Schlagwort: Klimagipfel

  • Die Weltbewegerin

    Die Weltbewegerin

    Man muss nicht Meteorologie studiert haben, um zu erkennen, dass das Klima sich wandelt. Die Sommer werden ständig heißer, dauern immer länger, Polkappen und Gletscher schmelzen, Taifune und Hurrikans nehmen zu, Inseln saufen ab, in manchen Regionen herrscht ewige Dürre. Man muss nicht Einstein sein, um zu begreifen, dass die Spezies Homo sapiens den Klimawandel durch ihre Produktions- und Lebensweise stark befeuert. Man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu verstehen, dass dieser sich unablässig beschleunigende Wandel manchen Menschen Sorgen bis hin zu Angst bereitet.

    Klimawandel? – echt langweilig!

    All dies ist nichts Neues. Die Wissenschaft warnt seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts davor. Aber, wie das der Wissenschaft, wenn sie unbequeme, zumal in weiter Zukunft liegende Wahrheiten ausspricht, oft passiert: man nimmt sie nicht Ernst. Wozu auch? Wissenschaftler behaupten heute dies, morgen das, und immer findet sich ein Experte, der eine Gegenmeinung äußert. Es wird wärmer und sonniger? Wunderbar. Wurde nach Jahrzehnten der verregneten Sommer im Rheinland auch höchste Zeit. Die Malediven gehen unter? Auf den Kanaren ist es auch ganz nett. Südlich der Sahara wird das Wasser knapp? Da kümmert sich unser Entwicklungshilfeminister rührend drum. Wir zeigen denen, wie man Brunnen bohrt und mit zwei Litern pro Kopf durch den Tag kommt. Ein Orkan der Stärke 12 hat die Bahamas weggeblasen? Oh weh, das ist natürlich nicht so schön für die Bahamesen. Aber irgendwas passiert ja immer. In Grönland wird Eis zur Mangelware? Na, das ist doch prima. Kann die Insel endlich landwirtschaftlich genutzt werden. Es drohen nicht enden wollende Klima-Migrationsströme von Süd nach Nord? Sollen sich die Menschen in dieser Region bloß nicht so anstellen. Wären deren Regierungen nicht derart korrupt, wär’s da auch nicht so heiß. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland tun jede Menge fürs Klima. Wir fahren Autos mit Kat, haben Heizungen mit Außenthermostat und trennen auch unseren Müll. Sollen uns die anderen erstmal alles nachmachen, bevor wieder neue Verbote ausgeheckt werden.

    Und man traut es sich ja bloß noch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern: Ob wir Menschen überhaupt was mit dem Klimawandel zu tun haben, weiß niemand so genau. Unser Nachbar – der ist Ingenieur und hat Ahnung davon – sagt, dass das Klima sich schon immer gewandelt hat, die Erde in einem neuen Neigungswinkel zur Sonne steht, woran wir Nullkommanichts ändern können und, so lange die Chinesen nicht mitziehen, wir das alles ohnehin vergessen können. Es sei geradezu deutscher Größenwahn, das Thema Klima ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Schauen Sie sich die Briten an: die nehmen das Wetter mit Humor und kaufen Regenschirme. Als ob es nicht wichtigere Probleme gibt als Sonne, Hagel und ein paar Windböen. Und wahrscheinlich wird die ganze Hysterie künstlich geschürt, um unseren Industriestandort und damit unseren sauer erarbeiteten Wohlstand ins Wanken zu bringen. Das ist es ja, wovon die Linken seit 1917 träumen: völlige Nivellierung der Lebensverhältnisse auf Pol-Pot-Kambodscha-Niveau. Das Ganze läuft sich eh irgendwann tot. Ist doch jetzt schon sterbenslangweilig.

    Kann man, wenn man ein Ignorant oder Zyniker ist, natürlich so sehen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es dem sich mittlerweile galoppierend schnell wandelnden Klima egal ist, wie Wissenschaftsskeptiker und Realitätsverweigerer die Sache interpretieren. Erinnert an den Magistrat Pompejis, der, als der Vesuv im Jahr 79 wochenlang Warnzeichen schickte, verlautbaren ließ: »Es wird nichts passieren. Denn bisher ist noch nie was passiert. Möge der Berg weiter qualmen und die Erde ein bisschen beben; sorgt euch deshalb aber nicht unnötig«. Das Resultat dieses naiven Optimismus kann man heute auf dem eine halbe Stunde südlich von Neapel gelegenen Ruinenfeld betrachten.

    EINE Bewegerin, der weltweit Millionen folgen

    Die Jugend, der wir viele Jahre lang vorwarfen, sie sei zu konsumorientiert und unpolitisch, hat die neuen Warnzeichen mittlerweile erkannt, begreift, dass ein dramatischer Umschwung des bis dato Gewohnten demnächst bevorsteht, organisiert sich und geht auf die Straße. Friedlich, jeden Freitag. Ausgelöst durch EINE Person: Greta Thunberg (damals 15, heute 16). Der wir, insofern wir in der Lage sind, Größe zu erfassen, diese Größe unumwunden zugestehen müssen. Sollte die FfF-Bewegung weiterlaufen, von der Teilnehmerzahl her anschwellen und am Ende Erfolg haben, muss man Thunberg in dieselbe Liga wie Gandhi und M. L. King einsortieren. Menschen, die einzig durch Willen und Charisma einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben. Ob man nun jedes Vorhaben der Klimabewegung teilt oder nicht, ist nebensächlich, wenn es darum geht, die Größe eines Weltbewegers zu begreifen. Und eine Bewegerin ist die junge Schwedin ganz augenscheinlich.

    Fadenscheinige Kritik alter Männer

    Und was tun wir alten, weißen, wohlstandssatten Männer (zu denen auch jede Menge alter, weißer, wohlstandsübersättigter Frauen gehören)? Wir arbeiten uns an der Person Thunberg ab, statt uns mit den Inhalten ihrer Botschaft zu beschäftigen. Wir diskutieren über Asperger, unterstellen ihr, dass sie als kleine Göre keine Ahnung hat von dem, worüber sie redet, fragen scheinheilig: Wo sind eigentlich die Eltern, kümmern die sich überhaupt um die Tochter, muss da nicht langsam mal das Jugendamt einschreiten? Sehen in der Atlantiküberquerung per Segelschiff eine reine Marketing- und Spaßaktion (95% der Leser dieser Kolumne hätten sich an Bord die Seele aus dem Leib gekotzt), posten feixend ein Foto, das Thunberg mit einer Plastikflasche zeigt, sehen sie als von dunklen Mächten gesteuerte Zerstörerin der westlichen Zivilisation. Schwafeln leichtfertig von Ökofaschismus, womit wir einzig unsere historische Inkompetenz beweisen, denn Greta Thunberg ist von Faschismus so weit entfernt wie Herr Gauland von geschmackvollen Krawatten. Gründen sinnbefreite Facebook-Gemeinschaften à la Fridays for Hubraum, in denen wir mit unseren SUVs und Bleifuß auf der Autobahn prahlen, bevor die Gruppe von richtigen Faschisten gekapert wird und kleinlaut vom Netz genommen werden muss. So sind wir halt, wir erwachsenen Kritiker und Mahner der Jugend. Uns haben unsere Eltern damals ja auch nicht alle Faxen durchgehen lassen. Und wenn’s ans Autofahren geht, hört in Deutschland eh der Spaß auf.

    Mein absoluter Liebling in der vergangenen Woche lautete:

    Ich bin selbst Mutter von drei Töchtern und arbeite ehrenamtlich mit in ihrer Entwicklung gestörten Kindern zusammen. Und ich frage mich: Wann hat Gretas Mutter ihr krankes Kind das letzte Mal in den Arm genommen? Wäre sie meine Tochter, würde ich sie schleunigst aus New York zurückholen, mich um sie kümmern und vor allem dafür sorgen, dass sie wieder die Schule besucht. Geld kann doch nicht wichtiger sein als Kindeswohl.

    Wow!

    Was war das nun?
    (a) das Statement einer, zwar ahnungslosen, aber tatsächlich besorgten Mutter
    oder
    (b) die Kulmination aller Heuchelei, die ich in Blickrichtung auf Greta Thunberg bisher lesen musste?

    Gab viel Applaus in Form von Daumen hoch und Herzen für diesen Beitrag. Ich persönlich tendiere dennoch zu (b).

    Fazit: Man muss kein Experte sein, um den Klimawandel, inklusive des nicht geringen menschengemachten Anteils daran, zu erkennen. Man muss kein Hysteriker sein, um zu fordern, dass sich was ändern muss. Man muss kein spiritueller Clown sein, der eine neue Heilslehre sucht, um zu begreifen, dass Greta Thunberg über ne Menge Willen und Charisma verfügt und etwas Großes ins Rollen bringt. Man muss kein Anarchist sein, um die Notwendigkeit der Freitags-Demos zu sehen. Man muss auch nicht alles für vernünftig und ausgegoren erachten, was zum Thema Klima von den Schülern gesagt wird, um aber trotzdem die generelle Stoßrichtung richtig zu finden und das Engagement der Jugend zu begrüßen.

    Man muss jedoch ein Arschloch sein, wenn einem zum Thema Klima nichts anderes einfällt, als auf Asperger und Rabeneltern rumzureiten.

  • Cover, Baby … mehr Cover, Baby!

    Cover, Baby … mehr Cover, Baby!

    Greta Thunberg seit gestern mal wieder in aller Munde. Dieses Mal, weil sie auf dem Cover der britischen Oktoberausgabe des Männer-Lifestyle-Magazins GQ prangen wird. Mit dem plakativem Titel: Game Changer of the year. Dort, wo es sonst um Fitnesstipps, Ernährungsberatung, Flirtverhalten zwischen den Geschlechtern und ähnlich wichtige Themen geht, können wir im Herbst ein mehrseitiges Interview mit der jungen schwedischen Umweltaktivistin abgedruckt lesen und erfahren, weshalb die Redaktion sie mit dem diesjährigen GQ-Award auszeichnet.

    Muss ein Verkünder mehr Experte sein als ein Experte?

    Die Anfeindungen im Netz ließen nicht lange auf sich warten. Von „Das geht gar nicht!!“ über „Hier zeigt sie ihr wahres Kommerzgesicht“ bis hin zu „Was soll ein Alien auf einem Modecover?“ und weiterem verbalem Unflat, bei dem ich mich weigere, den hier zu zitieren, war beinahe alles an Gemeinheiten, die Facebook & Co. ausspucken können, zu bestaunen.

    Auch ihr eigentlich wohlgesonnene Kommentatoren zeigten sich besorgt ob der täglichen medialen Omnipräsenz der Schwedin und fragen, wann die Belastbarkeitsgrenze erreicht ist. Ist es mittlerweile noch ihr eigenes Anliegen oder wird sie zunehmend mehr vor den Karren einer Kampagne, gesteuert von der Agentur „We don’t have time“, gespannt? Ohne Insider zu sein, fällt es schwer, das abschließend beurteilen zu können.

    Was aber ins Auge springt, ist der Umstand, wie viel Häme die junge Dame auf sich zieht, nur weil sie sich für etwas engagiert, von dem einige meinen, dass dessen Wandel ins Bedrohliche gar nicht existiert, sondern von böswilligen Wissenschaftlern im Verein mit noch bösartigeren Medien frei erfunden ist. Da wird sie mal fadenscheinig als geistig behindert (Asperger ist keine geistige Behinderung, sondern nur eine andere Wahrnehmung der Umwelt, häufig kombiniert mit außergewöhnlicher Begabung) und ausgenutzt von ihren geldgierigen und publicitygeilen Eltern bedauert, dann als naturwissenschaftlich Ahnungslose verunglimpft, als eine – weil sie sich im Hambacher Forst mit einer vermummten Aktivistin ablichten ließ – die die Grenze zum Extremismus überschritten hat in die äußerste linke Ecke gestellt oder gar zur Verführerin der ihretwegen jeden Freitag Schule schwänzenden deutschen Jugend hochstilisiert. Dass sie jetzt mit einem Segelboot den Atlantik überqueren wird, um nach New York zum UN-Klimagipfel zu gelangen, verlangt aus Sicht ihrer Gegner den Zusatz, dass dieses Boot mit einem Dieselhilfsmotor ausgestattet ist. Klar ist es das. Das sind nahezu alle größeren Segelyachten. Im übrigen gehören auch eine große Portion Mut und ein robuster Magen dazu, sich bei Windstärken vier bis acht 14 Tage lang einem übel schaukelnden Segelschiff anzuvertrauen. Das mal so am Rande erwähnt für die Fraktion der Greta-Disser.

    Natürlich kann eine 16-Jährige nicht über das meteorologische Grundlagenwissen eines 60-jährigen Naturwissenschaftlers verfügen. Manch Fachpolitiker wird mehr Ahnung vom Klima haben als Greta Thunberg. Das ändert aber alles nichts daran, dass die Schwedin seit gut einem Jahr ein bis dahin sträflich auf die lange Bank geschobenes Problem publikumswirksam und glaubwürdig besetzt. Sie ist das Gesicht einer Jugendbewegung, die zahlenmäßig täglich wächst und deren Forderungen nach einem ökologischen Systemwandel stündlich lauter werden. Das muss man nicht mögen. Man kann sich sogar auf den Standpunkt stellen, das sei alles maßlos übertrieben, es würde künstlich Hysterie verbreitet, bis hin zu der Behauptung: Wir Menschen haben Null Einfluss auf die Umwelt, weshalb es Zeitvergeudung ist, sich mit der Frage des drohenden Temperaturanstiegs überhaupt nur zu beschäftigen. Es gibt im Moment weitaus Drängenderes als den CO2-Gehalt der Atmosphäre, sagen manche. Und meinen damit Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge.

    Noch die reine Lehre oder schon Kommerz?

    Zurück zum Ausgangspunkt der Kolumne. Greta Thunberg als Covergirl auf Hochglanzmagazinen wie GQ und der Vogue. Ist das noch im erlaubten Rahmen für eine Ökoaktivistin, oder überschreitet sie damit die Grenzlinie zu Kommerz und Unglaubwürdigkeit?

    Lassen wir Eva Herzigova, in den 90er Jahren selbst in vielen Modezeitschriften abgelichtet, zu Wort kommen:

    Sie ist ein Supermodel, sie war auf dem Cover der Vogue. Sie verändert die Welt. Sie verkörpert das, was ein Supermodel heute haben muss. Das hat eben nicht mehr nur mit Ästhetik zu tun.

    Aus welchem Grund sollte eine Klimamissionarin nicht sämtliche sich anbietenden Kommunikationskanäle nutzen, um ihre Botschaft möglichst weit zu streuen? Was spricht inhaltlich grundlegend gegen Vogue und GQ? Darf sie Interviews nur in Ökopostillen auf fünf Mal recyceltem Papier geben? Muss sie vor jeder Äußerung vorher Experten zu Rate ziehen, die ihr dann die Sätze in den Mund legen, damit sie bloß nichts Unbedachtes sagt? Ist ihr verwehrt, den Hambacher Forst zu betreten, weil dort noch ein paar Hardcore-Aktivisten in Baumhäusern leben? Was passiert, wenn sie mal gedankenverloren ne Coke durch nen Plastikstrohhalm nuckelt oder im McDonald’s den Veggie Burger mit einem Big Mac verwechselt? Oder gar in Ermangelung anderer Transportmittel ein Flugzeug besteigt? Ist dann endlich aufgezeigt, wie verlogen dieser ganze Klimakram letztlich doch ist?

    Nein. Damit wäre nicht demonstriert, dass die Klimafrage unwichtig ist oder gar auf einem Lügengebäude gründet. Damit wäre einzig bewiesen, dass auch Superstars nur Menschen sind, denen hin und wieder Irrtümer passieren. Und Greta Thunberg werden Fehler unterlaufen. Fehler, auf die ihre Hater bloß warten, um dann im Anschluss sofort die mediale Vernichtungsmaschine anzuwerfen. Bleibt zu hoffen, dass sie über ein stabiles Nervenkostüm verfügt und sowohl familiär als auch im Freundeskreis Personen um sich geschart hat, die sie im Falle von heftigem Gegenwind emotional auffangen. Denn je erfolgreicher sie ihre Botschaft unter die Menschen bringt, desto stärker werden Druck und Verleumdungen zunehmen. Dafür steht für zahlreiche Wirtschaftsbosse und manche Staatenlenker einfach zu viel auf dem Spiel, als dass man gewillt wäre, die CO2-Pille ohne aggressive Gegenwehr zu schlucken. Wir befinden uns, was die Klimadiskussion – die ja auch ein Disput der Generationen ist – angeht, erst am Beginn der Auseinandersetzung. Die konträren Lager formieren sich zur Zeit, sind noch in der Findungsphase.

    Und ja – ich werde mir die beiden Vogue- und GQ-Ausgaben mit Greta Thunberg auf dem Titel besorgen. Warum auch nicht? Cover, Baby, … mehr Cover, Baby!