Schlagwort: Klimawandel

  • Weniger Sorgen um den Klimawandel

    Weniger Sorgen um den Klimawandel

    Einer neuen Allensbach-Umfrage zufolge machen sich immer weniger Menschen große Sorgen wegen des Klimawandels. 2019 war es noch mehr als die Hälfte der Deutschen, heute ist es nur noch ein Drittel. Dabei hat sich die Situation, wenn man die Maßnahmen zum Klimaschutz betrachtet, nicht verbessert, und es gibt auch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Entwarnung geben. Warum werden die Sorgen kleiner?

  • Weltklimakonferenz: Was können wir erwarten?

    Weltklimakonferenz: Was können wir erwarten?

    Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

    Was können wir von der Weltklimakonferenz, die gerade in Brasilien stattfindet, erwarten? Und was können wir von den Reaktionen erwarten, die die Ergebnisse der Konferenz auslösen werden? Letzteres ist einfacher vorherzusagen als das erste. Es wird in den Medien und in der Öffentlichkeit eine große Unzufriedenheit geben. Aktivistinnen werden sich in Talkshows und Interviews zu Wort melden und sagen, dass „die Politik“ vor „den Konzernen“ und „der fossilen Industrie“ eingeknickt ist, dass sie immer noch nicht einsehen will, dass die große Katastrophe naht, vor der „die Wissenschaft“ schon seit Jahren so eindringlich wie vergeblich warnt.

    Für die Prognose dieser Reaktionen ist es fast egal, was wirklich die Ergebnisse der Weltklimakonferenz sein werden. Sie werden sicherlich nicht den Maximalforderungen der Aktivistinnen und auch nicht den Wünschen der meisten Journalisten und Kommentatoren in Europa entsprechen, die den öffentlichen Klimadiskurs immer noch bestimmen.

    Was die Weltklimakonferenz beschließen könnte

    Aber wenn man die Meldungen der letzten Tage, die allmähliche Verschiebung der Themen und Schwerpunkte, verfolgt, dann kann man die vorsichtige Prognose wagen, dass etwa Folgendes das Ergebnis sein könnte:

    Die Weltklimakonferenz verabschiedet sich von dem völlig willkürlichen 1,5-Grad-Ziel, das von Anfang an ein rein theoretisches, utopisches Szenario gewesen ist. Vielleicht einigt man sich darauf, dass das realistische Ziel etwa eine globale Erwärmung zur Jahrhundertwende um drei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau sein könnte. Man verständigt sich darauf, dass dieser Pfad zu Bedingungen führt, mit denen die Menschheit fast überall auf der Erde umgehen kann, wenn sie jetzt beginnt, sich darauf zu konzentrieren, wie die Anpassungsmaßnahmen für dieses Szenario aussehen müssen.

    Sodann einigt sich die Weltklimakonferenz auf einen Lastenausgleichsmechanismus – wahrscheinlich noch nicht konkret und detailliert, sondern eher als verbindliche Absichtserklärung. Das kann funktionieren, weil alle Länder daran interessiert sind, dass die Anpassung an den Klimawandel überall erfolgreich ist; schlicht, weil die globalen Konsequenzen eines lokalen Fehlschlagens zu groß sind.

    Im besten Fall kommt dann während der Weltklimakonferenz noch die Vereinbarung dazu, sich in der Klimaforschung zukünftig auf die Modellierung und die Prognose lokaler Auswirkungen auf den globalen Klimawandel zu konzentrieren. Denn da sind die Unsicherheiten am größten. Zugleich ist die Frage, wie sich das Klima an konkreten Orten, in konkreten Regionen verändern wird, die wichtigste.

    Die herkömmliche Klimadefinition ist die statistische Verteilung der Wetterelemente an einem konkreten Ort – und das ist auch sinnvoll, denn an konkreten Orten werden Bäume gepflanzt, wird Wein angebaut, werden Flüsse begradigt oder renaturiert, Häuser gebaut. All das wird getan mit dem Wissen um ein lokales Klima, und wenn das sich ändert, ist es gut zu wissen, wie diese Änderung konkret aussehen wird, damit man sinnvoll investiert, das Notwendige aber auch das Sinnvolle tut.

    Eine gute Nachricht

    Die gute Nachricht ist allerdings, dass es Vieles gibt, von dem wir heute schon wissen, dass es sinnvoll ist: Flüsse müssen renaturiert werden, Hochwasserschutz ist fast immer sinnvoll, grüne Städte sind sinnvoll, Wärmeisolation. Neubauten sollten nicht da entstehen, wo Überschwemmungen möglich sind, und überhaupt sollten sie negative Effekte der Klimaveränderung nicht noch verschärfen. Robuste alte Pflanzensorten sind oft unempfindlicher gegen Wetterextreme als spezialisierte, hochgezüchtete Varianten.

    Zu hoffen ist, dass man sich bei der Weltklimakonferenz darauf einigt, realistisch zu sein, pragmatisch und den Panikmodus zu verlassen. Der Klimawandel ist da, er ist menschgemacht, er ist eine Herausforderung. Aber man kann sie meistern, ohne Stabilität und Frieden zu riskieren und ohne den Weg der Wohlstandsgewinne in den Regionen, die Nachholbedarf haben, zu verlassen. Darauf soll man sich konzentrieren, nicht auf Zehntelgrade der Abschwächung der globalen Erwärmung. Den Aktivistinnen wird das nicht gefallen, obwohl es ihnen andererseits auch die Möglichkeit zu weiterem Protest gibt. Insofern könnten wir am Ende alle vielleicht ganz zufrieden sein.

  • Bill Gates und der Klimawandel: Umdenken erwünscht

    Bill Gates und der Klimawandel: Umdenken erwünscht

    An seinem 70. Geburtstag hat Bill Gates, Unternehmer und Philanthrop, eine gute Nachricht für jeden einzelnen von uns: Man kann auch mit 70 Jahren noch seine Meinung ändern, Man kann, wenn man ehrlich nachdenkt, auch in diesem Alter noch zu ganz neuen überraschenden Einsichten kommen. Es geht um den Klimawandel. Vor knapp fünf Jahren hatte Gates zu diesem Thema noch ein Buch veröffentlicht, in dem er, ganz Technokrat, beschrieben hatte, wie man den Klimawandel eindämmen könnte. Vorgestern nun postet Gates einen Beitrag auf seinem Blog GatesNotes, der ganz anders klang. Und das ist bemerkenswert.

    Bill Gates sagt: Wir werden im Klimawandel nicht sterben

    Gates ist keineswegs zum Klimwandel-Leugner geworden. Er behauptet auch nicht, dass der Klimawandel nicht menschgemacht sei. Aber er hat noch eine gute Nachricht für uns: Die Menschheit wird nicht untergehen. Zwar wird der Klimawandel ernsthafte Konsequenzen haben, vor allem für die Menschen in den ärmsten Ländern. Aber in den allermeisten Regionen der Erde werden die Menschen in der Lage sein, mit den Veränderungen umzugehen.

    Das klingt eigentlich fast trivial. Aber es ist eben eine ganz andere Ausgangsthese für die Frage, was angesichts des Klimawandels zu tun ist, als es die üblichen Weltuntergangserzählungen sind, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel oft verbreitet werden – vorgeblich, um die Dringlichkeit des Handelns zu betonen.

    Und das Handeln soll dann sein: alles tun, damit der Klimawandel begrenzt wird, damit die globale Erwärmung so gering wie möglich ausfällt. Und das wiederum, so die meist angenommene Konsequenz, bedeutet: absolute Priorität hat die Eindämmung des Ausstoßes von Klimagasen, allen voran des Kohlendioxids, das durch Verbrennung fossiler Energieträger entsteht.

    Dem setzt Bill Gates nüchtern entgegen: der Klimawandel, die globale Erwärmung, ist für sich genommen nicht das größte Problem, das wir haben. Selbst wenn die Zahl der Extremwetterereignisse zunimmt: die Menschheit hat schon in den letzten Jahrzehnten bewiesen, dass sie sich mit technischen Mitteln schützen kann. Die Zahl der Opfer von Naturkatastrophen geht dramatisch zurück. Zudem gibt es viele Gefahren, Pandemien, Kriege, Hungersnöte, die nicht Folgen des Klimawandels sind. Alle Ressourcen, finanzielle, wissenschaftliche, technische, politische, auf die Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen zu lenken, führt dazu, dass andere Probleme nicht angegangen werden.

    Beim Klimawandel will Bill Gates nicht nur auf den Temperaturanstieg schauen

    Gates‘ einfache Überlegung ist: die Reduktion eines Temperaturanstiegs ist kein Wert an sich. Es muss darum gehen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, vor allem in den ärmsten Ländern. Es ist viel zu einfach gedacht, zu meinen, dass die Verringerung des Temperaturanstiegs automatisch die Lebensbedingungen verbessert. Es kann sogar sein, dass das Gegenteil bewirkt wird. Die Stabilisierung des Klimas wird mit Wohlstandverlusten und Verzicht auf Fortschritt erkauft, darunter leiden besonders die, denen es heute am schlechtesten geht.

    Diese Überlegung ist plausibel. Wenn man ehrlich ist, ist die Strategie der unbedingten Eindämmung des Klimawandels eine Idee derer, die im Wohlstand leben und den Wohlstand sichern wollen. Machen wir uns nichts vor: wir sehen die schönen Gletscher in den Alpen schmelzen und merken, dass der Winter in den Mittelgebirgen nicht mehr schneesicher ist. Wir stöhnen über Trockenheit und Temperaturen im Sommer, über die in anderen Erdgegenden nur gelächelt wird. Und wir wollen einfach, dass wir im Sommer nicht allzusehr schwitzen müssen und dass wir im Winter weiterhin schifahren können. Natürlich kaschieren wir das mit einer Sorge vor den Konsequenzen des Klimawandels für die Ärmsten der Welt. Aber ob die unseren Klimaschutz wollen, der für diese Menschen vor allem Verzicht auf den Wohlstand bedeutet, den wir schon haben, fragen wir lieber nicht.

    Eine pragmatische Sicht auf den Klimawandel

    Da ist der Ansatz von Bill Gates, mit dem Klimawandel klarzukommen, ehrlicher. Er bezieht wirklich die Interessen der armen Länder ein. Er fragt, was diese wirklich wollen. Wollen sie sich an den Klimawandel anpassen und die Chance auf Wohlstand nicht verpassen? Das klingt eigentlich plausibel.

    Ein solcher pragmatischer Umgang mit dem Klimawandel schlägt Bill Gates vor. Er macht die globale Mitteltemperatur nicht zum Fetisch. Er sieht sie vielmehr als einen Parameter unter vielen. Das könnte tatsächlich zu einer konstruktiven und kooperativen globalen Zusammenarbeit beim Klimaschutz führen. Klimaschutz wird nicht verstanden als Schutz des Klimas vor Veränderung, sondern als Schutz der Menschen vor den Veränderungen, die kommen werden. Und das könnte am Ende sogar zu einer friedlicheren Welt beitragen. Es ist gut, dass der alte Bill Gates noch nach- und umdenken kann.

    In seiner letzten Kolumne dachte Jörg Phil Friedrich über die Möglichkeit eines Militärputsches in den USA nach.

  • Cover, Baby … mehr Cover, Baby!

    Cover, Baby … mehr Cover, Baby!

    Greta Thunberg seit gestern mal wieder in aller Munde. Dieses Mal, weil sie auf dem Cover der britischen Oktoberausgabe des Männer-Lifestyle-Magazins GQ prangen wird. Mit dem plakativem Titel: Game Changer of the year. Dort, wo es sonst um Fitnesstipps, Ernährungsberatung, Flirtverhalten zwischen den Geschlechtern und ähnlich wichtige Themen geht, können wir im Herbst ein mehrseitiges Interview mit der jungen schwedischen Umweltaktivistin abgedruckt lesen und erfahren, weshalb die Redaktion sie mit dem diesjährigen GQ-Award auszeichnet.

    Muss ein Verkünder mehr Experte sein als ein Experte?

    Die Anfeindungen im Netz ließen nicht lange auf sich warten. Von „Das geht gar nicht!!“ über „Hier zeigt sie ihr wahres Kommerzgesicht“ bis hin zu „Was soll ein Alien auf einem Modecover?“ und weiterem verbalem Unflat, bei dem ich mich weigere, den hier zu zitieren, war beinahe alles an Gemeinheiten, die Facebook & Co. ausspucken können, zu bestaunen.

    Auch ihr eigentlich wohlgesonnene Kommentatoren zeigten sich besorgt ob der täglichen medialen Omnipräsenz der Schwedin und fragen, wann die Belastbarkeitsgrenze erreicht ist. Ist es mittlerweile noch ihr eigenes Anliegen oder wird sie zunehmend mehr vor den Karren einer Kampagne, gesteuert von der Agentur „We don’t have time“, gespannt? Ohne Insider zu sein, fällt es schwer, das abschließend beurteilen zu können.

    Was aber ins Auge springt, ist der Umstand, wie viel Häme die junge Dame auf sich zieht, nur weil sie sich für etwas engagiert, von dem einige meinen, dass dessen Wandel ins Bedrohliche gar nicht existiert, sondern von böswilligen Wissenschaftlern im Verein mit noch bösartigeren Medien frei erfunden ist. Da wird sie mal fadenscheinig als geistig behindert (Asperger ist keine geistige Behinderung, sondern nur eine andere Wahrnehmung der Umwelt, häufig kombiniert mit außergewöhnlicher Begabung) und ausgenutzt von ihren geldgierigen und publicitygeilen Eltern bedauert, dann als naturwissenschaftlich Ahnungslose verunglimpft, als eine – weil sie sich im Hambacher Forst mit einer vermummten Aktivistin ablichten ließ – die die Grenze zum Extremismus überschritten hat in die äußerste linke Ecke gestellt oder gar zur Verführerin der ihretwegen jeden Freitag Schule schwänzenden deutschen Jugend hochstilisiert. Dass sie jetzt mit einem Segelboot den Atlantik überqueren wird, um nach New York zum UN-Klimagipfel zu gelangen, verlangt aus Sicht ihrer Gegner den Zusatz, dass dieses Boot mit einem Dieselhilfsmotor ausgestattet ist. Klar ist es das. Das sind nahezu alle größeren Segelyachten. Im übrigen gehören auch eine große Portion Mut und ein robuster Magen dazu, sich bei Windstärken vier bis acht 14 Tage lang einem übel schaukelnden Segelschiff anzuvertrauen. Das mal so am Rande erwähnt für die Fraktion der Greta-Disser.

    Natürlich kann eine 16-Jährige nicht über das meteorologische Grundlagenwissen eines 60-jährigen Naturwissenschaftlers verfügen. Manch Fachpolitiker wird mehr Ahnung vom Klima haben als Greta Thunberg. Das ändert aber alles nichts daran, dass die Schwedin seit gut einem Jahr ein bis dahin sträflich auf die lange Bank geschobenes Problem publikumswirksam und glaubwürdig besetzt. Sie ist das Gesicht einer Jugendbewegung, die zahlenmäßig täglich wächst und deren Forderungen nach einem ökologischen Systemwandel stündlich lauter werden. Das muss man nicht mögen. Man kann sich sogar auf den Standpunkt stellen, das sei alles maßlos übertrieben, es würde künstlich Hysterie verbreitet, bis hin zu der Behauptung: Wir Menschen haben Null Einfluss auf die Umwelt, weshalb es Zeitvergeudung ist, sich mit der Frage des drohenden Temperaturanstiegs überhaupt nur zu beschäftigen. Es gibt im Moment weitaus Drängenderes als den CO2-Gehalt der Atmosphäre, sagen manche. Und meinen damit Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge.

    Noch die reine Lehre oder schon Kommerz?

    Zurück zum Ausgangspunkt der Kolumne. Greta Thunberg als Covergirl auf Hochglanzmagazinen wie GQ und der Vogue. Ist das noch im erlaubten Rahmen für eine Ökoaktivistin, oder überschreitet sie damit die Grenzlinie zu Kommerz und Unglaubwürdigkeit?

    Lassen wir Eva Herzigova, in den 90er Jahren selbst in vielen Modezeitschriften abgelichtet, zu Wort kommen:

    Sie ist ein Supermodel, sie war auf dem Cover der Vogue. Sie verändert die Welt. Sie verkörpert das, was ein Supermodel heute haben muss. Das hat eben nicht mehr nur mit Ästhetik zu tun.

    Aus welchem Grund sollte eine Klimamissionarin nicht sämtliche sich anbietenden Kommunikationskanäle nutzen, um ihre Botschaft möglichst weit zu streuen? Was spricht inhaltlich grundlegend gegen Vogue und GQ? Darf sie Interviews nur in Ökopostillen auf fünf Mal recyceltem Papier geben? Muss sie vor jeder Äußerung vorher Experten zu Rate ziehen, die ihr dann die Sätze in den Mund legen, damit sie bloß nichts Unbedachtes sagt? Ist ihr verwehrt, den Hambacher Forst zu betreten, weil dort noch ein paar Hardcore-Aktivisten in Baumhäusern leben? Was passiert, wenn sie mal gedankenverloren ne Coke durch nen Plastikstrohhalm nuckelt oder im McDonald’s den Veggie Burger mit einem Big Mac verwechselt? Oder gar in Ermangelung anderer Transportmittel ein Flugzeug besteigt? Ist dann endlich aufgezeigt, wie verlogen dieser ganze Klimakram letztlich doch ist?

    Nein. Damit wäre nicht demonstriert, dass die Klimafrage unwichtig ist oder gar auf einem Lügengebäude gründet. Damit wäre einzig bewiesen, dass auch Superstars nur Menschen sind, denen hin und wieder Irrtümer passieren. Und Greta Thunberg werden Fehler unterlaufen. Fehler, auf die ihre Hater bloß warten, um dann im Anschluss sofort die mediale Vernichtungsmaschine anzuwerfen. Bleibt zu hoffen, dass sie über ein stabiles Nervenkostüm verfügt und sowohl familiär als auch im Freundeskreis Personen um sich geschart hat, die sie im Falle von heftigem Gegenwind emotional auffangen. Denn je erfolgreicher sie ihre Botschaft unter die Menschen bringt, desto stärker werden Druck und Verleumdungen zunehmen. Dafür steht für zahlreiche Wirtschaftsbosse und manche Staatenlenker einfach zu viel auf dem Spiel, als dass man gewillt wäre, die CO2-Pille ohne aggressive Gegenwehr zu schlucken. Wir befinden uns, was die Klimadiskussion – die ja auch ein Disput der Generationen ist – angeht, erst am Beginn der Auseinandersetzung. Die konträren Lager formieren sich zur Zeit, sind noch in der Findungsphase.

    Und ja – ich werde mir die beiden Vogue- und GQ-Ausgaben mit Greta Thunberg auf dem Titel besorgen. Warum auch nicht? Cover, Baby, … mehr Cover, Baby!

  • Was kommt nach dem Klimawandel?

    Was kommt nach dem Klimawandel?

    Gesetzt den Fall, dass die Berechnungen der Klimaforscher zum globalen Klimawandel ungefähr richtig sind, spricht eigentlich nichts dafür, dass dieser Wandel, der sich zur Klimakatastrophe auswachsen dürfte, noch aufzuhalten ist. Ein Umdenken und vor allem eine globale Veränderung im Handeln bei der Erzeugung von Treibhausgasen ist nicht in Sicht. Zeit, sich einmal über die Folgen des Geschehens nicht nur abstrakt, sondern etwas genauer Gedanken zu machen.

    Natürlich kann man heute nicht konkret vorhersagen, wie sich das Klima genau in einer bestimmten Region ändern wird. Aber das ist auch gar nicht notwendig. Klar ist: Sowohl unsere technische Infrastruktur als auch die Landwirtschaft sind davon abhängig, dass Wetterereignisse, die heute als Extreme angesehen werden, nur selten und räumlich begrenzt auftreten. Zugleich sind unsere Versorgungssysteme überregional und global so vernetzt, dass extreme Veränderungen in dem, was als normal gilt, auch in weit entfernten Gebieten gravierende Auswirkungen haben. Wenn etwa in Italien keine Äpfel mehr wachsen und in Spanien nicht mehr erfolgreich Obst angebaut werden kann, haben wir in Deutschland ein Versorgungsproblem. Wenn Strommasten in verschiedenen Teilen Europas unter Schneelast oder in Stürmen umknicken, oder wenn Stauseen für Wasserkraftwerke zu wenig Wasser speichern ist die Stromversorgung in ganz Europa gefährdet. Wenn Extremwetterereignisse Straßen, Schienen und Flughäfen blockieren, bricht schnell die gesamte Grundstruktur unserer Gesellschaft zusammen.

    Da ist kein Klima mehr

    Kritisch ist die Zeit, welche vermutlich ein paar Jahrzehnte andauern wird, in der es gar kein Klima mehr gibt: Kein „normaler Wetterverlauf“ mit einer gewissen Bandbreite des Erwartbaren, auf den wir uns einstellen können und der nur hin und wieder hier und da von extremen Ausnahmen gestört wird. Eine Zeit, in der die unerwartbaren Ausnahmen zur Normalität werden, allerdings ohne dass jemand weiß, welches Extrem als nächstes kommt. In dieser Zeit werden die Menschen nicht planen können. Man weiß nicht, welche Getreide- und Gemüsesorten wachsen werden und welche von Trockenheit oder Starkregen vernichtet werden. Man weiß nicht, ob im Sommer die Hitze alles verbrennt oder ob im Winter die Schneemassen das Leben zum Erliegen bringen. Nach und nach wird in so einer Welt sowohl die überregionale als auch die regionale Infrastruktur zum Erliegen kommen. Wir können annehmen, dass alles, was wir derzeit täglich tun, gefährdet ist oder nicht mehr funktioniert, entweder, weil die Verkehrs- und Energienetze, die alles ermöglichen, ständig gestört sind, oder weil sie in der täglichen Sorge, wie das Leben weitergeht, nicht mehr wichtig sind.

    Mit dem Zusammenbruch der Infrastrukturen bricht allerdings auch der Einfluss des Menschen auf den Klimawandel zusammen. Wir fahren keine Autos mehr, weil es keinen Treibstoff mehr gibt, wir verschwenden keinen Strom mehr, weil die Energieversorgung zusammenbricht. Mit dem Reparieren werden wir nicht so schnell nachkommen, wie neue Extremereignisse wieder alles zerstören.

    Nach dem Klimawandel: Ein neuer Himmel und eine neue Erde

    Nach ein paar Jahrzehnten wird also ein neues Klima entstehen, eine neue Normalität, auf die die Menschen sich einstellen können. Wird es dann noch Menschen geben? Werden Menschen das Chaos überstanden haben? Sicherlich. Wir müssen hier nicht spekulieren, wie viele Menschen die neue Normalität erleben werden und wo sie leben werden. Es gibt heute mehr als sieben Milliarden Menschen, sie leben an den verschiedensten Orten der Erde. In der Zeit der chaotischen Klimalosigkeit werden manche an den Orten bleiben, an denen sie immer gelebt haben, andere werden sich auf Wanderschaft begeben. Manche werden scheitern, andere werden mit Glück und Verstand überleben.

    Die Erde hat heute eine Vielzahl klimatischer Regionen und Ökosysteme. Das wird auch nach dem großen Klimawandel so sein. Hier und da werden Menschen sich angesiedelt haben, die Nischen zum Überleben gefunden haben werden. Sie werden einen Neuanfang machen.

    Womöglich wird es Konflikte und Kriege um Ressourcen geben, wahrscheinlich werden defekte Infrastrukturen Tiere, Pflanzen und Menschen in einigen Regionen vergiften und neue Krankheiten hervorrufen.

    Aber es ist anzunehmen, dass die Vielfalt der Bedingungen auf der Erde ebenso groß sein wird, wie sie heute ist. Dazu kommt, dass viele große wichtige Kräfte des Erd-Ökosystems vom Klimawandel unbeeindruckt bleiben: Die Erde wird weiter rotieren, die Verteilung der Landmassen bleibt unverändert. Wasser und Luft werden nicht verschwinden (auch wenn sich die Zusammensetzung der Luft womöglich ändern wird). Die Erde wird den Menschen neue Plätze zum Leben ermöglichen.

    Wenn wir die Klimakatastrophe nicht stoppen können, müssen wir uns auf so eine Zeit vorbereiten. Was kann man tun? Ein paar Basis-Fähigkeiten zu haben, wird nicht schaden, um in einer Welt ohne hoch-technisierte Infrastrukturen auszukommen. Dazu gehören nicht nur handwerkliches Können und körperliche Fähigkeiten. Vielleicht sollten wir auch beginnen, Geschichten und Gedichte zu lernen, damit wir in Zeiten ohne Medien etwas haben, was wir einander erzählen können – denn wer will schon Bücherstapel zum Vorlesen durch die Berge und Täler schleppen, wenn er auf Wanderschaft ist?

    Zudem könnten wir anfangen, darüber nachzudenken, was wir nach dem Neuanfang anders machen wollen, damit wir nicht schnurstracks in die nächste Katastrophe laufen.

  • Wörterbuch der Phänomene: Klima

    Wörterbuch der Phänomene: Klima

    Das Klima wandelt sich, früher war es angenehm und vorhersehbar, heute ist es unberechenbar geworden – und niemand weiß wie es weitergeht. Die meisten Menschen werden jetzt ans Wetter denken. Aber vielleicht handelt der erste Satz auch vom sozialen Klima in der Gesellschaft, oder vom Betriebsklima. In jedem Fall haben Sie den Satz vermutlich verstanden, Sie wissen, was gemeint ist. Vielleicht verstehen Sie auch sofort, dass derjenige, der den Satz vom veränderten Klima ausspricht, sich Sorgen um die Zukunft macht.

    Aber was heißt Klima, was bedeutet das Wort, das wir sowohl mit Bezug aufs Wetter als auch auf den sozialen Alltag verstehen?

    Die Meteorologen haben definiert, dass das Klima der mittlere Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort über einen gewissen Zeitraum ist. Dieser Zeitraum wurde irgendwann auf 30 Jahre festgelegt. Man misst also dreißig Jahre lang die Temperatur, den Wind, den Niederschlag und berechnet Mittelwerte. Die beschreiben dann das Klima an diesem Ort.

    Aber diese Zahlen sollen nur irgendwas zu fassen bekommen, was wir zuvor schon kennen. Wir fragen nach dem Klima an einem Ort, wenn wir wissen wollen, mit welchem Wetter wir rechnen müssen. Wenn Sie jetzt einen Winterurlaub planen, wollen Sie wissen, im Sie im Februar in Winterberg Schnee erwarten dürfen und auf welche Temperatur Sie sich einstellen müssen. Sie wissen: das kann auch schiefgehen. Sie packen einen dünneren und einen dickeren Pullover ein.

    So ähnlich ist es auch beim Betriebsklima. Wenn Ihnen jemand sagt, dass in dem Unternehmen ein freundliches Klima herrscht, dann wissen Sie, dass es auch mal unangenehm werden kann, aber normalerweise, meistens, sollte es da nett zugehen.

    Klima ist das, worauf wir uns einstellen, womit wir rechnen. Manchmal ist das, was wir dann wirklich erleben, anders, als wir es vom Klima erwartet hätten. Aber wenn unsere Vermutungen übers Klima richtig sind, dann kommen wir auf lange Sicht ganz gut zurecht, weil wir uns darauf einstellen können.

    Deshalb macht uns Klimawandel auch Angst, sei es, dass die globalen Temperaturen steigen, sei es, dass ein neuer Chef einen anderen Ton anschlägt. Klimaveränderungen stören unser Selbstvertrauen, das uns sagt, dass wir alles im Griff haben. Andere Zeiten brechen an, und wir wissen nicht, was kommt.

    Im Wörterbuch der Phänomene wird alle zwei Wochen über einen Begriff nachgedacht, der einen Teil unserer alltäglichen Welt beschreibt. Im ersten Eintrag im „Wörterbuch der Phänomene“ ging es ums Nachdenken. Wenn Sie eine Anregung für das Wörterbuch haben, senden Sie eine Mail an joerg.friedrich@diekolumnisten.de

  • Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Das Pariser Abkommen und das alte Amerika

    Kollege Thilo Spahl hat vor ein paar Tagen Verständnis für Donald Trump gezeigt. Der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen ist ihm höchstens ein Schulterzucken wert, denn das Abkommen, so meint Thilo Spahl, bringt für den Klimaschutz ohnehin nicht viel.

    Nichts ist gut, weil Trump es schlecht findet

    Es ist sicherlich richtig: Nichts ist deshalb schon gut, weil der gegenwärtige amerikanische Präsident es schlecht findet, und nichts sollte schon deshalb abgelehnt werden, weil Trump es gelobt hat. Wir sollten, auch wenn’s schwer fällt, auch im Falle des neuen Chefs im Weißen Haus Argumente abwägen und nicht naheliegenden Antipathien nachgeben.

    Man kann die Argumente, die Trump vorbringt, und die Thilo Spahl, sagen wir mal, affirmativ aufgreift, einem Faktencheck unterziehen. Das haben schon andere getan. Dann sieht man z.B., dass die Studie, die den Effekt mit 0,2 Grad angibt, den das Pariser Abkommen auf die globale Erwärmung habe,  auf einer nicht ganz so aktuellen Datenbasis arbeitet.

    Man kann aber auch mal so tun, als ob das, was Thilo Spahl an Fakten nennt, richtig wäre. Auch dann würde er in seinen Schlussfolgerungen völlig falsch liegen. Denn das Pariser Abkommen ist tatsächlich ein gewaltiger Schritt in Richtung einer wirklichen Eindämmung des Klimawandels – und so gewaltig ist auch die Wirkung, die ein Ausstieg der Amerikaner aus dem Vertrag haben könnte.

    Richtig ist: Im Pariser Abkommen ist vereinbart, dass jedes Land seine Ziele zum Klimaschutz selbst festlegt, und dass jedes Land auch selbst festlegt, wie es misst, ob es seine Ziele erreicht hat. Allerdings ist auch festgelegt, dass die Ziele mit der Zeit anspruchsvoller werden sollen.

    Und hier liegt der große Effekt des Abkommens: Es zeigt einen Wandel in der Richtung der Anstrengungen. Es geht nicht mehr darum, dass jedes Land versucht, anderen die Schuld und die Verantwortung zuzuweisen. Das Abkommen sagt: Jedes Land kann was tun, und wenn es am Anfang auch nur kleine Beiträge sind. Schon heute zeichnet sich ab, dass Länder mehr tun, als sie sich selbst vorgenommen haben.

    Wofür das Pariser Abkommen gut ist

    Paris geht von dem Ansatz aus, dass erste kleine messbare Erfolge dazu führen werden, dass sich die Länder mehr vornehmen, und dass sie auch mehr umsetzen. So wird es Schritt für Schritt zu einer Beschleunigung bei den Aktivitäten zur Eindämmung des Klimawandels kommen. Das gilt umso mehr, wenn die ersten Erfahrungen bei der Umsetzung von Maßnahmen zeigen, dass es auch wirtschaftlich sinnvoll ist, Emissionen zu senken und Alternative Technologien zu entwickeln. Neue Produkte, neue Märkte, neue Industrien entstehen. Zugesagte Unterstützungsleistungen stärkerer für schwächere Länder führen zu nutzvollen Kooperationen, die sich auch auf andere Felder erstrecken werden.

    Das ist der Sinn des Pariser Abkommens, und deshalb ist der Effekt des Ausscheidens der USA auch so gewaltig. Allerdings gar nicht so sehr beim Beitrag zum Klimaschutz. Vielmehr setzt Amerika mit dem Ausstieg ein klares Zeichen: Die USA sagen dem Rest der Welt: Wir sind nicht mehr die innovative Nation, die die Herausforderungen der Gegenwart als erste angeht, die entschlossen und kreativ vorangeht um den anderen zu zeigen, wie man Probleme anpackt und löst. Wir sind nicht mehr die mutigen Helden, die die Welt schützen. Das sind wir vielleicht noch in den großen Kinofilmen des 20. Jahrhunderts, die in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts merkwürdig antiquiert wirken.

    Andere werden diese Funktion übernehmen. China hat erkannt, wie man in Zukunft zur führenden Kraft, zur Lokomotive der Weltgeschichte wird. Frankreich ruft die innovativen und verantwortungsbewussten Amerikaner auf, nach Europa zurückzukehren. Großbritannien begibt sich vorsichtig auf den Rückweg nach Europa. Deutschland wird sich weiterhin vornehm und weise zurückhalten und aus der zweiten Reihe freundlich alle zu integrieren versuchen.

    Und die USA? Bald wird man sich da umschauen und sehen, dass man zum Nachzügler, wenn nicht zum Geisterfahrer geworden ist. Der Einfluss wird zurückgehen, nicht nur in Fragen des Klimawandels. Denn andere werden die Kooperation, die sie auf diesem Feld erproben, auf andere Gebiete ausdehnen. Was wir mit Trump und seinem Rückzug aus dem Pariser Abkommen erleben, ist der Anfang vom Ende einer Weltmacht. Weltgeschichte bleibt spannend.

  • Energiewende ganz privat – so wird’s gemacht!

    Der Herbst ist die beste Jahreszeit, um über die Zukunft der Menschheit ehrlich nachzudenken. Nicht etwa, weil der Herbst ohnehin schwermütige Gedanken befördert. Im Gegenteil, das bunte Laub im warmen Licht der tiefstehenden Sonne stimmt die Seele friedlich und im letzten Abendlicht könnte man bei Kerzenschein und Wein über die Schönheit des Werdens und Vergehens und über die ewige Wiederkehr des Gleichen philosophieren – käme einem nicht das Knattern eines Laubsaugers oder eines Laubbläsers dazwischen.

    Noch vor wenigen Jahren gab es dieses Geräusch nicht, stattdessen hörte man das gleichmäßig schwingende Rauschen eines Besens. Meiner eigenen subjektiven Erfahrung nach ist man mit beiden Varianten ungefähr gleich lange beschäftigt, wenn es gilt, etwa einen Gartenweg oder einen Rasen vom Laub zu befreien. Trotzdem steigen immer mehr Menschen auf die motorisierte Variante um.

    Das ist nichts Neues. Wer mäht schon noch den Rasen mit einem mechanischen Rasenmäher, oder gar mit einer Sense oder einer Sichel? Und zugegeben: Ich habe seit Jahrzehnten kein Eiweiß mehr mit dem Schneebesen geschlagen, und selbst den Hefeteig überlasse ich inzwischen der Küchenmaschine, auch wenn das Geräusch mich nervt.

    Der technische Fortschritt marschiert klar in eine Richtung: weniger körperliche Anstrengung, mehr Maschinenkraft im Alltag. Nirgendwo ist zu sehen, dass sich das ändert. Auch meine ganz persönliche Energiewende heißt: Weg von der biochemischen Energie, die meine Körperkräfte antreibt, hin zu Benzin und elektrischem Strom, der Motoren unterschiedlicher Größe in Bewegung setzt.

    Präzision und Eleganz

    Das beste Beispiel ist mein Auto: Die Außenspiegel, der Fahrersitz, selbst die Kofferklappe – nichts davon bewege ich noch mit Körperkraft, alles wird mit kleinen Elektromotoren in die gewünschte Position gebracht. Hat das irgendeinen höheren Sinn, irgendeinen objektiven Wert? Ehrlich gesagt: Nein. Es ist irgendwie cool. Es hat die Anmutung von Präzision und Eleganz, aber das Ergebnis habe ich mit ein bisschen Geschicklichkeit und Kraftaufwand vor Jahren auch noch völlig unmotorisiert hinbekommen.

    Das Ergebnis: Jede Effizienzsteigerung in der Technik wird nicht etwa dazu genutzt, unterm Strich tatsächlich Energie zu sparen – wovon wir uns ja ständig einreden, dass wir es zwingend tun müssen, um nachhaltig und klimaschonend zu leben. Vielmehr nutzen wir den Fortschritt nur, um uns zu gleichen Kosten, mit gleichem Aufwand an Strom und Benzin, immer weniger selbst bewegen zu müssen.

    Der gleiche Trend wird zu dieser Jahreszeit in den Abend- und Nachtstunden im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar: Wir sind stolz darauf, inzwischen kaum noch Glühlampen zu verwenden, die Energie verschwendeten und mehr heizten, als dass sie Licht erzeugten. Über die Energiesparlampen sind wir bei den LED-Leuchten angekommen. Aber verbrauchen wir dadurch weniger Strom? Das wäre purer Zufall.

    Mehr Licht!

    Denn unsere Häuser sind inzwischen immer heller geworden. Im Treppenhaus ist es nachts taghell, das Licht geht bei der kleinsten Bewegung an und strahlt noch lange auf leere Wände, wenn wir längst im Fahrstuhl verschwunden sind. Wo uns früher eine Arbeitsplatzleuchte reichte, strahlt heute eine Hintergrundbeleuchtung an jeder Wand. Sind ja Energiesparlampen. Und umso weniger Strom die Fernsehtechnik eigentlich benötigen würde, desto größer und heller werden die Fernsehbilder.

    Das alles ist kein Vorwurf, nicht einmal ein Appell zur Umkehr. Auch mein neuer Fernseher ist doppelt so groß wie der, den ich zuvor hatte. Ich lamentiere auch nicht über die schlechte Welt, ich warne nicht vor dem Untergang der Menschheit. Alles, was ich sagen will ist. Menschliche Vernunft hat nichts mit Vernünftigkeit zu tun. Wir denken nicht an die drohenden Gefahren, an den Klimawandel oder an zukünftige Generationen, wenn wir uns ein neues Küchengerät, einen neuen Fernseher oder ein Auto kaufen. Wir wollen es einfach schön haben und Spaß erleben. Und das ist auch immer gut gegangen – irgendwie.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über seinen Besuch im Bundestag.

  • Alle wollen Klimawandel

    Alle wollen Klimawandel

    Egal, ob man das Radio einschaltet oder die Freunde fragt, alle freuen sich über den wunderbaren milden Herbst. Man genießt die Sonne und die wunderbaren Herbstfarben, sitzt – wenn auch in Decken gehüllt – vor den Cafés und schleckt noch ein letztes Eis oder einen Capuccino. Und kaum wird die Sonne nun von ein paar dünnen Wolken verdeckt, sehnt man sich nach dem blauen Himmel der vergangenen Tage zurück. Niemand sorgt sich um den Klimawandel, und wer in so einem Moment vom Klimawandel und von der globalen Erwärmung spricht, gilt als Spielverderber. 

    2015 – was für ein Wetter!

    In Deutschland waren schon die ersten Monate dieses Jahres zu warm. Der Februar war zwar etwas kalt, dafür aber viel zu sonnig und zu trocken. Aber kann es überhaupt “zu sonnig” sein? War es nicht ein wunderbarer milder März, gefolgt von wunderbar sonnigen April.

    Dann kam der Sommer mit seinen Hitzerekorden. Wir stöhnten ein bisschen, aber wir lagen doch meistens entspannt in der Sonne. Wer in der Mitte und im Süden Deutschlands wohnt, genoss Sonne satt und bedauerte ein bisschen die Leute im Norden Deutschlands, die nur einen durchschnittlichen Sommer hatten.

    Nun hatten wir also seit fast drei Wochen einen “Indian Summer”. Am Schluss wird es wohl dazu führen, dass das Jahr 2015 in Deutschland wieder als “wesentlich zu warm” in die Statistiken eingeht, wieder mal so eine Nachricht, die uns eigentlich Sorgen machen sollte, da sie ein Zeichen für den Klimawandel, für die globale Erwärmung ist.

    Niemand mag sich Sorgen machen

    Derweil  hören wir von einem außergewöhnlichen Wirbelsturm, der Oman und den Jemen verwüstet – das ist auch so ein Klimawandel-Vorbote. Aber das sind abstrakte Nachrichten, die niemanden im sonnigen Europa wirklich erschrecken können. Überhaupt haben wir zurzeit ja andere Sorgen als den Klimawandel, wir wissen nicht, wie es mit den Flüchtlingen weitergeht, von Griechenlad hört man zwar weniger als im Frühjahr, aber ob das ein gutes Zeichen ist, weiß keiner, und wenn wir schlaflose Nächte wegen der ferneren Zukunft haben, dann eher wegen zu geringer Altersabsicherung als wegen zu hoher Temperaturen.

    Diese ganz alltäglichen Erfahrungen illustrieren ein paar Selbstverständlichkeiten über die Natur des Menschen: Wir können unser Handeln eigentlich nur im Hier und Jetzt orientieren. Je weiter entfernt ein Problem ist, sei es eine Überschwemmung in Asien oder eine Klimakatastrophe in ein paar Jahrzehnten, desto abstrakter ist es – und alles, was abstrakt ist, steht in unseren Sorgen und Entscheidungen hinter den konkreten Erlebnissen und Erfahrungen zurück, die sich alltäglich aufdrängen. Das Mitleid mit Sturmopfern in Oman ist genauso theoretisch wie das mit unseren Nachfahren, die in ein paar Jahrzehnten mit den Problemen klar kommen müssen, die wir ihnen hinterlassen haben werden.

    Und der Klimawandel ist ja nur eines dieser Probleme, vielleicht nicht mal das größte. Die globalen Migrationsbewegungen und die Staatsverschuldung werden für das alte Europa vielleicht viel gravierendere Konsequenzen haben als Dürreperioden und Überschwemmungen. Aber wer kann sich schon vorstellen, sein ganz persönliches Leben heute aus freien Stücken radikal zu ändern – in dem er z.B. aus Verantwortung für die Zukunft ein paar Kinder mehr in die Welt setzt und in den nächsten zwei Jahrzehnten seine Kraft darauf konzentriert, diese ins Leben zu führen?

    Kölner Grundgesetz für alle?

    Die Frage, die sich aufdrängt, ist ob der Mensch wirklich so ein rationales Wesen ist wie das neuzeitliche, naturwissenschaftlich geprägte Bild vom animal rationale es behauptet. Offenbar nicht. Wir sind nur sehr begrenzt in der Lage, unser aktuelles Wohlergehen irgendwelchen rationalen Erwägungen zu opfern, um die Probleme an fernen Orten oder in ferner Zukunft zu lösen. Keine Aufklärung, keine dramatischen Medienberichte, keine Expertenvorträge scheinen etwas daran ändern zu können: wer bringt schon die Kraft auf, die Welt zu retten, wenn er auch in der Oktobersonne im Café sitzen kann?

    Scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Die erste ist, wir gestehen uns ein, dass wir eigentlich alle Kölner sind und erklären das Kölner Grundgesetz als allgemeingültiges Lebensprinzip. Das heißt: wir lassen die Zukunft eben auf uns zukommen, genießen das jetzige Leben und lösen die Probleme, wenn sie im Alltag angekommen sind. Allerdings werden die meisten großen Probleme dann nicht mehr zu lösen sein, man wird sich nur noch arrangieren können. Aber das ist nicht neu, jede Generation musste sich bisher mit der Welt so abfinden, wie die vorherigen sie hinterlassen hatten.

    Die Alternative ist, dass wir die Sorge um die fernen und zukünftigen Probleme an die Apparate der Behörden delegieren. Wir verhalten uns dann ein bisschen so wie der Süchtige, der um seine Sucht weiß und sie doch nicht alleine in den Griff bekommt: Er übergibt sich der Gewalt der Entzugsklinik und lässt sich mit Zwang davon abhalten, das zu tun, was ihn langfristig zerstört. Das hieße allerdings, dass Basisdemokratie in wirklich langfristig wichtigen Fragen keine Chance hätte. Und ob wir wirklich bereit wären eine Regierung zu akzeptieren, die uns mit mahnendem Blick auf die Zukunft den Spaß an der Gegenwart verdirbt, kann wohl auch bezweifelt werden.

    Lesen Sie auch die Kolumne von Jörg Friedrich zu den Chancen der Großen Koalition für die Demokratie.