriert sind – diesem Irrglauben habe ich mich lange Zeit hingegeben. Mit jedem weiteren Erstarken der AfD wird mir jedoch immer klarer, dass unsere repräsentative, Minderheiten respektierende und schützende, Demokratie nicht ewig halten muss. Vielleicht erträgt sie die Schläge, die ihr täglich von Rechtsaußen zugefügt werden, vielleicht auch nicht. Wohin die Reise geht, hängt stark davon ab, in welche Richtung das Gros der Wähler – auch unter der Bezeichnung „die bürgerliche Mitte“ geläufig – tendieren wird. Wenn man den Menschen jeden Tag einen Cocktail gemixt aus Zukunftsangst und Kulturparanoia serviert, wird es erfahrungsgemäß nicht allzu lange dauern, bis die Sehnsucht nach einem starken Führer, die in vielen von uns schlummert, wieder erwacht. »Jetzt übertreiben Sie maßlos, Herr Kolumnist«, sagen Sie? Mag sein, dass ich an dieser Stelle etwas übertreibe und zu schwarz male. Mit zunehmendem Alter stelle ich leider pessimistische Anwandlungen bei mir fest.

    Kam der Wunsch weiter Bevölkerungskreise nach Stärkung der Exekutive, bei gleichzeitiger Schwächung von Parlament und Judikative, zugegebenermaßen überraschend für mich, so habe ich mir seit früher Jugend nie Illusionen über unseren angeborenen Antisemitismus gemacht. Er wird uns mit dem Christentum in die Wiege gelegt (was nicht zwangsläufig bedeutet, dass nicht auch Atheisten üble Judenhasser sein können), wir saugen ihn mit Muttermilch und Religionsunterricht ein. An unseren Stammtischen philosophieren wir mal weniger, mal mehr alkoholisiert über die geradezu unanständige Finanzmacht der Rothschilds und halluzinieren in den einschlägigen Foren eine jüdische Weltverschwörung herbei. All das ist nicht neu, gibt es seit zweihundertfünfzig Jahren, als man begann, die ursprünglich auf das Gebetsbuch zielende Abneigung auf zusätzliche Bereiche auszudehnen.

    Was die Großeltern erzählten

    Dass die Juden immer viel Geld hatten, knauserig waren und stets abgeschottet unter sich blieben, wussten bereits meine Großeltern hinter vorgehaltener Hand zu berichten, weshalb sie nicht ganz unschuldig an ihrem, im Rückblick zugegebenermaßen nicht so erfreulichen, Schicksal in den Jahren zwischen 33 und 45 gewesen seien. Mit der Frage konfrontiert, ob all das – falls es denn überhaupt jemals zugetroffen hatte – den Holocaust rechtfertigte, lautete die Antwort sofort: NEIN! Man sei damals sowieso unwissend über all die Gräueltaten gewesen, denn der Genozid lief streng geheim ab. Und überhaupt hatte man mit dem eigenen Überleben in dieser schrecklichen Zeit, als die Bomben auf unsere Städte prasselten wie Konfetti aus dem Kölner Prinzenwagen an Rosenmontag, derart viel um die Ohren, dass man nicht jeder Schauergeschichte, die aus dem Osten zu einem drang, in Ruhe zuhören konnte. »Ihr, die ihr zwanzig Jahre später geboren seid, habt gut reden«, hieß es. »Als ob wir uns das alles freiwillig ausgesucht hätten.«

    Während mir als 14-Jährigem durchaus einleuchtete, dass man sich nach der dreißigsten Nacht im Luftschutzbunker vor allem um die eigene Existenz sorgte, begriff ich trotzdem nicht, wie man Abtransport und Vernichtung von sechs Millionen Menschen bis zum bitteren Ende streng geheim halten konnte. Dass niemand außer Hitler, Himmler und den SS-Wachleuten über den Massenmord informiert gewesen sei. Ich sortierte diesen Teil der Weltkriegserzählung in die Kategorie Märchen ein. Gleich neben die Mär vom flächendeckenden deutschen Widerstand. Es lässt sich nicht beschönigen: Die Generation meiner Großeltern trägt ein gehöriges Maß an Mitschuld an der Barbarei, die sich in den zwölf Jahren des 1000-jährigen Reichs in Deutschland und in den von uns besetzten Gebieten zugetragen hat. So gerne ich meine Großeltern mochte – in Punkto Antisemitismus traute ich ihnen nie so richtig über den Weg. Nicht, weil ich speziell sie im Verdacht hatte, sondern da ich ihre gesamte Generation in der Verantwortung dafür sah, dass am 30. Januar 1933 ein Verbrecherregime an die Macht gelangte. Und wenn auch die Hälfte der Wahlberechtigten ihr Kreuz damals nicht bei der NSDAP gesetzt hatte, so waren sie spätestens bis 1938 alle auf Parteilinie gebracht worden. Die Mischung „Nationalismus & Wirtschaftsaufschwung“ verfing bei einem Großteil der Bevölkerung. Die Zustimmungsraten für Hitler und seine Politik waren kurz vor Kriegsbeginn enorm. Dass nebenbei immer mehr Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwanden – ach, du meine Güte. Keine Staatsform ist perfekt.

    Relativierung des Nicht-Relativierbaren

    Froh war ich deshalb, dass meine Eltern die Zeitspanne von 33 bis 45 als Kinder und Jugendliche erlebt hatten, sie sich also in meiner Teenagerlogik die Hände nicht mit Blut befleckt haben konnten. Ein Umstand, den Helmut Kohl viele Jahre später als Gnade der späten Geburt umschrieb. Ins Grübeln geriet ich allerdings, als mein Vater auf seine alten Tage von einer Israelreise (seiner ersten und einzigen) zurückkehrte und plötzlich das Leid der Palästinenser beklagte. Dieselben Palästinenser, die er bis vor kurzem als ewige Aufrührer und notorische Terroristen angesehen hatte. Sein Reisebericht gipfelte in: »Sie stecken die Menschen in Lager, die unseren KZs ähneln«. Auf meinen Einwand hin, »Du willst doch jetzt nicht allen Ernstes unsere KZs mit den Einrichtungen in Israel vergleichen?«, schwieg er beschämt. Und auch ich schwieg, denn ich wollte mich mit dem alten Mann nicht streiten. Erst nach seinem Tod begriff ich, dass die Schuldfrage, die er für sich persönlich vermutlich nie eindeutig lösen konnte, ihn hin und wieder dazu trieb, abstruse Vergleiche anzustellen und das relativieren zu wollen, was man niemals wird relativieren können. Im Gegensatz zur Generation seiner Eltern – falls Sie jetzt mit meiner vielen Verwandtschaft durcheinanderkommen, erkläre ich es an dieser Stelle lieber nochmal: die Eltern meines Vaters sind meine Großeltern –, für die der Nazifuror einen bedauerlichen Zwischenfall in der ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte darstellte, und die nach 1945 schnell zum bundesrepublikanischen Tagesgeschäft überging, ließ mein Vater nie einen Zweifel aufkommen, dass Ausmaß und Organisation des staatlich gelenkten Terrors zwischen 1933 und 45 einmalig in der, an Grausamkeiten nicht armen, Weltgeschichte sind; auch wenn ab und an Sätze wie dieser, »In Russland unter Stalin war’s um keinen Deut humaner als bei uns«, fielen. Seiner Verantwortung für das, was den Juden in unserem Land angetan worden war, war sich mein Vater, obwohl er beim aktiven Mitmachen nicht übers Jungvolk hinausgelangte, bis ans Lebensende bewusst. Wir haben das oft miteinander diskutiert.

    Verantwortungsethik vs. Vogelschiss

    Und bei diesem – zugegebenermaßen nicht ganz einfachen – Begriff Verantwortung scheiden sich in Deutschland mittlerweile die Geister. Während sich die einen auf ihre ganz späte Geburt berufen, »Was habe ich mit der uralten Sache zu tun?«, ist den anderen weiterhin klar, dass wir uns nach wie vor in einer Bringschuld gegenüber den Juden und ihrem neuen Staat Israel befinden, und sich die Stigmatisierung von Minderheiten bei uns nie mehr wiederholen darf. »Holocaust verjährt nicht«, sagte einer meiner Geschichtslehrer treffend dazu. Äußerungen wie, „Diese zwölf Jahre sind ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“, „Überwindung unseres Schuldkults“ oder „Der moderne Antisemitismus wird importiert“ wirken hingegen wie Tranquilizer auf überhitzte Gehirne: Alles nicht so schlimm, was hier geschehen ist. Deutscher Patriot, kannst ruhig schlafen; die anderen sind um keinen Deut besser als wir. Und vor allem muss endlich Schluss damit sein, dass wir uns ständig in unserer Schuld suhlen wie Schweine im Dreck. Lasst uns die kurze Zeitspanne zwischen 33 und 45 abhaken und stattdessen pragmatische Gegenwartspolitik betreiben. Ein alter, neuer Feind steht vor der Tür und bedroht mal wieder das Abendland: der Islam. Sobald die Wirkung des den ruhigen Patriotenschlaf fördernden Verbalvaliums verpufft, kann es in Einzelfällen zwar passieren, dass zornige weiße Männer zum Sturmgewehr greifen und Juden und Moslems ins Jenseits befördern. Aber ein paar Spinner gibt’s ja immer.

    Unser angeborener Antisemitismus, von dem laut Studien durchgängig 25 bis hin zu 40 Prozent der Bevölkerung infiziert sind, nährt sich zwar immer aus der weiter oben geschilderten generellen Abneigung gegen das Judentum und seine religiösen Gebräuche, jedoch leiten Rechte und Linke unterschiedliche Vorgehensweisen daraus ab. Während die Erstgenannten keine Skrupel zeigen, Juden physisch – sogar während ihrer Gebetszeit in der Synagoge – zu eliminieren , beschreiten die Zweitgenannten einen Umweg, indem sie das Existenzrecht Israels grundlegend in Frage stellen, was konsequent zu Ende gedacht in einer neuen Diaspora mündet. Gemeinsam ist rechten und linken Antisemiten, dass sie kruden Weltverschwörungstheorien anhängen und sich einer ans Manische grenzenden Israelkritik hingeben. Jede neu errichtete Kleinstsiedlung im Westjordanland erfährt mehr Aufmerksamkeit als die chinesischen Umerziehungslager in Xinjiang und die massenhafte Verhaftung von Oppositionellen in Russland. Dieselben Kritiker fordern interessanterweise häufig einen vorurteilsfreien Dialog mit Peking und ein rasches Ende der Wirtschaftssanktionen gegenüber Moskau. »Das ist böser Whataboutismus«, sagen Sie? Stimmt. Deshalb höre ich auch schon wieder auf damit.

    Die Bestie erwacht

    Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: Die Bestie Antisemitismus schlummert seit zweitausend Jahren in uns Christen. Im einen mehr, im anderen weniger. Mal schläft sie, mal rumort sie, mal bricht sie eruptiv aus. Sobald sie von politischer Seite aus Nahrung erhält – und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, dass vom Islam- zum Judenhass nur ein kleiner Schritt notwendig ist –, brechen Stück für Stück die jahrzehntelang mühsam errichteten Dämme. Dann resultieren aus alkoholisiertem Stammtischgeschwafel und aufgeheizten Internetdiskussionen schnell blutgetränkte Massaker. Während die geistigen Brandstifter gerne auf die Gefahr des importierten Antisemitismus verweisen – der ohne jeden Zweifel existiert –, ist ein Viertel der Deutschen anfällig für den Gedanken, man sei aufgrund zufälliger Geburt, damit einhergehender zufälliger Hautfarbe und Religionszugehörigkeit anderen Religionen und Kulturen überlegen. Tendenz steigend. So lange wir Schuldkult-Gequatsche, Nazi-Hetze im Internet, Fascho-Demos und die ständige Verschiebung des Sagbaren nach rechts sanktionslos dulden, die Antifa wiederum für eine linksterroristische Vereinigung einstufen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich die Bestie heute immer dreister im Tageslicht zeigt und in Zukunft dem wieder nachgeht, was sie am besten beherrscht: Lügen verbreiten, stigmatisieren, einschüchtern und töten.

    Ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages Hobbes in seiner Auffassung, „Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf“*, beipflichte. Ereignisse wie das von Halle und der geschichtsvergessene, verantwortungslose Quark, der seit einigen Jahren von den Rechten ungeniert unters Volk gebracht wird, lassen mich im Moment allerdings eher pessimistisch in die Zukunft blicken.

    * das Original stammt von Plautus. Danke, dass Sie mich darauf hinweisen. Komplett lautet das Zitat so: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist“.

  • „Ich kündige“ – Wenn Deals über Nacht keine mehr sind

    „Ich kündige“ – Wenn Deals über Nacht keine mehr sind

    Die USA steigen aus dem Atomabkommen aus und brüskieren mit dieser einsamen Entscheidung ihre europäischen Alliierten. Die Überredungskünste sowohl Macrons als auch Merkels, die beide Ende April in Washington zu Besuch waren, fruchteten nicht. Präsident Trump blieb bei seiner harten Linie, erklärte den Iran zum bösesten aller bösen Schurkenstaaten weltweit, bezeichnete die Vereinbarung als den schlechtesten Deal, den er je gesehen hätte und kündigte an, die Sanktionen demnächst wieder in Kraft zu setzen. Und da dieses Maßnahmenpaket anscheinend noch nicht ausreicht, drohen die Vereinigten Staaten allen Handelspartnern Teherans ebenfalls mit Liebesentzug, wenn sie den Weg der Amerikaner nicht augenblicklich mitgehen. Als treuer Zeitungsleser und ARD-Tagesschau-Gucker reibt man sich verwundert die Augen und fragt: »Gibt es neue Erkenntnisse? Irgendwas Bedrohliches, das 2015, als die Tinte unter das Dokument gesetzt wurde, noch nicht bekannt war?«

    »Nein«, antworten Sie mir. »Was grundlegend Neues ist seitdem nicht passiert.«
    »Wozu dann der ganze Aufstand?«, hake ich nach.
    »Weil das Abkommen schon zum Zeitpunkt des Abschlusses das Papier nicht wert war, auf dem es gedruckt wurde. Behaupten die Amerikaner.«

    Expertenmeinung unerwünscht

    Ist das wirklich so? Haben nicht die Experten der IAEA. jedes Jahr bestätigt, dass alles sauber abläuft? So erneut in der vergangenen Woche?
    »Also kann man weder Teheran noch der Kontrollbehörde trauen?«, frage ich.
    »So was tun bloß friedensbewegte Ostermarschierer. Und denken Sie auch mal an die ganzen Menschenrechtsverletzungen, die im Iran täglich begangen werden. Gruselig. Alleine dafür muss das Land zur Rechenschaft gezogen werden.«

    Fakt ist: Um die Inhalte des Abkommens wurde 13 Jahre lang gerungen. Die Obama-Administration sah die Ratifizierung als Erfolg an.  Dass der Iran sich nach dem Sturz des Schah – unter dessen Ägide es jedoch alles andere als demokratisch-menschenfreundlich zuging – in eine islamistische Diktatur mit zum Teil bizarrer Rhetorik verwandelt hat, weiß man seit vierzig Jahren. Trotzdem hat das Regime bisher noch nie ein Nachbarland angegriffen. Es unterstützt die Israelfeinde Hisbollah und Hamas, während sein großer Kontrahent Saudi-Arabien sich vor allem auf verdeckte Transfers an den IS spezialisiert hatte und zudem einen schmutzigen Krieg im Jemen führt. Nun soll das schlechte Beispiel des einen auf keinen Fall die üblen Aktivitäten des anderen entschuldigen. Trotzdem springt die ungleiche Bewertung der beiden Terrorfinanzierer ins Auge. Ich habe niemals verstanden, weshalb Riad immer als Good guy, den wir mit modernster Waffentechnologie ausstaffieren, angesehen wird, während man Teheran ständig in die Rolle des Aussätzigen drängt.

    Droht Israel die akute Auslöschung aufgrund Irans Atomprogramm, falls nicht sofort der Schalter umgelegt wird? Trump und Netanjahu sagen: »Ja«, die Europäer: »Nein«. Natürlich stellen die Raketenbeschüsse, die täglich auf Galiläa hageln, eine andauernde Bedrohung für das Land dar. Aber würde es militärisch nicht ausreichen, gezielt gegen die Abschussrampen im syrischen und libanesischen Grenzgebiet einzuschreiten? Muss jetzt die große Keule der Direktkonfrontation mit Teheran ausgepackt werden? Auf die Gefahr hin, dass es dann nicht nur gegen den Iran alleine geht, sondern sich Russland und China contra USA und Israel positionieren? Dass wir nicht einen auf ein Land begrenzten Konflikt haben werden, sondern die gesamte Region in Flammen steht? Und der Triumphator, egal welcher der beiden Blöcke den Sieg davonträgt, am Ende durch Ruinen und über Berge von Leichen marschiert?

    Menschenrechte als fadenscheiniges Alibi

    Die Nicht-Einhaltung der Menschenrechte stellt keinesfalls den primären Auslöser für die Aufkündigung des Abkommens dar. Stünde tatsächlich diese Vision im Vordergrund des Handelns, dürfte sich Trump nicht in ein paar Wochen mit dem Oberschurken Kim Jong-un auf einen freundlichen Plausch in Singapur treffen. Vom Hofieren des Königshauses Saud mal ganz zu schweigen. Dass der Iran heute oder in absehbarer Zukunft über Massenvernichtungswaffen verfügt, ist eine wacklige, bisher nicht auf konkrete Beweise gestützte, Behauptung. Wer will es den Europäern nach den Erfahrungen mit den frei erfundenen Giftküchen im Irak verdenken, wenn sie da lieber auf die Expertise der IAEA vertrauen?

    Das Signal, das die Trump-Administration in die Welt sendet, ist fatal: Internationale Vereinbarungen sind nichts mehr wert. Völlig egal, ob ihr die niedergeschriebenen Bedingungen erfüllt oder nicht – wir als Supermacht Nummer 1 behalten uns das Recht vor, das Papier jederzeit, sobald es uns in den Kram passt, wieder zu zerreißen bzw, nachträglich Verschärfungen zu Lasten  des Vertragspartners zu fordern. Und das, obwohl die NATO-Verbündeten unisono von diesem Schritt abrieten. Wer so handelt, darf sich nicht wundern, wenn er die Führungsrolle verspielt.

    Europa wird sich nicht heraushalten können

    Für Europa würde ein neuer Flächenbrand in Nahost dramatische Konsequenzen haben: Die Entscheidung, ob und inwieweit man sich in die Auseinandersetzung hineinziehen lässt, ein erneutes Anschwellen der Flüchtlingsströme, enorme Unterstützungsleistungen beim Wiederaufbau der zerstörten Gebiete. Hauptnutznießer eines geschwächten Irans wäre Saudi-Arabien, das dann sofort mit großem Elan daranginge, seinen Einfluss in der Region auszubauen. Und ob die Wahhabiten Israel langfristig freundlicher gesonnen sind als die schiitischen Mullahs, wage ich zu bezweifeln.

    Die Konstellation im Nahen Osten ist so vertrackt, und die dort lebenden Menschen sind derart dauererregt, dass ein Zündeln an der Kriegslunte – und nichts anderes stellt die einseitige Kündigung des Abkommens durch die USA dar – mit 50%iger Wahrscheinlichkeit zu weitreichenden Komplikationen führen wird. Sollte der Iran nun ebenfalls aussteigen, im Gegenzug sein militärisches Atomprogramm wieder aufnehmen, wüsste ich nicht, was außer Bombardements seiner Anlagen – die dann den Casus belli bedeuten – helfen sollte, Teheran von seinem Ziel, Nuklearmacht werden zu wollen, noch abbringen kann. Denn Wirtschaftssanktionen alleine werden den Iran nicht in die Knie zwingen.

    Bleibt nur zu hoffen, dass  Rohani und Chamene’i besonnener reagieren, als Trump agiert hat.

    Die Zeit, als sich Washington mit seinen westlichen Partnern beriet und auf deren Einwände hörte, ist definitiv vorbei. Vielleicht die Chance für eine demnächst enger abgestimmte europäische Außen- und Sicherheitspolitik.

  • Schuld und Verantwortung

    Schuld und Verantwortung

    Im Mai nimmt der Antisemitismus-Beauftragte des Bundes, Felix Klein (50), seine Arbeit auf. Zu diesem Zweck wird eine neue Stelle im Innenministerium geschaffen.  Klein war bisher im Auswärtigen Amt verantwortlich für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen und Antisemitismusfragen. Der Zentralrat der Juden befürwortet sowohl Aufgabe als auch Personalie.

    Erstes Zwischenfazit ganz früh in der Kolumne: Das ist gut und war (leider) auch dringend notwendig.

    Als eine seiner ersten Amtshandlungen fordert er eine realistische Abbildung von muslimischem Antisemitismus in der Kriminalstatistik. Diese weise 90 Prozent der antisemitischen Taten Rechtsradikalen zu.

    Von Juden in Deutschland höre ich aber etwas anderes. Vor allem der muslimische Antisemitismus ist stärker, als es in der Statistik zum Ausdruck kommt.
    © Felix Klein in der WELT (nachgedruckt im Bonner General-Anzeiger, 20.04.2018)

    Ebenfalls hier völlige Zustimmung meinerseits. Eine Statistik ist nur so gut wie Infos, mit denen sie gefüttert wird. Durch eine peniblere Erfassung muslimisch initiierter Gewalt gegen Juden wird man ein exakteres Bild der Situation erhalten. Ich wage aber zu bezweifeln, dass der oben genannte Wert von 90 deutlich unter 80 fallen wird. Soll heißen: Zwei Drittel bis vier Fünftel aller antisemitischen Vorfälle sind auch bei verfeinerter Messmethode weiterhin (christlichen oder atheistischen) Deutschen zuzuordnen. Bevor wir also über „importierten Antisemitismus“ lamentieren – der ist genauso übel wie der heimische –, sollten wir deshalb erstmal unser eigenes Verhältnis zum Judentum unter die Lupe nehmen.

    Das Märchen vom christlich-jüdisch geprägten Abendland

    Das Abendland – der Ober-Antijude Luther sprach in seiner Bibelübersetzung noch von „Abend“ – hat sich, seit es christianisiert war, NIE als Nachfolger der jüdischen Glaubenslehre empfunden. Ganz im Gegenteil bildeten Christen- und Judentum stets scharf voneinander abgegrenzte Antagonisten. Dass der größte Teil der Bibel aus dem Alten Testament besteht, hinderte unsere Ururgroßväter und -mütter nicht daran, den Juden stets als fremd und unheimlich anzusehen, der älteren Religion gar okkulte Praktiken zu unterstellen. Juden wohnten in separaten Stadtvierteln, ein Großteil der Handwerke und sonstigen Berufsfelder des Mittelalters war ihnen verwehrt. Es reichten kleinste Anlässe, um den christlichen Mob in Pogromstimmung zu versetzen. Hervorragend geschildert in Feuchtwangers Romanen „Die Jüdin von Toledo“ und „Die hässliche Herzogin“. Die hatte ich Ihnen kürzlich schon zum Lesen empfohlen? Ja ja, ich weiß: Ich wiederhole mich mitunter. Aber, haben Sie es getan: also die beiden Bücher bei Amazon bestellt? Nein?! Dann sollten Sie es heute endlich tun.

    Sie wurden, weil sie den Fernhandel und das Bankwesen beherrschten, geduldet. Für die Ausstellung der Toleranzedikte ließen die ständig am Rande der Insolvenz wandelnden Fürsten und Könige sie allerdings teuer bezahlen. Selbst der angeblich so liberale Alte Fritz duldete seine Juden bloß gegen Bares. Der Antijudaismus war sowohl im Katholizismus als auch im Protestantentum fest verwurzelt. Emanzipation und schrittweise Gleichberechtigung der mitteleuropäischen Juden setzten sich erst um die Mitte des 19ten Jahrhunderts durch. Allerdings startete nahezu zeitgleich die Rassenlehre ihres Siegeslauf. Dass die rein wissenschaftlich betrachtet völliger Bullshit ist, brauchen wir hier nicht zu erörtern. Die Erweiterung des seit anderthalb Jahrtausenden existierenden religiösen Vorbehalts um die Komponente des rassisch minderwertigen, semitisch Orientalen führte dazu, dass Juden nunmehr selbst durch Übertritt zum Christentum nicht mehr vom Stigma des qua vererbter Gene immerwährend böse Ränke schmiedenden Geheimbündlers loskamen. Und die neue Irrlehre wirkte schnell. Die kurze Periode der Weimarer Republik genügte, um weite Teile der deutschen Bevölkerung mit dem Bazillus des rassistisch aufgeladenen Antijudaismus, der nun endgültig zum Antisemitismus-Virus mutierte, zu infizieren. Was danach von 1933 bis 45 folgte, war gruseliger als jede Hollywood-Zombie-Apokalypse.

    Zwischenfazit 2: Bis 1945 wäre niemand auf die Idee gekommen, von gemeinsamen jüdisch-christlichen Wurzeln des Abendlands zu sprechen. Die es aber trotzdem gibt. Ohne AT kein NT. Ohne Jahwe/ Adonai/ Elohim kein „lieber Gott“ und „Vater unser“.

    Schuld ist endlich: Die Schlussstrichdebatte

    Während meinen vier Großeltern – geboren zwischen 1890 und 1910 – zumindest unterschwellig klar war, dass sie durch ihr Wegschauen Schuld auf sich geladen hatten, sie aber nicht gerne über dieses heikle Thema redeten, ging mein Vater, der das Ende von WK2 als Hitlerjunge an der Flak erlebt hatte, offen damit um. Er erzählte mir, dass er nach jahrelanger Indoktrination in Schule und beim Jungvolk wiederum einige Jahre benötigt hatte, um das gesamte Ausmaß der Nazibarbarei zu begreifen und für sich die deutsche Schuld anzuerkennen. In der damals flügge werdenden Bundesrepublik war die Aufarbeitung der Verbrechen lausig, mit Ausnahme der obersten Führungsgarnitur landete kaum jemand vor Gericht oder wurde gar zu langer Haft verurteilt.
    Zahlreiche alte Kader fanden nach schneller Entnazifizierung neue Jobs in Ministerialbürokratie, Judikative und Wissenschaft. Die Beschäftigung mit der unappetitlichen Nazi-Materie nahm erst Anfang der 60er – bewirkt durch die Hartnäckigkeit des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer – endlich Fahrt auf. In der Folge kam es zu Prozessen gegen Täter aus der zweiten und dritten Reihe, wurden auch langjährige Gefängnisstrafen verhängt. Knapp zwanzig Jahre hatte es gedauert, bis man in Deutschland bereit war, die Schuld nicht nur Hitler und seinen engsten Mitstreitern zuzuordnen, sondern den Kreis derer, die sich die Hände schmutzig gemacht hatten, schrittweise zu erweitern.

    Wir haben von nichts gewusst

    Ohne sich hier nun in juristischen Spezialfragen – wie ist beispielsweise die Tätigkeit eines Personalsachbearbeiters im Reichssicherheitshauptamt im Gegensatz zur Aktivität eines SS-Wachtmanns in Bergen-Belsen zu bewerten – verlieren zu wollen, muss für die gesamte damalige Generation festgestellt werden: Schuld hatten sie ALLE auf sich geladen. »MEIN Großvater gehörte der Widerstandsgruppe Schwäbisch Hall an!«, rufen Sie mir entgegen? Noch nie davon gehört. »Die Großmutter versteckte Juden im Keller«, sagt die Dame, die neben Ihnen sitzt? Hören Sie auf damit. Wären all diese Juden tatsächlich versteckt und auf verschlungenen Pfaden außer Landes gebracht worden, hätten die Konzentrationslager leergestanden. Der deutsche Widerstand war – von den Geschwistern Scholl mal abgesehen – ein Witz. Bis auf einige wenige mutige Deutsche hat kein Mensch den verfolgten Juden Unterschlupf gewährt. Als sie abgeholt wurden, sah man wahlweise weg oder genauer hin, ob’s in ihren Häusern noch was für den armen deutschen Nachbarn zu holen gab. Die meisten waren informiert über die Internierung und was den Juden dort blühte. Wie sollte man den Holocaust auch jahrelang geheimhalten können?

    Da die deutsche Seele ja empfindsamer ist als die anderer Völker, will sie von Schuld heute nichts mehr wissen. Ich kann diese Abwehrhaltung psychologisch nachvollziehen. Wer von uns möchte schon auf ewig mit dem Stigma „Feigling, der tatenlos zusah, wie Millionen unschuldige Menschen. ermordet wurden“ gebrandmarkt sein? In den 70ern bekam ich ab der Mittelstufe durchgängig bis zum Abitur eine Megadröhnung in Faschismustheorie und -praxis verabreicht. Bis mir das leidige Thema Anfang der 80er dermaßen zum Hals raushing, dass ich damals jedem, der mit »Es muss endlich Schluss sein!« um die Ecke gekommen wäre, Applaus gespendet hätte. Ich war fürs Erste restlos bedient von all der Verantwortung, die mir die linksgrünversifften Oberstudienräte aufoktroyieren wollten. Ich war jung, wollte Party feiern und nicht 24/7 als schuldbeladener Trauerkloß mit gesenktem Kopf durchs Leben laufen. Nachdem ich als Student an einer Führung durch die Gedenkstätte Dachau teilgenommen und dort all die Bilder des Grauens gesehen hatte, setzte Mitte der 80er rasch der Prozess des Umdenkens ein. Mir war erneut bewusst geworden, welch riesige Schuld wir auf uns geladen hatten. »Schuld ist was persönliches», sagen Sie? »Kann einzig für die aktiven Täter gelten. Nicht aber für die Mitläufer und auf keinen Fall für uns Spätergeborene«, schießen Sie noch hinterher? Nun ja, hinsichtlich der jahrelangen Wegschauer sehe ich das anders, und für uns Jüngere können wir das zentnerschwere Wort Schuld gerne in Verantwortung umwandeln. Die wiegt ein bisschen leichter im Gepäck und währt dafür im Gegenzug länger. »ICH habe damit Nullkommanix zu tun. Mit der blöden Verantwortung können Sie mir den Buckel runterrutschen«, kommt nun noch aus Ihrem Mund hinterher? Spätestens jetzt haben wir einen Dissens. Denn aus seiner Verantwortung kann man sich nicht einfach davonstehlen wie ein Dieb. Wer bei der WM freudetrunken Deutschlandwimpel schwenkt, sich nach jedem Sieg hupend in den Autokorso einreiht, und es sich ansonsten auch ganz komfortabel in unserer freundlichen Republik eingerichtet hat, muss im Gegenzug auch die Schattenseite der Historie akzeptieren. Es gab halt nicht nur Goethe, Schiller und Beethoven, sondern ebenfalls Hitler, Himmler und Heydrich. »Das ist aber nicht so schön«, seufzen Sie? Klar, sind die drei Letztgenannten die Verwandten, für die man sich schämt und die man bei Uropas 100stem geflissentlich übersieht. Trotzdem gehören sie zur Familie.

    Vor der Shoa verblassen alle Vergleiche

    »Die Juden waren ja auch ein bisschen selbst Schuld an ihrem Schicksal», raunte die Generation meiner Großeltern manchmal hinter vorgehaltener Hand. »Wollten sich nicht integrieren. kontrollierten unser Finanzsystem. Kein Wunder, dass es da irgendwann krachen musste.« WAS? Die deutschen Juden hatten sich nach der Reichsgründung 1871 bis zum Ausbruch von WK1 nahezu vollständig integriert. Bürgerlicher als diese Gruppe war kaum ein anderer Bürger. Die Sache mit der Kontrolle über das Finanzsystem: Damals und heute eine frei erfundene, verleumderische Nachrede. Als ob es nicht ebenfalls jede Menge katholisch und evangelisch getaufte Bankiers und Börsianer gegeben hätte. Gesetzt den Fall: die Juden hätten sich doch nicht vollständig in den deutschen Volkskörper assimiliert: Das würde als Begründung ausreichen, sie ausrotten zu wollen? Die Argumente der Tätergeneration überzeugten mich bereits als Jugendlicher nicht. Schwieriger war es da schon mit den Relativierungen meines Vaters: »Stalin hat mehr Menschen töten lassen als die Nazis. Und auch unsere Befreier, die Amerikaner, gingen ja nun nicht gerade zimperlich mit ihren Indianern um«. Oder die Begründungen eines Onkels: »Ist dir – der du nur Frieden und Wohlstand kennst. – klar, wie sehr wir damals gelitten haben? Die ständigen Bombardements, die vielen Gefallenen an der Front, der Hunger der Nachkriegszeit?« Das fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Wir hatten furchtbare Verbrechen begangen, aber wir standen damit nicht alleine. Viele andere Nationen, die mit dem Finger auf uns zeigten, wiesen in ihrer Geschichte ebenfalls tiefschwarze bzw. blutrote Flecken auf. Ein schönes Gefühl: Man ist plötzlich nicht mehr alleine mit seinem schlechten Gewissen.

    Jahre später, im Verlauf eines politischen Seminars an der LMU München zum Thema Faschismus & Nationalsozialismus wurde mir allmählich die Einzigartigkeit der deutschen Barbarei bewusst. Sämtliche Vergleiche des Unvergleichbaren mit anderen Gräueltaten laufen ins Leere. Selbst wenn sie ansatzweise vergleichbar wären, greift hier die alte Regel: Kümmere dich zuerst um den Dreck im eigenen Stall, bevor du den Nachbarn ermahnst, bei sich auszumisten!

    Ob wir es nun Schuld oder Verantwortung nennen: die Shoa kann man nicht einfach ausschwitzen wie eine lästige Erkältung. Sie wird uns noch viele Jahrzehnte, eventuell sogar Jahrhunderte begleiten. Das Anerkennen unserer Schuld und der darauf aufbauenden Erinnerungskultur bildet einen integralen Bestandteil der bundesrepublikanischen DNA. Wer die Verantwortung über Bord werfen möchte, will ein anderes Deutschland. Eines, in dem der braune Bodensatz und der mit ihm sympathisierende reaktionäre Teil des Bürgertums endlich ungeniert das sagen dürfen, was Gottseidank seit 1945 nicht gesagt werden durfte.

    Nicht totzukriegende Märchen

    Wir müssen uns von drei Mythen lösen:
    (a) Dem christlich-jüdischen Abendland
    (b) Unsere Großeltern befanden sich alle im Widerstand
    (c) Dass die Juden, bevor die Flüchtlinge kamen, hier sicher lebten

    Solange ich zurückdenken kann, wurde die Kölner Synagoge von Sicherheitsdiensten – und bei Gottesdiensten zusätzlich von Polizei – bewacht. Jüdische Mitschüler und Mitstudenten fühlten sich nie hundert Prozent wohlbehütet in unserem Land, lebten ihre Religion eher diskret. Wie oft haben Sie schon Kippa und Schläfenlocken auf unseren Straßen gesehen? Nie, selten? Ich wage zu behaupten: Die meisten von uns nie. Während diese Symbole in Städten wie Antwerpen, London, New York und Chicago mit großer Selbstverständlichkeit offen zur Schau getragen werden. Machen wir uns nichts vor: Deutschland wird nach 1945 nie mehr ein Land sein, in dem sich Juden 24/7 sicher und stets willkommen fühlen. Wäre ich Jude, würde ich nach Israel auswandern bzw. hätte es schon längst getan. Und das hat nur am Rande mit dem durch die Flüchtlinge importierten arabischen Antisemitismus zu tun.

    Es ist fadenscheinig, wenn die deutsche Rechte sich einerseits den Schutz der Juden vor (muslimischen) Übergriffen auf die Fahnen schreibt, während sie andererseits den raschen Schlussstrich unter den Schuldkult fordert und Holocaust-Leugner in ihren Reihen duldet. Nicht viel besser die Linken, die unter dem Deckmantel ihrer pathologischen Israelkritik die Grenze vom Antizion- zum Antijudaismus längst überschritten haben. Klar, ist es praktikabel, den eigenen kleinen Judenhass nun auf die Flüchtlinge zu projizieren und ihnen die Schwarze-Peter-Karte unterjubeln zu wollen. Wir instrumentalisieren also die Muslime, um von unseren eigenen Versäumnissen ablenken zu wollen. Die traurige Wahrheit lautet jedoch: Wir haben seit Jahrzehnten intern ein massives Antisemitismus-Problem. Ein nicht geringer Prozentsatz der Bevölkerung glaubt mittlerweile wieder an krude Verschwörungsszenarien, in denen jüdische Unternehmen von Rothschild bis Soros weltweit die Finanzströme lenken, Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen, Kriege anzetteln, Nationen in den Ruin treiben und insgeheim Umvolkungspläne schmieden. Zulasten der braven, hart arbeitenden Deutschen. Das ist in leicht abgewandelter Form die Denke unserer Weimarer Großeltern. Was im Anschluss geschah – bitte scrollen Sie fünfzig Zentimeter zurück im Text.

    Bleibt zu hoffen, dass dem neuen Antisemitismus-Beauftragten auch Befugnisse eingeräumt werden, damit dieser neugeschaffene Posten keine Placebo-Veranstaltung wird. Mir schwebt fürs Erste sowas vor wie das Recht, Bußgelder verhängen zu dürfen. Beispielsweise für geschmacklose Liedzeilen wie diese hier: „Mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen“. Der Griff ins Portemonnaie tut solchen Leuten mehr weh als mediale Empörung, die sie ja ohnehin in Publicity ummünzen. Lasst Farid Bang & Kollegah eine Mio Euro Strafe für den textlichen Ausflug ins Klo zahlen. Und den doppelten Betrag vom Musiklabel beitreiben. So lernen die kleinen Gangsta-Rap-Aluhutträger, die zielgenau die antijüdischen Ressentiments ihrer Fans bedienen, am schnellsten.

    Fazit: Einerseits begrüßenswert: Das seit vielen Jahren schwelende Problem des Antisemitismus wird von Seiten der Bundesregierung endlich Ernst genommen und angepackt. Andererseits tieftraurig, dass dies überhaupt notwendig wurde.

    Weiterführende Literatur
    Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus, von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts (1901. Neu aufgelegt: 1992)

  • Auf dem Schvil Jisra’el, dem Israel National Trail

    Auf dem Schvil Jisra’el, dem Israel National Trail

    Alle Israelis sollten einmal im Leben den Schvil Jisra’el, den Israel National Trail gewandert sein. Der Wanderweg ist rund 1000 km lang und schlängelt sich in Nord-Süd-Richtung durchs ganze Land. Die meisten jungen Israelis versuchen sich direkt nach dem Armeedienst daran, sicherlich in der Meinung, dass sie den Herausforderungen des Marsches, des Kletterns und des Campens in dieser Zeit am besten gewachsen sind.

    Der INT ist genau genommen kein Wanderweg, wie man ihn in Europa erwarten würde. Er vermeidet nicht die Berührung mit der Zivilisation, er durchquert Städte wie Tel Aviv und führt in der Negev-Wüste nicht nur zu den faszinierenden Erosionskratern und durch gewaltige ausgetrocknete Flussläufe, sondern auch zu den Industriegebieten, die dort entstanden sind.

    Vielleicht ist aber der Schvil Jisra’el die beste Möglichkeit überhaupt, eine echte Wüste zu durchwandern. Der Weg ist hervorragend gekennzeichnet, zumeist ist auch wenigstens ein Trampelpfad zu sehen, und Kletterstellen sind mit Tritten, Spangen, Leitern und Seilen zusätzlich gesichert. Allerdings muss man die richtige Jahreszeit wählen: Im Sommer wäre die Hitze unerträglich, im Winter wiederum gibt es die Möglichkeit, dass kurze heftige Regenschauer den Wadi, durch den man gerade wandert, zum reißenden Strom machen.

    In Tel Aviv

    Wandert man durch ein einsames Gebiet, dann trifft man naturgemäß wenige Menschen, aber  bei denjenigen, die man trifft, ist die Begegnung umso intensiver. Das beginnt schon in Tel Aviv, wo wir auffällig mit großen Rucksäcken an der Bushaltestelle stehen und verwirrt auf die hebräischen Schriftzeichen starren: Sofort tritt ein junger Mann auf uns zu, fragt, wo wir hin wollten, ob er helfen könnte. Junge Leute mit Smartphones sind in Tel Aviv offenbar die heimlichen Fremdenführer. Sie suchen flink die passende Verbindung heraus, weisen uns den richtigen Bus, in dem uns schon der nächste dieser heimlichen Helfer erwartet um uns die Haltestelle zu nennen, an der wir den Bus wieder verlassen müssen.

    Allerdings besitzen wir selbst auch ein Smartphone und haben deshalb hin und wieder einen Informationsvorsprung. Das zeigt sich am nächsten Morgen, als wir uns auf den Weg nach Arad am Rand der Negev machen. Wir sind sehr sicher, im richtigen Stadtbus zu stehen, aber der Busfahrer will uns im Verein mit zwei jungen Leuten davon überzeugen, dass uns dieser Bus nicht zum zentralen Busterminal bringen würde. Wir sollten ihnen vertrauen, aussteigen und eine andere Buslinie nehmen. Zum Glück schaut dann doch noch einer von ihnen nach der aktuellen Verbindung Richtung Arad – und findet genau die, die wir uns auch herausgesucht haben.

    Der Busfahrer versucht, mit einem Scherz die Situation zu retten: Er würde zwar Englisch sprechen, aber leider kein Englisch verstehen. Und er spricht gern Englisch. Am meisten beschäftigt ihn an diesem Morgen, dass George Michael ausgerechnet an Weihnachten gestorben ist. Wir stutzen – nicht zum letzten Mal auf dieser Reise. Dass ein israelischer Busfahrer, dessen Kippa auf geheimnisvolle Weise auf dem kahlgeschorenen Hinterkopf klebt, von Weihnachten Notiz nimmt, überrascht uns.

    Water Cashing

    Mit Idan haben wir uns zum Anlegen unserer Wasser-Speicher verabredet, er holt uns vom Bus ab, der uns pünktlich von Tel Aviv an die Grenze der Wüste gebracht hat. Idan hatte kein Vertrauen, dass der Bus pünktlich sein würde, wir hatten, für den Fall einer Verspätung, extra die Mobilfunknummern ausgetauscht. Er schimpft auf Busse und Bahnen in Israel, die seien viel unzuverlässiger als in Europa. Wir wenden ein, dass es in Deutschland auch oft Verspätungen gäbe und dass wir mit der Zuverlässigkeit der Busse bisher zufrieden seien (wir waren es bis zum letzten Tag) – aber das ändert nichts an seinem Urteil.

    Idan gehört zu den Trail Angels, deren E-Mail-Adresse man im Internet findet. Sie sorgen dafür, dass die Wanderer auf dem Israel National Trail in der Negev vor allem ausreichend mit Wasser versorgt werden. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, man kann sich allabendlich das Wasser zum jeweiligen Rastplatz bringen lassen, oder man lässt vorab genügend Wasser im Wüstensand vergraben. Mit Hilfe von Fotos und GPS-Koordinaten hofft man dann, das Wasser wiederzufinden. Wir haben uns für die Variante entschieden, selbst beim Vergraben der Wasservorräte dabei zu sein, Fotos zu machen und die Koordinaten in den GPS-Empfänger einzugeben. Also sind wir einen Tag mit Idan in der Wüste unterwegs.

    Beduinen am Israel National Trail

    Von Idan hören wir zum ersten Mal etwas über die Beduinen, die in dieser Gegend der Wüste ihr Nomadenleben auf fast die gleiche Weise leben wie vor Jahrhunderten. Merkwürdigerweise erwähnt der Reiseführer sie mit keinem Wort, und auch in dem deutschsprachigen Bestseller „Israel Trail mit Herz“ kommen sie nicht vor.

    Der Begriff der Parallelgesellschaft gewinnt hier eine Bedeutung, die für Europa nicht denkbar ist. In der Negev leben zwei grundverschiedene Kulturen nebeneinander her, nur lose dadurch miteinander verbunden, dass die Beduinen die Produkte ihrer Kamelzucht an Israelis verkaufen und dafür umgekehrt einige nützliche Gegenstände erwerben. Beduinen kennen weder Schulpflicht noch Wehrpflicht.

    Idan erzählt, dass man versucht hatte, die Beduinen in eigens für sie gebauten Städten sesshaft zu machen – der Erfolg ist jedoch weitgehend ausgeblieben. Zwar wohnten die Menschen nun in den Städten, aber sie sind nicht in die Gesellschaft integriert. Da sie ihre Lebensgrundlage verloren haben, sind sie genau besehen in einer schlechteren Situation als zuvor.

    Als wir am nächsten Tag, unserem ersten Tag in der Wüste, auf dem Israel National Trail nahe an den Beduinen-Siedlungen vorbeikommen, sehen wir, dass viele von ihnen inzwischen an Wasserleitungen und das Stromnetz angeschlossen sind. Auch Solarpanele glänzen in der Sonne – und Satellitenschüsseln ragen in den Himmel. Vielleicht ist das der langsamere, aber der erfolgversprechendere Weg, die Beduinen mit der modernen Gesellschaft in Kontakt zu bringen. Wir begegnen Jungs auf Eseln, die mit viel Freude Kamele vor sich hertreiben, andere spielen weit entfernt von ihrem Dorf im Wüstensand. Paradiesische Zustände sicher auch für israelische Jungs. Mädchen sind nicht dabei. Man kann sich viele gute Gründe denken, warum israelische Eltern ihren Kindern beibringen, dass Beduinen anders sind, als sie.

    „Aus Deutschland“

    Auf dem Rückweg aus der Wüste nimmt Idan zwei erschöpfte Wanderer mit. Wir kommen ins Gespräch, und irgendwann stellt einer von ihnen die ganz selbstverständliche Frage, woher wir kämen. „Aus Deutschland“ – bis zum Ende der Reise war ich immer wieder nervös, wie meine Gesprächspartner auf diese Auskunft reagieren würden. Niemand hat jedoch auf dem Israel National Trail anders reagiert, als man es irgendwo anders auf der Welt erwarten würde. Die fröhlich-überraschte Antwort des jungen Manns in Idans Jeep lässt mich allerdings bis heute nicht los: „Aus Deutschland! Meine Großmutter kommt aus Deutschland!“

    Als die beiden Wanderer uns längst wieder verlassen hatten, spreche ich Idan darauf an. Er versteht zuerst gar nicht, was mich an diesem Satz beschäftigt. Die Großeltern der heutigen Israelis kommen fast alle aus allen möglichen Ländern der Erde. Manche eben aus Deutschland. Ich entgegne, dass es aber wohl etwas anderes für einen Juden sei, aus Deutschland zu kommen, oder etwa aus den USA. Er versteht. Er erzählt, dass er zwei Jahre eine deutsche Freundin gehabt hätte, die bei ihm gelebt hätte. Seine Mutter hätte damit noch Probleme gehabt – aber in seiner Generation, Idan ist um die dreißig Jahre alt, sei das vorbei.

    „Wir sind nicht sehr religiös“

    Als wir am nächsten Abend den ersten Lagerplatz erreichen, sehen wir dort bereits ein Zelt stehen, zwei Gestalten machen sich an einem Lagerfeuer zu schaffen. Wir beschließen, unser Zelt etwas abseits aufzubauen. Wenige Minuten später schlendert einer der beiden, ein Mann zwischen 40 und 50, zu uns herüber. Wir seien wohl nicht von hier? Wenn wir unser Zelt aufgebaut hätten, sollten wir herüberkommen, wir seien auf einen Tee eingeladen.

    Yaneev und Bar sind Vater und Sohn, und sie nutzen drei Tage der Chanukka-Ferien, um ein Stück auf dem Israel National Trail voranzukommen. Vor zwei Jahren sind sie im Norden gestartet, und seit dem wandern sie Stück für Stück durchs Land. Bis Arad war auch die große Schwester von Bar mit dabei – doch die musste nun zur Armee. Für Bar gehört der Weg zur Vorbereitung auf seine Bar Mitzwah.

    Yaneev und Bar bieten uns nicht nur Tee an, sondern alles, was sie selbst essen und trinken. Wir bieten umgekehrt von unseren Trockenfrüchten und Nüssen an, allerdings weise ich vorsorglich darauf hin, dass sie im gleichen Beutel wie die kleinen harten Mettwürste gelegen haben, die wir gern nebenbei essen. „Wir sind nicht sehr religiös“ antwortet Yaneev, allerdings verzichten beide doch darauf, unser Angebot anzunehmen. „Ich bin nicht sehr religiös“ hatte auch Idan schon gesagt, bei ähnlicher Gelegenheit.

    Am Abend des zweiten Tages erwarten uns die beiden schon etwas oberhalb des Platzes, der in der Karte eigentlich als Nachtlager für diese Etappe eingezeichnet ist. Sie haben gut gewählt, der Ort ist windgeschützt und macht, nachdem unsere zwei Zelte aufgebaut sind und das Lagerfeuer knistert, einen geradezu gemütlichen Eindruck. Gemütlichkeit stellt sich in den Nachtlagern entlang des Trails leider nur selten ein – jedenfalls in der Wüste. Es handelt sich zumeist um große planierte Flächen an einer der wenigen Fernstraßen. Leider gibt es weder Toiletten, noch Abfallbehälter – und so sehen sie auch aus. Bedenkt man, dass sich das Wasser, das man sich zuvor in der Wüste vergraben hat, in normalen 2-Liter-Einwegflaschen befindet, und dass in der trockenen Wüste Toilettenpapier nicht so leicht verrottet oder sich innerhalb weniger Tage auflöst, kann man sich ungefähr eine Vorstellung vom Anblick eines Nachtlagers am Trail machen.

    Also sind wir dankbar, dass Yaneev einen Platz ausgewählt hat, der etwas abseits liegt. Wieder sitzen wir abends zu viert am Lagerfeuer und erzählen einander vom Alltag in unserer jeweiligen Heimat. Yaneev und Bar leben in einem Kibbutz ganz in der Nähe. Die Zahl dieser sozialistischen Wohngemeinschaften nimmt ständig ab, die meisten jungen Leute wollen nach der Armeezeit nicht wieder zurück zum Alltag mit Gemeinschaftsessen und Arbeitsdienst. Ein Problem, das schon Amoz Oz in seinen Erzählungen über das Kibbutz-Leben geschildert hat.

    Gelobtes Land und Israel National Trail

    Über unserem Lager geht schon um 17 Uhr die Sonne unter und es wird schnell kalt in der Wüste. Aber was für ein Sonnenuntergang. Überhaupt: Was für eine grandiose Landschaft. Die Negev ist keine Sandwüste, Sandstein in unterschiedlichen Verwitterungsstufen bildet phantastische Formen, Schluchten und Krater, die oben von schroffen Abhängen begrenzt werden, während an ihren Grund trockene Flussbetten von Felsen begrenzt werden, die von den Sturzfluten in der Regenzeit rundgewaschen sind. Und überall, wo sich ein- oder zweimal im Jahr, das Wasser sammelt, haben sich Pflanzen angesiedelt, saugen Sträucher und sogar ein paar Bäume die Feuchtigkeit aus dem kargen Boden.

    Nach ein paar Tagen in der Wüste ist man übervoll von Eindrücken. Es klingt abwegig, aber die Negev ist alles andere als eintönig. Die Vielfalt der Farben ähnelt der des europäischen Mischwaldes im Herbst. Die bizarr-steilen Abhänge sind verwirrender als die Fassaden von Tel Aviv und die engen Gassen von Jaffa. Und aus all dem trockenen Gestein sprießt doch grünes Leben. Hier entlang zog das Volk Israel, als es aus Ägypten zurückkehrte. Das war ihr gelobtes Land.

  • Shira ist tot

    Shira ist tot

    Wir waren am 27.12. in der Negev unterwegs, um für eine Wanderung Wasservorräte im Wüstenboden zu vergraben. Es war ausnahmsweise ein regnerischer Tag. Neben der Schotterpiste stand eine Gruppe junger israelischer Soldatinnen und Soldaten in viel zu großer Regenbekleidung, und auch die Maschinenpistolen, die sie umgehängt hatten, wirkten viel zu groß. Die Frauen trugen die Haare offen, paarweise schauten sie in Landkarten und dann wieder in die Umgebung. Sie übten wohl, sich im Gelände zu orientieren.

    Man gab uns ein Zeichen, anzuhalten. Dann sahen wir dich. Idan, unser Begleiter, sprach mit dir. Du fragtest etwas in dein Funkgerät. Es ging ein paar Mal hin und her. Deine Haare wehten im Wind, du hast freundlich zu uns herübergesehen. Dann hast du ein Zeichen gegeben, und wir konnten weiterfahren.

    Dein Name war Shira. Du warst Leutnant. Heute steht dein Name in den Zeitungen, ich sehe dein Bild, das Lachen und deine wehenden Haare.

    Heute bekam ich eine Nachricht von Idan, mit einem Foto von dir und deinen drei Kameraden. Idan schrieb

    Remember the group of soldiers from the military officers school? This 4 was a part of that group. The girl in the right was the one that talked with me and let us in.

    Erinnert ihr euch an die Gruppe Soldaten von der Militärschule? Diese 4 waren Teil der Gruppe. Das Mädchen ganz rechts war die, die mit mir gesprochen hat und die uns durchgelassen hat.

    Ich möchte, und deshalb schreibe ich diesen Text, dass dein Tod, und der von Yael, Erez und Shir, nicht nur mir nahe geht, weil ich dir für ein paar Minuten begegnet bin. Ich habe in Israel viele junge Menschen in Uniform gesehen, sie saßen mit mir im Bus, sie schauten auf ihre Smartphones, sie lachten. Ich hab sie nach dem Weg gefragt und sie haben mir den Fahrplanaushang übersetzt.

    Es gibt keine Rechtfertigung für deinen Tod. Nicht, weil du noch jung warst, nicht wegen deinem Lächeln und deinen wehenden Haaren. Sondern weil du nicht im Krieg warst, als du sterben musstest. Du hast nichts weiter getan, als deine Pflicht zu erfüllen, dich bereit zu machen für die Verteidigung des Landes, in dem du lebst. In dem ihr friedlich miteinander leben könntet, wenn auch eure Nachbarn anerkennen würden, dass auch ihr ein Recht darauf habt, in dieser Gegend der Welt glücklich zu sein.

    Ich habe in diesen Tagen in Israel verstanden, warum du und deine Landsleute dort zu Hause seid. Darüber wird noch zu schreiben sein. Heute bin ich voller Trauer über deinen Tod und über den von Yael, Erez und Shir.