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  • Die Rosenmontagskolumne

    Die Rosenmontagskolumne

    [Diese Kolumne wurde das erste Mal am 4. März (Rosenmontag) 2019 veröffentlicht]

    Beginnen wir mit der guten Nachricht: der Karneval ist unkaputtbar. Das war immer so und wird auch in hundert Jahren noch so sein. Vielleicht wird es an Rosenmontag 2119, der übrigens am 16. Februar stattfinden wird – das können Sie sich ja schon mal notieren – mehr virtuelle Funkenmariechen geben als heute; aber es wird Funkenmariechen geben. Das ist so sicher wie der Umstand, dass 50 Prozent der Kamelle an Sankt Martin wiederverwendet werden.

    Im Schweinsgalopp durch die Karnevalshistorie

    Die Ursprünge des Karnevals reichen tief in die Geschichte zurück. Waltari erzählt in seinem sehr lesenswerten Roman Sinuhe vom Fest des falschen Königs in Babylon, an dem ein zufällig ausgewählter Fremder 24 Stunden lang den Platz des angestammten Herrschers einnahm und seinem Leih-Volk allerlei merkwürdige Aufträge erteilte, die ohne Murren zu erfüllen waren, was die Zuschauer sehr erheiterte. In dieser kurzen Zeitspanne war alles erlaubt, der Alkohol floss in Strömen, jede kopulierte mit jedem, ohne dabei einen Gedanken an Moral und Standeszugehörigkeit zu verschwenden. Über Zwischenstationen im alten Ägypten, Griechenland und die römischen Saturnalien erreichten Mummenschanz und die damit einhergehende – zeitlich eng getaktete – freie Liebe das Mittelalter, in dem sie mal verboten, dann wieder erlaubt waren. Seine offizielle Geburtsstunde feierte der Karneval allerdings erst im Jahr 1823, als sich in Köln das Festordnende Comite zusammenfand, um alte Narrenbräuche neu zu beleben und vom Geruch der Semi-Illegalität zu befreien.

    Angefeindet wurde er nämlich oft, der Karneval. Von der Obrigkeit, der Kirche, von Moralaposteln. Aus unterschiedlichen Gründen heraus. Taten sich die Preußen anfangs schwer damit, dass ihr geliebter Militärdrill von den Tanzcorps persifliert und ins Lächerliche gezogen wurde, störte sich der Klerus vor allem am 133stündigen Sittenverfall mit seiner zügellosen Promiskuität. Kostümorgien galten den Priestern als besonders schlimme Manifestation des Bösen. Was die Menschen im Allgemeinen und den Rheinländer im Besonderen aber nicht daran hinderte, sich ausgangs des Winters weiterhin zu verkleiden und mit der Nachbarin ins Bett zu steigen. Nachdem katholische Kirche und Behörden ihren Frieden mit den Narren geschlossen hatten – es gibt keine treueren Besucher der Sitzungen als Landes-/ Kommunalpolitiker und Dechanten & Prälaten –, den evangelischen Pastorsgattinnen klargeworden war, dass man schlecht gegen den Alkoholmissbrauch an den tollen Tagen zu Felde ziehen kann, solange der eigene Mann herzhaft mitsäuft, man im vergangenen Jahr einen Zwist mit den Tierschützern wegen des Promillegehalts der mitlaufenden Pferde (oder waren es die Reiter?) mittels eines Kompromisses gütlich beigelegt hatte, droht nun Ungemach aus einer neuen Ecke: Der Karneval sei in weiten Teilen politisch unkorrekt und strukturell sexistisch, behaupten Vereine, die sich die flächendeckende Durchsetzung politischer Korrektheit auf die Fahnen geschrieben haben und Neo-Feministinnen.

    Struktureller Hast-du-sie-noch-alle?

    Beginnen wir mit dem strukturellen Sexismus. Was das genau ist, weiß ich nicht. Klingt auf jeden Fall übel und grenzt vermutlich hart an §177 StGB, in dem die Tatbestände sexueller Übergriff & Nötigung und Vergewaltigung definiert werden. Nun wohnt dem Karneval unbestritten ein orgiastisches Element inne, stellt die Promiskuität eine seiner drei – im Volksmund mit „suffe, poppe, danze“ umschriebenen – Haupttriebfedern dar. Wofür andere Landsmannschaften Swingerclubs benötigen, dafür reichen dem Rheinländer die sechs tollen Tage aus. Aus meiner – zugegebenermaßen subjektiven, zumal männlichen – Erfahrung heraus, die aber immerhin fünfzig Sessionen umfasst, scheint mir der Wunsch nach dem Rosenmontagspätabend-Quickie allerdings recht gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt zu sein. Was ist mit geilen Blicken ins Dekolleté und unerwünschten Berührungen in den Kneipen, fragen Sie mich? Wer geile Blicke nicht aushält und allergisch auf Berührung reagiert, sollte Kneipen in der Karnevalszeit meiden, antworte ich. Wichtig ist: am Aschermittwoch ist alles vorbei und für den Rest des Jahres breitet man den Mantel des Schweigens über die außerehelichen Aktivitäten. Schnelle Beichte, drei Rosenkränze und ein Ave-Maria, Aschekreuz; un jot es et widder. Weshalb das in die Kategorie struktureller Sexismus fallen soll: keine Ahnung.

    Aber der Karneval ist auf jeden Fall politisch unkorrekt, werfen Sie nun hinterher, nachdem der Sexismusvorwurf ins Leere lief? Klar ist der Karneval politisch unkorrekt. Das ist ja seine zweite Haupttriebfeder. Alles darf und soll durch den Kakao gezogen werden. Vor allem die Politiker, denn da trifft es immer die richtigen. Aber natürlich ebenfalls alte Männer mit Erektionsproblemen, blonde Drogeriefachverkäuferinnen, E-Rollstuhlfahrer mit Deutschlandwimpel, Düsseldorfer, Stotterer, Schwule und der Erzbischof. Zumindest früher war das so. Da durfte über jeden ein Witz gerissen werden, und der Saal brach in Gelächter aus. Ob die Bonmots immer geistreich waren? Geschenkt – ü1,5 Promille applaudiert man auch zu müden Schenkelklopfern. Und wer nüchtern eine Sitzung besucht, ist selbst schuld. Klingt doch alles ganz harmlos, Hauptsache die Menschen amüsieren sich, sagen Sie jetzt? Sehe ich zwar genauso, aber seit einigen Jahren ist im Karneval nichts mehr harmlos; auf jeden Fall sind die Dinge komplizierter geworden.

    Kostümwahl ohne Handbuch nicht mehr möglich

    Nehmen wir die Kostüme:

    ▪ Frechener  Negerköpp: geht gar nicht
    ▪ Zigeunerin: ei ei ei
    ▪ Araber/ Scheich: das Schicksal der unterdrückten Palästinenser scheint Ihnen völlig egal zu sein
    ▪ Indianer: Ihnen ist schon klar, dass wir Europäer die amerikanische Urbevölkerung nahezu ausgerottet haben?
    ▪ Indische Tempeltänzerin: an Respekt vor anderen Religionen mangelt es bei Ihnen augenscheinlich
    ▪ Mann verkleidet sich als Frau ohne ärztliches Attest, dass er sich auch jenseits des Karnevals primär als Frau fühlt: no way!

    Ich bin Anfang der 80er mal als Erich Honecker gegangen: beiger Kunstfaseranzug, speckiger, kleiner Hut, dicke Hornbrille, Modell 70er-Kassengestell. Wäre heute wegen Verunglimpfung der Ostdeutschen und ihrer Historie undenkbar. Versuchen Sie – setzt ein bisschen Mut voraus –, sich als Reinigungskraft oder UPS-Fahrer zu verkleiden. Sofort sehen Sie sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass Ihnen deren prekäre Situationen ganz offensichtlich am Arsch vorbeigehen. Um auf der sicheren Seite zu sein, sind folgende Kostüme (noch) zulässig:

    Mann. Astronaut, Clown, Kardinal (wegen des Missbrauchsskandals vermutlich ein Auslaufmodell) und großer hellblauer Vogel
    Frau: Pilotin/ Polizistin, Clown, kleiner hellblauer Vogel. Bei Funkenmariechen geht’s ja schon wieder in Richtung struktureller Sexismus und Wäscherin deutet stark auf antiquierte Geschlechterrollen hin.

    Männernamen toll, Frauennamen Scheiße, Doppelnamen Doppelscheiße

    Nachdem wir bei den Kostümen mittlerweile auf einem guten Weg sind, muss nun endlich beim Sitzungskarneval ausgemistet werden. Sie erinnern sich noch an das, was ich weiter oben geschrieben hatte: um den Sitzungskarneval durchgängig lustig zu finden, muss man entweder Kölner, betrunken oder am besten beides zusammen sein? Das Spektrum, über das man Witze reißen darf, wurde in den vergangenen Jahren eh schon sehr ausgedünnt. Zahlreiche Minderheiten in die Tabu-Liste aufgenommen. Wie lange ist es her, seit ich den letzten Joke über Stotterer oder E-Rollstuhlfahrer gehört habe? Das muss im letzten Jahrhundert gewesen sein. Aufgrund der mannigfaltigen Beschränkungen weichen die Redner deshalb bereits auf so Sachen wie dämliche Doppelnamen aus, wenngleich dieses Thema eigentlich völlig ausgelutscht ist. Von denen – also den grenzwertigen Doppelnamen – gibt’s natürlich viele. Kramp-Karrenbauer befindet sich aufgrund Unaussprechlichkeit – was vor allem für Angelsachsen und Bewohner der südlichen EU-Mitgliedsländer gilt – dabei allerdings bloß im Mittelfeld der Bindestrich-Anomalien.

    Bernd Stelter, Büttenveteran seit dreißig Jahren, reißt darüber ein paar zahme Kalauer, Publikum lächelt, applaudiert müde, in Gedanken schon bei der nächsten Tanznummer, ein weiblicher Gast pfeift sich die Seele aus dem Leib, Stelter bittet, das zu unterlassen, Gast – im originellen Kostüm einer Leichtmatrosin: Ringelhemd, 5€-Käppi vom KIK – springt vom Stuhl hoch, stürmt zur Bühne, baut sich vor dem Comedian auf, schnaubt sichtlich erregt: „Ich hab gerade gepfiffen … fragt mal irgendjemand, was für’n Scheißnamen nen Mann hat, den die Frau annimmt?  … Ja, Männernamen sind immer toll, und Frauennamen sind immer Scheiße. Und Doppelnamen sind Doppelscheiße“.
    Stelter antwortet verdutzt: „Wir machen hier Karneval“.

    Ich habe mir die Szene dreimal im Netz angeschaut: Fremdschämen at it’s best.

    Trend zur demokratisch mitbestimmten Büttenrede

    Die Dame, eine Touristin aus einem der östlichen Bundesländer, die selbst einen unaussprechlichen und beim besten Willen nicht merkbaren Bindestrichnamen spazieren führt, erklärt am Tag danach auf Anfrage des WDR: „Im 21. Jahrhundert muss man sich nicht über Namen lustig machen. Das hat mich auch dazu bewegt, meinem Unmut Luft zu machen“.

    Wow! Im 21sten Jahrhundert dürfen wir keine Witze über Doppelnamen mehr machen. Einfach so, Erklärung braucht es nicht. Ich, Lotte aus Weimar bestimme das, und der Kölner Karneval hat sich gefälligst nach meiner Befindlichkeit zu richten. Schließlich habe ich für die Eintrittskarte bezahlt, und Kunst muss sich dem Publikumsgeschmack – vor allem meinem – beugen, weshalb wir, startend ab Session 2020, die Büttenreden vorab veröffentlichen, darüber abstimmen lassen und selbstverständlich Streichungen, falls sich irgendeine der drei Millionen Minderheiten in unserem Land unfair brüskiert fühlen sollte, vornehmen werden. Das wäre endlich die komplette Demokratisierung des Karnevals, auf die der seit Jahrtausenden gewartet hat. Initiiert von einer Weimarer Leichtmatrosin. Danke dafür!

    Jetzt erfolgt ein Tusch.

    Nachtrag 1 – hier noch eine letzte Frage zur Bindestrich-Problematik, bevor man die ab 2020 nicht mehr stellen kann:

    Und warum genau darf man keine Witze über Doppelnamen machen, Frau Manhatmir-Insgehirngeschissen?
    © Perscheid

    Nachtrag 2: Lasst den Karneval bloß auch weiterhin alkoholgeschwängert, promiskuitiv und vor allem unkorrekt sein. Er hat Gottseidank bisher alle seine Kritiker überlebt, und die waren teils von anderem Kaliber als Lotte. Notfalls eine Zeit lang für Touristen aus dem Osten sperren. Wir Rheinländer amüsieren uns an diesen sechs Tagen auch prima mit uns selbst.

    Ich schließe mit einem dreifachen „Knüllig-Dingeldey folgt Guise-Rübe nach, Alaaf!“

  • Der Alte aus Rhöndorf

    Der Alte aus Rhöndorf

    Nähe und Distanz

    Gäbe es ein nicht-karnevalistisches rheinisches Dreigestirn des 20. Jahrhunderts, es würde aus Konrad Adenauer, Wolfgang Overath Overath und Willy Millowitsch bestehen. Diese drei gehören zu Köln wie der Dom zur Silhouette, der Rhein zum Lebensgefühl und der Karneval zur Sinnenfreude. Sie stehen für Politik, Fußball und Bühne, für Macht, Leidenschaft und Humor – und damit für jene rheinische Mischung aus Ernst und Leichtigkeit, ohne die diese Stadt kaum zu denken ist.

    Am 5. Januar jährt sich der Geburtstag Konrad Adenauers zum 150. Mal. Ein Datum, das in Geschichtsbüchern fett gedruckt gehört, im Alltag aber leicht untergeht. Und doch: Wer, wie ich, im Bonner Süden lebt, kommt an Adenauer schlicht nicht vorbei. Die Adenauerallee zieht sich wie eine historische Magistrale am Rhein entlang, die Villa in Rhöndorf liegt nur einen kurzen Ausflug entfernt, sein Name prangt an Schulen, Stiftungen, Brücken, Preisen. Adenauer ist hier keine ferne Figur aus dem Schwarzweiß-Fernsehen, sondern Teil der Topografie.

    Und trotzdem ist da eine merkwürdige Distanz. Selbst ich, Ü60, kenne die Geschichten über „den Alten“ vor allem vom Hörensagen. Erzählungen meiner Eltern und Großeltern, die ihn erlebt haben: als knorrigen Patriarchen, als sturen Rheinländer, als jemanden, der mit 73 Jahren Kanzler wurde und mit 87 immer noch regierte. Adenauer ist für meine Generation weniger Erinnerung als Überlieferung. Vielleicht ist gerade das ein guter Anlass, ihn neu zu betrachten – mit Respekt, aber ohne Ehrfurchtsstarre.

    Der Alte und der Neubeginn

    Adenauer war kein Mann der großen Gesten. Er war kein Charismatiker im modernen Sinne, keiner, der mitreißende Reden hielt oder Visionen in poetische Bilder goss. Seine Stärke lag woanders: im Beharren, im Taktieren, im nüchternen Machtinstinkt. „Keine Experimente“ – dieser Satz bringt nicht nur einen Wahlkampf, sondern eine ganze politische Haltung auf den Punkt. Nach 1945 war das vielleicht genau das, was ein zerstörtes, moralisch diskreditiertes Land brauchte.

    Zu seinen unbestreitbaren Verdiensten gehört die konsequente  Neuorientierung der jungen Bundesrepublik. Adenauer entschied sich früh und klar für die Anbindung an die westlichen Demokratien, für die Integration in europäische und transatlantische Strukturen. Diese Entscheidung war keineswegs alternativlos. Sie bedeutete, die deutsche Teilung zunächst zu akzeptieren und Hoffnungen auf eine schnelle Wiedervereinigung hintanzustellen. Adenauer hat dafür viel Kritik geerntet – und doch zeigt die Rückschau, wie weise diese Weichenstellung war.

    Annäherung an Israel und Grundsteinlegung für ein friedliches Europa

    Zu den leisen, aber historisch besonders gewichtigen Linien seiner Politik gehört die allmähliche Annäherung an Israel. In einer Zeit, in der offene Kontakte politisch wie gesellschaftlich hoch umstritten waren, suchte Adenauer den Weg der Verantwortung. Das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952 war kein Akt der Versöhnung im emotionalen Sinn, sondern ein nüchternes, zugleich mutiges politisches Signal: Deutschland bekannte sich zu seiner Schuld gegenüber den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Diese Annäherung blieb vorsichtig, oft technokratisch, aber sie legte den Grundstein für die späteren diplomatischen Beziehungen – und für ein Verhältnis, das bis heute von besonderer historischer Verpflichtung geprägt ist.

    Die Montanunion, aus der später die Europäische Gemeinschaft und schließlich die Europäische Union hervorgingen, war mehr als ein wirtschaftliches Projekt. Sie war der Versuch, die alten Erbfeindschaften – allen voran zwischen Deutschland und Frankreich – durch gegenseitige Abhängigkeit zu überwinden. Kohle und Stahl, die Grundlage jeder Rüstungsindustrie, sollten gemeinsam verwaltet werden. Frieden durch Verflechtung. Auch das war Adenauer: ein Pragmatiker mit historischem Instinkt.

    Nicht zu unterschätzen ist auch die emotionale Bedeutung der Rückholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955. Für viele Familien war das ein zutiefst persönlicher Moment, ein spätes Ende des Krieges. Adenauer reiste nach Moskau, verhandelte zäh und brachte Menschen zurück, die mancher schon abgeschrieben hatte. Politisch mag das Kalkül dahinter nüchtern gewesen sein, menschlich war es für viele ein Akt der Erlösung. Solche Gesten prägen das Bild eines Staatsmannes nachhaltig.

    Der Hobby-Erfinder

    Zu diesem Bild des nüchternen Machtpolitikers passt auf den ersten Blick kaum eine andere, fast liebenswerte Seite Adenauers: seine Leidenschaft fürs Erfinden. Adenauer war ein notorischer Tüftler, ein Hobby-Ingenieur mit erstaunlicher Hartnäckigkeit. Schon als Kölner Oberbürgermeister meldete er Patente an – etwa für eine verbesserte Sojawurst, die in den Hungerjahren nach dem Ersten Weltkrieg Fleisch ersetzen sollte. Später beschäftigte er sich mit energiesparenden Backöfen und alternativen Heizmethoden. Vieles davon war technisch unausgereift oder wirtschaftlich erfolglos, aber es zeigt einen Mann, der Probleme nicht nur politisch, sondern auch praktisch lösen wollte. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein Politikstil: weniger Vision als Konstruktion, weniger Pathos als Funktionsfähigkeit.

    Die blinden Flecken

    Doch Adenauer nur zu würdigen hieße, ihn zu verklären. Gerade eine Kolumne darf – ja muss – die Schattenseiten benennen. Eine der schwersten Hypotheken seiner Kanzlerschaft ist der Umgang mit der NS-Vergangenheit. Adenauer setzte auf Integration statt auf umfassende Aufarbeitung. Das mag aus seiner Sicht staatspolitisch motiviert gewesen sein: Er wollte Stabilität, Funktionsfähigkeit, einen Neuanfang ohne permanente Selbstanklage. Der Preis dafür war hoch.

    Symbolisch dafür steht die Rolle Hans Globkes, Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt. Globke war Mitverfasser der Kommentare zu den Nürnberger Rassengesetzen – ein Faktum, das Adenauer kannte und bewusst in Kauf nahm. Globke galt als effizient, loyal, unersetzlich. Moralische Bedenken traten hinter politische Zweckmäßigkeit zurück. Dass dies bis heute irritiert, ja empört, ist mehr als verständlich.

    Auch insgesamt war Adenauers Interesse an einer tiefgehenden Aufarbeitung der NS-Verbrechen begrenzt. Viele Täter wurden rasch wieder integriert, Entnazifizierungsverfahren abgekürzt, belastete Biografien stillschweigend akzeptiert. Die junge Bundesrepublik funktionierte – aber sie tat es auf einem Fundament des Schweigens. Erst spätere Generationen, vor allem ab den 1960er- und 70er-Jahren, brachen die Grabesstille auf. Adenauer hat diesen Prozess nicht angestoßen, eher gebremst.

    Hier zeigt sich die Ambivalenz seiner Politik: Er war ein Staatsmann der Stabilisierung, nicht der moralischen Erneuerung.

    Alt trifft Jung: Adenauer und Kennedy

    Diese Ambivalenz wurde auch im persönlichen Auftreten sichtbar. Als John F. Kennedy 1963 Berlin besuchte, prallten Welten aufeinander. Hier der junge, dynamische amerikanische Präsident, mediengewandt, lässig, Projektionsfläche einer neuen Generation. Dort Adenauer, inzwischen 87 Jahre alt, misstrauisch gegenüber Kameras, skeptisch gegenüber Charisma und schnellen Bildern. Kennedy sprach zu den Massen, Adenauer dachte in Aktenvermerken und Machtachsen. Für viele Deutsche wirkte dieser Kontrast wie ein Blick in die Zukunft – und zugleich wie ein leiser Abschied von der politischen Ära des „Alten“. Vielleicht konnte er Letzteres auch gar nicht leisten. Vielleicht war seine Generation zu sehr verstrickt, zu sehr geprägt von autoritären Denkweisen und eigenen Verdrängungsmechanismen. Das entschuldigt nichts, erklärt aber manches.

    Macht und Abgang

    Adenauers Verhältnis zur Macht blieb bis zuletzt spannungsgeladen. Er klammerte sich an das Kanzleramt, überging mögliche Nachfolger und verschob seinen Rückzug immer wieder. Als er schließlich 1963 abtrat, wirkte der Abgang unerquicklich und unfreiwillig, eher Ergebnis parteiinterner Ermüdung als souveräner Entschluss. Der große Gestalter fand keinen großen Schlussakkord – vielleicht, weil Macht für ihn nie Mittel, sondern immer auch Zweck gewesen war.

    Wenn man heute, 150 Jahre nach seiner Geburt, durch den Bonner Süden geht, kann man diese Ambivalenz fast körperlich spüren. Die gepflegten Villen, die ruhigen Straßen, der Blick auf den Rhein – all das atmet den Geist der alten Bundesrepublik: bürgerlich, westlich, stabil. Adenauer hat diesen Geist geprägt wie kaum ein anderer. Er hat dem Provisorium Bonn ein politisches Gewicht gegeben, das weit über seine Größe hinausging.

    Einordnung

    Am Ende bleibt die Frage: Wie ordnet man Adenauer ein? Für mich gehört er – bei aller Kritik – in die Reihe der großen Nachkriegs-Staatsmänner. Neben Charles de Gaulle, der Frankreich neu erfand und versöhnte, neben Alcide De Gasperi, der Italien demokratisch stabilisierte. Männer, die aus Trümmern Staaten formten, nicht perfekt, nicht frei von Fehlern, aber mit historischem Format.

    Adenauer war kein Held im moralischen Sinn. Er war ein Machtpolitiker mit klaren Prioritäten, begrenzter Empathie für Opfer jenseits seines Kalküls und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber allzu viel Selbstkritik. Und doch: Ohne ihn sähe Deutschland heute anders aus. Vielleicht unsicherer, vielleicht weniger fest verankert, vielleicht anfälliger für alte Versuchungen.

    150 Jahre nach seiner Geburt darf man Adenauer würdigen, ohne ihn übermäßig zu feiern. Man darf ihn kritisieren, ohne ihn zu verdammen. Und man darf – gerade hier im Bonner Süden – anerkennen, dass Historie manchmal näher ist, als sie scheint. Sie liegt nicht nur in Archiven, sondern auf unseren täglichen Wegen. Und sie bleibt widersprüchlich, so wie der Mann, der sie geprägt hat.

    Vielleicht liegt darin auch die leise Wehmut dieses Jubiläums: dass mit Adenauer nicht nur die Geschichte der eigenen Kindheit vorüberzieht, sondern eine überwiegend glückliche  politische Epoche immer mehr verblasst, die sich nicht mehr wiederholen lässt.
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  • Schweinehälften

    Schweinehälften

    In diesem Jahr schloss der FC die Saison als Achter ab. Im Pokal bereits in der zweiten Runde rausgeflogen. Zumindest auf europäischer Ebene das Halbfinale erreicht, wo man dann gegen Ipswich die Segel streichen musste. Alles in allem recht mager für eine Mannschaft, in der Schumacher, Cullmann, Engels, Dieter Müller, Bonhof, Woodcock und die blutjungen Littbarski und Bernd Schuster spielten. Ich hatte die vorletzte Partie von der Südkurve aus angeschaut. 1:2 verkackt. Und das ausgerechnet gegen Düsseldorf. Ich war restlos bedient und schwor mir, das Müngersdorfer Stadion nie mehr zu betreten.

    Unser Nachbar kann Menstruation riechen und gibt mir maximal 60 Lebensjahre

    Und nun stand ich drei Wochen später an einem subtropisch schwülen Donnerstagnachmittag Ende Juni im Wohnzimmer unseres Nachbarn. „Ich kann es riechen, wenn Frauen ihre Tage haben.“ Der Nachbar saß in mausgrauer Jogginghose breitbeinig auf seinem roten Ledersofa und nahm einen tiefen Zug aus einer Flasche Küppers. „Sie merken das wirklich?“ Mich interessierte das Thema nicht allzu sehr, aber ich wollte freundlich sein, weil er mir vor zehn Minuten einen lukrativen Job angeboten hatte.

    „Ich arbeite seit dreißig Jahren im Fleischgeschäft. Schlachte jeden Tag hunderte Schweine. Glaub mir, Kleiner: falls einer hier im Viertel weiß, wie Blut riecht, dann bin ich das … und sag nicht Sie zu mir. Ich bin Karl-Heinz.“
    „Wozu soll das gut sein?“ Das Thermometer zeigte am frühen Abend noch 30 Grad; ich war müde und geistig träge.
    „Wozu das gut sein soll? Will ich dir gerne erklären.“ Karl-Heinz rülpste, sein Bieratem kroch über den Wohnzimmertisch und stieg mir in die Nase. „Frauen sind in den Tagen ihrer Menstruation besonders empfindsam und willig.“ Er schnalzte genießerisch mit der Zunge, so als ob er in Gedanken gerade in einem Porno mitspielte.
    „Ist das nicht ein bisschen eklig?“
    „Du bist zwar jung. Trotzdem hätte ich bei dir mehr Erfahrung in Bezug auf Weiber vermutet. Na ja, lassen wir das Thema. Bringt nichts, sich mit einem Grünschnabel über Sex zu unterhalten.“

    Bei Karl-Heinz war ich mir oft unsicher, ob er bereits als Arschloch auf die Welt gekommen war oder sich im Lauf einer verkorksten Kindheit und Jugend erst zu einem entwickelt hatte. Er schien sich aber darüber im Klaren zu sein, dass alle Welt ihn hasste und ging mit dieser Tatsache recht souverän um. Dafür bewunderte ich ihn; obwohl ich ihn eigentlich zum Kotzen fand. Schizophrenie eines 19-Jährigen.
    „Wann kann ich anfangen?“
    „Am besten heute Nacht.“
    „Heute schon?“
    „Du bist völlig abgebrannt; brauchst dringend Kohle. Was also spricht gegen heute Nacht?“
    „Nichts“, antwortete ich und dachte Scheiße, weil ich mich mit Caroline verabredet hatte, der ich vorher noch absagen musste.

    „Dann gehe ich jetzt nach Hause und lege mich zwei Stunden aufs Ohr, damit ich nachher fit bin.“
    „Tu das und komm an deinem ersten Arbeitstag bloß nicht zu spät. Sonst schmeiße ich dich sofort wieder raus. Völlig egal, ob du der Sohn vom Nachbarn bist. Ich bevorzuge niemanden.“
    „Klar; ich werde pünktlich sein.“ Ich stand auf. Als ich die Türklinke berührte, rief Karl-Heinz in meinem Rücken: „Du wirst nicht alt werden.“
    „Wie meinst du das?“
    „Ich kann nicht nur den Geruch von Blut unterscheiden, sondern sehe Tieren und Menschen an, wann sie sterben werden … du mit circa 60.“
    „Lass mich in Ruhe mit dem Unsinn! Sonst suche ich mir was anderes.“
    „Du wirst exakt um Mitternacht hier sein“, sagte der Nachbar, ließ seinen Kopf nach rechts fallen und schlief mit geöffnetem Mund auf dem roten Sofa ein.

    „Versoffenes Arschloch“, murmelte ich, während ich über den Gartenzaun stieg. Obwohl ich noch keine zwanzig war und mich kerngesund fühlte, betrübte mich die Aussicht auf meinen frühen Tod. Spontan beschloss ich, ab sofort jeden Tag so zu genießen, als ob es der letzte wäre. Aber zuerst mal wartete der Job im Kölner Schlachthof auf mich.

    Nächtlicher Weg zum Schlachthof

    Um halb zwölf schlich ich leise aus dem Haus. Meine Eltern hatten zwar kein Problem damit, dass ich mir Geld dazu verdiente, mit der Arbeit im Schlachthaus wären sie jedoch auf keinen Fall einverstanden gewesen. „Zu blutig, unappetitlich … nachts solltest du schlafen“ und solche Sachen hätten sie gesagt. Von daher war es besser, sie gar nicht erst zu informieren. Zwanzig Mark war ein guter Stundenlohn; dafür würde ich auch Toiletten reinigen. Den Weg kannte ich schlafwandlerisch: die Nussbaumer entlang zum Gürtel, nach rechts bis zur Subbelrather, dort links, unter der Bahn durch, und ein paar hundert Meter weiter stand ich vor dem Eingangstor. Eine viertel Stunde zu früh; aber das war okay, denn ich musste nun noch das Büro von Karl-Heinz finden.

    »Wo sitzt Herr Profitlich?«
    »Im Keller. Bei den Schweinen«, antwortete ein Hüne, einen Kopf größer und doppelt so breit wie ich.
    »Wie komme ich dahin?«
    »Dahinten die Treppe runter. Wenn du magst, kannst du aber auch mit den Viechern im Lift fahren.« Er wieherte wie ein alter Gaul und entblößte dabei sein Gebiss, in dem jeder zweite Zahn fehlte.

    Ich nahm die Stufen. Je tiefer ich nach unten gelangte, desto wärmer wurde es. Süßer Blutgeruch waberte durch die Gänge. In einem großen Raum, der mit hundert Neonlampen taghell erleuchtet war, entdeckte ich Profitlich. Er stand an einem Gatter und betrachtete ein paar Dutzend verängstigte Schweine.
    «Du bist pünktlich. Schon Mal ein guter Anfang … das ist Henning, Sohn meiner Nachbarn», stellte er mich zwei Typen vor, die von Physiognomie und Körperbau her die Brüder des Pferds von oben zu sein schienen. Beide steckten in blutbesudelten Kitteln und trugen Gummistiefel.

    «Horst und Vitalij. Die werden dir zeigen, wie du dich nützlich machen kannst.»
    «Komm mit und schau einfach zu.»
    «Eigentlich müssten wir ihn erstmal mit Blut taufen», brummte Vitalij.
    «Das hat bis morgen Zeit. Sonst haut der Kleine sofort wieder ab.» Horst schien über größere Menschenkenntnis als sein Arbeitskumpel zu verfügen.
    «Welche Klamottengröße hast du?», fragte er.
    «Normalerweise 50.»
    «Das ist ungefähr Medium … komm mit. Lass uns nachsehen, ob wir was Passendes für dich hier haben.»

    Ich begleitete ihn zu einem Spind, aus dem er Hose und lange Schürze hervorholte. Ich legte meine Jeans auf einen klapprigen Holzstuhl und schlüpfte in die Arbeitskleidung hinein.

    In die Arbeitsklamotten muss ich noch reinwachsen

    «In Ordnung?»
    «Kneift ein bisschen. Wenn ich zwei Kilo abnehme, dann ist’s okay.»
    «Also passt’s. Schuhgröße?»
    «Zwischen 42 und 43.»
    «Sonderanfertigungen haben wir nicht. Probier die mal.»
    «Das ist 44.»
    «Kleinere sind im Moment ausgegangen. Zieh morgen dicke Wintersocken an.»
    «Klar.»
    «Kopf?»
    «Was meinst du?»
    «Na, wie groß ist dein Schädel?»
    «Keine Ahnung.»
    «Sieht groß aus. Hier eine Mütze für dich.»

    Ausstaffiert mit gebrauchter – aber immerhin frisch gewaschener – Arbeitskleidung stiefelte ich in den zu großen Gummischuhen zurück zu Vitalij und Profitlich. Der Nachbar wählte gerade mit Kennerblick dreißig Tiere aus und gab mit Handzeichen zu verstehen, dass wir uns nun um alles Weitere kümmern sollten. Wir trieben die kleine Herde in den Nachbarraum, wo die Schweine mit einer Elektrozange, die ihnen hinter die Ohren geklemmt wurde, betäubt wurden. Sie sanken mit weit aufgerissenen Augen, quiekend und seufzend zuerst in die Knie, bevor sie bewusstlos zur Seite rollten. Ich spürte ein schlechtes Gewissen, beruhigte mich jedoch mit dem Gedanken an die Kohle, die ich hier verdienen konnte.

    «Na Kleiner, hält dein Magen das aus? Es wird gleich noch spannender.» Der Russe war ein Sadist.
    «Du freust dich bestimmt, wenn ich dir über die Schuhe kotze.» Mein Magen rumorte. Horst grinste. Der mochte den Russen also auch nicht.

    Als die Schweine nicht mehr zappelten, stachen die beiden mit einem Elektro-Spieß zu. Blut spritzte. Einige Tiere erwachten aus ihrem Dämmer und quiekten jämmerlich. Horst und Vitalij achteten nicht darauf. Mit der Abgebrühtheit gewerbsmäßiger Killer beförderten sie Tier um Tier in den Schweinehimmel. Ich stand mit weit aufgerissenen Augen daneben; denn es ist ein Unterschied, ob man sich solch ein Gemetzel in seiner Fantasie ausmalt oder real mitansieht. Meine Beine wurden schwach. Ich stützte mich an die Wand, um nicht umzufallen. Vitalij sah das und lächelte böse. Um dem Arschloch zu zeigen, dass ich kein Weichei war, richtete ich mich kerzengerade auf und sagte: «Was gibt’s für mich zu tun?»

    Mir wird schlecht von all dem Blut

    «Mach hinter uns sauber!» Horst drückte mir einen Schlauch in die Hand. Während meine zwei Kollegen die dreißig toten Körper in einen Lastenaufzug hievten, sprühte ich mit einem Hochdruckreiniger hektoliterweise Wasser, das nach Desinfektionsmittel roch, auf das Linoleum. Die dunkelroten Blutlachen lösten sich auf und versickerten in Metallgittern, die in den Boden eingelassen waren, oder flossen seitlich durch Schlitze in den Wänden.
    «Scheiße, scheiße», rief ich. «Was tue ich hier?»
    «Du gehst erst raus, wenn alles wieder blitzt», antwortete Profitlich, dessen Hereinkommen ich nicht bemerkt hatte. «Und dann schaust du, was du für Horst und Vitalij tun kannst.»
    «Okay», sagte ich. Leck mich, dachte ich.

    Eine Stunde später stand ich im Erdgeschoss. Horst nahm mich in Empfang.
    «Schau uns bloß zu. Sobald’s dir schlecht wird, melde dich. Brauchst dich nicht zu schämen. Jeder hier kotzt am ersten Tag. Du gewöhnst dich aber daran.»
    «Danke. Ich werd’s schon überleben. Hab Schlimmeres gesehen.»
    «Wo: warst du im Krieg dabei?» Horst ließ mich stehen und widmete sich wieder seinem Job. Der bestand gerade darin, Augen und Ohren zu entfernen.
    «Soll ich bloß zusehen, oder gibt’s für mich auch was zu tun?»
    «Ist alles ein bisschen viel für dich heute?»
    «Mir ginge es deutlich besser, wenn ich mit anpacken könnte.»
    «Hast Recht … genug geglotzt für den ersten Tag. Geh nach hinten und melde dich bei Vitalij. Dem kannst du beim Schleppen helfen.»

    Während Horst mit mir sprach, packte er in den Körper eines besonders fetten Exemplars hinein und fingerte die Reste des Darms heraus. Mein Abendessen, das viele Stunden zurücklag, stieg bedrohlich bis in die Nähe des Kehlkopfs hinauf.
    «Jede Wette, dass du ein paar Tage lang auf Schnitzel und Wurst verzichtest.» Horst lachte, klopfte mit der blutigen Linken auf meine Schulter und schickte mich zu Kumpel Vitalij.

    Schweineschleppen ist ein schweißtreibender Job

    Vitalij und einige mir unbekannte Typen, die wohl ebenfalls auf Karl-Heinz Gehaltsrolle standen, hatten die dreißig Schweine in der Zwischenzeit mit Sägen in Einzelteile zerlegt. Zumeist in Hälften; manchmal – vermutlich auf Spezialbestellung – direkt in Keulen und Schnitzel.

    «Hey Kleiner, mach dich nützlich!»
    «Dafür bin ich hier.»

    Vitalij schnappte sich mit einer Leichtigkeit, als ob er mit zwei Pfund Orangen jonglieren würde, ein halbiertes Schwein und legte es mir auf die Schulter.

    «Häng es an den Karabinerhaken!» Meine Wirbelsäule knackste; würde sicher gleich auseinandersplittern. Ich ging ein paar Zentimeter in die Knie und stöhnte leise.
    «Stell dich nicht so an. Der Boss hat erzählt, du trainierst mit Gewichten. Machst auf Schwarzenegger. Dann ist das für dich doch bloß ein Aufwärmprogramm … oder sollen wir dir helfen, damit du nicht zusammenklappst?»
    «Ich schaffe es schon, Arschloch», sagte ich.

    Die zwanzig Meter bis zum Haken schaffte ich. Das zentnerschwere Teil in die Höhe zu hieven, war jedoch zu viel für mich. Beim Versuch kreisten plötzlich transparente Sterne vor meinen Augen, und ich fühlte Schwindel.

    «Ich zeige es dir.» Zwei Pranken, zwischen denen man einen Ford Capri wie in einer Schrottpresse glattbügeln konnte, griffen von der Seite zu und wuchteten das halbe Schwein mühelos nach oben.

    «Danke», flüsterte ich. «Hast was gut bei mir.»
    «Vergiss es nicht. Ich heiße Martin.»
    «Henning.»
    «Seltener Name.»
    «Meine Eltern waren betrunken, als sie sich den für mich ausgedacht haben.»
    «Ach so. Verlier deinen Humor nicht, Kleiner.»

    Nach der ersten Schicht soll ich schon wieder gekündigt werden

    Vitalij lächelte böse, als ich zur Schlachtbank zurückkehrte. «Bist doch nicht so stark, wie du angekündigt wurdest.»
    «Leck mich.»

    Schweigend warf er den nächsten Klumpen auf meinen Rücken. Dieses Mal ein besonders blutiges Teil. Obwohl es nur wenige Meter waren, die ich zurücklegen musste, schmerzte jeder einzelne Schritt höllisch. Am liebsten hätte ich den Fleischberg auf den Boden geschmissen, mir die schweißnassen Klamotten vom Körper gestreift und wäre ohne Bezahlung nach Hause gegangen. Aber diese Schmach wollte ich mir nicht antun. Ich würde durchhalten. Und wenn ich danach mein Leben lang im Rollstuhl säße. Am Haken wartete Martin auf mich.

    «Profitlich hat Anweisung gegeben, dich am ersten Tag nicht allzu hart ranzunehmen. Hast Pech, dass Vitalij heute das Kommando führt.»
    «Übler Menschenschinder.»
    «Ja; nützt aber nichts, darüber zu jammern. Das Schwein muss nach oben.»

    Mit Unterstützung meines neuen Freundes schaffte ich zehn Schweinehälften. Mehr war nicht drin. Bei Nummer elf wäre ich zusammengebrochen und alleine nicht mehr auf die Füße gekommen. Das spürte ich. Die Uhr zeigte kurz vor fünf.

    «Hast dich wacker geschlagen», sagte Martin, «Lass uns draußen noch eine rauchen.»
    «Werde dem Boss raten, dich nicht weiter zu beschäftigen.» Vitalij tat empört, obwohl ich als Youngster gute Arbeit abgeliefert hatte.
    «Tu, was du willst. Ich möchte jetzt bloß noch nach Hause und heiß baden. Alles andere ist mir egal.»

    Die Nacht war vorüber. Im Osten hinter dem Dom stieg bereits die Sonne empor. Wir standen in blutverklebten Kitteln auf dem Parkplatz neben dem Schlachthof. Martin bot mir eine Marlboro an. Ich nahm ein paar Züge.

    Profitlich lügt mir frech ins Gesicht

    «Du paffst ja», bemerkte er.
    «Wenn ich auf Lunge rauche, muss ich husten.»
    «Du Amateur», lachte er.
    «Und jetzt?», fragte ich.
    «Verabschieden wir uns vom Boss.»

    Gemeinsam gingen wir in Profitlichs kleines Büro im Erdgeschoss. Der brütete über Zahlenkolonnen.
    «Wie lief es?», erkundigte er sich, ohne uns anzusehen.
    «Alles bestens, Karl-Heinz», antwortete ich.
    «Tatsächlich? Da hat mir Vitalij eben was anderes berichtet. Du wärst weniger kräftig, als wir angenommen hatten, und du gibst Widerworte. Beides nicht so gut … und tu mir einen Gefallen: nenn mich hier nicht Karl-Heinz. Entweder Boss, wie es die anderen Kollegen tun oder Herr Profitlich. Verstanden?»
    «Ja.»
    «Dann hätten wir das geklärt. Für heute ist Schluss. Ihr könnt gehen.»
    «Hm … »
    «Was gibt’s noch?»
    «Wie ist es mit dem Geld?»
    «Wird einmal wöchentlich ausbezahlt. Aber nicht heute.»
    «Fünf Stunden macht einen Hunderter.»
    «Bist du wieder pleite, Henning?»
    «Noch nicht ganz.»
    «Musst du mit dem Zocken aufhören.»
    «Danke für den Tipp, Boss.»
    «Morgen und übermorgen haben wir für dich hier nichts zu tun. Vielleicht in der Nacht von Sonntag auf Montag. Ruf Vitalij an. Der teilt deine Schichten ein.»
    «Vitalij??»
    «Ja! Hörst du schlecht, oder hast du ein Problem damit?»
    «Alles in Ordnung, Herr Profitlich.»

    Ausgepowert und abgebrannt

    «Da hast du in die Scheiße gepackt», sagte Martin, als wir im hellen Morgenlicht auf der Liebigstraße standen. «Vitalij ist ein Dreckskerl. Dem macht es Spaß, andere so lange zu quälen, bis sie ihn anbetteln, damit aufzuhören. Da kommen üble Wochen auf dich zu.»
    «Kann ich mir lebhaft vorstellen bei dem Arschloch.»
    «Du sagst oft Arschloch. Also verdammt oft für einen verwöhnten Sohn von reichen Eltern.»
    «Wer erzählt, dass wir reich sind?»
    «Vitalij. Und der hat’s vom Boss.»
    «Glaub nicht alles, was rumgequatscht wird. Ich bin bettelarm.»
    «Weil du Backgammon spielst … schau nicht so erstaunt. Weiß ich ebenfalls von Vitalij.«
    «Dann seid ihr ja alle bestens informiert über mich.»
    «Ich muss jetzt heim. Meine Frau wartet mit dem Frühstück. Danach haue ich mich aufs Ohr, und sie geht putzen. Krankenhaus Merheim. Ist so eine Psychoklinik.»
    «Ciao … schön, dich kennengelernt zu haben. Wir sehen uns dann Sonntagnacht.»
    «Scheißtermin. Versaut das halbe Wochenende.»
    «Ja!»

    Martin verschwand Richtung Linie 5, und ich spazierte den Radweg oberhalb der Autobahn entlang. Vogelgezwitscher im Blücherpark mischte sich mit dem Knattern von LKW-Motoren. Die Temperatur lag bereits am frühen Morgen bei knapp zwanzig Grad. Ich fühlte mich total zerschlagen, wollte bloß noch duschen und mich dann ins Bett legen. Heute Abend war ich für ein kleines Backgammon-Turnier verabredet. Da musste ich fit sein.

    Meine Eltern passen mich an der Haustür ab

    Gegen halb sechs schloss ich die Haustür auf und wollte leise in mein Zimmer schleichen.
    «Wo warst du?», hörte ich die Stimme meines Vaters.
    «Du bist schon wach??» Beide Eltern standen frontal vor mir im Flur. Keine Chance, an ihnen vorbeizukommen.
    «Wo warst du?»
    «Unterwegs.»
    «Wo genau?»
    «Hier und da. Halt unterwegs … ist das wichtig?»
    «Lüg uns nicht an!»
    «Weshalb sollte ich euch anlügen?»
    «Du warst im Schlachthof.»
    «War ich nicht … wie kommt ihr darauf?»
    «Der Nachbar hat’s uns gesagt.»
    «Er hat was??»
    «Herr Profitlich hat vor zehn Minuten angerufen.» Das war also, nachdem wir uns für Sonntagnacht verabredet hatten.
    «So ein Arschloch.»
    «Solche Worte nicht in meinem Haus! … wie kommst du dazu, im Schlachthof zu jobben? Ich hatte es dir verboten.»
    «Weil ich da gute Kohle verdiene. Das bisschen Taschengeld reicht ja kaum von Montag bis Mittwoch.»
    «Du bist maßlos geworden.»
    «Herr Profitlich meint, dass es besser ist, wenn du dir was anderes suchst. Die Arbeit im Schlachthof ist zu schwer und blutig. Dem bist du nicht gewachsen.»
    «Bin ich doch!» Ich trommelte mit der Faust gegen die Tapete.

    Mein Lebenswandel ist nicht unbedingt billig

    «Keine Widerrede! Du wirst den Schlachthof nie mehr betreten. Sonst fliegst du hier raus.»
    «Und wer bezahlt mir den Verdienstausfall?»
    «Die Tochter von Müllers benötigt Nachhilfe in Mathe und Englisch.»
    «Die ist so blöde. Das ist eine Strafe für jeden Nachhilfelehrer.»
    «Lern einfach, mit deinem Geld auszukommen … weshalb bist du überhaupt jede Nacht unterwegs? Kann doch nicht jeden Tag Partys geben?»
    «Okay, okay … ich bin müde und lege mich hin. Frühstück nicht vor 16 Uhr.»
    «Du bist seit dem Abitur völlig verlottert. Wird Zeit, dass du eine geregelte Arbeit findest.»
    «Gute Nacht.»

    Ich ging nach oben in mein Zimmer und zog die Tür hinter mir zu. Meine Alten waren vom Grundsatz her nicht übel. Aber immerzu besorgt. Was tust du jede Nacht draußen? Ist dir klar, dass Köln eine gefährliche Stadt ist? Weshalb schläfst du so lange? Wieso brauchst du ständig Geld? Minütlich fragten sie mich was. Ich hatte schon überlegt, die Antworten auf Zettel zu schreiben und ihnen wortlos zu überreichen. Neben einem Bücherstapel lag die neue LP von Billy Idol, die legte ich auf.

    «Muss das so laut sein?», hörte ich von unten.

    Ich schloss den Kopfhörer an und drehte die Musik bis zum Anschlag. Die Vorteile des Beamtenlebens meiner Eltern – gutes Gehalt, Kohle wird pünktlich zum Monatsende überwiesen, zwei Urlaube im Jahr, Chefarztbehandlung auch bei Schnupfen – empfand ich als gähnend langweilig. Seitdem mich eine Klassenkameradin vor zwei Jahren zum ersten Mal ins Le Bateaux und Coconut mitgenommen hatte, wurde ich schnell vom Fieber der Nacht infiziert. Auf den Ringen pulsierte das Leben. Daran wollte ich teilhaben. Mit großen Augen beobachtete ich, wie die coolen Jungs im La Strada Backgammon zockten. Bündel Scheine, die mit goldenen Spangen zusammengehalten wurden, wechselten die Besitzer. Das war jeden Abend mehr Geld, als es mein Vater in einem Jahr verdiente. Die Aussicht auf schnellen Gewinn elektrisierte mich. Ich setzte mich stumm daneben, sah den erfahrenen Zockern zu, merkte mir Züge und Würfelkombinationen. Kaufte mir ein Lehrbuch, um die Wahrscheinlichkeiten besser einschätzen zu können. Spielte mit Kumpels ohne den Dopplerwürfel, um meine Fortschritte zu testen. Nach acht Wochen fühlte ich mich bereit, am Profitisch Platz zu nehmen. Ich verlor dreihundert Mark an diesem Abend. Das entsprach dem Taschengeld eines Quartals. Und ich musste in den kommenden Monaten noch viel mehr Lehrgeld bezahlen, bis ich endlich zum ersten Mal als Matchwinner das Lokal verließ. «Du hast Potenzial, Kleiner», sagte der dürre Hein und adelte mich damit. Die kleinen Gewinne wurden jedoch durch häufige Verluste aufgezehrt, sodass ich chronisch pleite und gezwungen war, mir Kohle mit Jobs wie Nachhilfe, Rasenmähen und Autowaschen hinzuzuverdienen. In der Schule schlief ich deshalb häufig ein.

    Und nun hatten das Arschloch Profitlich und mein Vater verabredet, mich von der lukrativen Erwerbsquelle Schlachthof fernzuhalten. Mein Vater verfügte über einen starken Widerwillen gegen Blut und rohes Fleisch. Aß kein Mett, ekelte sich vor Tartar und englischem Steak. Machte um Metzgereien und Fleischtheken einen großen Bogen. Hatte im Krieg zu viele Tote und Verletzte gesehen. Er war zwar kein Vegetarier; wollte aber nicht wissen, wie halbe Hähnchen und Wiener Würstchen produziert wurden. Ein Job im Schlachthof stand für meine Eltern auf derselben Stufe wie Leichenwaschen, Totengräber und Zuhälterei.

    Ich bin mal wieder völlig blank

    Von daher konnte ich ihren Widerwillen gegen diese Form des Gelderwerbs nachvollziehen. Welcher Teufel hatte aber Profitlich geritten, mich direkt im Anschluss an meine erste Schicht zu verraten? Und mir – was ich noch niederträchtiger fand – nicht direkt ins Gesicht zu sagen, dass er mich für den Job als untauglich einstufte? Ich würde ihn morgen fragen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihn fortan wie Luft zu behandeln. Durch ihn hindurchzusehen, wenn wir uns auf der Straße begegneten. Das wäre allerdings dumm gewesen, denn er schuldete mir noch hundert Mark. Kohle, die ich dringend benötigte, um den Rest des Monats über die Runden zu kommen.

    Im Bett wälzte ich mich hin und her. Vergeblich; es gelang mir nicht, zur Ruhe zu kommen. Tausend Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich musste jedoch pennen; andernfalls wäre ich am Abend nicht fit genug für ein kleines Backgammon-Turnier, das im Hinterzimmer einer türkischen Kneipe angekündigt war. Ich stand auf, räumte die zehnbändige Enzyklopädie „Geschichte der europäischen Kultur“ – ein Weihnachtsgeschenk meiner Großeltern – zur Seite, griff nach einer dahinter versteckten Flasche Bourbon, schüttete ein Wasserglas voll, leerte es in zwei Zügen und fiel ein paar Minuten später in einen tiefen Schlaf.

    Drei Tage darauf begegnete ich dem Nachbarn am Zaun, der seinen von unserem Garten trennte. Karl-Heinz lehnte im kurzärmligen Hawaiihemd an einem Birnbaum und beobachtete mich dabei, wie ich Liegestützte machte.

    «Hast echt schon Muskelmasse aufgebaut», begrüßte er mich. «Sahst vor einem Jahr noch viel mickriger aus. Nimmst du irgendwas?»
    «Was sollte das am Freitag mit meinen Eltern?»
    «Du willst wissen: warum ich sie informiert habe?»
    «Genau.»
    «Glaub mir Kleiner, das war besser für dich.»
    «Sie meinen: besser für Sie?» In meinem Zorn hatte ich vergessen, dass ich mit Profitlich ja schon auf Du war.
    «Lass uns sagen: vernünftig für uns beide.»
    «Verstehe ich nicht.»
    «Ich will keinen Ärger mit deinen Eltern haben. Die sind die einzigen in der Straße, die mich wie einen Menschen behandeln.»

    Das stimmte. Profitlich war ein Exot in unserem von mittlerem Bildungsbürgertum beherrschten Viertel. Je stärker er mit Sportwagen und teuren Armbanduhren protzte, desto mehr entfremdete er sich von seiner Umgebung. Sobald die Altphilologen, Musikpädagogen und Oberstudienräte ihn vor der Haustür erblickten, grüßten sie freundlich, vermieden es jedoch, sich von ihm in eine längere Unterhaltung verwickeln zu lassen und hasteten schnell weiter. Es war, als ob sie unsichtbares Schweineblut an seinen Händen kleben sahen. Mutter sagte manchmal: »Herr Profitlich ist ein Neureicher«. Und so wie sie »neureich« betonte, verhieß das Wort nichts Gutes. Ich wiederum wünschte mir hin und wieder ein neureiches Leben, da mich meine Eltern in Punkto Taschengeld recht knapp hielten.

    Profitlich bietet mir nen neuen Job an

    «Und das ist Ihnen erst eingefallen, nachdem wir uns um fünf Uhr verabschiedet hatten. Sie hätten’s mir doch direkt sagen können.»
    «Ja und nein.»
    «Wie nein?»
    «Ich wollte dich nicht kränken.»
    «Das war alles?»
    «Und Vitalij meinte, dass es schwierig wird, aus dir einen Arbeiter zu machen. Du stellst zu viele Fragen, machst die anderen damit aufsässig. Es wäre klüger, sich solch eine Laus nicht unnötigerweise in den Pelz zu setzen.»
    «Und dann haben Sie sich für die bequeme Möglichkeit entschieden, mich bei meinem Vater anzuschwärzen.»
    «Sieh es positiv: der Job ist hart und blutig. Nix für einen Jungen wie dich. Zu dir passt eher Nachhilfe.»
    «Was ist mit den hundert Mark?«
    «Die schulde ich dir?»
    «Ja.»
    «Brauchst du das Geld jetzt?»
    «Ja.»
    «Warte einen Moment. Ich schaue, wo mein Portemonnaie liegt.»

    Profitlich ging zurück ins Haus, ließ mich eine Minute warten und kehrte mit zwei Fünfzigern zurück.
    «Damit sind wir quitt.»
    «Danke.» Ich wandte mich zur Seite, um mich wieder den Liegestützen zu widmen, da packte mich der Nachbar am Oberarm.
    «Hast du morgen Abend schon was vor?»
    «Warum?»
    «Beantworte meine Fragen nicht ständig mit Gegenfragen. Ja oder nein?»
    «Bisher nein.»
    «Dann sei gegen acht Uhr bei mir. Ich stelle dir eine Bekannte vor.»
    «Und dann?»
    «Lass dich überraschen. Wirst es nicht bereuen.

  • No go nach Godesberg?

    No go nach Godesberg?

    »Noh Jodesbersch kanns do nit mih fahre«, sagt Jupp.
    »Warum das denn?«, frage ich.
    »Es en Nu-gu-Veedel jewode.«
    »Woher stammt diese Information?«
    »Hann ich vürgester Ovend am Stammdesch jehürt. En Trauerspill, dat mir No-go jetz och bei uns han.« Jupp betont „No go“ abwechselnd mit Doppel-O wie in Logo oder mit zweifachem U wie in Uhu.

    Ein paar Definitionen vorab

    Am Beginn dieser Kolumne kommen wir nicht drum herum, uns mit ein paar Definitionen vertraut zu machen. Was genau ist eigentlich eine No go Area?

    Der Begriff stammt aus dem militärischen Sprachgebrauch und bezeichnet eine Zone, die vom Feind kontrolliert wird und deshalb nicht betreten werden kann … in Deutschland sind es Gebiete, in denen Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung einem hohen Risiko rassistisch motivierter Gewalt ausgesetzt sind
    (c) Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung

    Örtlichkeiten mit (angeblich) rechtsfreien Räumen und mit (gefühlt) erhöhter Kriminalität
    (c) Wikipedia

    Stadtteil/ Bezirk, in dem es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, und wo die öffentliche Sicherheit nicht gewährleistet ist
    (c) Duden

    Was um Himmelswillen ist nun wieder ein rechtsfreier Raum? Hier liefert Wikipedia folgende Erklärung:

    Ein räumlich begrenzter Bereich, in dem keine Gesetze wirken, vorhanden sind, beachtet oder durchgesetzt werden. Als Synonym wird auch von Angstraum gesprochen.

    Vor meinem geistigen Auge erscheinen Bilder von Straßenschlachten in Harlem, Bandenkriegen in Rio de Janeiros Armenvierteln oder die Szene, als Snake Plissken im hermetisch abgeriegelten Manhattan gegen eine Armee Outlaws kämpft. Und so was soll es neuerdings auch in unserer beschaulichen, überregulierten Bundesrepublik, dem Land mit der höchsten Politessendichte weltweit, geben? Falls ja: wo?

    Exkursion 1: Bad Godesberg

    »Schau nach Godesberg!«, rufen Sie mir zu? »Da traut sich kein anständiger Bürger mehr hin.« Also schaue ich über den Rhein, erblicke die Godesburg im abendlichen Dämmerlicht und beschließe spontan, einen kleinen Ausflug ins Bonner Hochrisikogebiet zu unternehmen. Da es bereits viertel nach neun ist, und die letzte Fähre um 21 Uhr ablegt, nehme ich den Weg über die Bonner Südbrücke und gelange gegen kurz nach halb zehn ins Zielgebiet. Ich parke meinen Wagen in einer kleinen, von herrschaftlichen Villen links und rechts gesäumten Straße und spaziere ins Zentrum. Es ist ruhig.

    Bonns größtes Kino befindet sich hier. In dessen Eingangsbereich lümmeln ein paar Jugendliche, rauchen, nuckeln an Dosenbier, hin und wieder weht ein Lachen zu mir rüber. Die früher mondäne Fußgängerzone ist nach dem Wegzug der Diplomaten nicht mehr ganz so mondän, wirkt allerdings alles andere als runtergekommen. Ein lauer Frühlingsabend. Die Straßencafés sind gut gefüllt. Bisher das mir seit Jahrzehnten vertraute, friedliche Godesbergbild. Wo sind die Banden, die das Viertel in Angst und Schrecken versetzen? In der Zeppelinstraße die Polizeiwache. Ein rechtsfreier Raum, in dem die Polizei eine große Dependance unterhält? Wie geht das zusammen? Verlassen die Beamten  das Gebäude nicht?

    Ich stoppe am Alibaba-Grill, bestelle einen Dönerteller mit Salat, keine Fritten. Während ich warte, schaue ich mich um: ein halbes Dutzend arabisch anmutender junger Männer, die Tee trinken, drei Frauen in Burka mit Sehschlitzen, die am Nachbartisch sitzen. Wirken fremdländisch. Klar. Aber nicht Gefahr ausströmend.

    Zwischenfazit Godesberg an einem Donnerstagabend im Mai: ruhig mit Tendenz hin zu schläfrig. Die bösen Jungs sind entweder alle zu Hause und zocken an der Playstation oder befinden sich auf einer Fachtagung für Kleinkriminelle in der Nachbarstadt.

    Exkursion 2: Köln-Ehrenfeld

    »Dann fahr nach Köln! Dort wirst du dein blaues Wunder erleben. Domplatte und so«, sagen Sie jetzt, nachdem sich Godesberg als Reinfall entpuppt hat? Okay, dann tue ich Ihnen den Gefallen und mache mich auf den Weg gen Norden. Ist ja über die A555 ein Katzensprung. Die Gegend um das Kneipenviertel in Ehrenfeld sei supergefährlich? Ich stoppe Freitagabend in der Lichtstraße. Viele Menschen unterwegs. Die Hälfte davon vermutlich nicht mehr nüchtern. Einige sogar sehr angetrunken. Da gibt’s bestimmt gleich ne Massenprügelei, meinen Sie? Ich muss Sie enttäuschen. Bisher bleibt alles im grünen Bereich. Allerdings wurde hier geschlägert, seitdem ich denken kann. Bin zufälligerweise ein paar Blocks entfernt aufgewachsen.  Meine Mutter ermahnte mich häufig, dass ich mich von dieser Straße – vor allem in den Abendstunden – fernhalten solle. »Du fängst dir da sonst eine Tracht Prügel ein«, sagte sie. Dasselbe galt für den Park, in dem ich nachmittags mit ein paar Kumpels Fußball spielte. Nach Einbruch der Dunkelheit verwandelte der sich tatsächlich in einen dunklen Angstraum, in dem dunkle Gestalten ihren dunklen Geschäften nachgingen. Und diese Gestalten sprachen oft tiefes Kölner Platt, was auf einheimische Ganoven schließen ließ. Wenn ich heute durch Ehrenfeld und Kalk, auch die früher übel beleumundeten Straßen, laufe, kommen mir die beiden Viertel sehr viel friedlicher vor als in der Zeit meiner Jugend. Was ist mit Domplatte, Wiener Platz und Chorweiler, fragen Sie? Was soll da sein? Im Umfeld des Doms kann es passieren, dass Ihnen ein Taschendieb die Brieftasche klaut, am Wiener Platz wird gedealt und in Chorweiler werden schon mal Autos geknackt und Müllcontainer angezündet. Aber Gefahr für Ihre bürgerliche Gesundheit besteht in allen bisher aufgezählten Gebieten wirklich nicht.

    Das Risiko, abends beim Spiegeleibraten mit der linken Gesichtshälfte an der heißen Herdplatte kleben zu bleiben, ist um einiges größer, als in Ehrenfeld, Kalk oder Chorweiler ausgeraubt, niedergeknüppelt oder vergewaltigt zu werden.

    Zwischenfazit Köln: Die Stadt wirkt weitaus friedlicher, als es uns Boulevardblätter und aufgeregte Facebookschreiber Glauben machen wollen. Es gibt gefährliche Orte – gemäß NRW-Innenministerium sind es 13 –, aber deren Existenz ist zum einen ein alter Hut und zum anderen besteht auch in denen keine akute Lebensgefahr. Dass auf den Ringen am Wochenende Party gefeiert und vor mancher Kneipentür gerauft wird, ist nun wahrlich nichts Neues.

    Exkursion 3: Duisburg-Marxloh

    Wir wechseln die Stadt, machen uns auf ins dritte Hochrisikogebiet – Marxloh im Duisburger Norden – und lassen einen Anwohner berichten:

    „Vor einigen Jahren konnte ich noch darüber schmunzeln, wenn man mich fragte, ob ich nicht Angst hätte, nach Marxloh zu fahren, um meinen ‚Stammtürken‘ auf der Weseler Straße, die Magistrale des Viertels, zu besuchen. Heute machen mich solche Fragen nur noch wütend. Allerorts wird vor dieser angeblichen No-Go-Area gewarnt, besonders in den sozialen Netzwerken tummeln sich vermeintliche Experten, die sich beim Faktencheck als Provinzprinzen ohne Kenntnisse entpuppen.

    Romantisieren sollte man dieses Viertel nicht – ja, es ist ein sozialer Brennpunkt. Während in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts dort noch Manager und Abteilungsleiter umliegender Hüttenwerke wohnten, zogen in den 60er und 70er Jahren viele Gastarbeiter in dieses Viertel, prägten es ebenso wie die Alteingessenen, brachten mit ihren Gemüseläden, Restaurants und Teestuben ein wenig Heimat in den Pott. Der soziale Abstieg begann mit den Schließungen der Zechen und Krupp. Menschen verloren ihre Arbeit, Perspektiven und ihre Hoffnungen und wurden von der Politik vergessen. Einst Arbeiterviertel, prägen heute Arbeitslosigkeit und Armut das Bild, zusätzlich kommen erschwerend die unsäglichen Mythen von der No-Go-Area und den marodierenden Ausländerclans hinzu. Ich kenne Marxloh seit 30 Jahren, habe 20 Jahre meines Lebens im Duisburger Norden, auch Marxloh, verbracht und gewohnt. Nie habe ich mich unsicher gefühlt, nie hatte ich Angst um meine weiblichen Begleitungen, nie kam es zu Übergriffen durch bewaffnete Banden, denn es ist nicht gefährlicher als in anderen Großstädten. Natürlich gibt es Kleinkriminelle, natürlich wird auch hier und dort gedealt, kommt es zu Streitigkeiten oder zu Massenaufläufen, wenn es mal einen Unfall oder einen Polizeieinsatz wegen einer Schlägerei gibt – die Menschen dort sehen es als willkommene Abwechslung ihres oft sehr tristen Alltags; sodass sogar ein negatives Ereignis dort zum Event wird. Aber No-Go-Area? In welcher No-Go-Area der Welt gibt es Polizeistationen, ist das Ordnungsamt mit Knöllchenschreiben aktiv, sind unzählige tolle Restaurants und noch kleine familiengeführte Lädchen, wo jeder, ob Migrant oder Deutscher, freundlich bedient wird? In welcher No-Go-Area siedeln sich Filialisten wie Media Markt, Deichmann und Co an?

    Milch und Honig ist es wahrlich nicht, mit der europäischen Öffnung nach Osteuropa und dem Zuzug von Bulgaren und Rumänen kamen zusätzliche Probleme ins Viertel – von den Sprachproblemen der neuen Mitbürger, über Immobilienhaie die sich mit überbelegten Wohnungen eine goldene Nase verdienen bis zu Scheinselbständigkeiten im Niedriglohnbereich. Diese Probleme gilt es zu bewältigen, es ist aber nicht abzusehen, dass die Politik, die die Stigmatisierung und die damit verbundenen Probleme für dieses Viertel über Jahrzehnte gekonnt ignoriert hat, dies wirklich will und kann.

    So werde ich mich auch in Zukunft über Fragen ärgern und in Zeitungen und in den sozialen Netzwerken lesen müssen, von Menschen die es nur vom Hörensagen kennen, wie gefährlich es dort ist. Aber dass dies ein Schlag ins Gesicht derer ist, die dort täglich etwas bewirken (wollen), sozial engagiert sind und es die Existenzgrundlage meines Stammtürkens und der vielen anderen Geschäftsleute entziehen kann, weil sie um jeden Gast und gegen all die Vorurteile ankämpfen müssen, wird die Provinzprinzen, Schubladendenker, Schwarzseher nicht interessieren, denn nach unten treten ist so viel einfacher als offen und engagiert zu agieren.“
    © Daniel Patrick Burgdorf

    Zwischenfazit Marxloh: Der Döner beim Stammtürken ist heißer als die Atmosphäre draußen auf der Straße.

    Exkursion 4: Berlin-Neukölln

    Nun ein weiter Sprung Richtung Nordosten in den kriminellen Abgrund Berlins – Neukölln –, wo der rechtsfreie Raum mittlerweile so groß ist, dass er droht, die gesamte Hauptstadt zu verschlingen.
    Und wieder berichtet ein Anwohner:

    „Neukölln hat ein gewisses Image und wird gerne „No Go-Area genannt, in die sich angeblich die Polizei nicht mehr hintraut. Das ist aber mehr oder weniger eine subjektive Wahrnehmung, die eher absurd ist. Und als „ewiger Neuköllner“ muss ich darüber oft schmunzeln.

    Nimmt man als Beispiel den Hermannplatz, der ja gerne als besonderer Kriminalitätsschwerpunkt genannt wird, weiß eigentlich jeder, der dort schon mal nachts war, dass dort eigentlich eine nahezu dauerhafte Polizeipräsenz in Form eines Mannschaftswagens vorhanden ist.

    In anderen „verrufenen Zonen“ befinden sich Polizeireviere. Beispielsweise Abschnitt 54 auf der Sonnenallee, Abschnitt 55 in der Rollbergstraße, direkt zwischen Karl-Marx-Straße und Hermannstraße.

    Damit ist die Legende von der angeblichen „No-Go-Area, in die sich die Polizei nicht traut“ also eigentlich schon widerlegt, denn ausgerechnet in dieser Zone ist die Polizei stark präsent. (Und kommt deshalb auch logischerweise relativ schnell, wenn sie gerufen wird).

    Da ich mich kurz fassen sollte: Die vermeintlichen No-Go-Areas in Berlin sind eigentlich lediglich kriminalitätsbelastete Orte. Und diese Bezeichnung der Polizei erhalten Sie durch unterschiedliche Straftaten. Orte wie die U-Bahnhöfe Hermannplatz in Neukölln, oder Kotbusser Tor in Kreuzberg haben starken Drogenhandel, da sie Verkehrsknotenpunkte sind, Orte wie die Warschauer Brücke und das RAW-Gelände in Friedrichshain, aber ganz besonders der Alexanderplatz, sind wegen der hohen Frequentierung durch Touristen und Partygänger bei Taschendieben sehr populär.

    Der große Witz ist, dass gerade diese Orte eben speziell am Wochenende eher Go- als No-Go-Gebiete sind.

    Es ist eine Legende, dass man dort ständig überfallen und ausgeraubt wird. Natürlich gibt es dort Raubüberfälle, aber speziell Schlägereien und Drogenhandel oder Bandenkriminalität betreffen meist keine Außenstehenden.

    Solche Vorfälle wie der „U-Bahntreter von der Hermannstraße“, der dann monatelang in den Medien herhalten musste, sind eben deshalb spektakulär, weil sie tatsächlich, gerade gemessen an der Zahl der Menschen, die dort alltäglich unterwegs sind, nicht häufig vorkommen.
    © Freddy Groeger im Mai 2018

    Zwischenfazit Neukölln: Die Polizei ist schneller vor Ort als in vielen gutsituierten Wohngegenden.

    Wer profitiert vom Geschwätz über No-Go-Areas?

    Nachdem die Exkursion in vier Hochrisikogebiete, deren bloße namentliche Erwähnung die Hälfte der Facebookleser nicht ruhig durchschlafen lässt, bei den Reisenden keine bleibenden Schäden an Leib und Seele hinterließ, kann aufgrund dieser – zugegebenermaßen kleinen – Stichprobe durchaus der Schluss gezogen werden, dass es No go Areas in Deutschland nicht gibt.  Von der Existenz rechtsfreier Räume, in die sich die Polizei nicht hineintraut, sind ohnehin nur die Zeitgenossen überzeugt, die v. Dänikens Spekulationen über die Präsenz außerirdischen Lebens auf unserem Planeten für seriöse Wissenschaft halten.

    Es wird natürlich nicht in Abrede gestellt, dass täglich Gewalttaten – auch in den o.g. Bezirken – verübt werden. Die Frage ist aber, ob die sich an einem bestimmten Ort derart häufen, dass man diesen mit Fug und Recht als Angstraum titulieren kann. Reviere, die man nur als Lebensmüder betritt. Und hier kommt eine weitere Unschärfe des No-Go-Area-Begriffs zutage. Denn es sind ja nie gesamte Stadtviertel betroffen, sondern allenfalls kleine Areale innerhalb einzelner Gebiete. Zumeist eine dunkle Straße, Ecke, Bahnunterführung, in/ an der gedealt oder vor Kneipentüren geschlägert wird. Das sind aber nun echt uralte Kamellen. Gab es bereits im Köln meiner Kindheit und Jugend und vermutlich auch schon davor. Ich kann mich sowieso des Eindrucks nicht erwehren, dass es heutzutage in vielen Städten sehr viel friedlicher zugeht als in den 60ern und 70ern, als man häufig Gefahr lief, eine aufs Maul zu bekommen, wenn man sich dummerweise zur falschen Uhrzeit am falschen Ort aufhielt.

    Wenn also No-go-Areas in Deutschland nicht existieren – welchem Zweck dient es, den Begriff dennoch inflationär zu verwenden?

    Mir kommen zwei Erklärungen in den Sinn:
    (1) Im Land der Gelbe-Westen- und Fahrradhelm-Träger fällt das Thema „mangelhafte Sicherheit“ stets auf einen lüsternen Resonanzboden. Es befeuert Ängste und Phobien, steigert Zeitungsauflagen und die Umsätze von Firmen, die Alarmanlagen und einbruchsichere Haustüren verkaufen. Es dient Politikern dazu, immer strengere Überwachungsregeln zu fordern und unsere individuellen Freiheiten häppchenweise einzukassieren. Und das nicht in Köln, Godesberg, Marxloh oder Neukölln wohnende Publikum fläzt sich zu Hause auf dem Sofa, während es in den RTL-Nachrichten mal wieder voyeuristisch einem Gruselbericht über Massenprügeleien im Ehrenfelder Kneipenviertel lauscht, bevor es zur Vorabendserie in Pro 7 weiterzappt.

    (2) Der im Vorfeld der WM 2006 als Reisewarnung für dunkelhäutige Menschen eingeführte Begriff soll nun umgewidmet werden in Gefahrenzonen, die für die weiße Mehrheitsbevölkerung nicht mehr betretbar sind. Weil von libanesischen, ghanaischen, ivorischen – Hauptsache exotisch klingenden –  Clans regiert. Komischerweise verspürt aber niemand Angst, wenn er eine Pizzeria betritt, die Abgaben an die Camorra zahlt. Es ist die übliche Begriffsverwirrung durch die Rechten, die ja auch die Faschisten rotlackiert auf der linken Seite verorten und behaupten, dass die Nazis primär Sozialisten waren. So was nennt man: Desinformation.

    Als Fazit bleibt festzuhalten: die Bundesrepublik ist eines der sichersten Länder weltweit. No Go Areas gibt es nicht. Die Gewalt-Fallzahlen sind seit Jahren rückläufig. Wer ständig von Panikattacken geritten wird, wenn er an Godesberg, Ehrenfeld, Marxloh und Neukölln denkt, obwohl es an diesen Orten genauso beschaulich zugeht wie in seiner eigenen Nachbarschaft, muss zum Psychologen. Diejenigen, die wider besseren Wissens von No-Go-Bezirken sprechen, wollen damit ihr eigenes – zumeist xenophobes – Süppchen am Kochen halten.

    P.S. Das ganze No-Go-Gequatsche hält Jupp übrigens nicht davon ab, wöchentlich drei Mal mit der kleinen Fähre von Dollendorf nach Godesberg überzusetzen, denn seine Lebensgefährtin Nummer 27 lebt dort. Das ist aber wieder eine neue Geschichte.

  • Blaue Perücke – eine Karnevalskolumne

    Blaue Perücke – eine Karnevalskolumne

    Während um mich herum entweder alle noch schlafen oder kotzend über der Kloschüssel hängen, die Nachbarn mir mit eineinhalb Promille Restalkohol im Treppenhaus entgegentorkeln, und am Hals der hübschen Kassiererin vom Aldi zwei fette Knutschflecke prangen, die sie gestern Morgen hundertpro noch nicht besaß, beschließe ich, den Freitagmittag nach der langen Weiberfastnachtsparty bestmöglich zu nutzen und was zum Thema Karneval zu Papier zu bringen. Dass dieses schöne Fest vor allem in katholischen Regionen gefeiert wird, sechs Tage dauert und an Aschermittwoch endet, wissen sicher auch die protestantischen Griesgrame und In-den-Skiurlaub-Flüchter.

    Antike: einmal im Jahr ordentlich die Sau rauslassen

    Die Wurzeln dieses schönen Brauchs, bei dem einige Tage lang die Klassengrenzen aufgehoben sind, reichen weit zurück. Waltari erzählt uns in seinem Roman Sinuhe vom Fest des falschen Königs, das alljährlich am Tag des Frühlings-Äquinoktiums in Babylon begangen wurde, an dem ein zufällig ausgewählter Fremder 24 Stunden lang den Platz des angestammten Herrschers einnahm und seinem Leih-Volk allerlei merkwürdige Aufträge erteilte, die ohne Murren zu erfüllen waren, was die Zuschauer sehr erheiterte. In dieser kurzen Zeitspanne war nahezu alles erlaubt, der Alkohol floss in Strömen, jede kopulierte mit jedem, ohne dabei einen Gedanken an Moral und Standeszugehörigkeit zu verschwenden. Beim ersten Hahnenschrei des darauffolgenden Morgens wurde der falsche König getötet, die Klassengrenzen wieder hochgezogen, alle kehrten verkatert an ihre Arbeitsplätze zurück und amüsierten sich prächtig darüber, wie verdattert der 24h-Monarch geschaut hatte, als ihn die Leibgarde zum Schafott führte, wo der Scharfrichter ihm mit einem sauberen Hieb den Kopf vom Rumpf abtrennte. Die Szene spielt im 14ten Jahrhundert vuZ. Eine Inschrift aus dieser Zeit lautet: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet“.

    Die Ägypter berauschten sich zu Ehren der Isis, die alten Griechen tanzten auf dionysischen Kostümpartys. Die Römer wiederum kannten die mehrtägigen Saturnalien, an denen man sich verkleidete, Schabernack und allerlei nicht jugendfreie Sachen trieb. All diesen Festen war eins gemeinsam: das unbedingte Gleichheitsprinzip, Mummenschanz, saufen und hemmungsloser Sex. Also die Aktivitäten, die der Kölner Volksmund mit „suffe, poppe, danze“ umschreibt.

    Mit dem aufkeimenden Christentum war erstmal Schluss mit lustig. Der sittenstrenge Kirchenlehrer Augsutinus – der in seiner Jugend ein partyfeiernder Strolch gewesen war, bevor ihm wie Saulus die Erleuchtung kam, und er sich fortan mit Haut und Haaren der Verbreitung des neuen Glaubens verschrieb – wetterte unablässig gegen sämtliche weltlichen Vergnügungen und verdammte mit Inbrunst die Kostümorgien als besonders schlimmes Werk des Teufels. Dieses Verdikt hinderte die Menschen natürlich nicht daran, sich anlässlich der Vertreibung des Winters weiterhin zu verkleiden und „viel Unzucht zu begehen“. Bloß tat man das ohne den Segen der Kirche und riskierte viele Rosenkränze und im Wiederholungsfall sogar die Exkommunikation, wenn man sich dabei erwischen ließ.

    Vom mittelalterlichen Mummenschanz zur Parodie auf Preußens Militär

    Über die Zwischenstufen Narrenfeste/ Mummenschanz, Fasnaht und die während des Barocks in Mode kommende  Freude am Tragen italienischer Masken, die an die Figuren der Commedia dell‘ arte angelehnt waren, gelangen wir im Schweinsgalopp zum Karneval der Neuzeit. Dessen Geburtsstunde in Deutschland schlug im Jahre 1823, als  sich in Köln das Festordnende Comite zusammenfand mit dem Ziel, den lange Zeit verbotenen Straßenkarneval neu zu beleben und humorvolle Kritik an der fremden Obrigkeit (das Rheinland war 1815 Preußen zugeschlagen worden) zu üben.

    Die Tage des rheinischen Frohsinns – und sämtlicher anderer Karneval, von Rio mal abgesehen, ist völlig uninteressant – heißen:

    Weiberfastnacht/ Wieverfasteleer: die Frauen übernehmen die Macht. Schlipse werden als männliches Herrschaftssymbol gestutzt. Worüber sich einige Ortsfremde zwar aufregen. Ich wiederum bin der Meinung, dass eine beschnittene Krawatte weniger schmerzvoll ist als eine Zirkumzision. Um 11.11 reißen sich die Frauen die Mützen vom Haupt (sind dann nicht mehr unter der Haube) und erlauben sich bis weit nach Mitternacht allerlei Freiheiten.

    Der Freitag dient der Erholung von Altweiber und hat – wie der Samstag und der Sonntag – keinen extra Namen erhalten. Am Sonntag laufen in Köln die Schull- un Veedelszöch, deren schönste Wagen und Truppen prämiert werden und als unmittelbare Belohnung am Rosenmontagszug teilnehmen dürfen.

    Rosenmontag/ Rusemondaach. Die Herkunft dieses Namens ist bisher nicht abschließend geklärt. Am plausibelsten klingt die Rückführung auf das Kölner Verb „rosen“, das nichts anderes als „rasen, tollen“ bedeutet. Also: die am Montag losgelassenen/ rasenden Narren.

    Der Dienstag heißt in Köln bloß Dienstag, während er in anderen Städten, die einzig an diesem Tag feiern, unter Namen wie Veilchendienstag, Mardi Gras oder Pancake day begangen wird. Am Abend verbrennen die Kölner den Nubbel (eine mannsgroße, bekleidete Strohpuppe), beerdigen den Karneval; die Hartgesottenen tanzen noch bis in die frühen Morgenstunden des Aschermittwochs, bevor sie sich entweder in der Kirche das Aschekreuz abholen oder in hausärztliche Behandlung begeben.

    Als in Bonn geborener, in Köln aufgewachsener Rheinländer habe ich an schätzungsweise zwei Dutzend Karnevalssessionen teilgenommen, die – mit leichten Abweichungen – alljährlich wie folgt abliefen:

    Blaue Perücke – ein Rosenmontagsgedicht

    | Blaue Perücke
    Stirn auf dem Tresen
    vier Tage durch gefeiert
    die Perücke verklebt
    das Hemd voller Flecken
    Hose zerrissen
    ungeduscht
    Bartstoppeln im Gesicht

    Vor mir Bier und Schnaps
    die ich ineinander mische
    mit bleischweren Lidern glotze ich
    ins prallgefüllte Dekolleté meiner Begleiterin
    versuche, sie zu küssen
    sie entwindet sich wie eine Schlangentänzerin
    der Umarmung

    Noch ein Jägermeister, mein Großer?
    fragt sie mit hartem Akzent
    ich nicke stumm
    denn ich weiß
    dass ich nicht mehr sprechen kann

    Sie schmiegt sich an meine Schulter
    drückt mir das Glas in die Hand
    in einem Schluck stürze ich es runter
    ihr Lächeln gefriert plötzlich
    zu einem Raubtiergrinsen
    ich tauche mit der Nase
    in eine Bierpfütze
    Dunkelheit

    Als ich erwache
    liege ich auf einem alten Grab
    die Buchstaben längst verwittert
    Stein halb im Boden versunken
    ein Daunenanorak über dem
    Piratenkostüm
    damit ich nicht erfriere
    blaue Perücke in einem
    Azaleenstrauch

    Schwerfällig rappele ich mich auf
    durchwühle meine Taschen
    Kohle weg, Kreditkarte futsch
    ich kann mich nur schwach
    an ihre grünen Haare
    schwarz bemalte Lippen
    und die schmale Reptilienzunge
    erinnern
    ansonsten: kompletter Filmriss

    Soll ich die Bullen informieren?
    wozu?
    die können mir eh nicht helfen
    ist halt dumm gelaufen um drei Uhr nachts
    im Tiffanys

    Welchen haben wir heute?
    Rosenmontag
    noch 36 Stunden Karneval
    langsam setzte ich mich in Bewegung
    wische die Friedhofserde von den Klamotten
    stülpe die Perücke
    über die fettglänzenden Haare
    zu Hause habe ich zwei Hunderter
    unter der Kaffeemaschine deponiert
    die müssen reichen bis Aschermittwoch

    Und dann?
    schnelles Aschekreuz
    und erstmal auspennen

    © H.H.// 2010

    Kurzer Karnevals-Knigge

    Wenn man als zugereister Partytourist im Rheinland nicht ins Fettnäpfchen treten möchte, gilt es folgende Dinge UNBEDINGT zu beachten:

    In Köln und Bonn ruft man Alaaf, während Düsseldorf und Mainz (das zwar am Rhein, jedoch nicht im Rheinland liegt) Helau brüllen. Alaaf kann man übersetzen mit: „Erst kommt Köln und dann kommt lange gar nichts“, was jedem Kölner sofort einleuchtet. Den Bonnern ist die wahre Bedeutung wahrscheinlich nicht präsent. Helau wiederum klingt eher dämlich.

    Bonn und Düsseldorf haben ein Prinzenpaar, in Köln jubelt man dem Dreigestirn zu: Prinz, Jungfrau und Bauer … Weshalb im Jungfrauenkostüm ein Mann steckt, wollen Sie wissen? Keine Ahnung. Et is einfach esu. Man muss ja nun nicht alles und jeden hinterfragen.

    Vorne auf dem Podium sitzt der Elferrat. Typen mit komischen Mützen, die den Charme von übermüdeten Taxifahrern versprühen und deren vier Hauptaufgaben darin bestehen, die Büttenredner anzukündigen, den Funkemariechen auf deren Knackärsche zu starren, Orden zu verleihen und das Publikum aufzufordern, „Alaaf“ zu schreien. Wären die elf Figuren alle gleichzeitig krank und verhindert, würde es niemandem großartig auffallen. Die Elf als Ziffer „1 neben der 1“ versinnbildlicht übrigens das Prinzip der Gleichheit. Falls das an dieser fortgeschrittenen Stelle der Kolumne überhaupt noch jemanden interessiert.

    Liedgut und Büttenreden sind Legion. Hierauf im Einzelnen einzugehen, würde den Text sprengen. Man unterscheidet grob in die Kategorien „hervorragend/ Dauerbrenner“, „mittelmäßig/ Schenkelklopfer“ und „schlecht/ nur unter Zufuhr von ständig neuem Alkohol zu ertragen“. Karnevalssongs für die Ewigkeit sind beispielsweise:  „Die Hüs’cher bunt om Aldermaat“ (Willi Breuer), „En d’r Kayjass Nummero Null“ (De vier Botze), „En de Weetschaff op d’r Eck“ (Bläck Fööss).

    Während man bei „Mainz bleibt Mainz“ über weite Strecken meint, versehentlich einem Kostümtermin des rheinland-pfälzischen Landtags zugeschaltet zu sein, geht es auf den  Sitzungen zwischen Rodenkirchen und Worringen schon derber zur Sache. Wer den kölschen Dialekt nicht beherrscht, tut sich schwer, den Witz der Redner zu verstehen und muss sich notgedrungen mit den Tanz- und Musikeinlagen begnügen. Und worüber die Düsseldorfer an Karneval lachen? Keine Ahnung. Fragt die Düsseldorfer.

    Die Korps – oft Funken oder Garden heißend – kleiden sich überwiegend in Uniformen des späten 18ten Jahrhunderts und reiben beim Aufmarsch auf der Bühne gerne in Hockstellung ihre Hintern aneinander – nennt sich: „Stippeföttche“ oder „wibbeln“ –; eine Persiflage auf den preußischen Militärdrill. Der Tanzmajor stemmt seine Partnerin, die verniedlichend Funkemariechen genannt wird – obwohl sie eine ausgewachsene Jessica ist – , im Verlauf seiner Karriere 50.000 Mal in die Höhe, bevor er mit 35 den ersten Bandscheibenvorfall erleidet.  Et jitt zodäm Speelmaanszöch, Akrobaten, Pantomimen  und so weiter und so fort.

    Wir halten fest:
    ▪ Die Ursprünge des Karnevals reichen bis in die Anfangszeit der menschlichen Zivilisation zurück
    ▪ Der Kerngedanke des Fests liegt in der zeitweiligen Gleichheit ALLER Bürger begründet
    ▪ Die Freude am Verkleiden wird stets begleitet von (übermäßigem) Alkoholgenuss und (promiskuitivem) Sex
    ▪ In der Neuzeit splittet sich der Karneval in vier Regionen auf: Alaaf, Helau, Rio und sonstige
    ▪ An Aschermittwoch ist alles wieder vorbei.

    Dass sich Karneval von „carne vale (Fleisch lebe wohl!)“ ableitet, wussten vermutlich alle Leser schon. Falls nein, erwähne ich es der guten Ordnung halber am Ende der Kolumne.

    Und nun schließe ich mit einem getippten 3x Kölle Alaaf!!!!

    PS. dass die Kölner Geburtenrate im Spätherbst signifikant nach oben steigt, hat sich mittels einer vom Statischen Landesamt in Auftrag gegebenen Langzeituntersuchung als falsche Hypothese erwiesen, hält sich aber als Gerücht weiterhin hartnäckig.
    PPS. Clownskostüme gehören im 21sten Jahrhundert verboten.

  • Null Uhr fünf Domplatte

    Null Uhr fünf Domplatte

    Mer kann och üvverdrieve

    sagt der Kölner Volksmund und mir klingen dabei Sätze wie:
    „Gefährlichste Stadt Deutschlands“
    „Man kann in Köln abends nicht mehr auf die Straße gehen“
    „Der Innenstadtbereich ist eine einzige No-Go-Area geworden“
    „Politik und Verwaltung tun Nullkommanichts gegen die ständig steigende Kriminalität“
    im Ohr.

    Ist das noch die Stadt, in der ich in den 70er und 80er Jahren meine Kindheit und Jugend verbracht habe, überlege ich oft, wenn ich die entsprechenden Beiträge und Kommentare in der Boulevardpresse und in Facebook überfliege.

    Die Party im Kölner Süden, auf der ich mich seit 20 Uhr befinde, hält nicht das, was ich mir von ihr versprochen hatte. Zu wenig Frauen und die drei, die mir hätten gefallen können, werden argwöhnisch von ihren Begleitern bewacht. Gegen elf entschließe ich mich deshalb, mein Glück woanders zu versuchen. Ich sage der Gastgeberin Adieu, die meine spontanen Abschiede kennt und bloß fragt, »kommst du später nochmal zurück?«. »Mal schau’n«, antworte ich, gehe zu meinem Auto und fahre über Universitätsstraße und Innere Kanal Richtung Norden bis zum Fernsehturm. Dort parke ich den Wagen, wende mich nach rechts, marschiere über Subbelrather und Venloer zum Friesenplatz. Ein paar frühe Betrunkene torkeln mir entgegen, einer erbricht sich quer über den Bürgersteig. Auf Höhe der Ringe wird das Treiben bunter, ne Menge Volk unterwegs, lange Schlangen vor den Diskotheken. Ich laufe weiter die Magnus- und Zeughausstraße entlang, erreiche auf Höhe Sankt Andreas die Sicherheitszone. Zwei junge Polizisten taxieren mich, lassen mich unkontrolliert durch. Ich entspreche offensichtlich nicht dem Gefährderprofil. Mit jedem weiteren Meter wird es nun anstrengender, mich vorwärts zu bewegen. Körper dicht an dicht wie beim Rosenmontagszug. Die Luft vibriert von Stimmen, der Lärm von zischenden Raketen und Musikfetzen vermischt sich zu einem zähen Klangbrei. Ein paar Sekunden lang wünsche ich mich auf die ruhige Party zurück, wo sich meine Bekannten jetzt vermutlich mit Bleigießen beschäftigen.

    Als ich vor den Stufen, die zur Domplatte hinaufführen, angelange, zeigt meine Uhr Null Uhr fünf. Feuerwerk steigt in die Luft, Menschen umarmen und küssen sich, der Platz von einer Lichtshow in grelle Farben getaucht. Ich bin fünf Minuten zu spät gekommen, habe den Jahreswechsel auf der Straße spazierend irgendwo zwischen Stadtmuseum und McDonald‘s erlebt, ohne den mitternächtlichen Glockenschlag zu bemerken. Ich zwänge mich weiter bis zum Eingangsportal des Doms, von dort nach links, lehne mich mit dem Rücken an die Nordfassade, lasse meine Augen über die Szene schweifen. Bahnhofsvorplatz und die große Treppe: Gedränge, aber nicht proppenvoll, viele junge Leute, Geschlechterverteilung geschätzt 70% männlich zu 30 weiblich. Stimmung ausgelassen, angeheitert, betrunken, laut, ich vernehme ein paar Flüche, „fick dich du Hurensohn!“ … „selber Hurensohn“ … „willst du eine aufs Maul bekommen? … „verpiss dich, du Opfer!“, das übliche Imponiergehabe junger Männer an Silvester und Karneval. Überall Uniformierte, teils in Signalwesten gekleidet, die damit beschäftigt sind, größere Gruppen aufzulösen und Streithähne voneinander zu trennen.

    »Hey Kumpel, willst’n Schluck?« Ein Typ mit Kapuzenjacke und schlechten Zähnen hält mir eine Flasche mit einem selbstfabrizierten Cola-Captain-Morgan-Gemisch vor die Lippen. »Nein danke. Hab’s mir abgewöhnt«, antworte ich. »Was bist du denn für ein Penner?«, lallt er und torkelt weiter. Während unserer kurzen Unterhaltung sehe ich, wie die Polizei eine circa dreißig Kopf große Gruppe nordafrikanisch anmutender junger Männer beim Verlassen des Bahnhofes anhält und sich von jedem einzelnen die Papiere zeigen lässt. Eine Handvoll von ihnen wird von den Beamten zurück zu den Bahnsteigen eskortiert, der Rest darf passieren. Warum erscheinen sie immer in Pulks, überlege ich. Kein Türsteher wird so viele Kerle, egal welcher Nationalität sie angehören, in seinen Laden reinlassen. Der Anteil Nafris, wie sie im internen Behördenjargon genannt werden, scheint mir in dieser Neujahrsnacht bei weitem nicht so hoch zu liegen wie in den beiden vorangegangenen Jahren. Ob sie sich eine alternative Feiermeile ausgesucht haben oder lieber zu Hause in ihren Unterkünften geblieben sind?

    Das Feuerwerk, das links und rechts des Rheins abgebrannt wurde, ebbt ab. Die Schaulustigen strömen von der Uferpromenade und den Brücken Richtung Innenstadt, um dort weiterzufeiern oder mit der U-Bahn zurück in ihre Vororte zu fahren. An einigen Handgelenken entdecke ich das Armband mit der Aufschrift „Respekt!“ Neben mir gerät der Kapuzenmann mit einem Jogginganzug-Russen in Streit über die nahezu geleerte Rum-Cola-Pulle. Bevor sie sich gegenseitig an der Gurgel packen können, gehen zwei hünenhafte Bullen dazwischen, zerren die beiden auseinander. Sie sind heute echt überall und superaufmerksam, denke ich. Schaue auf die Uhr: eins. Die Party vor dem Dom ist gelaufen, das Aggressionslevel ist geringer als beim Sommerfest des Gymnasiums am Hansaring; wird Zeit, dass ich die Platte putze und mir auf dem Rückweg zum Auto überlege, ob ich nochmal bei der Gastgeberin im Kölner Süden vorbeischaue oder eins der Striplokale im Friesenviertel besuche, wo heute sicher ganz ordentlich die Post abgeht, als plötzlich ein junger Mann an meine rechte Schulter tippt und fragt: »Rauchen Sie?« Ich schaue ihn an und erkenne in ihm einen der Nordafrikaner, die vor einigen Minuten am Fuß der Treppe von der Polizei kontrolliert worden waren, der mir freundlich lächelnd eine Packung Marlboro entgegenstreckt.

    An dieser Stelle stoppt der Autor übermüdet aufgrund zu wenig Schlafs am Neujahrsmorgen. In der Fortsetzung erzähle ich die Geschichte von Hassan dem Marokkaner, der im Sommer 2016 mit seinem Bruder und zwei Cousins nach Deutschland aufgebrochen war, um hier Arbeit und – falls es gut läuft – auch Ehefrauen zu finden.

  • Wutbürger im Konzert?

    Ausgerechnet in Köln, musste das sein? Wenn wir jetzt „nach Köln“ sagen, dann wissen wir gar nicht mehr, ob von der Silvesternacht die Rede ist, oder von vergangenem Sonntag. Denn wie erst gestern (jawohl, erst mehr als 24 Stunden nach jenen unsäglichen Ereignissen, die uns alle noch immer umtreiben!) bekannt wurde, haben Konzertbesucher in Köln am Sonntag eine Aufführung eines Steve-Reich-Stückes so dermaßen gestört, dass die Aufführung abgebrochen werden musste!

    Er hat „Deutsch“ gesagt! Und „Gefälligst“!

    Doch damit nicht genug! Mindestens ein Zuschauer soll schon wenige Minuten zuvor, als der Cembalist Mahan Esfahani in englischer Sprache versuchte, dem Publikum das Musikstück zu erläutern, mit einem Zwischenruf aufgefallen sein, in dem er forderte, die Erläuterungen sollten doch „gefälligst“ auf Deutsch erfolgen!

    Jawohl, auf Deutsch! Und auch noch „gefälligst“! Da ist für die empörte Öffentlichkeit natürlich klar: Da ist wieder einmal das Wut-Bürgertum auffällig geworden, wieder haben wir einen Beleg dafür, dass der dumpfe Fremdenhass nun „in der Mitte der Gesellschaft“, ja, sogar in den Konzertsälen angekommen ist.

    Schauen wir uns die Sache mal der Reihe nach an. Wir haben ein Konzert, eine Konzertreihe mit einem Stammpublikum. Die Leute gehen da am Sonntag hin, um etwas Angenehmes zu erleben. Das kann man natürlich kritisch sehen, man kann fordern, dass die Zuhörer eines Konzerts mit sogenannter Ernster Musik sich nicht erfreuen, sondern sich ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen wollen.

    Dieses Publikum hatte, neben gefälligen und gewohnten Stücken von Familie Bach, nun schon zwei Kompositionen von zeitgenössischen Komponisten angehört. Wir wissen nicht, in welcher Verfassung sich die Zuhörer danach befanden. Aber sie haben tapfer bis hierhin ausgeharrt. Es folgte die Erläuterung des Cembalisten zu der Steve-Reich-Komposition – in englischer Sprache.

    Verstehen Sie Englisch?

    Ich persönlich kann dem Englischen recht gut folgen, etwa den Durchsagen auf einem internationalen Flughafen, und selbst den Nachrichten von BBC. Wenn ich Erläuterungen zu einem zeitgenössischen Musikstück in englischer Sprache hören würde, kann ich mir vorstellen, dass ich die in zweifacher Hinsicht nicht verstehe: Einerseits würden mir wohl einige Vokabeln fehlen, andererseits könnte ich die feinen Zusammenhänge und Bedeutungsspielräume des gesagten im mündlichen Vortrag wohl nicht ausreichend nachvollziehen, damit der Vortrag mir beim Verstehen des Stücks helfen könnte.

    Es ist schlicht eine Zumutung, einem Laien-Kunstpublikum in der eigenen Heimatstadt eine Erläuterung zu einem Kunstwerk in einer Fremdsprache anzubieten, ohne dass diese in die Muttersprache übertragen wird. Dabei ist es völlig egal, ob die Fremdsprache die Weltsprache Englisch ist und die Muttersprache das Deutsche, oder ob es zum Beispiel genau umgekehrt ist. Hier hat der Veranstalter schlicht versagt, wenn er es nicht für erforderlich hält, dem Englisch sprechenden Künstler einen Deutsch sprechenden kompetenten Übersetzer zur Seite zu stellen. Das ist eine Missachtung der Kunst ebenso wie des interessierten Publikums. Dass sich dieses darüber empört, ist gut nachvollziehbar.

    Störungen sind Teil der Performance

    Bleibt die Störung der Aufführung des Musikstücks selbst. Bekanntlich haben solche Störungen eine gute Tradition, sie sind fast notwendig Teil der Kunstrezeption und des Diskurses über Kunst. Der Künstler will mit seinem Werk etwas Neues, Ungewohntes schaffen, und muss damit rechnen, dass das mündige Publikum dieses Neue ablehnt, es zurückweist, dass er am Publikum scheitert. Da hilft es auch nicht, dass das Werk, das da am Sonntag zur Aufführung kam, bereits 50 Jahre alt ist, denn es gehört auch gerade zur Musikkultur, dass ihre gewöhnlichen Zeitspannen des Alt-Werdens nicht in Monaten, sondern in Jahrhunderten gemessen werden.

    Ich selbst bin begeisterter Steve-Reich-Hörer, auch wenn mein Zugang der eines Laien ist. Wenn ich ein Stück von ihm genießen möchte, lege ich zu Hause eine CD ein. Natürlich würde ich mir gern auch einmal ein Stück von ihm live anhören, aber wenn ich ins Konzert gehe, muss ich damit leben, dass gerade die öffentliche Musikaufführung in einem ganz spezifischen Sinn demokratisch ist – sie kann vom unverständigen aber mündigen Zuhörer auch gestört werden. Der Veranstalter kann viel dafür tun, dass diese Störungen unterbleiben – durch gute Erläuterungen und Einführungen. Wenn er das unterlässt, kann es sein, dass er scheitert, dass es zum Eklat kommt – das gehört als Risiko zu jedem Konzert.

    Mit Wutbürgertum und Fremdenfeindlichkeit hat das alles nichts zu tun. Leider leben wir aber in Zeiten, in denen die politischen Stimmungsmacher gern jedes Ereignis für ihre Zwecke ausnutzen und uminterpretieren. Auch damit muss man in einer Demokratie der (sozialen) Medien wohl leben.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Lüge und Empörung in sozialen Medien.

  • Freiheit hinter verschlossenen Türen

    Friedrich Hölderlin pries die Freiheit des Menschen, die es ihm erlaubt, aufzubrechen, wohin er will. Wer freiheitlich denkt, der beansprucht diese Option nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen. Verschlossene Türen beschränken diese Freiheit, egal, ob sie den Weg nach draußen oder den nach drinnen versperren. Deshalb scheint eine liberale Gesinnung mit einem restriktiven Grenzregime nicht vereinbar zu sein. Solange sich jemand nichts zuschulden kommen lässt, sollen ihm keine Grenzen zum Hindernis seiner freien Bewegung werden – erst recht nicht, wenn er auf der Flucht ist, wenn er aufgebrochen ist, ein friedliches, freies, selbstbestimmtes Leben zu suchen.

    Worauf gründet unsere Freiheit?

    Freiheit wird im Alltag nicht in erster Linie durch staatliche Restriktion begrenzt – das gilt jedenfalls in West- und Mitteleuropa. Nehmen wir Hölderlins Freiheit mal ganz alltäglich: Wenn ich, ein schmächtiger, nicht besonders kräftiger Mann mittleren Alters, heute Abend mit dem Rad nach Hause aufbrechen will, dann habe ich keine Sorge, mein Ziel zu erreichen: keine Bösewichte werden mich vom Rad zerren und mich ausrauben, niemand wird mich erschlagen, um mir meine warme italienische Jacke vom Leib zu reißen.

    Diese Gewissheit gründet sich nicht nur auf meine bisherigen guten Erfahrungen, sondern auch auf mein Verständnis davon, wie wir hier und jetzt „so drauf“ sind – um mal das große Wort von der „Sozialisierung“ zu vermeiden. Die meisten Menschen um mich herum sind in der gleichen Gesellschaft wie ich groß geworden, sie wissen, was man tut und was nicht. Zusammen haben wir ein gewisses gemeinsames Verständnis davon, warum und wie unsere Gesellschaft im Alltag ganz gut funktioniert: Wir lassen einander in Ruhe, wir sind einigermaßen verlässlich, wir sagen ziemlich oft die Wahrheit. Wir haben einen gewissen Respekt voreinander.

    Natürlich wissen wir aus den Zeitungen und aus den Spielfilmen, dass es da auch andere gibt: Diebe und Schläger, Räuber und Verbrecher. Intuitiv können wir aber zumeist ungefähr einschätzen, wo wir sehr sicher sind und wo es besser ist, vorsichtig zu sein. Und meistens sind wir uns ziemlich sicher, dass wir sicher sind.

    Das suspekte Wir

    Das alles gründet sich – wie gesagt – darauf, dass wir hier und jetzt einander kennen und beurteilen können. Dieses Beurteilen-Können der Anderen, die so sind, wie ich, ist eine zentrale Grundlage meiner praktischen Freiheit. Mit den Anderen zusammen bin ich Wir. Wir hier machen so was nicht. Wir hier benehmen uns so und so.

    Vielen liberalen Menschen ist dieses Wir suspekt. Weltbürger würden das Wir gern so weit fassen, dass da alle Menschen drin enthalten sind. Das klingt theoretisch sehr schön, aufgeklärt und tolerant. Praktisch aber kommt das Wir sehr schnell an eine Grenze. Ich persönlich merke schon im nahen europäischen Ausland, dass Die Da mir fremd sind, dass sie nicht so sind wie Wir. Dann werde ich unsicher, meine Freiheit wird begrenzt, weil ich Situationen nicht beurteilen kann. Ich werde vorsichtig, ich mache nicht alles, was ich will.

    Auch die größten Verfechter eines globalen Menschheits-Wir müssen, so denke ich, eingestehen, dass die Menschen mit der Freiheit, die sie einander einräumen, es nicht überall gleich wichtig nehmen. Hinsichtlich der Gleichberechtigung aller Menschen, seien sie schwach oder stark, Männer oder Frauen, arm oder reich, sportlich oder gebrechlich, haben Wir es hier und heute schon ziemlich weit gebracht. Daran ändert es auch nichts, dass die eifrigsten Befürworter des globalen Menschheits-Wir immer wieder betonen, dass es auch hier und jetzt noch Bösewichte, Verbrecher und patriarchalische Ewiggestrige gibt.

    Hinter dieses Erreichte wollen wir nicht zurück, auch nicht die, die erst dann gut über das hier und jetzt sprechen würden, wenn wirklich #ausnahmslos alle Menschen hier gute Menschen geworden sein würden. Deshalb müssen wir auch offen sagen, dass wir uns hier im Miteinander Standards einer Freiheit geschaffen haben, die weltweit nicht alltäglich und selbstverständlich sind.

    Zum Punkt

    Nun kommen also viele Menschen aus Gegenden zu uns ins Hier und Jetzt, die nicht nur Andere sind, sondern Fremde: Wir wissen fast nichts über sie. Wir gestehen ihnen das Recht zum Aufbruch zu, keine Frage, die Freiheit, aufzubrechen wohin sie wollen, gilt auch für sie. Aber wir hier haben keine Ahnung, ob sie so sind, wie wir. Wir wissen nicht mal, ob sie wissen, was wir erwarten, was wir für normal halten im Umgang miteinander. Sie sind nicht mit uns aufgewachsen, sondern in einer fremden Welt mit Normen, regeln und Selbstverständlichkeiten, die wir nicht kennen.

    Ein Beispiel: Ich war neulich in Tansania. In den Unterlagen, die ich zuvor bekommen hatte, stand, ich sollte mein Bargeld in einer Bauchtasche direkt am Körper tragen. So etwas halte ich in Deutschland zum Beispiel nicht für notwendig. Die Begründung war verblüffend, aber einleuchtend: Das Bestehlen von westlichen Ausländern wird dort weitgehend als Kavaliersdelikt angesehen, als Sport, als Geschicklichkeitsspiel. Es ist für die Menschen dort völlig klar, dass wir unermesslich reich sind, kommen wir doch mit einem Flugzeug von weit her, um in diesem Land nur ein paar Tage zu verbringen. Das, was ein Taschendieb mir dort vielleicht stiehlt, ist für ihn so eine Art ehrlich verdientes Geld, der Preis für seine Geschicklichkeit, für mich ist es – so die Vorstellung dort – in jedem Fall nur eine Kleinigkeit.

    Das Beispiel soll illustrieren, dass die Vorstellungen von dem, was kriminell ist, was erlaubt und was verboten, in verschiedenen Regionen dieser Welt weit auseinander gehen können.

    Damit wir uns hier und jetzt aber unsere Freiheit erhalten, müssen wir sicher sein, dass die ankommenden Fremden zuerst lernen, was bei Uns ein normaler Umgang miteinander ist. Das mögen manche moralische Überheblichkeit nennen. Ich nenne es Sicherung der Freiheit, die wir schätzen. Wir sichern diese Freiheit auch im Interesse derer, die zu uns kommen, denn sie sind ja hierher aufgebrochen, weil sie glauben, dass hier manches besser funktioniert als da, wo sie herkommen.

    Manch einer meint, es gäbe nur die Wahl zwischen dem völlig freien Zuzug von Flüchtlingen und dem Schließen der Grenzen. Das ist falsch. Niemand sollte den Menschen verbieten, sich auf den Weg zu machen, oder pauschal zu verhindern versuchen, dass sie ihr Glück bei uns finden können. Aber wir müssen diese Menschen auffangen und auf unsere Welt vorbereiten. Jeder, der dazu bereit ist, sich an unsere Regeln zu halten, sollte eine Chance dazu bekommen.

    Wir können unsere Türen nicht schließen, wir sollten sie auch nicht einfach weit öffnen. Wir müssen eine Schleuse einbauen, damit unsere Freiheit weiterhin – und für jeden – funktioniert.

    Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Unkräuter, Untaten und Unwörter.

  • Die Härte des Liberalismus

    Der Liberalismus sei gescheitert, so meinte jemand, in einem zustimmenden Kommentar zu meiner letzten Kolumne über die Notwendigkeit einer Wende in der Asylpolitik. Das ist ein gewaltiger Irrtum.

    Voraussetzungen einer liberalen Gesellschaft

    Wir schränken die Freiheit nicht ein, wenn wir ihre Feinde in die Schranken weisen. Im Gegenteil: Voraussetzung eines Lebens in wirklicher Freiheit ist, dass diejenigen, die das freie Leben lieben, weitgehend sicher sein können, sich damit keiner Gefahr für Leib und Leben auszusetzen. „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“ meinte zwar Goethes Faust sehr pathetisch, aber das gilt, wenn überhaupt, nur für revolutionäre, unsicher Zeiten.

    Wir haben uns in den europäischen Demokratien eine freie Welt geschaffen, in der wir unsere Freiheit nicht im täglichen Alltag selbst gegen Angriffe verteidigen müssen. Diese Aufgabe haben wir an den Staat delegiert, und das aus gutem Grund. Eine Gesellschaft, in der jeder selbst dafür zuständig ist, seine Rechte zu verteidigen, kann nicht zur Ruhe kommen. Deshalb ist es heute eben anders als in Goethes Vorstellung, wo „Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen“, wenn Gefahr droht. Für den Schutz der Dämme haben wir die Bundespolizei.

    Wenn wir nun erkennen müssen, dass durch den Zustrom von Flüchtlingen auch viele Personen zu uns kommen, die unser liberales Weltbild nicht teilen, denen die Würde anderer Menschen gleichgültig ist, dann müssen wir zuallererst dafür sorgen, dass die Stabilität unseres Zusammenlebens nicht gefährdet wird. Und solange wir nicht wissen, wer unter den Ankömmlingen bereit ist, sich in unser Verständnis von Freiheit und Individualität einzuordnen und wer nicht, müssen wir Verfahren finden, die den notwendigen Schutz bieten, ohne unsere Freiheit einzuschränken. Ich hatte vorgestern ein solches Verfahren mit dem Begriff „Internierungslager“ belegt, um keine schönfärberische Verbrämung möglich zu machen. Ja, wir müssen wohl die Ankömmlinge zunächst isolieren, prüfen und auf unsere Welt vorbereiten, bevor wir sie, in kleinen Gruppen und dezentral, in unsere Gemeinschaft integrieren.

    Damit begraben wir nicht unsere liberalen Ideale – im Gegenteil, wir schützen sie nachhaltig. Wir sichern unsere Freiräume, unseren liberalen Umgang miteinander, unsere Möglichkeiten, uns frei zu bewegen, wie wir es wollen – ohne Angst vor Übergriffen. Wir tun das auch im Interesse der Flüchtlinge, die zu uns kommen, um an unseren liberalen Idealen teilzuhaben. Denn wir können diese Menschen nur integrieren, wenn wir keine Angst vor ihnen haben. Im Moment gibt es eine solche Angst, und die Ereignisse der Silvesternacht zeigen, dass sie berechtigt ist.

    Kontrolle ohne Abschottung

    Internierung ist gerade keine Abschottung, ist keine Zurückweisung von Menschen in Not. Es ist ein Verfahren, um diejenigen, denen wir von Herzen helfen wollen und die uns willkommen sind, von denen zu trennen, die unsere Werte verachten und unsere Gemeinschaft gefährden können. Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht wirklich wissen, wer da aus welchen Gründen zu uns kommt – und wir brauchen eine Sicherheit, dass wir uns auch die Friedfertigkeit und Loyalität der neuen Mitbürger halbwegs verlassen können.

    Natürlich bietet ein solches strenges Verfahren keine vollständige Sicherheit vor Gewalttätern und Feinden der freien Gesellschaft. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Integration derer gelingt, die den Prozess der Prüfung und Qualifikation erfolgreich durchlaufen haben. Und es wir auch eine gewisse abschreckende Wirkung auf jene haben, die sich gar nicht integrieren wollen.

    Wir benötigen diese Gewissheit auch, um denjenigen entgegentreten zu können, die alles Fremde hassen. Der liberalen Gesellschaft droht nicht nur Gefahr von den neu ankommenden Feinden der Freiheit, sondern weiterhin auch von denen, mit denen wir uns hierzulande schon lange herumplagen. Jede Straftat eines Asylbewerbers ist Wasser auf die Mühlen der rechten Fremdenhasser – und sie werden immer mehr Anhänger finden, wenn wir diese Straftaten nicht nachhaltig unterbinden können. Wenn wir Ereignisse, die den Bürgern Angst machen, herunterspielen als Taten einiger weniger Chaoten, dann hilft das nur diesen ebenso anti-liberalen Gruppen. Machen wir uns nichts vor: Wenn der Staat es nicht schafft, die Freiheit auf der Straße zu garantieren, dann wird die Straße von den Radikalen besetzt, und mit der Freiheit ist es schnell zu Ende.

    Es gibt sehr viele gute Menschen unter denen, die derzeit zu uns kommen wollen. Sie bilden die Mehrheit und sie werden unsere freiheitliche Gesellschaft noch bunter und reicher machen. Aber so paradox es klingt: Damit ihre Integration gelingt, müssen wir es ihnen schwer machen.

  • Köln: Das Fukushima der Flüchtlingspolitik

    Als vor fast fünf Jahren ein Erdbeben und ein Tsunami im japanischen Kernkraftwerk Fukushima eine Nuklearkatastrophe auslösten, kam es innerhalb von nur drei Tagen zu einem radikalen Kurswechsel in der deutschen Energiepolitik. Bis zum 11.03.2011 galt die Atomenergie als wichtiger Bestandteil der Energieversorgung in Deutschland – genehmigte Laufzeiten wurden sogar verlängert. Schon am 14.03.2011 jedoch war alles anders: 8 Kernkraftwerke wurden vorübergehend stillgelegt, für die gerade wenige Monate zuvor noch Laufzeitverlängerungen genehmigt worden waren, der Atomausstieg bis 2022 war drei Monate später beschlossene Sache. Eine politische Wende, die Anfang 2011 nicht denkbar gewesen war.

    Die Katastrophe von Köln

    Was in der Nacht vom 31.12. zum 01.01. in Köln geschehen ist, hat das Potenzial, zu einer ebenso radikalen Wende in der Flüchtlingspolitik zu führen. Es ist bedenklich, dass die Kanzlerin, die im März 2011 Sätze wie „Wir haben eine völlig neue Lage“ und „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“ sprach, nun schwer verständlich und umständlich darüber räsoniert, „ob wir, was Ausreisenotwendigkeiten anbelangt … schon alles getan haben, was notwendig ist, um hier auch klare Zeichen zu setzen an diejenigen, die nicht gewillt sind, unsere Rechtsordnung einzuhalten“.

    Es hilft in diesem Moment überhaupt nicht weiter, darauf hinzuweisen, dass die meisten Flüchtlinge keine Sexualstraftäter sind – in den meisten Kernkraftwerken finden auch keine ernsthaften Unfälle statt und trotzdem werden sie abgeschaltet. Ja natürlich, Menschen darf man nicht mit Maschinen vergleichen. Aber Köln zeigt, es ist mit der Einreise von hunderttausenden Flüchtlingen ein Risiko für die Stabilität und Zuverlässigkeit unserer sozialen Ordnung entstanden, das wir nicht hinnehmen können. Da hilft es weder, darauf hinzuweisen, dass die Gefahr nur von einem geringen Prozentsatz der Asylbewerber ausgeht, noch, darüber zu spekulieren, wie sich deutsche Männer in einer ähnlichen Situation verhalten würden.

    Kein „Plan B“

    Vielleicht ist Merkel deshalb derzeit viel zögerlicher als vor fünf Jahren mit der Energiewende, weil sie keine Alternative zu ihrer aktuellen Flüchtlingspolitik sieht. Und in der Tat: Migrationsbewegungen lassen sich nicht einfach abschalten wie Kraftwerke. Deshalb bleibt es auch dumm, über eine „Obergrenze für Flüchtlinge“ zu reden. Wie viele Flüchtlinge nach Deutschland unterwegs sind, entscheidet sich nicht in Deutschland, sondern in den Herkunftsländern. Mit dieser Zahl muss Deutschland umgehen, egal, ob die Menschen ins Land gelassen werden, oder ob man sie an den Grenzen zurückweist.

    Trotzdem gibt es Optionen für eine radikale Wende. Nennen wir sie beim Namen:

    Intervention und Internierung

    Wenn die Situation in einem Land dazu führt, dass hunderttausende seiner Bürger fliehen, dann hat das Land, in dem sie Zuflucht suchen, das Recht, in diesem Land politisch zu intervenieren. Das gilt für die Balkanstaaten genauso wie für die Bürgerkriegsländer Syrien und Afghanistan – auch wenn die Mittel der Intervention andere sein werden. Wir müssen bereit sein, die Regierungen der Heimatländer der Flüchtlinge so unter Druck zu setzen, dass in diesen Ländern die Fluchtgründe entfallen. Wir müssen die Kräfte unterstützen, die die politische Situation in diesen Ländern ändern wollen, damit die Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive sehen.

    Diejenigen hingegen, die sich weiterhin auf den Weg nach Europa, insbesondere nach Deutschland machen, müssen zwar versorgt werden, dürfen aber nicht sofort mit allen Freiheiten ausgestattet werden, die uns selbst so lieb und selbstverständlich sind. Die Katastrophe von Köln zeigt: Auch wenn es uns schwerfällt, wir können nicht jeden, der zu uns kommt, mit Taschengeld ausstatten und frei herumlaufen lassen. Auch wenn die meisten von ihnen keinem etwas zu leide tun würden: Das Risiko, das von den übrigen ausgeht, ist derzeit einfach zu groß. Also brauchen wie schnell effektive Einrichtungen, in denen die Ankommenden versorgt und untergebracht werden. Nennen wir diese Einrichtungen ruhig Internierungslager. In diesen Einrichtungen müssen die ankommenden Personen geprüft werden, und diejenigen, für die eine Integration in unsere Gesellschaft in Frage kommt, müssen dort geschult und vorbereitet werden, bevor sie in kleinen Gruppen dezentral in den Alltag unserer Gesellschaft eingeführt werden.

    Das wird teuer, und es bleibt eine Herausforderung mit vielen Unwägbarkeiten. Aber der Spagat zwischen humanitärer Flüchtlingshilfe und Sicherung unserer friedlichen Gesellschaft, die wir in Jahrzehnten aufgebaut haben, sollte es uns wert sein. „Wir können das schaffen, und wir schaffen das“ hat Angela Merkel gesagt. Wenn wir nach der Kölner Katastrophe Mut zum radikalen Umdenken haben, kann sie am Ende Recht behalten.